Seine Wunde voller Gnaden / Pflegt der Liebe sanfte Kraft. – Was mancher sich wünscht! – Georg Trakls „Im Winter“.

Die folgenden Zeilen gingen dem wesentlich bekannteren Gedicht > Ein Winterabend < voraus, waren gleichsam dessen erste Fassung. Sie enthalten jedoch jene zwei oben zitierten und im Folgenden hervorgehobenen Verse, die sich in Ein Winterabend nicht mehr finden, die für mich aber unnachahmlich sind in dem, was sich Menschen, die eine tiefe Wunde in sich tragen, nur wünschen mögen:

Wenn der Schnee ans Fenster fällt,
Lang die Abendglocke läutet,
Vielen ist der Tisch bereitet
Und das Haus ist wohlbestellt.

Mancher auf der Wanderschaft
Kommt ans Tor auf dunklen Pfaden.
Seine Wunde voller Gnaden
Pflegt der Liebe sanfte Kraft.

O! des Menschen bloße Pein.
Der mit Engeln stumm gerungen,
Langt von heiligem Schmerz bezwungen
Still nach Gottes Brot und Wein. 

Letztendlich ist es so, dass jeder Mensch eine tiefe Wunde in sich trägt. Es ist die Wunde des Mensch-Seins in der Art, wie wir alle es zu leben haben, seitdem sich das einstmals geschaffene Wesen, das im Hebräischen Adam Kadmon genannt wird oder welches die Germanen Yggdrasil nannten, jene Weltenesche, die über alle Himmel reichte – so groß war einst das Wesen des Menschen -, durch die luziferische Verführung, die wir aus der Genesis, dem 1. Buch Mose also, als Schlange kennen, gewaltig veränderte hin zu einer Existenz, wie wir sie in milliardenfacher Ausprägung auf unserer Erde finden. 

Gewiss will uns diese luziferische Verführung eine Freiheit bringen (manche bilden sich schon ein, frei zu sein), die uns auszeichnen wird vor allen kosmisch-hierarchischen Stufen, seien es Engel, Erzengel oder Throne (sie können „nur“ den Willen Gottes tun, wir können ihn ignorieren). Aber der Weg dorthin ist schwer erkauft, und in Georg Trakl (1887-1914) wird die Zerrissenheit des Menschen, wie sie in jenem vorhanden war so wie in uns (manchen nur ist sie noch nicht bewusst, manche auch kaschieren sie bestens, weil sie Angst haben, ihr ins Auge zu schauen) so deutlich.

Viele Gedichte Trakls zeugen von dieser Zerrissenheit, manche Passagen aus seinen Briefen muten fast herzzerreißend an, wenn er förmlich um Hilfe wimmert, indem er beispielsweise an seinen Freund Ludwig von Ficker, den Herausgeber des Journals Der Brenner, in dem jener immer wieder Trakls Gedichte veröffentlichte, Ende November 1913, nur wenige Monate vor seinem selbst gewählten Tod, schreibt:

Vielleicht schreiben Sie mir zwei Worte; ich weiß nicht mehr ein und aus. Es ist ein so namenloses Unglück, wenn einem die Welt entzweibricht. Oh mein Gott, welch ein Gericht ist über mich hereingebrochen. Sagen Sie mir, daß ich die Kraft haben muß noch zu leben und das Wahre zu tun. Sagen Sie mir, daß ich nicht irre bin. Es ist steinernes Dunkel hereingebrochen. O mein Freund, wie klein und unglücklich bin ich geworden.

Es umarmt Sie innig

                              Ihr Georg Trakl

Womöglich bestünde das Wahre in der Erkenntnis, dass dieser Gott, den wir anflehen, wir selbst sind, in den wir selbst alles Mögliche hineinprojizieren, etwas, was schon Rilke immer wieder tat („Du Nachbar Gott …“), nicht nur mit Gott, sondern auch den schrecklichen Engeln, die er auftauchen lässt. 

Ich will damit nicht sagen, dass es nicht etwas, das wir mit dem Wort Gott zu erfassen suchen, gibt, aber sich zu dieser Instanz zu erheben, setzt ein Bewusstsein dafür voraus, dass wir immer auch in Gefahr sind, uns selbst anzurufen, weil wir in Wahrheit bisher nicht über uns hinauskommen. Manchmal mag das auch besser sein und Schiller hat dieser Tatsache > Das verschleierte Bild zu Saïs < gewidmet, ebenso Kafka, als er seine > Türhüterlegende < schrieb. Schiller wusste wohl, um was es ging, Kafka mag eher unbewusst jene Tatsache beschrieben haben, warum es gut ist, dass es einen Türhüter vor dem Gesetz gibt (Drogen setzen zumeist jenen außer Kraft, weshalb es diesen Abhängigen so schlecht geht (sie verkraften nicht, was zumeist unbewusst, wenn sie eintreten – Kafka nennt, was da kommt, Gesetz –  auf sie einströmt).


Wir haben wohl beides in uns: den Glanz des Himmels und tiefste Finsternis.         

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Achtsam gegenüber Mascha Kaléko: so anrührend, so gefährlich! – Zu ihrem Gedicht „Rezept“.

 

Jage die Ängste fort
und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muss, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
geht es um dich oder ihn.
Dein eignen Schatten nimm
zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruss mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiss deine Pläne. Sei klug
und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
im grossen Plan.
Jage die Ängste fort
und die Angst vor den Ängsten.

 

In einem Facebook-Forum zur Weltliteratur, in dem ich Mitglied bin, ist es Usus, immer wieder Sinnsprüche berühmter Schriftsteller, Essayisten und Philosophen zu veröffentlichen, bestehend aus ein, zwei oder drei Sätzen – möglichst jedenfalls kurz und in Instant-Form, sozusagen Sinn-Burger.

Oft sind sie aus dem Zusammenhang gerissen. Und selbst wenn dem ein oder anderen das auffällt und es auch erfreulicherweise stellenweise moniert wird: Ihr Inhalt klingt ja doch immer wieder total überzeugend. Schaut man jedoch genauer hin, fällt einem auf, wie pauschal und undifferenziert sie oft formuliert sind. Wohlklingend werden Inhalte transportiert, die man besser hinterfragte.

Das gilt übrigens ebenso für mehrstrophige Gedichte, auch eines Rilke (dazu ein andermal mehr). Und mit Gedichten einer Mascha Kaléko verhält es sich nicht anders, wobei Souvenir à Kladow zu meinem Lieblingsgedichten gehört ebenso wie An mein Kind und An meinen Schutzengel. Niemand unterstelle mir also, ich hätte grundsätzlich etwas gegen sie. Aber manche verehren einen Rilke oder eine Kaléko – und das gilt für andere Dichter ebenso -, ohne zu beachten, dass beide auch gefährliche seelische Unklarheiten transportieren. Man liest sie und nickt sie ab. Alles Unklare, das wir klaglos aufnehmen, aber trübt unsere Seele ein.

In den obigen Zeilen Mascha Kalékos nun finden sich Gehalte, die ich unterschreiben würde. Den Koffer bereitzuhalten – zumal, wenn es nur noch um einige Jahre einer Koffer-Zeit geht – korrespondiert beispielsweise einem wertvollen Gleichnis der Bibel, dem, das von den zehn Jungfrauen berichtet, von denen gerade mal die Hälfte auf den Bräutigam auf eine seelisch angemessene Weise wartet; die anderen sind nicht vorbereitet auf sein Kommen. Ob das Koffer-Bereithalten sich auf eine grundsätzliche Haltung in Bezug auf unsere Leben bezieht oder auf eine spezifische im Leben eines Einzelnen – dieses Bild finde ich bedenkenswert. Allemal ist unsere Reise auf der Erde nicht zu Ende.

Anders ist es mit den Zeilen

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muss, kommt.

Was kommen muss, muss eben nicht kommen. Gewiss haben wir in der Zeit vor unserem Leben – die indisch-spirituelle Tradition nennt sie Devachan – maßgebliche Konstellationen unseres Lebens in gewisser Weise programmiert (womit zusammenhängt, dass wir auf Menschen treffen, von denen wir das Gefühl haben, sie seien uns vollkommen vertraut); aber es ist falsch anzunehmen, ein Programm könne nicht umgeschrieben werden.

Viele Menschen leben zudem ein Leben, das nicht ihren Vorstellungen entspricht und den Möglichkeiten, die sie vor ihrem Leben im Devachan gesehen und sich zu leben vorgenommen hatten. Wenn das so ist – und ich gehe davon aus -, dann muss es genauso die Möglichkeit geben, die Grenzen des Vorstellbaren in eine positive Richtung zu überschreiten.
Ganz davon abgesehen, dass eine innere Haltung, die nicht unserem wahren Wesen entspricht, dazu führen kann, dass wir fälschlich annehmen, dem Schicksal Genüge tun zu müssen oder ihm ausgeliefert zu sein. Solch eine Haltung kann zusammenhängen mit Kindheitserlebnissen, die uns geprägt haben und die wir nicht in der Lage waren aufzuarbeiten. Wir folgen dann einem Schicksal, das in Wirklichkeit dieses große Wort nicht verdient, sondern auf ein Trauma unseres Lebens zurückzuführen ist. Wenn wir dieses Trauma Schicksal nennen, akzeptieren wir seine Nicht-Aufarbeitung womöglich auf eine fatale Weise und verpassen eine wichtige Möglichkeit, die unser Leben eigentlich bereithält.

Was „sie“ sagen, wie Kaleko in oben zitierter Stelle ebenfalls formuliert, ist eine Aussage, die sie, die Sagenden betrifft: noch lange nicht mich.
Ich muss nicht alles glauben, was „sie“ sagen. Und ich finde es schade, dass Mascha Kaléko per Rezept rät, von diesen doch recht diffusen Anonymen sich so beeinflussen zu lassen.

Gewiss verraten uns Brüder der eigenen Familie, wie in der folgenden, der vierten Strophe angesprochen wird. Das kommt immer wieder vor. Es muss nicht sein, aber die Familie ist ein Lernfeld, kein seelisch-geistiges Zielfeld.
Es gibt aber einen Bruder und eine Schwester im Geiste. Ich wünsche jedem, dass er einen solchen Bruder und eine solche Schwester um sich weiß. Meist braucht man nicht einmal die Finger einer Hand, um ihre Zahl zu zählen. Aber eine schon, nur einer ist so wertvoll!

„der Bruder verrät“? – Mein Bruder, meine Schwester, die mit mir auf einem Weg unterwegs sind, über dessen Ziel ich mir im Klaren bin, verraten weder sich noch mich. Sie machen Fehler, wie jeder auf der Erde. Aber ich bin voller Vertrauen. – Mascha Kaléko übergeht, dass uns jenes unsere Kultur prägende Buch, das sowohl ein Brecht als auch ein Rilke ebenso wie viele andere schätzten, lehrt, auf unserem spirituellen Weg uns von den Familienbanden, in die wir hineingeboren wurden, zu entwickeln hin zu unserer geistigen Familie (was nicht bedeutet, dass wir erstere nicht weiterhin wertschätzen und achten).

Ich nehme auch nicht den eigenen Schatten zum Weggefährten.
Meine Schatten begleiten mich, ob ich will oder nicht. In Goethes Faust heißt des gleichnamigen Protagonisten Schatten Mephistopheles. In ihm vereinen sich all unsere seelischen Konstellationen, die wir mit dem Fall Luzifers in uns angehäuft haben und die uns zwingen, zu wahrer Freiheit zu gelangen, durch viele Kämpfe hindurch. Keine unserer geistigen Vorgänger auf diesem Weg, kein Engel, Erzengel oder Cherubim besitzt das, was am Ende des menschlichen Weges steht: eine Form des Bewusstseins, die Menschen erstmalig im Kosmos erreichen können. Und dieses Bewusstsein hat zu tun mit einer Freiheit, wie sie sich in Kain und in Prometheus in den Mythen beispielhaft abbilden.
Ich nenne diese Schatten nicht Gefährten, Weggefährten. So dahingesagt klingt das, als ob sie mir gar willkommen seien. Sie sind es höchstens, um aufgelöst zu werden; davon aber schreibt Mascha Kaléko leider nichts.

Einen Schatten nach dem anderen will ich durchschauen wie den Stein, den Sisyphos vor sich herschiebt und dessen Sinn er nicht durchschaut, weshalb Camus seinen Sisyphus in seinem berühmten Essay glücklich nennt und einen Rebellen. Dieser große Schriftsteller und Existentialist erkennt nicht, dass ein Rebell, nimmt man seine Übersetzung aus dem Lateinischen wörtlich (re-bellum), immer wieder Krieg führt, und zwar gegen sich selbst. Das aber kann kein Ziel sein.
Nein, ich bemühe mich, einen dieser Schatten nach dem anderen aufzulösen. Insofern hoffe ich mein Leben in wachsenden Ringen zu leben, wie Rilke es formuliert.
Solange ich jene Hilfe, die jedem Menschen zuteil wird, Wunder nenne (Str. 6), so lange bin ich auch vom Schicksal auf ziemlich fatale Weise abhängig. Ich will nicht sagen, dass ich mein Leben bis zum letzten der Ringe – es sind Ringe unseres Bewusstseins – lebe; das glaube ich, wie auch Rilke, nicht; zu viel an Bewusstsein fehlt mir noch. Deshalb bleibe ich auch immer noch ein Stückweit – bei dem einen ist dieses Stück größer, bei dem anderen schon kleiner (keiner ist deshalb besser oder schlechter) – dem Schicksal ausgeliefert.

Mascha Kaléko spricht in der vorletzten Strophe von einer Wunde, die es wach zu halten gilt, und es sind Wunder, von denen sie in der letzten spricht. Beide Worte trennt nur ein Buchstabe und in der Tat sind auch beide aufs Engste miteinander verzahnt. Solange wir an jener luziferischen Wunde leiden, die sich im Verlaufe der Menschheitsgeschichte weit mehr ausgedehnt haben mag, als es jene Elohim, die uns geschaffen haben (Luther übersetzte Gott statt wie es dasteht: elohim), vorausschauend sich ausdachten, solange glauben wir an Wunder.
Wenn wir diese oben angesprochene Wunde heilen, wird das auch das Ende von Wundern bedeuten, denn in dem dann vorhandenen Weltinnenraum alles Geschaffenen gibt es kein Schicksal mehr, keine Wunder, keine Wunden.
In diesem Raum – einem Weltinnenraum eben, wie ihn Rilke nennt – mag alles wunderbar sein und wir werden das sogenannte Böse auf neue Weise sehen können.

Es ist gut, wenn wir die Ängste auflösen können und zu guter Letzt die Angst vor den Ängsten. Aber wenn dies nicht nur eine Floskel sein soll, dann müssen mir mit den Worten sorgfältiger umgehen und nicht so sehr, wie es Mascha Kaléko in ihren oft so berührenden Gedichten gut, uns Gefühlen hingeben, die uns auf eine unklare, neblige Seite des Lebens ziehen. Mascha Kalékos Wirkung beruht sehr oft darauf, dass sie an diese Gefühle appelliert. So verständlich ich das finde, so sehr auch möchte ich raten, genau hinzuschauen, ob man sich ihnen wirklich hingeben möchte. Solches Hinschauen kann eine wertvolle Übung zu mehr Klarheit hin sein.

PS

Nachtrag zu obiger Interpretation am 24. Dezember, genau zwei Tage, also 48 Stunden nach ihrer Veröffentlichung:

Normalerweise kann ich mich nach Veröffentlichung eines Post gedanklich neuen Dingen zuwenden. Aber hier war es anders und mich hat sehr bald ein erhebliches Unwohlsein in Bezug auf obigen Beitrag beschlichen. Mittlerweile ist mir klar, woran das liegt:

Menschen wie Mascha Kaléko entwickeln sich in ihrem Leben zwischen den Leben weiter und das bringt es mit sich, dass, wenn sie Dichter waren, sie ihre Werke auch anders wahrnehmen. Franz Kafka wollte bemerkenswerterweise schon zu Lebzeiten nicht, dass der überwiegende Teil seines Werkes veröffentlicht wird – was ich nachvollziehen kann und zu respektieren m. E. sinnvoll gewesen wäre, was hier aber auszuführen zu weit führen würde. Dichterinnen wie Mascha Kaléko möchten möglicherweise über vierzig Jahre nach ihrem Tod nicht, dass Gedichte wie „Rezept“ weiterverbreitet werden. Gewiss sind sie Dokumente ihrer Zeit und Dokumente eines Bewusstseinszustandes eines Menschen namens Kaléko zur Zeit ihrer Veröffentlichung, falls diese zeitnah mit dem Schreiben geschah. Aber viele unserer Zeitgenossen lesen sie nicht so. Sie nehmen sie als bare Münze und übernehmen auch die Gefühlsebenen der Mascha Kaléko, die nun wahrlich nicht immer vorwärtstreibend sind, sondern sich auch gern in überholten und melancholischen Gefühlen suhlen. Genau diese Ebene aber suchen oft auch jene, die sie so gern rezipieren. Gefühle an sich können wertvoll sein, nicht aber jene, die eine klebrige Masse bilden, die an Vergangenes bindet, an Nostalgisches, in dem man nunmal gern steckenbleibt (was viele, die mit diesen Gefühlen bestens vertraut sind, vermutlich abstreiten würden). Damit will ich nicht sagen, dass das bei unserer Autorin immer so ist, aber dennoch immer wieder.

Es ist meine subjektive Sicht, dass ich glaube, dass Mascha Kaléko heute sieht, dass nicht wenige ihrer Gedichte der menschlichen Entwicklung nicht unbedingt förderlich sind, auch, weil sie Geschehen zwar durchaus gekonnt auf den Punkt bringt, gern aber auch zu simplifizierend.

Auf dem Forum Weltliteratur hat eine Leserin geschildert, wie sie sich aus ihren Kindheitstraumen in jahrelanger Arbeit an und mit sich selbst herausgearbeitet hat. Ich fand den Mut, dass diese Frau uns teilhaben lässt an ihrem Weg, bemerkenswert und wichtig, denn ihre Worte haben gezeigt, dass Arbeit an sich selbt notwendig ist, verbunden mit viel Beharrlichkeit und Durchhaltevermögen

Auf ihre Erfahrungen eingehend, habe ich ihr geschrieben: Aus meiner Sicht sind solche Erfahrungen besonders wertvoll, weil sie in das große Arsenal all unserer Erfahrungen eingehen und unsere weitere Zukunft – und sie ist für mich mit diesem Leben nicht abgeschlossen – formen. Sie haben – und das ist ein Aspekt, der Mascha Kaléko nicht zu sehen vergönnt war – ihr eigenes Wunder geschaffen, wenn man das mit den Worten der Dichterin formulieren will. Hätten Sie auf die Wunder gewartet, die im großen Plan verzeichnet sind, würden Sie vielleicht heute noch warten. Gut, dass Sie der Rezeptur Mascha Kalékos nicht gefolgt sind.

Ich bin damit auf die letzte Kaléko-Strophe eingegangen. Ihr Inhalt ist, wie mancher andere, fragwürdig, finde ich. Und ich vermute deshalb, Mascha Kaléko hat heute kein Interesse mehr, dass ihr Gedicht noch unnötig viele Leser findet. Durch meinen Beitrag aber habe ich das Gegenteil lanciert.

Was mir zudem an meinem Beitrag nach einigem Nachdenken missfällt:

Einerlei, ob ich die Ansichten Kalekos teile oder nicht: Als menschliche Erfahrungen sind sie es in ihrer Ernsthaftigkeit, in der die Frau doch fast durchgehend schrieb, wert, so genommen zu werden, wie sie sind. Zu wenig habe ich, abgesehen von der Kofferstelle, gewürdigt, was Kaléko an Wertvollem anspricht; zum Beispiel ist der Umgang mit Leid, ihm also still ins Gesicht zu sehen, eine wirklich beachtenswerte Aussage.

Zusammenfassend möchte ich sagen, dass ich mir hätte überlegen sollen, ob Mascha Kaléko einverstanden ist mit einem Beitrag zu ihrem Gedicht. Aus meiner Sicht heute bin ich fest überzeugt, dass sie ihn nicht gewollt hätte. Zum anderen möchte ich einen Interpretationsgestus, den man auch als überheblich bezeichnen kann, in Zukunft meiden, nämlich die Sicht eines Autors, wie sie in „Rezept“ vorliegt, einer eigenen gegenüberzustellen, ohne zumindest immer wieder darauf zu verweisen, dass ein Mensch ein Recht auf diese Sicht hat und dass sie auch in gewisser Weise aus der der damaligen Zeit heraus zu verstehen ist.

 

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. . . gewendet / Wie zum Polarstern halt das Eine fest, / Sein Wort, sein heilig Wort, und – Schach dem Rest! Annette von Droste-Hülshoff zum zweiten Advent:

Wo bleibst du, Wolke, die den Menschensohn
Soll tragen?
Seh‘ ich das Morgenrot im Osten schon
Nicht leise ragen?
Die Dunkel steigen, Zeit rollt matt und gleich;
Ich seh‘ es flimmern, aber bleich, ach bleich!

Das sind keine Worte, die zum 2. Advent passen wollen. Schon in ihrem Gedicht Am ersten Sonntage im Advent fiel auf, wie wenig vorweihnachtlich die Stimmung der Droste ist.
Ihre Gedichte, die sie für diese Zeit der Ankunft des Menschensohnes schreibt, thematisieren die Not ihrer Zeit und die der Menschen.
Das ist auch in ihren Gedanken zum zweiten Advent nicht anders.
Was aber besticht, ist die Tatsache, dass diese Frau nicht, wie so viele Menschen das gerne tun, jene Not auf äußere Umstände zurückführt, auf Einflüsse also von außen. Nein, sie gibt sich diesem Ablenkunsmanöver nicht hin:

Mein eignes Sinnen ist es, was da quillt
Entzündet,
Wie aus dem Teiche grün und schlammerfüllt
Sich wohl entbindet
Ein Flämmchen und von Schilfgestöhn umwankt
Unsicher in dem grauen Dunste schwankt.

Wir kennen diese Naturtopoi aus den Gedichten der Droste, die in ihrer westfälischen Heimat ganz verwurzelt ist. Aus der Natur schöpft sie die Bilder, die auch das Leben der Menschen und ihre seelische Befindlichkeit kennzeichnen.

So muß die allerkühnste Phantasie
Ermatten;
So in der Mondesscheibe sah ich nie
Des Berges Schatten
Gewiß, ob ein Koloß die Formen zog,
Ob eine Träne mich im Auge trog.

Doch all dem, was von außen und innen sich heranwälzt, Geburten auch ihres Verstandes, setzt sie unbeirrt etwas entegegen:

So ragt und wälzt sich in der Zukunft Reich
Ein Schemen!
Mein Sinnen sonder Kraft, Gedanke bleich:
Wer will mir nehmen
Das Hoffen, was ich in des Herzens Schrein
Gehegt als meiner Armut Edelstein?

Gib dich gefangen, törichter Verstand!
Steig nieder
Und zünde an des Glaubens reinem Brand
Dein Döchtlein wieder,
Die arme Lampe, deren matter Hauch
Verdumpft, erstickt in eignen Qualmes Rauch.

Dieser Verstand ist der armen irdischen Lampe gleich. Ihr Licht jedoch entspringt einer anderen Quelle:

Du seltsam rätselhaft Geschöpf aus Ton
Mit Kräften,
Die leben, wühlen, zischen wie zum Hohn
In allen Säften,
O bade deinen wüsten Fiebertraum
Im einz’gen Quell, der ohne Schlamm und Schaum,

Wehr ab, stoß fort, was gleich dem frechen Feind
Dir sendet
Die Macht, so wetterleuchtet und verneint,
Und starr gewendet
Wie zum Polarstern halt das Eine fest,
Sein Wort, sein heilig Wort, und – Schach dem Rest!

Dann wirst du auf der Wolke deinen Herrn
Erkennen;
Dann sind Jahrtausende nicht kalt und fern,
Und zitternd nennen
Darfst du der Worte Wort, des Lebens Mark,
Wenn dem Geheimnis deine Seele stark.

Und heute schon, es steht in Gottes Hand,
Erschauen
Magst du den Heiland in der Seele Brand,
Glühndem Vertrauen:
Zerfallen mögen Erd‘ und Himmels Höhn,
Doch seine Worte werden nicht vergehn.

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Advent, Advent, ein Lichtlein brennt! – Über eine Gesellschaft, die sich systematisch selbst entweihnachtet!

Am untersten Ast sah man entsetzt
Die alte Wendel hangen.

Hell schien der Mond ihr ins Gesicht,
Das festlich still verkläret;
Weil auf der Welt sie nichts besaß,
Hatt‘ sie sich selbst bescheret.

Einer Gesellschaft, die sich systematisch selbst entweihnachtet, hält Gottfried Keller (1819-1890), der Schweizer Lyriker und Romanautor mit seinem Gedicht „Weihnachtsmarkt“ einen angemessenen Spiegel vor. Jahr für Jahr wird er angemessener. Jahr für Jahr zieht Weihnachten früher auf die Märkte und in die Kaufhäuser ein. Christstollen sind oft schon vor dem 1. Advent ausverkauft. Kinder haben von Weihnachten genug. Schon vor dem 1. Advent hängt es ihnen zu den Ohren raus. Mit Macht wird man beschallt. Aber die Töne kommen nicht mehr an. Sie schließen kein Herz mehr auf. Es ist wie auf vielen Feldern: Unsere Gesellschaft gräbt sich die eigenen Wurzeln ab und während wir – was durchaus auch wichtig ist – über Rechtsradikalismus, Klimanotstand, Windräder, Elektroautos und digitale Rückständigkeit Deutschlands diskutieren, verlieren wir unsere Wurzeln und alles, über was wir diskutieren, könnte irgendwann gar keine Rolle mehr spielen – wer keine Wurzeln hat, ist eh schon tot, oft, bevor er es merkt; da spielt eigentlich auch keine Rolle mehr, dass nicht wenige unter uns sich Weihnachten gar nicht leisten können  . . .

 

Welch lustiger Wald um das hohe Schloß
hat sich zusammengefunden,
Ein grünes bewegliches Nadelgehölz,
Von keiner Wurzel gebunden!

Anstatt der warmen Sonne scheint
Das Rauschgold durch die Wipfel;
Hier backt man Kuchen, dort brät man Wurst,
Das Räuchlein zieht um die Gipfel.

Es ist ein fröhliches Leben im Wald,
Das Volk erfüllet die Räume;
Die nie mit Tränen ein Reis gepflanzt,
Die fällen am frohsten die Bäume.

Der eine kauft ein bescheidnes Gewächs
Zu überreichen Geschenken,
Der andre einen gewaltigen Strauch,
Drei Nüsse daran zu henken.

Dort feilscht um ein winziges Kieferlein
Ein Weib mit scharfen Waffen;
Der dünne Silberling soll zugleich
Den Baum und die Früchte verschaffen.

Mit rosiger Nase schleppt der Lakai
Die schwere Tanne von hinnen;
Das Zöfchen trägt ein Leiterchen nach,
Zu ersteigen die grünen Zinnen.

Und kommt die Nacht, so singt der Wald
Und wiegt sich im Gaslichtscheine;
Bang führt die ärmste Mutter ihr Kind
Vorüber am Zauberhaine.

Einst sah ich einen Weihnachtsbaum:
Im düsteren Bergesbanne
Stand reifbezuckert auf dem Grat
die alte Wettertanne.

Und zwischen den Ästen waren schön
Die Sterne aufgegangen;
Am untersten Ast sah man entsetzt
Die alte Wendel hangen.

Hell schien der Mond ihr ins Gesicht,
Das festlich still verkläret;
Weil auf der Welt sie nichts besaß,
Hatt‘ sie sich selbst bescheret.

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„Schrittweis kehr ich heim und weine, / Und mir blieb mein müdes Herz / An der Grenze.“ – Vom Leben an der Grenze.

An der Grenze grüßt ein Haus.
Wandrers Zuflucht, stammgezimmert,
Schirmt’s vorm Strahl, der ficht und flimmert,
Wehrt dem Herbstwind, der’s umwimmert.
Oftmals späht ich von ihm aus
Nach der Grenze.

An die Grenze kroch der Schmerz,
Lag im Busch als bunte Steine;
Fand ich einen, ward’s der meine.
Schrittweis kehr ich heim und weine,
Und mir blieb mein müdes Herz
An der Grenze.

Auf die Grenze fällt bald Schnee,
Stäubt und schlägt: Ein Weg erblindet,
Der durch Tann sich aufwärts windet.
Ob zurück ins Tal er findet?
Eins nur weiß ich wohl: ich steh
An der Grenze.

Was ist das für eine Grenze, nach der ein Wanderer, unterwegs und in einem Haus Unterschlupf findend, späht und nicht hinüberkommt?
Eine Grenze, die noch dazu droht, im Schnee zu versinken; der Weg zu ihr kann erblinden (fast will es scheinen, der Weg zurück ins Tal, also weg von der Grenze, sei noch gangbarer).

In der Literatur ist diese Grenze auf vielfältige Art beschrieben worden. Sie ist in Kafkas Türhüterlegende der Zutritt zum Gesetz, der dem Mann vom Lande verwehrt ist (weil er ihn sich selbst verwehrt), sie ist in Goethes Märchen der Fluss zum Land der schönen Lilie, der Zutritt zum Reich der Mütter im Faust II, die Himmelsleiter, die Jakob sieht, die Frage Parzivals an den kranken Gralskönig, respektive an das eigene, überholte Bewusstsein, und der Zugang zum Bergesinneren, in dem sich die Blaue Blume findet.

Ein lyrisches Ich outet sich als einer der möglichen Wanderer.
Stein um Stein findet es an der Grenze, ein Stein, ein Schmerz, den sich das lyrische Ich zu eigen macht und mit ihm heimkehrt ins eigene müde Herz, das doch immer an der Grenze ist.
Aber nicht hinüberkommt.
Die Steine sind bunt, aber sehr grenzwertig.
Dem lyrischen Ich bleibt das Bewusstsein, an der Grenze zu stehn. – Damit endet das Gedicht.

Kennen wir diese bunten Steine, mit denen sich vielleicht nicht nur wir, sondern im Grunde alle Menschen beladen, die womöglich das Herz so müde machen, dass es nicht die Kraft findet, über die Grenze zu gelangen? – Sisyphus könnte ein Lied davon singen. Camus hat ihm ein Essay gewidmet und ihn als ewigen Rebellen glorifiziert . . . für mich eine philosophische Fata Morgana, ein Blankoscheck für den ewigen Aufenthalt im Haus vor der Grenze. – Steine können so schön bunt sein . . .

Gertrud Kolmar ist diese Grenzgängerin. Ihrer Schwester schrieb sie, sie sei immmer die Andere gewesen, nie die Eine.
Sie hat Deutschland – auch ihrem Vater zuliebe, den sie nicht allein lassen wollte (er starb kurz vor ihr in Theresienstadt, sie 1943 49-jährig in Auschwitz) – nie verlassen, obwohl wir ihren Gedichten und ihren Aussagen, gerade auch in ihren Briefen entnehmen, dass sie ahnte, ja wusste, was auf sie zukommt. In einem ihrer Gedichte aus dem Zyklus Das Wort der Stummen, geschrieben am 30. September 1933 und überschrieben An die Gefangenen heißt es:

Das wird kommen, ja, das wird kommen; irret euch nicht!
Denn da dieses Blatt sie finden, werden sie mich ergreifen.

Ihre Grenze lag zwschen der Anderen und der Einen. Als Schriftstellerin überschritt sie die Grenze von der Stummen zur Schreibenden. Im Leben näherte sie sich immer mehr der Jüdin in ihr. Und blieb es bis zum bitteren Ende.

Für uns stellt sich die Frage: Sind wir der oder die Andere – oder doch der oder die Eine?
Sind wir uns überhaupt dieser Grenze zwischen beiden bewusst?

Gertrud Kolmars An der Grenze, geschrieben um 1920, leistet das, was ihre Lyrik immer wieder tut und das dichterische Wort immer wieder auch zu leisten vermag: uns an jene Grenze zu erinnern, auf die wir womöglich gerne Schnee fallen lassen.

 

Mehr zu Gertrud Kolmar hier  –  und  hier

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´s ist ein Gesetz der Teufel und Gespenster: /Wo sie hereingeschlüpft, da müssen sie hinaus. – Mephistopheles outet seine Methode, aber niemand hört hin!

Manchmal mag man es nicht glauben, welche Wahrheiten in so viel gelesenen Sätzen stecken, ohne dass groß darüber geschrieben wurde oder es jemand weiters interessiert.

Doch obiger Satz sagt unglaublich viel aus.

Denn er betrifft die Mehrheit der Menschen (behaupte ich einfach mal)!

Tatsächlich hat es markant teuflisch Gespenstisches, was da Mephistopheles, der sich als Pudel bei Faust eingeschlichen hat und jetzt als Junker gekleidet jenen wieder verlassen möchte, als Wahrheit von sich gibt.

In dieser Bredouille ist er, weil er als Pudel beim Hereinspringen übersehen hatte, dass das Pentagramm, das auf die Türschwelle gezeichnet war (was damals neben gebündeltem Johanniskraut und anderen Abwehrstoffen durchaus üblich war, um böse Geister abzuwehren), verkantet gezeichnet war; die Spitzen mussten jedoch sauber gezogen sein, klar nach außen und innen gerichtet. Wenn sie in irgendeiner Form schräg gezeichnet waren, war dem Geist der Abgang versperrt. Rein hatte er kommen können, raus kann er nicht. – So ging es Mephistophleles. Er hätte der Hilfe des Faust und dessen Zeichenkünsten bedurft.

Warum aber die Aussage des Mephistopheles so interessant und wichtig ist: Es hat viel Teuflisches, wenn Menschen immer durch dieselbe Tür raus- und reingehen. Es ist immer dasselbe. Wir gehen raus, wo wir reingekommen sind. Oft kommen wir uns womöglich sogar großartig vor. Aber es hat sich nichts verändert. Wer sich verändert hat, nimmt nicht dasselbe Loch, zu dem er reinkam.

Gut wäre es, wenn wir tatsächlich einen anderen Ausgang nähmen, wenn während des Aufenthalts so viel geschehen ist, dass wir den Sinn wenden, eine Vokabel, die aus dem Griechischen (metánoia – μετάνοια) Luther mit Buße übersetzt, eine Übersetzung, die ungefähr so zutreffend ist, als wenn man ein Mixed im Tennis als Herreneinzel mit Damenbehinderung bezeichnet.

Wer Metanoia betreibt, wendet den Sinn (wie es wörtlich heißt), er geht in eine neue Richtung, der Sinn wendet sich, das Wesen Mensch (es liegt also weit mehr als Buße vor).

Das genau aber machen Teufel und Gespenster nicht, ihr Sinn bleibt gleich, immer geht es durch denselben Ein- und Aussgang.

Da bewegt sich nichts und die Formulierung des Paktes zwischen Faust und Mephistopheles, der beim nächsten Treffen erfolgt, dass Faust also die Wette verliert, wenn er zum Augenblicke sagt: Verweile doch, Du bist so schön, das ist genau die grundsätzliche Strategie alles Mephistophelischen, alles Satanischen, alles dessen, was den Menschen an Altes bindet: Alles bleibt gleich, nichts ändert sich. Schön verpackt heißt das dann: Verweile doch, du bist so schön!

Wir kennen die Menschen, die – man möchte fast manchmal sagen – seit Jahrtausenden immer diesselbe Auffassung vertreten, bei denen sich nichts im Inneren rührt. Bloß nicht zu einer Tür raus, die man nicht kennt!

Und oft darf man dankbar sein, dass sie diejenigen, die den Sinn wenden, nicht verhöhnen, oder – wie weiland beispielsweise Giordano Bruno – verbrennen oder neu und anders Denkende mit dem Tod bedrohen, wie Galileo Galiliei (der Überlieferung nach soll es jedenfalls so gewesen sein). – Platon hat in seinem Höhlengelichnis das Verhalten dieser mephistophelisch Gesteuerten bestens beschrieben und wie schwer sie es denen machen, die sich dem Licht, also einer anderen Tür zuwenden.

Bis Faust lernt zu lernen, obwohl er sich doch für so klug hält, ja für einen Gott: Das dauert seine Zeit. Erst müssen vier Tote seinen Weg pflastern, bevor er lernt, mit dem Teufel umzugehen, bis er lernt, dass er  seiner bedarf, jedoch eben gleichzeitig lernen muss, richtig mit ihm umzugehen (nur Mephistopheles kann ihm im Faust II den Schlüssel ins Reich der Mütter, ins Ur-Reich des Seins überreichen!), bis er also im Grunde die Bedeutung der Schlange, die ja auch für uns Menschen so wichtig ist, auch wenn die Kirche sie erfolgreich verteufelt hat, versteht (ohne die Schlange wäre es der Kirche gar nicht möglich, so gottlos sein zu können, wie sie ist, das heißt beispielsweise, Hunderte von Millarden allein in Deutschland zu horten und das Vermögen noch zu vermehren, während die Not auf der Erde riesengroß ist . . .).

Wir wissen, Fausts Besuch im Reich der Mütter endet nicht gerade glücklich, aber für diesen Weg des Faust zum Ewig-Weiblichen bedarf es auch großer Ausdauer, erst recht, wenn auch noch das Ewig-Männliche seinen Part übernehmen soll, den zu erwähnen Goethe noch nicht vermochte.

Ohne die Schlange wären wir nicht in der Lage, Gott abzulehnen, um ihn ggf. aus freien Stücken als bedeutsam für unsere innere Entwicklung zu erkennen (eine Entwicklung, für die die Schlange allerdings auch kein Garant ist, wie man mit Blick auf die Menschheit unschwer sieht).

Jedenfalls mag man in Zukunft den Menschen, die stets immer derselben Auffassung sind und sich nicht verändern, dazu gratulieren, dass sie so gekonnt dieses für die geistige Unterwelt so bedeutsame Gesetz der Geister und Teufel befolgen. Vielleicht wird ihnen anlässlich dieser Gratulation etwas bewusst; aber auch das ist nicht sicher. – Umso mehr können uns selbst solche Sätze wie obiger zu denken geben.

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Berufen, um Namen zu geben. Was Michael Ende in der „Unendlichen Geschichte“ lehrt: Jeder muss selbst seine Kindliche Kaiserin retten!

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Die Adamssöhne, so nennt man mit Recht
die Bewohner des irdischen Ortes,
die Evastöchter, das Menschengeschlecht,
Blutsbrüder des Wirklichen Wortes.
Sie alle haben seit Anbeginn
die Gabe Namen zu geben.
Sie brachten der kindlichen Kaiserin
zu allen Zeiten das Leben.
Sie schenkten ihr neue und herrliche Namen,
doch ist es schon lange her,
dass Menschen zu uns nach Phantasien kamen.
Sie wissen den Weg nicht mehr.
Sie haben vergessen, wie wirklich wir sind,
und sie glauben nicht mehr daran.
Ach, käme ein einziges Menschenkind.
dann wäre schon alles getan!
Ach, wäre nur eines zu glauben bereit
und hätte den Ruf nur vernommen!
Für sie ist es nah, doch für uns ist es weit,
zu weit, um zu ihnen zu kommen.
Denn jenseits Phantásiens ist ihre Welt,
und dorthin können wir nicht –
doch wirst du behalten, mein junger Held,
was Uyulala da spricht?«

 

Jedes Mal, wenn ich „Die Unendliche Geschichte“ lese, bin ich tief berührt. Gerade habe ich noch einmal Atréjus Weg durch die drei Tore, das Große Rätsel Tor, das Zauber Spiegel Tor, das Ohne Schlüssel Tor gelesen.

Es sind dem Weg der Großen Arcana des Tarot vergleichbare seelische Entwicklungsstufen des Menschen; zugleich sind es Prüfungen.

Unglaublich, wie wahrhaftig Michael Ende sie gestaltet. Wir wissen ja, dass er selbst diese Stufen ging, dass er selbst mit seinen Helden in ausweglose Situationen geriet, dass er selbst um Lösungen rang …

Er war, wie Goethe und nicht wenige andere Schriftsteller, ein sicherlich sehr hellfühliger, intuitiver Mensch.

Ich bin auf diesem Blog an anderer Stelle auf die drei Prüfungen eingegangen und auf die Stimme der Stille, die sich Atréju im Anschluss an den Durchgang durch die drei Tore offenbart.

Wohl dem, der die Prüfungen durchlaufen darf, ohne gleich zu Beginn von den Sphinxen zurückgewiesen, ja getötet zu werden.

Jener Text oben stammt von Uyulála, der Stimme der Stille.

Und auch hier wird deutlich, wie viel dem Bewusstsein von Michael Ende offenbar ist.

In der Tat hat in der Schöpfungsgeschichte der Bibel der Mensch den Tieren Namen gegeben; es war ihm vorbehalten, dem Menschen, in der Bibel als Ebenbild Gottes bezeichnet.

Namen geben zu dürfen ist ein heiliger Akt, sicherlich einer der heiligsten, die es gibt.

Er wiederholt sich in der Namensgebung der Eltern für ihre Kinder; auch das ist eine heilige Aufgabe, wie sehr, ist vielen nicht bewusst.

Und wie wichtig ist es, Namen nicht abzukürzen, enthalten sie doch die Lebensenergie eines Menschen.

Uyulála klagt, und ihre Klage ist herzzereißend, denn es droht das Ende, das große NICHTS. Sie weiß, wie es um die Menschen bestellt ist, die den Weg nach Phantásien nicht mehr wissen.

Es ist der Weg zum Herzen, zum eigenen, denn die Kindliche Kaiserin ist niemand anderes als das göttliche Kind unseres Herzens.

Mein Wunsch in diesen Tagen: Mögen viele von uns wieder nach Phantásien gelangen.

Eine Voraussetzung nennen Michael Ende und Uyulála ganz deutlich:

Der Mensch, der dies erreichen will, muss glauben können:

Ach, wäre nur eines zu glauben bereit …

Glauben-Können ist die Voraussetzung, um den Ruf vernehmen zu können, den Ruf des Herzens …

Glauben ist kein Relikt nostalgischer Zeiten und reduzierter Bewusstseinsstufen. Glauben geht dem Wissen voraus: Wenn wir auf Schildern den Weg sehen, den wir gehen wollen, glauben wir, dass wir den Schildern vertrauen können. Ob unser Vertrauen berechtig ist, wissen wir oft erst sehr spät. So lange glauben wir.

Mancher glaubt, dass mit dem Tod alles vorbei ist.

Mancher glaubt, dass es ein Leben nach dem Leben gibt.

Wissen tun wir das relativ spät.

Doch unser Glaube bestimmt, auf welchen Bewusstseinsebenen wir suchend unterwegs sind.

Deshalb ist Glaube nicht ganz so unwichtig, wie viele glauben machen wollen.

PS und Nachtrag

Was ich in diesem Post nicht erwähnt habe, was aber wichtig ist:

Natürlich muss Bastian, müssen wir alle wieder zurück in unsere Realität, um Phantásien mit ihr zu verbinden.

Bastian will ja – es gibt auch ein phantásisches Ego – nicht mehr zurück, macht sich zum Kaiser von Phantásien und überwirft sich mit Atréju und Fuchur. Das ist eine große Gefahr, in der Menschen durchaus steckenbleiben können. Es sind unter anderem jene, die mittels einer für mich falsch verstandenen Esoterik alles nur in Licht und Liebe sehen wollen. Doch gilt es zu erkennen, dass es auch in uns Licht und Finsternis gibt – und letztere nicht zu knapp.

Wenn man diese Tatsache nicht nur mit dem Verstand, sondern mit ganzer Seele begreift, dann kann man auch die Worte Davids in Psalm 139 wirklich verstehen:

Denn auch Finsternis ist nicht finster bei dir und die Nacht leuchtet wir der Tag.

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Was die Ewigkeit des Weiblichen ausmacht. – Worte, verfasst von einer, die ich, Mann, als Weib empfinde:

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Jenen, die auf dem Holzstoß prasselnde Bisse zermalmen,
Bin ich gleich, ich, das Weib, das Geschlecht, Mutter, Gebärerin.
Über die Zeugenden, die Gezeugten lodert mein Herz ewig hin.
Meine Seele kniet und singt Psalmen.

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Wenn sich eine Frau, ein Weib, Gedanken macht, was das Wesentliche ihres Geschlechtes ausmacht, finden sich keine feministischen Gedanken, die den wahren Wert der Weiblichkeit oft nur verzerren, nichts, was an die weiblichen Abziehbilder unserer Mediengesellschaft erinnert, sondern das, was sie als Wertvolles aller Weiblichkeit durch die Ströme der Zeit hindurchträgt – bis heute.

Gertrud Kolmar überschreibt ihre Gedanken mit „Die Sünderin“, ein Attribut, das uns an jene Frau des Neuen Testaments erinnert, deren Tränen auf Jesu Füße fielen, die sie mit ihren Haaren trocknete und die Jesus im Grunde heilig sprach, nicht als Mann, sondern als Bewusstsein, weil er wusste, dass diese Frau für Millionen  und Abermillionen ihres Geschlechtes steht. Da findet keine Verurteilung statt für vergangene sogenannte Schuld, das Abgleiten in hohle Weiblichkeit, vertane Leben oder was wir auch immer als Versäumnis betrachten. Aber diese Frau kniet und ihre Tränen sind jenen vergleichbar, die in Goethes Faust immer auch bedeuten, dass das Herz weich wird und eine Milde sich selbst gegenüber den Raum der Seele betritt.

Gertrud Kolmar weiß darum, wie schwer es ist, als Weib durch die Zeiten zu gehen – und sei es, als Hexe verbrannt zu werden oder im übertragenen Sinne im Feuer des Lebens zu verglühen und Schmerzen zu ertragen, die so groß sind, dass man sie nur aushält, indem sich Kiefer ineinander verbeißen und zermalmen.

Auf ihre Bilder gilt es sich einzulassen, auf ihre rote Hölle, dem malvenfarbenen Himmel gegenübergestellt, auf Gesetz und Sitte, Anstand und Schein, die als Konturen unseres Lebens als Leben einer Stadt erscheinen, eigene Verworfenheit und das Bedürfnis, geliebt zu werden, und jene ewig glühende Kohlenkrone, die Zeugin dessen ist, was ihr Leben ausmacht – und dieser Jüngling macht einen Teil ihres Lebens aus – und auch ihr Gewissen, ein Gewissen, das sie dennoch erkennen lässt, dass sie nicht lasterhaft ist, nicht böse, zugleich aber den Schrei nach Erlösung in sich trägt, den Schrei einer Jüdin, die Psalmen singt und weiß, dass jene auch davon sprechen, dass der Herr die Seelen am stillen Wasser erquickt.

An anderer Stelle habe ich darauf aufmerksam gemacht, dass man, die Bilder der Kolmar nachvollziehend, sich dazu die Zeit nehmend, selbst innerlich an Reichtum gewinnt. Gewiss gewinnen wir inneren Reichtum durch eigenes Handeln und eigene Erfahrungen, aber auch, indem wir durch den Nachvollzug des Denkens, der Gedanken und Bilder anderer uns innerlich eigene Türen öffnen, indem wir auf diese Weise uns neue Dimensionen erschließen, was Leben ausmacht:

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Die Sünderin

Wem sollte ich meine rote Hölle schenken ?
Wem meinen malvenfarbenen Himmel zwischen Abend und Nacht
Mit Lampen, dickflüssig gelb aus Eidotter gemacht,
Und der sich auf die Stadt hinlegt, lastend wie Denken?

Dieser Stadt Häuser haben seltene Türme.
Ihre Dächer steigen, Gebirg, in die freien Lüfte ein;
Sie heißen Gesetz und Sitte, manche auch Anstand und Schein.
Ummauerte Gäßchen, häßliche Namen, verkriechen sich wie Gewürme.

Mir ward all das Kriechende längst von goldenen Flammen zerrissen;
Nicht stand ich in heimlichen Toren, gierig, lachte dem Dieb,
Zuckte glänzende Schultern aus Fetzen, lüstern: Hast du mich lieb ?
Ich trug die ewig glühende Kohlenkrone, trug sie auf meinem Gewissen.

Einmal ward sie entzündet, verschlungen, gesteigert
In unendliches Wehn, feuerwipfligen Wald.
Ihre Zunge schlug in den Mund, der meinen Schenkel umkrallt,
Und nie hat sich stürzender Funke den starken,
………………den reinen Händen des Jünglings geweigert.

Er hielt ihn hinauf in Nacht als schmerzende Leuchte,
Und hält er ihn durch sein Leben als unaufhörlichen Brand,
So wird es geklärt, erscheinend und eingeschmolzen dem Land,
Das keine erstickenden Moore schleppt voll laulicher Feuchte.

Das ist wahr. Ich bin nicht die Lasterhafte. Ich bin nicht die Böse,
Die dem Toten die Mannheit raubt, des Vogels kindliches Auge durchsticht,
Die dem vertrauenden Knaben den zarten Wirbel zerbricht.
Ich fresse mich selbst in dem sengenden Schrei: Erlöse!

Jenen, die auf dem Holzstoß prasselnde Bisse zermalmen,
Bin ich gleich, ich, das Weib, das Geschlecht, Mutter, Gebärerin.
Über die Zeugenden, die Gezeugten lodert mein Herz ewig hin.
Meine Seele kniet und singt Psalmen.

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PS: Auf diesem Blog finden sich weitere Gedichte der Gertrud Kolmar, ebenso auf meiner EthikPost

 

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Gertrud Kolmars Erntedank: „O Herz! O Frucht! O Zeit! O Wille! / Wie lieblich seid ihr hergereift!“ – Nichts geht verloren!

                    

Wappen von Zinna  

 
In Blau eine goldgewandete Frauengestalt, die in
der rechten Hand eine Traube trägt und einen
Apfel in der linken.

O Herz! O Frucht! O Zeit! O Wille!
Wie lieblich seid ihr hergereift!
Wie hat euch Hand der Sommerstille
Mit sonngemaltem Glanz gestreift,
Wie scheint ihr sanft mit gelber Schale
Und flimmert heiß mit blühndem Rot
Und geht geschmückt zum ew’gen Mahle,
Da selbst ihr Speise seid und tot.

Das aber ist, wofür ihr glühtet,
Ihr Hauch und Strahl euch angeschmiegt
Und tief den kleinen Kern behütet,
Der braun und blinkend in euch liegt.
Die Wange, klar von Regenzähren,
Hobt lächelnd ihr dem Lichte nach
Und lauschtet froh der Säfte Gären,
Das süß und singend in euch sprach.

Wohl allem, was nicht siech gefallen,
Schon vor des Pflückers Griff und Schnitt,
Was nicht verdorrt aus Feuerkrallen,
Verfault aus schleim’ger Feuchte glitt,
Was, wenn es Erntehand verschmähte,
Zu jener Scholle legt ein Wind,
Die selber säte, selber mähte
Und immer Mutter war und Kind.

Was singt wie Herz mit roten Saiten,
Erglüht wie Apfels goldne Stirn
Und aufwirft über Jahresbreiten
Den Arbeitstag von Pflug und Hirn,
Das ruht einst müd‘ im Erdensinnen,
Vom Winterschneesturm ungeweckt,
Und träumt nur weißes, leises Rinnen,
Das liebend seine Spuren deckt.

Glühen, um zu sterben? – In der Tat, so sieht es Gertrud Kolmar im Übergang von der ersten zur zweiten Strophe:

Da selbst ihr Speise seid und tot. // Das aber ist, wofür ihr glühtet . . .


Glühen, um zu sterben: das ist Goethes ewiges Stirb und Werde, was zugleich ein Werde, um zu sterben ist, eine Aussage, die man nur versteht, wenn man weiß, dass der Tod nur eine andere Form des Lebens ist, ein Leben, das wir Tod nennen, weil die Zeit zwischen den Leben für uns Menschen eine black box geworden ist, in die uns unsere über Jahrhunderte gewachsene materialistische Sicht auf das Leben verwehrt, Einblick zu nehmen. Wenn wir es könnten, würden wir wahrnehmen können, was alles wir im Leben zwischen unseren Leben taten, um in unserem augenblicklichen sinnvoll tätig zu sein. Vermutlich würden nicht wenige Zeitgenossen – vielleicht auch wir – viel bewusster mit unserer Lebenszeit umgehen, die wir doch so gründlich vorbereiteten.


Uns ist ebenso die Sicht auf das Erdinnere verwehrt, wo sich träumend neues Leben vorbereitet – und die letzten Zeilen des Gedichtes verweisen genau darauf – , so wie wir in unseren Nächten von neuen Tagen träumen und sie vorbereiten. Das Gedicht Wappen von Zinna klingt in tiefem Frieden aus, wissend, dass unter dem Winterschnee etwas vor sich geht, was Joseph von Eichendorff in seiner Wünschelrute so erfasst:

Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort.
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.


Die erste Strophe besingt Wachstum und Gedeihen und erinnert an Matthias Claudius´ Erntedank-Hymnus und wir verstehen nun, warum die letzte Zeile der ersten Strophe in keinster Weise negativ zu verstehen ist.

Die zweite lässt uns das Wappen von Zinna tiefgehender verstehen und noch die erste Hälfte der dritten Strophe singt ein Loblied auf die Ernte; doch das Wohl allem des Stropenauftaktes gilt eben auch jenem, was sich im Kreislauf der Natur, ohne geerntet worden zu sein, zur Scholle legte, die nimmt und wieder gibt.

Dieses Gedicht, das zu den Preußischen Wappengedichten von Gertrud Kolmar gehört, zeigt das gewachsene Sprachbewusstsein der Dichterin, das sich bis zu dem Zeitpunkt, als sie in deutscher Sprache zu schweigen begann, bevor ihre Stimme in Auschwitz endgültig für uns Lebende verlorenging, mehr und mehr zu zeigen wusste. In den vier Strophen des in vierhebigem Jambus durchweg kreuzgereimten Gedichtes zeigen sich viele formale Mittel, seien es Anaphern, Alliterationen, Binnenreime, Dikola oder auch Metaphern, denen insofern eine hohe Bedeutung zukommt, weil an keiner Stelle von Gott dem Herrn, von dem Matthias Claudius in Wir pflügen und wir streuen zu singen weiß, die Rede ist, doch von der Hand der Sommerstille, von sonngemaltem Glanz und ew´gem Mahle. 

Wie so oft erweist es sich, dass sich eine innere Religiosität und das Wissen um unser Werden und Vergehen, um das Geheimnis von Tod und Leben, überzeugender kundtut, wenn es leise angesprochen wird, als laut und oberflächlich.

Diese weitgehend vergessene gewaltige Dichterin deutscher Sprache weiß um all dies und die ersten beiden Zeilen dieses Gedichtes teilen uns mit, wie herzinnig ihr Ausruf gemeint kann; man vermag es zu fühlen, wie sehr sie die Traubem und Äpfel des Lebens, die die Frau des Wappens hochhält, schätzt:

O Herz! O Frucht! O Zeit! O Wille!
Wie lieblich seid ihr hergereift!

Möge auch uns eine solche Wertschätzung möglich sein! 

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