Hyperions Scheltrede über die Deutschen. – Gibt es sie noch, die deutschen Barbaren, von denen Hölderlin sprach?

In der Tat. Heute tragen sie Anzüge und Hosenanzüge; dazu später mehr.

Klar, man muss Hölderlins Briefe, die er im gleichnamigen Roman seinen Hyperion meistens an einen Freund namens Bellarmin schreiben lässt, durchaus nicht zu ernst nehmen, schließlich schreibt da ein Literat, der an dem, was wir bürgerliche Existenz nennen, kläglich scheiterte, bevor er geistig erkrankte
(es sei denn, Pierre Bertaux hat Recht und Hölderlin tat nur so und genoss womöglich die Zeit in seinem Turm – für mich eher unwahrscheinlich, bedenkt man, wie traumatisch die Behandlung in der Tübinger Klinik für Hölderlin war).

Schließlich nahm auch das literarische Deutschland den schwäbischen Dichter kaum zur Kenntnis – mit Ausnahme von Schiller, der allerdings den Jungspund Hölderlin, als dieser vor ihm aus Jena floh, ziemlich deutlich und öffentlich in die Pfanne haute.

Nur muss man sich ehrlicherweise auch der Frage stellen, warum Jahrzehnte später der Name Hölderlin zunehmend voller Ehrfurcht genannt wurde und andere Länder und Kulturen uns heute um ihn beneiden, denn ein Goethe kann mancherorts in Ansätzen vorgewiesen werden, ein Hölderlin aber nicht. – Er ist ein Unikat. Ich meine: ein Juwel.

Über alles verliebt in seine Diotima – und damit zurück zum Roman -, ließ Hyperion sich von seinem Freund Alabanda überzeugen, in den Russisch-Türkischen Krieg zu ziehen, um auf Seiten der Griechen deren Befreiungskampf gegen die Türken zu unterstützen.

Dem Leser mag sich nur sehr bedingt erschließen, warum er in diesem Zusammenhang meint, sich von seiner großen Liebe lossagen zu müssen. – Diotima wird an gebrochenem Herzen sterben.

Ebenso wird Hyperion, unser junger Grieche, von dem Befreiungskampf bitter enttäuscht sein. Auch sein über alles geschätzter Alabanda wird nach der Niederlage sich zurückziehen und andeuten, Selbstmord begehen zu wollen. – Alles sehr elegisch, würde Schiller sagen. Manchem zu elegisch.

Gesetzte Leute siehst du, aber keine Menschen

Selbst nun am Leben verzweifelt, schifft Hyperion nach Nordwest, wie er schreibt, und gelangt in dieser Stimmung nach Deutschland, jenem Land, aus dem Bellarmin kommt, der Mann also, an den die allermeisten seiner Briefe gerichtet sind – Hyperion ist ein Briefroman, ähnlich wie Goethes Werther, doch künstlerisch jenen in mancher Hinsicht überragend.

Übersetzen könnte man Bellarmin mit der schöne Deutsche. Trotz Scheltrede ist es kein Zufall, dass Hölderlin diesen Namen gewählt hat. Zwar misst Hyperion Deutschland an der untergegangenen Vollkommenheit des alten Griechenland, wie jenes in seiner Vorstellung einstmals existierte. Doch tut er – bzw. Hölderlin, der sich Reformen für Deutschland im Sinne der ursprünglichen Absichten der französischen Revolution wünschte – dies mit aufklärerischer Wirkungsabsicht (Schiller hätte Hyperions Scheltrede in der ihm eigenen Begrifflichkeit eine strafende bzw. pathetische Satire genannt) und durchaus deutlich:

Barbaren von alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls (…)
Es ist ein hartes Wort und dennoch sag ichs, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen (…)
Deine Deutschen aber bleiben gerne beim Notwendigsten, und darum ist bei ihnen auch so viele Stümperarbeit und so wenig Freies, Echterfreuliches. Doch das wäre zu verschmerzen, müßten solche Menschen nur nicht fühllos sein für alles schöne Leben, ruhte nur nicht überall der Fluch der gottverlaßnen Unnatur auf solchem Volke. –
Ich sage dir: es ist nichts Heiliges, was nicht entheiligt, nicht zum ärmlichen Behelf herabgewürdigt ist bei diesem Volk, und was selbst unter Wilden göttlichrein sich meist erhält, das treiben diese allberechnenden Barbaren, wie man so ein Handwerk treibt, und können es nicht anders, denn wo einmal ein menschlich Wesen abgerichtet ist, da dient es seinem Zweck, da sucht es seinen Nutzen, es schwärmt nicht mehr, bewahre Gott! es bleibt gesetzt, und wenn es feiert und wenn es liebt und wenn es betet und selber, wenn des Frühlings holdes Fest, wenn die Versöhnungszeit der Welt die Sorgen alle löst, und Unschuld zaubert in ein schuldig Herz, wenn von der Sonne warmem Strahle berauscht, der Sklave seine Ketten froh vergißt und von der gottbeseelten Luft besänftiget, die Menschenfeinde friedlich, wie die Kinder, sind – wenn selbst die Raupe sich beflügelt und die Biene schwärmt, so bleibt der Deutsche doch in seinem Fach und kümmert sich nicht viel ums Wetter!
Aber du wirst richten, heilige Natur! Denn, wenn sie nur bescheiden wären, diese Menschen, zum Gesetze nicht sich machten für die Bessern unter ihnen! wenn sie nur nicht lästerten, was sie nicht sind, und möchten sie doch lästern, wenn sie nur das Göttliche nicht höhnten! –
Oder ist nicht göttlich, was ihr höhnt und seellos nennt? Ist besser, denn euer Geschwätz, die Luft nicht, die ihr trinkt? der Sonne Strahlen, sind sie edler nicht, denn all ihr Klugen? der Erde Quellen und der Morgentau erfrischen euern Hain; könnt ihr auch das? ach! töten könnt ihr, aber nicht lebendig machen, wenn es die Liebe nicht tut, die nicht von euch ist, die ihr nicht erfunden. (…)
Es ist auch herzzerreißend, wenn man eure Dichter, eure Künstler sieht, und alle, die den Genius noch achten, die das Schöne lieben und es pflegen. Die Guten! Sie leben in der Welt, wie Fremdlinge im eigenen Hause, sie sind so recht, wie der Dulder Ulyß, da er in Bettlersgestalt an seiner Türe saß {Odysseus nach seiner Rückkehr auf Ithaka}, indes die unverschämten Freier im Saale lärmten und fragten, wer hat uns den Landläufer gebracht? Voll Lieb und Geist und Hoffnung wachsen seine Musenjünglinge dem deutschen Volk heran; du siehst sie sieben Jahre später, und sie wandeln, wie die Schatten, still und kalt, sind, wie ein Boden, den der Feind mit Salz besäete, daß er nimmer einen Grashalm treibt (…)
Es ist auf Erden alles unvollkommen, ist das alte Lied der Deutschen. Wenn doch einmal diesen Gottverlaßnen einer sagte, daß bei ihnen nur so unvollkommen alles ist, weil sie nichts Reines unverdorben, nichts Heiliges unbetastet lassen mit den plumpen Händen, daß bei ihnen nichts gedeiht, weil sie die Wurzel des Gedeihns, die göttliche Natur nicht achten, daß bei ihnen eigentlich das Leben schal und sorgenschwer und übervoll von kalter stummer Zwietracht ist, weil sie den Genius verschmähn, der Kraft und Adel in ein menschlich Tun, und Heiterkeit ins Leiden und Lieb und Brüderschaft den Städten und den Häusern bringt.

Man könnte leichterdings alles, was Hyperion schreibt, in die literarische Ecke schieben, zumal er in seinem nächsten Brief an Bellarmin schreibt:

Ich wollte nun aus Deutschland wieder fort. Ich suchte unter diesem Volke nichts mehr, ich war genug gekränkt, von unerbittlichen Beleidigungen, wollte nicht, daß meine Seele vollends unter solchen Menschen sich verblute.
Aber der himmlische Frühling hielt mich auf; er war die einzige Freude, die mir übrig war, er war ja meine letzte Liebe, wie konnt ich noch an andre Dinge denken und das Land verlassen, wo auch er war?
(…) wenn ich oft des Morgens, wie die Kranken zum Heilquell, auf den Gipfel des Gebirgs stieg, durch die schlafenden Blumen, aber vom süßen Schlummer gesättiget, neben mir die lieben Vögel aus dem Busche flogen, im Zwielicht taumelnd und begierig nach dem Tag, und die regere Luft nun schon die Gebete der Täler, die Stimmen der Herde und die Töne der Morgenglocken herauftrug, und jetzt das hohe Licht, das göttlichheitre den gewohnten Pfad daherkam, die Erde bezaubernd mit unsterblichem Leben, daß ihr Herz erwarmt‘ und all ihre Kinder wieder sich fühlten – o wie der Mond, der noch am Himmel blieb, die Lust des Tags zu teilen, so stand ich Einsamer dann auch über den Ebnen und weinte Liebestränen zu den Ufern hinab und den glänzenden Gewässern und konnte lange das Auge nicht wenden.

Hyperion wäre, wäre kurz darauf der Briefroman nicht zu Ende – „Nächstens mehr”, so lauten dessen letzte Worte – sicherlich Manns genug gewesen zu erkennen, dass dieses Frühlingsgeschehen nicht zufällig in Deutschland stattfand und eben nicht am Isthmos von Korinth oder im Tal zu Delphi.

Und natürlich wissen wir auch, dass Hölderlin wie vielleicht kein anderer deutscher Dichter Deutschland und vor allem seine schwäbische Heimat in seinen Hymnen und Oden auf unnachahmliche Weise besungen hat, man denke an Der Neckar, Heidelberg, Stuttgart, Am Quell der Donau, Die Heimat, Der Rhein, Der Main, Unter den Alpen gesungen und zahlreichen anderen mehr.

Jedes dieser Gedichte weist weit über den rein geographischen Bezug hinaus, was beispielsweise in einer der ersten Strophen der Rheinhymne deutlich wird. Von dem jungen Strom als dem vom St. Gotthard heruntertobenden Jüngling ist da die Rede und deutlich wird, wie sehr die Geburt des Stromes und der Beginn seines Verlaufs Beziehungen zum menschlichen Leben spiegeln:

Ein Rätsel ist Reinentsprungenes. Auch
Der Gesang kaum darf es enthüllen. Denn
Wie du anfingst, wirst du bleiben,
So viel auch wirket die Not,
Und die Zucht, das meiste nämlich
Vermag die Geburt,
Und der Lichtstrahl, der
Dem Neugebornen begegnet.
Wo aber ist einer,
Um frei zu bleiben
Sein Leben lang, und des Herzens Wunsch
Allein zu erfüllen, so
Aus günstigen Höhn, wie der Rhein,
Und so aus heiligem Schoße
Glücklich geboren, wie jener?

Drum ist ein Jauchzen sein Wort.
Nicht liebt er, wie andere Kinder,
In Wickelbanden zu weinen (…)

Der Rhein steht im Übrigen in dieser großen, umfassenden Hymne nicht nur für den Lauf des Lebens, sondern in seinem „freigeborenen” Sein gehört er zu den Hymnen und Dichtungen, die Hölderlin in seiner letzten Arbeitsperiode, bevor ihn eine Geisteskrankheit erfasst und er gewaltsam in die Autenriethsche Klinik eingeliefert werden wird, Vaterländische Gesänge nennt, gewidmet der vaterländischen deutschen Geschichte und den Hoffnungen, die der in Lauffen am Neckar geborene Autor in die Neuzeit setzt.

Germanien, einst ungestüm und wild

Hölderlins germanische Barbaren erinnern auch an den Rhein in seinem Oberlauf. Und manches trifft, was der Dichter scheltend über die Deutschen zum Ausdruck bringt, auf durchaus irritierende Weise auch auf heute zu.

Klar waren die Deutschen ursprünglich ein wildes germanisches Völker- bzw. Stammesgemisch und gewiss auch barbarisch. Aber die Römer und vor allem das Christentums, vor allem mittels Klöstern und ihren Mönchen, haben doch einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Entwicklung unserer Vorfahren gehabt.

Vergessen wir nicht: Bis zur Zeit Karls des Großen werden im Frankenreich bis zu 1000 Klöster gegründet, die Wirtschaftszentren sind und mit ihren Schreibschulen, Bibliotheken und den als Künstler tätigen Nonnen und Mönchen zugleich auch Kulturzentren sowie Vorratsspeicher und gleichsam Pfalzorte (dadurch durchaus auch ein politischer Faktor), wie gleichermaßen Krankenhaus und Pflegestation, Apotheke und zuständig für die Armenversorgung.

Eigentlich hat sich – sieht man heute sich in der EU so rundum, gerade auch in unseren unmittelbaren Breiten – auf diesem Hintergrund etwas ganz Passables entwickelt und man sollte, bevor es ganz in Vergessenheit gerät, dem Christentum noch vorher ein Denkmal errichten, denn ohne sein Einwirken säßen einige von uns heute noch auf den Bäumen.

Dennoch, die weiteren Zeilen Hyperions irritieren zumindest leise, wollen sich doch nicht so leicht in eine literarische Ecke schieben lassen, stimmen sie doch auch nachdenklich und mancher mag sich angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung die Frage stellen: Kommt nun Altes wieder hoch oder zeigt sich einfach jene Art von Dekadenz, der im Verlauf der Geschichte viele Hochkulturen zum Opfer vielen, ein moralisches und ethisches Verkommen?

Müssen wir doch einfach aktuell zur Kenntnis nehmen, dass unsere Gesellschaft verroht, dass gegenseitiges Helfen und Hilfsbereitschaft, wenn auch immer wieder fallweise medial auf Hochglanz poliert, dennoch insgesamt auf dem Rückzug ist und unsere politische Kultur schon viel zu lange mehr einem Wettbewerb im Schaumschlagen gleicht.

Immer mehr Menschen gehen mit Tunnelblick durchs Leben, mehr an Informationen auf dem Smartphone interessiert als an ihrer Umgebung. Menschlicher Kontakt scheint zunehmend immer weniger gefragt, Aggressionen und Pöbeleien nehmen zu und die menschenverachtenden Maßstäbe der Wirtschaft setzen sich klaglos durch. Roboter werden in der Altenpflege Menschen ersetzen, sie werden dabei ein Liedchen singen, in angenehmen Farben strahlen und Lavendelduft verströmen und irgendwann werden sie Fortpflanzungsfunktionen übernehmen.

Irgendwann werden sie auch das Sterben siecher Alter steuern dürfen.

Wie das parlamentarisch sich durchsetzt? Wie bei der Ehe für alle: Auf einmal darf ganz überraschend jeder Parlamentarier sein Gewissen und sein Herz entscheiden lassen und das entscheidet sich im Deutschen Bundestag für den sogenannten Fortschritt – eben für die computergesteuerte Altenpflege und menschengerecht computergesteuertes Sterben.

Die schulische Ausbildung hat ja ohnehin schon seit geraumer Zeit immer weniger mit Bildung zu tun, sondern vermittelt vor allem Fertigkeiten, bevorzugt digitaler Art (irgendwann wird noch wesentlich spürbarer das Jammern der Wirtschaft erfolgreich auf die Lehrpläne durchgeschlagen haben), denn die braucht das Bruttosozialprodukt. E-Tafeln im Unterricht ermöglichen vielfach schon jetzt den jederzeitigen Zugriff auf das Internet, Bücher  sind immer weniger gefragt und bei Gelegenheit wird ein Wissenschaftlerteam feststellen, wie unglaublich bakteriell verseucht sie sind, so dass noch zu klären ist, wie die Menschheit überhaupt, Bücher lesend, überleben konnte.

Kinder werden die Langlebigkeit der Börsen garantieren, an den Markt glauben so wie früher an den lieben Gott und sich späterhin – wie schon jetzt ihre Eltern – mit Hilfe von Wiesn, Weihnachten und Fußballweltmeisterschaften bei Laune halten, bis dass der Tod sie von ihrem Bankkonto scheidet.

Die exzentrische Bahn lässt sich nicht durch Roboter ersetzen

Hölderlin hat – 22-jährig begann er – über fünf Jahre an diesem Roman geschrieben und das, was den Zugang zu ihm vielleicht am meisten öffnet, sind Worte aus einem 1793 vorab in Schillers Literaturzeitschrift Neue Thalia veröffentlichten Fragment von Hyperion, so der Titel, Worte, die es leider – auch nicht auszugsweise – in die endgültige Fassung bzw. deren Vorrede geschafft haben.

In diesem Fragment findet sich eine Formulierung, die unendlich viel aussagt über den späteren Roman, dessen tieferes Verständnis sowie die Wahrheit des Lebens und wie wenig letztendlich Börsen, Wirtschaft und Smartphones das Sagen haben:

Es ist da von der exzentrischen Bahn die Rede, gemeint ist unser aller Lebensbahn, die eben außerhalb eines wie auch immer gearteten Zentrums verläuft – es heißt in jenem Fragment:

Die exzentrische Bahn, die der Mensch, im Allgemeinen und Einzelnen, von einem Punkte (der mehr oder weniger reinen Einfalt) zum andern (der mehr oder weniger vollendeten Bildung) durchläuft, scheint sich, nach ihren wesentlichen Richtungen, immer gleich zu seyn.

Einige von diesen sollten, nebst ihrer Zurechtweisung, in den Briefen, wovon die folgenden ein Bruchstück sind, dargestellt werden.

In Hölderlins Vorstellung gehen wir aus von einem Naturzustand, dem einer reinen Einfalt, und gelangen zum Ziel, der mehr oder weniger vollendeten Bildung. Thomas. Steams Eliot hat es in Four Quartets unnachahmlich so formuliert:

Und am Ende all unserer Forschungen werden wir da ankommen,
wo wir angefan­gen haben,
Und werden den Ort zum ersten Mal erken­nen.

Dass dieser Weg gekennzeichnet ist durch Erfahrungen der Liebe, der Freundschaft ebenso wie des Verlustes, des Todes, des Schmerzes, das macht der Roman deutlich.
Niemand kann sich dieser Erfahrungen entziehen (und wenn es ihm gelingt, hat er wider Erwarten ausgesprochen Pech gehabt). Überall und jederzeit kann der Mensch hinterrücks von einer Krankheit überfallen und krasser Lieblosigkeit oder dem Tod konfrontiert werden. Da hilft keine Versicherung und kein Smartphone.

Vieles ließe sich in Hölderlins Roman psychologisch interpretieren wie auch zeitbezogen, spiegelt doch Hyperions Freund Alabanda in seinem Verhalten Erfahrungen der Zeitgenossen mit der französischen Revolution wider, von der Hölderlin nur ungern zunehmend Abstand nahm, genauer gesagt, von ihren Auswüchsen, nicht von ihren ursprünglichen Zielen.

So könnte man Alabanda als Schattengestalt Hyperions sehen, Bellarmin als (deutsches) alter Ego, Diotima als reine Weiblichkeit, die allerdings durch Hyperion auch Entwicklungen durchmacht. Doch ist der Roman insgesamt viel zu existentiell gehalten, berührt, was die griechische Kultur für die Entwicklung der Menschheit bedeutet, formuliert in der Sekundärliteratur kaum wahrgenommene, aber höchst interessante Gedanken zur Kindeserziehung und lässt erkennen, was wir alle wissen, aber immer wieder eben auch nicht wissen wollen, dass Entwicklung ohne Verlust, ohne Tod, ohne höchsten Schmerz nicht möglich ist. Hier erstarrt nichts in psychologischen Chiffren.

In diesem Roman schlagen Gefühle und das immer wieder genannte Schicksal durch. – Schicksal – annähernd sechzigmal taucht dieses Wort im Roman auf – geht nun einmal (Gott sei Dank) über alles Psychologische hinaus.

Manches mag für heutige Ohren zu gefühlstragisch formuliert sein, zu überpointiert, zu wertherhaft gefühlsselig. Es spiegelt sich in dem Roman einfach auch die Ausdrucksweise des ausgehenden 18. Jahrhunderts und eines übersensiblen jungen Mannes. Dennoch vermag er tief zu berühren, weil er zu Fragen herausfordert, Fragen, wie es zu manchen Verhaltensweisen Hyperions kommt, wenn er beispielsweise recht unvermittelt an der Seite Alabandas, wie das Männer nun mal gern tun, meint in den Krieg ziehen zu müssen und seine Diotima, die sich dagegen ausspricht, zurücklässt, oder wie man dem gegenübersteht, dass dieser Alabanda höchste Sympathien – und mehr als nur Sympathien – für Diotima bekundet und Hyperion ihm kein Stop gibt, im Gegenteil, nachgerade bedauert, sie nicht mit ihm teilen zu können.

Gerade aber auf dem Hintergrund solch zu hinterfragender Stellen und Entscheidungen, die mit der Realität des Lebens unmittelbar zu tun haben, bedaure ich, dass ich noch nie in Baden Württemberg – und von anderen Bundesländern ist mir das ebenfalls nicht bekannt – Hyperion als Lektüre für das Abitur vorgegeben fand – eine bessere Seelennahrung als u.a. Schillers Räuberklamauk oder auch Ingeborg Drewitz´ Gestern war heute, die jahrelang in Baden Württemberg gelesen werden mussten, wäre dieses Werk allemal gewesen.

Die exzentrischen Bahnen von Kulturen und Völkern

Ganz entscheidend aber ist auch, dass nicht nur Menschen eine exzentrische Bahn gehen, sondern Kulturen und Völker. Deutschland kann ein Lied von ihr singen und aktuell hat Großbritannien beispielsweise sich für eine Bahn entschieden, die sehr exzentrisch werden könnte. Ebenfalls die Amerikas.

Deutschland hat sich in den letzten zwölf Jahren für einen Modus entschieden, der absehbar nicht gutgehen wird und an Erfahrungen eines Kajakfahrers erinnert, der glaubt, auf einem wilden Strom überleben zu können, wenn er das Paddel vor sich ablegt und sich treiben lässt. Jeder weiß, dass das auf Dauer nicht gutgeht. Man muss auf dem Strom mindestens so schnell unterwegs sein wie der Strom selbst, weil er sonst mit einem macht, was einem gar nicht gefällt.

Die Frage ist, wie dieses Land aus diesem Trägheitsmodus herauskommt.

Zunächst ist es in jenem, weil es eine Frau wählt, die ihn bis zur Perfektion kultiviert.
Das sagt einfach auch viel über dieses Land und seine Menschen aus und es nützt im Grunde wenig, immer wieder, wie ich es auch tue, über die Ziellosigkeit und innere Apathie dieser Frau zu schimpfen. Sie ist einfach so, so smileyhaft sie auch als Mensch und Ersatzmutti sein mag. Dass sie, wenn sie samt Deutschland auf dem Strom der Zeit umkippt, zu einer Eskimorolle, die sie wieder nach oben bringt, in der Lage ist, bezweifle wohl nicht nur ich.

Ja, lieber Hölderlin, es gibt sie, die Barbaren!

Was Bildung ausmacht, ist eben nicht das, was unser digitales Zeitalter darunter verstehen will, sondern ist jenes immer bewusster werdende Unterwegs-Sein auf unser aller exzentrischen Bahn. – Hyperion sagt zunehmend bewusster und demütiger Ja zu ihr. Sein Sinneswandel wird am Schluss nur kurz, vielleicht zu kurz angesprochen, doch ist er deutlich, weil der Held an dem tiefsten Punkt seines Lebens Ja sagt zu dem ihm widerfahrenen Scherz und weil er erkannt hat, dass es eben dieser Schmerz ist, der ihn zu seinem Zentrum gelangen lässt.

An den Rändern Deutschlands leiden Millionen von Menschen Schmerzen, erfahren Leid, weil sie am Leben nicht teilnehmen können, weil für sie Leben in jeder Jahreszeit zu einer Frage des Überwinterns geworden ist.

Was da hilft?

Kein Schimpfen auf Merkel – sie ist einfach Fakt mit jedem Kilo ihrer Existenz; dieser monolithische Block wird auch in Zukunft nicht lösen, was er 12 Jahre lang übersehen wollte.

Es hilft das unverdrossene Aufzeigen der Realität, um allerdings dabei nicht stehen zu bleiben:

Es gilt, eine neue Konstruktivität zu entwickeln, die zunächst den Gliedern unserer Gesellschaft ein menschenwürdiges Leben ermöglicht. Dann wird es auch möglich sein, anderen Menschen weltweit zu helfen.

Wer aber helfen will, ohne den Nächsten zu sehen, wird exzentrisch implodieren.

Allernächst ist man allerdings zunächst sich selbst.

Wer sich in Würde begegnet und mit Respekt, kann dies auch gegenüber anderen tun.

Noch zeigt uns unsere Gesellschaft, dass eindeutig zu wenige Menschen in diesem Land sich selbst in Würde und mit Respekt begegnen. Es wird ihnen aber auch nicht leicht gemacht, denn wer ein Leben lang gearbeitet hat, um dann zu erkennen, dass die Entscheidungsträger dieser Gesellschaft ihn nicht eines würdigen menschlichen Daseins für wert befinden – das betrifft u.a. Pflegebedürftige und Mitbürger im ArmenRuheStand -, hat mit dem Selbstwert naturgemäß Schwierigkeiten. Und wer tagtäglich für die Gesellschaft wertvolle Arbeit leistet, aber über ein Existenzminimum nicht hinauskommt, dem geht es genauso.

Hölderlin hat Recht: Deutschland hat seine gefühllosen Barbaren.
Sie tragen Anzüge und Hosenanzüge. Besonders gern stellen sie sich zur Wahl und versprechen zu tun, was sie über Jahre, ja Jahrzehnte nicht zu tun bereit waren.

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Glaubt mit Vernunft! Benedikt XVI.´ Regensburger Rede wird immer bedeutsamer.

 

Mit Benedikts Rede verhält es sich wie mit gutem Wein: je älter, desto besser, desto mehr treten ihr Wahrheitsgehalt und ihre Bedeutung zu Tage. Ja, sie wird immer aktueller. Am 12. September jährt sie sich zum elften Mal, und da Benedikt vielleicht nicht mehr allzu lange unter uns weilt, seien an dieser Stelle die Gedanken gewürdigt, die der emeritierte Papst zu Recht in den Mittelpunkt gerückt sehen wollte.

Dass dies zunächst misslang, ist den Reaktionen auf seine Rede, dem fast weltweiten Hype seitens des orthodoxen Islam geschuldet, der sich aus zahlreichen islamischen Staaten fulminant Stimme verlieh; u.a. erklärte der stellvertretende Parteivorsitzende der regierenden türkischen AKP, Salih Kapusuz, der Papst sei durch seine Worte „in derselben Kategorie mit Führern wie Hitler und Mussolini in die Geschichte eingegangen“.

Benedikt bekannte, dass er mit dieser „riesigen Propagandaschlacht” nicht gerechnet habe und in einer Anmerkung zur schriftlichen Fassung seiner Rede, veröffentlicht in der Libreria Editrice Vaticana, distanzierte er sich erneut von den von ihm zitierten um das Jahr 1400 verfassten Worten des byzantinischen Kaisers Manuel II., welche besagen, dass Mohammed nur „Schlechtes und Inhumanes” gebracht habe „wie dies, daß er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten“.

Benedikt schrieb, der zitierte Satz habe nicht seine eigene Haltung dem Koran gegenüber ausgedrückt, „dem gegenüber ich die Ehrfurcht empfinde, die dem heiligen Buch einer großen Religion gebührt.” Ohnehin hatte er eigentlich schon 2006 am Ende seiner Rede expressis verbis zum „Dialog der Kulturen unsere Gesprächspartner (eingeladen).” und sich damit von den kaiserlichen Worten deutlich abgesetzt. Hinzu kommt, dass er in seinen auf das Zitat hinführenden Worten – von einer „für uns unannehmbar schroffe(n) Form“ der Aussage von Manuel II. Palaeologos gesprochen hatte.

Allerdings zeigen die Wucht der Reaktion sowie das Ausmaß an Beleidigung und Beschimpfung, dass er den Finger in eine offene Wunde gelegt haben muss. Zu Recht ist angemerkt worden, dass nicht ein einziges Mal angesichts der terroristischen und gewalttätigen Verbrechen von Islamisten in den folgenden Jahren eine ähnliche Reaktion wahrgenommen werden konnte, die viele zu Recht gerade von jenen Muslimen einforderten, die sich angesichts des Papst-Zitates über die Gewalttätigkeit des Islam so echauffiert hatten. Doch als sie Farbe hätten bekennen sollen gegen einen extrem gewalttätigen Islam der Gegenwart, taten sie es nicht.

Dabei war es Benedikt im Hinblick auf die zitierten Kaiserworte um etwas ganz anderes gegangen:

Ein Satz, der die Welt verändern könnte!

Im Zentrum von Benedikts Rede steht jener Satz des byzantinischen Herrschers, dessentwegen er ihn überhaupt zitiert hatte:

„Gott hat keinen Gefallen am Blut (…) und nicht vernunftgemäß, nicht „σὺν λόγω” zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider (…)”.

Ein auf den ersten Blick fast harmlos anmutender Satz, doch hat er die Kraft, die Welt zu verändern.

σὺν λόγω – das bekundet: mit Logos, mit Vernunft.

Logos bedeutet übersetzt Wort, Sinn, Christus, Sohn, Vernunft. (Über kaum ein Wort und seine Bedeutung ist so viel geschrieben worden.)

Dem Wesen Gottes ist es zu eigen, mit Vernunft zu handeln!

Mit genau diesem Satz hängen die Krise der christlichen Kirchen, die Krise des Glaubens und die Wertekrise der westlichen Gesellschaften zusammen, die sich zwar wirtschaftlich ständig fortentwickeln wollen, aber ihres geistigen Fundamentes vollkommen verlustig gegangen sind.

Deshalb sind die Worte Benedikts so bedeutsam. Wenn das einstmals Christliche Abendland sie in ihrer Konsequenz nicht versteht, wird es ethisch und moralisch und in der Folge auch wirtschaftlich, ggf. auch militärisch (digitale Kriegsführung eingeschlossen), untergehen, weil sein momentaner Versuch, Ethik zu praktizieren, ohne ein entsprechendes geistiges Fundament zu haben, scheitern muss.

Christliche Spiritualität und ein christlicher Wertekanon waren im Verein mit der philosophisch-ethischen Basis der jeweiligen Zeit Voraussetzung für das Erstarken Europas in wirtschaftlicher, wissenschaftlicher und politischer Hinsicht. Wer diesen Zusammenhang nicht einzusehen in der Lage oder willens ist, wird sich mittels zukünftiger Entwicklungen eines Besseren belehren lassen müssen.

Ethik und entsprechende Werte verwirklichen sich nicht in einem geistig luftleeren Raum. Deshalb schrieb ich in meinem letzten Post, dass jeder in Deutschland spüre, dass etwas in diesem Land verkommt. Gott sei Dank noch nicht bei allen, denn:

Das Bewusstsein mancher Menschen hat sich in Richtung Logos verändert.

Erinnern wir uns zunächst der Quelle, auf die sich Logos bezieht. Wir kennen dieses Wort nicht nur aus jener berühmten Fauststelle (Geschrieben steht: „Im Anfang war das Wort!” / Hier stock´ ich schon! Wer hilft mir weiter fort?), sondern vor allem aus dem Beginn des Johannes-Evangeliums, jener vielleicht geistig wichtigsten Stelle des Neuen Testaments, in der das Wort, Logos, von zentraler Bedeutung ist:

1 Im Anfang war das Wort {λόγος / Logos}, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.
2 Dasselbe war im Anfang bei Gott.
3 Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.
4 In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.
5 Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen. (…)
10 Es war in der Welt, und die Welt ist durch dasselbe gemacht; und die Welt erkannte es nicht.
11 Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. (…)
14 Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

Blicken wir zurück in die Geschichte der Menschheit, so sehen wir, dass das Gottesverständnis nicht nur in unterschiedlichen Regionen verschieden war – ein Buddhismus wäre in Europa nicht möglich gewesen, hier fand sich zu gleicher Zeit die griechische Philosophie, die den Boden bereitete für die Sprache des Neuen Testaments -, sondern auch verschieden war zu unterschiedlichen Zeiten.

Wir sehen heute zurück auf ein animistisches Natur- und Gottesverständnis, auf Schamanismus, Mysterienwesen, Götter unterschiedlichster Hierarchien und im Rahmen des Christentums auf einen Weg, der erst mit Luther und durch Gutenbergs Kunst mehr und mehr Menschen an dem, was wir Religion nennen, so beteiligte, dass sie sich zunehmend selbst einbringen und eine eigene Meinung in Glaubensdingen bilden konnten. Als es so weit war, war es damit auch fast schon wieder vorüber, denn mit Beginn des Newtonschen Zeitalters begann eine Säkularisierung und ein Materialismus, dessen Höhepunkt heute fast schon wieder überschritten sein dürfte, zeigen doch entsprechende Untersuchungen durchaus ein Interesse der Menschen an religiösen Themen, allerdings mehr und mehr in außerkirchlichem und eher privatem Rahmen. Und zwar ein qualitativ verändertes Interesse. Das ist nicht mehr der Glaube unserer Eltern, ein mehr oder weniger ernstes Frommsein (was ich in meiner Kindheit oft als negativ erlebt und als Scheinheiligkeit wahrgenommen habe, aber keineswegs generell so einstufen möchte), sondern ein bewussteres Vordringen zu dem, was wirklich die Wirklichkeit unserer Erde und des Kosmos ausmachen könnte.

Benedikts großes Thema: das Verhältnis von Vernunft und Glaube

Ich habe nicht den Eindruck, dass die Kirchen wirklich erkannt haben, wo der Schuh sie dermaßen drückt, dass er sie am Fortschreiten, an einer Weiterentwicklung hindert. Ich bin mir nicht einmal sicher, dass sie Benedikt – vielleicht gilt auch in einer Kirche der eigene Prophet zu wenig – verstehen wollen; er verweist sie auf das Verhältnis von Vernunft und Glaube:

Menschliches Bewusstsein hat sich verändert; Menschen denken heute anders als früher, und wenn sie glauben, dann glauben sie anders als früher: Sie glauben denkend, sie stellen Fragen, und den Kirchen nehmen sie zunehmend die gängigen Antworten nicht mehr ab. Das ist z.B. ein Grund, warum ich nicht mehr in die Kirche gehe, denn was ich höre, klingt – es gibt Ausnahmen – noch wie vor 50 Jahren, als ob das Bewusstsein der Menschen sich nicht verändert hätte. Lassen Sie mich es drastisch ausdrücken: Es ist mir zu oft noch der gleiche frömmelnd stanzenhafte Sermon. Oft zeigt er für mich weder Herz noch Hirn. Manche mögen der Auffassung sein, dass das Herz das Wichtigste sei, der Kopf vernachlässigbar. Diese Einstellung aber entspricht immer weniger dem Menschen von heute. Und das nicht zu seinem Nachteil.

Ein sich bewegendes Denken

Menschen halten den Glauben nicht mehr für das allein Seligmachende, sondern sie suchen nach einer Antwort, die der Logos gibt. Ich will nicht sagen, dass sie die Antworten intellektuell versuchen anzugehen. Vielmehr ist es so, dass sich in unserer Zeit eine Art von Denken, das nicht mehr pur rational ist, entwickelt, kein kaltes Denken, sondern im Gegenteil eines, das sich denkend um das eigene Ich kümmert und um die Fragen, die das Innere bewegen, ein sich bewegendes Denken, ein durchaus auch intuitives, die Tiefenschichten unseres Seins suchendes, aufsuchendes Denken.

Damit einher geht keineswegs eine Absage an intuitive Formen der Religiosität, wie sie beispielsweise in Taizé oder klösterlichen Einrichtungen praktiziert werden oder in Formen der Meditation, mithin der bewussten Zuwendung zum eigenen Inneren. Ich war sehr erstaunt, als ich bei Nico Rosberg eine entsprechende Einstellung wahrnahm, die ich bei einem Formel-I-Fahrer wahrlich nicht vermutet hätte. Wir finden Entsprechendes bei mehr und mehr Menschen. Viele sprechen bewusst nicht darüber, wissend, dass Plappern dem, um was es geht, die Energie zur Entwicklung nimmt. Manche Dinge entwickeln sich eben am besten im Stillen!

Benedikts Weisheit trägt einer neuen geistigen Ausrichtung Rechnung. Sein Bestreben ging und geht darauf hinaus, den Logos, die Vernunft mit dem Glauben zu versöhnen. So weit aber ist die Kirche nicht; noch besteht sie (wenn auch nicht mehr so offensichtlich) auf der Verfügungsgewalt über das Innere ihrer Schäfchen. Den Grund, warum Letztere in Scharen weglaufen, könnte die Kirche, wenn sie sich treu bleibt, erst wahrzunehmen bereit sein, wenn ihr das Geld ausgeht. – Das kann dauern. Ihre finanziellen Polster könnten sie überleben.

Descartes´ revolutionierender Satz cogito, ergo sum – Ich denke, also bin ich, mit dem er gegen die Mitte des 17. Jahrhunderts hin alles, was bisher galt, denkerisch auf den Prüfstand stellen wollte, führte den Menschen nicht zu Ich-Findung und jenem sich bewegenden Denken, sondern steilwärts in den Materialismus. Dort hängt er überwiegend fest. Und nur, wenn es einen Tsunami gibt oder ein Fukushima, dann tauchen die üblichen Fragen, nämlich, warum Gott so etwas zulassen könne, auf. Als ob uns nicht selbst Spiele, allen voran das Schachspiel, die Realität des Lebens zeigen können, nämlich, dass zunächst Weiß zieht, dann aber gnadenlos – manchmal mit tödlicher Konsequenz – Schwarz (und wenn es so negativ aufgeladen ist durch menschliches Denken, Reden und Handeln wie zur Zeit – und es ist kein Wandel abzusehen, im Gegenteil -, sollte sich auch niemand über die schwarze Vehemenz wundern!).

Wenn also Schwarz am Zug ist, dann fällt manchen auf einmal ein spiritus rector ein, der das Matt doch hätte verhindern müssen und an der jeweiligen Kalamität Schuld sein soll. Solange alles gutgeht, sieht der Mensch vor allem sich, wenn das Chaos ausbricht, dann gibt es auf einmal einen Gott, den es sonst nie gibt. Vergeblich bemühten sich die Mythen und Religionen mit und in ihren Bildern jahrtausendelang, darauf zu verweisen, worin die Ursachen liegen, dass es einen Tod gibt, dass es Schwarz gibt, Krankheit und Leid, und worin die Entwicklungschancen bestehen.

Allah ist auf fast kompromittierende Weise unberechenbar

Benedikt verweist in diesem Zusammenhang auf etwas Entscheidendes, wenn man sich auch von seiner Verwendung des Wortes Transzendenz nicht irritieren lassen darf:

Der christliche Gott, selbst Logos, selbst Vernunft, sich selbst also in den Rahmen des Logos eingliedernd, ist für Benedikt kein transzendenter Gott – im Gegensatz zu Allah.

Und der Papst nimmt Bezug auf einen herausragenden Vertreter des Islam, Ibn Hazm, welcher im Hinblick auf Allah erklärt, „daß Gott auch nicht durch sein eigenes Wort gehalten sei und daß nichts ihn dazu verpflichte, uns die Wahrheit zu offenbaren. Wenn er es wollte, müsse der Mensch auch Götzendienst treiben.”

Ein Gott dieser unberechenbaren Transzendenz kann für Menschen normalerweise nicht attraktiv sein.

Dass diese Worte von Ibn Hazm durch Benedikt einer so großen Weltöffentlichkeit noch einmal ins Bewusstsein gebracht wurden, mag die islamische Welt insgeheim mindestens genauso wie das Zitat des byzantinischen Kaisers auf die Palme gebracht haben, denn gerade auf dem Hintergrund des existierenden christlichen Logos weist es Allah in fast kompromittierender Weise als einen nicht berechenbaren Gott aus.

Benedikt zielt im Fortgang seiner Rede auf Positionen, „die denen von Ibn Hazm durchaus nahekommen können und auf das Bild eines Willkür-Gottes zulaufen könnten, der auch nicht an die Wahrheit und an das Gute gebunden ist. Die Transzendenz und die Andersheit Gottes werden so weit übersteigert, daß auch unsere Vernunft, unser Sinn für das Wahre und Gute kein wirklicher Spiegel Gottes mehr sind, dessen abgründige Möglichkeiten hinter seinen tatsächlichen Entscheiden für uns ewig unzugänglich und verborgen bleiben.”

Letztendlich lässt Benedikt offen, ob er hier einen Zusammenhang mit dem aktuellen Islam und dessen Gottesverständnis sehen will. Dass aber muslimische Gelehrte, obwohl Benedikt nur zitierte, not amused waren, ist nachvollziehbar. Vor allem, weil eben der christliche Gott dezidiert anders ist. Er ist im Zweifel nicht willkürlich, sondern:

Der christliche Gott ist Logos, verlässliche Vernunft.

Diesen Unterschied deutlich werden zu lassen, gehört zu den großen Verdiensten dieser Rede.

Seinen Logos hat Gott dem einzelnen Menschen angeboten, ihn zu ergreifen. Erinnern wir uns obiger Worte des Evangelisten, dann ist es allerdings wohl höchst selten geschehen, dass Menschen – über Lippenbekenntnisse hinaus (und hierzu zähle ich auch die Lippen von Bischöfen und Kardinälen) – dieses Angebot angenommen haben.

Ich bin Benedikt immer wieder auch kritisch gegenübergestanden. Mir kam der schmallippige Präfekt der Glaubenskongregation, der er früher war, manchmal kalt, unnahbar und sehr intellektuell vor. Als Papst habe ich ihn zunehmend weicher und herzlicher werdend erlebt, und bemerkenswert offen und selbstkritisch äußert er sich auch in Letzte Gespräche, dem von Peter Seewald herausgegebenen Interviewband

In seiner Regensburger Rede weist er seiner Kirche den Weg in die Zukunft, wissend, dass sich der Glaube der Menschen verändert und ihre Vernunft und es an der Zeit ist, dass Menschen den Logos-Begriff heute umfassender erfassen. Der Logos des Menschen, seine Vernunft, sein Denken, ist Teil des großen Logos. Für Benedikt – das wird deutlich – ist er dezidiert diesseitig. Nicht unnahbar, transzendent. Sondern mitten unter uns.

Im Anfang

Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde, so heißt es zu Beginn des Alten Testaments.

Im Anfang war das Wort, so beginnt das geistig so tiefgehende Evangelium, das Johannes-Evangelium.

Benedikt verweist auf die viel zu wenig beachtete Parallelität der Formulierung.
Wir alle gehen den Weg von Alpha, dem Urbeginn, bis Omega, zum Ende unserer Entwicklung; beide Buchstaben, das A und das O, markieren den ersten (Alpha) und letzten Buchstaben (Omega) des griechischen Alphabets. Wir sind auf diesem Weg, der erst mit dem siebten Schöpfungstag endet. Und wer weiß, ob nicht dann ein weiterer Zyklus beginnt.

Aber fest steht, dass der Mensch immer eigenverantwortlicher wird. Das ist nicht zu übersehen. Damit das gutgehen kann, hat sich das Urwesen, das manche Gott nennen, in seinem Sohn mit der Erde vereinigt. Die Bedeutung des Logos ist, dass er erkennbar geworden ist als Christus, als Logos, und dass er diesen, gleichsam sich selbst, den Menschen verantwortlich anbietet. Manchen ist das gewiss zu christlich und religiös und sie wenden sich ab.
Aber Tatsache ist, dass mit diesem Logos dieses Urwesen, das wir auch Gott nennen, den Menschen von sich abnabelt. Der jüdisch-christliche Gott möchte – im Gegensatz zum Islam (die Sprache und Diktion des Koran lässt für mich hier keine Zweifel) – keine trommelnd das Wort Gott bzw. Allah wiederholenden Marionetten.

Wer weiß, ob nicht das Nicht-Aufsteigen des Kain-Rauches ein göttliches Einwirken war; es findet sich in der Bibel kein Hinweis, dass Kain selbst die Ursache für die Ablehnung seines Opferrauches gewesen sei. – Jedenfalls wird Kain wie sein Rauch radikal auf die Erde verwiesen Kein Zufall. Abel geht, Kain bleibt.

Und nicht einmal Gottes Sohn möchte lauter Christusse. Als er nach seiner Auferstehung unter die Jünger tritt, verweist er (Joh.20,22) darauf, dass sie von nun an eigenverantwortlich mit dem Geist arbeiten, den er ihnen übermittelte. In jedem Menschen ist er Teil seines Wesens.

Manchem ist diese Option zu groß; lieber nimmt er den atheistischen Ausgang, für mich menschlich nachvollziehbar (es ist auch bequemer, wobei manche ihre Bequemlichkeit hinter Rationalität verstecken).

Nicht jeder, der Leistung zeigen könnte, tut das. das gilt gerade auch in spiritueller Hinsicht. Manche springen eben unter der Hochsprunglatte durch oder legen sie sich selbst so hoch, dass sie sie zwangsläufig reißen müssen. Bedauerlicherweise ist es so, dass in einer Gesellschaft, die Kindern und Jugendlichen nicht mehr grundlegende Tugenden vermittelt wie die, dass man auf Dinge verzichten können muss, um ein großes Ziel zu erreichen, diese mangelhafte Erziehung nicht die Kinder fördert, sondern deren Scheitern. – Das muss man nicht kommentieren. Es ist schlimm genug.

Wachsen zum Erwachsensein

Hingen die Menschen bis zu Christi Anwesenheit auf der Erde womöglich trotz Kain und Prometheus noch am Rockzipfel Gottes, so ist es mit diesem Kinderstatus endgültig vorbei.
Die Menschen werden erwachsen und sie werden es nur, wenn Vernunft und Glaube Hand in Hand gehen. – Auch das verbirgt sich meines Erachtens hinter den Worten Benedikts, aus denen seine Kirche keine für mich erkennbaren Konsequenzen zieht.

Ohne das Verwobensein des Kain mit der Erde, ohne dieses Ichbewusstsein, diese Ich-Findung, initiiert durch Jahve, ohne den Prometheus in sich kann niemand den Logos leben.

Jemand, der die Quellen, seien es die Veden, die Bibel, die Mythen, die uns auf diesen Weg verweisen und ihn erklären, nicht ernst nimmt, wird scheitern. Manche möchten sie für Phantasiegebilde halten. Doch wir verdanken sie dem Logos, den es seit allen Zeiten gibt und der sich zu allen Zeiten kundgetan hat, nie eben aber intensiver und hilfreicher als durch seine Präsenz in Jesus. Wenige haben wirklich dessen Bedeutung und eben die Bedeutung des Logos, einer Vernunft, die von uns selbst zur Anwendung gebracht sein will, für ihre spirituelle Entwicklung begriffen.

Benedikt hat in seiner Regensburger Rede den Glauben mit dieser Vernunft verbunden, und wenn man genau hinhört, geschieht es mahnend, bittend und wissend zugleich, wenn er fordert, dass „Vernunft und Glaube auf neue Weise zueinanderfinden“, indem wir „der Vernunft ihre ganze Weite wieder eröffnen.“

In nuce enthalten diese Worte, enthält seine Regensburger Rede Benedikts Vermächtnis.

Ich finde es wahrlich weise.

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Zwei Wege zur Wahrheit.

 

Die Übereinstimmung.

Wahrheit suchen wir beide; du außen im Leben, ich innen
In dem Herzen, und so findet sie jeder gewiss.
Ist das Auge gesund, so begegnet es außen dem Schöpfer,
Ist es das Herz, dann gewiss spiegelt es innen die Welt.

Menschen können über Dinge weidlich philosophieren und oft ist es, liest man deren Ergüsse, so, dass man danach mehr zweifelt am Sinn des Lebens und weniger versteht von all dem als vorher.

Hier, anlässlich Schillers Sinnspruch im Rahmen der Tabulae votivae aus dem von ihm herausgegebenen Musenalmanach des Jahres 1797 finden sich vier Zeilen, die eine wirklich wertvolle Philosophie enthalten, eine Weisheit, die so prägnant ist, dass sie, liest man sie wirklich verstehend, keinen Zweifel lässt.

Zumal Schiller mittels der Überschrift die Richtung des Verstehens vorgibt.

Im Grunde ist es eine Absage an den Dualismus in der Welt. Nur vordergründig ist die Welt dual angelegt, im Grunde existiert eine Über-EIN-stimmung.

Schiller sagt: Der eine schaut nach außen und findet, was ein anderer innen sieht. Beide Vorgehensweisen führen zum selben Ergebnis: Sie sehen den Schöpfer, seine Welt.

Menschen ist selten bewusst:

Unsere äußere Wirklichkeit enthält den Schlüssel zu allen Rätseln.

Kant verstellte mit seiner Behauptung, dass der Mensch zum Ding an sich, zum Innersten des Seins keinen Zugang habe – für mich der größte philosophische Fake aller Zeiten – vielen Menschen den Zugang, weil sie fortan Kant meinten glauben zu müssen, zu Gott, zu dem Höchsten, dem ultimativen Ding an sich keinen Zugang zu haben.

Schiller erteilt dem eine Absage, ja, er weist sogar dezidiert darauf hin, dass man nicht die große Weltflucht antreten muss, um die Wahrheit zu erkennen. Es ist, als ob man ihn sagen hört: 

Schau doch den menschlichen Körper an! Gibt es etwas Vollendeteres als ihn? In ihm siehst Du alle Weisheit. Ein geistiges Wunderwerk. So kannst Du alles im Außen finden wie ebenso im Innen. 

Welchen Weg jemand wählt, liegt gewiss in seinem Naturell, in seinen Lebensvoraussetzungen. Eine Gärtnersfrau findet diese Wahrheit vielleicht in einer Margerite, ein Biologe erkennt die Weisheit des Lebens über seine Zellforschung, ein Astronom in der Unerschöpflichkeit des Alls und dessen sich ständig verändernder Beschaffenheit.

Das Äußere der Wirklichkeit führt uns immer nach innen.

Mancher wendet sich nach innen im Sinne von Novalis: Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft.

Das ist der Weg des Meditierenden, des Betenden, des Gläubigen.

Schiller spricht nicht davon, dass dieser Weg wertvoller oder besser sei als der des Zellforschers, des Astronomen, des Beamten in der KFZ-Zulassungsstelle, der alle Menschen gleich höflich und zuvorkommend behandelt.

Es gibt nur, so sagt Schiller, jeweils eine Voraussetzung: Das Auge bzw. das Herz müssen gesund sein. Das heißt, ihre Wahrnehmungsfähigkeit muss gesund sein. Auch ein Brillenträger oder jemand mit einem Herzkatheter kann in Schillers Sinn gesund sein. Man darf das nicht falsch verstehen.

Keine Frage, dass sich der Mensch um die Gesundheit des Auges und die Gesundheit des Herzens, also um die Fähigkeit einer klaren Aufnahme der Wirklichkeit bemühen muss.

Schiller gibt in der dritten Strophe seines Gedichtes Die Worte des Glaubens den Weg vor:

Und die Tugend, sie ist kein leerer Schall,
Der Mensch kann sie üben im Leben,
Und sollt‘ er auch straucheln überall,
Er kann nach der göttlichen streben,
Und was kein Verstand der Verständigen sieht,
Das übet in Einfalt ein kindlich Gemüth.

Übung ist notwendig. 

Komm übe, was Du längst begriffen hast, sagt die Stimme der Vernunft zu Nathan dem Weisen, als der Klosterbruder im gleichlautenden Schauspiel Lessings ihm ein Findelkind in die Arme drückt, damit er es aufnehme, ein Christenkind, und das, nachdem die Christen in Darun alle Juden getötet hatten, darunter seine 7 Söhne und seine Frau, verbrannt im Hause des Bruders.

Komm übe, was du längst begriffen hast!

Auch die zweite Strophe von Die Worte des Glaubens darf man nicht falsch verstehen: 

Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei,
Und würd‘ er in Ketten geboren,
Lasst euch nicht irren des Pöbels Geschrei,
Nicht den Missbrauch rasender Toren!
Vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht,
Vor dem freien Menschen erzittert nicht!

In seinem Ursprung ist der Mensch frei geschaffen bzw. zu einem freien Wesen veranlagt, dennoch ist er nicht frei, wie wir täglich sehen.

Mit des Pöbels Geschrei bezieht sich Schiller auf die Französische Revolution, deren Geschehen er zunächst begrüßte, zumal er geschmeichelt war, wurde ihm als Dreiunddreißigjährigem 1792 doch die Ehrenbürgerschaft der Französischen Nationalversammlung verliehen. Mit dem Ausbruch des jakobinischen Terrors jedoch schloss er sich der Ansicht Goethes an, der ja seinen Herzog im 1. Koalitionskrieg auf Seiten Preußen-Österreichs gegen die Franzosen begleitet hatte und nicht überzeugt werden musste, wie unselig die Folgen ursprünglich berechtigter Forderungen waren.

Frei geschaffen ist der Mensch, aber diese Freiheit hat er verloren und es gilt sie zurückzugewinnen.

Ein Kennzeichen wahrer Freiheit: vor dem wahrhaft freien Menschen muss niemand sich fürchten.

Wer Furcht ausstrahlt, ist nicht frei.

Frei ist nur, wer andere frei sein lässt.

Dass die Menschheit sich in eine Situation manövriert hat, in der so viele Menschen so unfrei sind, dass sie Freiheit mit Macht verwechseln und sich nur frei fühlen, wenn sie andere ihrer Freiheit, ihrer Macht berauben, ist ein Dilemma, aus dem herauszukommen für die Menschheit äußert schwer sein dürfte. Man glaubt jetzt schon zu spüren, was die Bibel prognostiziert:

Wenn ihr nun sehen werdet den Gräuel der Verwüstung stehen an der heiligen Stätte, wovon gesagt ist durch den Propheten Daniel (Daniel 9,27; 11,31) – wer das liest, der merke auf! –,
alsdann fliehe auf die Berge, wer in Judäa ist;
und wer auf dem Dach ist, der steige nicht hinunter, etwas aus seinem Hause zu holen;
und wer auf dem Feld ist, der kehre nicht zurück, seinen Mantel zu holen.
Weh aber den Schwangeren und den Stillenden in jenen Tagen!
Bittet aber, dass eure Flucht nicht geschehe im Winter oder am Sabbat.
Denn es wird dann eine große Bedrängnis sein, wie sie nicht gewesen ist vom Anfang der Welt bis jetzt und auch nicht wieder werden wird.
Und wenn jene Tage nicht verkürzt würden, so würde kein Mensch gerettet werden; aber um der Auserwählten willen werden diese Tage verkürzt.

Wir sind als Menschheit lange noch nicht am 7. Schöpfungstag angekommen; die Leser meiner Beiträge werden wissen, dass ich der Sicht Hildegard von Bingens zustimme, die der Ansicht ist, wir befinden uns inmitten der biblischen Schöpfungsreise, die zu Beginn der Bibel angesprochen ist. Sie ist auch nicht mit dem in Matthäus 24 prognostizierten Geschehen zu Ende.

Die Dualität von Pflicht und Neigung repräsentiert einen überholten Bewusstseinszustand

Es ist nicht unsere Pflicht, uns um Freiheit oder um Tugenden zu bemühen. Sowohl Schiller als auch Kant haben sich da meiner Ansicht nach etwas unselig über die beiden Begriffe Pflicht und Neigung den Kopf zerbrochen.

Es kann uns allein die Neigung zu den Tugenden ziehen. Aus Pflicht Freiheit zu leben und anderen zu geben, aus Pflicht tugendsam zu sein oder den heiligen göttlichen Willen zu respektieren, das ist heute zu wenig. Die Zeiten sind vorbei.

Heute gilt es, sich aus freier Entscheidung einem wertvollen Leben zuzuneigen. Gerade heute, wo die breite Masse sich dem Goldenen Kalb verpflichtet fühlt und um Baal tanzt.

Verpflichtet einem Suchttanz, um der Wahrheit auszuweichen.

Deshalb sind schon die ersten vier Worte Schillers in unserer Welt so bemerkenswert – eine Welt, deren Wahrheit wir wie Schiller verstehen mögen, damit unser Herz immer gesunder werden kann:

Wahrheit suchen wir beide; du außen im Leben, ich innen
In dem Herzen, und so findet sie jeder gewiss.
Ist das Auge gesund, so begegnet es außen dem Schöpfer,
Ist es das Herz, dann gewiss spiegelt es innen die Welt.

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Was Prometheus und Kain so Wesentliches mit uns zu tun haben!

In der Mythe von Prometheus – wie bedeutsam sie ist, sehen wir daran, wie vielfach sie in der Kunst, Musik und Literatur bearbeitet worden ist – spielt der Bruder Epimetheus eine zu wenig beachtete Rolle, nicht nur, weil er die Büchse der Pandora öffnete, sondern weil zu viele noch so sind, wie es der Übersetzung seines Namens entspricht: nach-denkend, zaudernd, überbedächtig, sagen wir ruhig auch: angela-merkel-like, hinterherdenkend, dumpf mit intellektuellem Anstrich.

Darauf beruhen ja die nur scheinbar überraschend hohen Zustimmungswerte von Frau Merkel: Sie repräsentiert den Grundtypus unserer Zeit: angepasst, immer den Hals leicht eingezogen, hängende Mundwinkel, Rumpf mit kaum Kontur, in sich ruhend unbeweglich.

Verstehe mich niemand falsch: Ich mache mich nicht lustig über die Bundeskanzlerin, auch deshalb, weil ich hängende Mundwinkel und fehlende Konturen seelisch verstehe und nichts dafür kann, wenn sie sich äußerlich zeigen. Was ich schreibe und meine, ist die Bestandsaufnahme des Durchschnittsmenschen, des Anfortas unserer Tage, von der inneren Not oft durch Überaktivität ablenkend, in Wirklichkeit mehrheitlich gern leidend, bei dem einen offensichtlich, bei dem anderen nur mittels Mundwinkeln erkennbar (obwohl Angela Merkels Freudlosigkeit schon seit geraumer Zeit ohnehin kaum mehr zu übersehen ist, von ihrer Emotionslosigkeit mal abgesehen, wobei sie, finde ich, als sie sich für die in der Türkei Inhaftieren einzusetzen vermeinte, sich schon hätte ein bisschen am Riemen reißen und wenigstens etwas innere Beteiligung hätte heuchelnversuchen können).

Aber machen wir es nicht an ihr fest; letztendlich spiegelt sie die momentane Mentalität der meisten Deutschen, die zu willig den Grauschleier akzeptiert haben, der über allem liegt.

Zum Prometheus berufen!

Schauen wir zunächst auf den Gegenentwurf, der wir als Volk und Individuen auch sein könnten, ja, so möchte ich behaupten, zu dem wir berufen sind:

Im griechischen Mythos beteiligt sich Prometheus, der Sohn des Titanen Japetos und der Gaia, erstaunlicherweise nicht am Kampf seines Vaters und der anderen Titanen gegen Zeus. Umso mehr stellt sich die Frage, was ihn veranlasste, sich auf einmal dann doch gegen Zeus zu wenden und ihm so gewaltig in die Parade zu fahren. – Was will die Prometheus-Mythe vermitteln?

Unwillkürlich denke ich an Kain, in Bezug auf den die meisten in erster Linie sein Eifersüchtigsein gegenüber Abel im Blick haben und dass er jenen erschlug.

Was es jedoch zunächst zu sagen gilt: Gott lehnt Kains Opfer ab, doch es findet mit keinem Wort Erwähnung, warum er das tut, es steht mit keinem Buchstaben da, dass Kain böse gewesen sei oder diese Ablehnung verdient habe!

Nehmen wir den Mythos, so wie er dasteht, so sagt er zunächst: Schau, es gibt zu dieser Zeit zwei Richtungen menschlichen Seins: die eine ist gotteskonform und Gott schaut auch deren Opfer gnädig an; die andere findet durch Gott Ablehnung – ohne Begründung!

Kain, ein Sohn der Erde

Warum das geschieht, könnte in der Bedeutung der Namen von Kain und Abel und ihrer Tätigkeit zu finden sein:

Kain ist Landmann, er beackert die Erde. Er ist ein Sohn der Erde.

Abels Name verrät uns, dass er kein Sohn der Erde, des Erdelementes ist, bedeutet er doch Atem, Wind. Abels Wesen also steht für Seelisch-Geistiges; dem Göttlichen steht er näher. Sein Opfer schaut Gott gnädig an. Das Opfer aber des Mannes, der ein Sohn der Erde ist, der fest mit ihr verbunden ist, der Früchte der Erde opfert, schaut er nicht gnädig an.

Die Auseinandersetzung der beiden verweist darauf, was sich in dieser Phase der Menschheit durchsetzt. Wobei zu vermerken ist, dass Gott Kain trotz seiner Untat nicht verbannt. Im Gegenteil, er sichert durch das göttliche Mal auf seiner Stirn, das Kainsmal, sein Überleben: Niemand darf ihm, will er sich nicht mit Gott anlegen, Böses tun.

Was allerdings auffällt im Rahmen des damaligen Geschehens: Der Mensch dieser Erde grenzt sich als Kain ab von Abel, für dessen Wesen er sich nicht zuständig fühlt: Soll ich meines Bruders Hüter sein?

Gott reagiert auf die Tat Kains, den Mord an seinem Bruder Abel, dessen Opferrauch gerade zum Himmel gestiegen war, mit Hinweisen, die durchaus denen ähneln, die Adam und Eva nach ihrer Vertreibung aus dem Paradies erfahren haben: Leidvoll würde sein Leben sein und geprägt von Heimatlosigkeit.

Zurück zu Zeus: Der sah für die Menschen, die sich nicht so verhielten, wie er sich das vorgestellt hatte, nicht nur Strafen vor, sondern er drohte sie sogar zu vernichten. Offensichtlich war er ein Gott, der genaue Vorstellungen davon hatte, wie sie sich zu verhalten hätten. Als sie das nicht taten, reagierte er unnachgiebig. Zwar wollte er sie glücklich sehen, aber nach seiner Façon.

Allerdings hatte er seine Rechnung ohne Prometheus gemacht, dem, so ist der Name zu übersetzen, Vor-Denkenden, Voraus-Denkenden. Der trotzt ihm, bringt mittels eines Riesenfenchels – so eine Facette des Mythos – den Menschen das Feuer und unterstützt diese, wo er kann (dass er sie sogar geschaffen habe, scheint eine spätere Variante des Mythos zu sein); ein Wohltäter und Kämpfer für die Freiheit der Menschheit.

Zeus hatte ein konformes, ihm genehmes Verhalten der Menschen erwartet und es war Prometheus, der ihnen ermöglichte, sich in eine eigenständige Richtung zu entwickeln: in die eines Kain (wobei ich mir dessen bewusst bin, dass jeder Mythos kulturbedingt eine eigene Färbung und nicht nur eine Färbung, sondern eine eigene Bedeutung haben kann; auf dem angesprochenen Hintergrund möchte ich dennoch auf Prometheus und Kain gemeinsam verweisen).

Vergessen wir nicht: mit dem Sündenfall hatte es bereits begonnen, dass die Menschen aus der Spur gelaufen waren, entsprach doch ihr Verhalten ganz offensichtlich nicht dem göttlichen Plan.

Eindeutig bezieht Prometheus Stellung gegen einen Gott, der sich zwar selbst alle Freiheiten nimmt, aber sie den Menschen nicht zugesteht.

Überraschen muss, dass Zeus Prometheus nicht einfach – zum Beispiel mittels eines ordentlichen Blitzes – über den Jordan bzw. Styx schickt, schicken konnte (vielleicht auch in Wahrheit nicht wollte). Auf der persönlichen Ebene bestraft er ihn, indem er ihn untrennbar mit der Erde verbindet; er schmiedet ihn an einen Felsen! Das ist von Bedeutung.

Auch Prometheus ist, wie Kain, ein Sohn der Erde.

Auf Pandora kann man schon reinfallen!

Auf Veranlassung des Zeus bestraft für sein Tun, den Menschen das Feuer gebracht zu haben, was eine neue Entwicklungsstufe für jene einläutet, kann er nur befreit werden, wenn einer an seiner Stelle bereit ist zu leiden und ihn ein anderer erlöst, der über dem Erdenschicksal steht. Das geschieht durch Chiron und Herakles, wobei Ersterer anstelle von Prometheus in Fesseln gelegt worden sein mag, weil er einem überholten Zustand der Menschheit entspricht, ist ein Teil von ihm doch Tier; Herakles aber entspricht in der Sprache der Mythen durch die Tatsache, dass er den Tod überwand, indem er aus der Unterwelt zurückkehrte, einem Geschlecht und Bewusstseinszustand, der weiter entwickelt war als der zu jener Zeit allgemein menschliche.

Wie aber löst Zeus das Problem mit den Menschen, die er nach deren Unterstützung durch Prometheus nicht mehr einfach ausradieren kann? Er bedient sich des göttlichen Schmiedes Hephaistos und des Umweges über den Bruder von Prometheus, jenen unseligen Epimetheus. Ersterer hatte den Loser-Bruder noch gewarnt, er solle von Zeus keine Geschenke annehmen, doch ein Epimetheus denkt zwar viel, aber im Zweifel zu langsam und nimmt das Geschenk an, die berühmte Büchse der Pandora, die er öffnet (nach einer anderen Version öffnete sie Pandora selbst), wobei in der Folge alle Übel dieser Welt herauskommen, bis auf die Hoffnung; die bleibt Epimetheus für den Fall, dass alle Stricke reißen.

Halten wir fest, dass es der hebräischen und griechischen Mythologie – zu finden auch in weiteren Kulturen – ein Anliegen ist, mit ihren Bildern darauf zu verweisen, dass Menschen in einer Phase ihrer Entwicklung einen eigenständigen Weg gehen, der zwar sogenannte negative Konsequenzen hat, aber weiterhin göttliche Unterstützung erfährt – übrigens ist das Traurige im Hinblick auf den Schatz der Mythen, dass Menschen partout deren Sprache ihrem Denken anpassen wollen, die Mythen deshalb nicht verstehen und für Erfindung halten und so die biblischen Schöpfungstage beispielsweise als reale 24-Stunden-Tage nehmen, vergessend, dass sich Mythen, die sich dem menschlichen Denk- und Vorstellungsvermögen anpassen würden, vielleicht Christo-VerpackungenVerhüllungen zeigen könnten, aber nicht diese großen Menschheitsbilder).

Niemand anderes als Goethe hat die Bedeutung des Mythos – möglicherweise nur un- oder halb bewusst – genial gestaltet, wobei er eine bezeichnende Änderung vorgenommen hat: Bei ihm ist nicht der Titan Japetos Vater des Prometheus, sondern Zeus, der VaterGott persönlich. Viele Interpreten haben deshalb das Gedicht auf die Vater-Sohn-Konflikt-Schiene geschoben. Goethes Vater war zwar resolut, aber nicht tyrannisch, und manchmal ist Psychologie in ihrer Abstraktheit zu hohl, um Weisheit zur Sprache zu bringen.

Vorbei ist die Hochzeit von Himmel und Erde

Goethe wäre nicht Goethe, wenn er nicht gleich zu Beginn seines Prometheus-Gedichtes die Kern-Aussage des Mythos auf den Punkt gebracht hätte, indem er eine deutliche Grenze zwischen Himmel und Erde zieht. Waren beide Bereiche bisher in der Vorstellung der Griechen durch diverse Götterexkursionen miteinander verbunden – wenn auch per Einbahnstraße, die Götter nämlich konnten nach unten, die Sterblichen aber höchst selten nach oben kommen -, so ist damit nun Schluss! Nicht von ungefähr nennt Goethe den Zeus-Bereich „deinen Himmel” und den seinen, also den des Prometheus – es ist ein sogenanntes Rollengedicht, der Verfasser nimmt die Rolle des Prometheus ein – „meine Erde”. Und damit er Zeus samt seinem Himmel nicht mehr sehen muss, fordert er ihn imperativisch auf, jenen mit Wolkendunst zu bedecken.

Das ist frech – und zugleich originell (ich vermeide Hinweise auf die Epoche des Sturm und Drang, um möglichst dieses Denken in literarischen Kategorien zu vermeiden, zeigt sich hier doch viel, viel mehr)!

Himmel und Erde sind, geht es nach Prometheus, fortan getrennt und sein Tonfall lässt keine Zweifel, wie ernst es ihm ist:

Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst!
Und übe, Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöhn!
Musst mir meine Erde
Doch lassen stehn,
Und meine Hütte,
Die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.

Ich kenne nichts Ärmers
Unter der Sonn als euch Götter.
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.

Das ist ein Tonfall, wie er bis dahin in der schreibenden Zunft nicht zu hören gewesen war, schon gar nicht von einem 24-Jährigen. Da pfeift sogar der große Lessing anerkennend durch die Zähne: „Der Gesichtspunkt, aus welchem das Gedicht genommen ist, das ist mein eigener Gesichtspunkt (…) Die orthodoxen Begriffe von der Gottheit sind nicht mehr für mich; ich kann sie nicht genießen.”

Dieser große Schwung an Aufforderung, Beleidigung und Hohn passt in kein gängiges Versmaß. Deshalb die vielen unerwarteten Zeilenumbrüche, die dennoch einen gewissen Rhythmus ergeben, weshalb man auch in Bezug auf das Metrum von freien Rhythmen spricht.

In der Tat nimmt sich Prometheus-Goethe hier alle Freiheiten, auch in der Wortwahl und originellen Wortschöpfungen, wenn er von Opfersteuern oder in der Folge von Rettungsdank und Knabenmorgenblütenträumen spricht.

Unerwartet geht auch der Inhalt weiter, auf einmal in einem ganz anderen Ton, auf einer ganz anderen Ebene. Nach diesem impulsiv-empörerischen Auftakt erwartet niemand im Ernst, Prometheus könne sich so sinnlich zartfühlend nach innen kehren:

Da ich ein Kind war,
Nicht wusste, wo aus, wo ein,
Kehrte mein verirrtes Aug
Zur Sonne, als wenn drüber wär
Ein Ohr, zu hören meine Klage,
Ein Herz wie meins,
Sich des Bedrängten zu erbarmen.

Es gibt kaum einen Dichter, der so oft wie Goethe das Herz anspricht, im Faust I allein über siebzigmal, in den Leiden des jungen Werther hundertmal. Faszinierend nur ist: Sie werden nicht eine Stelle finden, wo die Verwendung aufgesetzt wirken würde.

Auch hier nicht. Wobei das eigene Herz mit dem des Zeus zu vergleichen ein echter Goethe ist. Wie von selbst stellt sich die Frage: Hat der da oben überhaupt eines? – Jener Gott, dem es vor allem darum zu gehen scheint, seine Göttergattin zu hintergehen und der tut, was ihm beliebt? – Goethe kommentiert per Moduswechsel in als wenn drüber wär: der Konjunktiv II in wär ist der sogenannte Irrealis.

Zeus – ein Herz? Ein Herz für Kinder?  Nicht wirklich! – Damit ist alles gesagt.

Es folgen vier Fragen, dringlicher werdend, anklagend:

Wer half mir wider
Der Titanen Übermut?
Wer rettete vom Tode mich,
Von Sklaverei?
Hast du´s nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz?
Und glühtest, jung und gut,
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden dadroben?

Was können Fragen auch ohne Antwort verdeutlichen!

Die beiden ersten mögen noch an Zeus gerichtet sein, jedenfalls könnte jener sich noch angesprochen gefühlt haben. Mit der dritten aber zeigt Prometheus, wie außen vor der Göttervater ist. Er ist ihm nicht einmal mehr Zweifel wert und Prometheus wendet sich zu, wem er alles verdankt: dem eigenen Herzen, dem eigenen Willen, dem eigenen Mut.

Mehr Verachtung kann man dem Gott kaum entgegenbringen, als dass man ihm zu erkennen gibt, dass er nicht mehr gefragt ist. Schläft er doch, wenn er helfen sollte und hintergeht auf diese Weise seine Schutzbefohlenen. Seine Göttlichkeit: ein Betrug – „Betrogen” fühlt sich Prometheus.

Und welche empörerische Urgewalt liegt im Folgenden in der Aussage, dass Zeus genauso der Zeit und dem Schicksal unterworfen sei wie jene, um die er sich hätte kümmern sollen.

Wiederum sind es Fragen; nimmt man beide Strophen zusammen, sind es sechs an der Zahl, die den Göttervater in Frage stellen:

Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Hast du die Tränen gestillet
Je des Geängsteten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal,
Meine Herrn und deine?

Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehn,
Weil nicht alle Knabenmorgen-
Blütenträume reiften?

Und dann kommt jene letzte Strophe, die für alles Prometheische steht, gerade auch mit ihrer letzten Zeile und zwei Worten als Hammerschlag des neuen Bewussteins auf der Erde, der den Göttern auf dem Olymp, vor allem Zeus, in den Ohren dröhnen muss:

Hier sitz ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, weinen,
Genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich.

Mit Prometheus lernen die Götter Neues kennen, indem echte menschliche Gefühle Einzug halten: nicht auf dem Olymp, sondern unter den Menschen der Erde!

Wider ein falsches Monotheismus-Verständnis

Gerade die letzte Strophe lässt deutlich werden, warum Goethes Gedicht zu Recht eine Hymne genannt wird. Es ist eine Hymne auf das neu erwachte Ich-Bewusstsein, das sich untrennbar mit der Gestalt und dem Mythos des Prometheus verbindet und auch – an anderer Stelle habe ich es zuvor schon einmal angesprochen – in der Bibel sich so überzeugend gestaltet findet.

Mit dem leider so verbreiteten Unverständnis der biblischen Gestaltung einher geht das Unverständnis, das sich in den üblichen Ansichten bezüglich des Monotheismus zeigt: Wenn nämlich ein Gott ein neues Bewusstsein vermittelt, eines, das es bis dahin auf der Erde nicht gab, dann formuliert er eben: Ich bin der IchBin. Neben diesem neuen Bewusstsein – das der Menschheit zu bringen die Mission des Judentums war – kann es kein anderes geben, keinen anderen Gott, wie es das erste der zehn Gebote fordert. Mit Egoismus oder dem üblichen Verständnis von Monotheismus hat das wenig bis nichts zu tun, sondern mit dem göttlichen Anspruch an die Menschen, mit diesem neuen Bewusstsein ernst zu machen.

Jenes Ich-Bewusstsein fordert Menschen auf, sich dessen bewusst zu sein, dass sie Prometheus sind, nicht Epimetheus, dass sie Verantwortung tragen und man diese Verantwortung nicht trägt, indem man sich ständig mit der Vergangenheit beschäftigt, sondern sich um Gegenwart und Zukunft bemüht.

Letztendlich gilt es, das Bewusstsein aus den bis dahin gültigen Stammes- und Blutsbindungen zu lösen hin zu einer neuen Bewusstseinsstufe der Menschen auf der Erde, für das sich in der Bibel schon vor 2000 Jahren ein Hinweis findet, nachzulesen in Matthäus 14:

Als er noch zu dem Volk redete, siehe, da standen seine Mutter und seine Brüder draußen, die wollten mit ihm reden.
Da sprach einer zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen mit dir reden.
Er antwortete aber und sprach zu dem, der es ihm ansagte: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder?
Und er streckte die Hand aus über seine Jünger und sprach: Siehe da, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder!
Denn wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter.

Ohne das für die mosaische Zeit neue und in notwendiger Unbedingtheit monotheistische Bewusstsein hätte der eben zitierten Stelle jegliche Grundlage, das notwendige Fundament gefehlt.

Deshalb ist es notwendig, dass der Mensch, was früher Götter für ihn taten, nun selbst in die Hand nimmt. Er nimmt sein Leben in die Hand. Wir finden dieses Unterfangen beginnend mit dem sogenannten Sündenfall und es geht weiter mit Kain und Prometheus. Menschen nehmen andere Wege, als es Gottheiten vorsehen und für gut befinden.

Das hat Konsequenzen für die Menschen, keine angenehmen, denken wir an die Sintflut, also die atlantische Katastrophe, die nicht zufällig in so vielen Flutmythen der Völker angesprochen ist, denken wir an den beispielhaften Weg des Volkes Israel durch die Wüste, den wir immer wieder angesprochen finden, für mich unvergesslich nachdrücklich in Nietzsches Vereinsamt:

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein. –
Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts, ach! wie lange schon!
Was bist du Narr
Vor Winters in die Welt – entflohn?

Die Welt – ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends halt.

Diesen Weg können wir als Prometheus oder Epimetheus gehen. Wir können wie Epimetheus blind glauben und immer betulich beim Alten bleiben oder wir können uns erlauben, in Frage zu stellen, vorwärtszugehen, Risiko einzugehen.

Vergessen wir nicht, welches Risiko ein Mose einging, als er sein Volk 40 Jahre durch die Wüste führte. Welches Risiko ging ein Gandhi ein, ein Martin Luther King, ein Nelson Mandela!

Wir kennen den Epimetheus auch in der Gegenwart: Er verbrämt die Vergangenheit und kommt im Heute erst an, wenn der Zug bereits abgefahren ist. Er fährt auf Klischees ab und wiederholt ständig dasselbe. Er sucht die auf, die ihm attestieren, wie en vogue er sei.

Seine ganz persönliche Nationalhymne ist das Lied von der Schwäbschen Eisebahne. Seinen Glauben, seine Ansicht bindet er an den letzten Wagen und setzt sich in den Zug. Wichtig ist ihm, oi Billetle gelöst zu haben, wohin der Zug fährt, ist nicht wichtig. Ab der vierten Strophe singt der Epimetheus-Chor über sich:

Auf der schwäbsche Eisebahne wollt amal a Bäurle fahre,
goht an Schalter lupft de Hut: „Oi Billetle, soid so guet!“
Rulla, rulla, rullala, rulla, rulla, rullala,
goht an Schalter lupft de Hut: „Oi Billetle, soid so guet!“

Eine Goiß hat er sich kaufet, und dass sie ihm net entlaufet,
bindet sie de gute Mo hinte an de Wage no.
Rulla, rulla, rullala, rulla, rulla, rullala,
bindet sie de gute Mo hinte an de Wage no.

„Böckle, tu nur woidle springe, ’s Futter werd i dir scho bringe.“
Setzt si´ zu seinm Weible no und brennts Tubakspfeifle o.
Rulla, rulla, rullala, rulla, rulla, rullala,
Setzt si´ zu seinm Weible no und brennts Tubakspfeifle o.

Vermutlich weiß er nicht mal, dass er neben Pandora sitzt.
Angekommen in Sturgert oder wo auch immer ist er dann aber furchtbar empört, wenn er von seiner Goiß nur no Kopf und Soil an dem hintre Wagetoil find´t.

Die in manchen Versionen letzte Strophe ist allen Epimetheus dieser Erde wie auf den Leib geschrieben:

So, jetzt wär des Lied gesunge,
’s hätt‘ euch wohl in d’Ohre klunge.
Wer’s no nit begreife ko,
fang‘ no mal von vorne o!

Epimetheus singt es garantiert und gern von vorn. – Immer wieder.

Natürlich sagt der Mythos über den Bruder Prometheus noch mehr aus, was hier nicht angesprochen werden kann. Natürlich hat es seine Bedeutung, dass jener, wie schon angedeutet, an Erdgestein geschmiedet ist, natürlich ist es kein Zufall, dass der Adler seine Leber frisst, im Altertum der Sitz der Leidenschaften. Und natürlich hat jeder den Epi- und den Prometheus in sich, wie auch Kain und Abel. Es mag noch Menschen geben, die glauben, Mephistopheles sei nur Faustens ständiger Wegbegleiter.

Wir alle haben mit dem, was in uns ist, worauf die Mythen verweisen und wofür wir ihnen wirklich dankbar sein sollten, zu kämpfen. Manchmal zum Beispiel ist es einfach nur gut, in seiner Kindheit die Mythe vom Kampf des Perseus mit der Medusa – sie anzusehen bringt den Tod – gelesen zu haben und zu wissen, wie segensvoll und notwendig das Wissen um den spiegelnden Schild des Helden sein kann, der Medusa besiegt, indem er sie nicht direkt anschaut, was ihn zu Stein hätte werden lassen, sondern mit Hilfe seines spiegelnden Schildes, sind doch manche Dinge so schlimm, dass es gut ist, wenn wir in unserer Vorstellung diesen Schild verwenden. 

Grundsätzlich wichtig ist, den Weg des Helden zu wählen, und der heißt nicht Epi-, sondern Prometheus. Wir gehen nicht erfolgreich unseren Weg, wenn wir uns ins Eisebähnle setzen, umgeben von vielen Gleichgesinnten, und den Zug ins Nirgendwo fahren lassen. Wir gehen nicht erfolgreich unseren Weg, wenn wir den der Leidenschaften gehen, die uns anschmieden an die Erde, den Weg der Leiden, der uns an sie bindet.

Es war die Mission eines Buddha, dem Menschen den Weg der Befreiung vom Leiden zu zeigen. Leider hat die nächste Bewusstseinsstufe auf der Erde noch nicht wirklich gezündet. Sie eigentlich will jene Hochzeit von Himmel und Erde zurückbringen, der Prometheus zunächst ein Ende setzte, damit der Mensch nicht am Gängelband eines Zeus bleibe, sondern selbständig werde und in Freiheit zu wahrem Leben finde.

Auch in der Bibel finden wir diesen Weg des Prometheus, der dort aber, wenn der Mensch sie annehmen will, nie ohne Hilfen aus einem Bereich bleibt, den er sich öffnen oder den er sich offenhalten muss. Ein Kain bleibt im Gespräch mit Gott. Dieser Tatsache verdankt er sein Kainsmal, das wir vielleicht alle auf der Stirn tragen.

Ein Bewusstsein, das bisherige Strukturen übergreift

Es mag kein Zufall sein, dass das zukunftsInstitut in Kooperation mit nextpractice, dem Institut für Komplexität und Wandel, eine mit 190 € leider für den Normalbürger viel zu teure Studie (ob die Macher eine abgespeckte, für Otto Normalverbraucher erschwingliche Zusammenfassung hätten erstellen können?) gerade herausgebracht hat, in der nach eigenen Aussagen die deutsche Wertelandschaft neu vermessen und auf eine tief gespaltene Gesellschaft verwiesen wird, weil sie sich in zwei Gruppen aufteile: < Die eine hat ihren Fokus auf „Ich-Werte“, die andere präferiert am Gemeinwohl orientierte „Wir-Werte“. Beide Gruppen schätzen die Situation vollkommen unterschiedlich ein und stehen sich fast diametral gegenüber. Dies ist der Ausgangspunkt für ein tieferes Verständnis der Veränderungsprozesse, die Deutschland in Zukunft prägen werden. >

Sie zeichnen den < Umriss einer möglichen neuen „Netzwerkwelt“ und skizzieren, wie bereits heute Aktivität entsteht und gemeinsame Suchprozesse in Gang gesetzt werden. Allerdings anders als wir das gewohnt sind: kleinteiliger, aktiver und vor allem selbstorganisierter. Unter dem Radar der üblichen Berichterstattung formieren sich Bewegungen und Aktivitäten, die unserer Gesellschaft ein ganz neues Gesicht geben werden. >

Die Studie verweist darauf, dass der Weg zu einem Bewusstsein geht, das konservative und progressive Strukturen übergreift, ein Bewusstsein, das viele von uns nachvollziehen können, finden wir uns doch mit unseren Ansichten zum Teil in dem sogenannten linken Spektrum und auf der anderen Seite in sogenannten rechten Spektrum wieder, ein Indiz dafür, wie überholt die derzeitigen Begrifflichkeiten der Wirklichkeit sind.

Wer Normierungen sprengt, wird versuchsweise von der Epimetheus-Fraktion sofort an die Kandare genommen; ein Beispiel ist, ob er einem sympathisch ist oder nicht, der Tübinger OB Boris Palmer, der sich nicht an parteiinterne Muster hält, sondern prometheisch, also eigenwillig und authentisch denkt und sich verhält.

Vergessen wir nur nicht: ein dringend zu veränderndes Bewusstsein beginnt in uns und alle Schablonen, Muster und Normen sollten uns herausfordern, ihren Sinn zu überprüfen, nicht, um Rebell wie Sisyphus zu sein – denn wer nur Rebell ist, führt im Grunde, worauf schon das Wort verweist, Krieg (bellum), und zwar mit sich -, sondern einen Weg zu gehen, der uns weg von allem goldenen Gekalbe und allen aufgeblasenen Egoismus-Attitüden zu unserem wahren Selbst führt.

Überprüfen wir, ob wir, wie Prometheus, konstruktiv vorausdenken und aktiv konstruktiv handeln – und warum gegebenenfalls nicht.

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. . . das darf doch nur eine Königin, daß sie tanzt in den Gassen: tanzt! – Maries Wahnsinn.

Manche Gedichte spülen unsere Gehirngänge durch. Sie entsprechen so wenig unseren Denkmustern und laufen unseren Denkgewohnheiten quer. Unbequem sind sie zu lesen, für uns, die doch erwarten, dass uns alles mund- und gehirngerecht serviert wird, dass wir immer bestätigt werden in unserem Denken und unseren Gewohnheiten. Doch gibt es eine Form von Wahnsinn, der sehr gesund sein könnte:

 

Der Wahnsinn 

Sie muß immer sinnen: Ich bin . . . ich bin . . .
Wer bist du denn, Marie?
Eine Königin, eine Königin!
In die Kniee vor mir, in die Knie!

Sie muß immer weinen: Ich war . . . ich war . . .
Wer warst du denn, Marie?
Ein Niemandskind, ganz arm und bar
und ich kann dir nicht sagen wie.

Und wurdest aus einem solchen Kind
eine Fürstin, vor der man kniet?
Weil die Dinge alle anders sind,
als man sie beim Betteln sieht.

So haben die Dinge dich groß gemacht,
und kannst du noch sagen wann?
Eine Nacht, eine Nacht, über eine Nacht, –
-und sie sprachen mich anders an.

Ich trat in die Gasse hinaus und sieh:
die ist wie mit Saiten bespannt;
da wurde Marie Melodie, Melodie . . .
und tanzte von Rand zu Rand.

Die Leute schlichen so ängstlich hin,
wie hart an die Häuser gepflanzt, —
denn das darf doch nur eine Königin,
daß sie tanzt in den Gassen: tanzt! . . .

.

Ehrlich: Ist es uns nicht schon zu viel, wenn wir ein Gedicht lesen müssen, in dem nicht Gedanken mit Anführungszeichen gekennzeichnet sind, damit wir gleich wissen: Hoppla, da denkt nicht mehr derselbe Kopf . . .

Dabei könnte es sein, dass der Verfasser das vielleicht intuitiv deshalb gemacht hat, weil Gedanken ineinanderüberlaufen, auch wenn sie scheinbar von unterschiedlichen Wesen gedacht sind?

Dass wir gar nicht so weit entfernt sind von dem, was wir für wahnsinnig halten, obwohl dieser Wahnsinn gesünder ist als das, was wir für gesund, weil normal halten?

Und dass vielleicht jene wahnsinnigen Gedanken im Hintergrund in uns ständig laufen und wir sie nur nicht wahrnehmen?

Träumen gleich, von denen wir glauben, sie seien nur nachts vorhanden, nicht wissend, dass sie tagsüber genauso in uns sind, nur durch das Laute des Tages verdeckt?

Rainer Maria Rilke hat ungewöhnliche Gedichte geschrieben. Eines davon ist obiges, in dem sein Verfasser in einen Dialog mit dem Wahnsinn tritt, der aus Marie spricht, der Bettlerin, der Wahnsinnigen, auf dem Weg zu Maria, einer Königin, Melodie geworden, die sich erlaubt, was nur eine Königin darf: zu tanzen. 

Gehören auch wir zu jenen, die bei so viel Wahnsinn ängstlich an den Häusern entlangschleichen? 

Und ist unsere Wirklichkeit Realität?

Oder eine andere Form von Wahnsinn?

Lassen wir uns nicht irritieren: Wir sind alle so normal, so normal! 

Vielleicht kann ein Gedicht uns veranlassen, wieder mutig zu sein, wahnsinnig mutig zu sein . . . denn dass wir es einmal waren, steht außer Frage. Warum wüssten wir sonst, wie Marie tanzt . . .

(Das Gedicht ist  Rilkes Buch der Bilder entnommen)
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Halb zog sie ihn, halb sank er hin! – Wer alles lauscht dem feuchten Weib? – Goethes Ballade „Der Fischer“

Klar geht es in der Ballade Goethes in erster Linie um einen Fischer, dessen äußere Erscheinung glauben machen kann, er sei cool genug, dem Wasser samt feuchtem Weib zu widerstehen. Aber wenn man genau hinschaut, ist auch von unserer coolen Kultur die Rede.

Goethe war ungefähr dreißig, als er das Gedicht verfasste; da war er schon mehr als drei Jahre am Hof zu Weimar tätig und hatte eigentlich wenig Zeit, Lyrisches zu schreiben. Seine Italienische Reise sollte noch bevorstehen, die ihn als anderen Menschen zurückkommen lassen würde. Noch aber hielt er es in Weimar aus. Noch wirkte Frau von Stein nicht bedrückend auf ihn.

Seine Lebenssituation allerdings spielt in dem Gedicht auf den ersten Blick keine Rolle und Goethe scheint diese Sicht zu bestätigen, wenn er mehr als vierzig Jahre später über die Ballade sagen wird: Es ist in dieser Ballade bloß das Gefühl des Wassers ausgedrückt, das Anmutige, was uns im Sommer lockt, uns zu baden; weiter liegt nichts darin.

So war er. Wer an der Oberfläche bleiben wollte, bitte schön. Die Erfahrung der Tiefe ist nun mal gefährlich. Goethe wollte nicht, dass sich jemand am Wasser die Finger verbrennt. Und so hat er später sein Märchen geschrieben, das kaum jemand versteht und zu dessen Verständnis er herzlich wenig beigetragen hat – nur Schiller scheint er zu dessen Inhalt das ein oder andere gesteckt zu haben -, und genauso ist er mit dem Faust verfahren, dessen zweiten Teil man ohne Kommentar nicht lesen, dann allerdings auch sich vergegenwärtigen sollte, dass Germanisten mythische Ebenen des Öfteren nicht wirklich verstehen.

Fromm-Sein in und durch Liebe

Wer oberflächlich an die Ballade herangeht, der tut so ein bisschen wie der Fischer, der ganz cool dahockt, mit dessen Coolness es aber so weit nicht her gewesen sein kann, wenn fünf Fragen einer Wasserfrau und ihr Singen bewirken können, dass er sich von dem nur seinen Fuß netzenden Wasser doch recht bereitwillig und unwiederbringlich in dieses Element ziehen lässt, das Goethe angesichts des Staubbachfalls im Lauterbrunnental späterhin als ein Gleichnis für die Seele des Menschen bezeichnen wird. Der aus Angst in den Wellen des Sees versinkende Petrus dürfte ihm post mortem sicherlich Recht geben.

Vielleicht hat der Fischer auch zu wenig aus der Erfahrung anderer gelernt: Singen haben bekanntlich auch viele Rheinschiffer angesichts der Loreley unterschätzt. Und wer weiß, wie es Odysseus ergangen wäre, hätte ihn nicht ausgerechnet Circe vor den Sirenen gewarnt und fast brachiale Vorsichtsmaßnahmen treffen lassen, damit er und seine Kameraden nicht zu einem jener Skelette werden, deren sie bei der Vorbeifahrt an der Insel der Sirenen ansichtig wurden, tote Betörte, willfährige Beute singender, vogelähnlicher Frauen.

Ein Goethe hat wohl gewusst, wovon er schrieb; nur sind für einen, der die wirkliche Welt gern in Bildern sieht, diese im Grunde wirklicher als die materielle Wirklichkeit.

Zugleich weiß so jemand, dass sich seelische Hintergründe nur bedingt in Worte übersetzen lassen; Bilder sind allemal besser. So möge niemand wirklich glauben, das Heideröslein (Sah ein Knab ein Röslein stehn …) enthalte einfach nur beratende Hinweise zum richtigen Umgang für voll im Saft stehende Jünglinge mit Rosen, auch und gerade weil das Heideröslein ein recht harmloses Gedichtlein ist, zumindest zwei Strophen lang. Goethe mag damals sehr wohl gewusst haben, dass die Liebe zu dem elsässischen Pfarrerstöchterlein Friederike Brion durchaus hätte tragisch enden können, er, der sich auch zukünftig keine Liebe verbieten und noch 72-jährig in Flammen zu einer 17-Jährigen aufgehen sollte, Flammen, die zwar in einer abrupten Abfahrt aus Marienbad bzw. Karlsbad endeten, aber wie gewohnt sein Inneres zu einem Gedicht bewegten, deren es auf der Welt nicht viele gibt, der berühmten Marienbader Elegie, in deren Zentrum wir Strophen finden, die eine Definition von Frommsein formulieren, ein Frommsein durch Liebe, wie es sich noch bis heute nur wenige gönnen und gewiss nicht die, die dieses Lieben Goethes für des Teufels halten, weil sie nicht sehen, dass ein grinsendes Teufelchen ihre eigene Liebesfähigkeit so gern zurückhält vor einer Erfahrung wie dieser:

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Dem Frieden Gottes, welcher euch hinieden
Mehr als Vernunft beseliget – wir lesen´s -,
Vergleich´ ich wohl der Liebe heitern Frieden
In Gegenwart des allgeliebten Wesens;
Da ruht das Herz, und nichts vermag zu stören
Den tiefsten Sinn, den Sinn, ihr zu gehören.

In unsers Busens Reine wogt ein Streben,
Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten
Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben,
Enträtselnd sich den ewig Ungenannten;
Wir heißen´s: fromm sein! – Solcher seligen Höhe
Fühl ich mich teilhaft, wenn ich vor ihr stehe.

.

Dass nur wenige sich solch eine Liebeserfahrung gönnen, liegt nicht am Wesen der Liebe, sondern gern daran, dass für die meisten Liebe immer das ist, was sie sich maximal selbst gönnen können und was sie für das genau angemessene Liebes-Limit halten. – Das allerdings umfasst oft so viel nicht.

Wenn dann so ein Mensch am Wasser sitzt und eine Nixe auftaucht, kriegt sie eine Ladung Pfefferspray und der Angler wird zum Prediger gegen alles feucht Weibliche. Und dann spielt es keine Rolle, dass er keine Ahnung hat von dem, wovon er spricht. Immerhin gesellen sich all jene zu ihm, die so gestrickt sind wie er. Und das sind genug.

Allerdings: In die Tiefen zu tauchen, das kann tödlich enden. Das wissen wir von Schillers Taucher, der mutiger war als die versammelte Ritterschar des Königs und deshalb hinabtauchte, aber leider auch so naiv war zu glauben, dass dieser König ihm wirklich jemals seine Tochter geben werde.
Und bedenken sollte man auch, dass die Tiefen kein Ende kennen – Schillers Taucherjüngling sieht nicht von ungefähr in nicht enden wollende Tiefen. – Schillers Seele wusste um all das.

Wenn aber der Abstieg in die Tiefe eine notwendige Erfahrung ist, wo endet diese Tiefe?
Bei Goethes Fischer scheint die Sache nicht so vertrackt und doch ist sie es durchaus und zugleich sehr aufschlussreich:

.

Das Wasser rauscht‘, das Wasser schwoll,
Ein Fischer saß daran,
Sah nach dem Angel ruhevoll,
Kühl bis ans Herz hinan.
Und wie er sitzt und wie er lauscht,
Teilt sich die Flut empor:
Aus dem bewegten Wasser rauscht
Ein feuchtes Weib hervor.

Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm:
»Was lockst du meine Brut
Mit Menschenwitz und Menschenlist
Hinauf in Todesglut?
Ach wüßtest du, wie’s Fischlein ist
So wohlig auf dem Grund,
Du stiegst herunter, wie du bist,
Und würdest erst gesund.

Labt sich die liebe Sonne nicht,
Der Mond sich nicht im Meer?
Kehrt wellenatmend ihr Gesicht
Nicht doppelt schöner her?
Lockt dich der tiefe Himmel nicht,
Das feuchtverklärte Blau?
Lockt dich dein eigen Angesicht
Nicht her in ew’gen Tau?«

Das Wasser rauscht‘, das Wasser schwoll,
Netzt‘ ihm den nackten Fuß;
Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll
Wie bei der Liebsten Gruß.
Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;
Da war’s um ihn geschehn;
Halb zog sie ihn, halb sank er hin
Und ward nicht mehr gesehn.

.

Es ist ja der Sinn einer Interpretation, die nicht zu weit geht und damit die Lust an Wort und Bild verdirbt, ein wenig transparent zu machen, wie die äußere Form den Inhalt unterstützt. Dann erst mag die noch verschlossene Blüte sich öffnen.

Mit seinen dreißig Jahren war Goethe schon längst ein Meister seines Fachs:

Da wechseln das ganze Gedicht hindurch vierhebige jambische Zeilen mit dreihebigen ab und es scheint, als wolle der dreihebige Vers immer auch eine kleine Antwort auf den Tatbestand sein, der zuvor im vierhebigen angesprochen wird. Man nimmt dieses Alternieren zwischen Vier- und Dreihebigkeit gern nur am Rande wahr, und doch ist es immer da, immer wie im Untergrund.

So steht es um die Atmosphäre des ganzen Gedichtes: Alles ist untergründig – und doch so präsent.

Was sich da metrisch so gegenübersteht, findet sich als Merkmal das Gedicht hindurch ständig wieder, im Halb und Halb des Hingezogen-Werdens und bereitwilligen Hinsinkens, im parallel gestalteten Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm, in Doppelungen wie Menschenwitz und Menschenlist oder der wiederholt auftauchenden Zweiteilung eines Verses, bisweilen Wortwiederholungen beinhaltend, die zugleich eine Steigerung enthalten: Das Wasser rauscht‘, das Wasser schwoll, oder Und wie er sitzt und wie er lauscht … – Was hätte ein Regisseur heute für eine Sexorgie aus dem ganzen Geschehen gemacht. Nicht so Goethe.

Jemanden sitzen und lauschen zu lassen: Nur wer Menschen wirklich zuhören kann und Worten, dem offenbart sich das Lauschen des Fischers in seiner ganzen Bedeutung. Mit einem einzigen Verb offenbart uns Goethe mehr über den Mann als es manche psychologische Expertise könnte. Denn er lauscht nicht über die Wasseroberfläche hin, sondern in die Tiefe. Und diese antwortet. Des Fischers Lauschen nur kann erklären, warum er nichts mehr sagt und nur das Weib noch spricht.

Goethe verweist auf diese menschlich untergründige Ausnahmesituation unter anderem durch Neologismen, also Wortschöpfungen wie feuchtverklärt und wellenatmend. Ihm sind Mittel des dramatischen Malens gleich zu Beginn Tonversetzungen, die vorliegen, wenn gegen die unbetonte Silbe, die beim Jambus der betonten immer vorausgeht, die eigentlich unbetonte akzentuiert wird, wie das in Kühl bis ans Herz hinan vorliegt (metrisch korrekt müsste eigentlich bis betont werden) und in nicht ganz so auffälliger Form in weiteren Zeilen der ersten Strophe.

Die Dramatik der letzten Strophe spiegelt sich auch darin, dass zuerst nur der Fuß des Mannes berührt wird von dieser Energie des Wassers, Medium des feuchten Weibes, dann aber aufsteigt und das Herz ergreift, bevor der Fischer auf seine so ganz besondere Weise, halb gezogen werdend, halb so gern hinsinkend, in Gänze in der Tiefe versinkt.

Natürlich gäbe es hier noch einiges mehr zu beleuchten, was – oft unbewusst – Wirkung erzielt, doch möchte ich lieber noch darauf verweisen, dass es in einem Post zu einer solchen Ballade nicht darum gehen kann zu jammern, dass solche Gänseblümchen unter den Blüten der Lyrik Goethes – von den Orchideen ganz zu schweigen – nicht mehr wahrgenommen werden; das würde nur den eigenen Wirkungsbeitrag reduzieren, denn:

Jeder, der sie wahrnimmt und im Herzen zu schätzen weiß und trägt, trägt sie in das Herz einer, unserer Kultur hinein und davon profitieren auch die, die keine Gelegenheit haben und keinen offenen Sinn für diese Schätze (weshalb sie noch lange keine Banausen sind, eher ganz normale Bürger). Es ist einfach so. Das ist bekanntlich nicht schlimm. – Zumal einem jeden die Zeilen sich nur erschließen, wenn er sitzt und lauscht.

Und manche und mancher spüren: Das ist so unriskant nicht.

Das feuchte Weib und die Narzissten

Natürlich lässt sich inhaltlich vieles anführen, was vor allem um die Frage kreisen mag, wie einem Fischer, der doch so cool wirkt, das, was ihm geschieht, widerfahren kann, zumal in der letzten Strophe angedeutet wird, dass es eine Liebste gibt, die doch einer wirklichen Liebe wert sein mag (Wie bei der Liebsten Gruß).

Zumindest eine Teilantwort mag die verfängliche Frage des Weibes leisten: Lockt dich dein eigen Angesicht / Nicht her in ew’gen Tau?

Dieses Weib weiß offensichtlich um den in jedem Menschen, jedem Mann innewohnenden Narzissmus, der ja nicht grundsätzlich krankhaft sein muss, es allerdings vor allem dann wird, wenn solchen Menschen die Welt zunehmend zu einem großen Spiegel wird, in dem sie sich mehr und mehr nur an sich selbst ergötzen oder nur Auskunft über sich haben wollen, bevorzugt natürlich an dem, was an der Oberfläche sich befindet.

Jedenfalls: Dieses Weib zieht auch das Narzissmus-Register, interessanterweise allerdings ganz zum Schluss, wohl wissend, dass das vollends den Ausschlag geben könnte, dass dieser Mann sich bereitwillig abtauchen lässt.

Es mag ja nicht so sein, dass er wirklich stirbt; nur ist er dieser Unterwasserenergie des feuchten Weibes verfallen, womöglich ohne dass er es selbst weiß und auch ohne dass es seine Liebste bei der Rückkehr gleich wahrnimmt, die aber wohl zunehmend spüren wird, dass ihr Geliebter nicht mehr der ist, der er einmal war. Das mag dann enden wie in Kästners Sachlicher Romanze, wo berichtet wird, dass Zweien, als sie einander acht Jahre kannten, plötzlich ihre Liebe abhanden kommt, wie andern Leuten ihr Stock oder Hut.

„Wer am Alten hängt, der wird nicht alt”

Ich möchte nur diesen Aspekt in den Mittelpunkt stellen, den man bei dem von Goethe formulierten Schluss vergessen könnte und der den Worten Goethes auf eine bemerkenswerte Weise Recht gibt:

Dieser Mann wird so, wie er da hinabsinkt, nicht mehr zu sehen sein.

Günter Kunert hat in diesem Zusammenhang eine geniale Ballade geschrieben, die abzudrucken leider nicht erlaubt ist, überschrieben Wie ich ein Fisch wurde. Darin treten zu Beginn die Meere über die Ufer und die Menschen versinken peu à peu in den Fluten. Das lyrische Ich allerdings erinnert sich angesichts der vielen um ihn herum nach Hilfe Rufenden und Ertrinkenden und bevor ihm selbst das Wasser den Mund verschließt, was man ihn einst lehrte, dass nämlich nur den die Veränderung der Welt nicht verdrießt, der sich selbst verändert. – Und er wird zum Fisch.

Was nun die Ballade, finde ich, so genial macht, ist, dass unübersehbar dieser Mensch am liebsten Fisch bleiben möchte. Es ist so gemütlich in den Tiefen, man kann so schön träge gleiten und oben ist es so schrecklich trocken. Aufs Neue wieder Mensch zu werden, so schließt Kunert ab, wenn man´s lange Zeit nicht mehr gewesen ist, das ist schwer für uns hier auf Erden, Weil das Menschsein sich so leicht vergisst.

Menschen sind aufgerufen, in die Tiefe zu steigen, das beweisen die vielen Mythen und Geschichten, die davon handeln, selbst auch solche Ausnahmegedichte wie Hofmannsthals Weltgeheimnis. Nur wer in den Brunnen steigt, wer die Erfahrung des Jonas macht und auch des ein oder anderen Märchen- und mythischen Helden, kann auf dem Weg, der zum mystischen Tod und darüber hinaus führt, weitergehen.

Natürlich kann man in der Tiefe bleiben (und im Zweifel selbst nichts davon wissen wollen), ja, man kann diese unglaubliche Leistung vollbringen und nach oben kommen und trotzdem wieder scheitern, weil man, wie der Taucher ohne wirkliche Not sich noch einmal meint in die Tiefe begeben zu müssen. Nur: Um die Tiefenerfahrung kommt letztendlich niemand herum. Es ist eine Erfahrung, die das Johannes-Evangelium für jemanden, der wahrhaft sein wahres Selbst sucht, aufzeigt in den Stadien des Jesus-Weges, unter anderem in der Fußwaschung, der Geißelung, der Dornenkrönung und der Kreuzigung.

Wer wieder auftaucht, ist ein Anderer.

Über manchen, der sich bis in die Tiefen gewandelt hat, kann man von seiner Umgebung auch sagen hören, dass man ihn nicht wiedererkenne.

Nur ist es nicht jedermanns Sache, in diesem Leben diese Erfahrung zu machen. Mancher hat sich anderes vorgenommen, was nur aus einer rein abstrakten Sicht weniger wert sein mag. Ein Computerexperte, der ein Programm entwirft, das für viele Menschen eine große Erleichterung z.B. in ihrem Beruf bedeutet, ein Ingenieur, der etwas entwickelt, was der Menschheit und dem Planeten dient, oder eine Krankenschwester, die Tag für Tag Kopfkissen aufschüttelt, Spritzen aufzieht und Essen verteilt, steigen womöglich nicht in die angesprochenen mythischen Tiefen, und dennoch ist solch ein Leben so wertvoll.

Mancher mag auch leben, um sein Leben zu genießen. Es ist seine Sache und niemand sollte das beurteilen wollen.

Gerade jemand, der in die Tiefen des Seins hinabgestiegen ist, wird diesbezüglich kein Urteil fällen, weil er weiß, dass es einer inneren Bereitschaft bedarf, eines Vorab-Lauschens. Wessen er sich allerdings bewusst ist: Irgendwann muss jeder hinab.

Wenn es gutgeht, bleibt der Fischer nicht in der Tiefe, so wie Tannhäuser in Richard Wagners Oper nicht in dem Berg der Venus hängenblieb, sondern sich dem Weiblichen in der Gestalt einer Elisabeth zuwandte. Gerade unsere religiöse und literarische Kultur ist voller Zeugnisse von diesen Wegen (beispielhaft erinnert sei nur an den Weg des Anselmus in E.T.A. Hoffmanns Goldenem Topf, an den Weg Heinrichs zur Blauen Blume im Heinrich von Ofterdingen oder den Weg Bastians in der Unendlichen Geschichte) und es mag eine wichtige Lehre aus allen sein, dass wir die Wege der Menschen um uns herum tolerieren, solange sie nicht die Wege anderer blockieren.

Diejenigen allerdings, die immer wieder die Stäbe über anderen und ihren Wegen brechen und den richtigen Weg genau kennen (der natürlich ziemlich genau ihrem entspricht), sind oft jene, die den Gang in die Tiefe scheuen. Dieses Scheuen ist nur zu verständlich, dieses ewige Urteilen nicht.

Selbst Sonnen sterben

Was für den Mikrokosmos Mensch gilt, gilt für alles im Makrokosmos. Selbst Sonnen sterben. Auch Kulturen. Manche sterben unnötig vorzeitig. Ich hoffe, dass dies nicht mit unserer der Fall ist.

In die Hölle ist sie bekanntlich schon abgestiegen. Es könnte aus dieser Erfahrung heraus ihre Aufgabe sein, noch für eine ganze für uns nicht überschaubare Weile anderen eine Hilfe zu sein. Wer die Erfahrung des Abstiegs gemacht hat, wer die Erfahrung des Aufstiegs gemacht, wer erfahren hat, dass manche hilfreich die Hände reichten, während andere jahrzehntelang bei möglichst jeder Gelegenheit den drohenden Zeigefinger schwangen, weiß um die zum Teil übergroßen Schwierigkeiten und Stolpersteine des Wegs.

Ich bedaure, dass wir zur Zeit so wenig Menschen in unserem Land finden unter denen, die das Ohr der Öffentlichkeit haben, welche in ihren ethischen Ansprüchen und in ihrem Denken und Handeln zeigen, dass diese Erfahrungen nicht umsonst waren. Zu viel ist in unserer Politik halb und halb. Nicht warm, nicht kalt. Die Bibel nennt diesen Aggregatzustand lau und er hat eine klare Konsequenz: Die, die ihm frönen, haben keine Zukunft.

Das muss nicht sein.

Und immer lockt das Weib

Und noch etwas hat diese Ballade mit unserer Kultur gemeinsam:

Was den Fischer hinabzieht, ist nicht die Gier nach Geld oder Sucht nach Ruhm oder Macht. Es ist das feuchte Weib, das sich schon zu Beginn verrät, indem es davon spricht, der Fischer locke des Weibes Brut. Für das, was der Fischer beruflich tut, sind Worte wie Brut und locken wenig angemessen. Wer allerdings lockt, ist das Weib, das geschickt dem Fischer ihr eigenes Verhalten, um von diesem abzulenken, unterstellt.

Und es lockt mit reichlich dubiosen Aussagen, denn dass der Mann auf dem Grund des Wassers erst richtig gesund werde, erscheint auf dem Hintergrund dessen, was das Weib meint, genauso unwahrscheinlich wie, dass nun auf einmal den Fischer sein Angesicht, das er dort schon oft genug gesehen haben mag, ins Wasser locken soll.

Nein, nicht der Wunsch nach Gesundheit oder die doppelt so schön wellenatmend wiederkehrende Sonne locken, es lockt, wie gesagt, einzig und allein das Weib. Nicht ganz zufällig erinnern die Worte an einen ähnlich lautenden Film eines Curd Jürgens und einer Brigitte Bardot, dessen minde Qualität bis heute kaum jemand in Frage stellt.

Dieses Weib – bzw. für was es steht – kann als dunkle Seite des Ewig-Weiblichen jeder Kultur zum Verhängnis werden und in der Tat scheint die Animalisierung des Lebens erfolgreich fortzuschreiten, die sich darin zeigt, dass, wie ich in vergangenen Posts aufgezeigt habe

  • es zum einen zunehmend Wissenschaftlern und Fachleuten wie Juliane Bräuer und Peter Wohlleben oder auch Philosophen wie Precht gelingt, den Status der Tiere so zu vermitteln, dass der Mensch sich und seine Krone – in der Sprache des Baumes der Sephirot Kether – und damit das Ziel seiner Reise verleugnet, und sich auf eine Stufe mit den Tieren stellt oder sogar behauptet, er stamme von ihnen ab, eine verquere Sicht;
  • zum anderen, indem Sexualität an die Stelle von Liebe tritt und das Leben so dominiert, dass der Mensch langsam aber sicher weder von Sexualität noch von Liebe mehr etwas wissen will und sich mehr und mehr in Perversionen und Unnatürlichkeiten flüchtet.

Wenn es dabei bleibt – und es ist, obwohl es niemanden öffentlich verwundert, erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit sich eine degenerierte Sinnlichkeit durchgesetzt hat und ohne nennenswerten Widerspruch akzeptiert wird (kann denn eine ganze Kultur unter Wasser sein und es nicht merken wollen?) – , dann allerdings ist es sinnvoll und wohl auch unwiderruflich, dass das Meer sich diese und alle ethisch so hohlen Kulturen holt.

Es beginnt ja bereits damit.

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Buchveröffentlichung Gedichtinterpretationen gestalten lernen
Für Oberstufenschüler und alle, die verstehen möchten, auf
welche Weise Inhalt und Form von Gedichten in unsere
Tiefenstruktur hineinwirken. – Mehr unter diesem LINK

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Wirf den Helden in deiner Seele nicht weg! – Leben von innen nach außen!

 Ach, ich kannte Edle, die verloren ihre höchste Hoffnung. Und nun verleumdeten sie alle hohen Hoffnungen. Nun lebten sie frech in kurzen Lüsten, und über den Tag hin warfen sie kaum noch Ziele. ‚Geist ist auch Wolllust‘ – so sagten sie. Da zerbrachen ihrem Geiste die Flügel; nun kriecht er herum und beschmutzt im Nagen. Einst dachten sie Helden zu werden: Lüstlinge sind es jetzt. Ein Gram und ein Grauen ist ihnen der Held.

Und es heißt in Nietzsches Also sprach Zarathustra noch:

Aber bei meiner Liebe und Hoffnung beschwöre ich Dich: Wirf den Helden in Deiner Seele nicht weg! Halte heilig Deine höchste Hoffnung!

Mit diesen Worten, die fast seherhaft die gegenwärtige geistige Situation Deutschlands charakterisieren, setze ich den Beitrag zu Ernst Moritz Arndt und seinem deutschen Wesen fort, denn jenes war genau dadurch gekennzeichnet, dass viele Menschen unserer Kultur ein Bewusstsein davon hatten, dass in allem Geist ist, Geist, den sie nicht auf Wollust reduzierten, und ein Bewusstsein davon, dass, wenn man über Vorgänge unserer Wirklichkeit spricht, man deren Geist suchen muss, um sie zu verstehen. Nicht nur Nietzsche, viele andere haben das in ihrem Schaffen zum Ausdruck gebracht, ganz deutlich auch Friedrich Schiller in einem Gedichtentwurf zur Feier der Jahrhundertwende:

Das ist nicht des Deutschen Größe,
Obzusiegen mit dem Schwert,
In das Geisterreich zu dringen,
Vorurteile zu besiegen …
Männlich mit dem Wahn zu kriegen,
Das ist seines Eifers wert!

Was Nietzsche und Schiller und viele andere, natürlich vor allem Goethe in seinem Faust ansprechen, ist ein Zug deutschen Wesens, für den ich unendlich dankbar bin, in diesen Kulturraum hineingeboren zu sein, denn ich sehe nicht, wo er sonst weltweit noch so gründlich ausgeprägt wäre. Ich bedauere, dass nur noch so wenige Menschen zu diesem Zug und weiteren Eigenschaften unserer Kultur, die ich sehr schätze, stehen, nur weil sie befürchten, in eine rechte Ecke gestellt zu werden. Aber mit allen Fasern, dem ganzen Herzen zu leben und nicht auf den Schein hereinzufallen, sondern das Sein zu suchen, das und anderes mehr sind nun einmal wesentliche Charakteristika  – und was ist daran rechts oder links? Ich persönlich lehne ohnehin diese Rollatoren politischer Kultur ab, schon allein deshalb, weil ich Etikettierungen und in dem angesprochenen Fall das damit verbundene verkappte Kastenwesen total ablehne.

Kaum etwas wie dieses Begriffspaar von links und rechts hat den gesunden menschlichen Verstand so außer Kraft setzen können. Und typisch ist beispielsweise, dass manchmal Politiker sich nicht inhaltlich verteidigen müssen, sondern aufgefordert werden zu erklären, warum sie als Linke rechte Positionen vertreten – oder umgekehrt. – Der Grund ist schlicht, dass sie es tun, weil sie eine Position vernünftig finden. Aber das darf in einer links-rechts-verhirnten Gesellschaft nicht sein.

Es würde dieser Gesellschaft unendlich guttun, diese Denkschablonen auf den Müll zu werfen und nicht nur zunehmend von Tierwohl zu sprechen, sondern Menschenwohl zum Kriterium politischen Denkens und Handelns zu machen (vielleicht geht es Ihnen auch so, dass man manchmal den Eindruck hat, um Schweine kümmert sich unsere Gesellschaft mehr als um Menschen, die zunehmend zahreicher am Rande des Existenzminimums leben).

Heute wissen viele Menschen gar nicht mehr, was Schiller mit obigen Zeilen meint und womöglich verwechseln sie Geist mit der menschlichen Intelligenz. Die gibt es auch, und sie ist sehr wichtig, denn der Mensch muss logisch denken können und muss vor allem sein Denken beherrschen, nicht, dass geschieht, was zur Zeit festzustellen ist, dass er ständig Gefahr läuft, fremdgesteuert zu werden, nicht nur, weil sich zunehmend mehr Menschen Chips implantieren lassen und eine Entwicklung auf den Weg bringen, die unabsehbar endet, sondern weil die meisten annehmen, sie hätten die mediale Überflutung im Griff.

Abstimmungsergebnisse wie beim letzten Eurovision Song Contest (siehe 1. Arndt-Post) und das Auspfeifen einer Helene Fischer beim Pokalfinale geben mir allerdings Hoffnung, dass Menschen sich ihre innere Selbständigkeit und Gesundheit nicht einfach schleichend nehmen lassen wollen. Denn eine Amerikanisierung der Gesellschaft macht alle krank.

Intelligenz und somit Kraft des klaren Denkens sind also absolut notwendig, aber jener Geist, den Nietzsche und Schiller ansprechen, das ist ein anderer. Wir alle stehen in Beziehung mit ihm. Viele allerdings haben ihn in einen inneren Tresor entsorgt und den Zugangscode vergessen. Ja, sie haben vergessen, dass es überhaupt diesen Tresor – nicht von ungefähr bedeutet dieses  ursprünglich griechische Wort Schatzkammer – gibt.

So kommt es, dass vielen diese Ebene, die übrigens nur insofern etwas mit Religion – mit Kirche wohl immer weniger – zu tun hat, als damit angesprochen ist, was alle Menschen verbindet, seit sie sich vor Milliarden von Jahren auf der Erde begonnen haben zu entwickeln, zunächst Mineralien, Pflanzen, Tiere und Menschen gemeinsam, bevor sich unterschiedlich ausdifferenzierte, was nun Grundlage menschlichen Lebens ist, immer weniger bewusst ist. Wenn wir jedenfalls den Dokumenten der Menschheitsgeschichte glauben, ist der Mensch so bedeutend, weil er den gesamten Kosmos im Kleinen als Mikrokosmos spiegelt, inclusive all derer, die es besser wissen.

Leben kann so tot sein

Ernst Moritz Arndt lässt in seinem genialen Gedicht den kleinen Jakob eine Erfahrung machen, die, als notwendig zu erkennen, Voraussetzung ist, um nicht unnötig lange im Totenreich, in der Geistlosigkeit sich aufzuhalten, während man zu leben glaubt.
Damit die Jakob-Not sich wenden kann, ist es not-wendig, in sich den Helden, von dem Nietzsche spricht, zu aktivieren, denn für diesen Weg bedarf es dieser Gestalt in uns. Gut, wenn in der Kindheit der Heldenkraft die Möglichkeit gegeben wurde, sich zu entwickeln.

Gebildet wird diese Kraft unter anderem durch die Lektüre von Märchen und Sagen (möglichst nicht per Film, weil die eigenen Seelenbilder wichtig sind!). Auch Astrid Lindgren z.B. ist eine Autorin, deren Helden sie zu entwickeln in der Lage sind (besonders empfehlenswert Die Brüder Löwenherz) oder aus neuerer Zeit Markus Zusaks Der Joker (Vorsicht, der Verfasser des Wikipedia-Eintrags hat den genialen Schluss, auf dessen Verständnis es so ankommt, nicht wirklich kapiert).

Kaum zu glauben, dass Arndts Gedicht eine politische Dimension hat, aber alles, was der Entwicklung eines Einzelnen dient, zieht Kreise, dient auch den Mitmenschen.

Arndts Zeilen sind auch deshalb bemerkenswert, weil sie von ganz vielen seiner anderen Gedichte sich abheben, inhaltlich und formal. Wir wissen, er liebte Mythen, schließlich gab er selbst Märchen und Sagen heraus. Von daher verwundern der Märchenton und entsprechende Motive in Klage um den kleinen Jakob nicht. Dennoch ist dieses Gedicht außergewöhnlich im Rahmen seines Schaffens. Obwohl schon im letzten Post veröffentlicht, möchte ich es hier nochmal einfügen – man entdeckt ohnehin bei jedem Lesen Neues:

.

Wo ist der kleine Jakob geblieben?
Hatte die Kühe waldein getrieben,
Kam nimmer wieder,
Schwestern und Brüder
Gingen ihn suchen in’n Wald hinaus –
Kleiner Jakob, kleiner Jakob, komm‘ zu Haus!

Wohin ist der kleine Jakob gegangen?
Hat ihn ein Unterird’scher gefangen,
Muß unten wohnen,
Trägt goldne Kronen,
Gläserne Schuh, hat ein gläsern Haus.
Kleiner Jakob, kleiner Jakob, komm‘ zu Haus!

Was macht der kleine Jakob da unten?
Streuet als Diener das Estrich mit bunten
Blumen und schenket
Wein ein, und denket:
Wärst du wieder zum Wald hinaus!
Kleiner Jakob, kleiner Jakob, komm‘ zu Haus!

So muß der kleine Jakob dort wohnen,
Helfen ihm nichts seine güldenen Kronen,
Schuhe und Kleider,
Weinet sich leider –
Ach! armer Jakob! – die Äuglein aus.
Kleiner Jakob, kleiner Jakob, komm‘ zu Haus!

.

Da ist viel Bewegung, und wer sich auf das Gedicht einlässt, wird natürlich schon durch die Eingangsfrage angesprochen und einbezogen.

Etwas wie einen auktorialen, also allwissenden Erzähler, wie wir ihn in Novellen und Romanen finden, gibt es in der Lyrik in diesem Sinn nicht, aber hier ist dennoch ein lyrisches Ich vorhanden, das sich, wenn es sich auch nirgends per Personal- oder Possessivpronomen wirklich zeigt, ständig präsent ist und über allem steht. Schließlich sind seine Wertungen – und Wertungen sind typisch für einen auktorialen Erzähler – unübersehbar, sein „Ach“ oder die Tatsache, dass Jakob als „armer“ bezeichnet wird, und spürbar ist seine emotionale Zuwendung gerade in der vorletzten Zeile in dem Diminutiv, also in der Verkleinerungsform „Äuglein“. Vor allem aber ist ein Kennzeichen eines allwissend Schreibenden, dass er sogar weiß, was der kleine Jakob in Strophe III, Vers 4 denkt: Wärst du wieder zum Wald hinaus!

Auffallend ist natürlich die Metrik des Gedichtes: Die ersten beiden Zeilen sind in allen Strophen jeweils vierhebig und metrisch sehr unregelmäßig, die mittleren Zeilen sind zweihebig, die letzte Zeile aber fungiert als Refrain, durchgehend trochäisch gestaltet und sechshebig. Das alles lässt im Verein mit einigen Zeilensprüngen, Bindestrichen, Frage- und Ausrufezeichen keine Betulichkeit aufkommen. Auch die Ellipsen, also das Weglassen von Wörtern, erzwingen ja im Grunde das ständige Mitdenken des Lesers, schon in der zweiten Zeile (Hatte die Kühe waldein getrieben), in der das Subjekt Er fehlt, wobei dieses Fehlen gerade bewirken mag, dass der Kleine umso mehr in den Mittelpunkt rückt.

Und natürlich wirkt eine Zeile wie Wärst du wieder zum Wald hinaus! mit den zahlreichen W-Alliterationen sich auf das Unbewusste des Lesenden aus: Alliterationen, also Wortanfänge mit gleichen Buchstaben, haben immer Sogwirkung – desgleichen die Assonanzen, also die Abfolge gleicher Vokale bzw. Diphtonge in Weinet sich leider.

Nicht, dass ich annehme, Arndt habe das alles absichtlich eingebracht. Vielmehr kommt da etwas von tief innen, was sich auf diese Weise Bahn sucht, eindeutig nicht so gedrechselt wie viele andere seiner Gedichte. Und dass dies so ist, hängt damit zusammen, dass er ein ewiges Thema des Menschseins gestaltet, wie ich es schon für Eisenhans und Hänsel und Gretel im vorausgehenden Beitrag angedeutet hatte: Jemand ist verschwunden. Im Wald. Im Unterbewussten.

Vielleicht ist er noch da, lebt unter den Menschen, aber sein wahres Wesen ist verschwunden.

Das ist ja das zentrale Thema der Märchen: Mit dem Tod der Eltern, oft ist es auch nur die Mutter, verschwindet das ursprüngliche, das wahre Bewusstsein und mit dem Einzug der Stiefmutter ändert sich alles. Bisweilen bringt sie noch eigene Kinder mit, die dem Märchenhelden übel mitspielen. Die drangsalieren z.B. Aschenputtel oder versuchen, auf billige Weise an das Wesentliche herankommen, indem sie beispielsweise den Bruder, der für den Vater das Wasser des Lebens geholt hat, überfallen und vor dem Vater tun, als hätten sie es geholt, weil sie sich um sein Leben und seine Gesundheit so Sorgen gemacht hätten.

Falschheit und Nicht-Beachten von ethisch anspruchsvollem Verhalten ist ein Kennzeichen dieses Menschen-Märchenpersonals, etwas in Besitz zu nehmen, was man nicht durch Arbeit und wahre Entwicklung verdient hat, sondern was man sich durch Trickserei und/oder Betrug aneignet. Die Märchen aber zeigen eindeutig, was mit jenen passiert, die sich so verhalten und sich Schätze aneignen, die ihnen nicht zustehen, man denke an Simeliberg oder Ali Baba und die 40 Räuber; wer sich Schätze aneignet, die ihm nicht zustehen oder solche, die eh die Motten und der Rost fressen, wie es in der Bibel heißt, stirbt.

Dem Stiefmutterbewusstsein geht es um Tand, um Glitter, um schönen Schein, ein Thema, das Schiller in Maria Stuart so wichtig war und auch Platon in seinem Höhlengleichnis. Genial, wie er da kurz und prägnant darauf aufmerksam macht, dass die Ehrungen, das Schulterklopfen und das Medaillenverleihen hier auf unserem Planeten Erfindungen des Höhlenbewusstseins sind, um sich die Höhle schmackhaft zu machen und von dem abzulenken, was sie wirklich ist, ein Bewusstseinsgefängnis, und dass es eigentlich nur ein Ziel geben kann, nämlich, aus der Höhle zum Licht zu gelangen, denn: Höhlenbewusstsein ist Stiefmutterbewusstsein. Nicht von ungefähr lässt Goethe in Faust II Faust zu den Müttern vordringen, den wahren; das Ganze erweist sich allerdings als eine Nummer zu groß für den Guten.

Wie Platon übrigens darüber schreibt, auf welche Weise mit denen umgegangen wird, die zum Licht gelangten, zum Sonnenbewusstsein, und in die Höhle zurückkehren, um den dort Leidenden zu helfen, ist einfach ein weiterer genialer und leider realistischer Aspekt des großen Griechen: Sie werden verspottet, schlimmstenfalls getötet.

Der Gedichterzähler weiß um das alles, er weiß, warum man dem kleinen Jakob eine goldene Krone aufgesetzt hat. In Wirklichkeit steht er im Dienst der Unterirdischen, ist deren Blumenstreuer und Mundschenk.

Der Dichter des Kleinen Jakob lässt den Leser aber etwas sehr Entscheidendes wissen:

Jakob weiß um seine Situation. Er will dem Bann der Unterirdischen entfliehen. Offensichtlich aber ist er noch nicht in der Lage, den Weg zu finden, die richtigen Mittel zur eigenen Befreiung einzusetzen. Noch weint er sich die Augen aus. Wenn es dabei bliebe, könnte er auf eine der größten Entwicklungsbremsen für Menschen hereinfallen: das Selbstmitleid. Das ist wie Kleb an den Füßen. Nichts geht mehr.

2017 will von dem, was in dem auf den ersten Blick so unscheinbaren Gedicht Ernst Moritz Arndts angesprochen ist, kaum jemand mehr etwas wissen. Für unsere Ahnen war dessen gedanklicher Mittelpunkt immer ein Thema. Nicht bei allen vollkommen bewusst; bei vielen zeigte es sich einfach in einem Lebensverhalten, das das pure Gegengift zur Jakob-Not ist und das ich im vorhergehenden Post angesprochen habe:

Wer arbeitet und sich bildet fast bis zum letzten Atemzug, der hat in sich ein Ziel, auch wenn er sich dessen nicht bewusst ist und er trägt ganz Wesentlichem unseres Lebens Rechnung: Wir nehmen alles, was sich im Inneren abspielt, alle Einstellungen, alles Bewusstsein, das wir uns erarbeitet haben, mit. Nichts an Bewusstsein geht verloren.
Es geht ja, um ein ganz entscheidenden Missverständnis anzusprechen, in unserem Leben nicht darum, die gigantischen Lern- und Bewusstseinssprünge zu machen, von denen so oft die Rede ist, den Drachen zu besiegen oder eine der Herakles-Aufgaben zu bewältigen – natürlich muss letztendlich jeder auch an sie ran.

Wichtig in erster Linie aber ist es, die kleinen Entwicklungsschritte zu gehen, aus denen sich alles Weitere ergibt. Das heißt, jedes Mal, wenn wir nicht gelästert haben, obwohl es uns so drängte, wenn wir keine Bla-Bla-Worte geredet haben, damit was gesagt ist, wenn wir eine Kleinigkeit, die uns nicht guttut, endlich abstellen, dann speichern wir in uns Kraft für den Weg aus der Höhle. Jedes Mal, wenn wir kein Urteil gesprochen haben, sondern die Seiten gewechselt haben, um etwas aus einer anderen Perspektive zu sehen, haben wir uns einen Riesengefallen getan, weil wir unseren gängigen Denkrastern zu entkommen versuchen.

– Es sind die kleinen Schritte, die zählen!

Im Gegensatz dazu sind es die vielen unkontrollierten Gedanken, die unsere Gegenwart belasten und die Menschen innerlich in einem viel größeren Ausmaß schädigen, als wir annehmen.

Vor allem aber ist es der Verlust des Bewusstseins, das den Altvorderen unserer Kultur fast heilig war: dass hinter aller vordergründigen Wirklichkeit eine geistige steht, die zählt; und dass es auf die innere Entwicklung ankommt.

Innerer Reichtum kann durchaus äußeren fördern

Was leider vollkommen aus dem Blickwinkel der Menschen Deutschlands geriet, ist, dass auch sein äußerer Reichtum eine Folge dieser inneren Einstellung war, weil dieser Reichtum und diese Einstellung ein Arbeitsethos und einen Umgang mit Familie und Beruf sowie dem eigenen Inneren mit sich brachte, der sich im Äußeren auswirkte!

Für mich ist sicher, dass, wenn es so weitergeht, der äußere Reichtum Deutschlands zusammenbrechen wird, weil die innere Substanz fehlt. Sie ist schlicht nicht mehr da, und ich kann nur allen empfehlen, sie, um diesem Land zu helfen, wo es geht, anzumahnen und selbst zu leben suchen. Natürlich auch wegen des äußeren Reichtums, warum nicht, wenn man angemessen mit ihm umgeht, sondern auch wegen der inneren Substanz, die jedem Menschen, der auf sie Wert legt, unendlich guttut. Wie sehr, mag sich für manchen erst im Leben nach dem Leben zeigen.

Für jemanden, der darauf achtet, ist diese innere Substanzlosigkeit bei einer Merkel so offensichtlich, wie es mehr kaum geht. Ihre Politik ist ziellos wie ein gebrochener Pfeil und der Frau fehlt ein inneres Koordinatensystem, das sie verwirklicht. Dass sie aber sich solcher Beliebtheit erfreut, zeigt, wenn die Zahlen stimmen – was ich manchmal nicht glauben kann -, wie sehr weite Teile der Bevölkerung ihrem Bewusstsein gleichgeschaltet sind.

Ein Horror für mich ist, um ein jüngstes Beispiel zu nehmen, dass Merkel mit Saudi Arabien vereinbarte, dass die Bundeswehr dessen Soldaten ausbildet. Saudi Arabien, in dem Menschen noch 2017 Hände abgeschlagen werden und regelmäßig freitags öffentliche Hinrichtungen stattfinden, unterstützt, das ist nun wahrlich genug bekannt, weltweit den Terror radikalster Gangart – gerade sind die Wahhabiten dabei, in Pakistan und Indien einen militanten Islam aufzubauen, auch das ist bekannt und wird sogar im Fernsehen kommuniziert. Und Riad unterstützt in Deutschland militante Salafisten. Wie kann man dieses Land militärisch fördern? Das ist meines Erachtens moralisch verkommen und zeigt eine innere Haltlosigkeit dieser Frau, die sie allerdings bestens in ihrem äußeren Auftreten und dem Eindruck, den sie von ihrer Politik zu erwecken sucht, zu kaschieren versteht. Alexander Mitscherlich hat einst über unsere vaterlose Gesellschaft geschrieben; hätte er lieber darüber geschrieben, dass diese Gesellschaft ein Mutterproblem hat; vielleicht wäre uns Mutter Merkel erspart geblieben oder mehr Menschen hätten sie durchschaut.

Und wie sehr sie Menschen einlullt, zeigt sich darin, dass ein Donald Trump Handel, vor allem Waffenhandel mit Saudi Arabien zunächst mit einem Volumen von 110 Milliarden US-Dollar (rund 98 Milliarden Euro) treibt – insgesamt wird das Volumen 380 Dollar umfassen -, ohne dass ein Aufschrei durch Deutschland – gefordert wäre ganz Europa – geht. Wie kann man so viele Waffen ausgerechnet in dieses Land pumpen!

Die moralische Verkommenheit ist allenthalben übergroß – und sie wird akzeptiert.

Um deutlich zu machen, warum das so tragisch ist und inwieweit das mit einem deutschen Wesen, wie ich es auf dem Hintergrund einer einzigartigen Kultur so schätze, zusammenhängt, zitiere ich Worte des spanischen Diplomaten und Schriftstellers Salvador de Madariaga (1886-1978) aus seinem Buch Porträt Europas, den man als Spanier kaum eines falschen Nationalismus deutscher Provenienz zeihen kann:

Deutschland bildet das Herzstück Europas, ist im Mittelpunkt seines Körpers, am Gipfel seines Geistes, in den innersten Räumen seines bewussten und unbewussten Wesens: die Quelle seiner erhabensten Musik, Philosophie, Naturwissenschaft, Geschichte, Technik – sie alle sind undenkbar ohne Deutschland. Wenn Deutschland fällt, so fällt Europa. Wenn Deutschland verrückt wird, so wird auch Europa verrückt. Die moralische Gesundheit des deutschen Volkes ist eine der Hauptbedingungen für die moralische Gesundheit Euro­pas, ja für seine Existenz selbst.

Um es noch einmal – wie schon im letzten Post – deutlich anzusprechen: Jede kulturell gewachsene Nation – bisweilen entspricht der Kulturraum auch dem Sprachraum -, hat Eigenschaften, die wertvoll sind für die Gesamtheit eines Kontinents, ja der Menschheit. Natürlich korrespondieren ihnen auch negative Eigenschaften, die, wenn der innere, der geistige Background fehlt, sich negativ auswirken: Klar sind Deutsche gern überpenibel, können ordnungsfanatisch sein und lehrerhaft.

Das ist immer dann der Fall, wenn sich Eigenschaften von ihrem inneren Kern lösen und verselbständigen. Man kann es in Frankreich derzeit bestens studieren, wo die einstmals vorhandene Vernunft, um die es dieser Nation so ging, durch eine rebellische, kindhafte Unvernunft boykottiert wird und notwendige Veränderungen und Reformen nicht vorgenommen werden, was Frankreich, wenn es so weitergeht, in den ökonomischen Ruin treiben wird.

Doch auch um Deutschland sieht es düsterer aus, als es momentan den Anschein hat.
Was Salvador de Madariaga schrieb, war einmal. Deutschland wird moralisch krank und kränker, immer geistloser.

Und das Schlimme ist: Ich sehe nicht, wie sich der einmal vorhandene wertschöpfende Geist wieder einstellen sollte.

Es stellt sich die bange Frage: Finden sich genügend Deutsche, die in dieser hohen Gefährdungslage wieder an den wahren deutschen Geist anknüpfen wollen, der sich dessen bewusst war, dass ohne Geist Leben wertlos ist, verkommt?

Eigentlich ist dieser Geist, von dem ich schreibe, dass er Deutschland auszeichne, einer, den jedes Land in gewisser Weise, auch jeder Mensch in sich trägt. Aber es war der Kultur Deutschlands vergönnt, diesen Geist zu einem zentralen Thema seines öffentlichen Lebens und seiner inneren Wirklichkeit zu machen.

Warum ist der Pfeil gebrochen?

Oder, wie es Nietzsche sagt: Warum sind dem Adler die Flügel gebrochen?

Wir können das Beispiel Geld wählen und wahrnehmen, dass eine geistige Energie dahintersteht. Wir können Hass nehmen, und es steht eine geistige Energie dahinter, wir können eine Institution wie die Kirche nehmen und es steht eine Energie dahinter, wir können den Rüstungskonzern Rheinmetall nehmen, der die Türkei mit Panzern beliefern wollte (will?) und es steht eine geistige Energie dahinter. Hinter allem und jedem und in allem und jedem ist das der Fall. Nicht die Hassworte, die jemand aus dem Mund fallen lässt, sind das Entscheidende, sondern deren entsprechender geistiger Kobold, der sich mit anderen Hasskobolden deutschlandweit, europaweit, weltweit vereinigt und etwas entstehen lässt, ein Ereignis, ein Unglück, auf Grund dessen sich dann Menschen mit offenem Mund fragen: Wie konnte das geschehen?

Oder sie fragen: Wie konnte Gott das zulassen?

Das ist eine der verlogensten Fragen, die es überhaupt gibt.

Schauen wir lieber ehrlich das Verhalten und die Worte der Menschen, ihre Verlogenheit, Falschheit und Gier nach Geld und Ruhm weltweit an. Zu glauben, all das bleibe folgenlos in den Kleidern hängen, täuscht. Was der Mensch sät, erntet er.

Menschen sollten, bevor sie mal wieder Gott zur Rede meinen stellen zu müssen, ihre Fragen an Menschen richten, die Dinge tun, die zwangsläufig zu Unglück und Not führen.

Leider sehen wir nicht, welche Energien Glück und Schönheit, Barmherzigkeit, aber auch klares und konsequentes ethisches Denken und Handeln zustande bringen. Liebe, von der so viel gesprochen wird, bedeutet ja nicht, Ungerechtigkeiten und Verkommenheiten tatenlos zuzusehen.

Jedenfalls müssen wir uns wieder angewöhnen zu sehen, dass alles auf seelischen Ebenen Auswirkungen hat. Und nichts ohne Konsequenz geschieht.

Und wenn wir gerade in unserem liebenswerten Land darauf achten, werden vielleicht wieder Antennen ausfahren, die das wahrnehmen können, was ein Fichte, ein Schelling, ein Goethe, ein Novalis, ein Richard Wagner, ein Caspar David Friedrich wahrgenommen und umgesetzt haben, auf ihrem Gebiet. Genau das kann sich auch auf politischem Feld abspielen, aber dazu müssen Menschen innerlich bereit sein. Unsere Politiker sind weitgehend Marionetten des Höhlenbewusstseins, Söhne und Tochter der Stiefmutter. Und unsere Politiker repräsentieren nur den Zeitgeist, der getragen wird von vielen, vielen Millionen Menschen in Deutschland. Wer glaubt, außen vor zu sein, steht im Dienst der Unterirdischen, unter denen der kleine Jakob leidet.

Ich hoffe nur, dass Menschen wieder einsichtiger werden und sich die richtigen Ziele wählen, denn kein gebrochener Pfeil, kein gebrochener Flügel erreicht sein Ziel. Schon gar nicht auf einer alles entscheidenden geistigen Ebene, die zu einem guten Ende zu bringen die Menschheit vor Milliarden von Jahren angetreten ist.

Wer auf jenen Geist zu hören, der die Kultur dieses Landes so geprägt hat, wieder oder weiterhin bereit ist, ist kein schwankendes Rohr, das der Zeitgeist umeinanderbeugt, mal hierhin, mal dorthin. Er lebt nicht von außen nach innen und schafft sich den Unrat des Zeitgeistes, dem Nikotin gleich, in die eigene Lunge bzw. Seele, sondern er lebt von innen nach außen, wissend, was der weise Novalis meinte, wenn er sagte: In uns oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten.

Er wird sich durchaus modisch kleiden, wenn ihm danach ist, aber er wird nicht den Moden der Zeit frönen müssen. Er wird wissen, was Menschen meinen, wenn sie sagen, es gälte, ganz im Augenblick zu leben. Insgeheim aber weiß er, dass es gilt, dem Ewigen Rechnung zu tragen, jenem Ziel, von dem Nietzsche sprach, wenn möglich, in jedem Augenblick, jenem Geist also, von dem dieses Land und seine Kultur so viel wusste.

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Kleiner Jakob, kleiner Jakob, komm‘ zu Haus! – Ernst Moritz Arndt und sein deutsches Wesen. –

 Auch ein Beitrag zur ach so gar nicht existenten Leitkultur. Frau Özoğuz gewidmet!

Klage um den kleinen Jakob ist ein Gedicht, über das man leicht hinweglesen, ja höchstens die ersten Zeilen konsumieren und dann weiterblättern mag. Es sei denn, man macht sich um den Kleinen gleich anlässlich der ersten Zeile Sorgen oder bleibt an dem Namen hängen, weil aus der eigenen Kindheit ein Bruder Jakob, Bruder Jakob, schläfst Du noch, schläfst du noch heraufklingt oder einem Jakob, Esau und sein Linsengericht, womöglich auch Jakob der Lügner, falls man Jurek Beckers Roman gelesen hat, in den Sinn kommen.

Schnell aber merkt man, mit all dem hat das Gedicht von Ernst Moritz Arndt (1769-1860) wenig bis nichts zu tun (jedenfalls scheint es so). Es geht hier um den kleinen Jakob, groß genug, um Kühe zu hüten, aber zu klein, als dass sich nicht Schwestern und Brüder recht schnell Sorge machen, wobei wir hoffen wollen, dass es ihnen wirklich um den kleinen Bruder und nicht eher um die Kühe ging.

In jedem Fall wird sich erweisen, dass das Gedicht, geschrieben 1808, uns zu den Tiefen und Untiefen deutschen Wesens zu führen vermag, zugleich aber auch zu Tiefen des menschlichen Wesens überhaupt:

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Wo ist der kleine Jakob geblieben?
Hatte die Kühe waldein getrieben,
Kam nimmer wieder,
Schwestern und Brüder
Gingen ihn suchen in’n Wald hinaus –
Kleiner Jakob, kleiner Jakob, komm‘ zu Haus!

Wohin ist der kleine Jakob gegangen?
Hat ihn ein Unterird’scher gefangen,
Muß unten wohnen,
Trägt goldne Kronen,
Gläserne Schuh, hat ein gläsern Haus.
Kleiner Jakob, kleiner Jakob, komm‘ zu Haus!

Was macht der kleine Jakob da unten?
Streuet als Diener das Estrich mit bunten
Blumen und schenket
Wein ein, und denket:
Wärst du wieder zum Wald hinaus!
Kleiner Jakob, kleiner Jakob, komm‘ zu Haus!

So muß der kleine Jakob dort wohnen,
Helfen ihm nichts seine güldenen Kronen,
Schuhe und Kleider,
Weinet sich leider –
Ach! armer Jakob! – die Äuglein aus.
Kleiner Jakob, kleiner Jakob, komm‘ zu Haus!           

                                                 
Tatsächlich könnte in dem ein oder anderen Leser eine tiefere Ebene resonieren, wenn wiederholt von gläsern die Rede ist, vom gläsernen Haus und von gläsernen Schuhen. Schuhe haben nun einmal eine hohe Symbolkraft. Wir denken an jene lebensentscheidenden des Aschenputtels der Gebrüder Grimm oder an die Aschenputtel-Schuhe in Perraults Märchen, zumal sie dort sogar gläsern sind.

Dreimal auch wird der Wald erwähnt, der mit dem dreimaligen Hinweis auf unten bzw. den Unterirdischen korrespondiert.

In der Tat, wer in den Wald läuft, gerät ins Unter-Bewusste, dafür steht er nun einmal, und wer Eisenhans, jenes Grimm-Märchen, das sich mit dem Thema der notwendigen Lösung des Sohnes von der Mutter so aufschlussreich beschäftigt – genial dazu Robert Blys Buch Eisenhans. Ein Buch über Männer – gelesen  hat, weiß, warum der Sohn sofort, nachdem er der Mutter den Schlüssel unter dem Kopfkissen entwendet und damit den Wilden Mann aus dem Käfig befreit hat, von eben diesem Eisenhans in den Wald gebracht wird. Schließlich müssen auch Hänsel und Gretel lernen, dass man in der Auseinandersetzung mit dem Bösen, auf das man natürlich im Wald trifft, nur überlebt, wenn man es gegebenenfalls riskiert, gewitzter als der Beelzebub zu sein und ihn mit Mitteln des Teufels zu bekämpfen, also die Hexe austrickst und den Mut hat, sie ins Feuer zu treten. – Ob der kleine Jakob das schafft? Noch scheint es nicht so. Umso verständlicher der flehentliche Ton, die dringliche Bitte der Schlusszeile, die uns natürlich auch die Frage stellen lässt: Wer fleht hier eigentlich?

Dazu ein andermal mehr. Deutlich mag jedenfalls bereits jetzt geworden sein: Das Gedicht hat eine auf den ersten Blick nicht zu erkennende überraschende Tiefe und wenn man sie zulässt, mag man auch gewahr werden, dass seine äußere Form und Gestaltung durchaus einiges Unkonventionelle und eine recht hohe Originalität aufweisen.

Zunächst sollte man aber wissen, dass obige Strophen von einem auf Rügen geborenen deutschen Dichter stammen, dessen Namen – Ernst Moritz Arndt – man im Januar diesen Jahres aus dem der Universität von Greifswald jagte. Wie sich im März dann herausstellen sollte, war es trotz einer Zweidrittelmehrheit ein vergeblicher Versuch des Akademischen Senats, die Universität reinzuwaschen, da das Vorgehen nicht rechtskonform war und der Beschluss vom Bildungsministerium Mecklenburg-Vorpommerns, allerdings aus rein formalen Gründen, kassiert wurde. – Die Hochschule will, wie ich gelesen habe, einen korrekten Beschluss nachholen, um endlich diesen Mann loszuwerden.

Nur: Verjagt hat man ihn in Greifswald im Grunde schon, ein Los, das dem Dichter nicht unbekannt ist, wurde er doch zu Lebzeiten auf dem Hintergrund der Karlsbader Beschlüsse (zu der damaligen Zeit hier ein kleiner Abriss) und der damit zusammenhängenden Verfolgung fortschrittlicher Kräfte, die man als Demagogen bezeichnete, aus seinem Bonner Professorenamt gejagt; des Weiteren musste er aufgrund seiner eindeutig antinapoleonischen Aussagen vor französischen Truppen aus der Heimat fliehen, wurde von Adligen heftigst attackiert, weil sie ihm sein fulminantes Eintreten für Bauern und gegen Leibeigenschaft krumm nahmen und bekam eine Kugel in den Bauch gejagt, weil er einen schwedischen Offizier wegen antideutscher Bemerkungen zum Duell herausgefordert hatte.

An Einsatz und Mut hat es diesem Mann, dem es später sogar vergönnt war, als Abgeordneter in die Paulskirche einzuziehen, offensichtlich nie gefehlt. Das zeigt seine bereits angesprochene und 1803 veröffentlichte, und immerhin 277 Seiten umfassende Schrift Versuch einer Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen – Nebst einer Einleitung in die alte teutsche Leibeigenschaft.

Ebenso war Ernst Moritz Arndt zu seiner Zeit aber auch einer der bekanntesten Franzosen- und Judenhasser Deutschlands. Einige seiner Aussagen sind in der Tat erschütterlich, Beispiel:

Darum laßt uns die Franzosen nur recht frisch hassen, laßt uns unsre Franzosen, die Entehrer und Verwüster unserer Kraft und Unschuld, nur noch frischer hassen, wo wir fühlen, daß sie unsere Tugend und Stärke verweichlichen und entnerven.

Oder:

Man sollte die Einfuhr der Juden aus der Fremde in Deutschland schlechterdings verbieten und hindern. […] Die Juden als Juden passen nicht in diese Welt und in diese Staaten hinein […].

Klar, dass der Mann von den Nazis vereinnahmt wurde und es Goebbels war, der dafür Sorge trug, dass die Universität Greifswald ab 1933 Arndts Namen im Schilde führte (man darf gespannt sein, ob von der Leyen als Verteidigungsministerin ebenfalls nun dafür Sorge trägt, dass die Hagenower Ernst-Moritz-Arndt-Kaserne umbenannt wird).

Hat man die Zeit des Nationalsozialismus erlebt und hört einige Aussagen Arndts, mag man sie als nationalistisch und rassistisch beurteilen. Arndt aber in einem Atemzug mit den Nationalsozialisten zu nennen und ihn, wie geschehen, auf eine Stufe mit ihnen zu stellen, ist einfach nur fahrlässig.

Von Arndts Tod bis zur Zeit des deutschen Faschismus fanden in unseren Breiten vier Kriege statt, der Deutsch-Dänische 1864, der sogenannte Deutsche zwischen Preußen und Österreich 1866, der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 sowie der Erste Weltkrieg.

Einfach davon auszugehen, einen Mann wie Arndt hätten die Geschehnisse inclusive der Machtübernahme der Nazis unbeeinflusst gelassen und er hätte 100 Jahre später alles genauso formuliert, halte ich für absolut fahrlässig, zumal er sich immer deutlich gegen Feudalismus und Gewaltherrschaft aussprach und es Aussagen von ihm gibt, wie z.B.:

Wer das Schwert trägt, der soll freundlich und fromm sein wie ein unschuldiges Kind, denn es ward ihm umgürtet zum Schirm der Schwachen und zur Demütigung der Übermütigen. Darum ist in der Natur keine größere Schande, als ein Krieger, der die Wehrlosen misshandelt, die Schwachen nöthet, und die Niedergeschlagenen in den Staub tritt.

Oder:

 Denn der Krieg ist ein Übel und die Gewalt ist das größte Übel.

Desgleichen aus seiner Schrift Geist der Zeit:

Denn wenn ein Fürst seinen Soldaten befiehlt, Gewalt zu üben gegen die Unschuld und das Recht, […] müssen sie nimmer gehorchen.

Seine Aussage

Es wird ja hoffentlich einmal eine glückliche deutsche Stunde für die Welt kommen und auch ein gottgeborener Held, […] der mit scharfem Eisen und mit dem schweren Stock, Scepter genannt, [das Reich] zu einem großen würdigen Ganzen zusammenschlagen kann.

kann nur missverstehen, wer nicht zur Kenntnis nehmen will oder kann, dass Arndt nun einmal im Deutschen Vormärz lebte.

Ich vermute, dass in dem universitären Greifswalder Gremium einige saßen, die nicht bereit waren zu sehen, dass in 100 Jahren Geschichte sich Bewusstsein verändert, dass die Bedeutung von Worten und ihre Gewichtung sich verändern und dass sie zudem noch einen Zweiten Weltkrieg in sich aufgezeichnet finden, den sie womöglich auch auf Arndts Aussagen geladen haben.

Es liegt aber auch daran, dass sie das Wesen unserer Kultur, wie ich noch aufzeigen möchte, bewusst ignorieren oder intellektuell nicht erfassen können.

Zudem gibt es in unserem Land eine Menge Leute, die klischeehaft reagieren und nicht zu unterscheiden in der Lage sind, ob eine nationalistische oder ethnologische, also völkerkundliche Sicht vorliegt, die zu erkennen gibt, dass jedes Volk durchaus eine eigene und einzigartige Prägung hat.

Gegen ein uniformiertes Europa

Erinnern wir uns zunächst daran, dass jüngst Thomas de Maizière eine neuerliche Leitkulturdebatte losgetreten und daraufhin bereits oben angesprochene Frau Aydan Özoğuz (SPD), Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, erklärt hatte, sie sehe keine spezifisch deutsche Kultur jenseits der Sprache und die Debatte gleite ins Lächerliche und Absurde, die Vorschläge verkämen zum Klischee des Deutschseins. – Ein erstaunlich geschichtsloses Statement, das sie im Tagesspiegel abgab.

Seltsam auch, dass eine Integrationsbeauftragte glauben machen will, man brauche nur alle spezifische Kultur eines Volkes jenseits der Sprache ausradieren, dann fließe der einheitliche Menschenbrei europa- und weltweit perfekt integriert ineinander.

Das hat schon Paracelsus in seinem Prologus zu Liber de nymphis, sylphis, pygmaeis et salamandris et de caeteris spiritibus anders gesehen und ein Lob der Vielfalt gesungen (einfach mal in der deutschen Kulturgeschichte ein bisschen blättern, Frau Özoğuz . . .).

Das Urteil der bundesrepublikanischen Integrationsbeauftragten erinnert zudem an Schrödingers Katze, die nicht in der Kiste ist, wenn man einfach nicht nachguckt.

Womöglich ist in der Kiste doch eine deutsche Leitkultur – und gar ein deutsches Wesen? Wobei ich hier einmal absehe von der Diskussion um die Begriffswahl „Leitkultur“, die man glücklich oder unglücklich finden kann, vielleicht einfach auch nur überstrapaziert.

Ein Portugiese singt gegen den Strom

Erinnern Sie sich an den letzten ESC-Entscheid, als der deutsche Beitrag mit Levina, verglichen mit den Vorjahren, auf den vorletzten Platz hinaufschnellte (ich persönlich denke ja, Europa straft die Frauen, die da für Deutschland auftreten, für eine Merkel ab) und haben Sie den Siegerbeitrag gesehen:

ein schmaler Portugiese mit großem Kopf und großen Augen, hochgebundenem Pferdeschwänzchen und Zottelbart, zu leiser Stimme, zunächst kaum hörbar (ich vermute, mehrere Millionen weltweit griffen, als er zu singen begann, zum Lautstärkeregler), alles andere als das übliche musikalische Soundgehämmere, zu großes Jackett, Vortrag ohne alles Feuerwerk, ohne Farborgeln, ohne halbnackte Tänzerinnen im Hintergrund, sich selbst seltsam verrenkend, dastehend mit gefalteten Händen, um dann mit ihnen die Töne zu streicheln: einfach umwerfend, dieser Salvador Sobral mit seinem Amor pelos dois, das er in der Sieger-Wiederholung mit seiner Schwester sang, die den Song für ihn geschrieben hatte. Selten habe ich etwas im Fernsehen gesehen, was mich so berührt hat. Es war, als ob Europa auf ihn gewartet habe, um zu sagen: Schert euch zum Teufel mit eurer blockbusterhaften Musik, wir wollen einen Menschen sehen, und sei er so zerbrechlich wirkend wie dieser Mann, der etwas zum Ausdruck bringen kann und nicht wie eine aufgezogene Puppe wirkt, dessen portugiesische Worte wir zwar nicht verstehen, aber sehen, wie er mit so viel Hingabe von Liebe singt.

Mit ihrer so eindeutigen Abstimmung haben die Menschen Europas indirekt zum Ausdruck gebracht, was sie von einer sie und ihre Bedürfnisse vergewaltigenden bürokratischen und überwiegend auf Ökonomisches fixierten, echtem Menschsein fremd gegenüberstehenden EU-Politik halten.

Ja, ich dachte bei mir: Vielleicht muss man Portugiese sein, um den Mut zu haben, so gegen den Strom zu singen.

Ui, würde Frau Özoğuz sagen, Leitkultur gibt´s nicht, also auch keine portugiesische; etwas, wie ein portugiesisches Wesen gibt es also keinesfalls!

Merkel sollte mal Sirtaki tanzen!

Aber mal ehrlich: Wehte da nicht der Geist des Fado durch die Halle, ja durch ganz Europa, jener ganz spezifische portugiesische Musikstil, den die Weiten des Atlantik bringen, der über die langgezogene Küste ins Landesinnere hinein Einzug hält und sich mit den so zahlreichen bis über zweitausend Meter hohen Bergen des Landes verbindet?

Hat da nicht einer drei Minuten lang Europa verzaubert, wie es auf diese Weise vielleicht nur ein Portugiese kann?

Und hat das nicht so deutlich werden lassen, wie sehr Europa daran krankt, dass alle Länder über einen Kamm geschert werden, dass ihnen ihre Eigenart genommen werden soll und schon genommen worden ist?

Dass alle im ökonomischen Gleichschritt junckern, schulzen, schäubeln und merkeln sollen? Hätten wir nicht viel mehr darauf achten sollen, was die einzelnen Länder auszeichnet? Was ihr Beitrag zu einer echten Europäischen Union sein kann und wie man einen so vielfältig schönen europäischen Flickenteppich auf allen Ebenen zur Geltung bringen kann, ohne zu meinen, jedes Land uniformieren zu müssen?

Griechen oder Portugiesen werden nunmal keine Daimler bauen, keine Werke wie Siemens oder Bosch vorweisen.

Aber lassen Sie mal eine Merkel einen Sirtaki tanzen oder einen Schäuble einen Fado singen, dann wird schnell deutlich, warum die beiden sind, wie sie sind, und warum sie versuchen, Europa ihrem Wesen anzupassen!

Leben besteht eben nicht nur daraus, Geld zu verwalten und Autos zu bauen, mögen letztere durchaus auch Lebensgefühl vermitteln, warum nicht? Dennoch sind nach wie vor diejenigen die Ärmsten, die nicht merken, dass sie nichts als Geld besitzen. Iren werden nie auf ihren Folk verzichten, auf dieses Gefühl, das sich nur mit dieser Musik verbindet; und desgleichen werden Bretonen nicht von ihrer keltischen lassen oder manche Deutschen von ihren Volksliedern, weil sie um deren innewohnende Weisheit wissen.

Irgendwie glaubte man an diesem Abend beim Singen dieses Liedes eine europaweite Wehmut zu verspüren über die verlorengegangene Individualität der Länder Europas.

Vom portugiesischen zum deutschen Wesen

Wenn man von Letzterem spricht, dann entweder in der NPD-Parteizentrale oder hinter vorgehaltener Hand oder einem deutlich sarkastischen Tonfall in der Stimme, der unbedingt vermitteln muss: Glaubt bloß nicht, ich glaube an sowas (Abartiges).

Der Abartige, der zum ersten Mal davon schrieb, hieß Emanuel Geibel (1815-1884), nicht zu den Großen der deutschen Dichterzunft gehörend, aber zu seiner Zeit durchaus populär und zugleich sehr unterschiedliche Urteile herausfordernd. Bekannt ist fast einzig jenes Lied, das uns auffordert, im Frühling aus Sicherheitsgründen Abstand zu Bäumen zu halten (Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus). Kaum einer weiß, dass Geibel es war, dem wir den Gedanken verdanken, dass an deutschem Wesen einmal noch die Welt genesen mag (Geibel schrieb mag, nicht soll).

Jener Gedanke findet sich in seinem Gedicht Deutschlands Beruf und ich zitiere die erste und letzte der sieben Strophen:

Soll’s denn ewig von Gewittern
Am umwölkten Himmel braun?
Soll denn stets der Boden zittern,
Drauf wir unsre Hütten baun?
Oder wollt ihr mit den Waffen
Endlich Rast und Frieden schaffen?

. . .

Macht und Freiheit, Recht und Sitte,
Klarer Geist und scharfer Hieb
Zügeln dann aus starker Mitte
Jeder Selbstsucht wilden Trieb,
Und es mag am deutschen Wesen
Einmal noch die Welt genesen.

1861 geschrieben, ist es ein Gedicht, wie sie vor allem auch in der Zeit, in der Geibel zu dichten begann, dem Deutschen Vormärz, jener Zeit vor der März-Revolution 1848 (hier eine überschaubare Zusammenfassung), als es in Deutschland wie noch nie zuvor brodelte, politisch und literarisch, verfasst worden sind. Wobei auf der anderen Seite viele Bürger nach der französischen Revolution und den napoleonischen Wirren nichts anderes als eine schlichte, biedere Idylle herbeisehnten, weshalb man auch vom sogenannten Biedermeier spricht. Dennoch war es zwischen dem Wartburgfest (1817) und Hambacher Fest (1832) bis 1848 vor allem auch die Zeit der Deutschen Burschenschaften und des Turnvater Jahn, eine Zeit, in der Studenten, Bürger, Literaten, Handwerker und Handelstreibende ein gemeinsam Ziel verfolgten: ein nicht mehr heillos in über 30 Einzelstaaten zersplittertes, sondern ein vereintes Deutschland.

Es war eine Zeit extremer Zensur, in der kaum ein Lyriker mehr von Revolution zu schreiben wagte, sondern eine Lerche jubilierend aufsteigen ließ und jeder verstand, für was die Lerche steht. Immer noch winkte der Hohenasperg – unvergessen das Schicksal Schubarts -, jener Berg, dessen bekanntestes Gebäude in der Zeit um 1848 keineswegs zufällig eine erhöhte Gefangenenfrequenz aufwies. Selten, dass jemand so offen zum Kampf aufzurufen wagte wie ein Georg Herwegh – hier die erste und letzte Strophe seines Aufrufs:

Reißt die Kreuze aus der Erden!
Alle sollen Schwerter werden,
Gott im Himmel wird´s verzeihn.
Lasst, o lasst das Verseschweißen!
Auf den Amboss legt das Eisen!
Heiland soll das Eisen sein.

. . .

In den Städten sei nur Trauern,
Bis die Freiheit von den Mauern
Schwingt die Fahnen in das Land;
Bis du, Rhein, durch freie Bogen
Donnerst, lass die letzten Wogen
Fluchend knirschen in den Sand.

Was diese Zeit so faszinierend macht, ist, dass die Menschen wirklich bereit waren zu handeln. Herwegh zum Beispiel, der mit seinem Gedichtband Gedichte eines Lebendigen deutschlandweit bekannt und sogar vom Kaiser zur Audienz empfangen wurde, stellte sich ein kleines Heer zusammen, um selbst einzugreifen. Allerdings verlor es sich mitsamt seinem Kommandeur auf Nimmerwiedersehen im süddeutsch-schweizerischen Raum.

Es braust ein Ruf wie Donnerhall

Emanuel Geibels Anfänge und eine wichtige Phase von Ernst Moritz Arndts Leben liegen in jener Zeit, als es ein Gebot der politischen Vernunft war, dass das in Einzelstaaten zerklüftete Deutschland – 1790 noch gab es 1800 Zollgrenzen – sich endlich vereine. Wer das forderte, war fortschrittlich, und wenn manche es auch kaum fassen mögen:

Turnvater Jahn, die Deutschen Burschenschaften und das Deutschlandlied August Heinrich Hoffmann von Fallerslebens verfolgten eine fortschrittliche Idee. Man musste nicht Kaufmann sein und von Königsberg nach Köln seine Waren achtzigmal verzollen müssen, um zu wissen, dass die politischen und ökonomischen Zustände eines feudalistisch geprägten Deutschland unhaltbar waren.

Der Rhein wurde zum auch gegen Frankreich gerichteten Symbol deutscher Einheit; säckeweise wurden Rheinlieder und – gedichte geschrieben. Auch Arndt zählte zu denen, die hier mitproduzierten.

Eines der noch anspruchsvolleren kam von Robert Prutz, heute kaum mehr bekannt, der in seinem zehnstrophigen Rheinlied – im Folgenden die erste und letzte Strophe – seinen Mitbürgern ins Gewissen schrieb:

Der deutsche Rhein – ! Wie klingt das Wort so mächtig!
Schon sehn wir ihn, den goldig-grünen Strom,
Mit heitern Städten, Burgen stolz und prächtig
Die Lurlei dort und dort den Kölner Dom!
Der freie Rhein – ! Gedächtnis unsrer Siege,
Du mit dem Blut der Edelsten getauft,
Ruhm unsrer Väter, die in heil’gem Kriege
Mit Liedern nicht, mit Schwertern dich erkauft

. . .

So wird’s erreicht! Und wenn in künft’gen Tagen
Das stolze Frankreich unsern Rhein begehrt,
Wir werden es mit Lächeln dann ertragen,
Dann ohne Lieder, doch die Hand am Schwert.
Denn dann gelang’s, ihn ewig fest zu flechten:
Die goldne Freiheit soll die Fessel sein!
Dann lohnt es sich, bis in den Tod zu fechten,
Dann, deutsch und frei, dann bleibt er unser Rhein!

Allerdings, Prutz suchte nur, auf ein deutlich bekannteres Rheinlied, jenes nämlich von Nikolaus Becker, aufzusatteln, das, gleich gegen Frankreich intonierend, beginnt:

Sie sollen ihn nicht haben
den freien deutschen Rhein,
ob sie wie gierige Raben
sich heiser danach schrein

Man mag auf dem Hintergrund dieser Zeilen ahnen, was damals in Deutschland los war, welche Stimmung vorherrschte.

Wie oberflächlich es ist, wenn man einem Ernst Moritz Arndt seinen Franzosenhass, der deshalb freilich moralisch um nichts besser wird, ohne historischen Bezug zum Vorwurf macht, wie ich das in Sachen Greifswald gelesen habe, dürfte etwas klarer geworden sein. Auch wenn Arndts Worte besonders martialisch waren: Man kann sie 2017 nicht einfach auflisten und für sich wirken lassen wollen.

So makaber es klingt: Für weite Teile Deutschlands gehörten sie damals zum guten Ton, gerade auch angesichts des Verhaltens eines Adolphe Thiers, der als französischer Minister und zeitweilig auch als Ministerpräsident sich nicht scheute, angesichts der diplomatischen Niederlage Frankreichs in der Orientkrise mit neuerlichen Ansprüchen im Hinblick auf den Rhein mächtig säbelzurasseln, um innenpolitisch zu punkten, wohl wissend, dass er links- und rechtsrheinisch gewaltig nationalistische Emotionen schürte.

Kein Wunder also, dass sich jene Zeilen von Max Schneckenburger, 1840 geschrieben, sogar bis zum Kaiserreich hielten, um dort schließlich Kultstatus zu erlangen, hier die erste Strophe:

Es braust ein Ruf wie Donnerhall,
Wie Schwertgeklirr und Wogenprall:
Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!
Wer will des Stromes Hüter sein?
Refrain
Lieb’ Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht, die Wacht am Rhein!

Vergleichbares lässt sich auch im Hinblick auf Arndts Judenphobie sagen. Ich möchte nicht wissen, was ein Martin Luther oder ein Richard Wagner, denen schon so viele güldene Kronen aufgesetzt worden sind, über das hinaus, was gegenüber Juden Unfreundliches von ihnen bekannt ist, dachten . . .

Und ich möchte nicht wissen, was jene, die in Greifswald Arndt aus dem Uni-Namen jagten, in der Vormärz-Zeit oder der des Nationalsozialismus herausposaunt hätten, weil sie in Wirklichkeit zu denen gehören, die von sich geben, was sie meinen, dass es von ihnen erwartet wird: 1840, 1933 oder 2017.

Falls es nicht aufgrund meines Sobral-Beispieles klar geworden sein sollte, möchte ich nochmal betonen, dass ich glaube, dass für jede gewachsene Nation bestimmte Wesenszüge und Eigenschaften auszumachen sind, im Guten wie im Bösen, ein Faktum, das nichts Nationalistisches an sich hat, sondern Ethnologisches, also Völkerkundliches. – (Verstehen Sie den Unterschied, Frau Özoğuz?)

Wir wissen aus unserer Erfahrung, dass, wenn wir in unterschiedlichen Firmen oder Institutionen gearbeitet haben, eine jede einen bestimmten Geist aufweist; oft, nicht immer, ist er von oben geprägt. Ja, jede Familie hat einen ganz spezifischen, jeder Verein und in jedem Verein eine jede Abteilung – und genauso verhält es sich mit den Völkern dieser Erde. Für manche ist das schlimm, ja politisch rechts, wenn man von einem Volksgeist spricht. – Meist entspringen entsprechende Urteile einem Klischee, wie man zu denken hat bzw. nicht denken darf und wie man Worte verstehen sollte. – Klischees und Tabus sind die heimlichen Regenten auch unserer Zeit. Sie sind die Basis von 90 Prozent aller Urteile und Vorurteile. – Manchmal bin ich erstaunt, dass man von Volksgeist eher nicht sprechen sollte, aber Volkswagen sagen darf. – In unserem Land ist Autos nunmal mehr gestattet als Menschen.

Also, ich spreche von einem Volksgeist, ja, es gibt, und da wird es den meisten Zeitgeistlern ihren Hut vom Kopf lupfen, sogar Volksengel, zumeist Völkerengel genannt. Die Bibel kennt sie und die Mythen kennen sie auch. Sogar die Hölle hat ihren Engel.

Das ganze Deutschland soll es sein!

Gewiss gibt es hochentwickelte Menschen, die in vielen Leben gelernt haben, auf angemessene Weise mit dem Bösen umzugehen und die, selbst wenn ihnen bitteres Unrecht geschehen ist, in der Lage sind, sich nicht Gedanken der Rache und Bestrafung hingeben zu müssen; ich denke an Conrad Ferdinand Meiers einzigartige Ballade Die Füße im Feuer , die davon handelt, an einen Nelson Mandela oder einen Dietrich Bonhoeffer.

Wer seine Emotionen flach hält bzw. nicht in der Lage ist, sie wahrzunehmen und zu leben, kommt allerdings nicht in die Versuchung, von der ich gesprochen habe. Jeder von uns kennt wohl Menschen, die scheinbar nur lieb und gut sind, in Wirklichkeit aber nur ihre Emotionen, sorgsam überdeckelt, kanalisiert haben oder das Kindheitsmuster des lieben Kindes bis zum Lebensende perpetuieren. – Wobei es nicht besser ist, wenn Menschen so ungebremst, wie das zur Zeit geschieht, niedrige Emotionen ventilieren. Mit jedem Tun verstärkt man die entsprechende Energie. – Wir haben immer eine große Verantwortung.

Arndt war einer, der das volle Programm gelebt hat

Ja, Arndt war so einer, einer, der das Wesen der Menschen, die zu unserem Kulturkreis gehören, in hohem Maße repräsentiert, nämlich, mit allen Fasern zu leben, alles mit ganzem Herzen zu tun, eine Fähigkeit, der im Übrigen unser Kulturkreis verdankt, dass Deutschland eine kulturell einzigartige, ökonomische und politisch bedeutsame Nation geworden ist, mit allen Höhen und Tiefen (auch wenn Sie es nicht gern hören, Frau Özoğuz) .

Diese Höhen und Tiefen zeigen sich gerade auch bei Arndt und er ist von daher ein ganz typischer Vertreter unsere Kultur. Vielleicht ist auch das der Grund, warum die Damen und Herren des Greifswalder Gremiums ihn so gern verjagten, weil sie nämlich nicht bereit waren, über ihn auch in sich selbst jene Höhen und Tiefen anzusehen. Sie zeigen sich bei Arndt in seinen vorhandenen Hasstiraden und rassischen Äußerungen. Sie zeigen sich auch in seiner Lyrik. Da gibt es neben einigen wenigen wie der Klage des kleinen Jakob viel Dutzendware:

Das ganze Deutschland soll es sein!
Das sei der Ruf, der Klang, der Schein,
Der junge und der alte Schluß,
Der Blücher, der Arminius!
Das soll es sein!
Das ganze Deutschland soll es sein!

Solche Zeilen – und von ihnen schrieb Arndt eine ganze Menge – waren schon zu seiner Zeit drittklassig, Zeitgeist-Dutzendware, erstaunlich für einen Privatdozenten an der Uni Greifswald in den Fächern Geschichte und Philologie, bald darauf dort außerordentlicher Professor für Philosophie und in Bonn späterhin Professor für Geschichte.
Aber es gehört zu seinem Wesen, wie ebenso das Folgende:

Der Gott, der Eisen wachsen ließ,
der wollte keine Knechte,
drum gab er Säbel, Schwert und Spieß
dem Mann in seine Rechte;
drum gab er ihm den kühnen Mut,
den Zorn der freien Rede,
dass er bestände bis aufs Blut,
bis in den Tod die Fehde.

Natürlich liegt auch in der zuletzt zitierten Strophe eine Vermischung von religiösem und kriegerischem Vokabular vor – wir erinnern uns, wie Herweg die Kreuz- und Schwertsymbolik ineinander gelegt hat. Es ist dies kein spezifisches Kennzeichen Arndtschen Schaffens, sondern durchaus typisch für die Zeit. Sie mit unseren ethischen Maßstäben messen zu wollen, ist einfach dümmlich.

Wie aber passen seine eisenhaltigen Worte zu einer Strophe, die sich im Kirchengesangbuch findet:

Ich weiß, woran ich glaube, ich weiß, was fest besteht,
wenn alles hier im Staube wie Sand und Staub verweht;
ich weiß, was ewig bleibet, wo alles wankt und fällt,
wo Wahn die Weisen treibet und Trug die Klugen prellt.

Auch das Folgende vermittelt intensive Geistigkeit:

Der heil’ge Christ ist kommen
Der teure Gottessohn;
Des freun sich alle Frommen
Am höchsten Himmelsthron.
Auch, was auf Erden ist,
Soll preisen hoch und loben
Mit allen Engeln droben
Den lieben heil’gen Christ.

Alle diese Lieder sind viel-, zumindest mehrstrophig und zeigen einen zum Teil pietistischen Tonfall von inniger Religiosität. Ich habe, gerade als Kind, zu viel bigotte Gläubigkeit erleben müssen, als dass ich diesbezüglich nicht sehr vorsichtig geworden wäre, aber mein Eindruck bei der Lektüre war nicht, dass hier Oberflächengesäusel vorliegt.

Es gehört zum menschlichen Wesen, dass es zwei Seiten gibt, wie sie sich in den Arndt-Liedern spiegeln – wir wissen das spätestens seit Goethes zwei Seelen in Fausts Brust. Ich vermute, Arndt war sich nicht einmal bewusst, dass jemand über seine Eisenverse stolpern könnte. – Wenn wir es tun, dann, weil wir im Laufe der unmittelbar vergangenen Generationen sehr viel bewusster werden mussten.

Die aber, die hart urteilen, tun es womöglich, weil sie gerade entsprechende Seiten in sich nicht ansehen wollen.

Anmerken möchte ich, dass Arndts Zeit das Lied an sich als möglichen und intensiven Ausdruck der Frömmigkeit entdeckte, man denke nur an die Marienlieder eines Novalis.

Arndt forderte im Übrigen ein Gesangbuch für alle Christen ohne Unterschied des besonderen Bekenntnisses […]. Was Katholiken Lutheraner Zwinglianer Kalvinisten Methodisten Böhmianer und Zinzendorfianer […] Gottseliges und Christliches gesungen und geklungen haben, das sollte dieses christliche Gesangbuch enthalten.

Es ist schon unglaublich, auf wie vielen Feldern dieser Mann aktiv war, aber gerade in der Zeit der Weimarer Klassik und der Romantik gab es diese Menschen zuhauf, die, meist auf vielen Gebieten tätig, Unglaubliches leisteten, man denke an die Gebrüder Schlegel, die Gebrüder Grimm und viele andere mehr.

Zurück zu Arndt muss allerdings angemerkt werden, dass sein Interesse nur sehr bedingt ein ökumenisches war, sondern er eine innige Verbindung zwischen seiner Liebe zum Vaterland und dem Glauben aller Christen sehen wollte.

Natürlich wünschte ich mir, Arndt hätte auch zu seiner Zeit sich das ein oder andere Mal nicht in geschehener Weise in Hassformulierungen hineinbegeben („Ihr Schützen, Gott segne euch jeglichen Schuß, durch welchen ein Franzmann erblassen muß.“) und hätte mit Menschen anderen Wesens toleranter umgehen können. Ich vermute, ja ich bin fast sicher, dass er als heute Lebender andere Worte wählen würde.

Arndt gehört zu jenem Menschenschlag, den wir in unserem Kulturbereich zahlreich vorfinden, der unsere Mentalität maßgeblich geprägt hat, weil seine Vertreter, wie erwähnt, alles, was sie getan haben, mit ganzem Herzen getan und mit allen Fasern gelebt haben, ein Leben in einer Bandbreite, wie ich es für Arndt in diesem Rahmen nicht annähernd aufzeigen konnte.  

Es gibt ohne Hölle keinen Himmel

Leben, um Himmel und Hölle zu erfahren, die Bandbreite von Gefühlen: das zeichnet viele Menschen unseres Kulturkreises aus und hat ihn auf vielen Feldern so Bemerkenswertes gestalten lassen.

Wohin Himmel und Hölle führen können, wissen wir mittlerweile, gerade auch als Deutsche, die wir in diese Kultur hineingeboren sind, doch gibt es keinen Himmel ohne Hölle – und diesem Wissen sollten wir uns endgültig stellen.

Unsere Kultur hat wie keine andere die Extreme ausloten müssen (das ist eines ihrer Kennzeichen, Frau Özoğuz). So schrecklich vieles war, so sehr zeigt diese Tatsache ihren Reichtum, und wer sagt, sie hätte darauf verzichten sollen, versteht das Leben nicht. – Und ich sage das gerade angesichts des schrecklichen Nationalsozialismus. Er ist nicht denkbar ohne die vorausgehenden kulturellen Höhenflüge, wie sie kaum eine andere Kultur aufweist. – Es gibt keine echten Höhenflüge ohne Untiefen.

Extreme leben zu müssen, ist in Wahrheit eine Gnade. Wir sehen unsere Kultur in diesen Extremen, wir sehen Menschen in diesen Extremen – eben einen Ernst Moritz Arndt. Ihn zu verstehen, Menschsein zu verstehen, nicht zu verurteilen und stattdessen diesen Menschen in seiner Ausprägung und seinem Wesen transparent zu machen: darin hätte die würdige Leistung eines akademischen Gremiums bestehen können.

Es hätte vielleicht dann auch darauf verweisen können, dass das eigentliche Ziel die Mitte sein muss, oder, um es anders zu formulieren, das Aufgehen des einen Extrems im anderen.

Wir wissen, dass menschliches Leben mit der Finsternis, dem sogenannten Tohuwabohu, der Lutherschen Wüste und Leere begann. Wir danken ihr die Erkenntnis des Lichts.

Zunehmend verlagert sich in unserer Zeit und in unserer geographischen Breite das Erleben dieser Extreme ins Innere; in gewisser Weise haben sich die Empfindungen verfeinert (auch wenn man das, dicht daran, oft nicht wahrnehmen mag), weshalb wir auch so erschrecken, wenn wir einem emotionalen und Konfliktverhalten begegnen, das nicht mehr dem unseren entspricht. Wie damit umzugehen ist, kann hier nicht Thema sein, aber es ist für unsere Kultur ein zentraler Punkt, denn hier entscheidet sich ihre Zukunft.

Auf das Leben mit ganzem Herzen und bis in Extreme hinein möchte ich in dem nächsten Beitrag noch einmal zu sprechen kommen und vor allem auf eine dritte Tugend hinweisen, die unsere Kultur gekennzeichnet hat; leider verliert sie sich in den letzten Jahren zunehmend beschleunigt. – Auch auf Arndts Gedicht möchte ich noch einmal eingehen. Es enthält ja einen Verweis auf für uns Menschen Schicksalhaftes, das wir annehmen können, um zielführender zu leben.

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Deutschland zwischen 1815 und 1848: Restauration, Biedermeier, Vormärz und Junges Deutschland

Dies ist ein Beitrag, der geschichtliche Hintergrundinformationen zu dem im Anschluss veröffentlichten Post Kleiner Jakob, kleiner Jakob, komm´ zu Haus! – Ernst Mortiz Arndt und sein deutsches Wesen geben möchte. Auch wer ein grundsätzliches Interesse an einer der turbulentesten Zeiten Deutschlands und der Vorgeschichte seiner einzigen fast gelungenen Revolution, der Märzrevolution 1848, hat, an Turnvater Jahn, Wartburgfest, der Einordnung des Deutschlandliedes und Ähnlichem, findet im Folgenden eine überschaubare Zusammenfassung:

Die nach den napoleonischen Befreiungskriegen am Wiener Kongress teilnehmenden Großmächte Europas waren um ein Kräftegleichgewicht auf dem europäischen Kontinent bemüht. Unter anderem deshalb gründeten sie, festgelegt in der Bundesakte (Teil der Wiener Kongressakte), den Deutschen Bund, der aus 39 souveränen Staaten bestand, deren Bewegungsfreiheit jedoch vor allem außenpolitisch stark eingeschränkt war. Den Fürsten der Einzelstaaten kam dieser Bund entgegen, blieb durch ihn doch ihre Souveränität gewahrt. Sie schickten ihre Gesandten an den Deutschen Bundestag in Frankfurt (Vorsitz Österreich), der somit nur zu einem Instrument der Restauration, gemeint ist also die Bewahrung alter Ordnungen, werden konnte. – Den Bürgern dieser Einzelstaaten versprach man Verfassungen und Freiheit der Presse.

Dem Deutschen Bund war allerdings nicht daran gelegen, die wirtschaftlichen Verhältnisse des deutschen Raumes zu vereinheitlichen. Wie unhaltbar auf diesem Gebiet die Situation war, mag man daraus ersehen, dass es noch 1790 1800 Zollgrenzen in Deutschland gab und noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts 67 lokale Zolltarife. Dem entsprechenden Wikipedia-Artikel ist zu entnehmen, dass ein Handelstreibender, der damals seine Ware von Königsberg nach Köln transportierte, achtzigmal kontrolliert wurde und gegebenenfalls auch Zoll zu zahlen hatte. Den restaurativen Kräften in Deutschland, den Fürsten und Landesherren, kam diese Situation durchaus gelegen, da sie, abgesehen von je nach geographischer Lage sprudelnden Einnahmequellen, ein aufstrebendes handeltreibendes Bürgertum schwach halten zu können schien. Allerdings vermochten sie es nicht auf Dauer, die Gründung von Zollverbünden und den 1833 gegründeten Deutschen Zollverein aufzuhalten.

Die Vorstellungen von dem, was ein Deutscher Staat sein sollte, waren vielfältiger Art; sie wurden nach 1815 v. a. von Jugendlichen, Studenten und aus von den napoleonischen Befreiungskriegen heimgekehrten jungen Kriegsveteranen bestimmt. Insbesondere die Mitglieder der großen deutschen Studentenvereinigung – der Deutschen Burschenschaft, gegründet 1815 in Jena – wollten ein Deutsches Reich, belebt von edler Tugend, christlich und germanisch, fromm und frei. Mit dieser und ähnlichen Bewegungen war auch die des Turnvater Jahn verknüpft, der in nationaler Gesinnung die Jugend des Landes auf einen möglichen Kampf gegen die französische Besatzungsmacht zur Rettung Preußens bzw. Deutschlands vorbereiten wollte. Durch den Deutschen Bund nämlich fühlten Burschenschaftler, Turner und zahlreiche Landsleute die Deutsche Nation um ihre Kraft betrogen.

Die weniger revolutionäre, als vielmehr umstürzlerische Bewegung der Deutschen Burschenschaft war natürlich den Siegermächten ein Dorn im Auge, da mit ihr auch die nachdrücklichen Forderungen auf Verwirklichung der in der Bundesakte gegebenen Versprechungen einhergingen, so geschehen v. a. 1817 auf dem Wartburgfest, wo sich von fast allen deutschen Hochschulen über 500 Studenten trafen und eine Allgemeine deutsche Burschenschaft gründeten.

1818/19 erhalten die süddeutschen Staaten tatsächlich Verfassungen, die für die süddeutschen Regierungen jedoch mehr ein Mittel, die Bevölkerung gegenüber den Nachbarstaaten zusammenzuhalten, als ein liberaler Einsicht entsprungenes Zugeständnis waren; der preußische König aber gab seinem Land keine Verfassung.

Als 1819 der Schriftsteller August von Kotzebue, der die nationale Gesinnung der Jugendlichen verspottet hatte und vielen als „Spion“ der Regierungen und sogar des russischen Zaren galt, von dem Studenten Karl Ludwig Sand ermordet wird, nutzt der österreichische Kanzler Metternich die Gelegenheit für die Karlsbader Beschlüsse:

  • Verbot gesamtdeutscher Studentenvereinigungen – Überwachung der Universitäten. 
  • Strenge Zensur aller politischen Druckschriften .

Eine noch im selben Jahr in Mainz eingerichtete Zentraluntersuchungskomission gegen alle demagogischen Umtriebe sollte diese Beschlüsse umsetzen.

Deutschland war zu dieser Zeit noch im Wesentlichen Agrarland: etwa zwei Drittel der Bevölkerung war in der Landwirtschaft tätig, knapp ein Viertel lebte in den Städten. Doch die industrielle Revolution begann schon – ausgehend von England – ihre Schatten vorauszuwerfen (allerdings: noch 1846 verbrauchte allein London mehr Steinkohle als ganz Deutschland); sie sollte zugleich eine soziale Revolution mit sich bringen.

Auf die ereignisreichen Jahre nach dem Wiener Kongress folgte jedoch zunächst ein Jahrzehnt erzwungener politischer Ruhe; die Zeit von 1820 – 1830, die sogenannte Biedermeierzeit – man bezeichnet diese Jahre auch als Restauration -, wird unter anderem geprägt durch strenge Zensur.

Die trügerische Ruhe dieser Jahre endet 1830, ausgelöst allerdings durch Vorgänge in Frankreich. Dort schränkt 1830 Karl X. das von Ludwig XVIII. 1814 den Bürgern in der charte constitutionnelle zugesicherte Recht auf Pressefreiheit ein, er ändert das Wahlrecht zugunsten des Adels und löst die neugewählte Kammer auf, in der die Liberalen die Mehrheit gewonnen hatten. Doch die Pariser Arbeiter errichten Barrikaden, Studenten hissen auf den Türmen von Notre Dame die Tricolore, die Fahne der Revolution. Karl X. muss fliehen. Es entsteht jedoch keine Republik, denn Studenten und Arbeiter setzen sich nicht durch, sondern das liberale Großbürgertum; dieses macht Louis Philippe zum König.

In Deutschland, in dem der größte Teil der Bevölkerung von der Landwirtschaft und vom Handwerk lebt, sind es einzelne gebildete Bürger, Beamte, Journalisten und Gelehrte, die gegenüber fürstlicher Willkür mutig für die persönliche Freiheit und Gleichheit aller vor dem Gesetz sowie für die Mitregierung der Bürger, zugesichert in einer Verfassung, eintreten.

Ausgelöst durch die Julirevolution in Frankreich, erhalten ihre nach 1819 durch die Regierungen gewaltsam unterdrückten Reformforderungen in Deutschland ein breites Publikum, Menschenmassen ziehen in den Residenzstädten vor die Schlösser der Fürsten. In Kurhessen, Hannover, Braunschweig und Sachsen beugen sich die Fürsten dem Druck der Öffentlichkeit und gestatten notgedrungen Verfassungen. – Der König von Preußen verweigert sie allerdings weiterhin.

Wiederum ist es Metternich, der im Einvernehmen mit den Regierungen heftig mit Zensurverschärfung und Demagogenverfolgung auf zwei Ereignisse reagiert:

  • 1832 Hambacher Fest: Feier zum Jahrestag der Bayrischen Verfassung; 25000 Menschen, v.a. Studenten, Kleinbürger und Handwerker protestieren gegen die Wortbrüchigkeit der Fürsten und bewundern lautstark die Ideen der Französischen Revolution.
  • 1833: Studenten versuchen, den Frankfurter Bundestag aufzulösen.

Den Tod des englischen Königs, demzufolge sich die durch männliche Erbfolge tradierte Personalunion England – Hannover auflöst, kann nun König Ernst August von Hannover zum Anlass nehmen, 1837 die Verfassung in Hannover aufzuheben. 7 Göttinger Professoren (darunter die Gebrüder Grimm) protestieren gegen den Rechtsbruch; sie werden ausgewiesen und finden Jahre hindurch in ganz Deutschland keine Anstellung mehr.

Doch die eingekehrte Ruhe ist wiederum nur oberflächlich; in ganz Deutschland gärt es, bedingt und verursacht durch die Revolutionierung des Verkehrswesens (Eisenbahn, Dampfmaschine), der Industrie überhaupt, den wirtschaftlichen Aufschwung und seine (sozialen) Krisen, eine Radikalisierung der Literatur und die Expansion der Bevölkerung.

Die Anzeichen von Arbeiterelend und Notständen, v. a. unter den Handwerkergesellen, nimmt zu. Sie sind es auch, die auf Grund ihrer Mobilität ein Unruheelement darstellen. Ihre Zahl wächst, die freien Stellen nicht. Sozial unzufrieden sind auch die Landarbeiter und Weber; eine Folge sind die dann blutig niedergeschlagenen Weberaufstände 1844 (vgl Heine/Weerth-Gedichte).

Die Sozialordnungen schwanken. Die bewegende Kraft für die Revolution aber sind nicht die sozial Schwachen, sondern das mit seinen politischen Wünschen in den Staat hineindrängende Bürgertum.

Ganz und gar ungewollt bereitet jedoch eigentlich Friedrich Wilhelm IV. von Preußen die Revolution vor. Mit großen Erwartungen 1840 begrüßt, schürt er die Hoffnungen auf eine Wiederaufnahme der seit 1819 ruhenden Verfassungspolitik, u.a. durch seine Wiedergutmachung an den Opfern der Demagogenverfolgungen. Im Grunde war jedoch seine Einstellung durch patriarchalisches und ständisches Denken gekennzeichnet. So schürt er zwar mit den 1842 einberufenen Vertreterversammlungen aus den 8 Provinziallandtagen und dem Vereinigten Landtag die konstitutionellen, also auf eine Verfassung hin orientierten Gedanken der Zeit, wollte aber lediglich eine unter seiner Führung stehende monarchische Staatseinheit demonstrieren. Über die Rechte dieses Berliner Landtages war sich niemand im Klaren; jedoch wurde er zum Schauplatz von Auseinandersetzungen moderner Ideen.

Eine Konfliktsituation, und damit ein Vorspiel zur 1848er Revolution entstand, als der Landtag eine Anleihe zum Bau einer Bahn nach Königsberg ablehnt, weil ihm unter anderem das Recht auf periodische (= regelmäßige) Einberufung beschnitten war.

Schwere wirtschaftliche Krisen und Hungerepidemien sowie die Berliner Ereignisse schürten die politische Gärung. War die Arbeiterschaft im Grunde nicht revolutionsbewusst und hatte die herrschende Klasse als auch das privilegierte Bürgertum Angst vor einer Revolution, so begann sich doch eine einheitliche politische Bewegung abzuzeichnen, die auf Veränderung drang. Um die publizistischen Organe scharten sich die in ihren Zielsetzungen unterschiedlichen (Partei-)Richtungen; so waren zum Beispiel die Hallischen Jahrbücher Organ der radikalen Liberalen.

Das Gesetz von 1832 verbot zwar politische Vereine, doch die politischen Kontakte über die Grenzen hinweg mehrten sich (z.B. 1846 u. 1847 Germanistentage). 1847 stand das Deutsche Sängerfest im Zeichen eines gesamtdeutsch-nationalen Enthusiasmus. Nach wie vor war jedoch kein Revolutionswille unter den bürgerlich gemäßigten Kräften vorhanden.

Wieder kam der Anstoß von außen.

  • Februar 1848 in Paris: Demonstration v. a. der arbeitslosen Bevölkerung für eine Wahlrechtsreform; Barrikadenkämpfe; der König muss fliehen; provisorische Regierung, von Republikanern gebildet.
  • März 1848 in Deutschland [Märzrevolution]: Aufgrund der Nachrichten aus Frankreich empören sich die Bürger der süd- und mitteldeutschen Staaten; Bauern erheben sich gegen die Adelsherren; die Fürsten können sich auf ihre Beamten und Soldaten nicht mehr verlassen; sie bewilligen die Märzforderungen: Pressefreiheit, Bürgerwehr, Deutsches Parlament. Am 13. März siegt die Revolution in Berlin, am 18. März in Wien.

Für uns heute bleibt die Tatsache, dass diese Phase einer Umsetzung radikal-demokratischen Gedankengutes in die Tat nur von kurzer Dauer war.

Auf obigem Hintergrund muss man das von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben am 26. August 1841 auf der Insel Helgoland auf eine Melodie von Joseph Haydn gedichtete Deutschlandlied sehen. Es bringt die Sehnsucht nach einer Einheit aller deutschsprachigen Gebiete zum Ausdruck. Die erste Strophe allerdings richtet sich natürlich in chauvinistischer Manier, der Zeitstimmung entsprechend, gegen Frankreich, den damaligen Erzfeind westlich des Rheins, wobei allerdings auch dessen Minister Alphonse Thiers, um von diplomatischen Niederlagen abzulenken, diese Stimmung kräftig geschürt hatte.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurden die zweite und die dritte Strophe des Deutschlandliedes nicht mehr bei öffentlichen Anlässen gesungen, lediglich die erste Strophe war die Nationalhymne. Wenn diese gespielt und gesungen wurde, folgte in der Regel das Horst-Wessel-Lied (Die Fahne hoch. / Die Reihen fest geschlossen. / SA marschiert …) die Parteihymne der Nationalsozialisten.
Jene Zeit und die über 50 Millionen Toten des 2. Weltkrieges haben die Gründungsväter der Bundesrepublik veranlasst, auf eine Nationalhymne zu verzichten. Erst nach der Wiedervereinigung 1990 wurde die dritte Strophe des Deutschlandliedes offiziell zur Nationalhymne erklärt. Die ersten beiden Strophen, das sollte man berücksichtigen, sind von Hoffmann von Fallersleben im Sinne eines damals durchaus fortschrittlichen Nationalismus geschrieben gewesen, der etwas erreichen wollte, was sinnvoll war, ein politisch vereintes Deutschland. Vergessen wir auch nicht, dass das Bewusstsein der Menschen in Bezug auf eine friedliche Koexistenz unter den Völkern bei weitem noch nicht so ausgebildet war; man sollte deshalb weniger die Nase rümpfen als vielmehr sehen, dass nach den schrecklichen Erfahrungen der Weltkriege  viele Menschen heutzutage, vor allem Jugendliche, ein Bewusstsein haben, das sich deutlich weiterentwickelt hat und das zunehmend hoffentlich das Deutschlandlied geschichtlich einzuordnen weiß:

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Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt,
Wenn es stets zu Schutz und Trutze
Brüderlich zusammenhält,
Von der Maas bis an die Memel,
Von der Etsch bis an den Belt –
|: Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt! :|

Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang
Sollen in der Welt behalten
Ihren alten schönen Klang,
Uns zu edler Tat begeistern
Unser ganzes Leben lang –
|: Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang! :|

Einigkeit und Recht und Freiheit
Für das deutsche Vaterland!
Danach lasst uns alle streben
Brüderlich mit Herz und Hand!
Einigkeit und Recht und Freiheit
Sind des Glückes Unterpfand –
|: Blüh im Glanze dieses Glückes,
Blühe, deutsches Vaterland! :|

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Hier noch zwei Gedichte, welche die Not der damaligen Zeit auf eindrucksvolle und literarisch gekonnte Weise thematisieren:

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   Georg Weerth

Es war ein armer Schneider

Es war ein armer Schneider,
Der nähte sich krumm und dumm;
Er nähte dreißig Jahre lang
Und wusste nicht warum.

Und als am Samstag wieder
Eine Woche war herum;
 Da fing er wohl zu weinen an
Und wusste nicht warum.

Und nahm die blanken Nadeln
Und nahm die Schere krumm;
Zerbrach so Scher und Nadel und –
Und wusste nicht warum.

Und schlang viel starke Fäden
Um seinen Hals herum;
Und hat am Balken sich erhängt
Und wusste nicht warum.

Er wusste nicht – es tönte
Der Abendglocken Gesumm.
Der Schneider starb um halber acht,
Und niemand weiß warum.

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GEORG WEERTH, Dichter des VORMÄRZ, wurde 1822 in Detmold geboren. Sein Vater war für das Schulwesen im Fürstentum Lippe verantwortlich.
1836 verließ er das Gymnasium und wurde kaufmännischer Lehrling; von Studium und Universität hielt er nicht viel.
1840 schreibt er erste Gedichte und Liebeslieder.
1843 deckt er die Doppelzüngigkeit des Bonner Oberbürgermeisters auf; es kommt zum Skandal und Weerth verlässt Bonn. Er geht nach England als Kontorist in eine Bradforder Textilfirma. Im industriell fortgeschrittenen England erkennt er die Möglichkeiten intensiver Produktionsweisen; gleichzeitig besucht er die Elendsquartiere englischer Arbeiter. Diese Eindrücke und die Bekanntschaft mit Friedrich Engels geben seinem dichterischen Schaffen neue Impulse.
1846 tritt Georg Weerth auf dem Brüsseler Freihandelskongress in einer Rede für die Belange der Arbeiter ein; die gesamte europäische Presse berichtet darüber.
1847/48 gründet er mit anderen zusammen die Neue Rheinische Zeitung.
1849 wird diese Zeitung verboten; er hört auf zu schreiben, da er mit seiner Schriftstellerei kein Ziel mehr verfolgen kann.
1856 stirbt Georg Weerth auf einer Geschäftsreise nach Kuba an Gelbfieber.

In Abgrenzung zu den Dichtern des Vormärz bezeichnete man eine weitere literarisch aktive Gruppe der damaligen Zeit als Junges Deutschland; unter dieser Bezeichnung jedenfalls wurden sie und ihre Schriften 1835 auf Beschluss des Deutschen Bundestages von den Fürsten verboten. Kennzeichnend ist für sie eine weniger revolutionäre Programmatik als vielmehr ein liberales Gedankengut, das natürlich auf politischem Gebiet die damalige restaurative Politik ablehnte, zugleich aber auch auf kulturell-literarischem Gebiet die traditionelle Romantik und Klassik, und sich eher an dem Denken eines Hegel und Saint Simon orientierte; auch war vor allem für ihren bedeutendsten Vertreter Heinrich Heine (1797-1856) unabdingbar, dass sich literarisches Schaffen an ästhetischen Grundsätzen orientiert; insofern lehnte er den zum Teil propagandistischen und agitatorischen Stil der Vormärzler ab, der allerdings z.B. auf obiges Georg-Weerth-Gedicht nicht zutrifft.

Hier eines der bekanntesten Heine-Gedichte, bezugnehmend auf die dann, wie oben schon erwähnt, blutig niedergeschlagenen Weberaufstände in Schlesien:

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 Die schlesischen Weber

Im düstern Auge keine Träne,
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
Deutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch –
    Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten
In Winterskälte und Hungersnöten;
Wir haben vergebens gehofft und geharrt,
Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt –
    Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
Den unser Elend nicht konnte erweichen,
Der den letzten Groschen von uns erpresst
Und uns wie Hunde erschießen lässt –
    Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
Wo nur gedeihen Schmach und Schande,
Wo jede Blume früh geknickt,
Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt –
    Wir weben, wir weben!

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Heines Flüche richten sich gegen die altehrwürdige und für ihn so überholte Dreieinigkeit von Gott, König und Vaterland, für ihn in seiner veralteten Verfassung ein falsches Vaterland repräsentierend.

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