„Könnt ich an ihrem Halse schluchzen, klagen!“ – Mutterwunden deutscher Dichter: Nikolaus Lenau, Heinrich Heine, Friedrich Hebbel, Karl May. – Ein Muttertagspost.

Ich trag im Herzen eine tiefe Wunde
Und will sie stumm bis an mein Ende tragen;
Ich fühl ihr rastlos immer tiefres Nagen,
Und wie das Leben bricht von Stund zu Stunde.

Schon mit 5 Jahren verlor Nikolaus Lenau, der bekannteste österreichische Lyriker des 19. Jahrhunderts, seinen Vater, der die Familie völlig verarmt zurückließ. Zunehmend wurde er unter drei Geschwistern das Lieblingskind seiner Mutter, die zwar erneut heiratete, aber sich, als Lenau 15 Jahre alt war, wieder trennte und fortan mit ihren Kindern unter ärmlichsten Verhältnissen lebte. Fast 16-jährig machte Lenau mit ausgezeichneten Leistungen sein Abitur. In der Folge brach er ein Philosophiestudium ab, studierte ungarisches Recht und in Wien Rechtswissenschaften.

Mit 24 Jahren wurde er Vater, die Vaterschaft allerdings zweifelte er an.
Lenaus wechselvolles Leben kann hier nicht weiter wiedergegeben werden, erwähnenswert ist aber v.a., dass er dreißigjährig nach Amerika auswandert, allerdings nach knapp einem Jahr und misslungenem Farmerleben und Bodenspekulationen enttäuscht zurückkehrt (in der Folge spricht er in einem Brief von den verschweinten Staaten von Amerika).

In Deutschland ist er, der vor seinem Amerikatrip seinen ersten Gedichtband herausgegeben hatte, ein bekannter Dichter. Weitere Veröffentlichungen, u.a. mit sehr kritischen Positionen der Kirche gegenüber, führen zu Schwierigkeiten mit der österreichischen Zensurbehörde.

Insgesamt ist seine Lyrik gekennzeichnet von einem Hang zu Weltschmerz, Melancholie und einer engen Beziehung zur Natur.
Kennzeichnend für sein Leben sind in der Folge wechselvolle und wenig glückliche Beziehungen zu einigen Frauen, vor allem zu der mit einem Freund verheirateten Sophie von Löwenthal. Seine Beziehungsversuche waren ebenfalls Anlass zu zahlreichen Gedichten (Goethe darin durchaus ähnlich).

42-jährig ereilt ihn ein Schlaganfall mit anschließenden schweren psychischen Störungen; er unternimmt mehrere Selbstmordversuche und wird in eine Heilanstalt in der Nähe Stuttgarts später in eine in der Nähe Wiens eingeliefert. 48-jährig stirbt er in geistiger Umnachtung.

Studiert man sein Leben gewinnt man den Eindruck, dass hier ein hochbegabter Mensch, hochsensibel und mit einem großen Hang zur Schwermut, was sich immer wieder auch in seinen Gedichten niederschlägt, mit den vielen Facetten seines Inneren nicht klarkam und nicht jenen Lebensplan, den vielleicht jeder Mensch sich vor seinem Leben vornimmt – bei manchen Menschen sind sie ja überdeutlich, denken wir an Künstler wie Bach, Mozart, Dürer, Goethe und andere -, verfolgen konnte. Womöglich hat ihm eine vorbildhafte Vaterenergie gefehlt und vielleicht hat er seinen vergeblichen Beziehungsversuchen seine Mutter gesucht.
Vielleicht war es eine Vater- und eine Mutterwunde, die er in sich trug; er selbst spricht in seinem Sonett Der Seelenkranke von nur einer Wunde, allerdings einer tiefen; man glaubt auch zu spüren, dass ihm in seinem Leben ein spiritueller Halt fehlte. Immer wieder ist es ja so, dass Menschen, die in ihrem Leben eine starke irdische Vaterenergie nie kennenlernten, nichts mit einer möglichen himmlischen anzufangen wissen:

Der Seelenkranke

Ich trag im Herzen eine tiefe Wunde
Und will sie stumm bis an mein Ende tragen;
Ich fühl ihr rastlos immer tiefres Nagen,
Und wie das Leben bricht von Stund zu Stunde.

Nur eine weiß ich, der ich meine Kunde
Vertrauen möchte und ihr alles sagen;
Könnt ich an ihrem Halse schluchzen, klagen!
Die eine aber liegt verscharrt im Grunde.

O Mutter, komm, laß dich mein Flehn bewegen!
Wenn deine Liebe noch im Tode wacht,
Und wenn du darfst, wie einst, dein Kind noch pflegen,

So laß mich bald aus diesem Leben scheiden.
Ich sehne mich nach einer stillen Nacht,
O hilf dem Schmerz, dein müdes Kind entkleiden.

.

Wer in seinen Werken herumschnuppern möchte, kann es im Rahmen von Projekt Gutenberg tun. Dort auf der Seite unten finden sich vier Links in seine Werke hinein.

Heinrich Heine (1797 – 1856) wuchs in behüteten und gesicherten bürgerlichen Verhältnissen auf. Er war der erste große Schriftsteller Deutschlands mit jüdischer Abstammung. Sein wechselvolles Leben verschlug ihn später nach Paris, wo er auch das im Folgenden zitierte Gedicht Nachtgedanken schrieb.

Zunächst aber seien zwei Strophen, die er seiner Mutter widmete, wiedergegeben und deutlich wird, wie sehr er sie liebte, obwohl sie ihm doch – als zukünftigem Schriftsteller von Weltrang – jeden Roman aus den Händen riss – vor der Poesie hatte sie Angst – und den Besuch des Schauspiels verbot. Dafür verkaufte sie Halsband und Ohrringe, um ihm sein Studium zu erleichtern. Sie war eine ganz praktische Natur. Dass er sein Dichtertalent nicht von seiner Mutter hatte, war Heine bewusst. Aber wie verehrte er sie!

Die folgenden zwei Strophen wird er mit 20 oder 21 geschrieben haben, vielleicht auch ein, zwei Jahre später; Genaueres ist nicht gesichert; das aber trübt nicht den Eindruck, wie sehr er sich nach ihrer Liebe sehnte:

I.

Ich bin’s gewohnt den Kopf recht hoch zu tragen,
Mein Sinn ist auch ein bisschen starr und zähe;
Wenn selbst der König mir in’s Antlitz sähe,
Ich würde nicht die Augen niederschlagen.
Doch, liebe Mutter, offen will ich’s sagen:
Wie mächtig auch mein stolzer Muth sich blähe,
In deiner selig süßen, trauten Nähe
Ergreift mich oft ein demuthvolles Zagen.
Ist es dein Geist, der heimlich mich bezwinget,
Dein hoher Geist, der Alles kühn durchdringet,
Und blitzend sich zum Himmelslichte schwinget?
Quält mich Erinnerung, daß ich verübet
So manche That, die dir das Herz betrübet,
Das schöne Herz, das mich so sehr geliebet?

II.

Im tollen Wahn hatt’ ich dich einst verlassen,
Ich wollte gehn die ganze Welt zu Ende,
Und wollte sehn ob ich die Liebe fände,
Um liebevoll die Liebe zu umfassen.
Die Liebe suchte ich auf allen Gassen,
Vor jeder Thüre streckt’ ich aus die Hände,
Und bettelte um gringe Liebesspende, –
Doch lachend gab man mir nur kaltes Hassen.
Und immer irrte ich nach Liebe, immer
Nach Liebe, doch die Liebe fand ich nimmer,
Und kehrte um nach Hause, krank und trübe.
Doch da bist du entgegen mir gekommen,
Und ach! was da in deinem Aug’ geschwommen,
Das war die süße, langgesuchte Liebe.

.

Ich verehre Heinrich Heine unter anderem wegen seiner Gedichte aus der Matratzengruft, wie er sein Zimmer über den Dächern von Paris nannte, in dem er nach langem Siechtum starb – es ist nicht gesichert, ob wegen Syphilis (die er seinen zahlreichen Hamburger Bordellbesuchen zu verdanken gehabt hätte) oder wegen Bleivergiftung (was neuere Untersuchungen nahelegen).

Nachtgedanken ist gegen Ende hin ein sehr politisches Gedicht; doch wie sehr steht die Mutter im Mittelpunkt der ersten acht Strophen der 1843 geschriebenen Zeilen:

Denk ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
Und meine heißen Thränen fließen.

Die Jahre kommen und vergehn!
Seit ich die Mutter nicht gesehn,
Zwölf Jahre sind schon hingegangen;
Es wächst mein Sehnen und Verlangen.

Mein Sehnen und Verlangen wächst.
Die alte Frau hat mich behext,
Ich denke immer an die alte,
Die alte Frau, die Gott erhalte!

Die alte Frau hat mich so lieb,
Und in den Briefen, die sie schrieb,
Seh’ ich wie ihre Hand gezittert,
Wie tief das Mutterherz erschüttert.

Die Mutter liegt mir stets im Sinn.
Zwölf lange Jahre floßen hin,
Zwölf lange Jahre sind verflossen,
Seit ich sie nicht an’s Herz geschlossen.

Deutschland hat ewigen Bestand,
Es ist ein kerngesundes Land,
Mit seinen Eichen, seinen Linden,
Werd’ ich es immer wiederfinden.

Nach Deutschland lechzt’ ich nicht so sehr,
Wenn nicht die Mutter dorten wär’;
Das Vaterland wird nie verderben,
Jedoch die alte Frau kann sterben.

.

Für Heinrich Heine war das Vaterland im Grunde Mutterland.

Der Vollständigkeit halber seien noch die drei Schlussstrophen angemerkt:

Seit ich das Land verlassen hab’,
So viele sanken dort in’s Grab,
Die ich geliebt – wenn ich sie zähle,
So will verbluten meine Seele.

Und zählen muß ich – Mit der Zahl
Schwillt immer höher meine Qual,
Mir ist als wälzten sich die Leichen

Auf meine Brust – Gottlob! sie weichen!
Gottlob! durch meine Fenster bricht
Französisch heit’res Tageslicht;
Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen,
Und lächelt fort die deutschen Sorgen.

.

Friedrich Hebbel (1813-1863), der über Mutterliebe in seiner Tragödie Maria Magdalena Folgendes sagt:

Mutterliebe, man nennt dich des Lebens Höchstes!
So wird denn jedem, wie schnell er auch stirbt,
dennoch sein Höchstes zuteil!

hat ein Gedicht geschrieben, überschrieben Das Kind, das wahrlich kein wirkliches Muttertagsgedicht ist, aber es macht auf eine unglaublich zu Herzen gehende Weise deutlich, wie wichtig eine Mutter doch für ihr Kind ist:

Die Mutter lag im Todtenschrein,
Zum letzten Mal geschmückt;
Da spielt das kleine Kind herein,
Das staunend sie erblickt.

Die Blumenkron‘ im blonden Haar
Gefällt ihm gar zu sehr,
Die Busenblumen, bunt und klar,
Zum Strauß gereiht, noch mehr.

Und sanft und schmeichelnd ruft es aus:
Du liebe Mutter, gieb
Mir eine Blum‘ aus deinem Strauß,
Ich hab‘ dich auch so lieb!

Und als die Mutter es nicht thut,
Da denkt das Kind für sich:
Sie schläft, doch wenn sie ausgeruht,
So thut sie’s sicherlich.

Schleicht fort, so leis‘ es immer kann,
Und schließt die Thüre sacht
Und lauscht von Zeit zu Zeit daran,
Ob Mutter noch nicht wacht.

.

Und zu guter Letzt sei ein Gedicht von Karl May (1842-1912), über den ich schon an anderer Stelle ausführlicher geschrieben habe, angeführt. Karl May hat einige Gedichte an und über seine Mutter schrieben, die ich gern bei anderer Gelegenheit einbringe; das Folgende ist überschrieben: An die Mutter

Ich hab gefehlt, und du hast es getragen,
so manches Mal und, ach, so lang, so schwer.
Wie das mich nun bedrückt, kann ich nicht sagen;
o komm noch einmal, einmal zu mir her!

Du starbst ja nicht; du bist hinaufgestiegen
zu reinen Geistern, meiner Mutter Geist.
Ich weiß, du siehst jetzt betend mich hier liegen;
o komm, o komm, und sag, daß du verzeihst!

Komm mir im Traum; komm in der Dämmerstunde,
wenn, Stern um Stern, der Himmel uns umarmt.
Bring mir Verzeihung, und bring mir die Kunde,
daß auch die Seligkeit sich mein erbarmt!

.

Werbeanzeigen
Veröffentlicht unter Fülle des Lebens, Gedicht, Liebe | Verschlagwortet mit , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Hammerschlag contra Flügelschlag: Wie Matthias Claudius den Tod überwindet!

Der Wandsbecker Bote (1740-1815), wie man ihn gern nach jenem Journal, für das er sich so engagierte, auch nannte, hätte allen Grund gehabt, das Kruzifix als Kennzeichen menschlichen Lebens vor sich herzutragen: Elf Jahre ist er alt, da stirbt im zarten Alter von zwei Jahren seine Schwester Lucia Magdalena, wenige Tage später stirbt sein Bruder Lorenz, gerade mal 5 Jahre alt; zwei Monate später stirbt sein Halbbruder Friedrich Karl aus der ersten Ehe des Vaters. Des Dichters erstes Kind stirbt kurz nach der Geburt.

Viele kennen in Matthias Claudius den Verfasser des einer Umfrage zufolge bekanntesten deutschen Gedichtes, seines Abendlieds, das im Grunde einen Zugang zu richtigem Glauben vermittelt (hier mein Video dazu); doch wusste er sehr wohl auch um die Schattenseiten des Lebens; ganz besonders vermittelt sich das in einem Gedicht von ihm, das 1798 erschien:

Der Tod

Ach, es ist so dunkel in des Todes Kammer,
Tönt so traurig, wenn er sich bewegt
Und nun aufhebt seinen schweren Hammer
Und die Stunde schlägt.

Nicht von ungefähr spricht man davon, dass jemandem die letzte Stunde schlägt. Kurz und knapp und nur noch dreihebig – der erste Vers wies noch sechs, die beiden folgenden fünf Hebungen auf – lässt der Dichter den Tod tönen und sein Schlagen beendet das Gedicht nicht von ungefähr mit einem unangenehm unreinen Reim (bewegt – schlägt).

Wehe, wenn der Tod seinen Hammer hebt! Es ist, als ob das Ach des Beginns – es ist ja unmittelbar betont, das Gedicht ist im Trochäus geschrieben – sich über die Zeilen bis zum Ende erstreckt, die sich von diesem Auftakt nie wirklich erholen. Man sieht ihn nicht, den Tod, sieht nur die Dunkelheit; umso mehr hört man ihn – wie sehr wirkt die Alliteration in Tönt so traurig.

Da ist ganz und gar nichts von jener Heiterkeit, mit der sich der Tod in Markus Zusaks Die Bücherdiebin präsentiert – einem Buch, das so bemerkenswert gut auch verfilmt wurde.

In vielen Gedichten des treu sorgenden Familienvaters, Publizisten und Dichters finden sich Bezüge zum Tod und sein Gedicht, das markerschütternd beginnt – ’s ist Krieg! ’s ist Krieg! / O Gottes Engel wehre, / Und rede Du darein! – und Der Mensch  mit jenen Zeilen – erbauet und zerstöret und quält sich immerdar (beide hier)verweisen darauf, dass dieser Mann um den Ernst des Lebens wusste, zumal er auch in einer Zeit lebte, in der der preußische Friedrich nicht gerade ziemperlich mit kriegerischen Fehden umging.

Aber Matthias Claudius kennt auch eine ganz andere Kammer: In seinem Abendlied spricht er von der Welt als einer stillen Kammer, / wo ihr des Tages Jammer / verschlafen und vergessen sollt.

Es dürfte eigentlich nie geschehen, dass man obiges Gedicht ohne das folgende zitiert, obwohl das immer wieder sehr oft in Anthologien geschieht. Ihr Verfasser hat beide sehr bewusst nebeneinander gestellt und sie geben Auskunft über sein religiöses Verständnis. Das folgende Gedicht ist die Antwort der Religiosität eines Matthias Claudius auf den Tod und es wäre gut, wenn sich manche Christen endlich hinter die Ohren schreiben würden, dass eben nicht der Karfreitag der wichtigste Feiertag im Kirchenjahr ist, sondern der Auferstehungstag. Christus, der Logos, die Liebe begab sich aus Liebe in den Körper eines Menschen namens Jesus, um als Gott eine Erfahrung  zu machen, die die menschliche Erfahrung des Todes fortan transzendiert und völlig verändert hat. Deshalb folgt eben, wie Goethe auf sein Gedicht Meeresstille, das von einer wahren Todesstille erzählt, immer seine Glückliche Fahrt hat folgen lassen, bei Matthias Claudius, den Goethe leider verachtete, wohl, weil er meiner Ansicht nach dessen Religiosität nicht wirklich begriff, ein Gedicht namens Die Liebe:

Die Liebe hemmet nichts; sie kennt nicht Tür noch Riegel,
Und dringt durch alles sich;
Sie ist ohn Anbeginn, schlug ewig ihre Flügel,
Und schlägt sie ewiglich.

Niemand vermag die Liebe aufzuhalten. Auch in letzterem Gedicht finden sich drei Hebungen in dem hier jambisch gestalteten Schlussvers, doch diesmal schlagen die Flügel der Liebe. Der ein oder andere mag von fern die Worte des Paulus aus dem Korintherbrief über die Liebe mitklingen hören.

Matthias Claudius trägt noch heute dazu bei, dass mehr und mehr Menschen erkennen können, dass der Karfreitag dazu da ist, überwunden zu werden. Der Sinn des Todes besteht in seiner Überwindung. Deshalb hat Goethe seinem Stirb ein Werde, seiner Todesstille eine Glückliche Fahrt (wenn es interessiert: beide Gedichte im Video ab 8.55′) und unser Dichter dem Tod die Liebe folgen lassen. Deshalb kann jedes Grab sich öffnen.

Wenn das nicht geschieht, liegt es nicht am Tod, nicht an der Liebe, nicht am Grab, sondern  an uns.

.

Veröffentlicht unter Fülle des Lebens, Gedicht, Leben und Tod, Liebe | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

„Stehst du fast als wie ein Weltenmeister / In der Hand den Feldherrnstab der Geister.“ Christian Wagners prophetische Worte.

Es gibt Buchstabenfolgen, die wirken nachdrücklich in einen hinein, ohne dass man so genau sagen könnte, warum. So ist es hier; seit ich es gelesen habe, liebe ich Christian Wagners Oswalds Gedächtnis. Nun habe ich mich ihm ein wenig zugewandt und mir ist bewusster geworden, warum die Strophen mir so nahegehen: Sie haben einfach sehr viel mit meiner Geschichte und der möglicherweise nahen Zukunft der Menschheit zu tun.

Geschrieben hat Christian Wagner (1835-1918) sein Gedicht soviel ich weiß noch vor dem Ersten Weltkrieg und man möchte fast meinen, dass dessen Ausbruch Wagners Strophen ad absurdum zu führen scheinen, doch kommt es mir so vor, als seien seine Schlusszeilen noch heute Zukunftsmusik oder wir lebten just in der Zeit, in der jeder sich des Feldherrnstab(s) der Geister, von dem in der letzten Strophe die Rede ist, zu bedienen lernen muss, nicht, um jene zu befehligen, sondern um mit ihnen zusammenzuarbeiten.

Wie die Zeilen, so berührt mich auch ihr Verfasser und sein Leben: Bauer war er von Beruf und eine Zeitlang musste er sich noch als Holzfäller verdingen, weil er Schulden hatte. Gegen Ende seines Lebens hin wurde seine finanzielle Situation deutlich besser, u.a., weil sich Hermann Hesse um ihn bemühte. Seine erste Frau starb früh; mit seiner zweiten Frau  hatte er vier Kinder.

Echt doof, dass ich wohl einige Male nahe an seinem Geburts- und lebenslangen Wohnhaus in Warmbronn, ca. 20 Kilometer vor den Toren Stuttgarts gelegen, vorbeigegangen und -gefahren bin, ohne zu wissen, dass ich es mal gar zu gern gesehen hätte.

Eine nach Wikipedia formulierte Information vorab (Vorsicht, brutal, man kann sie auch weglassen und gleich das Gedicht lesen, sie spielt ohnehin nur ganz kurz eine Rolle) erleichtert das Verständnis der siebten Strophe. Es geht um Philomele, eine Figur der griechischen Mythologie. Sie war eine Tochter des attischen Königs Pandion und seiner Gemahlin Zeuxippe; ihre Geschwister waren Prokne, Erechtheus und Butes.

Philomeles Vater Pandion hatte zum Dank für dessen Hilfe im Krieg gegen die Thebaner dem Thrakerkönig Tereus seine Tochter Prokne zur Frau gegeben. Doch Tereus begehrte auch deren Schwester Philomela. Er verschleppte sie in einen tief im Wald gelegenen Stall und vergewaltigte sie. Damit sie ihn nicht verraten konnte, schnitt er ihr die Zunge heraus und hielt sie hernach an jenem Ort gefangen.

Philomela aber war eine Weberin, und so fertigte sie ein Gewand für ihre Schwester Prokne, in das sie die Bilder ihrer Leidensgeschichte einwob. Prokne, als sie es erhielt, verstand die Botschaft und befreite Philomela aus ihrem Waldgefängnis.

Es war gerade die Zeit der wüsten nächtlichen Feiern des Weingottes Dionysos; Prokne raste mit den Bacchantinnen durch den Wald und riss anlässlich dieser Gelegenheit ihre Schwester mit. Die beiden Frauen zerstückelten in der Folge aus Rache Tereus‘ und Proknes gemeinsamen Sohn Itys, kochten dessen Glieder und setzten sie dem Vater zum Mahle vor; der König erkannte erst, was er gegessen hatte, als ihm Philomela das Haupt seines Sohnes zuwarf. Mit gezücktem Schwert verfolgte er die Schwestern. Um dem Töten Einhalt zu gebieten, verwandelte Zeus sie zu Vögeln: Philomela in eine Schwalbe, Prokne in eine Nachtigall und Tereus in einen Wiedehopf.

In späteren Überlieferungen wurde die Zuordnung der Vögel verändert: Tereus soll zum Habicht geworden sein, und Philomela zur Nachtigall.

Christian Wagner spielt vermutlich auf Philomele als Nachtigall an, wenn er in der siebten Strophe des Gedichtes das Klingen aus sich selbst heraus mit dem Schlag der selgen Philomene vergleicht.

Hier nun das Gedicht:

.

Oswalds Gedächtnis

Wohl genug ist´s, dass die Menschheit grausend
Marterwege wandelte Jahrtausend,
Zeit nun ist´s, dass sie, befreit von Sorgen,
jetzund feire Auferstehungsmorgen.

Zeit ist´s, dass das Nachtgestirn verglühe,
Lerchen schmettern in der Morgenfrühe,
Und der junge Tag mit freudgen Schlägen
Eilt der Sonne und dem Glanz entgegen.

So auch du, mein Sohn: Nicht gilt´s zu liegen,
Mach dich auf, den Weltkreis zu besiegen,
Von des Geistes freudgem Flügelschlagen
Mehr und mehr zum Licht emporgetragen.

Dass im Fluge du nicht mögst ermatten,
magst du kreisen ob der Schönheit Matten;
Niederschwebend von dem Flug nach Osten
Jede Freude, die dir rein ist, kosten.

Dein ist alles, all und jede Wonne,
Wann sie aufgeht, dir als eigne Sonne;
Jeder Tag, vom Licht emporgetragen,
Wann er aufgeht, dir als eignes Tagen.

Dein ist alles, all der Blumen Glühen,
Wann hervor sie aus dir selber blühen;
All die Rosenknospen auf der Erden,
Wann sie Rosen in dir selber werden.

Dein ist alles, all der Lieder Singen,
Wann heraus sie aus dir selber klingen;
jeder Schlag der selgen Philomele,
Wann er hallt aus deiner eignen Seele.

Dein ist alles, was in Tal und Hügeln
Lichtvoll sich in dir kann widerspiegeln;
Dein die Himmel selbst und selbst die Sterne,
Wann du Glanz hast für den Glanz der Ferne.

Bist du adlergleich herausgekommen,
Alles Schöne in dich aufgenommen,
Göttertrank gekostet so im Fluge
Auf dem Sieges- und Erobrungszuge.

Liegt das Vorurteil, das Wahnbefangen
Zu den Füßen dir als kriegsgefangen,
Stehst du fast als wie ein Weltenmeister
In der Hand den Feldherrnstab der Geister.

.

Wenn wir erkennen, dass es ein Wahn ist und keine Wirklichkeit, dass wir gar nicht getrennt sein müssen von den Geistern, dass es einfach nur ein Urteil über uns selbst, ein Vor-Urteil ist, dann halten wir wieder den Feldherrnstab in der Hand, um unser eigenes Schicksal zu gestalten.

Die indische Philosophie nennt diesen Zustand des Wahns, des Scheins, des scheinbaren Getrenntseins von der geistigen Welt Maya.

Von einer gewissen Perspektive aus mag es stimmen, dass das Getrenntsein nur Maya sei, allerdings stimmt es nicht für unser ganz persönliches Bewusstsein, fühlen wir uns doch oft getrennt (und war die Menschheit auch durch einen einseitig aufgeklärten Intellektualismus und den zunehmenden Materialismus real getrennt), auch wenn es Momente gibt, wo wir spüren, dass wir jener jenseitigen Welt sehr nahe sind.

Diese Trennung – und es ist eine ganze Zeitlang eben eine reale Trennung, Maya hin oder her – ist auch wichtig für unsere Entwicklung als Menschen, denn wären wir nie getrennt gewesen, so wären wir immer nur Marionetten der Götter – im Christentum sind es die Engelhierarchien – gewesen, die selbst nicht die Freiheit Gott gegenüber besitzen, die der Mensch sich seit Luzifer zu erringen auf dem Weg ist. Wir mussten wie Prometheus den Göttern das Feuer rauben, selbständig agieren, ziemlich verblendet unseren Intellekt für das allein Seligmachende halten, tief in die Materie hinabtauchen und den Himmel aus den Augen verlieren, ein Zustand, in dem heute noch viele Menschen sich befinden, wobei wir eben zur Zeit (wieder einmal) ganz besonders intensiv erkennen müssen, wohin das auf der Erde führt. Aber mehr und mehr Menschen sind auf dem Weg zurück, nehmen wieder bewusst Verbindung auf, manche auf esoterisch verkorkste Weise, manche recht pseudochristlich, manche aber auch sehr ehrlich, wobei dieser ehrliche Weg eben richtig schwierig sein kann; davon erzählen die Märchen, der Parzivalmythos und der Jesus-Weg im Johannes-Evangelium; aber es ist der einzige Weg, zu wirklicher Freiheit zu finden; deshalb auch ließ Jesus nach seiner Auferstehung jenen Geist, auch als Heiliger Geist bezeichnet, zurück, damit der Mensch lernt, eigenverantwortlich mit ihm umzugehen. Es ist ein Weg, den jeder Mensch ganz selbständig gehen muss, denn jeder hat seine Weise, sich mit dem Jenseits, das zugleich sein Innerstes ist, zu verbinden. Zur Zeit fallen noch viele Menschen auf Reiki, geführte Meditationen aus dem Internet, reale Meditationen in irgendwelchen Zirkeln oder auf irgendwelche Channelings herein. Leider kann das alles für eine Seele sehr gefährlich sein.

Auf seine Weise war Christian Wagner ein tief religiöser Mensch, der allerdings von der Kirche nicht viel hielt, schon allein, weil er felsenfest an Reinkarnation glaubte, ein Glaube, den die Katholische Kirche ja bekanntlich vor über 1500 Jahren auf dem Konzil zu Konstantinopel verboten hat – wie man sieht, bis heute noch recht erfolgreich, wenn sich auch ein Lessing, ein Goethe, ein Wilhelm Busch, ein Christian Morgenstern, ein Michael Ende und viele andere (auch ich) nicht von diesem Verbot haben beeinflussen lassen – die Kirche verfluchte damals sogar jene, die an Seelenwanderung glauben (der Kirche ist offensichtlich, einen Fluch auszusprechen, erlaubt; aber beide Kirchen horten auch allein in Deutschland ein Vermögen von um die 400 Milliarden Euro und das, wo weit über 50 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht sind; da kommt es auf einen Fluch auch nicht mehr an – in den Himmel kommen die Kirchen eh nicht – wobei ich nicht  jene verunglimpft wissen möchte, die in ihrem Rahmen für Menschen wertvolle Arbeit leisten).

Die erste Strophe aus Oswalds Gedächtnis erinnert mich an die Gespräche mit einer lieben Freundin über das kaum zu ertragende Leid, das es auf der Erde gib; es sind wirklich Marterwege, ein trefflicher Ausdruck. Mit vielen anderen mache ich Gott als Summe aller Energien dafür verantwortlich, insofern ich ihn für den Schöpfer unseres Kosmos halte, wobei am Ende des Prozesses Vorwürfe ganz anderer Art an Gott gerichtet sein könnten.

Obwohl das Leid der Menschen des Öfteren nicht auszuhalten ist (bei manchen Bildern mache ich, weil ich sie nicht ertrage, einfach den Fernseher aus oder wechsle das Programm), fürchte ich, dass die Dimensionen des Leids für die Menschheit und den einzelnen Menschen notwendig sind. Man erinnere sich nur mal an Schillers Taucher: Obwohl er gesehen hatte, was in der Tiefe Grässliches auf ihn wartet, meinte er einer ziemlich unsicheren Liebe zuliebe nochmal in den Höllenraum, wie er die Untiefen in der Ballade selbst nannte, hinabtauchen zu müssen. – Wie schwer doch uns Menschen Lernen fällt und trotz eigener Erkenntnis – der Mensch versuche die Götter nicht – sind wir oft nicht in der Lage, Erfahrung in gelebte Wirklichkeit umzusetzen. Trotz eines kaum überbietbaren Infernos während der Zeit des Nationalsozialismus sympathisieren noch immer viele Menschen mit diesem seelischen Weg. Eigentlich kaum möglich, aber es ist so. Manchen reicht ganz offensichtlich dieser Marterweg der Menschheit nicht.

Und noch etwas, fürchte ich, ist wahr: Je tiefer der einzelne Mensch und die Menschheit hinabsinkt, absinkt, desto klarer und reiner kann, wenn er die Tiefen in Höhen verwandelt, sein Bewusstsein werden. Ich stelle mir vor, dass es sein könnte, dass Menschen nach dieser Marterzeit, obwohl sie wie meine Freundin und ich jetzt entsetzt sind, vor Gott stehen und sagen: Hättest Du uns doch noch tiefer fallen lassen! Wir wären innerlich noch klarer, noch bewusster.

Dann könnte Gott sagen: Millionenfach schriet ihr Menschen mich an, ich solle doch endlich dieses unverantwortliche Leid beenden. Und jetzt beschwert ihr euch.

Ich persönlich glaube, dass mehr und mehr Menschen eines, wie in Strophe 1 angesprochen, Auferstehungsmorgens würdig sind, insofern sie ein entsprechendes Bewusstsein erlangt haben. Tatsache ist aber auch, dass die Bibel unter anderem in Matthäus 24 darauf aufmerksam macht, dass noch eine Zeit kommen wird, die als Kampf aller gegen alle bezeichnet wird (Amen, ich sage euch: Kein Stein wird hier auf dem anderen bleiben. Alles wird nur noch ein großer Trümmerhaufen sein.«), von dem schon der englische Philosoph Hobbes sprach, ihn aber nicht wirklich seelisch-geistig einzuordnen wusste, kommt er doch in seiner Schrift Leviathan zu dem Ergebnis, dass vor diesem Zustand nur eine zentralisierte Macht die Menschheit bewahren könne, die Monarchie.

Was auf dem Hintergrund der biblischen Aussage so schlimm sein muss, dass es in der Bibel heißt, dass, wenn Gott sie nicht verkürze, niemand selig werde: so grausam und brutal müssen die Anfechtungen werden. – Geistig überleben werden das vielleicht nur Menschen, die an dem Leben überhaupt nicht mehr hängen, sondern das Bewusstsein des Stirb und Werde , von dem Goethe in Selige Sehnsucht schrieb, vollständig in sich integriert haben.

In dieser Zeit, wenn dieser Kampf stattfindet, werden sicherlich nicht alle Seelen auf der Erde sein, aber doch sehr viele. Trotz des unvorstellbaren Leides werden manche, vielleicht auch viele, adlergleich – wie Wagner schreibt – aufsteigen.

All dem liegt zugleich auch das Bewusstsein zugrunde, dass der Dichter in dem kurzen Hauptsatz erfasst: Dein ist alles; er nimmt ihn nicht von ungefähr anaphorisch mehrfach auf. Dein, so könnte er sagen, ist das Leid, Dein ist aber eben auch, wie er schreibt, all und jede Wonne, aller Blumen Glühen, all der Lieder Singen, alles, was in Tal und Hügeln / Lichtvoll sich in dir kann widerspiegeln.

Wagners Zeilen erinnern mich an einige Strophen aus Goethes Vermächtnis altpersischen Glaubens – fast glaube ich, er hatte Goethe unbewusst oder bewusst im Ohr. Christian Wagner spricht von dem Weltenmeister, in der Hand den Feldherrnstab der Geister, Goethe spricht von dem Mensch(en) als Priester, der, nachdem er sich bewährt hat, Göttliches zu schaffen vermag:

.

Und nun sei ein heiliges Vermächtnis
Brüderlichem Wollen und Gedächtnis:
Schwerer Dienste tägliche Bewahrung!
Sonst bedarf es keiner Offenbarung.

Regt ein Neugeborner fromme Hände,
Dass man ihn sogleich zur Sonne wende,
Tauche Leib und Geist im Feuerbade!
Fühlen wird es jeden Morgens Gnade.

Dem Lebend’gen übergebt die Toten,
Selbst die Tiere deckt mit Schutt und Boden,
Und, so weit sich eure Kraft erstrecket,
Was euch unrein dünkt, es sei bedecket!

Grabet euer Feld ins zierlich Reine,
Dass die Sonne gern den Fleiß bescheine!
Wenn ihr Bäume pflanzt, so sei’s in Reihen!
Denn sie läßt Geordnetes gedeihen.

Auch dem Wasser darf es in Kanälen
Nie am Laufe, nie an Reine fehlen;
Wie euch Senderud aus Bergrevieren
Rein entspringt, soll er sich rein verlieren.

Sanften Fall des Wassers nicht zu schwächen.
Sorgt, die Gräben fleißig auszustechen!
Rohr und Binse, Molch und Salamander,
Ungeschöpfe, tilgt sie miteinander!

Habt ihr Erd‘ und Wasser so im Reinen,
Wird die Sonne gern durch Lüfte scheinen,
Wo sie, ihrer würdig aufgenommen,
Leben wirkt, dem Leben Heil und Frommen.

Ihr, von Müh‘ zu Mühe so gepeinigt,
Seid getrost! nun ist das All gereinigt,
Und nun darf der Mensch als Priester wagen,
Gottes Gleichnis aus dem Stein zu schlagen.

.

Veröffentlicht unter über unsere Seele, Bibel, Fülle des Lebens, Gedicht, geistige Welt, Leben und Tod | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Ein echter Morgenstern: Vom spirituellen Blumenpflücken und Kränzchenwinden.

So wie sich Christian Morgenstern sicherlich köstlich amüsierte über jene Menschen, die sich die Köpfe zerbrachen darüber, wie denn seine humorig-sarkastisch-slapstick-komödiantische Wortakrobatik (O Greule, Greule, wüste Greule! / »Du bist verflucht!« so sagt die Eule. / Der Sterne Licht am Mond zerbricht. / Doch dich zerbrachs noch immer nicht.) zusammenpasse mit seiner feinsinnigen und höchst anspruchsvollen spirituellen Lyrik (man denke an sein Gedicht Luzifer) , so setzt er im folgenden Gedicht mal geschwind alle selbstgefälligen Reiki-Turteltauben, Astro-TV-Gläubigen und selbst ernannten Heiligen, die über alles Esoterisch-Spirituelle Bescheid wissen und die einen – so meine Erfahrung – immer belehren, auch dann, wenn man nichts hören möchte, und die vor lauter Beleerungseifer meistens nicht wahrnehmen können, wie es um das Bewusstsein ihres Gegenüber bestellt ist, auf eine deutliche und unverblümte Weise Schach matt.

Er gibt aber selbst ernsthaft Suchenden Worte mit, die aufrüttelnd sind und Seelenjahre retten können, Jahre, die nicht unverrichteter Dinge vergehen, was möglich ist, wenn man nicht erkennt, dass man steckengeblieben ist im Blumenpflücken und Kränzchenwinden.

In den ersten drei Strophen markiert er, was nach einer gewissen Zeit des spirituellen Vorwärtsschreitens zum Blumenpflücken und Kränzchenwinden, das er in der vierten Strophe anspricht, werden könnte:

  • Stilles Glück ist auf Dauer kein Indiz für geistig-seelisches Wachstum (im Gegenteil! – wer hätte das gedacht!), auch nicht, wenn man doch überall Nahrhaftes zu entnehmen weiß.
  • Und sich einen Reim machen zu können auf Weisheiten, dies selbst Geschautes bestätigen, ist ebenfalls nicht unbedingt ein Indiz, genauso wenig wie die Tatsache,
  • dass man doch – hach – so dankbar ist, so dankbar für alles, so dankbar (mehr Dank geht einfach nicht) . . .

Christan Morgensterns Kommentar ist glasklar – man lese selbst:

 

›Ich will aus allem nehmen, was mich nährt,
was übereinstimmt mit mir längst Vertrautem;
so wird mir manches stille Glück gewährt.

In Eurer Weisheit fand ich manch geheime
Bestätigung zu von mir selbst Geschautem
und brachte sie zu meiner Art in Reime.

Es gibt so vieles Schöne, Gute, Wahre;
wie bin ich dankbar, daß ich Mensch sein darf
und immer Neues solcher Art erfahre!‹

Erfahre denn noch dies dazu: entfernt
bist du vom Ernst noch. Dein Gewissen warf
dir noch nicht vor, daß Weisheit sich nur – lernt.

Mit solchem Blumenpflücken, Kränzchenwinden –
was ist getan? sieh dir ins Angesicht
und prüfe, ach, solch allzu lau Empfinden.

Du fühlst der Weisheit Weg noch nicht als – Pflicht.
Und so: ob von Glühwürmchen oder Sternen
dir Licht zufließt – dir ist’s das gleiche Licht.

Dir sind die echten Tiefen, wahren Fernen
noch stumm; sie, deren Siegel einzig bricht:
ein tiefdemütig lebenslanges – Lernen.

 

Für manchen, der sich so fortgeschritten und mit dem Kreuz auf den eigenen Schultern schon kurz vor Golgatha dünkt, schreibt Christian Morgenstern ab der vierten Strophe: Dir sind die echten Tiefen noch stumm! Du weißt noch nicht einmal, dass sie versiegelt sind. Entfernt bist Du vom Ernst noch – wahre Weisheit ist ein immerwährender Lernprozess, kein ach sich selbst so genügendes stilles Glück.

Er mag an jenen Satz seines spirituellen Lehrers Rudolf Steiner gedacht haben, der jenem so wichtig war: in christo morimur – in Christus sterben wir. Wer ihn versteht, weiß um die Tiefen der Demut, die es zu erlangen gilt.

Wer in allem, was er tut, sich bewusst ist, dass es nicht um das eigene Ich geht – das stirbt, wenn es gutgeht, bei jeder unserer Taten immer wieder am Kreuz (und das ist leicht gesagt, aber wer vermag es zuzulassen?)  -, sondern um die Auferstehung eines neuen Bewusstseins, von dem unsere Erde leider noch wenig weiß, der pflückt nicht mehr Blümchen, sondern weiß um die Rose, die aus der Mitte des Kreuzes und damit im eigenen Herzen erblüht.

Und für die, die – hach – doch so demütig sind, rät er, nicht schon wieder sich ein Kränzchen zu winden, denn: Demut lernt man ein Leben lang – tiefdemütig.

Was für ein Gedicht!

Veröffentlicht unter über unsere Seele, Fülle des Lebens, Gedicht, geistige Welt | Verschlagwortet mit , , , , | 2 Kommentare

Wo du mir entschwunden, / Hab ich dich gefunden / Inniger in mir. – Rückerts „Waldstille“, zu unrecht vergessen!

Selten habe ich ein Gedicht gelesen, das thematisch so viel anspricht, so vielschichtig ist. Es ist wohl so wie jener Mann, der es geschrieben hat, der 50 Sprachen beherrschte und aus 44 Sprachen Texte übersetzte, der 10 Kinder zeugte, wobei seine auch durch die Vertonung von Gustav Mahler so bekannt gewordenen Kindertotenlieder zeigen, wie sehr er unter dem Tod zweier litt.

Friedrich Rückert (1788 – 1866) hat über 1000 Gedichte verfasst, was ein Leistungs-, aber noch kein Qualitätsnachweis ist. Als kleiner Anhaltspunkt aber sei gesagt, dass er mit einigen seiner Gedichte eigentlich in jeder Gedichtanthologie zu finden ist.

Das folgende findet sich nicht unter jenen, die dort anzutreffen sind; wenn es nach mir ginge, stünde es dort. Es berührt mich schon gleich zu Beginn, wenn es über das eigene Leben und sein Verhältnis zur Welt heißt: Wo du mir geschwunden, / Hab‘ ich dich gefunden / Inniger in mir. – Worte, die mich berühren, weil sie eine Erfahrung betreffen, die auch ich gemacht habe: Wenn die Welt schwindet, die Vorstellung, die sich die Menschen und man selbst von ihr macht – und das geschieht eben manchmal und vor allem durch leidvolle Erfahrungen -, dann findet man etwas, was wert ist, Welt genannt zu werden und als Welt ganz anders sich darstellt als die Vorstellung, die man bisher von ihr hatte. Da zeigt sich eine Welt, in der nicht die Krakeeler dominieren und immer wieder ein lautes Gekreische und  Bildzeitungs-Mentalität herrscht, in der nicht die Circes dieser Welt, ob sie Helene Fischer oder Heidi Klum heißen, den Ton angeben, bzw. die Herren der Verlogenheit und politischen Machotums wie Trump und Erdogan.

In dieser anderen Welt – und vielleicht nur in dieser  – ist es möglich, dem Leben so produktiv-schöpferisch zu begegnen, wie Rückert das in der letzten Strophe tut:

Laß mich für die Erde
Sinnen, daß sie werde
Durch und durch verschönt!
Laß mich sie verklären,
Daß im Chor der Sphären
Sie mit Freude tönt!

Dieser Welt und dieser Erde muss man fern sein, um ihr wirklich nahe sein zu können. Dieses Fernsein ermöglicht einen anderen Blick, einen Blick der sie einem nur scheinbar entfremdet, in Wirklichkeit aber eine innere Bewegung ermöglicht, deren Ergebnis ein staunendes „Ach so bist du in Wirklichkeit!“ ist.

Dazu ist es notwendig, in des Daseins Schacht zu steigen. Rückert allerdings meint damit nicht Hofmannsthals tiefen Brunnen, nicht den Bauch des Wals, den Jonas erlebt, oder Gethsemane, in dem es so totenstill ist, dass man das Schlafen der Freunde hört, deren Zuspruch man doch eigentlich bedürfte.

Nein, Rückert schaut mit Wohlgefallen „Wie durch Bachkrystallen“ der Welt auf den Grund. Es geht ihm nicht um jenes absolut existentielle Geschehen, das jeder erleben muss, der sein Ego auf die Schädelstätte tragen will, damit ein ganz anderes Bewusstsein auferstehen kann. Rückerts Stille ist jene einer absolut gesteigerten Empfindsamkeit, in der der Wald zum Ort der Sinne wird, jener Sinne, deren wahre Existenz wir nicht mehr erleben, weil sie im Getöse einer kreischenden Wirklichkeit sich abgeschaltet haben, um nicht ganz verloren zu gehen. In der Waldstille wagen sie sich wieder hervor:

Leise hör‘ ich flüstern
Jedes Blatt der Rüstern,
Jegliches Gefühl
Sich im Busen regen,
Wie die Winde legen
Sich im Laubgewühl.

Wer das erlebt, hört einen Ton, der nur dort zu finden ist; manche Menschen hören ihn ein Leben lang nicht; Rückerts Gedicht erinnert nicht nur an ihn:

Waldstille.

Tief im Walde saß ich,
Und die Welt vergaß ich,
Die nie mein gedacht;
Mich in mich versenkt‘ ich,
Und mein Sinnen lenkt‘ ich
In des Daseins Schacht.
Welt, ich dein vergessen?
Erst dich recht besessen
hab‘ ich fern von dir.
Wo du mir geschwunden,
Hab‘ ich dich gefunden
Inniger in mir.
Wie durch Bachkrystallen,
Dir mit Wohlgefallen
Schau‘ ich auf den Grund.
Du bist nicht so böse,
Wie du mit Getöse
Selbst es thuest kund.
Draußen im Gewirre
Kann man werden irre,
Welt, an sich und dir;
Fern von deinem Rauschen
Kann ich dich belauschen
In mir selber hier.
Leise hör‘ ich flüstern
Jedes Blatt der Rüstern,
Jegliches Gefühl
Sich im Busen regen,
Wie die Winde legen
Sich im Laubgewühl.
Einen leisen Odem
Hör‘ ich, der den Brodem
Haucht hinweg vom Tag.
Du bist ohne Schleier,
O Natur, und freier
Geht mein Herzensschlag.
Durch des Waldes Stille
Tönt die Sommergrille,
Und die Unk im Sumpf;
Lauter oder leiser,
Keine Stimm‘ ist heiser,
Keine Stimm‘ ist dumpf.
Wer den Ton gefunden,
Der im Grund gebunden
Hält den Weltgesang,
Hört im lauten Ganzen
Keine Dissonanzen,
Lauter Uebergang.
O Natur, du große
Mutter die im Schooße
Viele Kinder hält!
Lächelst recht von Herzen,
Wenn sie fröhlich scherzen,
Wie dir’s wohlgefällt.
Wenn die Kinder streiten,
Schlichtest du beizeiten,
Brauchest deine Macht;
Wenn sie sich verlaufen,
Sammelst du den Haufen
Doch zu dir bei Nacht.
Deine Sonne wecket
Alles was bedecket
Goldner Schlummerduft.
Wache Lebenstriebe
Wiegst du ein in Liebe:
Wiege, Brautbett, Gruft!
Deine Arbeitsbienen,
Kunsttrieb gabst du ihnen
Statt der Liebeslust.
Aber beide Flammen
Gossest du zusammen
In des Menschen Brust.
Wo die beiden ringen
Werden sie bezwingen
Leben und den Tod,
Sich zum Himmel schwingen,
Und zur Erde bringen
Ew’ges Morgenroth.
Geisteswaffenschärfung,
Stoffes Unterwerfung,
Welterobrungskunst;
Hier den Forst zerschmettert,
Was ihn dort beblättert,
Stürmische Liebesbrunst.
Auch der Haß ist Liebe,
Schöpfend mit dem Siebe
Statt der Schal‘ im Born.
Als ich hassen wollte,
Fühlt‘ ich nur, es schmollte
Kind’scher Liebeszorn.
Du verzeihst den Kindern,
Aber weißt zu hindern
Ihre Unart auch.
Der ist wohlerzogen,
Dessen Hochmuthswogen,
Legt von dir ein Hauch.
Laß mich auserkornen
Meinen blindgebornen
Bruder nicht verschmähn!
Was der Maulwurf wühlet,
Hat der Mensch gefühlet
Oder eingesehn.
Was der Vogel singet,
Was die Quelle springet,
Was die Blume blüht,
Was die Schöpfung rauschet,
Mutter, nur belauschet
Hab‘ ich dein Gemüth.
Laß mich für die Erde
Sinnen, daß sie werde
Durch und durch verschönt!
Laß mich sie verklären,
Daß im Chor der Sphären
Sie mit Freude tönt!

.

Wer Rückerts Zeilen mit Bedacht liest, findet neben den oben angesprochenen viele weitere bemerkenswerte Gedanken, wie jener, der uns erkennen lässt, dass mancher scheinbaren Hass-Liebe-Problematik kindlicher Zorn zugrunde liegt. Gewiss schreibt unser in Schweinfurt geborener Autor nicht darüber, welche realen Ängste und Nöte kindlichem Zorn zugrunde liegen – das lässt sich im Rahmen dieses Gedichtes nicht leisten und war dem Bewusstsein dieser Zeit vielleicht auch noch nicht so präsent, aber er deutet an, wohin wir manches Mal unseren Blick richten sollten, bevor sich auf der Erde der Hass der Erwachsenen gegen die Liebe austobt.

Auch müssen wir nicht Arbeit gegen Kunst ausspielen. Wie die Bienen den Ertrag ihrer Arbeit in den Korb einbringen, der zum Honig wird, so können auch wir als Menschen den Ertrag unseres Lebens in unser Herz einbringen – man versteht, warum den Griechen die Biene eines ihrer Seelensymbole war und warum Rückert andeutet, dass Arbeit und Kunst kein Gegensatz sein müssen:

Deine Arbeitsbienen,
Kunsttrieb gabst du ihnen
Statt der Liebeslust.
Aber beide Flammen
Gossest du zusammen
In des Menschen Brust.

So wie eines der wunderbarsten Gedichte des deutschen Kulturraums, das Abendlied von Matthias Claudius mit jener für mich so bemerkenswerten Zeile abschließt, die lautet:

Und unserm kranken Nachbarn auch.

und damit allem, was vorab an Wertvollem gesagt ist, die Richtung weist für wahres Menschsein, das sich in Mitfühlen und Nächstenliebe zeigt, so sollte man nicht jene fast unscheinbar sich gebende Strophe übersehen, die ein wesentlicher Zug unseres Menschseins ist:

Laß mich auserkornen
Meinen blindgebornen
Bruder nicht verschmähn!
Was der Maulwurf wühlet,
Hat der Mensch gefühlet
Oder eingesehn.

Wir graben uns durch unterirdische Gänge und haben nicht einmal die Sinnesorgane eines Maulwurfs, der weiß, wo er rauskommt. Zumeist zumindest wissen wir es nicht.

Wenn wir es wissen, dann sollten wir jenen Bruder neben uns nicht verschmähen, dem es ganz anders geht.

Ich finde es bemerkenswert, ja, es berührt mich sehr, dass und wie – schlicht und doch so eindringlich – Friedrich Rückert uns diesen Gedanken auf seine Dichterweise ans Herz legt. – Wie viele wertvolle Gedanken dieses scheinbar unscheinbare Gedicht doch enthält!

Veröffentlicht unter Fülle des Lebens, Gedicht, Natur, unsere Gesellschaft | Verschlagwortet mit , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Schulbuchwürdig und zugleich verfemt: die ach so unverträglichen Seiten eines Christian Morgenstern.

So wird uns Christian Morgenstern (1871 – 1914) meistens präsentiert: Da gibt es zwar den der Anthroposophie sehr nahestehenden Morgenstern, ein seit 1909 mit Rudolf Steiner befreundeter Verfasser von zu pathetischen Worten greifenden, gekünstelt theologische Fügungen verwendenden Gedichten, die eklektische, also vor allem Gedankengänge anderer aufnehmende, wenig originärer Gedankengänge zeigen – so jedenfalls charakterisiert diese Seite bezeichnenderweise ein Tübinger Germanist im großen Reclam-Dichterlexikon. Auf der anderen Seite gibt es den eigentlich fast ausschließlich beachteten Verfasser der Galgenlieder, der mit ihnen nach seinem Tod Deutschland fast im Sturm eroberte, denn eine vierte Auflage seiner Gedichte mit dann 290-tausend war 1937 schon ziemlich phänomenal.

Wer muss auch nicht innerlich grinsen, wenn er Zeilen wie diese liest:

O Greule, Greule, wüste Greule!
»Du bist verflucht!« so sagt die Eule.
Der Sterne Licht am Mond zerbricht.
Doch dich zerbrachs noch immer nicht.

O Greule, Greule, wüste Greule!
Hört ihr den Huf der Silbergäule?
Es schreit der Kauz: pardauz! pardauz!
da tauts, da grauts, da brauts, da blauts!

 

Da scheint ein Wort nur dazu da, um sich mit einem anderen zu reimen und so kreiert Morgenstern munter ein Wort wie Greule, generiert Silbergäule oder fügt einem Wiesel einen Kiesel bei, damit das arme Tier auf irgendeinem Wort Platz finde.

Als ob nicht auch so das Leben wäre, genauer gesagt, unser Verhalten gegenüber dem Leben – machen wir das nicht auch: Dinge aufeinander zu reimen, die bei Lichte besehen alles andere als aufeinander beziehbar sind? Ununterbrochen reimen wir uns die Welt zurecht, damit sie auch gut und edel sei:

Sophie, mein Henkersmädel,
komm, küsse mir den Schädel!
Zwar ist mein Mund
ein schwarzer Schlund –
doch du bist gut und edel!

Wenn sich e auf ä reimen soll – was es der Reimlehre nach ja durchaus (wenn auch als unrein klassifiziert) tun kann, dann wird auf einmal der Goethesche Gedichtanfang Edel sei der Mensch, hilfreich und gut ganz komisch, um nicht zu sagen fragwürdig und wert, hinterfragt zu werden, nicht als Lebensmaxime selbst, sondern daraufhin überprüfenswert, wie edel der Mensch wirklich sei; die beiden Weltkriege, die Morgenstern ja nicht mehr erleben musste, aber wohl sehr früh schon Anzeichen des Kommenden wahrnahm, lassen solch eine Überprüfung nur allzu berechtigt erscheinen, gerade auf dem Hintergrund, dass sich in unsere Zeit der Meister der Lügen inkarnierte und tatsächlich zum Präsidenten der mächtigsten Macht der Erde wurde – Morgenstern hätte ihn in der Wortwahl eines Rudolf Steiner einen Jünger Ahrimans genannt, jene satanische (nicht luziferische – da differenzierte Steiner sehr deutlich) Energie, die die Menschheit in den absoluten Materialismus drängt und deren Spezialfach – tatsächlich sprach der Begründer der Anthroposophie schon damals sehr deutlich davon – das Lügen ist.

Sophie, mein Henkersmädel,
komm, schau mir in den Schädel!
Die Augen zwar,
sie fraß der Aar –
doch du bist gut und edel!

Man darf davon ausgehen, dass Morgenstern durchaus bewusst den Namen der Dame, die dem lyrischen Ich in den Schädel schauen soll, wählte, denn Sophia, der Weisheit kann es da durchaus ekeln vor so viel gut und edel.

Oder wie wär´s mit einem Gedicht, überschrieben Nein:

Pfeift der Sturm?
Keift ein Wurm?
Heulen
Eulen
hoch vom Turm?

Nein!

Es ist des Galgenstrickes
dickes
Ende, welches ächzte,
gleich als ob
im Galopp
eine müdgehetzte Mähre
nach dem nächsten Brunnen lechzte
(der vielleicht noch ferne wäre).

.

Man sollte nicht übersehen, wie kunstfertig hier der Dichter agiert, wenn er  ein Wort wie dickes in eine einzelne Zelle beordert, damit dem Reime Rechnung tragend, um dann ob auf Galopp zu reimen, ächzte auf lechzte und Mähre auf wäre, Worte, die ja zum Teil wenig bekannt sind und wenig verwendet werden – übrigens durchaus ein Verdienst Morgensterns, der Worte unserer Sprache aktivierte, die in Vergessenheit zu geraten drohten, davon abgesehen, dass er eine Unzahl neuer kreierte, die es jedoch nicht in den Duden schafften, wenigstens eines aber in den Brockhaus: Nasobēm. Jedenfalls treibt Christian Morgenstern auch rhythmisch und metrisch ein buntes Spiel, das in der Nonsens-Poesie eines Lewis Caroll Vergleichbares findet und dann erst Jahrzehnte später in Ringelnatz, Jandl und im Sprach-Slapstick eines Heinz Erhardt:

Die Rehlein beten zur Nacht,
hab acht!
Sie falten die kleinen Zehlein,
die Rehlein.

      (Könnte von Erhardt sein, ist aber von Morgenstern, genauso das nächste:)

Zwei Trichter wandeln durch die Nacht.
Durch ihres Rumpfs verengten Schacht
fließt weißes Mondlicht
still und heiter
auf ihren
Waldweg
u.s.
w.

Da bittet förmlich Sprache: Spiel mit mir und gebrauch mich nicht immer auf dieselbe Weise! Was aber so leicht aussieht, will zum Teil hart erarbeitet sein, obwohl man sich Christian Morgenstern kaum anders vorstellen kann, als dass er immer wieder auch schenkelklopfend und sich köstlich amüsierend am Schreibtisch saß. Wie er im folgenden Die Kugeln überschriebenen Gedicht Worte immer wieder wiederholt, sie variiert, als Substantiv und Adverb auftauchen lassend, den Inhalt stückweise vorwärtstreibend, fugenhaft verfugt: das ist schon hohe Sprachkunst und nicht nur im Inhalt wird es spukhaft, sondern auch die Sprache unterstützt diesen Eindruck:

Palmström nimmt Papier aus seinem Schube
Und verteilt es kunstvoll in der Stube.

Und nachdem er Kugeln draus gemacht.
Und verteilt es kunstvoll, und zur Nacht.

Und verteilt die Kugeln so (zur Nacht),
daß er, wenn er plötzlich nachts erwacht,

daß er, wenn er nachts erwacht, die Kugeln
knistern hört und ihn ein heimlich Grugeln

packt (daß ihn dann nachts ein heimlich Grugeln
packt) beim Spuk der packpapiernen Kugeln …

.

Dieser Morgenstern kam in den zwanziger und dreißiger Jahren phänomenal an und ihm gilt auch der Respekt der alles so genau wissenden journalistischen und germanistischen Zunft. Man könnte sich über diesen einäugigen Blick auf Morgenstern amüsieren – so sind halt nunmal gern die meisten linkshirnigen Schreibenden aller Coleur, wenn nicht zum Beispiel die neben dem echtermeyer/von wiese Deutschlands bekannteste Gedichtanthologie, nämlich Conradys Das große deutsche Gedichtbuch, auf ihren fast tausend Seiten nicht ein einziges Gedicht des anderen, des geistigen Christian Morgenstern gebracht hätte; immerhin ist aber der humorig-schulbuchwürdige  (immer wieder bis zum Erbrechen in ihnen zu fnden: Der Lattenzaun + Das ästhetische Wiesel + Der Werwolf) Conrady ganze 12 Gedichte wert. Echtermeyer/von Wiese drucken gerade mal vier in ihre Sammlung ab – natürlich auch Letztere keines der Gedichte des unterdrückten Morgenstern – eigentlich grenzt das schon an eine pubertäre Verweigerungshaltung: Im Land der Dichter und Denker ist einer, der eine Seite zeigt, die man gut und gern übergehen kann, wo er doch angeblich Besseres (weil Auflagenstarkes) produziert hat, nicht mehr erwünscht; dieser Seite hat man doch mit Goethe, Novalis und einigen anderen genug Rechnung getragen. Solche Geistigkeit, wenn man sie überhaupt ernst nimmt, passt einfach nicht mehr in unsere Zeit und so schreibt, sicherlich, zuallermeist unhinterfragt akzeptiert, unser Tübinger Germanist: „Morgensterns Werk zerfällt, darin keinem anderen deutschen Dichter vergleichbar, in zwei Teile, die parallel entstanden (…)“

Seltsam, dass womöglich niemand – mir ist bis dato jedenfalls niemand begegnet – in den Sinn gekommen ist, dass beide Seiten Morgensterns einander verwandt sein könnten, in gewisser Weise einander bedingen. Da ist gewiss auch die Lust am Spiel, wie Germanisten feststellten, ein Spiel mit freiwillig angenommenen Regeln und ein Bewusstsein des Andersseins als das gewöhnliche Leben, das allein sein Ziel in sich selbst hat, wie es Walter Ulrich in dem genannten Lexikon formuliert.

Letzteres aber genau ist es nicht, es ist keine l´art pour l´art komischer Provenienz, sondern das Aufwirbeln der Sprache und der Buchstaben, das Neusehen durch Verfremden, das Grenzen-Sprengen mit Hilfe von Humor und Phantasie. Wer das tut, sieht Worte auf neue Art, bewusster, und die, die er ernst meint, haben ein ganz anderes Gewicht.

Man denke an Hesses Mozart, wie er im Steppenwolf , Harry Haller erscheinend, lacht, wie sehr Hesse die Bedeutung des Humors betont, ohne den es keinen Aufstieg zu den sogenannten Unsterblichen gibt. – Mozart, so hat man manchmal das Gefühl, lacht in seiner Musik immer wieder. Es verbirgt sich auch dahinter, was die Romantiker in ihren Fragmenten die Transzendentalpoesie nannten, ein Übersteigen der Buchstaben und ein Sich-Entledigen geistiger Fesseln. – Eine Möglichkeit des Transzendierens ist der Humor. Wer ihn leben kann, wirft einen anderen Blick auf seine Existenz und Christian Morgenstern, der doch nur 41 Jahre alt werden durfte und die Hälfte seines Lebens tuberkulosekrank war, was ihn zu zum Teil langen Sanatoriumsaufenthalten in Norwegen, Italien, Österreich und der Schweiz zwang, konnte dies; es war auch eine Möglichkeit, dass er so produktiv sein konnte – er hat ja zusätzlich zum eigenen Schreiben viele Werke anderer Schriftsteller übersetzt -, obwohl er und weil er wusste, dass ihm ein langes Leben nicht vergönnt war. Einfühlend hat er diese Thematik in Bezug auf einen anderen Menschen so formuliert:

Stör‘ nicht den Schlaf der liebsten Frau, mein Licht!
Stör‘ ihren zarten, zarten Schlummer nicht.

Wie ist sie ferne jetzt. Und doch so nah.
Ein Flüstern – und sie wäre wieder da.

Sei still, mein Herz, sei stiller noch, mein Mund,
mit Engeln redet wohl ihr Geist zur Stund.

.

Vorab hatte er ihr schon geschrieben – und ich finde diese Zeilen, gerade die beiden letzten – tief berührend und sie gelten ja gewiss auch für den Früh-Verstorbenen:

Dein Wunsch war immer – fliegen!
Nun naht dir die Erfüllung.

Du wirst den Raum besiegen,
nach jener Weltenthüllung,
die uns zu Freien machte
vom Schlaf der blinden Runden.

Nun hast du, Mit-Erwachte,
dein Schwingenkleid gefunden!

.

Mir ist der verfemte Christian Morgenstern fast wie ein Seelenverwandter und ich treffe mich immer wieder in seinen Gedichten, und daran genau mag es liegen, dass diese Morgenstern-Seite in den zwei auflagenstärksten Gedichtanthologien keiner Zeile würdig ist: die Sammelnden haben sich bei ihm nicht angetroffen; ebenso mag es dem Tübinger Germanisten gegangen sein, der, das wird in seinen Zeilen deutlich, diesen Morgenstern wie jene, auf die er in diesem Zusammenhang verweist, nicht sonderlich schätzt. Ich möchte mit diesen Aussagen niemanden diskriminieren. Dazu sind auch viele Zeilen dieses Morgenstern viel zu schlicht und – möchte ich sagen – man muss sie wohl erlebt haben, um sie wertvoll zu finden. Mir war bei mancher Zeile auch in den wenigen Worten sofort klar, was er meint; und manchem von meinen Lesern mag es  auch so gehen.

Ich möchte dieser Morgenstern-Seite einen in den nächsten Wochen folgenden eigenen Beitrag widmen, nur eines noch, das mich bewegt, zum Abschluss dieses Beitrages zitieren; man kann es nur sehr langsam lesen; es entfaltet sich erst mit der Zeit und ist überschrieben Gebet:

Gib mir den Anblick deines Seins, o Welt ..
Den Sinnenschein laß langsam mich durchdringen ..

So wie ein Haus sich nach und nach erhellt,
bis es des Tages Strahlen ganz durchschwingen –
und so wie wenn dies Haus dem Himmelsglanz
noch Dach und Wand zum Opfer könnte bringen –
daß es zuletzt, von goldner Fülle ganz
durchströmt, als wie ein Geisterbauwerk stände,
gleich einer geistdurchleuchteten Monstranz:

So möchte auch die Starrheit meiner Wände
sich lösen, daß dein volles Sein in mein,
mein volles Sein in dein Sein Einlaß fände –
und so sich rein vereinte Sein mit Sein.

.

 

Veröffentlicht unter Fülle des Lebens | Kommentar hinterlassen

Die dunkle Seite der Romantik: Einlullen als Lebensprinzip. – „Nachts“ von Joseph von Eichendorff.

Wer annimmt, das folgende Gedicht – Nachts von Joseph von Eichendorff – gäbe meiner Meinung nach die wirkliche Seite der deutschen Romantik wieder, irrt sich gewaltig. Zu ihr gehört die Klarheit eines Novalis ebenso wie all jene Märchen, die das Böse mutig entlarven und wie Gretel mit der Hexe umgehen – notwendig rustikal, ein Vorbild für die, die meinen, man müsse das Dunkle tätscheln.

Böse nun ist das folgende nicht, aber so schön verführerisch:

Ich wandre durch die stille Nacht,
Da schleicht der Mond so heimlich sacht
Oft aus der dunklen Wolkenhülle,
Und hin und her im Thal
Erwacht die Nachtigall,
Dann wieder alles grau und stille.

O wunderbarer Nachtgesang:
Von fern im Land der Ströme Gang,
Leis Schauern in den dunklen Bäumen –
Wirr’st die Gedanken mir.
Mein irres Singen hier
Ist wie ein Rufen nur aus Träumen.

Wie schreibt ein Interpret(in) auf der Lyrik-Datenbank Antikoerperchen:

Das lyrische Ich wandert durch die Nacht als der Mond zum Vorschein kommt. Es scheint aber etwas bedeckt zu sein, da er nicht nur einmal hervorkommt, sondern „[o]ft aus der dunklen Wolkenhülle“ schleicht. Hier wird besonders das Auge als Sinnesorgan angesprochen. Außerdem kommen gleich zwei sehr wichtige romantische Motive vor, nämlich die Nacht, die ja schon im Titel vorkommt und der Mond. Diese Motive tragen zu einer gewissen Mystifizierung der Szene bei, vielleicht gruselt sich das lyrische Ich sogar etwas. Es scheint aber kein negatives Gefühl zu sein, denn es gibt kein Wort das darauf hindeuten würde.

Ein Mond, der schleicht, könnte einen schon hellhörig machen und irgendwie sind die Reime doch auch vokalisch und konsonantisch merkwürdig unrein: hülle auf stille und Thal auf –gall.

Wie so oft kein Zufall.

So schön einlullend der Beginn, wenn das lyrische ich durch die stille Nacht wandert (stille Nacht, ach so heilige Nacht …)! Kein Wunder ist sein Singen wie aus Träumen. Nur können Träume auch Alpträume sein und Singen kann so irre sein (in der Interpretation wird im Übrigen später auch darauf verwiesen), auch wenn Eichendorff den Nachtgesang als wunderbar bezeichnet. Dass jener die Gedanken wirrt, kann man schon mal überlesen, zudem: Mancher und manche mag das. Denken kann manchmal so anstrengend sein . . .

Nicht wenige finden auch Heines Lied von der Loreley (Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, / dass ich so traurig bin …) einfach so schön romantisch. Dass da ein Schiffer untergeht – was soll´s! Man muss einfach die Dinge getrennt sehen, die wunderschön singende Helene Loreley oben und den Fischer unten. Was hat das eine mit dem anderen zu tun!?

Der Witz ist: Eichendorff macht eigentlich keinen Hehl daraus, dass das zweimal vorkommende stille sich mit grau kombiniert und dieses Singen irre ist und die Gedanken wirrt. Nur bietet er dem, der es so sehen möchte, den Nachtgesang zugleich als wunderbar an und Rufen aus Träumen ist doch auch irgendwie schön. So wie Sehnsucht.

Auch ein Eichendorff musste schließlich seine Gedichte und Novellen unters Volk bringen und Leutchen, die nicht so genau hingucken, gab es damals und gibt es heute. Das könnte ein Grund sein, warum er so dichtet. Die Realität ist, und das wusste Eichendorff sehr wohl, dass beide angesprochenen Seiten in uns vorkommen, manchmal nur versteckt oder als Möglichkeit, manchmal ganz offensichtlich (unser Romantiker hat diese beiden Seiten hin und wieder auch in einer Person seiner Novellen aufblitzen lassen und sie nicht brav auf zwei verteilt).

Schade nur, dass so viele die deutsche Romantik mit dieser mondschleichenden, gedankenwirren und irr singenden Seite identifizieren. Die Romantik als Tiefenmöglichkeit der Seele hätte so viel Potential, Menschen aus unseligen Träumen zu reißen. Aus einer nur selbstmitleidigen Sehnsucht, einer, die das eigene Selbst so gerne einlullt. Eichendorff hat in seiner Novelle Das Marmorbild durchaus aufgezeigt, wie gefährlich die Venus-Energie ist, wie sehr sie in die Vergangenheit zieht, in eine Welt, die nicht der Realität entspricht. Ich habe das auch für den Zusammenhang mit der Tatsache dass Helena nur als Idol, als griechisch Eidolon, nicht in der Realität, in Troja war, in dem am Schluss verlinkten Video ausführlicher angesprochen; Euripides hat dazu eigens ein Theaterstück geschrieben.

Wir kennen die vielen Wassermänner (Es freit ein wilder Wassermann in der Burg hoch über dem See. Des Königs Tochter muss er han …) und Wasserfrauen, die wir nur für Fiktion halten, für Erfindungen einer vergangenen Zeit, die es mit der Wirklichkeit nicht so ernst nahm und gern ein bisschen herumspann. – Weit gefehlt, diese Gestalten kennen wir oft nur gar zu gut. Eichendorff hat sie immer wieder thematisiert – das wird auch in ihm seinen Grund gehabt haben, schließlich kannte er sich am besten -, gleich übrigens im nächsten Gedicht des Zyklus,  zu dem auch Nachts gehört. Da heißt es nämlich

Er reitet nachts auf einem braunen Roß,
Er reitet vorüber an manchem Schloß:
Schlaf droben, mein Kind, bis der Tag erscheint,
Die finstre Nacht ist des Menschen Feind!

Er reitet vorüber an einem Teich,
Da stehet ein schönes Mädchen bleich
Und singt, ihr Hemdlein flattert im Wind:
Vorüber, vorüber, mir graut vor dem Kind!

Er reitet vorüber an einem Fluß,
Da ruft ihm der Wassermann seinen Gruß,
Taucht wieder unter dann mit Gesaus,
Und stille wird´s über dem kühlen Haus.

Wenn Tag und Nacht in verworrenem Streit,
schon Hähne krähen in Dörfern weit,
Da schauert sein Roß und wühlet hinab,
Scharret ihm schnaubend sein eigenes Grab.

.

Natürlich fühlt man sich an Goethes Erlkönig erinnert, den Vater, der seinen Sohn nicht ernst nahm und der womöglich für den Vater starb, sonst es Letzterem womöglich so gegangen wäre wie dem Reiter in Eichendorffs letzter Strophe.

Heute schreibt niemand mehr über diese Gestalten, sei es über das schöne Mädchen bleich, sei es  über einen Wassermann. Denen ist das recht, unerkannt sind sie viel wirkungsvoller. Mehr Menschen als uns lieb sein könnte, existieren unter Wasser, immer begleitet von dem unsichtbaren Wassermann, der unsichtbaren Wasserfrau.

Und wir glauben, wir sind Herr oder Frau unserer Sinne.

Nein, Günter Kunert hat dieses Abtauchen in seiner Ballade Wie ich ein Fisch wurde ganz wunderbar und hochmodern gestaltet:

Lasse mich durch dunkle Tiefen träge gleiten,
Und ich spüre nichts von Wellen oder Wind,
Aber fürchte jetzt die Trockenheiten,
Und dass einst das Wasser wiederum verrinnt.

Denn aufs Neue wieder Mensch zu werden,
Wenn man´s lange Zeit nicht mehr gewesen ist,
Das ist schwer für unsereins auf Erden,
Weil das Menschsein sich so leicht vergisst.

.

Niemand zwingt einen, Mensch zu sein, es sei denn, man hat z.B. einen wirklichen Freund, der seine Freundschaft nicht darin begründet sieht, auf die Honigstellen des Freundes noch Puderzucker zu streuen, sondern sagt, was er sieht – wenn er es sieht, falls er nicht selbst unter Wasser ist . . .

Aber Freundschaft als Gestaltungskraft des Lebens ist leider auch unter Wasser geraten . . .

.

Im Folgenden das angesprochene Video zu der Venus-Helena-Energie im Marmorbild Eichendorffs sowie in der Wagner-Oper Tannhäuser

.

Veröffentlicht unter über unsere Seele, Fülle des Lebens, Gedicht, Mythologie, Natur | Verschlagwortet mit , , , , , , | Kommentar hinterlassen

„Komm, o komm zum stillen Grund!“ – Über Abgründe des Todes und Kräfte der Stille in Gedichten, Liedern und Novellen.

Vorab hier ein aktuelles Video zu

Ur-Thema der deutschen Kultur: Die dreifach gefährliche Stille

 

Der folgende Post basiert auf dem Themenabend des Literaturkreises Bad Kissingen vom 18. Dezember 2018:

Stille hat, wie alles in unserem Leben, eine dunkle Seite … Es ist die trügerische Venus-Sphäre, wie sie Wagner in der Tannhäuser-Opfer gestaltet hat oder Eichendorff in seiner Marmorbild-Novelle; mit Vergangenheit hat sie zu tun hat, mit Rückwärtsgewandtheit, mit Wollust, an der Leben erstickt. Die Liebe einer Circe oder Loreley reduziert den Menschen auf Elementares, letztendlich auf Triebbestimmtes; sie mag glorifiziert werden, doch wer ihr wie ein Don Juan verhaftet bleibt, ist ewig auf der Suche. In Volksliedern und Gedichten sind es die Wasserfrauen und -männer, die ihre Opfer unter Wasser ziehen. Auch Günter Kunerts Ballade „Wie ich ein Fisch wurde“ berichtet davon. – Zunächst aber wollen wir uns ihrer wertvollen, heilsamen Seite zuwenden:

Die beiden folgenden Texte sind aus Weißt Du das die Bäume reden. Weisheit der Indianer. Wien 1985

Erziehung zur Stille, zum Schweigen begann schon sehr früh. Wir lehrten unsere Kinder, still zu sitzen und Freude daran zu haben.
Wir lehrten sie, ihre Sinne zu gebrauchen, die verschiedenen Gerüche aufzunehmen, zu schauen, wenn es allem Anschein nichts zu sehen gab, und aufmerksam zu horchen, wenn alles ganz ruhig schien. Ein Kind, das nicht stillsitzen kann, ist in seiner Entwicklung zurückgeblieben.
Übertriebenes, auffälliges Benehmen lehnten wir ab, und ein Mensch, der pausenlos redete, galt als ungesittet und gedankenlos. Ein Gespräch wurde nie übereilt begonnen und hastig geführt. Niemand stellte vorschnell eine Frage, mochte sie auch noch so wichtig sein, und niemand wurde zu einer Antwort gezwungen. Die wahrhaft höfliche Art und Weise, ein Gespräch zu beginnen, war eine Zeit gemeinsamen stillen Nachdenkens; und auch während des Gespräches achteten wir jede Pause, in der der Partner überlegte und nachdachte. Für die Dakota war das Schweigen bedeutungsvoll. In Unglück und Leid, wenn Krankheit und Tod unser Leben überschatteten, war Schweigen ein Zeichen von Ehrfurcht und Respekt, ebenso, wenn uns Großes und Bewundernswertes in seinen Bann schlug. Für die Dakota war das Schweigen von größerer Kraft als das Wort.

Luther Standing Bear (1868-1939), der Obiges schrieb, hatte  das Erziehungs- und Schulsystem der weißen Amerikaner am eigenen Leib erfahren müssen. Indianerkinder, die ihre eigene Sprache verwendeten, wurden hart betraft. Standing Bear betonte in seinen Schriften – dieser Auszug entstammt seinem Buch Land of the Spotted Eagle – die Freundlichkeit seines Volkes Kindern gegenüber. Er war überzeugt, dass nicht nur die Indianer von den Weißen, sondern auch die Weißen von den Indianern lernen können. Die weißen Amerikaner, die die indianische Kultur ablehnen und ihr verständnislos gegenüberstehen, berauben sich selbst, meinte er. – Die folgende Aussage ist von einem Arzt und Schriftsteller der Dakota mit Namen Ohiyesa:

Wenn du den Indianer fragst: „Was ist Stille?“, wird er dir antworten: „Das Große Geheimnis. Die heilige Stille ist seine Stimme.“ Und wenn Du fragst: „Was sind die Früchte der Stille?“, so wird er sagen: “Selbstbeherrschung, wahrer Mut und Ausdauer, Geduld, Würde und Ehrfurcht.“
„Hüte Deine Zunge in der Jugend“, sagte der alte Häuptling Wabashaw, dann wirst Du vielleicht im Alter deinem Volk einen weisen Gedanken schenken.“
………

Und in Michael Endes Momo lesen wir:

Momo hörte allen zu, den Hunden und Katzen, den Grillen und Kröten, ja sogar dem Regen und dem Wind in den Bäumen. Und alles sprach zu ihr auf seine Weise.
An manchen Abenden, wenn ihre Freunde nach Hause gegangen waren, saß sie noch lange allein in dem großen steinernen Rund des alten Theaters, über dem sich der sternfunkelnde Himmel wölbte, und lauschte einfach auf die große Stille.
Dann kam es ihr so vor, als säße sie mitten in einer großen Ohrmuschel, die in die Sternenwelt hinaushorchte. Und es war ihr, als höre sie eine leise und doch gewaltige Musik, die ihr ganz seltsam zu Herzen ging.

In der Folge habe ich einige weitere prägnante Aussagen zum Thema Stille zusammengestellt; jede für sich stellt für mich eine Weisheit dar und wenn Zeit und Stille möglich ist, lohnt es sich, sie in Ruhe zu lesen:

Die Seele hat sich mit den Kräften nach außen zerspreitet und zerstreut, so sagt der deutsche Mystiker Meister Eckehardt (1260 – 1327), in gleichem Maße sind sie schwächer, inwendig ihr Werk zu treiben. Denn jede zerspreitete Kraft ist unvollkommen. Darum: will sie inwendig eine kräftige Wirksamkeit entfalten, so muß sie alle ihre Kräfte wieder heimrufen und sie aus den zerstreuten Dingen heraussammeln in ein inwendiges Wirken.

Die größte Offenbarung ist die Stille.
Laotse (vermutlich 6. Jh. v. Chr.)

Wenn alles still ist, geschieht am meisten.
Søren Aabye Kierkegaard (1813 – 1855), dänischer Philosoph, Theologe und Schriftsteller

Wer die Stille nicht erträgt, erträgt auch nicht sich selbst.
(Anke Maggauer-Kirsche (*1948), deutsche Lyrikerin, Aphoristikerin und ehemalige Betagtenbetreuerin in der Schweiz)

Es gibt vielerlei Lärme. Aber es gibt nur eine Stille. (Kurt Tucholsky (1890 – 1935, Freitod)

Es ist diese tiefe Stille, die Matthias Claudius anspricht: Wie ist die Welt so stille / und in der Dämmrung Hülle / so traulich und so hold (…)

Diese Stille gibt es auch im Sommer, aber da ist sie ungeheuer schwer wahrzunehmen. Wir empfinden sie vor allem im Winter, bevorzugt in der Stillen Nacht, in der Heiligen Nacht. Es ist die natürliche Stille der Hirten, die anbetende der Weisen, die demutsvolle des Stalls, wo kein Pomp lärmt.
Insbesondere Weihnachtslieder, aber auch Volkslieder nehmen auf ihre schlichte Weise diese Stille wahr:

Guter Mond, du gehst so stille
Durch die Abendwolken hin;
Deines Schöpfers weiser Wille
Hieß auf jener Bahn dich ziehn.
Leuchte freundlich jedem Müden
In das stille Kämmerlein!
Und dein Schimmer gieße Frieden
In’s bedrängte Herz hinein! (Version von Karl Enslin, 1851)

Im sogenannten Pommernlied [Pommern war der Name eines früheren Herzogtums und später einer preußischen Provinz im Nordosten Deutschlands und Nordwesten Polens] heißt es:

Wenn in stiller Stunde Träume mich umwehn,
bringen frohe Kunde Geister ungesehn,
reden von dem Lande meiner Heimat mir,
hellem Meeresstrande, düsterm Waldrevier.

Dieses Wenn zu Beginn ist nicht oder nicht nur zeitlich gemeint, sondern es weist auch auf die Bedingung hin; diese Träume gibt es nur in stiller Stunde. Und genau darin besteht auch die Weisheit eines Paul Gerhardt, der in einer zum Volkslied gewordenen Strophe weiß:

Nun ruhen alle Wälder,
Vieh, Menschen, Städt und Felder,
es schläft die ganze Welt;
ihr aber, meine Sinnen,
auf, auf, ihr sollt beginnen,
was eurem Schöpfer wohlgefällt.

Was die meisten Menschen nicht beachten: Zum einen, wenn es im Außen still wird,  aber auch im Schlaf geht das Ich des Menschen auf Entdeckungsreise. In der Stille der Nacht, in der Stille des Schlafes sind unsere Sinne kosmisch unterwegs; dann beginnen siw genau das, was ihrem Schöpfer wohlgefällt. Einer wie Mörike hat unbewusst  darüber geschrieben, wenn er in seinem Gedicht An einem Wintermorgen vor Sonnenaufgang  mitteilt, welchen Kräften und Reichen er im Schlaf begegnete, und was leider bald der Tag, das Tagesbewusstsein verscheuchen wird:

O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühe!
Welch neue Welt bewegest du in mir?
Was ists, daß ich auf einmal nun in dir
Von sanfter Wollust meines Daseins glühe?

Einem Kristall gleicht meine Seele nun,
Den noch kein falscher Strahl des Lichts getroffen;
Zu fluten scheint mein Geist, er scheint zu ruhn,
Dem Eindruck naher Wunderkräfte offen,
Die aus dem klaren Gürtel blauer Luft
Zuletzt ein Zauberwort vor meine Sinne ruft.

Bei hellen Augen glaub ich doch zu schwanken;
Ich schließe sie, daß nicht der Traum entweiche.
Seh ich hinab in lichte Feenreiche?
Wer hat den bunten Schwarm von Bildern und Gedanken
Zur Pforte meines Herzens hergeladen,
Die glänzend sich in diesem Busen baden,
Goldfarbgen Fischlein gleich im Gartenteiche?

Ich höre bald der Hirtenflöten Klänge,
Wie um die Krippe jener Wundernacht,
Bald weinbekränzter Jugend Lustgesänge;
Wer hat das friedenselige Gedränge
In meine traurigen Wände hergebracht?

Es ist kein Wunder, dass Paul Gerhardt von den Sinnen spricht, die tun, was unserm Schöpfer wohl gefällt und Mörike in diesem Zusammenhang der Hirtenflöten Gesänge und die Krippe der Wundernacht anspricht.

Es ist auch kein Zufall, dass es im Pommernlied in der dritten Strophe in Bezug auf die Heimat, also das Pommerland heißt:

Aus der Ferne wendet sich zu dir mein Sinn,
aus der Ferne sende trauten Gruß ich hin.
Traget, laue Winde, meinen Gruß und Sang;
: wehet leis und linde treuer Liebe Klang. :

Die Heimat ist fern, unsere irdische wie auch unsere geistige, und genau aus diesem Bewusstsein heraus singt eine Ottilie im 25. Kapitel des Romans Godwi, den Clemens Brentano schrieb, diesem Godwi zu, in Versen, die zu einem der bekanntesten Gedichte der Romantik geworden sind, hier die ersten Strophen:

…….Sprich aus der Ferne
…….Heimliche Welt,
…….Die sich so gerne
…….Zu mir gesellt.

Wenn das Abendroth niedergesunken,
Keine freudige Farbe mehr spricht,
Und die Kränze stillleuchtender Funken
Die Nacht um die schattigte Stirne flicht:

…….Wehet der Sterne
…….Heiliger Sinn
…….Leis‘ durch die Ferne
…….Bis zu mir hin.

Wenn des Mondes still lindernde Thränen
Lösen der Nächte verborgenes Weh;
Dann wehet Friede. In goldenen Kähnen
Schiffen die Geister im himmlischen See.

…….Glänzender Lieder
…….Klingender Lauf
…….Ringelt sich nieder,
…….Wallet hinauf.

Wenn der Mitternacht heiliges Grauen
Bang durch die dunklen Wälder hinschleicht,
Und die Büsche gar wundersam schauen,
Alles sich finster tiefsinnig bezeugt:

…….Wandelt im Dunkeln
…….Freundliches Spiel,
…….Still Lichter funkeln
…….Schimmerndes Ziel.

.

Natürlich dünkt uns diese heimliche Welt weit entfernt. Und natürlich hat Stille in der Romantik die Bedeutung, diese heimliche Welt hören zu können.
Woher kommt dieses Sprechen der heimlichen Welt denn genau?
Antwort gibt ein Dichter, der wie kaum ein zweiter spirituell war, Novalis: Er schreibt in seinem Blütenstaub-Fragment Nr. 18:

Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft. Die Außenwelt ist die Schattenwelt, sie wirft ihren Schatten in das Lichtreich. Jetzt scheint es uns freilich innerlich so dunkel, ein­sam, gestaltlos, aber wie ganz anders wird es uns dünken, wenn diese Verfinsterung vorbei und der Schattenkörper hinweggerückt ist. Wir werden mehr genießen als je, denn unser Geist hat entbehrt.

Es war im Übrigen ein Mann namens Winckelmann, dessen lebenslangem Drang, sich mit der Antike zu beschäftigen wir jene Aussage über die antike Kunst verdanken, die uns bis heute geprägt hat, wenn er von deren stiller Einfalt und edlen Größe spricht.

Seitdem sind stille Einfalt und edle Größe Charakteristika einer hohen Seele.

Wir wissen um die Bedeutung der Stille und wie sehr gerade sie zu Größe und Kraft führen kann im Übrigen schon seit 2700 Jahren, damals wirkte der Prophet Jesaja, bei dem es heißt:
Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein. (Jes. 30,15)
Und klarer könnte die Bedeutung der Stille noch sein, wenn Luther den 23. Psalm nicht übersetzt hätte:
(1) Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. (2) Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.

Denn eigentlich muss es laut dem Original heißen:

(1) Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. (2) Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum stillen Wasser – zum Wasser am Ruheplatz, wie manche Übersetzungen formulieren.

Warum auch die angeblich gründlich überarbeitete Lutherbibel 2017 diese fehlerhafte Übersetzung weiter in die Welt setzt, ist mir ein Schleier, wie mir genauso schleierhaft ist, dass nicht nur die Lutherbibel, sondern auch andere Übersetzungen das Vater unser falsch übersetzen, wenn sie permanent formulieren: Vater unser, der du bist im Himmel, wo doch der griechische Text klar und deutlich formuliert: Vater unser, der du bist in DEN HIMMELN (tois ouranois)

Man möchte das folgende Gedicht fast als heiliges Gedicht bezeichnen; es ist von Karl May, dem berühmten Schöpfer von Old Shatterhand und Winnetou und Kara Ben Nemsi Effendi. Wie beispielsweise Wilhelm Busch eine tief spirituelle Seite hatte, die man kaum kennt, so hatte sie auch Karl May:

Wie das Meer

Sei still in Gott, still wie das Meer!
Nur seine Fläche streift der Wind,
und tobt als Sturm er noch so sehr,
wiß, daß die Tiefen ruhig sind.

Sei weit in Gott, weit wie das Meer!
Es wogt nicht bloß am heim’schen Strand,
und wird dir’s auch zu glauben schwer,
wiß, drüben gibt’s doch wieder Land.

Sei tief in Gott, tief wie das Meer!
Nach dort, wo dich die Welt vergißt,
sei dein Verlangen, dein Begehr,
wiß, daß die Tiefe Höhe ist.

Ja, sei, mein Herz, stets wie das Meer
in Gott so still, so tief, so weit!
Dann landest du nicht hoffnungsleer
am Küstensaum der Ewigkeit.

.

Neben Brentano, in dessen Roman Godwi das Wortfeld der Stille über 150-mal anzutreffen ist, wären natürlich weitere Romantiker zu nennen wie Eichendorff, in dessen Novelle Das Marmorbild das Wortfeld der Stille über 60-mal auftaucht – bei etwas mehr als 40 Reclam-Seiten Umfang durchaus eine respektable Menge, oder auch Dichter wie Goethe, den man mit der Aussage zitieren mag:

Das Beste ist die tiefe Stille, in der ich gegen die Welt lebe und wachse und gewinne, was sie mir mit Feuer und Schwert nicht nehmen können.

bzw. Autoren wir Rilke und andere.

Am meisten aber beeindruckt mich, wenn Hölderlin von Stille spricht – Das Wortfeld der Stille (also in Form von Verb, Adjektiv oder Substantiv bzw. Wortzusammensetzungen) ist bei Hölderlin unentwegt anzutreffen, in manchen Gedichten mehrfach:

Man spricht bekanntlich gern von dem armen Hölderlin. Das geht vielleicht auf ein Schreiben der Landgräfin Caroline von Hessen-Homburg zurück – sie nannte Hölderlin „Holterling“ -, die am Abend des 11. September 1806 schrieb:

Man hat heute früh den armen Holterling abtransportiert, um ihn seinen Eltern
zu übergeben. Als er mit aller Kraft versuchte, sich aus dem Wagen zu stürzen, wurde er von dem Mann, der auf ihn aufpassen sollte, zurückgestoßen.

Dabei gibt es kaum einen, der innerlich reicher war als dieser arme Holterling, der zur Hälfte seines Lebens geisteskrank wurde. Vielleicht so reich, dass er diesen Reichtum nicht mit normalem menschlichenn Bewusstsein fassen und erfassen konnte – vermutlich würde es ihm heute anders ergehen, da das menschliche Bewusstsein, allen Unkenrufen zum Trotz, sich weiterentwickelt hat.

Sicherlich gibt es für seine Geisteskrankheit nicht nur einen Grund. Natürlich mag eine Rolle gespielt haben, dass er den Verzicht auf seine Diotima – die Frau des Frankfurter Bankiers Gontard, Susette Gontard, deren Kinder er als Hauslehrer unterrichtete; hier ihre Briefe an ihn – nie verkraftet hat und, als er schon verwirrt und in aufgelöstem Zustand am 7. Juni 1802 den Rhein nach seinem Frankreichaufenthalt überquerte, ihren frühen Tod wenige Tage später, am 22. Juni, vorausahnte. Gewiss ist es nicht so, wie ein berühmter Hölderlinforscher – Pierre Bertaux – vermutet hat, dass er seine Geisteskrankheit nur gespielt habe; dazu sind die Aufzeichnungen über die Behandlung in der Tübinger Klinik, in die ihn ein Freund, als er sich nicht mehr zu helfen wusste, einliefern ließ, zu dramatisch.

Stille war bei ihm immer wieder mit Freude verbunden und mit Frieden. Stille beinhaltete für ihn das Wissen, dass es bei allem Leid, das es auf unserer Erde gibt, immer auch dessen Überwindung gibt, eine Mitte zwischen Freud und Leid, einen Raum der Stille, einen göttlichen Raum, den göttlichen Weltinnenraum, um eine Vokabel Rilkes aufzugreifen, den er vielfach übrigens in der Natur fand.

Wie kaum ein anderer Dichter hat Hölderlin Bezug genommen auf seine heimatliche Landschaft; seine Gedichte über den Rhein, den Neckar, Stuttgart, Heidelberg und die Donau geben ein beredtes Zeugnis. Landschaft war für ihn immer auch Seelenlandschaft, auch wenn er sie ganz selten selbst transzendiert. Es gibt für mich keinen Dichter, bei dem Landschaft und Natur spürbar mittels seiner Worte zu solch einem heiligen Raum wird. In seiner Ode Die Heimath (erste Fassung Mitte 1798) schreibt er:

Froh kehrt der Schiffer heim an den stillen Strom,
Von Inseln fernher, wenn er geerndtet hat;
So käm‘ auch ich zur Heimath, hätt‘ ich
Güter so viele, wie Laid, geerndtet.

Ihr theuern Ufer, die mich erzogen einst,
Stillt ihr der Liebe Leiden, versprecht ihr mir,
Ihr Wälder meiner Jugend, wenn ich
Komme, die Ruhe noch einmal wieder?

Die letzte Strophe dieses Gedichtes ist legendär, sie lautet:

Denn sie, die uns das himmlische Feuer leihn,
Die Götter schenken heiliges Laid uns auch,
Drum bleibe diß. Ein Sohn der Erde
Schein‘ ich; zu lieben gemacht, zu leiden.

Hölderlin war zeitlebens ein Wanderer zwischen den Welten und so nimmt es nicht wunder, dass es ein Gedicht mit dem Titel Der Wanderer gibt, aus dem ich eine beeindruckende Passage wiedergebe:

Seliges Tal des Rheins! kein Hügel ist ohne den Weinstock,
Und mit der Traube Laub Mauer und Garten bekränzt,
Und des heiligen Tranks sind voll im Strome die Schiffe,
Städt und Inseln, sie sind trunken von Weinen und Obst.
Aber lächelnd und ernst ruht droben der Alte, der Taunus,
Und mit Eichen bekränzt neiget der Freie das Haupt.
Und jetzt kommt vom Walde der Hirsch, aus Wolken das Tagslicht,
Hoch in heiterer Luft siehet der Falke sich um.
Aber unten im Tal, wo die Blume sich nähret von Quellen,
Streckt das Dörfchen bequem über die Wiese sich aus.
Still ists hier. Fern rauscht die immer geschäftige Mühle,
Aber das Neigen des Tags künden die Glocken mir an.
Lieblich tönt die gehämmerte Sens und die Stimme des Landmanns,
Der heimkehrend dem Stier gerne die Schritte gebeut,
Lieblich der Mutter Gesang, die im Grase sitzt mit dem Söhnlein;
Satt vom Sehen entschliefs; aber die Wolken sind rot,
Und am glänzenden See, wo der Hain das offene Hoftor
Übergrünt und das Licht golden die Fenster umspielt,
Dort empfängt mich das Haus und des Gartens heimliches Dunkel,
Wo mit den Pflanzen mich einst liebend der Vater erzog;
Wo ich frei, wie Geflügelte, spielt auf luftigen Ästen,
Oder ins treue Blau blickte vom Gipfel des Hains.
Treu auch bist du von je, treu auch dem Flüchtlinge blieben,
Freundlich nimmst du, wie einst, Himmel der Heimat, mich auf.

.

Wer Muse hat, diese Zeilen zu lesen – man wird an mancher Stelle verweilen wollen – mag einen tiefen Frieden spüren, der von ihnen ausgeht; ja, sie sind heilsam.

Wer die Natur mit den Augen Hölderlins sieht, begreift sie als göttliches Kunstwerk:

Wenn aber die Himmlischen haben
Gebaut, still ist es
Auf Erden, und wohlgestalt stehn
Die betroffenen Berge

so heißt es in einem Fragment gebliebenen Gedicht. Und in einer ganz ähnlichen Atmosphäre beginnt eine seiner letzten großen Hymnen, Die Friedensfeier:

Der himmlischen, still widerklingenden,
Der ruhigwandelnden Töne voll,
Und gelüftet ist der altgebaute,
Seliggewohnte Saal;

In ihrer Mitte lesen wir:

Ihr bringt auch heute das Fest, ihr Lieben! und es blüht
Rings abendlich der Geist in dieser Stille;

und gegen Ende hin, in der 7. von insgesamt neun zumeist fünfzehnzeiligen Strophen heißt es:

Schicksalgesetz ist dies, daß Alle sich erfahren,
Daß, wenn die Stille kehrt, auch eine Sprache sei.
Wo aber wirkt der Geist, sind wir auch mit, und streiten,
Was wohl das Beste sei. So dünkt mir jetzt das Beste,
Wenn nun vollendet sein Bild und fertig ist der Meister,
Und selbst verklärt davon aus seiner Werkstatt tritt,
Der stille Gott der Zeit und nur der Liebe Gesetz,
Das schönausgleichende gilt von hier an bis zum Himmel.
Und einer, der nicht Fluth noch Flamme gescheuet,
Erstaunet, da es stille worden, umsonst nicht, jezt
Da Herrschaft nirgends ist zu sehn bei Geistern und Menschen
( . . . )

Hölderlin, dieser wunderbare Mensch, hat sogar ein 24 Strophen umfassendes Gedicht mit dem Titel Die Stille verfasst, ich zitiere die erste Strophe

Die du schon mein Knabenherz entzücktest,
Welcher schon die Knabenträne floß,
Die du früh dem Lärm der Toren mich entrücktest,
Besser mich zu bilden, nahmst in Mutterschoß,

und die fünf letzten, deren Verszahl – das sei vorsichtshalber angemerkt – unregelmäßig ist:

Schön, o schön sind sie! die stille Freuden,
Die der Toren wilder Lärm nicht kennt,

Schöner noch die stille gottergebne Leiden,
Wann die fromme Träne von dem Auge rinnt.

Drum, wenn Stürme einst den Mann umgeben,
Nimmer ihn der Jugendsinn belebt,
Schwarze Unglückswolken drohend ihn umschweben,
Ihm die Sorge Furchen in die Stirne gräbt,

O so reiße ihn aus dem Getümmel,
Hülle ihn in deine Schatten ein,
O! in deinen Schatten, Teure! wohnt der Himmel,
Ruhig wirds bei ihnen unter Stürmen sein.
Und wann einst nach tausend trüben Stunden
Sich mein graues Haupt zur Erde neigt
Und das Herz sich mattgekämpft an tausend Wunden
Und des Lebens Last den schwachen Nacken beugt:

O so leite mich mit deinem Stabe –
Harren will ich auf ihn hingebeugt,
Bis in dem willkommnen, ruhevollen Grabe
Aller Sturm, und aller Lärm der Toren schweigt.

.

Wenn Hölderlin von Stille spricht oder das Wortfeld verwendet, so glaubt man zu spüren, dass es sich auf jenen Zustand beseligter Stille bezieht, den wir in Elysium, dem Raum und Zustand der Unsterblichen finden. Unsterblich sind nicht nur die Götter, sondern auch wir. Dem Zweifelnden mag es offenbar werden, wenn wir gestorben sind und sehen, dass es ein Leben nach dem Leben gibt und ein Leben vor dem Leben, einen Zustand, den die indische Weisheit Devachan nennt, einen Zustand weitgehender Seligkeit. Stille weiß um diese seelische Verfassung; auf sie bezieht sich Hölderlin ahnend. Deshalb schreibt er im seinem Roman Hyperion oder der Eremit in Griechenland, entstanden 1797 – 1799:

Es gibt ein Vergessen alles Daseins, ein Verstummen unseres Wesens, wo uns ist, als hätten wir alles gefunden.

—-

Stille hat, wie alles in unserem Leben, auch eine dunkle Seite, und wir verdanken den Balladen und Volksliedern, dass sie entsprechende Stoffe überlieferten, bis in der Epoche der Romantik dieses Thema der dunklen Seite der Stille so gehäuft aufgegriffen wurde, dass man nicht umhin kam und kommt, sie zur Kenntnis zu nehmen. Dadurch, dass dies geschehen ist, sind beide Seiten klarer geworden, sowohl die dunkle also auch die helle, so dass wir, obwohl er dieser Phase der Literaturgeschichte, der Romantik also, ein wenig vorausging – wobei er in seiner fast weltweiten Sonderstellung ohnehin ihr nicht zugeordnet werden kann – nun Hölderlins Stille in ihrer Helle wahrnehmen können, wie wir auch die dunkle besser konturieren, fassen und erfassen können.

Auf einer äußerlichen Ebene – doch denken wir daran, dass alles Vergängliche (und vor allem das Äußerliche ist vergänglich) nur ein Gleichnis ist, wie es Goethe im Faust formulierte – können wir Gedichtverse dieses Mannes wie die folgenden finden:

Meeresstille

Tiefe Stille herrscht im Wasser,
Ohne Regung ruht das Meer,
Und bekümmert sieht der Schiffer
Glatte Fläche ringsumher.
Keine Luft von keiner Seite!
Todesstille fürchterlich!
In der ungeheuern Weite
Reget keine Welle sich.

Was für eine äußere Wirklichkeit gilt, gilt ebenso für eine innere und niemand hat das besser zum Ausdruck gebracht als jener zeitgenössische Autor, den wir an dem Balladen gewidmeten Abend mit seinem Gedicht Wie ich ein Fisch wurde kennengelernt haben – aus gutem Grund:

Am 27. Mai um drei Uhr hoben sich aus ihren Betten
Die Flüsse der Erde, und sie breiteten sich aus
Über das belebte Land. Um sich zu retten
Liefen oder fuhren die Bewohner zu den Bergen raus.

Als nachdem die Flüsse furchtbar aufgestanden,
Schoben sich die Ozeane donnernd übern Strand,
Und sie schluckten alles das, was noch vorhanden,
Ohne Unterschied, und das war allerhand.

Eine Weile konnten wir noch auf dem Wasser schwimmen,
Doch dann sackte einer nach dem andern ab.
Manche sangen noch ein Lied, und ihre schrillen Stimmen
Folgten den Ertrinkenden ins nasse Grab.

Kurz bevor die letzten Kräfte mich verließen,
Fiel mir ein, was man mich einst gelehrt:
Nur wer sich verändert, den wird nicht verdrießen
Die Veränderung, die seine Welt erfährt.

Leben heißt: Sich ohne Ende wandeln.
Wer am Alten hängt, der wird nicht alt.
So entschloss ich mich, sofort zu handeln,
Und das Wasser schien mir nicht mehr kalt.

Meine Arme dehnten sich zu breiten Flossen,
Grüne Schuppen wuchsen auf mir ohne Hast;
Als das Wasser mir auch noch den Mund verschlossen,
War dem neuen Element ich angepasst.

Lasse mich durch dunkle Tiefen träge gleiten,
Und ich spüre nichts von Wellen oder Wind,
Aber fürchte jetzt die Trockenheiten,
Und dass einst das Wasser wiederum verrinnt.

Denn aufs Neue wieder Mensch zu werden,
Wenn man´s lange Zeit nicht mehr gewesen ist,
Das ist schwer für unsereins auf Erden,
Weil das Menschsein sich so leicht vergisst.

.

Günter Kunert macht sogar deutlich, dass diese Stille, diese Trägheit, in der man so vor sich dahindümpelt, wie wir Menschen das nunmal gern tun, einem Zustand gleicht, der nicht dem Menschsein entspricht, sonst könnte er nicht davon sprechen, dass man wieder zum Menschen wird, wenn man aus diesen Tiefen, die so träge machen und dies über einen durchaus langen Zeitraum – vielleicht über mehrere Leben, vielleicht über Jahrzehnte (es ist nie zu spät aufzuwachen) – wieder auftaucht.

Denken wir an Odysseus, jenen Griechen, der im Altertum den Menschen verkörpert, der in seine Heimat will. Es waren seine Gefährten, die ihn dem Zauber der Circe entrissen. Odysseus wäre der trägen Tiefe einer Circe nicht entkommen, weil sie ihn so becirct hatte, dass er nicht merkte, wie er sein Ziel aus den Augen verlor, ein Bewusstseinszustand, der im Übrigen auch durch die zweite Station bzw. das zweite Abenteuer der Heimreise bereits widergespiegelt wurde, als Gefährten des Odysseus die Heimat vergaßen, weil sie von den Früchten der Lotophagen, dem Lotos, ähnlich süß wie Datteln und zur Gewinnung von Wein bestens geeignet, gekostet hatten, glückselig berauscht ganz und gar ihr Ziel vergaßen und mit Gewalt auf die Schiffe gezerrt werden mussten. Ob wir nun lotophagen- sprich kokain-, hasch- oder alkoholmäßig oder in einer circensischen Situation – hätte ich fast gesagt – becirct sind, der Heimat gehen wir auf jeden Fall verlustig, und es mag so schön ruhig und friedlich und still in uns sein, es ist eine tödliche Stille. – Es ist, klipp und klar ausgedrückt, der Tod im Leben. Keine Luft von keiner Seite! / Todesstille fürchterlich! – Im Inneren jedenfalls, auch wenn so viele Menschen so viel Lärm im Außen machen. Gerade deshalb machen sie es: ständiger Karneval, um die Todesstille nicht zu hören!

In einem Gedicht von Joseph von Eichendorff – überschrieben Nachtzauber – treffen wir diese tödliche Stille an, obwohl sie uns fast harmlos erscheinen will:

Hörst du nicht die Quellen gehen
Zwischen Stein und Blumen weit
Nach den stillen Waldesseen,
Wo die Marmorbilder stehen
In der schönen Einsamkeit?
Von den Bergen sacht hernieder,
Weckend die uralten Lieder,
Steigt die wunderbare Nacht,
Und die Gründe glänzen wieder,
Wie du´s oft im Traum gedacht.

Kennst die Blume du, entsprossen
In dem mondbeglänzten Grund?
Aus der Knospe, halb erschlossen,
Junge Glieder blühend sprossen,
Weiße Arme, roter Mund,
Und die Nachtigallen schlagen,
Und rings hebt es an zu klagen,
Ach, vor Liebe todeswund,
Von versunknen schönen Tagen-
Komm, o komm zum stillen Grund!

.

Hinter den in der ersten Strophe angesprochenen Marmorbildern verbirgt sich die göttliche Venus, jene Gestalt, die Menschen von der wahren Liebe abzieht in eine, die einer Abhängigkeit gleichkommt. Es ist jene Liebe, die Tannhäuser in Wagners Oper Tannhäuser im unterirdischen Reich der Venus auslebt, wo die Zeit stillsteht; wenn er davon erzählen wird, wird er seine Zuhörer – und so reagieren wahrscheinlich die allermeisten Männer – förmlich eifersüchtig machen, wie es anlässlich des Sängerfestes auf der Wartburg geschehen wird. Doch Tannhäuser weiß, warum er sich von Venus trennt: Er sehnt sich nach Frühling, nach des Himmels Gestirnen, nach dem Klang der Kirchenglocken, nach wirklichem Leben. Später wird er, dem der Papst, als er zu jenem wallte, seine Venus-Vergangenheit nicht verzieh, auch erkennen, dass dem wollüstigen Reich der Venus eines entgegensteht, das er in Wahrheit anstrebt, das nämlich der heiligen Elisabeth, die sich seit beider Zusammentreffen auf der Wartburg verzehrte in Sehnsucht nach ihm. An ihrem Sarg sterbend erkennt Tannhäuser ihre große Liebe.

Es ist die trügerische Venus-Sphäre, die mit Vergangenheit zu tun hat, mit Rückwärtsgewandtheit, in der Novelle Das Marmorbild mit einem steinernen Standbild, das im Frühling zum Leben erwacht und als heidnische Göttin, als Venus, Menschen in ihren unguten Bann zieht. Diese Liebe reduziert den Menschen auf Elementares, letztendlich auf Triebbestimmtes; sie mag glorifiziert werden, doch wer sich von ihr nicht löst ist wie ein Don Juan, ist ewig auf der Suche nach dem, um was es im Eigentlichen geht und dem er nicht näher kommt trotz allem (äußeren) Lust-Furor, in den er sich immer wieder stürzt.

So fällt auch Heines Rheinschiffer einer Loreley zum Opfer: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, / dass ich so traurig bin. – Solche Weiblichkeit braucht Männer, die nicht wissen, was es bedeuten soll und die Fragen danach gar nicht stellen.

In zahlreichen Märchen, Geschichten und Gedichten klingt dieses Thema mehr oder weniger deutlich an, beispielhaft sei hier nur verwiesen auf Hans Christian Andersens Die kleine Seejungfrau, auf Wolf Biermann Ballade von Leipzig nach Köln, auf Antonín Dvořáks Rusalka, Johann Wolfgang von Goethes Der Fischer oder auch Die neue Melusine, einer Erzählung aus Wilhelm Meisters Wanderjahre, auf Heinrich Heines Loreley, auf Franz Kafkas Das Schweigen der Sirenen, Rainer Maria Rilkes Insel der Sirenen oder auch Kurt Schwitters Die Nixe – diese Aufzählung wäre leicht um einige weitere Beispiele fortsetzbar – offensichtlich ist, wie sehr dieses Thema Menschen beschäftigt, betrifft! Mehr zu ihm ist in Beate Ottos Buch mit dem Titel Unterwasser-Literatur. Von Wasserfrauen und Wassermännern zu finden.

Zumeist geht es um ein Rückwärts-Fallen ins Elementare eines unbewussten bzw. wenig bewussten Lebens, auch wenn es manchmal märchenhaft verbrämt ist oder mit einem offenen Schluss versehen, der über das weitere Leben nichts aussagt, aber doch eigentlich keinen Zweifel über die Qualität der weiteren Existenz lässt wie z.B. in Goethes

Der Fischer

Das Wasser rauscht‘, das Wasser schwoll,
Ein Fischer saß daran,
Sah nach dem Angel ruhevoll,
Kühl bis ans Herz hinan.
Und wie er sitzt und wie er lauscht,
Teilt sich die Flut empor:
Aus dem bewegten Wasser rauscht
Ein feuchtes Weib hervor.

Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm:
»Was lockst du meine Brut
Mit Menschenwitz und Menschenlist
Hinauf in Todesglut?
Ach wüßtest du, wie’s Fischlein ist
So wohlig auf dem Grund,
Du stiegst herunter, wie du bist,
Und würdest erst gesund.

Labt sich die liebe Sonne nicht,
Der Mond sich nicht im Meer?
Kehrt wellenatmend ihr Gesicht
Nicht doppelt schöner her?
Lockt dich der tiefe Himmel nicht.
Das feuchtverklärte Blau?
Lockt dich dein eigen Angesicht
Nicht her in ew’gen Tau?«

Das Wasser rauscht‘, das Wasser schwoll,
Netzt‘ ihm den nackten Fuß;
Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll
Wie bei der Liebsten Gruß.
Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;
Da war’s um ihn geschehn;
Halb zog sie ihn, halb sank er hin
Und ward nicht mehr gesehn.

In dieser Existenzweise geht es um ein Leben bzw. Geschehen unter Wasser, verwiesen sei auf den Taucher, auf Petrus, der auch dort hätte landen können oder auf Kunerts Wie ich ein Fisch wurde.
Nicht immer findet man unter Wasser, in dieser abgedunkelten Welt, einen Ring, wie Schillers Taucher. Oder man findet ihn und diese reduzierte Welt, in der Liebe nicht gelebt werden kann, wie in Schillers Ballade in Gestalt einer Königstochter, die sich ihrem Vater und damit dem Bann des dunklen Königs nicht entziehen kann, weiß einen wieder hinabzuziehen, oft dann eben endgültig.

Nicht von ungefähr sind in der Bibel gleich zu Beginn der Schöpfungsgeschichte die Wasser geteilt in untere Wasser und obere Wasser. Deren tiefe Bedeutung mag nun klarer werden. Beide Ebenen sind seelische Bereiche und nur in den unteren Wassern zu leben bedeutet letztendlich, nicht Mensch zu sein.

Wenn Luther jene umstrittene Bibelstelle übersetzt mit Machet euch die Erde untertan, so ist damit auch gemeint, beider Wasserebenen Herr zu werden, was nicht bedeutet, sie zu unterjochen, sondern sie zu durchschauen und sich nicht von der unteren beherrschen zu lassen, sondern ihrer selbst Herr zu sein (auch die obere Wasserebene kann beherrschen, wie sie es mit jenen Menschen tut, die auf dieser Erde heilig sein wollen, obwohl sie es nicht sind – die Licht-und-Liebe-Fraktion der Esoterik wäre da zu nennen, mancher ach so fromme Christ oder Anthroposoph beiderlei Geschlechts).

Durch die Welt geht ein Riss, die einen leben unter Wasser, die anderen über Wasser, die einen in dunkler Stille, die anderen wollen nur in einer hellen und heilen Stille leben.

Heinrich Heine hat das in seinen Reisebildern so formuliert: „Ach, teurer Leser, wenn du über jene Zerrissenheit klagen willst, so beklage lieber daß die Welt selbst mitten entzwei gerissen ist. Denn da das Herz des Dichters der Mittelpunkt der Welt ist, so muß es wohl in jetziger Zeit jämmerlich zerrissen werden.“ Und Achim von Arnim sprach 1805 in seinem Aufsatz, der dem Ende des ersten Bandes von Des Knaben Wunderhorn beigefügt wurde, von dem „großen Riß der Welt, aus dem die Hölle uns angähnt.“ Sogar der ältere Goethe, ansonsten kein Freund zeitgenössischer Weltschmerz-Attitüde äußert 1813 in einem Brief an Zelter, daß „man in dieser jetzt zerrissenen Welt“ nicht mehr wisse, wem man eigentlich angehöre.

Diese Dissoziiertheit, diese Zerrissenheit wird oft in zwei Ebenen gespiegelt, dem, was unglücklich und leider oft abwertend als Heidentum bezeichnet wird und ein vorchristliches Stadium der Menschheit meint, und Christentum, wobei ich Christentum nicht mit Kirche verwechselt sehen möchte, denn die steckt meines Erachtens in ihrer Einstellung und ihrem Verhalten zu oft noch im Heidentum fest – C.G. Jung hat dazu profund geschrieben -, sondern ich verstehe Christentum als einen Bewusstseinszustand, der Bewusstsein weg von den alten Göttern und den Mysterien hin zu jedem Einzelnen und seiner Verantwortung verlagert.
Zum stillen Grund hingegen sinkt, wer träge gleitet, wer Verantwortung delegiert, sei es an alte Götter, an das Geld, an Versicherungen, an Wohlstand und Bequemlichkeit.

Christentum impliziert für mich das paulinische Prüfet alles genauso wie das Begreifen des Lebens als Weg über Fußwaschung, Versuchung, Standhaftigkeit gegenüber dem Pharisäischem, Heilung, wo es geht, das Zurückweisen des Petrus als eines Satans, obwohl er gerade noch so heilig sprach, das Erzählen in Gleichnissen und das Verstehen des Lebens als Gleichnis – alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis (Goethe im Faust) – und das Erkennen, dass alles aus Geist entsteht und in Wahrheit besteht.

Im Übrigen sollte man die Stille, die Eichendorff in Mondnacht anspricht, obwohl auf Vorchristliches Bezug nehmend, keinesfalls der Venus-Ebene zuordnen. Von Uranos und Gaia kommen wir alle! Wir bedürfen des Mondes und der Sonne, wir bedürfen des unteren Wassers und des oberen Wassers –  wir bedürfen des „Heidentums” (ich mag dieses Wort nicht, zu oft wird es abwertend verwendet und betrifft doch unsere wertvolle Vergangenheit) und des Christentums, um heil zu werden.

Lassen wir uns durch Gottfried Kellers Nixe nicht verführen:

Nicht ein Flügelschlag ging durch die Welt,
Still und blendend lag der weiße Schnee.
Nicht ein Wölklein hing am Sternenzelt,
Keine Welle schlug im starren See.

Aus der Tiefe stieg der Seebaum auf,
Bis sein Wipfel in dem Eis gefror;
An den Ästen klomm die Nix herauf,
Schaute durch das grüne Eis empor.

Auf dem dünnen Glase stand ich da,
Das die schwarze Tiefe von mir schied;
Dicht ich unter meinen Füßen sah
Ihre weiße Schönheit Glied um Glied.

Mit ersticktem Jammer tastet‘ sie
An der harten Decke her und hin –
Ich vergeß das dunkle Antlitz nie,
Immer, immer liegt es mir im Sinn!

.

Fallen wir, wie gesagt, nicht auf diese jammervolle Nixe in Winternacht herein. Indem wir ihr mittlerweile unzeitgemäßes Spiel durchschauen, erlösen wir sie, erlösen sie in uns.

Ich möchte abschließen mit einem der schönsten Sätze, den es für mich in der Literatur gibt. Er findet sich am Ende einer Novelle, die ein Mann geschrieben hat, geboren 1805 in Böhmen, dessen Stil unter Germanisten durchaus umstritten war und ist. Unterstellt wurden vor allem seinem Altersstil zu viele Wiederholungen und eine oberflächliche Darstellungsweise. – Wissenschaftler tun sich nun einmal schwer, Leute so sein lassen, wie sie sind.

Zu einer Zeit, als noch an deutschen Schulen Novellen wie Theodor Storms Schimmelreiter oder sein Pole Poppenspäler, die Judenbuche der Droste und Gottfried Kellers Kleider machen Leute gelesen wurden, war Adalbert Stifters Erzählung Bergkristall der Deutschen liebste Weihnachtsgeschichte.

Für unsere heute so aufgeregten Verhältnisse beginnt sie viel zu langweilig, als dass nicht viele sich gleich weiterklicken bzw. das Buch zuschlagen. Ein Fehler, wie sich herausstellen würde.

Der so langweilige Beginn lautet (Original Bergkristall ist wie gleich im Folgenden farblich abgesetzt):

Unsere Kirche feiert verschiedene Feste, welche zum Herzen dringen. Man kann sich kaum etwas Lieblicheres denken als Pfingsten und kaum etwas Ernsteres und Heiligeres als Ostern. Das Traurige und Schwermütige der Karwoche und darauf das Feierliche des Sonntags begleiten uns durch das Leben. Eines der schönsten Feste feiert die Kirche fast mitten im Winter, wo beinahe die längsten Nächte und kürzesten Tage sind, wo die Sonne am schiefsten gegen unsere Gefilde steht und Schnee alle Fluren deckt, das Fest der Weihnacht. Wie in vielen Ländern der Tag vor dem Geburtsfeste des Herrn der Christabend heißt, so heißt er bei uns der Heilige Abend, der darauf folgende Tag der Heilige Tag und die dazwischen liegende Nacht die Weihnacht.
(…)
In den hohen Gebirgen unsers Vaterlandes steht ein Dörfchen mit einem kleinen, aber sehr spitzigen Kirchturme, der mit seiner roten Farbe, mit weicher die Schindeln bemalt sind, aus dem Grün vieler Obstbäume hervorragt und wegen derselben roten Farbe in dem duftigen und blauen Dämmern der Berge weithin ersichtlich ist. Das Dörfchen liegt gerade mitten in einem ziemlich weiten Tale, das fast wie ein länglicher Kreis gestaltet ist. Es enthält außer der Kirche eine Schule, ein Gemeindehaus und noch mehrere stattliche Häuser, die einen Platz gestalten, auf welchem vier Linden stehen, die ein steinernes Kreuz in ihrer Mitte haben.
Diese Häuser sind nicht bloße Landwirtschaftshäuser, sondern sie bergen auch noch diejenigen Handwerke in ihrem Schoße, die dem menschlichen Geschlechte unentbehrlich sind, und die bestimmt sind, den Gebirgsbewohnern ihren einzigen Bedarf an Kunsterzeugnissen zu decken. Im Tale und an den Bergen herum sind noch sehr viele zerstreute Hütten, wie das in Gebirgsgegenden sehr oft der Fall ist, welche alle nicht nur zur Kirche und Schule gehören, sondern auch jenen Handwerken, von denen gesprochen wurde, durch Abnahme der Erzeugnisse ihren Zoll entrichten. Es gehören sogar noch weitere Hütten zu dem Dörfchen, die man von dem Tale aus gar nicht sehen kann, die noch tiefer in den Gebirgen stecken, deren Bewohner selten zu ihren Gemeindemitbrüdern heraus kommen, und die im Winter oft ihre Toten aufbewahren müssen, um sie nach dem Wegschmelzen des Schnees zum Begräbnisse bringen zu können. Der größte Herr, den die Dörfler im Laufe des Jahres zu sehen bekommen, ist der Pfarrer. Sie verehren ihn sehr, und es geschieht gewöhnlich, dass derselbe durch längeren Aufenthalt im Dörfchen ein der Einsamkeit gewöhnter Mann wird, dass er nicht ungerne bleibt und einfach fortlebt. Wenigstens hat man seit Menschengedenken nicht erlebt, dass der Pfarrer des Dörfchens ein auswärtssüchtiger oder seines Standes unwürdiger Mann gewesen wäre.
Es gehen keine Straßen durch das Tal, sie haben ihre zweigleisigen Wege, auf denen sie ihre Felderzeugnisse mit einspännigen Wäglein nach Hause bringen, es kommen daher wenig Menschen in das Tal, unter diesen manchmal ein einsamer Fußreisender, der ein Liebhaber der Natur ist, eine Weile in der bemalten Oberstube des Wirtes wohnt und die Berge betrachtet oder gar ein Maler, der den kleinen, spitzen Kirchturm und die schönen Gipfel der Felsen in seine Mappe zeichnet. (…)
Gegen Mittag sieht man von dem Dorfe einen Schneeberg (…)

So geht das seitenlang. Will das heute noch jemand lesen?

Wer es dennoch tut, kann gar nicht anders als innerlich zur Ruhe zu kommen. Adalbert Stifter ist kein Erzähler, der das Innere seiner Personen ausleuchtet oder gar seziert wie Thomas Mann. Behutsam bleibt er zuallermeist im Außen und überlässt es dem Leser, sich vorzustellen, wie es den Menschen seiner Erzählung in ihrem Inneren ergeht.
Wenn dies seine Oberflächlichkeit ausmachen sollte, gestehe ich, ist sie mir zutiefst sympathisch, denn, was mir nach einer solchen Lektüre vor allem bleibt, sind ihre Bilder in meinem Inneren. Und Bergkristall ruft viele hervor und hinterlässt ganz und gar eindrückliche.

Stifter nimmt seinen Leser an die Hand; irgendwann stehen wir dann auch mitten in Gschaid und wenden unseren Blick gegen Mittag, also gegen Süden zu einem Schneeberg mit Namen Gars hin, der mit seinen glänzenden Hörnern fast oberhalb der Hausdächer zu sein scheint, aber in der Tat doch nicht so nahe ist. Er sieht das ganze Jahr, Sommer und Winter, mit seinen vorstehenden Felsen und mit seinen weißen Flächen in das Tal herab. Als das Auffallendste, was sie in ihrer Umgebung haben, ist der Berg der Gegenstand der Betrachtung der Bewohner, und er ist der Mittelpunkt vieler Geschichten geworden. Es lebt kein Mann und Greis in dem Dorfe, der nicht von den Zacken und Spitzen des Berges, von seinen Eisspalten und Höhlen, von seinen Wässern und Geröllströmen etwas zu erzählen wüsste, was er entweder selbst erfahren oder von andern erzählen gehört hat.

Über einen Hals, also einen mäßig hohen Bergrücken, mit seiner Unglückssäule, errichtet zum Gedenken an einen dort verstorbenen Bäcker, gelangt man seitlich des Schneeberges entlang in ein anderes Tal mit einem stattlichen Marktflecken namens Millsdorf, dessen Bewohner viel wohlhabender sind als die von Gschaid. Es vergehen allerdings oft Monate, manchmal ein Jahr, bevor ein Bewohner von Gschaid nach Millsdorf kommt. Umgekehrt ist das so gut wie nie der Fall.

Wer im Übrigen jetzt noch liest, liebt es, ja genießt es vielleicht sogar, sich zu den Beschreibungen des Autors eigene Bilder zu machen oder er genießt, vielleicht, ohne es selbst zu bemerken, dass sich die Seele angesichts solch ungewohnter langen Weile wohlig auf dem inneren Sofa ausstreckt und einfach weiterliest.
Die ersten zehn der 60 (Reclam-)Seiten sind schlicht Landschaftsbeschreibungen obiger Art und erst nach 12 Seiten wird die erste Person erwähnt, der Schuster von Gschaid, dessen Haus auf dem Platz steht, wo sich die besseren Häuser befinden.
Jener Platzschuster war in seiner Jugend ein Gemsewildschütze gewesen und hatte überhaupt, wie die Gschaider sagen, nicht gutgetan. Er war auf allen Tanzplätzen und Kegelbahnen zu sehen. Wenn ihm jemand eine gute Lehre gab, so pfiff er ein Liedlein. Er ging mit seinem Scheibengewehre zu allen Schießen der Nachbarschaft und brachte manchmal einen Preis nach Hause, was er für einen großen Sieg hielt. Der Preis bestand meistens aus Münzen, die künstlich gefasst waren und zu deren Gewinnung der Schuster mehr gleiche Münzen ausgeben mußte, als der Preis enthielt, besonders da er wenig haushälterisch mit dem Gelde war. Er ging auf alle Jagden, die in der Gegend abgehalten wurden, und hatte sich den Namen eines guten Schützen erworben.
Doch dieses Wesen sollte sich ändern, nachdem er ein Auge auf die schöne Tochter des Färbermeisters von Millsdorf geworfen hatte. Zunehmend wurde er arbeitsam, und nach dem Tod seiner Eltern, durch welchen ihm deren Haus zugefallen war, legte er es darauf an, ein exzellenter Schuster zu werden. Tatsächlich erarbeitete er sich einen Ruf, so dass Leute sogar von weiters herkamen, um sich Schuhe von ihm anfertigen zu lassen, dergestalt dem ziemlich eigenwilligen und vierschrötigen Millsdorfer Färber schließlich nichts anderes übrig blieb, als in die Heirat seiner Tochter mit dem Schuster aus Gschaid einzuwilligen.
Der Ehe entsprossen zwei Kinder, Konrad und Susanne, die nur Sanna gerufen wurde, und weil schon ihre Mutter nie so recht sich als Millsdorfer Färberstochter in das Dorf Gschaid hatte hineinleben können, gelang dies den Kindern auch nicht so recht, zumal sie immer wieder zur Großmutter und zum Großvater nach Millsdorf wanderten und sich dort aufhielten. Oft wanderten sie den mehrstündigen Weg an einem Tag hin und zurück.
So geschah es auch an einem Weihnachtstag. Die Mutter befand das Wetter für annehmbar und sie entließ die Kinder mit dem Auftrag, Mutter und Vater zu grüßen und sagt, sie sollen recht schöne Feiertage haben (…)
Die Großmutter hatte sie kommen sehen, war ihnen entgegengegangen, fasste Sanna bei den erfrorenen Händchen und führte sie in die Stube.
Sie nahm ihnen die wärmeren Kleider ab, ließ in dem Ofen nachlegen und fragte sie, wie es ihnen im Herübergehen gegangen sei.
Als sie hierauf die Antwort erhalten hatte, sagte sie: »Das ist schon recht, das ist gut, es freut mich gar sehr, dass ihr wieder gekommen seid; aber heute müsst ihr bald fort, der Tag ist kurz, und es wird auch kälter, am Morgen war es in Millsdorf nicht gefroren.«
»In Gschaid auch nicht«, sagte der Knabe.
»Siehst du, darum müsst ihr euch sputen, dass euch gegen Abend nicht zu kalt wird«, antwortete die Großmutter.“
Was die Gute nicht wusste: In der kommenden Nacht sollte es den beiden sehr kalt werden und das, obwohl sie die Großmutter rechtzeitig auf den Rückweg schickte.
Zunächst setzte sanfter Schneefall ein und die Kinder genossen es, den Boden immer bedeckter mit dem Weiß des Schnees zu finden. Doch der Schneefall verstärkte sich.
Sie gingen sehr schleunig, und der Weg führte noch stets aufwärts.
Nach langer Zeit war noch immer die Höhe nicht erreicht, auf welcher die Unglücksäule stehen sollte, und von wo der Weg gegen die Gschaider Seite sich hinunterwenden musste.
Endlich kamen die Kinder in eine Gegend, in welcher keine Bäume standen.
»Ich sehe keine Bäume mehr«, sagte Sanna.
»Vielleicht ist nur der Weg so breit, dass wir sie wegen des Schneiens nicht sehen können«, antwortete der Knabe.
»Ja, Konrad«, sagte das Mädchen.
Nach einer Weile blieb der Knabe stehen und sagte: »Ich sehe selber keine Bäume mehr, wir müssen aus dem Walde gekommen sein, auch geht der Weg immer bergan. Wir wollen ein wenig stehen bleiben und herumgehen, vielleicht erblicken wir etwas.«
Keine Frage, die beiden waren im dichten Schneefall vom Weg abgekommen.
Wie im Folgenden der Knabe seine Schwester dick einpackt, ihr einen Teil seiner Kleider gibt. Wie die beiden, ohne es zu wollen, immer tiefer ins Hochgebirge hineinlaufen und vor allem das Mädchen so klaglos dem Bruder folgt, immer tapfer die kleinen Füßchen hebend, ihrem Bruder, der nie verzagt. Wie beiden eigentlich klar wird, dass sie hoffnungslos über Geröllfelder und durch Eisbrocken laufen, die mit Schnee überzogen sind: Adalbert Stifter liefert hier ein Meisterwerk einer zunehmend existentiellen Steigerung ab, die den Leser zutiefst mitzunehmen vermag, sind es doch Kinder, die hoffnungslos herumirren. Und das an Heiligabend.
Wenigstens hatte der dichte Schneefall aufgehört.
Die Kinder versuchten nun von dem Eiswalle wieder da hinabzukommen, wo sie hinaufgeklettert waren, aber sie kamen nicht hinab. Es war lauter Eis, als hätten sie die Richtung, in der sie gekommen waren, verfehlt. Sie wandten sich hierhin und dorthin und konnten aus dem Eise nicht herauskommen, als wären sie von ihm umschlungen. Sie kletterten abwärts und kamen wieder in Eis. Endlich, da der Knabe die Richtung immer verfolgte, in der sie nach seiner Meinung gekommen waren, gelangten sie in zerstreutere Trümmer, aber sie waren auch größer und furchtbarer, wie sie gerne am Rande des Eises zu sein pflegen, und die Kinder gelangten kriechend und kletternd hinaus. An dem Eisessaume waren ungeheure Steine, sie waren gehäuft, wie sie die Kinder ihr Leben lang nicht gesehen hatten. Viele waren in Weiß gehüllt, viele zeigten die unteren schiefen Wände sehr glatt und feingeschliffen, als wären sie darauf geschoben worden, viele waren wie Hütten und Dächer gegeneinandergestellt, viele lagen aufeinander wie ungeschlachte Knollen.
Eine gütige Hand mag sie zu einem Häuschen geführt haben, einer Hütte aus Stein, nach vorne offen, aber an den Seiten geschützt, die sie auf einmal vor sich sehen. Dort finden sie Unterschlupf, essen, was die Großmutter ihnen so fürsorglich mitgegeben hatte und sprechen sich Mut zu. Doch sind sie keineswegs außer Lebensgefahr:
»Sanna, du musst nicht schlafen; denn weißt du, wie der Vater gesagt hat, wenn man im Gebirge schläft, muss man erfrieren, so wie der alte Eschenjäger auch geschlafen hat und vier Monate tot auf dem Steine gesessen ist, ohne dass jemand gewusst hatte, wo er sei.«
»Nein, ich werde nicht schlafen«, sagte das Mädchen matt.
Konrad hatte es an dem Zipfel des Kleides geschüttelt, um es zu jenen Worten zu erwecken.
Nun war es wieder stille.
Nach einer Zeit empfand der Knabe ein sanftes Drücken gegen seinen Arm, das immer schwerer wurde. Sanna war eingeschlafen und war gegen ihn herübergesunken.
»Sanna, schlafe nicht, ich bitte dich, schlafe nicht«, sagte er.
»Nein«, lallte sie schlaftrunken, »ich schlafe nicht.«
Er rückte weiter von ihr, um sie in Bewegung zu bringen, allein sie sank um und hätte auf der Erde liegend fortgeschlafen. Er nahm sie an der Schulter und rüttelte sie. Da er sich dabei selber etwas stärker bewegte, merkte er, dass ihn friere und dass sein Arm schwerer sei. Er erschrak und sprang auf. Er ergriff die Schwester, schüttelte sie stärker und sagte: »Sanna, stehe ein wenig auf, wir wollen eine Zeit stehen, dass es besser wird.«
»Mich friert nicht, Konrad«, antwortete sie.
»Ja, ja, es friert dich, Sanna, stehe auf«, rief er.
»Die Pelzjacke ist warm«, sagte sie.
»Ich werde dir empor helfen«, sagte er.
»Nein«, erwiderte sie und war stille. (…)
Da fiel dem Knaben etwas anderes ein. Die Großmutter hatte gesagt: Nur ein Schlückchen wärmt den Magen so, daß es den Körper in den kältesten Wintertagen nicht frieren kann.
Er nahm das Kalbfellränzchen, öffnete es und griff so lange, bis er das Fläschchen fand, in welchem die Großmutter der Mutter einen schwarzen Kaffeeabsud schicken wollte. Er nahm das Fläschchen heraus, tat den Verband weg und öffnete mit Anstrengung den Kork. Dann bückte er sich zu Sanna und sagte: »Da ist der Kaffee, den die Großmutter der Mutter schickt, koste ihn ein wenig, er wird dir warm machen. Die Mutter gibt ihn uns, wenn sie nur weiß, wozu wir ihn nötig gehabt haben.«
Das Mädchen, dessen Natur zur Ruhe zog, antwortete: »Mich friert nicht.«
»Nimm nur etwas«, sagte der Knabe, »dann darfst du schlafen.«
Diese Aussicht verlockte Sanna, sie bewältigte sich so weit, dass sie das fast eingegossene Getränk verschluckte. Hierauf trank der Knabe auch etwas.
Der ungemein starke Auszug wirkte sogleich, und zwar um so heftiger, da die Kinder in ihrem Leben keinen Kaffee gekostet hatten. Statt zu schlafen, wurde Sanna nun lebhafter und sagte selber, dass sie friere, dass es aber von innen recht warm sei und auch schon in die Hände und Füße gehe. Die Kinder redeten sogar eine Weile miteinander. (…)
Wenn auch Konrad sich das Schicksal des erfrornen Eschenjägers vor Augen hielt, wenn auch die Kinder das Fläschchen mit dem schwarzen Kaffee fast ausgeleert hatten, wodurch sie ihr Blut zu größerer Tätigkeit brachten, aber gerade dadurch eine folgende Ermattung herbeizogen: so würden sie den Schlaf nicht haben überwinden können, dessen verführende Süßigkeit alle Gründe überwiegt, wenn nicht die Natur in ihrer Größe ihnen beigestanden wäre und in ihrem Innern eine Kraft aufgerufen hätte, welcher imstande war, dem Schlafe zu widerstehen.
In der ungeheueren Stille, die herrschte, in der Stille, in der sich kein Schneespitzchen zu rühren schien, hörten die Kinder dreimal das Krachen des Eises. Was das Starrste scheint und doch das Regsamste und Lebendigste ist, der Gletscher, hatte die Töne hervorgebracht. Dreimal hörten sie hinter sich den Schall, der entsetzlich war, als ob die Erde entzweigesprungen wäre, der sich nach allen Richtungen im Eise verbreitete und gleichsam durch alle Äderchen des Eises lief. Die Kinder blieben mit offenen Augen sitzen und schauten in die Sterne hinaus.
Auch für die Augen begann sich etwas zu entwickeln. Wie die Kinder so saßen, erblühte am Himmel vor ihnen ein bleiches Licht mitten unter den Sternen und spannte einen schwachen Bogen durch dieselben. Es hatte einen grünlichen Schimmer, der sich sachte nach unten zog. Aber der Bogen wurde immer heller und heller, bis sich die Sterne vor ihm zurückzogen und erblassten. Auch in andere Gegenden des Himmels sandte er einen Schein, der schimmergrün sachte und lebendig unter die Sterne floss. Dann standen Garben verschiedenen Lichtes auf der Höhe des Bogens wie Zacken einer Krone und brannten. Es floss helle durch die benachbarten Himmelsgegenden, es sprühte leise und ging in sanftem Zucken durch lange Räume. Hatte sich nun der Gewitterstoff des Himmels durch den unerhörten Schneefall so gespannt, daß er in diesen stummen, herrlichen Strömen des Lichtes ausfloß, oder war es eine andere Ursache der unergründlichen Natur. Nach und nach wurde es schwächer und immer schwächer, die Garben erloschen zuerst, bis es allmählich und unmerklich immer geringer wurde und wieder nichts am Himmel war als die tausend und tausend einfachen Sterne.
Die Kinder sagten keines zu dem andern ein Wort, sie blieben fort und fort sitzen und schauten mit offenen Augen in den Himmel.
Es geschah nun nichts Besonderes mehr. Die Sterne glänzten, funkelten und zitterten, nur manche schießende Schnuppe fuhr durch sie.
Endlich, nachdem die Sterne lange allein geschienen hatten und nie ein Stückchen Mond an dem Himmel zu erblicken gewesen war, geschah etwas anderes. Es fing der Himmel an, heller zu werden, langsam heller, aber doch zu erkennen; es wurde seine Farbe sichtbar, die bleichsten Sterne erloschen, und die anderen standen nicht mehr so dicht. Endlich wichen auch die stärkeren, und der Schnee vor den Höhen wurde deutlicher sichtbar. Zuletzt färbte sich eine Himmelsgegend gelb, und ein Wolkenstreifen, der in derselben war, wurde zu einem leuchtenden Faden entzündet. Alle Dinge waren klar zu sehen, und die entfernten Schneehügel zeichneten sich scharf in die Luft.
»Sanna, der Tag bricht an«, sagte der Knabe.
»Ja, Konrad«, antwortete das Mädchen.
Wie durch ein Wunder überleben die Kinder diese Nacht im Hochgebirge und dazu trägt bei, dass sie am Himmel eines Lichtes gewahr werden, das vor ihren Augen zunehmend erblüht.
Am Morgen setzen sie ihren Weg fort, doch führt er sie nicht aus den Eiswüsten hinaus.
Sie gingen nun in den Schnee hinaus. Er war in der heiteren Nacht noch trockener geworden und wich den Tritten noch besser aus. Sie wateten rüstig fort. Ihre Glieder wurden sogar geschmeidiger und stärker, da sie gingen. Allein sie kamen an keinen Rand und sahen nicht hinunter. Schneefeld entwickelte sich aus Schneefeld, und am Saume eines jeden stand alle Male wieder der Himmel.
Sie gingen dessohngeachtet fort.
Da kamen sie wieder in das Eis. Sie wussten nicht, wie das Eis daher gekommen sei, aber unter den Füßen empfanden sie den glatten Boden, und waren gleich nicht die fürchterlichen Trümmer, wie an jenem Rande, an dem sie die Nacht zugebracht hatten, so sahen sie doch, dass sie auf glattem Eise fortgingen, sie sahen hie und da Stücke, die immer mehr wurden, die sich näher an sie drängten und die sie wieder zu klettern zwangen.
Aber sie verfolgten doch ihre Richtung.
Sie kletterten neuerdings an Blöcken empor. Da standen sie wieder auf dem Eisfelde. Heute bei der hellen Sonne konnten sie erst erblicken, was es ist. Es war ungeheuer groß, und jenseits standen wieder schwarze Felsen empor, es ragte gleichsam Welle hinter Welle auf, das beschneite Eis war gedrängt, gequollen, emporgehoben, gleichsam als schöbe es sich nach vorwärts und flösse gegen die Brust der Kinder heran. In dem Weiß sahen sie unzählige vorwärtsgehende geschlängelte blaue Linien. Zwischen jenen Stellen, wo die Eiskörper gleichsam wie aneinandergeschmettert starrten, gingen auch Linien wie Wege, aber sie waren weiß und waren Streifen, wo sich fester Eisboden vorfand, oder die Stücke doch nicht gar so sehr verschoben waren. In diese Pfade gingen die Kinder hinein, weil sie doch einen Teil des Eises überschreiten wollten, um an den Bergrand zu gelangen und endlich einmal hinunterzusehen. Sie sagten kein Wörtlein. Das Mädchen folgte dem Knaben. Aber es war auch heute wieder Eis, lauter Eis.
Was sie nicht wissen, ist, dass mittlerweile zahlreiche Suchtrupps beider Dörfer am Berg sind und sie suchen.
Endlich war es dem Knaben, als sähe er auf einem fernen schiefen Schneefelde ein hüpfendes Feuer. Es tauchte auf, es tauchte nieder. Jetzt sahen sie es, jetzt sahen sie es nicht. Sie blieben stehen und blickten unverwandt auf jene Gegend hin. Das Feuer hüpfte immer fort, und es schien, als ob es näher käme; denn sie sahen es größer und sahen das Hüpfen deutlicher. Es verschwand nicht mehr so oft und nicht mehr auf so lange Zeit wie früher. Nach einer Weile vernahmen sie in der stillen, blauen Luft schwach, sehr schwach etwas wie einen lang anhaltenden Ton aus einem Hirtenhorne. Wie aus Instinkt schrieen beide Kinder laut. Nach einer Zeit hörten sie den Ton wieder. Sie schrieen wieder und blieben auf der nämlichen Stelle stehen. Das Feuer näherte sich auch. Der Ton wurde zum dritten Male vernommen, und dieses Mal deutlicher. Die Kinder antworteten wieder durch lautes Schreien. Nach einer geraumen Welle erkannten sie auch das Feuer. Es war kein Feuer, es war eine rote Fahne, die geschwungen wurde. Zugleich ertönte das Hirtenhorn näher, und die Kinder antworteten.
Auch hier bleibt Stifter sich treu. Er überlässt es dem Leser, in die folgenden Szenen einzutauchen, so, wenn die Mutter aufschreit und in den Schnee sinkt, als sie ihre Kinder Konrad und Sanna an den Händen ihrer Retter auf das heimatliche Haus zukommen sieht; wenn mit der Zeit all die anderen Suchenden einschließlich des alten Färbers, der von Millsdorf aus gesucht hatte, eintreffen; wenn das Glöcklein der Kirche von Gschaid läutet, das Hochamt verkündend, mit dem der Pfarrer gewartet hatte, und die Dorfbewohner, die noch unterwegs sind, auf die Knie sinken und beten.
In Gschaid wartete die Großmutter, welche herübergefahren war.
»Nie, nie«, rief sie aus, »dürfen die Kinder in ihrem ganzen Leben mehr im Winter über den Hals gehen.«
Die Kinder waren von dem Getriebe betäubt. Sie hatten noch etwas zu essen bekommen, und man hatte sie in das Bett gebracht. Spät gegen Abend, da sie sich ein wenig erholt hatten, da sich einige Nachbarn und Freunde in der Stube eingefunden hatten und dort von dem Ereignisse redeten, die Mutter aber in der Kammer an dem Bettchen Sannas saß und sie streichelte, sagte das Mädchen: »Mutter, ich habe heute nachts, als wir auf dem Berge saßen, den heiligen Christ gesehen.«

Einer der schönsten Sätze, die es für mich in Bezug auf Weihnachten und in der Literatur überhaupt gibt. Ein Zeugnis kindlicher Wahrheit, die vielleicht nur ein Kind erkennen kann.

.

Ich wünsche allen meinen Leserinnen und Lesern ein gesegnetes Weihnachtsfest!

.

 

Veröffentlicht unter Fülle des Lebens, Gedicht, Indianer, Leben und Tod, Liebe, Literatur, Mann und Frau, Weiblichkeit | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Friedrich Lenaus Sonette: echt schön, aber Romantik und Sehnsucht können zu tatenlos sein! – Weiterentwicklung deutet sich an.

Wir neigen dazu – der eine mehr, der andere weniger -, einer Romantik anzuhängen, die unsere Seelenhaut netzt und sie wenigstens ein wenig kost. Wenn wir in unsere Kulturgeschichte schauen, finden wir Menschen, die ihr anhingen und mit ihr nicht glücklich wurden. Lenaus Gedicht Der Seelenkranke („Ich trag im Herzen eine tiefe Wunde …“) spricht diesbezüglich Bände.

In den folgenden vier Sonetten beweist jener österreichische Autor, der von 1802 bis 1850 lebte und eigentlich Nikolaus Franz Niembsch, Edler von Strehlenau hieß, seine Dichtkunst, zugleich ist fast jedes dieser Sonette ein Dokument einer seelischen Haltung, der man, findet man mehr als nur Facetten in sich, um der eigenen seelischen Gesundheit willen, bewusstmachende Aufmerksamkeit schenken sollte. Es gibt nicht wenige Menschen, die einen Hang zu ihr haben. Das ist an sich nicht schlimm; es ist dann so, und es ist so aus verschiedenen Gründen; bei Lenau mag es der frühe Tod des Vaters, die Wiederheirat der Mutter und das ruhelose Umziehen gewesen sein, was diese seelische Haltung auslöste – wer weiß, wie frühere Leben dazu beitrugen. Fest steht allerdings auch, dass er nie in seinem Leben ein Risiko scheute, nie den Wechsel und Veränderung (großes Kompliment!), das beweisen u.a. sein Aufbruch nach Amerika genauso wie seine mutige Rückehr. Fest steht aber auch, dass er sein Leben lang einen roten Faden suchte und ihn nie fand (so mein Eindruck).

Wenn wir auf die Leben solcher Menschen zurückblicken, dann kann es uns vergönnt sein, für das eigene Leben aus dem ihren zu lernen, auch aus seelischen Haltungen, die uns anrühren und durchaus auch berühren, uns aber auch zu einer Erkenntnis führen dürfen. Das gilt schon für das erste der folgenden vier Sonette: Die Luft hat fast Lähmendes; Schweigen der Vögel ist nie ein gutes Zeichen. Die Seele ergibt sich im zweiten Quartett und gewiss ist in diesem Zusammenhang schweigenstrunken eine bemerkenswerte Wortneuschöpfung. Unerwartet bricht dann in den Terzetten, also den letzten beiden Strophen eines Sonetts, etwas ein in diese Welt des Schlafens und der Träume:

.

1.  Stimme des Windes

In Schlummer ist der dunkle Wald gesunken,
Zu träge ist die Luft, ein Blatt zu neigen,
Den Blütenduft zu tragen, und es schweigen
Im Laub die Vögel und im Teich die Unken.

Leuchtkäfer nur, wie stille Traumesfunken
Den Schlaf durchgaukelnd, schimmern in den Zweigen,
Und süßer Träume ungestörtem Reigen
Ergibt sich meine Seele, schweigenstrunken.

Horch! überraschend saust es in den Bäumen
Und ruft mich ab von meinen lieben Träumen,
Ich höre plötzlich ernste Stimme sprechen;

Die aufgeschreckte Seele lauscht dem Winde
Wie Worten ihres Vaters, der dem Kinde
Zuruft, vom Spiele heimwärts aufzubrechen.

.

Wind steht bei entsprechenden (katholischen) Übersetzungen in den Schriften des Predigers Salomo, im Buch Kohelet, im Alten Testament also, für Nichtigkeit, Eitelkeit. Im Neuen Testament ist es der Wind, der das Wasser aufrührt und er ist zugleich der Geist Gottes, der weht, wo er will, wie es in Johannes 3,8 heißt.

Wind entspricht im Lateinischen dem Wort ventus und mehr ist hier in Lexika oft nicht angegeben; schlägt man aber unter anima nach, so findet es sich übersetzt mit Luft, Lufthauch, Luftzug, Wind, Atem, Hauch, Lebenskraft. Und schlägt man spiritus nach, so findet sich ebenso Hauch, Luftzug, Wind, Atem, Atmen, Lebenshauch, Leben.

Wind ist also weit mehr als der pure äußerliche ventus.

Die aufgeschreckte Seele mag wie die des Petrus sein, die dem Wasser gleicht und Angst bekommt, als er den das Wasser aufwühlenden Wind wahrnimmt (Angst lässt fast jeden in den Wassern der Seele untergehen). Und weil Lenau von dem Inneren als von der Seele spricht, denkt man unwillkürlich an einen Vater, der mehr ist als nur der leiblich-irdische; denn gerade der göttliche ruft der menschlichen Seele doch immer wieder zu: Komm heim!

Auch das zweite Sonett beginnt wie das erste. Es regt sich wenig, ja im Grunde nichts, denn rasten leitet sich von der Rast, der Ruhepause ab und entspricht nicht dem Präteritum von rasen. Sonst könnten die Disteln kam steinern wirken. Wenn Matthias Claudius in seinem Abendlied darum bittet: Lass uns einfältig werden, so ist diese Einfalt, die Einheit, die nur im Göttlichen zu finden ist, und diese ist weit entfernt von dem trüben in Eins-gefallen-Sein von Himmel und Erde, das wir im zweiten Quartett dieses zweiten Sonetts finden:

.

2. Stimme des Regens

Die Lüfte rasten auf der weiten Heide,
Die Disteln sind so regungslos zu schauen,
So starr, als wären sie aus Stein gehauen,
Bis sie der Wandrer streift mit seinem Kleide.

Und Erd und Himmel haben keine Scheide,
In eins gefallen sind die nebelgrauen,
Zwei Freunden gleich, die sich ihr Leid vertrauen,
Und Mein und Dein vergessen traurig beide.

Nun plötzlich wankt die Distel hin und wider,
Und heftig rauschend bricht der Regen nieder,
Wie laute Antwort auf ein stummes Fragen.

Der Wandrer hört den Regen niederbrausen,
Er hört die windgepeitschte Distel sausen,
Und eine Wehmut fühlt er, nicht zu sagen.

.

Regen rauscht und sein Niederbrechen wirkt wie eine Antwort auf ein stummes Fragen. Er, der Regen, könnte Antwort geben, wenn man ihn verstünde, das Fragen aber bleibt tonlos, stumm. So diffus, wie Himmel und Erde in eins gefallen sind, so unklar und nur wehmütig ist das Gefühl, das vielleicht eine Antwort gerne hätte, aber keine erhält. Oft bringt Regen Klarheit mit sich, reinigt die Luft; hier nicht.

Und wieder finden wir auch im folgenden Sonett Bewegungslosigkeit, Stillstand, zumindest im ersten Quartett; man könnte deshalb meinen, es könnte in den Schluchten totenstill sein, aber es ist gerade einmal so still, dass, was sonst kaum hörbar ist, wahrgenommen werden kann. Stille wird hier zur Voraussetzung, hören zu können:

.

3. Stimme der Glocken

Den glatten See kein Windeshauch verknittert,
Das Hochgebirg, die Tannen, Klippen, Buchten,
Die Gletscher, die von Wolken nur besuchten,
Sie spiegeln sich im Wasser unzersplittert.

Das dürre Blatt vom Baume hörbar zittert,
Und hörbar rieselt nieder in die Schluchten
Das kleinste Steinchen, das auf ihren Fluchten
Die Gemse schnellt, wenn sie den Jäger wittert.

Horch! Glocken in der weiten Ferne tönend,
Den Gram mir weckend und zugleich versöhnend,
Dort auf der Wiese weiden Alpenkühe.[287]

Das Läuten mahnt mich leise an den Frieden,
Der von der Erd auf immer ist geschieden
Schon in der ersten Paradiesesfrühe.

.

Was sich Ende des zweiten Quartetts allein durch einen Gedanken andeutet, die Gemse könne den Jäger wittern, kündet wenig später Glockenläuten an. Es wirkt wie der Kirchengesang, der Faust aus seiner tödlichen Lethargie befreit und vor dem Selbstmord bewahrt. In der Deutschen Mythologie der Brüder Grimm lesen wir, dass Zwerge das Glockengeläut der Kirchen als Störung empfinden und es auch Riesen zuwider ist, dass es hingegen das Klagegeheul der Geister vertreibt und wir wissen, dass der Schlag eins der Kirchturm-Glocke die Toten des Friedhofs, die um Mitternacht ihre Gräber verlassen, zurück in die Särge zwingt. Hier, im Sonett, besänftigen die Glocken das Gemüt, ja versöhnen, was innerlich Gram bewirkte. Und jene Worte, die den Frieden ansprechen und das friedvolle Paradies, erinnern an die Worte Wilhelm Buschs in Bös und Gut:

.

Wie kam ich nur aus jenem Frieden
             Ins Weltgetös?
Was einst vereint, hat sich geschieden,
            Und das ist bös.

Nun bin ich nicht geneigt zum Geben,
             Nun heißt es: Nimm!
Ja, ich muß töten, um zu leben,
            Und das ist schlimm.

Doch eine Sehnsucht blieb zurücke,
            Die niemals ruht.
Sie zieht mich heim zum alten Glücke,
            Und das ist gut.

 

Nikolaus Lenau hat, was nun folgt, im letzten Terzett von Die Stimme der Glocke vorbereitet. Es nimmt Bezug darauf, dass Kinder aus einer geistigen Welt kommen, nicht einfach, wie mancher annehmen mag, ein physisches Produkt sind, in das sich eine Seele verirrt. Nein, Lenaus Bezugnahmen zum Paradies und zum Himmel sind zwar als Möglichkeit und als Vergleich gestaltet, aber man hat den Eindruck, dass er im Lauschen des Kindes mehr als nur ein Möglichkeit, die der Konjunktiv II suggeriert, sieht:

.

4. Stimme des Kindes

Ein schlafend Kind! o still! in diesen Zügen
Könnt ihr das Paradies zurückbeschwören;
Es lächelt süß, als lauscht es Engelchören,
Den Mund umsäuselt himmlisches Vergnügen.

O schweige, Welt, mit deinen lauten Lügen,
Die Wahrheit dieses Traumes nicht zu stören!
Laß mich das Kind im Traume sprechen hören
Und mich, vergessend, in die Unschuld fügen!

Das Kind, nicht ahnend mein bewegtes Lauschen,
Mit dunklen Lauten hat mein Herz gesegnet,
Mehr als im stillen Wald des Baumes Rauschen;

Ein tiefres Heimweh hat mich überfallen,
Als wenn es auf die stille Heide regnet,
Wenn im Gebirg die fernen Glocken hallen.

.

Lenaus erstes Quartett lässt es infolge des Konjunktiv II, der sich in lauscht verbirgt, offen, ob er es nur übertragen meint oder real, so wie es meines Erachtens ist: Kinder, die auf die Erde kommen, bringen in ihrem Schlaf das Paradies mit, es ist rein und geschützt vor dem Denken und den Einstellungen der Erwachsenen. Mit den Kindern ist das Paradies zugegen; wir dürfen das als Geschenk sehen und damit Kinder als Geschenk begreifen. Und, was sich Lenau nicht wirklich mehr vorstellen kann: ein kleines Kind, das schläft, hört noch die Engelchöre. Auch in unseren Traumwelten hören wir sie, wenn wir sie auch nicht in unser Bewusstsein retten. In den Tiefen des Traumes weitet sich der Kosmos; wenn wir aus dem Schlaf zurückkehren, muss unser Bewusstsein in den engen Körper zurück; wir können diese Weite nicht ins Bewusstsein hereinbringen, ein Vermögen, das Christus mehr und mehr konnte, seitdem er durch die Taufe im Jordan mit diesem weit entwickelten Menschen Jesus verbunden war. Ihm war es möglich, diese Weite des Kosmos, seine Göttlichkeit, in einen Menschen hineinzuzwängen; es ist nicht nur sein Tod ein Opfer gewesen, sondern Tag für Tag und Tag und Nacht dieses Unterfangen.

Ja, die Welt muss schweigen, damit dieses Kind zu hören ist. Aber die Menschheit ist meines Erachtens auf einer Stufe, auf der sie die Stimme des Kindes, des inneren göttlichen Kindes, nicht mehr nur im Traume hört. Die Stille der Erde wird transparenter; denn auch wenn genau das Gegenteil der Fall zu sein scheint, wenn Lüge im Weißen Haus hoffähig geworden ist und weltweit immer mehr dominiert: genau dann ist auch die Gegenbewegung da, nämlich, dass in Menschen Stille spricht.

Lenau weiß darum, weil in der Romantik die Stille auch eine dunkle Seite zeigt – genau deshalb! Das ist ein großes Verdienst der Romantik. Weil die Stille dadurch sich in ihrer wahren ganzheitlichen Gestalt zeigt, kann auch ihre klare Seite deutlicher zutage treten. Noch geschieht es bei Lenau in Form einer Ankündigung, die Wortwahl des zweiten Terzetts macht es deutlich: Das Heimweh hat überfallen – noch ist es ein zu passiver Vorgang, der dem Menschen widerfährt, noch hallen die Glocken, die aus der Stille kommen, in der Ferne, aber sie sind spürbar, fast vor dem Durchbruch, im Menschen klar zu tönen.

Auf diesem Weg zu klarem Bewusstsein, das Romantiker oft so sehr herbeisehnten, aber noch nicht ganz verstanden – mit Ausnahme von einem Novalis, möchte ich sagen – sind die Menschen unserer Tage und sie sollten sich von den Trumps und Putins dieser Erde, die morden und lügen, und denen, die so blitzgescheit daherreden wie ein Harald Lesch oder ein Bestseller-Philosoph wie Richard David Precht, aber nichts von der Kraft des Geistes verstehen, der in den Menschen zur Entfaltung kommen kann – oder keinen Mut haben, sich zu ihm zu bekennen -, nicht irritieren lassen. Es ist ein inneres Vermögen der Menschen, das sich mehr und mehr entwickelt, das im Übrigen die Enge der Konfessionen und die Falschheiten einer dubiosen Esoterik hinwegfegen wird.

.

Veröffentlicht unter über unsere Seele, Bibel, Fülle des Lebens, Gedicht, geistige Welt, inneres Kind, Literatur, Symbol als Wirklichkeit | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen