„Die Leidenschaft bringt Leiden!“ – Lebenserfahrungen als Zugangsmöglichkeit zu geistigen Realitäten.

Goethes Gedicht „Aussöhnung“ zeigt einen möglichen Zusammenhang auf überzeugende Weise auf..

In Marienbad hatte Goethe in der Musik Trost gefunden. Anna Milder-Hauptmann hatte gesungen, vor allem aber hatte es ihm eine 28-jährige polnische Pianistin angetan, Maria Szymanowska, berühmt aufgrund der Virtuosität ihres Spiels – und ihrer Schönheit. Dann für 10 Tage zu Gast in Goethes Haus, speisen sie jeden Tag zusammen und sie spielt für ihn. Sie faltet ihn auseinander, wie man eine geballte Faust freundlich flach lässt, so gesteht er seinem Freund Zelter. Der Abschied ist herzzereißend. Die Szymanowska erscheint in schwarzem Kleid. Goethe bricht in Tränen aus, kann kaum an sich halten, blickt ihr fassungslos nach. Was sich in dem über 70-Jährigen abgespielt haben mag, bringen die folgenden Zeilen zum Ausdruck, die er der jungen Frau ins Poesiealbum geschrieben hatte:

Die Leidenschaft bringt Leiden! — Wer beschwichtigt
Beklommnes Herz, das allzuviel verloren?
Wo sind die Stunden, überschnell verflüchtigt?
Vergebens war das Schönste dir erkoren!
Trüb‘ ist der Geist, verworren das Beginnen;
Die hehre Welt wie schwindet sie den Sinnen!

Da schwebt hervor Musik mit Engelschwingen,
Verflicht zu Millionen Tön‘ um Töne,
Des Menschen Wesen durch und durch zu dringen,
Zu überfüllen ihn mit ew’ger Schöne:
Das Auge netzt sich, fühlt im höhern Sehnen
Den Götter-Werth der Töne wie der Thränen.

Und so das Herz erleichtert merkt behende,
Daß es noch lebt und schlägt und möchte schlagen,
Zum reinsten Dank der überreichen Spende
Sich selbst erwidernd willig darzutragen.
Da fühlte sich — o daß es ewig bliebe! —
Das Doppel-Glück der Töne wie der Liebe.

Wenige Tage später wird er auf den Tod krank. Zelter diagnostiziert die Krankheit:„Lieb im Leib“. Eine Zeitlang muss er dem Patienten jeden Tag die Marienbader Elegie vorlesen. Goethe muss seine Liebe zu Ulrike Levetzow verarbeiten. Über Maria Symanowska aber sagt er später zu Kanzler Müller, dass diese Frau ihn sich selbst wiedergegeben habe.

Selig, wer Gefühle so leben darf und kann!

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Mit Flammenschrift ins treue Herz geschrieben – Goethes Marienbader Elegie: fromm sein durch Liebe!

Wie kaum ein anderes Werk hat Goethe seine Marienbader Elegie geliebt. Nur wenige enthalten so viel Goethe, so viel seiner tiefsten Überzeugung, die ja zugleich zutiefst religiös war. Wenn irgendwo die Aussage C.G. Jungs – anima naturaliter religiosa, dass also die Seele von Natur aus religiös sei – zutrifft, dann bei dem großen Alten aus Weimar. Für mich war und ist er die Inkarnation der religiösen Seele schlechthin. Immer lebendiger wird er in mir.

Seinem Freund Zelter, der ihn besuchte und um den Zustand Goethes wusste – Goethe litt unter den Nachwehen dieser Marienbader Liebe sehr, der Schluss des Gedichtes ist keineswegs übertrieben -, las er seine ELEGIE mehrfach vor; er hatte sie selbst sorgfältigst ins Reine geschrieben, eingebunden in rotes Maroquin-Papier und später versehen mit einem Einband, auf dem stand: Elegie, Marienbad 1823.

Nur jenes Werk, an dem er nahezu 60 Jahre arbeitete, sein Faust, erfuhr eine vergleichbare Ehre, wie ein Testament behandelt zu werden. In der Tat ist die ELEGIE ein Vermächtnis; es sollte allen Heranwachsenden in der Schule vermittelt werden, weil heute so wenig Bewusstsein über den Wert wahrer Liebe besteht. Inmitten der Marienbader Elegie finden wir ein wahres geistiges Juwel. Dazu am Schluss mehr.

Ihre Entstehung könnte fast tragikkomische Züge haben; manchem mag es scheinen, als ob sich der 72-jährige Goethe, als er sich in die 17-jährige Ulrike von Levetzow verliebte, fast oder wirklich lächerlich gemacht habe. Doch der große Weimarer hat immer mit allen Fasern seines Herzens geliebt, ob mit 18 oder mit 72 Jahren. Liebe nahm er immer ernst, auch damals. Er ließ sich ärztlich untersuchen, sein Großherzog sagte der Schwiegermutter in spe eine Stellung bei Hof und der Familie eine Pension zu; noch dazu sollte der Landesfürst Brautwerber für Goethe sein und schlussendlich schrieb der Dichterfürst einen Brief an die Mutter Ulrikes, der jene allerdings doch sehr verstörte. Kein Wunder, dass es ihr ratsam erschien, mit ihren beiden Töchtern recht überhastet Marienbad Richtung Karlsbad zu verlassen. Doch Goethe, nicht faul, reiste hinterher.

Als er einsah, dass sein Streben und Sehnen keine Erfüllung finden konnte, setzte er sich in die Kutsche nach Weimar, und von Station zu Station entstanden jene Strophen, die Ausdruck einer übergroßen Leidenschaft und Liebe bis heute sind.

Zu Beginn noch kommt sich der Liebende wie im Paradies vor, ja, er ist es; er steht vor der Pforte der Geliebten, die für ihn dem Himmelstor gleichkommt, schließlich vor ihr selbst. Doch bald schon trennt sie der letzte Kuss. Wie bei Adam und Eva findet sich von da an ein Cherub vor dem Paradies. Im Herzen jedoch bleibt die paradiesische Flamme der Liebe erhalten. Und dieses Herz findet zu jenen unvergessenen Worten über die Liebe, die nahezu einzigartig in deutscher Sprache sind.

Vor allem die Strophen 13 und 14 seien wirklich mit Flammenschrift allen Liebenden ins Herz geschrieben.

ELEGIE

Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,
Gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide.

………………………………………….. (aus Torquato Tasso)

1

Was soll ich nun vom Wiedersehen hoffen,
Von dieses Tages noch geschlossner Blüte?
Das Paradies, die Hölle steht dir offen;
Wie wankelsinnig regt sich´s im Gemüte! –
Kein Zweifeln mehr! Sie tritt ans Himmelstor,
Zu ihren Armen hebt sie dich empor.

2

So warst du denn im Paradies empfangen,
Als wärst du wert des ewig schönen Lebens;
Dir blieb kein Wunsch, kein Hoffen, kein Verlangen,
Hier war das Ziel des innigsten Bestrebens,
Und in dem Anschaun dieses einzig Schönen
Versiegte gleich der Quell sehnsüchtiger Tränen.

3

Wie regte nicht der Tag die raschen Flügel,
Schien die Minuten vor sich her zu treiben!
Der Abendkuss, ein treu verbindlich Siegel:
So wird es auch der nächsten Sonne bleiben.
Die Stunden glichen sich in zartem Wandern
Wie Schwestern zwar, doch keine ganz den andern.

4

Der Kuss, der letzte, grausam süß, zerschneidend
Ein herrliches Geflecht verschlungner Minnen.
Nun eilt, nun stockt der Fuß, die Schwelle meidend,
Als trieb ein Cherub flammend ihn von hinnen;
Das Auge starrt auf düstrem Pfad verdrossen,
Es blickt zurück, die Pforte steht verschlossen.

5

Und nun verschlossen in sich selbst, als hätte
Dies Herz sich nie geöffnet, selige Stunden
Mit jedem Stern des Himmels um die Wette
An ihrer Seite leuchtend nicht empfunden;
Und Missmut, Reue, Vorwurf, Sorgenschwere
Belasten´s nun in schwüler Atmosphäre.

6

Ist denn die Welt nicht übrig? Felsenwände,
Sind sie nicht mehr gekrönt von heiligen Schatten?
Die Ernte, reift sie nicht? Ein grün Gelände,
Zieht sich´s nicht hin am Fluss durch Busch und Matten?
Und wölbt sich nicht das überweltlich Große,
Gestaltenreiche, bald Gestaltenlose?

7

Wie leicht und zierlich, klar und zart gewoben
Schwebt, seraphgleich, aus ernster Wolken Chor,
Als glich es ihr, am blauen Äther droben
Ein schlank Gebild aus lichtem Duft empor;
So sahst du sie in frohem Tanze walten,
Die lieblichste der lieblichsten Gestalten.

8

Doch nur Momente darfst dich unterwinden,
Ein Luftgebild statt ihrer festzuhalten;
Ins Herz zurück, dort wirst du´s besser finden,
Dort regt sie sich in wechselnden Gestalten;
Zu vielen bildet Eine sich hinüber,
So tausendfach und immer, immer lieber.

9

Wie zum Empfang sie an den Pforten weilte
Und mich von dannauf stufenweis beglückte;
Selbst nach dem letzten Kuss mich noch ereilte,
Den letztesten mir auf die Lippen drückte:
So klar beweglich bleibt das Bild der Lieben,
Mit Flammenschrift ins treue Herz geschrieben.

10

Ins Herz, das fest wie zinnenhohe Mauer
Sich ihr bewahrt und sie in sich bewahret,
Für sie sich freut an seiner eignen Dauer,
Nur weiß von sich, wenn sie sich offenbaret,
Sich freier fühlt in so geliebten Schranken
Und nur noch schlägt, für alles ihr zu danken.

11

War Fähigkeit zu lieben, war Bedürfen
Von Gegenliebe weggelöscht, verschwunden,
Ist Hoffnungslust zu freudigen Entwürfen,
Entschlüssen, rascher Tat sogleich gefunden!
Wenn Liebe je den Liebenden begeistet,
Ward es an mir aufs lieblichste geleistet;

12

Und zwar durch sie!- Wie lag ein innres Bangen
Auf Geist und Körper, unwillkommner Schwere:
Von Schauerbildern rings der Blick umfangen
Im wüsten Raum beklommner Herzensleere;
Nun dämmert Hoffnung von bekannter Schwelle,
Sie selbst erscheint in milder Sonnenhelle.

13

Dem Frieden Gottes, welcher euch hinieden
Mehr als Vernunft beseliget – wir lesen´s -,
Vergleich´ ich wohl der Liebe heitern Frieden
In Gegenwart des allgeliebten Wesens;
Da ruht das Herz, und nichts vermag zu stören
Den tiefsten Sinn, den Sinn, ihr zu gehören.

14

In unsers Busens Reine wogt ein Streben,
Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten
Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben,
Enträtselnd sich den ewig Ungenannten;
Wir heißen´s: fromm sein! – Solcher seligen Höhe
Fühl ich mich teilhaft, wenn ich vor ihr stehe.

15

Vor ihrem Blick, wie vor der Sonne Walten,
Vor ihrem Atem, wie vor Frühlingslüften,
Zerschmilzt, so längst sich eisig starr gehalten,
Der Selbstsinn tief in winterlichen Grüften;
Kein Eigennutz, kein Eigenwille dauert,
Vor ihrem Kommen sind sie weggeschauert.

16

Es ist, als wenn sie sagte: „Stund um Stunde
Wird uns das Leben freundlich dargeboten,
Das Gestrige ließ uns geringe Kunde,
Das Morgende, zu wissen ist´s verboten;
Und wenn ich je mich vor dem Abend scheute,
Die Sonne sank und sah noch, was mich freute.

17

Drum tu wie ich und schaue, froh-verständig,
Dem Augenblick ins Auge! Kein Verschieben!
Begegn´ ihm schnell, wohlwollend wie lebendig,
Im Handeln sei´s zur Freude, sei´s dem Lieben.
Nur wo du bist, sei alles, immer kindlich,
So bist du alles, bist unüberwindlich.“

18

Du hast gut reden, dacht ich, zum Geleite
Gab dir ein Gott die Gunst des Augenblickes,
Und jeder fühlt an deiner holden Seite
Sich augenblicks den Günstling des Geschickes;
Mich schreckt der Wink, von dir mich zu entfernen –
Was hilft es mir, so hohe Weisheit lernen!

19

Nun bin ich fern! Der jetzigen Minute,
Was ziemt denn der? Ich wüsst es nicht zu sagen;
Sie bietet mir zum Schönen manches Gute,
Das lastet nur, ich muss mich ihm entschlagen;
Mich treibt umher ein unbezwinglich Sehnen,
Da bleibt kein Rat als grenzenlose Tränen.

20

So quellt denn fort und fließet unaufhaltsam!
Doch nie geläng´s, die innre Glut zu dämpfen!
Schon rast´s und reißt in meiner Brust gewaltsam,
Wo Tod und Leben grausend sich bekämpfen.
Wohl Kräuter gäb´s, des Körpers Qual zu stillen;
Allein dem Geist fehlt´s am Entschluss und Willen,

21

Fehlt´s am Begriff: wie sollt er sie vermissen?
Er wiederholt ihr Bild zu tausendmalen.
Das zaudert bald, bald wird es weggerissen,
Undeutlich jetzt, und jetzt im reinsten Strahlen;
Wie könnte dies geringstem Troste frommen,
Die Ebb und Flut, das Gehen wie das Kommen?

22

Verlasst mich hier, getreue Weggenossen!
Lasst mich allein am Fels, in Moor und Moos;
Nur immer zu! Euch ist die Welt erschlossen,
Die Erde weit, der Himmel hehr und groß;
Betrachtet, forscht, die Einzelheiten sammelt,
Naturgeheimnis werde nachgestammelt.

23

Mir ist das All, ich bin mir selbst verloren,
Der ich noch erst den Göttern Liebling war;
Sie prüften mich, verliehen mir Pandoren,
So reich an Gütern, reicher an Gefahr;
Sie drängten mich zum gabeseligen Munde,
Sie trennen mich – und richten mich zu Grunde.

Zunächst nach Jena zurückgekehrt stürzte sich Goethe in Arbeit, um seinen Schmerz zu verarbeiten. Goethes Tränen sind grenzenlos, und doch waren sie bei ihm auch immer ein Zeichen der Verwandlung, ja Verjüngung. So jung wie in der Mitte dieses Gedichtes ist er selten:.

In unsers Busens Reine wogt ein Streben,
Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten
Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben,
Enträtselnd sich den ewig Ungenannten;
Wir heißen´s: fromm sein! – Solcher seligen Höhe
Fühl ich mich teilhaft, wenn ich vor ihr stehe.♥

In der Liebe vereinigt sich das Göttliche mit dem Menschlichen.

Die Hochzeit von Himmel und Erde, von Gott und Mensch, ist wahre Frömmigkeit, ist wahre Liebe.

Diese Gewissheit dürfen all die aus diesem Gedicht mitnehmen, die angesichts der Ausuferungen einer sexualisierten Gesellschaft sich unsicher geworden sind und eine Orientierungshilfe brauchen.

Liebe ist mehr als ein genitaler Akt, ist keine Sache nur von Testosteron und Östrogen.

Liebe ist Hinwendung zu Höherem, Reinen, zum ewig  Ungenannten. So heilig ist sie. Ob körperlich oder geistig.

Wenn beides nur Hand in Hand geht.

Zu dieser Thematik, siehe auch den Post
Wenn Sterne Wellen der Liebe lenken:
Über Friedrich Hebbels „Das Heiligste“
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Buchveröffentlichung Gedichtinterpretationen gestalten lernen
Für Oberstufenschüler und alle, die verstehen möchten, auf 
welche Weise Inhalt und Form von Gedichten in unsere 
Tiefenstruktur hineinwirken. – Mehr unter diesem LINK

 

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Bei C.G. Jung spukte es im Außen – bei vielen von uns spukt es im Inneren (und wir halten diesen Spuk für normale Realität)

Es war die Zeit vor der Abfassung der“Septem Sermones ad Mortuos“, sieben Predigten, die an die Toten gerichtet waren, als C.G. Jung sich intensiv mit dem Unbewussten beschäftigte. Es war auch jene Lebensphase (ab 1914), als das berühmt-berüchtigte Rote Buch entstand, das seine Familie noch viele Jahre nach seinem Tod unter Verschluss hielt. Er schrieb in ihm von 1914 bis 1930, beginnend damit, als er in einer tiefen Krise war und an der Menschheit glaubte, verzweifeln zu müssen.  

Den einzigen Teil, den er privat drucken und an dem er Ausgewählte teilhaben ließ, waren obige sieben Predigten. Im Anhang seiner Autobiographie „“Erinnerungen, Träume, Gedanken …“ ist allerdings zu lesen: „Später bezeichnete er die Unternehmung als Jugendsünde und bereute sie.“ Ob damit die Veröffentlichung gemeint ist oder das Schreiben der Predigten, ist leider nicht ersichtlich. Das Original-Zitat kenne ich leider nicht. 

Seine Erinnuerungen an diese Zeit finde ich aus mehreren Gründen bemerkenswert – es heißt in seiner Autobiographie:

Ganz allmählich zeichnete sich ihn mir eine Wandlung ab. Im Jahre 1916 spürte ich einen Drang zur Gestaltung: ich wurde sozusagen von innen her gezwungen, das zu formulieren und auszusprechen, was gewissermaßen von Philemon hätte gesagt werden können. So kamen die „Septem Sermones ad Mortuos“ mit ihrer eigentümlichen Sprache zustande. 

Es begann damit, dass eine Unruhe in mir war, aber ich wusste nicht, was sie bedeutete, oder was „man“ von mir wollte. Es war eine seltsam geladene Atmosphäre um mich herum, und ich hatte das Gefühl, als sei die Luft erfüllt von gespenstischen Entitäten. Dann fing es an, im Hause zu spuken: meine älteste Tochter sah in der Nacht eine weiße Gestalt durch Zimmer gehen. Die andere Tochter erzählte – unabhängig von der ersten – es sei ihr zweimal in der Nacht die Decke weggerissen worden, und mein neunjähriger Sohn hatte einen Angsttraum. Am Morgen verlangte er von der Mutter Farbstifte, und er, der sonst nie ein Bild gemalt hätte, zeichnete den Traum. Er nannte es „Das Bild vom Fischer“. Durch die Mitte des Bildes läuft ein Fluss, ein Fischer mit einer Angelrute steht am Ufer. Er hat einen Fisch gefangen. Auf dem Kopf des Fischers befindet sich ein Kamin, aus dem Feuer schlägt und Rauch aufsteigt. Von der anderen Seite des Ufers kommt der Teufel durch die Luft geflogen. Er flucht, dass ihm die Fische gestohlen würden. Aber über dem Fischer schwebt ein Engel, der sagt: „Du darfst ihm nichts tun: er fängt nur die bösen Fische!“ Dieses Bild hatte mein Sohn an einem Samstagmorgen gezeichnet.  

Am Sonntag gegen 5 Uhr nachmittags läutet es an der Haustür Sturm. Es war ein heller Sommertag und die zwei Mädchen waren in der Küche, von der man den offenen Platz vor der Haustür übersehen kann. Ich befand mich in der Nähe der Glocke, hörte sie und sah wie der Klöppel sich bewegte. Alle liefen sofort an die Tür, um nachzuschauen, wer da sei, aber es war niemand da! Wir haben uns nur so angeschaut! Die Luft war dick, sage ich Ihnen! Da wusste ich: jetzt muss etwas geschehen. Das ganze Haus war angefüllt wie von einer Volksmenge, dicht voll von Geistern. Sie standen bis unter die Tür, und man hatte das Gefühl, kaum atmen zu können. Natürlich brannte in mir die Frage: „Um Gottes willen, was ist denn das?“ Da riefen sie laut im Chor:„Wir kommen zurück von Jerusalem, wo wir nicht fanden, was wir suchten.“ Diese Worte entsprechen den ersten Zeilen der „Septem Sermones ad mortuos“.  

Dann fing es an, aus mir rauszufließen, und in drei Abenden war die Sache geschrieben. Kaum hatte ich die Feder angesetzt, fiel die ganze Geisterschar zusammen. Der Spuk war beendet. Das Zimmer wurde ruhig und die Atmosphäre rein. Bis zum nächsten Abend hatte sich wieder etwas angesammelt, und dann ging es von neuem so. Das war 1916. (…)

Davon abgesehen, dass ich die Forschungsergebnisse Jungs heute spirituell für nicht mehr zielführend halte, wobei sie das Bewusstsein unserer Gesellschaft bisher maßgeblich mitgeprägt haben – ich denke da an die Archetypen der Anima und des Animus -, vermute ich, es spukt auch heute – den Begriff „Spuk“ halte ich im Übrigen für ziemlich unglücklich, weil irreführend -, allerdings im Inneren der Menschen, wobei sie diesen sogenannten Spuk recht stolz für ihre innere Realität halten. Doch ist es eben meist nicht die ihre. 

Alle Kräfte des Kosmos, sowohl die dunklen als auch die lichtvollen, denken und fühlen und wir sind oft genug die Briefkästen und Adressaten. Und wenn man unsere Welt derzeit anschaut, dann sind die dunklen, irreleitenden Kräfte im Erreichen der Adressaten, also uns, wesentlich erfolgreicher. 

Was schafft Abhilfe? 

Ein Kater. 

Er ist in der Lage, den – wie es in der Gralsmythe des Wolfram von Eschenbach heißt – Zauber des Clinschor zu bannen. 

Man muss dieses Bewusstsein und seine Fähigkeit nicht in der Gestalt eines Katers erfassen, aber das Märchen vom gestiefelten Kater tut es, und wenn man dieses Märchen versteht und sich danach ausrichtet, könnte die Erde binnem Kurzem ein ganz anderes Bewusstsein haben. 

Dazu im nächsten Beitrag mehr. 

Wer das Märchen vom ´Gestiefelten Kater´schon einmal lesen möchte: https://bit.ly/3RKhQ82

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´Umkreisen´ allein genügt nicht! – Rilke, Gott, Maria, die Mutter und seine überbordende weibliche Seite …

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Gottes Sohn hat Rilke, weiß Gott verachtet, was nicht nur in den Christus-Visionen deutlich wird (https://bit.ly/2WwYPJO), sondern auch in dem Satz eines Briefes aus dem spanischen Ronda, in dem es in Zusammenhang mit Mohammed – Rilke las gerade den Koran – heißt:

wie ein Fluss durch ein Urgebirge, bricht er sich durch zu dem einen Gott, mit dem sich so großartig reden lässt jeden Morgen, ohne das Telefon „Christus“, in das fortwährend hineingerufen wird: Hallo wer dort? – Und niemand antwortet.

Oder wenn er schreibt:

Für junge Menschen (…) ist Christus eine große Gefahr, der allzu Nahe, der Verdecker Gottes.

Und Gott kann auch schon mal etwas schlechter wegkommen, jedenfalls ist auf dem Hintergrund des Eindruckes seiner Russlandreise zu lesen:

Du bist der raunende Verrußte,
auf allen Öfen schläfst Du breit.

In Bezug auf was Rilke allerdings überhaupt nie genug bekommen konnte, war alles im Zusammenhang mit der Gottesmutter – und das hatte er gemeinsam mit der eigenen, mit der ihn durchaus eine gewisse Hassliebe verband (das mag einer der wichtigsten Gründe für die 1134 Briefe an sie gewesen sein …)

Heimo Schwilk schreibt in seinem Buch über Rilke und die Frauen:

Auf seinen zahllosen Reisen besucht Rilke jedes Marienheiligtum, das auf dem Weg liegt. Wenn er hier eine Kerze für seine Mutter anzündet und vor dem Bild der Mutter Gottes niederkniet, dann öffnet sich eine unsichtbare Tür. Er tritt ein und befindet sich wieder in jenem inneren Raum der Anbetung, der ihm seit früher Kindheit vertraut ist. Rilke und seine Mutter glauben an die Kraft des Gebetes und der positiven Gedanken. Eine Kerze in Avignons Kirche Vierge de la Délivrance oder vor der Madonna auf dem Mont Saint Michel oder am Sophientag vor dem Bild der Madonna in Santa Maria Formosa in Venedig angezündet, konnte ein Wunder bewirken. Die Kerze leuchtet daher nicht nur an dem Ort, wo sie entflammt wird, ihr Licht dringt durch unsichtbare innere Räume zur Mutter. In diesen Ritualen sind Raum und Zeit aufgehoben. Der Sohn kniet dann wieder neben der Mutter und die Mutter neben dem Sohn. Jeder erfährt in seinem Alleinsein die Nähe und Geborgenheit im anderen. In seiner Kriegsdichtung Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke (Der Cornet, 1899) wird Rilke die Mutter zur Gottesmutter erhöhen, eine Sakralisierung des Weiblichen, die auch in allen späteren Beziehungen zu Frauen mitschwingt.

Zunächst allerdings wird Rilke nach der Schule der Vorstellung ade sagen, dass Gott Gebete erhöre und er wird auch auf Distanz zur Mutter gehen, die er zum Teil gegenüber anderen ganz ordentlich beschimpft und verantwortlich sieht für zahlreiche Verletzungen. Sein sich wandelndes Verhältnis zu Gott kann hier allerdings nicht ansatzweise angesprochen sein; zu viel gäbe es da zu erwähnen, u.a. dass er für mich zu jenen gehört, die – ich nehme vielleicht die letzten Jahre aus – nicht wirklich näher zu Gott vorgedrungen sind, sondern auf der Engelebene oder der eigenen Gestalt ihres letzten Devachanaufenthaltes kleben geblieben sind – Rudolf Steiner macht auf diesen Tatbestand mehrfach aufmerksam, der auf Millionen von Menschen der Vergangenheit und Gegenwart, so glaube ich, zutrifft (mehr dazu hier: .https://bit.ly/3d5BtsN)

Hinter den vielen Engelgedichten und jenen, in denen Gott angesprochen wird, steht jedenfalls weitaus mehr spirituelles Drama, als jene, die Rilkes Gedichte so gern in Poesiealben schreiben oder in Predigten zitieren, vermuten.

Rilke hat um Gott gerungen, aber meistens wohl hat er mit seinem Engel gerungen.

Ich werde in der Facebook-Gruppe Spirituelles Reifen mittels kosmischer Ebenen und heilsamer Weiblichkeit bei Gelegenheit auf das Dilemma eingehen, das vorliegt, wenn eine weibliche Seite (im Mann) auf Kosten der männlichen überbordet, weil vielleicht der Sohn den Schlüssel unter dem Kopfkissen der Mutter nicht geklaut hat, um den wilden Mann in sich zu befreien, wie das Grimm-Märchen Eisenhans dringend empfehlen will (dazu hier demnächst mehr).

Vor Rilke als einem verzweifelt Suchenden habe ich großen Respekt! Ich wünsche, dass ihm gelinge, was Steiner in seinem Grundsteinspruch (https://bit.ly/3Q666fM) für mich eindrucksvoll formuliert, wenn er davon spricht, das eigene Ich im Gottes-Ich aufgehen zu lassen oder Angelus Silesius zu bedenken gibt, wenn er formuliert:

Halt an wo lauffstu hin / der Himmel ist in dir:
Suchstu GOtt anders wo / du fehlst Jhn für und für.

Mein Respekt vor Rilke gründet sich auch auf seinen letzten Tagebucheintrag, der zeigt, wie tapfer der Mann gelitten hat und fast die Vermutung nahelegt, Rilkes Umgang mit dem Schmerz – bis zuletzt lehnt Rilke jede medizinische Intervention ab, er starb an einer seltenen Form der Leukämie – lasse ihn hoffen, dass hinter seinem Ertragen ein Bewusstsein enthalten sei, dass keine Geheimnisse mehr kenne:

Komm du, du letzter, den ich anerkenne,
heilloser Schmerz im leiblichen Geweb:
wie ich im Geiste brannte, sieh, ich brenne
in dir; das Holz hat lange widerstrebt,
der Flamme, die du loderst, zuzustimmen,
nun aber nähr’ ich dich und brenn in dir.
Mein hiesig Mildsein wird in deinem Grimmen
ein Grimm der Hölle nicht von hier.
Ganz rein, ganz planlos frei von Zukunft stieg
ich auf des Leidens wirren Scheiterhaufen,
so sicher nirgend Künftiges zu kaufen
um dieses Herz, darin der Vorrat schwieg.
Bin ich es noch, der da unkenntlich brennt?
Erinnerungen reiss ich nicht herein.
O Leben, Leben: Draussensein.
Und ich in Lohe. Niemand, der mich kennt.

[Verzicht. Das ist nicht so wie Krankheit war
einst in der Kindheit. Aufschub. Vorwand um
grösser zu werden. Alles rief und raunte.
Misch nicht in dieses was dich früh erstaunte]

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Von heiterem, hellem Wasser und dem Andrang von Brüsten: Rainer Maria Rilke und ein Augenblick.

An der sonngewohnten Straße, in dem
hohlen halben Baumstamm, der seit lange
Trog ward, eine Oberfläche Wasser
in sich leis erneuernd, still ich meinen
Durst: des Wassers Heiterkeit und Herkunft
in mich nehmend durch die Handgelenke.
Trinken schiene mir zu viel, zu deutlich:
aber diese wartende Gebärde
holt mir helles Wasser ins Bewußtsein.

Also, kämst du, braucht ich, mich zu stillen,
nur ein leichtes Anruhn meiner Hände,
Sei´s an deiner Schulter junge Rundung,
sei es an den Andrang deiner Brüste.

´

Nein, er trinkt nicht, der Rainer Maria Rilke, beim Verfassen des Gedichtes 48 Jahre alt (1875 geboren). Aber wie so oft, macht er einen Augenblick zur Welt.

Das kann uns derzeitigen Weltbürgern nicht schaden, zerrinnen uns doch die Augenblicke zunehmend in ein Nichts.


Hier macht einer den Augenblick wertvoll, lässt uns daran denken, ob wir selbst heute noch so einfach Wasser aus einem Trog trinken würden bei all den Umwelt-Zeigefingern, die uns bedrängen.

Durststillen mittels heiterem, hellem Wasser.

Dessen Herkunft gedenken.

Deutlich wird, warum Literatur, warum Lyrik, warum Worte so wertvoll sein können; sie tauchen fast Verlorenes in ein aufscheindes Licht.

Dann wird deutlich: der 48-Jährige ist verliebt in eine junge Frau und mindestens genauso gern würde er sich stillen, diesen besonderen Durst nach ihr stillen mit einer Sanftheit, die der Weise seines Liebens entspricht – und er erfindet dafür ein Wort: Anruhn.

Und noch ein Wort erfindet er, ein Bild erfindet er, das deutlich macht, dass es schon Wünsche in ihm gibt, wenn er vom „Andrang deiner Brüste“ spricht.


Den Trog gibt es, das Wasser gibt es, die Gebärde gibt es. Nur ob es die Geliebte gibt, das ist, angesichts des Konjunktiv II von „kämst du“ nicht sicher.


Man würde es ihm, dem Rainer Maria, ursprünglich auf René Karl Wilhelm Johann Josef Maria getauft, gönnen, einem, der Zeit seines Lebens der irdischen Liebe hinterherlief, sie nie wirklich fand und sie gern deshalb ins Religiöse stilisierte?

Ich glaube, das wäre angesichts dieser spürbar alten Menschenseele zu einfach.

Doch dieses Kapitel, wie sehr einer unter einer fehlenden männlichen Seite leiden konnte, das schlagen wir hier nicht auf.

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Dann doch lieber nicht lesen können – Heinrich Heines „Dummköpfe“!

Kapitel XII

Die deutschen Zensoren – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –Dummköpfe – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

(aus Heinrich Heine, „Reisebilder“)

`

Heute auf Facebook veröffentlicht:

Blöd, dass in dem folgenden Zitat das Wort mit > 1x C, 2x O, 1x R, 1x N und 1x A < vorkommt. Womöglich würde das Zitat (Quelle NDR), wie schon mein letzter Beitrag gestern, wieder durch Facebook vom Netz genommen, weil er erneut gegen „unsere Gemeinschaftsstandards“ verstößt, denn hier erlaubt sich tatsächlich auch jemand, Kritik an der Spritzware zu äußern:

„Der Präsident der Ärztekammer Hamburg, Pedram Emami, hat Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) für seinen Vorschlag kritisiert, auch unter 60-Jährige ein viertes Mal gegen > 1x C, 2x O, 1x R, 1x N und 1x A < zu > 1x I, 1x M, 1x P, 1x F, 1x E und 1x N. Dies zum Regelfall zu erklären, finde er befremdlich, sagte er am Freitag im Hamburg Journal im NDR Fernsehen.“

Das erinnert mich an die Heine-Zeit (1. Hälfte 19. Jahrhundert, Vormärz), wo man kritische Bücher im Bibel-Cover über die Landesgrenzen geschmuggelt hat. Das hat ja auch meist geklappt, weil doch einige Zensoren gar nicht lesen konnten … Heute können sie lesen, aber wegen des fehlenden Rückgrates nur noch gebückt gehen … (dann doch lieber nicht lesen können).

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Mitteilungen der Anna Katharina Emmerick über das Karfreitagsgeschehen, aufgezeichnet von Clemens Brentano

Clemens Brentano (1778 – 1842), der berühmte romantische Dichter, Verfasser zahlreicher Gedichte, Märchen, Erzählungen, religiöser Arbeiten und Bühnenwerke, vor allem aber Mitverfasser von „Des Knaben Wunderhorn“, jener Sammlung alter deutscher Volks-, Kinder- und Kirchenlieder, die zu den wertvollsten Gütern unseres Sprach- und Kulturraumes gehören, schrieb von 1818 über mehr als sechs Jahre hin die Mitteilungen jener berühmten Nonne (1774 -1824), die die Stigmata Jesu trug, Anna Katharina Emmerick, auf, Aufschriebe, die schlussendlich 24 Bände umfassten, aufgrund deren Brentano vier Bücher herausgab; aus einem, der „Passion“, gebe ich das Karfreitagsleiden von Jesus in Auszügen wieder, basierend also auf Visionsprotokollen, die nicht unumstritten sind, reicherte sie doch Brentano ganz offensichtlich mit eigenen Anmerkungen an.
Brentano selbst äußert zu ihrem gemeinsamen Arbeiten – am 24. September 1818 fand die erste Begegnung statt – bis zu ihrem Tod, am 9. Februar 1824:

Sie sprach gewöhnlich niederdeutsch, im ekstatischen Zustande oft auch reinere Mundart; ihre Mitteilung wechselte zwischen Kindlichkeit und Begeisterung. Alles Gehörte, dass unter behinderten Verhältnissen in ihrer Gegenwart sehr selten kaum in wenigen Zügen notiert werden konnte, war unmittelbar zu Haus aufgeschrieben. Der Geber alles Guten gab Gedächtnis, Fleiß und jene Gemütserhebung über viele Leiden, welche die Arbeit möglich machten, wie sie ist. Der Schreiber tat, was er konnte, und spricht in diesem Bewusstsein den genügsam Leser um ein Gebetsalmosen an. 

An der ein oder anderen Stellest für mich offensichtlich, dass hier auch die innere Handschrift des Dichters deutlich erkennbar ist. Insgesamt aber bezweifle ich den Wahrheitsgehalt der „Passion“ nicht, im Gegenteil, durch die vielen Bilder, in denen die Ereignisse vermittelt werden, rückt das Geschehen von damals aus einer gewissen Abstraktion heraus und kann die Seele eines Menschen zutiefst bereichern; deshalb gebe ich das Folgende wieder:

Karfreitag

Am Morgen bis gegen 10 Uhr, da das Urteil gesprochen wurde, war abwechselnd Hagelschauer, dann während der Ausführung heller Himmel und Sonnenschein, jetzt gegen 12 Uhr entstand ein rötlicher, trüber Schein vor der Sonne.

Es gingen nun vier Schergen nördlich die siebenzig Schritte zu der Kerkergrube hinab und rissen Jesus heraus, der da zu Gott um Stärkung gefleht und sich nochmals für die Sünden seiner Feinde aufgeopfert hatte. Sie schleppten ihn treibend, schlagend und höhnend diesen letzten Pfad seines Leidens, das Volk schaute und höhnte, die Soldaten brüsteten sich kalt und ernst, Ordnung haltend, die Schergen empfingen ihn grimmig und hinreißend in den Kreis. (…)
Der Anblick von all diesem ward mir dadurch noch schrecklicher, dass ich auch das den anderen unsichtbare Böse hier in seiner Gestalt sehen musste. Ich sah nämlich große furchtbare Teufelsgestalten zwischen allen diesen grausamen Menschen tätig, als reichten sie ihnen alles, als rieten und hülfen sie zu allem, und unzählige kleine grässliche Erscheinungen aller Gestalten von Kröten, Schlangen und Drachen mit vielen Klauen und alle Arten gräulichen, giftigen Ungeziefers sah ich um die Umgebung wie verfinsternd schwärmen. Sie schossen den Leuten ins Maul, in den Busen, saßen auf ihren Schultern, und es waren dies solche Leute, welche allerlei grimmige, böse Gedanken hatten oder Worte des Fluches und Hohnes ausstießen. Über dem Herrn aber sah ich während der Kreuzigung oft große weinende Engelsgestalten und Glorien erscheinen, in denen ich bloß kein Angesicht erkannte. Solche Engel des Mitleides und Trostes sah ich auch über der heiligen Jungfrau und allen Wohlgesinnten stärkend und aufrichtend erscheinen.
Nun aber rissen die Schergen unserem Herrn den Mantel ab, der ihm um den Oberleib geschlungen war. Sie nahmen ihm den Fesselgürtel ab und seinen eigenen Gürtel und rissen ihm das wollweiße Oberkleid über das Haupt, es hatte einen Brustschlitz mit Riemen verbunden. Dann nahmen sie ihm die lange, schmale Halsbahn von den Schultern, und da sie ihm den braunen und genähten Rock, den ihm seine Mutter gewirkt hatte, nicht über die breite Dornenkrone ziehen konnten, rissen sie ihm die Krone vom Haupte, alle dessen Wunden neu eröffnend, schürzten ihm dann den gewirkten Rock, und zogen ihm denselben mit vermaledeitem Hohne über das blutende, wundenvolle Haupt aus.
Da stand der zitternde Sohn des Menschen, mit Blut, Schwielen, vertrockneten und fließenden Wunden, mit Striemen und Flecken bedeckt. Er hatte nur noch das kurze wollene Skapulier [Überwurf über Brust und Rücken] über dem Oberleib und die Hülle des Unterleibes an. Das Skapulier war mit der Wolle in seine Wunden festgetrocknet und mit Blut in die neue tiefe Wunde verklebt, welche ihm die Kreuzeslast in die Schulter gedrückt hatte, woran er unaussprechlich litt. Unbarmherzig rissen sie ihm das Skapulier von der Brust, und er stand schrecklich zerrissen und verschwollen in seiner Nacktheit, die Schulter und Achsel war bis auf die Gebeine zerrissen, und die weiße Wolle des Skapuliers klebte hier und da auf den Wundrinden und im trockenen Blute seiner Brust.

Nun rissen sie ihm den letzten Gürtel von den Hüften, er stand nackt und krümmte sich schamhaft, und als er ihnen unter den Händen umzusinken drohte, setzten sie ihn auf einen herbeigewälzten Stein, stießen ihm die Dornenkrone von neuem wieder auf das Haupt und boten ihm das andere Gefäß mit Essig und Galle zum Trinken dar, doch er wandte schweigend das Haupt ab.
Jetzt aber, da die Schergen ihn an den Armen, mit denen er seine Blöße bedeckte, anpackten und aufrichteten, um ihn auf das Kreuz zu werfen, erhob sich Ärger, lautes Murren und Wehklagen unter allen seinen Freunden über die schmähliche Entblösung. Seine Mutter betete heftig, sie war im Begriff, ihren Schleier abzureißen und, in den Kreis dringend, ihm denselben als Hülle zu reichen; aber Gott erhörte sie, denn in diesem Augenblick stürzte ein Mann, der vom Tore, quer durch das Volk durch, außerhalb des Weges heraufgelaufen war, geschürzt und außer Atem in den Kreis unter die Schergen und reichte Jesus ein Tuch, welches dieser dankend annahm und so um die Mitte des Leibes wand, dass das längere Ende zwischen den Füßen durch rückwärts wieder durch den Bund geschlungen war.
Dieser von Gott durch das Gebet der heiligen Jungfrau erflehte Wohltäter seines Erlöses hatte in seinem Ungestüme etwas Gebieterisches, er drohte mit der Faust gegen die Schergen und sagte nichts als: „Und dass ihr den armen Menschen sich bedecken lasset!“ Er sprach mit niemandem sonst und eilte eben so schnell wie er herangekommen, wieder von dannen. (…)

Jesus, ein Bild des Jammers, wurde von den Schergen auf das Kreuz gestreckt, er setzte sich selbst darauf, und sie stießen ihn nieder auf den Rücken und rissen seinen rechten Arm mit der Hand auf das rechte Nagelloch des rechten Kreuzarmes und schnürten den Arm fest, und es kniete einer auf seiner heiligen Brust, und einer hielt die sich schließende Hand auf, und der andere setzte den langen dicken Nagel, der spitz zugefeilt war, in das dicke Teil seiner segnenden Rechten und schlug wütende Schläge mit dem eisernen Schlegel. Ein süßes, helles, gebrochenes Wehgeschrei tönte aus dem Munde des Herrn. Sein Blut spritzte auf die Arme der Schergen. Die Bänder der Hand wurden zerrissen und mit dem dreischneidigen Nagel in das engere Nagelloch hineingetrieben. Ich habe die Hammerschläge gezählt, aber in meinem Elende wieder vergessen. Die heilige Jungfrau wehklagte leise und schien bewusstlos, Magdalena aber war ganz von Sinnen.
Die Bohrer waren ein großes Stück Eisen, wie ein lateinisches T, es war kein Holz daran, auch die großen Hämmer waren mit den Stielen ganz von Eisen aus einem Stück, und beinah von der Form, wie bei uns die hölzernen Schlegel der Tischler, mit welchem Sie auch die Meißel schlagen.
Die Nägel, bei deren Anblick Jesus so sehr geschaudert hatte, waren so lang, dass sie in die Faust gefasst, oben und unten etwa ein Zoll hervorstanden. Sie hatten oben ein Blättchen mit einer Kuppe, welches im Umfange eines Kronentalers die Hand füllte. Die Nägel waren dreischneidig, oben so dick wie ein mäßiger Daumen, unten wie ein kleiner Finger, und dann spitz zugefeilt. Eingeschlagen sah die Spitze an der hinteren Seite des Kreuzarmes ein wenig hervor.
Nach der Annagelung der rechten Hand unseres Herrn fanden die Kreuziger, dass seine linke Hand, die auch auf den Kreuzarm festgebunden war, nicht bis zu der Stelle des Nagelloches reichte, das sie wohl zwei Zoll vor den Fingerspitzen gebohrt hatten; sie banden daher die Stricke an seinen linken Arm allein und zogen, sich mit den Füßen gegen das Kreuz stemmend, so heftig an diesem Arme, bis die Hand die Nagelstelle erreichte. Jesus wehklagte ganz rührend, sie rissen die Arme ganz aus den Gelenken, seine Achseln waren ausgedehnt und hohl, und an den Ellenbogen sah man die Knochenabsätze. Seine Brust hob sich hoch empor, die Knie zogen sich gegen den Unterleib. Sie knieten ihm auf den Armen und der Brust, sie knebelten ihm die Arme fest und schlugen dann den zweiten grausamen Nagel durch die Linke des Herrn: das Blut spritzte empor, der süße, helle Wehruf Jesu tönte durch die Schläge des schweren Hammers. – Die Arme Jesu waren in gerader Linie so ausgespannt, dass sie nicht mehr die schräg aufsteigenden Kreuzarme deckten, man sah zwischen den Kreuzarmen und seinen Achselhöhlen hindurch.
Die heilige Jungfrau fühlte alle Peinigung mit Jesus, sie war bleich wie eine Leiche und leise Schmerzenstöne erklangen von ihren Lippen. Die Pharisäer höhnten und schimpften nach der Seite des Walles hin, wo sie stand, und man führte sie darum etwas ferner von dem Kreise zu den anderen heiligen Frauen. Magdalena war wie wahnsinnig, sie zerriss sich das Angesicht, ihre Augen und Wangen waren blutig. (…)
Der ganze Leib unseres Erlösers hatte sich durch die gewaltsame Ausspannung der Arme nach den zu weit auseinandergebohrten Annagelungsstellen in die Höhe gezogen, und seine Knie hatten sich aufgerichtet. Nun aber fielen die Schergen über diese her und banden sie, mit Strickschlingen ziehend, nieder, und es reichten durch die boshafte Stellung der Nagellöcher seine heiligen Füße bei weitem nicht nach dem Fußklotze hin. Da erhob sich unter den Schergen ein Fluchen und Höhnen, einige meinten, man müsse andere Löcher bohren an den Armen, denn den Klotz herauszurücken war beschwerlich, andere höhnten schauderhaft, „er wolle sich nicht strecken, aber sie wollten ihm helfen“; und sie banden ihm Stricke an das rechte Bein und zogen mit schrecklich marternder Gewalt den Fuß auf den Standklotz und knebelten das Bein mit Stricken fest. Es war die Ausspannung des Körpers so entsetzlich, dass die Brust Jesu krachte und er laut jammerte: „O Gott, o Gott!“ Sie hatten ihm die Brust und die Arme auch gebunden, damit die Hände nicht aus den Nägeln rissen. Sein Unterleib zog sich ganz hinweg, und es war, als brächen ihm die Rippen von dem Brustbeine. Es war ein schauderhaftes Leiden.
Sie knebelten nun den linken Fuß ebenso gewaltig mit Stricken über den rechten Fuß nieder und durchbohrten ihn oben am Riste, weil er zum Annageln nicht fest genug über dem rechten Fuß ruhte, mit einem feineren, plattköpfigen Stift, als die Nägel der Hände waren, es war wie ein Vorbohrer mit einem Pfriem [Werkzeug, mit dem Löcher gestanzt werden]. Nun aber ergriffen sie den schrecklichsten, viel längeren Nagel und trieben ihn mit großer Anstrengung durch den verwundeten Rist des linken und durch den des unten ruhenden rechten Fußes krachend hindurch in das Loch des Standklotzes und durch diesen in den Kreuzesstamm hinein. Ich habe am Kreuze, von der Seite sehend, den einen Nagel durch beide Füße durchgehen sehen.

Das Annageln der Füße war grausamer als alles durch die Ausdehnung des ganzen Leibes. Ich zählte an 36 Hammerschläge unter dem Wehklagen des armen Erlöses, das mir so süß und hell und rein klang; die Stimmen des Hohnes und Grimmes umher klangen mir dumpf und trübe. (…)
Ich sah weinende Engel über Jesus während dieser schrecklichen Peinigung erscheinen. (…)
Man meißelte noch während der Annagelung auf dem Kreuzhügel an dem Loche, worin das Kreuz aufgerichtet werden sollte, denn es war zu klein und der Fels sehr hart. Es hatten aber einige Schergen den gewürzten Wein der heiligen Frauen nicht Jesus gegeben, sondern selbst getrunken, und sie waren ganz rauschig davon und empfanden ein Brennen und Schneiden im Leibe, so dass sie wie toll wurden; sie schimpften Jesus einen Zauberer, waren wütend über seine Geduld und liefen mehrmals den Kalvarienberg hinab und soffen Eselsmilch. Es waren Weiber aus dem nahen Lager der Ostergäste mit melkenden Eselinnen in der Nähe, sie verkauften die Milch.
Nach dem Stand der Sonne war es ungefähr ein Viertel nach 12 Uhr, als sie Jesus kreuzigten, und da sie das Kreuz aufrichteten, hallte ein großes Trompetengetöse vom Tempel her. Das Osterlamm war geschlachtet.

Nach der Annagelung unseres Herrn zogen sie mit Stricken, die an Ringen hinten am Kreuze befestigt wurden, den oberen Teil des Kreuzes auf den erhöhten Standort, und warfen dann diese Stricke über einen jenseits errichteten Querbalken oder Bock, und viele Schergen zogen vermittelst dieser Stricke das Kreuz in die Höhe, andere steuerten mit Hakenstöcken an dem Stamme nach und richteten den Fuß in das Loch, dann schoben sie den Gipfel des Kreuzes etwas vorwärts, dass es in senkrechte Richtung kam und seine ganze Last mit einem erschütternden Stoße in die Grube niederfuhr. Das Kreuz erzitterte von dem Stoße, Jesus wehklagte laut, die ausgespannte Last des Leibes zog nieder, die Wunden wurden weiter, das Blut rann reichlicher, und die ausgerenkten Gebeine stießen sich. Nun rüttelten Sie das Kreuz noch fest und schlugen fünf Keile umher in das Loch. Einen von vorn, einen zur Rechten, einen zur Linken und zwei an die hintere etwas runde Seite des Kreuzes.
Es war ein erschreckender und zugleich rührender Eindruck, als unter Hohngeschrei der Schergen und Pharisäer und vielen entfernten Volkes, das ihn nun auch sehen konnte, dass Kreuz emporschwankte und erschütternd niederstieß; aber auch fromme, wehklagende Stimmen erhoben sich zu ihm. Die heiligsten Stimmen der Erde, die jammernde Stimme der Mutter und der Freundinnen und des Freundes, und alle, die reinen Herzens waren, begrüßten das am Kreuz erhöhte, ewige, Fleisch gewordene Wort mit rührender Wehklage, und alle Hände der Liebenden streckten sich bang, als wollten sie helfen, empor, da der Heiligste der Heiligen, der Bräutigam aller Seelen, lebendig an das Kreuz genagelt, in den Händen der tobenden Sünder emporschwankte; als aber das Kreuz mit lautem Hall aufrecht in die Standgrube hineinsank, trat ein kurzes Schweigen ein. Alles schien von einem neuen, nie da gewesen Gefühle überrascht. Selbst die Hölle fühlte den Stoß des sinkenden Kreuzes mit Schrecken und bäumte sich nochmals in ihren Werkzeugen mit Hohn und Fluch gegen dasselbe; bei den armen Seelen aber und in der Vorhölle war eine bang harrende Freude, sie horchten auf jenen Stoß mit sehnsüchtiger Hoffnung, er tönte ihnen wie das Pochen des nahenden Sieges an den Toren der Erlösung. Das heilige Kreuz stand zum ersten Male in der Mitte der Erde aufgerichtet wie ein anderer Baum des Lebens im Paradiese, und aus den erweiterten Wunden Jesu träufelten vier heilige Ströme auf die Erde nieder, ihren Fluch zu sühnen und sie ihm, dem neuen Adam, zu einem Paradiese zu befruchten.

Als unser Heiland an dem Kreuze aufgerichtet stand, und das Hohngeschrei auf wenige Minuten durch ein Schweigen des Staunens unterbrochen war, schallte der Ton vieler Trompeten und Posaunen vom Tempel herüber und kündete das begonnene Schlachten des Osterlamms, des Vorbildes, an, indem er das Hohn– und Wehgeschrei um das wahre geschlachtete Lamm Gottes mit ahnungsreicher Feierlichkeit unterbrach; und es ward manches harte Herz erschüttert und gedachte der Worte des Täufers: „Siehe das Lamm Gottes, welches die Sünden der Welt auf sich genommen hat!“ (…)

Es war nun ungefähr halb zwei, und ich wurde in die Stadt geführt, zu sehen, wie es dort hergehe. Ich fand eine allgemeine Angst und Bestürzung, Nebel und Nacht lagen in den Straßen, die Menschen tappten verwirrt umher, viele lagen in Winkeln mit verhülltem Haupte und schlugen an die Brust, viele schauten nach dem Himmel und standen auf den Dächern und wehklagten. Die Tiere brüteten und verbargen sich, die Vögel flogen niedrig und fielen nieder. Ich sah, dass Pilatus den Herodes besucht hatte und dass sie in großer Bestürzung nach dem Himmel schauten, auf derselben Terrasse, von welcher Herodes am Morgen die Verspottung Jesu mit angesehen. Dies sei nicht natürlich, sagten sie, Jesus sei gewiss zu viel geschehen. Ich sah hierauf Herodes und Pilatus nach dessen Palast über das Forum gehen, sie waren beide sehr geängstigt und gingen mit starken Schritten von Wachen umgeben. (…)
Es sammelte sich unterdessen viel Volk vor Pilatus’ Schloss, und wo sie morgens geschrien: „Kreuzige ihn, hinweg mit ihm“, schrien sie jetzt: „Ungerechter Richter! Sein Blut, auf seine Mörder!“ Pilatus musste sich mit Soldaten umgeben, und jener Zadoch, der am Morgen, als Jesus ins Richthaus ging, seine Unschuld laut ausgerufen, schrie und lärmte dermaßen vor dem Palaste, dass Pilatus ihn beinahe festnehmen ließ. Pilatus, der elende Mensch ohne Seele, machte den Juden die größten Vorwürfe: „Er habe keinen Teil daran, es sei ihr König, ihr Prophet, ihr Heiliger gewesen, den sie zum Tode gebracht, und nicht der seine, ihn gehe es nichts an, sie hätten seinen Tod gewollt.“

Im Tempel herrschte Angst und Schrecken im höchsten Grade, sie waren im Schlachten des Osterlammes begriffen, als die plötzliche Nacht einfiel, alles war verwirrt und hier und da brach bange Wehklage aus. Die Hohenpriester taten alles, um die Ruhe und Ordnung zu erhalten; man steckte alle Lampen beim hellen Tage an, aber die Verwirrung wurde noch größer, ich sah Annas in peinliche Angst geraten, er lief aus einem Winkel in den anderen, sich zu verbergen. Als ich wieder zur Stadt hinausging, bebten die Schirme und Gitter vor den Fenstern der Häuser, und es war doch kein Sturm. Die Dunkelheit ward immer größer. Ich sah auch im äußeren Teile der Stadt an der Nord-West-Gegend zur Stadtmauer hin, wo viele Gärten und Gräber sind, einzelne Grabeingänge einsinken, als wanke der Boden.

Auf Golgatha machte die Finsternis einen wunderbar fürchterlichen Eindruck, das gräuliche Toben und Martern, das Geschrei und die fluchende Tätigkeit bei der Kreuzaufrichtung, die Anknebelung und das Gebrüll der beiden Schächer, das Höhnen und Umherreiten der Pharisäer, der Wechsel der Soldaten, das lärmende Abziehen der berauschten Henker hatte im Anfang der Verfinsterung den Eindruck zerstreut, und dann folgte die Strafrede des reumütigen Dismas und die Wut der Pharisäer gegen ihn, nun aber wuchs die Finsternis, die Zuschauer wurden ernster und vom Kreuze abgewendeter. Da empfahl Jesus seine Mutter dem Johannes, und sie wurde hierauf aus dem Kreise hinausgebracht. Es trat jetzt eine dumpfe Pause ein, das Volk wurde bange bei der zunehmenden Finsternis, die meisten schauten zum Himmel, in vielen regte sich das Gewissen, manche wandten die Augen reumütig zum Kreuze, viele schlugen an die Brust und bereuten, die Gleichgesinnten zogen sich nach und nach zusammen, die Pharisäer, heimlich bang, erklärten alles noch natürlich, aber ihre Reden wurden immer kleinlauter und verstummten endlich fast ganz. Hier und da stießen sie wohl noch ein freches Wort aus, aber es machte sich sehr gezwungen. Der Kern der Sonne war fahl dunkel wie Berge im Mondschein, ein roter Ring umgab sie, die Sterne traten mit rötlichem Lichte hervor, die Vögel fielen aus der Luft auf dem Kalvarienberge und in den nahen Weinbergen zwischen die Menschen nieder und ließen sich mit Händen greifen, die Tiere umher brüllten und zitterten, die Pferde und Esel der berittenen Pharisäer drängten sich zusammen und hingen die Köpfe. Dampf und Nebel umgab alles.

Um das Kreuz war es stille, alles war abgewandt, viele Leute flohen zur Stadt. Der gekreuzigte Heiland war mit dem Gefühle der tiefsten Verlassenheit in seiner unendlichen Marter, seine Feinde liebend und für Sie betend, zu seinem himmlischen Vater gewandt. Er betete, wie während seines ganzen Leidens, stets in Psalmenstellen, die nun an ihm in Erfüllung traten. Ich sah Engelsgestalten um ihn. Als die Dunkelheit aber zunahm, und die Angst drückend auf allen Gewissen und eine dumpfe Stille über allem Volke lag, sah ich Jesus ganz einsam und trostlos hängen. Er litt alles, was ein armer, gepeinigter, zermalmter Mensch in der größten Verlassenheit, ohne menschlichen und göttlichen Trost leidet, wenn der Glaube, die Hoffnung, die Liebe ganz einsam, ohne Erwiderung und Genuss, ohne alles Licht, nackt und ausgeleert in der Wüste der Prüfung stehen, und mit unendlicher Marter allein von sich selbst leben. (…) In diese Wüste der inneren Nacht brauchen wir nicht mehr einsam und gefährdet hinabzusteigen! Jesus hat in den Abgrund des bitteren Meeres dieser Verlassenheit seine innere und äußere Verlassenheit am Kreuze hinabgesenkt, und so hat er den Christen in der Verlassenheit des Todes, in der Verfinsterung allen Trostes nicht mehr einsam gelassen. Es gibt keine Wüste, keine Einsamkeit, keine Verlassenheit, keine Verzweiflung in letzter Todesnot mehr für den Christen, denn Jesus, der das Licht, der Weg und die Wahrheit ist, ist auch diesen finsteren Weg segnend und alle Schrecken bändigend gewandelt und hat sein Kreuz in dieser Wüste aufgerichtet. (…)
Und so rief er in seinem Leiden das Zeugnis seiner Verlassenheit aus und eröffnete damit allen äußerst Bedrängten, welche Gott als ihren Vater erkennen, die Freiheit zu vertrauter kindlicher Klage. – Jesus rief gegen drei Uhr mit lauter Stimme: „Eli, Eli, lamma sabacthani!“, das heißt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“
Als dieser laute Ruf unseres Herrn die bange Stille umher unterbrach, wandten sich die Spötter wieder zu dem Kreuze, und einer sprach: „Er ruft den Elias“, ein anderer: „Wir wollen sehen, ob Elias kommt und ihm herunterhilft.“ Die Mutter aber, da sie die Stimme ihres Sohnes hörte, konnte nichts mehr zurückhalten, sie drang wieder zu dem Kreuze hin, und Johannes, Maria Kleophä, Magdalena und Salome folgten ihr. (…)

Bald nach drei Uhr wurde es heller, der Mond begann von der Sonne zu weichen, und zwar nach entgegengesetzter Richtung. Die Sonne erschien strahllos, umnebelt und rot, und der Mond sank schnell nach der entgegengesetzten Seite, als wenn er falle. Es kamen auch die Sonnenstrahlen nach und nach zurück, und die Sterne verschwanden, doch war es noch immer trübe. Mit dem nahenden Lichte wurden die Spötter wieder kühner und triumphierten, und da geschah es, dass sie sagten: „Er ruft den Elias“. Abenadar [der Hauptmann der Soldaten] aber Gebot Ruhe und Ordnung.
Als es heller wurde, erschien der Leib des Herrn am Kreuze bleich, schwach, wie ganz verschmachtet, und weißer als vorher, so sehr war er verblutet. Er sagte auch, ich weiß nicht, ob betend und mir allein vernehmlich, oder ob halblaut: „Ich bin gepresst wie der Wein, der hier zuerst gekeltert worden, all mein Blut muss ich geben, bis das Wasser kommt und die Hülsen weiß werden, es soll aber kein Wein mehr hier gekeltert werden.“
Ich sah später in Bezug auf diese Worte ein Bild, wie Japhet [einer der drei Söhne Noahs, Überlebender der Sintflut] hier auf dieser Stelle den Wein gekeltert, das ich später erzählen will.
Jesus war ganz verschmachtet und sprach mit vertrockneter Zunge: „Mich dürstet!“ – Und da die Seinigen ihn traurig ansahen, sagte er: „Konntet ihr mir nicht einen Trunk Wasser geben?“ Er meinte, während der Finsternis hätte sie wohl niemand gehindert; Johannes sagte betrübt: „O Herr, wir haben es vergessen“; und Jesus sagte noch so viel als: „Auch die Nächsten mussten mich vergessen und mir keinen Trunk reichen, auf dass die Schrift erfüllet würde.“ – Es hatte ihm aber dieses Vergessen bitter wehe getan. Auf seine Klage baten sie die Soldaten und boten ihnen Geld an, ihm einen Trunk Wasser zu reichen, sie taten es aber nicht, sondern einer tauchte einen birnförmigen Schwamm in Essig, der in einem Tönnchen von Bast dastand, und goss auch Galle hinein. Aber der Hauptmann Abenadar war von Jesus gerührt, er nahm dem Soldaten den Schwamm, drückte ihn aus und füllte ihn mit reinem Essig. Er steckte hierauf das eine Ende des Schwarmes in ein kurzes Ysoprohr, welches wie ein Mundstück zum Saugen diente, und hob diese auf der Spitze seiner Lanze befestigte Vorrichtung so zu dem Antlitze Jesu empor, dass das Rohrstück zu dem Munde Jesu gelangte, und dieser durch dasselbe den Essig aus dem Schwamme saugen konnte. (…)

Da nun die Stunde des Herrn gekommen war, rang er mit dem Tode, und ein kalter Schweiß drang aus seinen Gliedern. Johannes stand an dem Kreuze und trocknete Jesu Füße mit seinem Schweißtuch. Magdalena lehnte, ganz von Schmerz zermalmt, an der Rückseite des Kreuzes. Die heilige Jungfrau stand zwischen Jesus und des guten Schächers Kreuz, von den Armen der Maria Kleophä und der Salome unterstützt, und sah zu ihrem sterbenden Sohn hinauf. Da sprach Jesus: „Es ist vollbracht!“ Und richtete das Haupt empor und rief mit lauter Stimme: „Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist!“ Es war ein süßer lauter Schrei, der Himmel und Erde durchdrang; dann senkte er sein Haupt und gab seinen Geist auf, und ich sah seine Seele wie einen leuchtenden Schatten bei dem Kreuze zur Erde hinab in den Kreis der Vorhölle fahren. – Johannes und die heiligen Frauen sanken zur Erde auf ihr Antlitz nieder.


Abenadar, der Hauptmann, von Geburt ein Araber, als Jünger nachmals Ctesiphon getauft, hielt, seit er Jesus mit dem Essig tränkte, auf seinem Pferde dicht am Kreuzeshügel, so dass der Vorderteil des Tieres erhöht stand. Er schaute lange tief erschüttert, ernst, unabgewandt ins dornengekrönte Antlitz unseres Herrn. Des Rosses Haupt war bang und krank gesenkt, und Abenadar, dessen Stolz sich beugte, zog auch den Zügel nicht mehr an. Da sprach der Herr die letzten Worte laut und kräftig und starb mit Erde, Hölle und Himmel laut durchdringendem Geschrei. Die Erde bebte und der Fels zerbarst weit klaffend zwischen Jesu und des linken Schächers Kreuz. Das Zeugnis Gottes ging mit Schreck und Schauder mahnend tief durch die trauernde Natur. Es war vollbracht, – die Seele unseres Herrn verließ den Leib, und bei dem Todesschrei des sterbenden Erlösers erbebten alle, die es hörten, mit der Erde, die wallend ihren Heiland anerkannte, doch die verwandten Herzen nur durchfuhr ein scharfes Schwert des Schmerzes. Da war es, dass die Gnade über Abenadar kam, da zitterte sein Ross und wankte seine Leidenschaft und brach sein stolzer, harter Sinn gleich dem Kalvarienfelsen, er warf den Speer von sich und schlug mit starker Faust gewaltig an sein Herz, laut schreiend mit der Stimme eines neuen Menschen: „Gelobt sei Gott, der Allmächtige, der Gott Abrahams und Jakobs, dieser war ein gerechter Mann, wahrhaftig, er ist Gottes Sohn!“ Und viele der Soldaten, von des Hauptmanns Wort erschüttert, taten ebenso wie er.

Es wollte aber Abenadar, der nun ein neuer, ein erlöster Mensch war, nachdem er öffentlich dem Sohne Gottes huldigte, nicht länger mehr im Dienste seiner Feinde stehen. Er wandte sein Pferd zu Cassius, den Unteroffizier, den man Longinus nennt, stieg ab, hob seine Lanze auf und gab sie ihm, sprach einiges zu den Soldaten und zu Cassius, der nun das Pferd bestieg und hier befehligte; denn Abenadar eilte vom Kalvarienberg und durch das Tal Gihon zu den Höhlen des Tales Hinnom, er kündigte den dort verborgenen Jüngern den Tod des Herrn an und eilte weiter zu Pilatus in die Stadt.
Es kam ein tiefes Erschrecken über alle Anwesenden mit dem Todesschrei Jesu, als die Erde bebte und der Kreuzigungshügel zersprang, es war ein Schrecken, der durch die ganze Natur ging, denn da zerriss auch der Vorhang des Tempels, da stiegen viele Tote aus den Gräbern, da sanken Wände im Tempel, stürzten Berge und Gebäude in vielen Weltgegenden ein.
Abenadar rief sein Zeugnis aus, viele Soldaten zeugten mit ihm, viele aus dem anwesenden Volke und den zuletzt gekommenen Pharisäern bekehrten sich. Viele schlugen an die Brust, wehklagten und irrten vom Berge durch das Tal nach Haus. Andere zerrissen ihre Kleider und streuten Staub auf ihr Haupt. Alles war voll Furcht und Schrecken. (…)
Das Licht der Sonne war noch trüb und nebelig, es war schwül und drückende Luft bei dem Beben der Erde, nachher aber folgte eine empfindliche Kühle. – Die Gestalt von unseres Herrn Leichnam am Kreuze war ungemein ehrbar und rührend. Die Schächer hingen in schrecklicher Verdrehung wie betrunken da, sie schwiegen zuletzt beide, Dismas betete.

Es war bald nach 3 Uhr, als Jesus verschied. (…) Aus der Ferne, im Tal und auf entlegenen Höhen erschien hier und da scheu einer der Jünger und schaute furchtsam und neugierig nach dem Kreuze und zog sich bei jeder Annäherung von Menschen wieder zurück.

PS.

Mehr zu den Auszügen Anna Katharina Emmericks im Rahmen einer Facebook-Gruppe: https://www.facebook.com/groups/1430812607350020

Die Bilder entstammen dem Stationenweg auf der Halbhöhe von Bad Kissingen

PPS.

Ein weiterer Beitrag zum Passionsgeschehen – diesmal bezogen auf den Ostersonntag – findet sich auf meinem Wortbrunnen-Blog https://bit.ly/3vp5Lfx

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„Halt an, wo läufst du hin, die Hölle ist in dir“ (frei nach Angelus Silesius) > für ein Weltkulturerbe Mariupol

Wir Menschen schmücken uns ja gern mit Dingen, die beweisen, was für eine tolle Spezies wir sind. 

Das alles präsentiert sich in der von der UNESCO geführten Liste des Welterbes der Menschheit, insbesondere den 897 Stätten des Weltkulturerbes.

Wie großartig ist doch die Chinesische Mauer!
Wie toll ist doch das historische Zentrum Roms!
Und erst der weihrauchgeschwängerte Vatikan …

Ja, das haben Mitglieder unserer Spezies geschaffen.
Aber es ist nur die halbe Wahrheit.

Zur ganzen gehört, dass wir als Menschheit eine ganz dunkle, um nicht zu sagen schwarze Kultur haben, die der bewussten Zerstörung.

Und ich finde, der Ehrlichkeit halber sollten wir allen so hehren und lichtvollen Weltkulturerben jeweils eines gegenüberstellen, das dazu beiträgt, den ganzen Menschen, die ganze Wirklichkeit zu zeigen:

  • Chinesische Mauer versus Hiroshima
  • Venedig und seine Lagune versus Mariupol
  • Alte Brücke und Altstadt von Mostar versus Ausschwitz
  • Heiligtum Bom Jesus do Congonhas versus Massaker von Srebrenica
  • Aachener Dom versus Warschauer Gettho
  • Akropolis von Athen versus zerbombtes Aleppo
  • Archäologische Stätte von Olympia versus Nagasaki
  • Die neun persischen Gärten Irans versus Tschernobyl
  • Historisches Zentrum von Prag versus zerbombtes Grosny
  • Sophienkathedrale von Kiew versus Napalmbomben auf Vietnam
  • Historische Stätte Machu Picchu versus Gräueltaten gegen die Rohingya in Myanmar
  • und und und …

„Halt an, wo laufst du hin, der Himmel ist in dir“, dichtete Angelus Silesius.

Heute gilt mehr denn je:
Halt an, wo laufst du hin, die Hölle ist in dir …

Wenn wir uns nur im Himmel suhlen, um die Hölle nicht zu sehen, wird die Hölle siegen …

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Nur weil ein Mann meint, Gott spielen zu müssen: Rose Ausländers „Damit kein Licht uns liebe“ – so aktuell wie nie!

Zur Situation der Menschen in der Ukraine fällt mir ein Gedicht von Rose Ausländer ein:

Damit kein Licht uns liebe

Sie kamen
mit scharfen Fahnen und Pistolen 
schossen alle Sterne und den Mond ab
damit kein Licht uns bliebe
damit kein Licht uns liebe

Da begruben wir die Sonne
Es war eine unendliche Sonnenfinsternis


Wie bezeichnend: Rose Ausländer, geboren 1901 in Czernowitz, West-Ukraine, damals Österreich-Ungarn.

PS Noch wenigen Wochen hätte ich es nicht für möglich gehalten, was da vor den Augen der Weltöffentlichkeit geschieht.

Nur weil EIN Mann glaubt, Gott spielen zu müssen …
Nur weil ein MANN glaubt, Gott spielen zu müssen …

Trotz aller Sinnlosigkeit gibt leider jeder Halb-Satz einen so tragischen Sinn.

Die Wahrheit ist: Der Mensch ist kein Mann, sondern er ist Mann-Frau.
Wenn er nur Mann ist, dann ist er eigentlich kein Mensch.

Nach außen hin ist der Mann ein Mensch
Nach außen hin ist die Frau ein Mensch.

Eigentlich aber sind beide nur Mensch, wenn sie Mann-Frau sind, denn der Mensch ist so angelegt, er wurde geschaffen als Mann-Frau.
Die fatale Übersetzung der Schöpfungsgeschichte durch Luther lautete: Und Gott schuf sie, einen Mann und eine Frau.

Das aber steht so nicht im Original, da fehlt das „und“: Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, und er ist eben nicht Herr Gott oder Frau Gott, sondern er ist Mann-Frau oder männlich-weiblich. So ist Gott, so ist der Mensch.

Dass fast das ganze Abendland, wenn an Gott gedacht wird, an einen Mann denkt, das hat die Kirche installiert in die Köpfe der Menschen. 

Auch dass wir unterscheiden in Monotheismus und Polytheismus, das ist eine Installation der Kirchen, welche die Religionswissenschaft übernommen hat, denn auch das Christentum ist polytheistisch. Wenn die Menschen sehen würden, was allein die Erzengel – zur Zeit ganz besonders – für die Menschen leisten, würde es auch hochachtungsvoll von Göttern sprechen, natürlich im Bewusstsein der Bedeutung Christi, aber der Himmel wäre nicht so schrecklich entleert, was er eben in Wirklichkeit nicht ist.

Für die Erde würde Obiges – der Mensch als männlich-weibliches Wesen – im Extrem bedeuten, dass Menschen, die sich nur männlich aufführen oder nur weiblich, keine Menschen sind.
Aber gedanklich möchte das niemand wirklich durchdenken. Das Ergebnis wäre eine Entvölkerung der Erde von Menschen oder anders ausgedrückt gäbe es drei Kategorien von menschenartigen Lebewesen: Es gäbe Männer, Frauen und Menschen.

Wenn ich von dem, der Gott spielt, also Putin, spreche, dann IST er in diesem Sinne weder Gott noch Mensch. Das aber würde alle aufbringen gegen mich, die für Putin menschliches Gedankengut in die Waagschale werfen.

Die Wahrheit ist ja: Er ist weder Gott noch Mann oder Frau.

Denn ein wirklicher Mann ist in Wahrheit auch Frau.

Für mich spielt er eine Rolle, die ich mit den Worten einer von mir geschätzten Frau ausdrücke: Der letzte Walzer des Tyrannen.

Vielleicht ist es der letzte Walzer des letzten Tyrannen, weil der Menschheit die Augen aufgehen und sie kapiert, was Männer dieses Schlages anrichten.

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