Über wahre Liebe, gegen allen Gender-Trend und ein göttlicher One-Night-Stand: Goethes Ballade „Der Gott und die Bajadere“. Hinreißend.

Ja, ich finde diese Ballade hinreißend, obwohl die Kritik an ihr wahrlich laut war und ist, ist der Gott Shiva – hier Mahadöh genannt – doch scheinbar der reine Macho, eine Frau wieder einmal von einem Mann abhängig und so dumm, für ihn noch in die Flammen zu springen. Dass dann der Mann noch als der große Retter auftritt: passt! – Wenn man die Ballade so sieht, was nicht wenige tun, versteht man ihren tieferen Sinn nicht und kann vor allem eine große Liebe, nur weil man auf das Gender-Streaming abfährt, nicht  annehmen [wenn ein Mann ins Feuer spränge und eine Göttin ihn rettete, wäre alles, logisch, ganz anders und völlig in Ordnung … wirklich doof, diese Gender-Klischees].

HIer zunächst die Ballade, wobei vorab auf ihre auffallende und, wie ich finde, geniale metrische Gestaltung aufmerksam gemacht sein soll. Goethe hat jede Strophe nämlich zweigeteilt, in einen vierhebig-trochäisch gestalteten Teil mit alternierend männlich und weiblicher Reimendung, und einen dreihebig-daktylisch (bis auf Strophe 4 mit Auftakt) gestalteten, was bewirkt, dass beide Teile, fast möchte man sagen, gegeneinanderlaufen; der Rhythmuswechsel bewirkt ein Aufmerken durch ein kurzes Innehalten; es ist, als ob Mann und Frau sich begegnen, die doch gar nicht zueinander passen wollen, ein Gott und eine Tempeltänzerin, eine Bajadere. Deren Berufsauffassungen waren breit gefächert – die Goethes allerdings wird nicht von ungefähr als verloren bezeichnet:

Der Gott und die Bajadere.
Eine indische Legende.

Mahadöh, der Herr der Erde,
Kómmt heráb zum séchstenmál,
Daß er unsers gleichen werde,
Mit zu fühlen Freud und Quaal.
Er bequemt sich hier zu wohnen,
Läßt sich alles selbst geschehn,
Soll er strafen oder schonen,
Muß er Menschen menschlich sehn.
   Und hát er die Stádt sich als Wándrer betráchtet,
   Die Großen belauert, auf Kleine geachtet,
   Verläßt er sie Abends um weiter zu gehn.

Als er nun hinausgegangen
Wo die letzten Häuser sind,
Sieht er, mit gemahlten Wangen,
Ein verlohrnes schönes Kind:
Grüß dich Jungfrau! – dank der Ehre
Wart, ich komme gleich hinaus –
Und wer bist du? – Bajadere!
Und dies ist der Liebe Haus.
   Sie rührt sich die Cymbeln zum Tanze zu schlagen,
   Sie weiß sich so lieblich im Kreise zu tragen,
   Sie neigt sich und biegt sich und reicht ihm den Strauß.

Schmeichelnd zieht sie ihn zur Schwelle,
Lebhaft ihn ins Haus hinein.
Schöner Fremdling, lampenhelle
Soll sogleich die Hütte seyn,
Bist du müd’, ich will dich laben,
Lindern deiner Füße Schmerz;
Was du willst das sollst du haben
Ruhe, Freuden oder Scherz.
   Sie lindert geschäftig geheuchelte Leiden,
   Der Göttliche lächelt, er siehet, mit Freuden,
   Durch tiefes Verderben ein menschliches Herz.

Und er fordert Sclavendienste
Immer heitrer wird sie nur,
Und des Mädchens frühe Künste
Werden nach und nach Natur.
Und so stellet nach der Blüthe
Bald und bald die Frucht sich ein,
Ist Gehorsam im Gemüthe
Wird nicht fern die Liebe seyn.
   Aber sie schärfer und schärfer zu prüfen
   Wählet der Kenner der Höhen und Tiefen
   Lust und Entsetzen und grimmige Pein.

Und er küßt die bunten Wangen
Und sie fühlt der Liebe Quaal,
Und das Mädchen steht gefangen,
Und sie weint zum erstenmal,
Sinkt zu seinen Füßen nieder
Nicht um Wollust noch Gewinnst,
Ach und die gelenken Glieder
Sie versagen allen Dienst.
   Und so zu des Lagers vergnüglicher Feyer,
   Bereiten den dunklen behaglichen Schleyer
   Die nächtlichen Stunden das schönste Gespinnst.

Spat entschlummert unter Scherzen,
Früh erwacht nach kurzer Rast,
Findet sie an ihrem Herzen
Todt den vielgeliebten Gast,
Schreyend stürzt sie auf ihn nieder,
Aber nicht erweckt sie ihn,
Und man trägt die starren Glieder
Bald zur Flammengrube hin.
   Sie höret die Priester, die Todtengesänge
   Sie raset und rennet und theilet die Menge.
   Wer bist du? was drängst du zur Grube dich hin?

Bey der Bare stürzt sie nieder,
Ihr Geschrey durchdringt die Luft:
Meinen Gatten will ich wieder!
Und ich such ihn in der Gruft.
Soll zu Asche mir zerfallen
Dieser Glieder Götterpracht?
Mein! er war es, mein vor allen!
Ach! nur eine süße Nacht!
   Es singen die Priester: wir tragen die Alten,
   Nach langem Ermatten und spätem Erkalten,
   Wir tragen die Jugend, noch eh sies gedacht.

Höre deiner Priester Lehre:
Dieser war dein Gatte nicht,
Lebst du doch als Bajadere,
Und so hast du keine Pflicht.
Nur dem Körper folgt der Schatten
In das stille Todenreich
Nur die Gattin folgt dem Gatten
Das ist Pflicht und Ruhm zugleich.
   Ertöne Trommete zu heiliger Klage
   O! nehmet ihr Götter die Zierde der Tage,
   O! nehmet den Jüngling in Flammen zu euch.

So das Chor, das ohn Erbarmen
Mehret ihres Herzens Noth,
Und mit ausgestreckten Armen
Springt sie in den heißen Tod,
Doch der Götter-Jüngling hebet
Aus der Flamme sich empor,
Die Geliebte mit hervor,
   Es freut sich die Gottheit der reuigen Sünder,
   Unsterbliche heben verlohrene Kinder
   Mit feurigen Armen zum Himmel empor.

Goethes Strophen haben interessante literarische Bezüge: Wie das Hohelied Salomos, das eine unsterbliche Liebe zwischen Salomo und Sulamith besingt, sind die großen Liebenden dieser Ballade fern jeglicher Ehe, also unverheiratet und passen sehr wenig in eine bürgerlich-kirchliche Norm von Liebe. Noch dazu weiß der Gott ja, dass er sich auf nur eine Liebesnacht einlässt – halt ein Heide, was kann man da schon erwarten :-)

Ich weiß nicht, ob der einstmals so große Brecht – seltsam, wie er nach dem Mauerfall in der Senke germanistischer Aufmerksamkeit verschwunden ist; es ist, als ob die Germanistik und die literarisch interessierte Öffentlichkeit sich schäme, ihm einstmals so viel Aufmerksamkeit geschenkt zu haben – für sein Theaterstück Der gute Mensch von Sezuan durch Goethe angeregt worden ist, denn auch in  jenem kommt das Göttliche – bei Brecht sind es drei Götter – auf die Erde, um einen guten Menschen zu suchen. Dass sie schon nach oben abhebend und regnieren wollend  doch noch einen finden, das Freudenmächen Shen Te, macht in gewisser Weise den Reiz der Handlung aus, die natürlich Brechts Klischee transportieren muss, dass Shen Te eben ohne Geld nicht gut sein kann, sonst wäre sie es natürlich. Obwohl ich Brechts Auffassung – Gutsein geht eben nur mit Geld – trivial und trivial-marxistisch finde – wobei Marx gewiss auch Bemerkenswertes erkannt hat -, ist dieses Stück in seiner ideenreichen Gestaltung meines Erachtens durchaus ein Höhepunkt deutschsprachigen Theaters. Jedenfalls lehnt es sich inhaltlich an Goethes Ballade an, die ja ebenfalls dramatische Züge enthält, denkt man nur an die Wechselrede in der zweiten Strophe zwischen Mahadöh und der namenlosen Tempeltänzerin, die er mit „Grüß dich, Jungfrau“ anspricht, worauf sie in ihren ersten beiden Worten fast gretchenhaft antwortet:“Dank der Ehre / Wart, ich komme gleich hinaus“ . . . 

Auch hier, wie schon in der ersten Strophe und in den folgenden, nimmt der daktylische Teil einen distanzierten Blick auf das Geschehen. Seine Bedeutung gewinnt er vor allem in der vorletzten und letzten Strophe, indem die Einstellung der bigotten Priesterschaft als lieblos und normiert gekennzeichnet wird und die abschließenden Zeilen mitteilen: Es geht nicht um religiöse Gesetzlichkeiten und Normerfüllungen – das Tempelmächen kann dem Mann nicht in die Flammen folgen, ist sie doch nicht seine Gattin -, sondern um des Menschen Bewährung in Liebe. Die Bajadere, die aufgrund ihres Berufes, eben ihres Dirnendaseins als Sünderin bezeichnet wird, zeigt, dass sie zu wahrer Liebe fähig ist. Oberflächlich gesehen hat sie offensichtlich ihren Berufsstand sehr großzügig und wenig moralisch ausgelegt, biederte sie sich doch sogleich dem Fremden zu Beginn der Ballade an; doch zeigt ihr Herz eine Tiefe, die vielen Moralaposteln und priesterlichen Pharisäern fehlt: Sie ist zu wahrer Liebe fähig, wohl auch, weil ihr Herz sich an der göttlichen Liebe entzünden kann.

Sich an der Liebe entzünden und an der Größe einer Seele, das konnte Goethe, weshalb er sich so oft verliebte. Liebe war, auch wenn er seine Frau wahrlich liebte, wiewohl er sie zum Teil nach außen hin etwas bis ziemlich schoflig behandelte, für Goethe kein einmaliges Geschehen; in wieviel Frauen hat er sich nicht verliebt und wie vielen jungen Damen und Frauen verdanken wir nicht die schönsten Liebesgedichte, man denke nur an Friedrike Brion, an Frau von Stein oder an die 17-jährige Ulrike von Levetzov; man möchte fast sagen, es ist ein Kennzeichen von Liebe, dass sie immer wieder hoch auflodert, was ja nicht ausschließt, dass sie einem Menschen treu ist. Wie schon das Hohelied Salomos einer bigotten Moral eine Absage erteilt, so tut es Goethe auch in seiner letzten Strophe, indem der Gott sich zu der Liebe des Freudenmädchens, sie aus den Flammen rettend, bekennt. Freunde hat sich Goethe mit diesem Finale furioso nicht unbedingt gemacht, aber da stand bereits in jungen Jahren der große Alte schon immer drüber; er wusste um seine Größe, er wusste auch, dass der Mensch zwei Seiten hat, weshalb er mit seinem mephistophelischen, den manche so sehr in sich leugnen, recht gut umgehen konnte. Sicherlich war auch nicht wenigen der ausführliche amouröse Mittelteil der Ballade ein Dorn im Auge und die Tatsache, dass die beiden sich doch offensichtlich einiges mitzuteilen hatten, weshalb sie spät entschlummerten.

Fest steht, dass dieses Mädchen in dieser Nacht ein Stück Ewigkeit erlebte, indem sie (bereits in Strophe 5) zusammensinkend erahnt, was in ihr vorgeht und dass sie es – was Liebe in ihrer wahren Form immer ist – mit einer höheren Macht zu tun hat, einer göttlichen Liebe. Bereits hier geht es ihr Nicht um Wollust noch Gewinnst. Mehrfach wird sie, wie wir lesen, im Verlauf der Nacht weinen.

Gerade jene, die unbarmherzige Urteile fällen, wären wohl nie, wozu das Mädchen aufgrund ihres Herzens fähig war, in der Lage gewesen, Göttliches zu erkennen. Es ist ja leider ein Kennzeichen der Menschheit, dass sie Göttliches, auch wo es in einfachen, schlichten Gestalten und Formen auftritt, nicht (mehr) erkennt. Deshalb ist es so wertvoll, wenn uns ein Mädchen wie diese namenlose Bajadere und ihr Schicksal berührt. Sie ist Gott näher als wohl die meisten berufsbedingten Liebesexperten, auch Priester genannt, und Vielwisser dieser Erde.

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aus aktuellem Anlass: Nach 14 Jahren Deutschland und ehrenamtlicher Tätigkeit hier sitzt eine ugandische Frau in Abschiebehaft – bitte Petition unterschreiben!

zur Petition: hier

aus der Petition:

Am Mittwoch Abend, den 29. August 2018, um 22h ist Adet nach 14 Jahren in Deutschland in Abschiebehaft gekommen und soll nach Uganda abgeschoben werden.
Adet wurde sofort nach der Verhandlung beim Verwaltungsgericht Bayreuth,
bei der negativ über ihr Aufenthaltsrechtsgesuch beschieden wurde, festgenommen und zum Flughafen gebracht, um abgeschoben zu werden.

Wir sind zutiefst schockiert über diese menschenunwürdige und brutale Praxis des Freistaats Bayern. Adet lebte jahrelang in Bayreuth, hat sich dort ehrenamtlich bei „Bunt statt Braun – gemeinsam stark für Flüchtlinge e.V.“ engagiert und war außerdem bundesweit als glokal-Bildungsreferentin tätig und gab in diesem Rahmen rassismuskritische Seminare und Workshops. Wir möchten die hinterhältige Abschiebepraxis des Freistaats Bayern öffentlich machen und fordern, unsere Freundin Adet freizulassen und ihren Antrag auf Aufenthalt anzuerkennen!

Das Schöffengericht zog sich zur „Beratung“ zurück, um kurz darauf zu
verkünden, dass dem Antrag auf Aufenthalt nach §25b NICHT stattgegeben
wird. Adet sowie ihre Kolleg*innen von „Bunt statt Braun“ waren
schockiert und planten, am Donnerstag, den 30.08.2018 mit der Caritas alles für
die Härtefallkommission vorzubereiten.
Doch als sie den Gerichtssaal verließen, standen vor der Tür bereits zwei
Polizeiautos sowie zwei Sicherheitsbeamte des Verwaltungsgerichts, mehrere
Polizisten und die drei Beamt*innen vom Ausländeramt Bayreuth-Stadt. Ein
Zivilbeamter forderte Immaculate Adet zum Mitkommen auf. Sofort
intervenierte ihre Anwältin und begleitete daraufhin ihre Mandantin. Anders
als im Asylrecht (wo die Ausstellung des Urteils ein paar Wochen dauert),
kann im hier angelegten Ausländerrecht SOFORT abgeschoben werden.

Diese Vorgänge weisen darauf hin, dass die Ablehnung ihres Gesuchs bereits
vor dem eigentlichen Urteilsspruchs beschlossen und organisiert worden war.

PS: Bayern geht es mit Fällen wie dem von Adet darum, seine Abschiebestatistik aufzuhübschen, denn das Seehofer-Söder-Land will natürlich das Bundesland mit den meisten Abschiebungen sein. – Das ist der politische Hintergrund, denn auf der menschlichen Ebene spottet das Verfahren ja jeder Beschreibung. Man sollte der SU ihr C sperren und eigentlich das S auch. – Leider ist es nun einmal auch so, dass je nach Konstellation Schöffen sich durchaus von einem geschickten Richter beeinflussen lassen („es zählt das Gesetz, nicht Ihr menschliches Gefühl …“); vielleicht kam das hier noch hinzu.

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Was Hölderlin ahnte, Rilke wusste und Mikhaël Aïvanhov offenlegt: Herbst ist die Zeit des Eigentums – nur ein geschützter Herd ist Goldes wert.

Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf das Herbstgedicht Hölderlins, Mein Eigentum, und auf Rilkes Herbsttag, die ich beide an anderer Stelle unter anderen Gesichtspunkten interpretiert habe (siehe die vorausgehenden Verlinkungen); hier jedoch möchte ich Tiefergehendes ansprechen und ziehe zur Verdeutlichung Aïvanhovs Buch der göttlichen Magie hinzu, wissend, dass die Gegenwart des bulgarischen Philosophen und spirituellen Lehrers den ein oder anderen abschrecken wird, was in unserer Zeit allerdings die Wahrheit des von ihm Gesagten eher bestätigen mag. Aïvanhov schreibt auf den letzten Seiten seines Buches Folgendes – und ich schicke es der Annäherung an Hölderlins Verse deshalb voraus, weil es, deren Tiefgang zu verstehen, erleichtert:

Aus der Beobachtung der Natur heraus können wir feststellen, daß sich jede Kreatur eine Wohnstätte aussucht und sie verteidigt. Die Vögel bauen Nester, alle anderen Tiere haben ein Schlupfloch oder irgendein Versteck. Wenn ein anderes Tier sich anmaßt, ihren Platz zu beanspruchen, schlagen sie drauflos. Ja, aufpassen, Privatbesitz! In jeder Kreatur fördert die kosmische Intelligenz das Bedürfnis, sich ein eigenes Plätzchen im Universum vorzubehalten; die anderen sind nicht berechtigt, es in Anspruch zu nehmen; die kosmische Intelligenz hat es so geplant, damit alle Kreaturen in Frieden und Ruhe schaffen und ihre Nachkommenschaft zur Welt bringen können. Das ist ein Gesetz.

Jedes Wesen ist also von Natur aus berechtigt, eine eigene Wohnstätte zu besitzen. Dieses gilt für die sichtbare wie auch für die unsichtbare Welt. Im unbegrenzten Weltraum hat jeder Geist einen ihm vorbehaltenen Platz. Jede Wesenheit auf der spirituellen Ebene bewohnt einen festgelegten Ort, der durch bestimmte Vibrationen, bestimmte Farben  oder durch ein besonderes Kennzeichen geschützt wird: Wer nicht mit bestimmten Vibrationen ausgestattet ist, hat keinen Zugang; folglich bleiben Störungen ausgeschlossen.

Im Folgenden weist Aïvanhov darauf hin, dass Menschen, die darum wussten, sich durch das Anzünden von Kerzen und das Einbeziehen von Symbolen – wir finden das z.B. auch in Goethes Faust in der Verwendung des Pentagramms – oder das Niederschreiben eines heiligen Namens, um den ein Kreis gezogen wurde, zu schützen vermochten. Deshalb auch hat man früher Kräuterbüschel – unter anderem das Johanniskraut, ein Vertreiber von Teufelsgeistern – an die Haustüre gehängt (heute denken viele, dass die damals halt  ein bisschen gesponnen hätten) – und ebenfalls damit hat zu tun, dass ein Priester zu Beginn einer Messe eine oder mehrere Kerzen anzündet. Auch Kafka wusste um diese Symbolik, wenn Josef K. in seinem Roman Der Prozess vom Gefängniskaplan ein Licht überreicht bekommt, als jener ihm die Türhüterlegende erzählt, die ihm hätte ein Schlüssel zur rettenden Erkenntnis sein können.

Aïvanhov fährt fort:

Wenn ihr eine Kerze verwenden müßt, wäre es empfehlenswert, sie vorher einer bestimmten Idee oder einer göttlichen Wesenheit zu widmen, z.B. der Göttlichen Mutter, dem Himmlischen Vater, dem Heiligen Geist, der Universellen Seele, dem Erzengel Michael … In der unsichtbaren Welt wird die Flamme dieser Kerze zu einer Lichtschranke um euch herum.

Überall, wo Menschen leben, gehen unbemerkt Millionen, sogar Milliarden von Wesenheiten hin und her. Tut ihr nichts, um euch gegen die niedrigen Wesenheiten zu schützen, so werden diese vor einer offenen Tür nicht zögern und ungebeten eintreten, euch bestehlen oder weiteren Schaden anrichten. Ihr könnt euch dann nicht bei der göttlichen Gerechtigkeit beklagen (…) Ist euer Weingarten nicht eingezäunt, dann ist es kein Wunder, dass sich andere an euren Trauben laben.

Genauso steht es mit eurem Herzen, eurer Seele, eurem Geist: Bleiben sie ungeweiht Wind und Wetter ausgesetzt, sind sie nicht von einer Lichtschranke umgeben, so werden die unerwünschten Geister der Finsternis dazu berechtigt, Schaden zu stiften und sich all eurer Schätze zu bemächtigen. (…) In sich selber birgt der Mensch die notwendige Kraft, den Geistern der Finsternis nein zu sagen, ihnen Widerstand zu leisten; wenn er es nicht tut, wird niemand anderes für ihn da sein (…) Alles hängt  vom Besitzer, vom Hausherrn ab. Sein Entschluss ist auschlaggebend. Die Engel und Erzengel haben kein Recht, sich ohne unsere Zustimmung in uns niederzulassen; Gewalt wenden sie nie an. Die anderen  hingegen, die unter dem Zeichen der Gewalt geboren wurden [gemeint sind die niederen Geister; J.K.], lassen sich nicht einschüchtern und nisten sich gewaltsam ein.

Die lichtvollen Geister sind voller Ehrfurcht und warten, bis sie gebeten werden einzutreten; dagegen sind die Geister der Finsternis keck und respektlos.

Aïvanhovs Aussagen vermitteln zugleich, dass es sich viele religiös bzw. spirituell orientierte Menschen zu leicht machen; sie legen sich auf den Rücken und stammeln: Hilf mir, Herr. Wenn dann der Herr nicht hilft, beschweren sie sich vorwurfsvoll, stundenlang gefleht und gebetet zu haben, doch geholfen habe er nicht. – So einfach aber ist es nicht, denn es gilt, selbst eine geistige Tat zu tun (und eine einmalige sehr bewusste ist wesentlich besser als eine stundenlange Stammelei), die sogar eine ganz physische sein kann, indem man eine Kerze anzündet oder ein Pentagramm – das Symbol des wahren Menschen unserer Bewusstseinsstufe – malt und richtig aufhängt. Manche halten solches Tun für verwerfliche Magie, ohne zu wissen, dass Menschen sie seit Jahrtausenden praktizieren, leider in der Vergangenheit oft schwarzmagisch wesentlich effektiver als weißmagisch, wie wir es von Hitler und den Faschisten, auch den zeitgenössischen, wissen. Ihre Rituale und Symbole sind schwarzmagisch leider sehr effektiv, man denke  nur an die Verwendung der Swastika, eines eigentlich heiligen Symbols der Hindus.

Gott sei Dank gilt diese Wirkkraft auch für die wahre Magie, die weiße, die nichts anderes zur Voraussetzung hat als ein aufrichtiges Hingewendetsein zu Gott.

Wie sehr Hölderlin darum wusste, zeigt die letzte Strophe seines Gedichtes Mein Eigentum:

Ihr segnet gütig über den Sterblichen,
Ihr Himmelskräfte! jedem sein Eigentum,
……O segnet meines auch, und daß zu
………Frühe die Parze den Traum nicht ende.

Wir lesen aus diesen Zeilen das Bewusstsein, dass jedem SEIN Eigentum zusteht und dass die Himmelskräfte es zu segnen, mithin zu schützen vermögen. Dass das Bewusstsein Hölderlins tiefer geht, als diese Zeilen vermitteln, möchte ich im Folgenden darlegen, aber auch, warum ich glaube, dass es noch nicht tief genug ging, jedenfalls nicht so tief, wie es heutigen Menschen gegebenenfalls möglich ist.

Ich vermute, dass Rilke manches mental bewusster war als Hölderlin. Er wusste wie jener, dass man spätestens im Herbst sein Haus gebaut haben muss, denn es heißt in Herbstag, 1902 in Paris verfasst, nicht von ungefähr, resolut geschrieben:

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Im Winter zur Ruhe zu kommen, ja still für die Stille Nacht, setzt voraus, im Herbst nach Hause zu gelangen, wenn die Natur nicht von ungefähr sich nach innen kehrt. Rilke allerdings hat sich Zeit seines Lebens nie ein materielles Haus gebaut, nie eine Wohnung wirklich sein Eigen genannt; vielleicht blieb er seelisch-geistig immer auf der Suche, kam innerlich nie wirklich zur Ruhe, was sich meines Erachtens in seiner letzten Schaffensperiode vor allem aus dem Inhalt der Duineser Elegien ergibt, wobei ich mir nicht anmaße, das letztendlich beurteilen zu können. Doch wie die Leser dieser Seiten wissen, habe ich wiederholt darauf verwiesen, dass Rilke sich im Grunde Zeit seines Lebens okkulten Praktiken hingab, was auch mit seiner engen Beziehung zur Gräfin von Thurn und Taxis zusammenhing, die auf diesem Gebiet sehr aktiv war und immer wieder Séancen veranstaltete. Weil die deutsche Germanistik auf diesem Auge total blind ist und die meisten Philologen von diesem Gebiet nichts wissen wollen, oft aus einer intellektuellen Arroganz allem Spiritistischen gegenüber (oder aus klammheimlicher Angst, diesem Gebiet mit ihrem Intellektuallismus nicht gewachsen zu sein), ist im Grunde nie darüber geschrieben worden; nur einer hat dies meines Wissens getan, wissenschaftlich ausgesprochen seriös und ausführlich, Gissli Magnusson, und was er in seiner Arbeit schreibt – hier zwei Auszüge – war für mich in gewisser Weise erschütternd im Hinblick auf Rilke.

Ich vermisse gerade in dessen letzter Schaffensperiode eine Gewissheit um eine spirituelle Heimat. – Das ist leichter gesagt als vollbracht und niemand unterstelle mir, ich würde mir anmaßen, mich über Rilke zu stellen oder ein dezidiertes Urteil abgeben zu können. Ich nehme allerdings an, dass dessen Heimatlosigkeit, mit seinem okkulten Engagement zusammenhängt. Dieses Engagement ist in der Lage, die Seele auf einer spirituell niederen Ebene festzuhalten, denn niemand, der sich solchen Praktiken hingibt – und das gilt auch für das Pendeln oder Kartenlegen – weiß, mit wem er es auf einer jenseitigen Ebene zu tun hat.

Rilke hat in einem Ausmaß ein Leben lang Gott gesucht, wie ich es für mich nicht beanspruchen kann; allerdings aber verleugnete er auch in gewisser Weise Jesus, und damit Christus; zumindest in seinem frühen Schaffen; einen diesbezüglichen Bewusstseinswandel habe ich leider bei ihm nirgendwo angedeutet gesehen. Für sein für mich nicht einsichtiges Inneres mag ich dennoch nicht unbedingt annehmen, nicht annehmen wollen, dass er eine sohn-lose Position – wie es seine frühen Äußerungen nahelegen – ein Leben lang unbedingt aufrecht erhielt. Es wäre tragisch, denn wenn der Göttliche Vater keinen Sohn kennt, gibt es auch kein Wirksamsein des Heiligen Geistes und damit kein Wirken in dessen Namen, mithin kein bewusst spirituelles menschliches Wirken. Das aber widerspricht den Aussagen des Neuen Testamentes.

Ich schreibe das auch, um darauf zu verweisen, dass man ein trinitarisches Bewusstsein ernst nehmen sollte; dieses unterscheidet das Christentum fundamental vom Islam, der für mich ein Gegenentwurf zum Christentum ist (wobei ich sicher bin, dass nicht wenige Muslime, ohne es zu wissen, in ihrem Bewusstsein den Sohn zulassen, an den zu glauben ihnen eigentlich ihr Allah im Koran bei Strafe untersagt. – Ich bin mir allerdings sicher, dass in Zukunft sich sowohl im Politischen die Parteien als auch im Religiösen die Religionen auflösen werden zugunsten eines offeneren menschlicheren Bewusstseins, eines geistigeren Bewussteins, das die unschönen Grabenkämpfe poltischer Parteien ausschließt und die der Religionen; von daher sollten wir uns auf gewisse Probleme nicht zu sehr kaprizieren; das würde mögliche Entwicklungen nur behindern).

Für die oben angesprochene Thematik, der sich Aïvanhov nicht von ungefähr sein Buch zur Göttlichen Magie beschließend, zuwendet, ist wichtig zu bemerken, dass Hölderlin sein Herbstgedicht Mein Eigentum überschreibt; diese Überschrift ist kein Zufall.

Ich gebe im Folgenden zunächst die ersten fünf Strophen wieder:

Mein Eigentum

In seiner Fülle ruhet der Herbsttag nun,
Geläutert ist die Traub und der Hain ist rot
……Vom Obst, wenn schon der holden Blüten
………Manche der Erde zum Danke fielen.

Und rings im Felde, wo ich den Pfad hinaus,
Den stillen, wandle, ist den Zufriedenen
……Ihr Gut gereift und viel der frohen
………Mühe gewähret der Reichtum ihnen.

Vom Himmel blicket zu den Geschäftigen
Durch ihre Bäume milde das Licht herab,
……Die Freude teilend, denn es wuchs durch
………Hände der Menschen allein die Frucht nicht.

Und leuchtest du, o Goldnes, auch mir, und wehst
Auch du mir wieder, Lüftchen, als segnetest
……Du eine Freude mir, wie einst, und
………Irrst, wie um Glückliche, mir am Busen?

Einst war ichs, doch wie Rosen, vergänglich war
Das fromme Leben, ach! und es mahnen noch,
……Die blühend mir geblieben sind, die
………Holden Gestirne zu oft mich dessen.

Für den inhaltlichen Schwerpunkt dieses Beitrags ist ein genaueres Verständnis dieser Strophen nicht zwingend wichtig und ich habe aus Gründen der Überschaubarkeit Ausführungen zu ihnen ausgelagert; wer mag, kann hier Gedanken von mir zu ihnen  lesen. Festzuhalten bleibt, dass obiger Teil der Ode mit einer spürbaren Verunsicherung endet, mit dem Wissen um den Verlust einer Liebe; das Wörtchen fromm hat uns die Dimensionen des Verlusts auf dem Hintergrund von Goethes Marienbader Elegie aufgezeigt, wie ich an der verlinkten Stelle ausgeführt habe.

Die Strophen 6 – 13 sind es, die mich vor allem im Hinblick auf unsere Thematik, der des Eigentums und des Herdes innerlich berühren und bewegen. Heimischer Herd ist Goldes Wert, heißt es, und immer wieder wird darauf verwiesen, dass zumindest in früheren Zeiten der Herd Zentrum des Hauses war, ein Mittelpunkt, um den sich gerade im Winter Menschen so gern versammelten.

Im Geistigen ist die Sonne unser Herd. Sie ist unsere Wärmequelle und nicht von ungefähr kommt Christus aus der Sonne. Ob uns das bewusst ist, ob es Hölderlin bewusst ist, darauf kommt es nicht einmal so sehr an; denn es ändert an der Tatsache nichts. Umso aufschlussreicher ist, was Hölderlin schreibt:

Beglückt, wer, ruhig liebend ein frommes Weib,
Am eignen Herd in rühmlicher Heimat lebt,
……Es leuchtet über festem Boden
………Schöner dem sicheren Mann sein Himmel.

Denn, wie die Pflanze, wurzelt auf eignem Grund
Sie nicht, verglüht die Seele des Sterblichen,
……Der mit dem Tageslichte nur, ein
………Armer, auf heiliger Erde wandelt.

Zu mächtig, ach! ihr himmlischen Höhen, zieht
Ihr mich empor, bei Stürmen, am heitern Tag
……Fühl ich verzehrend euch im Busen
………Wechseln, ihr wandelnden Götterkräfte.

Doch heute laß mich stille den trauten Pfad
Zum Haine gehn, dem golden die Wipfel schmückt
……Sein sterbend Laub, und kränzt auch mir die
………Stirne, ihr holden Erinnerungen!

Und daß mir auch, zu retten mein sterblich Herz,
Wie andern eine bleibende Stätte sei,
……Und heimatlos die Seele mir nicht
………Über das Leben hinweg sich sehne,

Sei du, Gesang, mein freundlich Asyl! sei du,
Beglückender! mit sorgender Liebe mir
……Gepflegt, der Garten, wo ich, wandelnd
………Unter den Blüten, den immer jungen,

In sichrer Einfalt wohne, wenn draußen mir
Mit ihren Wellen allen die mächtge Zeit,
……Die Wandelbare, fern rauscht und die
………Stillere Sonne mein Wirken fördert.

Ihr segnet gütig über den Sterblichen,
Ihr Himmelskräfte! jedem sein Eigentum,
……O segnet meines auch, und daß zu
………Frühe die Parze den Traum nicht ende.

Bei umfassender Betrachtung müsste man auf das Wortfeld des Lichtes und des Himmlischen eingehen, auf die Tatsache, dass Hölderlin vom Himmel schreibt – das kann bei ihm auch den griechischen Gott Uranos betreffen; er spricht jedenfalls nicht von Gott oder Christus, ein Bezug, den er in seinen späten Hymnen, z.B. der Friedensfeier, sehr bewusst herstellt -, dass er, von Himmels- und Götterkräften sprechend, sich möglicher- wenn nicht wahrscheinlicherweise also auf die Götter vor allem Griechenlands, die ihm so wichtig waren, bezieht und nicht auf den Einen; man müsste eingehen auf eines seiner am häufigsten verwendeten Wörter, wenn er von Stille oder still spricht, ein Zustand, der dem Theologen und Bibelkenner Hölderlin so wichtig ist (durch Stillesein und Hoffen werdet ihr stark sein), wenn auch Gott David in Psalm 23 nicht, wie Luther befremdlicherweise übersetzt, zum frischen Wasser führt, sondern zum stillen, also zu einen Ort der Ruhe, an dem es möglich ist, den Himmel sich im Wasser, in der Seele spiegeln zu sehen.

Es fällt neben dem Wortfeld des Lichtes und des Leuchtens eines auf, das der Seele Hölderlins ganz offensichtlich noch bedeutsamer ist. Da ist von dem Herd die Rede, von festem Boden (und in diesem Zusammenhang vom sicheren Mann), vom eignen Grund und der bleibenden Stätte und dem Gesang als Asyl – mit ásylos ist im Griechischen ein Ort der Zuflucht gemeint -, vom Garten und vom eigenen Eigentum, das ein Wohnen in sicherer Einfalt ermöglicht.

Wie drängend muss Hölderlin dies als Anliegen gewesen sein, dass er zu einer solchen Häufung von Synonyma für ein sicheres Zuhause und Heimat greift und gewiss scheint mir zu sein, dass die ersten Strophen, die so viel Gelassenheit und Ruhe suggerieren, nicht so sicher erscheinen lassen, dass der existentielle Verlust Diotimas/Susettes  überwunden ist, worauf auch das Gedicht Palinodie, das wohl nur wenig später entstanden ist, mit seinem durchaus verzweifelten Unterton verweist.

Ja, das weitere Leben Hölderlins verweist uns darauf, dass er kein Haus, kein Seelenhaus sich hat bauen können; die Zeit seiner Seelenkrankheit dämmert 1799 schon am Horizont herauf.

Was aber bedeutet dieses Gedicht, auch das Rilkes und was bedeuten die Worte Aïvanhovs für uns?

Dass wir bewusster unseren Herd schützen, unser Haus.

Dass wir bewusster schauen, wer auf welche Weise einzudringen versucht. Da sind nicht nur mediale Gefährlichkeiten – jeder Mord im Fernsehen, die vulgäre Sprache eines Jan Böhmermann oder einer Carolin Kebekus schaden uns -; nein, es sind auch unsere so belanglos dahingesprochenen Worte, die wir sprechen, damit etwas gesagt ist, und die Negatives in uns verstärken; Worte von Bezugspersonen, die Negatives beschwören. Das hat nichts damit zu tun, das unser Gegenüber oder wir Dunkles benennen, um es uns zur Klarheit zu bringen und damit seiner Wirkung zu berauben – das halte ich für notwendig -, sondern es hat damit zu tun, dass wir und unsere Gesllschaft uns angewöhnt haben, Dinge, die destruktiv sind, schallplattenhaft und oft bis zum Erbrechen zu wiederholen. Wie oft reiht sich eine Sendung im Fernsehen an die andere über ein bedrückendes Ereignis. All das dringt in unser Haus ein und es wundert nicht, dass mancher Herd nur noch raucht und so viele innerlich nicht mehr klar atmen, sondern vor allem husten.

Bei Hölderlin ist mir einfach auffallend, dass er, obwohl doch ausgebildeter Theologe und sich von Schelling und Hegel, die Tübinger Stiftszeit beendend, auf die gemeinsame Losung Reich Gottes verständigt habend, dennoch immer und immer wieder von den Göttern spricht, damit nicht die Engelhierarchien meinend, wie zum Beispiel die Elohim, die Luther in der Schöpfungsgeschichte einfach mit Gott übersetzt, sondern die vorchristlichen Götter, die ja immer noch wirken – nach wie vor könnte es die Energie des Zeus geben, der womöglich den Menschen immer noch nicht das Feuer gönnt (ich will ihn nicht festlegen, auch Götter entwickeln sich, in welche Richtung auch immer).

Wie die Pflanze bedarf die menschliche Seele eines sicheren Ortes, eines Asyls – es bedeutet im Griechischen auch Heim  -, sonst droht sie zu verglühen, gerade angesichts der Attacken aus geistigen Regionen, die eben nicht nur Himmelblaues bereit halten.

Kein Wunder, dass Hölderlin vom frommen Weib und eigenen Herd spricht, ein Familienbild malend, das Schiller in seinem Lied von der Glocke fast zeitgleich noch  umfassender ausmalen wird (Und drinnen waltet / Die züchtige Hausfrau / Die Mutter der Kinder, /  Und herrschet weise / Im häuslichen Kreise) und das an Werthers sehnsuchtsvolle Worte aus Goethes Briefroman nach Herd- und Familienidylle erinnert:

Es ist nichts, das mich so mit einer stillen, wahren Empfindung ausfüllte als die Züge patriarchalischen Lebens, die ich, Gott sei Dank, ohne Affektation in meine Lebensart verweben kann.
Wie wohl ist mir’s, daß mein Herz die simple, harmlose Wonne des Menschen fühlen kann, der ein Krauthaupt auf seinen Tisch bringt, das er selbst gezogen, und nun nicht den Kohl allein, sondern all die guten Tage, den schönen Morgen, da er ihn pflanzte, die lieblichen Abende, da er ihn begoß, und da er an dem fortschreitenden Wachstum seine Freude hatte, alle in einem Augenblicke wieder mitgenießt.

Ist das heute noch zeitgemäß?- Das lässt sich am besten mit den Worten einer Mutter, die sie mir gegenüber vor wenigen Jahren äußerte, beantworten, indem sie sagte: Ich bin froh, wenn ich wenigstens einmal in der Woche, am Samstag, alle an einem Tisch habe. – Nicht in allen Familien, aber in zu vielen, hat deren Auflösung schon längst stattgefunden. Das ist allerdings nicht nur dem Zug der Zeit, mithin dem Verlust traditioneller Werte zuzuordnen, sondern geschieht im Rahmen einer Veränderung menschlichen Bewusstseins. Der Herd der Zukunft ist nicht mehr der des Eigenheims; darauf legen Kinder und Jugendliche zunehmend weniger Wert, genauso, wie es für sie zunehmend weniger erstrebenswert ist, ein eigenes Auto besitzen zu müssen, vor 20 Jahren ein noch unvorstellbarer Einstellungswandel. Die Kinder der nachfolgenden Generationen denken nicht mehr in den Herdkategorien meiner bzw. unserer Generation. Das ist auch der Grund, warum viele Menschen politisch nach rechts rücken; sie spüren den Wandel und tun sich schwer, ihn mitzugehen oder blockieren ihn, nicht wissend, dass er  unaufhaltsam ist. Was sie allerdings auch nicht wissen, ist, dass diese Generation von Jugendlichen, die ich in den letzten Jahren meiner Zeit als Lehrer beobachtet habe, keineswegs, auch wenn sie weniger national denkt, ihr Zuhause und ihre Heimat nicht lieben; oder dass sie auf traditionelle Werte keinen Wert mehr legen – im Gegenteil. Meiner Beobachtung nach ist diese Generation, zumindest die gymnasiale, die mir zugänglich war, wertebewusster als die meisten Erwachsenen, die über den Werteverfall jammern, aber regelmäßig Essen wegschmeißen oder nach wie vor Plastiktüten kaufen, mit dem Auto zum Bäcker fahren und bei der Einkommenssteuererklärung schummeln! Ich kann auch keineswegs bestätigen, dass generell das Mobbing zunimmt. Ich habe im Gegenteil beobachtet, wie aufmerksam Jugendliche sehr oft miteinander umgehen. Es liegt nicht an ihnen, dass die kulturellen Werte verfallen und niemand mehr Goethes Iphigenie kennt, Homers Odyssee oder Die Kraniche des Ibykus, Schillers geniale Ballade. Nicht nur war es diese unglaubliche Schnapsidee eines G8, die Gott sei Dank zunehmend korrigiert wird – dank vieler Eltern, die, wo sie die Wahl haben, zumeist so eindeutig G9 für ihre Kinder wählen wie es eindeutiger kaum geht -, sondern auch, weil die Schule mit Aufgaben überladen wird, denen Grundlagenausbildung auf vielen Ebenen zum Opfer fällt. Gleichzeitig werden Kinder immer früher entkindlicht, indem sie einem zwanghaften Bildungsdenken der Erwachsenen unterworfen werden. Schrecklich!

Dessenungeachtet setzt sich die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins fort, und das denkt zunehmend weniger in althergebrachten Kategorien. Für Jugendliche ist es selbstverständlicher, mit einem Japaner zu chatten als es für einen Schwaben früherer Generationen möglich war, mit einem Badener zu sprechen oder einem Franken mit einem Bayer.

Was wird zukünftig die Wärme des Herdes sein, was wird an die Stelle des Eigentumswohnungs- oder Eigenheimherdes treten?

Es wird das Leben selbst sein. Die Wärme eines wirklich menschlichen Lebens. Ich glaube, dass nicht wenige Jugendliche auf dieses Ziel zusteuern und ich hoffe nicht, dass unsere Erde daran zugrunde gehen wird, dass zu viele Menschen, auch Jugendliche, diesen Schritt nicht mitvollziehen können.

Hölderlin deutet dieses Denken, diese Einstellung an, indem er die Himmlischen bittet, jedem sein Eigentum zu segnen, auch seines, und dass die Parze, die den Lebensfaden abschneidet, dies nicht zu früh tue, weil ihm sein Eigentum, sein Traum von Leben doch so wertvoll ist. – Bei genauem Hinsehen liest sich der Schluss in diesem Sinn: das wertvolle Eigentum ist eben nicht Besitz, sondern das eigene Leben, der Herd als Sonne unseres Inneren.

Wir sollten ihr viel mehr Achtsamkeit schenken, sie viel mehr schützen! – Dass der Traum nicht ende – die Möglichkeit eines bewussten menschlichen Daseins, das unserem Leben dann wahrhaft eigentümlich ist!

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Lernen wir Vertrauen! Eduard Mörikes Herbst-Perle „Septembermorgen“: Im Nebel ruhet noch die Welt …

SeptemberMorgen

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.

23 Jahre war Mörike alt, als er dieses Gedicht schrieb, das, wie manches seiner Perlen, ein Kosmos im Kleinen ist. Ungewöhnlich, dass ein junger Mann so virtuos malen kann. Denn das Gedicht ist weniger ein Gedicht als vielmehr ein Gemälde. Jede Zeile zaubert ein neues Bild vor unser Auge. Unser? Ja, einer der Mittel, deren sich der jugendliche Dichter bedient, ist, dass er dich und mich anspricht. Dass das so wirken kann, wie es wirkt, ist, dass man spürt: Mörike spricht auch und vor allem Eduard selbst an. Eigentlich schreibt er das Gedicht für sich, malt es für sich, auch diesen verhaltenen Beginn. Man erkennt ihn daran, dass bis zur Hälfte nicht ein einziges Adjektiv auftaucht. Dadurch kann eine schlichte Alliteration wie in Wald und Wiesen, verstärkt noch durch das W in Welt, ihre Wirkung entfalten, und ein wieder aufgenommenes Noch bestimmt das Tempo, das sich mit dem Bald zu Beginn des dritten Verses schon zu steigern beginnt, eine Erwartung aufbauend, mit einer Konjunktion, dem wenn, die wie so oft changiert zwischen einem temporalen Sinn – ist mit ihr der Zeitpunkt angesprochen? – und einem konditionalen – ist das Fallen des Schleiers die Bedingung, dass die Bühne freigegeben wird?

Beides ist der Fall, wir leben unter den Bedingungen der Zeit, eigentlich auch das Thema dieses Gedichtes.

Wer gibt die Bühne frei?

Gern ist Mörike auch religiös, religiös im kirchenfreien Raum seines Geistes, auch, wenn er einige Jahre seines Lebens Pfarrer war, allerdings ungern. Hier ist er religiös, auch, weil es jeder Mensch ist. Denn das Gold des Schlussverses lässt uns die Gegenwart des Göttlichen erahnen; Gold ist nun einmal ein Symbol der Ganzheit, des Heil-Seins

– ja, dieses Gedicht heilt.

In den Tiefen seines Wesens heilen Mörikes Verse, indem sie uns an den Zyklus des Lebens anschließen, vertrauensvoll anschließen. Dieses Vertrauen kommt, weil dieses Gedicht nicht schreit, wie so vieles in unserer Welt, da, wo sie mehr und mehr verkommt. Nein, Mörikes Welt ist gedämpft. Weil sie im Herbst so ist und darin besteht ihr Segen. Und damit kein Zweifel über des Goldes göttliche Herkunft besteht – denn das doch eigentlich göttliche Licht z.B. kann auch kalt sein und dann ist es das Licht Luzifers, ein Umstand für den die Esoterik-Szene, so sensibel sie tut, so gar kein Empfinden hat: Es ist warmes Gold.

Die Welt fließt in warmem Gold.

Warum sehen das so wenige?

Weil zu wenige das Ruhen der Welt im Nebel wahrnehmen, vor allem jene Zeit, wenn die Sonne aufgeht, ohne dass wir sie sehen. Oft ist es auch in uns so. Manche resignieren vorzeitig und warten nicht auf ihren inneren Tag.

Vom Herbst zu lernen, heißt, auf den Tag hoffnungsvoll warten zu lernen.

Nur wer es sich zugesteht, wer es sich gönnt, dieses Ruhen der Welt im Nebel fühlend wahrzunehmen, kann auch das Gold, das Leben sehen. Nicht von ungefähr ist das Deutsche eine – fast möchte ich sagen – göttliche Sprache: im und in Leben ist Nebel enthalten, nur muss man dies Wort auch bereit sein, rückwärts zu lesen.

Wenn wir auf der großen Schlange des Lebens, Ouroboros, rückwärts gehen, kommen wir uns irgendwann vorwärts entgegen. Dann findet Selbsterkenntnis statt.

Das Geheimnis der Zeit zu ergründen, vermögen Menschen meistens noch nicht einmal mit dem Verstand, geschweige denn mit dem Herzen. Deshalb ist es wichtig, dass wir ihr, der Zeit, mit Mörike so vertrauensvoll begegnen – und damit auch unseren inneren Jahreszeiten, vor allem auch der Zeit des Wandels, dem Herbst, der mit dem Zauber mancher Septembermorgen beginnt:

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SeptemberMorgen

Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.

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Ein jeder spricht, was er im Herzen trägt. – Eugen Drewermanns trostloses „Friedensgespräch“. – Bitte Jugendliche vor ihm schützen!

Dieses Interview, das Sie am Ende diesese Beitrages sehen und hören können, ist, um das klarzustellen, nicht wegen der Interviewweise schrecklich – im Gegenteil hat Jens Lehrich, der Interviewer des Magazins Rubikon gegen Schluss dem Verzweiflungs-Hype Drewermanns gegenzusteuern versucht -, sondern aufgrund der Aussagen und der Vorgehensweise des so bekannten Psychotherapeuten und Theologen (hier der Wikipedia-Link zu seiner Person}.

Im Folgenden führe ich vier Punkte aus:

  1. Drewermann spricht fast ununterbrochen in der Wir-Form und insgesamt ist unfassbar, was er alles den Menschen unterstellt und wie sehr er sie im Grunde bevormundet. Leben hat für ihn offensichtlich keine Perspektive, auch wenn er hie und da anderes sagt; glaubwürdig ist es nicht. Auf keinen Fall sollte man ihn auf Jugendliche und junge Erwachsene loslassen. Er ist in der Lage, ihnen jeglichen Mut zur Veränderung zu rauben und sie zu lähmen, was umso fataler wäre, als wir eine Kanzlerin haben, die ganz Deutschland auf der politischen Ebene leider sehr effektiv lahmlegt.
  2. Auch wenn die Drewermann-Fan-Gemeinde groß ist und aufschreien wird: Leben und wirklichen Geist empfinde ich in seinen Aussagen nicht; da ist für mich nichts, was Wärme und Wachheit ausstrahlt und ins Innere dringt, auch wenn alles so wissend und aufgeklärt klingt. So kaputt ist die Welt nicht, wie er sie schildert. Im Gegenteil, sie entwickelt sich, auch, indem sie durch tiefe Täler geht. – Gerade weil sein Lieblingsthema das des Zusammenhangs von Denken und Fühlen ist: bei ihm fehlt genau dieser. So wird man den Verdacht nicht los, dass er eben deshalb so gern darüber redet (ich kenne allerdings kaum jemanden, der gefühl-loser spricht).
  3. Sein Menschenbild ist erschreckend unhistorisch. Da werden an den Menschen der vorchristlichen Zeit – er spricht von der Heroenzeit – dieselben Kriterien angelegt wie an den Menschen der Neuzeit und deshalb völlig unangemessene Schlussfolgerungen gezogen. – Desgleichen ist sein Naturverständnis nicht nachvollziehbar. Nicht einmal zwischen Natur und Mensch weiß er zu differenzieren.
  4. Man kommt nicht umhin, dass da jemand in seinem Inneren zutiefst verzagt ist und ein Kleingeist des Mutes. Er brilliert mit seinem Verstand und seiner Wortgewandtheit, aber seine Redeweise gleicht einem eintönigen Singsang und seine Inhalte gleichen einem Echoraum der Verzweiflung. – Mir ist, als ob dieser Mann in Wahrheit um Hilfe ruft.

„WIR töten, um nicht getötet zu werden“ (11.40‘)

Zu 1. Es fällt kaum auf, weil Drewermann von Beginn an zu diesem Verfahren – im Grunde ist es ein fragwürdiges rhetorisches Mittel – greift: Der Mann spricht von Beginn an in der Wir-Form. Das hat zur Folge, dass jedem, der zuhört, einiges zugemutet und unterstellt wird. Achten Sie einmal darauf, falls Sie das Video anschauen, wie oft Ihnen mit Hilfe des Wir unterstellt wird, was alles Sie gedacht und getan haben sollen. Drewermann steigert diesen rhetorischn Kniff sogar noch, indem er die Zuhörer persönlich anspricht (siehe der folgende Auszug). Problematisch ist das vor allen Dingen deshalb, weil die Aussagen, wenn man dieses Vorgehen nicht durchschaut, unkontrolliert ins Unbewusste eines jeden Zuhörers einziehen – wobei man einkalkulieren sollte, wie viele den guten Mann förmlich anhimmeln; man lese nur die Kommentare unter dem Video auf You Tube.

Gleich zu Beginn des Interviews mit dem Magazin Rubikon spricht er von der Menge, die ruhig gestellt werde um den Preis, dass die vielen Einzelnen sich nicht mehr kennen würden. Sie würden von sich entfremdet, kaum, dass sie auf der Welt seien. Wörtlich heißt es:

„Ihre Gefühle werden diszipliniert, manipuliert, korrigiert und in jeder Weise kanalisiert … Wir sind interessiert nicht an humaner Entwicklung von Menschen zu sich selber, wir sind interessiert an der Sicherung des Industriestandortes Deutschland im globalen Konkurrenzvergleich … Wir sind ersetzbar durch Maschinen … die Entfremdung ist total … Sie wissen, dass Sie kontrolliert werden. Sie können sagen, es ist mir egal, ich tue auch nichts Schlimmes, aber Sie werden kontrolliert und also verhalten Sie sich anders, als Sie frei sich bewegen würden … niemand ist er selber, also gibt´s eigentlich kein „wir“, es gibt einen großen Haufen, den man von außen zusammenpasst.“

Woher Drewermann z.B. sich berechtigt sieht, ganz selbstverständich anzunehmen, dass jemand sich anders verhalte und jedenfalls nicht er selber sei: ein Rätsel, um dessen Lösung nur er weiß.

Ich könnte viele, viele Passagen zitieren, die in diesem Stil abgefasst sind und ständige Unterstellungen transportieren, die leicht als solche zu decouvrieren sind, denn: Mehr denn je z.B. weiß unsere Gesellschaft, dass Lehrer und Erzieherinnen in Kitas nicht durch Maschinen ersetzbar sind, genausowenig Krankenschwestern oder Redakteure von Rubikon, dem Focus oder der Tagesschau; ersetzbar sind desgleichen nicht KFZ-Mechaniker und Bauarbeiter, Ärzte, Computerexperten, Haus- oder Schwimmmeister.


Was Drewermann anspricht, sind einzelne Bereiche unserer Gesellschaft, die er auf alles und jeden umlegt. Unglaublich, dass ein intelligenter Mensch als Theologe und Psychotherapeut sich solch ein suggestives Bevormunden erlaubt; solch eine rhetorische Strategie kennt man aus Reden totalitärer Diktatoren.

Natürlich ist die Überwachung in London lückenlos, auch in den Metrostationen von Paris (wer schon bei Nacht z.B. durch einsame Gänge des Gare du Nord gegangen ist, ist im Übrigen höchst dankbar dafür), genauso in unseren großen S-Bahnhöfen oder Kaufhäusern, wobei dieser durchaus auch bedenklichen Überwachung gegenübersteht, dass gerade in letzter Zeit hässliche Verbrechen durch Kameras aufgeklärt werden konnten. Ehrlich gesagt stören sie mich persönlich nicht im Öffentlichen Raum, gerade in diesen Zeiten; wenn wir sie wieder einmal werden abschaffen können, gehöre ich gewiss zu den Ersten, die dafür plädieren, denn natürlich darf diese Überwachung nicht in die falschen Hände kommen.

Was ich aber vor allem ganz schlimm finde, ist, dass Drewermann die vielen gesellschaftlichen Bewegungen totschweigt, die sich im Moment auftun, indem nicht nur in Deutschland, sondern z.B. in den USA Schüler der Schule, an der 17 Schüler erschossen wurden, ihre Ferien opfern und im ganzen Land unterwegs sind, um Wege gegen dieses waffenstarrende Amerika zu finden. Überall auf der Welt gibt es diese Bewegungen, vielfach auch bei uns. Gerade junge Menschen sind dank ihres Bewusstseins zum Teil überhaupt nicht auf eine marktkonforme Linie zu bringen, die Drewermann allen unterstellt; die Menschen wenden sich von den Parteien ab, sie wenden sich von der ausufernden EU-Bürokratie, die alles regulieren will, ab, sie wenden sich gegen die pseudo-humane Flüchtlingspolitik Angela Merkels, protestieren gegen Altersarmut, den Pflegenotstand … die Liste der zahlreichen gesellschaftlichen Engagements ist lang. Hier in Bad Kissingen kenne ich eine Frau, die sich um zwölf Flüchtlinge bwz. Flüchtlingsfamilien kümmert und für sie fast täglich unterwegs ist. Sie gehört keiner Partei oder Kirche an; sie macht es einfach so.

Es ist auf diesem Hintergrund schrecklich zu hören, was Drewermann ellenlang und wie aufgezogen erzählt. Er untergräbt dieses Engagement, dieses Sich-verantwortlich-Fühlen und Handeln in der Bevölkerung, das sich zunehmend beispielsweise abwendet von einer in dieser Form überholten Parteiendemokratie, die schon lange keine wirkliche Demokratie mehr ist.

Mit jeder Minute seines Redens spricht Drewermann zunehmend an der Realität vorbei, die gewiss für einige, vielleicht nicht wenige gilt, aber bei weitem nicht für alle. Das weiß er. Warum tut er es dann?

Wem stellt er sich mit diesem subversiven Verhalten zur Verfügung, schließlich untergräbt er das Tun der Menschen, die etwas tun?

Ihm zuzuhören macht depressiv statt handlungsfähig.

Er spricht von wir, meint allerdings nicht wir, weil er eigentlich von ihr sprechen müsste, denn er, der die ganzen Missstände wohl als Einziger erkannt hat  – wir blicken es ja offensichtlich nicht, weil wir seiner Meinung nach alles mit uns geschehen lassen – muss sich doch nicht einbeziehen, ja sollte es der Ehrlichkeit halber nicht. Nur: ihr zu sagen, das traut er sich nicht, denn das würde den ein oder anderen stutzig machen; also vereinnahmt er jeden einlullend mit wir und tut so, als beziehe er sich mit ein.

Ich muss sagen, dass ich als Lehrer nie in Deutsch und Ethik Kinder für den Industriestandort Deutschland ausgebildet habe, was er auch allen unterstellt, wenn ich auch gewiss nichts dagegen habe, dass sie später durch von mir vermittelte Fertigkeiten in der Industrie tätig sind (warum auch nicht?). Im Gegenteil habe ich ihnen – zumindest in der Oberstufe – gesagt, dass unsere Bildung darauf hinausläuft, dass sie sich in das bestehende System nahtlos integrieren und dass ihnen das bewusst sein sollte. Allerdings habe ich nicht wenige Schüler gehabt, die viel zu helle waren, als dass sie das mit sich hätten geschehen lassen. Und ich muss sagen, dass die Gesellschaft mittlerweile zu versuchen beginnt, nicht alle Kinder über einen (Bildungs-)Kamm zu scheren und zunehmend erkennt, wie wertvoll Individualität ist, ja, dass sie ein wertvoller Treibsatz einer gemeinsam gestalteten Gesellschaft ist.

Warum also erzählt Drewermann so destruktiv Falsches?

In wessen Dienst, wenn nicht gewollt, dann ungewollt, tut er das?

Es gibt schwarzen Humor, es gibt Schwarzmalerei. Drewermann praktiziert schwarzes Denken und Sprechen. Ob die Gefühle, auf die er so Wert legt, viel heller sind?

Er nimmt den Menschen den Mut, suggeriert ihnen Abhängigkeit und Zukunftslosigkeit (wer will so leben, wie er es schildert?). Gewiss gibt es Passagen, in denen er konstruktiv wirkt – ich denke z.B. an jene (ab 5.40′), als er davon spricht, dass wir  Räume bräuchten, wo der Einzelne selbst spürt, dass er selbst wahrgenommen wird, wo er wachsen und reifen darf; wenn er von einem Erlebnisraum spricht, den der Mensch brauche, und eine Passage findet sich am Schluss – ich habe sie, damit dieser Beitrag nicht zu unübersichtlich wird, ausgelagert (sie ist hier zu finden) -, als er von einer Ermutigung zu sich selber, die wachsen kann, spricht. An keiner Stelle allerdings sagt er konstruktiv, wie z.B. der Mensch zu diesem Erlebnisraum, der vielen fehlt, findet oder sich ihn schaffen kann oder wie jene Ermutigung, die zu wachsen vermag, entstehen kann. Nirgendwo wird er konkret; Zeit genug hätte er gehabt, er hätte nur die Hälfte seines destruktiven Redens weglassen müssen.

Selbst, wo ihn gegen Ende des Interviews der Interviewende um Signale der Hoffnung fast eindringlich gebeten hat, wirken seine Schluss-Sätze so, wie auf mich das Interview insgesamt, sie lauten:

Offen gestanden sehe ich finster, weil ich nicht ernsthaft das Bemühen sehe, in den fundamentalen Strukturen des Zusammenlebens wirklich eine Veränderung herbeizuführen. Wir machen buchstäblich so weiter, so lange wir können. Es ist, wie wenn sie Heuschrecken mit Bulldozzern ausstatten.

Mit diesen Worten schließt der als Friedensaktivist angekündigte Psychotherapeut das „Friedensgespräch“ ab.

Gewiss gehört zu den Höhepunkten der Drewermannschen inneren Entmachtung der Menschen auch die Aussage: „Dass jeder sich selber helfen könnte, glaube ich nie und nimmer.“ (Video bei 30.50′) Es ist die unverblümte Entmachtung des Menschen, die, so sehr der Psychotherapeut Drewermann gegen die Kirche wetterte und dies noch immer tut, genau dasselbe tut wie jene, als sie vorgab, dass nur mit ihrer Hilfe der Mensch Erlösung finden könne.
Die Hilfe des Menschen findet sich in seinem Inneren, in ihm selbst; in gewisser Weise kann er sich in der Tat nur selbst helfen; er muss nur aus diesem Echoraum der Drewermannschen Trostlosigkeit. Jener sagt: „Wirklich verändern kann man nur etwas in den Menschen selber“, eben aber nicht ohne Psychotherapie oder die Drewermannsche Theologie, die letztendlich auch Psychotherapie ist – oder wen oder was er  unter „man“ versteht. Letztendlich bleibt der Mensch nach Drewermann immer an der Nabelschnur.

Ich finde tatsächlich, ein Mann wie Drewermann sollte nicht mehr öffentlich sprechen, vor allem nicht vor Jugendlichen und jungen Erwachsenen. – Wir brauchen Menschen, die Mut für Zukunft schaffen und die Gegenwart lebendig gestalten helfen!

Ein jeder sieht, was er im Herzen trägt (Goethe im „Faust“)

Ein jeder spricht, was er im Herzen trägt, Herr Drewermann

zu 2.

Noch leben wir in einer Zeit, in der es wenig auffällt, dass in jemandes Sprechen das Herz fehlt (herzlos darf man sein, nur nicht kopflos). Uns imponiert die rhetorische und intellektuelle Brillanz eines Richard David Precht, auch wenn er das Verhältnis von Tieren und Menschen nicht wirklich verstanden hat.

Jahrhundertelang fuhren die Menschen auf einen Philosophen namens Kant ab, der so gelehrt schrieb und doch kaum zu verstehen war und ist und ihnen weismachte und vielen noch weismacht, an das Ursprüngliche, an das Wesen der Dinge – Kant nennt es Ding an sich – komme der Mensch nicht heran (und das, obwohl er einen Gottesbeweis durchführt in Bezug auf einen Gott, dessen Sohn genau das Gegenteil lehrte).

Viele Kardinäle, die ich in Rom zu bestimmten Anlässen im Fernsehen sehe, blicken genauso trost- und leblos wie Drewermann, obwohl die Botschaft ihrer und seiner Theologie, auf die er sich auch im Interview bezieht, eine frohe ist, voller Geist, funkensprühend von Liebe, wenn wir an die Worte eines Paulus denken oder an das Hohelied Salomos.

Drewermann strahlt die Wärme und Lebendigkeit eines Rednerpultes aus, nicht in allen Interviews, die ich von ihm gesehen habe so gravierend; in diesem aber empfinde ich ihn so.

„Es ist alles  umsonst, was WIR von Platon bis Schopenhauer je gelernt haben“ (14.02)

 Drewermann weiß das wieder für alle sehr genau. Offensichtlich hätten WIR uns Platon bis Schopenhauer sparen können. – Als ich zum ersten Mal Platons Höhlengleichnis gelesen habe, ahnte ich anhand dessen, was in mir vorging, was wertvolle Philosophie in einem Menschen auslösen kann und Platons Welt der Ideen hat mir vor allem mit Hilfe von Goethes Verständnis vermittelt, warum es gilt, hinter allem die zugrundeliegende Idee zu suchen, das Leben sozusagen mit deren Hilfe zu durchgeisten. – Ich bin sicher, so wie mir mag es noch einigen anderen gegangen sein, die sich auch beruflich mit dieser Materie beschäftigen durften. – Jedenfalls finde ich, dass Drewermann auch mit obiger Aussage sich höchst unsensibel ein Urteil erlaubt, das ihm absolut nicht zusteht. – Wie grob dieser Mann, der so zerbrechlich erscheint, mit anderen Menschen und ihren unterschiedlichen Lebensweisen umgeht.

Zu 3.

Ab 14.40′ weist Drewermann darauf hin, dass im heroischen Zeitalter, von dem Homer berichtet, man sich Unsterblickeit durch Sieg auf dem sogenannten Schlachtfeld schaffte. Jedes Jahr im Sommer fanden räuberische Kriege zwischen den Stadtstaaten Griechenlands statt. Es galt Sklaven einzufangen, Frauen zu erbeuten, materielle Werte sich anzueignen; das fand man nicht unmoralisch, es war normal. Und um da mitzumachen, musste man so sein, dass es funktionieren konnte. Es galt für Heldentum, es so zu machen. Und in der Bronzezeit sehen wir, dass kein Mann beerdigt wird mit einigem Rang und Ruhm ohne Dolch und Schwert; das sind die Abzeichen von Würde, Ehre und  Selbstidentität, all das weiß Drewermann zu berichten. Die Menschheit ist groß geworden im Schlachthof, so unser Theologe wörtlich, und umso schwieriger ist es da herauszukommen. Und im Hinblick auf die Neuzeit meint er: Soldaten wollten sich nicht opfern, sie wollten töten, damit sie selbst nicht getötet werden; das hat man ihnen beigebracht.

Sie wollten töten? Mir ist da auch ganz anderes bekannt. Warum Drewermann grundsätzlich nicht differenziert, ist mir ehrlich gesagt schleierhaft. Absolut verantwortungslos, wie er mit denen umgeht, die eh genug unter ihrem erzwungenen Soldatsein litten, vor allem im Dritten Reich.
Jedenfalls kann man Geschichte wie er darstellen, ganz ohne die Sternenweisheiten Babylons, die Verbundenheit mit dem Nil und dem Euphrat und Tigris, die Ägypten und Sumer in ihrer Naturverbundenheit so prägten, ganz ohne Zarathustra, Buddha, Christus, Gutenberg oder Luther, ohne Hinweis auf die offensichtlichen Fortschritte der Menschheit, ohne das offensichtlich notwendige Wechselspiel von Zerstörung und Weiterentwicklung, ohne Polarität und Steigerung, von der ein Goethe spricht.

„Wir rüsten in einerner Weise hoch, dass die Mechanismen des heroischen Zeitalters in den totalen Wahnsinn führen“ (23.12) – Man kann das so sehen.

Ich kenne einige ältere Menschen, die so sprechen wie Drewermann, weil sie alt sind und keine Rücksicht nehmen auf die Gefühle derer, die noch ihr Leben vor sich haben, obwohl sie keine fünf Minuten vorher noch betont haben, wie wichtig Gefühle sind. Es lässt sich eben gut über den Zusammenhang von Denken und Fühlen sprechen. Wie man aber fühlt, wenn es  um den Nächsten geht und nicht um einen selbst, ist eine ganz andere Sache. Nach mir die Sintflut, denkt Drewermann, der totale Wahnsinn kommt gewiss. Er weiß das. Nietzsche warf den Menschen vor, Gott getötet zu haben. – Gott ist Leben. Ich würde gerne hören, was Nietzsche diesem Theologen sagen würde, in Bezug auf seinen Umgang mit Leben und der Zukunft unserer Kinder.

„Wir sind inmitten einer Natur, die selber unmenschlich ist … der Natur sind wir überflüssig.“

Das sagt ein christlicher Theologe, der wissen müsste, dass es Natur ohne den Menschen nicht gibt, den Menschen nicht ohne Natur und dass es die Aufgabe der Menschheit ist, an ihrem Verhältnis zur Natur zu wachsen, was sie auch m. E. gegen allen Anschein tut – wir hoffen, nicht zu spät. Dass damit unterschiedliche Sichtweisen in Bezug auf die Natur einhergehen, sollte für einen Psychologen selbstverständlich sein.

Die Natur, die in der Christlichen Theologie eine Existenzform des Göttlichen ist, als unmenschlich zu bezeichnen, also noch dazu die Kriterien des Menschseins auf sie anzuwenden, ist für mich mit Verlaub schlicht hirnrissig. – Warum tut Drewermann das? Um seine geistig leblosen und flachen, ja zum Teil falschen Inhalte problemlos transportieren zu können?  Ich meine in der Tat: Ihm ist fast jedes Mittel recht.

zu 4.

Man kommt nicht umhin, dass da jemand tief in seinem Inneren vollkommen verzagt ist und ein Kleingeist des Mutes. Er brilliert mit seinem Verstand und seiner Wortgewandtheit, aber seine Sprache ist ohne Leben und auch in seinem Inhalt hallt immer wieder Verzweiflung wieder. – Mir ist, als ob dieser Mann in Wahrheit um Hilfe ruft.

Dem, was ich bereits oben zusammenfassend geschrieben hatte, habe ich nichts hinzuzufügen, aber auf einer persönlichen Ebene möchte noch anmerken:

Natürlich ist ein Eugen Drewermann aus bestimmten Gründen so geworden, aus bestimmten Gründen spricht er so monoton, wie eine Platte, die etwas abspult. Und natürlich raubt er aus bestimmten Gründen den Menschen ihren Mut, sieht so vieles defätistisch und es zeugt für mich im Grunde nichts von einer Glut im Herzen, obwohl er so wortgewandt über solch eine Glut sprechen könnte.

Ich wünschte, dass ein Drewermann auch offen lachen könnte und sich nicht nur ein leise angedeutetes Lächeln gönnt, wie es einmal im Video sich kurz andeutet. Möglich, dass er Dinge erlebt hat, die ihn haben so werden lassen, aus meiner Sicht maskenhaft starr. Möglich, dass er einen geistigen Weg geht, der ihn in diese äußerlich wirkende Trostlosigkeit geführt hat; möglich, dass er sie für genau richtig hält. Vielleicht ist sie es auch; auch meine Sicht ist relativ und subjektiv. 

Als Mensch wünsche ich ihm, dass er einen Weg aus dieser Situation finden möge (falls er nicht wirklich der fast Heilige ist, als den ihn nicht wenige seiner Anhänger sehen).

Ich persönlich bedaure, dass er in der Öffentlichkeit steht. Viele mustern ihn über Stunden sehr genau, verehren ihn, hören ihm intensiv zu, und er erreicht tausende und dieser Geist, den er hier so offen verbreitet, weht natürlich auch aus seinen Veröffentlichungen, wenn auch verdeckt. Sein Sprechen und Schreiben erinnert mich an die psychologische Abstraktheit eines C.G. Jung, vor dem man vielleicht, wie ich vor einigen Jahren noch voller Ehrfurcht förmlich stillesteht, bis man spannt, dass sein Archetypus des Heilands leblos, kalt und analytisch ist, wie vieles, was er schreibt. Bei allem Verdienst, der Jung zukommt.

So sehr ich den Menschen Drewermann als Menschen schätze; den Rattenfänger der Trostlosigkeit und der intellektuellen Geisteskälte, so sehr er sich auch bemüht, herzbewegend zu sprechen, halte ich für eine große Gefahr. Diese Mentalität entspricht noch dem Intellektualismus unserer Zeit, wobei er selten so schwarz daherkommt, ohne dergestalt wahrgenommen zu werden.

Ich hoffe, dass sich mehr und mehr Menschen finden, die diese Gestaltung des Denkens kraft ihrer Persönlichkeit, ihrer inneren Wärme überwinden. In der Politik fehlen sie uns ja weitestgehend auch.

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… Und im Abgrund wohnt die Wahrheit. – Schillers „Spruch des Konfuzius“: nur scheinbar konfus.

Der Spruch des Konfuzius ist ein Plädoyer Friedrich Schillers gegen alle künstliche Selbstbeschränkung aus Bequemlichkeit, gegen alles Festzurren auf einem einzigen Interpretationsmuster, das auf alles angewandt wird, ein Plädoyer gegen alles nur Linke, gegen alles nur Rechte, auch gegen die, die immer nur tief schürfen wollen:

Spruch des Konfuzius

Dreifach ist des Raumes Maß.
Rastlos, fort ohn Unterlaß
Strebt die Länge, fort ins Weite
Endlos gießet sich die Breite,
Grundlos senkt die Tiefe sich.

Dir ein Bild sind sie gegeben:
Rastlos vorwärts mußt du streben,
Nie ermüdet stille stehn,
Willst du die Vollendung sehn;
Mußt ins Breite dich entfalten,
Soll sich dir die Welt gestalten,
In die Tiefe mußt du steigen,
Soll sich dir das Wesen zeigen.

Nur Beharrung führt zum Ziel,
Nur die Fülle führt zur Klarheit,
Und im Abgrund wohnt die Wahrheit.

Was allerdings das Absteigen in die Tiefe angeht, scheint Schiller mit seiner Ballade Der Taucher doch ein Bild entworfen zu haben, das darauf hinweist, dass in die Tiefe zu gehen Grenzen hat. Scheut nicht der Jüngling vor der Tiefe zurück – und das mit Recht?

Da unten aber ist’s fürchterlich,
Und der Mensch versuche die Götter nicht
Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,
Was sie gnädig bedeckten mit Nacht und Grauen.

Schließlich hat er es noch vor wenigen Minuten selbst gesehen und fasst es eindrucksvoll in Worte:

Schwarz wimmelten da, in grausem Gemisch,
Zu scheußlichen Klumpen geballt,
Der stachligte Roche, der Klippenfisch,
Des Hammers greuliche Ungestalt,
Und dräuend wies mir die grimmigen Zähne
Der entsetzliche Hai, des Meeres Hyäne.

Des Rätsels Lösung ist: Wer nur in die Tiefe geht und nicht zugleich in die Breite oder Länge, wird dem, was Konfuzius anstrebt, nicht gerecht. Wer nur in die Tiefe geht, muss erleben, dass die Enge zunimmt und dass er womöglich immer verbohrter und verbohrter wird. Wer zugleich auch in die Breite oder Länge geht, schreitet, wie es im Faust, im Vorspiel auf dem Theater zu lesen ist, Den ganzen Kreis der Schöpfung aus. Allerdings steht da auch: Und wandelt mit bedächt’ger Schnelle
 / Vom Himmel durch die Welt zur Hölle. – Aus der griechischen Mythologie und auch Mythen anderer Kulturen wissen wir, dass ein Held sich den Gang in die Unterwelt, in die Hölle trauen, den Drachen besiegen, den Tod am Kreuz sterben muss, sonst ist er kein Held.

Schillers Gedicht ist eine Absage an alle, die vermeinen, sie hätten für alle Zeit das Rezept des Lebens gefunden. So widersprüchlich es ist, dass nur Fülle zur Klarheit führt – denn immer mehr Fülle führt doch eigentlich dazu, dass alles immer unübersichtlicher wird – so wichtig ist es mit der kosmischen Überfülle und der Überfülle unseres Inneren umgehen zu lernen.

Genau dieses Thema spicht Goethe im Übrigen zwei Jahrzehnte später in Eins und alles an: Im Grenzenlosen sich zu finden … – und wenig später betont er ewiges lebend´ges Tun.

Niemand, der bei Trost ist, wird sagen, dass man sich im Grenzenlosen finden könne.

Doch das Gegenteil ist der Fall: Wer den Raum begrenzt, findet sich nie. Das, was er findet, ist seine Welt. Aber es ist nicht DIE Welt. Denn die Welt, um die es geht, kennt keine Grenzen. Es mag kein Zufall sein, dass unsere Astrophysiker erkannt haben, dass das Universum sich ständig ausdehnt.

Bewusstsein einer Telefonzelle

Manchmal vermeinen wir, unser Leben, unsere Weltsicht sei klar. Dann aber müssen wir erkennen, dass auf den Zustand des Klaren gleich wieder Unklarheit folgt.

Einleuchten kann uns, dass alles, was wir als klar empfinden, ein zeitlicher Zustand ist, der nur einen Moment wahr ist; dann aber ist er schon wieder Vergangenheit, und alles, was Vergangenheit ist, ist nicht mehr die Wahrheit lebendigen Lebens.

Wem das zuviel ist, der kann für sich DIE Wahrheit definieren – von dieser Sorte Zeitgenossen, die das tun, gibt es genug. Je mehr wir uns beispielsweise politisch nach links oder rechts bewegen, desto gewisser finden wir sie und die, die in der Mitte bleiben, sind oft nur mittelmäßig, weil sie so genau wissen, dass die, die nach links oder rechts gehen, falsch liegen. Wer glaubt, in der Mitte liege das Heil, ohne nach links, nach rechts, in die Länge und in die Breite gegangen zu sein, hat bisweilen den Bewusstseinszustand einer Telefonzelle, ohne es allerdings zu merken, weil man doch in die weite Welt telefonieren kann (ohne selbst einen Fuß zu bewegen).

Weiterzuhelfen vermag das Bild des Ouroboros, jener Schlange, die sich in den Schwanz beißt (dann kann sie schon niemand anderen beißen). Sie liegt so friedlich da, alles hat seine Stimmigkeit, die Schlange beißt sich nur selbst, alles ist in sich geschlossen und damit rund und schön. Nur:

Je mehr die Schlange sich in die Länge dehnt, desto sicherer kommen wir an einen Punkt, wo wir Anfang und Ende nicht mehr sehen; auf einmal ist nichts mehr rund. Bestenfalls erkennen wir, dass Ouroboros zugleich unsere Zeitlinie ist, auf der wir laufen und laufen und laufen, und ob wir nach vorn oder rückwärts gehen: Irgendwann kommt der Punkt, wo wir uns wieder begegnen, wenn wir gleichzeitig nach vorn und rückwärts laufen könnten.

Ist also das Leben ein kosmischer Scherz? Seltsam, dass manche das entscheiden wollen, wo sie nicht einmal wissen, wo auf dieser Schlange sie sich befinden. Und ob die Schlange sich nicht wirklich doch so in die Länge gezogen hat, dass ihre Enden gerissen sind . . . (manche Menschen sind dieser unbewussten Ansicht wegen hoffnungslos, ohne etwas dagegen tun zu können, da ihnen die Ursache nicht bewusst ist).

Oder ist nicht die Schlange in Wirklichkeit da, wo sie sich selbst trifft, der Beginn einer Spirale?

Lebenssinn bitte nur im Instant-Format

Mir fallen all die Menschen ein, die – auch durch das Internet, und durch dieses ganz besonders – verlernt haben, einen Post oder einen Artikel zu lesen, dessen Lektüre länger als drei oder vier oder fünf Minuten dauert. Ja, als Schreibender spürt man förmlich, dass man sich den Zorn der Menschen zuzieht, von ihnen zu verlangen, sich länger als drei oder vier oder fünf Minuten mit einer Sache zu beschäftigen. Was interessant und wertvoll ist, hat sich immer auf ein Instant-Format komprimieren zu lassen . . . Lebenssinn auf Rezept. – Und so leicht handhabbar hat gefälligst auch das Leben zu sein!

So aber, das ist sicher, gibt es jene Vollendung nicht, von der Schiller bzw. Konfuzius sprechen. Zu glauben, so werde man einmal zur Krone der Schöpfung, ist ein gewaltiger Irrtum.

Gewiss ist das Internet, so wertvoll es ist, eine Programmiermaschine, die Menschen dressiert, dass sie sich mit nichts mehr wirklich auseinandersetzen. Sie tanzen auf einer Hautschuppe der Schlange und illuminieren ihr Leben wie ein Helene-Fischer-Konzert: ständig ist auf begrenztem Raum unglaublich viel los, am besten ist es ohnehin, es bewegen sich die anderen und man beurteilt nur, wie sie das tun (ohne sich groß selbst zu bewegen). Dann kann man mit Carolin Kebekus und anderen Tanten und Onkels, deren Art und Weise, mit der Wirklichkeit umzugehen, gerade total in ist, ablästern (ich finde diese Gilde mittlerweile widerlich). Warum also noch in die Länge oder Breite oder Tiefe gehen, wo doch alle Illumination gekauft werden kann oder auf Knopfdruck aus dem Fernseher oder Computer kommt?

Wozu Beharrung (siehe Z. 14)?

Wozu Vollendung (Z. 9)?

Vielleicht ist er einfach ein bisschen konfus, dieser Konfuzius?

Auf jeden Fall eignet sich der Spruch des Konfuzius bestens fürs Poesiealbum; da belassen ihn denn auch viele.

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Ein Leben zu führen, das zu wahrer Wirklichkeit vordringt, vermag uns Goethe in „Eins und alles“ zu lehren.

Zunächst gilt es zu sagen, dass man sich nicht von den ersten beiden Strophen des wahrscheinlich 1821 vollendeten Gedichtes irritieren lassen sollte, klingen sie doch ziemlich esoterisch abgehoben, wenn die Weltseele beschworen und, mit dem Weltgeist zu ringen, als höchst erstrebenswert dargestellt wird; auch gestaltet kaum jemand  sein Leben unter der Prämisse: Sich aufzugeben ist Genuß. – Doch versteht man den tiefen Ernst dieser Strophen erst wirklich, wenn man nachzuvollziehen vermag, was die dritte und vierte Strophe übermitteln; wer sie nicht beherzigt, läuft Gefahr, inmitten der großen Schar derer mitzugehen, die wie Lemminge auf den Tod zulaufen, ohne begriffen zu haben, wie wertvoll das Leben ist und wie groß unsere Verantwortung ihm gegenüber.

Hier jedoch zunächst die in zumeist vierhebigen Jamben geschriebenen Verse, die sich in der Goethe-Ausgabe letzter Hand unter dem Thema Gott und Welt zusammen mit anderen Gedichten finden:

Eins und Alles

Im Grenzenlosen sich zu finden,                    
Wird gern der Einzelne verschwinden,     
Da löst sich aller Überdruß;
Statt heißem Wünschen, wildem Wollen,        
Statt läst’gem Fordern, strengem Sollen                 
Sich aufzugeben ist Genuß.

Weltseele, komm‘ uns zu durchdringen!             
Dann mit dem Weltgeist selbst zu ringen     
Wird unsrer Kräfte Hochberuf.                       
Teilnehmend führen gute Geister,                      
Gelinde leitend, höchste Meister,                  
Zu dem, der alles schafft und schuf.

Und umzuschaffen das Geschaffne,
Damit sich’s nicht zum Starren waffne,     
Wirkt ewiges lebend’ges Tun.                       
Und was nicht war, nun will es werden     
Zu reinen Sonnen, farbigen Erden,
In keinem Falle darf es ruhn.

Es soll sich regen, schaffend handeln,
Erst sich gestalten, dann verwandeln;
Nur scheinbar steht’s Momente still.                   
Das Ewige regt sich fort in allen:
Denn alles muß in Nichts zerfallen,        
Wenn es im Sein beharren will.                              
…………………………………………………….

Goethe schrieb dieses Gedicht, als er annähernd 72 Jahre alt und mit gehöriger Altersweisheit ausgestattet war. Sie spürt man diesem Gedicht auch an, das – ganz anders ist es im Vermächtnis altpersischen Glaubens – an keiner Stelle ins Detail geht, sondern den Zusammenhang sehen will und die Verbindung von Gegensätzen, die sogenannte conjunctio oppositorum, deren Bedeutung Menschen für ihr Leben meist zu wenig zur Kenntnis nehmen – vielleicht auch in diesem Gedicht, schließlich stellt sich gleich zu Beginn die Frage, wie man sich ausgerechnet im Grenzenlosen finden können soll.

In der Tat versteht man das nur, wenn man weiß, welche große Bedeutung dem in der dritten Strophe angesprochenen umzuschaffen das Geschaffne zukommt.

Wenn wir auf die Erde sehen, so nehmen wir wahr, wie die Menschheit im Grunde diesen Planeten umschafft. Explosionsartig haben sich in den letzten Jahrzehnten Gebäude und Bauwerke vermehrt, erbaut dadurch, dass Menschen auf der einen Seite die vorhandenen Materialien der Erde verwendeten, also Steine beispielsweise mittels Zement, also Kalkstein, vermischt mit Ton und Wasser, genommen, und an anderer Stelle daraus Bauwerke, sprich Brücken, Freibäder, Hochhäuser, Fußballstadien gebaut haben oder aber mittels Asphalt, also aus Erdöl gewonnenem Bitumen, vermischt mit Gesteinskörnungen, die Landschaft völlig veränderten. Der Mensch begradigte Flussläufe – mittlerweile renaturiert er sie wieder – und gewann und gewinnt dem Meer Land ab, baut Schiffe aus Stahl und Kraftfahrzeuge aus Blech bzw. Aluminium, also aus Materialien, deren Grundsubstanzen ihm die Erde liefert.

Soll sich der Mensch tatsächlich so regen, schaffend handeln? Ja, sagt Goethe, gewiss doch, aber in einem Geiste, wie ihn das Vermächtnis altpersischen Glaubens vermittelt, indem er in allem eine höhere Ebene erkennt. Auf diesem Hintergrund hätte der Mensch die Aufgabe, sein Schaffen auszurichten an ethisch-religiösen Maßstäben, was er weitgehend nicht tut. Für viele hundert Millionen Euro z.B. sind in Russland zur gerade zu Ende gegangenen Fußballweltmeisterschaft Stadien gebaut worden, deren nachhaltige Nutzung nicht gegeben ist, ja, in einem Falle überlegt man sich bereits, ein gebautes Stadion gleich wieder abzureißen, weil das auf Dauer kostengünstiger wäre als sein Unterhalt, zumal es in dieser Region niemand braucht.

Wir denken auch an die vielen Naturflächen, die für Olympische Spiele zubetoniert wurden, um Wettkämpfe durchführen, Zuschauen ermöglichen und Zufahrtswege bauen zu können; heute wissen wir, dass viele Wettkampfstätten verfallen – das nützt der geschändeten Natur nichts mehr.

Was der Mensch hier tut, ist in höchstem Maße verantwortungslos. Erst spätere Zeiten werden das Ausmaß dieser Unmenschlichkeit erkennen, denn sie geschieht auf Kosten derer, die Brunnen bräuchten, Landmaschinen, Krankenhäuser und Straßen, um ihr Überleben zu sichern, von einem menschenwürdigen Dasein ganz zu schweigen.

Grundsätzlich gehört es zur Aufgabe des Menschen, das Vorhandene zu verwandeln, auch übrigens dadurch, dass er es mit seinem Geist durchdringt. Nicht nur auf der physischen Ebene ist er gehalten zu schaffen und zu verwandeln, sondern auch auf der mental-seelischen, denn indem er Dinge versteht, schafft er auch Raum dem Geist, schafft und schöpft.

In der derzeitigen Phase der Menschheit ist der Mensch nicht zu verantwortlichem Tun in der Lage, überwiegend jedenfalls nicht. Das wird irgendwann seine Konsequenzen haben, wie es schon am Ende von Lemurien und Atlantis Konsequenzen hatte, da bin ich sicher, zu sehr driftet die Menschheit auseinander. Einige sind auf dem richtigen Weg, nicht nur spirituell, auch ökologisch, städtische Flächen beispielsweise werden begrünt, zum Teil sogar auf Hausdächern, Flüsse werden rekultiviert und Landschaften renaturiert. Doch die großen Konzerne sorgen weiter in gigantischem Ausmaß für das Abholzen der Regenwälder, inzwischen sogar für das Vermarkten von Wasser, und allein die Tatsache, in welch kurzer Zeit der Mensch den Orbit, die Erdumlaufbahn also, durch Raumfahrtmüll verdreckte, so dass von herumfliegenden Trümmern mittlerweile die größte Gefahr für die Raumfahrt ausgeht, zeigt, wie wenig der Mensch ein vorausschauendes Bewusstsein bereit ist einzusetzen; dazu in der Lage wäre er.

Stillstehen kann der Mensch nicht, es entspricht nicht seinem Wesen. Wenn er es tut, bleibt er nicht nur stehen, sondern fällt zurück. Man sieht es am besten anhand unserer politischen Kultur. Besonders aufgefallen ist mir das, als ich noch auf der Blogzeitung Freie Welt schrieb. Vor neun Jahren hatte ich dort auf Einladung der Redaktion hin angefangen zu schreiben; damals war die Plattform noch liberal orientiert. In den letzten Jahren wandte sich dieses Forum mehr und mehr der AfD zu, wird sie doch betrieben von dem Mann der Beatrix von Storch. Zunächst überlegte ich mir, ob ich mein Schreiben dort einstellen sollte, doch ich tat es aus dem Grund nicht, weil ich es unmöglich fand, wie in der Öffentlichkeit und den Medien mit der AfD und ihren Wählern umgegangen wurde. Klar gibt es in ihr Kräfte, die Inakzeptables vertraten und sich auch entsprechend verhielten, aber es galt nicht für alle, nicht für die Mehrheit (mittlerweile hat auch hier sich das Bild geändert); es machte mich betroffen, wie unisono eine doch recht breite Wählerschicht diffamiert und ins Aus gedrängt wurde. Womit ich allerdings zunehmend Schwierigkeiten hatte, war, wie destruktiv die grundsätzliche Gesinnung in den Kommentaren auf dem Forum war, wie in den Beiträgen der Redaktion zunehmend gewertet wurde. Vor allem bezüglich der Kommentare hatte ich den Eindruck, als schrieben dort vor allem ältere Menschen, die hinter sich alle Brücken abbrechen wollten oder abgebrochen sahen, eine Sichtweise, die zwar auf dem Hintergrund einer Bundesregierung, die keine Probleme löst, höchstens erst dann, wenn sie ihr auf die Füße fallen oder die Wahlchancen der Bundeskanzlerin sich mindern, nachvollziehbar sein könnte. Grundsätzlich aber muss doch bei allem gesehen werden, dass unsere Kinder eine Zukunft haben sollen und wollen und man nicht ständig so tun kann, als ginge die Welt unter oder drastisch bergab. Das stimmt zum einen nicht, zum anderen muss sich jeder Mensch nach Kräften bemühen, die Zukunft, schon den nachfolgenden Generationen zuliebe, zu sichern und ihnen Mut machen, auch durch Suchen nach konstruktiven Lösungen, gerade in schwierigen Zeiten. Da war in den Kommentaren aber ganz überweigend eine Sturheit, eine Enge, eine Halsstarrigkeit zu verspüren, die mich zunehmend betroffen machte – ich hoffe nicht, dass das für weite Teile des älteren Teils unserer Bevölkerung zutrifft. Als ich, weil ich Viktor Orbán ein wenig kritisierte, polemisch angegriffen und persönlich diffamiert wurde und jemand mein familiäres Umfeld, das er von früher her kannte, verfälschend und auf Verletzung angelegt ins Spiel brachte, stellte ich dort meine Veröffentlichungen ein. Aber die geistige Unbeweglichkeit dieser Szene macht mich noch heute betroffen. Wehe, es kritisiert jemand dort Trump oder Putin oder Orbán; es ist kein Zufall, dass den dreien seit vielen Monaten hofiert wird.

Tugenden sind für einen menschlichen Wandel unabdingbar

Es war dieser mentale Stillstand, dieses halsstarrige Verharren-Wollen auf überholten Standpunkten, dieses Zäune-ziehen-Wollen, dieses zum Starren Gewaffnet-Sein, wie Goethe schreibt (vgl. III,2). Auch nicht die geringste Empathie hatten dort die Menschen für eine nachwachsende Generation, der sie durch ihre Aussagen ständig den Boden unter den Füßen wegzogen, eine Generation, die zwar durchaus ihre Heimat liebt und – so ist meine Erfahrung mit Jugendlichen – unsere Werte hochschätzt, aber bei weitem nicht mehr so national oder nationalistisch denkt, wie das viele, vor allem offensichtlich nicht wenige ältere Menschen tun. In der Tat glaube ich, dass diese Mentalität für die allermeisten AfD-Wähler gilt und dass sie dieses Verharren auf dem Status quo, das Negieren dessen, was zum Lebendig-Sein gehört, die blockierte Wandlung, zu ihrer Maxime erhoben haben. Dabei gibt es Werte, die überdauernd sind und wertvolle Tugenden, wie sie, auf einem Brackenseil eingraviert, im Parzival und den Titurel-Fragmenten des Wolfram von Eschenbach zu finden sind. Doch sichern sie nicht den Stillstand, sondern einen menschenwürdigen Wandel. Gewiss wird sich die Welt in den nächsten dreißig Jahren unglaublich verändern. Bei aller berechtigten Skepsis gegenüber einer Globalisierung, die nur in wirtschaftlichen und Handelskategorien denkt, gibt es offensichtlich eine Menschheitsbewegung über nationale und kontinentale Grenzen hinweg, die vor allem von Jüngeren getragen wird; diese Entwicklung ist nicht aufzuhalten, genauso wenig, wie die ehemals reine Stammesehe nicht aufzuhalten war und die Fernehe heute längst normal ist (zu Hölderlins Zeiten weinte dessen Mutter noch, als er von Nürtingen nach Tübingen aufbrach, das waren zwanzig Kilometer und es gab einen Riesenabschied und das ist gerade mal etwas über 200 Jahre her – heute reist man und heiratet über Kontinente hinweg, wie selbstverständlich).

Es geht darum, sein Dasein zu gestalten und zu Verwandlung bereit zu sein. Menschen tun das weitgehend im Moment nur hinsichtlich des Ökonomischen und wenn Menschliches eine Rolle spielt, dann, wenn Ökonomisches beeinträchtigt werden könnte. Immer größer aber wird auch die Zahl derer, die aus Menschenliebe Dinge in Bewegung setzen.

Das Ewige steht nicht still; Ewiges ist lebendiges Tun, schreibt Goethe im dritten Vers der dritten Strophe. Der große Alte lebte ein Leben lang entsprechend; wenn man allein seine naturwissenschaftlichen Beschäftigungen, Aufsätze und Abhandlungen zur Kenntnis nimmt, wird man gewahr, wie wertvoll es war, dass es keine Zeiträuber à la Smartphone und Internet gab, so nützlich vor allem Letzteres ist.

Tugenden sind ein Entwicklungsprogramm der Seele

Keine Frage ist für mich, dass es auch unveränderliches Ewiges gibt. Gott ist yin und yang, er ist unveränderlich und veränderlich zugleich; beides gehört zusammen. Vielleicht möchte jemand an Stelle von Gott auch lieber von Weltvernunft sprechen. Mir persönlich kommt es nicht auf die Bezeichnung an. Man kann sich diesem Bereich allerdings nur nähern, indem man zunehmend ehrfürchtiger wird. Das mag altbacken klingen, aber mit jeder Tugend, die man sich zu eigen machen kann, verändert sich die Seele, erweitert sich ihr Bewusstsein. Darin liegt das eigentlich Große der Tugenden, dass sie ein Entwicklungsprogramm der Seele darstellen. Und gewiss ist, dass Ehrfurcht einer der anspruchsvollsten und erhabensten Tugenden ist; sie hat nichts mit Unterwürfigkeit zu tun sie setzt voraus, dass man ein Bewusstsein für die Größe von Menschen oder einer Idee hat. Ebenfalls von Gott. Dann nimmt man wie von selbst von einem kumpelhaften Gott-Getue Abstand.

Nicht übersehen sollte man, dass es zu jeder Tugend einen Gegenpart gibt, sowie es zur christlichen Trinität auch eine unheilige kosmische Trinität gibt. Doch um das Bewusstsein der Menschen auf ein ethisches Niedrigniveau zu dimmen, bedarf es nicht unbedingt einmal starker geistiger Gegenkräfte; es scheint heute fast so, dass manche Seelen nur darauf warten, dem Dunkeln anheimfallen zu können.

Was fruchtbar ist allein ist wahr  (aus Goethes Vermächtnis)

Wenn aber etwas wirklich, worauf in den Schlusszeilen verwiesen wird, im Sein verharren will – warum muss es in Nichts zerfallen?

Für viele Menschen ist das Nicht-Leben, also der Tod, das Nichts. In Wirklichkeit gehört er zum Leben, denn es folgt das Leben nach dem Leben mit Umwandlungsprozessen – wir entnehmen das den ägyptischen und tibetanischen Totenbüchern -, wie wir sie aus dem irdischen Leben kennen.

Manche – ich gehöre zu ihnen – mögen auch annehmen, dass es ein Pralaya gibt, wie es die hinduistische Religiosität beschreibt, ein Nichts, wenn man so will, zwischen den Erdzeitaltern, eine Art Atemholen ohne wahrnehmbaren Atem. Pralaya kommt aus dem Sanskrit; Laya bedeutet Auflösung, pra wird übersetzt mit nach vorne. Pralaya bezieht sich auf eine Auflösung des Universums, das in dieser Vorstellung durch Phasen von Schöpfung, Erhaltung und Auflösung geht. – Es ist jener Prozess, dem Goethe für unsere mikrokosmischen Ebene in seinem Gedicht Selige Sehnsucht ein lyrisches Denkmal gesetzt hat. Zwischen seinem Stirb und Werde ist kosmische Stille, Pralaya.

Wenn dem so ist, mag auch zwischen den biblischen Schöpfungstagen, von denen ich annehme, dass sie keinesfalls vorbei sind, sondern wir uns möglicherweise in ihrer Mitte befinden, ein Pralaya stattfinden. Ich jedenfalls mag nicht annehmen, dass der Mensch am Ende seiner Entwicklung angekommen ist; die Krone der Schöpfung lässt sich bei den allerallermeisten bei weitem nicht erkennen und ich selbst betrachte mich als weit von ihr entfernt. Warum ich annehme, dass wir uns ungefähr in der Mitte dieses gesamten riesigen Zyklus befinden, liegt für mich in meiner Einschätzung hinsichtlich des Christus-Ereignisses; es ist für mich die Mitte der Welt, kennzeichnet die Mitte des Weges.

„Die Idee ist ewig und einzig.“  (Goethe, „Sprüche in Prosa“)

Warum die Menschheit so mit dem Anerkennen geistiger Ebenen, die auf unser Leben einwirken, Schwierigkeiten hat, liegt für mich auch daran, dass es gelungen ist, die Welt der Erfahrungen und die Welt der Ideen, die nach Platon die Grundlage des spirituellen Seins sind, zu trennen. Platonische Ideen sind beispielsweise „das Schöne an sich“, „das Gerechte an sich“, „der Kreis an sich“ oder „der Mensch an sich“. Für Platon sind Ideen eigene Entitäten, also Wesenheiten, die  unser Leben unmittelbar beeinflussen sollten. Den Menschen früherer Zeiten, zumindest bis ins Mittelalter, war klar, dass jeder Stern oder Planet, den sie sahen, von geistigen Wesenheiten bewohnt war; jeder Stamm hatte seine Gottheit, jedes Haus bei den Römern seine Hausgötter, Penaten genannt, das Meer gehörte Poseidon und seinen Gehilfen, ein Hain war einer Gottheit geweiht, oft davon abhängig, welche Bäume dort wuchsen, weshalb Ibykus in Schillers Ballade mit frommem Schaudern in einen Fichtenhain eintritt. In dieser spirituellen Realität hätte auch jeder Stamm, jede Nation – die Bibel kennt übrigens Völkerengel – eine Gottheit bzw. eine Engelwesenheit gehabt, ja selbst jede Partei oder eine Institution wie die UNO; bei Parteien wären es wohl zum Teil wenig lichtvolle Wesen. Ich habe den Konjunktiv II (hätte) verwendet, da ich mir ziemlich sicher bin, dass der Einfluss der Geistigen Welt kaum mehr jemandem bewusst ist. Die meisten wissen nicht, dass Himmel, Hölle und Fegefeuer und viele andere Ebenen sich in denselben Bereichen aufhalten, wie wir das tun. Wenn kleine Kinder Angst vor dem Schwarzen Mann haben oder nicht einschlafen wollen, falls kein Licht brennt, dann wissen manche Mutter und mancher Vater nicht, dass das ganz und gar nicht unberechtigt ist, weil die Kleinen, noch jener jenseitigen Welt stark verbunden, mehr wahrnehmen als Erwachsene. Novalis, der so früh verstorbene Frühromantiker, hat das Verhältnis unserer üblichen Weltsicht und der Geisteswelt wiederholt sehr genau in seinen Blütenstaub-Fragmenten angesprochen, unter anderem wie folgt:

Das willkürlichste Vorurteil ist, dass dem Menschen das Vermögen außer sich zu sein, mit Bewusstsein jenseits der Sinne zu sein, versagt sei. Der Mensch vermag in jedem Augenblicke ein übersinnliches Wesen zu sein. Ohne dies wäre er nicht Weltbürger, er wäre ein Tier. Freilich ist die Besonnenheit, Sichselbstfindung, in diesem Zustande sehr schwer, da er so unaufhörlich, so notwendig mit dem Wechsel unsrer übrigen Zustände verbunden ist. Je mehr wir uns aber dieses Zustandes bewusst zu sein vermögen, desto lebendiger, mächtiger, genügender ist die Überzeugung, die daraus entsteht; der Glaube an echte Offenbarungen des Geistes. Es ist kein Schauen, Hören, Fühlen; es ist aus allen dreien zusammengesetzt, mehr als alles Dreies: eine Empfindung unmittelbarer Gewissheit, eine Ansicht meines wahrhaftesten, eigensten Lebens.

Goethe, den man vor allem dann in seinem Tätigsein, auch seinem literarischen, versteht, wenn man die Basis seines naturwissenschaftlichen Arbeitens berücksichtigt, formuliert es auf dem Hintergrund, dass ihm sich hinter bzw. in allem eine Idee verbirgt und es unsere Aufgabe ist, in den Erscheinungen sie zu entdecken, in seinen Sprüchen in Prosa ganz ähnlich:

Wir leben in einer Zeit, wo wir uns täglich mehr angeregt fühlen, die beiden Welten, denen wir angehören, die obere und die untere, als verbunden zu betrachten, das Ideelle im Reellen anzuerkennen und unser jeweiliges Mißbehagen mit dem Endlichen durch Erhebung ins Unendliche zu beschwichtigen.

Wiederholt spricht er von der Notwendigkeit, sich, um sich mit der Welt der Ideen zu verbinden, seines Geistesauges zu bedienen. Als er sich mit der Theoria generationis des Kaspar Friedrich Wolff auseinandersetzt, der  bezüglich der Entstehung der Pflanzen Goethes eigenen Beobachtungen sehr ähnliche machte, aber nicht  zu dessen Sicht  aufschloss, schreibt unser Dichter und Naturwissenschaftler über jenen:

Deshalb ist er immer bemüht, auf die Anfänge der Lebensbildung durch mikroskopische Untersuchungen zu dringen, und so die organischen Embryonen von ihrer frühesten Erscheinung bis zur Ausbildung zu verfolgen. Wie vortrefflich diese Methode auch sei, durch die er so viel geleistet hat, so dachte der treffliche Mann doch nicht, daß es ein Unterschied sei zwischen Sehen und Sehen, daß die Geistesaugen mit den Augen des Leibes in stetem lebendigen Bunde zu wirken haben, weil man sonst in Gefahr gerät zu sehen und doch vorbeizusehen.

Mancher wird die Stelle zu Beginn des Faust II kennen, als Ariel das Aufgehen der Sonne ankündigt:

Horchet! horcht dem Sturm der Horen!
Tönend wird für Geistesohren
Schon der neue Tag geboren.

Vergleichbares gilt für jene Szene aus dem Film Stadt der Engel mit Nicolas Cage und Meg Ryan, einem Remake des Wenders-Films Der Himmel über Berlin – ob dort die folgende Szene auch vorkommt, weiß ich leider nicht -, als am Strand sich viele Engel versammeln, um wie jeden Morgen den Aufgang der Sonne und ihr Tönen zu begrüßen. Es ließen sich im Übrigen zahlreiche Stellen aus der Literatur anführen, die eine geistige Ebene mehr oder weniger deutlich thematisieren, die sich den normalen Sinnen verbirgt; dies gilt auch, Pythagoras und Kepler haben davon gewusst und darüber geschrieben, für die Welt der Töne. Nicht zuletzt ist Dantes Divina Commedia ein einziges großes Opus, das uns in jene unsichtbaren Ebenen einführt, auch in die dunklen der Hölle und des Fegefeuers, und wenn Luther nicht fast penetrant, wenn im Griechischen von den Himmeln die Rede ist, nur von einem gesprochen hätte – selbst die neu übersetzte Lutherbibel übernimmt diese Fehler unverständlicherweise -, wäre wenigstens manchem Christen klar, dass der Himmel zahlreiche Ebenen hat und dass deshalb die Hölle Gleiches aufweisen muss – wie oben so unten. Immerhin gibt es meines Wissens zwei Bücher, die aufzeigen, dass Hitler von einem Dämon besessen war, was die Geschichtsschreibung, weil sie auf dem Geistesauge blind sein will, standhaft ignoriert, wenn es auch mittlerweile sogar Fernseh-Features gibt, die sich damit beschäftigen, dass Hitlers Umfeld sehr stark dem Okkulten zugeneigt war (inhaltlich aber gehen sie noch an der eigentlichen okkulten Brisanz vorbei). Es handelt sich um ein aus der Aurobindo/Die Mutter-Ecke kommendes, durchaus lesenswertes Buch mit dem Titel Der Stern des Abgrunds und ein von Johannes Tautz aus anthroposophischer Sicht geschriebenes: Der Eingriff des Widersachers: Fragen zum okkulten Aspekt des Nationalsozialismus.

Okkulter Materialismus contra reiner Geist

Wenig bekannt sind im Übrigen die okkulten Aktivitäten eines Rainer Maria Rilke, über die Gisli Magnusson geschrieben hat, und das auf durchaus hohem germanistischen Niveau. Dennoch weigert sich die Germanistik standhaft, diese Seite des so hehren Rilke zur Kenntnis zu nehmen. Im Gegensatz zu dem ein oder anderen, der Rilkes okkulte Aktivitäten, die vor allem durch seine Verbundenheit mit der Gräfin von Thurn und Taxis (bezeichnenderweise geht der Zeitungsartikel mit keiner Silbe auf ihr okkultes Engagement ein) gefördert wurden, als harmlos einstuft, bin ich der Überzeugung, dass solche Aktivitäten keiner Seele gut tun. Man sieht und weiß im Grunde bei entsprechenden Séancen nie, mit welchem Geist man es zu tun hat und kann auf Ebenen gezogen werden, die niemandem gut tun (hier zitiere ich am Schluss des Links einen kurzen diesbezüglichen Auszug)  und von denen man unter Umständen sich kaum mehr lösen kann. Man sieht es bestens an Rilkes Gedichten Aus dem Nachlaß des Grafen C. W., die er – sich bewusst zur Verfügung stellend – als dessen Medium geschrieben hat; sie sind schlicht überwiegend dritt-  oder viertklassig, gemessen an seinen sonstigen Gedichten, sieht man von seinen sehr frühen Gedichten und jenen Christus-Visionen ab, in denen er Gottes Sohn auf höchst ungewöhnliche Weise zeigt. Ich glaube, dass Rilkes Ringen und Durchdringen-Wollen zu reineren geistigen Ebenen und seine Schwierigkeiten mit diesem Anliegen vor allem in den Duineser Elegien spürbar ist.

Goethes geistige Aktivitäten waren anderer, weil rein geistiger Natur, wiewohl sein Faust andeutet, dass der Dichter um Schwarzmagisches und um das ganze Spektrum der Gefahren weiß – man denke an die falsche Verwendung des Pentagramms im Faust I (das Pentagramma macht dir Pein), das erst Mephisopheles das Eindringen ermöglicht -, das auch einhergeht mit einer falsch verstandenen, weil dunklen Alchemie, für die der Vater des Faust steht.

Die Ursache dafür, dass bis heute die geistige Seite unserer Existenz standhaft geleugnet oder ignoriert wird, beginnt im Grunde bei Parmenides, dessen Sichtweise sich Gott sei Dank nicht durchgesetzt hat, weil sie nur zu einem Erstarren der Welt hätte führen können, und setzt sich in einer immer mehr die Getrenntheit zwischen der Welt der Ideen und der realen Welt betonenden Rezeption der Ideenlehre Platons fort, eine Sicht, die jener durchaus auch in seinem Höhlengleichnis angesprochen hat; danach muss die Welt der Sinne für den normalen Höhlen- sprich Erdenbewohner Schemen und Schein sein. Jedenfalls ist klar, dass für die meisten sogenannten Platon-Versteher eindeutig ist, dass die Ideenwelt und unsere Realität per se keine Verbindung eingehen und jeweils eigene Welten sind. Die christlichen Kirchen, u.a. Augustinus, haben diese Sicht ausgenutzt, um das Wissen um die wahre Wirklichkeit an eine göttliche Weltordnung zu delegieren. Goethe aber lehnte einen Glauben, der auf Kosten der eigenen Erfahrung und Erkenntnis geht, strikt ab. – Das ist es, was ihn vielen Christen so verdächtig macht, nur deshalb aber, weil er sie darauf aufmerksam macht, dass hinter frömmelndem Glauben Bequemlichkeit und Denkfaulheit sich verbergen können – und ich denke auch, oft tun!

Goethe tat, was man tun muss, wenn man der Welt der Erscheinungen nicht hilflos gegenüberstehen will; er ging mit produktiver Kraft auf sie zu. Weil er in der Welt der Erscheinungen, in der Natur und im Menschen einen Geist wirkend sah, wusste er, dass der Mensch das Vermögen besitzt, die Natur zu verstehen, gesetzt den Fall, er war sich seines eigenen Geistes bewusst. Wer so dem Leben gegenübertritt, auf den kommt auch jenes nicht kalt, sondern mit Wärme zu. Was den Weimarer aber so groß machte, war das Bewusstsein, dass in der Natur und der Kunst dieselben Gesetze herrschen, dass es aber dem Menschen gegeben ist, in der Kunst über die Natur hinauszugehen; das wurde ihm auf seiner Italienischen Reise bewusst. Seine Aufzeichnungen sind immer wieder Welterkenntnis. Erkennbar wird sein produktives Wirken in dem Suchen nach und schlussendlichen seinem Finden der  Urpflanze; sichtbar wird das auch im Rahmen seiner Farbenlehre und nur deshalb, weil er in allem eine Idee waltend sah, musste er sich auch der Suche nach dem Zwischenkiefernknochen so intensiv hingeben und ihn durch glückliche Fügung schlussendlich finden, als Beleg dafür, dass alles Organische, Pflanze, Tier und Mensch, einer Wurzel entspringt, im Grunde der Uridee, der Idee des Lebens, das einmal im Menschen gipfeln wird am 7. Schöpfungstag.

Wer sich annähernd so bewusst, wie dies Goethe tat, seinem realen Leben  widmet und die menschliche Aufgabe erfüllt, die physische Welt zu durchgeisten und sie so dem Göttlichen zurückzuwidmen, ist ein Individuum, das als solches sehr bewusst existiert und gleichzeitig sein Sein der ganzen Welt, ja dem Kosmos zur Verfügung stellt. Dazu muss man kein Goethe sein. Ein Krankenpfleger, der sein Tun im Sinne der Menschlichkeit ausführt, trägt genauso dazu bei, vor allem, wenn er sich im Goetheschen Sinne einer Idee in seinem Inneren hingibt, wie jener, der eine App programmiert, die das Leben alter Menschen erleichtert. Das zeichnet einen Goethe und Menschen mit sittlichem Gewissen – so würde man heute nicht mehr formulieren – aus, dass sie hinter, besser gesagt: in allem intuitiv jene Ideen suchen, die die reale Gestaltung in unserer Welt bewirken. Deshalb gibt er sich nicht mit Newtons quantitativen Aspekten der Farbenlehre zufrieden, mit Wellenlängen und Frequenzen der Farben und der Tatsache, dass sie sich aus dem Licht heraus entfalten – im Grunde einem mechanistischen Bewusstsein -, sondern er sucht nach deren Qualität, eine Qualität, die genau unserer Wahrnehmung entspricht, schließlich ist unser Auge nicht dafür geschaffen, die Farb-Frequenzen oder Wellenlängen zu erkennen, viel eher sprechen wir von einem schreienden Rot, einem himmlischen Blau, einem warmen Gelb-Ton. Goethe nahm durchaus die Ergebnisse der Newtonschen Forschungen ernst, aber sie genügten ihm nicht. Wer den Dichterfürsten wirklich kennenlernen will, muss nach seinem naturwissenschenschaftlichen Vorgehen und Wirken schauen, dass er nach dem Zustandekommen der Erscheinungen fragte, denn das Gewordene, das im Grunde abgestorben ist, gibt uns Aufschluss über das Werden und das, was werden wird. Niemals hätte er deshalb Parmenides und seiner undifferenzierten Weltsicht zustimmen können. Auf jenen geht wohl das griechische hen kai pan, was eben eins und alles bedeutet zurück. Für ihn war eins = alles. Für Goethe aber war das Leben ein ständiges Changieren zwischen diesen beiden Polen, er war Pantheist und Polytheist zugleich. Pantheist war er in seinem Grundgefühl der Natur gegenüber, Polytheist, weil er den Weltgeist in den vielen Facetten des Lebens sich verwirklichen sah. Und nur der Mensch ist in der Lage, diese Tatsache offenzulegen. Es war wohl Goethes vielleicht unausgesprochene Wahrheit, dass es des Menschen Aufgabe ist, das Wirken der Gottheit transparent zu machen. Welche Weisheit immer wieder auch der Faust enthält, zeigt sich in der Aussage des Erdgeistes:

In Lebensfluten, im Tatensturm
Wall ich auf und ab,
Webe hin und her!
Geburt und Grab,
Ein ewiges Meer,
Ein wechselnd Weben,
Ein glühend Leben,
So schaff ich am sausenden Webstuhl der Zeit
Und wirke der Gottheit lebendiges Kleid.

Dessen Aussage gilt auch für das Tun des Menschen.  Wer, wenn nicht der Mensch könnte solches Tun sichtbar verwirklichen?

Aufgabe des Menschen ist es offenzulegen, wie sich aufgrund einer Uridee Metamorphosen von Ideen verwirklichen. Goethe erkannte, warum es seiner Meinung nach eine Urform gab und sich Metamorphosen der Uridee bildeten, ja bilden mussten, die eben die Vielfalt unseres Seins ausmachen. Genau so ging er ja vor, dass er in den vielen Pflanzenformen deren gemeinsames Urbild suchte. All diese Formen sind grenzenlos, so wie die verschiedenen menschlichen Ausprägungen grenzenlos sind. Wer die Vielfalt göttlichen Seins durchschaut, der erst findet sich, wie es Faust zu Beginn von Faust II angesichts der aufgehenden Sonne widerfährt – mit einer Einschränkung, die auch für den, der in Platons Höhlengleichnis der Höhle entrinnt, gilt: Das ganz unmittelbare Licht kann er auf dieser Stufe des Seins nicht anschauen, wohl aber im Regenbogen den farbigen Abglanz des Urlichtes, hier also der Sonne:

Nun aber bricht aus jenen ewigen Gründen
Ein Flammenübermaß, wir stehn betroffen;
Des Lebens Fackel wollten wir entzünden,
Ein Feuermeer umschlingt uns, welch ein Feuer!
Ist’s Lieb‘? ist’s Haß? die glühend uns umwinden,
Mit Schmerz und Freuden wechselnd ungeheuer,
So daß wir wieder nach der Erde blicken,
Zu bergen uns in jugendlichstem Schleier.
So bleibe denn die Sonne mir im Rücken!
Der Wassersturz, das Felsenriff durchbrausend,
Ihn schau‘ ich an mit wachsendem Entzücken.
Von Sturz zu Sturzen wälzt er jetzt in tausend,
Dann abertausend Strömen sich ergießend,
Hoch in die Lüfte Schaum an Schäume sausend.
Allein wie herrlich, diesem Sturm ersprießend,
Wölbt sich des bunten Bogens Wechseldauer,
Bald rein gezeichnet, bald in Luft zerfließend,
Umher verbreitend duftig kühle Schauer.
Der spiegelt ab das menschliche Bestreben.
Ihm sinne nach, und du begreifst genauer:
Am farbigen Abglanz haben wir das Leben.

Wer in die Sonne schaut, muss die Zeche für sein dreistes Vorgehen zahlen. Deshalb wird der Jüngling zu Sais in Schillers kenntnisreichem Gedicht wahnsinnig,  deshalb muss Ikarus abstürzen und so geht es Menschen, die mittels Drogen oder dunkel-okkulten Praktiken in Ebenen vordringen, für die ihre Seele nicht bereit ist. Über viele Zeitalter hinweg kann eine solche Seele Schaden nehmen. Goethe aber beweist mit seiner Urform und der Tatsache, dass er in allem die Ur-Schöpfung suchte, wie sehr ein Kant auf dem Holzweg war, indem er dem Menschen die Fähigkeit absprach, zu dem Ding an sich vorzudringen. Deutlich wird, welch unheilvolle Blockade Kant hier für die Philosophie – und eben nicht nur für sie, sondern für das Daseinsverständnis der Menschen – für die folgenden Jahrhunderte installierte.

Das eben angesprochene Verhalten der Menschen vom Schlag des Schillerschen Jünglings oder solchen, die für Drogen ihre spirituelle Gesundheit riskieren oder jenen, die auf welche Weise auch immer sich Süchten hingeben, dem Sex, der Macht, dem Mammon, findet sich beschrieben in jenen Formulierungen, die so gekonnt alliterativ verstärkt heißes Wünschen und wildes Wollen thematisieren (vgl. I,4), ständig fordernd (vgl. I,5) –  unwillkürlich denkt man an die Frau aus dem Grimm-Märchen Von dem Fischer und seiner Frau  oder den Reichen in Der Arme und der Reiche (wie modern doch Märchen immer noch sind) – ständig fordernd also oder sich Zwängen und einem Sollen-Katalog unterwerfend (vgl. I,5), wie wir es von Menschen wissen, die immer hipp sein müssen oder wie wir es auf der religiösen Ebene von einem degenerierten Pietismus kennen oder auch von Sekten wie den Zeugen Jehovas, die noch verfolgen, wer sich ihren Zwanghaftigkeiten entzieht. Goethe spricht,  lyrisch verdichtet in den Zeilen 4 und 5 der ersten Strophe ein Verhalten an, das nicht im Selbst des Menschen beheimatet ist, sondern in seinem Ego. – Wer aus seinem Ego heraus so handelt –  und man verkenne nicht, wie sehr religiöse Zwanghaftigkeiten aus einem spirituellen Ego heraus geschehen -, kann sich nicht aufgeben. In Wahrheit kann sich nur der aufgeben, wer weiß, wohin er fällt, wenn er fällt. Rilke hat in seinem Herbstgedicht dies traumhaft schön angesprochen.

Hat Goethe all dies in ganzer Konsequenz vermocht?

Mit allem Respekt vor dessen geistiger Größe sage ich: nicht ganz.

Durch die Reinheit und Qualität seines Denkens und Forschens konnte er Wege gehen, die ihn zur Urpflanze führten, zu den Ideen.

Wenn er im Faust schreibt: Gefühl ist alles, so stimmt das zwar nur bedingt, aber Goethe erfasste intuitiv wahre Gegebenheiten. Goethe spricht die Weltseele an (vgl. II,1); sie ist es, die dem Bereich des Fühlens, des kosmischen Fühlens zuzuordnen ist, doch fühlt sie nicht in erster Linie, vor allem macht sie fühlen, sie sendet ihre Energie, damit wir fühlen lernen können, sie lehrt uns fühlen. Deshalb eben schreibt Goethe: Gefühl ist alles. Fühlen ist ein Weltgefühl, das uns die Weltseele lehrt. – Allerdings: Fühlen ohne Denken führt in Gefühlsnebel, nicht in Gefühlsklarheit.

Stecken blieb Goethe jedoch auf der Stufe des Wollens und deutlich wird das ausgerechnet an dem so berühmten Satz am Ende des Faust II: Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.

So wunderbar diese Aussage ist und so sehr sie Gültigkeit haben mag für Menschen auf der Stufe unseres Bewusstseins, so sehr kann sie uns zu der Erkenntnis führen, dass die Menschheit von morgen sich von dem Ewig-Weiblichen nicht ziehen lassen wird, sondern ganz bewusst und mit eigenem Willen und Wollen in höchste himmlische Sphären vordringt. Theseus bedarf noch der Ariadne, um aus dem Labyrinth zu kommen, Dante in seiner Divina Commedia zum Schluss seiner Seelenreise noch des Ewig-Weiblichen in Gestalt der Beatric; Lukas ist auf die Liebe der Himmelsgesandten Zofia in Marc Levys Sieben Tage für die Ewigkeit angewiesen so wie der junge Prinz Girolamo auf die der Prinzessin Momo in Michael Endes wunderbarem Märchen vom Zauberspiegel. In vorchristlichen Zeiten waren selbst diese Möglichkeiten des Ewig-Weiblichen nicht gegeben, wie wir dem Schicksal von Orpheus  und Eurydike entnehmen oder dem des Siegfried, der, durch den Zaubertrank der Mutter Kriemhilds, die den Helden als Schwiegersohn wollte, vergaß, dass es Brunhilde, die er für König Gunter besiegte, war, die zu ihm gehörte –  das deutsche Nibelungenlied verschweigt das, in der Eddha allerdings sind die entsprechenden Hintergründe zu finden. So musste das Geschehen in einem grausamen Gemetzel an Etzels Hof enden, wobei die Anwesenheit Dietrich von Berns, der den blutigen Auseinandersetzungen ein Ende bereitet, eigentlich aber als christlicher Held hierher gar nicht gehört, einen Verweis gibt auf eine Zukunft, die eingebettet ist in ein richtig verstandenes Christentum, dessen spirituelle Qualität allerdings bis heute weitgehend nicht erkannt ist.

Ich habe an anderer Stelle bereits angesprochen, dass das Ewig-Weibliche nichts zu tun hat mit unserem Verständnis des Geschlechtlichen bzw. jener sich immer mehr entartenden Sexualität unserer Tage oder gar Gender-Verücktheiten, sondern dass das Weibliche in Mythen und Märchen die suchende Seele darstellt; die Sehnsucht unserer Seele und ihr Wissen um ihr Ziel ist das Ewig-Weibliche; sie zieht uns mit ihrer Sehnsucht nach oben. – Zumindest solange, bis wir einst dies selbst wollen. Dann wird sich in uns wieder vereinen, was sich trennen musste – Platon hat diese Trennung ja, genauso wie das die Bibel tut, beschrieben. Dann,,, wenn sich einstmals Getrenntes wieder vereint, wird uns Menschen bewusst sein, was Liebe ist.

Wir nennen den Geist, der sich in uns realisiert, Seele. Weltseele nennt Goethe die hinter diesem Sein waltende Idee. Wen die Weltseele durchdringt, der ringt mit dem Weltgeist. Wir dürfen nicht annehmen, dass ein plattes Demütigsein oder Hände-in-den-Schoß-Falten die angemessene menschliche Haltung sei. Wir haben den Prometheus in uns, wir haben den Kain in uns, wir haben Jakob in uns, der mit dem Engel Gottes kämpfte. Bewusstsein ergibt sich oft erst im und durch Kampf. Vielleicht schieben wir viele Leben den Stein des Sisyphos nach oben und machen einen auf Rebell, wie Camus es sieht, was nichts anderes bedeutet, als dass wir gegen uns selbst Krieg führen (re-bellum). Vielleicht wüten wir auch wie Saulus. Aber zu glauben, wir kämen durch Frömmeln in den Himmel oder dadurch, dass wir alles in Licht und Liebe zu sehen meinen wollen, ist meines Erachtens ein grandioser Irrtum. Deshalb schreibt Goethe

Dann mit dem Weltgeist selbst zu ringen
Wird unsrer Kräfte Hochberuf.

Das Fromm-Sein vieler Christen kommt einer Selbstverleugnung gleich. Man lernt sich nicht kennen, wenn man alles auf Gott projiziert; das ist eine selbstverächtliche Strategie, die aus Faulheit und Bequemlichkeit geboren ist oder aus fehlendem Mut. Rebell sein um des Rebellierens willen ist desgleichen der falsche Weg. Es gibt kein Rezept für richtiges Verhalten; jeder hat seine eigenen Schwächen, die er erkennen und überwinden muss. Der Weg ist, immer ehrlicher und ehrlicher, immer wahrer und wahrer zu werden.

Auf diesem Weg, wie immer er auch aussieht, sind wir jedenfalls nie verlassen (vgl. II,4ff). Auch wenn ich es einen gravierenden Fehler Hesses finde, dass er Harry Haller mit Hilfe einer Droge – Hesse mag mit dem weißen Pülverchen Hasch oder Kokain im Blick gehabt haben; die Wirkung seines Buches auf die Drogen-Szene nicht nur in Amerika war jedenfalls umwerfend – den Zugang zum Magischen Theater finden lässt, ist es kein Zufall, dass dort alte Meister wie Mozart oder Goethe auftauchen; Hesse hätte auch Paracelsus, Thomas von Aquin, Franz von Assisi oder Albrecht Dürer auftauchen lassen können und es gilt in der Tat:

Teilnehmend führen gute Geister,                       
Gelinde leitend, höchste Meister,                   
Zu dem, der alles schafft und schuf.

Die Tonversetzung in Teilnehmend, also der entgegen der jambischen Betonung ganz nach vorne gezogene Akzent, vermag die Eindringlichkeit und Ernsthaftigkeit des Folgenden zu akzentuieren.

Nicht nur Meister, auch Werke wie Goethes weises Gedicht können eine Hilfe sein.

In einem Brief vom 19.3.1827 an seinen langjährigen Freund Zelter schreibt Goethe: „Wirken wir fort, bis wir, vor- oder nacheinander, vom Weltgeist berufen, in den Äther zurückkehren! Möge dann der ewig Lebendige uns neue Tätigkeiten, denen analog, in denen wir uns schon erprobt haben, nicht versagen!“

 

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Der EKD-Ratsvorsitzende Bedford-Strohm in unermüdlichem Einsatz für sich selbst – ein weichgespültes Christentum, das niemand braucht, das keine Zukunft hat.

Wer Beiträge von mir ab und an liest, weiß, dass ich mich gern mit einem Rilke-, einem Goethe- oder einem Hölderlin-Gedicht auseinandersetze, weil ich deren Einstellung zum Leben, aber auch ihr religiöses Streben und Suchen sehr ernst nehme. Mich berührt, wenn jemand so tief und ernst sich mit den Fragen des Lebens auseinandersetzt.

Das tun Kirchenleute ihrem Selbstverständnis nach auch, doch stelle ich einfach für mich oft fest, dass bei mir innerlich nichts ankommt, nichts resoniert, wenn sie predigen oder sich äußern. Ich spüre oft keine Tiefe, und deshalb gehe ich auch in keinen Gottesdienst mehr. Es sind so oft die immer wiederkehrenden Phrasen, die ich seit meiner Kindheit kenne, die für mich nicht die Spur von innerem Leben haben. Mich dünkt, als sei das Christentum richtiggehend verkommen.

Ich werfe im Folgenden einen Blick auf den Ratsvorsitzenden der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, auch, weil ich ihn für einen typischen Vertreter des zeitgenössischen Christentums halte und weil ich es für notwendig erachte, mich und meine Zeitgenossen mit jenen Altvorderen zu vergleichen, deren geistige Stärke, was das Denken und ihren Glauben betrifft, ich so schätze.

*

Es gibt durchaus Facebook-Seiten kirchlicher Führungspersönlichkeiten, die rücken die Sache, um die es geht, in den Vordergrund. Nicht so der Evangelische Ratsvorsitzende. Kaum ein Post, der nicht mit einem telegenen Bild von ihm aufmacht und ihn in der Folge mehrfach zeigt. Seine Seite ist die Super-Illu Bedford-Strohm.

Gestern hatte ich mir erlaubt – ich weiß gar nicht mehr, warum ich auf seine Facebook-Seite geraten war – unter einem Post zu kommentieren: „Ging es auch um Gott?“ – Wem dankte da nämlich im Rahmen eines Festgottesdienstes (Post vom 17. Juni) nicht Bedford-Strohm alles, all den Festvorbereitern ebenso wie der Pfarrerin, die das Ganze koordiniert hatte und er dankte auch für all das Zusammenhelfen bezüglich der Renovierung der Kirche.

Eigentlich, so denkt der naive Laie, dankt man doch in der Kirche Gott – zumindest auch Gott. In meiner Kindheit, als ich ständig in die Kirche musste, war es noch so – da war eigentlich klar: Gott steht im Mittelpunkt. Bei Bedford-Strohm wird er mit keinem Wort erwähnt. Und das gilt für viele seiner Posts, vermutlich für die allermeisten. Und was gerade in diesem Zusammenhang auffällt, sind im Rahmen dieses eben angesprochenen Post Formulierungen wie „auch von mir“, „Für mich war es wieder“, „mich auf einem ´heißen Stuhl´“, „nehme ich wieder große Dankbarkeit über viel herzliche Gastfreundschaft und geschwisterliche Gemeinschaft mit nach Haus“. – Bedford-Strohm nimmt Dankbarkeit mit nach Hause, na, da gehört sie wohl hin. Da wird sie dann facegebooked. Und damit auch Gott genug! Der hat schon auf seinen Sohn verzichtet, jetzt kann er auch auf den Dank verzichten. Nicht, dass man aufgrund eines Postes zum Beckmesser werden sollte, aber schauen Sie selbst die Beiträge des Gottesmannes durch: kaum eine Spur von Gott – viele viele Spuren von Bedford-Strohm! (Übrigens gibt es auch Seiten kirchlicher Würdenträger, da wird Gott immer wieder genannt, aber es kommt mir einfach zuallermeist vor wie von der Mundschleimhaut  aus gesprochen, nicht aus den Tiefen des eigenen Wesens.)

Es gibt einen Narzissmus speziell religiöser Art: Da ist der Predigende auf einmal so wichtig, da ist die Leistung des Chores so wichtig, da ist alles so wichtig, nur Gott wird am Schluss mit einem Vater unser abgespeist. Das darf genügen.

Ein weiteres Merkmal seiner Facebook-Seite ist: Ständig geht es um Superlative, in die der Herr Ratsvorsitzende ganz zufällig eingebunden ist. Da ist er zu Besuch bei Deutschlands größtem Privatradiosender, wo man seine Schwäche für Mokka-Buttercremetorte kennt (die Bildergalerie täuscht; wenn man die Bilder anklickt, ist kein Bild ohne ihn!); dabei ist er – nur ganz am Rande bemerkt er in diesem Zusammenhang, dass er Außerplanmäßiger Professor an der Theologischen Fakultät Stellenbosch bei Kapstadt ist – gerade noch im Ökumenischen Zentrum in Genf gewesen, wo es ihm „eine echte Freude (war), unsere deutsche Bewerbung den 150 Mitgliedern des Zentralausschusses zu präsentieren“. Vor Genf war es die Evangelische Akademie in Tutzing, wo Markus Beckedahl, einer der bekanntesten Kenner des Internets und der digitalen Kommunikationswelten in Deutschland vor  Evangelischen Unternehmern, „die ich gestern in die Evangelische Akademie Tutzing eingeladen hatte“, sprach.

Ein weiterer Post beginnt:  „Was ich am Nachmittag beim Integrationsgipfel in Berlin schon sehr stark gespürt habe, ist mir am Abend in Hamburg noch einmal sehr eindrücklich vor Augen getreten. Anlässlich einer Preisverleihung im Körber-Forum (ich habe den Hildegard-Hamm-Brücher-Preis für Demokratie des Fördervereins Demokratisch Handeln bekommen) wurden auch Demokratie-Projekte von Schülerinnen und Schulen ausgezeichnet …“  [gewiss, die Preisverleihung steht in Klammern, aber Klammern sind nunmal des Lesers liebstes Kind und finden immer Beachtung … das weiß ein Bedford-Strohm].

Ja wirklich, so beginnt ein weiterer Post, „Beim Integrationsgipfel der Bundeskanzlerin waren gestern viele Menschen zusammen…“.

Doch wer glaubt, er gebe sich nur mit Bundeskanzler-Niveau ab, nein,  er besucht auch einfache Landtagsabgeordnete, schließlich ist er nicht nur Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche ganz Deutschlands, sondern auch Evangelischer Landesbischof Bayerns.

Irgendwie dämmert da dem Bürger des Christlichen Abendlandes, warum Jesus sich wie ein Berseker um die einfachen Leute bemühte; er musste ein Polster schaffen für Leute wie Bedford-Strohm. Der spricht zwar in einem Video davon, wie sehr ihm die Minderprivilegierten am Herzen liegen, aber auf seiner Fb-Seite spiegelt sich von dieser Einstellung kaum etwas bis nichts.

Ich meine: Keine Frage, dass Bedford auch, gespickt mit vielen Fotos, eine Tafel besuchen wird (wenn er das nicht schon tat) und ich bin überzeugt, dass er dort salbungsvoll über Jesu Verhältnis zu Geld und Macht und Reichtum reden wird bzw. redete, aber bitte: Irgendjemand muss auch die Macht und den Reichtum bedienen [und Bedford-Strohm opfert sich da ganz, ganz ungern, wie man all den Bildern unschwer entnimmt]; die Leute, die Reichen, die Mächtigen, die Angesagten dürfen dem Reich Gottes doch nicht verloren gehen, zumal das die eigentliche Klientel der Kirchen ist. Schließlich hat die Katholische Kirche Deutschlands ein Vermögen von über 200 Milliarden und das der Evangelischen Kirche dürfte nicht so viel kleiner sein, ein Vermögen, das beide sicher horten, gerade in Zeiten, wo es neuesten Zahlen zufolge 68,5 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht gibt; das sind unsichere Zeiten, da muss man sein Geld zusammenhalten. Da kann Jesus lange sagen: Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelör geht, als dass ein Reicher ins Reich Gottes kommt.

Dass unsere christlichen Kirchen als allererste nicht in den Himmel kommen, müsste eigentlich auf dem Hintergrund des Jesus-Wortes klar sein. Aber der hat halt einfach nicht geblickt, wie dramatisch sich die Vermögensverhältnisse bis heute geändert haben und dass die Verantwortung der Kirchen für die Seelen der Menschen bedeutet, sich auch für das Geld dieser Seelen verantwortlich zu fühlen – am besten doch hautsächlich für Letzteres. Vielleicht laden ja Kirchenführer wie Bedfort-Strohm Jesus zu einem Integrationsgipfel ein – serviert wird trockenes Brot und gepökelter Fisch, man weiß schließlich, was Jesus schmeckt!! -, aber ich vermute, Jesus wird Bedford-Strohm und anderen nicht die Füße waschen, sondern den Kopf und sie wie weiland die Wechsler und andere Geld- und Ego-Gierigen aus seinem Tempel jagen.

Bedford-Strohm und andere haben – so glaube ich, sonst könnte Ersterer nie eine so ich-fixierte Seite gestalten – nie mit dem Herzen diese erste Stufe eines ehemals christlichen Einweihungsweges, wie sie die Fußwaschung darstellt, verstanden.

Noch ein Nachtrag:

Offensichtlich hatte Herr Bedford-Strohm zur Kenntnis genommen, dass da „jemand“ anlässlich seines Facebook-Post zum Festgottesdienst gefragt hatte, ob es auch um Gott gegangen sei (wieder im Übrigen ein Premium-Bedfort-Strohm-Bild; zum Thema Klima und Kreuz hätte er sich schon mal um ein inhaltsbezogenes Bild bemühen können, zumal ihm ja in München drei persönliche Referenten und drei Sekretärinnen zur Verfügung stehen – ich hoffe, dass die nicht auch der Steuerzahler bezahlen muss wie den Landesbischof Strohm, Grundgehalt immerhin ca. 11 000 Euro + persönlicher Fahrer + Dienstwagen + Aufwandsentschädigungen). – Jedenfalls übermittelte er seine Antwort an den jemand, also mich, der da gefragt  hatte, mit Verweis auf ein Interview, das er der MAINPOST gab, wobei ihm offensichtlich nicht einmal klar ist, dass dieses Interview, auf das er auf diesem Weg gleich in seiner telegen-geschmeidigen Manier hinweist, eine Riesenohrfeige für den Sohn Gottes beinhaltet. [leider hat die MAINPOST nach Erscheinen dieses Post ihren Artikel auf kostenpflichtig geschaltet]

Vorausschicken sollte man vielleicht, dass Bedford-Strohm und Erzbischof Kardinal Reinhard Marx 2016 zur gemeinsamen Pilgerfahrt nach Jerusalem reisten. Auf dem Tempelberg nahmen beide ihre christlichen Kreuze aus „Respekt gegenüber dem muslimischen Gastgeber, der das so gewünscht habe“ ab. In Deutschland löste dieses Verhalten eine heftige öffentliche Diskussion aus.

In diesem Interview wird nun Bedford-Strohm auch nach seiner Kreuzabnahme, die für mich in Wirklichkeit eine Kreuzesverleugnung ist, auf dem  Tempelberg gefragt und er antwortet, „Er habe das Kreuz seinerzeit abgenommen, weil sowohl am Tempelberg mit der Moschee als auch an der Klagemauer eine aufgeheizte Situation geherrscht habe.“

Und in einem weiteren Satz, der im Grunde jeden Christen niederschmettern muss, sagt der Kirchenführer, „Das Tragen des Kreuzes sei üblicherweise kein Problem.“ – Üblicherweise? – Irgendwie wird mir bei dieser Formulierung übel.

Ich gebe wieder, was ich einer Frau auf Facebook antwortete, die in einem Kommentar verlauten ließ: Mal sehen, ob Johannes Klinkmüller, der die Frage gestellt hatte, das [gemeint ist der MAINPOST-Artikel] auch liest und damit seine Frage positiv beantwortet sieht!

Ich habe ihr geantwortet:

Ja, Gertrud Müller (Name geändert), Johannes Klinkmüller hat das gelesen und empfindet Ihr Nachhaken als reine Rhetorik. Wo macht der Zeitungsartikel Gott als Mittelpunkt deutlich? Im Gegenteil, Bedfort-Strohm verleugnet auf eine unglaubliche Weise Gott und Christus. In dem Artikel ist zu lesen: „Er habe das Kreuz seinerzeit abgenommen, weil sowohl am Tempelberg mit der Moschee als auch an der Klagemauer eine aufgeheizte Situation geherrscht habe.”
Gott sei Dank hat Jesus nicht das Herz eines Bedfort-Strohm gehabt; vor 2000 Jahren war die Stimmung unvergleichlich aufgeheizter („Kreuziget ihn!”).
Und dann folgt noch solch ein Satz, der für Christus kaum deprimierender sein kann:”Das Tragen des Kreuzes sei üblicherweise kein Problem.” – Was für eine ätzende Aussage! Üblicherweise kann ein Ratsvorsitzender das Kreuz schon tragen …
Gut, dass mir das alles durch Ihr Engagement für Bedfort-Strohm aufgefallen ist. Ich werde an anderer Stelle darauf gründlicher eingehen: Durch die Welt reisen und die Kirche repräsentieren und bei Gelegenheit das Kreuz in den Säckel stecken. Gerade das macht ja das Christentum gegenüber dem Judentum und dem Islam aus, dass es einen Sohn gibt und dass er am Kreuz stirbt. Gerade in Jerusalem hätte Bedfort-Strohm das bekennen müssen! Sein Verhalten damals und seine Aussagen hier zeigen, dass er die Bedeutung des Kreuzes wirklich nicht verstanden hat, sonst hätte er nicht damals so handeln und heute noch sprechen können.
Über vielfach fehlendenden Gottesbezug schreibe ich an anderer Stelle. Jesus ist nicht als Super-Christ durch die Welt gereist. Er hat sich dem Menschen ohn Ansehen der Person zugewandt. Aber bestimmt hat Bedfort-Strohm auch schon medienwirksam eine Tafel besucht …

Dieser Theologe und oberste Evangele hat das Jesus-Wort nie verstanden: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ – Vielleicht, mag der ein oder andere sagen, hat er es auch nicht verstehen wollen.

Klar und eindeutig kommt hier zum Ausdruck, dass der Sohn Gottes zu einer kompromisslosen Entscheidung herausfordert,  nicht zu Tempelbergentscheidungen eines Bedfort-Strohm.  Die Schärfe des geistigen Schwertes trennt kompromisslos Falsches von Wahrem

„Wer mich bekennet vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater.“

Für mich fällt dieses weichgespülte Christentum à la Bedfort-Strohm unter das Verhalten der Lauen, von denen in der Offenbarung des Johannes in Bezug auf die Gemeinde zu Laodicea die Rede ist. Das wird jene Zeit sein, die auch in Matthäus 24 angesprochen ist, in der es auf der Erde infernalisch zugeht. Ein wenig kündigt sie sich schon an, finde ich. Da werden nicht viele sich als wirkliche Christen erweisen, so weiß die Bibel.

Was diese christlichen Weichpüler betrifft: Ihr Christentum ist nicht Fisch, nicht Fleisch, wie der Volksmund sagt. Über die Lauen aber heißt es in der Offenbarung, dass sie ausgespien werden. – Die Bibel ist da klar und eindeutig.

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“Komm du, du letzter, den ich anerkenne, / heilloser Schmerz im leiblichen Geweb“! – Rilkes letzte Zeilen offenbaren einen unglaublichen Bewusstseinswandel.

Es kann ein sehr schmerzvoller Weg sein vom literarischen Tod zum wirklichen Tod. In seinen letzten Zeilen ist Rilke – so habe ich lange gedacht – ihn nicht gegangen, den heillosen Schmerz hat er anerkannt, den Tod nicht.

Man könnte sagen, so zu differenzieren sei sophistisch, zwischen heillosem Schmerz und Tod sei letztendlich kein Unterschied. Wenn da nicht vier gestrichene Zeilen wären, die Rilke eine Zeitlang dem letzten Vers Und ich in Lohe. Niemand, der mich kennt folgen lassen wollte. Diese dann gestrichenen Zeilen hätten das Gesagte seiner Schärfe beraubt. Lesen Sie selbst:

Komm du, du letzter, den ich anerkenne,
heilloser Schmerz im leiblichen Geweb:
wie ich im Geiste brannte, sieh, ich brenne
in dir; das Holz hat lange widerstrebt,
der Flamme, die du loderst, zuzustimmen,
nun aber nähr’ ich dich und brenn in dir.
Mein hiesig Mildsein wird in deinem Grimmen
ein Grimm der Hölle nicht von hier.
Ganz rein, ganz planlos frei von Zukunft stieg
ich auf des Leidens wirren Scheiterhaufen,
so sicher nirgend Künftiges zu kaufen
um dieses Herz, darin der Vorrat schwieg.
Bin ich es noch, der da unkenntlich brennt?
Erinnerungen reiss ich nicht herein.
O Leben, Leben: Draussensein.
Und ich in Lohe. Niemand, der mich kennt.

Verzicht. Das ist nicht so wie Krankheit war
einst in der Kindheit. Aufschub. Vorwand um
grösser zu werden. Alles rief und raunte.
Misch nicht in dieses was dich früh erstaunte

Niemand wird Rilke scheel anschauen, dass er auch in den endgültigen 16 Zeilen den Tod nicht benennt; wer könnte sagen, dass es ihm nicht selbst auch schwer fiele!

Mitten im Leben zu stehen und gekonnt literarisch über den Tod zu schreiben, das kann nicht jeder, aber es kann, wenn es einer denn kann, echt überzeugend sein. Ich denke da an Markus Zusaks Roman Die Bücherdiebin (wer das Buch nicht lesen mag, der Film ist jede seiner Minuten wert) und sein absolut gelungenen Beginn, in dessen Rahmen der Tod als Erzähler auftritt und seine Arbeit vorstellt.  Oder ich denke an Rilke selbst und seinen Roman Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, der schon so bezeichnend beginnt:

So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier. Ich bin ausgewesen. Ich habe gesehen: Hospitäler. Ich habe einen Menschen gesehen, welcher schwankte und umsank. Die Leute versammelten sich um ihn, das ersparte mir den Rest.

Nur wenige Seiten später findet sich eine Passage, in der der Ich-Erzähler über das Hôtel-Dieu von Paris schreibt, ursprünglich eine Pilgerherberge, nun ein Armen-Hospiz zum Zwecke des fabrikmäßigen Sterben, wie es heißt:

Es wäre sehr häßlich, hier krank zu werden, und fiele es jemandem ein, mich ins Hôtel-Dieu zu schaffen, so würde ich dort gewiß sterben […]

Dieses ausgezeichnete Hôtel ist sehr alt, schon zu König Clodwigs Zeiten starb man darin in einigen Betten. Jetzt wird in 559 Betten gestorben: Natürlich fabrikmäßig. Bei so enormer Produktion ist der einzelne Tod nicht so gut ausgeführt, aber darauf kommt es auch nicht an. Die Masse macht es. Wer gibt heute noch etwas für einen gut ausgearbeiteten Tod? Niemand. Sogar die Reichen, die es sich doch leisten könnten, ausführlich zu sterben, fangen an, nachlässig und gleichgültig zu werden; der Wunsch, einen eigenen Tod zu haben, wird immer seltener. Eine Weile noch, und er wird ebenso selten sein wie ein eigenes Leben. […] man stirbt den Tod, der zu der Krankheit gehört, die man hat (denn seit man alle Krankheiten kennt, weiß man auch, daß die verschiedenen letalen Abschlüsse zu den Krankheiten gehören und nicht zu den Menschen; und der Kranke hat sozusagen nichts zu tun).

Der Beginn der folgenden Passage will etwas makaber anmuten, wenn man weiß, dass Rilke 51-jährig in einem Sanatorium starb:

In den Sanatorien, wo ja so gern und mit soviel Dankbarkeit gegen Ärzte und Schwestern gestorben wird, stirbt man einen von den an der Anstalt angestellten Toden; das wird gerne gesehen. Wenn man aber zu Hause stirbt, ist es natürlich, jenen höflichen Tod der guten Kreise zu wählen, mit dem gleichsam das Begräbnis erster Klasse schon anfängt und die ganze Folge seiner wunderschönen Gebräuche. Da stehen dann die Armen vor so einem Haus und sehen sich satt. Ihr Tod ist natürlich banal, ohne alle Umstände. Sie sind froh, wenn sie einen finden, der ungefähr paßt. […]

Früher wußte man (oder vielleicht man ahnte es), daß man den Tod in sich hatte wie die Frucht den Kern. Die Kinder hatten einen kleinen in sich und die Erwachsenen einen großen. Die Frauen hatten ihn im Schoß und die Männer in der Brust. Den hatte man, und das gab einem eine eigentümliche Würde und einen stillen Stolz.

Meinem Großvater noch, dem alten Kammerherrn Brigge, sah man es an, daß er einen Tod in sich trug. Und was war das für einer: zwei Monate lang und so laut, daß man ihn hörte bis aufs Vorwerk hinaus.

[…]. Christoph Detlevs Tod, der auf Ulsgaard wohnte, ließ sich nicht drängen. Er war für zehn Wochen gekommen, und die blieb er. Und während dieser Zeit war er mehr Herr, als Christoph Detlev Brigge es je gewesen war, er war wie ein König, den man den Schrecklichen nennt, später und immer. Das war nicht der Tod irgendeines Wassersüchtigen, das war der böse, fürstliche Tod, den der Kammerherr sein ganzes Leben lang in sich getragen und aus sich genährt hatte. Alles Übermaß an Stolz, Willen und Herrenkraft, das er selbst in seinen ruhigen Tagen nicht hatte verbrauchen können, war in seinen Tod eingegangen, in den Tod, der nun auf Ulsgaard saß und vergeudete.

Wie hätte der Kammerherr Brigge den angesehen, der von ihm verlangt hätte, er solle einen anderen Tod sterben als diesen. Er starb seinen schweren Tod.
(Hier gibt es die ganze Passage, ungekürzt.)

Ob Rilke so geschrieben hätte, wenn er um seinen eigenen bösen Tod gewusst hätte? Und war er wirklich böse wie jener des Kammerherren? Ich glaube nicht, aber das ist mir erst spät gedämmert.

Auch in Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke gestaltet unser Autor einen rauschhaft-dionysisch überhöhten Kriegstod, ebenso, wie manche Zeilen aus dem Stundenbuch noch recht literarisch klingen, was den Tod betrifft, und fern des Bewusstseins eines möglichen eigenen.

Mit ablaufendem Stundenglas und zunehmendem Alter veränderte sich Rilkes Sicht; immer weniger leicht tat er sich mit dem Tod, immer bewusster sprach und schrieb er von ihm, ich denke an jene Zeilen des neunten Sonetts aus dem ersten Teil der Sonette an Orpheus:

Nur wer mit Toten vom Mohn
aß von dem ihren,
wird nicht den leisesten Ton
wieder verlieren.

Ganz zu schweigen von Versen aus den Duineser Elegien wie jenen der zehnten, aus denen man, 1922 zuende geschrieben, schon glaubt, ein Bewusstsein zu erspüren, welches das eigene schwer Los schon bearbeiten möchte:

Dass ich dereinst, an dem Ausgang der grimmigen Einsicht,
Jubel und Ruhm aufsinge zustimmenden Engeln.
Dass von dem klar geschlagenen Hämmern des Herzens
keiner versage an weichen, zweifelnden oder
reißenden Saiten […]

Über den Tod zu schreiben und zu sprechen und ihm doch aber näherzukommen, ja ihm zu begegnen, dieser Unterschied macht betroffen. Ich muss dabei an meinen Vater denken, einen sehr religiösen Menschen, der in der Brüdergemeinde sogar Andachten hielt und  des Öfteren über den Tod Jesu und den Tod überhaupt gesprochen  haben mag. Aber mit dem Sterben tat er sich ungeheuer schwer, was mich damals bestürzte, mir sehr zu denken gab. Ich habe seine Angst gespürt, seine Beklemmung, sein Klammern am Leben, wie er so wochenlang dalag. Bis heute geht es mir nicht aus dem  Sinn, wie er, dem Tod geweiht, das Leben nicht loslassen konnte. Nachvollziehen kann ich es mittlerweile allemal, auch, weil ich erkannt habe, wie wenig Christ sagen und Christ sein miteinander zu tun haben können (viel zu oft glaube ich diesen Unterschied bei Menschen mittlerweile zu spüren).

Deshalb verstehe ich auch Rilke. Er war auf seine Weise ein Gott Suchender – Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manches Mal / in langer Nacht mit hartem Klopfen störe […] -, sehr ehrlich und – so möchte ich etwas provokativ sagen – fast mehr Muslim als Christ, denn sein Verhältnis zum Sohn Gottes war mehr als problematisch; seine Gedichte über Christus, Christus-Visionen überschrieben, in denen er zum Beispiel Jesus auf dem Prager Judenfriedhof auftauchen (Jehova – weh, wie hast du mich mißbraucht) oder ihn als Narr einem Mädchen das Kleidchen zerfetzen lässt, geben darüber Aufschluss. Sie  hätten Allah, wie sie im Grunde Christus denunzieren, durchaus, könnte ich mir vorstellen, gefreut, der im Koran, ihm einen Sohn unterstellen zu wollen, unter Strafe stellt. Der Islam kennt keinen Sohn, damit auch keine Entwicklung. – Der Vater. Allah. Mehr soll nicht sein.

Rilke nun lässt, wie der Islam ja auch, die Existenz von Jesus immerhin zu, differenziert aber nur sehr ungenau zwischen Jesus und Christus, offensichtlich die Bedeutung von Jesus als Christusträger nicht verstehend, für mich bezeichnend, war Jesus doch ein Mensch und nicht – so sehe ich es – von vornherein  Christus, sondern er nahm den Sohn Gottes während der Taufe durch Johannes im Jordan auf, was die Stimme seines Vaters im Moment der Taufe bestätigt: Dies ist mein lieber Sohn. Drei Jahre trug der physische Jesus den Sohn Christus bis nach Golgatha. – Verstanden hat Rilke vermutlich nicht, warum das Christentum seinen Sinn im Sohn findet, der erst ab der Johannes-Taufe eins mit Christus ist.

Wenn da nicht Anklänge in seinen letzten Zeilen wären, die mich schlicht frappieren – dazu später mehr.

Rilke hat vielfach in Briefen über die Schmerzen der letzten Wochen geschrieben und nicht zurückgehalten, deren übergroßes Ausmaß zu beschreiben. Doch trug er ihn wohl tapfer, wie wir einem Brief an Professor Jean Rudolf von Salis, der ihn 1924 noch in Muzot besucht hatte und 1936 das berühmte Buch über Rilkes Schweizer Jahre verfasste, entnehmen können.

Nicht von ungefähr beginnen die letzten 16 Zeilen dieses großen Dichters  mit der Anrede an den Schmerz, den Rilke wie einen Freund, ja fast wie einen Geliebten anspricht – für mich gehören die ersten beiden Zeilen mit zu den eindrucksvollsten in Rilkes gesamtem  Schaffen – , wobei man wissen muss, dass der Dichter erst kurz vor seinem Tod, wenn ich recht informiert bin, nach vielen Sanatorienaufenthalten und zahlreichsten Arztbesuchen erfuhr, dass er an einer besonders schweren und unheilbaren Form von Leukämie litt. Und wie er litt! Rilke starb am 29. Dezember 1926. Sein Ende war qualvoll. Pusteln hatten die Schleimhäute befallen und brachen immer wieder auf und bluteten, so dass Rilke kaum trinken konnte.

ROLLEIUnwillkürlich muss ich daran denken, wie sehr Jesus, den Rilke in gewisser Weise so verachtete, an seinem Holz dürstete, so dass er sagte: Mich dürstet!

Auch Rilke litt großen Durst und auch er spricht immer wieder vom Holz, damit seinen Körper meinend: das Holz hat lange widerstrebt.

Mir kommen jene Verse in den Sinn, die Rilke im Spätherbst 1925 entwarf und die als Epitaph, als Grabspruch gedacht waren und auch heute noch auf dem sehr verwitterten Grabstein stehen:

Rose, oh reiner Widerspruch, Lust,
Niemandes Schlaf zu sein unter soviel
Lidern.

Die Rose, die mitten aus dem Kreuz hervorwächst, ist das Symbol der Rosenkreuzer, begründet von Christian Rosenkreutz; auch Goethe war ein Rosenkreuzer, was in seinem Fragment Die Geheimnisse – ich habe hier darüber geschrieben – deutlich wird, wenn es heißt: wer hat dem Kreuze Rosen zugesellt?

Doch Rilke war in seinem Leben trotz all der Séancen und spiritualistischen Aktivitäten, unter anderem im Haus der Gräfin Marie von Thurn und Taxis, weit davon entfernt, diese Bedeutung zu verstehen, verstehen zu können, symbolisiert doch das Kreuz die Überwindung der Materie durch den Geist, durch Christus, durch das Geschehen auf Golgatha; ja, entgegen den landläufigen christlichen Ansichten in Bezug auf Materie heiligt das Kreuzesgeschehen diese; denn nur dadurch konnte die Rose aus dem Holz des Kreuzes hervorwachsen! Nur durch das Physisch-Werden von Christus in Jesus konnte der Geist als Ursache alles Materiellen begriffen werden. Alles Physische, alles Materielle ist eine Schöpfung Gottes – und damit ureigentlich göttlich. Das genau macht ja den Weg des Menschen aus. Er mag für alle Zeiten einzigartig im Kosmos sein.

Das Wort ward Fleisch, heißt es zu Beginn des Johannes-Evangeliums; damit erfuhr die Materie, die Physis eine Heiligung, wie sie meines Erachtens das Christentum bis heute nicht wirklich in ihrer Bedeutung nachvollzogen hat.

Rilke hat in seinem Werk, wie angesprochen, vielfach über den Tod geschrieben. Nur hier, in diesem Gedicht spricht er das Wort nicht aus. Es ist von der Hölle die Rede, von Schmerzen, von höllischen Schmerzen, nicht von dem Tod!

Dennoch verwundert, dass er von Mildsein spricht. Wenn man solche Schmerzen hat, kann man dann milde gestimmt sein?

Offensichtlich. Etwas in ihm hat sich verändert. Er ist auf dem Weg dahin, den Tod, das Verbrennen des Holzes, das Verbrennen des sterblichen Menschen zu akzeptieren. Davon schreiben tut er nicht. Scheinbar.

Wie einst sein dichterischer Geist immer wieder brannte, ja loderte, so brennt nun sein Körper, er verbrennt, er ist – wie das Holz für das Feuer – Nahrung für den Schmerz. Lange, so schreibt Rilke, wollte sein Körper nicht diese Nahrung sein; nun hat er zugestimmt: Rilke sagt ja zu unendlichem Schmerz.

Der Dichter hat, so macht ein Brief an Lou Andreas-Salome deutlich, Krankheit immer
als Ausnahme und schon wieder Rückweg ins Freie gesehen. An Tod hat er nicht
gedacht, nicht im seinem, im eigenen Zusammenhang. Nun aber steigt er Ganz rein, ganz planlos frei von Zukunft auf den Scheiterhaufen, der zwar wirr ist, mithin ihn durchaus verwirrt, doch wissend, dass er nichts mehr kauft, dass sein Herz keinen Vorrat an Leben mehr hat.

Bin ich es noch, der da unkenntlich brennt?

Dieses Brennen auf dem Scheiterhaufen löst vielleicht nicht das eigene Ich auf (falls
man es hat – eigentlich hat man es nur durch Jesus: unser Personalpronomen I-CH umfasst bezeichnenderweise  die Initialen von J(esus) Ch(ristus) – , aber die Schmerzen lösen alle Vorstellungen von dem, was einst dieses Ich ausmachte, auf. Vergangenes wie z.B. Erinnerungen zählen nicht mehr, sie lassen sich nicht hereinreißen, nicht in dieses Inferno integrieren. Leben, wie wir es üblicherweise definieren, findet nur noch draußen statt, nicht mehr in dieser Lohe.

Niemand kann sich das vorstellen, niemand kennt diesen Rainer Maria Rilke mehr, der da brennt.

Wer auf diese Weise stirbt, stirbt einen Tod, den niemand wirklich nachvollziehen
kann.

Vielleicht stirbt Rilke hier jenen Tod, den er Jesus am Kreuz Zeit seines Lebens
verweigerte.

Rilke wusste vermutlich nichts von den sieben Stationen des christlich-gnostischen Weges, also von Fußwaschung, Geißelung, Dornenkrönung, Kreutragung und Kreuzigung, mystischem Tod, Grablegung, Auferstehung und Himmelfahrt. Es ist ein Weg der inneren Schulung, er umfasst Stufen, die das persönliche Ich hin öffnen zum kosmsischen Bewusstsein des Christus. Keineswegs wird das Ich hier aufgelöst, wie manche glauben, sondern das mikrokosmsiche Ich und der makrokosmische Logos, wie der Sohn Gottes auch genannt wird, sind eins. Das meint die Bibel mit dem siebten Schöpfungstag.

Warum ich das anspreche: Auf der Stufe der Kreuztragung und Kreuzigung lernt der Mensch, seinen Körper wie von außen zu sehen, in gewisser Weise tritt er ihm fremd gegenüber, er sieht, was jener leistet, wie er leidet. Er sieht das Holz, er sieht das Fleisch. Rilke sieht es brennen.

Mich hat das total verblüfft, als mir bewusst wurde, dass Rilke hier im Grunde in seinem Versen mit seinen Worten beschreibt, wie man kaum angemessener die vierte Stufe dieses Weges der Einweihung, wie man diesen Weg in Rosenkreuzer- und ähnlich auch in Freimaurerkreisen zumindest früher nannte, erfasst. Er spricht sein leibliches Geweb an, sieht sich brennen im Schmerz, eine Qual. Er kommentiert gleichsam das Geschehen, dass das Fleisch lange Widerstand geleistet habe; nun stimmt es der verzehrenden, tödlichen Flamme, dem Tod zu. Bewusst sagt er ja, dass sein Fleisch Nahrung ist dieser Flamme. Aber spürbar ist gleichzeitig die Distanz in den Worten, fast unfassbar, dieses innere Gestimmtsein. Rilke nennt es Mildsein. Dieses Mildsein sagt ja zum Verzicht auf Leben, auf diesen Vorrat, der uns Menschen so wichtig ist.

Rilke weiß, dass wohl kaum jemand seinen inneren Zustand nachvollziehen kann. Wer diese Prüfung, die Qualen, den eigenen Körper auf diese Weise zu erleben, nicht selbst erfahren hat, kann diesen Zustand nicht kennen.

Ich glaube zu ahnen, dass Rainer Marie Rilke im Tode zu jenem Bewusstsein fand, dass er früher in der Gestalt von Jesus und dessen Mission literarisch ablehnte. Nun sieht er sich selbst das Holz, sein eigen Holz, sein Fleisch hingeben, sein Kreuz nach Golgatha tragen. 

Welch ein Gewinn!

 

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