„Jedwedes lichtgeborne Wort / Wirkt durch das Dunkel fort und fort.“ – Apropos *corona*

Die oben zitierten zwei Verse sind bekannt als „Leitspruch“ und verfasst von einem Mann, dem die Nazidiktatur das Herz gebrochen hat. Ohnehin herzleidend und 1933 aus dem Amt des Sekretärs der Preußischen Akademie entfernt, unterschrieb Oskar Loerke auf Wunsch Samuel Fischers, der um die Existenz seines Verlags Sorge trug, das sogenannte „Treuegelöbnis vor dem Führer“. Das getan zu haben, verwand dieser Dichter, der leider in Vergessenheit geraten ist, im Übrigen aber hochspirituell war [ich denke an seine Atlantis-Gedichte; https://bit.ly/38QZcoz] im Grunde nie und schämte sich zutiefst. Seine Freunde bat er in seinem Testament, jeder Behauptung entgegenzutreten, er sei an einer Krankheit und nicht an den politischen Zuständen gestorben. In einer testamentarischen Verfügung verwies er darauf, dass die „feindlichen Handlungen“ der Machthaber seinen baldigen Tod herbeiführen würden. Am 24. Februar 1941 starb Oskar Loerke im Alter von 56 Jahren in Berlin und hielt seine Poetik des lichtvollen Wortes zwei Monate vor seinem Tod, im Dezember 1940 in diesen vier Versen fest:

Jedwedes blutgefügte Reich
Sinkt ein, dem Maulwurfshügel gleich.
Jedwedes lichtgeborne Wort
Wirkt durch das Dunkel fort und fort.

Nur die letzten Verse des berühmten Novalis-Gedichtes (Dann fliegt von Einem geheimen Wort / Das ganze verkehrte Wesen fort.) vermögen so eindringlich uns nahezulegen, wie bedeutsam für unser Leben das Wort ist, dessen größte Gefährdung, wie wir aus dem „Faust“ wissen, darin besteht, dass aus seinen Buchstaben der Geist vertrieben wird. Das aber genau geschieht, wenn dieses bedeutsame Wort *C*o*r*o*n*a*, griechisch stephanos – Στέφανος, für einen Virus in Beschlag genommen wird. – Dazu später mehr.

Mir ist vor kurzer Zeit ein Text begegnet, der  meinen Blick auf diesen Virus wesentlich beeinflusst hat und das, obwohl er schon 106 Jahre alt ist, was man daran merkt, dass von Bazillen die Rede ist, weil man die sogenannten Viren damals noch nicht entdeckt hatte; seiner Aktualität aber tut das keinen Abbruch:

In unserer Zeit gibt es bekanntlich eine Furcht, die sich ganz sinngemäß vergleichen läßt mit der mittelalterlichen Furcht vor Gespenstern. Das ist die heutige Furcht vor den Bazillen. Die beiden Furchtzustände sind sachlich ganz dasselbe. Sie sind auch insofern ganz dasselbe, als ein jedes der beiden Zeitalter, das Mittelalter und die Neuzeit sich so verhalten, wie es sich für sie schickt. Das Mittelalter hat einen gewissen Glauben an die geistige Welt; es fürchtet sich selbstverständlich dann vor geistigen Wesenheiten. Die neuere Zeit hat diesen Glauben an die geistige Welt verloren, sie glaubt an das Materielle, sie fürchtet sich also vor materiellen Wesenheiten, wenn diese auch noch so klein sind. Ein Unterschied könnte, nicht wahr, sachlich höchstens darin gefunden werden, daß die Gespenster doch wenigstens gewissermaßen anständige Wesen sind gegenüber den kleinwinzigen Bazillen, die keineswegs eigentlich, ich möchte sagen, wirklich Staat machen können mit ihrem Wesen, so daß man sich wirklich so ernsthaftig fürchten könnte vor ihnen wie vor einem anständigen Gespenst. (…) Für diejenigen, die an die geistige Welt wirklich glauben konnten, ist nicht einmal in bezug auf Realität ein Unterschied in dieser Beziehung.
Nun handelt es sich darum, und das ist das Wesentliche, was heute hervorgehoben werden soll, daß Bazillen nur dann gefährlich werden können, wenn sie gepflegt werden. Pflegen soll man die Bazillen nicht. Gewiß, da werden uns auch die Materialisten recht geben, wenn wir die Forderung aufstellen, Bazillen soll man nicht pflegen. Aber wenn wir weitergehen und vom Standpunkt einer richtigen Geisteswissenschaft davon sprechen, wodurch sie am meisten gepflegt werden, dann werden sie nicht mehr mitgehen, die Materialisten. Bazillen werden am intensivsten gepflegt, wenn der Mensch in den Schlafzustand hineinnimmt nichts anderes als materialistische Gesinnung. Es gibt kein besseres Mittel für diese Pflege, als mit nur materialistischen Vorstellungen in den Schlaf hineinzugehen und von da, von der geistigen Welt, von seinem Ich und Astralleib aus zurückzuwirken auf die Organe des physischen Leibes, die nicht Blut und Nervensystem sind. Es gibt kein besseres Mittel, Bazillen zu hegen, als mit nur materialistischer Gesinnung zu schlafen. Das heißt, es gibt noch wenigstens ein Mittel, das ebensogut ist wie dieses. Das ist, in einem Herd von epidemischen oder endemischen Krankheiten zu leben und nichts anderes aufzunehmen als die Krankheitsbilder um sich herum, indem man einzig und allein angefüllt ist mit der Empfindung der Furcht vor dieser Krankheit. Das ist allerdings ebensogut. Wenn man nichts anderes vorbringen kann vor sich selber als Furcht vor den Krankheiten, die sich rundherum abspielen in einem epidemischen Krankheitsherd und mit dem Gedanken der Furcht hineinschläft in die Nacht, so erzeugen sich in der Seele die unbewußten Nachbilder, Imaginationen, die durchsetzt sind von Furcht. Und das ist ein gutes Mittel, um Bazillen zu hegen und zu pflegen. Kann man nur ein wenig mildern diese Furcht durch werktätige Liebe zum Beispiel, wo man unter den Verrichtungen der Pflege für die Kranken etwas vergessen kann, daß man auch angesteckt werden könnte, so mildert man auch durchaus die Pflegekräfte für die Bazillen. {. . .} Es gibt kein besseres Mittel, Bazillen zu hegen, als mit nur materialistischer Gesinnung zu schlafen. Das heißt, es gibt noch wenigstens ein Mittel, das ebensogut ist wie dieses. Das ist, in einem Herd von epidemischen oder endemischen Krankheiten zu leben und nichts anderes aufzunehmen als die Krankheitsbilder um sich herum, indem man einzig und allein angefüllt ist mit der Empfindung der Furcht vor dieser Krankheit. Das ist allerdings ebensogut. Wenn man nichts anderes vorbringen kann vor sich selber als Furcht vor den Krankheiten, die sich rundherum abspielen in einem epidemischen Krankheitsherd und mit dem Gedanken der Furcht hineinschläft in die Nacht, so erzeugen sich in der Seele die unbewußten Nachbilder, Imaginationen, die durchsetzt sind von Furcht. Und das ist ein gutes Mittel, um Bazillen zu hegen und zu pflegen.
Kann man nur ein wenig mildern diese Furcht durch werktätige Liebe zum Beispiel, wo man unter den Verrichtungen der Pflege für die Kranken etwas vergessen kann, daß man auch angesteckt werden könnte, so mildert man auch durchaus die Pflegekräfte für die Bazillen. {. . .} {. . .} wahrhaftig mehr als durch alle Mittel, die jetzt von der materialistischen Wissenschaft vorgebracht werden gegen all das, was Bazillen heißt, wahrhaftig mehr, unsäglich reicher für die Menschheitszukunft könnte man wirken, wenn man den Menschen Vorstellungen überlieferte, durch die sie vom Materialismus weggebracht werden und zu werktätiger Liebe vom Geiste aus angespornt werden könnten. Immer mehr und mehr muß sich im Laufe dieses Jahrhunderts die Erkenntnis verbreiten, wie die geistige Welt auch für unser physisches Leben absolut nicht
gleichgültig ist.

Gewiss ist das eine Sicht, die sich nicht jeder zu eigen machen wird und geäußert hat sie Rudolf Steiner im Rahmen eines Vortrags 1914 in Basel [zu finden in der GA 154 – mittels pdf bzw. pdf(2)]; für mich fühlt sie sich absolut zutreffend an. Wir werden im Moment Zeuge eines Schauspiels, dass uns vor Augen führt, wie wenig frei Menschen sind. Selten demonstriert ein winziges Wesen, das unseren physischen Augen sich entzieht, so sehr, wie wenig frei wir Menschen in Wirklichkeit sind. Sicherlich lautet im Moment jedes hundertste gesprochene Wort weltweit Corona. Nicht wir bestimmen, was in uns und mit uns geschieht, sondern ein Virus. Gewiss könnten wir Menschen zu normalen Zeiten auch bestimmen, was uns zu bewegen sich lohnt. Da aber finden Menschen keinen Konsens und die meisten auch kein wirkliches Ziel. Für die einen ist ein Scheinziel der Fußball, für den anderen das Essen, die Abendgestaltung oder der nächste Groß-Einkauf. Selten, dass den Menschen Geistiges ein Anliegen ist.

Schlagartig aber sind wir nun gezwungen, uns auf etwas einzulassen, was uns aufoktroyiert worden ist – von wem auch immer (mal ganz abgesehen von dem Video am Schluss, das total aufschlussreich ist). Niemand stellt die Frage, wer hinter dem Virus stecken könnte, es sei denn, jemand schwadroniert in Verschörungstheorien. Wenn man den Gedankengängen eines Steiner folgt, dann hängt das Geschehen zusammen mit der Tatsache, dass den Menschen vor allem Materialistisches ihren Sinn zunebelt und sie anfällig macht für Infektionen, die sich auf einmal körperlich outen, in Wirklichkeit aber schon lange auf der seelischen Ebene da sind. Möglicherweise, wenn man Steiner Glauben schenken mag, hätten Bazillen/Viren keine Angriffspunkte, wenn die Seele geistig – wenn man so sagen möchte – geimpft wäre. Nun wird sie es irgendwann auf der körperlichen Ebene sein mit dem Effekt, dass das, was sie wirklich freimachen könnte, eine Beschäftigung mit Geistigem nämlich, weiter zurückgedrängt wird – insbesondere, wenn es einen physisch-materiellen Impfstoff gibt.

Doch gilt dieses eingeschränkte Bewusstsein meines Erachtens nicht für alle Menschen. Diese weltweite Infektion könnte bei einigen eine Art Schwellenerlebnis sein, das sie bewusst zu einer höheren Stufe ihres Seins führt. Ich bin da weit weniger pessimistisch als viele, die dem Virus all ihr Denken opfern.

Mich haben diese Gedanken – auch auf dem Hintergrund der Verse Loerkes, die mir in den Sinn gekommen waren – dazu veranlasst, mir über das aus dem Lateinischen kommende Wort Corona, zu Deutsch Krone, griechisch stéphanos, Gedanken zu machen, weil mir irgendwann durch den Kopf ging: Wie kann ein Virus ein solch bemerkenswertes und im Grunde schönes Wort bekommen und regelrecht besetzen. Klar hängt es mit seiner äußeren Gestalt zusammen, wie wir wissen; er sieht mit viel Phantasie aus wie eine Krone. Hinter diesem Bild aber steckt viel mehr eben auch die ruinöse Kraft dieses Virus, die Schönes und Gesundes besetzt und für sich vereinnahmt, so wie dieser Virus auf eine unglaublich intensive Weise die Gedanken der Menschheit vereinnahmt.

Jener Rudolf Steiner sagt im Bezug auf die Bedeutung eines Wortes und der Buchstaben, wenn sie nicht, wie das Mephistopheles im Faust erfolgreich tut, von Geist entleert sind, sondern diesen behalten und den Menschen über den Sinn seines Seins übermitteln, etwas sehr Bemerkenswertes:

Das Alpha α (hebräisch Aleph א) ist immer der Mensch. [Die Griechen] stellten sich etwas Menschenähnliches vor. Und bei Beta β (hebräisch Beth ב), da stellten sie sich etwas vor, was um den Menschen herum ist. Und nun reden wir vom Alphabet – das heißt aber für den Griechen: «der Mensch in seinem Haus», oder auch: «der Mensch in seinem Körper», in seiner Umhüllung. [1] Alpha ist eigentlich, wenn man es annähernd mit einem heutigen Worte ausdrücken will, «der sein Atmen Empfindende». In dieser Benennung liegt direkt die Hindeutung auf das Wort des Alten Testamentes: der Erdenmensch wurde dadurch geschaffen, daß ihm der lebendige Odem eingehaucht wurde. So könnte man das ganze Alphabet durchgehen und würde einen Begriff, einen Sinn, eine Wahrheit über den Menschen aussprechen, indem man einfach die Benennungen für das Alphabet hintereinander sagt. Wenn heute in allerlei Gesellschaften gesprochen wird von dem verlorengegangenen Urwort, so ist das eben das, was in einem solchen, das Alphabet in seinen Benennungen umfassenden Satze liegt. [2] 

Nur die letzten Verse des berühmten Novalis-Gedichtes (Dann fliegt von Einem geheimen Wort / Das ganze verkehrte Wesen fort.) vermögen so eindringlich uns nahezulegen, wie bedeutsam für unser Leben das Wort ist, dessen größte Gefährdung, wie wir, wie angesprochen, aus dem Faust wissen, darin besteht, dass aus seinen Buchstaben der Geist vertrieben wird. Das aber genau geschieht, wenn dieses bedeutsame Wort *C*o*r*o*n*a*, griechisch Στέφανος, für einen Virus in Beschlag genommen wird. Und wie sehr seine Bedeutung pervertiert wird, vermittelt uns, was Rudolf Steiner, über die Bedeutung der Buchstaben sagt:
Ausgerechnet gleich der erste Buchstabe des Wortes *C*o*r*o*n*a*, das „C“ also, ist seiner Auffassung zufolge „in dem Urworte der Regent für die Gesundheit“ und der tiefe Sinn des in diesem Wort so bedeutungsvollen „O“ besteht darin, dass der Mensch sich nicht nur selbst empfindet, sondern von sich aus ausgehend ein anderes Wesen empfindet, das er liebend umfassen will. – Genau aber das unterbindet der Virus.
Das „R“ dagegen ist aus der Sicht Steiners [hier alles ausführlicher] das Drehende, das der ganzheitlichen Form von Corona, von Krone, von Kranz entspricht.
Es folgt wieder ein „O“, in unserem Leben also eine Manifestation gelebter Liebe, und dann als Gegenbewegung ein „N“, das in dem Grundgehalt seiner Aussage den Charakter des Infragestellens aufweist, doch abschließend in dem „A“ auf eine sich verwundernde Grundhaltung trifft, die selbst entscheiden mag und muss, welche Bedeutung der Mensch jener Krone, die Sinn und Ziel seiner Erdenreisen ist und von der schon der  Prophet Jeremia (Kap. 13, V.18) wusste, dass deren Verlust Licht in Dunkel verkehrt, gibt.
Dem biblischen Briefeschreiber Jakobus, möglicherweise der Bruder Jesu, ist bewusst: „Selig ist, wer Anfechtung erduldet; denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone [stephanos] des Lebens empfangen, die Gott verheißen hat denen, die ihn lieb haben.“ Und der Apokalyptiker übermittelt der Gemeinde in Ephesus im Rahmen des zweiten Sendschreibens den großen Lohn, der dem Überstehen der Anfechtungen folgt: „Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“

Es gilt, dem Virus die wahre Bedeutung der Corona, des Kranzes, der Krone entgegenhalten und dieses Wort und seinen geistigen Gehalt nicht diesem Virus preiszugeben. – Wie wir das zu leisten vermögen?
Weiter helfen u.a. obige Steiner-Aussagen, dass das wahre Mittel gegen jedwede virale oder bakterielle Infektion das geistige Wort ist, gerade auch vor dem Einschlafen.
Dass die Kirchen keine Gottesdienste mehr abhalten, mag niemanden verwundern, denn dass ein Vertrauen in das geistige Wort, das bisher nicht gelebt wurde, nun auf einmal die Kraft haben soll, einen Virus auf Distanz zu halten, das glaubt natürlich auch die Kirchenführung selbst nicht (wobei ich letztere grundsätzlich nicht in einen Topf werfe mit manchen, vielleicht sogar vielen Pfarrerinnen und Pfarrern).
Wir aber können uns täglich darin üben, der aus dunklen Geistebenen kommenden bewussten Infektion wertvoller Worte uns entgegenzustemmen, der viralen Infektion das Wissen um die Krone des Lebens entgegenzuhalten und bewusst wertvollen Worten in unserem Geist den wahren Sinn zuzuweisen – kein leichtes Unterfangen; wir tun es, wenn wir es tun, dem Logos , dem Wort, das Fleisch ward, zuliebe – und damit uns.

PS

Der folgende Beitrag hat zwar auch schwächere Passagen, ist aber insgesamt absolut bemerkenswert und er stimmt auch damit überein, dass unter den Toten in jedem Land viele sind, die handfeste Vorerkrankungen hatten und ziemlich sicher auch anlässlich einer normalen Grippe gestorben wären . . . Interessant ist ja auch die Meinung dieses Arztes, dass die Kranken in den Krankenhäusern am meisten gefährdet sind . . .

 

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Als man noch, ohne unter Rassismusverdacht zu geraten, „Zigeuner“ sagen durfte. – Georg Trakl schrieb ein Zigeuner-Gedicht. Dieser Zigeuner war er.

„Ihr Linken habt immer Probleme mit dem Wort Zigeuner“, zitierte (..) das
sozialistische „Neue Deutschland“ den Violinisten Markus Reinhardt, der die
Wortakrobatik „Sinti und Roma“ zu „Quatsch“ erklärte. Auf der Webseite des Musikers steht ein Liedtext: „Wir gehen unseren Weg und bleiben auf der Welt, weil wir immer wieder anders erscheinen. Weil wir Zigeuner sind.“ (aus Die Welt, Link s. unten)

Heute allerdings ist es so, dass, wenn man Pech hat, noch eine Anzeige wegen Volksverhetzung hinzukommt.

Da tut richtig gut, was Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller zu dem Thema sagt:

„Ich bin mit dem Wort ‚Roma‘ nach Rumänien gefahren, habe es in den Gesprächen anfangs benutzt und bin damit überall auf Unverständnis gestoßen. ‚Das Wort ist scheinheilig‘, hat man mir gesagt, ‚wir sind Zigeuner, und das Wort ist gut, wenn man uns gut behandelt.'“

Vielleicht kann eine solche Aussage uns darauf besinnen lassen, dass entscheidend ist, was Menschen über Menschen denken und dass es tatsächlich noch Menschen gibt, für die jeder Andere Würde hat, ob er nun HIV hat, aussätzig ist, von Corona befallen oder dem Schicksal, ein Jude oder Zigeuner zu sein. 

Wir sollten nur darauf achten, dass es in Deutschland tatsächlich wieder eine AfD gibt, die Gräben aushebt zwischen Deutschen und Untermenschen Nicht-Deutschen.

Für Georg Trakl ist ein Zigeuner wie Ahasver, der Ewige Jude.

Und auch hier gilt Vergleichbares. Erwin Leiser schrieb dazu:

Der ewige Jude gehört mit Jud Süß und Die Rothschilds zu den drei 1940 in Deutschland uraufgeführten Filmen, die Juden nicht mehr, wie bis dahin gemäß nationalsozialistischer Filmpolitik üblich, als komische Figuren, sondern als gefährliche „Untermenschen“ darstellen

Tatsächlich war die Gestalt des Ewigen Juden ursprünglich gar kein Jude und jene, die ihren Juden brauchen, weil sie einen haben müssen, den sie fertig machen können, haben aus ihm einen Juden gemacht. – Gut, dass manche nicht vergessen, dass die vielleicht wertvollste Gestalt unserer Erdengeschichte ein Jude war und ist.

Georg Trakl (1887-1914)

Zigeuner

        Die Sehnsucht glüht in ihrem nächtigen Blick
        Nach jener Heimat, die sie niemals finden.
        So treibt sie ein unseliges Geschick,
        Das nur Melancholie mag ganz ergründen. 

        Die Wolken wandeln ihren Wegen vor,
        Ein Vogelzug mag manchmal sie geleiten,
        Bis er am Abend ihre Spur verlor,
        Und manchmal trägt der Wind ein Aveläuten       

        In ihres Lagers Sterneneinsamkeit,
        Daß sehnsuchtsvoller ihre Lieder schwellen
        Und schluchzen von ererbtem Fluch und Leid,
        Das keiner Hoffnung Sterne sanft erhellen.

……………………………………………….(aus Gedichte 1909)

Wer die Gedichte Trakls kennt, weiß, dass er selbst dieser Zigeuner ist, der keine Heimat findet, keine Ruhe für seine Seele. Er hat ja durchaus immer wieder über Gott und Christus geschrieben, aber nie von Auferstehung, immer von des Letzteren Verwesung und Tod. Und Gott hat ihm nie geantwortet.

Gut, wer erkennt, dass dieser ererbte Fluch, von dem Trakl schreibt, weder ein ewiges Erbe ist noch ein Fluch. Alles hängt davon ab, ob man gewillt ist, den Sinn des Menschseins zu ergründen. Denn dessen Ziel ist nicht – mal einfach so kitschig-christlich-kirchlich dahingesagt – der Himmel oder alternativ, die Ewige Verdamnis, sondern ein Weg zu einer Freiheit, die viele meinen zu haben, dabei aber einem großen Irrtum erliegen. Frei ist der Mensch ansatzweise – für mich jedenfalls – frühestens vielleicht im Rahmen der fünften Erdinkarnation – in der Bibel heißen diese Inkarnationen der Erde Schöpfungstage -, eher im Rahmen des sechsten oder siebten. – Solange wir sterben wie im Rahmen des vierten, in dem wir leben, sind wir nicht wirklich frei. (Ich bin da ganz auf der Seite Hildegard von Bingens, die das so sieht, dass wir mitten in der Schöpfung sind und auch nicht glaubt, was die heilige christliche Kirche so erzählt von wegen, die Schöpfung sei vorbei und das Ebenbild Gottes vollendet erschaffen).

Auch wenn jemand sagen mag, wir sterben ja nicht wirklich, wir nennen eben Tod, wenn wir von einem momentan beleuchteten in einen unbeleuchteten Raum eintreten, so ist doch der Einfluss von Kräften, die auf uns einwirken, noch so groß, dass wir – auch das ist natürlich meine persönliche Meinung – nicht wirklich selbstbestimmt sind. Selbstbestimmt sind wir, wenn wir die Glocken des Aveläutens, von dem Trakl am Ende der zweiten Strophe schreibt, sehen.

Melancholie vermag das Geschick des Menschen nicht ergründen, auch Sehnsucht nicht. Trakl hat immer wieder diese Sehnsucht abgebildet, in seinem Gedicht über den Knaben Elis zum Beispiel, der den Menschen vor der luziferischen Verführung darstellt (dazu in meinem nächsten Beitrag mehr). Aber es ist die Sehnsucht dennoch notwendig, denn nur sie treibt den ein oder anderen dazu, danach zu forschen, was es mit unserem Geschick auf sich hat. Dazu muss man die Angst vor Luzifer – Goethe nennt ihn Mephistopheles, er ist der ständige Begleiter des Faust und von uns – ablegen. Sonst ist man ständig sein Opfer.

Nur wer jenes Geschick erforscht, ist einem Hauch von Freiheit begegnet.

Wolken und Vogelzüge spielen bei Trakl immer wieder eine Rolle. Der Vogelzug verliert bei unserem Dichter die Spur der Zigeuner. Es ist das tragische Gefühl des Verloren-Seins dieses Menschen, dieser großen Seele, ein Gefühl, das ihn im Grunde sein Leben lang begleitet. Auch ein Nietzsche war zutiefst von diesem Gefühl ergriffen. Es ist ein Gefühl, das mit dem Schicksal der Menschen tief in seinem Inneren verbunden ist. Ich fürchte fast, man muss es in irgendeinem Leben mit aller Intensität erfahren haben, um als verlorener Sohn oder verlorene Tochter bedingungslos wieder ins Vaterhaus zurückkehren zu wollen.

PS: Zu dem Thema „Zigeuner“ gibt es, finde ich, zwei bemerkenswerte Zeitungsartikel:

Welt/Kultur: „Wir sind Zigeuner,  und das Wort ist gut“
stern.de: Darf man neute noch Zigeuner sagen?

Und auch die Wikipedia-Artikel zum Ewigen Juden sind aufschlussreich:

https://de.wikipedia.org/wiki/Ewiger_Jude
https://de.wikipedia.org/wiki/Der_ewige_Jude

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Seine Wunde voller Gnaden / Pflegt der Liebe sanfte Kraft. – Was mancher sich wünscht! – Georg Trakls „Im Winter“.

Die folgenden Zeilen gingen dem wesentlich bekannteren Gedicht > Ein Winterabend < voraus, waren gleichsam dessen erste Fassung. Sie enthalten jedoch jene zwei oben zitierten und im Folgenden hervorgehobenen Verse, die sich in Ein Winterabend nicht mehr finden, die für mich aber unnachahmlich sind in dem, was sich Menschen, die eine tiefe Wunde in sich tragen, nur wünschen mögen:

Wenn der Schnee ans Fenster fällt,
Lang die Abendglocke läutet,
Vielen ist der Tisch bereitet
Und das Haus ist wohlbestellt.

Mancher auf der Wanderschaft
Kommt ans Tor auf dunklen Pfaden.
Seine Wunde voller Gnaden
Pflegt der Liebe sanfte Kraft.

O! des Menschen bloße Pein.
Der mit Engeln stumm gerungen,
Langt von heiligem Schmerz bezwungen
Still nach Gottes Brot und Wein. 

Letztendlich ist es so, dass jeder Mensch eine tiefe Wunde in sich trägt. Es ist die Wunde des Mensch-Seins in der Art, wie wir alle es zu leben haben, seitdem sich das einstmals geschaffene Wesen, das im Hebräischen Adam Kadmon genannt wird oder welches die Germanen Yggdrasil nannten, jene Weltenesche, die über alle Himmel reichte – so groß war einst das Wesen des Menschen -, durch die luziferische Verführung, die wir aus der Genesis, dem 1. Buch Mose also, als Schlange kennen, gewaltig veränderte hin zu einer Existenz, wie wir sie in milliardenfacher Ausprägung auf unserer Erde finden. 

Gewiss will uns diese luziferische Verführung eine Freiheit bringen (manche bilden sich schon ein, frei zu sein), die uns auszeichnen wird vor allen kosmisch-hierarchischen Stufen, seien es Engel, Erzengel oder Throne (sie können „nur“ den Willen Gottes tun, wir können ihn ignorieren). Aber der Weg dorthin ist schwer erkauft, und in Georg Trakl (1887-1914) wird die Zerrissenheit des Menschen, wie sie in jenem vorhanden war so wie in uns (manchen nur ist sie noch nicht bewusst, manche auch kaschieren sie bestens, weil sie Angst haben, ihr ins Auge zu schauen) so deutlich.

Viele Gedichte Trakls zeugen von dieser Zerrissenheit, manche Passagen aus seinen Briefen muten fast herzzerreißend an, wenn er förmlich um Hilfe wimmert, indem er beispielsweise an seinen Freund Ludwig von Ficker, den Herausgeber des Journals Der Brenner, in dem jener immer wieder Trakls Gedichte veröffentlichte, Ende November 1913, nur wenige Monate vor seinem selbst gewählten Tod, schreibt:

Vielleicht schreiben Sie mir zwei Worte; ich weiß nicht mehr ein und aus. Es ist ein so namenloses Unglück, wenn einem die Welt entzweibricht. Oh mein Gott, welch ein Gericht ist über mich hereingebrochen. Sagen Sie mir, daß ich die Kraft haben muß noch zu leben und das Wahre zu tun. Sagen Sie mir, daß ich nicht irre bin. Es ist steinernes Dunkel hereingebrochen. O mein Freund, wie klein und unglücklich bin ich geworden.

Es umarmt Sie innig

                              Ihr Georg Trakl

Womöglich bestünde das Wahre in der Erkenntnis, dass dieser Gott, den wir anflehen, wir selbst sind, in den wir selbst alles Mögliche hineinprojizieren, etwas, was schon Rilke immer wieder tat („Du Nachbar Gott …“), nicht nur mit Gott, sondern auch den schrecklichen Engeln, die er auftauchen lässt. 

Ich will damit nicht sagen, dass es nicht etwas, das wir mit dem Wort Gott zu erfassen suchen, gibt, aber sich zu dieser Instanz zu erheben, setzt ein Bewusstsein dafür voraus, dass wir immer auch in Gefahr sind, uns selbst anzurufen, weil wir in Wahrheit bisher nicht über uns hinauskommen. Manchmal mag das auch besser sein und Schiller hat dieser Tatsache > Das verschleierte Bild zu Saïs < gewidmet, ebenso Kafka, als er seine > Türhüterlegende < schrieb. Schiller wusste wohl, um was es ging, Kafka mag eher unbewusst jene Tatsache beschrieben haben, warum es gut ist, dass es einen Türhüter vor dem Gesetz gibt (Drogen setzen zumeist jenen außer Kraft, weshalb es diesen Abhängigen so schlecht geht (sie verkraften nicht, was zumeist unbewusst, wenn sie eintreten – Kafka nennt, was da kommt, Gesetz –  auf sie einströmt).


Wir haben wohl beides in uns: den Glanz des Himmels und tiefste Finsternis.         

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Achtsam gegenüber Mascha Kaléko: so anrührend, so gefährlich! – Zu ihrem Gedicht „Rezept“.

 

Jage die Ängste fort
und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muss, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
geht es um dich oder ihn.
Dein eignen Schatten nimm
zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruss mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiss deine Pläne. Sei klug
und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
im grossen Plan.
Jage die Ängste fort
und die Angst vor den Ängsten.

 

In einem Facebook-Forum zur Weltliteratur, in dem ich Mitglied bin, ist es Usus, immer wieder Sinnsprüche berühmter Schriftsteller, Essayisten und Philosophen zu veröffentlichen, bestehend aus ein, zwei oder drei Sätzen – möglichst jedenfalls kurz und in Instant-Form, sozusagen Sinn-Burger.

Oft sind sie aus dem Zusammenhang gerissen. Und selbst wenn dem ein oder anderen das auffällt und es auch erfreulicherweise stellenweise moniert wird: Ihr Inhalt klingt ja doch immer wieder total überzeugend. Schaut man jedoch genauer hin, fällt einem auf, wie pauschal und undifferenziert diese aus dem Zusammenhang gerissenen Sentenzen oft formuliert sind. Wohlklingend werden Inhalte transportiert, die man besser hinterfragte.

Das gilt übrigens ebenso für mehrstrophige Gedichte, auch eines Rilke (dazu ein andermal mehr). Und mit Gedichten einer Mascha Kaléko verhält es sich nicht anders, wobei Souvenir à Kladow zu meinem Lieblingsgedichten gehört ebenso wie An mein Kind und An meinen Schutzengel. Niemand unterstelle mir also, ich hätte grundsätzlich etwas gegen sie. Aber manche verehren einen Rilke oder eine Kaléko – und das gilt für andere Dichter ebenso -, ohne zu beachten, dass beide auch gefährliche seelische Unklarheiten transportieren. Man liest sie und nickt sie ab. Alles Unklare, das wir klaglos aufnehmen, aber trübt unsere Seele ein.

In den obigen Zeilen Mascha Kalékos nun finden sich Gehalte, die ich unterschreiben würde. Den Koffer bereitzuhalten – zumal, wenn es nur noch um einige Jahre einer Koffer-Zeit geht – korrespondiert beispielsweise einem wertvollen Gleichnis der Bibel, dem, das von den zehn Jungfrauen berichtet, von denen gerade mal die Hälfte auf den Bräutigam auf eine seelisch angemessene Weise wartet; die anderen sind nicht vorbereitet auf sein Kommen. Ob das Koffer-Bereithalten sich auf eine grundsätzliche Haltung in Bezug auf unsere Leben bezieht oder auf eine spezifische im Leben eines Einzelnen – dieses Bild finde ich bedenkenswert. Allemal ist unsere Reise auf der Erde nicht zu Ende.

Anders ist es mit den Zeilen

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muss, kommt.

Was kommen muss, muss eben nicht kommen. Gewiss haben wir in der Zeit vor unserem Leben – die indisch-spirituelle Tradition nennt sie Devachan – maßgebliche Konstellationen unseres Lebens in gewisser Weise programmiert (womit zusammenhängt, dass wir auf Menschen treffen, von denen wir das Gefühl haben, sie seien uns vollkommen vertraut); aber es ist falsch anzunehmen, ein Programm könne nicht umgeschrieben werden.

Viele Menschen leben zudem ein Leben, das nicht ihren Vorstellungen entspricht und den Möglichkeiten, die sie vor ihrem Leben im Devachan gesehen und sich zu leben vorgenommen hatten. Wenn das so ist – und ich gehe davon aus -, dann muss es genauso die Möglichkeit geben, die Grenzen des Vorstellbaren in eine positive Richtung zu überschreiten.
Ganz davon abgesehen, dass eine innere Haltung, die nicht unserem wahren Wesen entspricht, dazu führen kann, dass wir fälschlich annehmen, dem Schicksal Genüge tun zu müssen oder ihm ausgeliefert zu sein. Solch eine Haltung kann zusammenhängen mit Kindheitserlebnissen, die uns geprägt haben und die wir nicht in der Lage waren aufzuarbeiten. Wir folgen dann einem Schicksal, das in Wirklichkeit dieses große Wort nicht verdient, sondern auf ein Trauma unseres Lebens zurückzuführen ist. Wenn wir dieses Trauma Schicksal nennen, akzeptieren wir seine Nicht-Aufarbeitung womöglich auf eine fatale Weise und verpassen eine wichtige Möglichkeit, die unser Leben eigentlich bereithält.

Was „sie“ sagen, wie Kaleko in oben zitierter Stelle ebenfalls formuliert, ist eine Aussage, die sie, die Sagenden betrifft: noch lange nicht mich.
Ich muss nicht alles glauben, was „sie“ sagen. Und ich finde es schade, dass Mascha Kaléko per Rezept rät, von diesen doch recht diffusen Anonymen sich so beeinflussen zu lassen.

Gewiss verraten uns Brüder der eigenen Familie, wie in der folgenden, der vierten Strophe angesprochen wird. Das kommt immer wieder vor. Es muss nicht sein, aber die Familie ist ein Lernfeld, kein seelisch-geistiges Zielfeld.
Es gibt aber einen Bruder und eine Schwester im Geiste. Ich wünsche jedem, dass er einen solchen Bruder und eine solche Schwester um sich weiß. Meist braucht man nicht einmal die Finger einer Hand, um ihre Zahl zu zählen. Aber eine schon, nur einer ist so wertvoll!

„der Bruder verrät“? – Mein Bruder, meine Schwester, die mit mir auf einem Weg unterwegs sind, über dessen Ziel ich mir im Klaren bin, verraten weder sich noch mich. Sie machen Fehler, wie jeder auf der Erde. Aber ich bin voller Vertrauen. – Mascha Kaléko übergeht, dass uns jenes unsere Kultur prägende Buch, das sowohl ein Brecht als auch ein Rilke ebenso wie viele andere schätzten, lehrt, auf unserem spirituellen Weg uns von den Familienbanden, in die wir hineingeboren wurden, zu entwickeln hin zu unserer geistigen Familie (was nicht bedeutet, dass wir erstere nicht weiterhin wertschätzen und achten).

Ich nehme auch nicht den eigenen Schatten zum Weggefährten.
Meine Schatten begleiten mich, ob ich will oder nicht. In Goethes Faust heißt des gleichnamigen Protagonisten Schatten Mephistopheles. In ihm vereinen sich all unsere seelischen Konstellationen, die wir mit dem Fall Luzifers in uns angehäuft haben und die uns zwingen, zu wahrer Freiheit zu gelangen, durch viele Kämpfe hindurch. Keine unserer geistigen Vorgänger auf diesem Weg, kein Engel, Erzengel oder Cherubim besitzt das, was am Ende des menschlichen Weges steht: eine Form des Bewusstseins, die Menschen erstmalig im Kosmos erreichen können. Und dieses Bewusstsein hat zu tun mit einer Freiheit, wie sie sich in Kain und in Prometheus in den Mythen beispielhaft abbilden.
Ich nenne diese Schatten nicht Gefährten, Weggefährten. So dahingesagt klingt das, als ob sie mir gar willkommen seien. Sie sind es höchstens, um aufgelöst zu werden; davon aber schreibt Mascha Kaléko leider nichts.

Einen Schatten nach dem anderen will ich durchschauen wie den Stein, den Sisyphos vor sich herschiebt und dessen Sinn er nicht durchschaut, weshalb Camus seinen Sisyphus in seinem berühmten Essay glücklich nennt und einen Rebellen. Dieser große Schriftsteller und Existentialist erkennt nicht, dass ein Rebell, nimmt man seine Übersetzung aus dem Lateinischen wörtlich (re-bellum), immer wieder Krieg führt, und zwar gegen sich selbst. Das aber kann kein Ziel sein.
Nein, ich bemühe mich, einen dieser Schatten nach dem anderen aufzulösen. Insofern hoffe ich mein Leben in wachsenden Ringen zu leben, wie Rilke es formuliert.
Solange ich jene Hilfe, die jedem Menschen zuteil wird, Wunder nenne (Str. 6), so lange bin ich auch vom Schicksal auf ziemlich fatale Weise abhängig. Ich will nicht sagen, dass ich mein Leben bis zum letzten der Ringe – es sind Ringe unseres Bewusstseins – lebe; das glaube ich, wie auch Rilke, nicht; zu viel an Bewusstsein fehlt mir noch. Deshalb bleibe ich auch immer noch ein Stückweit – bei dem einen ist dieses Stück größer, bei dem anderen schon kleiner (keiner ist deshalb besser oder schlechter) – dem Schicksal ausgeliefert.

Mascha Kaléko spricht in der vorletzten Strophe von einer Wunde, die es wach zu halten gilt, und es sind Wunder, von denen sie in der letzten spricht. Beide Worte trennt nur ein Buchstabe und in der Tat sind auch beide aufs Engste miteinander verzahnt. Solange wir an jener luziferischen Wunde leiden, die sich im Verlaufe der Menschheitsgeschichte weit mehr ausgedehnt haben mag, als es jene Elohim, die uns geschaffen haben (Luther übersetzte Gott statt wie es dasteht: elohim), vorausschauend sich ausdachten, solange glauben wir an Wunder.
Wenn wir diese oben angesprochene Wunde heilen, wird das auch das Ende von Wundern bedeuten, denn in dem dann vorhandenen Weltinnenraum alles Geschaffenen gibt es kein Schicksal mehr, keine Wunder, keine Wunden.
In diesem Raum – einem Weltinnenraum eben, wie ihn Rilke nennt – mag alles wunderbar sein und wir werden das sogenannte Böse auf neue Weise sehen können.

Es ist gut, wenn wir die Ängste auflösen können und zu guter Letzt die Angst vor den Ängsten. Aber wenn dies nicht nur eine Floskel sein soll, dann müssen mir mit den Worten sorgfältiger umgehen und nicht so sehr, wie es Mascha Kaléko in ihren oft so berührenden Gedichten gut, uns Gefühlen hingeben, die uns auf eine unklare, neblige Seite des Lebens ziehen. Mascha Kalékos Wirkung beruht sehr oft darauf, dass sie an diese Gefühle appelliert. So verständlich ich das finde, so sehr auch möchte ich raten, genau hinzuschauen, ob man sich ihnen wirklich hingeben möchte. Solches Hinschauen kann eine wertvolle Übung zu mehr Klarheit hin sein.

PS

Nachtrag zu obiger Interpretation am 24. Dezember, genau zwei Tage, also 48 Stunden nach ihrer Veröffentlichung:

Normalerweise kann ich mich nach Veröffentlichung eines Post gedanklich neuen Dingen zuwenden. Aber hier war es anders und mich hat sehr bald ein erhebliches Unwohlsein in Bezug auf obigen Beitrag beschlichen. Mittlerweile ist mir klar, woran das liegt:

Menschen wie Mascha Kaléko entwickeln sich in ihrem Leben zwischen den Leben weiter und das bringt es mit sich, dass, wenn sie Dichter waren, sie ihre Werke auch anders wahrnehmen. Franz Kafka wollte bemerkenswerterweise schon zu Lebzeiten nicht, dass der überwiegende Teil seines Werkes veröffentlicht wird – was ich nachvollziehen kann und zu respektieren m. E. sinnvoll gewesen wäre, was hier aber auszuführen zu weit führen würde. Dichterinnen wie Mascha Kaléko möchten möglicherweise über vierzig Jahre nach ihrem Tod nicht, dass Gedichte wie „Rezept“ weiterverbreitet werden. Gewiss sind sie Dokumente ihrer Zeit und Dokumente eines Bewusstseinszustandes eines Menschen namens Kaléko zur Zeit ihrer Veröffentlichung, falls diese zeitnah mit dem Schreiben geschah. Aber viele unserer Zeitgenossen lesen sie nicht so. Sie nehmen sie als bare Münze und übernehmen auch die Gefühlsebenen der Mascha Kaléko, die nun wahrlich nicht immer vorwärtstreibend sind, sondern sich auch gern in überholten und melancholischen Gefühlen suhlen. Genau diese Ebene aber suchen oft auch jene, die sie so gern rezipieren. Gefühle an sich können wertvoll sein, nicht aber jene, die eine klebrige Masse bilden, die an Vergangenes bindet, an Nostalgisches, in dem man nunmal gern steckenbleibt (was viele, die mit diesen Gefühlen bestens vertraut sind, vermutlich abstreiten würden). Damit will ich nicht sagen, dass das bei unserer Autorin immer so ist, aber dennoch immer wieder.

Es ist meine subjektive Sicht, dass ich glaube, dass Mascha Kaléko heute sieht, dass nicht wenige ihrer Gedichte der menschlichen Entwicklung nicht unbedingt förderlich sind, auch, weil sie Geschehen zwar durchaus gekonnt auf den Punkt bringt, gern aber auch zu simplifizierend.

Auf dem Forum Weltliteratur hat eine Leserin geschildert, wie sie sich aus ihren Kindheitstraumen in jahrelanger Arbeit an und mit sich selbst herausgearbeitet hat. Ich fand den Mut, dass diese Frau uns teilhaben lässt an ihrem Weg, bemerkenswert und wichtig, denn ihre Worte haben gezeigt, dass Arbeit an sich selbt notwendig ist, verbunden mit viel Beharrlichkeit und Durchhaltevermögen

Auf ihre Erfahrungen eingehend, habe ich ihr geschrieben: Aus meiner Sicht sind solche Erfahrungen besonders wertvoll, weil sie in das große Arsenal all unserer Erfahrungen eingehen und unsere weitere Zukunft – und sie ist für mich mit diesem Leben nicht abgeschlossen – formen. Sie haben – und das ist ein Aspekt, der Mascha Kaléko nicht zu sehen vergönnt war – ihr eigenes Wunder geschaffen, wenn man das mit den Worten der Dichterin formulieren will. Hätten Sie auf die Wunder gewartet, die im großen Plan verzeichnet sind, würden Sie vielleicht heute noch warten. Gut, dass Sie der Rezeptur Mascha Kalékos nicht gefolgt sind.

Ich bin damit auf die letzte Kaléko-Strophe eingegangen. Ihr Inhalt ist, wie mancher andere, fragwürdig, finde ich. Und ich vermute deshalb, Mascha Kaléko hat heute kein Interesse mehr, dass ihr Gedicht noch unnötig viele Leser findet. Durch meinen Beitrag aber habe ich das Gegenteil lanciert.

Was mir zudem an meinem Beitrag nach einigem Nachdenken missfällt:

Einerlei, ob ich die Ansichten Kalekos teile oder nicht: Als menschliche Erfahrungen sind sie es in ihrer Ernsthaftigkeit, in der die Frau doch fast durchgehend schrieb, wert, so genommen zu werden, wie sie sind. Zu wenig habe ich, abgesehen von der Kofferstelle, gewürdigt, was Kaléko an Wertvollem anspricht; zum Beispiel ist der Umgang mit Leid, ihm also still ins Gesicht zu sehen, eine wirklich beachtenswerte Aussage.

Zusammenfassend möchte ich sagen, dass ich mir hätte überlegen sollen, ob Mascha Kaléko einverstanden ist mit einem Beitrag zu ihrem Gedicht. Aus meiner Sicht heute bin ich fest überzeugt, dass sie ihn nicht gewollt hätte. Zum anderen möchte ich einen Interpretationsgestus, den man auch als überheblich bezeichnen kann, in Zukunft meiden, nämlich die Sicht eines Autors, wie sie in „Rezept“ vorliegt, einer eigenen gegenüberzustellen, ohne zumindest immer wieder darauf zu verweisen, dass ein Mensch ein Recht auf diese Sicht hat und dass sie auch in gewisser Weise aus der der damaligen Zeit heraus zu verstehen ist.

 

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. . . gewendet / Wie zum Polarstern halt das Eine fest, / Sein Wort, sein heilig Wort, und – Schach dem Rest! Annette von Droste-Hülshoff zum zweiten Advent:

Wo bleibst du, Wolke, die den Menschensohn
Soll tragen?
Seh‘ ich das Morgenrot im Osten schon
Nicht leise ragen?
Die Dunkel steigen, Zeit rollt matt und gleich;
Ich seh‘ es flimmern, aber bleich, ach bleich!

Das sind keine Worte, die zum 2. Advent passen wollen. Schon in ihrem Gedicht Am ersten Sonntage im Advent fiel auf, wie wenig vorweihnachtlich die Stimmung der Droste ist.
Ihre Gedichte, die sie für diese Zeit der Ankunft des Menschensohnes schreibt, thematisieren die Not ihrer Zeit und die der Menschen.
Das ist auch in ihren Gedanken zum zweiten Advent nicht anders.
Was aber besticht, ist die Tatsache, dass diese Frau nicht, wie so viele Menschen das gerne tun, jene Not auf äußere Umstände zurückführt, auf Einflüsse also von außen. Nein, sie gibt sich diesem Ablenkunsmanöver nicht hin:

Mein eignes Sinnen ist es, was da quillt
Entzündet,
Wie aus dem Teiche grün und schlammerfüllt
Sich wohl entbindet
Ein Flämmchen und von Schilfgestöhn umwankt
Unsicher in dem grauen Dunste schwankt.

Wir kennen diese Naturtopoi aus den Gedichten der Droste, die in ihrer westfälischen Heimat ganz verwurzelt ist. Aus der Natur schöpft sie die Bilder, die auch das Leben der Menschen und ihre seelische Befindlichkeit kennzeichnen.

So muß die allerkühnste Phantasie
Ermatten;
So in der Mondesscheibe sah ich nie
Des Berges Schatten
Gewiß, ob ein Koloß die Formen zog,
Ob eine Träne mich im Auge trog.

Doch all dem, was von außen und innen sich heranwälzt, Geburten auch ihres Verstandes, setzt sie unbeirrt etwas entegegen:

So ragt und wälzt sich in der Zukunft Reich
Ein Schemen!
Mein Sinnen sonder Kraft, Gedanke bleich:
Wer will mir nehmen
Das Hoffen, was ich in des Herzens Schrein
Gehegt als meiner Armut Edelstein?

Gib dich gefangen, törichter Verstand!
Steig nieder
Und zünde an des Glaubens reinem Brand
Dein Döchtlein wieder,
Die arme Lampe, deren matter Hauch
Verdumpft, erstickt in eignen Qualmes Rauch.

Dieser Verstand ist der armen irdischen Lampe gleich. Ihr Licht jedoch entspringt einer anderen Quelle:

Du seltsam rätselhaft Geschöpf aus Ton
Mit Kräften,
Die leben, wühlen, zischen wie zum Hohn
In allen Säften,
O bade deinen wüsten Fiebertraum
Im einz’gen Quell, der ohne Schlamm und Schaum,

Wehr ab, stoß fort, was gleich dem frechen Feind
Dir sendet
Die Macht, so wetterleuchtet und verneint,
Und starr gewendet
Wie zum Polarstern halt das Eine fest,
Sein Wort, sein heilig Wort, und – Schach dem Rest!

Dann wirst du auf der Wolke deinen Herrn
Erkennen;
Dann sind Jahrtausende nicht kalt und fern,
Und zitternd nennen
Darfst du der Worte Wort, des Lebens Mark,
Wenn dem Geheimnis deine Seele stark.

Und heute schon, es steht in Gottes Hand,
Erschauen
Magst du den Heiland in der Seele Brand,
Glühndem Vertrauen:
Zerfallen mögen Erd‘ und Himmels Höhn,
Doch seine Worte werden nicht vergehn.

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Advent, Advent, ein Lichtlein brennt! – Über eine Gesellschaft, die sich systematisch selbst entweihnachtet!

Am untersten Ast sah man entsetzt
Die alte Wendel hangen.

Hell schien der Mond ihr ins Gesicht,
Das festlich still verkläret;
Weil auf der Welt sie nichts besaß,
Hatt‘ sie sich selbst bescheret.

Einer Gesellschaft, die sich systematisch selbst entweihnachtet, hält Gottfried Keller (1819-1890), der Schweizer Lyriker und Romanautor mit seinem Gedicht „Weihnachtsmarkt“ einen angemessenen Spiegel vor. Jahr für Jahr wird er angemessener. Jahr für Jahr zieht Weihnachten früher auf die Märkte und in die Kaufhäuser ein. Christstollen sind oft schon vor dem 1. Advent ausverkauft. Kinder haben von Weihnachten genug. Schon vor dem 1. Advent hängt es ihnen zu den Ohren raus. Mit Macht wird man beschallt. Aber die Töne kommen nicht mehr an. Sie schließen kein Herz mehr auf. Es ist wie auf vielen Feldern: Unsere Gesellschaft gräbt sich die eigenen Wurzeln ab und während wir – was durchaus auch wichtig ist – über Rechtsradikalismus, Klimanotstand, Windräder, Elektroautos und digitale Rückständigkeit Deutschlands diskutieren, verlieren wir unsere Wurzeln und alles, über was wir diskutieren, könnte irgendwann gar keine Rolle mehr spielen – wer keine Wurzeln hat, ist eh schon tot, oft, bevor er es merkt; da spielt eigentlich auch keine Rolle mehr, dass nicht wenige unter uns sich Weihnachten gar nicht leisten können  . . .

 

Welch lustiger Wald um das hohe Schloß
hat sich zusammengefunden,
Ein grünes bewegliches Nadelgehölz,
Von keiner Wurzel gebunden!

Anstatt der warmen Sonne scheint
Das Rauschgold durch die Wipfel;
Hier backt man Kuchen, dort brät man Wurst,
Das Räuchlein zieht um die Gipfel.

Es ist ein fröhliches Leben im Wald,
Das Volk erfüllet die Räume;
Die nie mit Tränen ein Reis gepflanzt,
Die fällen am frohsten die Bäume.

Der eine kauft ein bescheidnes Gewächs
Zu überreichen Geschenken,
Der andre einen gewaltigen Strauch,
Drei Nüsse daran zu henken.

Dort feilscht um ein winziges Kieferlein
Ein Weib mit scharfen Waffen;
Der dünne Silberling soll zugleich
Den Baum und die Früchte verschaffen.

Mit rosiger Nase schleppt der Lakai
Die schwere Tanne von hinnen;
Das Zöfchen trägt ein Leiterchen nach,
Zu ersteigen die grünen Zinnen.

Und kommt die Nacht, so singt der Wald
Und wiegt sich im Gaslichtscheine;
Bang führt die ärmste Mutter ihr Kind
Vorüber am Zauberhaine.

Einst sah ich einen Weihnachtsbaum:
Im düsteren Bergesbanne
Stand reifbezuckert auf dem Grat
die alte Wettertanne.

Und zwischen den Ästen waren schön
Die Sterne aufgegangen;
Am untersten Ast sah man entsetzt
Die alte Wendel hangen.

Hell schien der Mond ihr ins Gesicht,
Das festlich still verkläret;
Weil auf der Welt sie nichts besaß,
Hatt‘ sie sich selbst bescheret.

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„Schrittweis kehr ich heim und weine, / Und mir blieb mein müdes Herz / An der Grenze.“ – Vom Leben an der Grenze.

.

An der Grenze grüßt ein Haus.
Wandrers Zuflucht, stammgezimmert,
Schirmt’s vorm Strahl, der ficht und flimmert,
Wehrt dem Herbstwind, der’s umwimmert.
Oftmals späht ich von ihm aus
Nach der Grenze.

An die Grenze kroch der Schmerz,
Lag im Busch als bunte Steine;
Fand ich einen, ward’s der meine.
Schrittweis kehr ich heim und weine,
Und mir blieb mein müdes Herz
An der Grenze.

Auf die Grenze fällt bald Schnee,
Stäubt und schlägt: Ein Weg erblindet,
Der durch Tann sich aufwärts windet.
Ob zurück ins Tal er findet?
Eins nur weiß ich wohl: ich steh
An der Grenze.

Was ist das für eine Grenze, nach der ein Wanderer, unterwegs und in einem Haus Unterschlupf findend, späht und nicht hinüberkommt?
Eine Grenze, die noch dazu droht, im Schnee zu versinken; der Weg zu ihr kann erblinden (fast will es scheinen, der Weg zurück ins Tal, also weg von der Grenze, sei noch gangbarer).

In der Literatur ist diese Grenze auf vielfältige Art beschrieben worden. Sie ist in Kafkas Türhüterlegende der Zutritt zum Gesetz, der dem Mann vom Lande verwehrt ist (weil er ihn sich selbst verwehrt), sie ist in Goethes Märchen der Fluss zum Land der schönen Lilie, der Zutritt zum Reich der Mütter im Faust II, die Himmelsleiter, die Jakob sieht, die Frage Parzivals an den kranken Gralskönig, respektive an das eigene, überholte Bewusstsein, und der Zugang zum Bergesinneren, in dem sich die Blaue Blume findet.

Ein lyrisches Ich outet sich als einer der möglichen Wanderer.
Stein um Stein findet es an der Grenze, ein Stein, ein Schmerz, den sich das lyrische Ich zu eigen macht und mit ihm heimkehrt ins eigene müde Herz, das doch immer an der Grenze ist.
Aber nicht hinüberkommt.
Die Steine sind bunt, aber sehr grenzwertig.
Dem lyrischen Ich bleibt das Bewusstsein, an der Grenze zu stehn. – Damit endet das Gedicht.

Kennen wir diese bunten Steine, mit denen sich vielleicht nicht nur wir, sondern im Grunde alle Menschen beladen, die womöglich das Herz so müde machen, dass es nicht die Kraft findet, über die Grenze zu gelangen? – Sisyphus könnte ein Lied davon singen. Camus hat ihm ein Essay gewidmet und ihn als ewigen Rebellen glorifiziert . . . für mich eine philosophische Fata Morgana, ein Blankoscheck für den ewigen Aufenthalt im Haus vor der Grenze. – Steine können so schön bunt sein . . .

Gertrud Kolmar ist diese Grenzgängerin. Ihrer Schwester schrieb sie, sie sei immmer die Andere gewesen, nie die Eine.
Sie hat Deutschland – auch ihrem Vater zuliebe, den sie nicht allein lassen wollte (er starb kurz vor ihr in Theresienstadt, sie 1943 49-jährig in Auschwitz) – nie verlassen, obwohl wir ihren Gedichten und ihren Aussagen, gerade auch in ihren Briefen entnehmen, dass sie ahnte, ja wusste, was auf sie zukommt. In einem ihrer Gedichte aus dem Zyklus Das Wort der Stummen, geschrieben am 30. September 1933 und überschrieben An die Gefangenen heißt es:

Das wird kommen, ja, das wird kommen; irret euch nicht!
Denn da dieses Blatt sie finden, werden sie mich ergreifen.

Ihre Grenze lag zwschen der Anderen und der Einen. Als Schriftstellerin überschritt sie die Grenze von der Stummen zur Schreibenden. Im Leben näherte sie sich immer mehr der Jüdin in ihr. Und blieb es bis zum bitteren Ende.

Für uns stellt sich die Frage: Sind wir der oder die Andere – oder doch der oder die Eine?
Sind wir uns überhaupt dieser Grenze zwischen beiden bewusst?

Gertrud Kolmars An der Grenze, geschrieben um 1920, leistet das, was ihre Lyrik immer wieder tut und das dichterische Wort immer wieder auch zu leisten vermag: uns an jene Grenze zu erinnern, auf die wir womöglich gerne Schnee fallen lassen.

 

Mehr zu Gertrud Kolmar hier  –  und  hier

 

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´s ist ein Gesetz der Teufel und Gespenster: /Wo sie hereingeschlüpft, da müssen sie hinaus. – Mephistopheles outet seine Methode, aber niemand hört hin!

Manchmal mag man es nicht glauben, welche Wahrheiten in so viel gelesenen Sätzen stecken, ohne dass groß darüber geschrieben wurde oder es jemand weiters interessiert.

Doch obiger Satz sagt unglaublich viel aus.

Denn er betrifft die Mehrheit der Menschen (behaupte ich einfach mal)!

Tatsächlich hat es markant teuflisch Gespenstisches, was da Mephistopheles, der sich als Pudel bei Faust eingeschlichen hat und jetzt als Junker gekleidet jenen wieder verlassen möchte, als Wahrheit von sich gibt.

In dieser Bredouille ist er, weil er als Pudel beim Hereinspringen übersehen hatte, dass das Pentagramm, das auf die Türschwelle gezeichnet war (was damals neben gebündeltem Johanniskraut und anderen Abwehrstoffen durchaus üblich war, um böse Geister abzuwehren), verkantet gezeichnet war; die Spitzen mussten jedoch sauber gezogen sein, klar nach außen und innen gerichtet. Wenn sie in irgendeiner Form schräg gezeichnet waren, war dem Geist der Abgang versperrt. Rein hatte er kommen können, raus kann er nicht. – So ging es Mephistophleles. Er hätte der Hilfe des Faust und dessen Zeichenkünsten bedurft.

Warum aber die Aussage des Mephistopheles so interessant und wichtig ist: Es hat viel Teuflisches, wenn Menschen immer durch dieselbe Tür raus- und reingehen. Es ist immer dasselbe. Wir gehen raus, wo wir reingekommen sind. Oft kommen wir uns womöglich sogar großartig vor. Aber es hat sich nichts verändert. Wer sich verändert hat, nimmt nicht dasselbe Loch, zu dem er reinkam.

Gut wäre es, wenn wir tatsächlich einen anderen Ausgang nähmen, wenn während des Aufenthalts so viel geschehen ist, dass wir den Sinn wenden, eine Vokabel, die aus dem Griechischen (metánoia – μετάνοια) Luther mit Buße übersetzt, eine Übersetzung, die ungefähr so zutreffend ist, als wenn man ein Mixed im Tennis als Herreneinzel mit Damenbehinderung bezeichnet.

Wer Metanoia betreibt, wendet den Sinn (wie es wörtlich heißt), er geht in eine neue Richtung, der Sinn wendet sich, das Wesen Mensch (es liegt also weit mehr als Buße vor).

Das genau aber machen Teufel und Gespenster nicht, ihr Sinn bleibt gleich, immer geht es durch denselben Ein- und Aussgang.

Da bewegt sich nichts und die Formulierung des Paktes zwischen Faust und Mephistopheles, der beim nächsten Treffen erfolgt, dass Faust also die Wette verliert, wenn er zum Augenblicke sagt: Verweile doch, Du bist so schön, das ist genau die grundsätzliche Strategie alles Mephistophelischen, alles Satanischen, alles dessen, was den Menschen an Altes bindet: Alles bleibt gleich, nichts ändert sich. Schön verpackt heißt das dann: Verweile doch, du bist so schön!

Wir kennen die Menschen, die – man möchte fast manchmal sagen – seit Jahrtausenden immer diesselbe Auffassung vertreten, bei denen sich nichts im Inneren rührt. Bloß nicht zu einer Tür raus, die man nicht kennt!

Und oft darf man dankbar sein, dass sie diejenigen, die den Sinn wenden, nicht verhöhnen, oder – wie weiland beispielsweise Giordano Bruno – verbrennen oder neu und anders Denkende mit dem Tod bedrohen, wie Galileo Galiliei (der Überlieferung nach soll es jedenfalls so gewesen sein). – Platon hat in seinem Höhlengelichnis das Verhalten dieser mephistophelisch Gesteuerten bestens beschrieben und wie schwer sie es denen machen, die sich dem Licht, also einer anderen Tür zuwenden.

Bis Faust lernt zu lernen, obwohl er sich doch für so klug hält, ja für einen Gott: Das dauert seine Zeit. Erst müssen vier Tote seinen Weg pflastern, bevor er lernt, mit dem Teufel umzugehen, bis er lernt, dass er  seiner bedarf, jedoch eben gleichzeitig lernen muss, richtig mit ihm umzugehen (nur Mephistopheles kann ihm im Faust II den Schlüssel ins Reich der Mütter, ins Ur-Reich des Seins überreichen!), bis er also im Grunde die Bedeutung der Schlange, die ja auch für uns Menschen so wichtig ist, auch wenn die Kirche sie erfolgreich verteufelt hat, versteht (ohne die Schlange wäre es der Kirche gar nicht möglich, so gottlos sein zu können, wie sie ist, das heißt beispielsweise, Hunderte von Millarden allein in Deutschland zu horten und das Vermögen noch zu vermehren, während die Not auf der Erde riesengroß ist . . .).

Wir wissen, Fausts Besuch im Reich der Mütter endet nicht gerade glücklich, aber für diesen Weg des Faust zum Ewig-Weiblichen bedarf es auch großer Ausdauer, erst recht, wenn auch noch das Ewig-Männliche seinen Part übernehmen soll, den zu erwähnen Goethe noch nicht vermochte.

Ohne die Schlange wären wir nicht in der Lage, Gott abzulehnen, um ihn ggf. aus freien Stücken als bedeutsam für unsere innere Entwicklung zu erkennen (eine Entwicklung, für die die Schlange allerdings auch kein Garant ist, wie man mit Blick auf die Menschheit unschwer sieht).

Jedenfalls mag man in Zukunft den Menschen, die stets immer derselben Auffassung sind und sich nicht verändern, dazu gratulieren, dass sie so gekonnt dieses für die geistige Unterwelt so bedeutsame Gesetz der Geister und Teufel befolgen. Vielleicht wird ihnen anlässlich dieser Gratulation etwas bewusst; aber auch das ist nicht sicher. – Umso mehr können uns selbst solche Sätze wie obiger zu denken geben.

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Berufen, um Namen zu geben. Was Michael Ende in der „Unendlichen Geschichte“ lehrt: Jeder muss selbst seine Kindliche Kaiserin retten!

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Die Adamssöhne, so nennt man mit Recht
die Bewohner des irdischen Ortes,
die Evastöchter, das Menschengeschlecht,
Blutsbrüder des Wirklichen Wortes.
Sie alle haben seit Anbeginn
die Gabe Namen zu geben.
Sie brachten der kindlichen Kaiserin
zu allen Zeiten das Leben.
Sie schenkten ihr neue und herrliche Namen,
doch ist es schon lange her,
dass Menschen zu uns nach Phantasien kamen.
Sie wissen den Weg nicht mehr.
Sie haben vergessen, wie wirklich wir sind,
und sie glauben nicht mehr daran.
Ach, käme ein einziges Menschenkind.
dann wäre schon alles getan!
Ach, wäre nur eines zu glauben bereit
und hätte den Ruf nur vernommen!
Für sie ist es nah, doch für uns ist es weit,
zu weit, um zu ihnen zu kommen.
Denn jenseits Phantásiens ist ihre Welt,
und dorthin können wir nicht –
doch wirst du behalten, mein junger Held,
was Uyulala da spricht?«

 

Jedes Mal, wenn ich „Die Unendliche Geschichte“ lese, bin ich tief berührt. Gerade habe ich noch einmal Atréjus Weg durch die drei Tore, das Große Rätsel Tor, das Zauber Spiegel Tor, das Ohne Schlüssel Tor gelesen.

Es sind dem Weg der Großen Arcana des Tarot vergleichbare seelische Entwicklungsstufen des Menschen; zugleich sind es Prüfungen.

Unglaublich, wie wahrhaftig Michael Ende sie gestaltet. Wir wissen ja, dass er selbst diese Stufen ging, dass er selbst mit seinen Helden in ausweglose Situationen geriet, dass er selbst um Lösungen rang …

Er war, wie Goethe und nicht wenige andere Schriftsteller, ein sicherlich sehr hellfühliger, intuitiver Mensch.

Ich bin auf diesem Blog an anderer Stelle auf die drei Prüfungen eingegangen und auf die Stimme der Stille, die sich Atréju im Anschluss an den Durchgang durch die drei Tore offenbart.

Wohl dem, der die Prüfungen durchlaufen darf, ohne gleich zu Beginn von den Sphinxen zurückgewiesen, ja getötet zu werden.

Jener Text oben stammt von Uyulála, der Stimme der Stille.

Und auch hier wird deutlich, wie viel dem Bewusstsein von Michael Ende offenbar ist.

In der Tat hat in der Schöpfungsgeschichte der Bibel der Mensch den Tieren Namen gegeben; es war ihm vorbehalten, dem Menschen, in der Bibel als Ebenbild Gottes bezeichnet.

Namen geben zu dürfen ist ein heiliger Akt, sicherlich einer der heiligsten, die es gibt.

Er wiederholt sich in der Namensgebung der Eltern für ihre Kinder; auch das ist eine heilige Aufgabe, wie sehr, ist vielen nicht bewusst.

Und wie wichtig ist es, Namen nicht abzukürzen, enthalten sie doch die Lebensenergie eines Menschen.

Uyulála klagt, und ihre Klage ist herzzereißend, denn es droht das Ende, das große NICHTS. Sie weiß, wie es um die Menschen bestellt ist, die den Weg nach Phantásien nicht mehr wissen.

Es ist der Weg zum Herzen, zum eigenen, denn die Kindliche Kaiserin ist niemand anderes als das göttliche Kind unseres Herzens.

Mein Wunsch in diesen Tagen: Mögen viele von uns wieder nach Phantásien gelangen.

Eine Voraussetzung nennen Michael Ende und Uyulála ganz deutlich:

Der Mensch, der dies erreichen will, muss glauben können:

Ach, wäre nur eines zu glauben bereit …

Glauben-Können ist die Voraussetzung, um den Ruf vernehmen zu können, den Ruf des Herzens …

Glauben ist kein Relikt nostalgischer Zeiten und reduzierter Bewusstseinsstufen. Glauben geht dem Wissen voraus: Wenn wir auf Schildern den Weg sehen, den wir gehen wollen, glauben wir, dass wir den Schildern vertrauen können. Ob unser Vertrauen berechtig ist, wissen wir oft erst sehr spät. So lange glauben wir.

Mancher glaubt, dass mit dem Tod alles vorbei ist.

Mancher glaubt, dass es ein Leben nach dem Leben gibt.

Wissen tun wir das relativ spät.

Doch unser Glaube bestimmt, auf welchen Bewusstseinsebenen wir suchend unterwegs sind.

Deshalb ist Glaube nicht ganz so unwichtig, wie viele glauben machen wollen.

PS und Nachtrag

Was ich in diesem Post nicht erwähnt habe, was aber wichtig ist:

Natürlich muss Bastian, müssen wir alle wieder zurück in unsere Realität, um Phantásien mit ihr zu verbinden.

Bastian will ja – es gibt auch ein phantásisches Ego – nicht mehr zurück, macht sich zum Kaiser von Phantásien und überwirft sich mit Atréju und Fuchur. Das ist eine große Gefahr, in der Menschen durchaus steckenbleiben können. Es sind unter anderem jene, die mittels einer für mich falsch verstandenen Esoterik alles nur in Licht und Liebe sehen wollen. Doch gilt es zu erkennen, dass es auch in uns Licht und Finsternis gibt – und letztere nicht zu knapp.

Wenn man diese Tatsache nicht nur mit dem Verstand, sondern mit ganzer Seele begreift, dann kann man auch die Worte Davids in Psalm 139 wirklich verstehen:

Denn auch Finsternis ist nicht finster bei dir und die Nacht leuchtet wir der Tag.

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