Geschändete Brüste. Lyrik kann so gnadenlos sein: Gertrud Kolmars „Die gelbe Schlange“ und „Mörder Taube“

Gnadenlos erbarmungslos war ihr Tod. Gertrud Kolmar starb auf dem Weg nach oder in  Auschwitz. Ihre Spur verliert sich nach dem Abtransport. – Es gab aber wohl etwas, was sie womöglich als noch erbarmungsloser empfunden haben mag. Es kriecht als gelbe Schlange durch ihr Gedicht und in sie hinein:.

Die gelbe Schlange

Ich war ein Mädchen auch im Traum.

Und meine Brüste lagen, helle Inseln,
Auf jeder eine kleine braune Stadt
Mit spitzem Turm
Und rot geheimer Ströme unterirdnem Rinseln.

Wann werden weiße Quellen aus den Steinen brechen?

Die Schlange zuckte
Ungesehn durch Kraut.
Ach, alle Moose, die sie grüßte,
Verrotteten.
Ihr Leib ließ eine Wüste.
Baumgrün vergilbte vor der gelben Haut.

Die gelbe Schlange kam.
Sie zog sich über Meer
Und sank in Grund,
Wo seltsam bunt und schwer
Tierblumen an verfallnen Schiffen saugen
Mit zähnelosem Mund.

Sie schlich
In meine roten Grottenflüsse ein.
Sie lächelte.
Die kleine Stadt ward krank,
Zermürbte, wich.
Ihr stolzer Wartturm sank
Tief in ein Weiches ein.

Die Insel, einmal glücklich schön
Mit Hügelkuppe und mit sanfter Bucht
Um vieler Wellen blitzendes Getön,
Hing müd in See.

Wie überreife, halbvermulschte Frucht.

Wenn es ein Zeugnis, eine Zeugin dafür gibt, wie sehr Frauen unter einer Abtreibung leiden, dann ist es Gertrud Kolmar. Ihr Kind, das nie leben durfte, taucht so oft in ihren Gedichten auf, dass man, liest man sie, aufhören möchte, diese Gedichte gesondert zu vermerken. Nicht nur, dass sie einen tief eindrücklichen Zyklus mit 33 Gedichten Mein Kind genannt hat, nein, u.a. auch in dem 50 Gedichte umfassenden Zyklus Tierträume taucht es immer wieder auf.

Es mag sein, dass der ein oder andere eine Frau kennt, die ohne große Probleme eine Abtreibung verkraftet hat. Wenn man Gertrud Kolmars Gedichte liest, weiß man, was im Unbewussten sich abspielen muss.

Am Kinn des Mörders sproßt kleines gelbes Feuer

Die Farbe gelb taucht in den Gedichten Kolmars über 70-mal auf; da ist in dem Gedicht Hexe von ginstergelbem Flüsterwind die Rede, von gelbseidenen Puppen in Spaziergang und in Ein Mädchen heißt es

Ich war der Krug, drin Rose stand
Mit Blättern, gelb wie Honigsüße

Gelb ist also keineswegs immer negativ konnotiert. Wenn es da nur nicht das gelbe Feuer des Mörders in einem Gedicht – Der Mörder – gäbe, das so herzzerreißend ist wie kaum eines, das ich jemals las, und das ab der vierten Strophe lautet:

Der Mörder kommt ja schon. Er trägt den Hut,
Einen breiten Hut mit Turmkopf, ungeheuer;
Am Kinn sproßt kleines gelbes Feuer.
Es tanzt auf meinem Leib; es ist sehr gut …

Die große Nase schnüffelt, längert sich
Zu dünnem Rüssel. Wie ein Faden.
Aus seinen Fingernägeln kriechen Maden
Wie Safran, fallen auch auf mich.

In Haar und Augen. Und der Rüssel tastet
Auf meine Brüste, nach den rosabraunen Warzen.
Ich seh‘ ihn weißlich fleischlich winden sich im Schwarzen,
Und etwas sinkt an mich und keucht und lastet –

Ich kann nicht mehr … ich kann nicht … Laß die Schneide schlagen
Als einen Zahn, der aus dem Himmel blitzt!
Zerstoße mich! Da wo der Tropfen spritzt:
Hörst du ihn »Liebe Mutter« sagen?

Hörst du – ? O still. In meinem Schoße ruht das Beil.
Von seinen Seiten brechen eibenhaft zwei Flammen;
Sie grüßen sich und falten sich zusammen:
Mein Kind. Aus dunkelgrüner Bronze, ernst und steil.

Brüste wie die Sulamiths

Eigentlich wunderbar, wie das Gedicht Die gelbe Schlange beginnt. Das Ich thematisiert sich und liebevoll werden die eigenen Brüste mit Bildern ausgestattet. Dieser Umgang mit der weiblichen Brust klingt in dieser Weise auch im Hohelied Salomos an. Da ist Gertrud Kolmar ganz Jüdin und Sulamith, die glücklichste Frau des Alten Testaments.

Doch auch in der Verwendung des Schlangensymbols ist sie ganz Jüdin. Man muss Schlange nicht zwangsläufig negativ sehen. Luzifer war keineswegs immer nur und von allen Philosophen und Theologen als das Böse gesehen. Er war es, der abstürzte, aber er ermöglicht durch diesen Engelsturz dem Menschen, als Kind Luzifers zu einer Freiheit zu gelangen, die den vorausgehenden Engelhierarchien, so überwältigend sie auch in ihrer göttlichen Größe sind, nicht möglich war und wohl auch nicht sein wird. Gleichzeitig aber macht gerade das Schicksal unserer Dichterin nicht nur durch ihren Tod  und ihr Frausein, das ich in einem künftigen Video auf meinem You-Tube-Kanal thematisieren möchte und das bei zeitgenössischen Feministinnen nur ein Stirnrunzeln hervorrufen würde, wollte sie doch keineswegs die Starke sein und gab sich mit einer Rolle zufrieden, die heute kaum noch eine Frau akzeptieren würde, darauf aufmerksam, wie unfassbar schwer dieser unser Weg, der mit Luzifer begann, mit der Schlange, war, ist  und sein wird. Diese zwei Seiten des Weges deuten sich auch in Lied der Schlange an:

. . .
Denn ich bin alt, bin vieltausendjährig,
Gepflegt und erzogen in heimlichen Riten,
Ward zauberzeugend, ward machtgebärig,
Mit Milch genährt von frommen Ophiten

. . .

Verlockt‘ ich die Toren Erkenntnis zu essen,
Ein süßeres Obst, das die Ängstlichen scheuten ?
. . .

Zugleich ist die Schlange in den Gedichten Kolmars auch in sexueller Hinsicht ein Wesen der Verführung, das sich als solches in Die Rose in der Nacht, diesem beeindruckenden Sonett, in den Haaren der reifen Frau zeigt

Sie glüht. Und ihre Haare kriechen groß
Auf blutrot dumpfen Sammet, schwarze Schlangen.
Sie neigt sich müd in duftendem Verlangen,
Die reife Frau. Und ist ein Herz doch bloß,

Ein heißes, sanftes Herz. Und birst, ein Schoß,
Der Liebe auf, den Himmel zu empfangen.
Und wird ein Antlitz mit gemalten Wangen.
Wenn Abend meerwärts fährt auf braunem Floß,

Ein Totenkauz im Düster greinend lacht,
Dann schlägt es tiefe Augen auf und wacht
Und fängt den Männertraum auf seinem Fluge.

Und sinkt schon morgen welk, am Strauch, im Kruge,
Und stand als eine Rose in der Nacht.
Die dunkelrote Rose in der Nacht.

Die Verführung durch die Schlange bringt es jedenfalls mit sich, dass aus den Steinen der kleinen braunen Stadt bald Muttermilch hervorquellen möge.

Es kam eine Taube, rosa und blaugrau, geschwebt

Doch in der Folge wird klar, welche Bedeutung der gelben Schlange zukommt. In diesem letzten Gedicht aus Tierträume thematisiert Gertrud Kolmar aus meiner Sicht den Augenblick des schicksalhaft wohl auch elterlich erzwungenen Verlustes ihres Kindes und wenn man dieses Gedicht zusammen sieht mit dem vorausgehenden Mörder Taube überschriebenen, in dem die Taube, die seit eh und je, seit Noah ein Symbol der Hoffnung und des Lebens ist, als mordendes Wesen sich zeigt, dann kommt die ganze menschliche Tragik dieses Geschehens, die sich auch in der fünfhebig daktylischen Gestaltung zeigt und schon von daher nicht einfach zu lesen ist, zum Ausdruck:

. . .

Und in meiner Mitte, da waren Ufer, war Land,
Da saß es wie Zwergenkind: Wesen, wunderlich klein;
Es grub seine Füße spielend in glitzernden Sand
Und tauchte den Finger sacht in die roten Quellbäche ein.

Ich wollte es küssen und rührte die Haut von Glas,
Die konnte ich nicht zerbrechen, weil selbst ich sie war;
Nun häufte sich Düne, und auf der Düne trieb Gras,
Wuchs hoch und dicht und grau und wucherte in mein Haar.

Es kam eine Taube, rosa und blaugrau, geschwebt
An einem bleichen Himmel. Der Himmel war nackt.
Ihr Schnabel schien mächtig, krumm und vom Blute verklebt
Der schwachen Gefährtin, der sie die Stirne zerhackt.

Und ich sah, wie es wirklich war, das lächelnde Perlglanzkleid,
Ich fand in ihm das Bild von den Tauben der Welt
Und fand aller Tauben Gier und Jähzorn und Neid.
So schwang sich der große Vogel über mein Feld.

Und wo der Halm das verborgene Kind umstrich,
Da zückte er lang sanft schimmernder Schwingen Schlag
Da sank er nieder, anmutig und fürchterlich,
Und es verging ein Blick und es verging ein Tag.

Und es verging ein Jahr. Und ich hob mich auf,
Ich rieb meine Augen, ich wußte kaum, was geschehn,
Erspähte die Inseln, suchte der Flüsse Lauf,
Das Kind, die Taube und konnte nichts mehr verstehn.

Mich haben Gedichte selten so berührt und ergriffen wie jene Gertrud Kolmars. Diese Frau, die zwar äußerlich recht unscheinbar gewesen sein muss, deren Augen aber als ganz besonders herausgehoben wurden und die von Zeitgenossen als herb und verschlossen charakterisiert wird – sie selbst hat sich eine Spartanerin genannt -, offenbart sich in ihren Gedichten auf eine Weise, die, befasst man sich näher mit ihr, unvergesslich wird. Selten ist mir eine Verstorbene so nahegekommen. Manchmal glaube ich sie beim Lesen ihrer Gedichte in unmittelbarer Nähe.

 

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„Einmal wandert Läuten durch mich hin“ – Gertrud Kolmar weiß um ihre wahre Heimat und ihre Schwesterseele.

Liest jemand an heißen Spätsommertagen Gedichte?

Eher nicht.

Aber es drängt mich, dieses Gedicht von Gertrud Kolmar dennoch zu veröffentlichen und jemandem, der doch liest, mitzuteilen. Es ist eines meiner Lieblingsgedichte von ihr; sie schrieb es in jenem poetisch für sie so fruchtbaren Jahr 1917, dreiundzwanzigjährig, und es deutet sich ihre Tiefe, die sie später u.a. in ihren Wappengedichten und dem Zyklus Welten uns zeigt, mehr als nur an. Sie weiß um eine Zeit, in der wir einmal wieder reine Seele sein werden mit all den Erfahrungen, die uns jetzt ereilen und die wir den himmlischen Mitbewohnern, die uns auf unserer Reise über die Erde so aufmerksam verfolgen, spürend, wie schwer erkauft unsere Erfahrungen oft sind, aber zugleich uns bewundernd und teilnehmen wollend, weil sie ihnen nicht vergönnt waren, seien sie Cherubim, Seraphim, Throne, Erzengel, Engel. dann mitbringen werden.

Gertrud Kolmar weiß um das Es war einmal der Märchen, das auf jene Zeit anspielt, als wir aufbrachen, und sie wiederholt diese magische Formel in ihrem ersten Wort und verwandelt in und mit ihm die Vergangenheit zugleich in eine uns erwartende Zukunft.

Sie weiß darum, dass wir eine sozusagen vertikale Schwesterseele haben – die Germanen und die nordischen Mythen nannten sie Walküren – die in ewigen Regionen sich aufhält, um unseren Weg abzusichern, weswegen sie als unverlierbarer Teil von uns, als wir abstiegen, zurückblieb.

Sie weiß auch um etwas, was wir Schwesterseele auf einer horizontalen Ebene nennen könnten, jener Teil, von dem wir uns trennten – die Bibel bezieht sich mit jener Stelle darauf, als Gott aus der Rippe Adams (was bekanntlich Mensch, nicht Mann bedeutet) die Frau erschuf -, um wirklich zu erfahren, was Liebe sei, Liebe, die wir sehnsüchtig in dem verlorenen Teil suchen und so oft nicht finden und deshalb erst wirklich wertschätzen lernen (n unseren Erdenwanderungszeiten begegnen wir in unseren vielen Leben ingesamt zwölfmal unserer Schwesternseele, so habe ich gelesen und halte es für durchaus der Wahrheit entsprechend, und wir können so oft nachlesen, dass solche Begegnungen leider auch sehr unglücklich ausgehen können – Shakespeare hat es in Romeo und Julia abgebildet, die Volkslieder in jenem Lied von den Königskindern, Schiller in Reminiszenz, Ödon von Horvath in seinem Schaupiel Das jüngste Gericht, Marc Levy in Sieben Tage für die Ewigkeit, das Nibelungenlied in der unerfüllten Liebe Brünhildes zu ihrem wahren Mann Siegfried – die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen; selbst Nietzsche spricht in Also sprach Zarathustra von ihr: Hast du nicht die Schwester-Seele zu meiner Einsicht? Zusammen lernten wir alles; zusammen lernten wir über uns zu uns selber aufsteigen und wolkenlos lächeln . . .

Woher weiß die junge Gertrud Kolmar darum? Ich vermute, dass das in ihrer Familie gelebte Judentum dieses Wissen nicht unbedingt zuließ, vielleicht aber die Kabbala, zu der sie womöglich Zugang besaß – darüber habe ich aber keine Informationen.

Hier nun dieses wunderschöne Gedicht:

Einmal

Einmal wandelt Läuten durch mich hin,
Seelensingen – eine Glocke tönt,
Glocke, der ich reines Echo bin,
Nicht mehr Fleisch, das sündig jauchzt und stöhnt.

Bin ein Sprößling dann des grünen Baums,
Sinnbild ew’gen Werdens, ew’ger Rast,
Und mein Leib, der Rest des Menschentraums,
Steht und wartet, daß er Wurzel faßt.

Einmal bist du Trug, mein Leib, mein Stamm,
Der du heute noch mir Wahrheit heißt,
Einmal bist du tot, bist Erde, Schlamm,
Doch ich leb‘, ein Nichts, ein Alles: Geist.

Bald!

Denn schon hör‘ ich, wenn den bitt’ren Tag versüßt
Irgendwo mir eine Vogelkehle,
Liebe, ferne Stimme, die mich lautlos grüßt:
»Schwesterseele!«

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Stürz‘ deine Kniee auf die Silberstufen, / Die himmelan in steilen Türmen gehn. – Ewig, weise und erhaben: Gertrud Kolmars Mutterschaft.

Wappen von Juliusburg

In Rot über silberner Burg ein golden
beschwingtes Engelsköpfchen.

Dein Kind ist’s, Mutter! Und dein Herz laß klopfen,
Und scheuch‘ ihm ersten Schlaf mit seinem Schlag,
Wirf ihm ins Haupt den scharlachroten Tropfen,
Erzwing‘ die Leuchte seinem Lebenstag!
Stürz‘ deine Kniee auf die Silberstufen,
Die himmelan in steilen Türmen gehn.
Dein Auge zittre! Gott, den du gerufen,
Er reißt dich auf und läßt in dir sich sehn.

Die Hände leer! Kein Nehmen mehr und Schenken;
Denn was dir kommt, das will dich arm und scheu.
An deinem Bett kein Brau’n von Liebestränken
Noch Bettlergreinen kraftlos dürft’ger Reu‘,
Kein Denken, scharrend gleich geschäft’gen Hennen,
Das ängstlich sich um kleine Speise müht:
Nackt sei dein Leib und innig dein Erkennen
Der Lust, die funkelt, und der Qual, die glüht.

Heut bist du ewig, weise und erhaben,
In dir ist sel’ge Wahrheit ausgesagt,
Für dich hast du das Rätselspiel begraben,
Das vor des Todes Unbedingtsein zagt.
Die Wände zucken blau und voll Kometen,
Das Fenster flammt. Zum Berge wächst das Spind
Und neigt sich fromm dem Säugling des Propheten,
Um dessen Wiege Leu und Otter sind.

 

Vom Herbst 1927 an schrieb Gertrud Kolmar (1894-1943) an ihrem Zyklus „Das Preußische Wappenbuch“. – Die Firma Kaffee Hag hatte Werbemarken herausgegeben, die seit 1913 in deutschen Haushalten stark verbreitet waren. Gertrud Kolmar nahm sie zum Anlass, einen Gedichtzyklus mit 53 Gedichten entsprechend der Anzahl der Wappen zu schreiben. Die Gedichte nehmen die Pictura auf (die Autorin beschreibt kurz mit eigenen Worten die Darstellung der Wappen), gestalten aber sehr oft einen persönlichen Inhalt mit eigenwilligen Mythen und Bildern und einer oft auch eigenwilligen Wortwahl. – Das ´Preußische Wappenbuch´ zeigt die Dichterin auf dem Weg zu einer der Großen ihrer Zunft, die in Deutschland in Vergessenheit geriet. Reclams Dichterlexikon kennt sie ebenso wenig wie die bekannte Gedichtanthologie echtermeyer/wiese

Eines dieser Wappengedichte zeigt, wie so oft bei Gertrud Kolmar, ein Kind im Mittelpunkt, ihr Kind, das sie auf Betreiben der Eltern abtreiben musste und das sie ein Leben lang begleiten wird. Selten wird so deutlich wie bei dieser Frau, wie folgenreich eine Abtreibung sein kann, weil man einen so wertvollen Teil von sich verliert. – Gertrud Kolmar spricht eine Mutter an, die sie doch so gern selbst gewesen wäre. Dies wissend, ahnt man, wie sehr ihr diese Verse aus dem Herzen kommen und dass die Sprach- und Glaubensmacht der letzten Strophe kein Zufall ist. Sie bezieht sich auf die prophetischen Worte Jesajas (11, 6-9):

„Da wird ein kleiner Knabe Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben. Kühe und Bären werden zusammen weiden, dass ihre Jungen beieinander liegen; und Löwen werden Stroh essen wie die Ochsen. Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein kleines Kind wird seine Hand ausstrecken zur Höhle der Natter. Man wird weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land ist voll Erkenntnis des Herrn, wie Wasser das Meer bedeckt.”

Diese Christusvision möge sich erfüllen, auch wenn diese wunderbare Frau und deutsche Jüdin in Auschwitz sterben musste.

 

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Zu viele Menschen leben 2019 wie seelenlos! Gegenüber 1933 hat sich so viel nicht geändert. Gertrud Kolmar schrieb darüber schonungslos:„ Die hier umhergehn, sind nur Leiber / Und haben keine Seele mehr”

Wie sehr können die Blicke von Menschen getrübt sein, wenn ihre Augen nicht sehen wollen, was nicht sein kann, weil es nicht sein darf. Auch aktuell ist es nicht anders, zu sehen u.a. in der Gesellschaft Amerikas, die zu Teilen einen Narzissten als Präsidenten akzeptiert, ja wählt, der Menschlichkeit öffentlich mit Füßen tritt, zu sehen auch in England, wo ein großer, nie erwachsen gewordener, verlogener Bub ein Land führt, obwohl offensichtlich ist, dass er nur sich selbst liebt, in Syrien, wo vor den Augen der Weltöffentlichkeit seit Jahren Russland, Amerika und andere Nationen ein Volk vollends pulverisieren, in Griechenland, wo bekanntermaßen zum Himmel schreiende Zustände in den Flüchtlinslagern herrschen. – Auch 1933 war es nicht anders. und wir brauchen über einen Herrn C. D. Fraser, der für eine große Gruppe englischer Zeitungen das Konzentrationslager Sonnenburg besichtigen durfte, nicht die Nase zu rümpfen. Er wusste, dass dort Sozialdemokraten, Kommunisten und überhaupt Gegner der Regierung Hitlers interniert waren und weil er es nicht anders wollte, glaubte er die Mär von 1200 „Schutz”-Häftlingen und schrieb (und ich zitiere nach R. Nörtemanns Buch Sand in den Schuhen Kommender. Gertrud Kolmars Werk im Dialog):

In dem großen Hof befanden sich bei meiner Anwesenheit einige hundert Leute, einige davon marschierten mit Gesang, während ein anderer Teil sich mit Spielen unterhielt. Alle waren sie ganz bei der Sache, die sie sehr zu lieben schienen. „Wie ist ihr Name?” fragte ich einen […]. – „von Ossietzky.” Der Kommandannt erklärte mir, dieser Mann war früher der Herausgeber der „Weltbühne”. „Ich bin kein Kommunist”, erklärte mir der Gefangene. „Ich bin Sozialdemokrat und habe meine Meinung nicht geändert.” Viele der anderen Gefangenen jedoch gaben zu, daß ihre frühere kommunistische Idee vollkommen falsch war und dass, wenn sie jetzt frei kommen, sie sich nicht mehr mit Politik befassen werden.

Das Einzige, was Frazer zu bemängeln hatte, war, dass nicht jeder Gefangene Arbeit fand. Weil manche unter den Augen der Wächter ganz offen zugaben, dass sie früher Kommunisten gewesen seien, war das für ihn der beste Beweis, „Dass alles Gerede von Terror in den Konzentrationslagern leeres Gerede ist.”

Scheinbar funktioniert heute Berichterstattung besser, aber offen angesprochen wird nach wie vor nicht, wie es sein kann, dass es auf unserer Erde so vielen Menschen so liederlich geht und warum einige wenige diesen üblen Lauf der Welt zu bestimmen vermögen. Die Menschheit kuscht nach wie vor der „Wahrheit“ einiger weniger.

Die hier umhergehn, sind nur Leiber

Wenige Tage zuvor war Gertrud Kolmars Cousin Georg Benjamin, deutscher Kinderarzt und später in Mauthausen liquidiert, der bereits seit April 1933 wegen illegaler Tätgkeit für die Kommunistische Partei Deutschlands in „Schutzhaft” genommen und in die Strafanstalt Plötzensee verbracht worden war, in das KZ Sonnenburg überführt worden, als sie am 17. September 1933 den oben auszugsweise zitierten Bericht Frasers, der auch im Berliner Tagblatt stand, las. Daraufhin schrieb sie ihr im fünfhebigen Jambus – ungewöhnlich die Reimfolge abaab – verfasstes Gedicht „Im Lager”, und gab damit zu erkennen, dass, wer wissen wollte, wissen konnte, was abläuft und wie es den Menschen geht; man braucht, wie auch heute, eigentlich nur hinzuschauen und kommt zu dem Schluss:

Die hier umhergehn, sind nur Leiber
Und haben keine Seele mehr,
Sind Namen nur im Buch der Schreiber,
Gefangne: Männer. Knaben. Weiber.
Und ihre Augen starren leer (schwer)

Mit bröckelndem, fallnem Schauen
Auf Stunden, da in düstrem Loch
Gewürgt, zertrampelt, blindgehauen
Ihr Qualgeächz, ihr Wahnsinnsgrauen,
Ein Tier, auf Händ und Füßen kroch . . .

Sie tragen Ohren noch und hören
Doch nimmermehr den eignen Schrei.
Die Kerker drücken ein, zerstören:
Kein Herz, kein Herz mehr zum Empören!
Der feine Wecker schrillt entzwei.

Sie mühn sich blöde, grau, entartet,
Von buntem Menschensein getrennt,
Stehn, abgestempelt und zerschartet,
Wie Schlachtvieh auf den Metzger wartet
Und dumpf noch Trog und Hürde kennt.

Nur Angst, nur Schauder in den Mienen,
Wenn nachts ein Schuß das Opfer greift . . .
Und keinem ist der Mann erschienen,
Der schweigend mitten unter ihnen
Ein kahles Kreuz zur Richtstatt schleift. –

Zeilen wie die der zweiten und vierten Strophe findet man in der deutschen Lyrik in ihrer Art und Weise, sprachlich auf die Realität zuzugreifen, selten; da finden sich bisher nie geschriebene Worte wie Qualgeächz (II,4) oder zerschartert (III,4), in der dritten Zeile der zweiten Strophe eine Partizip-Perfekt-Klimax – alles ist so perfekt  und schon geschehen -, mithin eine Steigerung unsäglicher Geschehnisse (Gewürgt, zertrampelt, blindgehaueneinfach bitte vorstellen!), die unmenschlicher kaum sein kann. Und Ohren, die nicht mehr hören, Körper ohne Seelen, die Doppellung von kein Herz und Menschen, die wie Schlachtvieh auf den Metzger warten – das ist kaum in seiner bildhaften Gewalt überbietbar.

Das Üble ist nur, wenn man die Realität unserer Tage anschaut: die Mehrheit der Menschen hat nichts dazugelernt; die offensichtliche Wirklichkeit wird weiterhin nicht ernst genommen; allein die Berichte aus den Lagern von Syrien und Griechenland sind eigentlich unerträglich.

Es gibt aber Gott sei Dank ein paar mehr, die sich wehren, allen voran diese Tapferen – vor allem sind es junge Menschen – in Hongkong, die bereit sind, sich zusammenschlagen zu lassen und zum Dank von den sattgefressenen und selbstgefälligen Politikern dieser Welt nicht unterstützt werden – von den Kirchen ganz zu schweigen, die mit ihrem Vermögen, ihren Hunderten von Milliarden Euro/Dollar, beschäftigt sind, die sie den Flüchtlingen und Armen dieser Welt vorenthalten, um die Gebote ihres Goldenen Kalbes zu erfüllen.

In den letzten Zeilen spielt Gertrud Kolmar auf Jesus an und diese bitteren Zeilen sind wohl ziemlich sicher zurückzuführen auf die Kollaboration der Kirchen mit den Nationalsozialisten – wobei es mutige Ausnahmen unter Priestern und Pfarrern gab, so wie es heute noch Menschen gibt (Angela Merkel, die maximal mal das Gesicht verzieht, nutzt ihre Möglichkeiten nicht im geringsten), die sich gegen die Trumps, Johnsons, Xi Jinpings und Putins dieser Welt stemmen.

 

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„Was war ich? Kleines Weiberwesen, Unrast und Beschwerde, / Das Zündholz, das sich einer strich.“ – Verse einer großen Unbekannten.

Bittere Worte einer zutiefst verletzten Frau, Gertrud Kolmar, die – kaum mehr als zwanzig Jahre alt – einen Offizier kennenlernte, den sie unendlich liebte und ein Kind von ihm unter dem Herzen trug, das sie auf Druck der Eltern abtreiben lassen musste, ein Trauma, das sie ihr Leben lang nicht überwand. Jener Name, von dem im folgenden Gedicht die Rede ist, war wohl der Name ihres nie geborenen Kindes; sie wusste ihn wohl schon; doch nicht von ungefähr blieben die Vögel fern.

Das Leben dieser für mich großen Dichterin endete in Auschwitz 1943, und sie gehörte wohl zu jenem Transport, von dem ein Gutteil fast unmittelbar nach der Ankunft vergast wurde.

Wie groß ihre Liebe zu besagtem Offizier war, aber auch, wie sie – die, für mich nicht nachvollziehbar, sehr unbekannt geblieben ist, geboren wurde sie 1894 in Berlin – , so leidenschaftlich lieben und schreiben konnte, wird in Du offensichtlich, ein Gedicht, das wohl ihrem nie geborenen und deutlich am Ende der vorletzten Strophe angesprochen Kind gilt:

.

Du. Ich will dich in den Wassern wecken!
Du. Ich will dich aus den Sternen schweißen!
Du. Ich will dich von dem Irdnen lecken,
Eine Hündin! Dich aus Früchten beißen,
Eine Wilde! Du. Ich will so vieles –
Liebes. Liebstes. Kannst du dich nicht spenden?
Nicht am Ende des Levkojenstieles
Deine weiße Blüte zu mir wenden?

Sieh, ich ging so oft auf harten Wegen,
Auf verpflastert harten, bösen Straßen;
Ich verdarb, verblich an Glut und Regen,
Schluchzend, stammelnd: >>. . . über alle Maßen . . .<<
Und die Pauke und das Blasrohr lärmten,
Und ich kam mit einer goldnen Kette,
Tanzte unter Lichtern, die mich wärmten,
Schönen Lichtern auf der Schädelstätte.

Und ich möchte wohl in Gärten sitzen,
Auch den Wein wohl trinken aus der Kelter,
Doch die Lider klafften, trübe Ritzen,
Und ich ward in Augenblicken älter.
Und auf meinen Leichnam hingekrochen
Ist die Schnecke träger Arbeitstage,
Zog den Schleimpfad dünner grauer Wochen,
Schlaffer Freude und geringer Plage.

In den Wäldern bin ich umgetrieben.
Ich verriet den Vögeln deinen Namen,
Doch die Vögel sind mir ferngeblieben;
Wenn ich weinte, zirpte keiner: Amen.
Und die Scheckenkühe an den Rainen
Grasten fort mit seltnem Häupterheben.
Da entfloh ich wieder zu den Steinen,
Die mir dieses Kind, mein Kind nicht geben.

Einmal muß ich noch im Finstren kauern
Und das Göttliche zu mir versammeln,
Es beschwören durch getünchte Mauern,
Seinem Ausgang meine Tür verrammeln,
Bis zum bunten Morgen mit ihm ringen.
Ach, es wird den Segen nimmer sprechen,
Nur mit seinem Schlag der erznen Schwingen
Diese flehnde Stirn in Stücke brechen…

.

Wie sehr das im Schlussvers der vorletzten Strophe erwähnte Kind sie mitnimmt und nie loslassen wird, wird noch in einigen anderen Gedichten deutlich, u.a. in Wahn:

Die Nacht steht draußen und die Wiege leer.
Und die sie schaukelt, eine bleiche Frau,
Trägt Strähnenhaare, schwarz und zäh wie Teer.
Vor ihrem Herzen ballt sich Grau zu Grau:

Der Tisch, das Bett, der Schrank und was da ist,
Der Tag, der Wald, die Liebe, was da war,
Das raschelt leicht und trocken wie Genist
Entflognen Spötters vom vergangnen Jahr.

Der Wiegebogen taumelt her und hin;
Sie klammert ihn mit nacktem Fuß und haucht
Ein Schlummerlied, das müde, ohne Sinn
Und ohne Hall in Schattenwasser taucht.

Sie hegt ein Kindlein, das vielleicht schon starb,
Und nickt dem Kindlein, das sie nie gebar;
So lieblich war es, weiß und nelkenfarb,
Mit Silbergrannen dicht im Roggenhaar.

Es hat mit soviel Freundlichkeit und Licht
Ihr einsam armes Leben ganz verwirrt;
Sie schaut es immer an und sieht es nicht
Und zittert, wenn der barsche Frost erklirrt,

Am Fenster rüttelt, wenn der Wächter bellt,
Den gelben Mond ein fernes Käuzchen höhnt,
Beschwichtigt murmelnd ihre kleine Welt
Und rührt die Klapper an, die beinern tönt…

Die Nacht steht drinnen und die Wiege leer.
Und die sie hütet, eine irre Frau,
Löst Seidenhaare, wallend wie das Meer
Und duftend, dunkel hyazinthenblau.

 

mehr von ihr: hier

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Ein notwendig frauliches Bewusstsein: ohne männliche Seite keine Entfaltung der eigenen Weiblichkeit. – Annette von Droste-Hülshoffs „Am Turme“.

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Am Turme

Ich steh‘ auf hohem Balkone am Turm,
Umstrichen vom schreienden Stare,
Und lass‘ gleich einer Mänade den Sturm
Mir wühlen im flatternden Haare;
O wilder Geselle, o toller Fant,
Ich möchte dich kräftig umschlingen,
Und, Sehne an Sehne, zwei Schritte vom Rand
Auf Tod und Leben dann ringen!

Und drunten seh‘ ich am Strand, so frisch
Wie spielende Doggen, die Wellen
Sich tummeln rings mit Geklaff und Gezisch
Und glänzende Flocken schnellen.
O, springen möcht‘ ich hinein alsbald,
Recht in die tobende Meute,
Und jagen durch den korallenen Wald
Das Walroß, die lustige Beute!

Und drüben seh‘ ich ein Wimpel wehn
So keck wie ein Standarte,
Seh‘ auf und nieder den Kiel sich drehn
Von meiner luftigen Warte;
O, sitzen möcht‘ ich im kämpfenden Schiff,
Das Steuerruder ergreifen
Und zischend über das brandende Riff
Wie eine Seemöve streifen.

Wär‘ ich ein Jäger auf freier Flur,
Ein Stück nur von einem Soldaten,
Wär‘ ich ein Mann doch mindestens nur,
So würde der Himmel mir raten;
Nun muß ich sitzen so fein und klar,
Gleich einem artigen Kinde,
Und darf nur heimlich lösen mein Haar
Und lassen es flattern im Winde!

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1842 hat Annette von Droste-Hülshoff obige Verse geschrieben, da war sie 45 Jahre alt, wahrlich kein biblisches Alter, dennoch aber schrieb diese 1,50 Meter große Frau, die ihr Leben lang kränklich war, in dieser Zeit auch Zeilen, die vermittelten, dass sie sich dessen bewusst war, nicht mehr allzu lange zu leben.

Drei Männer hatte sie geliebt, womöglich nicht einen körperlich. Zwei hatten ihr übel mitgespielt, in die sie sich zu gleicher Zeit verliebt hatte. Der eine, August von Arnswaldt, ließ sie fallen, nachdem er ihr ein Geständnis ihrer Zuneigung entlockt hatte, und erzählte alles brühwarm jenem jungen Mann, Heinrich von Straube, der, ganz im Gegensatz zu Arnswaldt, ein wohl ziemlich hässlicher Gevatter war, aber von seiner Persönlichkeit her genialisch-exaltiert, in den sich Annette ebenfalls verliebt hatte. Beide verfassten dann jenen Absagebrief, der in die Literaturgeschichte einging, weil er das weitere Leben einer der größten deutschen Dichterinnen prägte; beide kündigten ihr die Freundschaft auf, was über kurz oder lang natürlich ihre ganze adelige Sippschaft samt Umfeld wusste. Was muss Annette gelitten haben! Und ausgerechnet die Frau, der sie sich brieflich anvertraute, heiratete dann einige Jahre später den einen der beiden, was insofern unglücklich war, als unsere Dichterin in dem brieflichen Kontakt ein Ausmaß der Schuld auf sich genommen hatte, das auf dem Hintergrund des bigott-durchtriebenen Verhaltens der beiden Männer gewiss nicht gerechtfertigt war.

Ihre größte Liebe trat Jahre später in ihr Leben, ein 17 Jahre jüngerer Mann, den sie als hübschen Jungen, dem früh die Mutter, die sie gut kannte, starb, in Münster kennengelernt hatte, und mit dem sie in einem späteren Lebensabschnitt für einige Monate, wenn auch in getrennten Türmen, die Meersburg teilte, bis er wegzog.  Sie wohnte im Nordost-Turm, in dem die Schwester ihr ein bescheidenes Zimmer eingeräumt hatte, Levin Schücking, so hieß der junge Mann, im Südwest-Turm. Ihre Liebe zu ihm ist unüberlesbar:

Blick‘ in mein Auge, – ist es nicht das deine,
Ist nicht mein Zürnen selber deinem gleich?
Du lächelst und das Lächeln ist das meine,
An gleicher Lust und gleichem Sinnen reich;
Worüber alle Lippen freundlich scherzen,
Wir fühlen heil’ger es im eignen Herzen.

Falls es je Phasen gab, in denen sie sich Illusionen oder ungebremst Phantasien hingab, so wurde ihr doch schnell klar, dass – vielleicht hat sie es für sich nicht so radikal formuliert – Levin nicht das innere Format hatte, ihrer Liebe gerecht zu werden (wobei man nicht vergessen darf, dass er wesentlich jünger war und sein Lebensskript gewiss einen weiteren Verlauf ohne Annette von Droste-Hüshoff vorsah); jedenfalls schreibt sie:

Du zweifelst an der Sympathie
Zu einem Wesen dir zu eigen?
So sag‘ ich nur, du konntest nie
Zum Gletscher ernster Treue steigen,
Sonst wüßtest du, daß auf den Höhn
Das schnöde Unkraut schrumpft zusammen
Und daß wir dort den Phönix sehn,
Wo unsre liebsten Zedern flammen.

Es sind dies Verse, wie sie all jene schreiben könnten, die mit ihrer Liebe die mindere Liebesfähigkeit eines geliebten Menschen zudeckten, so dass sie nicht bemerkten, dass die vermeintliche Gegenliebe nur ihre eigene übergroße war. – Annette von Droste-Hülshoff deutet hier an, dass ihr dieses seelische Geschehen bewusst geworden ist.

Die folgende Strophe ist für mich deshalb so beeindruckend, weil sie jenes Gebot einbezieht, dass Menschen darauf verweist, Gott und den Gott im Menschen nicht in ein Bildnis zu sperren:

Sieh her, nicht eine Hand dir nur,
Ich reiche beide dir entgegen,
Zum Leiten auf verlorne Spur,
Zum Liebespenden und zum Segen,
Nur ehre ihn, der angefacht
Das Lebenslicht an meiner Wiege,
Nimm‘ mich, wie Gott mich hat gemacht,
Und leih‘ mir keine fremden Züge!

Annettes Hingabe jedenfalls ist offensichtlich. Es sollte jedoch nicht allzu lange dauern, dass beider Verhältnis sehr erkaltete. Im Grunde hätte es die Droste voraussehen können – sie hat es auch, wie angesprochen, in gewisser Weise.

Später wird Schücking schreiben, er habe damals mit Empfindungen,  die über sich selbst nicht klar gewesen seien, in die großen, leuchtenden Augen der besten Freundin seines Lebens geschaut. Doch war diese Liebe im Grunde wohl immer sehr einseitig. Annette hat ihre ganze Liebe, deren sie fähig war, in ihn hineinprojiziert, in einen durchaus attraktiven jungen Mann, der sich einer kränklichen Frau gegenüber sah, deren dichterisches Vermögen er erkannte und das er auch durch seine Gegenwart in ihr belebte und so dazu beitrug, dass sie es zu einer Meisterschaft wachsen lassen konnte, so dass dieser Zeitraum zu einem großen der deutschen Literatur wurde, denn Annette von Droste-Hülshoffs Weise zu schreiben hat etwas Einzigartiges.

Man kann sich allerdings nicht des Eindrucks erwehren, dass Schücking, als er ihr von einer Frau, die er liebte, vorschwärmte, sich in einem Ausmaß als Elefant im Porzellanladen erwies, wie es bei größerer Sensibilität nicht hätte sein müssen. Man mag sich fragen, in welchem Ausmaß sich Annette ihren Gefühlen diesem so viel Jüngeren gegenüber hingab. Vergessen wir aber nur nicht, dass sich der 72-jährige Goethe in  eine 17-Jährige verliebte und sie heiraten wollte, ja seinen Fürsten schon als Brautwerber verpflichtet hatte, bevor er zur Vernunft kam, nachdem die junge Dame an der Hand ihrer Mutter, der alles ziemlich peinlich war, von Marienbad nach Karlsbad geflüchtet war, auch, um das Gerede der Leute zu beenden (Goethe war dann sogar nochmals hinterhergereist, bevor er zur Vernunft kam).

Es ist ein Recht jeden Alters, sich Liebesgefühlen hinzugeben.

Im April 1842 verließ Schücking Meersburg, da war er 28 Jahre alt. In der Zeit davor hatte Annette mehr als 50 Gedichte verfasst  und es wird so gewesen sein, dass  ihre Muse mittels der Gefühle für den geliebten Freund eine bis dahin verborgene Quelle in der damals über 40-Jährigen öffnete. Ende September 1841 war Annette mit ihrer Schwester und deren beider Töchter nach Meersburg gereist. Seit Anfang Oktober wohnte auch Schücking auf der Burg. So lang also war ihre gemeinsame Meersburger Zeit nicht. Dennoch aber war sie gewiss intensiv. Obiges Gedicht wird entstanden sein, als er nicht mehr auf der Meersburg weilte.

Man sieht förmlich die Droste auf dem Balkon des Turmes stehen und ahnt, was sie gefühlt haben muss und wie sie sich fühlte, denn alle Bilder, die wir kennen, zeigen sie mit strengster Frisur, die Haare engstens der Kopfhaut anliegend. Nicht die Spur von Freiheit, die jemals diesen Haaren vergönnt gewesen sein mag.

Wir wissen, welche Bedeutung den Haaren zukommt, welche Macht mit weiblichen Haaren verknüpft war, so dass sich Nonnen und jüdische Frauen – gewiss nicht immer freiwillig – der Haare verlustig geben, zumindest aber ein Kopftuch, wie es auch für moslemische Frauen gilt, tragen mussten, und welche Verfügungsgewalt Frauen über Haare hatten, man denke an die biblische Geschichte von Simson und Delila (mehr zum Thema Haare und Frauen hier). Zeit ihres Lebens hat die Droste den Zeitnormen entsprechend ihre Haare einem dressierten Frisurengefängnis zwangsverpflichtet. Wenn man Bilder von ihr unter diesem Blickwinkel sieht, wird deutlich, was einen intuitiv stören, ja fast weh tun mag > Bilder von ihr.

Hier aber empfindet sie sich als Mänade, jene hemmungslose Gefolgschaft des Gottes Dionysos, der besser kein Mann in den Weg kam (wir wissen um das Schicksal des Orpheus). Sie setzt sich nicht nur dem Wind, wilder Geselle zugleich und toller Fant, also jugendlichster Ausgelassenheit aus, nein, sie setzt ihm zu – etwas vorsichtiger formuliert sie dann doch: sie möchte es tun (Ich möchte dich kräftig umschlingen). Gleichzeitig aber lässt sie keinen Zweifel: Was sie empfindet, was geschieht, ist absolut existentiell, es ist auf Tod und Leben. Ihr ganzes Sein ist inbegriffen, natürlich auch körperlich-sexuelle Lust.

Auch wenn in der zweiten Strophe nur wieder von mögen geschrieben steht, die Dynamik dessen, wessen sie ansichtig wird und womit sie sich so sehr gedanklich verbindet (O, springen möcht‘ ich hinein alsbald, / Recht in die tobende Meute), vermittelt eine Intensität, die weit über das hinausgeht, was diese kränkliche und sich selbst als ältlich empfindende adlige Dame eigentlich hätte aushalten können.

Sie sieht auf den Bodensee, das Schwäbische Meer; das Schiff steht für ihr Lebensschiff, und sie hätte es so gern – wie sehr ist das fühlbar -, dass sie wirklich, am liebsten wohl auch körperlich, mit den Elementen und dem Leben um ein spürbar elementares Leben kämpfen dürfte: O, sitzen möcht‘ ich im kämpfenden Schiff, / Das Steuerruder ergreifen (…)

Wie sehr sie sich reduziert wahrgenommen haben muss, vermitteln die beiden ersten Verse der letzten Strophe (Wär‘ ich ein Jäger auf freier Flur, / Ein Stück nur von einem Soldaten), gewiss im Konjunktiv II gehalten, dem Bewusstsein der Nicht-Wirklichkeit, und doch nehmen wir die Klimax, die Steigerung in Jäger, Soldat und Mann war, am liebsten Mann – um den geht es in Wirklichkeit vor allem, auch wenn sie ihn mit einem „nur“ versieht – fühlt sie sich doch als Weib gleichsam vom Himmel ausgeschlossen (Wär‘ ich ein Mann doch mindestens nur, / So würde der Himmel mir raten).

Nicht das leiseste Bewusstsein einer doch so wertvollen Weiblichkeit. Genauer gesagt: Wie sehr mag sie fühlen, dass sie dieser angesprochenen Männlichkeit bedurft hätte, der Kraft also der männlichen Seite, um ihre Weiblichkeit hätte leben zu können!

Flucht in die Männlichkeit? Für mich beileibe nicht. So wie Männlichkeit erstarrt  und irgendwann an der eigenen Härte zerbricht, also ohne Weiblichkeit keine wahre Männlichkeit entfaltet, so geht es umgekehrt dem Weiblichen auch: Ohne Männliches gibt es keine lebensfähige, lebendige Weiblichkeit (von hier aus wird die ganze Weisheit des Yin-Yang-Symbols deutlich,  wenn immer in der einen Seite die andere notwendig enthalten ist).

Von Flucht kann deshalb keine Rede sein, auch wenn manche psychologisch das so werden verstanden sehen wollen und von Ersatz, Kompensation und Ähnlichem reden, nicht erkennend, wie sehr diese Verse notwendig sind, weil sie einen Mangel bewusst werden lassen, der im Fall der Droste kaum behebbar war. Sie musste wohl schon nach dem Eklat damals mit ihren 23 Jahren erkennen, dass grundsätzlch eine Beziehung nun schwer werden würde (auch aufgrund der eigenen tiefen Verletzung). Zu sehr mag sie sich selbst auch des ganzen Geschehens geschämt haben, wiewohl sie sich nach außen  hin wohl wenig hat anmerken lassen. Aber wie hätte eine feinfühlige Seele wie die der Droste das Geschehene verarbeiten sollen? Wie sehr mag sie auch mit der Gestalt des Friedrich Mergel in der Judenbuche sich selbst beschrieben, zumindest aber mit ihm mitgefühlt haben, mit seinem Heimatverlust, dem Verlust eigener Identität!

Gerade auf dem Hntergrund dieses fast erzwungenen Verzichtes auf ein Leben mit einem Mann ist dieses geschilderte Er-Leben in den Wogen ihrer männlichen Seite meines Erachtens für ihre Seele so wertvoll, nicht als Kompensation, sondern als Wahr-Nehmen einer möglichen Fülle.

Ein mir persönlich unbekannter Deutschkollege, der zahlreiche Bücher zu Interpretationen lyrischer, epischer und dramatischer Texte geschrieben hat und eine umfangreiche Web-Site mit Interpretationen betreibt, schreibt zu dem Gedicht:

Wenn man in Ruhe über das Gedicht nachdenkt, muss man feststellen: Viel ist der Droste hier nicht eingefallen. Selbst wenn man die konservative, weil letztlich rollenbestätigende Fantasie „Ja, wenn ich ein Mann wäre…“ akzeptiert, sind die darin fantasierten Lebensvollzüge nur die von körperlich kräftigen jungen Männern; Jäger und Soldaten werden genannt – bedeutende Jäger und Soldaten des 19. Jahrhunderts kenne ich allerdings nicht. Jäger und Soldaten standen in Diensten des Adels, also im Rang unter der Droste, sie werden als knackige Jungs fantasiert. Die Reduktion des Mannes auf die körperlich sich frei entfaltende Kraft entspringt der kompensatorischen Fantasie einer älteren kränklichen Dame; emanzipatorisch und sachlich bedeutsam war das Gedicht bereits für ihre Zeitgenossen kaum, höchstens als Zeugnis des Leidens an der Frauenrolle

Schlimmer geht´s nimmer (als ob es z.B. um reale Jäger und Soldaten des 19. Jahrhunderts in dem Gedicht gehen würde …) . Mir tun vor allem jene jungen Damen Leid, die seelisch der Annette von Droste-Hülshoff ähnelten: verstanden haben kann der Kollege sie in seinem Lehrerleben wohl kaum. Wie gut wäre es, wenn er für seine weibliche Seite leisten würde, was Annette von Droste-Hülshoff mit ihrem von ihm so unverstandenen Gedicht ihrer männlichen zukommen ließ.

Deutlich wird, dass sie wusste, wie es um ihre männliche Seite bestellt war. Gut, dass ihr all das, all die Bilder eingefallen sind, von denen sie geschrieben hat. Am Turme mag für sie selbst eines ihrer wertvollsten Gedichte gewesen sein. Warum: Indem sie dieses Gedicht schreibt, erkennt sie, was sie nicht leben konnte. Gewiss hat ihr adliges Umfeld eine wesentliche Rolle gespielt, gewiss auch die Zeit, in der sie lebte; aber sie mag sich dessen bewusst gewesen sein, dass nicht alles an äußeren Bedingungen gelegen haben mag: Jeder bringt in sein Leben einen Schatz von Erfahrungen und seelische Konstellationen mit, die zu ihm und nur zu ihm gehören: vieles gilt es zu verwandeln. In der Realität mag dies der Droste nicht gelungen sein. Warum aber dieses Gedicht so wertvoll ist für ihre weiteren Leben: Es ist ihr ganz offensichtlich klar, was sie nicht zu leisten, zu leben vermochte und für mich ist offensichtlich, wie sehr sie das tun will und wird, sobald sie es wieder tun darf. Gerade, weil sie diese Seite so wenig leben konnte, hat sie sie mit großer Klarheit anschauen müssen – und eben auch dürfen. Das wird Zeile für Zeile deutlich: Sie weiß um die ungelebte Mänadenseite in sich, weiß um ihre Wünsche, weiß um ihren Standpunkt und wie sehr sie entfernt ist von dem tosenden Meer  und wie gern sie auf andere Weise Lebenskräfte spüren würde, sie weiß um ihr Rapunzeldasein. Vielleicht aber hat ihr Glaube ihr ermöglicht darum zu wissen, dass die äußere Realität nicht die entscheidende ist, sondern die seelisch-geistige. Noch der letzte Vers lässt in der Intensität der Sehnsucht deutlich werden, dass, indem sie die Verse formuliert, diese so wertvoll für sie sind.

Wir sollten nie unterschätzen, wie wichtig es ist, dass wir in Gedanken uns unsere Zukunft bahnen.

In meinem letzten Video In der Schwebe des Lebendigen habe ich jene Worte aus Wilhelm Meister Lehrjahre zitiert, mittels deren uns Goethe bewusst werden lassen kann:

Wenn wir die Menschen nur nehmen, wie sie sind, so machen wir sie schlechter; wenn wir sie behandeln, als wären sie, was sie sein sollten, so bringen wir sie dahin, wohin sie zu bringen sind.

Das gilt genau auch für uns selbst.

Vergessen wir auch nicht: Es gibt Leben, in denen Menschen eine oft schreckliche Mangelsituation erleben, die vor allem dazu zu dienen scheinen, sich der Bedeutung, dessen man sich ermangelt, bewusst zu werden. Ich glaube zum Beispiel zu spüren, dass meine Mutter solch ein Leben ohne wirkliche Liebe lebte, um zu erfahren, wie bedeutend und wertvoll Liebe sei. Das mag für den ein oder anderen schrecklich klingen nach dem Motto: Wie kann Gott so etwas zulassen? 

Was mir in letzter Zeit bewusst geworden ist, als ich mich mit dem unsagbaren Leid auf der Erde auseinandersetzte und es nicht begreifen wollte: Wenn diese Zeit des Leidens für die Menschheit vorbei ist, könnte der ein oder andere an Gott – wie immer er auch aussieht und wer auch immer Unvorstellbares er sein mag – herantreten und ihm den Vorwurf machen: Warum hast Du uns nicht länger und intensiver leiden lassen, nunmehr in der Erkenntnis, dass, je tiefer das Leiden ist, desto tiefer auch das Bewusstsein ist, um das es geht. Es ist wie in den Bergen mit einem Bergsee: je tiefer er ist, desto höher sind die umliegenden Berge. So wird es auch mit unserem Bewusstsein sein.

Noch in der letzten Strophe tauchen wieder ihre Haare auf. Wie sehr weisen sie auf die Intensität des seelischen Geschehens hin. Wie sehr schwenkt mit ihrer Erwähnung das Bewusstsein zurück und diese Frau empfindet sich als ein eingesperrtes Rapunzel, das zwar heimlich sein Haar lösen kann, doch weiß, dass es nie einen Mann wird zu ihm den Weg finden lassen können.

Kein Wunder, dass bald darauf die Quelle in ihr versiegt. Die Liebe zu Schücking erkaltet, ja bricht im Grunde. Sie kritisiert sein Verhalten in manchem Brief und ich kann es nachvollziehen. 1846 erkrankt sie schwer, reist noch einnmal in ihre westfälische Heimat, um dann doch an den Bodenssee zurückzukehren, wohl weil sie hier sterben wollte, wo sie mehr Weite empfand. Ihr liebstes Buch damals ist Thomas von Kempens Nachfolge Christi. In jener stand sie Zeit ihres Lebens. Am 24. Mai 1848 stirbt sie auf der Meersburg, für unsere Zeit heute ein nicht gerade langes Leben, aber an Erfahrungen und Gedanken und Worten so reich.

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„Wohin dein Herz mich führe / frag ich nicht nach.“ – Frauen wollen keinen Mann ohne Herz – wenn er aber Rilke heißt? Eine Gedichtinterpretation in Gender-Zeiten.

Alle zwei, drei Wochen gucke ich mal in einem Literaturforum vorbei, in dem ich Mitglied bin. Die am liebsten gelesene Literatur sind eine gewisse Art von Poesiealbum-Sprüchen, wenn bitte möglich von einem möglichst namhaften Dichter; und wenn man dann noch ein schönes Bild zufügt, sind 30 bis 120 Likes möglich/sicher. Selten, dass mir mal um die sechs, sieben Likes vergönnt waren (seufz – schnief). Mein letzter Beitrag bekam gerade mal vier Likes und es ging um das Gedicht, dessen erste Strophe lautet

Ein halbes Jährchen hab’ ich nun geschwommen
Und noch behagt mir dieses kühle Gleiten,
Der Arme lässig Auseinanderbreiten –
Die Fastenspeise mag der Seele frommen!

Zugegeben, diese Schwimmer-Gedichte und -Balladen à la Wie ich ein Fisch wurde sind nicht sonderlich attraktiv (blöderweise für mich schon und Conrad Ferdinand Meyers Nicola Pesce ist hier in Gänze nachzulesen).

Mein  Shakesspeare-Gedicht in Englisch und Deutsch, das ich zu veröffentlichen wagte, erhielt auch nur vier – es ist hier auf meinem Blog zu sehen (heul).

Ich fand das Gedicht echt gut, aber ich war halt so ziemlich der Einzige. Da kommt eine wenigzeilige Tagore-Weisheit einfach besser an:

Screenshot_2019-06-11 Weltliteratur – World literature(1).png

 

Oder hier, vor 14 Stunden veröffentlicht und bereits bei 62 Likes, sicherlich mit Aussicht auf 10, 20 weitere

 

Screenshot_2019-06-12 Weltliteratur – World literature.png

 

Nur scheinbar überraschenderweise macht ein Kommentator darauf aufmerksam, dass es besser sei, saubere Unterwäsche anzuhaben. Solche geistvollen Zitate wie jenes von Julian Barnes provozieren eben auch Geist – das multipliziert sich, deshalb wird unsere Welt auch so geistvoll . . .

Klar, wenn ich da mit einem der für mich besten Gedichte der neueren Zeit komme – logisch ist meine Wertung sehr subjektiv -, mit Enzensberger Befragung um Mitternacht, das beginnt:

wo, die meine hand hält, gefährtin,
verweilst du, durch welche gewölbe
geht, wenn in den türmen die glocken
träumen, dass sie zerbrochen sind,
dein herz?

wo, welchen kahlschlag durcheilst du,
die ich berühre wangenzart, welch ein
betäubendes nachtkraut streift dich,
träumerin, welch eine furt benetzt
deinen fuß?

ein Gedicht, das einen Mann sprechen lässt, der damit ringt, seiner Gefährtin Freiheiten jenseits alles Haltenwollens und allen Bildnisses Raum zu geben für ihre Reisen ohne ihn, für ihre Entwicklungen, die vielleicht nur ohne ihn möglich sind, da gibt das vier Likes für ein Thema, das weder Frauen noch Männer interessiert – kein Instant-Format.

Heute ist das so: Wenn man Likes abgreifen will (und nicht wenige in dem Forum legen es darauf an – es macht das Leben einfach auch sooo sinnvoooll), muss alles mundgerecht serviert sein (mehr als acht oder zehn Zeilen sind schon eine Zumutung). Es  zählt das Ergebnis, nicht die Entwicklung. Tagore schreibt zwar von begreifen (was irgendwie mit Entwicklung zu tun hat), aber sein Spruch lässt sich in 20 Sekunden lesen, lässt sich gegebenenfalls auf den eigenen Blog stellen oder an den Freund oder die Freundin schicken – und fertig. – Und es kommt noch hinzu:

Wer Tagore liked, liked auch sich und sagt damit: Ich hab ihn verstanden und Tagore gut zu finden, ist auch einfach wirklich cool; man ist quasi wie von selbst ein Kenner des Lebens und der Religionsphilosophie! Man fühlt sich nicht nur gleich richtig gut! Zugleich hat man offensichtlich einen Zugriff auf den Sinn des Lebens. Das ist Lebenssinn im Instant-Format! Das ist gefragt, nicht mehr ein ganzes Gedicht lesen oder gar ein Buch . . .

Verständlich, dass ich mittlerweile stolz auf jeden Nicht-Like bin. Ich könnte mir vorstellen, davon hab ich tausende . . . sagen wir: ein paar Dutzend.

Das folgende Gedicht von Rilke, das ein Mann, der, so mein Eindruck, durchaus einen tiefergehenden Zugang zur Literatur pflegt, in das Forum stellte, wurde auch mit ziemlich viel Nicht-Likes abgestraft, aber immerhin noch vier Likes:

Ich geh dir nach, wie aus der dumpfen Zelle
ein Halbgeheilter schreitet: in der Helle
mit hellen Händen winkt ihm der Jasmin.
Ein Atemholen hebt ihn von der Schwelle, –
er tastet vorwärts: Welle schlägt um Welle
der großbewegte Frühling über ihn.

Ich geh dir nach in tiefem Dirvertrauen.
Ich weiß deine Gestalt durch diese Auen
vor meinen ausgestreckten Händen gehn.
Ich geh dir nach, wie aus des Fiebers Grauen
erschreckte Kinder gehn zu lichten Frauen,
die sie besänftigen und Furcht verstehn.

Ich geh dir nach. Wohin dein Herz mich führe
frag ich nicht nach. Ich folge dir und spüre
wie alle Blumen deines Kleides Saum..
Ich geh dir nach auch durch die letzte Türe,
ich folge dir auch aus dem letzten Traum …

.

Eben auch kein Instant-Format. Und dann diese Rilke-Bilder, da braucht man ja, um eines zu verstehen, so viel Zeit wie für ein Barnes-Zitat. – Aber es gibt doch noch den ein oder anderen, die ein oder andere Frau, die Rilke liest. Und Rilke ist immer wunderschön. Immer er ist er wunderschön. Oder, wie eine Kommentatorin schrieb: hinreißend schön.

Ehrlich, ich finde Rilke manchmal ziemlich kaputt.

Was folgenden Kommentar zur Folge hatte:

Das sind Verse, wie sie kaum einer so schreiben konnte wie Rilke. Doch gibt es eine Verehrung, die sich ins Ungesunde wenden kann; Goethes Werther hat das erleben müssen und andere Männer auch, die ihre männlich notwendige Seite einem Sehnsuchts-, einem Suchtgefühl, das einen so wunderbar umgarnen mag, opferten.
Diese Gefahr besteht immer; seit Goethes „Faust“ wissen wir: Das Ewig-Weibliche zieht – aber es zieht nicht naturnotwendig hinan. Schon manchen hat es in den Abgrund gezogen: Odysseus hätte es um ein Haar bei der Circe erlebt und der Schiffer in seinem Kahn auf dem Rhein weiß angesichts der Loreley auch ein Lied davon zu singen (Heine hat es dann für ihn tun müssen, nachdem der Schiffer zu viel Wasser schluckte).
Hier ist das lyrische Ich gleich einem erschreckten Kind, das seine ganzen Gefühle in das Herz der Angebeteten verlagert.
Es ist gut, wenn Männer sich von IHREM Herzen führen lassen. Manchmal ist es auch gut zu fragen. – Rilke hat das Gedicht ja seiner Lou geschrieben. Es ist wirklich schön, es fühlt sich so schön an. Rilke konnte das, in solchen Gefühlen sich baden. Ob für Männer das immer gesund ist, ist die andere Frage; für Rilke mag ich das bezweifeln.

Rilkes Gedicht stammt ja aus der Gedichtsammlung Dir zur Feier, wo sich ein Gedicht nach dem anderen förmlich für Lou Andreas-Salomé überschlägt, eine der begehrtesten Frauen ihrer Zeit – auch Nietzsche mag ein Lied davon singen -, die für Rilke wohl noch viel mehr Mutterersatz war als er für sie ein intellektuelles Spielzeug oder ein unterhaltsamer Reisebegleiter (nach Russland).

Ich finde,  und mir tut das fast weh: Da hat jemand sich als Mann aufgegeben – bzw.: er hat gar keinen Anspruch, meldet gar keinen Anspruch an, ein Mann zu sein. Vielleicht wirst Du sagen: Warum auch? Das muss ja nicht sein. Warum soll ein Mann sich nicht wie ein erschrecktes Kind fühlen? Warum soll er seine Furcht nicht eingestehen? Warum soll er nicht gestehen, dass er ihr folgt, noch über die Schwelle des Lebens, also bis in den Tod (mehr geht doch nun wirklich nicht)?

Ja, würde ich sagen, das kann man alles so sehen, das ist auch eine mögliche Persektive, und warum soll das lyrische Ich sich nicht als Halbkranker outen, kaum bodenverhaftet (Ein Atemholen hebt ihn von der Schwelle), sich vorwärts tastend.

Zumal es Verse gibt und Wortbildungen, die kaum jemand auch nur ansatzweise so schreiben kann wie Rilke. Wer schreibt von Dirvertrauen, wer evoziert ein Bild, dass eine Frau vor den ausgestreckten Händen eines blind sie Liebenden geht, der sie nie erreicht? Wer schreibt: Ich geh Dir nach (genauer gesagt schreibt er es fünfmal), um diesen Worten dann im zweiten Vers der dritten Strophe ein frag ich nicht nach folgen zu lassen (dir nach mit Echowirkung), dem ein Wohin dein Herz mich führe vorausgeht, wobei ein Enjambement, ein Zeilensprung, dem Folgenden eine Wertigkeit verleiht, die ungeheuer ist. Wer vermag eines Kleides Saum erspüren zu lassen, der aus allen Blumen besteht, aus allen! Anaphorisch wird dann wieder Ich geh dir nach aufgenommen, es folgt eine Metapher, die für den Tod steht (auch durch die letzte Türe),  und noch der letzte Vers verrätselt seinen letzten Traum, den das lyrische Ich sicherlich träumte mit ihr als Erträumter.

So können einfach nur wenige schreiben und ich kann nachvollziehen, dass man da einfach schreibt: hinreißend schön.

Aber als Mann finde ich das nicht schön: Ich stelle mir vor, Rilke hätte bei Lou gern mal beide Beine auf den Boden bekommen, er hätte sie wirklich wie ein Mann lieben wollen, wäre nicht nur ein Kind geblieben bzw. hätte sich liebend gern nicht immer nur zum Kind gemacht.

Oder konnte Rilke gar nicht anders? War das ein Problem seines Lebens, dass er mit Wortgirlanden ein Unvermögen umschrieb, seine männliche Seite auszuleben? – Rilke hatte immer Gönnerinnen, die ihm ein Schloss oder eine Nobelbleibe zur Verfügung stellten? Und niemand wirft ihm vor, dass er es kaum ein Jahr bei seiner Frau aushielt und, um ein Buch über Rhodin zu schreiben, nach Paris reiste/flüchtete, sein Kind den Großeltern überlassend.

Ja, das Gedicht klingt wunderschön und ist vielleicht auch wunderschön. Aber etwas in mir lehnt es ab. Werther hat sich von Lotte auf der Nase herumtanzen lassen (und wie toll fanden so viele diesen Werther, der nicht in der Lage war, konsequent zu handeln oder zu einer Frau zu sagen: Entscheide Dich, ich will dich! – Nein, stattdessen arrangierte er sich bis zur Selbstverleugnung mit ihrem Mann und gab das Einpersonenstück: Warten auf (Godot) den inneren Gekreuzigten.

Man kann sich auch in Worte flüchten und sich selbst etwas schönschreiben, was überhaupt nicht schön ist, sondern als unschöne Situation gelöst sein will.

Rilke spricht an keiner Stelle von seinem Herzen. Um das hätte er sich kümmern müssen. Lou Andreas-Salomé hatte Hunderte Bewunderer. Und gewiss war er so privilegiert, mit ihr nach Russland reisen zu dürfen. Aber ob sich da sein Herz verwirklichte: Ich glaube nicht und vermute, Lou hat sein Sich-sein-Herz-Versagen nicht als Verhalten eines Erwachsenen sehen können.

Ästhetisch kostümierte Selbstaufgabe. So kommt Rilkes Gedicht bei mir an. Ich will es nicht lesen. Es ist so viel männliches Unglück darin enthalten. Ich schreibe das auch in Gender-Zeiten. – Gerade deswegen!

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PS. Muss doch wenigstens ein wenig Abbitte tun bei den zehn Forum-Mitgliedern, die meine Veröffentlichung des doch ziemlich langweilig wirkenden Gedichtes von Annette von Droste-Hülshoff Die beschränkte Frau ( hier nachzulesen ) gut fanden. Das hätte ich nicht erwartet, dass immerhin zehn auf dieses für mich bemerkenswerte Gedicht reagieren! Freu! Ich finde, Annette hat´s verdient!

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Bleib unten, Nicola! – Ehrlich, ich kann den Mann verstehen! – Conrad Ferdinand Meyers „Nicola Pesce“.

Schiller verfasste aufgrund der Legende um Nicola seine Ballade Der Taucher, Conrad Ferdinand Meyer schrieb das Sonett um Nicola. Und ehrlich, so genial ich Schillers Ballade aufgrund dessen, wie gekonnt sie menschlich-seelische Realität abbildet, finde: ich finde Meyers Gedicht fast noch besser, um genau zu sein: Ich liebe es.

Nicola Pesce

Ein halbes Jährchen hab’ ich nun geschwommen
Und noch behagt mir dieses kühle Gleiten,
Der Arme lässig Auseinanderbreiten –
Die Fastenspeise mag der Seele frommen!

Halb schlummernd lieg’ ich stundenlang, umglommen
Von Wetterleuchten, bis auf allen Seiten
Sich Wogen thürmen. Männlich gilt’s zu streiten.
Ich freue mich. Stets bin ich durchgekommen.

Was machte mich zum Fisch? Ein Mißverständniß
Mit meinem Weib. Vermehrte Menschenkenntniß
Mein Wanderdrang und meine Farbenlust.

Die Furcht verlernt’ ich über Todestiefen,
Fast bis zum Frieren kühlt’ ich mir die Brust –
Ich bleib’ ein Fisch und meine Haare triefen!

.

Klar, das kann passieren, ein Streit mit der Frau und irgendwann reicht´s und du bleibst unten und stellst dir vielleicht vor, wie sie oben jammert und wehklagt. Irgendwie tut das gut, die Vorstellung, dass dich jemand vermisst. Zumal hier unten es gar nicht so fürchterlich ist, wie Schiller schreibt. Nach einem halben Jahr lässt sich feststellen, es tut nach wie vor gut, die Arme einfach lässig hängen zu lassen. Ein bisschen kalt ist es, okay, aber das Gleiten ist nach wie vor cool, niemand kräht und regt sich auf, wenn man stundenlang auf dem Rücken liegt und durch die Wellen das Wetterleuchten da oben draußen sich illuminieren lässt, da, wo man nicht mehr hin will. Oder du drehst dich einfach auf den Bauch und hast die Korallen vor dir. Diese Farben! Unbeschreiblich. Besser als Fernsehen. Klar muss man manchmal, wenn´s stürmt, fighten, wie halt im Leben oben auch. Auch als Fisch muss man bisweilen seinen Mann stehen. Aber bis jetzt bin ich immer durchgekommen.

Um meiner Frau nicht zu Unrecht zu tun, es war nicht nur sie, weswegen ich hier unten geblieben bin (ohnehin war´s ja eh wieder mal ein Missverständnis). Die Menschen waren einfach nicht mehr das, was sie mal waren. Wenn du zunehmend merkst, wie sie drauf sind, bleibst du einfach unten. Okay, anfangs hatte ich noch Herzrasen, wenn nach unten alles endlos war. Aber das gibt sich, zumal die Haie und Rochen, mit denen Schiller droht, sich hier noch nie gezeigt haben. Und – ganz nebenbei – schwimm ich auch nicht zum Friseur; ich mag es, wenn die Haare triefen.

Ehrlich, ich – und der Ich bin jetzt ich – könnt mich kringeln ob dieses Meyerschen Gedichts. Nichts a la Stapfen (das mag ich ja schon auch ganz arg) oder Füße im Feuer oder Der römische Brunnen. Ganz anders als gewohnt, Meyers Conrad. Immerhin hat er sein Gedicht ja als Sonett geschrieben und damit noch den Dichter rausgehängt. Das genügt dann auch!

PS.

Der Vollständigkeit halber hier noch die Legende und der Einfachheit halber wikipediakopiert:

Colapesce oder auch Cola Pesce, eigentlich Nikolaus, kurz Cola genannt, war Sohn eines Fischers aus Messina. Es wird erzählt, dass er oft zum Meeresgrund tauchte und anschließend von den Wundern und den Schönheiten berichtete, die er dort sah. Er soll sogar einmal einen Schatz mitgebracht haben. Diese Erzählungen erreichten auch den Kaiser von Sizilien, Friedrich II., der darauf die Fähigkeiten des Fischersohnes testen wollte. Der Kaiser ging daher mit einigen Beratern in einem Boot aufs Meer und warf eine Tasse ins Wasser, die sofort von Colapesce wieder heraufgeholt wurde. Der König war noch nicht zufrieden und warf seine Krone in tieferes Wasser und Colapesce holte sie wieder zurück nach oben. Beim dritten Mal soll Friedrich einen Ring in noch tieferes Wasser geworfen haben, doch Colaspesce erschien nicht mehr zurück an der Oberfläche.

Glaubt man der Legende, so sah Colapesce bei seinem letzten Tauchgang für Friedrich, dass Sizilien auf drei Säulen gebaut ist, von denen eine verrostet war, und er beschloss, unter Wasser zu bleiben und für den Kaiser die Säule zu unterstützen, damit die Insel nicht unterginge und er stütze sie noch heute. Wenn die Insel bebt, so heißt es, sei er erschöpft und wechsle die Schulter.

 

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„Könnt ich an ihrem Halse schluchzen, klagen!“ – Mutterwunden deutscher Dichter: Nikolaus Lenau, Heinrich Heine, Friedrich Hebbel, Karl May. – Ein Muttertagspost.

Ich trag im Herzen eine tiefe Wunde
Und will sie stumm bis an mein Ende tragen;
Ich fühl ihr rastlos immer tiefres Nagen,
Und wie das Leben bricht von Stund zu Stunde.

Schon mit 5 Jahren verlor Nikolaus Lenau, der bekannteste österreichische Lyriker des 19. Jahrhunderts, seinen Vater, der die Familie völlig verarmt zurückließ. Zunehmend wurde er unter drei Geschwistern das Lieblingskind seiner Mutter, die zwar erneut heiratete, aber sich, als Lenau 15 Jahre alt war, wieder trennte und fortan mit ihren Kindern unter ärmlichsten Verhältnissen lebte. Fast 16-jährig machte Lenau mit ausgezeichneten Leistungen sein Abitur. In der Folge brach er ein Philosophiestudium ab, studierte ungarisches Recht und in Wien Rechtswissenschaften.

Mit 24 Jahren wurde er Vater, die Vaterschaft allerdings zweifelte er an.
Lenaus wechselvolles Leben kann hier nicht weiter wiedergegeben werden, erwähnenswert ist aber v.a., dass er dreißigjährig nach Amerika auswandert, allerdings nach knapp einem Jahr und misslungenem Farmerleben und Bodenspekulationen enttäuscht zurückkehrt (in der Folge spricht er in einem Brief von den verschweinten Staaten von Amerika).

In Deutschland ist er, der vor seinem Amerikatrip seinen ersten Gedichtband herausgegeben hatte, ein bekannter Dichter. Weitere Veröffentlichungen, u.a. mit sehr kritischen Positionen der Kirche gegenüber, führen zu Schwierigkeiten mit der österreichischen Zensurbehörde.

Insgesamt ist seine Lyrik gekennzeichnet von einem Hang zu Weltschmerz, Melancholie und einer engen Beziehung zur Natur.
Kennzeichnend für sein Leben sind in der Folge wechselvolle und wenig glückliche Beziehungen zu einigen Frauen, vor allem zu der mit einem Freund verheirateten Sophie von Löwenthal. Seine Beziehungsversuche waren ebenfalls Anlass zu zahlreichen Gedichten (Goethe darin durchaus ähnlich).

42-jährig ereilt ihn ein Schlaganfall mit anschließenden schweren psychischen Störungen; er unternimmt mehrere Selbstmordversuche und wird in eine Heilanstalt in der Nähe Stuttgarts später in eine in der Nähe Wiens eingeliefert. 48-jährig stirbt er in geistiger Umnachtung.

Studiert man sein Leben gewinnt man den Eindruck, dass hier ein hochbegabter Mensch, hochsensibel und mit einem großen Hang zur Schwermut, was sich immer wieder auch in seinen Gedichten niederschlägt, mit den vielen Facetten seines Inneren nicht klarkam und nicht jenen Lebensplan, den vielleicht jeder Mensch sich vor seinem Leben vornimmt – bei manchen Menschen sind sie ja überdeutlich, denken wir an Künstler wie Bach, Mozart, Dürer, Goethe und andere -, verfolgen konnte. Womöglich hat ihm eine vorbildhafte Vaterenergie gefehlt und vielleicht hat er seinen vergeblichen Beziehungsversuchen seine Mutter gesucht.
Vielleicht war es eine Vater- und eine Mutterwunde, die er in sich trug; er selbst spricht in seinem Sonett Der Seelenkranke von nur einer Wunde, allerdings einer tiefen; man glaubt auch zu spüren, dass ihm in seinem Leben ein spiritueller Halt fehlte. Immer wieder ist es ja so, dass Menschen, die in ihrem Leben eine starke irdische Vaterenergie nie kennenlernten, nichts mit einer möglichen himmlischen anzufangen wissen:

Der Seelenkranke

Ich trag im Herzen eine tiefe Wunde
Und will sie stumm bis an mein Ende tragen;
Ich fühl ihr rastlos immer tiefres Nagen,
Und wie das Leben bricht von Stund zu Stunde.

Nur eine weiß ich, der ich meine Kunde
Vertrauen möchte und ihr alles sagen;
Könnt ich an ihrem Halse schluchzen, klagen!
Die eine aber liegt verscharrt im Grunde.

O Mutter, komm, laß dich mein Flehn bewegen!
Wenn deine Liebe noch im Tode wacht,
Und wenn du darfst, wie einst, dein Kind noch pflegen,

So laß mich bald aus diesem Leben scheiden.
Ich sehne mich nach einer stillen Nacht,
O hilf dem Schmerz, dein müdes Kind entkleiden.

.

Wer in seinen Werken herumschnuppern möchte, kann es im Rahmen von Projekt Gutenberg tun. Dort auf der Seite unten finden sich vier Links in seine Werke hinein.

Heinrich Heine (1797 – 1856) wuchs in behüteten und gesicherten bürgerlichen Verhältnissen auf. Er war der erste große Schriftsteller Deutschlands mit jüdischer Abstammung. Sein wechselvolles Leben verschlug ihn später nach Paris, wo er auch das im Folgenden zitierte Gedicht Nachtgedanken schrieb.

Zunächst aber seien zwei Strophen, die er seiner Mutter widmete, wiedergegeben und deutlich wird, wie sehr er sie liebte, obwohl sie ihm doch – als zukünftigem Schriftsteller von Weltrang – jeden Roman aus den Händen riss – vor der Poesie hatte sie Angst – und den Besuch des Schauspiels verbot. Dafür verkaufte sie Halsband und Ohrringe, um ihm sein Studium zu erleichtern. Sie war eine ganz praktische Natur. Dass er sein Dichtertalent nicht von seiner Mutter hatte, war Heine bewusst. Aber wie verehrte er sie!

Die folgenden zwei Strophen wird er mit 20 oder 21 geschrieben haben, vielleicht auch ein, zwei Jahre später; Genaueres ist nicht gesichert; das aber trübt nicht den Eindruck, wie sehr er sich nach ihrer Liebe sehnte:

I.

Ich bin’s gewohnt den Kopf recht hoch zu tragen,
Mein Sinn ist auch ein bisschen starr und zähe;
Wenn selbst der König mir in’s Antlitz sähe,
Ich würde nicht die Augen niederschlagen.
Doch, liebe Mutter, offen will ich’s sagen:
Wie mächtig auch mein stolzer Muth sich blähe,
In deiner selig süßen, trauten Nähe
Ergreift mich oft ein demuthvolles Zagen.
Ist es dein Geist, der heimlich mich bezwinget,
Dein hoher Geist, der Alles kühn durchdringet,
Und blitzend sich zum Himmelslichte schwinget?
Quält mich Erinnerung, daß ich verübet
So manche That, die dir das Herz betrübet,
Das schöne Herz, das mich so sehr geliebet?

II.

Im tollen Wahn hatt’ ich dich einst verlassen,
Ich wollte gehn die ganze Welt zu Ende,
Und wollte sehn ob ich die Liebe fände,
Um liebevoll die Liebe zu umfassen.
Die Liebe suchte ich auf allen Gassen,
Vor jeder Thüre streckt’ ich aus die Hände,
Und bettelte um gringe Liebesspende, –
Doch lachend gab man mir nur kaltes Hassen.
Und immer irrte ich nach Liebe, immer
Nach Liebe, doch die Liebe fand ich nimmer,
Und kehrte um nach Hause, krank und trübe.
Doch da bist du entgegen mir gekommen,
Und ach! was da in deinem Aug’ geschwommen,
Das war die süße, langgesuchte Liebe.

.

Ich verehre Heinrich Heine unter anderem wegen seiner Gedichte aus der Matratzengruft, wie er sein Zimmer über den Dächern von Paris nannte, in dem er nach langem Siechtum starb – es ist nicht gesichert, ob wegen Syphilis (die er seinen zahlreichen Hamburger Bordellbesuchen zu verdanken gehabt hätte) oder wegen Bleivergiftung (was neuere Untersuchungen nahelegen).

Nachtgedanken ist gegen Ende hin ein sehr politisches Gedicht; doch wie sehr steht die Mutter im Mittelpunkt der ersten acht Strophen der 1843 geschriebenen Zeilen:

Denk ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
Und meine heißen Thränen fließen.

Die Jahre kommen und vergehn!
Seit ich die Mutter nicht gesehn,
Zwölf Jahre sind schon hingegangen;
Es wächst mein Sehnen und Verlangen.

Mein Sehnen und Verlangen wächst.
Die alte Frau hat mich behext,
Ich denke immer an die alte,
Die alte Frau, die Gott erhalte!

Die alte Frau hat mich so lieb,
Und in den Briefen, die sie schrieb,
Seh’ ich wie ihre Hand gezittert,
Wie tief das Mutterherz erschüttert.

Die Mutter liegt mir stets im Sinn.
Zwölf lange Jahre floßen hin,
Zwölf lange Jahre sind verflossen,
Seit ich sie nicht an’s Herz geschlossen.

Deutschland hat ewigen Bestand,
Es ist ein kerngesundes Land,
Mit seinen Eichen, seinen Linden,
Werd’ ich es immer wiederfinden.

Nach Deutschland lechzt’ ich nicht so sehr,
Wenn nicht die Mutter dorten wär’;
Das Vaterland wird nie verderben,
Jedoch die alte Frau kann sterben.

.

Für Heinrich Heine war das Vaterland im Grunde Mutterland.

Der Vollständigkeit halber seien noch die drei Schlussstrophen angemerkt:

Seit ich das Land verlassen hab’,
So viele sanken dort in’s Grab,
Die ich geliebt – wenn ich sie zähle,
So will verbluten meine Seele.

Und zählen muß ich – Mit der Zahl
Schwillt immer höher meine Qual,
Mir ist als wälzten sich die Leichen

Auf meine Brust – Gottlob! sie weichen!
Gottlob! durch meine Fenster bricht
Französisch heit’res Tageslicht;
Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen,
Und lächelt fort die deutschen Sorgen.

.

Friedrich Hebbel (1813-1863), der über Mutterliebe in seiner Tragödie Maria Magdalena Folgendes sagt:

Mutterliebe, man nennt dich des Lebens Höchstes!
So wird denn jedem, wie schnell er auch stirbt,
dennoch sein Höchstes zuteil!

hat ein Gedicht geschrieben, überschrieben Das Kind, das wahrlich kein wirkliches Muttertagsgedicht ist, aber es macht auf eine unglaublich zu Herzen gehende Weise deutlich, wie wichtig eine Mutter doch für ihr Kind ist:

Die Mutter lag im Todtenschrein,
Zum letzten Mal geschmückt;
Da spielt das kleine Kind herein,
Das staunend sie erblickt.

Die Blumenkron‘ im blonden Haar
Gefällt ihm gar zu sehr,
Die Busenblumen, bunt und klar,
Zum Strauß gereiht, noch mehr.

Und sanft und schmeichelnd ruft es aus:
Du liebe Mutter, gieb
Mir eine Blum‘ aus deinem Strauß,
Ich hab‘ dich auch so lieb!

Und als die Mutter es nicht thut,
Da denkt das Kind für sich:
Sie schläft, doch wenn sie ausgeruht,
So thut sie’s sicherlich.

Schleicht fort, so leis‘ es immer kann,
Und schließt die Thüre sacht
Und lauscht von Zeit zu Zeit daran,
Ob Mutter noch nicht wacht.

.

Und zu guter Letzt sei ein Gedicht von Karl May (1842-1912), über den ich schon an anderer Stelle ausführlicher geschrieben habe, angeführt. Karl May hat einige Gedichte an und über seine Mutter schrieben, die ich gern bei anderer Gelegenheit einbringe; das Folgende ist überschrieben: An die Mutter

Ich hab gefehlt, und du hast es getragen,
so manches Mal und, ach, so lang, so schwer.
Wie das mich nun bedrückt, kann ich nicht sagen;
o komm noch einmal, einmal zu mir her!

Du starbst ja nicht; du bist hinaufgestiegen
zu reinen Geistern, meiner Mutter Geist.
Ich weiß, du siehst jetzt betend mich hier liegen;
o komm, o komm, und sag, daß du verzeihst!

Komm mir im Traum; komm in der Dämmerstunde,
wenn, Stern um Stern, der Himmel uns umarmt.
Bring mir Verzeihung, und bring mir die Kunde,
daß auch die Seligkeit sich mein erbarmt!

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