„Braucht nicht der Mond, damit sich sein Abbild im Dorfteich / fände, des fremden Gestirns große Erscheinung?“ – Rilkes Gedicht „Perlen entrollen”.

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Möglich, dass Perlen entrollen der Begegnung mit der berühmten Schauspielerin Eleonora Duse in Venedig zu verdanken ist, denn in jener Stadt, in der er sie traf, begann Rilke das Gedicht Anfang 1912 zu verfassen; vollendet hat er es allerdings erst zu Beginn seiner Spanienreise, die er Ende 1912 antrat und die ihn über Toledo, Cordoba und Sevilla am 9.12. nach Ronda führte, wo er das Gedicht abschloss.

Perlen entrollen. Weh, riss eine der Schnüre?
Aber was hülf es, reih ich sie wieder: du fehlst mir,
starke Schließe, die sie verhielte, Geliebte.

Gerade weil das Gedicht eine bestimmte Wendung nimmt, ist wichtig festzuhalten, dass das lyrische Ich innerhalb der ersten drei Zeilen dezidiert eine Geliebte anspricht. Sie hat eine große Bedeutung, denn welche Bedeutung man auch immer den Perlen, aufgereiht auf einer Kette, beimessen mag: Es ist die Geliebte, die sie zusammenschließt; sie ist die starke Schließe. – Und ist die Kette tatsächlich gerissen, mag es fast tragisch sein, wenn die Geliebte nicht zugegen ist.

Dieses Bild erinnert ein wenig an die kosmische Schlange Ouroboros, die sich selbst in den Schwanz beißt, also einen Kreis bildet. Wer dieses Symbol versteht, versteht den Sinn des Lebens. – Geöffnet, zwingt uns die Schlange in die Zeit. Deren Sinn eben verstehen wir nur, wenn wir wissen, dass sie ein geschlossener Ring sein oder sich bis zu einer Geraden hindehnen, hinglätten kann. Letzteres entspricht zuallermeist unserem Erleben.

War es nicht Zeit? Wie der Vormorgen den Aufgang,
wart ich dich an, blass von geleisteter Nacht;
wie ein volles Theater, bild ich ein großes Gesicht,
dass deines hohen mittleren Auftritts
nichts mir entginge. O wie ein Golf hofft ins Offne
und vom gestreckten Leuchtturm
scheinende Räume wirft; wie ein Flussbett der Wüste,
dass es vom reinen Gebirge bestürze, noch himmlisch, der Regen, –
wie der Gefangne, aufrecht, die Antwort des einen
Sternes ersehnt, herein in sein schuldloses Fenster;
wie einer die warmen
Krücken sich wegreißt, dass man sie hin an den Altar
hänge, und daliegt und ohne Wunder nicht aufkann:
siehe, so wälz ich, wenn du nicht kommst, mich zu Ende.

Dass das Gedicht mit der Begegnung der Duse zusammenhängen mag, legt auch nahe, dass der Dichter auf das Bild des Theaters zurückgreift und von einem hohen mittleren Auftritt spricht.

Zu jener Zeit, also 1912, hatte Eleonora Duse allerdings schon ihren für viele überraschenden Rücktritt verkündet; das war 1909 gewesen. Sie traf Rilke in einer Phase, die sie zu ihrer physischen und psychischen Erneuerung nutzen wollte.

Obige zweite Strophe, im Grunde der Mittelteil des Gedichtes, ist voller stilistischer Mittel, die die Eindringlichkeit einer Begegnung mit der Geliebten, die hier auch als Sonne erscheint, bewirken. Sechsfach finden sich Vergleiche, immer eingeleitet mit einem wie. Doch sind es nicht nur die Vergleiche, die berühren, sondern vor allem die Selbstdarstellung des Dichters, der sich als Vormorgen sieht, als ein Theater voller Erwartung, als ein Golf, als Flussbett, als Gefangener und als einer, der die warmen Krücken weg sich reißt, sich schonungslos hingibt, verletzlich, wissend, dass nur ein Wunder ihm aufhelfen kann.
Andernfalls bedeutet das Leben ein weiteres Wälzen dem Ende entgegen.

Dich nur begehr ich. Muss nicht die Spalte im Pflaster,
wenn sie, armselig, Grasdrang verspürt: muss sie den ganzen
Frühling nicht wollen? Siehe, den Frühling der Erde.
Braucht nicht der Mond, damit sich sein Abbild im Dorfteich
fände, des fremden Gestirns große Erscheinung? Wie kann
das Geringste geschehn, wenn nicht die Fülle der Zukunft,
alle vollzählige Zeit, sich uns entgegenbewegt?

Der Mond, eigentlich dem Weiblichen zugeordnet, steht hier für den Geliebten, und es ist die Sonne, die Geliebte, deren er bedarf. 

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In den Mythen repräsentieren die weiblichen Gestalten die Seele des Menschen, Goethe spricht nicht von ungefähr vom Ewig-Weiblichen. So gesehen ist das Bild des Mondes als der Seele des Geliebten ein durchaus angemessenes und nur aus männlicher und eben oft noch dominierender Weltsicht ungewöhnlich. Dass Rilke diese nicht teilt, verwundert nicht, war doch die Mond-Seite bei ihm ausgesprochen ausgeprägt.

Bemerkenswert ist, dass der Dichter auch das geringste Geschehen nur als möglich sieht, wenn aus der Ganzheit einer Zukunft, ihrer Fülle etwas sich auf uns zubewegt.

Bist du nicht endlich in ihr, Unsägliche? Noch eine Weile,
und ich besteh dich nicht mehr. Ich altere oder dahin
bin ich von Kindern verdrängt . . .

Überraschend, fast ein wenig erschreckend, dieser recht abrupte Abgesang, zumal dieses Bild, dass, als Alternative zum Altern es ein Von-Kindern-Verdrängtsein gibt, sehr ungewöhnlich ist. – Die Wortwahl der letzten Worte nimmt jede Hoffnung.

Die vorausgehende Frage mag man als eine an die Zukunft gerichtete sehen: Bist du, Zukunft, nicht endlich in der, in meiner Zeit?

Die Rechtschreibgestaltung verweist darauf, dass mit der Unsäglichen die Geliebte angesprochen sein muss, ansonsten, wenn sich Unsägliche auf die Zukunft bezöge, müsste das Wort als Adjektiv eigentlich kleingeschrieben sein. So aber ist Unsägliche ein Attribut der Geliebten, ja, mehr als das, des Geliebten dominierendes Empfinden.

Wie auch immer, des lyrischen Ichs Gegenwart scheint ohne Zukunft.
Dabei ist der Mensch doch wie eine Spalte im Pflaster, die eigentlich den ganzen Frühling will . . .

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Zum Abschluss noch einmal das Gedicht in Gänze:

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Perlen entrollen. Weh, riss eine der Schnüre?
Aber was hülf es, reih ich sie wieder: du fehlst mir,
starke Schließe, die sie verhielte, Geliebte.

War es nicht Zeit? Wie der Vormorgen den Aufgang,
wart ich dich an, blass von geleisteter Nacht;
wie ein volles Theater, bild ich ein großes Gesicht,
dass deines hohen mittleren Auftritts
nichts mir entginge. O wie ein Golf hofft ins Offne
und vom gestreckten Leuchtturm
scheinende Räume wirft; wie ein Flussbett der Wüste,
dass es vom reinen Gebirge bestürze, noch himmlisch, der Regen, –
wie der Gefangne, aufrecht, die Antwort des einen
Sternes ersehnt, herein in sein schuldloses Fenster;
wie einer die warmen
Krücken sich wegreißt, dass man sie hin an den Altar
hänge, und daliegt und ohne Wunder nicht aufkann:
siehe, so wälz ich, wenn du nicht kommst, mich zu Ende.

Dich nur begehr ich. Muss nicht die Spalte im Pflaster,
wenn sie, armselig, Grasdrang verspürt: muss sie den ganzen
Frühling nicht wollen? Siehe, den Frühling der Erde.
Braucht nicht der Mond, damit sich sein Abbild im Dorfteich
fände, des fremden Gestirns große Erscheinung? Wie kann
das Geringste geschehn, wenn nicht die Fülle der Zukunft,
alle vollzählige Zeit, sich uns entgegenbewegt?

Bist du nicht endlich in ihr, Unsägliche? Noch eine Weile,
und ich besteh dich nicht mehr. Ich altere oder dahin
bin ich von Kindern verdrängt . . .

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„Deutschlands Elend ist der Welt Ruin“ – das prophetische Lied der Linde.

meine blühende LIndeUm 1850 fand man am Weg zum Staffelberg beim oberfränkischen Bad Staffelstein im Stamm einer wohl über 1000 Jahre alten Linde ein prophetisches Lied, dessen Inhalt zu denken gibt, ja stellenweise erdrückend ist; der Schluss jedoch gibt Hoffnung. 1990 wurde die Linde gefällt. Doch ihr Lied, das ein uns Unbekannter aufzeichnete, lässt Menschen zunehmend aufhorchen.

Wer das Lied der Linde zunächst ohne Kommentar lesen möchte, kann dies hier tun. Am Ende des dort abgedruckten Liedes findet sich ein Link zurück hierher.

Die folgenden Anmerkungen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit und beinhalten meine subjektive Sicht. Gewiss lässt sich die ein oder andere Stelle auch anders sehen. Wer möchte, kann seine Sicht gern in einem Kommentar anmerken.

Hier nun der Beginn:

Alte Linde bei der heiligen Klamm,                                                               (1)
ehrfurchtsvoll betast´ich deinen Stamm,
Karl den Großen hast du schon gesehn,
wenn der Größte kommt, wirst du noch stehn.

Karl der Große wird mehrfach in dem Lied genannt. Die Linde lässt ihm besondere Ehre zuteil werden, legte er doch die Grundlage zur frühmittelalterlichen Christenheit Europas und mit ihm begann die Tradition des westlich mittelalterlichen Kaisertums; mit ihm ist ebenfalls verbunden eine Bildungsreform, die das Fundament eines aufblühenden Europa legte; Klöster wurden aufgefordert, Schulen einzurichten, auf die Bildung der Priester wurde geachtet, vorhandene Kloster- und Domschulen wurden reformiert, der Pflege der Sprache galt Karls Aufmerksamkeit.

Als er 800 in Rom zum Kaiser gekrönt wurde, stand die Linde sicherlich schon viele Jahre. Die Tatsache, dass sie sich auf diesen Kaiser bezieht und als Ersten namentlich benennt, zeigt, welche Bedeutung sie dem Reich, damals also  dem Frankenreich, sicherlich aber insgesamt der sich im Folgenden entwickelnden Deutschen Kultur beimisst; das wird später noch deutlicher. In Zeiten der Globalisierung und eines geplanten Staatenverbundes Europa stellt sie ohne nationalistisches Pathos den Wert einer nationalen Kultur heraus. Auch ein Paracelsus betonte ja die Bedeutung des Lokalen, des Regionalen; dessen Wertschätzung ist Voraussetzung, dass größere politische Gebilde von den Menschen akzeptiert werden. Daran genau krankt allerdings die EU: Ihre Repräsentanten setzen auf Macht und Masse und haben kein Bewusstsein für den Wert des Regionalen (trotz entsprechender Kommissionen). – Verschwiegen sein kann nicht, dass Karls des Großen Verhalten gegenüber den Sachsen gewiss stellenweise über die Grenzen der Akzeptanz von Gewalt ging. Die Integration dieses streitbaren, selbstbewussten Stammes ist allerdings auch Voraussetzung für die spätere Qualität unserer Kultur (auch wenn heute gern über die Sachsen und ihr Sächsisch  gewitzelt wird, sollte man das nicht vergessen! Berechtigterweise ist ihr Name in zwei Bundesländern enthalten).

Dreißig Ellen mißt dein grauer Saum                                                             (2)
aller deutschen Lande ält´ster Baum,
Kriege, Hunger schautest, Seuchennot,
neues Leben wieder, neuen Tod.

Die Linde überdauerte jahrhundertelang Leben und Tod der Menschen. In diesem Zusammenhang ist nicht uninteressant, dass das Symbol des Baumes für das Wesen des Menschen steht. In der germanischen Mythologie wird dieser  Baum Yggdrasil genannt, was Ich-Träger bedeutet; in der jüdischen Mystik spielt der Baum der Sephirot eine zentrale Rolle, um das Wesen des Menschen zu erfassen. Der gottgefällige Mensch wird in den Psalmen mit einem Baum verglichen.

Schon seit langer Zeit dein Stamm ist hohl,                                                  (3)
Roß und Reiter bergest du einst wohl,
bis die Kluft dir sacht mit milder Hand,
breiten Reif um deine Stirne wand.

Bild und Buch nicht schildern deine Kron´,                                                  (4)
alle Äste hast verloren schon.
Bis zum letzten Paar, das mächtig zweigt,
Blätter freudig in die Lüfte steigt.

Alte Linde, die du alles weißt,                                                                        (5)
teil uns gütig mit von deinem Geist,
send´ ins Werden deinen Seherblick,
künde Deutschlands und der Welt Geschick!

In alten Zeiten war man tatsächlich der Ansicht, dass Bäume über das Geschick von Menschen und Welten Auskunft geben können. Voraussetzung war nur, dass man ihre Stimme vernehmen konnte. Hier bittet der Verfasser die Linde, ihm die Zukunft vorauszusagen.

Großer Kaiser Karl, in Rom geweiht,                                                           (6)
Eckstein sollst du bleiben deutscher Zeit,
hundertsechzig, sieben Jahre Frist,
Deutschland bis ins Mark getroffen ist.

160×7=1120+800 (Kaiserkrönung Karls in Rom)  = 1920. In diesem Jahr ist in der Tat Deutschland bis ins Mark getroffen. Voraus ging 1918 der Thronverzicht des letzten Deutschen Kaisers Wilhelm II. Inflation und die Reparationszahlungen an die Siegermächte des 1. Weltkrieges im Rahmen des Versailler Vertrags treiben das Land fast in den Ruin, zwingen es aber auf der anderen Seite, alle verfügbaren Kräfte zu mobilisieren.

Fremden Völkern front dein Sohn als Knecht,                                             (7)
tut und läßt, was ihren Sklaven recht,
grausam hat zerrissen Feindeshand,
eines Blutes, einer Sprache Band.

Hier kann der nach Ende des 1. Weltkrieges per Vertrag untersagte Anschluss Österreichs an Deutschland gemeint sein, man könnte ebenso annehmen, dass  das Ende des 2. Weltkrieges und die Teilung Deutschlands angesprochen ist.

Zehre, Magen, zehr´vom deutschen Saft,                                                  (8)
bis mit einmal endet deine Kraft,
krankt das Herz, siecht ganzer Körper hin,
Deutschlands Elend ist der Welt Ruin.

In der Fabel vom Magen und den Gliedern  ist Ersterer als physische Zentrale angesprochen, die dem Körper Kräfte zuführt. Er und das Herz als Sitz des Mutes und der Liebe kennzeichnen die Deutsche Kultur, wobei diese Sicht in keiner Weise als nationalistisch angesehen werden darf. In ihrer Qualität ist sie einfach ein Vorbild für die ganze Welt (man denke an Wolfram von Eschenbachs wegweisenden Parzival, an Hildegard von Bingens gerade in den letzten Jahrzehnten wieder Einfluss nehmendes Wirken, an die Schriften eines Paracelsus und Jakob Böhme, an Fichte, Hegel, Goethe, Hölderlin und Schiller, an Dürer, Beethoven und Bach. – Es ist ein ganz spezifisches Elend des zeitgenössischen Deutschland, dass es seine eigene Kultur nicht mehr schätzt und nicht versteht, dass der Parzival ein Programm der Zukunft ist, dass Goethes Bewusstsein in seiner ganzen Tragweite noch nicht erkannt ist, weil die Menschen sich unter anderem des Ewig-Weiblichen, das heißt ihrer unsterblichen Seele noch nicht bewusst sind, und unter Bachs Werken allein seine Kantaten einen Schatz beinhalten, der die Zeiten überdauern wird. Dass die Menschen Deutschlands nicht mehr die Kraft haben, diesen Schatz hochzuhalten und niveaulose Theologen à la Gauck und eine auf eine unglaublich geschickte Weise alles nivellierende, nicht nur mental und emotional, sondern auch geistig farblose Frau namens „Angela“ Merkel in Deutschland Bundespräsident und Kanzler sein ließen und lassen, lässt den Ruin der gesamten Erde nur umso unaufhaltsamer vorwärtsschreiten. Ein Deutschland mit einer konsequenten politischen Ethik, die immer auch eine geistig-moralische Ethik ist, hätte das verhindern können. – Was die Interpretation der Strophe betrifft, kann man sie auf die Zeit zwischen den Weltkriegen bezogen sehen. Mir allerdings scheint, dass größere Zeitabschnitte angesprochen sind und sich Deutschlands Elend auf den Untergang von deren geistigem Gehalt bezieht, wie er in diesen Jahren bereits massiv stattfindet, wobei nicht wenige ahnen, dass ein Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht ist. Im Grunde ist unglaublich, mit welcher Geschwindkeit derzeit essentielle Werte verloren gehen.

Ernten schwinden, doch die Kriege nicht,                                            (9)
und der Bruder gegen Bruder ficht,
mit der Sens´und Schaufel sich bewehrt,
wenn verloren gingen Flint´und Schwert.

Die Linde malt ein Endzeitszenario, das, selbst wenn die martialischen Waffen  verloren gehen, indem sie z.B. von Siegermächten einem Volk abgenommen werden, dennoch die Menschen sich weiter vernichten , dann mit anderen Mitteln, mit Mitteln, die ihnen ursprünglich zum Lebenserhalt dienten. Der Mensch bekämpft den Menschen. Selbst in der eigenen Familie.  – Dass sich diese Strophe auf diese und zukünftige Jahrzehnte beziehen könnte, dafür spricht, dass wir die größten jemals vorhandenen Flüchtlingsströme weltweit haben, wobei die Menschen aufgrund von jenen ansgesprochenen Kriegen (wir denken u.a. an Korea und Vietnam, den Krieg in Afghanistan, gegen den Irak, denken an den schrecklichen IS und Syriens Schicksal, an die immer wieder auflodernden Brände in Afrika) ihre Heimat verlassen müssen.

Arme werden reich des Geldes rasch,                                                 (10)
doch der rasche Reichtum wird zu Asch´,
ärmer alle mit dem größ´ren Schatz,
minder Menschen, enger noch der Platz.

Findige Arme werden rasch reich werden können – und sei es durch den Bitcoin, durch Börsenspekulationen und Ähnliches; doch dieser Reichtum ist nicht von Dauer. Um jenen Schatz, auf den es ankommt, wissen die Menschen allerdings nicht mehr; sie verarmen innerlich, obwohl scheinbar reich. Trotzdem es – das trifft gerade auch auf Deutschland zu – immer weniger Menschen gibt, wird der zur Verfügung stehende Raum knapper und knapper. Das zeigt, wie sehr sich die Menschen auf eine falsche Weise ausdehnen.

Da die Herrscherthrone abgeschafft,                                                   (11)
wird das Herrschen Spiel und Leidenschaft,
bis der Tag kommt, wo sich glaubt verdammt,
wer berufen wird zu einem Amt.

Die Linde verbindet mit der Würde eines Kaisers, eines Königs dessen Verantwortung; der Thron in seiner architektonischen Symbolik weist auf sie hin. Ein Herrscher ist bezüglich seiner Macht und seines Vorbildes ein primus inter pares, der Erste unter Gleichen. Wenn allerdings Herrschaft und Verantwortung für Macht und Gewalt sich nicht mehr verbinden, dann wird das Herrschen zu verantwortungslosem Spiel und ist der Willkür und den Leidenschaftlichkeiten der politischen Kreaturen ausgeliefert. Die EU hat mit Jean-Claude Juncker beispielsweise einen Präsidenten, der das Vorgehen in Bezug auf Steuerhinterziehung gegen Einzelpersonen und Konzerne zwangsläufig ausbremst, weil er solches verantwortungslose Gebaren als Regierungschef von Luxemburg selbst in großem Stil gestattete, wenn nicht initiierte. – Es werden allerdings Zeiten kommen, wo Politiker die Übernahme eines Amtes als Verdammnis empfinden werden, so sehr wird Politik an Glaubwürdigkeit verlieren. Die politische Kultur unserer Zeit – da musste nicht erst ein Donald Trump auf der Bildfläche erscheinen, der die Lüge zur politischen Methode erhob – ist nicht mehr zu vergleichen mit der eines Karl des Großen, mit der eines Barbarossa, also Friedrich I., oder eines Friedrich II., dem großen Staufer. Nicht von ungefähr hat der Volksglaube in der Kyffhäusersage den Glauben an das Erwachen eines einstmals vorhandenen verantwortlichen politischen Bewusstseins bewahrt.

Bauer heuert bis zum Wendetag,                                                            (12)
all sein Müh´n ins Wasser nur ein Schlag,
Mahnwort fällt auf Wüstensand,
Hörer findet nur der Unverstand.

Mit heuern ist hier das Heumachen angesprochen. Der Bauer, dessen produktive Arbeit durch den allgemeinen Niedergang sich als nutzlos erweist, arbeitet bis zum bitteren Ende, das aber mit einem Neuanfang verbunden ist. Bis dahin regiert Unverstand die Welt; er ist es, auf den die Menschen hören.

Wer die meisten Sünden hat,                                                                   (13)
fühlt als Richter sich und höchster Rat.
Raucht das Blut, wird wilder nur das Tier,
Raub zur Arbeit wird und Mord zur Gier.

Die Perversion des Menschseins zeigt sich darin, dass Seelen, die am wenigsten inneren Halt haben, sich zum Richter und Ratgeber aufschwingen – und eben auch Gehör finden. – Ruhig Blut ist Voraussetzung, um mit den Anforderungen des Alltags angemessen umgehen zu können, sich seelisch weiterzuentwickeln. Wenn selbiges kocht, wenn es raucht, ist dies ein Zeichen für überbordende Leidenschaft; der Mensch reduziert sich zum Tier (nicht von ungefähr heben Philosophen wie ein Richard David Precht das Tier auf ein Podest, das es immer menschenähnlicher macht; die Konturen sollen möglichst verschwimmen; ein Precht, so intelligent er sein mag, ahnt nicht, in wessen Dienst er steht). Was den Menschen ausmacht, die Grenzen der Biologie, denen das Tier verhaftet ist, mit seinem Geist zu überwinden, wird hinfällig: er fällt der Triebnatur zum Opfer. – Der Wert der Arbeit degeneriert; die Arbeit dient nunmehr unter anderem dazu, andere zu berauben und Mord bleibt nicht mehr Ausnahme, sondern er ist des Menschen Ziel.

Rom zerhaut wie Vieh die Priesterschar,                                                (14)
schonet nicht den Greis im Silberhaar.
Über Leichen muß der Höchste fliehn,
und verfolgt von Ort zu Orte ziehn.

Mit Rom mag der katholische Klerus angesprochen sein, der Greis im Silberhaar lässt mich an Benedikt denken, der resigniert und entkräftet aufgeben musste, wenn er auch nicht auf die mafiösen vatikanischen Strukturen verwies. Mit dem Höchsten könnte nicht der irdisch Höchste, sondern Gott-Vater angesprochen sein, der, wie einst sein Sohn, keine Heimstatt auf der Erde mehr findet. – Wie im Buddhismus jeder Mensch zum Buddha werden soll, so sollte im Urchristentum jeder Mensch zum Priester werden, zu einer geweihten Seele. Gerade die Kirche hintertreibt dieses Ziel. Das wird im Übrigen ganz besonders deutlich an der Tatsache, dass die Evangelien sehr klar formulieren, dass Christen auf Vermögen und Geld keinen Wert legen bzw. sich nicht davon abhängig machen sollen, da ihre Wertanlagen anderer Natur sind. Allein die Katholische Kirche Deutschlands allerdings besitzt seit Jahrhunderten ein riesiges Vermögen, das sie nicht zugunsten von Benachteiligten auflöst. Derzeit beträgt es weit über 200 Milliarden und es nimmt zu, trotz der zahlreichen Kirchenaustritte. – Wie degeneriert die Kirche ist, wird angesichts der Tatsache besonders deutlich, dass so viele Menschen in großer Not über die Erde treiben – weit über 60 Millionen sind es derzeit – und die Armut ebenfalls in Deutschland, wenn auch von Angela Merkel seit 12 Jahren erfolgreich verheimlicht, zunimmt, während die Kirche im Sinne des perfekten Materialismus ihr Geld hortet. Es macht ihr offensichtlich nichts aus, in ihrem Verhalten sich gegen die Bibel zu stellen. Sie baut auf Geld, nicht auf jenen Felsen, von dem dort die Rede ist.

Die folgende Strophe ist mir ein Rätsel, weil >er< sich nur auf den Greis beziehen kann, wobei ja allerdings Benedikt Verzicht leistete (er muss allerdings auch nicht gemeint gewesen sein). Nur kann ich auch das Personalpronomen >es< nicht zuordnen , es sei denn, es bezieht sich auf  d a s Vieh. Für mich gehen das er und das es ziemlich durcheinander. Möglich ist durchaus , dass hier ein Übertragungsfehler vorliegt, davon abgesehen, dass auch der Aufzeichnende etwas falsch verstanden haben kann oder ich vielleicht Offensichtliches nicht sehe.

Gottverlassen scheint er, ist es nicht,                                                         (15)
felsenfest im Glauben, treu der Pflicht,
leistet auch in Not er nicht Verzicht,
bringt den Gottesstreit vors nah´Gericht.

Die folgenden drei Strophen sind insofern überraschend, als der Brunnenbauer und prophetische Seher Alois Irlmaier im Rahmen seiner Prophezeiung eines 3. Weltkriegs ebenfalls von einer dreitägigen Finsternis spricht, wenn er schreibt:

Die Lichter brennen nicht, außer Kerzenlicht, der Strom hört auf.
Wer den Staub einschnauft, kriegt einen Krampf und stirbt. Draußen geht der Staubtod um, es sterben sehr viel Menschen.
Dann geh nicht hinaus aus dem Haus!
Mach die Fenster nicht auf, macht während der 72 Stunden kein Fenster auf häng sie mit schwarzen Papier zu.
Laß die geweihte Kerze oder den Wachsstock brennen.
Alle offenen Wasser werden giftig und alle offenen Speisen, die nicht in verschlossenen Dosen sind. Auch keine Speisen in Gläsern, die halten es nicht ab.
Aber noch einmal sage ich es: Geh nicht hinaus, schau nicht beim Fenster hinaus,
Und betet.
Nach 72 Stunden ist alles wieder vorbei.

Winter kommt, drei Tage Finsternis,                                                            (16)
Blitz und Donner und der Erde Riß,
bet´ daheim, verlasse nicht das Haus!             
Auch am Fenster schaue nicht den Graus!

Eine Kerze gibt die ganze Zeit allein                                                      (17)
wofern sie brennen will, dir Schein.
Giftiger Odem dringt aus Staubesnacht,
schwarze Seuche, schlimmste Menschenschlacht.

Dazu heißt es in Matthäus 24: „es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere; und es werden Hungersnöte sein und Erdbeben hier und dort.“

Gleiches allen Erdgebor´nen droht,                                                             (18)
doch die Guten sterben sel´gen Tod.
Viel Getreue bleiben wunderbar,
frei von Atemkrampf und Pestgefahr.

Eine große Stadt der Schlamm verschlingt,                                              (19)
eine andre mit dem Feuer ringt.
Alle Städte werden totenstill,
auf dem Wiener Stephansplatz wächst Dill.

Es scheint, als ob ganz besonders die Stadt als Wohnform dem Untergang geweiht sei. Keine Frage ist, dass mit der Stadt eine Lebensqualität sich verbindet, die dem Wesen des Menschen und seiner Verbindung zu einem natürlichen Rhythmus des Lebens zuwiderläuft. Die meisten Menschen haben sich daran gewöhnt und akzeptieren, dass moderne Städte unendlich viel Strom verbrauchen und die Nacht zum Tag machen, dass, wer in ihren Zentren wohnt, zwangsläufig die Verbindung zum natürlichen Rhythmus des Lebens und der Natur verliert, dass in akzeptierten Bereichen menschliche Moral außer Kraft gesetzt wird und dass dies unter den sehenden Augen von uns und den gewählten Vertretern der Städte geschieht. – Die Linde sieht, dass in den Städten eine Stille, eine Grabesruhe eintreten wird. – Im Rahmen der Vorhersagen muss man berücksichtigen, dass sie ihre inneren Bilder widergibt, und das in notwendig kurzer und prägnanter Weise.

Zählst du alle Menschen auf der Welt,                                                       (20)
wirst du finden, dass ein Drittel fehlt.
Was noch übrig , schau in jedes Land,
hat zur Hälft´ verloren den Verstand.

Ob jene Voraussage identisch ist mit jener Zeit aus der Offenbarung des Johannes wage ich nicht zu sagen, es fällt nur auf, dass auch dort durchgängig vom dritten Teil die Rede ist:  > Und die sieben Engel mit den sieben Posaunen rüsteten sich zu blasen. Und der erste blies seine Posaune; und es kam Hagel und Feuer, mit Blut vermengt, und wurde auf die Erde geschleudert; und der dritte Teil der Erde verbrannte, und der dritte Teil der Bäume verbrannte, und alles grüne Gras verbrannte. Und der zweite Engel blies seine Posaune; und etwas wie ein großer Berg wurde lichterloh brennend ins Meer gestürzt, und der dritte Teil des Meeres wurde zu Blut, und der dritte Teil der lebendigen Geschöpfe im Meer starb, und der dritte Teil der Schiffe wurde vernichtet. Und der dritte Engel blies seine Posaune; und es fiel ein großer Stern vom Himmel, der brannte wie eine Fackel und fiel auf den dritten Teil der Wasserströme und auf die Wasserquellen.  <  –  Und in Kapitel 9 heißt es:  > Und der sechste Engel blies seine Posaune; und ich hörte eine Stimme aus den vier Ecken des goldenen Altars vor Gott; die sprach zu dem sechsten Engel, der die Posaune hatte: Lass los die vier Engel, die gebunden sind an dem großen Strom Euphrat. Und es wurden losgelassen die vier Engel, die bereit waren für die Stunde und den Tag und den Monat und das Jahr, zu töten den dritten Teil der Menschen.

Wie im Sturm ein steuerloses Schiff,                                                         (21)
preisgegeben einem jeden Riff,
schwankt herum der Eintags-Herrscher-Schwarm,
macht die Bürger ärmer noch als arm.

Die Wortwahl dieser Strophe erinnert an ein Sonett der großen Ricarda Huch, das angesichts obiger Voraussagen wie ein gnädiges Angebot wirken mag. Den Menschen aber, die diese Hilfe nicht annehmen, widerfährt genau das Gegenteil – wobei viele wohl vorab ihre wahre seelische Situation nicht wahrnehmen wollen.

Denn des Elends einz´ger Hoffnungsstern,                                           (22)
eines bess´ren Tags ist endlos fern.
„Heiland, sende, den Du senden musst!“,
tönt es angstvoll aus der Menschen Brust.

Die Zeit mag endlos erscheinen oder aber wirklich sich endlos dehnen. Jedenfalls erinnern die Worte an jene durchaus angsterregende Stelle aus dem Matthäus-Evangelium, die über eine schreckliche Zeit, wie sie noch nie da war und nie mehr kommen wird, spricht, von der es ebenfalls heißt, dass, wenn ihre Zeit nicht verkürzt würde, niemand gerettet würde.

Nimmt die Erde plötzlich andern Lauf,                                                (23)
steigt ein neuer Hoffnungsstern herauf?
Alles ist verloren!“ hier´s noch klingt,
Alles ist gerettet“, Wien schon singt.

Die Wisschenschaft lässt uns wissen, dass auf der Erde immer wieder Polsprünge stattfanden und ein nächster bevorsteht, von dem allerdings niemand genau sagen kann, wann er kommt. – Das könnte damit gemeint sein, dass die Erde einen anderen Lauf nimmt.

Ja, von Osten kommt der starke Held,                                                 (24)
Ordnung bringend der verwirrten Welt.
Weiße Blumen um das Herz des Herrn,
seinem Rufe folgt der Wack´re gern.

Putin wird es gewiss nicht sein, im Gegenteil. Vom Osten meint immer auch: vom Sonnenaufgang her. – Gewiss ist das Wappen des Retters, mögen es weiße Lilien oder weiße Rosen, um ein Herz angeordnet, sein, wunderschön.

Alle Störer er zu Paaren treibt,                                                              (25)
deutschem Reiches deutsches Recht er schreibt.
Bunter Fremdling, unwillkommner Gast,
flieh die Flur, die du gepflügt nicht hast.

Offensichtlich stellt der Held im Deutschen Reich das Recht wieder her. Dieses Recht, es ist das ehemals deutsche Recht, muss so wertvoll gewesen sein – unter anderem sein Verlust bedeutete ja Ruin -, dass es als Justitia wieder in Amt und Würden gesetzt wird. Diejenigen aber, die in unseren Breiten sich aufhielten, ohne eingeladen gewesen zu sein, wird geraten zu fliehen.

Gottes Held, ein unzertrennlich Band,                                               (26)
schmiedest du um alles deutsche Land.
Den Verbannten führest du nach Rom,
großer Kaiserweihe schaut ein Dom.

Das letzte Konzil, das 21. Konzil, von dem in der folgenden Strophe die Rede ist, kann  nicht gemeint sein, wenn das, was hier angesprochen ist, uns tatsächlich noch bevorsteht – und es ist unwahrscheinlich, dass obige Geschehnisse schon eingetreten sein sollen. Möglicherweise ist ja ein zukünftiges 22. Konzil gemeint. Bereits die im Rahmen der ersten Strophe angesprochene Voraussage, dass die Linde alles noch erlebt, war ja nicht zutreffend; auch hier mag der Aufzeichnende den Baum vielleicht nicht exakt genug verstanden haben.

Preis dem einundzwanzigsten Konzil,                                                (27)
das den Völkern weist ihr höchstes Ziel,
und durch strengen Lebenssatz verbürgt,
dass nun reich und arm sich nicht mehr würgt.

Deutscher Nam´, du littest schwer,                                                    (28)
wieder glänzt um dich die alte Ehr´,
wächst um den verschlung´nen Doppelast,
dessen Schatten sucht gar mancher Gast.

Gerade diese Strophe im Zusammenhang mit der 30., in der von einem engelgleichen Völkerhirten gesprochen wird, lässt vermuten, dass die Geschehnisse Vorab-Ankündigungen sind, denn dass Konrad Adenauer oder Helmut Kohl mit ihm gemeint sein könnten, das mag niemand im Ernst vermuten. Ob mit dem angesprochenen Doppelast Deutschen Namens ein wiedervereintes Deutschland-Österreich, auf das vielleicht oben Bezug genommen war, gemeint sein kann: Es scheint mir kaum vorstellbar, aber ausgeschlossen mag es nicht sein.

Dantes und Cervantes welscher Laut,                                                  (29)
schon dem deutschen Kinde ist vertraut,
und am Tiber wie am Ebrostrand,
liegt der braune Freund von Hermannsland.

Sowohl in Rom (Tiber) als auch in Saragossa (Ebro) finden wir Freunde Deutschlands. Eine zukünftige Verbundenheit der Menschen wird auch deutlich, weil welsche, also romanische Kulturgüter wie Dantes Göttliche Komödie  bzw. der Don Quichote auch in Deutschland gelesen werden.

Wenn der engelgleiche Völkerhirt´                                                     (30)
wie Antonius zum Wandrer wird,
den Verirrten barfuss Predigt hält,
neuer Frühling lacht der ganzen Welt.

Barfüßig predigend war der Heilige Antonius von Padua (~1195 – 1231) unterwegs. Eine Legende lässt uns wissen, dass zwar nicht die Bewohner von Rimini, dafür aber die Fische des Meeres, die dazu die Köpfe aus dem Wasser streckten, ihm so zuhörten wie dem Heiligen Franz von Assisi die Vögel. – Das Motiv der Barfüßigkeit kennen wir auch in Bezug auf Jesus. Gerade im Zusammenhang mit der kommenden Strophe macht das Sinn, denn Jesus, der ja wie niemand zuvor den Logos, den göttlichen Geist, Christus, den Sohn, in seinen Körper und seine Seele aufnehmen konnte – die Taufe durch Johannes den Täufer  berichtet davon – und dadurch mit der Erde verband, dieser Jesus also repräsentiert ja in Wirklichkeit als Christus keine Religion, sondern ein allumfassendes überkonfessionelles Bewusstsein. Wenn dieses sich durchsetzt, ist die Rolle der Kirchen Geschichte. Möglicherweise bleiben sie ja noch, aber mit der gebotenen Demut derer, denen einstmals ihre religiöse, ja oft auch politische Macht wichtiger war als die Verehrung Gottes.

Alle Kirchen einig und vereint,                                                          (31)
einer Herde einz´ger Hirt´erscheint.
Halbmond mählich weicht dem Kreuze ganz,
schwarzes Land erstrahlt im Glaubensglanz.

Religionen haben keine Bedeutung mehr; es zählt das Christusbewusstsein als höchste Stufe seelischer Entwicklung. Der eklatante Unterschied des Christentums zum Islam, dass nämlich Letzterer keinen Sohn kennt – Allah stellt im Koran unter Strafe, ihm einen Sohn unterstellen zu wollen – und damit nicht den weltumfassenden Logos des Sohnes, hat zur Folge, dass dieses starre Vaterprinzip weichen muss.

Reiche Ernten schau´ ich jedes Jahr,                                                (32)
weiser Männer eine große Schar.
Seuch´ und Kriegen ist die Welt entrückt,
wer die Zeit erlebt, ist hochbeglückt.

Es gibt weise Männer. Wie vermissen wir sie aktuell, vor allem in der Politik, aber auch weitgehend in einer Kultur, die meint, die dunklen Winkel aller Torheiten ausleben zu müssen!

Dieses kündet deutschem Mann und Kind,                                    (33)
leidend mit dem Land die alte Lind´,
dass der Hochmut mach´ das Maß nicht voll,
der Gerechte nicht verzweifeln soll!

Mutig müssen wir Menschen bleiben, andernfalls ist keine Rettung möglich, weil ansonsten der Hochmut siegen würde. Die alte Linde versichert uns, dass sie mit unserem Land mitleidet. Vielleicht ist es kein Zufall, dass sie 1990 sterben musste, denn der Tod ist ja auch in der christlichen Religion das höchste Opfer Gottes und damit das größte Liebesgeschehen.

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Liebe Leserin, lieber Leser,

der Sinn einer solchen Lektüre und der Auseinandersetzung mit ihren Inhalten besteht für mich nicht in dem Anspruch zu glauben, man könne die ganze Wahrheit finden oder darin, beweisen zu wollen, wie recht jener Mensch hatte, der Obiges aufschrieb. Dass viel Wahrheit in seinen Versen enthalten ist, sagt mir mein Gefühl, wenn ich auch finde, dass doch einiges sich nicht schlüssig ergibt. Doch die Weise der Formulierungen, die Diktion der Sätze vermitteln mir, dass hier niemand ein eingebildetes esoterisches Spielchen mit seinen Lesern treibt, wie es heute im Netz, im Fernsehen (Astro TV), in Webinaren und Büchern (Zero limits) der Fall ist, ja, wenn erfundene Channelings als Verkündigungen der Geistigen Welt ausgegeben werden, was sogar stimmen mag, denn die dunklen Kräfte stammen eben auch daher, sind geistiger Natur – vor deren Ausgestaltung man sich allerdings nur schützen mag.

Die Aussagen der Linde sind für mich authentisch, wobei ich das niemandem beweisen kann und will; ich vermittle meine Gedanken und was ich recherchiert habe.

Auf der ein oder anderen Web-Site, die Bezug nimmt auf das Lied der Linde wird davon gesprochen, dass hier ein Seher sich outet, der sich selbst als Linde bezeichnet. Ich persönlich glaube, dass sich der wahre Geist auf vielen Wegen und auf viele Weisen äußern kann, über einen Dornbusch wie weiland bei Mose, über Wolken, die das Volk Israel führten, in Märchen, über Bäume und auf Weisen, die wir vielleicht noch gar nicht kennen. Von daher fällt es mir nicht schwer anzunehmen, dass hier jemand in der Tat die Botschaft eines uralten Baumes empfangen hat. Sie erinnert uns daran, dass wir nicht nur Individuen sind, sondern mit unseren Mitmenschen in einem Boot sitzen. Unsere Nächsten, unsere Mitmenschen, das sind tatsächlich immer auch wir.

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Verbunden mit dem Faden Ariadnes: Hölderlins „An die Unerkannte”

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An die Unerkannte

Kennst du sie, die selig, wie die Sterne,
Von des Lebens dunkler Woge ferne
Wandellos in stiller Schöne lebt,
Die des Herzens löwenkühne Siege,
Des Gedankens fesselfreie Flüge
Wie der Tag den Adler, überschwebt?

Man stelle sich zunächst bitte vor: Zwei recht bekannte Schriftsteller des 19. Jahrhunderts, Gustav Schwab und Ludwig Uhland, ließen An die Unerkannte aus der von ihnen herausgegebenen ersten Sammlung von Hölderlin-Gedichten weg, weil sie glaubten, das Gedicht, vermutlich 1796 geschrieben, sei Zeichen der damals wohl schon beginnenden Geisteskrankheit Hölderlins gewesen.

Das ist in zweifacher Hinsicht erstaunlich, zum einen, weil der Inhalt des Gedichtes so überzeugend eine zentrale Wahrheit unseres Lebens benennt, zum anderen, weil auch auf dem Hintergrund von Hölderlins Biographie diese Sicht nicht wirklich nachvollziehbar ist:

Ziemlich genau in der Mitte des Lebens – Hölderlin wurde 1770 geboren und starb 1843 – wendet sich sein Lebensblatt: Etwas, was wir Menschen Geisteskrankheit nennen, inneres Zerrüttetsein, bahnt sich den Weg in Hölderlins Wirklichkeit. Das hängt gewiss zusammen mit dem Verlust seiner unsterblichen Liebe, die er Diotima nannte, ein Name, der mit jener Griechin verbunden ist, die Sokrates den Weg zur Liebe wies. Hölderlins Diotima ist Susette Contard, die Frau eines sehr erfolgreichen Frankfurter Bankiers. In dessen Familie wird der studierte Theologe, der alles andere als Pfarrer werden wollte, 1796 Hofmeister, hätte aber wohl nicht lange durchgehalten, hätte es SIE nicht gegeben. Allerdings schaut sich der Ehemann die Beziehung der beiden nicht zu lange an, immerhin tratscht man in Frankfurt schon. Es kommt zum Eklat zwischen den Männern. Hölderlin zieht zu einem Freund nach Bad Homburg und läuft zwei Jahre lang einmal im Monat – immer am ersten Donnerstag, so verabredeten es die beiden – die wohl annähernd 30 Kilometer nach Frankfurt. Dort um 10 Uhr trafen sich Susette und Holder, wie er manchmal genannt wurde, wenn auch nur kurz, manchmal fast nur für Augen-Blicke. Dann lief Hölderlin wieder zurück.

Wer mag, gehe einmal den auf 22 Kilometer angelegten Hölderlin-Pfad, der zu seinen und zur Ehre dieser großen Liebe von Frankfurt nach Bad Homburg 2008 verwirklicht worden ist.

Hölderlin muss diese Strecke oft gegangen sein. 1800 sieht er seine Diotima zum letzten Mal. Beide ringen sich zu einem endgültigen Abschied durch und ihre Briefe, die sich um diese Entscheidung ranken, sind erschütternd. Wie sehr hat jene Volkslied-Strophe für diese große Liebe Recht:

Es waren zwei Königskinder
die hatten einander so lieb,
sie konnten zusammen nicht kommen,
das Wasser war viel zu tief

Für Hölderlin folgen ein Aufenthalt in der Schweiz und dann in Bordeaux. Es ist nicht sicher, ob er dort von der Krankheit seiner Susette schon gehört hat. Jedenfalls ist er sehr eilig Richtung Heimat unterwegs und überquert in völlig verwirrtem und aufgelöstem Zustand den Rhein; die Freunde erkennen ihn kaum wieder. Nach dem Tod Susettes, sie stirbt 1802 an Röteln oder Schwindsucht – ganz klar ist das nicht, vor allem aber stirbt sie für mich wohl auch, weil ihr Hölderlin ihr fehlte – geht es mit jenem nur noch eine Weile gut; er stürzt sich in Arbeit, aber sein Zustand verschlechtert sich. 1806 wird er zwangsweise in das Tübinger Universitätsklinikum eingewiesen und schlussendlich 1807 als unheilbar entlassen. Er findet eine liebevolle Aufnahme bei dem Tübinger Tischler Zimmer, einem Bewunderer seines Dichtens. Bis zu seinem Ende hin lebt er in dessen Turm. Diese letzte Bleibe kennt man heute als Hölderlin-Turm und in seiner gelben Farbe ist er von Tübingens Eberhardsbrücke nicht zu übersehen, fast ein Mahnmal, einen der Größten der deutschen Kultur und seine Botschaften, wie sie zum Beispiel in der Friedensfeier zum Ausdruck kommen, nicht zu vergessen.

In dieser seiner zweiten Lebenshälfte schreibt Hölderlin nur sehr wenig.
Erst seit einigen Jahrzehnten nimmt man die wenigen Gedichte der zweiten Lebenshälfte, die er meistens mit Scardanelli unterschrieb, ernstzunehmen.

Wer aber war und ist jene Unerkannte, von der es in der vierten Strophe – das ganze Gedicht ist hier verlinkt  und findet sich ebenfalls am Ende dieses Beitrags – heißt:

Die, wenn uns des Lebens Leere tötet,
Magisch uns die welken Schläfe rötet,
Uns mit Hoffnungen das Herz verjüngt,
Die den Dulder, den der Sturm zertrümmert,
Den sein fernes Ithaka bekümmert,
In Alcinous Gefilde bringt?

Wunderschön, wie Hölderlin in der ersten Strophe von des Herzens löwenkühnen Siegen schreibt und von ihr, die er in kosmische Dimensionen rückt, wenn er sie mit Sternen vergleicht und sie überzeitlich ewig sein lässt, von ihrem wandellosen Sein sprechend.

Und ebenfalls berührend, verweist er, wie bereits erwähnt auf Odysseus Bezug nehmend, darauf, wie sie dem, der schon fast aufgegeben hat, zurück in die Heimat zu helfen vermag.
Odysseus gehört ja zu den großen griechischen Helden, deren Weg zurück in die Heimat, wie er von Homer in der Odyssee geschildert ist, einem beispielhaften Weg der Prüfungen gleicht, man denke nur an die Circe–  und die Sirenen-Prüfung oder die unerlässlichen Erfahrungen mit Scylla und Charybde.

Es kommt vor, dass wir Menschen uns fast aufgegeben haben, doch dann gibt es EINE, eine unerkannte Kraft, die uns nicht fallen lässt: Es ist jene Kraft, die am Schluss des Faust II von dem Chorus mysticus so unvergesslich angesprochen ist:

Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.

Wer die nordische Mythologie und die Eddha ein wenig kennt, wird sich vielleicht an die nordischen Walküren erinnern, jene Göttinnen, deren Aufgabe es unter anderem war, einen Helden, wenn er starb, von seinem Harnisch, seiner Rüstung zu befreien und nach Walhall zu holen.

Wir denken auch an Siegfried, der sich in der Eddha von seiner Walküre verabschiedet, um noch einmal eine Reise zu tun, doch endet sie tödlich und hat grässliche Folgen.

Im deutschen Nibelungenlied ist nicht klar, dass jene Brunhilde, die Siegfried für den Burgundenkönig Gunter auf Island erobert, damit sie dessen Frau werde, im Grunde seine, Siegfrieds Frau ist. Das verschweigen das mittelhochdeutsche Nibelungenlied und sein Verfasser, vermutlich ein bayrischer Kleriker aus der Nähe Passaus.

Siegfried erkannte seine eigene große Liebe Brunhilde nicht, weil die Mutter Kriemhilds wollte, dass dieser große Held ihre Tochter heirate; deshalb hatte sie ihm vor Beginn der Reise nach Island einen Vergessenstrank gegeben. Sie entspricht damit der Stiefmutter bzw. der dunklen Königin in den Grimm-Märchen.

So blieb Brunhilde, die Siegfried doch eigentlich tief innig kannte, für ihn die Unerkannte. Wie sehr beide aber einander gehören, zeigt sich auch im mittelhochdeutschen Nibelungenlied daran, dass beide im Grunde gleich stark waren – erinnert sei an jenen nächtlichen Kampf in Brunhildes Schlafgemach, als Siegfried nur mit Müh und Not Brunhilde ihren Gürtel abnehmen konnte. Für den Burgundenkönig Gunter, für den Siegfried Brunhilde zur Braut holte, war diese zu stark. Sie wusste auch, dass sie eigentlich zu Siegfried gehört. Nur Siegfried erkannte sie nicht mehr.

Die letzten beiden Strophen des Gedichtes An die Unerkannte lauten im Übrigen:

Die der Kindheit Wiederkehr beschleunigt,
Die den Halbgott, unsern Geist, vereinigt
Mit den Göttern, die er kühn verstößt,
Die des Schicksals ehrne Schlüsse mildert,
Und im Kampfe, wenn das Herz verwildert,
Uns besänftigend den Harnisch löst?

Die das Eine, das im Raum der Sterne,
Das du suchst in aller Zeiten Ferne
Unter Stürmen, auf verwegner Fahrt,
Das kein sterblicher Verstand ersonnen,
Keine, keine Tugend noch gewonnen,
Die des Friedens goldne Frucht bewahrt?

Platon weiß im Rahmen seines Timaios-Dialogs zu vermelden, dass im zeitlos Ewigen alle Urbilder bewahrt sind. Zu diesen Urbildern zählt gewiss auch das Urbild unserer Seele. Das Ebenbild Gottes, von dem das Alte Testament spricht.

Mancher mag sich gefragt haben, warum es in der Bibel kein Mutter unser gibt, allein ein Vater unser, einen Sohn und – zur Trintität gehörend – einen Heligen Geist, aber, wie gesagt, keine Mutter.
Des Rätsels Lösung ist, dass mit dem Mütterlichen Bezug auf das Urbild der menschliche Seele genommen wird; im Rahmen der Psychologie, vor allem der analytischen C.G. Jungs, wird das Weibliche, das Ewig-Weibliche als Archetypus der Großen Mutter bezeichnet; beeindruckend in diesem Zusammenhang das Werk des leider so früh verstorbenen Erich Neumann, der in Die Große Mutter aufzuzeigen wusste, wie das Bewusstsein um das Ewig-Weibliche, um die Urmutter, seit mehr als 5000 Jahren, anfänglich vor allem in Bildern, Plastiken oder Skulpturen, die Geschichte der Menschheit durchzieht.

In diesem Zusammenhang sind auch jene zehn Jungfrauen zu sehen, die auf den Bräutigam warten; mit ihnen sind im biblischen Gleichnis die Seelen der Menschen angesprochen.

In der christlichen Esoterik werden sie auch als Jungfrau Sophia bezeichnet, nicht zu verwechseln mit der Sophia der Gnosis, die die makrokosmische Weiblichkeit Gottes darstellen soll. Ich erwähne das hier nur, um dem, der auf diesem Gebiet noch nicht unterwegs war, einen gewissen Überblick zu geben.

Für uns und unseren Kulturraum aufschlussreicher ist die Tatsache, dass Dichter zwar um diesen Hintergrund oft nicht bewusst gewusst haben mögen, aber diese Unerkannte immer wieder in ihren Werken auferstehen ließen; dann entspricht sie oft einer konkreten Person, aber die Umstände und die Symbolik, im Rahmen deren auf sie hingewiesen wird, lässt deutlich werden: hier trifft eine suchende Seele auf ihre einzig-wahre, große Liebe, für die jener Satz aus dem zehnten Kapitel des Markus-Evangeliums zutrifft: Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden!

Spürbar und offensichtlich gültig ist dies für Dantes Beatrice, die im dritten Teil der Divina Comedia die Aufgabe Vergils übernimmt (der trotz seiner geistigen Größe das Folgende nicht mehr zu leisten vermag) und Dante in und durch die neun Ebenen des Himmels führt. Es gilt für Mathilde, deren Bild Heinrich in der Blauen Blume sieht, über die Novalis in seinem Heinrich von Ofterdingen schreibt und die neben dem Gral das bedeutendste seelische Symbol der deutschen Literatur darstellt. Es gilt für die Serpentina und ihren Anselmus in Hofmannsthals Goldenem Topf, für die Begegnung des Bahnhofsvorstandes Hudetz mit der verstorbenen Anna in Horvaths Jüngstem Tag, für die schöne Lilie und ihren Jüngling in Goethes Märchen, für die Begegnung der Mondenfrau, Prinzessin Momo, mit Prinz Girolamo in Michael Endes wunderbarem Märchen vom Zauberspiegel und natürlich auch für Condwiramur – übersetzt: die zur Liebe führt -, Parzivals Gralskönigin, die nicht von ungefähr dem Gralskönig nur durch den Gral vermittelt werden kann.

Wohl darum wissend und sich all dessen bewusst hat Goethe in seiner Marienbader Elegie  formuliert:

Wir nennens fromm sein
solcher selgen Höhe
fühl ich mich teilhaft,
wenn ich vor ihr stehe.

Es gibt in der Mythologie ein sehr frühes Bild, das die Bedeutung des Weiblichen vermittelt, jener Macht, die allein jenen Teil von uns, der unterwegs ist, ob wir nun Mann oder Frau sind, retten kann, und das ist das Bild des Fadens, den Ariadne ihrem Theseus mitgibt, damit er aus dem Labyrinth wieder herausfinde, falls es ihm gelingen sollte, den Minotaurus, der in dessen Innerstem haust, zu besiegen.

Der kretische Mythos um Minos, in den der des Dädalus sowie des Theseus einverwoben sind, ist sehr vielschichtig und spiegelt das Bewusstsein der Menschheit zu jener Zeit. Der Urvater Minos gilt als der Schöpfer geistvoller Gesetze, der durch sie eine vorbildliche Ordnung in das Leben der Menschen brachte. Einem seiner Nachfolger, ebenfalls Minos genannt, verdanken wir den Auftrag an Dädalos zum Bau einer Anlage, die den Minotauros aufbewahren solle, jenes grässliche Doppelwesen, halb Stier, halb Mensch, dem alle neun Jahre sieben athenische Jünglinge und Jungfrauen zum Fraß vorgeworfen werden mussten – wie es zu dessen Existenz kam, würde hier zu weit führen.

Dädalos, der fast göttergleiche Handwerker und Künstler zugleich – damals war das eine mit dem anderen untrennbar verbunden – schuf hierfür das Labyrinth, in dessen Innerstem dieser Minotauros lebte, bis Theseus, der große Grieche, der die Athener von so manchem Übel befreite, auch den Minotaurus beseitigte.

Dem symbolischen Gehalt des Labyrinths werden unterschiedliche Bedeutungen zugemessen. Mir ist die eine wichtig:

Mit seinen Windungen und verschlungenen Gängen, denen ihr Erschaffer selbst fast zum Opfer gefallen wäre, entspricht es den Windungen des menschlichen Gehirns. In seiner unüberbietbaren Ordnung entstammt es jener Zeit, die der Ordnung auch des menschlichen Denkens zum Fundament wurde. Das schöpferische und doch so geordnete Gestalten des Dädalos steht dafür. Doch ist seine Existenz voller Tücken und beides, seinen denkerisch-geistigen Gehalt und das Gefährliche seiner Existenz hat Umberto Eco in Der Name der Rose in der Existenz jener als Labyrinth angelegten Klosterbibliothek gestaltet, über die Abt Abbo zu William von Baskerville sagt:

´Unergründlich wie die Wahrheit, die sie beherbergt, trügerisch wie die Lügen, die sie hütet, ist sie ein geistiges Labyrinth und zugleich ein irdisches. Kämt Ihr hinein, Ihr kämt nicht wieder heraus. ´

Damit thematisiert der Abt die Gefahr des Denkens und des Wissens. Beides kann uns zum unentrinnbaren Labyrinth werden, in dem wir uns heillos verlaufen.

In Zeiten, in denen die Menschen den Wert des Gefühls, der emotionalen Intelligenz und der Empathie entdeckten, ist die hohe Kunst und der Wert des Denkens bisweilen in Vergessenheit geraten. Doch wir benötigen seiner, wollen wir unsere Erlebnisse und Erfahrungen nutzen, um uns seelisch weiterzuentwickeln Dem heutigen Bewusstsein genügt eine Spiritualität à la Ho’oponopono, in deren Rahmen mit Hilfe von vier Sätzen Menschen geheilt werden, nicht mehr, auch wenn sie, abstrakt gesehen, gut klingen mögen. Man kann glauben machen, vier Sätze seien das Allheilmittel, vor allem aber verdient ein Joe Vitale damit Millionen, definitiv ist es für mich ein Betrug an der menschlichen Seele des 21. Jahrhunderts, die des Bewusstseins zu ihrer Entwicklung bedarf.

In all seinem Streben ist der Mensch des 21. Jahrhunderts darauf angelegt, Bewusstsein zu schaffen, ein Bewusstsein, in dessen Rahmen sich Wissenschaft und Glaube verbinden und nicht mehr erfolgreich als die großen Antipoden der Menschheit hingestellt werden können. Ich habe in meinem letzten Post zur Friedensfeier darauf hingewiesen, dass u.a. Genetik und Quantenforschung deutlich werden lassen, wie unglaublich kunstvoll der Mikrokosmos Mensch und der ihm entsprechende Makrokosmos angelegt sind. Wir glauben nicht nur einfach an das Wunder der Schöpfung, sondern wir erkennen sie forschend und denkend zunehmend bewusst. Wissenschaft verbindet sich mit Schöpfungsglauben und lässt uns mehr und mehr erkennen, wie gewaltig und wunderbar die Schöpfung Mensch ist, die mehr und mehr die Tiefen des eigenen Seins erkennt.

Das menschliche Bewusstsein wird aber nicht nur die moderne Wissenschaft zu ihrem Verbündeten machen, sondern, das ist meine Überzeugung, mit der Zeit wiedererkennen, wie wertvoll die Mythen sind, in denen Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges festgehalten ist, Der Mythos um Minos gehört hierzu. Er sagt uns, dass der Mensch sich in den Tiefen des Labyrinths verlieren, dass er nicht nur ganz innen umkommen kann, wenn er die Begegnung mit dem Minotaurus nicht überlebt und womöglich selbst zu ihm wird, sondern schon auf dem Weg dahin kläglich verhungern und verdursten kann. Was er in jedem Fall benötigt, ist den Faden der Ariadne, der ihn auch in den Tiefen des Labyrinths mit einem liebenden Wesen, mit der Liebe verbunden sein lässt.

Das Labyrinth ist das eigentliche Gedankengebäude und es kann zur Todesfalle werden oder einen erfolgreichen Helden aus sich in die Arme der Liebe entlassen, für die im vorchristlichen Mythos Ariadne und späterhin eine andere Gestalt steht, nach der Hölderlin fragt.

Noch erleben wir, wie Menschen Denken absolut setzen, weil ihnen die Weiblichkeit der Unerkannten fehlt. Nur aber mit Ariadne wird Leben zu einem Kunstwerk, ohne bleibt es, so sehr auch Wortgirlanden und Gedankenkonstrukte blenden wollen, ein Machwerk.

Ricarda Huch hat unvergessene Worte gefunden, worauf es für Gehirn und Denken ankommt:

Manche Menschen scheinen allwissend zur Welt zu kommen und sind mit fünfzig Jahren kaum reifer als mit fünfzehn; sie haben einen vollen Speicher in ihrem Gehirn, aber er belastet sie mehr, als daß sie ihn nützen könnten. Die Bausteine sind da, aber die Melodie der Seele nicht, die sie zusammenzauberte. Je müder das Herz wird, desto frostiger raschelt der Gehirnstrohsack; man fühlt, daß da kein Wort hilft, sondern nur das Zuströmen frischen, feurigen Blutes. (…) Sobald der Kopf das Herz verdrängen und ersetzen will, ist der Mensch dem Tode geweiht, wird er aus einem lebendigen Organismus zu einem Automaten.
(…) Wenn Goethe sagt: „Große Gedanken und ein reines Herz, das ist´s, was wir uns von Gott erbitten sollten“, so meint er sicherlich eben solche Gedanken, die aus dem Herzen kommen, Ideen oder Urbilder, göttliche, nicht Menschengedanken.
(…) Rhythmus ist nämlich nichts anderes als Herzschlag, und der mangelnde oder vorhandene Herzschlag ist ein Prüfstein, um Machwerk und Kunstwerk zu unterscheiden.

Das ist, in den Worten dieser großen Frau, das, was der Mythos mit der Beziehung zwischen dem, der sich im Labyrinth befindet, und dem Faden der Ariadne meint; über jenen kommt das freurige Blut, von dem Ricarda Huch spricht.

Im Folgenden finden Sie die sieben wohl Anfang 1796 entstandenen und meines Wissens erst 1896 veröffentlichten Strophen des Hölderlin-Gedichtes in Gänze und anschließend noch ein kleiner Nachtrag:

An die Unerkannte

Kennst du sie, die selig, wie die Sterne,
Von des Lebens dunkler Woge ferne
Wandellos in stiller Schöne lebt,
Die des Herzens löwenkühne Siege,
Des Gedankens fesselfreie Flüge,
Wie der Tag den Adler, überschwebt?

Die uns trifft mit ihren Mittagsstrahlen,
Uns entflammt mit ihren Idealen,
Wie vom Himmel, uns Gebote schickt,
Die die Weisen nach dem Wege fragen,
Stumm und ernst, wie von dem Sturm verschlagen
Nach dem Orient der Schiffer blickt?

Die das Beste gibt aus schöner Fülle,
Wenn aus ihr die Riesenkraft der Wille
Und der Geist sein stilles Urteil nimmt,
Die dem Lebensliede seine Weise,
Die das Maß der Ruhe, wie dem Fleiße
Durch den Mittler, unsern Geist, bestimmt?

Die, wenn uns des Lebens Leere tötet,
Magisch uns die welken Schläfe rötet,
Uns mit Hoffnungen das Herz verjüngt,
Die den Dulder, den der Sturm zertrümmert,
Den sein fernes Ithaka bekümmert,
In Alcinous Gefilde bringt?

Kennst du sie, die uns mit Lorbeerkronen,
Mit der Freude beßrer Regionen,
Ehe wir zu Grabe gehn, vergilt,
Die der Liebe göttlichstes Verlangen,
Die das Schönste, was wir angefangen,
Mühelos im Augenblick erfüllt?

Die der Kindheit Wiederkehr beschleunigt,
Die den Halbgott, unsern Geist, vereinigt
Mit den Göttern, die er kühn verstößt,
Die des Schicksals ehrne Schlüsse mildert,
Und im Kampfe, wenn das Herz verwildert,
Uns besänftigend den Harnisch löst?

Die das Eine, das im Raum der Sterne,
Das du suchst in aller Zeiten Ferne
Unter Stürmen, auf verwegner Fahrt,
Das kein sterblicher Verstand ersonnen,
Keine, keine Tugend noch gewonnen,
Die des Friedens goldne Frucht bewahrt?

Ein von mir sehr geschätzter Germanist und ausgewiesener Hölderlin-Kenner, Jochen Schmidt, wies in seinen Hölderlin-Kommentaren darauf hin, dass, wer mit der Unerkannten gemeint sei, von den Erklärern verschieden beantwortet worden sei; er führt die Poesie, die Seele der Natur oder auch die ästhetische Natur der Schönheit an und kommt selbst zu dem Ergebnis: Es ist wirklich die im vorigen Gedicht  wehmütig angerufene, als verloren beklagte Seele der Natur, deren heilende Macht der Dichter, selbst schiffbrüchig geworden wie Odysseus (4. Strophe), nun wiederzuerkennen beginnt.
Mit dieser Sicht allerdings greift er, der Hölderlin so oft so gut verstand, – für mich erstaunlich – viel zu kurz und ich hoffe, Sie, liebe Leserin, lieber Leser konnten nachvollziehen, warum ich das so sehe.

KENNST DU SIE?

Das ist die Frage des jungen Hölderlin an uns, ja, an sich selbst, und beantwortet hat er die Frage nach jener Unerkannten, die die goldene Frucht bewahrt, in seiner Hymne Friedensfeier. Dort ist es das lyrische Ich, ist es Hölderlin selbst, der den Fürsten des Festes, Christus, einlädt, als Voraussetzung dafür, dass er nun am Ende seiner exzentrischen Bahn die Unerkannte vollständig erkenne und deren goldene Frucht, die ja damit auch die seine ist.

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Große Klasse, Herr Steinmeier: so sophistisch christlich!

Die Sophisten, die wütigen Gegner des Sokrates im alten Athen, die für Geld alles herbei- oder zerredeten, hätten an Ihrer Weihnachtsansprache ihre helle Freude gehabt: Wie vorsichtigst christlich Ihr Weihnachtsgruß am Schluss war, wie genial überreligiös unterhöht! Das hatte Gaucksche Qualität. In der Rede keinmal Jesus, keinmal Christus, keinmal Maria oder Joseph, keinmal Krippe und nur einmal Bethlehem. Gut so. Zum Abgewöhnen. Dafür achtmal Weihnachten. Aber das ließ sich einfach nun mal nicht vermeiden.

Wer anlässlich Ihres Vorgängers, des Ex-Pfarrers und Theologen auf dem Präsidentenstuhl noch geglaubt hatte befürchten zu müssen, jener könne vermitteln wollen, dass Christentum Ansprüche beinhaltet und Anforderungen stellt, die es wieder ernster zu nähmen gälte, durfte schon bald erkennen, dass Joachim Gauck Christentum als tolerierte Begleiterscheinung des öffentlichen Lebens gesehen haben wollte. Als mehr nicht.

Diese Tradition nun setzen Sie fort. Wie Sie das machen:

einfach durch die Anspruchslosigkeit Ihrer Ansprache! Durch das Appellieren an das Gute im Menschen und weil es welche unter uns gibt, die Unterstützung verdienen durch die Politik (jaja). Klar hätten Sie die gehaltvoller schreiben lassen können. Sie hätte auch ruhig die gesellschaftlichen Tatbestände konkreter ansprechen können und in welcher Richtung Sie sich gegebenenfalls eine Lösung vorstellen. Gewiss wäre die Rede dann etwas länger geworden, dafür aber auch zu niveauvoll.
Das aber hätte die Gaucksche Arbeit gefährdet und diese neue geistige Tradition, die sich noch grundieren muss, nach dem Motto: Wer nichts sagt, sagt nichts falsch. Das ist die neue deutsche Mentalität. In dieser Tradition bewegen Sie sich auch. Ihre Rede lässt in Ihrer Unverbindlichkeit keinen Zweifel.

Genial war in diesem Zusammenhang auch, wie Sie Fakten verschleierten und so das Bewusstsein eintrübten.

Sie warben ja richtig fürsorglich für Verständnis bezüglich der Regierungsbildung und dass der Staat doch … na, Sie wissen schon, sülz, sülz. Dachte ich mir doch, dass Sie es gut fanden, dass diese Regierungsbildung erstmal mit einem mehrwöchigen durch Angela Merkel verordneten Warten auf die Ergebnisse der Niedersachsenwahl begann. Nicht wenige glaubten, dass man so nicht startet, weil solch ein Kaltstart den weiteren Verlauf prägt und dadurch alles unter einem ungünstigen Stern steht. Tatsächlich gibt es hierzulande Leute, die noch wissen, dass man mit einer künstlichen, aus politisch-taktischem Machtkalkül gesponserten Überlegung nicht in ein wichtiges Projekt einsteigt, weil das Auswirkungen hat und die Kräfte lähmt. Wer noch glaubt, dass es Zufall sei, dass die Luft so aus der Regierungsbildung raus ist, sollte mal an die im Grunde vierwöchige Zwangspause nach der Wahl zurückdenken. Ein echter Merkelschachzug (erst lähmen und dann machen, was man will). – Wenn Sie nur gewollt hätten: Dieser Mentalität, die sich wie eine Lähmung seit Längerem über das öffentliche Leben legt, hätten Sie mit aller Macht entgegentreten können, meines Erachtens müssen! Ruhig und gerade an Weihnachten!

Vielleicht fanden Sie ja auch den Ausstieg der FDP aus den Koalitionsverhandlungen in Wirklichkeit ganz gut. Manche fanden deren Verhalten nicht nur verantwortungslos, sondern haben die Nase voll von dieser neuen Art von Politikern à la Christian Lindner, die doch eigentlich tagtäglich demonstrieren, dass es vor allem um sie selbst geht, die Nase voll eben auch von diesen Lindner-Menschen, die auf alles eine Antwort haben und bei denen, wenn sie zugeben, dass sie keine Antwort haben, selbst diese Antwort berechnet und auf ihre Wirkung hin kalkuliert ist.

Heute ist mir klar, warum Sie von dem allem nichts wirklich klar angesprochen haben. Sie wollen die neue deutsche Mentalität einfach in Ruhe wachsen lassen. Dazu gehört auch, nichts, und wenn dann verschwommen anzusprechen.

Vielleicht wird dem ein oder anderen zum Neuen Jahr klar, dass es kein Zufall ist, warum in Berlin von dem neuen Flughafen, der bereits bei seiner Fertigstellung uralt sein wird, schon lange kein Flugzeug abhebt und warum in Berlin nichts aufwärts geht.

Finden Sie übrigens, dass die Integration alles in allem gute Fortschritte macht (dazu haben Sie ja auch überraschend wenig bis nichts gesagt)? Man hört das allenthalten aus Politikermund. Aus Präsidentenmund doch sonst auch. Gerade auch zu Weihnachten. Bethlehem, Stall, keine Herberge, Sie wissen schon.

Ich habe aus praktischer Erfahrung einen Einblick, nur einen ganz kleinen, aber der zeigt mir, dass die Integration der Flüchtlinge weit weit weniger klappt, als es den Anschein erwecken soll. Mein Eindruck ist, dass Integration noch halbwegs gutgeht, wo Flüchtlings-Kinder auf Schulen gehen und dadurch fast automatisch integriert werden. Sieht man mal von den zunehmend sich bildenden Ausländerklassen ab, in denen also Flüchtlinge und Ausländer mehrheitlich bis fast ausschließlich unter sich sind.

Davon erzählte mir kürzlich eine Frau, die freiwillig und aus privatem Engagement zwölf Flüchtlingsfamilien betreut, ohne dass ihr staatlicherseits dafür gedankt würde (ich weiß nicht, wie es in Deutschland wirklich aussähe, wenn es solche Leute nicht gäbe). Sie fragte mich, ob ich jemand wüsste, der den vier Kindern einer geflüchteten Familie Deutschunterricht geben könne. Ich fragte zurück, ob diese denn nicht auf die Schule gingen. Ja, antwortete sie, aber das sei zu wenig. Und außerdem bestünden die Klassen zunehmend aus ausländischen Kindern, so dass sie kaum mehr durch den Umgang mit deutschen Kindern deren Sprache lernten; dadurch aber sei das Lernen früher fast natürlich vor sich gegangen.

Wissen Sie, dass selbst, wo Flüchtlinge noch in Berufsschulen aufgefangen werden, diese dort ziemlich isoliert sind und selten zur Genüge Deutsch so lernen, dass sie qualifiziert sind für einen anspruchsvollen Beruf?
Von den älteren Flüchtlingen, die nirgendwo mehr eine wirkliche Anlaufstelle haben, ganz zu schweigen?

Ich könnte Ihnen noch mehr erzählen, z.B. auf welchem Niveau die Praktika sind, die Flüchtlinge machen – einer, den ich kenne, machte eines in einer Döner-Bude – oder wie erfolgreich die Versuche sind, wenn sie sich für eine weiterführende Ausbildung bewerben. Von solchem Firlefanz ganz zu schweigen, dass ein Asylant die Bahnkosten zur 50 Kilometer entfernten viermal in der Woche stattfindenden Ausbildung nicht bezahlt bekam und sich stattdessen ein teures Zimmer hätte nehmen sollen, was er bezahlt bekommen hätte (wegen dreier Übernachtungen pro Woche). – Ist das nicht hirnverbrannt? Das geht mir durch den Kopf, wenn ich daran denke, wie dringend in diesem Land manche Leute eine größere staatliche Unterstützung bräuchten und wie in geschildertem Fall Geld auf den Kopf gehauen wird, nur weil es Vorschriften gibt, die eingehalten werden müssen. Und ich vermute, es gibt noch viel krassere Beispiele.

Wie Sie da so gekonnt unverbindlich formulieren, das hat was:

Seither ist die Welt um uns herum in Bewegung geraten. Wir leben in einer Zeit, die uns beständig mit Unerwartetem konfrontiert. Sie verunsichert uns auch. Wir sehnen uns nach Beständigkeit, wir sehnen uns nach Gewissheit. Aber wären wir Menschen nicht auch mutig und offen für das Unerwartete, dann wären schon die Hirten vor Bethlehem auseinander gelaufen.
Und schließlich muss nicht alles Unerwartete uns das Fürchten lehren.

Was mich in diesem Zusammenhang aber gerade von Ihnen, der sie doch auch zu denen gehören, die auf alles eine Antwort haben, wissen würde:

Wenn jetzt einer herginge und verlangte, dass in Grundschulklassen der Ausländeranteil nicht höher als ungefähr ein Drittel der Klassenstärke sein dürfe – ist so jemand dann rechtsradikal? Wird der dann von Oliver Welke oder Frank Plasberg zurecht fertiggemacht? Oder denkt so einer einfach daran, wie das Lernen der Muttersprache noch funktionieren soll? Und was auch Flüchtlingen und ihrem erfolgreichen Lernen gerecht wird? Und dass dann vielleicht betuchte Eltern nicht mehr ihre Kinder zunehmend auf evangelische, katholische, anthroposophische oder einfach eben private Schulen bzw. Internate schicken müssen mit einem garantierten Ausländeranteil von – sagen wir – zehn Prozent? (Sie haben ja vielleicht von den Beispielen gelesen, wie manche in den Öffentlich-Rechtlichen pro Integration herumsülzen, aber ihre Kinder eben auf besagte Internate schicken …)

Ein mir bekannter Blogger hat einen Artikel Orbáns, veröffentlicht in der Zeitung „Magyar idők”,  ins Deutsche übersetzt, den ich sehr aufschlussreich fand. Auch, weil dieser ungarische Politiker sich einfach traut, Punkte anzusprechen, von denen man weiß, dass unsere Politiker nur hinter vorgehaltener Hand offen und ehrlich über sie tuscheln – im Übrigen glaube ich, dass Sie auch zu letzterer Spezies gehören (wenn Sie sich auch jetzt als Bundespräsident mehr trauen als früher, als Sie z.B. den Armeniern auf eine Weise in den Rücken gefallen sind, dass es einen einfach nur grauste und ich mir das merke, weil ich denke, im Zweifelsfall würden Sie sich wieder so verhalten).

Nun nehme ich diesem Herrn Orbán einen tiefgehenden Bezug zum Christentum nicht ab, weil er z.B. der derzeitigen polnischen Regierung gegen das EU-Verfahren zur Seite springen will, obwohl diese eindeutig durch ihre Justizreform sich außerhalb jeglicher parlamentarischer Tradition stellt und jedermann weiß, dass er der polnischen Regierung nur seine Sympathie in Sachen Einwanderungsregelung signalisieren will, eben aber auf Kosten der polnischen Bevölkerung, die unter dieser Justiz ihre demokratischen Rechte verliert.)

Ich bedaure, dass Orbán nicht auf der einen Seite seine Fähigkeit, Klartext zu sprechen, mit einer Handlungsweise verbindet, die klar und zielgerichtet, aber nicht rigide ist.

Klar haben europäische Staaten auch Flüchtlinge aufzunehmen, auch Muslime. Diese Einstellung Muslimen gegenüber, als ob sie aufgrund ihrer Religion Untermenschen wären – auch wenn ich diese Religion aus theologischen Gründen ablehne – ist einfach übel.
Bezeichnend ist andererseits auch,

  • dass jemand, der die dem Islam innewohnende Aggressivität und den ihm innewohnenden Totalitarismus anspricht, gleich als rechtsradikal gilt (ich habe mich an anderer Stelle dazu geäußert, warum die Einschränkung des Islam auf den einen Gott, der sich nicht entwickelt, sondern wie ein monolithischer Block alles bestimmt, für mich sich diametral vom Christentum unterscheidet, das den Sohn kennt – und damit Entwicklung).
  • dass man die Flüchtlingspolitik nicht wie Angela Merkel lösen kann, die lange genug geschlafen hat, bevor sie auf einmal merkte, dass da ein riesengroßes Problem auf dem Balkan existiert (darüber bestehen heute eigentlich kaum mehr zwei Meinungen – ich erinnere allerdings daran, wie man das Buch Kontrollverlust, welches das Versagen der Kanzlerin und ihrer Chargen thematisiert, auf dem Buchmarkt versuchte, in der Versenkung verschwinden zu lassen – ich hätte das für Deutschland bisher nicht für möglich gehalten).
  • dass man auf der anderen Seite Italien über viele viele Jahre nicht so maßlos hätte hängen lassen dürfen, wie das auch Deutschland tat und noch tut und nun auch ebenso mit Griechenland verfährt, auch aktuell, sieht man die grausligen Bedingungen der griechischen Lager an, stattdessen aber einen Vertrag mit einem despotisch-aggressiven Muslimen namens Erdogan abschließt, ein Vertrag, der die Flüchtlingsfrage erfolgreich auf die lange Bank – das Parademobiliar der Angela Merkel – schieben soll, worüber doch so ziemlich die gesamte EU hinwegsieht.
    Ihr und den entsprechenden Politikern glauben Menschen zunehmend nicht mehr. Auch Ihnen nicht, wenn Sie so unverbindlich nichtssagend zu Weihnachten dahersülzen.

Ich nehme bei Orbán kein wirklich christliches Denken wahr. Und ich bedaure zutiefst, dass es keine Politiker gibt, die, wie jener, eine klare Problemansprache haben und nichts beschönigen – ich sehe sie in Deutschland nur eher in Ausnahmefällen -, und nicht zugleich zu einer differenzierten Problemlösungsstrategie in der Lage sind.

Natürlich bezieht sich die Problemansprache auf die Anzahl zunehmender No-Go-Areas und lokaler und mentaler Parallelstrukturen, die einem schon Sorge bereiten können, auf die Gefahr eines sich radikalisierenden Islam, dessen aggressive und gesteuerte Formen (unter anderem von Staaten, deren Soldaten die Bundeswehr ausbildet) nichts anderes wollen, als das öffentliche Leben zu dominieren, auf die Qualität der weltweiten Völkerwanderungen und die unselige Rolle von Mächten wie Russland und Amerika sowie weltweiter Konzerne, die nichts anderes im Sinn haben als Macht und Gewinn und in Afrika und in Bezug auf die südamerikanischen Regenwälder nichts anderes als verbrannte Erde hinter sich gelassen haben und das nach wie vor, nur besser kaschiert, immer noch tun und dafür zur Belohnung keine oder wenig Steuern zahlen, wobei die EU bei der Nennung der entsprechenden Länder, die das unterstützen, die federführenden innereuropäischen weglässt, also Luxemburg (Juncker!) zum Beispiel nicht nennt.

  • Mir will nicht in den Kopf, dass es nicht möglich ist, dass Politiker diese Dinge wirklich, ohne Vorbehalt und ehrlich beim Namen nennen, einen entsprechenden Kurs gegenüber den Kriegstreibern auf dieser Erde fahren und auch gegenüber den Konzernen, die nur in die Taschen weniger wirtschaften.
  • Mir will nicht in den Kopf, dass diese Politiker nicht zu Maßnahmen in der Lage sind, die nicht ständig nur unter den Aspekten von rechts oder links beurteilt werden, sondern unter der Prämisse, wessen ein Land bedarf.
  • Und dass nicht jede Entscheidung grundsätzlich eine Demokratie gefährden muss, auch wenn sie momentan wenig liberal ist (wie z.B. eine umfangreichere Datenüberwachung), wenn die aktuelle Situation bestimmte Entscheidungen erfordert, die man wieder rückgängig macht, wenn sie nicht mehr erforderlich sind – und dass auch das Vertrauen vorhanden ist, dass sie rückgängig gemacht werden, so zuverlässig wie der Soli (räusper, räusper).

Jedenfalls bin ich persönlich dafür, dass Entscheidungen unter den Prämissen eines ursprünglichen Christentums, also auch der Nächstenliebe gefällt werden, aber – und da gebe ich Herrn Orbán im Rahmen seiner Ausführungen sehr Recht, eben auch der, dass die Menschen des eigenen Landes sich geliebt fühlen.

In Deutschland und in Europa fühlen sich die Menschen von ihren Politikern schon lange nicht mehr geliebt. Auch weil sie jeden Tag mitbekommen, wie Geld verpulvert wird und die Auffassung von Wahrheit vom Parteibuch abhängig ist und vom eigenen Machtstreben. Und weil speziell in Deutschland ein Regierungschef nicht in der Lage ist, anstehende Probleme rechtzeitig zu lösen.

Damit sind – um den Faden von vorhin nochmal aufzugreifen – ja die momentanen Problemherde auf der Erde nicht ansatzweise umfassend angesprochen, Herr Bundespräsident, auch die Deutschlands und einer zunehmenden Verarmung seiner Bevölkerung nicht, von weiteren ungelösten Problemen (Rente, Pflege etc.) abgesehen.

Reiben Sie sich nicht auch verwundert die Ohren, wie CDU und SPD seit Wochen so tun, als ob sie nichts Dringenderes zu bewerkstelligen hätten, als die anstehenden Probleme zu lösen, die sie über zwei, drei Legislaturperioden nicht gelöst haben? Dass dieselben Leute, die nichts taten, nun auf einmal so aktiv sein wollen? Was sagen Sie, Herr Bundespräsident, zu Ihresgleichen?

Und das alles bekommen die Bürger dieses Landes mit; sie sind zunehmend besser informiert. Deshalb kann auch Ihr Weihnachts-Gesäusel kaum jemand ernst nehmen (wobei mir die Raute Angela Merkels lieber ist als die Zugriffe ihrer linken Hand auf ihren rechten Mittelfinger, wenn Sie sich das bitte nochmal in der Mediathek anschauen wollen).

Sehen Sie, für mich ist Weihnachten ein verbindliches Fest, es ist verbunden mit etwas so Wertvollem, dass es für uns mental nicht erfassbar ist, nur für Menschen mit einem riesengroßen Herzen, falls es die gibt. Wir können wohl nie die Dimensionen des Geschenkes ermessen, das uns Menschen an Weihnachten zuteil wurde. Für mich ist es verbunden mit Ansprüchen und Anforderungen an uns Menschen. Auch mit Ansprüchen und Anforderungen an eine Rede wie der eines Bundespräsidenten. Sie muss deshalb nicht geschwollen sein, auch nicht professionell, im Gegenteil, aber sie muss von Herzen kommen. Wenn Sie verstehen, was ich meine.

Und schon gar kein unverbindliches Gesäusel sein.

Angela Merkel wird in ihrer Neujahrsansprache bestimmt realistischer und konkreter sein als Sie, vor allem, da ich mir nicht vorstellen kann, dass nicht auch andere auf Ihre ziemlich nichtssagende Rede entsprechend reagiert haben und wir ja wissen, dass die geschäftsführende Kanzlerin wie ein Chamäleon sich immer aller Stimmung bestens anpasst. Aber ihr, Angela Merkel, nehmen die Leute schon eine ganze Weile nichts mehr ab, weil immer mehr erkannt haben, dass diese Frau kein inneres Profil hat, keine wirkliche Meinung, keine Ideale, keine Ziele und nicht die Menschen im Blick hat, sondern vor allem ihre Amtszeit und deren Dauer.

Sie, diese Angela Merkel, und Sie, Herr Steinmeier, sind für mich momentan die typischen Deutschen.

Und das ist keine Ehre.

Keine Ehre mehr.

Leider.

 

 

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„Und vor der Türe des Hauses / Sitzt Mutter und Kind, / Und schauet den Frieden” (IV)

Link zu Teil I: Ankunft des Friedensfürsten. Adventsgedanken.
Link zu Teil II: Auch darf alsdann das Freche drübergehn.
Link zu Teil III: Wert und Würde des Vaters, des Sohnes, der Mutter. 
Link zum Text der ersten, zweiten und dritten Trias.

Gewiss leben wir in aufwühlenden und aufgewühlten Zeiten. Politiker taugen nicht mehr als Heilsversprecher und selbsternannte Glückspropheten erweisen sich als Scharlatane. Da weiß eine altertümliche Botschaft Frieden ins Herz zu bringen, Jesajas Worte : Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, (…) er heißt WunderRat, GottHeld, EwigVater, FriedeFürst. Zugleich mahnt Hölderlin am Schluss seiner Hymne „Friedensfeier” mittels Worten und Bildern zu Nüchternheit, Realismus und Geduld.

In den Strophen X bis XII, die im Folgenden im Mittelpunkt stehen, der letzten Trias also, weicht der verkündende Ton einem Blick auf die irdische Realität. Es ist, als ob Hölderlin ganz bewusst den Leser aus den visionären Sphären eines Friedensfestes, wie es in der dritten Trias als Höhepunkt der Hymne geschildert wird und gewiss auch so kommt, auf den Teppich der rauen Realität holt, zunächst sanft, zum Schluss aber doch fast hart, so wie es die Gefühllosigkeit der Menschen, von der er spricht, erfordert. Dazu später mehr.

Wer den ersten Beitrag zur Friedensfeier gelesen hat, wird sich erinnern, dass ich auf die Kindheit und Jugend Hölderlins eingegangen bin, auf seine Schulzeit in Denkendorf und Maulbronn und dass er von ihr geschrieben hat:

Denn kaum geboren, warum breitetet
Ihr mir schon über die Augen eine Nacht,
Daß ich die Erde nicht sah und mühsam
Euch athmen mußt, ihr himmlischen Lüfte.

Auf diesem Hintergrund ist verständlich, warum Hölderlin im Folgenden von Leichtatmenden Lüften schreibt: Schon allein die Ankündigung des kommenden Festes und die baldige Ankunft des Friedensfürsten vermögen jenen Alp von der Brust zu nehmen, der ihn so bedrückte:

X
Leichtatmende Lüfte
Verkünden euch schon,
Euch kündet das rauchende Tal
Und der Boden, der vom Wetter noch dröhnet,
Doch Hoffnung rötet die Wangen,
Und vor der Türe des Hauses
Sitzt Mutter und Kind,
Und schauet den Frieden
Und wenige scheinen zu sterben,
Es hält ein Ahnen die Seele,
Vom goldnen Lichte gesendet,
Hält ein Versprechen die Ältesten auf.

Zunächst muss noch einmal in Erinnerung gerufen werden, wer mit euch angesprochen ist. Am Ende von Strophe IX hieß es:

(…) eher legt
Sich schlafen unser Geschlecht nicht,
Bis ihr Verheißenen all,
All ihr Unsterblichen, uns
Von eurem Himmel zu sagen,
Da seid in unserem Hause.

Wenn die Verheißenen, die Unsterblichen, die Himmlischen da sind, dann lässt sich leicht atmen, selbst wenn das Tal noch raucht und die Wetter noch dröhnen, wie es zuerst in Strophe III angesprochen war: Denn unermeßlich braust, in der Tiefe verhallend, / Des Donnerers Echo, das tausendjährige Wetter, / Zu schlafen, übertönt von Friedenslauten, hinunter.

Nun überwiegt Hoffnung und die geröteten Wangen von Mutter und Kind sind wie ein Zeichen, ein wunderbares Bild eines Seins, das Zukunft hat.

Es liegt ein Ahnen in der Luft, das wir bevorzugt wiederfinden bei so sensiblen Menschen, wie Dichter es sind, denken wir nur an die Anfangszeilen von Ingeborg Bachmanns Erklär mir Liebe:

Dein Hut lüftet sich leis, grüßt, schwebt im Wind,
dein unbedeckter Kopf hat´s Wolken angetan,
dein Herz hat anderswo zu tun (…)

Dichter nehmen die Herzreisen anderer wahr, ebenso das Flügelschlagen der Unsterblichen.

Warum aber scheinen wenige zu sterben und was hält die Ältesten auf, wie wir in der zehnten Strophe lesen?

Wenn Hölderlin-Koryphäen zu bestimmten Versen nichts oder höchst wenig schreiben, darf man vermuten, dass sie mit einer Aussage nicht so recht umzugehen wissen.
Jedenfalls ist das überwiegende Schweigen zu der Tatsache, dass wenige zu sterben scheinen und die Ältesten ein Versprechen aufhält, mehr als auffallend.
Eigentlich ruft dieses Wort förmlich nach einer Erläuterung, genauso, warum wenige nur zu sterben scheinen.

„Meine Augen haben deinen Heiland gesehen”

Von einem Mann namens Simeon wird im zweiten Kapitel des Lukas-Evangeliums berichtet , von dem es heißt, er sei gerecht und gottesfürchtig und warte auf den Trost Israels, und der Heilige Geist sei auf ihm:

Und ihm war vom Heiligen Geist geweissagt worden, er sollte den Tod nicht sehen, er habe denn zuvor den Christus des Herrn gesehen.
Und er kam vom Geist geführt in den Tempel. Und als die Eltern das Kind Jesus in den Tempel brachten, um mit ihm zu tun, wie es Brauch ist nach dem Gesetz,
da nahm er ihn auf seine Arme und lobte Gott und sprach:
Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast;
denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen,

Natürlich wäre Simeon auch im Jenseits bewusst, was auf der Erde geschieht, aber die Stelle lässt erkennen, dass es etwas anderes ist, ob man etwas auf der Erde erlebt oder geistig im Jenseits. Älteste – und wer sich nicht im Alter verhärtet, sondern im Gegenteil die Möglichkeit wahrnimmt, im Alter seine Antennen einzustimmen auf die geistige Welt, wie das Hesses Harry Haller bewusst wird – ahnen, was sich ereignet, und mit dem Versprechen könnte jene große Stimme vom Thron her angesprochen sein, die der Apokalyptiker in der Offenbarung vernimmt, die in der Tat nichts anderes als ein Versprechen ist, indem sie sagt:

(…) und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid, noch Geschrei, noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.
Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss!
Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.
Wer überwindet, der wird dies ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein.

Wer die früheren Beiträge gelesen hat, weiß, dass ich nicht an eine ewige Verdammnis glaube, was meiner Ansicht nach auch die Aussagen der Bibel nicht hergeben, die Luther nicht immer angemessen übersetzt hat. Mancher, der so sehr darauf pocht, dass es sie, diese ewige Verdammnis gibt, könnte eines Tages aufwachen und sagen: Oh gut, dass ich mich da getäuscht habe.

Niemand kann ein Interesse daran haben, dass jemand verdammt wird, schon gar nicht ewig. Liebe schließt ewige Verdammnis aus und dass viele Christen sie für wahr halten, liegt an ihrem beschränkten Liebesvolumen. Zweifellos aber der Fall ist, dass es seelische Bewusstseinszustände über eine lange Zeit hin gibt, die den Menschen dahin bringen wollen, Dinge zu erkennen, die ihm bisher nicht möglich waren, richtig zu sehen; diese Art der Verdammnis mag manchem ewig vorkommen. Unabhängig davon jedoch, dass jeder seine Tode stirbt, gibt es meiner Ansicht nach auch den Tod eines Zeitalters, dessen Ende, auf welches ein neues folgt.

Wir wissen das von dem Untergang von Atlantis, der Sintflut also, und wir wissen auch aufgrund der Überlieferungen der Hopi, dass die Qualität des Überlebens und die Art der Rettung der Menschen damals zusammenhing mit ihrer seelischen Entwicklung. Ich persönlich glaube nicht, dass in der Offenbarung des Johannes das Ende aller Zeit angesprochen ist, sondern es wird ein Weltenzyklus abgeschlossen. Und für manche wird das grauenhaft werden, für andere, die auf der Erde bereit zu Einsicht und Erkenntnis waren, nicht bzw. weit weniger.

Wer sich nicht bemüht, bleibt zurück.

So wie die Schöpfungstage im Ersten Buch Mose ein Geschehen über Millionen von Jahren zusammenfassen (ich teile die Ansicht Hildegard von Bingens, dass wir den siebten Schöpfungstag bei weitem noch nicht erreicht haben), so bezieht sich die Offenbarung auch auf ein gewaltiges kosmisches Geschehen, und dass wir in einem solchen sind, bemerken wir schon daran, dass die Zeit sich immer mehr beschleunigt. Ein Jahrzehnt des dritten Jahrtausends mag einem Jahrhundert des ersten Jahrtausends entsprechen. Manche meinen, das Wissen verdopple sich alle fünf Jahre, aber selbst wenn jene Recht haben, die 10 Jahre oder einige mehr ansetzen, ist es doch ein gewaltig beschleunigtes Geschehen, das nicht alle Menschen gleichermaßen verkraften. Generell aber gilt: Menschen leben länger, es sterben weniger. – Das wird so sein, bis es keinen Tod mehr geben wird; denn so, wie er in die Welt trat, so wird er auch wieder verschwinden. Hölderlin deutet das an. Vielleicht hat er mit seinen inneren Augen viel mehr gesehen, als er preisgibt; manchmal kommt es mir auch an anderen Stellen ohnehin so vor. Er mag gewusst haben, dass Menschen für weitergehendes Wissen bereit sein müssen, sonst geht es denen, die wirklich Wissende sind, wie Giordano Bruno, dem man eigentlich den Nobelpreis hätte verleihen müssen für seine Erkenntnis, dass es viele Himmel und Erden gibt; stattdessen hat man ihn dafür vor etwas mehr als 400 Jahren mitten in Rom abgefackelt.

Die Würze des Lebens ist von oben bereitet

Ein Ahnen liegt in der Luft und in den Worten der vorletzten Strophe deutet sich das nahende Fest an:

XI
Wohl sind die Würze des Lebens,
Von oben bereitet und auch
Hinausgeführet, die Mühen.
Denn Alles gefällt jetzt,
Einfältiges aber
Am meisten, denn die langgesuchte,
Die goldne Frucht,
Uraltem Stamm
In schütternden Stürmen entfallen,
Dann aber, als liebstes Gut, vom heiligen Schicksal selbst,
Mit zärtlichen Waffen umschützt,
Die Gestalt der Himmlischen ist es.

Ich nehme die Worte Hölderlins, dass die Würze des Lebens von oben bereitet ist, ernst.

Wie oben so unten, die Weisheit des Hermes Trismegistos, die sich auch im Vater Unser findet, bedeutet ja, dass wir sehen können, wie es um unsere Freiheit und unser Wissen bestellt ist. Wir brauchen nur im mikrokosmischen Maßstab anschauen, wie es Schulkindern und Lernenden geht. Je unwissender sie sind, desto mehr befinden sie sich noch in Bahnen, die bereits höher Entwickelte, in unserem Fall Erwachsene, ausgelegt haben, betreffe es die schulischen und die universitären und oft auch noch die Berufslaufbahn. Freiheit ist da ein relativer Begriff.

Vergleichbares gilt für uns als lernende Menschheitskinder. Manche, die diese spirituelle, geistige Lernebene nicht auf dem Schirm haben, halten sich gern für sehr wissend; man erkennt solche Menschen und Zeitgenossen daran, dass ihnen Demut fehlt.

Wer durchschaut hat, dass wir im Bereich der gesamtmenschlichen Entwicklung noch weit von der sogenannten Krone der Schöpfung entfernt, sind, dem siebten Schöpfungstag also, ist schlicht bescheiden. Je mehr jemand das durchschaut, desto mehr auch blickt er, dass Freiheit ein sehr relativer Begriff ist. Wer möchte, mag ahnen, dass wir Menschen zum Teil noch sehr abhängig von übergeordneten Mächten und Einflüssen sind. Mit dem Begriff des kollektiven Unbewussten ist diese Einflussnahme nur unzureichend und sehr einseitig erfasst.

Frühere Zeiten haben um diese Einflussnahme gewusst und sie in ihren Mythen, die viele Zeitgenossen für Erfindungen halten, abgebildet. Heute haben wir uns von diesen Ebenen abgekoppelt und halten uns meistenteils für autark. Wenn es einen Tsunami gibt, spüren wir zwar, wie gering unser Einfluss sein kann, das gilt schon für Tornados und auch den Klimawandel. Aber dieses Gespür wird selten in ganzer Konsequenz auf eine bewusste Ebene hinaufgenommen. Vielleicht als meteorologisches, nicht aber als spirituelles Phänomen.

Die angesprochenen anderen Ebenen sind im Christentum in den Engelhierarchien angelegt und dem Wissen um die vielen Himmel, die jeweils ihre Regenten haben, so wie die Zeitalter und Völkerengel, von denen in der Bibel die Rede ist, ohne dass die meisten annehmen, dass sie wirklich am Werk sind.

Wie wenig wir doch wissen.

Pro Sekunde durchschießen mehr als 60 Milliarden Geisterteilchen, Neutrinos genannt, jeden Quadratzentimeter unseres Körpers, nachgerade unvorstellbar.  Klar haben sie keinen Einfluss auf uns, sagen Wissenschaftler und denken wir. – Warten wir mal ab, was uns diesbezüglich in zehn Jahren bewusst ist!

Hölderlin weiß um die Relativität unserer Erkenntnis, spricht von dem Wissen als Von oben bereitet (XI,2). Immer wieder ist von ihm und von jenen Mächten, denen wir viel zu wenig Aufmerksamkeit und Wertschätzung entgegenbringen, in der Friedensfeier die Rede.

Lass uns einfältig werden!

Zum vorvorletzten Mal taucht das Allheitsmotiv wieder auf (XI,4), auf die spürbar erfolgreichen Vorbereitungen hinweisend.

In einem früheren Blogbeitrag, überschrieben Die einprägsamste Philosophie habe ich aufgezeigt, wie unnachahmlich Matthias Claudius das Einfältigsein in seinem zum Volkslied gewordenen Abendlied verewigt und ihm Sinn gegeben hat.

Gleiches tut Thomas S. Eliot , indem er vermittelt, dass das Einfältige des Zieles viel mehr ist als jenes, das am Anfang stand, auch wenn wir dasselbe Wort verwenden. In Four Quartets schreibt er:

Und am Ende all unserer Forschungen
werden wir da ankommen,
wo wir angefan­gen haben
und werden den Ort zum ersten Mal erkennen.

Hölderlin hat diesem Denken in der Ode Dichterberuf Rechnung getragen:

Furchtlos bleibt aber, so er es muß, der Mann
Einsam vor Gott, es schützet die Einfalt ihn,
Und keiner Waffen brauchts und keiner
Listen, so lange, bis Gottes Fehl hilft.

Einfalt, das Eingefaltet-Sein in Gott, das schützt den Mann mehr als Waffen und Listen. Ganz deutlich wird das werden, wenn der Mensch zu Gottes Ebenbild geworden ist, wenn Alles gefällt (XI,4), dann könnte Gottes Fehlen helfen zu erkennen, welche Vollkommenheit in der neuen Einfalt des Menschen liegt, die der Dichter herbeisehnt, herbeischreibt. In der Friedensfeier, in Der Einzige, in Patmos, den großen Christushymnen also, wird immer wieder deutlich, was Hölderlin als realisierbare Vision vorschwebt.

In einem der traumhaftesten Gedichte deutscher Sprache, in Hölderlins An die Unerkannte, spricht der Dichter meines Wissens erstmalig von der goldenen Frucht, die er in der zehnten Strophe der Friedensfeier als einer uraltem Stamm entfallen wieder erwähnt. Damals lautete die erste Strophe des Gedichtes:

Kennst du sie, die selig, wie die Sterne,
Von des Lebens dunkler Woge ferne
Wandellos in stiller Schöne lebt,
Die des Herzens löwenkühne Siege,
Des Gedankens fesselfreie Flüge,
Wie der Tag den Adler, überschwebt?

In dieser Unerkannten verbirgt sich tiefstes Wissen der Völker, erinnert sei an die Walküren der Germanen, an Goethes Ewig-Weibliches, an die Leibnizsche Monade, an Hofmannsthal, der solches Geheimnis in seinem Weltgeheimnis  anspricht:

Der tiefe Brunnen weiß es wohl,
Einst waren alle tief und stumm,
Und alle wussten drum.

Wenn man auf diesem Hintergrund manche Kommentare und Bemerkungen von Zeitgenossen hört und liest, die dieses Urwissen der Menschen und ihre Religiosität als erfunden wegwischen, dann ahnt man, wie flach und frech – um eine Vokabel Hölderlins aufzugreifen – das Bewusstsein dieser Menschen ist, wie ungeschichtlich und ohne jegliche Dimension. Dahinter verbirgt sich die Angst vor der Tiefe und der Großen Mutter – das Freche will diese Angst kaschieren -, die nichts anderes als ein großes Bild der menschlichen Seele ist und erklärt, warum in der Bibel vom Vater gesprochen ist.

Das Buch der Bücher ist ausgerichtet auf das Mutterbewusstsein der Menschen. Kein Wunder wird dieses Buch von dem flachen Bewusstsein torpediert. Das lässt im Übrigen auch bewusst werden, warum es so fatal ist, dass der Islam den Sohn negiert wie ebenfalls das orthodoxe Judentum (wenn möglich, bitte mir nicht gleich Antisemitismus zu unterstellen). Nur der Sohn kann den Menschen zu seinem Mutterbewusstsein führen. Viel zu tief ist der Mensch gefallen, als dass er von alleine darauf käme.

Hölderlin spricht dieses Dilemma des Menschen an, wenn er in der letzten Strophe der Friedensfeier davon spricht, dass Mutter Natur ihre Kinder verlor und dass eine große Dramatik darin liegt, dass sie vor der Zeit zum Licht gezogen hat, wofür sie nun gehasst wird, wir kommen darauf zu sprechen.

Die letzte Strophe des wegweisenden Gedichtes An die Unerkannte weist dem Einen, um das es geht, seine alles umfassende Bedeutung zu:

Die das Eine, das im Raum der Sterne,
Das du suchst in aller Zeiten Ferne
Unter Stürmen, auf verwegner Fahrt,
Das kein sterblicher Verstand ersonnen,
Keine, keine Tugend noch gewonnen,
Die des Friedens goldne Frucht bewahrt?

Damals, 1796, als Hölderlin dieses Gedicht vermutlich schrieb, setzte er als Schlusspunkt ein Fragezeichen. Man mag ob des so überzeugenden archetypischen Inhaltes zutiefst verwundert sein, dass der Dichter nicht ein Ausrufezeichen setzte. Ich habe mich das lange auch gefragt, bis mir bewusst wurde, dass Hölderlin diese Frage erst wirklich in der Friedensfeier und seinen Christushymnen beantworten kann, bis zu denen hin er sein Bewusstsein entwickeln musste, um zum Ausdruck bringen zu können, dass nämlich die goldene Frucht, uraltem Stamm entfallen, durch die Himmlischen bewahrt wurde, durch deren Bewusstsein durch die Zeiten getragen wurde, und sie uns nur, weil diese Seligen sie bewahrten, durch den Geliebtesten, den Fürsten des Festes, seinen Opfergang und sein Wirken, das Hölderlin in Der Einzige und Patmos ausführt, wieder zuteil wird.

Ohne dass die Himmlischen die goldene Frucht bewahrt hätten, wäre das nicht möglich.

Darin sieht Hölderlin die Bedeutung der Himmlischen, deshalb umgibt er sie mit so vielen Attributen, mit so hoher Wertschätzung, nennt sie die Mächtigen, die Unerzeugten, Ewgen, Himmlischen, Verheißenen, Unsterblichen. Sie sind die Fackelträger des Bewusstseins, das die goldene Frucht schützt und bewahrt.

Zugleich wird deutlich, warum Hölderlin so wichtig war und ist, wenn er sagt: Und darum rief ich dich.

Ohne den Fürsten des Festes ist diese Vollendung in der Friedensfeier nicht möglich und es wird die Weisheit des Paulus deutlich, den Hölderlin so verehrte, wenn jener von dem Frieden Gottes spricht, der höher ist als alle Vernunft.

Es kann sich auch uns Menschen andeuten, warum unser Bewusstsein zählt. Menschen, auch wenn sie noch auf ihrer exzentrischen Bahn laufen, sind genauso wichtig wie die Himmlischen.

Fühllos ruht Furchtsamgeschäftiges drunten

Drunten, das bezieht sich auf jene exzentrische Bahn, auf der die Menschen die Goldene Frucht verloren haben. Ganz natürlich denkt man in ihrem Zusammenhang an den Baum des Lebens und seine Frucht, denkt an die Äpfel der Hesperiden, die Herakles als einer seiner zwölf Prüfungen holen musste. Für mich spielen diese mythischen Bilder in jedem Fall mit hinein, denn diese Früchte stehen für das Leben. Für ein Leben ohne Tod. Für den Baum des Lebens bedarf es keiner weiteren Erklärung, aber auch die Äpfel der Hesperiden stehen für Unsterblichkeit.

Herakles, Dionysos, Christus

XII
Wie die Löwin, hast du geklagt,
O Mutter, da du sie,
Natur, die Kinder verloren.
Denn es stahl sie, Allzuliebende, dir
Dein Feind, da du ihn fast
Wie die eigenen Söhne genommen,
Und Satyren die Götter gesellt hast.
So hast du manches gebaut,
Und manches begraben,
Denn es haßt dich, was
Du, vor der Zeit
Allkräftige, zum Lichte gezogen.
Nun kennest, nun lässest du dies;
Denn gerne fühllos ruht,
Bis daß es reift, furchtsamgeschäftiges drunten.

Interpreten tun sich mit dieser Strophe ausgesprochen schwer. Lediglich Jochen Schmidt setzt sich intensiv mit ihr auseinander, aber sein Verständnis wirkt, er möge es verzeihen, erzwungen. Die Kinder entsprechen für ihn den Äpfeln der Hesperiden  was durchaus sein mag, aber warum sollte Herakles, dem der Auftrag zuteil wurde, sie zu stehlen, Feind der Natur sein? Wegen des Äpfeldiebstahls? Und warum kommen auf einmal die Satyren  ins Spiel?

Mit ihnen wird ja fast wie von selbst Dionysos einbezogen. Wie aber kann in wenigen Versen Herakles und Dionysos zusammengebracht sein?

Die Antwort finden wir in Hölderlins großer Hymne Der Einzige, dieser großen Christushymne.
Dort werden Herakles, Dionysos – von dem hier mit seiner alternativen Bezeichnung als Evier gesprochen wird – und Christus in einem Atemzug genannt:

(…) zu sehr
O Christus! häng ich an dir,
wiewohl Herakles Bruder
Und kühn bekenn ich, du
Bist auch Bruder des Eviers, der einsichtlich vor alters
Die verdrossene Irre gerichtet,
Der Erde Gott (…)

Meistens übersteigen solche Sätze das Fassungsvermögen orthodoxer Christen, für die zumeist alles Vorchristliche heidnisch ist und minderwertig, auch wenn sie es angesichts von Platon und Sokrates nicht laut sagen. Sie sollten die Wertschätzung Benedikts XVI. für das Griechentum zur Kenntnis nehmen, das er in seiner Regensburger Rede vermittelt hat, und dass das Neue Testament ohne eine Sprache wie das Griechische keine vergleichbare gefunden hätte, um an uns überliefert zu werden.

Ohne Initiierte oder unmittelbar auf dem Weg dorthin Befindliche wie Herakles, Orpheus, Odysseus und Siegfried ist eine Entwicklung der Menschheit hin zu Christus nicht denkbar. Hölderlin weiß darum, und auch wenn er Christus eine eindeutige Vorrangstellung gibt, schätzt er Herakles und Dionysos.

Für Ersteren gilt ja, dass seine 12 Taten den Tierkreiszeichen korrespondieren – die Bezüge sind in manchen sehr deutlich -, und er tat, was jeder zu tun hat, nämlich den bzw. seinen Augiasstall auszumisten und anderes mehr, wobei sein Engagement in Bezug auf die Äpfel der Hesperiden nur bedingt vorbildhaft und erfolgreich gewesen sein mag – die Unsterblichkeit konnte er eben nicht zu den Menschen holen; Vergleichbares war Orpheus bezüglich Eurydike verwehrt. Auf vorchristliche Helden trifft das in aller Regel zu, deshalb musste auch Siegfried sterben, tödlich verletzt an jener Stelle, die der Ganzmachende – so die Übersetzung von Heiland – verschloss und damit ganzheitliche Heilung ermöglichte, indem er auf jener Stelle das Kreuz nach Golgatha trug

In der Gestalt des Dionysos hingegen zeigt sich ganz besonders das Zweischneidige alles Seins, das es unter den Bedingungen der Zeit nun einmal gibt. Genau deswegen ist er für die Entwicklung der Menschheit unabdingbar, und gerade jene, die alles Vorchristliche als heidnisch abtun, sollten wissen, dass sie arm dran sind, wenn sie nicht viel Dionysisches in sich haben.

Auf der anderen Seite aber kann Dionysisches auch ins andere Extrem umschlagen und entsprechende Stellen finden sich immer wieder bei Hölderlin, so in Stimme des Volkes (zweite Fassung):

Und alle waren außer sich selbst. Geschrei
Entstand und Jauchzen. Drauf in die Flamme warf
Sich Mann und Weib, von Knaben stürzt‘ auch
Der von dem Dach, in der Väter Schwert der.

Wenn aber das Dionysische seine Ordnung findet, dann wird es zum großen Kultur-, zum Segensbringer, wie sich beispielhaft eine Stelle in Stuttgart findet:

Offen steht jetzt wieder ein Saal, und gesund ist der Garten,
Und von Regen erfrischt rauschet das glänzende Tal,
Hoch von Gewächsen, es schwellen die Bäch und alle gebundnen
Fittige wagen sich wieder ins Reich des Gesangs.
Voll ist die Luft von Fröhlichen jetzt und die Stadt und der Hain ist
Rings von zufriedenen Kindern des Himmels erfüllt.
Gerne begegnen sie sich, und irren untereinander,
Sorgenlos, und es scheint keines zu wenig, zu viel.
Denn so ordnet das Herz es an, und zu atmen die Anmut,
Sie, die geschickliche, schenkt ihnen ein göttlicher Geist.

Auch die Rheinhymne, dieses in seiner Größe, Qualität und Symbolkraft kaum vermittelbare Werk, zeigt, wie Chaos sich in Ordnung verwandeln kann. Der Strom ist hier Sinnbild des Lebens für die Aufgabe des Menschen, seine Leidenschaften zu verwandeln.

Das Dionysische in uns bearbeiten, darum geht es. Wer also wenig Dionysisches in sich hat, muss auch in diesem Leben nur wenig davon bearbeiten – ein Vorteil ist das nicht. Die Aufgabe ist anspruchsloser und die Menschen kommen sich im Rahmen ihres geringeren Gefährdetseins auch gern heiliger vor, nicht wissend, dass sie von den Aufgaben, die an andere herangetragen werden, wenig Ahnung haben.

Wer nichts Dionysisches hat, kann nichts verwandeln.

Das gerade spürt man dem Christlichen oft an. Es ist dann klapperdürr und niemand will es in Wirklichkeit haben. Es ist, als ob man Gott Stroh zum Ernten anbieten wollte.

Gerade der verlorene Sohn im gleichnamigen Gleichnis, der das Dionysische auslebte, wird von seinem Vater bei seiner Heimkunft so geschätzt, der Ältere der Söhne, der – pointiert formuliert – im Apollinischen erstickt, erhält vom Vater eine notwendige Lektion, weil er wenig bis nichts begriffen hat.

Alles hat seine Zeit

Obige Gedanken eröffnen auch ein Verständnis für die so schwierig zu verstehenden Zeilen

So hast du manches gebaut,
Und manches begraben,
Denn es haßt dich, was
Du, vor der Zeit
Allkräftige, zum Lichte gezogen.

Alles hat seine Zeit, sagt man, und wir kennen das, wenn wir in unserer Zeit sind. Dann begegnen wir genau den richtigen Leuten, die bereit halten, was wir brauchen, Türen gehen wie von selbst auf, alles geht leicht von der Hand, unser Blick fällt genau auf das, was wir suchen. Wir sind spürbar im Fluss.

Wir kennen das aber auch, wenn wir die Zeit zwingen wollen bzw. Dinge in eine Zeit zwingen wollen, die ihr nicht angemessen ist. Dann fällt die Leiter, auf der der Farbeimer steht, um, der Glasbehälter rollt vom Tisch und fällt nicht auf den Teppich, sondern knapp daneben auf die Steinfließen. Die Straßenbahn fährt vor unserer Nase weg und wir suchen stundenlang im Internet nach einer Information, die wir vor kurzem noch gesehen hatten.

Schlimm ist es, wenn im gesellschaftlichen Bereich etwas hochgehalten wird, was überholt ist oder etwas in die Zeit gezogen wird, wofür sie nicht reif ist oder Menschen etwas tun, was erzwungen ist oder mit Mitteln geschieht, die nicht evolutionär sich anbieten, sondern einer Revolte entsprechen. Wir denken an die Titanen, die sich der Zeit entgegenstellten und einen vieljährigen Kampf der Götter untereinander provozierten, wir denken an den berühmten Engelsturz und gegebenenfalls auch an den Sündenfall, den Verlust des Paradieses. Kaum vorstellbar, dass der Mensch nicht hätte sich zu einem Bewusstsein, wie wir es anstreben, entwickeln sollen, nur stellt sich die Frage, ob die Schlange nicht zum falschen Zeitpunkt etwas initiierte, was mit dem dramatischen Verlust des Paradieses nicht hätte erkauft sein müssen.

Was die Natur, das ursprüngliche chaotische Sein also als Allkräftige zum Licht zieht, das trägt ihr Hass ein, denn das solchermaßen Heraufgezogene tut sich schwer. Damit mag zusammenhängen, warum die Menschen sich auch so schwer mit der Natur tun, die Weltmeere mit Plastik auffüllen, binnen weniger Jahre den Orbit vermüllen, Regenwälder abholzen, als wollten sie sich selbst vernichten, und die Erde zubetonieren, um möglichst viele Hochwasser zu provozieren.

Nun kennest, nun lässest du dies;

schreibt Hölderlin.
Offensichtlich lernt die Natur dazu und weil sie ihre Erfahrungen in der Zeit beherzigt, kann sie das, was sie nun tut, auf die ihr nun angemessene Weise durchführen:

Sie lässt den Menschen ihre Zeit. Wenn diese meinen, sie müssten furchtsam geschäftig sein – eine eher schonende Formulierung für das, was Menschen auf der Erde treiben und vor allem wie -, dann lässt sie den Menschen ihre Zeit.

Es wird sich ändern, wenn sie zunehmend das Gefühl entdecken dafür, was richtig ist.

Vorläufig ist vieles noch ziemlich fühllos.

Gefühl kann man nicht erzwingen, es muss sich entwickeln. Was fühllos ruht, braucht seine Zeit (XII,11f).

Die Natur lässt das nun zu.

Wir sind mit dieser Strophe nach dem so intensiven Blick auf eine mögliche Friedensfeier mitten in der Realität.

Hölderlin möchte kein Schweben auf Wolke 7, er möchte keinen Kokon, den nicht wenige um sich spinnen, indem sie immer nur Licht und Liebe sehen oder sich nur zukünftiger Hoffnung hingeben.

Dieser realistische Blick ist Hölderlin nicht fremd. In seiner großen Patmos-Hymne beginnt die letzte Strophe mit den Versen

Ein Zeichen sind wir, deutungslos,
Schmerzlos sind wir und haben fast
Die Sprache in der Fremde verloren.
Wenn nämlich über Menschen
Ein Streit ist an dem Himmel und gewaltig
Die Monde gehn, so redet
Das Meer auch und Ströme müssen
Den Pfad sich suchen.

Sein Gedicht Hälfte des Lebens endet mit einer radikal-nüchternen Frage und das Schicksalslied aus dem Hyperion vermag einen in melancholische Gedanken zu stürzen (mir jedenfalls ging es so).

Doch mitten in diesem Wissen darum, in der Weigerung also, sich einem realistischen Blick auf das Leben zu verschließen, vielmehr die Wirklichkeit aufzusuchen, finden sich jene Perlen im Werk Hölderlins, die uns Hoffnung geben auch in dunklen Zeiten und den Weg spuren zu dem Fundament unseres Seins.

Gerade weil Hölderlin so realitätsbezogen seine Hymne beendet, ist die Hoffnung auf Frieden und die Ankunft des Friedensfürsten so glaubwürdig.

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Text der gesamten Hymne

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Hölderlins „Friedensfeier” vermittelt Wert und Würde des Vaters, des Sohnes und der Mutter. (III)

Link Teil I: Ankunft des Friedensfürsten.
Link Teil II: „Auch darf alsdann das freche drübergehn“
Die bisher besprochenen Strophen I – VI vorab zum nochmal Nachlesen

In einer Familie ist der Familientisch deren Zentrum. Der Vater hat seinen Platz, die Mutter, die Kinder. Und das Mahl beginnt, wenn die Hände gewaschen sind und alle ruhig sitzen. Es ist eine Ordnung der Liebe. Kein Radiogeplärr, die Handys sind aus. Alle warten, bis der Teller von einem jeden gefüllt ist. In manchen Familien gibt man sich die Hände und wünscht sich guten Appetit.

Ich erinnere mich, dass mir ein Kollege der erweiterten Schulleitung vor mehr als zwanzig Jahren im Rahmen einer ziemlich heftigen pädagogischen Auseinandersetzung vorwarf, ich würde Kinder im Arrest Bilder malen lassen. In der Tat, ich hatte einen 11-jährigen Jungen, der sich nachmittags einfinden musste, weil er ständig irgendwelche Sachen vergessen hatte, gebeten, ein Bild zu malen – das Thema: Ordnung.

Nie wieder habe ich in der Schule solch ein zugleich aufschlussreiches und erschütterndes Bild zurückbekommen: Zu sehen war eine Lampe, schmucklos, eine Birne mit Fassung. Darunter ein Tisch, kahl. Und drumherum lagen mehrere Stühle kreuz und quer im Raum verteilt. Ich weiß gar nicht mehr, ob überhaupt einer auf seinen vier Beinen stand.

Da ich wusste, dass der Junge in Therapie war, habe ich der Mutter das Bild geschickt. Bei der Therapeutin ist es meines Wissens nie angekommen.
Die Mutter wusste wohl, dass diese mit einem Blick gesehen hätte, wo der Kern des Problems, das der Junge in die Schule trug, lag. Vermutlich hätte sie für eine ganze Weile erstmal die Eltern therapiert, wenn die mitgemacht hätten (bezüglich beider sollte man allerdings bekanntlich Steinewerfen unterlassen). Denn was der Junge gemalt hatte, war das erschütternde Bild seiner Familie. Die Unordnung der Familie spiegelte sich in seinem Schulranzen und in seinem Kopf, und all dies bildete einen elementaren Teil seiner Seele ab; in der muss es ähnlich ausgesehen haben. – Das Bild war ihr Aufschrei.

Der Verlust des Familientisches

1963 gab Alexander Mitscherlich ein Buch heraus, das wohl die wenigsten, die gerne dessen Titel zitieren, gelesen haben: Auf dem Weg in die vaterlose Gesellschaft. – Nun, da ist sie noch nicht ganz angekommen, vielmehr hat sich die Struktur unserer Familien fundamental geändert, und da, wo sie aus Mann, Frau und Kindern bestehen – mehrheitlich ist das noch der Fall -, ist signifikant, dass sich nicht nur die Rolle der Frau, sondern sehr oft die Rolle der Väter geändert hat: Die Zeiten, wo der Vater heimkam, die Pantoffeln anzog (die er sich gern auch bringen ließ), die Füße hochlegte und den Feierabend genoss, sind vorbei. Kaum jemand wird ihnen ernsthaft nachtrauern. Was sich aber auch geändert hat, ist, dass es den Familientisch kaum mehr gibt und ich habe noch die Aussage einer Mutter mehrerer schulpflichtiger Kinder im Ohr: „Ich gucke, dass wir wenigstens am Samstag mal alle zusammen sind.”

Die westlichen Gesellschaften sind so sehr mit der Kreation neuer Lebensstile und ethischer Modetorheiten beschäftigt, dass nur wenige mitbekommen haben, dass nicht so sehr das Problem für die Existenz von Familien die Zunahme der Alleinerziehenden ist, sondern der Verlust der Bedeutung des Vaters, der Verlust der Bedeutung der Mutter, der Verlust des Familientisches.

Damit einher geht der Verlust des Männlichen und des Weiblichen.

Lassen Sie mich das an zwei Beispielen deutlich machen. Fast jeder hat das Bild noch vor Augen: CSU-Parteitag, November 2015, die Rede Angela Merkels ist vorbei, da lässt Horst Seehofer vor dem gesamten Saal und laufenden Fernsehkameras die Kanzlerin neben sich wie ein Schulmädchen aussehen.  Und viele sehen sie noch vor sich: Angela Merkel, ziemlich überrumpelt, beschränkt auf Versuche mimischen Kommentierens. Für mich doch etwas überraschend, wie sehr sie in ihrer Körperhaltung tatsächlich die Schulmädchenrolle übernahm.

Über diese Situation ist viel gesprochen und geschrieben worden; ich habe allerdings nicht einen einzigen Artikel gelesen, der in den Vordergrund gestellt oder auch nur angesprochen hätte, dass man als Mann so mit einer Frau nicht umgeht: sie dermaßen bloßzustellen, wissend, dass sie überrumpelt sein und sich kaum wehren wird oder kann. – So verhält sich kein wirklicher Mann.

Mir fallen da spontan auch diverse Hochzeitsbilder ein, die ich im Internet wiederholt gesehen habe, wo der Mann neben seiner Braut steht, zumindest eine Hand in der Hosentasche, wenn nicht gar beide.
Das hat wenig mit Knigge zu tun, sondern mit einer Körpersprache, die für die Braut nichts Gutes ahnen lässt und eindeutig ist. Seehofers Verhalten war vergleichbar rüpelhaft.

Dass der Bayer über Jahre ein Mutterproblem an Angela Merkel abgearbeitet hat, sieht vermutlich manch einer auch so. Wenn ich bedenke, wie er immer wieder aus München Richtung Berlin und Kanzlerin nachtrat, dann wieder auf versöhnlich machte, um bei nächstbester Gelegenheit wieder zu zoffen, dann spürten nicht wenige, dass dem primär keine politische Ursache zugrunde liegt, sondern dass sich da ein großer Bub launisch ausagiert, der in Wahrheit, auch wenn das seine Körpergröße nicht vermuten lässt, nie erwachsen geworden ist. – So verhält man/Mann sich nicht.

Seehofer ist allerdings nicht der einzige Muttertreter und damit Frauentreter in unserer Gesellschaft.

Mancher wird den seelisch-geistigen Zusammenhang nachvollziehen: In vielen indianischen Kulturen war es unvorstellbar, dass man Mutter Erde bespuckt oder auf sie herab die Nase schnäuzt, wie es landauf landab vor allem auf den Fußballplätzen – Bayern Münchens Ribéry ist in Letzterem ein Experte – der Fall ist. – Ich bin übrigens gespannt, wann dieses Verhalten auch im Frauenfußball Einzug hält. Noch ist es nicht der Fall. Möglich aber auch, dass Frauen obiger Zusammenhang unbewusst zurückhält.

Um aber bei Angela Merkel zu bleiben, die für mich als personalisierte Stagnation und Konzeptionslosigkeit ein politischer Alptraum ist und in Bezug auf die ich wünschte, sie hätte die politische Bühne schon lange verlassen bzw. nie betreten:

Fassungslos bin ich, dass jemand öffentlich eine Galgenattrappe für sie zur Schau stellt und die Staatsanwaltschaft Dresden keine Handhabe sieht, gegen den freischaffenden Künstler vorzugehen, weil keine Androhung einer Straftat vorliege.

Wenn es in einem Staat keine anderen Kriterien mehr für Staatsanwälte gibt, wenn Menschenwürde zwar in der Verfassung steht, aber, wenn es darauf ankommt, nichts zählt, dann lässt das ahnen, dass noch ganz andere Dinge auf uns zukommen werden, genauer gesagt: bereits auf uns zukommen.

Ich finde es im Übrigen ebenfalls beschämend, dass ein hochrangiger Politiker dieses Landes, nämlich Sigmar Gabriel, Menschen als Pack bezeichnet, die ihre Meinung äußerten, und damit dieses Verhalten provoziert hat, was keine Entschuldigung für den Galgenbauer sein kann. Mental haben Letzteren womöglich viele unterstützt.

Politisch kann Angela Merkel ein Alptraum sein, wie groß auch immer; aber als Mann habe ich die Frau und den Menschen zu respektieren und sie weder auf der Bühne so abtropfen zu lassen noch ihr auf die angesprochene Weise an den Hals zu gehen.

Mir sind die Dimensionen des diesbezüglichen gesellschaftlichen Verlustes so recht bewusst geworden, als ich mich in Hölderlins Friedensfeier einlas. Wie voller Hochachtung da von dem Vater gesprochen wird, desgleichen auch von dem Sohn, der ohnehin sagt, dass er eins mit ihm sei. Wie schön, wenn ein Sohn seinem Vater mit solchen Worten solch eine Verehrung zuteil werden lassen kann, gewiss ein vorbildhaftes Familienleben, das deutlich macht, was denen, die sich noch auf dieser Erde entwickeln wollen, bevorsteht.

Auf eine andere Weise und auf einer menschlich viel fundamentaleren Ebene, als Mitscherlich es gemeint hat, ist diese Gesellschaft vaterlos geworden, weil sie ohne das Bewusstsein ist, das einen Vater auszeichnet, mit der er seine Familie zusammenhält. Und das Bedauerliche ist: Es ist weit und breit niemand zu sehen, der diesem Land vermitteln könnte, warum eine Gesellschaft ohne Vaterbewusstsein sich nicht positiv entwickeln kann.

Dem Urbewusstsein des Vaters kommt mit am nächsten, was Albert Schweitzer unter Ehrfurcht vor dem Leben  verstand. Und es gehört das fundamentale Bekenntnis zu einem Sohn dazu, ein Bekenntnis, welches das Christentum in ganz besonderer Weise vom Islam unterscheidet. Ein Sohn beinhaltet Entwicklung, vielleicht auch Entwicklung über den Vater hinaus. In jedem Fall bereichert der Sohn den Vater.

In der Friedensfeier finden wir dieses Bewusstsein von Vater und Sohn. Immer wieder. Auf bemerkenswerte Weise. Immer wieder sind beide Ebenen kaum trennbar. Und wir finden die Mutter zwar nur an drei Stellen recht kurz angesprochen, dafür aber gedanklich bedeutsam.

Fehlender Dank = Mangel an innerer Bildung

In den Strophen der zweiten Trias, auf die ich mich im vorausgehenden Beitrag bezogen habe, waren die Einstellungen von uns Menschen zunehmend in den Fokus gerückt und Hölderlin hat wiederholt auf die Defizite menschlichen Verhaltens verwiesen, so, was es für Folgen hat, wenn das Wilde – wir lesen davon in der fünften Strophe – zum Heiligen vordringt und dieses schonungslos preisgegeben ist, wo doch der göttlich Gebende seinerseits auf Schonung der Menschen so achtet. Fehlender Dank ist der Gradmesser dafür, wie sehr es dem Wilden noch an innerer Bildung mangelt.

Wir lesen ebenfalls, dass der Mensch fast überfordert sein mag, angemessen mit den Elementen umzugehen: Viel mehr, denn menschlicher Weise / Sind jene mit uns, die fremden Kräfte, vertrauet. (VI,4f)

Und Hölderlin mahnt den Leser zur Demut, ihn persönlich ansprechend: Und es lehret Gestirn dich, das / Vor Augen dir ist, doch nimmer kannst du ihm gleichen. (VI,6f)

In der Stille verstehen und hören sich alle!

In der dritten Trias nun führt uns Hölderlin auf Ebenen, die sich gewiss nicht im Vorübergehen erschließen.
Im Sinne von Johannes 16,12Noch vieles hätte ich euch zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen – mag der Beginn von Strophe VII, die ins Zentrum menschlichen Schicksals und menschlicher Aufgaben führt, verstanden werden können:

VII
Denn längst war der zum Herrn der Zeit zu groß
Und weit aus reichte sein Feld, wann hats ihn aber erschöpfet?
Einmal mag aber ein Gott auch Tagewerk erwählen,
Gleich Sterblichen und teilen alles Schicksal.
Schicksalgesetz ist dies, daß Alle sich erfahren,
Daß, wenn die Stille kehrt, auch eine Sprache sei.
Wo aber wirkt der Geist, sind wir auch mit, und streiten,
Was wohl das Beste sei. So dünkt mir jetzt das Beste,
Wenn nun vollendet sein Bild und fertig ist der Meister,
Und selbst verklärt davon aus seiner Werkstatt tritt,
Das schönausgleichende gilt von hier an bis zum Himmel.

Jener Gott, der Tagewerk erwählt, den kennen wir aus der zweiten Strophe; da wurde er als Fürst des Festes erwartet, der sich offensichtlich gerade noch auf der letzten Etappe seiner Mission, Heldenzug genannt, befand. Über jenen erfahren wir hier mehr, nämlich, dass in dessen Rahmen Christus – er ist, im Gegensatz zu der Auffassung von Jochen Schmidt, meiner Ansicht nach der Fürst des Festes – den Sterblichen gleich ALLES Schicksal teilt und damit sich auch jenem Schicksalsgesetz unterordnete, dass ALLE sich erfahren.

Unklarheit gärt!

Insgesamt intoniert Hölderlin in der Hymne zehnmal dieses Allheits-Motiv, eine Bezeichnung, die, wie so viele ihrer Art, der Gefahr unterliegt, die Realität zu verwässern, die darin besteht, dass Gott der Alllebendige ist, dass von den Allkräftigen gesprochen wird, vom Festtag //  De(m) Allversammelnde(n) und dass alle kennbar (VIII,8) sind:

Es ist ein Grundzug dieses Festtages, dass in einem geistigen Raum, im Frieden, sich alle finden, sich alles findet. Später wird noch deutlich werden, dass diese Allheit aber eben kein großer Topf ist, in den alles hineingegeben und dann herumgerührt wird, wie das manche tun, die gern die Pantheismus-Sauce rühren, sondern dass alles dennoch als Einzelnes erkennbar bleibt.

Das ist auch der Grund, warum Hölderlin immer wieder so einen intensiven Blick aufs Detail wirft. Ein Alleinheitsgepansche, das auf intellektuellem Unvermögen oder charakterlich bedingter, bestens getarnter Bequemlichkeit besteht, hat keinen Zugang zu jenem Allheits-Verständnis, das sich jeder einzelnen Einheit bewusst ist.

Deshalb erfährt sich alles, deshalb erfahren sich alle.

Wer zu einer differenzierenden Mühe nicht bereit ist, erfüllt nicht die Voraussetzungen für Frieden, denn Unklarheit gärt.

Bemerkenswert ist vor allem, abgesehen von der angesprochenen Allheit, dass dieser Gott, der ein Gott genannt wird, daran teilhat und nicht ausgenommen ist. Und das Bemerkenswerteste ist, dass es ein lernender Gott ist, ein erfahrender; er teilt das Schicksal des alles Erfahrens. Die Auffassung, dass er schon zuvor alles wisse, lässt einen die Frage stellen, ob die Erfahrung, als Gott in einem menschlichen Körper zu sein, eine schon immer vorhandene Bewusstseins-Dimension des Göttlichen gewesen sein kann. – Ich glaube nicht. Nicht, wenn er mit den Menschen deren Zeit teilt.

Dieser Gott als ein Gott der Zeit – ich bezweifle nicht, dass es Göttliches außerhalb der Zeit gibt – ist mit unterwegs und weil er ihr Schicksal teilt, bedeutet das nichts anderes, als dass auch die Sterblichen auf einem Heldenzug (II,5) unterwegs sind, auch wenn es nicht immer danach aussieht.

Aufgrund dieser gemeinsamen Erfahrung finden alle zu einer Sprache, die sie gemeinsam verstehen, eine Sprache, die nur in Stille zu hören ist, eine Sprache fernab aller Lautsprecher und einer Akustik, die uns angeblich wirkliches Hören zu ermöglichen scheint.
Noch in der Apostelgeschichte haben wir den Tatbestand, dass die Apostel in vielen Zungen reden müssen, um sich verständlich zu machen. – Dieser Zustand wird überwunden und nicht mehr notwendig sein.

Dass alle sich erfahren, bedeutet nicht, dass alle in jeglicher Hinsicht das Gleiche tun und erleben, es mag aber sehr wohl bedeuten, dass ein Bewusstein davon besteht, dass wir alle eine gemeinsame Verantwortung tragen und grundsätzlich bei allen verstehen, was geschieht, weil es ein Teil unserer gemeinsamen Schicksals ist und dass, wie jede Zelle unseres Körpers informiert ist über alles, was im Gesamtsystem geschieht, jeder von uns per Botenstoffen, wie auch immer sie auf geistigem Feld aussehen mögen, informiert ist, was in der Welt als Erfahrung vorkommt.

Ho’oponopono – missbraucht als spiritueller Fake

Seit jener Datei, die sich im Netz in Windeseile zigtausendfach multiplizierte und in der berichtet wird von einem hawaianischen Therapeuten namens Hew Len, der eine ganze Klinik therapiert und geheilt haben soll, ohne einen der Patienten gesehen zu haben, nur, indem er sich in sie hineinversetzte und deren Schickal als sein eigenes ansah, und seit Zero Limits, das von jenem Therapeuten zusammen mit einem Hypnosetherapeuten namens Joe Vitale herausgegeben wurde, schwappt eine Ho’oponopono-Welle über den Globus, die mir fast einem spirituellen Tsunami gleichzukommen scheint. Ich verlinke zu dieser Datei und äußere mich zu Joe Vitale und Genossen dort detaillierter.

Einbezogen sehen möchte ich hier auch jenes Channeling-Unwesen, das seit ca. 20 bis 30 Jahren von Amerika her die Kontinente überzieht. Es könnte in gewisser Weise faszinierend sein, wie solch spirituelle Verwirrungen möglich sind – manchmal ist fast zu offensichtlich, dass sie erfunden sind – , wenn alles nicht in Bezug auf die Folgeerscheinungen so traurig wäre, auf welch einfache Weise es nämlich dem sogenannten Dunklen gelingt, zahlreiche Menschen seelisch zu paralysieren, wobei sich die meisten für erleuchtet oder für nahezu erleuchtet halten, zumindest aber glauben, auf dem Pfad von Licht und Liebe zu sein.

Gerade auf diesem Hintergrund wird deutlich, warum Hölderlin so wichtig ist. Er macht nicht glauben, dass es einfache Lösungen gäbe, sondern spricht von einem Heldenzug und von umfassenden Erfahrungen. Wie Hew Len zu vermitteln, man könne mit zwei suggestiven Sätzen sich selbst und die Welt retten, ist verantwortungslos. Unsere Kultur weiß im Parzvial und in der Unendlichen Geschichte beispielsweise deutlich darauf zu verweisen, wie sehr dieses Vorwärtskommen ein Kampf ist! Es mag kein Zufall sein, dass Stuart Wildes Buch Leben war nie als Kampf gedacht: mehr wie ein Wandern durch ein sonniges Tal, von einem Punkt zum nächsten nicht mehr aufgelegt wird. – Vielleicht hat der Autor selbst gemerkt, dass er damit ziemlichen Nonsense verbreitet hat, der zwar gut klingt, aber zugleich maßlos gefährlich ist, weil Menschen, die mit sich oder anderen etwas auszufechten und zu klären haben, glauben, dass das eigentlich nicht notwendig sei.

Hölderlin spricht bewusst von Streit, und das im Zusammenhang mit dem Geist – und hier ist sicherlich der göttliche gemeint (VII,7). Es ist, ohne dass das hier weiter ausgeführt werden kann, kein Widerspruch zwischen der Aussage Jesu, – Widerstehet nicht dem Bösen –  und der des Paulus: Kämpfet den guten Kampf des Glaubens.

Als Beispiel dafür mag gelten, wie streitlos, wie kampflos jene, die sich als Glaubende sehen, das Feld geräumt haben im Hinblick auf das seit mehr als tausend Jahre verbreitete Denken, es gebe einen Widerspruch zwischen Glauben und Wissen, ja, beides schlösse sich aus, wie manche akzeptieren oder gar verbreiten. Als ob die kopernikanische Wende, die Relativitätstheorie oder die Genforschung ein Widerspruch zum Glauben seien. Dringt nicht gerade die Elementarteilchenphysik in immer immateriellere Bereiche des Seins vor und beweist nicht die Genforschung, wie unendlich kunstvoll und sorgfältigst abgestimmt der Bauplan des Lebens ist?

Natürlich besteht von gewisser – nennen wir sie dunkler – Seite ein höchstes Interesse, Wissen und Glauben voneinander zu trennen. Aber wenn etwas genuin zusammengehört und wenn etwas den Weg des Glaubens hin zu wahrem Wissen erschließt, dann ist es ein gemeinsames Vorwärtsgehen von Glauben und Wissen. Dass beide nicht immer gleichauf sind oder sein müssen, ist selbstverständlich, ebenso wie, dass bei Menschen mehr das eine oder mehr das andere dominiert – was doch selbstverständlich ist. Dennoch gehören sie zunehmend zusammen, denn die menschliche Bewusstseinsqualität verändert sich und Glaubende werden sich zunehmend zum Wissen hin orientieren und Wissende zum Glauben; Einstein und Planck sind die wohl berühmtesten Beispiele. – Für einen Zusammenhang von Glauben und Wissen lohnt es sich zum Beispiel zu streiten, ja, es müsste vielmehr dafür gestritten werden. Das Bewusstsein der Menschen geht jedenfalls dahin, sich diesen Zusammenhang zu erobern.

Grundsätzlich meint Hölderlin, wenn er von streiten spricht: Der Mensch beteiligt sich. Er nimmt Teil an dem, was ihm bestimmt ist, dafür einzutreten. Wer dies bestimmt? Die höchste Instanz in ihm, sein Selbst. ich könnte auch sagen: der Archetypus des Heilands in ihm, mittlerweile allerdings halte ich die Begrifflichkeiten der analytischen Psychologie für gefährlich.

So ist es auch nur zu selbstverständlich, dass der Meister nicht aus einer Wohlfühl-Oase oder dem kosmischen Ferienbungalow tritt, sondern aus einer Werkstatt (VII,10)! Und aus jener tritt das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung, wie es im Kolosserbrief des Paulus  heißt, um anzudeuten, warum auch in der Friedensfeier von Bild – so lautet übrigens auch die wörtliche Übersetzung des griechischen Wortes bei Paulus – gesprochen ist.

Vom Gespräch zum Gesang!

Von Beginn der Zeit an, in der Sprache Hölderlins: von Morgen an, vom Orient her, seit wir ein Gespräch sind, in der Lage, zu sprechen und zu hören, haben wir viel – hier spricht Hölderlin nicht von allem! – erfahren; bald sind wir Gesang. Das bald erklärt, warum noch gar nicht von allem gesprochen werden kann – noch sind wir auf dem Weg:

VIII
Viel hat von Morgen an,
Seit ein Gespräch wir sind und hören voneinander,
Erfahren der Mensch; bald sind wir aber Gesang.
Und das Zeitbild, das der große Geist entfaltet,
Ein Zeichen liegts vor uns, daß zwischen ihm und andern
Ein Bündnis zwischen ihm und andern Mächten ist.
Nicht er allein, die Unerzeugten, Ewgen
Sind kennbar alle daran, gleichwie auch an den Pflanzen
Die Mutter Erde sich und Licht und Luft sich kennet.
Zuletzt ist aber doch, ihr heiligen Mächte, für euch
Das Liebeszeichen, das Zeugnis
Daß ihr noch seiet, der Festtag,

IX
Der Allversammelnde, wo Himmlische nicht
Im Wunder offenbar, noch ungesehn im Wetter,
Wo aber bei Gesang gastfreundlich untereinander
In Chören gegenwärtig, eine heilige Zahl
Die Seligen in jeglicher Weise
Beisammen sind, und ihr Geliebtestes auch,
An dem sie hängen, nicht fehlt; denn darum rief ich
Zum Gastmahl, das bereitet ist,
Dich, Unvergeßlicher, dich, zum Abend der Zeit,
O Jüngling, dich zum Fürsten des Festes; und eher legt
Sich schlafen unser Geschlecht nicht,
Bis ihr Verheißenen all,
All ihr Unsterblichen, uns
Von eurem Himmel zu sagen,
Da seid in unserem Hause.

Unwillkürlich kommen einem die Worte Rilkes aus dem Buch vom mönchischen Leben in den Sinn, wenn er darüber spricht , dass er sein Leben in wachsenden Ringen lebe und um Gott, den uralten Turm kreise und mit den Zeilen schließt:

und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Durchaus möglich, dass Rilke hier von Hölderlin inspiriert war, den er verehrte wie kaum einen anderen, nachzulesen in seinem Brief an N. von Hellingrath aus dem Jahr 1914: Sein Einfluß auf mich ist groß und großmüthig, wie nur der des Reichsten und innerlich Mächtigsten es sein kann.

Der Mikrokosmos Mensch ein großer Gesang, so wie der Makrokosmos eine harmonia mundi, um es mit Kepler zu formulieren, wobei wir eingedenk der Tatsache sein sollten, dass nach Auffassung führender Astrophysiker die Menschheit zu diesem augenblicklichen Zeitpunkt etwas fünf Prozent des Weltalls versteht bzw. kennt. Wie hoch die Kenntnis unserer selbst dann ist, mag jeder für sich entscheiden.

Wenn Hölderlin in Strophe VI davon spricht, dass wir den Vater kennen, so ist dabei zu berücksichtigen, dass das Gültigkeit hat für einen Bewusstseinszustand, der zutrifft auf die Teilnehmer der Friedensfeier, der aber sich grundsätzlich dessen bewusst sein mag, dass Gott immer mehr ist, als wir wissen können, zumal es doch sicherlich einen Gott gibt, der außerhalb unseres Zeitverständnisses existiert und einen, der in der Zeit mitlebt als Wort, als Logos. Schon Platon hat sich in seinem Timaios damit auseinandergesetzt, dass es einen Gott ohne alles Werden gibt und dass es eine Welt als ein wirkliches beseeltes und vernünftiges Wesen durch Gottes Vorsehung entstanden gibt.

Wenn wir uns Gottes annäherungsweise versuchen bewusst zu werden, dann bezieht sich das auf jenen, der sich uns im Rahmen der Zeit vermittelt. Jener Gott, der ohne alles Werden ist, ist für uns, so glaube ich, jenseits unseres Vorstellungsvermögens. Er lebt in einer Welt, von der wir, vermute ich, nicht einmal einen Schimmer haben.

Zeichen lesen lernen – Zeit lesen lernen

Immer ist die Zeit in der Friedensfeier von großer Bedeutung; ständig ist sie zugegen, sei es in der im ersten Beitrag erwähnten Spannung zwischen Partizip-Präsens- und Partizip-Perfekt-Vorkommen der ersten Strophe, sei es in noch unauffälliger wirkenden Zeit-Adverbien wie beispielsweise schon, heute, jetzt, längst, inmitten, alsdann, nun oder der temporal verwendeten Konjunktion da.

Im ersten Vers der siebten Strophe nun ist von Gott als einem Herrn der Zeit die Rede, aktiv im Rahmen unseres Zeitverständnisses, indem er ein Tagewerk erwählt. Am Ende der Strophe wird schließlich von dem stillen Gott der Zeit geschrieben sein, den wir Menschen vielleicht erst in diesem So-Sein wahrnehmen können, weil wir ihn nun erst in Zusammenhang mit der Liebe Gesetz (VII,11) zu bringen vermögen. Dann erst wird er uns als stiller Gott erkennbar.

Schließlich ist in Strophe VIII von der göttlichen Entfaltung eines Zeitbildes die Rede, Ein Zeichen liegts vor uns (VIII,5), Ausweis eines Bündnisses zwischen Gott und anderen Mächten.

Und das habt zum Zeichen

In früheren Zeiten hatten die Menschen ein Verhältnis zu einer Zeichen-Sprache, die sich ihnen im Vogelflug zeigte, in der Wolkenbildung, im Rauch eines Feuers, in der Konstellation der Sterne; bekanntermaßen maßen sie Kometen höchste Bedeutung zu.

Das Wort Zeichen kommt im Werk Hölderlins nicht häufig vor, dafür allerdings findet es sich an wichtigen Stellen, in der Friedensfeier, in Am Quell der Donau oder in Patmos, wo es in der vorletzten Strophe über den Schreiber der Apokalypse Johannes heißt:

Und wenn die Himmlischen jetzt
So, wie ich glaube, mich lieben
Wie viel mehr dich,
Denn eines weiß ich,
Daß nämlich der Wille
Des ewigen Vaters viel
Dir gilt. Still ist sein Zeichen
Am donnernden Himmel. (…)

Natürlich weiß Hölderlin um die Bedeutung der Zeichen, wie sie in der Bibel vorkommen, allen voran um den Regenbogen, wie er den Menschen nach der Sintflut als Zeichen Gottes gegeben wird, und um den Sabbat als ewiges Zeichen für ein Bewusstsein des Geheiligtseins durch Gott.

Das mag verständlich machen, welche Bedeutung das Zeitbild hat, das Gott entfaltet, denn es wird eben auch als Zeichen bezeichnet.

Der Zeit und dem in ihr sich zum Ausdruck bringenden göttlichen Bild haben wir Menschen im Laufe der Zeit immer weniger Wert zugestanden. Zeit hat sich zunehmend profanisiert. Ursprünglich in der Genesis, dem 1. Buch Mose, ein göttliches Schöpfungswerk und noch bei den Griechen ein so wichtiger Gott, nämlich Kronos, ist sie heute ein Planungsmittel, eine Selbstverständlichkeit, für die dankbar zu sein, der Mensch weit entfernt ist. Ja, die Zeit muss dankbar sein, wenn man sie nicht verflucht.

Hölderlins Antwort auf diese hybride, arrogante – er selbst würde sagen – freche Einstellung ist, dass der Mensch in obigen Versen gar nicht vorkommt. Er spielt keine Rolle in diesem Zeitbild. Das ist wie ein Hinweis zu uns Menschen hin, endlich realistisch die eigene Größe wahrzunehmen, die angesichts jener der Himmlischen, der Mächte, die für das Zeitbild wesentlich sind, absolut keine ist.

Wir überschätzen uns maßlos, wir nehmen uns viel zu wichtig.

Hölderlin lenkt den Blick auf uns weit überlegene Mächte. Zweimal fällt dieses Wort in Strophe VIII. Offensichtlich gehen selbst jene davon aus, nicht mehr wahrgenommen zu werden angesichts der Entfaltung des Göttlichen. Doch der Seher, als der sich Hölderlin selbst sieht, verweist sie auf den Festtag, der ganz besonders auch ihnen gilt: Er ist nicht nur Zeichen, er ist Liebeszeichen, er ist nicht nur Liebeszeichen, er ist Zeugnis / Daß ihr noch seiet (VIII,12).

Und nun ist eine Bemerkung so aufschlussreich (… Himmlische nicht / Im Wunder offenbar, noch ungesehn im Wetter – IX,1f):

Die Zeit der Wunder ist vorbei, als sich das Göttliche in ihnen und durch sie offenbarte, erst recht jene Zeit, als Götter noch durch Wetter – dreimal wird in der Friedensfeier darauf abgehoben -, seien es Blitze, Stürme, Wolken oder Donner, sich dem Menschen kundtaten. Erstere erinnern eher an neutestamentarisches Geschehen, Götter im Wetter eher an archaisches.

Die Ordnung ist offensichtlich: Geordnet in Chören nach heiliger Zahl (IX,4) nimmt der Festtag Bezug darauf, wie die Welt entstand, geordnet nach Maß, Zahl und Gewicht, wobei – wir erinnern uns – die Arche und die Bundeslade nicht von ungefähr durch solch eine Ordnung, exakte Maße also, gekennzeichnet waren, wie sie auch für das himmlische Jerusalem gelten werden, wenn durch das ganze apokalyptische Geschehen hindurch die Sieben und die Zwölf Wesenheiten und Ordnungskräfte sein werden.

Wer Ohren hat zu hören, der höre.

Wer Ordnung – und Kosmos bedeutet nicht zufällig Ordnung, Schmuck – auf eine minderwertige Ebene zu ziehen versucht, sie in Zusammenhang mit Philister- und Spießertum zu bringen sucht und versucht, sie gegen Kreativität auszuspielen, kaschiert nur sein Unvermögen, das Zeitbild sehen zu können, ja vor allem sehen zu wollen.

Es mag auch bewusst werden, wie wichtig die eingangs angesprochene Ordnung in der Familie ist. Bert Hellinger, dessen Ansichten man nicht teilen muss, aber eine Auseinandersetzung mit ihnen sich lohnt, titelte eines seiner ersten Bücher Ordnungen der Liebe im Hinblick auf Familienaufstellungen. In wie vielen nehmen nicht Kinder die Stelle des Vaters oder der Mutter ein, obwohl jene physisch da sind.

Es gibt immer wieder Situationen, wo der Vater beispielsweise nicht Kumpel und Freund sein kann, sondern Erwachsener, Verantwortlicher ist. Ohne dieses vorbildliche Sein bildet sich in den Kindern selbst nicht der innere Erwachsene, der erkennbar und vorbildhaft anwesend sein muss, nicht nur physisch, sondern vor allem seelisch, damit das innere Kind sie nicht ein Leben lang dominiert, ja terrorisiert. Beispiele hierfür gibt es in der Öffentlichkeit viele, gerade auch unter Politikern. Jene, die vorgeben, immer alles zu verstehen, bisweilen im Ductus des penetranten Besserwissers, oder jene, die sich besonders martialisch geben oder Wert darauf legen, unberechenbar zu sein, sind  nicht wirklich Erwachsene.

Innerhalb des von Hölderlin angesprochenen Zeitbildes ist alle Erfahrung möglich, niemand muss sich darüber beschweren, Ordnung habe alles erstickt. Die Erstickenden sind jene Menschen, die durch ihre Denkschablonen sich den Blick auf das Ganze selbst verstellen. Es sind meist jene Leute, die immer alles ganz genau wissen.

Selbst die Himmlischen sind Gäste!

Zwei Punkte möchte ich noch kurz aufgreifen, die mir wichtig sind, denn zwei Worte wollen auf den ersten Blick nicht so recht passen: gastfreundlich und Gastmahl.

Die da kommen, selbst die Himmlischen, kommen ohne jeden Anspruch zur Friedensfeier. Sie sind Gäste!

Wenn man bedenkt, wie wichtig wir Menschen uns manchmal vorkommen, dann sollten wir daran denken, dass jene, die als Ewige, Unsterbliche, Selige, heilige Mächte oder auch Himmlische bzeichnet werden, auf dem Friedenfest Gäste sind!

Und was mir noch wichtig ist: Das Haus (IX,15) steht oft für die Seele. Und das lyrische Ich spricht am Schluss der Strophe gar nicht von dem Fürsten des Festes, sondern davon, dass die Verheißenen, die Unsterblichen da sind in diesem Haus und von ihrem Himmel erzählen. – Es ist nicht unbedingt der Himmel des Geliebtesten.

Das versteht man nicht, weil immer und immer wieder Luther von einem einzigen Himmel gesprochen hat, obwohl selbst im Vater Unser von d e n Himmeln im Griechischen geschrieben steht, wie ebenso an anderen wichtigen Stellen. Dante hat sehr wohl gewusst, warum in seiner Göttlichen Komödie sowohl der Hölle als auch dem Fegefeuer wie auch dem Himmel verschiedene Ebenen zugeordnet waren. Es gibt nicht d i e Hölle, es gibt nicht d e n Himmel. Es gibt die Höllen, es gibt die Himmel. – Als ob es auf unserer Erde nur einen Bewusstseinszustand gäbe. Als ob es im Himmel nur einen Bewusstseinszustand gäbe. Traditionellen Christen ist dieser Gedanke ketzerisch. Man sieht, was Luther mit seiner Übersetzung angerichtet hat.

Das Bewusstsein des lyrischen Ichs hat jenem ermöglicht, den Jüngling, den Fürsten des Festes einzuladen. Offensichtlich ist das bereits geschehen. Doch sind die Himmlischen noch nicht in unserem Haus, dem Haus der Menschen.

Die dritte Trias hat ein Bild entworfen, ein Geschehen vor uns als Leser ausbreitend, das einen so in Bann zu ziehen vermochte, als ereigne es sich gerade. Vergessen wir nicht: noch sind wir auf der exzentrischen Bahn. Und mancher, der glaubt, bereits erfolgreich eingeladen zu haben, spricht nicht die Sprache der Stille.

Die Einladung zum Festtag will ausgesprochen sein!

Die letzten Verse dieser neunten Strophe rufen uns zur Bescheidenheit auf, falls wir zum Festtag rufen. Denn wir haben zu hören.

Es wird, wenn es soweit ist, unsere Aufgabe sein, zum Festtag alle Unsterblichen zu rufen und ganz besonders den Geliebtesten, denn an dem hängen sie alle. Auch wir.
Falls wir das annehmen können.

*  *  *

In den vorausgehenden Beiträgen zur Friedensfeier war es Usus, dass ich abschloss mit der die folgende Trias eröffnende Strophe. Das möchte ich auch heute tun:

X
Leichtatmende Lüfte
Verkünden euch schon,
Euch kündet das rauchende Tal
Und der Boden, der vom Wetter noch dröhnet,
Doch Hoffnung rötet die Wangen,
Und vor der Türe des Hauses
Sitzt Mutter und Kind,
Und schauet den Frieden
Und wenige scheinen zu sterben,
Es hält ein Ahnen die Seele,
Vom goldnen Lichte gesendet,
Hält ein Versprechen die Ältesten auf.

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PS: Lektüre der bisher besprochenen 1. – 3- Trias hier

PPS: Lektüre der Friedensfeier in Gänze: hier

Fortsetzung der Interpretation: Teil IV

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„Auch darf alsdann das Freche drübergehn”. – Hölderlins „Friedensfeier“ (II).

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Teil I: Ankunft des Friedensfürsten. Hölderlins „Friedensfeier” – Adventsgedanken.

Freches, also dummdreistes Verhalten ist gar nicht zu verhindern. Die Frage ist vielmehr: Gibt es in unserer Gegenwart noch ein Bewusstsein dieser göttlichen Klarheit, von der in Strophe II zu lesen war? – Blüht der Geist in hesperischer Stille, in der Stille des Abendlandes? – Hölderlin schreibt genau darüber in seinen „Vaterländischen Gesängen”, Höhepunkten deutscher Lyrik, eben auch in der „Friedensfeier”.

Wir wissen, dieser Geist blüht nicht mehr. Eher wird der Alltag lauter, kreischender.

Warum das so ist?

Die Ursprünge kennen wir. Sie – und damit die Schlange – zu dämonisieren, hat eine klare Sicht auf das Geschehen verstellt. Wir wären auf ewig göttliche Klone geblieben, hätte es keine Schlange, hätte es nicht Luzifer, Kain und Prometheus gegeben. Vermitteln zu wollen, Gottes Ebenbilder seien gleichsam seine Abziehbilder, die man von einer Folie abzieht, ins Weltall oder auf die Erde klebt und dann „lebendig” sein lässt, ist eine kirchlich-theologische Suggestion, von der sich die Menschen zu befreien beginnen. Deshalb ist es womöglich auch gut, wenn sich viele von der Kirche distanzieren, die nicht aufhört, alte Zöpfe zu predigen. Vielleicht bringt die Tatsache, dass mehr und mehr Menschen in die innere Emigration und nicht mehr in die Kirche gehen, die evangelische und katholische Kirche dazu, innezuhalten, in die Stille zu gehen. Aber ich vermute, beide müssen erst all ihr Vermögen und ihre beanspruchte Macht verlieren, damit sie zur Besinnung kommen. Wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz (Matth.6,21), ist ein wirklich wahres Wort, und es trifft, was diese nicht sehen wollen, gerade auf die Kirchen zu! – Mein Respekt gilt unabhängig davon vielen einzelnen Pfarrern und Priestern vor Ort, die, entsprechend ihrem Bewusstseinsstand, tun, was sie können und damit menschlich Wertvolles leisten.

Zu glauben, dass der Mensch als Gottes Ebenbild nur schöpft, was Gott möchte, ist eine Folge dieses Gottes-Klon-Denkens und wohl kaum im Sinne göttlichen Schöpfertums. Schließlich lässt Gott sich auch nicht vorschreiben, was er tut. Warum sollte sein Ebenbild sich dann vorschreiben lassen, was es tut?

Dass dieses Noch-nicht-Ebenbild sich zu einem höheren und höchsten Bewusstsein emporarbeitet, ist, davon abgesehen, unzweifelhaft und unzweifelhaft notwendig, und damit auch, dass es aus den Folgen seines Tuns zugleich die Konsequenzen zu tragen hat.

Den Tod. Sein Schicksal insgesamt, das Hölderlin immer wieder anspricht.

Zu glauben, dass dies alles in einem einzigen Menschenleben geschehen könne, mag man – insbesondere seit dem Konzil zu Konstantinopel kirchlich verordnet (wer eine fabelhafte Päexistenz der Seele lehrt, sei verflucht!) – für wahr halten. Meine Eltern taten dies auch.

Elterliche Denkschablonen zu übernehmen, war schon immer so bequem wie gefährlich. Schon Wolfram von Eschenbach hat in seinem Parzival, dem neben dem Faust und der Unendlichen Geschichte spirituellsten Buch innerhalb der deutschen Literatur, nicht von ungefähr aufgezeigt, wieviel Leid es mit sich bringt, wenn man den Anweisungen der Mutter unüberlegt Folge leistet

Vielleicht ist der Mensch das größte göttliche Experiment, das je stattgefunden hat. Denn wenn etwas an der gängigen Theologie des Sündenfalls richtig ist, dann dies, dass ein Fall vorliegt, der so nicht vorgesehen war, dass die exzentrische menschliche Bahn, von der Hölderlin spricht, womöglich exzentrischer geworden ist, als es ein möglicher göttlicher Plan vorgesehen hat. Wenn wir sehen, welcher Gräuel im Verlauf der Geschichte Menschen fähig sind – jüngstes Beispiel sind die bestialischen Gräueltaten des IS gewesen, aber Menschen auf Lastwagen durch Abgase umgebracht zu haben oder sie mit Armen und Beinen an Pferde gebunden und in Stücke gerissen lassen zu haben, steht deren Schandtaten nur wenig nach -, dann zweifelt man an dem göttlichen Ebenbild, genannt Mensch. Und immer mehr unserer Zeitgenossen sehen realistisch, dass der zunehmende Werteverlust eine Art von Seelenlosigkeit zeitigt, die erschreckt. Über den IS oder die von Menschen angewandten Foltermethoden den Kopf zu schütteln, gleichzeitig aber per Panama- und Paradise-Papier den Menschen weltweit Geld zu entziehen, das deren soziale Institutionen und Menschen, die nach wie vor Hungers sterben, dringend bräuchten, ist eine crude Mischung von Bigotterie und kriminellem Handeln, genauso wie die Tatsache, dass keine Nation ein wirkliches Interesse hat, diesen Sumpf trockenzulegen, weil die jeweils führenden Politiker, die dieses Trockenlegen veranlassen müssten, genau wissen, dass sie in diesem System bestens leben. Das galt für Schäuble, gilt für Merkel, Macron und wie sie alle heißen.

Wenn der Mensch nicht zur Besinnung kommt, könnte das Erschrecken riesiger werden, als es uns vom Ende von Atlantis überliefert ist. Insgeheim trösten sich unsere Politiker und andere mehr oder weniger unbewusst damit, dass sie nicht mehr leben, wenn das Erschrecken Realität wird. Und unsere Kinder haben noch nicht die Kraft, den diversen Juncker, Trump, Putin, Macron, Merkel und wie zukünftige Politiker gleicher Art heißen mögen, das Ruder aus der Hand zu nehmen, die sehenden Auges, allerdings durch Alkohol, Machtgier und Tranquilizer verblendet bzw. zugedröhnt (die ein oder andere kommt einem doch auffallend sediert vor), viel zu wenig tun, im Gegenteil, die Lage noch zu verschlimmern bereit sind.
Ich persönlich aber hoffe, dass diese Zeit bevorsteht, dass also unsere Kinder schnell genug erwachsen werden, damit Realität werden kann, wofür geistig vor 2000 Jahren der Boden bereitet wurde und Hölderlin visionär herbeisehnt:

IV
Und manchen möcht ich laden, aber o du,
Der freundlichernst den Menschen zugetan,
Dort unter syrischer Palme,
Wo nahe lag die Stadt, am Brunnen gerne war;
Das Kornfeld rauschte rings, still atmete die Kühlung
Vom Schatten des geweiheten Gebirges,
Und die lieben Freunde, das treue Gewölk,
Umschatteten dich auch, damit der heiligkühne
Durch Wildnis mild dein Strahl zu Menschen kam, o Jüngling!
Ach! aber dunkler umschattete, mitten im Wort, dich
Furchtbarentscheidend ein tödlich Verhängnis. So ist schnell
Vergänglich alles Himmlische; aber umsonst nicht.

Das lyrische Ich lässt ein Bewusstsein darüber erkennen, dass es mit einer Einladung so einfach nicht getan ist. Voraussetzung für das, was geschehen möge, ist, sich des Weges, der Einstellungen und des Verhaltens von Jesus bewusst zu sein.

Nicht von ungefähr taucht dreifach in dieser Strophe an entscheidender Stelle die Partikel aber auf. Das erste aber spannt zunächst über neun Verse einen gewaltigen Bogen, um dann zweimal kurz hintereinander auf Entscheidendes zu verweisen.

Zunächst finden wir einen im Grunde unvollständigen Satz: Und manchen möcht ich laden, aber o du, Der (…) am Brunnen gerne war – die Fortsetzung der Ansprache fehlt, an deren Stelle tritt Jesu Leben:

Am Jakobsbrunnen vor Sichar bricht – und das ist ein markantes Kennzeichen seines Wirkens – Jesus massiv jüdische Normen, nicht nur, dass er eine samaritische Frau, die sich nicht gerade als monogam herausstellt, kontaktiert – sie als Prostituierte hinzustellen, wie das manchen Bibelausleger tun, halte ich für ziemlich übertrieben -, sondern dass er sie auch noch bittet, ihm Wasser zu geben; den Regeln altjüdischen Verhaltens entspricht das ganz und gar nicht:

Als nun der Herr erfuhr, daß die Pharisäer gehört hatten, daß Jesus mehr Jünger mache und taufe als Johannes / (wiewohl Jesus nicht selbst taufte, sondern seine Jünger), / verließ er Judäa und zog wieder nach Galiläa. / Er mußte aber durch Samaria reisen. / Da kommt er in eine Stadt Samarias, genannt Sichar, nahe bei dem Felde, welches Jakob seinem Sohne Joseph gab. / Es war aber daselbst Jakobs Brunnen. Da nun Jesus müde war von der Reise, setzte er sich also an den Brunnen; es war um die sechste Stunde. / Da kommt eine Frau aus Samaria, um Wasser zu schöpfen. Jesus spricht zu ihr: Gib mir zu trinken! / Denn seine Jünger waren in die Stadt gegangen, um Speise zu kaufen. / Nun spricht die samaritische Frau zu ihm: Wie begehrst du, ein Jude, von mir zu trinken, die ich eine Samariterin bin? (Denn die Juden haben keinen Verkehr mit den Samaritern.) (…)

Ihre Situation, dass sie fünf Männer gehabt habe und mit dem derzeitigen in wilder Ehe lebe, sagt ihr Jesus in der Folge auf den Kopf zu. Seine Hellsichtigkeit lässt sie erkennen, dass sie es mit einem Propheten zu tun hat, ja, sie ahnt und sagt es, dass er Christus sei, und es entspinnt sich eines der eindrücklichsten Gespräche der Bibel, in dessen Rahmen der Zimmermannssohn andeutet, dass durch sein Kommen die Beziehung zu Gott sich völlig verändern wird. Auch seine Aussagen gegenüber den zurückkommenden Jüngern, die Essen eingekauft hatten, bestätigen, dass nicht einfach mehr gilt, was bisher galt und dass, wer in Gegenwart des Göttlichen meint, seine Normen und Gesetze zur Anwendung bringen zu müssen, möglicherweise das Göttliche, den Geist der Wahrheit vertreibt. Tatsächlich lässt sich ja bei vielen Christen auch unschwer feststellen, dass Gottes Wahrheiten, von denen sie sehr überzeugt sind, ach so überraschend ihren eigenen Einstellungen gleichen.

Oft entspricht das Göttliche in Wahrheit nur dem eigenen Inneren.

Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, wird vielleicht aufgefallen sein, dass auch in Strophe IV wieder Stille angesprochen ist (rings ist übrigens mein Lieblingswort unter den Lieblingswörtern von Hölderlin) und dass zwar nicht von leichtbeschattet, wie noch in Strophe II, die Rede ist, aber dreimal das Wortfeld des Schattens zur Anwendung kommt, in seiner letzten Verwendung darauf verweisend, dass der Tod Jesu einen Schatten werfen kann. Mehr allerdings auch nicht. Denn göttliches Handeln ist nicht vergeblich, oder, wie Hölderlin formuliert, umsonst nicht (IV,12).

Damit ist allerdings nicht ausgesagt, dass den allermeisten Christen auch nur annähernd bewusst wäre, welche Bedeutung dem Geschehen auf Golgatha zukommt. Auffallend ist ja z.B., dass seit Jesu Tod, eigentlich schon zwei, drei Jahrhunderte vorher, das ganze für das Altertum, für das alte Persien, Babylon, Ägypten und Griechenland so kennzeichnende Mysterienwesen ausstirbt. Dass also spirituelle Erfahrungen nicht mehr einem kleinen Kreis Auserwählter zuteil werden, sondern offensichtlich allen, die guten Willens sind, wie es nicht zufällig im Weihnachtsevangelium heißt. Dass die Kirche dann über Jahrhunderte die Schrift in ihren Gottesdiensten nur in lateinischer Sprache verlas, ja auch so unverstanden predigte, bis so mutige Menschen wie Meister Eckehard und andere das Blatt zu wenden begannen und Deutsch sprachen, zeigt die frühe Degeneration der Institution Kirche. Als ob Jesus nicht immer in des Volkes Sprache gesprochen hätte.

Rahmen einer inneren Ordnung

Inhaltlich ließe sich bezüglich des Beginns der zweiten Triade einiges ausführen, aber um den Rahmen eines Post nicht zu sprengen, möchte ich vor allem zwei Punkte ansprechen:

Zum einen, dass mit dem treuen Gewölk die Jünger Jesu gemeint sind, die ihm Schatten spenden, das heißt, in gewisser Weise durch ihre Gegenwart einen Schutzmantel um Jesus legen, denn wir wissen, dass viele Menschen, worauf in den Evangelien immer wieder hingewiesen wird, mit ihm zogen und natürlich allein die Energie ihrer Gegenwart an ihm sog und zog. Letztendlich war es das noch ungeformte innere Wesen der Jünger, ihre Wildnis, die einen Schutzwall errichtete, also Schatten gab.

In einem der Entwürfe, auch Ansätze genannt, heißt es:

Und die lieben Freunde, das treue Gewölk,
Umhüllten dich, daß wie durch heilge Wildniß
Der reine Stral gemildert schien den Menschen

Hier wird auch deutlich, dass es nicht nur um den Schutz Jesu ging, sondern auch um den der Menschen, die nicht so ohne Weiteres den reinen Stral hätten ertragen können.

Wenn Hölderlin das Adjektiv wild oder das entsprechende Substantiv verwendet, dann oft in dem Sinn, dass Menschen, auf die der damit verbundene Zustand zutrifft, sich eben noch auf der exzentrischen Bahn befinden, sozusagen im Ausland (II,4) und unter dem Einfluss des Donnerers (III,8) stehen.

Wer sich seelisch weiterentwickelt, gelangt aus dieser Wildnis, dem Chaos der Seele in Bahnen einer inneren Ordnung, aus einer exzentrischen in eine zunehmend in seinem Selbst zentrierte Verfassung. Er bemerkt das an einem veränderten und weniger chaotischen Traumleben, an seinem souveräneren Verhältnis in Bezug auf Emotionen, an einem Verlassen der Ebenen von Wertung und Urteil.

Dadurch aber, dass es im Inneren der Jünger noch wild zugeht, können sie gleichzeitig noch auch als Schutzfilter für Jesus wirken; ihr seelischer Zustand, ihre seelischen Energien absorbieren die von außen kommenden.

Wenn ich von Jesus spreche, beziehe ich mich auf jenen Menschen, welcher der Sohn von Maria und Joseph war, um noch einmal vorsichtshalber zu wiederholen, worauf ich schon im vorausgegangenen Post verwies: Christus ist für mich der Sohn Gottes, des Vaters, der seit der Taufe durch Johannes den Täufer sich mit dem Menschen Jesus verband, was sich in den Worten Gottes im Augenblick der Taufe manifestiert: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. (Matth.3,17)

Zum zweiten: Mich hat lange irritiert, wie Hölderlin zu der Aussage kommen konnte, dass Christus mitten im Wort ein tödliches Verhängnis umschattet habe und alles Himmlische schnell vergänglich sei (vgl. IV,10f)

Sieht man von dem ersten Vers der vierten Strophe ab – das aber lässt einen doch seltsam aufmerken, ja, im Verein mit dem folgenden o du irritiert sein – sind die folgenden Verse in so sanfter Stimmung verfasst mit zum Teil adverbial gebrauchten Adjektiven wie freundlichernst, liebend, treu und mild, dass man mit diesem überraschenden Strophenschluss wahrlich nicht rechnet, erst recht nicht damit, dass er doch inhaltlich offensichtlich nicht zutreffend ist. Der doch Paulus so verehrende und das Johannes-Evangelium schätzende Hölderlin muss gewusst haben, dass Jesus selbst sich niemals mitten im Wort gesehen haben konnte, wusste er doch sehr genau, was auf ihn zukam, war seine Mission doch genau die, zu sterben, um höchstes Göttliches, Christus nämlich, im Tode mit der Erde zu verbinden und einen Zustand herbeizuführen, wie er vermutlich heute noch für das ganze All einmalig ist. Es kommt hinzu, dass niemand anderes denn Jesus als Christus offensichtlich in der Lage war, diesen göttlichen Geist – Ich und der Vater sind eins (Joh. 10,30) – aufzunehmen und dadurch dem Göttlichen eine Erfahrung zu ermöglichen, die nur auf diesem Weg möglich war.

Und seit wann ist Himmlisches schnell / Vergänglich (IV,11f)?

Diese Wortwahl spiegelt ein umschattetes Bewusstsein, denn es handelte sich bei jenem Verhängnis nicht um eine jäh unterbrochene Mission oder, wie Jochen Schmidt erstaunlicherweise schreibt, um die Tragik einer unvollendeten Sendung. So kann Hölderlin diese Stelle nicht aufgefasst haben, denn ihm war bewusst, dass genau durch dieses tödliche Verhängnis das Leben Jesu eine vollendete Sendung ist.
Das belegen auch Worte aus dem bereits angesprochenen ersten Entwurf der Friedensfeier; sie lauten: „(…) nicht zu leben, zu sterben warst du gesandt”.

Zudem war Hölderlin, wie Verse der folgenden Strophe zeigen, sich dessen bewusst, dass ein Gott eh nur für einen Augenblick die Wohnung der Menschen anrühren kann – mehr ertragen sie wohl gar nicht – und in diesem Zusammenhang zehn Verse später von einem gottgegebenen Geschenke spricht:

V
Denn schonend rührt des Maßes allzeit kundig
Nur einen Augenblick die Wohnungen der Menschen
Ein Gott an, unversehn, und keiner weiß es, wenn?
Auch darf alsdann das Freche drüber gehn,
Und kommen muß zum heilgen Ort das Wilde
Von Enden fern, übt rauhbetastend den Wahn,
Und trifft daran ein Schicksal, aber Dank,
Nie folgt der gleich hernach dem gottgegebnen Geschenke;
Tiefprüfend ist es zu fassen.
Auch wär uns, sparte der Gebende nicht,
Schon längst vom Segen des Herds
Uns Gipfel und Boden entzündet.

Es bedarf tiefer Prüfung (vgl. VII,9), um dieses Geschehen richtig zu sehen. Wer es nur oberflächlich wahrnimmt, könnte in der Tat sich jener umschatteten, auf Mitleid basierenden Sicht anschließen, Jesus Christus sei im Rahmen seiner Mission mitten im Wort unterbrochen worden und das Golgatha-Geschehen sei ein Verhängnis. – Nein, Hölderlin weiß: Es war höchste Gnade, ein göttliches Opfer.

Opferbereitschaft aber ist die vielleicht höchste Stufe der Liebe.

Auch zu Beginn der Strophe VI (wie erneut in ihrem drittletzten Vers, „sparte”) klingt erneut dieses Schatten- bzw. Umschattungs-Motiv an, mit dem benannt ist, dass der Mensch nur sehr bedingt dem Göttlichen ausgesetzt werden kann.

Ich habe das Dornbusch-Erlebnis von Moses erwähnt, wie überhaupt Gott im Alten Testament wiederholt in einer Wolke erscheint (1. Mose 9,13; 5. Mose 1,33 und 33,26); Gleiches gilt mehrfach für das NT, u.a. in Matth. 17,5.

Auch ist ein Gott, wie im ersten Vers dieser Strophe zu lesen, allzeit kundig, also allwissend, und weiß um das Maß, das der Mensch verträgt, wobei in Bezug auf das Nicht-Wissen im Hinblick auf den Zeitpunkt der Erscheinung des Göttlichen (V, 3) angespielt ist auf das Gleichnis von den 10 Jungfrauen, auf jenes Thema also, dass der Mensch jederzeit bereit zu sein hat für das Kommen Gottes bzw. Christi, das im Alten und Neuen Testament wiederholt, ja vielfach aufgegriffen ist. Alternativ dazu steht der gewöhnliche Tod, die Germanen nannten ihn Strohtod im Gegensatz zur Aufnahme als Held in Walhall.

Wir erleben in unserer Zeit, dass zunehmend junge Menschen in Familien aufwachsen, die keinen Bezug zu all diesen Themen haben. Sinnstiftend zu erziehen, ist in die Verantwortung der Eltern gelegt. Es kommt hinzu – und leider weiß ich es aus Erfahrung -, dass der traditionelle Religionsunterricht bisweilen so intolerant und eng ist, dass Schüler die Flucht in den Ethikunterricht antreten, oder so verkopft, dass nichts im Herzen anklingt. Bisweilen trifft man in unserer Gesellschaft auch auf eine Gottlosigkeit, die sich jemand als Ausweis intellektueller Selbständigkeit an die Brust heftet. Das wirkt dann oft einfach dummdreist und Hölderlin bezeichnet diese intellektuelle Arroganz als frech. Sie – und Hölderlin wählt bewusst dieses Modalverb – darf es geben. – Ich persönlich finde es auch wichtig, dass es sie geben darf (wobei sie meiner Erfahrung nach selten vorkommt, der unbewussten oder bewusste Atheismus allerdings mittlerweile sehr häufig). Gerade in diesem Bereich darf es keine Indoktrination und Gängelei geben. – Wünschen würde ich mir nur, dass Menschen, die glauben, auch mit Respekt behandelt würden.

Hölderlin wählt dagegen das Modalverb müssen, um darauf zu verweisen, dass das Wilde zum heiligen Ort zu kommen hat. Das gehört zum Schicksal des Menschen, mit dem Schein, dem Wahn im Hinblick auf Vorstellungen des Lebens rauhbetastend (V,6) sich auseinanderzusetzen. Alles Weitere, im welchem Ausmaß er also Wahn abbaut und Wildes umwandelt, ist in das Geschick jedes Einzelnen gelegt. Die letzten Etappen dieses Weges sind in Wolfram von Eschenbachs Parzival geschildert; der Name der Gralsburg lautet nicht von ungefähr Montsauvage,Wildenburg, im Mittelhochdeutschen Munsalväsche.

In das Geschick von uns Menschen ist auch der Umgang mit den Elementen gelegt, denn im Grunde sind es fremde Kräfte (VI,5); sie sind mehr, als menschlicher Weise vertraut ist. Doch ist uns eine Hilfe gegeben (vgl. VI, 3f), ein Lehrer in Form des Alls, der Sterne, die uns von Beginn der Schöpfung an Zeichen und Zeiten geben, wie in 1. Mose 14 nachzulesen ist, und uns vermitteln, dass alles nach Maß und Zahl (Buch der Weisheit 11,21) geordnet ist, ein Wissen, wie wir es auch in Platons Timaios und der jüdischen Kabbala tief verankert finden. In diese Ordnung einzugreifen muss deshalb verantwortlich geschehen:

VI
Des Göttlichen aber empfingen wir
Doch viel. Es ward die Flamm uns
In die Hände gegeben, und Ufer und Meersflut.
Viel mehr, denn menschlicher Weise
Sind jene mit uns, die fremden Kräfte, vertrauet.
Und es lehret Gestirn dich, das
Vor Augen dir ist, doch nimmer kannst du ihm gleichen.
Vom Allebendigen aber, von dem
Viel Freuden sind und Gesänge,
Ist einer ein Sohn, ein Ruhigmächtiger ist er,
Und nun erkennen wir ihn,
Nun, da wir kennen den Vater
Und Feiertage zu halten
Der hohe, der Geist
Der Welt sich zu Menschen geneigt hat.

An einigen Stellen ist diese Hymne ein großes Rätsel. Gewiss gebe ich Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, eine mögliche Sicht; allerdings ist das meine persönliche, in der ich versuche, Hölderlins Sicht aufzuspüren – sie muss im Zentrum stehen – und seine Sicht mit meinen Auffassungen vergleiche wie ebenso mit denen anderer. So bin ich mir nicht sicher, ob meine Auslegung von mitten im Wort eine richtige ist, dass also die Wortwahl Hölderlins eine umschattete Sicht wiedergebe. Ich habe bei einigen Interpreten nichts für mich Stimmiges über diese Stelle gefunden. Vielleicht kommen Sie zu der Auffassung, dass Hölderlin hier schlicht irrt oder ungenau formuliert hat; vielleicht soll auch nur das Überraschende seines Todes angedeutet sein, wie Meta Corssen anklingen lässt. Auch das ist durchaus möglich, wenn ich sie auch nicht teilen kann, weil sie meines Erachtens Hölderlins Wertschätzung von paulinischem Wissen verwässert und ich keinen Dichter kenne, der das Wort ernster nimmt als er.

Nun treffen wir aber in obiger Strophe auf eine Stelle, die dezidiert der Bibel widerspricht, in der es aus dem Mund Jesu doch heißt: Niemand kommt zum Vater denn durch mich (Joh. 14,6).

Wie kann Hölderlin dann schreiben:

Und nun erkennen wir ihn,
Nun, da wir kennen den Vater

Müssen wir nicht erst Christus kennen und erkennen, um sein Bewusstsein nutzen zu können, den Vater zu erkennen? Meint nicht genau auch das jene eben zitierte Bibelstelle ebenso wie die Aussage Jesu, dass er die Wahrheit und das Leben und eben auch der Weg sei (Joh. 14,6)?

Gedanken über solche Stellen in Hölderlins Versen haben mich oft ins Grübeln gebracht und mich vielfach zu neuen Sichtweisen und Gedanken geführt. Es gehört mit zu der Charakteristik dieser wunderbaren Hymne, dass manches tief Sinnige so in der Schwebe gehalten ist, dass sich der innere Gehalt nicht sogleich offenbart, vielleicht auch überhaupt nicht.

Max Frisch spricht in seiner wunderbaren Tagebuchsequenz im Zusammenhang mit der Bildnisproblematik von der Schwebe des Lebendigen, mit der man nur dem Bildnis entgehen kann, in das man andere sperrt, ein Einsperren, das man allerdings auch mit Worten tut, weshalb Rilke weiß, warum er sagt: Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort

Das kann sogar nur einen Buchstaben betreffen, der über Singular oder Plural Auskunft gibt, wenn ich daran denke, dass Luther immer und immer wieder die Himmel, von denen in der Bibel im Plural die Rede ist, mit dem Singular wiedergibt, u.a. wenn er übersetzt: Vater unser, der du bist in dem Himmel – und das, obwohl in der Bibel dezidiert von den Himmeln geschrieben ist. (Gleiches gilt z.B. auch für eine so wichtige Stelle wie Kolosser 1,16: In ihm ist alles geschaffen, was im Himmel {in den Himmeln!!} und auf Erden ist . . .)

Oder warum er immer und immer wieder das griechische Wort aion mit Ewigkeit übersetzt, obwohl so offensichtlich ist, dass gerade in der Bibel oft nicht von der Ewigkeit, sondern von Zeitaltern gesprochen wird, was aion vor allem bedeutet.

Niemals hätte die Lehre von der ewigen Verdammnis einen solchen Stellenwert erhalten können, wenn Luther bei der Wahrheit des Wortes geblieben wäre.

Zurück zu Hölderlins Aussage, dass wir Christus erkennen, weil und wenn wir den Vater kennen.

Fakt ist, dass der Weg von Jesus Christus, wie ihn vor allem das Johannes-Evangelium darstellt, der Weg ist, den wir alle zu gehen haben. Wir alle haben dem Nächsten und von vielen so Verachteten die Füße zu waschen, wir haben die Angebote auf Macht und Reichtum, die Jesus in der Versuchung durch den Teufel erlebt, auszuschlagen, wir haben unser falsches Selbst als Kreuz auf die Schädelstätte zu tragen und es dort sterben zu lassen, damit das wahre Bewusstsein auferstehen kann.

Dieser Weg ist gewiss nicht leicht und er bedarf vieler Leben, solange wir in der Folge des sogenannten Sündenfalls sterben müssen.

Wenn wir auf Jesu Weise zum Bewusstsein des Vaters gelangen – und jeder, der vergeblich die Mutter sucht, sollte wissen, dass in spirituellen Schriften fast durchweg mit dem weiblichen Bewusstsein die menschliche Seele gemeint ist; wir sollten also nicht vergeblich auf ein Mutter unser warten – dann erst erkennen wir die ganze Bedeutung von Christus.

Kein Schüler, auch wenn er seinen Lehrer sehr verehrt und ihm die Gnade zuteil wird, dass er von einem weisen unterrichtet wird, weiß um dessen ganzes Wissen. Wir wissen nicht um all das, was Christus weiß, wir kennen nicht die Dimensionen des Sohnes – und es ist gut, dass wir um sie nicht wissen, wir würden nur in höchste Verwirrung geraten; dennoch aber führt euns unser Weg auf eine Weise, die unvorstellbar wahr und voller Leben ist, in neue Dimensionen.

Es ist keineswegs ein Widerspruch, dass wir vom Ende her, vom Vaterbewusstsein her erst erkennen, welcher Gnade wir teilhaftig geworden waren, wenn wir den Weg des Sohnes und eines sich entwickelnden Bewusstseins gehen dürfen. Erst von hier aus erkennen wir seine ganze Bedeutung.

Es mag uns bewusst werden – und das gibt den Worten Hölderlins einen ganz tiefen Sinn -, was es für Gott bedeutet haben mag, seinen Sohn gesandt zu haben. Mancher, der Kafkas Verwandlung gelesen hat, hat lesend erspürt, was es für eine Seele bedeutet, wenn sie ihn einem ihr unangemessenen Körper ist. Vielleicht ist, das vermittelt zu haben, neben der Türhüterlegende, die ein überragendes spirituelles Wissen enthält, die eigentliche Leistung des Schriftstellers Kafka, dass er also transparent hat werden lassen für jene zumindest, die es sehen wollen, dass es einen Zusammenhang zwischen äußeren und innerem Leben gibt – wie viele seiner Szenen spielen sich nicht, gerade im Prozess im Halbdunkel ab oder es rieselt Staub in Räumlichkeiten -, und wie schrecklich es ist, wenn Menschen in Körpern wohnen, die ihrem mentalen Zustand nicht entsprechen. Eine absolute Qual. Das ist für mich die eigentliche Botschaft der Verwandlung.

Wer das versteht, versteht auch, warum es für Gott so schwer gewesen sein muss – um es in menschliche Dimensionen zu formulieren – wenn er seinen Sohn in einen Körper schickt, der ihn eigentlich kaum aufnehmen kann.

Das mag in Wirklichkeit der Grund gewesen sein, warum Jesu Wirken nur drei Jahre dauern konnte und dass den Jüngern nach Jesu Tod nicht Christus zuteil werden kann, sondern der Heilige Geist.

Tatsächlich ist Hölderlins Aussage absolut stimmig. War ich zunächst irritiert in Bezug auf seine doch scheinbar unstimmige Aussage, so hat seine Sicht heute für mich etwas Befreiendes, denn sie misst dem Vater einen Stellenwert zu, den ich innerlich noch nie vorher auf diese Weise wahrnehmen konnte. Seine Sicht, so empfinde ich, rückt den Vater näher an den Menschen heran.

Eine Anmerkung mag zum Schluss noch wichtig sein:
in den letzten fünf Versen der zuletzt wiedergegebenen Strophe ist von Christus die Rede und vom Vater:

Und nun erkennen wir ihn,
Nun, da wir kennen den Vater
Und Feiertage zu halten
Der hohe, der Geist
Der Welt sich zu Menschen geneigt hat.

Eigentlich alle Interpreten gehen davon aus, dass in den drei letzten Versen von dem Vater gesprochen wird. Ich persönlich halte es für möglich, dass hier das ihn des fünftletzten Verses wieder aufgenommen wird, also wieder von Christus die Rede ist. Das legt der Inhalt der folgenden Strophe nahe. Dazu mehr in einer Woche.

Ich schließe hier, wie schon im letzten Post gehandhabt, mit einem Ausblick auf die folgende Trias und damit auf Strophe VII, damit zugleich auf den nächsten Post und wünsche Ihnen vorab einen gesegneten zweiten Advent:

Denn längst war der zum Herrn der Zeit zu groß
Und weit aus reichte sein Feld, wann hats ihn aber erschöpfet?
Einmal mag aber ein Gott auch Tagewerk erwählen,
Gleich Sterblichen und teilen alles Schicksal.
Schicksalgesetz ist dies, daß Alle sich erfahren,
Daß, wenn die Stille kehrt, auch eine Sprache sei.
Wo aber wirkt der Geist, sind wir auch mit, und streiten,
Was wohl das Beste sei. So dünkt mir jetzt das Beste,
Wenn nun vollendet sein Bild und fertig ist der Meister,
Und selbst verklärt davon aus seiner Werkstatt tritt,
Der stille Gott der Zeit und nur der Liebe Gesetz,
Das schönausgleichende gilt von hier an bis zum Himmel..

PS: Wer alle 12 Strophen lesen möchte: hier.

Fortsetzung der Interpretation: Teil III

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Ankunft des Friedensfürsten. Hölderlins „Friedensfeier” – Adventsgedanken.

Wie entwickelt sich Geschichte und was ist ihr Ziel? Für Hölderlin ist sie, allen aktuellen Unkenrufen zum Trotz, Bewusstseinsentwicklung. – Im Mittelpunkt dieser gewaltigen Hymne steht die Ankunft eines Fürsten zur Feier des Friedens. Es geht damit auch um eine Renaissance des Festes. – Diese Hymne fordert uns durch ihre Gestaltung heraus, jedes Wort ernst zu nehmen. Damit ist sie eine wertvolle Schule und Schulung der Seele.

Im Folgenden gehe ich Strophe für Strophe vor und tue das für Leserinnen und Leser, die Interesse an den Schätzen unserer so reichen Kultur haben und Zugang zu einer Dichterpersönlichkeit gewinnen möchten, wie sie, in ihrer Art zu schreiben, europaweit, ja weltweit nahezu einmalig ist; ich tue es auch, um die zum Teil eingefahrene kirchlich-theologische Christologie und Ewigkeitslehre mit Hilfe Hölderlins neu sehen zu können. Sicherlich hat jener das Neue Testament fast immer im Original gelesen und ist damit Sinnfestlegungen durch Luthers Übersetzung entgangen, die, selbst wenn sie offensichtlich fehlerhaft sind, in der neuen Lutherbibel wiederholt nicht korrigiert wurden.

Ich persönlich finde Hölderlins Sichtweisen im Hinblick auf die Geschichte und den Sinn menschlichen Lebens befreiend. Für ihn ist Geschichte nicht ein kontinuierliches Zeit-Verlaufen, sondern sie ist teleologisch (griechisch telos: das Ziel), eindeutig auf ein Ziel ausgerichtet. Wobei ich annehme, dass der griechische Begriff aion, den Luther viel zu häufig mit Ewigkeit übersetzt statt mit Zeitalter, nicht wirklich das Ende der Zeit meint, was im Übrigen nicht nur ich so sehe. Bei genauerem Hinschauen wird deutlich, dass es die ewige Verdammnis nicht gibt. Vielleicht lächeln wir dereinst einmal über diese Vorstellung, wie wir heute über jene lächeln, die glaubten, wenn sie aufs Meer hinausblickten, dass hinter dem Horizont das Ende der Erde sei. Auch unser aktueller Geschichts- und Zeitbegriff könnte sich als Schrebergarten unserer derzeitigen Vernunft erweisen.

Eine Renaissance des Festes

In seiner Hymne Friedensfeier ruft Hölderlin in uns Gedanken an den Ewig-Vater und den – wie er ihn nennt – Ruhigmächtigen, an Christus wach und erinnert an die Bedeutung des Festes, des Feiertages, der Versöhnung stiften will.

Heilige Feste, wie sie Menschen früher gefeiert haben, waren auch immer Vorbereitungen auf jenes große Friedensfest, von dem Hölderlin spricht. Auch wenn er selbst sich auf eine endzeitliche Feier des Friedens bezieht, so offenbart jene sich doch bereits für uns in jedem bewusst gefeierten Fest, wie es ein jeder Sonntag im Grunde sein will, natürlich insbesondere aber auch in einem Fest wie Weihnachten. Es will uns mit uns versöhnen und mit jenem Bewusstsein, das sich in dem Friedensfürsten zeigt. Aus dieser Sicht ist die zunehmende Säkularisierung wirklicher christlicher Feste ein Verlust von Sinn, denn der Gehalt dieser Feste ist überkonfessionell, weil man Christus nicht mit dem kirchlich oktroyierten Christentum gleichsetzen sollte; das stellt sich zunehmend als viel zu eng heraus. Hölderlins Worte können den Blick auf eine befreiende Christologie öffnen helfen

Die gegenwärtige sich immer mehr beschleunigende Säkularisierung und Entidealisierung des Lebens trägt zur seelisch-körperlichen Erkrankung der Menschen bei und bringt auch jenen Terror und Unfrieden in die Welt, über den sich so viele beklagen, gleichzeitig aber möglichst noch den Sonntag verkaufsoffen gestalten wollen.

Der Rückzug des Christlichen aus dem öffentlichen Raum, den viele für gut befinden, ihn unterstützen oder ihm gleichgültig gegenüberstehen, hat Platz geschaffen für neue gesellschaftliche Gegebenheiten, die kaum jemand haben will. Zum Teil ist das Geschrei nun groß. Aber den angesprochenen Zusammenhang will niemand sehen. Wenn eine Gesellschaft Räume freigibt und glaubt, sie mit ein bisschen Gerede über Ethik füllen zu können, wird sie erkennen müssen, dass man die Substanz und Wirkkraft urchristlicher Gedanken unterschätzt oder nie wirklich erkannnt hat. Die Bitternis der Lektion deutet sich bereits an. Es ist kein Zufall, dass gerade die Hauptstadt der Bundesrepublik zunehmend in ihrem öffentlichen Leben und in der Unfähigkeit ihrer politischen Kaste zeigt, was es zur Folge hat, wenn Aufgeschlossenheit und Offenheit sich in Wirklichkeit als Indifferenz und Gleichgültigkeit in Bezug auf moralische Maßstäbe herausstellen.

Lesedauer: mehr als 3 Minuten

Im Folgenden gebe ich zumeist vor jeder Strophe des Hölderlin-Gedichtes einige Hinweise und gehe nach ihrer Wiedergabe auf mir wichtige Aspekte ein.

Selten, dass ich persönlich eine der großen Hölderlin-Oden oder Hymnen auf einen Sitz und einfach so durchlese, einfach so durchlesen kann; mehr als einmal ist es mir so ergangen, dass ich beim Lesen zunächst kaum etwas verstanden habe. Wer gewohnt ist, sich an die angegebene Lesedauer von Welt/N24-Beiträgen zu halten – perverser geht´s nimmer: Lesedauer 3 Minuten liest man da beispielsweise –, sollte Hölderlin verschonen.

Ohnehin muss man sich an die sprachliche Darstellung dieses Dichters gewöhnen: Oft liegen beispielsweise Bezugsworte weit auseinander, sind Sätze ungewöhnlich gebaut und Satzteile ungewohnt verschränkt. Der Leser ist mit dieser Satzgestaltung gehalten, Worte auf neue Weise wahrzunehmen und Lesegewohnheit zu verändern. Indem wir auf einen neuen Modus umschalten, nutzen wir die freien Kapazitäten in unseren Gehirnarealen und unserem Geist, der – und damit möchte ich niemand in eine Krise stürzen – ohnehin keine Grenzen kennt. Nur indem man gewohnte Bahnen verlässt, kann man sich einem Dichter wie Hölderlin und seiner geistigen Botschaft nähern, die vor allem die Auffassung vermittelt, dass der Verlauf der Geschichte einer Entwicklung unseres Bewusstseins gleichkommt. Auch diesbezüglich dunkle Zeiten – das zu unseren Trost – sind Entwicklungszeiten. Sie ganz besonders.

Empfehlen möchte ich Ihnen, dass sie nach den nachträglichen Hinweisen die jeweilige Strophe noch einmal lesen.

Hölderlins Verse sind wie eine Art Gebet, Predigt, Meditation – mir fehlt noch das richtige Wort für das, was ich angesichts seiner Worte und Verse empfinde. Immer machen sie andächtig. – Sie klopfen an in Stille.

Die Friedensfeier:  Wertvolles biedert sich nicht an.

Die gesamte Hymne besteht aus 12 Strophen und deren jede einzelne aus überwiegend 12 Versen (nur bei modernen, zumeist ungereimten Gedichten spreche ich persönlich von Zeilen). Sie ist triadisch gegliedert, besteht also aus vier Sinnabschnitten zu jeweils drei Strophen, wobei die letzte einer Trias jeweils 15 Verse umfasst.

Vorab möchte ich sagen, dass viele Interpreten einzelne Aspekte gerade in Bezug auf die Friedensfeier ziemlich, ja sehr unterschiedlich sehen, kein Wunder, gehört diese Hymne zu den schwierigsten, zugleich aber auch wertvollsten Gedichten deutscher Sprache.
Wertvolle Anregungen erhielt ich durch den mittlerweile 79-jährigen Germanistikprofessor Jochen Schmidt und Meta Corssen, bei denen ich mich auf diesem Wege – bei letzterer posthum – herzlich bedanke.
In jedem Fall jedoch möchte ich Sie bitten, auf ihre eigene innere Stimme zu hören, wenn Sie bei Worten Hölderlins etwas anderes empfinden als das, was ich Ihnen gedanklich nahelege. – Sie könnten richtig liegen.

Die Hymne beginnt:

Der himmlischen, still widerklingenden,
Der ruhigwandelnden Töne voll,
Und gelüftet ist der altgebaute,
Seliggewohnte Saal; um grüne Teppiche duftet
Die Freudenwolk und weithinglänzend stehn,
Gereiftester Früchte voll und goldbekränzter Kelche,
Wohlangeordnet, eine prächtige Reihe,
Zur Seite da und dort aufsteigend über dem
Geebneten Boden die Tische.
Denn ferne kommend haben
Hieher, zur Abendstunde,
Sich liebende Gäste beschieden.

Zu Beginn finden wir die Beschreibung der Atmosphäre eines Saales. Hölderlin bezieht sich mit ihm auf die Erde, eine Erdenwirklichkeit, wie wir sie höchstens in Ausnahmefällen kennen. Manche Interpreten sehen auch insbesondere die Natur angesprochen. Deren Beschreibung erinnert mich an die des Hoheliedes Salomons; auch dort ist sie nicht nur Begleiterin, sondern nimmt sinnenhaft an der Wirklichkeit der Liebenden teil. Jedenfalls ist sie bereit zu einem Fest, zu dem Gäste sich beschieden haben; fast möchte man annehmen, sie hätten sich selbst eingeladen, sie kommen jedenfalls mit einem offensichtlichen Selbstverständnis. Es sind liebende Gäste in zweifachem Sinn, weil sie so sein mögen: Liebende, und weil sie der Verfasser so empfindet. – Letzterer scheint sich bereits in diesem Saal zu befinden.

Offensichtlich hat sich dessen Zustand verändert, er ist gelüftet. Luft, Wind und damit Geist haben eine eigens neue Qualität, und nicht von ungefähr ist der Saal nun eben auch der himmlischen Töne voll. Töne und Gesang haben für Hölderlin eine eminent wichtige Bedeutung; leitmotivisch ziehen sie sich durch sein gesamtes Werk.

In dieser Strophe gelingt Hölderlin diese für ihn so unnachahmlich gekonnte Synthese von Inhalt und Sprache durch die auffallend häufig vorkommenden Partizip-Präsens-Bildungen (widerklingend, ruhigwandelnd, weithinglänzend, aufsteigend, kommend, liebend), die, obwohl der Dichter einem zukünftigen Geschehen buchstäblich den Boden bereitet, eine Gegenwart des Geistes einbringen. Die zahlreichen Partizip-Perfekt-Bildungen hingegen verweisen darauf, was alles schon geschehen ist (gelüftet, altgebaut, seliggewohnt, gereift, goldbekränzt, wohlangeordnet, geebnet). Allein durch die Verwendung dieser unterschiedichen grammatikalischen Formen entsteht eine Atmosphäre der Erwartung, die kaum fassbar ist und die man dennoch mit Händen greifen zu können scheint.

Sie erklären auch, warum diese Strophe – und so verhält es sich mit vielen Hölderlin-Strophen – in die Seele des Lesers hineinwirkt. Man tut sich den größten Gefallen, sie auswendig zu lernen. Es würde sich in der Seele ein festliches Ahnen einstellen, wie es z.B. ein Wort wie weithinglänzend ermöglicht. Hölderlin greift ja immer wieder, um die Dimensionen der von ihm angesprochenen geistigen Wirklichkeiten zu erfassen, zu Wortbildungen, die zwei Worte zu einem umfassen. Diese immer wiederkehrenden Wortschöpfungen sind Annäherungen an eine verbal kaum darstellbare Wirklichkeit.

In dem weiteren Verlauf meiner Ausführungen ist es nicht möglich, all die von Hölderlins Dichterseele eingebrachten Mittel aufzuzeigen, wie sie z.B. auch hier vorliegen, indem er von Früchten spricht und Kelchen, und doch – pars pro toto, wie der Germanist sagen würde – einen Erntedank alles Gereiften, auch eben der Weinernte meint.

Es werden wohl einige Gäste kommen, denn Hölderlin spricht von Tischen. Schon in seiner berühmten Hymne Brod und Wein ist das Meer der Boden und die Berge sind Tische:

Seliges Griechenland! du Haus der Himmlischen alle,
Also ist wahr, was einst wir in der Jugend gehört?
Festlicher Saal! der Boden ist Meer! und Tische die Berge,
Wahrlich zu einzigem Brauche vor Alters gebaut!

Auch in der Friedensfeier könnten sie als solche in Vers 9 angesprochen sein.

„Die ganze Landschaft rüstet sich zum Fest” – eine Zeile aus Mascha Kalékows Souvenir à Kladow kommt mir zu all dem in den Sinn. Genau so ist es.

Wenn die Gäste eintreffen, wird es Abend, das Tagwerk wird getan sein; abends wird die Welt stille und man nimmt ein Abendmahl ein. – Zu all dem kommt dem Bibelkundigen einiges in den Sinn.

und mühsam / Euch athmen mußt, ihr himmlischen Lüfte

Sie werden bemerkt haben, dass auch in der Hymne Brod und Wein von einem Saal geschrieben steht, wie übrigens auch in Hölderlins Gedicht Am Quell der Donau, in dem er von jenem heiligen Saal spricht, der ihm bestens bekannt war aus seiner Zeit in der Klosterschule Maulbronn.

Hölderlin hat unter der religiösen Indoktrination seiner erzieherischen Umgebung  gelitten, nach dem Landesexamen als 14-Jähriger zunächst in der Klosterschule zu Denkendorf, dann in Maulbronn. Wie sehr, das wird aus der ersten dichterischen Formung der Friedensfeier deutlich:

Fern rauschte der Gemeinde schauerlicher Gesang,
Wo heiligem Wein gleich, die geheimeren Sprüche
Gealtert aber gewaltiger einst, aus Gottes
Gewittern im Sommer gewachsen,
Die Sorgen doch mir stillten
Und die Zweifel aber nimmer wußt ich, wie mir geschah,
Denn kaum geboren, warum breitetet
Ihr mir schon über die Augen eine Nacht,
Daß ich die Erde nicht sah und mühsam
Euch athmen mußt, ihr himmlischen Lüfte.

In welchem Ausmaß mag den jugendlichen Hölderlin die Religiosität, wie er sie dort erlebte, von Licht und Luft und Erde, die ihm später so wichtig wurden in den vielen Gedichten über den Rhein, den Neckar, den Main, die Donau, Stutgard und gerade auch in der Friedensfeier, wie wir – wenn Sie wollen – ein andermal lesen werden. abgeschnitten haben!
Wie befreiend muss es für ihn gewesen sein, dass dieser Klostersaal durch seine Bewusstseinsentwicklung gelüftet wurde, so befreiend, wie es beim Kommen des Friedensfürsten wichtig ist, dass die Erde als kosmischer Saal gelüftet ist.

Diese Zusammenhänge an einem Wort wie Saal zu sehen ist deshalb wichtig, weil die Eindrücke und Erfahrungen unseres Lebens von Kindheit an Einfluss nehmen auch auf unsere Sicht der makrokosmischen Dinge und dass das, was uns in der Kindheit zunächst als heiliger Saal erscheinen mochte, in Wirklichkeit uns nur mühsam athmen lässt. Darum zu wissen ist wichtig. Ohne diese Erkenntnis hätte Hölderlin niemals zu jener Sicht kommen können, wie sie sich uns in der Friedensfeier zeigt.

Wie ist die Welt so stille

Es gibt im Werk Hölderlins Worte, die immer wieder auftauchen, ein Wort wie still und das entsprechende Wortfeld gehören vor allem dazu. Nur wenn wir stille sind, können wir – wir lesen davon im ersten Vers der Hymne – etwas widerklingen hören. Nicht von ungefähr hat in Matthias Claudius´ Abendlied der Vers Wie ist die Welt so stille solch eine Bedeutung, genauso wie die Stille jener Nacht, der wir in diesen Tagen zustreben und gegebenenfalls in Stille Nacht von ihr singen.

Eigentlich ist das vorliegende Wortgefüge still wiederklingend ein sogenanntes Oxymoron, enthält also einen Widerspruch in sich. Ohne hier näher darauf eingehen zu können, warum im Werk Hölderlins und im Leben eines jeden Menschen das, was wir auch als coincidentia oppositorum, als Vereinigung der Gegensätze nicht von ungefähr als so bedeutsam ansehen sollten – Hölderlin fand dafür den Begriff des Einigentgegengesetzten -, ist eben das Wahrnehmen jenes Widerklingens nur in Stille möglich. Zu wissen, woher der Klang, der hier zurückklingend aufklingt, kommt, ist für jedes Menschen Entwicklung wichtig.

Hölderlins Worte kommen aus Stille und gehen wieder in sie hinein.

Wie wichtig Stille ist, macht der Anfang von Psalm 23 deutlich; dort heißt es:

Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. / Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum stillen Wasser.

Bedauerlich, dass Luther zum frischem Wasser übersetzte und sehr seltsam ist für mich, dass die neue Lutherbibel diese sinnentstellende Wortwahl des Reformators nicht korrigiert hat, zumal die Bibel ja durch Jesaja die zentrale Bedeutung von Stille betonen lässt: im Stillesein und im Vertrauen läge eure Stärke. – Als ob Jesaja schon gewusst hätte, warum er den Konjunktiv II, den Irrealis wählt.

Stärke, die durch Frische vermittelt wird, ist eine ganz andere als jene, die aus der Stille kommt. Wusste das Luther nicht, wussten das diejenigen, die die Übersetzung der Lutherbibel neuerdings überarbeiteten, nicht?

Aber auch ein Wort wie dämmernd gehört zu den bedeutenden Hölderlin-Worten. Nicht von ungefähr, dass auch bei Matthias Claudius beide Worte so nah beinander stehen, ja, das eine das andere umfasst: Wie ist die Welt so stille / Und in der Dämmrung Hülle / So traulich und so hold! / Als eine stille Kammer / (…)

Und dämmernden Auges denk ich schon

Der Beginn der zweiten Strophe ist deshalb nicht ganz einfach, weil das dämmernde Auge dem lyrischen Ich zueignet, aber das Vom ernsten Tagwerk lächelnd sich auf den kommenden Fürsten des Festes bezieht. Manche Interpreten ordnen das dämmernden Auges dem kommenden Fürsten zu, um ein Beispiel unterschiedlicher Ansichten aufzuzeigen. Mir und etlichen anderen scheint das nicht sinnvoll. Vergleichbar unterschiedliche Auffassungen gelten auch für den Begriff des Auslandes.

Ständig ist der Geist des Lesers in Anspruch genommen, gerade deshalb sind wir so angeprochen:

II
Und dämmernden Auges denk ich schon,
Vom ernsten Tagwerk lächelnd,
Ihn selbst zu sehn, den Fürsten des Fests.
Doch wenn du schon dein Ausland gern verleugnest,
Und als vom langen Heldenzuge müd,
Dein Auge senkst, vergessen, leichtbeschattet,
Und Freundesgestalt annimmst, du Allbekannter, doch
Beugt fast die Knie das Hohe. Nichts vor dir,
Nur Eines weiß ich, Sterbliches bist du nicht.
Ein Weiser mag mir manches erhellen; wo aber
Ein Gott noch auch erscheint,
Da ist doch andere Klarheit.

Wir sollten nicht davon ausgehen, dass mit dem Tagwerk ein dem unseren Vergleichbares angesprochen ist. Wohl hat es Dimensionen, die für uns nur schwer vorstellbar sind.

Die vorliegende Strophe gehört auch unter den gewiss nicht einfachen Hölderlins zu den schwierigsten, nicht nur wegen der Frage, wer der Fürst des Festes sei.

Unser Wissen ist Stückwerk

Hölderlin begann an dieser Hymne im zeitlichen Umfeld des Friedensschlusses von Lunéville zu schreiben. Das hat den ein oder anderen durchaus sehr namhaften Interpreten veranlasst, in jenem Napoleon zu sehen. Wir wissen, welche Bedeutung Hölderlin Napoleon für das Erwachen eines Bewusstseins der hesperischen Welt, der also des Abendlandes zumaß – deutlich wird das durch die Ode an die Prinzessin Auguste und den hexametrischen Entwurf zu einem Hymnus auf Napoleon, überschrieben Dem Allbekannten. Allerdings könnte schon damals, also 1801, Hölderlins Verehrung für Napoleon leise Abstriche, die sich bei ihm im Zuge des weiteren politischen Gebarens des großen Korsen verstärkten, gehabt haben. – An dieser erwähnten personalen Zuweisung auf dem Hintergrund des weiteren Verlaufes der Hymne festzuhalten, ist inhaltlich allerdings ohnehin nicht nachvollziehbar. Man wollte auch in dem Fürsten den Genius des deutschen Volkes sehen oder eine Art mythischer Formel, die keiner konkreten Person zugeordnet werden sollte.

Dass sich diese Strophe an vielen Stellen einer definitiven Festlegung entzieht, ist ein Phänomen, wie wir es bei Hölderlin immer wieder antreffen. Hölderlins Vorgehen entspricht sehr oft nicht dem, was wir erwarten: intellektuell definierten Festlegungen und Begrifflichkeiten, an die wir uns zu halten gewohnt sind.

Auf dem Feld des Göttlichen muss menschliche Vernunft ins Schwimmen geraten. Genau zu wissen, wie etwas zu verstehen ist, entspricht einem zutiefst menschlichen Bedürfnis. Dessen Befriedigung aber bringt nicht weiter. Menschliche Klarheit ist weise, aber nachvollziehbar; göttliche Klarheit entspricht weder formal noch inhaltlich unbedingt unserer Erwartung.

Hölderlin liegt hier eindeutig auf einer Linie mit dem Paulus der Korintherbriefe:

Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. / Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören … / Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin. (1. Kor. 13,9ff)

„Und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie”, heißt es im Rahmen der Weihnachtsgeschichte. Diese Klarheit wird Menschen nur seltenst zuteil. Sie ist eine Gnade.

Der Verweis auf die Klarheit eines Gottes am Schluss der Strophe legt den Schluss nahe, dass der Fürst des Festes ein Gott ist. 

Ein Gott aber ist auf einem langem Heldenzug, ist müde, senkt sein Auge, vergessen, leichtbeschattet, nimmt Freundesgestalt an?

Paulus lässt seine Leser in den Philipperbriefen wissen, dass die göttliche Gestalt von Jesus Knechtsgestalt angenommen habe – die verwandte Formulierung (vgl. II,7) fällt auf und wir wissen: auch Jesus war müde und hatte Hunger, allerdings: der Mensch Jesus, nicht aber der Sohn Gottes, Christus. – Und der Weg Jesu nach der Taufe durch Johannes hat alle Charakteristika eines Heldenzuges, er war voller Prüfungen, die Fußwaschung war eine, die Versuchung durch den Teufel, Gethsemane … Seine größte endet mit der Überwindung des Todes.

Der Fürst des Festes allerdings wird nicht direkt als müde, sondern als vom langen Heldenzuge müd beschrieben. Diese Formulierung rückt die Aussage fast in den Bereich des Irrealen, in ein: man könnte es so sehen, so ist es aber nicht.

Für mich will Hölderlins Wortwahl zwischen Realität und Irrrealität changieren, zwischen dem Menschen Jesus, der durchaus müde sein konnte, und Christus als Sohn Gottes, der ein irdisches Müdesein nicht kennt, allerdings in dem Menschen Jesus erlebt, erfährt.

Anmerken möchte ich, dass, wenn ich von Jesus spreche, ich mich auf jenen Menschen beziehe, welcher der Sohn von Maria und Joseph war; Christus ist für mich der Sohn Gottes, des Vaters, der seit der Taufe durch Johannes den Täufer sich mit dem Menschen Jesus verband, was sich in den Worten Gottes im Augenblick der Taufe manifestiert: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. (Matth. 3,17)

Hölderlin hat nicht von ungefähr an dieser Stelle der Hymne noch nicht von Jesus bzw. Christus gesprochen; er wollte einen anderen Aspekt im Vordergrund sehen. Ich nenne deshalb nur ungern schon seinen Namen, aber aus Gründen des Verständnisses war es kaum zu umgehen.

Jesus, der in dieser Phase seiner menschlichen Existenz also mit dem Sohn Gottes, mit Christus verwoben ist, sagt: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. (Joh. 18,36)Genau deshalb spricht Hölderlin davon, dass er sein Ausland verleugne, das heißt:

Zu unserer materiellen Welt bekennt sich dieser Fürst nicht. In diesem Sinne ist das Verleugnen des Auslandes zu verstehen. Verleugnen meint hier nicht das Fehlen von Mut, wie es Petrus eignete, als er Jesus vor dem römischen Soldaten verleugnete. Ausland bedeutet für den Fürsten, dass er sich mit jenem Land, woher er zum Abschluss seines Heldenzuges kommt, nicht identifiziert. Dieses Land macht müde.

Niemand hat Gott je gesehen (Joh.1,18)

Im ersten Entwurf Hölderlins, der noch nicht einmal den späteren Namen der Hymne trug, heißt es:

Versöhnender, der du nimmergeglaubt
Nun da bist, Freundesgestalt mir
Annimmst, Unsterblicher, aber wohl
Erkenn ich das Hohe,
Das mir die Knie beugt,
Und fast wie ein Blinder muß ich
Dich, Himmlischen, fragen, wozu du mir,
Woher du seiest, seliger Friede!
Dies eine weiß ich, Sterbliches bist du nichts,
Denn manches mag ein Weiser oder
Der treuanblickenden Freunde einer erhellen, wenn aber
Ein Gott erscheint, auf Himmel und Erd und Meer
Kommt allerneuende Klarheit.

Diese Entwurfsstrophe – es gibt noch zwei weitere Entwürfe – enthält in einer Strophe zusammengefasst die zwei ersten Strophen der Endfassung und deutet das Verständnis einiger Worte an, die in der Endfassung inhaltlich extrem verdichtet sind. Nicht einmal Jochen Schmidt wollte dem „vergessen” einen Sinn zuweisen.

Ein Gott, ein Himmlischer – und in seinem Zusammenhang ein vergessen (II,6)? Meines Erachtens weist das nimmergeglaubt (vgl. Entwurf, V,1) auf dessen Bedeutung. Der Dichter hat nicht mehr an die Ankunft des Unsterblichen glauben wollen, glauben können. Wie vergessen war jener, nimmergeglaubt.

Spricht der Dichter in der Endfassung von seinem dämmernden Auge, so spricht er im Entwurf davon, fast blind zu sein (auch das widerspricht der Ansicht Böckmanns – vgl. obigen Link Ausland -, dass es der Fürst sei, der dämmernden Auges erscheine).

Aus alten Zeiten wissen wir, dass Gott nicht sehen zu können, ein Schutz war. Mose sah nur den brennenden Dornbusch, mehr hätte er nicht ertragen. Und hier mag es nicht nur ein Zeichen von Müdigkeit gewesen sein, dass der, der Freundesgestalt annimmt, das Auge senkt, weiß er doch, dass der Strahl seines Auges kaum zu ertragen ist .

Wenn das tausendjährige Wetter verhallt!

Vergessen wir nicht: All jenes, was ich oben über die zweite Strophe schrieb, basiert auf Aussagen des Dichters, die jener sich denkt, wie er selbst schreibt (II,1)! Noch ist der Fürst nicht anwesend, doch mit Beginn der dritten Strophe wird er noch präsenter.      Um deren dritten Vers verstehen zu können, sollte man wissen, dass erstaunen hier transitiv verwendet ist – nicht der Fürst ist erstaunt, sondern er macht Staunen:

III
Von heute aber nicht, nicht unverkündet ist er;
Und einer, der nicht Flut noch Flamme gescheuet,
Erstaunet, da es stille worden, umsonst nicht, jetzt,
Da Herrschaft nirgend ist zu sehn bei Geistern und Menschen.
Das ist, sie hören das Werk,
Längst vorbereitend, von Morgen nach Abend, jetzt erst,
Denn unermeßlich braust, in der Tiefe verhallend,
Des Donnerers Echo, das tausendjährige Wetter,
Zu schlafen, übertönt von Friedenslauten, hinunter.
Ihr aber, teuergewordne, o ihr Tage der Unschuld,
Ihr bringt auch heute das Fest, ihr Lieben! und es blüht
Rings abendlich der Geist in dieser Stille;
Und raten muß ich, und wäre silbergrau
Die Locke, o ihr Freunde!
Für Kränze zu sorgen und Mahl, jetzt ewigen Jünglingen ähnlich.

Immer wieder stellen wir fest, wie verdichtet Hölderlin tiefen Sinn wiedergibt. Das gilt insbesondere für einen Hinweis wie, dass Herrschaft nirgends zu sehn ist bei Geistern und Menschen (III,4). Er vermittelt, wie groß die Wandlung mit dem Kommen des Fürsten ist. Tatsächlich ist der Geruch und die Seinsweise alles Alten hinausgelüftet: eben auch Herrschaft. Sie ist ein Begriff des Alten Bundes, der Zeit der zehn Gebote und des Gesetzes. – Gesetz ist notwendig, wenn Regiment geführt wird, wenn es Verfehlungen und Sünde gibt. Und umgekehrt gilt auch: Es gibt Sünde und Übertretung, wenn und weil es Gesetze gibt.

Hölderlin weiß um die weisen Worte des Paulus, weiß um dessen Aussage in Römer 5,13: Denn die Sünde war wohl in der Welt, ehe das Gesetz kam; aber wo kein Gesetz ist, da wird Sünde nicht angerechnet.

Es ist das Gesetz des Alten Bundes, das notwendig war, nachdem die Menschen sich für einen Weg außerhalb des Paradieses entschieden und Kain mit dem Mord an seinem Bruder Abel das Göttliche aus der Welt vertrieben hatte. Aus war es mit dem Opferrauch Abels, der zum Himmel zog. Mit Kain legte sich Rauch horizontal über die Erde und wurde zum trennenden Zeichen, das Himmel und Erde auseinanderdividierte. Fortan gab es menschliches Herrschertum, Sünde und Gesetz. Hölderlin aber bekennt sich zu der paulinischen, aus wahrem Geist geborenen und an die Menschen der Gemeinde zu Philippi gerichteten Sicht: Christus aber hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes . . .
Es zählen nicht mehr Herrschaft und Gesetz, mit den Worten des Paulus:

Ehe aber der Glaube kam, waren wir unter dem Gesetz verwahrt und eingeschlossen, bis der Glaube offenbart werden sollte. / So ist das Gesetz unser Zuchtmeister gewesen auf Christus hin, damit wir durch den Glauben gerecht würden. (Gal.3,23)

Stattdessen zählen Glaube und Gnade: „aus Gnade seid ihr gerettet durch den Glauben (Eph. 2,8).

Wenn ein Gesetz da ist, wird es übertreten. Wenn Herrschaft da ist, wird gegen sie rebelliert. Hölderlin weiß mit Paulus, dass der Geist, der sich zu Gott, zu Christus erhebt, aus dem Glauben und der Gnade leben, bereit zu staunen, sich erstaunen machen zu lassen, deshalb lauten die drei Zeilen der Friedensfeier:

{Er} Erstaunet, da es stille worden, umsonst nicht, jetzt,
Da Herrschaft nirgend ist zu sehn bei Geistern und Menschen.
Das ist, sie hören das Werk (…)

Im Abendland verwirklicht sich, was im Osten begann.

Die Richtung, aus der dieses neue Sein kommt, ist für Hölderlin immer der Osten. Immer wieder erwähnt er in seinen Gedichten Asia und meint mit diesem den Aufgang, den Orient, dessen Bewegung über Griechenland nach Hesperien geht, zum Abend-Land.
Das ist für Hölderlin die Bewegung der Geschichte. Sie erfüllt sich im Abendland. Nicht von ungefähr gipfelt sein Werk in den sogenannten Vaterländischen Gesängen.

Hölderlin hatte im Gegensatz zu dem Führungspersonal der EU und deren Parlamentariern ein Bewusstsein, welche Aufgabe sich mit dem Abendland verbindet.

In Hölderlins Hymne deutet sich an, welchen Weg die Menschen des Abendlandes hätten gehen sollen. Noch mag die Möglichkeit, diese Sendung zu erfüllen, nicht unmöglich sein. Gewiss aber steht sie auf der Kippe. Das spüren viele Menschen.

Hölderlin spricht von der Stille, die nur den Geist einer neuen Unschuld gebären kann. Vorbei ist dann das Unwetter, all das, was mit dem in der zweiten Strophe angesprochenen Ausland verbunden ist; an anderer Stelle spricht Hölderlin von der exzentrischen Bahn, auf der Menschen sich bewegen, entfernt von ihrem geistigen Zentrum. Doch damit ist es vorbei, wenn der Fürst und all die Himmlischen, die Jünglinge eintreffen:

Ihr aber, Tage der Unschuld, bringt heute das Fest!

Mit all diesem Geschehen geht ein Bewusstsein einher, das um die Bedeutung des Festes weiß.

Unsere Zeit kennt das Oktoberfest, den Cannstatter Wasen oder importiert Halloween.
Das sind Gelage a la Belsazar. Heinrich Heine hat um den Unterschied gewusst.

Und noch etwas muss der Menschheit bewusst werden, soll sie nicht untergehen und Hölderlins Dichten steht dafür: Es bedarf wieder eines Bewusstseins des Wortes.

Des aus der Wahrheit geborenen Wortes.

Dann finden wir zur Stille.

Wertvoll wäre es, Tage der Stille wieder einzuführen, einen Tag ohne Facebook, ohne Twitter, ohne Fernsehgeplapper.

Das Gedröhn der Worte führt den Wert weltweiter Vernetzung ad absurdum.
Worte im Stile dieses erdumspannenden Gequassels sind ein eklatanter Rückschritt für die Menschheit, kein Gewinn.

Nicht von ungefähr ist in der dritten Strophe zweimal von Stille die Rede, zum dritten Mal im Gedicht. Und es wird nicht das letzte Mal sein.

* * *

Vielleicht mag der ein oder andere Leser den Fortgang der Hymne verfolgen. Ich veröffentliche ihn zum zweiten Advent.

Schließen möchte ich mit der einfachen Wiedergabe der vierten Strophe, dem Beginn der zweiten Trias, die in verdichteter Form von der Bedeutung des Gespräches Jesu mit dem samaritischen Weib spricht und dass doch alles Geschehen nicht umsonst ist! – Dazu in einer Woche mehr:

IV
Und manchen möcht ich laden, aber o du,
Der freundlichernst den Menschen zugetan,
Dort unter syrischer Palme,
Wo nahe lag die Stadt, am Brunnen gerne war;
Das Kornfeld rauschte rings, still atmete die Kühlung
Vom Schatten des geweiheten Gebirges,
Und die lieben Freunde, das treue Gewölk,
Umschatteten dich auch, damit der heiligkühne
Durch Wildnis mild dein Strahl zu Menschen kam, o Jüngling!
Ach! aber dunkler umschattete, mitten im Wort, dich
Furchtbarentscheidend ein tödlich Verhängnis. So ist schnell
Vergänglich alles Himmlische; aber umsonst nicht.

Mögen Ihnen, liebe Leserin, liebe Leser, die Adventssonntage Feste sein, stille Feste.

PS:
Wer die ganze Hymne inclusive des kurzen Vorspanns von Hölderlin, den ich bisher weggelassen habe, lesen möchte: hier  –  aber bitte nicht verzagen :-)

Fortsetzung Teil II: „Auch darf alsdann das Freche drübergehn“.

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Vom Vermögen radikalen Fragens. – Hölderlins „Hälfte des Lebens”.

Sich zu früh einer Antwort zuzuneigen, ist ein Kompromiss unseres Bedürfnisses nach Antwort mit der Angst vor Antwortlosigkeit oder der Furcht vor einem Zuviel an Wahrheit. Lieber tut man vor sich so, als ob eine halbe Wahrheit die ganze sei. Heraus kommt oft ein Schrecken ohne Ende. Denn diese halbe Wahrheit, zugleich eine halbe Unwahrheit, enthält eine Wunde, die sich nie schließt. Schlimm ist, dass wir diese Verwundungen mit der Zeit nicht mehr spüren, je öfter wie uns selbst verstümmeln.

Hölderlins Gedichte, so auch das in der Überschrift genannte, enthalten selten – fast möchte ich sagen: nie – nur Persönliches oder beziehen sich selbst im Rahmen von Heidelberg, Stutgard oder Der Neckar nur auf heimatlich Landschaftliches. Fast immer, ja immer zielen sie im Verlauf ihrer Darstellung auch auf existentielle Fragen, so gern sie hingebungsvoll und gern der Heimat huldigen. Manche sind ohnehin auf Anhieb erkennbar existentiell wie das Schicksalslied aus dem Hyperion-Roman, eben aber auch, 1805 erschienen, Hälfte des Lebens:

Wir alle kennen Menschen, die, wenn sie fragen, einen immens hohen Aufwand betreiben, so zu tun, als seien sie ergebnisoffen. Wer unter Fragenden wartet wirklich auf eine Antwort, die er nicht kennt? Oft gibt man sich, wie oben angesprochen, mit etwas zufrieden, von dem man im Grunde selbst weiß, dass es keine wirkliche Antwort ist.

Ich meine nicht ein Fragen wie das des Sokrates, das man in Richtung Philosophie abschieben könnte, sondern ich meine existentielles Fragen, eines, das schonungslos aufdeckt, um was sich eine Gesellschaft drückt, um was ich mich in meinem Leben drücke.

Soweit Menschen oder Gesellschaften Traumen zuzudecken suchen, sei es das Dritte Reich oder eine frühkindliche Misshandlung, gelten natürlich andere Strategien zur Bewältigung. Ich aber beziehe mich auf Aspekte, um die wir uns drücken und nicht den Vorhang zur Seite ziehen, obwohl wir wissen, dass hinter ihm ein Wissen um etwas ist, was unser Leben verändern würde. Das aber genau wollen wir oft nicht. Lieber leben wir gewohnheitsmäßig seicht weiter, ständig bemüht, die Welt zu einer Komfortzone zu machen.

Hölderlin jedoch setzt ein Verfahren ins Werk, das konsequenter nicht sein kann, nicht unmittelbarer, nicht radikaler. Seine Frage kommt abrupt, vorbereitungslos, glasklar, unwiderstehlich nachhallend.

Hier sein radikales, an die Wurzel gehendes Gedicht:

Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm’ ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

Die erste Strophe spiegelt prallstes Leben, Natur in voller Pracht und Blüte. So kann Leben sein. Hölderlin wählt nicht von ungefähr Birnen: Sie waren und sind von jeher Fruchtbarkeitssymbole, so saftig, wie sie oft sind. Gibt es in einem Jahr viele Birnen, so gibt es im nächsten viele Mädchen, hieß es im Volksmund.

Fülle, wohin man schaut. Das Land kann gar nicht anders, als sich in den See auszudehnen. Und Hölderlin spart nicht an Attributen, die davon Kunde geben: die Birnen sind gelb, die Rosen wild, die Schwäne hold, das Wasser heilignüchtern, kurzum: das Leben küssetrunken.

Und wir hätten keinen Hölderlin vor uns, wenn nicht die mehrfach über das Zeilenende hinaus und in den nächsten Vers hineindrängenden Sätze diese Ausdehnung spiegelten und nicht diese für ihn so typische Inversion, also eine grammatikalisch korrekte, aber auffällige Wortumstellung – es könnte auch heißen: Mit gelben Birnen und voll mit wilden Rosen hänget … – vorkäme und die Fülle hervorhebt. – Ja selbst das zeitgenössische „hänget” verleiht diesem Zustand eine besondere, feierliche Stimmung.

Viel ist über diese Strophe geschrieben worden, so über Schwäne, die seit dem Altertum, seit Platons Aussage über Orpheus, seit des Horaz Aussage über Pindar oft für Dichter und Sänger stehen oder über das heilignüchtern, ein Oxymoron, also ein Wort, das eigentlich einen Widerspruch in sich enthält, schließlich lässt uns Heiliges an die Fülle der Gottheit denken und nüchtern erinnert uns eher an Trockenheit und rein Sachliches.

Seit Philo von Alexandrien, wieder aufgenommen und verstärkt durch den Kirchenlehrer Augustinus, kennen wir diese Wendung als sobria ebrietas. Lateinisch sobrius bedeutet nüchtern, das feminine ebrietas bedeutet Rausch, Trunkenheit.

Ursprünglich liegt dieser sobria ebrietas der Gedanke zugrunde, dass man vor allem mittels einer nüchtern-asketischen Lebensführung der mystischen Gottesoffenbarung teilhaftig werden könne. Beides müsse zusammenkommen.

Was man gemeinhin als eine coincidentia oppositorum, eine Vereinigung der Gegensätze nannte, hat Hölderlin als Einigentgegengesetztes bezeichnet, Entgegengesetztes wie heilignüchtern ist als Einiges Voraussetzung für Ganzheit, für göttliche Offenbarung.

Notwendig für Entwicklung: Enthaltsamkeit und Überwindung.

Hölderlin kannte den Pietismus seiner Zeit nur zu gut, auch Auswüchse des Schwärmerischen, als dass er sich nicht dessen bewusst gewesen wäre, dass solches angeblich so wertvolle spirituelle Verhalten nur zu gern einen diffusen Glauben kennzeichnet, bisweilen aufgrund geistiger Trägheit, bisweilen auch mangels geistiger Stärke.

Das aber, auch wenn in manchen Hymnen der Dichter einen Ton anschlägt, der voller Heilserwartung ist, war Hölderlins Sache nicht. Selbst in der ´Friedensfeier´, die so sehr auf die Ankunft des Fürsten des Festes (über diese wunderbare Hymne in den nächsten Wochen vielleicht hier mehr), führen die letzten Worte kompromisslos in unsere alltägliche Realität und die mit ihr verbundene Aufgabe – in den abschließenden Worten Hölderlins:

Denn gerne fühllos ruht,
Bis daß es reift, furchtsamgeschäftiges drunten.

Erst muss in uns jene goldene Frucht, von der er vorab in der Hymne so gern sprach, zur Reife kommen, ein Prozess, der mit Arbeit, Mühe und Überwindung verbunden ist, ein Prozess, der Voraussetzung spiritueller und übrigens auch intellektueller Entwicklung ist, weshalb es tragisch ist, dass in unserer Erziehungsrealität manche Pädagogen und Eltern nicht mehr wissen, warum Enthaltsamkeit und Überwindung notwendige Eigenschaften menschlicher Entwicklung sind. Zu meinen, Kindern alles mundgerecht servieren, von ihnen möglichst jede körperliche und seelische Anstrengung fernhalten zu müssen, ist genau das Gegenteil von dem, was sie benötigen, um Eigenschaften zu entwickeln, mittels derer sie vorwärtskommen.

Ein – oben angesprochen – solchermaßen geprägter und durchaus mühseliger Prozess jedenfalls bringt es dann mit sich, dass unser Handeln nicht mehr von furchtsamer Geschäftigkeit gekennzeichnet ist. Erst dann können wir den wahren Wert dessen, was wir tun, fühlen. – An die Arbeit also! Dazu fordern die letzten Worte dieser gewaltigen Hymne auf.

Wer nicht zweifeln kann, kann nicht glauben!

Alles Heilige erfordert auch nüchterne Klarheit. Sonst hebt man ab und verliert den Mut zur Wahrheit, zum herausfordernden Fragen, zum Zweifel.

Zweifel? Ist das nicht Misstrauen, fehlender Glaube?

Nein, Zweifel ist Teil des Lebens, Zwei-fel bedeutet von seiner Wortherkunft her, in die Zwei gefaltet zu sein, wie das Leben, das nie anders war, seit wir seit vielleicht Millionen von Jahren in der Zeit leben, seit es vor Urzeiten den tonlosen Gott gab und dann den sprechenden (Und Gott sprach: Es werde Licht) damit ein Oben und Unten, Himmel und Erde, Mann und Frau, wie es nachvollziehbar in der Schöpfungsgeschichte mythisch verknappt dargestellt ist.

Denken wir auch an das Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?, jene Worte Jesu am Kreuz: Mehr Zweifel, im Fragezeichen Ausdruck findend, geht nicht!

Glauben, der keinen Zweifel kennt, ist Schwärmerei, aufgesetztes Heiligseinwollen, ein Sich-selbst-über-den-Tisch-Ziehen.

Keinen Mut zur Nüchternheit? Ja, das pralle Sein, gerade, wenn man trunken von Küssen ist, erfordert, dass man um des Lebens willen das Haupt ins heilig>nüchterne< Wasser taucht.

Dennoch beinhaltet diese Nüchternheit, die das Wasser auch ausmacht, keine Vorbereitung auf die Radikalität der zweiten Strophe. Denn sie gehört zum vollen Leben dazu. Heiligkeit ohne Nüchternheit wäre wie ein Ei ohne Dotter.

Leben kann von jetzt auf nachher ganz anders sein

Was mit der zweiten Strophe folgt, ist ein radikaler Bruch, der sich auch auf der Ebene von Satzbau und Stil zeigt:

War die erste Strophe noch schwungvoll in einem Satz verfasst, ein großer Wurf, ein Erntedank-Dasein, so dominieren nun W-Laute als Weh-Laute, sich alliterativ verstärkend. Dagegen finden sich keine attributiv verwendeten Adjektive mehr, die noch in der ersten Strophe so wohlig die Substantive begleiteten. sondern gerade mal ganze zwei, adverbial verwendet, und urplötzlich ist das Leben wie die Mauern: Sprachlos und kalt. Jedes Wort der letzten drei Zeilen atmet eisige Antwortlosigkeit.

Auch im Winter braucht der Mensch Blumen und Sonnenschein, wenigstens hie und da. Aber davon ist keine Rede mehr. Nur wie von ferne klingt in der Frage Einigentgegengesetztes an, denn eigentlich gehören Sonnenschein und Schatten zusammen wie Frühling und Herbst, Sommer und Winter. Doch in der Realität dominieren die klirrenden Wetterfahnen, und war in der ersten Hälfte noch die Natur ein einziges Wohlsein, so prallt nun alles von tonlosen Mauern ab.

Wie kann Leben auf einen Schlag so radikal stürzen, wie kann Stimmung einfach so kippen?

Wir wissen alle, dass es das gibt, dass Leben sich von jetzt auf nachher radikal verändern kann. Da ist der Trecker, der den Motorradfahrer übersieht, der Amokschütze, der das Kind neben dem Vater niederstreckt, der Schlaganfall, der ganz unerwartet zuschlägt.

Was ist, wenn das geschieht?

Sind wir in irgendeiner Form darauf vorbereitet?

Wir sehen den Rollstuhl neben uns nicht, nicht den Sarg neben unserem Liebsten, spüren noch nicht die Eiseskälte in unserem Rücken.

Dabei wissen wir, dass Leben nie nur Glück bedeutet und insgeheim ist uns bewusst, dass, wer nur Glück hat, sich womöglich gar nicht glücklich schätzen kann.

Warum ich die Sendung von Markus Lanz ab und zu gern angucke: Da tauchen diese Menschen auf, die plötzlich im Rollstuhl sitzen oder mir nichts dir nichts so verarmt sind, dass sie ums Brot betteln müssen, wo sie doch wenig vorher noch überlegt haben, ob sie ihren Swimmingpool nicht endlich vergrößern lassen sollten.

Es ist noch nicht so lange her, dass ich Zeuge eines Lanz-Gespräches mit dem einstigen Bertelsmann- und Arcandor-Vorsitzenden Thomas Middelhoff wurde, vor wenigen Jahren noch bundesrepublikanischer Top-Manager, zugleich ein eitler Fatzke, nun ein durch Leid geläuterter, authentischer Mensch! Ich denke auch an ein Gespräch mit dem durch Leid gezeichneten Guido Westerwelle (> Guido ist wesentlich!), der mit diesem selbstherrlich-arroganten Politiker früherer Zeit, der er immer wieder sein konnte, nichts mehr zu tun hatte, und mir kommt in diesem Zusammenhang auch immer wieder Manfred Wörner, Ex-Verteidigungsminister und Nato-Generalsekretär in den Sinn, dazumal ein personifiziertes bis zum Anschlag aufgeblähtes Ego. Je mehr der Tod ihm aber aufgrund seiner Krebs-Erkrankung näher trat – und man sah ihm den fortschreitenden Verfall an -, desto mehr verlor sich sichtbar aller Dünkel. Zum Schluss sah man zunehmend deutlich die Konturen des wirklichen Menschen.

Woher nehmen … ?

Ob Hölderlin geahnt hat, was ihm begegnet, ziemlich genau um die Hälfte des Lebens herum? Ob er ahnend wusste um jene zukünftige Geisteskrankheit, die ihn nie mehr seinen großen Hymnen und Oden vergleichbare Gedichte würde schreiben lassen, stattdessen vor allem jene 27 Gedichte, die er mit Scardanelli, in seinem Turm am Neckar dichtend, unterschrieb, die lange Zeit ein kümmerliches Dasein innerhalb der Literaturwissenschaft fristeten, in den letzten drei Jahrzehnten sich aber zunehmender Aufmerksamkeit erfreuten, oft schlicht gehalten, aber auf bestimmte Weise unser Inneres ergreifend.

Man spürt all seinen Gedichten an, dass er in tiefere Tiefen sah als der normal Sterbliche. Sah er auch hier in Bezug darauf, was es mit der Hälfte des Lebens für ihn auf sich hat, mehr? – Wenn es so war, bewundere ich den Mut, diesem inneren Ahnen, ja vielleicht Wissen Ausdruck verliehen zu haben. Denn Worte manifestieren Wirklichkeit.

Dass dieses Gedicht so wenig auf Ablehnung stieß, obwohl es so unvermittelt wie kaum ein anderes und scheinbar unmotiviert von einer Lebensseite auf die andere springt, scheint erstaunlich; in kaum einer Gedichtanthologie fehlt es. Wenn ein Unbekannter es geschrieben hätte, würde der ein oder andere wohl sagen: völlig unmotiviert die Seiten wechselnd und viel zu abrupt.

Mir hat dieses unvermittelte schonungslose Fragen sehr zu denken gegeben. Es geht ja nicht nur darum, wirklich ergebnisoffen zu fragen, es geht auch darum zu lernen, die richtigen Fragen zu stellen.

Das tut Hölderlin offensichtlich. Der Dichter, der noch in der ersten Strophe, in der ersten Hälfte des Lebens von den Musen geküsst war, eben trunken von Küssen, versetzt sich in eine Situation der Sprachlosigkeit. Schlimmeres gibt es für einen Dichter nicht und die Frage tut sich auf: Wo nehme ich her, was ich vermisse?

Wissen wir mit dem Winter umzugehen?

Würden wir mit ihm umgehen können, wenn er denn so unvermittelt käme?

Und es stellen sich weitere Fragen, die existentiell für uns und unsere Gesellschaft sein könnten, z.B.:

  • Wie lässt sich erreichen, dass in unserem Land Menschen wieder mehr wert sind als Aktien?
  • Was lässt sich grundsätzlich tun, damit diese Republik moralisch und ethisch wieder auf die Beine kommt, also spürbar ein entsprechendes Bewusstsein vorhanden ist, das sich in Politik nach innen und außen umsetzt, dass also nicht mehr Geld regiert, sondern es um das Wohl der Menschen geht?
  • Haben Menschen in ihrem Leben eine Aufgabe, unterschiedliche in unterschiedlichen Lebensphasen?
  • Haben Nationen eine Aufgabe?
  • Zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche?
  • Wie lautet die derzeitige Aufgabe von mir?
  • Wie lautet die Aufgabe, wie lauten die Aufgaben von Deutschland?
  • Warum geht es nicht in den Jamaika-Gesprächen um jenes Fünftel unserer Mitbürger, die arm sind oder an der Armutsgrenze leben? – Was gibt es Wichtigeres als das Wohl der Menschen?
  • Warum muss eine 84-jährige Rentnerin in den Knast (und ihr Gnadengesuch wurde abgelehnt), aber all die, die im Dieselskandal Millionen von Menschen um insgesamt Millionenbeträge prellten, laufen – von zwei Verhaftungen abgesehen – noch frei herum, sowohl Manager als auch Ingenieure?

Die Liste ließe sich um ein Vielfaches an Fragen ergänzen!

Vielleicht muss man wie Kain Abel erschlagen, wie Thomas an höchstem Bewusstsein gezweifelt, wie Judas dieses Bewusstsein verraten, wie Petrus einem Soldaten ein Ohr abgeschlagen oder wie Paulus Christen verfolgt haben und sich zu dem allen innerlich und gegebenenfalls öffentlich bekennen, um auf diese Hölderlin-Frage eine Antwort zu haben, die einen Leben nicht nur aussitzen, sondern gestalten lässt.

Die Frage jedenfalls steht im Raum: Wo nehmen wir im Winter die Blumen und den Sonnenschein und den Schatten der Erde?

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