Der EKD-Ratsvorsitzende Bedford-Strohm in unermüdlichem Einsatz für sich selbst – ein weichgespültes Christentum, das niemand braucht, das keine Zukunft hat.

Wer Beiträge von mir ab und an liest, weiß, dass ich mich gern mit einem Rilke-, einem Goethe- oder einem Hölderlin-Gedicht auseinandersetze, weil ich deren Einstellung zum Leben, aber auch ihr religiöses Streben und Suchen sehr ernst nehme. Mich berührt, wenn jemand so tief und ernst sich mit den Fragen des Lebens auseinandersetzt.

Das tun Kirchenleute ihrem Selbstverständnis nach auch, doch stelle ich einfach für mich oft fest, dass bei mir innerlich nichts ankommt, nichts resoniert, wenn sie predigen oder sich äußern. Ich spüre oft keine Tiefe, und deshalb gehe ich auch in keinen Gottesdienst mehr. Es sind so oft die immer wiederkehrenden Phrasen, die ich seit meiner Kindheit kenne, die für mich nicht die Spur von innerem Leben haben. Mich dünkt, als sei das Christentum richtiggehend verkommen.

Ich werfe im Folgenden einen Blick auf den Ratsvorsitzenden der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, auch, weil ich ihn für einen typischen Vertreter des zeitgenössischen Christentums halte und weil ich es für notwendig erachte, mich und meine Zeitgenossen mit jenen Altvorderen zu vergleichen, deren geistige Stärke, was das Denken und ihren Glauben betrifft, ich so schätze.

*

Es gibt durchaus Facebook-Seiten kirchlicher Führungspersönlichkeiten, die rücken die Sache, um die es geht, in den Vordergrund. Nicht so der Evangelische Ratsvorsitzende. Kaum ein Post, der nicht mit einem telegenen Bild von ihm aufmacht und ihn in der Folge mehrfach zeigt. Seine Seite ist die Super-Illu Bedford-Strohm.

Gestern hatte ich mir erlaubt – ich weiß gar nicht mehr, warum ich auf seine Facebook-Seite geraten war – unter einem Post zu kommentieren: „Ging es auch um Gott?“ – Wem dankte da nämlich im Rahmen eines Festgottesdienstes (Post vom 17. Juni) nicht Bedford-Strohm alles, all den Festvorbereitern ebenso wie der Pfarrerin, die das Ganze koordiniert hatte und er dankte auch für all das Zusammenhelfen bezüglich der Renovierung der Kirche.

Eigentlich, so denkt der naive Laie, dankt man doch in der Kirche Gott – zumindest auch Gott. In meiner Kindheit, als ich ständig in die Kirche musste, war es noch so – da war eigentlich klar: Gott steht im Mittelpunkt. Bei Bedford-Strohm wird er mit keinem Wort erwähnt. Und das gilt für viele seiner Posts, vermutlich für die allermeisten. Und was gerade in diesem Zusammenhang auffällt, sind im Rahmen dieses eben angesprochenen Post Formulierungen wie „auch von mir“, „Für mich war es wieder“, „mich auf einem ´heißen Stuhl´“, „nehme ich wieder große Dankbarkeit über viel herzliche Gastfreundschaft und geschwisterliche Gemeinschaft mit nach Haus“. – Bedford-Strohm nimmt Dankbarkeit mit nach Hause, na, da gehört sie wohl hin. Da wird sie dann facegebooked. Und damit auch Gott genug! Der hat schon auf seinen Sohn verzichtet, jetzt kann er auch auf den Dank verzichten. Nicht, dass man aufgrund eines Postes zum Beckmesser werden sollte, aber schauen Sie selbst die Beiträge des Gottesmannes durch: kaum eine Spur von Gott – viele viele Spuren von Bedford-Strohm!

Es gibt einen Narzissmus speziell religiöser Art: Da ist der Predigende auf einmal so wichtig, da ist die Leistung des Chores so wichtig, da ist alles so wichtig, nur Gott wird am Schluss mit einem Vater unser abgespeist. Das darf genügen.

Ein weiteres Merkmal seiner Facebook-Seite ist: Ständig geht es um Superlative, in die der Herr Ratsvorsitzende ganz zufällig eingebunden ist. Da ist er zu Besuch bei Deutschlands größtem Privatradiosender, wo man seine Schwäche für Mokka-Buttercremetorte kennt (die Bildergalerie täuscht; wenn man die Bilder anklickt, ist kein Bild ohne ihn!); dabei ist er – nur ganz am Rande bemerkt er in diesem Zusammenhang, dass er Außerplanmäßiger Professor an der Theologischen Fakultät Stellenbosch bei Kapstadt ist – gerade noch im Ökumenischen Zentrum in Genf gewesen, wo es ihm „eine echte Freude (war), unsere deutsche Bewerbung den 150 Mitgliedern des Zentralausschusses zu präsentieren“. Vor Genf war es die Evangelische Akademie in Tutzing, wo Markus Beckedahl, einer der bekanntesten Kenner des Internets und der digitalen Kommunikationswelten in Deutschland vor  Evangelischen Unternehmern, „die ich gestern in die Evangelische Akademie Tutzing eingeladen hatte“, sprach.

Ein weiterer Post beginnt:  „Was ich am Nachmittag beim Integrationsgipfel in Berlin schon sehr stark gespürt habe, ist mir am Abend in Hamburg noch einmal sehr eindrücklich vor Augen getreten. Anlässlich einer Preisverleihung im Körber-Forum (ich habe den Hildegard-Hamm-Brücher-Preis für Demokratie des Fördervereins Demokratisch Handeln bekommen) wurden auch Demokratie-Projekte von Schülerinnen und Schulen ausgezeichnet …“  [gewiss, die Preisverleihung steht in Klammern, aber Klammern sind nunmal des Lesers liebstes Kind und finden immer Beachtung … das weiß ein Bedford-Strohm].

Ja wirklich, so beginnt ein weiterer Post, „Beim Integrationsgipfel der Bundeskanzlerin waren gestern viele Menschen zusammen…“.

Doch wer glaubt, er gebe sich nur mit Bundeskanzler-Niveau ab, nein,  er besucht auch einfache Landtagsabgeordnete, schließlich ist er nicht nur Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche ganz Deutschlands, sondern auch Evangelischer Landesbischof Bayerns.

Irgendwie dämmert da dem Bürger des Christlichen Abendlandes, warum Jesus sich wie ein Berseker um die einfachen Leute bemühte; er musste ein Polster schaffen für Leute wie Bedford-Strohm. Der spricht zwar in einem Video davon, wie sehr ihm die Minderprivilegierten am Herzen liegen, aber auf seiner Fb-Seite spiegelt sich von dieser Einstellung kaum etwas bis nichts.

Ich meine: Keine Frage, dass Bedford auch, gespickt mit vielen Fotos, eine Tafel besuchen wird (wenn er das nicht schon tat) und ich bin überzeugt, dass er dort salbungsvoll über Jesu Verhältnis zu Geld und Macht und Reichtum reden wird bzw. redete, aber bitte: Irgendjemand muss auch die Macht und den Reichtum bedienen [und Bedford-Strohm opfert sich da ganz, ganz ungern, wie man all den Bildern unschwer entnimmt]; die Leute, die Reichen, die Mächtigen, die Angesagten dürfen dem Reich Gottes doch nicht verloren gehen, zumal das die eigentliche Klientel der Kirchen ist. Schließlich hat die Katholische Kirche Deutschlands ein Vermögen von über 200 Milliarden und das der Evangelischen Kirche dürfte nicht so viel kleiner sein, ein Vermögen, das beide sicher horten, gerade in Zeiten, wo es neuesten Zahlen zufolge 68,5 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht gibt; das sind unsichere Zeiten, da muss man sein Geld zusammenhalten. Da kann Jesus lange sagen: Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelör geht, als dass ein Reicher ins Reich Gottes kommt.

Dass unsere christlichen Kirchen als allererste nicht in den Himmel kommen, müsste eigentlich auf dem Hintergrund des Jesus-Wortes klar sein. Aber der hat halt einfach nicht geblickt, wie dramatisch sich die Vermögensverhältnisse bis heute geändert haben und dass die Verantwortung der Kirchen für die Seelen der Menschen bedeutet, sich auch für das Geld dieser Seelen verantwortlich zu fühlen – am besten doch hautsächlich für Letzteres. Vielleicht laden ja Kirchenführer wie Bedfort-Strohm Jesus zu einem Integrationsgipfel ein – serviert wird trockenes Brot und gepökelter Fisch, man weiß schließlich, was Jesus schmeckt!! -, aber ich vermute, Jesus wird Bedford-Strohm und anderen nicht die Füße waschen, sondern den Kopf und sie wie weiland die Wechsler und andere Geld- und Ego-Gierigen aus seinem Tempel jagen.

Bedford-Strohm und andere haben – so glaube ich, sonst könnte Ersterer nie eine so ich-fixierte Seite gestalten – nie mit dem Herzen diese erste Stufe eines ehemals christlichen Einweihungsweges, wie sie die Fußwaschung darstellt, verstanden.

Noch ein Nachtrag:

Offensichtlich hatte Herr Bedford-Strohm zur Kenntnis genommen, dass da „jemand“ anlässlich des Festgottesdienstes gefragt hatte, ob es auch um Gott gegangen sei (wieder im Übrigen ein Premium-Bedfort-Strohm-Bild, wenn es auch zum Inhalt keine Aussage macht; zum Thema Klima und Kreuz hätte er sich schon mal um ein wirklichkeitsnahes Bild bemühen können). – Jedenfalls übermittelte er seine Antwort an den jemand, also mich, der da gefragt  hatte, mit Verweis auf ein Interview, das er der MAINPOST gab, wobei ihm offensichtlich nicht einmal klar ist, dass dieses Interview, auf das er auf diesem Weg gleich in seiner telegen-geschmeidigen Manier hinweist, eine Riesenohrfeige für den Sohn Gottes beinhaltet.

Vorausschicken sollte man vielleicht, dass Bedford-Strohm und Erzbischof Kardinal Reinhard Marx 2016 zur gemeinsamen Pilgerfahrt nach Jerusalem reisten. Auf dem Tempelberg nahmen beide ihre christlichen Kreuze aus „Respekt gegenüber dem muslimischen Gastgeber, der das so gewünscht habe“ ab. In Deutschland löste dieses Verhalten eine heftige öffentliche Diskussion aus.

In diesem Interview wird nun Bedford-Strohm auch nach seiner Kreuzabnahme, die für mich in Wirklichkeit eine Kreuzesverleugnung ist, auf dem  Tempelberg gefragt und er antwortet, „Er habe das Kreuz seinerzeit abgenommen, weil sowohl am Tempelberg mit der Moschee als auch an der Klagemauer eine aufgeheizte Situation geherrscht habe.“

Und in einem weiteren Satz, der im Grunde jeden Christen niederschmettern muss, sagt der Kirchenführer, „Das Tragen des Kreuzes sei üblicherweise kein Problem.“ – Üblicherweise? – Irgendwie wird mir bei dieser Formulierung übel.

Ich gebe wieder, was ich einer Frau auf Facebook antwortete, die in einem Kommentar verlauten ließ: Mal sehen, ob Johannes Klinkmüller, der die Frage gestellt hatte, das [gemeint ist der MAINPOST-Artikel] auch liest und damit seine Frage positiv beantwortet sieht!

Ich habe ihr geantwortet:

Ja, Gertrud Müller (Name geändert), Johannes Klinkmüller hat das gelesen und empfindet Ihr Nachhaken als reine Rhetorik. Wo macht der Zeitungsartikel Gott als Mittelpunkt deutlich? Im Gegenteil, Bedfort-Strohm verleugnet auf eine unglaubliche Weise Gott und Christus. In dem Artikel ist zu lesen: „Er habe das Kreuz seinerzeit abgenommen, weil sowohl am Tempelberg mit der Moschee als auch an der Klagemauer eine aufgeheizte Situation geherrscht habe.”
Gott sei Dank hat Jesus nicht das Herz eines Bedfort-Strohm gehabt; vor 2000 Jahren war die Stimmung unvergleichlich aufgeheizter („Kreuziget ihn!”).
Und dann folgt noch solch ein Satz, der für Christus kaum deprimierender sein kann:”Das Tragen des Kreuzes sei üblicherweise kein Problem.” – Was für eine ätzende Aussage! Üblicherweise kann ein Ratsvorsitzender das Kreuz schon tragen …
Gut, dass mir das alles durch Ihr Engagement für Bedfort-Strohm aufgefallen ist. Ich werde an anderer Stelle darauf gründlicher eingehen: Durch die Welt reisen und die Kirche repräsentieren und bei Gelegenheit das Kreuz in den Säckel stecken. Gerade das macht ja das Christentum gegenüber dem Judentum und dem Islam aus, dass es einen Sohn gibt und dass er am Kreuz stirbt. Gerade in Jerusalem hätte Bedfort-Strohm das bekennen müssen! Sein Verhalten damals und seine Aussagen hier zeigen, dass er die Bedeutung des Kreuzes wirklich nicht verstanden hat, sonst hätte er nicht damals so handeln und heute noch sprechen können.
Über vielfach fehlendenden Gottesbezug schreibe ich an anderer Stelle. Jesus ist nicht als Super-Christ durch die Welt gereist. Er hat sich dem Menschen ohn Ansehen der Person zugewandt. Aber bestimmt hat Bedfort-Strohm auch schon medienwirksam eine Tafel besucht …

Dieser Theologe und oberste Evangele hat das Jesus-Wort nie verstanden: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ – Vielleicht, mag der ein oder andere sagen, hat er es auch nicht verstehen wollen.

Klar und eindeutig kommt hier zum Ausdruck, dass der Sohn Gottes zu einer kompromisslosen Entscheidung herausfordert,  nicht zu Tempelbergentscheidungen eines Bedfort-Strohm.  Die Schärfe des geistigen Schwertes trennt kompromisslos Falsches von Wahrem

„Wer mich bekennet vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater.“

Für mich fällt dieses weichgespülte Christentum à la Bedfort-Strohm unter das Verhalten der Lauen, von denen in der Offenbarung des Johannes in Bezug auf die Gemeinde zu Laodicea die Rede ist. Das wird jene Zeit sein, die auch in Matthäus 24 angesprochen ist, in der es auf der Erde infernalisch zugeht. Ein wenig kündigt sie sich schon an, finde ich. Da werden nicht viele sich als wirkliche Christen erweisen, so weiß die Bibel.

Was diese christlichen Weichpüler betrifft: Ihr Christentum ist nicht Fisch, nicht Fleisch, wie der Volksmund sagt. Über die Lauen aber heißt es in der Offenbarung, dass sie ausgespien werden. – Die Bibel ist da klar und eindeutig.

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“Komm du, du letzter, den ich anerkenne, / heilloser Schmerz im leiblichen Geweb“! – Rilkes letzte Zeilen offenbaren einen unglaublichen Bewusstseinswandel.

Es kann ein sehr schmerzvoller Weg sein vom literarischen Tod zum wirklichen Tod. In seinen letzten Zeilen ist Rilke – so habe ich lange gedacht – ihn nicht gegangen, den heillosen Schmerz hat er anerkannt, den Tod nicht.

Man könnte sagen, so zu differenzieren sei sophistisch, zwischen heillosem Schmerz und Tod sei letztendlich kein Unterschied. Wenn da nicht vier gestrichene Zeilen wären, die Rilke eine Zeitlang dem letzten Vers Und ich in Lohe. Niemand, der mich kennt folgen lassen wollte. Diese dann gestrichenen Zeilen hätten das Gesagte seiner Schärfe beraubt. Lesen Sie selbst:

Komm du, du letzter, den ich anerkenne,
heilloser Schmerz im leiblichen Geweb:
wie ich im Geiste brannte, sieh, ich brenne
in dir; das Holz hat lange widerstrebt,
der Flamme, die du loderst, zuzustimmen,
nun aber nähr’ ich dich und brenn in dir.
Mein hiesig Mildsein wird in deinem Grimmen
ein Grimm der Hölle nicht von hier.
Ganz rein, ganz planlos frei von Zukunft stieg
ich auf des Leidens wirren Scheiterhaufen,
so sicher nirgend Künftiges zu kaufen
um dieses Herz, darin der Vorrat schwieg.
Bin ich es noch, der da unkenntlich brennt?
Erinnerungen reiss ich nicht herein.
O Leben, Leben: Draussensein.
Und ich in Lohe. Niemand, der mich kennt.

Verzicht. Das ist nicht so wie Krankheit war
einst in der Kindheit. Aufschub. Vorwand um
grösser zu werden. Alles rief und raunte.
Misch nicht in dieses was dich früh erstaunte

Niemand wird Rilke scheel anschauen, dass er auch in den endgültigen 16 Zeilen den Tod nicht benennt; wer könnte sagen, dass es ihm nicht selbst auch schwer fiele!

Mitten im Leben zu stehen und gekonnt literarisch über den Tod zu schreiben, das kann nicht jeder, aber es kann, wenn es einer denn kann, echt überzeugend sein. Ich denke da an Markus Zusaks Roman Die Bücherdiebin (wer das Buch nicht lesen mag, der Film ist jede seiner Minuten wert) und sein absolut gelungenen Beginn, in dessen Rahmen der Tod als Erzähler auftritt und seine Arbeit vorstellt.  Oder ich denke an Rilke selbst und seinen Roman Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, der schon so bezeichnend beginnt:

So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier. Ich bin ausgewesen. Ich habe gesehen: Hospitäler. Ich habe einen Menschen gesehen, welcher schwankte und umsank. Die Leute versammelten sich um ihn, das ersparte mir den Rest.

Nur wenige Seiten später findet sich eine Passage, in der der Ich-Erzähler über das Hôtel-Dieu von Paris schreibt, ursprünglich eine Pilgerherberge, nun ein Armen-Hospiz zum Zwecke des fabrikmäßigen Sterben, wie es heißt:

Es wäre sehr häßlich, hier krank zu werden, und fiele es jemandem ein, mich ins Hôtel-Dieu zu schaffen, so würde ich dort gewiß sterben […]

Dieses ausgezeichnete Hôtel ist sehr alt, schon zu König Clodwigs Zeiten starb man darin in einigen Betten. Jetzt wird in 559 Betten gestorben: Natürlich fabrikmäßig. Bei so enormer Produktion ist der einzelne Tod nicht so gut ausgeführt, aber darauf kommt es auch nicht an. Die Masse macht es. Wer gibt heute noch etwas für einen gut ausgearbeiteten Tod? Niemand. Sogar die Reichen, die es sich doch leisten könnten, ausführlich zu sterben, fangen an, nachlässig und gleichgültig zu werden; der Wunsch, einen eigenen Tod zu haben, wird immer seltener. Eine Weile noch, und er wird ebenso selten sein wie ein eigenes Leben. […] man stirbt den Tod, der zu der Krankheit gehört, die man hat (denn seit man alle Krankheiten kennt, weiß man auch, daß die verschiedenen letalen Abschlüsse zu den Krankheiten gehören und nicht zu den Menschen; und der Kranke hat sozusagen nichts zu tun).

Der Beginn der folgenden Passage will etwas makaber anmuten, wenn man weiß, dass Rilke 51-jährig in einem Sanatorium starb:

In den Sanatorien, wo ja so gern und mit soviel Dankbarkeit gegen Ärzte und Schwestern gestorben wird, stirbt man einen von den an der Anstalt angestellten Toden; das wird gerne gesehen. Wenn man aber zu Hause stirbt, ist es natürlich, jenen höflichen Tod der guten Kreise zu wählen, mit dem gleichsam das Begräbnis erster Klasse schon anfängt und die ganze Folge seiner wunderschönen Gebräuche. Da stehen dann die Armen vor so einem Haus und sehen sich satt. Ihr Tod ist natürlich banal, ohne alle Umstände. Sie sind froh, wenn sie einen finden, der ungefähr paßt. […]

Früher wußte man (oder vielleicht man ahnte es), daß man den Tod in sich hatte wie die Frucht den Kern. Die Kinder hatten einen kleinen in sich und die Erwachsenen einen großen. Die Frauen hatten ihn im Schoß und die Männer in der Brust. Den hatte man, und das gab einem eine eigentümliche Würde und einen stillen Stolz.

Meinem Großvater noch, dem alten Kammerherrn Brigge, sah man es an, daß er einen Tod in sich trug. Und was war das für einer: zwei Monate lang und so laut, daß man ihn hörte bis aufs Vorwerk hinaus.

[…]. Christoph Detlevs Tod, der auf Ulsgaard wohnte, ließ sich nicht drängen. Er war für zehn Wochen gekommen, und die blieb er. Und während dieser Zeit war er mehr Herr, als Christoph Detlev Brigge es je gewesen war, er war wie ein König, den man den Schrecklichen nennt, später und immer. Das war nicht der Tod irgendeines Wassersüchtigen, das war der böse, fürstliche Tod, den der Kammerherr sein ganzes Leben lang in sich getragen und aus sich genährt hatte. Alles Übermaß an Stolz, Willen und Herrenkraft, das er selbst in seinen ruhigen Tagen nicht hatte verbrauchen können, war in seinen Tod eingegangen, in den Tod, der nun auf Ulsgaard saß und vergeudete.

Wie hätte der Kammerherr Brigge den angesehen, der von ihm verlangt hätte, er solle einen anderen Tod sterben als diesen. Er starb seinen schweren Tod.
(Hier gibt es die ganze Passage, ungekürzt.)

Ob Rilke so geschrieben hätte, wenn er um seinen eigenen bösen Tod gewusst hätte? Und war er wirklich böse wie jener des Kammerherren? Ich glaube nicht, aber das ist mir erst spät gedämmert.

Auch in Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke gestaltet unser Autor einen rauschhaft-dionysisch überhöhten Kriegstod, ebenso, wie manche Zeilen aus dem Stundenbuch noch recht literarisch klingen, was den Tod betrifft, und fern des Bewusstseins eines möglichen eigenen.

Mit ablaufendem Stundenglas und zunehmendem Alter veränderte sich Rilkes Sicht; immer weniger leicht tat er sich mit dem Tod, immer bewusster sprach und schrieb er von ihm, ich denke an jene Zeilen des neunten Sonetts aus dem ersten Teil der Sonette an Orpheus:

Nur wer mit Toten vom Mohn
aß von dem ihren,
wird nicht den leisesten Ton
wieder verlieren.

Ganz zu schweigen von Versen aus den Duineser Elegien wie jenen der zehnten, aus denen man, 1922 zuende geschrieben, schon glaubt, ein Bewusstsein zu erspüren, welches das eigene schwer Los schon bearbeiten möchte:

Dass ich dereinst, an dem Ausgang der grimmigen Einsicht,
Jubel und Ruhm aufsinge zustimmenden Engeln.
Dass von dem klar geschlagenen Hämmern des Herzens
keiner versage an weichen, zweifelnden oder
reißenden Saiten […]

Über den Tod zu schreiben und zu sprechen und ihm doch aber näherzukommen, ja ihm zu begegnen, dieser Unterschied macht betroffen. Ich muss dabei an meinen Vater denken, einen sehr religiösen Menschen, der in der Brüdergemeinde sogar Andachten hielt und  des Öfteren über den Tod Jesu und den Tod überhaupt gesprochen  haben mag. Aber mit dem Sterben tat er sich ungeheuer schwer, was mich damals bestürzte, mir sehr zu denken gab. Ich habe seine Angst gespürt, seine Beklemmung, sein Klammern am Leben, wie er so wochenlang dalag. Bis heute geht es mir nicht aus dem  Sinn, wie er, dem Tod geweiht, das Leben nicht loslassen konnte. Nachvollziehen kann ich es mittlerweile allemal, auch, weil ich erkannt habe, wie wenig Christ sagen und Christ sein miteinander zu tun haben können (viel zu oft glaube ich diesen Unterschied bei Menschen mittlerweile zu spüren).

Deshalb verstehe ich auch Rilke. Er war auf seine Weise ein Gott Suchender – Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manches Mal / in langer Nacht mit hartem Klopfen störe […] -, sehr ehrlich und – so möchte ich etwas provokativ sagen – fast mehr Muslim als Christ, denn sein Verhältnis zum Sohn Gottes war mehr als problematisch; seine Gedichte über Christus, Christus-Visionen überschrieben, in denen er zum Beispiel Jesus auf dem Prager Judenfriedhof auftauchen (Jehova – weh, wie hast du mich mißbraucht) oder ihn als Narr einem Mädchen das Kleidchen zerfetzen lässt, geben darüber Aufschluss. Sie  hätten Allah, wie sie im Grunde Christus denunzieren, durchaus, könnte ich mir vorstellen, gefreut, der im Koran, ihm einen Sohn unterstellen zu wollen, unter Strafe stellt. Der Islam kennt keinen Sohn, damit auch keine Entwicklung. – Der Vater. Allah. Mehr soll nicht sein.

Rilke nun lässt, wie der Islam ja auch, die Existenz von Jesus immerhin zu, differenziert aber nur sehr ungenau zwischen Jesus und Christus, offensichtlich die Bedeutung von Jesus als Christusträger nicht verstehend, für mich bezeichnend, war Jesus doch ein Mensch und nicht – so sehe ich es – von vornherein  Christus, sondern er nahm den Sohn Gottes während der Taufe durch Johannes im Jordan auf, was die Stimme seines Vaters im Moment der Taufe bestätigt: Dies ist mein lieber Sohn. Drei Jahre trug der physische Jesus den Sohn Christus bis nach Golgatha. – Verstanden hat Rilke vermutlich nicht, warum das Christentum seinen Sinn im Sohn findet, der erst ab der Johannes-Taufe eins mit Christus ist.

Wenn da nicht Anklänge in seinen letzten Zeilen wären, die mich schlicht frappieren – dazu später mehr.

Rilke hat vielfach in Briefen über die Schmerzen der letzten Wochen geschrieben und nicht zurückgehalten, deren übergroßes Ausmaß zu beschreiben. Doch trug er ihn wohl tapfer, wie wir einem Brief an Professor Jean Rudolf von Salis, der ihn 1924 noch in Muzot besucht hatte und 1936 das berühmte Buch über Rilkes Schweizer Jahre verfasste, entnehmen können.

Nicht von ungefähr beginnen die letzten 16 Zeilen dieses großen Dichters  mit der Anrede an den Schmerz, den Rilke wie einen Freund, ja fast wie einen Geliebten anspricht – für mich gehören die ersten beiden Zeilen mit zu den eindrucksvollsten in Rilkes gesamtem  Schaffen – , wobei man wissen muss, dass der Dichter erst kurz vor seinem Tod, wenn ich recht informiert bin, nach vielen Sanatorienaufenthalten und zahlreichsten Arztbesuchen erfuhr, dass er an einer besonders schweren und unheilbaren Form von Leukämie litt. Und wie er litt! Rilke starb am 29. Dezember 1926. Sein Ende war qualvoll. Pusteln hatten die Schleimhäute befallen und brachen immer wieder auf und bluteten, so dass Rilke kaum trinken konnte.

ROLLEIUnwillkürlich muss ich daran denken, wie sehr Jesus, den Rilke in gewisser Weise so verachtete, an seinem Holz dürstete, so dass er sagte: Mich dürstet!

Auch Rilke litt großen Durst und auch er spricht immer wieder vom Holz, damit seinen Körper meinend: das Holz hat lange widerstrebt.

Mir kommen jene Verse in den Sinn, die Rilke im Spätherbst 1925 entwarf und die als Epitaph, als Grabspruch gedacht waren und auch heute noch auf dem sehr verwitterten Grabstein stehen:

Rose, oh reiner Widerspruch, Lust,
Niemandes Schlaf zu sein unter soviel
Lidern.

Die Rose, die mitten aus dem Kreuz hervorwächst, ist das Symbol der Rosenkreuzer, begründet von Christian Rosenkreutz; auch Goethe war ein Rosenkreuzer, was in seinem Fragment Die Geheimnisse – ich habe hier darüber geschrieben – deutlich wird, wenn es heißt: wer hat dem Kreuze Rosen zugesellt?

Doch Rilke war in seinem Leben trotz all der Séancen und spiritualistischen Aktivitäten, unter anderem im Haus der Gräfin Marie von Thurn und Taxis, weit davon entfernt, diese Bedeutung zu verstehen, verstehen zu können, symbolisiert doch das Kreuz die Überwindung der Materie durch den Geist, durch Christus, durch das Geschehen auf Golgatha; ja, entgegen den landläufigen christlichen Ansichten in Bezug auf Materie heiligt das Kreuzesgeschehen diese; denn nur dadurch konnte die Rose aus dem Holz des Kreuzes hervorwachsen! Nur durch das Physisch-Werden von Christus in Jesus konnte der Geist als Ursache alles Materiellen begriffen werden. Alles Physische, alles Materielle ist eine Schöpfung Gottes – und damit ureigentlich göttlich. Das genau macht ja den Weg des Menschen aus. Er mag für alle Zeiten einzigartig im Kosmos sein.

Das Wort ward Fleisch, heißt es zu Beginn des Johannes-Evangeliums; damit erfuhr die Materie, die Physis eine Heiligung, wie sie meines Erachtens das Christentum bis heute nicht wirklich in ihrer Bedeutung nachvollzogen hat.

Rilke hat in seinem Werk, wie angesprochen, vielfach über den Tod geschrieben. Nur hier, in diesem Gedicht spricht er das Wort nicht aus. Es ist von der Hölle die Rede, von Schmerzen, von höllischen Schmerzen, nicht von dem Tod!

Dennoch verwundert, dass er von Mildsein spricht. Wenn man solche Schmerzen hat, kann man dann milde gestimmt sein?

Offensichtlich. Etwas in ihm hat sich verändert. Er ist auf dem Weg dahin, den Tod, das Verbrennen des Holzes, das Verbrennen des sterblichen Menschen zu akzeptieren. Davon schreiben tut er nicht. Scheinbar.

Wie einst sein dichterischer Geist immer wieder brannte, ja loderte, so brennt nun sein Körper, er verbrennt, er ist – wie das Holz für das Feuer – Nahrung für den Schmerz. Lange, so schreibt Rilke, wollte sein Körper nicht diese Nahrung sein; nun hat er zugestimmt: Rilke sagt ja zu unendlichem Schmerz.

Der Dichter hat, so macht ein Brief an Lou Andreas-Salome deutlich, Krankheit immer
als Ausnahme und schon wieder Rückweg ins Freie gesehen. An Tod hat er nicht
gedacht, nicht im seinem, im eigenen Zusammenhang. Nun aber steigt er Ganz rein, ganz planlos frei von Zukunft auf den Scheiterhaufen, der zwar wirr ist, mithin ihn durchaus verwirrt, doch wissend, dass er nichts mehr kauft, dass sein Herz keinen Vorrat an Leben mehr hat.

Bin ich es noch, der da unkenntlich brennt?

Dieses Brennen auf dem Scheiterhaufen löst vielleicht nicht das eigene Ich auf (falls
man es hat – eigentlich hat man es nur durch Jesus: unser Personalpronomen I-CH umfasst bezeichnenderweise  die Initialen von J(esus) Ch(ristus) – , aber die Schmerzen lösen alle Vorstellungen von dem, was einst dieses Ich ausmachte, auf. Vergangenes wie z.B. Erinnerungen zählen nicht mehr, sie lassen sich nicht hereinreißen, nicht in dieses Inferno integrieren. Leben, wie wir es üblicherweise definieren, findet nur noch draußen statt, nicht mehr in dieser Lohe.

Niemand kann sich das vorstellen, niemand kennt diesen Rainer Maria Rilke mehr, der da brennt.

Wer auf diese Weise stirbt, stirbt einen Tod, den niemand wirklich nachvollziehen
kann.

Vielleicht stirbt Rilke hier jenen Tod, den er Jesus am Kreuz Zeit seines Lebens
verweigerte.

Rilke wusste vermutlich nichts von den sieben Stationen des christlich-gnostischen Weges, also von Fußwaschung, Geißelung, Dornenkrönung, Kreutragung und Kreuzigung, mystischem Tod, Grablegung, Auferstehung und Himmelfahrt. Es ist ein Weg der inneren Schulung, er umfasst Stufen, die das persönliche Ich hin öffnen zum kosmsischen Bewusstsein des Christus. Keineswegs wird das Ich hier aufgelöst, wie manche glauben, sondern das mikrokosmsiche Ich und der makrokosmische Logos, wie der Sohn Gottes auch genannt wird, sind eins. Das meint die Bibel mit dem siebten Schöpfungstag.

Warum ich das anspreche: Auf der Stufe der Kreuztragung und Kreuzigung lernt der Mensch, seinen Körper wie von außen zu sehen, in gewisser Weise tritt er ihm fremd gegenüber, er sieht, was jener leistet, wie er leidet. Er sieht das Holz, er sieht das Fleisch. Rilke sieht es brennen.

Mich hat das total verblüfft, als mir bewusst wurde, dass Rilke hier im Grunde in seinem Versen mit seinen Worten beschreibt, wie man kaum angemessener die vierte Stufe dieses Weges der Einweihung, wie man diesen Weg in Rosenkreuzer- und ähnlich auch in Freimaurerkreisen zumindest früher nannte, erfasst. Er spricht sein leibliches Geweb an, sieht sich brennen im Schmerz, eine Qual. Er kommentiert gleichsam das Geschehen, dass das Fleisch lange Widerstand geleistet habe; nun stimmt es der verzehrenden, tödlichen Flamme, dem Tod zu. Bewusst sagt er ja, dass sein Fleisch Nahrung ist dieser Flamme. Aber spürbar ist gleichzeitig die Distanz in den Worten, fast unfassbar, dieses innere Gestimmtsein. Rilke nennt es Mildsein. Dieses Mildsein sagt ja zum Verzicht auf Leben, auf diesen Vorrat, der uns Menschen so wichtig ist.

Rilke weiß, dass wohl kaum jemand seinen inneren Zustand nachvollziehen kann. Wer diese Prüfung, die Qualen, den eigenen Körper auf diese Weise zu erleben, nicht selbst erfahren hat, kann diesen Zustand nicht kennen.

Ich glaube zu ahnen, dass Rainer Marie Rilke im Tode zu jenem Bewusstsein fand, dass er früher in der Gestalt von Jesus und dessen Mission literarisch ablehnte. Nun sieht er sich selbst das Holz, sein eigen Holz, sein Fleisch hingeben, sein Kreuz nach Golgatha tragen. 

Welch ein Gewinn!

 

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„Patmos“: eine Insel, ein Ort in uns, eine Sehnsucht. – Hölderlins gleichnamige und wegweisende Hymne.

Hölderlin hat immer wieder Orte verwendet, um mit ihrer Hilfe Inhalte zu vermitteln, die über das rein Räumliche weit hinausweisen Wir kennen die Gedichte zu Heidelberg, Stuttgart, den Winkel von Hardt, Germanien, immer wieder zu Griechenland, den Alpen und dem Archipelagus. Vor allem sind es auch fließende Räume, die Hölderlin magisch anzogen, die Donau, der Rhein, der Main, der Neckar, der Euphrat … übrigens finden wir gerade in den Städte-Gedichten ebenfalls eine fließende Bewegung, denken wir an die Ode Heidelberg, die Hölderlin vermutlich 1798 entwarf und 1800 fertigstellte – hier Strophe 2 bis 4:

Wie der Vogel des Walds über die Gipfel fliegt,
Schwingt sich über den Strom, wo er vorbei dir glänzt,
Leicht und kräftig die Brücke,
Die von Wagen und Menschen tönt.

Wie von Göttern gesandt, fesselt‘ ein Zauber einst
Auf die Brücke mich an, da ich vorüber ging,
Und herein in die Berge
Mir die reizende Ferne schien,

Und der Jüngling, der Strom, fort in die Ebne zog,
Traurigfroh, wie das Herz, wenn es, sich selbst zu schön,
Liebend unterzugehen,
In die Fluten der Zeit sich wirft.

Unter diesem Gesichtspunkt muss Patmos auffallen, denn eine Insel erlaubt wenig Bewegung. Als Eiland ist sie wie verankert im Meer. Hölderlin war in seinem Leben nie dort, ebenso nie im Griechenland, dem Land seines Herzens. Wir wissen, dass die Insel ca. 34 Quadratkilometer groß ist, in der Südägäis liegt, heute ca. 3000 Einwohner hat und zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, vor allem auch wegen ihres weltberühmten Johannes-Klosters, dessen Name sich natürlich auf den Schreiber des letzten Buches Bibel, der Offenbarung bezieht, der eben dort diese schrieb. Sein Tun verweist uns auch darauf, worin die Bewegung liegt, die sich mit Patmos verbindet: Es ist die Bewegung der Offenbarung, die uns vermittelt, dass, das Christentum in seiner Tragweite zu erfassen, bedeutet, Geschichte zu verstehen. Wer meint, er könne das Christentum zeitlos verstehen, der verkennt, dass Jesus Christus durch und durch eine historische Wesenheit war und dass er gerade dadurch, dass er sich durch seinen historischen Tod und den Blutstropfen, die auf die Erde fielen, so sehr mit ihr verband, dass er genau deshalb seinen geistigen Auftrag zu erfüllen vermochte. Jenes Ziel, das die Offenbarung an ihrem Schluss vermittelt – der dem Menschen von Gott verliehene neue Name, das Wasser des Lebens, das wir dann trinken, das Himmlische Jerusalem als unserem neuen Wohnort – verweist uns zugleich darauf, wie wichtig der Augenblick ist, unsere augenblickliche Geschichte; sie ernst zu nehmen ist Voraussetzung, aus dem Geschehen in der Offenbarung rechtzeitig gelernt haben zu können. Dazu beitragen kann Patmos als eine der Christus-Hymnen Hölderlins.

Der Anfang der Hymne führt uns unmittelbar in diese ganz und gar existentielle Thematik hinein, die wir vielleicht auch als die unsere erkennen:

Nah ist
Und schwer zu fassen der Gott.
Wo aber Gefahr ist, wächst
Das Rettende auch.
Im Finstern wohnen
Die Adler und furchtlos gehn
Die Söhne der Alpen über den Abgrund weg
Auf leichtgebaueten Brücken.
Drum, da gehäuft sind rings
Die Gipfel der Zeit, und die Liebsten
Nah wohnen, ermattend auf
Getrenntesten Bergen,
So gib unschuldig Wasser,
O Fittiche gib uns, treuesten Sinns
Hinüberzugehn und wiederzukehren.

Nah ist, und dennoch schwer zu fassen der Gott. Diese logische Beziehung zwischen nah und schwer zu fassen erwartet eigentlich der Leser. Doch Hölderlin stellt beides mittels eines und mit einer Selbstverständlichkeit gleichwertig nebeneinander, dass schon der Anfang uns dazu zwingt, die gängige Logik und Erwartungshaltungen beiseite zu lassen.

Dieser Anfang besagt, dass es ein selbstverständlicher Zustand ist, der hier angesprochen ist. Leben in Gegensätzen – und man darf sie durchaus so schroff nehmen, wie sie sind – ist menschlicher Allgemeinzustand, und zwar keiner, der sich beschönigen ließe. Rilke hat sich im Übrigen mit der Thematik der Gottesnähe und Gottesferne immer wieder auseinandergesetzt.

Die Beschaffenheit der menschlichen Seelenhat sich verändert

Einmal vorausgesetzt, wir empfänden Gott wirklich als uns nah – der Schreiber der Hymne tut dies, aber selbstverständlich ist es keineswegs – so ist dieser Umstand wie auch der folgende Gegensatz doch schwer zu fassen. Woran das liegt:

Nun, viele Menschen sind es gewohnt, die Mythen der Griechen, der Ägypter, der Kelten oder auch beispielsweise der Hopi-Indianer als Produkte der Phantasie zu sehen, die man zwar durchaus ernst nimmt, aber wenn es darauf ankommt anzunehmen, dass Götter wirklich unter den Menschen wandelten, dass beispielsweise manche Götter das Projekt Trojanischer Krieg unterstützten und auf Seiten der Griechen waren, manche auf Seiten der Trojaner, dann werden die Mythen doch nur zu einer zwar recht spannenden Geschichte, zu mehr aber nicht – denn das dies Geschehen um die Götter so war, glauben dann doch die wenigsten. Aber so wie in den Mythen geschildert war das Geschehen, manchmal real, manchmal in Bildern geistige Prozesse in Bezug auf die Entwicklung der Menschheit widerspiegelnd! Wir sollten jedenfalls nicht von einer Beschaffenheit der Seele ausgehen, die vor mehreren tausend Jahren der unseren gleich gewesen wäre. Tatsächlich hatten die Menschen eine ganz andere Verbindung zur Geistigen Welt. Wir entnehmen das fast allen Dokumenten der damaligen Zeit. Allerdings war diese Verbindung von einer Abhängigkeit der Menschen gekennzeichnet, die, falls sie auch heute noch freiwillig aufrecht erhalten werden sollte, damals nicht freiwillig war; sie war ein grundsätzliches Kennzeichen des Verhältnisses Gott – Mensch. Deshalb war das Geschehen um Kain und um Prometheus so bedeutungsvoll für die Entwicklung der Menschheit. Beide, der Mensch Kain und der Halbgott Prometheus – der für die Menschen eintrat – forderten eine Unabhängigkeit ein, die das Verhältnis der Menschen zu den Göttern auf eine andere Stufe stellte – ich habe darüber geschrieben (zuletzt auch hier). Unter diesem Gesichtspunkt muss man die Gedanken zum Sein Gottes des Dreigestirns Hölderlin, Hegel und Schelling, die bewusst aus ihrer gemeinsam im Tübinger Stift verbrachten Zeit mit der Losung Reich Gottes in das jeweils weiterführende Leben aufbrachen, sehen, aber auch die Philosophien eines Leibniz, eines Nietzsche, eines Kierkegaard oder auch eines Camus – man denke an den Mythos vom Sisyphos.

Hier lässt sich die Entwicklung der Menschheit nicht ausführlicher skizzieren, verwiesen sei nur darauf, dass vor allem mit dem naturwissenschaftlichen Wirken eines Kopernikus, eines Galilei oder Newton – alle waren im Übrigen tief religiöse Menschen – ein Materialismus Einzug hielt, der zunehmend und immer vehementer den Menschen von den Göttern und dem christlichen Gott trennte. Mehr und mehr ging es um das, was für unsere diesseitigen Sinne erfassbar ist. Eine Dunstglocke schob sich zwischen Himmel und Erde. Auf diesem Hintergrund ist auch zu verstehen, wie sinnenentleert zunehmend Glaube wurde und wie sich der Himmel entvölkerte, obwohl er doch voller Engel und Götter noch vor nicht allzu langer Zeit gewesen war. Auch mussten sich irgendwo all die Toten aufhalten – es gibt ja nicht wenige Menschen, die annehmen, dass der Himmel und die Hölle als Zustände, die sie eben sind und keine Räumlichkeiten, mitten unter uns sind. Wie eben auch die Toten, gefallene und Gott treue Engel, Elementarwesen und was es auch immer noch an Wesenheiten geben mag. Fast jeder wird wohl Berichte kennen von Bekannten oder Freunden, die einen lieben Menschen verloren haben und erzählen, wie sehr sie ihn noch um sich spürten (natürlich gibt es auch Menschen, die annehmen, dass es keine geistige Welt gibt, was ich durchaus respektiere, wenn ich diese Einstellung auch für ein Produkt ihrer Phantasie halte).

Keine Frage aber ist, dass – so sieht es auch Hölderlin – Gefahr besteht (vgl. Z. 3). Die nun ist heute mehr denn je nicht von der Hand zu weisen. Zwar leben wir äußerlich schon erfreulich lange in Friedenszeiten, aber viele Menschen fühlen sich, was die Entwicklung der Menschheit angeht, zunehmend unwohler.

Wo allerdings wächst das Rettende, von dem Hölderlin spricht? Wo sind die Adler und die furchtlosen Söhne der Alpen? Hölderlin ist sich bewusst, dass Finsternis herrscht und Brücken nicht mehr so leichthin gebaut werden. Dies möchte man bestätigen, wenn Finsternis die Trennung von Gott bzw. den Verfall von Moral und Ethik meint. Die Liebsten – gemeint sind hoch entwickelte Seelen, die uns geistig nahestehen wie beispielsweise der Lieblingsjünger Jesu oder ein lebender Zeitgenosse – wohnen nah und sind doch so getrennt, wie es mehr kaum möglich ist. Die Gefahr ist real und sehr groß. Denn ermatten können auch wir. Immer wieder erzählen mir Menschen, dass sie sich ganz und gar allein fühlen, gerade jene, die den Schleier des Materialismus als Horizont sehen, hinter dem in Wirklichkeit, um mit Udo Lindenberg zu singen, es weitergeht. Dennoch: Hölderlin spricht von getrenntestem Sein!

Da bleibt nichts zu tun, als um unschuldig Wasser zu bitten (vgl. Z. 13), das diese Trennung aufzuheben vermag und von menschlicher Schuld befreit, zu bitten auch um die Fittige des Adlers. Unter den Evangelisten war im Rahmen ursprünglich vorhandener kosmischer Urkräfte Johannes dem Adler zugeordnet so wie Markus dem Löwen, Lukas dem Stier – die Tiere waren vor den Menschen existent, das heißt, physisch vorhanden – und Matthäus, zugeordnet in diesem Quartett dem sich herausbildenden physisch Menschlichen (für ein richtiges Verständnis der Evangelien ist das durchaus von Bedeutung, Matthäus spricht am ehesten die physische Ebene an). Der Adler nun steht für den Geist und es ist kein Zufall, dass das Johannes-Evangelium das zutiefst geistige unter den vier Evangelien ist. Kein Zufall ist eben auch, dass sich Hölderlin im Zusammenhang mit Patmos auf die Fittige des Adlers bezieht, ist doch für ihn der Verfasser des Evangeliums und der Apokalypse ein und dieselbe Person, die geistvollste.

Patmos, Ort der Hoffnung und der Rettung

„Hinüberzugehen und wiederzukehren.“ (I,15) – wohin geht dieses hinüber? Wo wächst das Rettende? Wohin bringen uns die Fittige des Adlers?

Nach Patmos. In die dunkle Grotte, von der noch die Rede sein wird. An genau diesen Ort, an die Quelle der Offenbarung.

Warum das sein kann, versteht so recht nur, wer sich letzterer Schrift schon zu nähern gewagt hat und dazu Zeit fand, einer Schrift, die so schwer zu entziffern ist wie ein Hölderlin-Gedicht, denn keine Frage, wenn man beispielsweise die Patmos-Hymne ohne Erläuterungen liest – Sie, liebe Leserin, lieber Leser, können es gern probieren -, versteht man zumeist zunächst sehr wenig (so ging es wenigstens mir), und sie beginnt sich nur dem aufzuschließen, der sie wieder und wieder liest – ähnlich verhält es sich mit der Offenbarung des Johannes. In Hölderlins Hymne sind beispielsweise die Bezüge zum Johannes-Evangelium überreich, zum Omnia bona (alles ist gut) des Augustinus und der Schöpfungsgeschichte, zum zeitgenössischen Theodizee-Gedanken, ob also Gott wirklich des Bösen mächtig ist, wie es sich auch in Goethes Faust und der Rolle Mephistos spiegelt. Meiner Ansicht nach allerdings muss man um all das nicht unbedingt wissen. Für mich haben die Worte eines Hölderlin etwas Magisches, das sich in tiefere Schichten hineinvermittelt, auch ohne detailliertere Kenntnis – man lese nur die erste Strophe wiederholt; es ist damit so ähnlich wie mit dem Beginn des Johannes-Evangeliums, dessen immer wiederkehrende Wiederholung Mönchen zu früheren Zeiten eine Eintrittspforte zu einer tieferen Einweihung war.

Ähnliches gilt für die Apokalypse. Spiralförmig ringt sich sie sich, beginnend mit den sieben Sendschreiben, sich vertiefend über die sieben Siegel und die sieben Posaunen zu den sieben Zornesschalen – die der Liebe Gottes korrespondieren -, vor, um dann den Reiter auf seinem weißen Pferd, aus dessen Mund ein Schwert, das Wort, der Logos also hervorgeht, wahrzunehmen und das Himmlische Jerusalem, immer tiefer vordringend zu tiefstem Wissen und Bewusstsein. Wenn in ihr zu Beginn davon gesprochen wird, dass sich das Folgende bezieht auf ein Geschehen, dass sich in Kürze ereignet, so dürfen wir nicht unberücksichtigt lassen, dass von Siebener-Zyklen die Rede ist, die jeweils Zeitspannen meinen, die viele Menschenleben umfassen.

Patmos ist eben nicht Zypern!

Wie es dem Verfasser der Apokalypse erging, als ein Engel ihm die Offenbarung aufschloss, so ergeht es dem Verfasser der Hymne; schneller als erwartet wird ihm Hilfe zuteil und es entführt ihn ein Genius, ein Geist mit zunächst für ihn unbekanntem Ziel:

So sprach ich, da entführte                                                                 (02)
Mich schneller, denn ich vermutet
Und weit, wohin ich nimmer
Zu kommen gedacht, ein Genius mich
Vom eigenen Haus‘. Es dämmerten
Im Zwielicht, da ich ging,
Der schattige Wald
Und die sehnsüchtigen Bäche
Der Heimat; nimmer kannt‘ ich die Länder;
Doch bald, in frischem Glanze,
Geheimnisvoll
Im goldenen Rauche, blühte
Schnellaufgewachsen,
Mit Schritten der Sonne,
Mit tausend Gipfeln duftend,

Mir Asia auf, und geblendet sucht‘                                                       (03)
Ich eines, das ich kennete, denn ungewohnt
War ich der breiten Gassen, wo herab
Vom Tmolus fährt
Der goldgeschmückte Paktol
Und Taurus stehet und Messogis,
Und voll von Blumen der Garten,
Ein stilles Feuer; aber im Lichte
Blüht hoch der silberne Schnee;
Und Zeug unsterblichen Lebens
An unzugangbaren Wänden
Uralt der Efeu wächst und getragen sind
Von lebenden Säulen, Zedern und Lorbeern
Die feierlichen,
Die göttlichgebauten Paläste.

Asia, wie Hölderlin die römische Provinz, mit Kleinasien identisch, bezeichnet, ist dem lyrischen Ich offensichtlich mehr als willkommen; das macht nicht nur dessen Nennung an prononcierter Stelle gleich nach einem Strophensprung deutlich (vgl. Z. III,1), sondern auch die gesamte Wortwahl der Strophe, der Hinweis auf den Schnee der Gebirge, der sogar blüht (!) und deren Gipfel gar nichts Trennendes assoziieren lassen, sowie u.a. auch den goldführenden Nebenfluss des Hermos, den Paktol, der sich im Übrigen im Werk von Hölderlin wiederholt genannt findet. Bäume werden als Säulen bezeichnet und das Augenmerk gilt göttlichgebauten Paläste(n).

Asia und Griechenland spielen im Schaffen Hölderlins eine so zentrale Rolle, dass man zum einen den Goetheschen Satz aus dessen Schauspiel Iphigeniedas Land der Griechen mit der Seele suchend – selten so zutreffend findet und ich nicht umhin kann, mir ziemlich sicher zu sein, dass Hölderlin mindestens eines seiner Vorleben hier verbrachte (Ausführungen zu einem früheren Leben habe ich kürzlich bei dem Anthroposophen Rudolf Steiner gefunden). Sonst könnten die Beschreibungen des Landes, die wir im Hyperion und vielfach in seinem Werk finden, obwohl er doch niemals dort war, nicht so intensiv, ja bisweilen glutvoll sein.

Im Folgenden nun geht der Geistesflug über Meeresströmungen und Schifffahrtswege hinweg und es mag gewiss kein Zufall sein, dass das lyrische Ich von Patmos hört.

Wie nun diese Insel dargestellt wird, ist aufschlussreich, kann hier aber nicht detaillierter betrachtet werden – dargestellt ist sie ja wie ein Lebewesen sogar mit Kindern, den Stimmen des heißen Hains (Z. V,9). Nur scheint mir auf jeden Fall von Bedeutung, dass die äußerliche Kärglichkeit von Patmos – der Gegensatz zu Zypern wird betont (vgl. Z. IV,12) – Voraussetzung ist für die Seligkeit der geistig Armen, denen das Himmelreich ist (vgl. Matthäus V, 3). In der Tat erscheint mir eine Entsagungsfähigkeit des Körpers Voraussetzung, um jene geistige Armut leben zu können, die nichts anderes meint, als dass der Geist frei von jeglichen Schlacken ist, die eine Offenbarung des Geistes verhindern. So muss auch der Körper möglichst frei von Schlacken sein, wobei ich zu denen gehöre, die allem Zwanghaften abhold sind. Ich bin mir relativ sicher, dass der Geist, der Johannes und dann Hölderlins lyrisches Ich nach Patmos führte, wusste, dass dieser Ort genau richtig ist. So gilt es, Vertrauen zu haben, dass auch uns das Leben an die richtigen Orte führt, die unserer Entwicklung angemessen sind, wenn wir sie denn wollen, auch Orte, die unserem Körper angemessen sind:

Es rauschen aber um Asias Tore                                                          (04)
Hinziehend da und dort
In ungewisser Meeresebene
Der schattenlosen Straßen genug,
Doch kennt die Inseln der Schiffer.
Und da ich hörte
Der nahegelegenen eine
Sei Patmos,
Verlangte mich sehr,
Dort einzukehren und dort
Der dunkeln Grotte zu nahn.
Denn nicht, wie Cypros,
Die quellenreiche, oder
Der anderen eine
Wohnt herrlich Patmos,

Gastfreundlich aber ist                                                                        (05)
Im ärmeren Hause
Sie dennoch
Und wenn vom Schiffbruch oder klagend
Um die Heimat oder
Den abgeschiedenen Freund
Ihr nahet einer
Der Fremden, hört sie es gern, und ihre Kinder
Die Stimmen des heißen Hains,
Und wo der Sand fällt, und sich spaltet
Des Feldes Fläche, die Laute
Sie hören ihn und liebend tönt
Es wider von den Klagen des Manns. So pflegte
Sie einst des gottgeliebten,
Des Sehers, der in seliger Jugend war

Gegangen mit                                                                                     (06)
Dem Sohne des Höchsten, unzertrennlich, denn
Es liebte der Gewittertragende die Einfalt
Des Jüngers und es sahe der achtsame Mann
Das Angesicht des Gottes genau,
Da, beim Geheimnisse des Weinstocks, sie
Zusammensaßen, zu der Stunde des Gastmahls,
Und in der großen Seele, ruhigahnend den Tod
Aussprach der Herr und die letzte Liebe, denn nie genug
Hatt‘ er von Güte zu sagen
Der Worte, damals, und zu erheitern, da
Ers sahe, das Zürnen der Welt.
Denn alles ist gut. Drauf starb er. Vieles wäre
Zu sagen davon. Und es sahn ihn, wie er siegend blickte
Den Freudigsten die Freunde noch zuletzt,

Doch trauerten sie, da nun                                                                  (07)
Es Abend worden, erstaunt,
Denn Großentschiedenes hatten in der Seele
Die Männer, aber sie liebten unter der Sonne
Das Leben und lassen wollten sie nicht
Vom Angesichte des Herrn
Und der Heimat. Eingetrieben war,
Wie Feuer im Eisen, das, und ihnen ging
Zur Seite der Schatte des Lieben.
Drum sandt‘ er ihnen
Den Geist, und freilich bebte
Das Haus und die Wetter Gottes rollten
Ferndonnernd über
Die ahnenden Häupter, da, schwersinnend
Versammelt waren die Todeshelden,

Itzt, da er scheidend                                                                           (08)
Noch einmal ihnen erschien.
[. . .]

1453 eroberten die Türken Konstantinopel und Patmos war den aus der Heimat Fliehenden ein möglicher Zufluchtsort; ähnlich war es wohl 1669, als die Türken Kreta eroberten. Hölderlin mag darum gewusst haben, weshalb er in Strophe 5 die um die Heimat klagenden Fremden anspricht.

Nicht nur geschichtliche, vor allem auch biblische Anspielungen gibt es in Fülle, vor allem, wenn Hölderlin endlich in Strophe 6 den Seher anspricht, zu Lebzeiten der Jünger Johannes, von dem es im Johannes-Evangelium, Kapitel 13, heißt, dass er bei Tische an der Brust Jesu lag, weshalb Hölderlin von unzertrennlich spricht. Zum eigentlichen Seher aber wird er, als er vermutlich von Kaiser Domitian nach Patmos verbannt wird, weil er in Ephesos die neue, die christliche Religion verbreitete.

Mancher mag aufgrund der Johannes zugeordneten Einfalt (IV, 3) irritiert sein, doch lässt sich deren hohe Bedeutung mittels der Wortbildung verstehen: Einfalt bedeutet, in EINS gefaltet zu sein, in Gott. – Matthias Claudius hat dieser Bedeutung in seinem Abendlied, wie ich finde, wunderbar Rechnung getragen (Lass uns einfältig werden …).

Hölderlin spricht im Übrigen vermutlich zu Ehren von Platons Schrift Symposion, übersetzt Gastmahl, eben von dem Abendmahl als einem Gastmahl (vgl. VI, 7).

Eine unvermittelte Steigerung erfährt die Hymne, indem das Geheimnis des Weinstocks angesprochen wird. Geheim bedeutet eigentlich: zum Heim gehörend (deshalb war Goethe Geheimer Rat am Fürstenhof) und so führt in der Tat das Geheimnis des Weinstocks unmittelbar in die geistige Heimat des Christentums. Etwas überraschend unterlässt es Hölderlin, darauf näher einzugehen. Möglich wäre, dass ihm damals das innere Vokabular fehlte, um dieses Geheimnis auf den Punkt zu bringen, zumal im Rahmen einer Hymne. Jenes bezieht sich ja nicht nur auf das Bild des Weinstocks, also auf Christus und seine Jünger, den Reben, sondern vor allem auf den Zusammenhang von Wasser und Wein und Blut. In den Reben reift Wässriges heran, was Wein werden kann, einen Prozess, den Jesus im Rahmen der Hochzeit zu Kana verkürzt durch die wunderbare Verwandlung von Wasser zu Wein, damit auch bewirkend, was geistig hinter diesem sich verbirgt und was er durch seine menschliche Existenz ermöglicht – davon wird gleich zu sprechen sein.

In einer Phase der menschlichen Entwicklung ist der Wein offensichtlich von großer Bedeutung. Am Ende der Offenbarung gibt es ihn nicht mehr, sondern nur das Wasser, das Wasser des Lebens. Da ist die Zeit des Weines vorbei.

Nur darf man nicht verkennen, dass er in diesen Jahrhunderten eine überragende Bedeutung besitzt, welche die Worte Jesu im Rahmen des letzten Abendmahls vor seinem Tod vermitteln, zu den Jüngern sagend:

Nehmet und trinket alle daraus: Das ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes. Mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden.

Es ist dies eine höchstmögliche Bedeutung, die dem Wein zukommt. Sie besteht darin, dass er das Blut Christi ist. Gewiss wird es den Wein irgendwann nicht mehr geben, weil sich der Mensch zu jenem Wesen weiterentwickelt, das er von Beginn an war, geschaffen nach dem Bilde Gottes, ein geistiges Wesen. Nur dass er die Erfahrungen der Materie – und eben jene Gefahren, von denen Hölderlin schreibt -, damit aber auch die Erfahrungen des Blutes gemacht hat; diese aber sind untrennbar verknüpft mit dem Tod Christi, der unumgänglich war, ebenso wie es die materielle Existenz des Menschen ist, auch jene Gefahr, deren Zeuge wir gerade werden, dass Menschen der Materie mit all ihren Begleiterscheinungen anheimfallen. Auf diesem Hintergrund ist wohl auch die Präsidentschaft eines Donald Trump zu sehen, denn wem aufgrund von ihr nicht aufgeht, welche ethische Verwahrlosung und welche Auswirkungen das Goldene Kalb und das Anheim- und Verfallen an Materielles mit sich bringen, dem, möchte ich fast wagen zu sagen, ist – zumindest für absehbare Zeit – nicht mehr zu helfen.

Das Christentum weist seinem Wesen nach weit über den Buddhismus hinaus.

In seiner spirituellen Qualität noch nicht wirklich nachvollzogen haben meines Erachtens viele Christen, was es bedeutet, dass sie im Rahmen des Abendmals mittels des Weines göttliches Blut trinken. Lieber streiten sich sogenannte Christen darüber, ob dieser Wein das tatsächliche Blut Christi sei oder ob es „nur“ symbolisch zu verstehen sei. Eine solche Frage überhaupt aufzuwerfen, zeigt das Dilemma des Christentums, denn sie ist rein sophistischer Natur und dient unter anderem Theologieprofessoren als Möglichkeit, dicke Bücher darüber zu schreiben, und Kirchenleuten, sich zu profilieren. Dass Wein de facto kein Blut ist, liegt auf der Hand. Wer nicht versteht, dass Christentum bedeutet, in allem den Logos zu erkennen oder dies zumindest zu versuchen, hat dessen geistiges Fundament nicht verstanden.

Alle Dinge sind durch das Wort gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. So heißt es unmissverständlich zu Beginn des Johannes-Evangeliums.

Alle Dinge sind durch das Wort gemacht. Punkt. Klarer kann man es nicht formulieren.

Wenn nun in der Folge steht: Das Wort ward Fleisch, muss eigentlich niemand mehr den Sinn der Menschwerdung Christi und des Menschen infrage stellen; auch sie ist ein Ergebnis des Logos, des göttlichen Wortes.

Inkarnation (lat. caro/carnis = Fleisch) bedeutet Fleischwerdung; ohne sie hätte niemand im Trinken des Weines während des Abendmahls das tiefste Wesen Christi aufnehmen können, das Blut eines Mensch gewordenen Gottes, aus christlicher Sicht, das des Höchsten. Mit unseren Sinnen trinken wir den Wein. Mit unseren Sinnen nehmen wir das Blut Christi auf. Die Einmaligkeit jedes Menschen, auch des Mensch gewordenen Gottes besteht darin, nur selbst von sich als ICH sprechen zu können; dieses Ich entspricht seinem unverwechselbaren Blut. Jeder Mensch nun, der das Blut Christi trinkt, nimmt dessen Blut auf, dessen ICH, sein Bewusstsein, seinen Geist, den Logos. Und es ist kein Zufall, dass die 1. Person des Personalpronomens im Deutschen die Initialen von I(esus) Ch(ristus) sind. Ich weiß nicht, ob Vergleichbares eine andere Sprache aufweist. Damit mag zusammenhängen dass sich Hölderlin so Deutschland verbunden fühlte und die abschließenden Worte dieser Hymne lauten können:

(…) der Vater aber liebt,
Der über allen waltet,
Am meisten, daß gepfleget werde
Der feste Buchstab, und Bestehendes gut
Gedeutet. Dem folgt deutscher Gesang.

Oben Angesprochenes vermittelt ein heiliges Geschehen, wie es aus christlicher Sicht heiliger nicht sein kann. Es ist für mich, was Hölderlin als Geheimnis des Weinstocks anspricht. Ob alle, die die Eucharistie feiern, sich dessen bewusst sind, kann bezweifelt werden. Es ist dies nicht böser Wille, es ist mangelndes Bewusstsein, ein Zustand, der zum derzeitigen Zeitpunkt der Entwicklung des Menschen und der Erde noch normal zu sein scheint. Sich der Bedeutung dieser Handlung bewusst zu werden, ist eben ein Bewusstseinsprozess, weshalb es auch wichtig ist, dass Menschen nicht mehr in halber Trance an den Altar treten oder meinen, dort in Trance fallen zu müssen, sondern mit Bewusstsein anwesend sind. Darin nämlich besteht der Weg des Menschen. Der Weg des Christentums ist ein Bewusstseinsprozess.

Nie zuvor und nie wieder mag Gott Wesen, wie der Mensch eines ist, auf eine so unerhört eindringlich eindrucksvolle und sinnliche Weise in ihrem Sein bewusst werden können. Leben in der Materie ermöglicht eine Qualität der Bewusstwerdung des Geistigen, wie es kosmisch noch nie zuvor, so denke ich, möglich war und, so vermute ich ebenfalls, nie wieder möglich sein wird. Nur über Materie, nur über den Sohn, nur über dessen Opfer, dessen Blut ist das möglich. Deshalb weist das Christentum in seiner Botschaft weit über den Buddhismus hinaus, dem es darum geht, die Materie, die Leiden bedeutet, zu überwinden, aufzulösen ins Nirwana. Dem Christentum geht es darum, die überragende Bedeutung der Materie zu verstehen. Den Materialismus also grundsätzlich zu verteufeln kann nicht im Sinne eines Christen sein.

Materie ist eine Fleisch gewordene Idee Gottes.

Zu solchen Ideen reift der Mensch.

Wie schwierig dieser Prozess ist, offenbaren die Sendschreiben, die Siegel, die Posaunen und die Zornesschalen der Offenbarung.

Ich glaube im Übrigen nicht, dass mit dem Ende der Offenbarung für jene, die diesen Weg nicht mitgehen, alle Entwicklung ausgeschlossen ist – ich kann an eine ewige Verdammnis nicht glauben -, aber jene Entwicklung, jener Weg, in dessen Mittelpunkt der Sohn stand und sein Opfer, mithin ein höchstmögliches Bewusstsein, das sich unserer Vorstellungskraft entzieht, auch, weil wir viel zu sehr von unserem derzeitigen Bewusstsein überzeugt sind, wird an jenen vorbeigegangen sein. Und ich vermute, es könnte sich vergleichbar Einmaliges nicht wiederholen, auch damit eine vergleichbare Entwicklung unwiederbringlich nicht mehr möglich sein. – Eben dann eine andere.

Mit Hildegard von Bingen bin ich der Überzeugung, dass der Mensch sich inmitten der Schöpfungstage befindet und der siebte, dann also, wenn der Mensch wirklich Mensch ist, noch einige Zeit auf sich warten lässt und uns noch einige wesentliche Entwicklungsschritte bevorstehen.

Hat Hölderlin diesen Weg in der sechsten Strophe zu schön gefärbt? Das Johannes-Evangelium wie auch die anderen wissen von Erheiterung (vgl. VI,11) und von einem alles ist gut (vgl. VI,13) meines Wissens nichts zu sagen. Liest man sie, so wird einem doch durch und durch bewusst, wie die Phase vor dem Tod Jesu jenem gewiss nicht leicht fiel, erinnert sei nur an das Wort Jesu, als er seinen Vater bittet, diesen Kelch des Leidens an ihm vorbeigehen zu lassen. Da wusste Jesus noch nicht einmal um die Schmähungen, die noch auf ihn zukommen sollten, um die Nägel, die ihm durch Hände und Füße getrieben werden würden.

Ist Hölderlins Darstellung nicht – vorsichtig gesagt – zu gewagt?

Nun, dass Jesus siegend blickte (vgl. VI, 14) lässt sich aus der letzten Abschiedsrede ableiten (Ich habe die Welt besiegt) und die Freunde, von denen geschrieben steht, beziehen sich auf Jesu Wort in Johannes 15:

14 Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete. 15 Ich nenne euch hinfort nicht Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch aber habe ich Freunde genannt; denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch kundgetan.

Dass alles gut sei, scheint dennoch sehr gewagt, doch es mag der theologischen Diskussion der Zeit Hölderlins geschuldet sein, mehr denn je nämlich stand damals die Frage der Theodizee, ob alles also wirklich gut sei oder nicht das Böse doch eine unkalkulierbare Macht habe, immer wieder im Mittelpunkt der theologischen Diskussion.

Weniger mag Hölderlin beeinflusst haben, dass das Alles ist gut ganz und gar augustinischem Denken und dessen Omnia bona entspricht, wie jener es darlegt im 7. Buch seiner Bekenntnisse, der Confessiones. Eher schon mag ihn der Pietismus seiner Jugend beeinflusst haben, dem alles andere nicht vorstellbar war. Soweit ich das sehen kann, war Hölderlin eingangs des neuen Jahrhunderts bei weitem nicht mehr traditionell pietistisch. Dennoch mag ihn beeinflusst haben, wie sehr ein Mann wie der Landgraf von Homburg, dem er die Hymne widmete, sich ein Christentum wünschte, das aufklärerischem Treiben mit Exzessen wie denen des Reimarus, der die Auferstehung für nicht stattgefunden habend erklärte, widerstehen und zu seinen Wurzeln zurückkehren möge. Jener Graf war als Adliger ein dem liberal-demokratischen, ja phasenweise radikalen Hölderlin ein dennoch durchaus sympathischer Weggefährte, wurde doch allenthalben seine menschliche Weise zu regieren gerühmt. Er hatte Klopstock, den Verfasser des Messias fast flehentlich um eine Schrift gebeten, die auf wahres Gläubig-Sein und ein entsprechendes Bibelverständnis hinweisen sollte gegen den Geist der Zeit, den Geist einer überzogenen Aufklärung. Doch jener hatte – wohl, weil er spürte, dass seine Kräfte dazu nicht mehr reichten – abgelehnt. Hölderlin mag ziemlich sicher um diesen Briefwechsel gewusst haben und seine Patmos-Hymne, die er dem Landgrafen widmete, mag mit diesem Vorgang in engem, wenn nicht sogar unmittelbaren Zusammenhang stehen. Man könnte vermuten, jenes alles ist gut mag jener geistigen Haltung geschuldet sein, die alles in den göttlichen Händen des Vaters geborgen sehen wollte. Ein Gefühl sagt mir, auch wenn manches im Denken und Verhalten Hölderlins radikal gewesen sein mag – immerhin entging er einer Verhaftung wegen radikaler politischer Umtriebe nur aufgrund seiner geistigen Erkrankung -, dass Hölderlins Denken und Glauben in eine vergleichbare Richtung ging, zu sehr war Heimat, eine irdische wie auch eine spirituelle, ihm zeitlebens ein, vielleicht sein ernsthaftestes Anliegen.

Mit diesen Gedanken schließe ich diesen Post ab und möchte meine Leser auf einen zweiten Teil zu einem späteren Zeitpunkt vertrösten, für den ich allerdings, vermute ich, gedanklich und bewusstseinsmäßig länger Anlauf nehmen muss. Die weiteren Strophen Hölderlins lassen das erahnen.

Ich schließe hier insofern guten Gewissens, weil das Pfingstfest unmittelbar bevorsteht, von dem auch in der siebten Strophe gesprochen wird, mit der auch meine Gedanken abschließen.

Im Mittelpunkt des Pfingstfestes steht die Ausgießung des Heiligen Geistes. Die nun ist für mich von einer hohen Bedeutung, die manche(r) meiner Leser ahnen mag, weil mir Kain und Prometheus so wichtig geworden sind, ohne die es im Übrigen keinen Sohn Gottes gegeben hätte. Der nun ist für mich zentral, weil er eben in seiner Existenz über eine statische Vater-Religiosität, wie sie dem Islam eigen ist, hinausgeht.

Sohnschaft bedeutet für mich Entwicklung. Dem aber nicht genug. In der Bibel zieht sich ja sogar der Sohn zurück, so möchte ich einmal formulieren. Und es tritt ein Geist an seine Stelle, ein Geschehen, das den Menschen noch mehr in eine Verantwortung nimmt. Da ist niemand mehr da, den man ganz physisch fragen oder dem man physisch nahe sein kann. Da rückt der Vater scheinbar in eine noch weitere Ferne und ist noch schwerer zu fassen – nicht von ungefähr finden sich jene Worte zu Beginn dieser Hymne.

Dem Menschen ist der Geist, der Heilige Geist anvertraut und jener vertraut sich den Menschen an. Das ist eine neue Qualität menschlicher Existenz. Sie beinhaltet eine größere Selbständigkeit, und eine, wie angesprochen, umfassendere Verantwortung – auch für sich selbst. Für mich jedenfalls ist das so. Wenn ich auch weit davon entfernt bin, sagen zu können, dass ich mit dieser Stufe unseres Seins angemessen umgehen könnte.

 

 

 

 

 

 

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„Du stemmst dich entgegen; / sie gewinnt das Gefecht.“ – Epimetheus, ein Loser? (aus Goethes „Pandora“)

G E F Ä H R L I C H E  L I E B E
 .
Der Seligkeit Fülle, die hab‘ ich empfunden!
Die Schönheit besaß ich, sie hat mich gebunden;
Im Frühlingsgefolge trat herrlich sie an.
Sie erkannt‘ ich, sie ergriff ich, da war es getan!
Wie Nebel zerstiebte trübsinniger Wahn,
Sie zog mich zur Erd‘ ab, zum Himmel hinan.
.
Du suchest nach Worten, sie würdig zu loben,
Du willst sie erhöhen; sie wandelt schon oben
Vergleich ihr das Beste, du hältst es für schlecht.
Sie spricht, du besinnst dich, doch hat sie schon recht.
Du stemmst dich entgegen; sie gewinnt das Gefecht.
Du schwankst, ihr zu dienen, und bist schon ihr Knecht.
.

Das Gute, das Liebe, das mag sie erwidern.
Was hilft hohes Ansehn? sie wird es erniedern.
Sie stellt sich ans Ziel hin, beflügelt den Lauf;
Vertritt sie den Weg dir, gleich hält sie dich auf.
Du willst ein Gebot tun, sie treibt dich hinauf,
Gibst Reichtum und Weisheit und alles in den Kauf.

Sie steiget hernieder in tausend Gebilden,
Sie schwebet auf Wassern, sie schreitet auf Gefilden,
Nach heiligen Maßen erglänzt sie und schallt,
Und einzig veredelt die Form den Gehalt,
Verleibt ihm, verleiht sich die höchste Gewalt.
Mir erschien sie in Jugend-, in Frauengestalt.


Die vier Strophen entstammen einem Dialog zwischen Prometheus und Epimetheus in Goethes Fragment gebliebenem Werk Pandora. Prometheus hatte ja seinen Bruder vergeblich vor Pandora gewarnt. Dieser hatte das Gefäß, das jene mitbrachte, geöffnet und alles Leid der Welt, das dieses enthielt, war aus ihm gewichen. Nur die Hoffnung verblieb noch darin. Die allerdings sagt in Goethes Fragment zu allem nur „Ja, Ja“ und ist wenig hilfreich.

Die Verse machen deutlich, wie heillos hingegeben Epimetheus – übersetzt bedeutet er >Der Nachdenkende< – auf das Werk des göttlichen Schmiedes Hephaistos hereinfiel, der Pandora auf Bitten von Zeus geschaffen hatte als Bestrafung für Prometheus und seine Menschen, die jener – übersetzt >Der Vorausdenkende< geschaffen hatte.

Pandora musste vielleicht Fragment bleiben, weil die beiden Gestalten, Epimetheus und Prometheus, menschliche Wesensanteile verkörpern, die zu vereinen der Menschheit bisher nicht gelungen ist; ja, sie hat nicht einmal ihre Bedeutung erkannt.

Prometheus ist derjenige, der sich gegen die Götter wehrt und gegen einen Zeus, der die Menschen klein und dumm halten wollte (die griechischen Götterdynastien wollen im Grunde immer Entwicklung verhindern). 
Er entspricht in gewisser Weise dem biblischen Kain, mit dessen Existenz die Menschen ja einen eigenen Weg gehen und nicht mehr den des gottesfürchtigen Abel. Kain ist der Mensch der Erdenwirklichkeit.

Wir alle sind auf dem Weg von Prometheus und Kain, aber auf sehr unterschiedliche Weise. Manche treten, ganz im Materialismus aufgehend, auf der Stelle, manche entwickeln sich weiter.
Allerdings entwickeln unter Letzteren manche geistlos Neues, gleichgültig, ob die Menschen damit umgehen können oder nicht (wir denken an Atomkraft und Risiken der Genforschung), manche sind die ewigen Bedenkenträger, immer Epimetheus, immer über alles nachdenkend und über Gedanken nochmals nachdenkend – und dann nochmal.
Doch ist auch Epimetheus wichtig, muss er doch auch immer wieder den Prometheus, so er denn in uns ist, bändigen (in der Mythe tut dies Zeus, indem er Prometheus an den Felsen bindet).

Beide Gestalten versinnbildlichen die Reise des Menschen, deren Risiken und Gefahren eine weitere Mythe in der Gestalt des Odysseus, wie er zwischen Scylla (Prometheus) und Charybde (Epimetheus) hindurch muss, ohne ganz in dem einen oder anderen aufzugehen, zum Ausdruck bringt. 

Pandora jedenfalls ist ein faszinierendes Werk Goethes, in dem auch die Töchter des Epimetheus, Elpore (die Hoffnung) und Epimeleia (die Sorge, Goethe nennt sie die Sinnende) eine wichtige Rolle spielen; ihre Mutter eben ist Pandora, ein Kunstprodukt des Hephaistos. Von daher hat Epimetheus keine Chance, weder als Mann noch als Mensch. Ich leide mit ihm mit. Eigentlich war ich immer ein Prometheus-Fan; aber durch Goethes Blick auf ihn ist er mir richtig nahegekommen. – Bei Gelegenheit mehr zu ihm und zu Pandora, ein, wie ich finde, spirituell, das heißt, für die Entwicklung der Menschheit höchst aufschlussreiches Werk. Wenn man es liest, muss man sich Zeit lassen (es beginnt schon damit, wie unterschiedlich und doch so bezeichnend das Wohngehöft des Prometheus und des Epimetheus beschrieben sind), allerdings geht es über die Dimension eines Aktes auch nicht hinaus.

Schade, dass dieses Werk so wenig bekannt ist. Man sieht allerdings auch nur auf den zweiten oder dritten Blick, wie wertvoll es ist und auch wie kunstvoll geschaffen, was z.B. die reiche Metrik betrifft; sie zeigt, was für ein Könner Goethe war, auf der Form- wie auf der Inhaltsebene.

Bei Gelegenheit mehr dazu.
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Ungezähltem Volk im Dunkeln / weist ein Sieger Sonnenwege. – Ostergedanken eines Christian Morgenstern

Wer Karfreitag durch die Augen eines Jesus gesehen hat, weiß, dass dieser Mensch zu Recht ein Überwinder genannt werden kann. Schließlich war schon Gethsemane für ihn eine harte Prüfung gewesen. Der ein oder andere wird die Erfahrung, die er machte, auch gemacht haben: in den schwersten Stunden ist der Mensch ganz allein. Oft hat er sein Schicksal sich selbst zu verdanken und erkennt das auch. Wie Jonas im Bauch des Wals, auf der Flucht vor dem Auftrag, nach Ninive zu gehen und den Menschen dort die Wahrheit zu sagen, landet man, wenn man solchen Auftrag blockt, in absoluter Finsternis.

Für all jene, die das kennen, hat Christian Morgenstern, jener Dichter, den die meisten nur mit seiner komischen Seite, z.B. seinen Palmström-Gedichten, in Verbindung bringen, einen Rat:

Überwinde! Jede Stunde,
die du siegreich überwindest,
sei getrost, daß du im Pfunde
deines neuen Lebens findest.

Stunde für Stunde gilt es zu überwinden. Zeit führt zum Ziel. Für wie viele war dieses Ziel nicht zugleich der Tod! Vergessen wir nicht, Morgenstern schrieb dieses Gedicht in der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Und ich bin sicher, er ahnte, wovon er sprach. Wir denken ja bei solchen Worten auch an einen Bonhoeffer und eben all jene, denen das neue Leben nicht mehr auf der Erde beschieden war.

Dennoch, für uns Überlebende gilt: Jede überwundene Stunde zählt und hat Gewicht für ein neues Leben:

Jede Schmach und jede Schande,
jeder Schmerz und jedes Leiden
wird bei richtigem Verstande
deinen Aufstieg mehr entscheiden.

Umso tiefer der Schmerz, die Schmach, die Schande – eindrücklich und sicherlich sehr bewusst, wie Morgenstern mit den Alliterationen arbeitet und das anaphorische „jeder“ zur steigernden Bewusstwerdung einsetzt -, umso sicherer der Aufstieg.

Manche werden wissen, dass man das in entsprechenden Situationen nicht denken kann. Aber zumindest im Nachhinein machen die Worte Morgensterns deutlich, wie wertvoll im Grunde jede Minute war. Und für all die, die krank sind und vielleicht dem Tod ins Auge sehen, ist die dritte Strophe mehr als oberflächlicher Trost:

Ohne Erbschuld wirst du funkeln,
abermals vor Enkeln rege,
ungezähltem Volk im Dunkeln
weist ein Sieger Sonnenwege.

Das Urbild des Siegers finden wir gewiss auf Golgatha. Da hat jener Mensch, der den Geist der Sonne seit der Taufe durch Johannes in sich trug, jenen Weg gebahnt, der dem, der überwindet, den Weg als Sieger eröffnet. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Denken wir an Odysseus, der, als er die Unterwelt besucht, erschreckt feststellen muss, dass er hier auch die großen Helden damaliger Zeit findet; damit hatte er ganz und gar nicht gerechnet; fast fluchtartig verlässt er diesen Ort. Mit Golgatha ist dieses Schicksal vorbei. Vorbei die Zeit, in der die großen Helden wie Siegfried  und Achill, obwohl sie doch imprägniert waren gegen den Tod, der eine durch sein Bad im Drachenblut, der andere durch sein Bad im Unterweltfluss Styx, dennoch verletzlich blieben, der eine im Rücken, der andere an der Ferse, wo ihn die Mutter beim Eintauchen hielt. Golgatha schließt diese Stellen. Deshalb die Bezeichnung von Jesus als „Heiland“, übersetzt, ein Ganz-Machender; heil bedeutet ganz, ganz geschützt.

Und noch etwas: Dieses Mysterium tilgt die Erbschuld des Menschen, dass er seine Freiheit, eigene Wege zu gehen, wie wir es von Adam und Eva, von Kain und Prometheus wissen, weiter zu sühnen hat. Viele sprechen von Schuld, ein Wort, das man ablehnen mag; es hat Bedrückendes an sich. Fest steht, wenn man es wie Morgenstern sieht – und ich schließe mich an -, dass dieser Weg, den Adam und Eva, Kain und eben wir alle gingen, die Gottheit zwingt, Mensch zu werden, in einen menschlichen Körper zu inkarnieren. Stellen wir uns vor, wir müssten bei vollem Bewusstsein in einer Schnecke leben, oder wie Kafkas Gregor Samsa in einem Käfer. Das ist kein Honigschlecken. Für Christus, den Logos, war es das nicht. Und das ist für mich in erster Linie nicht die Sicht der Kirchen, denen es nie gelungen ist, diese Sicht wirklich zu vermitteln: Das ist eine Sicht, die darum zu wissen glaubt, dass all die Völker früherer Zeiten nicht gesponnen haben, wenn sie an ihre Götter glaubten und von ihnen sprachen. Wie stolz sind wir auf unser hochmodernes Bewusstsein, wobei wir tunlichst verschweigen, dass  uns ein ganz entscheidendes verloren gegangen ist. Die nordischen Völker wussten darum, wenn sie von ihrer Götterdämmerung sprachen – wie sie Richard Wagner genial in seinem Ring der Nibelungen inszeniert hat -, also vom Verlust eines Bewusstseins, das um die Bedeutung jenseitiger Welten wusste und wie verwoben sie mit unserer waren, oder die Ägypter, wenn sie ihren Osiris sterben lassen mussten.

Diese Schuld – oder wie man auch immer unser Zutun zu diesem Verlust bezeichnen mag – ist vorbei. Deshalb beginnt die dritte Strophe mit: „ohne Erbschuld“. Mit der Auferstehung ist sie abgetragen.

Nach wie vor hat dieses Geschehen für Menschen wenig Relevanz; und die Zahl derer, die den drei österlichen Tagen Bedeutung beimessen, scheint immer geringer zu werden. Aber darin besteht eben unsere Freiheit. Wie schrieb schon  Camus über seinen Sisyphus: Wir müssen  uns ihn als einen glücklichen Menschen vorstellen. Immerwährendes Steineschieben als Glück . . .  – Christian Morgenstern hätte diese Ansicht gewiss nicht geteilt. Wolfram von Eschenbach wusste schon, warum für ihn der Gral ein Stein war: Das Herz des Menschen kann zum Steinerweichen hart sein oder eine unvorstellbare Kostbarkeit. Deshalb kann auch, wie uns Wolfram wissen ließ, nicht jeder diesen Gral sehen.

All das könnte uns Anregung sein, das nächste Ostern bewusster zu verbringen, beginnend mit den Augen Jesu, durch die wir an Karfreitag vom Kreuz herabblicken können, damit er vielleicht irgendwann durch unsere blicken kann.

Hier noch einmal das Gedicht in Gänze:

Überwinde! Jede Stunde,
die du siegreich überwindest,
sei getrost, daß du im Pfunde
deines neuen Lebens findest.

Jede Schmach und jede Schande,
jeder Schmerz und jedes Leiden
wird bei richtigem Verstande
deinen Aufstieg mehr entscheiden.

Ohne Erbschuld wirst du funkeln,
abermals vor Enkeln rege,
ungezähltem Volk im Dunkeln
weist ein Sieger Sonnenwege.

 

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Geist für die Zeit – Zeit für den Geist. – Trithemius von Sponheims planetarische Geister der Zeiten und Hölderlins „Der Zeitgeist”. – Und was er uns bedeuten könnte.

Vielleicht sollte man vorausschicken, dass es unser Wort Zeitgeist noch nicht so lange gibt. Wir verdanken es Johann Gottfried Herder (1744-1803), jenem Mann, der, wenn es nicht einen Goethe gegeben hätte, den Deutschen wesentlich bekannter geworden wäre. Vielleicht aber war es seines Lebens wichtigste Aufgabe, Goethe in beider Straßburger Zeit auf den richtigen Weg zu lenken.

„Herder verwendet”, so schreibt der Schweizer Schriftsteller Lothar Kempter in seinen Ausführungen zur Frühgeschichte des Begriffes Zeitgeist, ”dieses Kompositum erstmals im dritten seiner ‚Kritischen Wälder‘, die er, fünfundzwanzigährig, 1769 herausgab. Im Blick auf die Geschichte des Geschmacks und der Kunst aus Münzen sprach er (…) vom „bleiernen Druck des Zeitgeistes“ . Es ist die erste Verwendung des Wortes im Werk Herders und die erste im deutschen Schrifttum überhaupt.”

Herder will allerdings den Begriff des Zeitgeistes nicht nur profan verstanden wissen, sondern überantwortet ihn sogar einer Bildungsaufgabe, wenn er jenen als geläutert aus dem Schoß der Zeiten kommen sieht und formuliert: „Seine ernste Mutter, die selbstdenkende Philosophie, hat ihn unterwiesen, und sein ernster Vater, der mühsame Versuch, hat ihn erzogen. Mit den Erfahrungen vergangener Zeiten dringt er in die folgenden Zeiten, herrschend und dienend. Der Weise gibt ihm nach, um zu rechter Zeit ihn zu lenken.”

Angesichts des heute herrschenden Zeitgeistes kann man sich nur verwundert die Ohren reiben. Herder jedoch erhofft sogar, dass der Zeitgeist ein Freund, ein Vorbote, ein Diener der Humanität werde und betont in der Vorrede zu einer Kulturgeschichte der Völker: ,,Nur durch den Geist, den wir in die Geschichte bringen, und aus ihr ziehen, wird uns Menschen- und Völkergeschichte nützlich”.

Man kommt nicht umhin festzstellen, dass mit dem Begriff „Zeitgeist” zu Beginn seiner Existenz ein hoher Anspruch verbunden war.

Herder wird es allerdings auch kaum entgangen sein, dass Goethe mittlerweile schon im ersten Teil seines Faust den gleichnamigen Protagonisten doch sehr realistisch gegenüber seinem Famulus Wagner formulieren lässt:

Was ihr den Geist der Zeiten heißt,
Das ist im Grund der Herren eigner Geist,
In dem die Zeiten sich bespiegeln.

Es gibt offensichtlich einen Geist der Zeiten, bei dem Menschen, die Wagners aller Zeiten, ihre Wahrheiten gut aufgehoben wähnen, verkennend, dass ihr Geist nur ihre häufig ziemlich platten Meinungen spiegelt, mehr nicht.

Die Formulierung des großen Weimarers allerdings fordert förmlich dazu heraus zu fragen, ob es einen Geist der Zeiten gibt, der noch auf andere Weise zu verstehen ist, ob man also noch etwas anderes als Geist der Zeiten auffassen kann.

Tatsächlich ist es so, und eine der interessantesten diesbezüglichen Quellen finden wir bei einem Benediktiner-Abt namens Trithemius von Sponheim (1462-1516), der sich aus einfachsten Verhältnissen kommend und gegen den Widerstand seines Stiefvaters zu einem der geachtetsten Gelehrten seiner Zeit emporarbeitete und für seinen Kaiser – es war der Habsburger Maximilian I, der ihn so schätzte, dass er ihn gelegentlich an sein Hoflager nach Boppard einlud – 1508 ein Werk, überschrieben De septem intelligentiis verfasste, in welchem er jeweils einem von sieben Erzengeln, u.a. Oriphiel, Zachariel und Raphael, als planetarischem Geist eine bestimmte Zeit der Regentschaft des Weltenlaufs, genaugenommen 354 Jahre und vier Monate, zuordnete. Offensichtlich gibt es nicht nur Engel der Völker, wie wir sie im Alten Testament angesprochen finden, sondern auch Engel der Zeiten. Nach der Berechnung des Trithemius ist im Übrigen der Erzengel Michael Regent unserer Zeit, ein Tatbestand, der interessanterweise mit den diesbezüglichen Ausführungen des Anthroposophen Rudolf Steiner übereinstimmt, für den unsere Zeit ebenfalls die Michaels-Zeit ist, ein Umstand, dem er eine ganze Vortragsreihe widmete. Erstaunlich finde ich im Übrigen, dass Steiner in einem Vortrag im Herbst 1924 schon anmerkte: „Ehe denn der ätherische Christus von den Menschen in der richtigen Weise erfasst werden kann, muss die Menschheit erst fertig werden mit der Begegnung des Tieres, das 1933 aufsteigt.” Mit dem Tier ist Hitler vorausgesagt und der Begründer der Anthroposophie nimmt Bezug auf jenes, auf das bereits vor knapp 2000 Jahren der Apokalyptiker in seiner Offenbarung hingewiesen hat.

Nimmt man diese Quellen ernst, dann ist die Menschheit offensichtlich Kräften ausgesetzt, die einzubeziehen sie sich längst abgewöhnt hat – zu ihrem eigenen Schaden. Dichter wie Goethe, Novalis und Rilke schwammen hier eindeutig immer gegen den Strom dieses Zeitgeist-Vergessens, ebensosehr Hölderlin; das wird an vielen, unter anderem dem folgenden Gedicht, Der Zeitgeist überschrieben, deutlich, in dem es zu Beginn heißt:

Zu lang schon waltest über dem Haupte mir,
..Du in der dunkeln Wolke, du Gott der Zeit!
Zu wild, zu bang ist’s ringsum, und es
……Trümmert und wankt ja, wohin ich blicke.

Empfinden wir nicht auch heute so wie Hölderlin Ende des 18. Jahrhunderts? Trümmert und wankt nicht auch in unserer Welt so einiges, wir denken an die 65 Millionen Flüchtlinge auf dem Erdball und den Schrecken in Syrien, an den Possenreißer aus dem Weißen Haus, einen Putin, der nicht nur für den Geheimdienst arbeitete, sondern seiner Gesinnung nach wohl in diesem Leben immer ein Geheimdienstler bleiben wird (und wir wissen, dass für diesen Dienst Menschenleben nichts zählen), einen Erdogan und Assad und wie sie alle heißen, die  zu charakterisieren wir uns ersparen, und wie sehr sich Deutschland mit der Politik der letzten Jahre und einer Gesellschaft ohne Entwicklung und Perspektiven in einer Sackgasse befindet, zumal weitere Jahre der Mittelmäßigkeit und Ziellosigkeit merkelscher Provenienz bevorstehen!

Wie sehr weist im Gedicht Hölderlins dessen wiederholtes „zu” darauf hin, dass die Geduld mit dem Göttlichen ein Ende hat. Wenn eines der Lieblingsworte Hölderlins auftaucht, „ringsum”, gerade in diesem Zusammenhang, dann ist es ihm ernst. Da wird selbst ein Substantiv zum Verb, es trümmert. Ringsum, allüberall, „wohin ich blicke.”

Hölderlin empfand seine Zeit als eine Zeit totalen Umbruchs. Mehr, als wir heute zumeist noch wissen, stand damals für Deutschland auf der Kippe, bevor es dann doch  restaurativ zurückfiel. Der große Hölderlin-Kenner Bertaux schreibt über 1798:

Ende des Jahres besucht Hölderlin seinen Freund Sinclair in Rastatt, wo die schwäbischen Freiheitsfreunde, um Baz, den Bürgermeister von Ludwigsburg, gesammelt, eine Revolution in Württemberg planen. Der Helvetischen soll die Schwäbische Republik folgen. Dreifarbige Kokarden rot-gelb-blau, Flugschriften und Verfassungsentwürfe werden unter die schwäbische Bevölkerung verteilt. Hegel hat eine Flugschrift entworfen, die sich an das württembergische Volk richtet, zum Thema: „Der Zeitgeist, der gegenwärtige Geist der Zeit gleicht einem Strom, der alles mit sich fortreißt.” Man rechnet auf die Unterstützung der Französischen Republik. Auch für den Herzog von Württemberg ist offenkundig, daß das Komitee der schwäbischen Freiheitsfreunde nur den französischen Vormarsch erwartet, um den Freiheitsbaum aufzupflanzen. Doch paßt die Revolutionierung Süddeutschlands nicht in die Politik des französischen Direktoriums. Statt sich für die schwäbischen Revolutionäre einzusetzen, gibt General Jourdan am 16. März 1799 bekannt, daß alle revolutionären Bewegungen in Württemberg von der französischen Armee zu bekämpfen seien. Die Schwäbische Revolution findet nicht statt. Eine Schwäbische Republik wird es nicht geben.

Hölderlin scheint angesichts dieses ganzen doch sehr aufrührerischen Geschehens die Geduld zu verlieren. Wiederholt spricht er den Gott an, den er dezidiert Gott der Zeit nennt, und hier ist nicht Kronos gemeint, mit dem die Griechen mittels ihrer Ursprungsmythe ihre Landsleute wissen ließen, dass mit ihm ab jetzt das Chronometer tickt, sondern Zeus, den jenes Volk, allen voran Homer, so gern als Vater bezeichnete.
Und hat man die zweite Strophe noch nicht gelesen, klingen die Zeilen der ersten recht rebellisch, erinnern an den entsprechenden Tonfall aus Goethes Empörer-Hymne:

Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst!
Und übe, Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöhn!
Musst mir meine Erde
Doch lassen stehn,
Und meine Hütte,
Die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.

Und in diesem Ton geht es ja noch eine ganze Weile weiter.
Doch im Gegensatz zu Goethes Prometheus lässt uns das lyrische Ich Hölderlins an einer ganz anderen seelischen Verfassung teilhaben:

Ach! wie ein Knabe, seh‘ ich zu Boden oft,
..Such‘ in der Höhle Rettung von dir, und möcht‘,
….Ich Blöder, eine Stelle finden,
……Alleserschütt’rer! wo du nicht wärest.

Auch bei Goethe ist von einem Knaben die Rede, und zwar mehrfach – beim zweiten Mal in einer dem Duktus seiner Hymne entsprechenden ganz ungewöhnlichen Wortschöpfung:

Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehn,
Weil nicht alle Knabenmorgen-
Blütenträume reiften?

Ganz anders Hölderlin und sein lyrisches Ich, das am liebsten sich in einer Höhle verstecken möchte, sicher vor den Blicken Gottes. – Doch Höhle bedeutet ja zugleich Gehen nach tief innen. Kann man da einem Gott entgehen oder begegnet man ihm da nicht erst recht? – Höhlen sind ja auch bisweilen Stätten der Initiation.

Geduld ist, wie oben angesprochen, für Hölderlin offensichtlich nicht das Kriterium im Hinblick auf das Göttliche. Die folgenden Strophen werden zeigen, dass es ihm um eine, um seine veränderte Sicht im Hinblicken auf Gott geht, ein verändertes Verhältnis, das im Grunde ohne Vorankündigung sich schon in der folgenden Strophe zeigt:

Laß endlich, Vater! offenen Aug’s mich dir
..Begegnen! hast denn du nicht zuerst den Geist
…..Mit deinem Strahl aus mir geweckt? mich
…….Herrlich ans Leben gebracht, o Vater! –

Gerade in der letzten Zeit bin ich Menschen begegnet, die intensiv auf der Suche nach den eigenen Wurzeln, die Suche nach ihrer eigenen Göttlichkeit, wie sie ja auch im Christentum die Bibel schon in der Genesis dem Menschen zusichert, sind. Ich habe mich, um das religiöse Streben eines Menschen, dem ich begegnete, nachvollziehen zu können, Sri Aurobindo und der Mutter, also Mirra Alfassa, zugewandt, mit der Ersterer mehr als zwanzig Jahre in Pondicherry zusammenlebte und unter anderem in deren mehr als 5000 Seiten umfassenden Agenda gelesen, für mich ein manchmal ziemlich zweifelhaftes Vergnügen. In diesem Zusammenhang bin ich auf eine weitere noch lebende Mutter gestoßen – Mirra Alfassa starb 1973 -, und zwar Mutter Meera, nach eigenen Aussagen ein Avatar, wie das auch Aurobindo und die Mutter Mirra Alfassa für sich reklamierten und die – nimmt man ihr geistiges Wirken in ihrem Sinne ernst – auf dieser Ebene immer noch für die Erde tätig sind.

Ein Avatar ist für die meisten heute in erster Linie eine künstliche Person oder Grafikfigur des Internet,  doch ist er, seiner ursprünglichen Bedeutung gerecht werdend, eine übermenschliche geistige Wesenheit, deren einige immer wieder sich auf der Erde inkarnierten und inkarnieren, um deren spirituelle Entwicklung zu fördern. Jedenfalls wurde mir, als ich mich mit Mutter Meera beschäftigte, die in der Nähe von Limburg an der Lahn lebt, deutlich, dass es doch nicht wenige Menschen gibt – die öffentlichen Darshans dieser Frau werden von tausenden von Menschen besucht -, die sich einer intensiven Spiritualität zuwenden, so intensiv, dass sie vor einem Avatar öffentlich auf die Knie gehen und den Rücken beugen und sich bedingungslos dessen Einflüssen aussetzen. Seltsam, so ging es mir durch den Kopf, dass es keinen deutschen Avatar gibt und dass Christus, den übrigens Rudolf Steiner als den höchsten Avatar des Kosmos bezeichnete, in Mitteleuropa immer mehr in Vergessenheit gerät.

Zunehmend gibt es das Göttliche nur noch in einer erdkosmetisierenden Form, das heißt, einer, in deren Rahmen es dazu dient, Irdisch-Erdigem Sinn zu geben oder Attraktivität, es also ein wenig aufzuwerten, weil der Mensch von heute klammheimlich immer noch spüren mag, dass rein materialistische Erdfixierung den frühen seelischen Tod bedeuten könnte, auch wenn die Menschen trotz diesen Seelentodes noch vierzig oder fünfzig Jahre leben.

Offensichtlich muss das Göttliche dem Irdischen noch etwas unter die Arme greifen (bis die künstliche Intelligenz das übernimmt) und sei es, indem man anlässlich eines lukullischen Essens sagt: Das schmeckt ja göttlich. – Damit ist dann aber auch dem Göttlichen genug Tribut gezollt und es wird dann hoffentlich bereit sein, menschliches Leben über 9 oder 10 Dezennien gesund und munter zu ermöglichen.

Ein wenig mag dieses Beispiel klar werden lassen, welche Funktion dem Göttlichen noch zugestanden wird. Oder will jemand nicht wissen wollen, warum es so viele Kochshows im Fernsehen gibt – in den unterschiedlichsten Spielarten, u.a. auch, wenn Köche auf furchtbar aufregende Weise herausbekommen, ob Natürliches wirklich besser ist als Instant-Produkte -, Kochshows, welche die über die Jahrhunderte geistloser Erdenwirklichkeit müd gewordenen Sinne aufpäppeln, damit der Mensch wenigstens kurzfristig an Sinn-Volles glaubt.

Ich sehe dabei – ob ich will (oder eher nicht) – einen Johann Lafer vor mir, wie er sich in paraorgiastischer Weise einen Löffel Essen zuführt und kostet und kostet und kostet, verzückt von sich und dem, was sich da auf dem Löffel zelebriert, während alle Gäste im Studio und Hunderttausende an den Bildschirmen sich in seine Papillen hineinzwängen. um mit ihm zu spüren: Das ist er, das ist der Sinn des Lebens!

Hölderlin lebte zu einer Zeit, als die Fähigkeit der Menschen, dem Wort noch Sinn und Leben zu geben, in den letzten Zügen lag. Deshalb liegt eine so sanfte Wehmut über Goethes Italienischer Reise, weil da noch jemand unterwegs war, der dem Überschreiten eines Passes noch Sinn, einen tieferen symbolischen, zu geben vermochte, während wir heute mit 200 PS die Pässe glattbügeln und über sie donnern mit einer Gefühlsintensität, wie sie jener Turner Erich Kästners empfand, der auf der Loreley auf Händen stand, ein typischer Mann unserer Zeit, auf Felsen so turnend wie auf Frauen – kein Unterschied:

Die Loreley, bekannt als Fee und Felsen,
ist jener Fleck am Rhein, nicht weit von Bingen,
wo früher Schiffer mit verdrehten Hälsen,
von blonden Haaren schwärmend, untergingen.

Nicht von ungefähr setzt Kästner, wirkungsvoll unterstützt von einer Alliteration, Fee und Felsen parallel, um nicht zu sagen: gleich.

Ob Kästner, als er innerlich feixend diese Zeilen schrieb, Heines Loreley (Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, / dass ich so traurig bin; Ein Märchen aus alten Zeiten / das kommt mir nicht aus dem Sinn.), ein wenig auf die Schippe nehmen wollend, ahnte, wie sehr er der zeitgenössischen – und übrigens nicht nur männlichen – Gefühlsintensität ein literarisches Denkmal setzte, schließlich sind auch die Circen dieser Welt, heißen sie Heidi Klum oder wie auch immer, nur noch ein Schemen wirklicher Weiblichkeit, felsige Feen, die mit ihrem Astralkörper für viel Geld auf mediale Weise die Töchter dieses Landes dem Zeitgeist verhökern, Germanys next Topmodel.

Hölderlin setzt 1798 Zeus ein Denkmal, keinesfalls greift er ihn an. Noch ist er nicht bei seinem späteren Liebling Dionysos angelangt oder gar bei Christus, dem Friedensfürsten der letzten Jahre vor seiner Hölderlinturm-Zeit.

Nach 1798 wird er sich zunehmend und immer und immer wieder mit dem Dionysischen auseinandersetzen, jene Gefühlsintensität suchend, die der Grieche noch mit jenem Gott verband, der zu Unrecht von uns oft nur auf seine Männer wie Orpheus mordenden orgiastischen Begleiterinnen reduziert wird und im Zwefelsfall im Vollsuff unter irgendwelchen Reben liegt. Nein, Dionysos war jener Gott, dem sich in den dionysischen Mysterien die weihten, die zur Gefühlsebene der Erde wirklichen Zugang finden wollten und mit diesem Zugang auch jenen zu himmlischen Höhen.

Hölderlins Töne sind verinnerlichernder Natur:

Laß endlich, Vater! offenen Aug’s mich dir
..Begegnen! hast denn du nicht zuerst den Geist
…..Mit deinem Strahl aus mir geweckt? mich
…….Herrlich ans Leben gebracht, o Vater! –

Wohl keimt aus jungen Reben uns heil’ge Kraft;
..In milder Luft begegnet den Sterblichen,
….Und wenn sie still im Haine wandeln,
……Heiternd ein Gott; doch allmächt’ger weckst du

Die reine Seele Jünglingen auf, und lehrst
..Die Alten weise Künste; der Schlimme nur
….Wird schlimmer, daß er bälder ende,
…….Wenn du, Erschütterer! ihn ergreifest.

Bemerkenswert ist, dass sich jener fast devote Ton der zweiten Strophe nicht mehr findet. Hölderlin wünscht Begegnung, eine Begegnung offenen Auges, und es ist, als ob der Strahl des Gottes den Menschen herrlich lebendig gemacht hat, zumindest zu machen beginnt, und das lyrische Ich, der Mensch also, darum wisse. Die letzte Zeile mag noch einmal eine Reminiszenz sein an Zeus, unter dessen Ägide ja alles trümmerte und wankte. Doch unverkennbar ist, er begegnet einem anderen Menschen, einem, der – die vorletzte Strophe lässt das erkennen – einen Dionysos schon im Herzen trägt, ja, einen allmächtigen Vater, dem Hölderlin wenige Jahre später in Christus begegnen wird, nachzulesen in Pathmos, Der Einzige und Friedensfeier.

Natürlich gäbe es zu diesen drei Strophen noch viel zu sagen. Jedes Hölderlin-Wort hat Gewicht und Gesicht, unter anderem natürlich auch jenes – sieht man von Partikeln ab – von ihm am häufigsten verwendete: „still”. Das Wortfeld der Stille findet sich in fast jedem seiner Gedichte, des öfteren mehrfach. Und sie prägt auch – wieder ist von ihr die Rede – die Begegnung des Menschen mit der heil´gen Kraft.

Hölderlins Zeilen lassen erspüren, wie wertvoll es ist, wenn der Mensch noch um Heiliges weiß, weiß, dass nicht ausschlaggebend ist, was der Mensch glaubt, dass er sei. Denn immer wieder begegnet er, wenn es gutgeht, einem Gott. Dann kann sich alles verändern.
Oder er begegnet dessen Gegenmacht. Dann kann sich ebenfalls alles verändern.

Der Geist unserer Zeit weiß nicht mehr, dass der Mensch in jedem Fall ergriffen wird, sei es durch einen Gott, der die reine Seele Jünglingen aufwecken will, sie eigentlich all jenen jungen Damen aufwecken will, die so gern Germanys next Topmodel sein oder von einem Bachelor ergriffen sein wollen. Oder eben von Dämonen, die das fernöstliche Denken Asuras nannte und nennt.

Ich vermute, Trithemius hat dem Erzengel Michael größere Chancen eingeräumt, unsere Erde zum Guten zu verändern, als dies geschehen ist. Vielleicht hat er nicht geahnt, mit welcher Urgewalt das Dämonische die Erde ergreift. Mittlerweile widmen ja sogar Sender wie N24 der Tatsache Sendezeit, wie sehr Hitlers Umgebung von Dunkel-Okkultem infiltriert war und Stern des Abgrundes, ein Buch, das vielen zu okkult-esoterisch sein wird, zeigt meines Erachtens dennoch recht glaubwürdig auf, dass Hitler auf eine Weise dämonisch besessen war, wie das der ein oder andere durchaus ahnen mochte, weil man sich sonst nicht erklären kann, wie dieser doch eigentlich unscheinbar wirkende Gefreite fast eine Welt aushebeln konnte und mit seinen Reden eine Wirkung erzielte, die nicht nachvollziehbar erscheint.

Hölderlin weiß um diese Kräfte. Ständig begegnen wir ihnen in seinem Werk.
Was er vielleicht noch nicht weiß, ist, dass es nicht nur darum geht, dass der Mensch ergriffen werde. Nein, er muss auch selbst ergreifen. Die Religion der Zukunft liegt nicht nur im Sich-ergreifen-Lassen, sondern auch darin, dass der Mensch ergreife. Erst in seinen Christus-Hymnen wird Hölderlin das bewusst.

Hier noch einmal in Gänze das bemerkenswerte Hölderlin-Gedicht, das, wie das ein oder andere von ihm auch, nicht in Licht-und-Liebe-Esoterik endet, die uns in Wahrheit vom Leben und damit auch dem Dunklen in uns abkoppelt. Schlimmer wird, so lesen wir, der Schlimme und wir erfahren, dass dies auch sein Gutes haben kann: „daß er bälder ende“. – Hoffen wir, ohne von dem Dunkel in uns ablenken zu wollen, dass dies für die Schlimmen dieser Welt, die so viele Unschuldige über die Erde treiben, gilt.

 

Zu lang schon waltest über dem Haupte mir,
   Du in der dunkeln Wolke, du Gott der Zeit!
Zu wild, zu bang ist’s ringsum, und es
……Trümmert und wankt ja, wohin ich blicke.

Ach! wie ein Knabe, seh‘ ich zu Boden oft,
..Such‘ in der Höhle Rettung von dir, und möcht‘,
.Ich Blöder, eine Stelle finden,
……Alleserschütt’rer! wo du nicht wärest.

Laß endlich, Vater! offenen Aug’s mich dir
..Begegnen! hast denn du nicht zuerst den Geist
…..Mit deinem Strahl aus mir geweckt? mich
…….Herrlich ans Leben gebracht, o Vater! –

Wohl keimt aus jungen Reben uns heil’ge Kraft;
..In milder Luft begegnet den Sterblichen,
….Und wenn sie still im Haine wandeln,
……Heiternd ein Gott; doch allmächt’ger weckst du

Die reine Seele Jünglingen auf, und lehrst
..Die Alten weise Künste; der Schlimme nur
….Wird schlimmer, daß er bälder ende,
…….Wenn du, Erschütterer! ihn ergreifest.

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Mein Herz, mein Löwe, hält seine Beute fest … Ricarda Huch und ihr Mut zum Hass – gegen eine scheinheilige Vergessenskultur.

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Mein Herz, mein Löwe, hält seine Beute fest,
Sein Geliebtes fest in seinen Fängen,
Aber Gehaßtes gibt es auch,
Das er niemals entläßt
Bis zum letzten Hauch,
Was immer die Jahre verhängen.
Es gibt Namen, die beflecken
Die Lippen, die sie nennen,
Die Erde mag sie nicht decken,
Die Flamme mag sie nicht brennen.
Der Engel, gesandt, den Verbrecher
Mit der Gnade von Gott zu betauen,
Wendet sich ab voll Grauen
Und wird zum zischenden Rächer.
Und hätte Gott selbst so viel Huld,
Zu waschen die blutrote Schuld,
Bis der Schandfleck verblasste, –
Mein Herz wird hassen, was es haßte,
Mein Herz hält fest seine Beute,
Daß keiner dran künstle und deute,
Daß kein Lügner schminke das Böse,
Verfluchtes vom Fluche löse.

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Es gibt eine Vergebens-Esoterik, gern auch aus der Ecke der Licht-und-Liebe-Fraktion, der man mit höchster Vorsicht gegenüberstehen sollte, denn sie wird betrieben von Menschen, die, bevor sie ihre Gefühle wirklich ausgelotet haben, schon vergeben.

Ricarda Huch (1864-1947), wohl einer der weisesten Frauen, die Deutschland je gesehen hat, zudem eine überzeugte Christin, gibt in obigem Gedicht Töne von sich, die so gar nicht passen wollen zu jemandem, der mit dem Buch „Luthers Glaube” ein Werk geschaffen hat, das fast auf jeder Seite eine Offenbarung enthält.

Hier in diesem Gedicht geht es ihr um die Verlogenheit, die in dem Schminken des Bösen steckt, um das Umschminken von Bösem in Gutes. Böse bleibt böse. Noch bis in die letzten Zeilen hinein bleibt Ricarda Huch unerbittlich. Selbst gegen göttliches Reinwaschen scheint sie sich zu stellen.

So viel ich weiß, hat Ricarda Huch dieses Gedicht 1947, in ihrem Todesjahr also, geschrieben, sie, die von Thomas Mann 1924 als erste Frau Deutschlands bezeichnet wurde und die als erste Frau 1926 in die Preußische Akademie der Künste einzog, um sie 1933 konsequent wieder zu verlassen.

Ganz wohl fühle ich persönlich mich angesichts der unerbittlichen Worte, die dem Hass das Wort reden, nicht. Noch in die Zukunft hinein – die Verwendung des Futurs dokumentiert das – legt sie sich fest. Die Rigorosität ihrer Aussage ist unverkennbar. Ich vermute, sie hängt zusammen mit dem, was sie über viele Jahre mit ansehen musste. Das hinterlässt gerade in einer so sensiblen Seele Spuren, und es mag sein, dass sie auch deshalb zu solchen Worten griff, weil sich andeutete, dass sich in Deutschland eine Kultur des Von-nichts-mehr-wissen-Wollens und Hinwegsehens andeutete, wir denken zum Beispiel daran, wer in Baden-Württemberg ein so respektierter Ministerpräsident werden konnte, auf den ein heute noch aktiver deutscher EU-Kommissar, Günther Oettinger, eine mehr als umstrittene Trauerrede hielt: Hans Filbinger, der als Richter der Kriegsmarine vier Todesurteile beantragt oder gefällt hatte

Dass diese Frau ein großes Herz hatte, wissen wir, und wie ein Löwe auch zu sein vermag und was das Video dokumentiert, das wusste sie. Sie war eine leidenschaftliche Frau mit ehrlichen Gefühlen. Deshalb nur hatte sie ein großes, großes Herz, so wie jener Löwe …

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„Braucht nicht der Mond, damit sich sein Abbild im Dorfteich / fände, des fremden Gestirns große Erscheinung?“ – Rilkes Gedicht „Perlen entrollen”.

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Möglich, dass Perlen entrollen der Begegnung mit der berühmten Schauspielerin Eleonora Duse in Venedig zu verdanken ist, denn in jener Stadt, in der er sie traf, begann Rilke das Gedicht Anfang 1912 zu verfassen; vollendet hat er es allerdings erst zu Beginn seiner Spanienreise, die er Ende 1912 antrat und die ihn über Toledo, Cordoba und Sevilla am 9.12. nach Ronda führte, wo er das Gedicht abschloss.

Perlen entrollen. Weh, riss eine der Schnüre?
Aber was hülf es, reih ich sie wieder: du fehlst mir,
starke Schließe, die sie verhielte, Geliebte.

Gerade weil das Gedicht eine bestimmte Wendung nimmt, ist wichtig festzuhalten, dass das lyrische Ich innerhalb der ersten drei Zeilen dezidiert eine Geliebte anspricht. Sie hat eine große Bedeutung, denn welche Bedeutung man auch immer den Perlen, aufgereiht auf einer Kette, beimessen mag: Es ist die Geliebte, die sie zusammenschließt; sie ist die starke Schließe. – Und ist die Kette tatsächlich gerissen, mag es fast tragisch sein, wenn die Geliebte nicht zugegen ist.

Dieses Bild erinnert ein wenig an die kosmische Schlange Ouroboros, die sich selbst in den Schwanz beißt, also einen Kreis bildet. Wer dieses Symbol versteht, versteht den Sinn des Lebens. – Geöffnet, zwingt uns die Schlange in die Zeit. Deren Sinn eben verstehen wir nur, wenn wir wissen, dass sie ein geschlossener Ring sein oder sich bis zu einer Geraden hindehnen, hinglätten kann. Letzteres entspricht zuallermeist unserem Erleben.

War es nicht Zeit? Wie der Vormorgen den Aufgang,
wart ich dich an, blass von geleisteter Nacht;
wie ein volles Theater, bild ich ein großes Gesicht,
dass deines hohen mittleren Auftritts
nichts mir entginge. O wie ein Golf hofft ins Offne
und vom gestreckten Leuchtturm
scheinende Räume wirft; wie ein Flussbett der Wüste,
dass es vom reinen Gebirge bestürze, noch himmlisch, der Regen, –
wie der Gefangne, aufrecht, die Antwort des einen
Sternes ersehnt, herein in sein schuldloses Fenster;
wie einer die warmen
Krücken sich wegreißt, dass man sie hin an den Altar
hänge, und daliegt und ohne Wunder nicht aufkann:
siehe, so wälz ich, wenn du nicht kommst, mich zu Ende.

Dass das Gedicht mit der Begegnung der Duse zusammenhängen mag, legt auch nahe, dass der Dichter auf das Bild des Theaters zurückgreift und von einem hohen mittleren Auftritt spricht.

Zu jener Zeit, also 1912, hatte Eleonora Duse allerdings schon ihren für viele überraschenden Rücktritt verkündet; das war 1909 gewesen. Sie traf Rilke in einer Phase, die sie zu ihrer physischen und psychischen Erneuerung nutzen wollte.

Obige zweite Strophe, im Grunde der Mittelteil des Gedichtes, ist voller stilistischer Mittel, die die Eindringlichkeit einer Begegnung mit der Geliebten, die hier auch als Sonne erscheint, bewirken. Sechsfach finden sich Vergleiche, immer eingeleitet mit einem wie. Doch sind es nicht nur die Vergleiche, die berühren, sondern vor allem die Selbstdarstellung des Dichters, der sich als Vormorgen sieht, als ein Theater voller Erwartung, als ein Golf, als Flussbett, als Gefangener und als einer, der die warmen Krücken weg sich reißt, sich schonungslos hingibt, verletzlich, wissend, dass nur ein Wunder ihm aufhelfen kann.
Andernfalls bedeutet das Leben ein weiteres Wälzen dem Ende entgegen.

Dich nur begehr ich. Muss nicht die Spalte im Pflaster,
wenn sie, armselig, Grasdrang verspürt: muss sie den ganzen
Frühling nicht wollen? Siehe, den Frühling der Erde.
Braucht nicht der Mond, damit sich sein Abbild im Dorfteich
fände, des fremden Gestirns große Erscheinung? Wie kann
das Geringste geschehn, wenn nicht die Fülle der Zukunft,
alle vollzählige Zeit, sich uns entgegenbewegt?

Der Mond, eigentlich dem Weiblichen zugeordnet, steht hier für den Geliebten, und es ist die Sonne, die Geliebte, deren er bedarf. 

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In den Mythen repräsentieren die weiblichen Gestalten die Seele des Menschen, Goethe spricht nicht von ungefähr vom Ewig-Weiblichen. So gesehen ist das Bild des Mondes als der Seele des Geliebten ein durchaus angemessenes und nur aus männlicher und eben oft noch dominierender Weltsicht ungewöhnlich. Dass Rilke diese nicht teilt, verwundert nicht, war doch die Mond-Seite bei ihm ausgesprochen ausgeprägt.

Bemerkenswert ist, dass der Dichter auch das geringste Geschehen nur als möglich sieht, wenn aus der Ganzheit einer Zukunft, ihrer Fülle etwas sich auf uns zubewegt.

Bist du nicht endlich in ihr, Unsägliche? Noch eine Weile,
und ich besteh dich nicht mehr. Ich altere oder dahin
bin ich von Kindern verdrängt . . .

Überraschend, fast ein wenig erschreckend, dieser recht abrupte Abgesang, zumal dieses Bild, dass, als Alternative zum Altern es ein Von-Kindern-Verdrängtsein gibt, sehr ungewöhnlich ist. – Die Wortwahl der letzten Worte nimmt jede Hoffnung.

Die vorausgehende Frage mag man als eine an die Zukunft gerichtete sehen: Bist du, Zukunft, nicht endlich in der, in meiner Zeit?

Die Rechtschreibgestaltung verweist darauf, dass mit der Unsäglichen die Geliebte angesprochen sein muss, ansonsten, wenn sich Unsägliche auf die Zukunft bezöge, müsste das Wort als Adjektiv eigentlich kleingeschrieben sein. So aber ist Unsägliche ein Attribut der Geliebten, ja, mehr als das, des Geliebten dominierendes Empfinden.

Wie auch immer, des lyrischen Ichs Gegenwart scheint ohne Zukunft.
Dabei ist der Mensch doch wie eine Spalte im Pflaster, die eigentlich den ganzen Frühling will . . .

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Zum Abschluss noch einmal das Gedicht in Gänze:

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Perlen entrollen. Weh, riss eine der Schnüre?
Aber was hülf es, reih ich sie wieder: du fehlst mir,
starke Schließe, die sie verhielte, Geliebte.

War es nicht Zeit? Wie der Vormorgen den Aufgang,
wart ich dich an, blass von geleisteter Nacht;
wie ein volles Theater, bild ich ein großes Gesicht,
dass deines hohen mittleren Auftritts
nichts mir entginge. O wie ein Golf hofft ins Offne
und vom gestreckten Leuchtturm
scheinende Räume wirft; wie ein Flussbett der Wüste,
dass es vom reinen Gebirge bestürze, noch himmlisch, der Regen, –
wie der Gefangne, aufrecht, die Antwort des einen
Sternes ersehnt, herein in sein schuldloses Fenster;
wie einer die warmen
Krücken sich wegreißt, dass man sie hin an den Altar
hänge, und daliegt und ohne Wunder nicht aufkann:
siehe, so wälz ich, wenn du nicht kommst, mich zu Ende.

Dich nur begehr ich. Muss nicht die Spalte im Pflaster,
wenn sie, armselig, Grasdrang verspürt: muss sie den ganzen
Frühling nicht wollen? Siehe, den Frühling der Erde.
Braucht nicht der Mond, damit sich sein Abbild im Dorfteich
fände, des fremden Gestirns große Erscheinung? Wie kann
das Geringste geschehn, wenn nicht die Fülle der Zukunft,
alle vollzählige Zeit, sich uns entgegenbewegt?

Bist du nicht endlich in ihr, Unsägliche? Noch eine Weile,
und ich besteh dich nicht mehr. Ich altere oder dahin
bin ich von Kindern verdrängt . . .

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„Deutschlands Elend ist der Welt Ruin“ – das prophetische Lied der Linde.

meine blühende LIndeUm 1850 fand man am Weg zum Staffelberg beim oberfränkischen Bad Staffelstein im Stamm einer wohl über 1000 Jahre alten Linde ein prophetisches Lied, dessen Inhalt zu denken gibt, ja stellenweise erdrückend ist; der Schluss jedoch gibt Hoffnung. 1990 wurde die Linde gefällt. Doch ihr Lied, das ein uns Unbekannter aufzeichnete, lässt Menschen zunehmend aufhorchen.

Wer das Lied der Linde zunächst ohne Kommentar lesen möchte, kann dies hier tun. Am Ende des dort abgedruckten Liedes findet sich ein Link zurück hierher.

Die folgenden Anmerkungen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit und beinhalten meine subjektive Sicht. Gewiss lässt sich die ein oder andere Stelle auch anders sehen. Wer möchte, kann seine Sicht gern in einem Kommentar anmerken.

Hier nun der Beginn:

Alte Linde bei der heiligen Klamm,                                                               (1)
ehrfurchtsvoll betast´ich deinen Stamm,
Karl den Großen hast du schon gesehn,
wenn der Größte kommt, wirst du noch stehn.

Karl der Große wird mehrfach in dem Lied genannt. Die Linde lässt ihm besondere Ehre zuteil werden, legte er doch die Grundlage zur frühmittelalterlichen Christenheit Europas und mit ihm begann die Tradition des westlich mittelalterlichen Kaisertums; mit ihm ist ebenfalls verbunden eine Bildungsreform, die das Fundament eines aufblühenden Europa legte; Klöster wurden aufgefordert, Schulen einzurichten, auf die Bildung der Priester wurde geachtet, vorhandene Kloster- und Domschulen wurden reformiert, der Pflege der Sprache galt Karls Aufmerksamkeit.

Als er 800 in Rom zum Kaiser gekrönt wurde, stand die Linde sicherlich schon viele Jahre. Die Tatsache, dass sie sich auf diesen Kaiser bezieht und als Ersten namentlich benennt, zeigt, welche Bedeutung sie dem Reich, damals also  dem Frankenreich, sicherlich aber insgesamt der sich im Folgenden entwickelnden Deutschen Kultur beimisst; das wird später noch deutlicher. In Zeiten der Globalisierung und eines geplanten Staatenverbundes Europa stellt sie ohne nationalistisches Pathos den Wert einer nationalen Kultur heraus. Auch ein Paracelsus betonte ja die Bedeutung des Lokalen, des Regionalen; dessen Wertschätzung ist Voraussetzung, dass größere politische Gebilde von den Menschen akzeptiert werden. Daran genau krankt allerdings die EU: Ihre Repräsentanten setzen auf Macht und Masse und haben kein Bewusstsein für den Wert des Regionalen (trotz entsprechender Kommissionen). – Verschwiegen sein kann nicht, dass Karls des Großen Verhalten gegenüber den Sachsen gewiss stellenweise über die Grenzen der Akzeptanz von Gewalt ging. Die Integration dieses streitbaren, selbstbewussten Stammes ist allerdings auch Voraussetzung für die spätere Qualität unserer Kultur (auch wenn heute gern über die Sachsen und ihr Sächsisch  gewitzelt wird, sollte man das nicht vergessen! Berechtigterweise ist ihr Name in zwei Bundesländern enthalten).

Dreißig Ellen mißt dein grauer Saum                                                             (2)
aller deutschen Lande ält´ster Baum,
Kriege, Hunger schautest, Seuchennot,
neues Leben wieder, neuen Tod.

Die Linde überdauerte jahrhundertelang Leben und Tod der Menschen. In diesem Zusammenhang ist nicht uninteressant, dass das Symbol des Baumes für das Wesen des Menschen steht. In der germanischen Mythologie wird dieser  Baum Yggdrasil genannt, was Ich-Träger bedeutet; in der jüdischen Mystik spielt der Baum der Sephirot eine zentrale Rolle, um das Wesen des Menschen zu erfassen. Der gottgefällige Mensch wird in den Psalmen mit einem Baum verglichen.

Schon seit langer Zeit dein Stamm ist hohl,                                                  (3)
Roß und Reiter bergest du einst wohl,
bis die Kluft dir sacht mit milder Hand,
breiten Reif um deine Stirne wand.

Bild und Buch nicht schildern deine Kron´,                                                  (4)
alle Äste hast verloren schon.
Bis zum letzten Paar, das mächtig zweigt,
Blätter freudig in die Lüfte steigt.

Alte Linde, die du alles weißt,                                                                        (5)
teil uns gütig mit von deinem Geist,
send´ ins Werden deinen Seherblick,
künde Deutschlands und der Welt Geschick!

In alten Zeiten war man tatsächlich der Ansicht, dass Bäume über das Geschick von Menschen und Welten Auskunft geben können. Voraussetzung war nur, dass man ihre Stimme vernehmen konnte. Hier bittet der Verfasser die Linde, ihm die Zukunft vorauszusagen.

Großer Kaiser Karl, in Rom geweiht,                                                           (6)
Eckstein sollst du bleiben deutscher Zeit,
hundertsechzig, sieben Jahre Frist,
Deutschland bis ins Mark getroffen ist.

160×7=1120+800 (Kaiserkrönung Karls in Rom)  = 1920. In diesem Jahr ist in der Tat Deutschland bis ins Mark getroffen. Voraus ging 1918 der Thronverzicht des letzten Deutschen Kaisers Wilhelm II. Inflation und die Reparationszahlungen an die Siegermächte des 1. Weltkrieges im Rahmen des Versailler Vertrags treiben das Land fast in den Ruin, zwingen es aber auf der anderen Seite, alle verfügbaren Kräfte zu mobilisieren.

Fremden Völkern front dein Sohn als Knecht,                                             (7)
tut und läßt, was ihren Sklaven recht,
grausam hat zerrissen Feindeshand,
eines Blutes, einer Sprache Band.

Hier kann der nach Ende des 1. Weltkrieges per Vertrag untersagte Anschluss Österreichs an Deutschland gemeint sein, man könnte ebenso annehmen, dass  das Ende des 2. Weltkrieges und die Teilung Deutschlands angesprochen ist.

Zehre, Magen, zehr´vom deutschen Saft,                                                  (8)
bis mit einmal endet deine Kraft,
krankt das Herz, siecht ganzer Körper hin,
Deutschlands Elend ist der Welt Ruin.

In der Fabel vom Magen und den Gliedern  ist Ersterer als physische Zentrale angesprochen, die dem Körper Kräfte zuführt. Er und das Herz als Sitz des Mutes und der Liebe kennzeichnen die Deutsche Kultur, wobei diese Sicht in keiner Weise als nationalistisch angesehen werden darf. In ihrer Qualität ist sie einfach ein Vorbild für die ganze Welt (man denke an Wolfram von Eschenbachs wegweisenden Parzival, an Hildegard von Bingens gerade in den letzten Jahrzehnten wieder Einfluss nehmendes Wirken, an die Schriften eines Paracelsus und Jakob Böhme, an Fichte, Hegel, Goethe, Hölderlin und Schiller, an Dürer, Beethoven und Bach. – Es ist ein ganz spezifisches Elend des zeitgenössischen Deutschland, dass es seine eigene Kultur nicht mehr schätzt und nicht versteht, dass der Parzival ein Programm der Zukunft ist, dass Goethes Bewusstsein in seiner ganzen Tragweite noch nicht erkannt ist, weil die Menschen sich unter anderem des Ewig-Weiblichen, das heißt ihrer unsterblichen Seele noch nicht bewusst sind, und unter Bachs Werken allein seine Kantaten einen Schatz beinhalten, der die Zeiten überdauern wird. Dass die Menschen Deutschlands nicht mehr die Kraft haben, diesen Schatz hochzuhalten und niveaulose Theologen à la Gauck und eine auf eine unglaublich geschickte Weise alles nivellierende, nicht nur mental und emotional, sondern auch geistig farblose Frau namens „Angela“ Merkel in Deutschland Bundespräsident und Kanzler sein ließen und lassen, lässt den Ruin der gesamten Erde nur umso unaufhaltsamer vorwärtsschreiten. Ein Deutschland mit einer konsequenten politischen Ethik, die immer auch eine geistig-moralische Ethik ist, hätte das verhindern können. – Was die Interpretation der Strophe betrifft, kann man sie auf die Zeit zwischen den Weltkriegen bezogen sehen. Mir allerdings scheint, dass größere Zeitabschnitte angesprochen sind und sich Deutschlands Elend auf den Untergang von deren geistigem Gehalt bezieht, wie er in diesen Jahren bereits massiv stattfindet, wobei nicht wenige ahnen, dass ein Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht ist. Im Grunde ist unglaublich, mit welcher Geschwindkeit derzeit essentielle Werte verloren gehen.

Ernten schwinden, doch die Kriege nicht,                                            (9)
und der Bruder gegen Bruder ficht,
mit der Sens´und Schaufel sich bewehrt,
wenn verloren gingen Flint´und Schwert.

Die Linde malt ein Endzeitszenario, das, selbst wenn die martialischen Waffen  verloren gehen, indem sie z.B. von Siegermächten einem Volk abgenommen werden, dennoch die Menschen sich weiter vernichten , dann mit anderen Mitteln, mit Mitteln, die ihnen ursprünglich zum Lebenserhalt dienten. Der Mensch bekämpft den Menschen. Selbst in der eigenen Familie.  – Dass sich diese Strophe auf diese und zukünftige Jahrzehnte beziehen könnte, dafür spricht, dass wir die größten jemals vorhandenen Flüchtlingsströme weltweit haben, wobei die Menschen aufgrund von jenen ansgesprochenen Kriegen (wir denken u.a. an Korea und Vietnam, den Krieg in Afghanistan, gegen den Irak, denken an den schrecklichen IS und Syriens Schicksal, an die immer wieder auflodernden Brände in Afrika) ihre Heimat verlassen müssen.

Arme werden reich des Geldes rasch,                                                 (10)
doch der rasche Reichtum wird zu Asch´,
ärmer alle mit dem größ´ren Schatz,
minder Menschen, enger noch der Platz.

Findige Arme werden rasch reich werden können – und sei es durch den Bitcoin, durch Börsenspekulationen und Ähnliches; doch dieser Reichtum ist nicht von Dauer. Um jenen Schatz, auf den es ankommt, wissen die Menschen allerdings nicht mehr; sie verarmen innerlich, obwohl scheinbar reich. Trotzdem es – das trifft gerade auch auf Deutschland zu – immer weniger Menschen gibt, wird der zur Verfügung stehende Raum knapper und knapper. Das zeigt, wie sehr sich die Menschen auf eine falsche Weise ausdehnen.

Da die Herrscherthrone abgeschafft,                                                   (11)
wird das Herrschen Spiel und Leidenschaft,
bis der Tag kommt, wo sich glaubt verdammt,
wer berufen wird zu einem Amt.

Die Linde verbindet mit der Würde eines Kaisers, eines Königs dessen Verantwortung; der Thron in seiner architektonischen Symbolik weist auf sie hin. Ein Herrscher ist bezüglich seiner Macht und seines Vorbildes ein primus inter pares, der Erste unter Gleichen. Wenn allerdings Herrschaft und Verantwortung für Macht und Gewalt sich nicht mehr verbinden, dann wird das Herrschen zu verantwortungslosem Spiel und ist der Willkür und den Leidenschaftlichkeiten der politischen Kreaturen ausgeliefert. Die EU hat mit Jean-Claude Juncker beispielsweise einen Präsidenten, der das Vorgehen in Bezug auf Steuerhinterziehung gegen Einzelpersonen und Konzerne zwangsläufig ausbremst, weil er solches verantwortungslose Gebaren als Regierungschef von Luxemburg selbst in großem Stil gestattete, wenn nicht initiierte. – Es werden allerdings Zeiten kommen, wo Politiker die Übernahme eines Amtes als Verdammnis empfinden werden, so sehr wird Politik an Glaubwürdigkeit verlieren. Die politische Kultur unserer Zeit – da musste nicht erst ein Donald Trump auf der Bildfläche erscheinen, der die Lüge zur politischen Methode erhob – ist nicht mehr zu vergleichen mit der eines Karl des Großen, mit der eines Barbarossa, also Friedrich I., oder eines Friedrich II., dem großen Staufer. Nicht von ungefähr hat der Volksglaube in der Kyffhäusersage den Glauben an das Erwachen eines einstmals vorhandenen verantwortlichen politischen Bewusstseins bewahrt.

Bauer heuert bis zum Wendetag,                                                            (12)
all sein Müh´n ins Wasser nur ein Schlag,
Mahnwort fällt auf Wüstensand,
Hörer findet nur der Unverstand.

Mit heuern ist hier das Heumachen angesprochen. Der Bauer, dessen produktive Arbeit durch den allgemeinen Niedergang sich als nutzlos erweist, arbeitet bis zum bitteren Ende, das aber mit einem Neuanfang verbunden ist. Bis dahin regiert Unverstand die Welt; er ist es, auf den die Menschen hören.

Wer die meisten Sünden hat,                                                                   (13)
fühlt als Richter sich und höchster Rat.
Raucht das Blut, wird wilder nur das Tier,
Raub zur Arbeit wird und Mord zur Gier.

Die Perversion des Menschseins zeigt sich darin, dass Seelen, die am wenigsten inneren Halt haben, sich zum Richter und Ratgeber aufschwingen – und eben auch Gehör finden. – Ruhig Blut ist Voraussetzung, um mit den Anforderungen des Alltags angemessen umgehen zu können, sich seelisch weiterzuentwickeln. Wenn selbiges kocht, wenn es raucht, ist dies ein Zeichen für überbordende Leidenschaft; der Mensch reduziert sich zum Tier (nicht von ungefähr heben Philosophen wie ein Richard David Precht das Tier auf ein Podest, das es immer menschenähnlicher macht; die Konturen sollen möglichst verschwimmen; ein Precht, so intelligent er sein mag, ahnt nicht, in wessen Dienst er steht). Was den Menschen ausmacht, die Grenzen der Biologie, denen das Tier verhaftet ist, mit seinem Geist zu überwinden, wird hinfällig: er fällt der Triebnatur zum Opfer. – Der Wert der Arbeit degeneriert; die Arbeit dient nunmehr unter anderem dazu, andere zu berauben und Mord bleibt nicht mehr Ausnahme, sondern er ist des Menschen Ziel.

Rom zerhaut wie Vieh die Priesterschar,                                                (14)
schonet nicht den Greis im Silberhaar.
Über Leichen muß der Höchste fliehn,
und verfolgt von Ort zu Orte ziehn.

Mit Rom mag der katholische Klerus angesprochen sein, der Greis im Silberhaar lässt mich an Benedikt denken, der resigniert und entkräftet aufgeben musste, wenn er auch nicht auf die mafiösen vatikanischen Strukturen verwies. Mit dem Höchsten könnte nicht der irdisch Höchste, sondern Gott-Vater angesprochen sein, der, wie einst sein Sohn, keine Heimstatt auf der Erde mehr findet. – Wie im Buddhismus jeder Mensch zum Buddha werden soll, so sollte im Urchristentum jeder Mensch zum Priester werden, zu einer geweihten Seele. Gerade die Kirche hintertreibt dieses Ziel. Das wird im Übrigen ganz besonders deutlich an der Tatsache, dass die Evangelien sehr klar formulieren, dass Christen auf Vermögen und Geld keinen Wert legen bzw. sich nicht davon abhängig machen sollen, da ihre Wertanlagen anderer Natur sind. Allein die Katholische Kirche Deutschlands allerdings besitzt seit Jahrhunderten ein riesiges Vermögen, das sie nicht zugunsten von Benachteiligten auflöst. Derzeit beträgt es weit über 200 Milliarden und es nimmt zu, trotz der zahlreichen Kirchenaustritte. – Wie degeneriert die Kirche ist, wird angesichts der Tatsache besonders deutlich, dass so viele Menschen in großer Not über die Erde treiben – weit über 60 Millionen sind es derzeit – und die Armut ebenfalls in Deutschland, wenn auch von Angela Merkel seit 12 Jahren erfolgreich verheimlicht, zunimmt, während die Kirche im Sinne des perfekten Materialismus ihr Geld hortet. Es macht ihr offensichtlich nichts aus, in ihrem Verhalten sich gegen die Bibel zu stellen. Sie baut auf Geld, nicht auf jenen Felsen, von dem dort die Rede ist.

Die folgende Strophe ist mir ein Rätsel, weil >er< sich nur auf den Greis beziehen kann, wobei ja allerdings Benedikt Verzicht leistete (er muss allerdings auch nicht gemeint gewesen sein). Nur kann ich auch das Personalpronomen >es< nicht zuordnen , es sei denn, es bezieht sich auf  d a s Vieh. Für mich gehen das er und das es ziemlich durcheinander. Möglich ist durchaus , dass hier ein Übertragungsfehler vorliegt, davon abgesehen, dass auch der Aufzeichnende etwas falsch verstanden haben kann oder ich vielleicht Offensichtliches nicht sehe.

Gottverlassen scheint er, ist es nicht,                                                         (15)
felsenfest im Glauben, treu der Pflicht,
leistet auch in Not er nicht Verzicht,
bringt den Gottesstreit vors nah´Gericht.

Die folgenden drei Strophen sind insofern überraschend, als der Brunnenbauer und prophetische Seher Alois Irlmaier im Rahmen seiner Prophezeiung eines 3. Weltkriegs ebenfalls von einer dreitägigen Finsternis spricht, wenn er schreibt:

Die Lichter brennen nicht, außer Kerzenlicht, der Strom hört auf.
Wer den Staub einschnauft, kriegt einen Krampf und stirbt. Draußen geht der Staubtod um, es sterben sehr viel Menschen.
Dann geh nicht hinaus aus dem Haus!
Mach die Fenster nicht auf, macht während der 72 Stunden kein Fenster auf häng sie mit schwarzen Papier zu.
Laß die geweihte Kerze oder den Wachsstock brennen.
Alle offenen Wasser werden giftig und alle offenen Speisen, die nicht in verschlossenen Dosen sind. Auch keine Speisen in Gläsern, die halten es nicht ab.
Aber noch einmal sage ich es: Geh nicht hinaus, schau nicht beim Fenster hinaus,
Und betet.
Nach 72 Stunden ist alles wieder vorbei.

Winter kommt, drei Tage Finsternis,                                                            (16)
Blitz und Donner und der Erde Riß,
bet´ daheim, verlasse nicht das Haus!             
Auch am Fenster schaue nicht den Graus!

Eine Kerze gibt die ganze Zeit allein                                                      (17)
wofern sie brennen will, dir Schein.
Giftiger Odem dringt aus Staubesnacht,
schwarze Seuche, schlimmste Menschenschlacht.

Dazu heißt es in Matthäus 24: „es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere; und es werden Hungersnöte sein und Erdbeben hier und dort.“

Gleiches allen Erdgebor´nen droht,                                                             (18)
doch die Guten sterben sel´gen Tod.
Viel Getreue bleiben wunderbar,
frei von Atemkrampf und Pestgefahr.

Eine große Stadt der Schlamm verschlingt,                                              (19)
eine andre mit dem Feuer ringt.
Alle Städte werden totenstill,
auf dem Wiener Stephansplatz wächst Dill.

Es scheint, als ob ganz besonders die Stadt als Wohnform dem Untergang geweiht sei. Keine Frage ist, dass mit der Stadt eine Lebensqualität sich verbindet, die dem Wesen des Menschen und seiner Verbindung zu einem natürlichen Rhythmus des Lebens zuwiderläuft. Die meisten Menschen haben sich daran gewöhnt und akzeptieren, dass moderne Städte unendlich viel Strom verbrauchen und die Nacht zum Tag machen, dass, wer in ihren Zentren wohnt, zwangsläufig die Verbindung zum natürlichen Rhythmus des Lebens und der Natur verliert, dass in akzeptierten Bereichen menschliche Moral außer Kraft gesetzt wird und dass dies unter den sehenden Augen von uns und den gewählten Vertretern der Städte geschieht. – Die Linde sieht, dass in den Städten eine Stille, eine Grabesruhe eintreten wird. – Im Rahmen der Vorhersagen muss man berücksichtigen, dass sie ihre inneren Bilder widergibt, und das in notwendig kurzer und prägnanter Weise.

Zählst du alle Menschen auf der Welt,                                                       (20)
wirst du finden, dass ein Drittel fehlt.
Was noch übrig , schau in jedes Land,
hat zur Hälft´ verloren den Verstand.

Ob jene Voraussage identisch ist mit jener Zeit aus der Offenbarung des Johannes wage ich nicht zu sagen, es fällt nur auf, dass auch dort durchgängig vom dritten Teil die Rede ist:  > Und die sieben Engel mit den sieben Posaunen rüsteten sich zu blasen. Und der erste blies seine Posaune; und es kam Hagel und Feuer, mit Blut vermengt, und wurde auf die Erde geschleudert; und der dritte Teil der Erde verbrannte, und der dritte Teil der Bäume verbrannte, und alles grüne Gras verbrannte. Und der zweite Engel blies seine Posaune; und etwas wie ein großer Berg wurde lichterloh brennend ins Meer gestürzt, und der dritte Teil des Meeres wurde zu Blut, und der dritte Teil der lebendigen Geschöpfe im Meer starb, und der dritte Teil der Schiffe wurde vernichtet. Und der dritte Engel blies seine Posaune; und es fiel ein großer Stern vom Himmel, der brannte wie eine Fackel und fiel auf den dritten Teil der Wasserströme und auf die Wasserquellen.  <  –  Und in Kapitel 9 heißt es:  > Und der sechste Engel blies seine Posaune; und ich hörte eine Stimme aus den vier Ecken des goldenen Altars vor Gott; die sprach zu dem sechsten Engel, der die Posaune hatte: Lass los die vier Engel, die gebunden sind an dem großen Strom Euphrat. Und es wurden losgelassen die vier Engel, die bereit waren für die Stunde und den Tag und den Monat und das Jahr, zu töten den dritten Teil der Menschen.

Wie im Sturm ein steuerloses Schiff,                                                         (21)
preisgegeben einem jeden Riff,
schwankt herum der Eintags-Herrscher-Schwarm,
macht die Bürger ärmer noch als arm.

Die Wortwahl dieser Strophe erinnert an ein Sonett der großen Ricarda Huch, das angesichts obiger Voraussagen wie ein gnädiges Angebot wirken mag. Den Menschen aber, die diese Hilfe nicht annehmen, widerfährt genau das Gegenteil – wobei viele wohl vorab ihre wahre seelische Situation nicht wahrnehmen wollen.

Denn des Elends einz´ger Hoffnungsstern,                                           (22)
eines bess´ren Tags ist endlos fern.
„Heiland, sende, den Du senden musst!“,
tönt es angstvoll aus der Menschen Brust.

Die Zeit mag endlos erscheinen oder aber wirklich sich endlos dehnen. Jedenfalls erinnern die Worte an jene durchaus angsterregende Stelle aus dem Matthäus-Evangelium, die über eine schreckliche Zeit, wie sie noch nie da war und nie mehr kommen wird, spricht, von der es ebenfalls heißt, dass, wenn ihre Zeit nicht verkürzt würde, niemand gerettet würde.

Nimmt die Erde plötzlich andern Lauf,                                                (23)
steigt ein neuer Hoffnungsstern herauf?
Alles ist verloren!“ hier´s noch klingt,
Alles ist gerettet“, Wien schon singt.

Die Wissenschenschaft lässt uns wissen, dass auf der Erde immer wieder Polsprünge stattfanden und ein nächster bevorsteht, von dem allerdings niemand genau sagen kann, wann er kommt. – Das könnte damit gemeint sein, dass die Erde einen anderen Lauf nimmt.

Ja, von Osten kommt der starke Held,                                                 (24)
Ordnung bringend der verwirrten Welt.
Weiße Blumen um das Herz des Herrn,
seinem Rufe folgt der Wack´re gern.

Putin wird es gewiss nicht sein, im Gegenteil. Vom Osten meint immer auch: vom Sonnenaufgang her. – Gewiss ist das Wappen des Retters, mögen es weiße Lilien oder weiße Rosen, um ein Herz angeordnet, sein, wunderschön.

Alle Störer er zu Paaren treibt,                                                              (25)
deutschem Reiches deutsches Recht er schreibt.
Bunter Fremdling, unwillkommner Gast,
flieh die Flur, die du gepflügt nicht hast.

Offensichtlich stellt der Held im Deutschen Reich das Recht wieder her. Dieses Recht, es ist das ehemals deutsche Recht, muss so wertvoll gewesen sein – unter anderem sein Verlust bedeutete ja Ruin -, dass es als Justitia wieder in Amt und Würden gesetzt wird. Diejenigen aber, die in unseren Breiten sich aufhielten, ohne eingeladen gewesen zu sein, wird geraten zu fliehen.

Gottes Held, ein unzertrennlich Band,                                               (26)
schmiedest du um alles deutsche Land.
Den Verbannten führest du nach Rom,
großer Kaiserweihe schaut ein Dom.

Das letzte Konzil, das 21. Konzil, von dem in der folgenden Strophe die Rede ist, kann  nicht gemeint sein, wenn das, was hier angesprochen ist, uns tatsächlich noch bevorsteht – und es ist unwahrscheinlich, dass obige Geschehnisse schon eingetreten sein sollen. Möglicherweise ist ja ein zukünftiges 22. Konzil gemeint. Bereits die im Rahmen der ersten Strophe angesprochene Voraussage, dass die Linde alles noch erlebt, war ja nicht zutreffend; auch hier mag der Aufzeichnende den Baum vielleicht nicht exakt genug verstanden haben.

Preis dem einundzwanzigsten Konzil,                                                (27)
das den Völkern weist ihr höchstes Ziel,
und durch strengen Lebenssatz verbürgt,
dass nun reich und arm sich nicht mehr würgt.

Deutscher Nam´, du littest schwer,                                                    (28)
wieder glänzt um dich die alte Ehr´,
wächst um den verschlung´nen Doppelast,
dessen Schatten sucht gar mancher Gast.

Gerade diese Strophe im Zusammenhang mit der 30., in der von einem engelgleichen Völkerhirten gesprochen wird, lässt vermuten, dass die Geschehnisse Vorab-Ankündigungen sind, denn dass Konrad Adenauer oder Helmut Kohl mit ihm gemeint sein könnten, das mag niemand im Ernst vermuten. Ob mit dem angesprochenen Doppelast Deutschen Namens ein wiedervereintes Deutschland-Österreich, auf das vielleicht oben Bezug genommen war, gemeint sein kann: Es scheint mir kaum vorstellbar, aber ausgeschlossen mag es nicht sein.

Dantes und Cervantes welscher Laut,                                                  (29)
schon dem deutschen Kinde ist vertraut,
und am Tiber wie am Ebrostrand,
liegt der braune Freund von Hermannsland.

Sowohl in Rom (Tiber) als auch in Saragossa (Ebro) finden wir Freunde Deutschlands. Eine zukünftige Verbundenheit der Menschen wird auch deutlich, weil welsche, also romanische Kulturgüter wie Dantes Göttliche Komödie  bzw. der Don Quichote auch in Deutschland gelesen werden.

Wenn der engelgleiche Völkerhirt´                                                     (30)
wie Antonius zum Wandrer wird,
den Verirrten barfuss Predigt hält,
neuer Frühling lacht der ganzen Welt.

Barfüßig predigend war der Heilige Antonius von Padua (~1195 – 1231) unterwegs. Eine Legende lässt uns wissen, dass zwar nicht die Bewohner von Rimini, dafür aber die Fische des Meeres, die dazu die Köpfe aus dem Wasser streckten, ihm so zuhörten wie dem Heiligen Franz von Assisi die Vögel. – Das Motiv der Barfüßigkeit kennen wir auch in Bezug auf Jesus. Gerade im Zusammenhang mit der kommenden Strophe macht das Sinn, denn Jesus, der ja wie niemand zuvor den Logos, den göttlichen Geist, Christus, den Sohn, in seinen Körper und seine Seele aufnehmen konnte – die Taufe durch Johannes den Täufer  berichtet davon – und dadurch mit der Erde verband, dieser Jesus also repräsentiert ja in Wirklichkeit als Christus keine Religion, sondern ein allumfassendes überkonfessionelles Bewusstsein. Wenn dieses sich durchsetzt, ist die Rolle der Kirchen Geschichte. Möglicherweise bleiben sie ja noch, aber mit der gebotenen Demut derer, denen einstmals ihre religiöse, ja oft auch politische Macht wichtiger war als die Verehrung Gottes.

Alle Kirchen einig und vereint,                                                          (31)
einer Herde einz´ger Hirt´erscheint.
Halbmond mählich weicht dem Kreuze ganz,
schwarzes Land erstrahlt im Glaubensglanz.

Religionen haben keine Bedeutung mehr; es zählt das Christusbewusstsein als höchste Stufe seelischer Entwicklung. Der eklatante Unterschied des Christentums zum Islam, dass nämlich Letzterer keinen Sohn kennt – Allah stellt im Koran unter Strafe, ihm einen Sohn unterstellen zu wollen – und damit nicht den weltumfassenden Logos des Sohnes, hat zur Folge, dass dieses starre Vaterprinzip weichen muss.

Reiche Ernten schau´ ich jedes Jahr,                                                (32)
weiser Männer eine große Schar.
Seuch´ und Kriegen ist die Welt entrückt,
wer die Zeit erlebt, ist hochbeglückt.

Es gibt weise Männer. Wie vermissen wir sie aktuell, vor allem in der Politik, aber auch weitgehend in einer Kultur, die meint, die dunklen Winkel aller Torheiten ausleben zu müssen!

Dieses kündet deutschem Mann und Kind,                                    (33)
leidend mit dem Land die alte Lind´,
dass der Hochmut mach´ das Maß nicht voll,
der Gerechte nicht verzweifeln soll!

Mutig müssen wir Menschen bleiben, andernfalls ist keine Rettung möglich, weil ansonsten der Hochmut siegen würde. Die alte Linde versichert uns, dass sie mit unserem Land mitleidet. Vielleicht ist es kein Zufall, dass sie 1990 sterben musste, denn der Tod ist ja auch in der christlichen Religion das höchste Opfer Gottes und damit das größte Liebesgeschehen.

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Liebe Leserin, lieber Leser,

der Sinn einer solchen Lektüre und der Auseinandersetzung mit ihren Inhalten besteht für mich nicht in dem Anspruch zu glauben, man könne die ganze Wahrheit finden oder darin, beweisen zu wollen, wie recht jener Mensch hatte, der Obiges aufschrieb. Dass viel Wahrheit in seinen Versen enthalten ist, sagt mir mein Gefühl, wenn ich auch finde, dass doch einiges sich nicht schlüssig ergibt. Doch die Weise der Formulierungen, die Diktion der Sätze vermitteln mir, dass hier niemand ein eingebildetes esoterisches Spielchen mit seinen Lesern treibt, wie es heute im Netz, im Fernsehen (Astro TV), in Webinaren und Büchern (Zero limits) der Fall ist, ja, wenn erfundene Channelings als Verkündigungen der Geistigen Welt ausgegeben werden, was sogar stimmen mag, denn die dunklen Kräfte stammen eben auch daher, sind geistiger Natur – vor deren Ausgestaltung man sich allerdings nur schützen mag.

Die Aussagen der Linde sind für mich authentisch, wobei ich das niemandem beweisen kann und will; ich vermittle meine Gedanken und was ich recherchiert habe.

Auf der ein oder anderen Web-Site, die Bezug nimmt auf das Lied der Linde wird davon gesprochen, dass hier ein Seher sich outet, der sich selbst als Linde bezeichnet. Ich persönlich glaube, dass sich der wahre Geist auf vielen Wegen und auf viele Weisen äußern kann, über einen Dornbusch wie weiland bei Mose, über Wolken, die das Volk Israel führten, in Märchen, über Bäume und auf Weisen, die wir vielleicht noch gar nicht kennen. Von daher fällt es mir nicht schwer anzunehmen, dass hier jemand in der Tat die Botschaft eines uralten Baumes empfangen hat. Sie erinnert uns daran, dass wir nicht nur Individuen sind, sondern mit unseren Mitmenschen in einem Boot sitzen. Unsere Nächsten, unsere Mitmenschen, das sind tatsächlich immer auch wir.

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