Kleiner Jakob, kleiner Jakob, komm‘ zu Haus! – Ernst Moritz Arndt und sein deutsches Wesen. –

 Auch ein Beitrag zur ach so gar nicht existenten Leitkultur. Frau Özoğuz gewidmet!

Klage um den kleinen Jakob ist ein Gedicht, über das man leicht hinweglesen, ja höchstens die ersten Zeilen konsumieren und dann weiterblättern mag. Es sei denn, man macht sich um den Kleinen gleich anlässlich der ersten Zeile Sorgen oder bleibt an dem Namen hängen, weil aus der eigenen Kindheit ein Bruder Jakob, Bruder Jakob, schläfst Du noch, schläfst du noch heraufklingt oder einem Jakob, Esau und sein Linsengericht, womöglich auch Jakob der Lügner, falls man Jurek Beckers Roman gelesen hat, in den Sinn kommen.

Schnell aber merkt man, mit all dem hat das Gedicht von Ernst Moritz Arndt (1769-1860) wenig bis nichts zu tun (jedenfalls scheint es so). Es geht hier um den kleinen Jakob, groß genug, um Kühe zu hüten, aber zu klein, als dass sich nicht Schwestern und Brüder recht schnell Sorge machen, wobei wir hoffen wollen, dass es ihnen wirklich um den kleinen Bruder und nicht eher um die Kühe ging.

In jedem Fall wird sich erweisen, dass das Gedicht, geschrieben 1808, uns zu den Tiefen und Untiefen deutschen Wesens zu führen vermag, zugleich aber auch zu Tiefen des menschlichen Wesens überhaupt:

.

Wo ist der kleine Jakob geblieben?
Hatte die Kühe waldein getrieben,
Kam nimmer wieder,
Schwestern und Brüder
Gingen ihn suchen in’n Wald hinaus –
Kleiner Jakob, kleiner Jakob, komm‘ zu Haus!

Wohin ist der kleine Jakob gegangen?
Hat ihn ein Unterird’scher gefangen,
Muß unten wohnen,
Trägt goldne Kronen,
Gläserne Schuh, hat ein gläsern Haus.
Kleiner Jakob, kleiner Jakob, komm‘ zu Haus!

Was macht der kleine Jakob da unten?
Streuet als Diener das Estrich mit bunten
Blumen und schenket
Wein ein, und denket:
Wärst du wieder zum Wald hinaus!
Kleiner Jakob, kleiner Jakob, komm‘ zu Haus!

So muß der kleine Jakob dort wohnen,
Helfen ihm nichts seine güldenen Kronen,
Schuhe und Kleider,
Weinet sich leider –
Ach! armer Jakob! – die Äuglein aus.
Kleiner Jakob, kleiner Jakob, komm‘ zu Haus!           

                                                 
Tatsächlich könnte in dem ein oder anderen Leser eine tiefere Ebene resonieren, wenn wiederholt von gläsern die Rede ist, vom gläsernen Haus und von gläsernen Schuhen. Schuhe haben nun einmal eine hohe Symbolkraft. Wir denken an jene lebensentscheidenden des Aschenputtels der Gebrüder Grimm oder an die Aschenputtel-Schuhe in Perraults Märchen, zumal sie dort sogar gläsern sind.

Dreimal auch wird der Wald erwähnt, der mit dem dreimaligen Hinweis auf unten bzw. den Unterirdischen korrespondiert.

In der Tat, wer in den Wald läuft, gerät ins Unter-Bewusste, dafür steht er nun einmal, und wer Eisenhans, jenes Grimm-Märchen, das sich mit dem Thema der notwendigen Lösung des Sohnes von der Mutter so aufschlussreich beschäftigt – genial dazu Robert Blys Buch Eisenhans. Ein Buch über Männer – gelesen  hat, weiß, warum der Sohn sofort, nachdem er der Mutter den Schlüssel unter dem Kopfkissen entwendet und damit den Wilden Mann aus dem Käfig befreit hat, von eben diesem Eisenhans in den Wald gebracht wird. Schließlich müssen auch Hänsel und Gretel lernen, dass man in der Auseinandersetzung mit dem Bösen, auf das man natürlich im Wald trifft, nur überlebt, wenn man es gegebenenfalls riskiert, gewitzter als der Beelzebub zu sein und ihn mit Mitteln des Teufels zu bekämpfen, also die Hexe austrickst und den Mut hat, sie ins Feuer zu treten. – Ob der kleine Jakob das schafft? Noch scheint es nicht so. Umso verständlicher der flehentliche Ton, die dringliche Bitte der Schlusszeile, die uns natürlich auch die Frage stellen lässt: Wer fleht hier eigentlich?

Dazu ein andermal mehr. Deutlich mag jedenfalls bereits jetzt geworden sein: Das Gedicht hat eine auf den ersten Blick nicht zu erkennende überraschende Tiefe und wenn man sie zulässt, mag man auch gewahr werden, dass seine äußere Form und Gestaltung durchaus einiges Unkonventionelle und eine recht hohe Originalität aufweisen.

Zunächst sollte man aber wissen, dass obige Strophen von einem auf Rügen geborenen deutschen Dichter stammen, dessen Namen – Ernst Moritz Arndt – man im Januar diesen Jahres aus dem der Universität von Greifswald jagte. Wie sich im März dann herausstellen sollte, war es trotz einer Zweidrittelmehrheit ein vergeblicher Versuch des Akademischen Senats, die Universität reinzuwaschen, da das Vorgehen nicht rechtskonform war und der Beschluss vom Bildungsministerium Mecklenburg-Vorpommerns, allerdings aus rein formalen Gründen, kassiert wurde. – Die Hochschule will, wie ich gelesen habe, einen korrekten Beschluss nachholen, um endlich diesen Mann loszuwerden.

Nur: Verjagt hat man ihn in Greifswald im Grunde schon, ein Los, das dem Dichter nicht unbekannt ist, wurde er doch zu Lebzeiten auf dem Hintergrund der Karlsbader Beschlüsse (zu der damaligen Zeit hier ein kleiner Abriss) und der damit zusammenhängenden Verfolgung fortschrittlicher Kräfte, die man als Demagogen bezeichnete, aus seinem Bonner Professorenamt gejagt; des Weiteren musste er aufgrund seiner eindeutig antinapoleonischen Aussagen vor französischen Truppen aus der Heimat fliehen, wurde von Adligen heftigst attackiert, weil sie ihm sein fulminantes Eintreten für Bauern und gegen Leibeigenschaft krumm nahmen und bekam eine Kugel in den Bauch gejagt, weil er einen schwedischen Offizier wegen antideutscher Bemerkungen zum Duell herausgefordert hatte.

An Einsatz und Mut hat es diesem Mann, dem es später sogar vergönnt war, als Abgeordneter in die Paulskirche einzuziehen, offensichtlich nie gefehlt. Das zeigt seine bereits angesprochene und 1803 veröffentlichte, und immerhin 277 Seiten umfassende Schrift Versuch einer Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen – Nebst einer Einleitung in die alte teutsche Leibeigenschaft.

Ebenso war Ernst Moritz Arndt zu seiner Zeit aber auch einer der bekanntesten Franzosen- und Judenhasser Deutschlands. Einige seiner Aussagen sind in der Tat erschütterlich, Beispiel:

Darum laßt uns die Franzosen nur recht frisch hassen, laßt uns unsre Franzosen, die Entehrer und Verwüster unserer Kraft und Unschuld, nur noch frischer hassen, wo wir fühlen, daß sie unsere Tugend und Stärke verweichlichen und entnerven.

Oder:

Man sollte die Einfuhr der Juden aus der Fremde in Deutschland schlechterdings verbieten und hindern. […] Die Juden als Juden passen nicht in diese Welt und in diese Staaten hinein […].

Klar, dass der Mann von den Nazis vereinnahmt wurde und es Goebbels war, der dafür Sorge trug, dass die Universität Greifswald ab 1933 Arndts Namen im Schilde führte (man darf gespannt sein, ob von der Leyen als Verteidigungsministerin ebenfalls nun dafür Sorge trägt, dass die Hagenower Ernst-Moritz-Arndt-Kaserne umbenannt wird).

Hat man die Zeit des Nationalsozialismus erlebt und hört einige Aussagen Arndts, mag man sie als nationalistisch und rassistisch beurteilen. Arndt aber in einem Atemzug mit den Nationalsozialisten zu nennen und ihn, wie geschehen, auf eine Stufe mit ihnen zu stellen, ist einfach nur fahrlässig.

Von Arndts Tod bis zur Zeit des deutschen Faschismus fanden in unseren Breiten vier Kriege statt, der Deutsch-Dänische 1864, der sogenannte Deutsche zwischen Preußen und Österreich 1866, der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 sowie der Erste Weltkrieg.

Einfach davon auszugehen, einen Mann wie Arndt hätten die Geschehnisse inclusive der Machtübernahme der Nazis unbeeinflusst gelassen und er hätte 100 Jahre später alles genauso formuliert, halte ich für absolut fahrlässig, zumal er sich immer deutlich gegen Feudalismus und Gewaltherrschaft aussprach und es Aussagen von ihm gibt, wie z.B.:

Wer das Schwert trägt, der soll freundlich und fromm sein wie ein unschuldiges Kind, denn es ward ihm umgürtet zum Schirm der Schwachen und zur Demütigung der Übermütigen. Darum ist in der Natur keine größere Schande, als ein Krieger, der die Wehrlosen misshandelt, die Schwachen nöthet, und die Niedergeschlagenen in den Staub tritt.

Oder:

 Denn der Krieg ist ein Übel und die Gewalt ist das größte Übel.

Desgleichen aus seiner Schrift Geist der Zeit:

Denn wenn ein Fürst seinen Soldaten befiehlt, Gewalt zu üben gegen die Unschuld und das Recht, […] müssen sie nimmer gehorchen.

Seine Aussage

Es wird ja hoffentlich einmal eine glückliche deutsche Stunde für die Welt kommen und auch ein gottgeborener Held, […] der mit scharfem Eisen und mit dem schweren Stock, Scepter genannt, [das Reich] zu einem großen würdigen Ganzen zusammenschlagen kann.

kann nur missverstehen, wer nicht zur Kenntnis nehmen will oder kann, dass Arndt nun einmal im Deutschen Vormärz lebte.

Ich vermute, dass in dem universitären Greifswalder Gremium einige saßen, die nicht bereit waren zu sehen, dass in 100 Jahren Geschichte sich Bewusstsein verändert, dass die Bedeutung von Worten und ihre Gewichtung sich verändern und dass sie zudem noch einen Zweiten Weltkrieg in sich aufgezeichnet finden, den sie womöglich auch auf Arndts Aussagen geladen haben.

Es liegt aber auch daran, dass sie das Wesen unserer Kultur, wie ich noch aufzeigen möchte, bewusst ignorieren oder intellektuell nicht erfassen können.

Zudem gibt es in unserem Land eine Menge Leute, die klischeehaft reagieren und nicht zu unterscheiden in der Lage sind, ob eine nationalistische oder ethnologische, also völkerkundliche Sicht vorliegt, die zu erkennen gibt, dass jedes Volk durchaus eine eigene und einzigartige Prägung hat.

Gegen ein uniformiertes Europa

Erinnern wir uns zunächst daran, dass jüngst Thomas de Maizière eine neuerliche Leitkulturdebatte losgetreten und daraufhin bereits oben angesprochene Frau Aydan Özoğuz (SPD), Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, erklärt hatte, sie sehe keine spezifisch deutsche Kultur jenseits der Sprache und die Debatte gleite ins Lächerliche und Absurde, die Vorschläge verkämen zum Klischee des Deutschseins. – Ein erstaunlich geschichtsloses Statement, das sie im Tagesspiegel abgab.

Seltsam auch, dass eine Integrationsbeauftragte glauben machen will, man brauche nur alle spezifische Kultur eines Volkes jenseits der Sprache ausradieren, dann fließe der einheitliche Menschenbrei europa- und weltweit perfekt integriert ineinander.

Das hat schon Paracelsus in seinem Prologus zu Liber de nymphis, sylphis, pygmaeis et salamandris et de caeteris spiritibus anders gesehen und ein Lob der Vielfalt gesungen (einfach mal in der deutschen Kulturgeschichte ein bisschen blättern, Frau Özoğuz . . .).

Das Urteil der bundesrepublikanischen Integrationsbeauftragten erinnert zudem an Schrödingers Katze, die nicht in der Kiste ist, wenn man einfach nicht nachguckt.

Womöglich ist in der Kiste doch eine deutsche Leitkultur – und gar ein deutsches Wesen? Wobei ich hier einmal absehe von der Diskussion um die Begriffswahl „Leitkultur“, die man glücklich oder unglücklich finden kann, vielleicht einfach auch nur überstrapaziert.

Ein Portugiese singt gegen den Strom

Erinnern Sie sich an den letzten ESC-Entscheid, als der deutsche Beitrag mit Levina, verglichen mit den Vorjahren, auf den vorletzten Platz hinaufschnellte (ich persönlich denke ja, Europa straft die Frauen, die da für Deutschland auftreten, für eine Merkel ab) und haben Sie den Siegerbeitrag gesehen:

ein schmaler Portugiese mit großem Kopf und großen Augen, hochgebundenem Pferdeschwänzchen und Zottelbart, zu leiser Stimme, zunächst kaum hörbar (ich vermute, mehrere Millionen weltweit griffen, als er zu singen begann, zum Lautstärkeregler), alles andere als das übliche musikalische Soundgehämmere, zu großes Jackett, Vortrag ohne alles Feuerwerk, ohne Farborgeln, ohne halbnackte Tänzerinnen im Hintergrund, sich selbst seltsam verrenkend, dastehend mit gefalteten Händen, um dann mit ihnen die Töne zu streicheln: einfach umwerfend, dieser Salvador Sobral mit seinem Amor pelos dois, das er in der Sieger-Wiederholung mit seiner Schwester sang, die den Song für ihn geschrieben hatte. Selten habe ich etwas im Fernsehen gesehen, was mich so berührt hat. Es war, als ob Europa auf ihn gewartet habe, um zu sagen: Schert euch zum Teufel mit eurer blockbusterhaften Musik, wir wollen einen Menschen sehen, und sei er so zerbrechlich wirkend wie dieser Mann, der etwas zum Ausdruck bringen kann und nicht wie eine aufgezogene Puppe wirkt, dessen portugiesische Worte wir zwar nicht verstehen, aber sehen, wie er mit so viel Hingabe von Liebe singt.

Mit ihrer so eindeutigen Abstimmung haben die Menschen Europas indirekt zum Ausdruck gebracht, was sie von einer sie und ihre Bedürfnisse vergewaltigenden bürokratischen und überwiegend auf Ökonomisches fixierten, echtem Menschsein fremd gegenüberstehenden EU-Politik halten.

Ja, ich dachte bei mir: Vielleicht muss man Portugiese sein, um den Mut zu haben, so gegen den Strom zu singen.

Ui, würde Frau Özoğuz sagen, Leitkultur gibt´s nicht, also auch keine portugiesische; etwas, wie ein portugiesisches Wesen gibt es also keinesfalls!

Merkel sollte mal Sirtaki tanzen!

Aber mal ehrlich: Wehte da nicht der Geist des Fado durch die Halle, ja durch ganz Europa, jener ganz spezifische portugiesische Musikstil, den die Weiten des Atlantik bringen, der über die langgezogene Küste ins Landesinnere hinein Einzug hält und sich mit den so zahlreichen bis über zweitausend Meter hohen Bergen des Landes verbindet?

Hat da nicht einer drei Minuten lang Europa verzaubert, wie es auf diese Weise vielleicht nur ein Portugiese kann?

Und hat das nicht so deutlich werden lassen, wie sehr Europa daran krankt, dass alle Länder über einen Kamm geschert werden, dass ihnen ihre Eigenart genommen werden soll und schon genommen worden ist?

Dass alle im ökonomischen Gleichschritt junckern, schulzen, schäubeln und merkeln sollen? Hätten wir nicht viel mehr darauf achten sollen, was die einzelnen Länder auszeichnet? Was ihr Beitrag zu einer echten Europäischen Union sein kann und wie man einen so vielfältig schönen europäischen Flickenteppich auf allen Ebenen zur Geltung bringen kann, ohne zu meinen, jedes Land uniformieren zu müssen?

Griechen oder Portugiesen werden nunmal keine Daimler bauen, keine Werke wie Siemens oder Bosch vorweisen.

Aber lassen Sie mal eine Merkel einen Sirtaki tanzen oder einen Schäuble einen Fado singen, dann wird schnell deutlich, warum die beiden sind, wie sie sind, und warum sie versuchen, Europa ihrem Wesen anzupassen!

Leben besteht eben nicht nur daraus, Geld zu verwalten und Autos zu bauen, mögen letztere durchaus auch Lebensgefühl vermitteln, warum nicht? Dennoch sind nach wie vor diejenigen die Ärmsten, die nicht merken, dass sie nichts als Geld besitzen. Iren werden nie auf ihren Folk verzichten, auf dieses Gefühl, das sich nur mit dieser Musik verbindet; und desgleichen werden Bretonen nicht von ihrer keltischen lassen oder manche Deutschen von ihren Volksliedern, weil sie um deren innewohnende Weisheit wissen.

Irgendwie glaubte man an diesem Abend beim Singen dieses Liedes eine europaweite Wehmut zu verspüren über die verlorengegangene Individualität der Länder Europas.

Vom portugiesischen zum deutschen Wesen

Wenn man von Letzterem spricht, dann entweder in der NPD-Parteizentrale oder hinter vorgehaltener Hand oder einem deutlich sarkastischen Tonfall in der Stimme, der unbedingt vermitteln muss: Glaubt bloß nicht, ich glaube an sowas (Abartiges).

Der Abartige, der zum ersten Mal davon schrieb, hieß Emanuel Geibel (1815-1884), nicht zu den Großen der deutschen Dichterzunft gehörend, aber zu seiner Zeit durchaus populär und zugleich sehr unterschiedliche Urteile herausfordernd. Bekannt ist fast einzig jenes Lied, das uns auffordert, im Frühling aus Sicherheitsgründen Abstand zu Bäumen zu halten (Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus). Kaum einer weiß, dass Geibel es war, dem wir den Gedanken verdanken, dass an deutschem Wesen einmal noch die Welt genesen mag (Geibel schrieb mag, nicht soll).

Jener Gedanke findet sich in seinem Gedicht Deutschlands Beruf und ich zitiere die erste und letzte der sieben Strophen:

Soll’s denn ewig von Gewittern
Am umwölkten Himmel braun?
Soll denn stets der Boden zittern,
Drauf wir unsre Hütten baun?
Oder wollt ihr mit den Waffen
Endlich Rast und Frieden schaffen?

. . .

Macht und Freiheit, Recht und Sitte,
Klarer Geist und scharfer Hieb
Zügeln dann aus starker Mitte
Jeder Selbstsucht wilden Trieb,
Und es mag am deutschen Wesen
Einmal noch die Welt genesen.

1861 geschrieben, ist es ein Gedicht, wie sie vor allem auch in der Zeit, in der Geibel zu dichten begann, dem Deutschen Vormärz, jener Zeit vor der März-Revolution 1848 (hier eine überschaubare Zusammenfassung), als es in Deutschland wie noch nie zuvor brodelte, politisch und literarisch, verfasst worden sind. Wobei auf der anderen Seite viele Bürger nach der französischen Revolution und den napoleonischen Wirren nichts anderes als eine schlichte, biedere Idylle herbeisehnten, weshalb man auch vom sogenannten Biedermeier spricht. Dennoch war es zwischen dem Wartburgfest (1817) und Hambacher Fest (1832) bis 1848 vor allem auch die Zeit der Deutschen Burschenschaften und des Turnvater Jahn, eine Zeit, in der Studenten, Bürger, Literaten, Handwerker und Handelstreibende ein gemeinsam Ziel verfolgten: ein nicht mehr heillos in über 30 Einzelstaaten zersplittertes, sondern ein vereintes Deutschland.

Es war eine Zeit extremer Zensur, in der kaum ein Lyriker mehr von Revolution zu schreiben wagte, sondern eine Lerche jubilierend aufsteigen ließ und jeder verstand, für was die Lerche steht. Immer noch winkte der Hohenasperg – unvergessen das Schicksal Schubarts -, jener Berg, dessen bekanntestes Gebäude in der Zeit um 1848 keineswegs zufällig eine erhöhte Gefangenenfrequenz aufwies. Selten, dass jemand so offen zum Kampf aufzurufen wagte wie ein Georg Herwegh – hier die erste und letzte Strophe seines Aufrufs:

Reißt die Kreuze aus der Erden!
Alle sollen Schwerter werden,
Gott im Himmel wird´s verzeihn.
Lasst, o lasst das Verseschweißen!
Auf den Amboss legt das Eisen!
Heiland soll das Eisen sein.

. . .

In den Städten sei nur Trauern,
Bis die Freiheit von den Mauern
Schwingt die Fahnen in das Land;
Bis du, Rhein, durch freie Bogen
Donnerst, lass die letzten Wogen
Fluchend knirschen in den Sand.

Was diese Zeit so faszinierend macht, ist, dass die Menschen wirklich bereit waren zu handeln. Herwegh zum Beispiel, der mit seinem Gedichtband Gedichte eines Lebendigen deutschlandweit bekannt und sogar vom Kaiser zur Audienz empfangen wurde, stellte sich ein kleines Heer zusammen, um selbst einzugreifen. Allerdings verlor es sich mitsamt seinem Kommandeur auf Nimmerwiedersehen im süddeutsch-schweizerischen Raum.

Es braust ein Ruf wie Donnerhall

Emanuel Geibels Anfänge und eine wichtige Phase von Ernst Moritz Arndts Leben liegen in jener Zeit, als es ein Gebot der politischen Vernunft war, dass das in Einzelstaaten zerklüftete Deutschland – 1790 noch gab es 1800 Zollgrenzen – sich endlich vereine. Wer das forderte, war fortschrittlich, und wenn manche es auch kaum fassen mögen:

Turnvater Jahn, die Deutschen Burschenschaften und das Deutschlandlied August Heinrich Hoffmann von Fallerslebens verfolgten eine fortschrittliche Idee. Man musste nicht Kaufmann sein und von Königsberg nach Köln seine Waren achtzigmal verzollen müssen, um zu wissen, dass die politischen und ökonomischen Zustände eines feudalistisch geprägten Deutschland unhaltbar waren.

Der Rhein wurde zum auch gegen Frankreich gerichteten Symbol deutscher Einheit; säckeweise wurden Rheinlieder und – gedichte geschrieben. Auch Arndt zählte zu denen, die hier mitproduzierten.

Eines der noch anspruchsvolleren kam von Robert Prutz, heute kaum mehr bekannt, der in seinem zehnstrophigen Rheinlied – im Folgenden die erste und letzte Strophe – seinen Mitbürgern ins Gewissen schrieb:

Der deutsche Rhein – ! Wie klingt das Wort so mächtig!
Schon sehn wir ihn, den goldig-grünen Strom,
Mit heitern Städten, Burgen stolz und prächtig
Die Lurlei dort und dort den Kölner Dom!
Der freie Rhein – ! Gedächtnis unsrer Siege,
Du mit dem Blut der Edelsten getauft,
Ruhm unsrer Väter, die in heil’gem Kriege
Mit Liedern nicht, mit Schwertern dich erkauft

. . .

So wird’s erreicht! Und wenn in künft’gen Tagen
Das stolze Frankreich unsern Rhein begehrt,
Wir werden es mit Lächeln dann ertragen,
Dann ohne Lieder, doch die Hand am Schwert.
Denn dann gelang’s, ihn ewig fest zu flechten:
Die goldne Freiheit soll die Fessel sein!
Dann lohnt es sich, bis in den Tod zu fechten,
Dann, deutsch und frei, dann bleibt er unser Rhein!

Allerdings, Prutz suchte nur, auf ein deutlich bekannteres Rheinlied, jenes nämlich von Nikolaus Becker, aufzusatteln, das, gleich gegen Frankreich intonierend, beginnt:

Sie sollen ihn nicht haben
den freien deutschen Rhein,
ob sie wie gierige Raben
sich heiser danach schrein

Man mag auf dem Hintergrund dieser Zeilen ahnen, was damals in Deutschland los war, welche Stimmung vorherrschte.

Wie oberflächlich es ist, wenn man einem Ernst Moritz Arndt seinen Franzosenhass, der deshalb freilich moralisch um nichts besser wird, ohne historischen Bezug zum Vorwurf macht, wie ich das in Sachen Greifswald gelesen habe, dürfte etwas klarer geworden sein. Auch wenn Arndts Worte besonders martialisch waren: Man kann sie 2017 nicht einfach auflisten und für sich wirken lassen wollen.

So makaber es klingt: Für weite Teile Deutschlands gehörten sie damals zum guten Ton, gerade auch angesichts des Verhaltens eines Adolphe Thiers, der als französischer Minister und zeitweilig auch als Ministerpräsident sich nicht scheute, angesichts der diplomatischen Niederlage Frankreichs in der Orientkrise mit neuerlichen Ansprüchen im Hinblick auf den Rhein mächtig säbelzurasseln, um innenpolitisch zu punkten, wohl wissend, dass er links- und rechtsrheinisch gewaltig nationalistische Emotionen schürte.

Kein Wunder also, dass sich jene Zeilen von Max Schneckenburger, 1840 geschrieben, sogar bis zum Kaiserreich hielten, um dort schließlich Kultstatus zu erlangen, hier die erste Strophe:

Es braust ein Ruf wie Donnerhall,
Wie Schwertgeklirr und Wogenprall:
Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!
Wer will des Stromes Hüter sein?
Refrain
Lieb’ Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht, die Wacht am Rhein!

Vergleichbares lässt sich auch im Hinblick auf Arndts Judenphobie sagen. Ich möchte nicht wissen, was ein Martin Luther oder ein Richard Wagner, denen schon so viele güldene Kronen aufgesetzt worden sind, über das hinaus, was gegenüber Juden Unfreundliches von ihnen bekannt ist, dachten . . .

Und ich möchte nicht wissen, was jene, die in Greifswald Arndt aus dem Uni-Namen jagten, in der Vormärz-Zeit oder der des Nationalsozialismus herausposaunt hätten, weil sie in Wirklichkeit zu denen gehören, die von sich geben, was sie meinen, dass es von ihnen erwartet wird: 1840, 1933 oder 2017.

Falls es nicht aufgrund meines Sobral-Beispieles klar geworden sein sollte, möchte ich nochmal betonen, dass ich glaube, dass für jede gewachsene Nation bestimmte Wesenszüge und Eigenschaften auszumachen sind, im Guten wie im Bösen, ein Faktum, das nichts Nationalistisches an sich hat, sondern Ethnologisches, also Völkerkundliches. – (Verstehen Sie den Unterschied, Frau Özoğuz?)

Wir wissen aus unserer Erfahrung, dass, wenn wir in unterschiedlichen Firmen oder Institutionen gearbeitet haben, eine jede einen bestimmten Geist aufweist; oft, nicht immer, ist er von oben geprägt. Ja, jede Familie hat einen ganz spezifischen, jeder Verein und in jedem Verein eine jede Abteilung – und genauso verhält es sich mit den Völkern dieser Erde. Für manche ist das schlimm, ja politisch rechts, wenn man von einem Volksgeist spricht. – Meist entspringen entsprechende Urteile einem Klischee, wie man zu denken hat bzw. nicht denken darf und wie man Worte verstehen sollte. – Klischees und Tabus sind die heimlichen Regenten auch unserer Zeit. Sie sind die Basis von 90 Prozent aller Urteile und Vorurteile. – Manchmal bin ich erstaunt, dass man von Volksgeist eher nicht sprechen sollte, aber Volkswagen sagen darf. – In unserem Land ist Autos nunmal mehr gestattet als Menschen.

Also, ich spreche von einem Volksgeist, ja, es gibt, und da wird es den meisten Zeitgeistlern ihren Hut vom Kopf lupfen, sogar Volksengel, zumeist Völkerengel genannt. Die Bibel kennt sie und die Mythen kennen sie auch. Sogar die Hölle hat ihren Engel.

Das ganze Deutschland soll es sein!

Gewiss gibt es hochentwickelte Menschen, die in vielen Leben gelernt haben, auf angemessene Weise mit dem Bösen umzugehen und die, selbst wenn ihnen bitteres Unrecht geschehen ist, in der Lage sind, sich nicht Gedanken der Rache und Bestrafung hingeben zu müssen; ich denke an Conrad Ferdinand Meiers einzigartige Ballade Die Füße im Feuer , die davon handelt, an einen Nelson Mandela oder einen Dietrich Bonhoeffer.

Wer seine Emotionen flach hält bzw. nicht in der Lage ist, sie wahrzunehmen und zu leben, kommt allerdings nicht in die Versuchung, von der ich gesprochen habe. Jeder von uns kennt wohl Menschen, die scheinbar nur lieb und gut sind, in Wirklichkeit aber nur ihre Emotionen, sorgsam überdeckelt, kanalisiert haben oder das Kindheitsmuster des lieben Kindes bis zum Lebensende perpetuieren. – Wobei es nicht besser ist, wenn Menschen so ungebremst, wie das zur Zeit geschieht, niedrige Emotionen ventilieren. Mit jedem Tun verstärkt man die entsprechende Energie. – Wir haben immer eine große Verantwortung.

Arndt war einer, der das volle Programm gelebt hat

Ja, Arndt war so einer, einer, der das Wesen der Menschen, die zu unserem Kulturkreis gehören, in hohem Maße repräsentiert, nämlich, mit allen Fasern zu leben, alles mit ganzem Herzen zu tun, eine Fähigkeit, der im Übrigen unser Kulturkreis verdankt, dass Deutschland eine kulturell einzigartige, ökonomische und politisch bedeutsame Nation geworden ist, mit allen Höhen und Tiefen (auch wenn Sie es nicht gern hören, Frau Özoğuz) .

Diese Höhen und Tiefen zeigen sich gerade auch bei Arndt und er ist von daher ein ganz typischer Vertreter unsere Kultur. Vielleicht ist auch das der Grund, warum die Damen und Herren des Greifswalder Gremiums ihn so gern verjagten, weil sie nämlich nicht bereit waren, über ihn auch in sich selbst jene Höhen und Tiefen anzusehen. Sie zeigen sich bei Arndt in seinen vorhandenen Hasstiraden und rassischen Äußerungen. Sie zeigen sich auch in seiner Lyrik. Da gibt es neben einigen wenigen wie der Klage des kleinen Jakob viel Dutzendware:

Das ganze Deutschland soll es sein!
Das sei der Ruf, der Klang, der Schein,
Der junge und der alte Schluß,
Der Blücher, der Arminius!
Das soll es sein!
Das ganze Deutschland soll es sein!

Solche Zeilen – und von ihnen schrieb Arndt eine ganze Menge – waren schon zu seiner Zeit drittklassig, Zeitgeist-Dutzendware, erstaunlich für einen Privatdozenten an der Uni Greifswald in den Fächern Geschichte und Philologie, bald darauf dort außerordentlicher Professor für Philosophie und in Bonn späterhin Professor für Geschichte.
Aber es gehört zu seinem Wesen, wie ebenso das Folgende:

Der Gott, der Eisen wachsen ließ,
der wollte keine Knechte,
drum gab er Säbel, Schwert und Spieß
dem Mann in seine Rechte;
drum gab er ihm den kühnen Mut,
den Zorn der freien Rede,
dass er bestände bis aufs Blut,
bis in den Tod die Fehde.

Natürlich liegt auch in der zuletzt zitierten Strophe eine Vermischung von religiösem und kriegerischem Vokabular vor – wir erinnern uns, wie Herweg die Kreuz- und Schwertsymbolik ineinander gelegt hat. Es ist dies kein spezifisches Kennzeichen Arndtschen Schaffens, sondern durchaus typisch für die Zeit. Sie mit unseren ethischen Maßstäben messen zu wollen, ist einfach dümmlich.

Wie aber passen seine eisenhaltigen Worte zu einer Strophe, die sich im Kirchengesangbuch findet:

Ich weiß, woran ich glaube, ich weiß, was fest besteht,
wenn alles hier im Staube wie Sand und Staub verweht;
ich weiß, was ewig bleibet, wo alles wankt und fällt,
wo Wahn die Weisen treibet und Trug die Klugen prellt.

Auch das Folgende vermittelt intensive Geistigkeit:

Der heil’ge Christ ist kommen
Der teure Gottessohn;
Des freun sich alle Frommen
Am höchsten Himmelsthron.
Auch, was auf Erden ist,
Soll preisen hoch und loben
Mit allen Engeln droben
Den lieben heil’gen Christ.

Alle diese Lieder sind viel-, zumindest mehrstrophig und zeigen einen zum Teil pietistischen Tonfall von inniger Religiosität. Ich habe, gerade als Kind, zu viel bigotte Gläubigkeit erleben müssen, als dass ich diesbezüglich nicht sehr vorsichtig geworden wäre, aber mein Eindruck bei der Lektüre war nicht, dass hier Oberflächengesäusel vorliegt.

Es gehört zum menschlichen Wesen, dass es zwei Seiten gibt, wie sie sich in den Arndt-Liedern spiegeln – wir wissen das spätestens seit Goethes zwei Seelen in Fausts Brust. Ich vermute, Arndt war sich nicht einmal bewusst, dass jemand über seine Eisenverse stolpern könnte. – Wenn wir es tun, dann, weil wir im Laufe der unmittelbar vergangenen Generationen sehr viel bewusster werden mussten.

Die aber, die hart urteilen, tun es womöglich, weil sie gerade entsprechende Seiten in sich nicht ansehen wollen.

Anmerken möchte ich, dass Arndts Zeit das Lied an sich als möglichen und intensiven Ausdruck der Frömmigkeit entdeckte, man denke nur an die Marienlieder eines Novalis.

Arndt forderte im Übrigen ein Gesangbuch für alle Christen ohne Unterschied des besonderen Bekenntnisses […]. Was Katholiken Lutheraner Zwinglianer Kalvinisten Methodisten Böhmianer und Zinzendorfianer […] Gottseliges und Christliches gesungen und geklungen haben, das sollte dieses christliche Gesangbuch enthalten.

Es ist schon unglaublich, auf wie vielen Feldern dieser Mann aktiv war, aber gerade in der Zeit der Weimarer Klassik und der Romantik gab es diese Menschen zuhauf, die, meist auf vielen Gebieten tätig, Unglaubliches leisteten, man denke an die Gebrüder Schlegel, die Gebrüder Grimm und viele andere mehr.

Zurück zu Arndt muss allerdings angemerkt werden, dass sein Interesse nur sehr bedingt ein ökumenisches war, sondern er eine innige Verbindung zwischen seiner Liebe zum Vaterland und dem Glauben aller Christen sehen wollte.

Natürlich wünschte ich mir, Arndt hätte auch zu seiner Zeit sich das ein oder andere Mal nicht in geschehener Weise in Hassformulierungen hineinbegeben („Ihr Schützen, Gott segne euch jeglichen Schuß, durch welchen ein Franzmann erblassen muß.“) und hätte mit Menschen anderen Wesens toleranter umgehen können. Ich vermute, ja ich bin fast sicher, dass er als heute Lebender andere Worte wählen würde.

Arndt gehört zu jenem Menschenschlag, den wir in unserem Kulturbereich zahlreich vorfinden, der unsere Mentalität maßgeblich geprägt hat, weil seine Vertreter, wie erwähnt, alles, was sie getan haben, mit ganzem Herzen getan und mit allen Fasern gelebt haben, ein Leben in einer Bandbreite, wie ich es für Arndt in diesem Rahmen nicht annähernd aufzeigen konnte.  

Es gibt ohne Hölle keinen Himmel

Leben, um Himmel und Hölle zu erfahren, die Bandbreite von Gefühlen: das zeichnet viele Menschen unseres Kulturkreises aus und hat ihn auf vielen Feldern so Bemerkenswertes gestalten lassen.

Wohin Himmel und Hölle führen können, wissen wir mittlerweile, gerade auch als Deutsche, die wir in diese Kultur hineingeboren sind, doch gibt es keinen Himmel ohne Hölle – und diesem Wissen sollten wir uns endgültig stellen.

Unsere Kultur hat wie keine andere die Extreme ausloten müssen (das ist eines ihrer Kennzeichen, Frau Özoğuz). So schrecklich vieles war, so sehr zeigt diese Tatsache ihren Reichtum, und wer sagt, sie hätte darauf verzichten sollen, versteht das Leben nicht. – Und ich sage das gerade angesichts des schrecklichen Nationalsozialismus. Er ist nicht denkbar ohne die vorausgehenden kulturellen Höhenflüge, wie sie kaum eine andere Kultur aufweist. – Es gibt keine echten Höhenflüge ohne Untiefen.

Extreme leben zu müssen, ist in Wahrheit eine Gnade. Wir sehen unsere Kultur in diesen Extremen, wir sehen Menschen in diesen Extremen – eben einen Ernst Moritz Arndt. Ihn zu verstehen, Menschsein zu verstehen, nicht zu verurteilen und stattdessen diesen Menschen in seiner Ausprägung und seinem Wesen transparent zu machen: darin hätte die würdige Leistung eines akademischen Gremiums bestehen können.

Es hätte vielleicht dann auch darauf verweisen können, dass das eigentliche Ziel die Mitte sein muss, oder, um es anders zu formulieren, das Aufgehen des einen Extrems im anderen.

Wir wissen, dass menschliches Leben mit der Finsternis, dem sogenannten Tohuwabohu, der Lutherschen Wüste und Leere begann. Wir danken ihr die Erkenntnis des Lichts.

Zunehmend verlagert sich in unserer Zeit und in unserer geographischen Breite das Erleben dieser Extreme ins Innere; in gewisser Weise haben sich die Empfindungen verfeinert (auch wenn man das, dicht daran, oft nicht wahrnehmen mag), weshalb wir auch so erschrecken, wenn wir einem emotionalen und Konfliktverhalten begegnen, das nicht mehr dem unseren entspricht. Wie damit umzugehen ist, kann hier nicht Thema sein, aber es ist für unsere Kultur ein zentraler Punkt, denn hier entscheidet sich ihre Zukunft.

Auf das Leben mit ganzem Herzen und bis in Extreme hinein möchte ich in dem nächsten Beitrag noch einmal zu sprechen kommen und vor allem auf eine dritte Tugend hinweisen, die unsere Kultur gekennzeichnet hat; leider verliert sie sich in den letzten Jahren zunehmend beschleunigt. – Auch auf Arndts Gedicht möchte ich noch einmal eingehen. Es enthält ja einen Verweis auf für uns Menschen Schicksalhaftes, das wir annehmen können, um zielführender zu leben.

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Deutschland zwischen 1815 und 1848: Restauration, Biedermeier, Vormärz und Junges Deutschland

Dies ist ein Beitrag, der geschichtliche Hintergrundinformationen zu dem im Anschluss veröffentlichten Post Kleiner Jakob, kleiner Jakob, komm´ zu Haus! – Ernst Mortiz Arndt und sein deutsches Wesen geben möchte. Auch wer ein grundsätzliches Interesse an einer der turbulentesten Zeiten Deutschlands und der Vorgeschichte seiner einzigen fast gelungenen Revolution, der Märzrevolution 1848, hat, an Turnvater Jahn, Wartburgfest, der Einordnung des Deutschlandliedes und Ähnlichem, findet im Folgenden eine überschaubare Zusammenfassung:

Die nach den napoleonischen Befreiungskriegen am Wiener Kongress teilnehmenden Großmächte Europas waren um ein Kräftegleichgewicht auf dem europäischen Kontinent bemüht. Unter anderem deshalb gründeten sie, festgelegt in der Bundesakte (Teil der Wiener Kongressakte), den Deutschen Bund, der aus 39 souveränen Staaten bestand, deren Bewegungsfreiheit jedoch vor allem außenpolitisch stark eingeschränkt war. Den Fürsten der Einzelstaaten kam dieser Bund entgegen, blieb durch ihn doch ihre Souveränität gewahrt. Sie schickten ihre Gesandten an den Deutschen Bundestag in Frankfurt (Vorsitz Österreich), der somit nur zu einem Instrument der Restauration, gemeint ist also die Bewahrung alter Ordnungen, werden konnte. – Den Bürgern dieser Einzelstaaten versprach man Verfassungen und Freiheit der Presse.

Dem Deutschen Bund war allerdings nicht daran gelegen, die wirtschaftlichen Verhältnisse des deutschen Raumes zu vereinheitlichen. Wie unhaltbar auf diesem Gebiet die Situation war, mag man daraus ersehen, dass es noch 1790 1800 Zollgrenzen in Deutschland gab und noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts 67 lokale Zolltarife. Dem entsprechenden Wikipedia-Artikel ist zu entnehmen, dass ein Handelstreibender, der damals seine Ware von Königsberg nach Köln transportierte, achtzigmal kontrolliert wurde und gegebenenfalls auch Zoll zu zahlen hatte. Den restaurativen Kräften in Deutschland, den Fürsten und Landesherren, kam diese Situation durchaus gelegen, da sie, abgesehen von je nach geographischer Lage sprudelnden Einnahmequellen, ein aufstrebendes handeltreibendes Bürgertum schwach halten zu können schien. Allerdings vermochten sie es nicht auf Dauer, die Gründung von Zollverbünden und den 1833 gegründeten Deutschen Zollverein aufzuhalten.

Die Vorstellungen von dem, was ein Deutscher Staat sein sollte, waren vielfältiger Art; sie wurden nach 1815 v. a. von Jugendlichen, Studenten und aus von den napoleonischen Befreiungskriegen heimgekehrten jungen Kriegsveteranen bestimmt. Insbesondere die Mitglieder der großen deutschen Studentenvereinigung – der Deutschen Burschenschaft, gegründet 1815 in Jena – wollten ein Deutsches Reich, belebt von edler Tugend, christlich und germanisch, fromm und frei. Mit dieser und ähnlichen Bewegungen war auch die des Turnvater Jahn verknüpft, der in nationaler Gesinnung die Jugend des Landes auf einen möglichen Kampf gegen die französische Besatzungsmacht zur Rettung Preußens bzw. Deutschlands vorbereiten wollte. Durch den Deutschen Bund nämlich fühlten Burschenschaftler, Turner und zahlreiche Landsleute die Deutsche Nation um ihre Kraft betrogen.

Die weniger revolutionäre, als vielmehr umstürzlerische Bewegung der Deutschen Burschenschaft war natürlich den Siegermächten ein Dorn im Auge, da mit ihr auch die nachdrücklichen Forderungen auf Verwirklichung der in der Bundesakte gegebenen Versprechungen einhergingen, so geschehen v. a. 1817 auf dem Wartburgfest, wo sich von fast allen deutschen Hochschulen über 500 Studenten trafen und eine Allgemeine deutsche Burschenschaft gründeten.

1818/19 erhalten die süddeutschen Staaten tatsächlich Verfassungen, die für die süddeutschen Regierungen jedoch mehr ein Mittel, die Bevölkerung gegenüber den Nachbarstaaten zusammenzuhalten, als ein liberaler Einsicht entsprungenes Zugeständnis waren; der preußische König aber gab seinem Land keine Verfassung.

Als 1819 der Schriftsteller August von Kotzebue, der die nationale Gesinnung der Jugendlichen verspottet hatte und vielen als „Spion“ der Regierungen und sogar des russischen Zaren galt, von dem Studenten Karl Ludwig Sand ermordet wird, nutzt der österreichische Kanzler Metternich die Gelegenheit für die Karlsbader Beschlüsse:

  • Verbot gesamtdeutscher Studentenvereinigungen – Überwachung der Universitäten. 
  • Strenge Zensur aller politischen Druckschriften .

Eine noch im selben Jahr in Mainz eingerichtete Zentraluntersuchungskomission gegen alle demagogischen Umtriebe sollte diese Beschlüsse umsetzen.

Deutschland war zu dieser Zeit noch im Wesentlichen Agrarland: etwa zwei Drittel der Bevölkerung war in der Landwirtschaft tätig, knapp ein Viertel lebte in den Städten. Doch die industrielle Revolution begann schon – ausgehend von England – ihre Schatten vorauszuwerfen (allerdings: noch 1846 verbrauchte allein London mehr Steinkohle als ganz Deutschland); sie sollte zugleich eine soziale Revolution mit sich bringen.

Auf die ereignisreichen Jahre nach dem Wiener Kongress folgte jedoch zunächst ein Jahrzehnt erzwungener politischer Ruhe; die Zeit von 1820 – 1830, die sogenannte Biedermeierzeit – man bezeichnet diese Jahre auch als Restauration -, wird unter anderem geprägt durch strenge Zensur.

Die trügerische Ruhe dieser Jahre endet 1830, ausgelöst allerdings durch Vorgänge in Frankreich. Dort schränkt 1830 Karl X. das von Ludwig XVIII. 1814 den Bürgern in der charte constitutionnelle zugesicherte Recht auf Pressefreiheit ein, er ändert das Wahlrecht zugunsten des Adels und löst die neugewählte Kammer auf, in der die Liberalen die Mehrheit gewonnen hatten. Doch die Pariser Arbeiter errichten Barrikaden, Studenten hissen auf den Türmen von Notre Dame die Tricolore, die Fahne der Revolution. Karl X. muss fliehen. Es entsteht jedoch keine Republik, denn Studenten und Arbeiter setzen sich nicht durch, sondern das liberale Großbürgertum; dieses macht Louis Philippe zum König.

In Deutschland, in dem der größte Teil der Bevölkerung von der Landwirtschaft und vom Handwerk lebt, sind es einzelne gebildete Bürger, Beamte, Journalisten und Gelehrte, die gegenüber fürstlicher Willkür mutig für die persönliche Freiheit und Gleichheit aller vor dem Gesetz sowie für die Mitregierung der Bürger, zugesichert in einer Verfassung, eintreten.

Ausgelöst durch die Julirevolution in Frankreich, erhalten ihre nach 1819 durch die Regierungen gewaltsam unterdrückten Reformforderungen in Deutschland ein breites Publikum, Menschenmassen ziehen in den Residenzstädten vor die Schlösser der Fürsten. In Kurhessen, Hannover, Braunschweig und Sachsen beugen sich die Fürsten dem Druck der Öffentlichkeit und gestatten notgedrungen Verfassungen. – Der König von Preußen verweigert sie allerdings weiterhin.

Wiederum ist es Metternich, der im Einvernehmen mit den Regierungen heftig mit Zensurverschärfung und Demagogenverfolgung auf zwei Ereignisse reagiert:

  • 1832 Hambacher Fest: Feier zum Jahrestag der Bayrischen Verfassung; 25000 Menschen, v.a. Studenten, Kleinbürger und Handwerker protestieren gegen die Wortbrüchigkeit der Fürsten und bewundern lautstark die Ideen der Französischen Revolution.
  • 1833: Studenten versuchen, den Frankfurter Bundestag aufzulösen.

Den Tod des englischen Königs, demzufolge sich die durch männliche Erbfolge tradierte Personalunion England – Hannover auflöst, kann nun König Ernst August von Hannover zum Anlass nehmen, 1837 die Verfassung in Hannover aufzuheben. 7 Göttinger Professoren (darunter die Gebrüder Grimm) protestieren gegen den Rechtsbruch; sie werden ausgewiesen und finden Jahre hindurch in ganz Deutschland keine Anstellung mehr.

Doch die eingekehrte Ruhe ist wiederum nur oberflächlich; in ganz Deutschland gärt es, bedingt und verursacht durch die Revolutionierung des Verkehrswesens (Eisenbahn, Dampfmaschine), der Industrie überhaupt, den wirtschaftlichen Aufschwung und seine (sozialen) Krisen, eine Radikalisierung der Literatur und die Expansion der Bevölkerung.

Die Anzeichen von Arbeiterelend und Notständen, v. a. unter den Handwerkergesellen, nimmt zu. Sie sind es auch, die auf Grund ihrer Mobilität ein Unruheelement darstellen. Ihre Zahl wächst, die freien Stellen nicht. Sozial unzufrieden sind auch die Landarbeiter und Weber; eine Folge sind die dann blutig niedergeschlagenen Weberaufstände 1844 (vgl Heine/Weerth-Gedichte).

Die Sozialordnungen schwanken. Die bewegende Kraft für die Revolution aber sind nicht die sozial Schwachen, sondern das mit seinen politischen Wünschen in den Staat hineindrängende Bürgertum.

Ganz und gar ungewollt bereitet jedoch eigentlich Friedrich Wilhelm IV. von Preußen die Revolution vor. Mit großen Erwartungen 1840 begrüßt, schürt er die Hoffnungen auf eine Wiederaufnahme der seit 1819 ruhenden Verfassungspolitik, u.a. durch seine Wiedergutmachung an den Opfern der Demagogenverfolgungen. Im Grunde war jedoch seine Einstellung durch patriarchalisches und ständisches Denken gekennzeichnet. So schürt er zwar mit den 1842 einberufenen Vertreterversammlungen aus den 8 Provinziallandtagen und dem Vereinigten Landtag die konstitutionellen, also auf eine Verfassung hin orientierten Gedanken der Zeit, wollte aber lediglich eine unter seiner Führung stehende monarchische Staatseinheit demonstrieren. Über die Rechte dieses Berliner Landtages war sich niemand im Klaren; jedoch wurde er zum Schauplatz von Auseinandersetzungen moderner Ideen.

Eine Konfliktsituation, und damit ein Vorspiel zur 1848er Revolution entstand, als der Landtag eine Anleihe zum Bau einer Bahn nach Königsberg ablehnt, weil ihm unter anderem das Recht auf periodische (= regelmäßige) Einberufung beschnitten war.

Schwere wirtschaftliche Krisen und Hungerepidemien sowie die Berliner Ereignisse schürten die politische Gärung. War die Arbeiterschaft im Grunde nicht revolutionsbewusst und hatte die herrschende Klasse als auch das privilegierte Bürgertum Angst vor einer Revolution, so begann sich doch eine einheitliche politische Bewegung abzuzeichnen, die auf Veränderung drang. Um die publizistischen Organe scharten sich die in ihren Zielsetzungen unterschiedlichen (Partei-)Richtungen; so waren zum Beispiel die Hallischen Jahrbücher Organ der radikalen Liberalen.

Das Gesetz von 1832 verbot zwar politische Vereine, doch die politischen Kontakte über die Grenzen hinweg mehrten sich (z.B. 1846 u. 1847 Germanistentage). 1847 stand das Deutsche Sängerfest im Zeichen eines gesamtdeutsch-nationalen Enthusiasmus. Nach wie vor war jedoch kein Revolutionswille unter den bürgerlich gemäßigten Kräften vorhanden.

Wieder kam der Anstoß von außen.

  • Februar 1848 in Paris: Demonstration v. a. der arbeitslosen Bevölkerung für eine Wahlrechtsreform; Barrikadenkämpfe; der König muss fliehen; provisorische Regierung, von Republikanern gebildet.
  • März 1848 in Deutschland [Märzrevolution]: Aufgrund der Nachrichten aus Frankreich empören sich die Bürger der süd- und mitteldeutschen Staaten; Bauern erheben sich gegen die Adelsherren; die Fürsten können sich auf ihre Beamten und Soldaten nicht mehr verlassen; sie bewilligen die Märzforderungen: Pressefreiheit, Bürgerwehr, Deutsches Parlament. Am 13. März siegt die Revolution in Berlin, am 18. März in Wien.

Für uns heute bleibt die Tatsache, dass diese Phase einer Umsetzung radikal-demokratischen Gedankengutes in die Tat nur von kurzer Dauer war.

Auf obigem Hintergrund muss man das von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben am 26. August 1841 auf der Insel Helgoland auf eine Melodie von Joseph Haydn gedichtete Deutschlandlied sehen. Es bringt die Sehnsucht nach einer Einheit aller deutschsprachigen Gebiete zum Ausdruck. Die erste Strophe allerdings richtet sich natürlich in chauvinistischer Manier, der Zeitstimmung entsprechend, gegen Frankreich, den damaligen Erzfeind westlich des Rheins, wobei allerdings auch dessen Minister Alphonse Thiers, um von diplomatischen Niederlagen abzulenken, diese Stimmung kräftig geschürt hatte.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurden die zweite und die dritte Strophe des Deutschlandliedes nicht mehr bei öffentlichen Anlässen gesungen, lediglich die erste Strophe war die Nationalhymne. Wenn diese gespielt und gesungen wurde, folgte in der Regel das Horst-Wessel-Lied (Die Fahne hoch. / Die Reihen fest geschlossen. / SA marschiert …) die Parteihymne der Nationalsozialisten.
Jene Zeit und die über 50 Millionen Toten des 2. Weltkrieges haben die Gründungsväter der Bundesrepublik veranlasst, auf eine Nationalhymne zu verzichten. Erst nach der Wiedervereinigung 1990 wurde die dritte Strophe des Deutschlandliedes offiziell zur Nationalhymne erklärt. Die ersten beiden Strophen, das sollte man berücksichtigen, sind von Hoffmann von Fallersleben im Sinne eines damals durchaus fortschrittlichen Nationalismus geschrieben gewesen, der etwas erreichen wollte, was sinnvoll war, ein politisch vereintes Deutschland. Vergessen wir auch nicht, dass das Bewusstsein der Menschen in Bezug auf eine friedliche Koexistenz unter den Völkern bei weitem noch nicht so ausgebildet war; man sollte deshalb weniger die Nase rümpfen als vielmehr sehen, dass nach den schrecklichen Erfahrungen der Weltkriege  viele Menschen heutzutage, vor allem Jugendliche, ein Bewusstsein haben, das sich deutlich weiterentwickelt hat und das zunehmend hoffentlich das Deutschlandlied geschichtlich einzuordnen weiß:

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Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt,
Wenn es stets zu Schutz und Trutze
Brüderlich zusammenhält,
Von der Maas bis an die Memel,
Von der Etsch bis an den Belt –
|: Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt! :|

Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang
Sollen in der Welt behalten
Ihren alten schönen Klang,
Uns zu edler Tat begeistern
Unser ganzes Leben lang –
|: Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang! :|

Einigkeit und Recht und Freiheit
Für das deutsche Vaterland!
Danach lasst uns alle streben
Brüderlich mit Herz und Hand!
Einigkeit und Recht und Freiheit
Sind des Glückes Unterpfand –
|: Blüh im Glanze dieses Glückes,
Blühe, deutsches Vaterland! :|

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Hier noch zwei Gedichte, welche die Not der damaligen Zeit auf eindrucksvolle und literarisch gekonnte Weise thematisieren:

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   Georg Weerth

Es war ein armer Schneider

Es war ein armer Schneider,
Der nähte sich krumm und dumm;
Er nähte dreißig Jahre lang
Und wusste nicht warum.

Und als am Samstag wieder
Eine Woche war herum;
 Da fing er wohl zu weinen an
Und wusste nicht warum.

Und nahm die blanken Nadeln
Und nahm die Schere krumm;
Zerbrach so Scher und Nadel und –
Und wusste nicht warum.

Und schlang viel starke Fäden
Um seinen Hals herum;
Und hat am Balken sich erhängt
Und wusste nicht warum.

Er wusste nicht – es tönte
Der Abendglocken Gesumm.
Der Schneider starb um halber acht,
Und niemand weiß warum.

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GEORG WEERTH, Dichter des VORMÄRZ, wurde 1822 in Detmold geboren. Sein Vater war für das Schulwesen im Fürstentum Lippe verantwortlich.
1836 verließ er das Gymnasium und wurde kaufmännischer Lehrling; von Studium und Universität hielt er nicht viel.
1840 schreibt er erste Gedichte und Liebeslieder.
1843 deckt er die Doppelzüngigkeit des Bonner Oberbürgermeisters auf; es kommt zum Skandal und Weerth verlässt Bonn. Er geht nach England als Kontorist in eine Bradforder Textilfirma. Im industriell fortgeschrittenen England erkennt er die Möglichkeiten intensiver Produktionsweisen; gleichzeitig besucht er die Elendsquartiere englischer Arbeiter. Diese Eindrücke und die Bekanntschaft mit Friedrich Engels geben seinem dichterischen Schaffen neue Impulse.
1846 tritt Georg Weerth auf dem Brüsseler Freihandelskongress in einer Rede für die Belange der Arbeiter ein; die gesamte europäische Presse berichtet darüber.
1847/48 gründet er mit anderen zusammen die Neue Rheinische Zeitung.
1849 wird diese Zeitung verboten; er hört auf zu schreiben, da er mit seiner Schriftstellerei kein Ziel mehr verfolgen kann.
1856 stirbt Georg Weerth auf einer Geschäftsreise nach Kuba an Gelbfieber.

In Abgrenzung zu den Dichtern des Vormärz bezeichnete man eine weitere literarisch aktive Gruppe der damaligen Zeit als Junges Deutschland; unter dieser Bezeichnung jedenfalls wurden sie und ihre Schriften 1835 auf Beschluss des Deutschen Bundestages von den Fürsten verboten. Kennzeichnend ist für sie eine weniger revolutionäre Programmatik als vielmehr ein liberales Gedankengut, das natürlich auf politischem Gebiet die damalige restaurative Politik ablehnte, zugleich aber auch auf kulturell-literarischem Gebiet die traditionelle Romantik und Klassik, und sich eher an dem Denken eines Hegel und Saint Simon orientierte; auch war vor allem für ihren bedeutendsten Vertreter Heinrich Heine (1797-1856) unabdingbar, dass sich literarisches Schaffen an ästhetischen Grundsätzen orientiert; insofern lehnte er den zum Teil propagandistischen und agitatorischen Stil der Vormärzler ab, der allerdings z.B. auf obiges Georg-Weerth-Gedicht nicht zutrifft.

Hier eines der bekanntesten Heine-Gedichte, bezugnehmend auf die dann, wie oben schon erwähnt, blutig niedergeschlagenen Weberaufstände in Schlesien:

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 Die schlesischen Weber

Im düstern Auge keine Träne,
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
Deutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch –
    Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten
In Winterskälte und Hungersnöten;
Wir haben vergebens gehofft und geharrt,
Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt –
    Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
Den unser Elend nicht konnte erweichen,
Der den letzten Groschen von uns erpresst
Und uns wie Hunde erschießen lässt –
    Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
Wo nur gedeihen Schmach und Schande,
Wo jede Blume früh geknickt,
Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt –
    Wir weben, wir weben!

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Heines Flüche richten sich gegen die altehrwürdige und für ihn so überholte Dreieinigkeit von Gott, König und Vaterland, für ihn in seiner veralteten Verfassung ein falsches Vaterland repräsentierend.

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Muttertage sind nicht immer Fleurop-Tage. – Annette von Droste-Hülshoffs „Die junge Mutter“.

Unserer Gesellschaft, die zu oft das Grelle, das Laute sucht, vermittelt das Gedicht der Droste über Die junge Mutter, dass Muttersein die Möglichkeit der Begegnung mit Vergänglichkeit und Tod einschließt, wie sie leidvoller nicht sein kann.

Wenig bekannt ist manches der Gedichte der auf der Wasserburg Hülshoff nahe Münster geborenen Westfälin, die als Dichterin und Frau gerade in einer Zeit, die immer globaler wird und sich entsprechend geriert, für eine Gesellschaft von Bedeutung ist, weil sich mit ihr wie kaum bei einem anderen ihrer Zunft – zu nennen wäre noch Adalbert Stifter – ein Bewusstsein um den Wert von Heimat, zu der es sie in ihrem Leben auch immer wieder hinzog, verbindet.

Die junge Mutter ist ein leises Gedicht, das mit einem Blick auf den Vogelkäfig einer Nachtigall beginnt, der ahnungsvoll künftiges Leid thematisiert, denn ihren Kleinen wird sie nie bei sich haben, sich fortsetzt mit dem Hören der Glocken, die den Tod ihres Kindes beläuten, und dem Weihrauchduft, den ihr Mann aus der Totenmesse mitbringt, die ihrem Kind galt.

All das weiß sie nicht, ganz von ferne ahnt sie es vielleicht; ihr im Kindbett geht es besser, der Trank mundet schon und trotz der Mattigkeit greift sie zu Nadel und Faden, um ihrem Kleinen das Häubchen weiter zu fertigen.

Doch im scheinbar belanglosen Erwähnen, dass der Wiegenschleier des Kleinen bereits zerrissen war, oder in der Anrede des Mannes, der seine Frau mit Kind anspricht und – man glaubt es zu spüren – sie damit ureigentlich trösten will, wohl wissend, dass sie noch zu schwach ist für das, was er ihr sagen muss, wird deutlich, wie meisterlich andeutend Annette von Droste-Hülshoff den Todesteppich ausbreitet, über den mit der jungen Mutter noch keiner zu gehen vermag:

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Die junge Mutter

Im grün verhangnen duftigen Gemach,
auf weißen Kissen liegt die junge Mutter;
wie brennt die Stirn! sie hebt das Auge schwach
zum Bauer, wo die Nachtigall das Futter
den nackten Jungen reicht: »Mein armes Tier,«
so flüstert sie, »und bist du auch gefangen
gleich mir, wenn draußen Lenz und Sonne prangen,
so hast du deine Kleinen doch bei dir.«

Den Vorhang hebt die graue Wärterin
und legt den Finger mahnend auf die Lippen;
die Kranke dreht das schwere Auge hin,
gefällig will sie von dem Tranke nippen;
er mundet schon, und ihre bleiche Hand
faßt fester den Kristall, – o milde Labe! –
»Elisabeth, was macht mein kleiner Knabe?«
»Er schläft,« versetzt die Alte abgewandt.

Wie mag er zierlich liegen! – Kleines Ding! –
und selig lächelnd sinkt sie in die Kissen;
ob man den Schleier um die Wiege hing,
den Schleier, der am Erntefest zerrissen?
Man sieht es kaum, sie flickte ihn so nett,
daß alle Frauen höchlich es gepriesen.
Und eine Ranke ließ sie drüber sprießen.
»Was läutet man im Dom, Elisabeth?«

»Madame, wir haben heut‘ Mariatag.«
So hoch im Mond? sie kann sich nicht besinnen. –
Wie war es nur? – Doch ihr Gehirn ist schwach,
und leise suchend zieht sie aus den Linnen
ein Häubchen, in dem Strahle kümmerlich
läßt sie den Faden in die Nadel gleiten;
so ganz verborgen will sie es bereiten,
und leise, leise zieht sie Stich um Stich.

Da öffnet knarrend sich die Kammertür,
vorsicht’ge Schritte übern Teppich schleichen.
»Ich schlafe nicht, Rainer, komm her, komm hier!
Wann wird man endlich mir den Knaben reichen?«
Der Gatte blickt verstohlen himmelwärts,
küßt wie ein Hauch die kleinen weißen Hände:
»Geduld, Geduld, mein Liebchen, bis zum Ende!
Du bist noch gar zu leidend, gutes Herz.«

»Du duftest Weihrauch, Mann.« – »Ich war im Dom;
schlaf, Kind!« und wieder gleitet er von dannen.
Sie aber näht, und liebliches Phantom
spielt um ihr Aug‘ von Auen, Blumen, Tannen. –
Ach, wenn du wieder siehst die grüne Au,
siehst über einem kleinen Hügel schwanken
den Tannenzweig und Blumen drüber ranken,
dann tröste Gott dich, arme junge Frau!

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Dieses Gedicht, das uns heute vermitteln mag, dass der übergroße Kummer mancher Mutter nicht vergessen sein soll, benennt das Eigentliche nicht und vermittelt gerade dadurch, wie unsagbar Leid sein kann.

Unaufhaltsam geht die junge Mutter auf den Raum tiefster Stille zu.

Gut zu wissen, dass es unter uns und in unserer Gesellschaft Menschen gibt, die in diesem Raum Platz zu nehmen bereit sind, nicht, um etwas zu sagen, sondern um einfach mit gefalteten Händen da zu sein und zu bekunden: Ich trage mit.

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Kennst Du Anaxagoras?

Aus der erhellenden Sicht des Anaxagoras und der Schöpfungsgeschichte ergibt sich, wie der Mensch mit Tieren, vor allem denen höherer Ordnung – sie stammen aus der Entwicklungslinie des Menschen (!) – umgehen sollte, denn im Tier tötet er auch immer einen Teil von sich.

Dieses Wissen tritt in den Kindern unserer Zeit immer mehr zutage. Viele lehnen es intuitiv ab, Fleisch zu essen. Dennoch ist, selbiges zu sich zu nehmen, meines Erachtens kein moralisches oder ethisch minderwertiges Verhalten. – Dazu später mehr.

Dieser Beitrag setzt die Reihe vorausgehender über das Verhältnis von Tier und Mensch fort, beginnend hier, wer nachlesen möchte.

Dass Du Anaxagoras (ca. 490-428 v.Chr.) persönlich kennst, ist eher unwahrscheinlich, denn er lebte vor zweieinhalbtausend Jahren nahe Smyrna, dem heutigen Izmir, und dann in Athen, wo er maßgeblich daran beteiligt war, dass Perikles so weise das damalige Athen regieren und ein Dichter wie Euripides so wegweisend literarisch schaffen konnten. Wie Odysseus der erste uns bekannte Kriegsdienstverweigerer war, so war Anaxagoras der erste Atheist, ausgestattet mit außergewöhnlicher Weisheit.

Was ernst zu nehmender Atheismus ist, zeigte jener Mann aus dem kleinasiatischen Klazomenai, indem er nicht primitiv die Gottheit negierte, wie das Zeitgeist-Atheisten gern tun, sondern an deren Stelle einen höchsten Sinn setzte, Nous, den Weltenverstand, wie man dieses Wort übersetzen könnte, damit seelenverwandt dem vielleicht größten Philosophen des Altertums, Heraklit (um 520 – um 460 v.Chr.), der eine alles lenkende Vernunft im Weltall lehrte und dem es als höchstes Anliegen galt, das Tätigsein dieser Weltenvernunft in der Natur und im Menschen zu erkennen.

Was Anaxagoras die Anklage der Gottlosigkeit und seinen Prozess eintrug, der ihn in die Verbannung trieb – dass er der Todesstrafe entging, verdankte er wohl Perikles – war die Tatsache, dass er keine Götter anerkannte, sondern eben nur diesen Nous, den, wie er lehrte, feinsten und reinsten aller Stoffe. Für mich hat er im Übrigen auf der kabbalistischen Ebene des Lebensbaumes viel gemein mit der Sephirot Binah, der Intelligenz, dem Weltenverstand.

Precht: ein Thomas Gottschalk der Philosophie

Richard David Precht nimmt in Tiere denken kurz Bezug auf Anaxagoras, indem er, Aristoteles zitierend, Letzteren sagen lässt:

Für Anaxagoras steckte in ihm [dem Menschen] kein prinzipiell anderer Geist als in Pflanzen und Tieren. Ob Pflanzen-, Tier- oder Menschenseele – nichts davon sei spirituell, moralisch besser oder gar unsterblich.

So verkürzt dargestellt, will Precht vor allem, auch wenn sein Zitat das Wort Geist enthält, einer Welt ohne Geist Tür und Tor öffnen.

Als Thomas Gottschalk der Philosophie lädt er in bekannter Manier große Größen auf sein Wetten-dass-ich-ein-Philosoph-bin-Sofa ein, um sich vor allem mit ihnen zu schmücken, nicht, um auf sie zu hören.

Um den griechischen Philosophen zu verstehen, muss man wissen, dass er Materie für unendlich teilbar ansah. Im Gegensatz zu den sogenannten Atomisten wie Leukipp und Demokrit, die glaubten, die Wirklichkeit sei aus bereits kleinsten unteilbaren Partikeln zusammengesetzt, die eben in unterschiedlicher Gestalt und Größe arrangiert seien, war für Anaxagoras das Kleinste und das Größte nicht definierbar:

(..) es gibt auch keinen kleinsten Teil des Kleinen, sondern immer einen kleineren (…) Aber auch vom Größeren gibt es immer etwas Größeres.

Materielle Wirklichkeit war also für ihn ad infinitum teil- und zusammensetzbar, allerdings unter der Vorgabe: „(…) daß es mehr gibt als alles, ist nicht denkbar, vielmehr ist alles immer gleich.“

Für unser Thema, das Verhältnis von Tier und Mensch aber wird die Weisheit des Anaxagoras insbesondere durch folgende Aussagen fruchtbar:

Und nachdem die Anteile des Großen und des Kleinen [in den großen und kleinen Dingen] zahlenmäßig gleich sind, muß auch aus diesem Grund alles in jedem sein. Es ist dann auch nicht möglich, isoliert zu existieren; vielmehr hat alles in allem Anteil (…) In allen Sachen gibt es viele Dinge, und sie sind in den größeren und kleineren Sachen, die sich aussondern, zahlenmäßig gleich.

Und es folgt – zum Bedauern aller Pantheismusgläubigen – ein folgenreicher Satz: „In jedem ist ein Anteil von jedem – außer im Geist; es gibt aber auch Dinge, in denen Geist ist.“ (Ich zitiere jeweils aus dem in der Metzlerschen Verlagsbuchhandlung erschienenen Buch Die vorsokratischen Philosophen; Stuttgart 1994).

Yin-Yang: bitte nicht kollabieren!

Zum einen verweist Obiges auf die Wahrheit des Yin-Yang-Symbols (und ich bitte, dass orthodoxe Christen wegen dieses „heidnischen“ Symbols nicht gleich kollabieren), bezugnehmend darauf, dass von dem Anderen im Anderen immer zumindest ein Anteil vorhanden ist; Anaxagoras nennt diesen Anteil gern auch Samen, griechisch Sperma:

Grundsätzlich gilt, „daß in all den Dingen, die aus Gesondertem zusammentreten, vielerlei von jedweder Art enthalten ist, die Samen aller Dinge, die allerlei Formen und Farben und auch Wohlgeschmack haben (…)

Diese Samen, diese Spermata, sind die Grund- und Ausgangslage allen Seins, sie sind in allem, und was entsteht, mag uns deshalb überraschen, so erläutert Anaxagoras, weil etwas, durchaus als Samen vorhanden, „wegen der Kleinheit der Massen nicht wahrnehmbar“ ist.

Wie weise diese vorsokratischen Philosophen waren, zeigte schon das Denken des Heraklit, der darauf verwiesen hatte, dass von einem Gegensatzpaar das eine nicht ohne das andere sein könne. Wer denkt hier nicht an das Phänomen der Verschränkung in der Quantenphysik, dass also Elementarteilchen immer einem Pendant zugehören und auf dieses reagieren, seien sie auch noch so weit voneinander entfernt.

Es gibt im Übrigen auch Hinweise darauf, dass Anaxagoras an eine gleichzeitige Vielzahl von Welten geglaubt habe. Wir wissen, dass es auch heute nicht wenige Astrophysiker gibt, die ein Multiversum annehmen, also ebenfalls von der Existenz vieler gleichzeitiger Universen ausgehen.

All das zeigt die Weisheit und gedankliche Kraft der damaligen Menschen, wobei wir keinesfalls annehmen sollten, dass sie aus den gleichen Quellen schöpften, wie unsere Wissenschaftler das tun. Wir wissen zu wenig über die seelischen Möglichkeiten einer tieferen Sicht damals lebender Menschen und gehen viel zu selbstverständlich davon aus, dass sie ein reduzierteres Bewusstsein als wir gehabt hätten. Das ist meines Erachtens weit gefehlt. Ich halte dafür, dass der aufkommende Materialismus der letzten Jahrhunderte zwar die Möglichkeiten der Naturwissenschaften unglaublich gesteigert, gleichzeitig aber die seelisch-geistigen Fähigkeiten der Menschen immer mehr reduzierte. Wobei im Übrigen die ganz Großen ihrer Zunft wie Einstein und Planck nie den Geist außer Acht gelassen haben.

Natürlich interessiert mich das hier Angesprochene vor allem im Hinblick auf das Thema meiner letzten Beiträge, in Bezug also auf das Verhältnis von Tier und Mensch. Denn nichts anderes würden die Aussagen des Anaxagoras bedeuten, als dass in Bezug auf alle Materie, seien es Mineralien, Pflanzen, Tiere und Menschen, das physische Reservoir gleich sei, nur eben die Verteilung ungleich. Das besagt im Hinblick auf Tier und Mensch, dass sich in der Tat beide keineswegs fremd sind, ganz im Gegenteil. Offensichtlich ist es möglich, ja sogar wahrscheinlich, dass Tiere und Menschen sich im Rahmen einer großen evolutionären Linie entwickelt haben und dass, wer den Menschen sich als weiterentwickelt habenden Affen sehen möchte, das auf diesem Hintergrund durchaus tun kann, immer vorausgesetzt, er ist bereit, den Status quo des Menschen per Begriff, indem er wie beispielsweise Precht von dem Menschen als Tier spricht, einzufrieren, eben damit auch sich selbst.

Ich gehöre zu denjenigen, die annehmen, dass es eine Vernunft, einen Nous gibt, der eine viel größere Weisheit beinhaltet, als sie uns zur Verfügung steht, und dass es eine Weisheit von Menschen früherer Zeiten gab, die jenen die Möglichkeit zur Verfügung stellte, Dinge zu sehen, die wir nicht (mehr) erkennen oder in Bezug auf die wir nur rein Physikalisches und nicht Metaphysisches zulassen. Schon deshalb erscheint es mir ratsam, Urkunden der Menschheit ernst zu nehmen. Die Schöpfungsgeschichte der Bibel schlägt ein Buch auf, in dem nur wenige Menschen wirklich zu lesen vermochten und in das zunehmend weniger Menschen wenigstens einen Blick werfen.

Der Beginn des Ersten Buches Mose verweist im Rahmen des 5. Schöpfungstages darauf, dass Tiere vor dem Menschen diese Erde betraten und dass erst im weiteren Verlauf der Mensch in Erscheinung trat.

In der ersten der beiden zu Beginn der Genesis niedergeschriebenen Schöpfungsgeschichten wird der Mensch nach dem Bilde Gottes als Geistwesen geschaffen (1. Mose 1,27), übrigens, präzise übersetzt, als männlich-weibliches Wesen, nicht als Mann und Frau, wie Luther im Grunde falsch übersetzte, in der zweiten (1. Mose 2,7) aus den Stoffen der Erde, aus Erde vom Acker, wie es in der Lutherbibel lange Zeit hieß, also in physischer Präsenz. Am 6. Schöpfungstag ist also von Adam die Rede, vom Menschen (nicht vom Mann). Und er ist es, der den Tieren einen Namen gibt.

Mit der Namensgebung ist nicht nur eine Benennung verbunden, sondern auch ein Erkennen, ein Anerkennen. Ein Vater und eine Mutter erkennen mit dem Namengeben ihr Kind als Sein von ihrem Sein an, zugleich aber als individuell selbständiges Wesen. Ein Vorgang, eigentlich im Range eines Sakraments.

An einem der heiligsten Orte Bad Kissingens, der Himmelswiese, sind Kinder beerdigt, die nur embryonal lebten, Sternenkinder, wie man sie nennt. Eltern ist es mittlerweile immer öfter ein Anliegen, ihnen einen Namen gegeben zu haben, auch deshalb, weil, wie ich glaube, sie die Seele des Kindes, ihres Kindes, das die Schwangerschaft nicht überlebte, wahrgenommen haben.

Auch der Mensch, indem er Tieren Namen gibt, nimmt mehr als nur ihr physisches Sein wahr und erkennt ihr Sein als Sein von seinem Sein an. Wenn Anaxagoras Recht hat, dann stammt Stoffliches von Pflanzen, Tieren und Menschen aus der gleichen Quelle, wenn es auch unterschiedlich verteilt ist. Wobei über Seelisches und Geistiges noch nichts gesagt ist.

Der Mensch: ein Tier de luxe?

Wer das so sehen möchte, kann das natürlich tun. Es gehört zu den Möglichkeiten, die uns unsere Freiheit des Denkens zur Verfügung stellt, Tier sein zu dürfen, wenn man Tier sein will. Schließlich liegt man hier durchaus auch auf der aktuellen wissenschaftlichen Linie, indem unter einem Begriff, dem der Hominiden nämlich, Affen und Menschen subsumiert werden. Biblisch aber und im Sinne des Anaxagoras ist es nicht. Niemand spricht von einer großen Karosserie, wenn er einen modernen Fernreisebus meint, niemand wählt begrifflich eine Vorstufe, wenn es eine am realen Ziel orientierte Bezeichnung gibt.

Die Schöpfungsgeschichte der Bibel existiert in weiser Voraussicht genau deshalb, weil sie in Erinnerung halten möchte, dass es schon seit langem, vom Urbeginn an, eine andere Sicht gibt, für manche auch heute noch:

Was im Anschluss an vorausgegangene Entwicklungsstufen ins Sein tritt, ist kein Tier de luxe, es ist ein Mensch. Und diese Stufe will sich bis zum 7. Schöpfungstag zum Bild der Gottheit hin entwickeln. Die Genesis nennt diese Stufe Adam (dass Precht Adam mit Mann übersetzt und nicht korrekterweise mit Mensch, ist für einen Wissenschaftler ein eklatanter Fauxpas, der aber, liest man in gebotener Vorsicht sein Buch, nicht wirklich erstaunen kann).

Dieser Mensch war schon immer Mensch. Von Beginn an. Schon im Samen, dem von Anaxagoras verwendeten Wort für die Grundlage allen Seins.

Eine klare Sicht auf die Evolution ergibt, dass das, was sich gemeinsam entwickelte, was Wissenschaftler in seltener Einmütigkeit Tier nennen – manche, wie Precht, bevorzugen auch für den Menschen die Bezeichnung Tier -, sich über Millionen von Jahren gemeinsam entwickelte.

Nur stammt der Mensch eben nicht vom Tier ab; das ist eine absolute Verdrehung der Realität.

Das Tier stammt vom Menschen ab

Auch wenn ich diese Formulierung nicht glücklich finde, weil sie den eine lange Zeit währenden gemeinsamen Entwicklungsprozess sprachlich zu wenig deutlich macht und zugleich zu wenig herausstellt, dass das Tier sich zu einem bestimmten Zeitpunkt von einer möglichen Weiterentwicklung auskoppelte, muss man es zunächst so rigide formulieren, um dem unseligen Geschwätz, dass der Mensch vom Tier abstamme, ein Ende bereiten zu können.

Es ist kein Zufall, dass in den überlieferten Aussagen des Anaxagoras immer wieder das Wort absondern bzw. aussondern vorkommt.

Zu den Gesetzen der Entwicklung gehört, dass auf ihren Stufen immer wieder Wesen stehenbleiben, sich sozusagen aussondern.

Und die Existenz der Tiere beweist – fast möchte ich sagen: leider – dass die Entwicklung der einen, der Menschen nämlich, das Stehenbleiben, die Absonderung Anderer zur Folge hat. Ohne dass die Tiere sich nicht aus der Entwicklung zum Menschen hin ausklinken, ist der Mensch allerdings nicht möglich.

Fast könnte man von einem Opfer der Tiere sprechen.

Es gibt keine Entwicklung ohne Zurückbleiben.

Es gibt in der Evolution keine Entwicklung, ohne dass sich wie auch immer geartete Seinsstufen abspalten und eine eigene Entwicklungslinie gehen. Falsch wäre es, eine solche Linie negativ oder niederrangiger zu bewerten. Genau darum geht es nicht.

Man muss Tiere nicht bedauern, schon deshalb nicht, weil man ihrer Schönheit und der ganz besonderen Qualität ihres Seins nicht gerecht werden würde. Das vermitteln auf unnachamliche Weise Rilkes Gedichte über Tiere.

Es gibt im Übrigen auch weiterhin keine menschliche Entwicklung, ohne dass innerhalb des Menschenreiches Menschen zurückbleiben. Wie unterschiedlich menschliche Entwicklung sein kann, sehen wir auf der Erde. Selbst im phylogenetischen Bereich nehmen wir noch Unterschiede wahr; die Ureinwohner mancher Gegenden erinnern durchaus äußerlich noch an die Vorfahren des Menschengeschlechts. Und nimmt man die Überlieferungen der Hopi-Indianer in Bezug auf die Sintflut, den Untergang von Atlantis, so lief dieser sehr differenziert ab, abhängig von den moralischen und bewusstseinsspezifischen Entwicklungsstufen der damaligen Erdbewohner, nachzulesen in Kásskara und die sieben Welten, dem Buch eines führenden NASA-Ingenieurs über die Geschichte der Menschheit in der Überlieferung der Hopi-Indianer. Deutlich wird, dass für die nachatlantische Entwicklung eine ganz offensichtliche Differenzierung stattfand. – Auch in Zukunft wird es eine solche geben.

Aus meiner Sicht entwickelt sich die Menschheit hin zu einem Bewusstsein, wie es im Neuen Testament testamentarisch niedergelegt ist. Diese Entwicklung werden nicht alle Menschen mitgehen, wobei manche mit einer Freiheit, losgelöst von allem Glauben, kokettieren, obwohl sie tief im Inneren wissen, dass sie sich wie ein pubertierender Jugendlicher benehmen, reagierend auf eine Religiosität vergangener Zeiten, von der sie wissen könnten, dass es sie zu überwinden, weiterzuentwickeln, nicht pubertär abzulehnen gilt.

Wenn man die Geschichte der Menschheit seit Christi Geburt überblickt, erscheint sie dennoch recht homogen, bezieht man mit ein, dass es immer zu allen Entwicklungssträngen Gegenbewegungen gibt, die sich im Zuge der historischen Zeitläufe wieder auflösen bzw. eingliedern.

Zu einer vollgültigen Entwicklung des Menschen gehört allerdings alles triadische Wissen, das z.B. von Körper, Seele und Geist und das von Vater, Sohn und Heiligem Geist, weshalb Entwicklung nicht ohne den Gehalt des Neuen Testamentes möglich ist, wobei es nicht um das Nachplappern der Inhalte geht, sondern um das Bewusstsein zum Beispiel, was der Vater repräsentiert und warum wir zu unserer Entwicklung des Sohnes bedürfen; sie äußert sich in der Bereitschaft zu Opfer und Liebe. Wichtig ist nicht das theoretische Wissen darum, sondern es gilt das Wort des Neuen Testaments: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!

Eindeutig erkennen wir existentiell bedeutsame Gegenbewegungen zu dieser Entwicklung, die nicht ohne Folgen für die Betroffenen bleiben werden, indem wir wahrnehmen, dass ein Teil der Menschen darauf aus ist, das Wissen um den Geist zu untergraben.

Leider machte diese Tatsache nicht einmal vor den Toren der Kirche halt, wenn ich die Ergebnisse des 8. Ökumenischen Konzils zu Konstantinopel 869 richtig verstehe. Galilei, obwohl selbst ein tief religiöser Mensch, trug mit seinem Wirken ebenso dazu bei – überzeugend aufgezeigt von Morris Berman in Die Wiederverzauberung der Welt – wie Darwin und Freud, um nur einige wenige zu nennen. Heute sind wir bereits so weit, dass das Seelische zugunsten des puren Intellekts ins Abseits gekickt wird, beteiligt an vorderster Front Richard David Precht.

Entscheidend verstärkt werden diese Impulse durch die Entseelung der körperlichen Liebe und damit der Entheiligung des Heiligen.

Eine große Zahl der Politiker weltweit sind in diesen Prozess aktiv involviert, weil sie Verlogenheit, Machtmissbrauch und die Glorifizierung des Ökonomischen protegieren, ein Beitrag zur aktiven Enthumanisierung der Erde.

Eine nicht unerhebliche Bedeutung kommt auch der Mär vom Menschen als vom Affen abstammend zu. Man kann eine auf Geist basierte Wertesubstanz kaum gekonnter hintertreiben. Gegen diese Verunglimpfung des Geistes, die nun schon viel zu lange existiert, schreibe ich mit meinen Beiträgen zum Verhältnis von Tier und Mensch an.

Werte auf einem intellektuell basierten Ethikfundament funktionieren nicht. Manchen wird das gerade in unserer Zeit bewusst. Hoffentlich sind unter ihnen solche, die bald zu handeln bereit und fähig sind, um politisch umzusteuern.

Erschreckend trostlos: die Unterwelt

Die Folgen könnten für Infizierte und aktiv Seelen- und Geistlosigkeit Betreibende sehr unangenehm sein. In den Sinn kommt mir in diesem Zusammenhang immer wieder jene Szene aus Homers Odyssee, als Odysseus, durch die Hinweise von Circe vorbereitet, in die Unterwelt gelangt, um von dem Seher Teiresias Details zu einer möglichen Heimkehr nach Ithaka zu erfahren und im Rahmen dieses Geschehens mit zum Teil berühmten Gestalten der griechischen Geschichte konfrontiert wird, erschütternden Konfrontationen, weil die Stimmung der Toten so erdrückend und trostlos ist, dass man denken muss: Ist so das Reich der Toten, selbst für Menschen, die wir als groß erachteten? Noch die letzten Worte seines Aufenthalts, nachdem er Herakles gesprochen, geben das Schauerliche dieser Welt wieder:

Aber ich blieb, und harrete dort, ob etwa noch jemand
Von den gestorbenen Helden des Altertumes sich nahte.
Und noch manchen vielleicht, den ich wünschte, hätt‘ ich gesehen:
Theseus und seinen Freund Peirithoos, Söhne der Götter;
Aber es sammelten sich unzählige Scharen von Geistern
Mit graunvollem Getös, und bleiches Entsetzen ergriff mich.
Fürchtend, es sende mir jetzo die strenge Persephoneia
Tief aus der Nacht die Schreckengestalt des gorgonischen Unholds,
Floh ich eilend von dannen zum Schiffe, befahl den Gefährten,
Hurtig zu steigen ins Schiff, und die Seile vom Ufer zu lösen;
Und sie stiegen hinein, und setzten sich hin auf die Bänke.
Also durchschifften wir die Flut des Oceanstromes,
Erst vom Ruder getrieben, und drauf vom günstigen Winde.

Auch Dantes Bild der Hölle als Schau eines Menschen ausgangs des Mittelalters ist ebenso schaurig gezeichnet; man ist im Rahmen seiner Göttlichen Komödie sogar für jene froh, die, nicht in der Hölle, sondern „nur“ im Fegefeuer seiend, leise Hoffnung schöpfen dürfen und atmet auf, wenn Vergil, Dantes Führer durch Hölle und Fegefeuer, ihn an Beatrice übergibt, welche die Führung durch das Paradies übernimmt, ein Leben im Licht und in der Freude.

Ich gehöre zu denen, die annehmen, dass die Tatsache, dass weit entwickelte Menschen bzw. Wesen ihren Fuß auf die Erde gesetzt haben und hier gewirkt haben, heißen sie Zarathustra, Mose, Pythagoras, Buddha, Jesus, Hildegard von Bingen, Franz von Assisi, Gandhi und andere mehr, die Energie der Erde verändert haben (ich vermute fast, es gäbe uns auf ihr sonst nicht mehr). Und ich halte es für keinen Zufall, dass das Glaubensbekenntnis darauf verweist, dass Christus in den drei Tagen seines angeblichen Todes in der Unterwelt war und diese ebenfalls verändert hat. In der Folgezeit würden viele Toten dem Odysseus in anderer Weise begegnen können, zumindest jene, die in ihrem Leben für das Geistige offen waren; für die Anderen bleibt das Jenseits, auch heute noch, so vermute ich, ein großes Dunkel, eine große Orientierungslosigkeit und so trostlos wie zu vorchristlichen Zeiten.

Man muss den Wunsch und Willen eines jeden Menschen, welche Sicht er auf das All und sein Leben nehmen möchte, absolut respektieren. Mögen die, die all diese Berichte für minderwertig, weil mythisch oder literarische Fiktion, halten, ihre Zeit auf der Erde genießen, bevor sie die lang anhaltende Wahrheit erkennen.

Was ich bedaure, ist, dass zunehmend Menschen die Bedeutung ihrer Lebensgestaltung unterschätzen. Die Ablenkungsmöglichkeiten, die es in ihrem Leben gibt, die so gut funktionieren, weil die materielle Existenz so blendend wirkt, gibt es in einem Leben nach dem Leben nicht. Womöglich gibt es keinen Schlaf, der uns auf der Erde noch über manches Leid hinweghilft und den Heilungsprozess mancher Wunde erleichtert. Ich vermute, die Dunkelheit des Bewusstseins quält Nacht für Nacht. Ohne Tag.

Tieropfer manifestierten die Bedeutung der Tiere

Aus der erhellenden Sicht des Anaxagoras und der Schöpfungsgeschichte auf das Leben ergibt sich auch, wie der Mensch mit den Tieren, vor allem denen höherer Ordnung umgehen sollte, denn im Tier tötet er auch immer einen Teil von sich.

Bezeichnenderweise sind in der Schöpfungsgeschichte (1. Mose 1,29) Tiere als Nahrung nicht genannt, nur Pflanzen und Früchte der Bäume.

Dieses Wissen tritt in den Kindern unserer Zeit immer mehr zutage. Viele lehnen es intuitiv ab, Tiere zu essen. Das heißt für mich nicht, dass es ein moralisches oder ethisch minderwertiges Verhalten sei, wenn Menschen Fleisch essen; es war auch nicht vorgesehen, dass sie vom Baum der Erkenntnis essen. Getan haben sie es dennoch – und das bestimmt unser Leben bis heute.

Es war auch kein moralisches oder ethisch minderwertiges Verhalten, dass zu früheren Zeiten den Göttern – oder in der Thora, den Büchern Mose also, dem einen Gott – Tiere geopfert wurden. Ich empfinde es als eine dümmliche Hybris, wenn Juden und Christen vorgehalten wird, im Alten Testament seien Tiere einem Gott zuliebe getötet worden.

Wer wie Precht im Rahmen von Tiere denken in seiner ein Kaptitel umfassenden Phillipika gegen das Verhältnis des alten Judentums zu Tieren, möglichst despektierlich auch die Inhalte der Thora darstellend, damalige Tieropfer an den Pranger stellt, dem spreche ich empathisches Vermögen für historische Prozesse ab und attestiere ihm die Arroganz eines zeitgenössisch Lebenden, der nicht in der Lage ist, historische Bewusstseinszustände vertsehend nachzuvollziehen.

Ich halte dafür, dass den damals lebenden Juden bewusst war, wie wertvoll Tiere waren und es war eine Form der Dankbarkeit gegenüber ihrem Gott und oftmals auch eine Bitte um Versöhnung, dass Sie ihm so Wertvolles opferten. Gerade weil sie den Wert eines Tieres kannten, hatte ihr Opfer für sie diesen Stellenwert. Dass wir Heutigen uns anders verhalten, ist Zeichen unserer Entwicklung. Nur muss man sich schon die Mühe machen, nicht nur von unserem Bewusstseinszustand auszugehen, sondern den der damals lebenden Menschen zu sehen und nicht immer nur aus heutiger Sicht zu werten (noch dazu tun das ja auch Menschen, die beispielsweise kurz zuvor genüsslich ein Frühstücksei geschlabbert hatten, obwohl sie wissen, dass für diesen fragwürdigen Genuss täglich hunderttausende von überflüssigen männlichen Küken geschreddert werden – das ist wahrlich ein bigottes Verhalten).

Anmerken möchte ich, dass auf dem Hintergrund unseres heutigen Bewusstseins das vor allem im Judentum und im Islam gebräuchliche Schächten von Tieren nicht mehr zu rechtfertigen ist. Im Alten Testament ist auch von ihm nie die Rede.

Ohne Tiere keine menschliche Existenz

Ich möchte noch einmal festhalten: Aus Sicht der Bibel ist es so, dass ohne die Tiere es gar keinen Menschen geben könnte. Die Abfolge der Schöpfungstage ist absolut folgerichtig und gibt kund, dass die Existenz des Menschen die der Tiere voraussetzt; ihre Entwicklung ist eine notwendige körperliche und sogar seelische Vorbereitung des Menschseins. Von daher ergibt sich auf dem Hintergrund eines langen gemeinsamen Weges von Tier und Mensch mit vielen Höhen und schrecklichen Tiefen, die in einem völlig unnötigen Ausmaß – man denke an Formen der Tierhaltung und Tierversuche – immer noch anhalten, auf dem Hintergrund also von Millionen gemeinsam verbrachter Jahre eine Sichtweise im Hinblick auf das Verhältnis von Mensch und Tier, wie es für einen bestimmten Bereich Dahlke/Baumgartner in „Das Tier als Spiegel der menschlichen Seele“ aufzeigen, indem sie vermitteln, dass Tiere, wenn wir achtsam mit ihnen umgehen, unsere Entwicklung unterstützen und sich auch auf der seelischen Ebene als Bereicherung unseres Lebens erweisen können, ein Buch, auf das ich ggf. zum Abschluss dieser Reihe eingehe, weil es einen weiteren Bewusstseinsschritt im Rahmen der Schöpfungspartnerschaft von Tier und Mensch signalisiert.

Was seelisch-geistig reifen will, braucht Zeit

Ich zitiere Precht, der sich eigentlich selbst eine Steilvorlage zum Verständnis der Menschwerdung gibt, indem er schreibt:

„Im Gegensatz zum Affenfötus jedoch entwickelt sich der Menschenfötus langsamer und behält einige entscheidende Merkmale seines embryonalen Stadiums bei, etwa die Schädelproportion oder die Nacktheit (…) Weil sich der Menschenfötus im Vergleich zum Affen verzögert heranbildet, hat sein Gehirn eine verlängerte Wachstumsphase (…) Noch der erwachsene Mensch“ – und Precht bezieht sich hier auf die Beobachtungen des niederländischen Arztes Louis Bolk (1866-1930) – „zeige Eigenschaften, die unter Affen nur im Kindesstadium zu finden sind, allen voran sein starkes Spielbedürfnis und seine im Tierreich einzigartige Neugier und Lernbereitschaft.“

Tja, so möchte man sagen, das kommt davon, wenn man nicht nur den Geist vertreibt, sondern auch die Seele außen vorlässt, dann erkennt man nicht:

Was seelisch-geistig reifen will, braucht Zeit.

Und man nimmt nicht zur Kenntnis, dass die embryonale und frühkindliche Entwicklung die Phylogenese des Menschen spiegelt.

Eigentlich hätte es selbst einem Precht trotz seiner Geist-Phobie einleuchten könnten, warum der Mensch erst ziemlich spät das Erdtableau betritt. Dabei sagt er selbst: „Der Clou der menschlichen Entwicklung ist demnach ihre Langsamkeit.“

Gut Ding will Weile haben. Den Menschen wurde diese lange Weile zuteil, den Tieren nicht.

Dass die Menschen nach den Tieren geschaffen wurden, das heißt, in der Urkunde makro- und mikrokosmischen Werdens, der Schöpfungsgeschichte, später auftauchen, liegt daran, dass im Verborgenen reifen muss, was sich zu höchster Stufe entwickelt.

Bemerkenswert ist – und Anaxagoras wusste es: Von Anbeginn ist alles Geschaffene im Ur-Samen enthalten.

Selbst Darwin, man mag es nicht glauben, vertritt eine durchaus vergleichbare Sicht, wenn er am Ende des letzten, des 15. Kapitels in Die Entstehung der Arten (1859) alles Leben auf möglicherweise eine Ur-Form zurückführt:

Es ist wahrlich eine große Ansicht, daß der Schöpfer den Keim alles Lebens, das uns umgibt, nur wenigen oder einer einzigen Form eingehaucht hat (…)

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Zwölf Verse Rilkes über den ungeschaffnen Gang des Schwanes: Mühsal, die sich lohnt!

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Der Schwan

Diese Mühsal, durch noch Ungetanes
schwer und wie gebunden hinzugehn,
gleicht dem ungeschaffnen Gang des Schwanes.

Und das Sterben, dieses Nichtmehrfassen
jenes Grunds, auf dem wir täglich stehn,
seinem ängstlichen Sich-Niederlassen – :

in die Wasser, die ihn sanft empfangen
und die sich, wie glücklich und vergangen,
unter ihm zurückziehen, Flut um Flut;

während er unendlich still und sicher
immer mündiger und königlicher
und gelassener zu ziehn geruht.

Rainer Maria Rilke, 1905/06, Meudon

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Rilke schrieb dieses Gedicht unter dem Einfluss des großen Bildhauers Rhodin just in jener Zeit, als er bei diesem angestellt war, um dessen Buchhaltung zu führen, was allerdings nicht gutgehen sollte; die beiden Männer entzweiten sich. Rilke entwickelte aber durch diesen großen Künstler einen neuen Blick auf Dinge, einen Blick, der ihm erlauben sollte, tief in ihr Wesen zu sehen und zu erkennen, welche Bedeutung sie im Hinblick auf den Menschen haben.

Tiere haben sich ja, wie ich an anderer Stelle noch ausführen werde, über Millionen von Jahren gemeinsam mit dem Menschen entwickelt. Zu einem bestimmten Zeitpunkt aber sind sie noch vor dem Menschen in Erscheinung getreten – es ist der 5. Tag der Schöpfungsgeschichte – und haben sich damit von der menschlichen Entwicklung abgekoppelt. Im Grunde aber ist dieses Geschehen Voraussetzung für die menschliche Existenz. In den Tieren nämlich spiegeln sich menschliche Eigenschaften, Gefühle, Wesensmerkmale. Wie ein Kaleidoskop setzen sich menschliche Ebenen zusammen aus den vielen Facetten von Tieren, auch wenn das menschliche Wesen als Ganzes dadurch bei weitem nicht erfasst ist.

Dies so sehen zu können, ist auch ein Verdienst Rilkes und in gewisser Weise ist er poetischer Wegbereiter für aktuelle Bücher wie Das Tier als Spiegel der menschlichen Seele, auf das ich an anderer Stelle noch eingehen werde (und hier dann verlinke).

Unter diesem Gesichtspunkt stellt sich die Frage, was Rilkes  Gedicht über den Schwan – auch Gedichte über Tiere zählen zu den sogenannten Ding-Gedichten – vermitteln möchte.

Vierstrophig zu jeweils drei Zeilen ist es im Trochäus geschrieben, was so häufig nicht vorkommt, hier aber kein Zufall ist, wird doch dadurch in der ersten Strophe gleich das erste Wort betont, eigentlich kein lexikalisch aufregendes, ist Diese doch ein schlichtes Demonstrativpronomen, doch bekommt sein ohnehin vorhandener Verweisungscharakter an dieser Stelle gleich zu Beginn noch mehr Nachdruck – in ganz besonderem Fokus dadurch: die Mühsal.

Die menschliche Mühsal. Um sie geht es. Mit ihr beginnt dieses Gedicht über den Schwan. Man rechnet aufgrund der Überschrift mit vielem – damit nicht.

Und es ist nicht die Rede von irgendeiner Mühsal, sondern von jener, die vorliegt, wenn man durch noch nie Getanes hindurchgehen muss. Das ist oft mühselig und unserem Tun fehlt dann Leichtigkeit und es wirkt wie der Gang des Schwans, schwerfällig, als ob man gefesselt sei. Keine Spur von Selbstverständlichkeit, von Zielsicherheit. Wie schwankt der Schwan, wie schwer fällt ihm das Gehen. Dafür ist er nicht geschaffen.

Immer, wenn wir einen Weg gehen, der noch nicht geschaffen ist, erleben wir möglicherweise Ähnliches. Doch im Grunde wissen wir: Je ähnlicher unser Erleben diesem Schwanengang ist, je schwerer uns das Gehen fällt, desto wertvoller wird es für unser Inneres. Das ist uns bewusst.

Verständlich wird auf einmal, warum der Kreuzweg Jesu, als er tat, was noch nie einer tat, was bis dahin also ungeschaffen war, solch eine Leistung war, solch eine Mühsal, eine Qual. Auch, weil sie keine nur individuelle, sondern eine übermenschliche war.

Auf dem Hintergrund dieser ersten Strophe wird deutlich, worin die Leistung eines jeden beruht, der einen ungeschaffenen Weg geht.

Der Schwanengang lässt uns das verstehen.

Ging es in der ersten Strophe um die Mühsal ungeschaffenen Gehens, so geht es in der zweiten um das Sterben.

Und wieder vermag Rilke mittels des Schwanes zu verdeutlichen, wie und warum Sterben so angstvoll sein kann, ja ist.

Wir haben vielleicht schon gesehen, wenn ein Schwan nach dem schwerfälligen Gehen über die Erde auf ihr sich niederlässt. Das ist hier nicht angesprochen. Es geschieht auch aus geringer Höhe und gleichsam aus dem Stand. Anders sieht es aus, wenn ein Schwan zur Landung auf dem Wasser ansetzt.

Ich bleibe jedesmal stehen, wenn ein Schwan das tut. Das Bild erinnert mich an die Concorde, die leider nicht mehr fliegt: der Hals des Schwanes ist nach vorne gestreckt und im letzten Moment, kurz vor der Landung schlägt das Körperende samt Federkleid auf das Wasser, jenes laute Klatschen verursachend, das jedem Wasserfassen vorausgeht. Ist er im Wasser, mag man kaum verstehen, warum einem beim Anblick eines niedergehenden Schwanes jede Landung ein hohes Risiko dünkt. In der Tat scheint ein Hauch von Angst dabeizusein; nie wirkt der Schwan verletzlicher, dem Sein ausgeliefert wie unmittelbar vor der Landung.

Und doch wird er so sanft empfangen.

Das ist Rilkesche Meisterschaft: davon zu sprechen, dass Wasser einen sanft empfangen und sich – wie vergangen – unter einem zurückziehen kann. Indem das im Augenblick geschieht und schon vergangen ist, ist diese Sanftheit möglich. Unnachahmlich dieser Vergleich: „wie vergangen“, unnachahmlich, dieses Polyptoton „Flut um Flut“; selbst die u-Laute scheinen von Rilkes Muse herbeigezaubert. Da ist kein Widerstand.

Wir sind gewohnt, Grund unter den Füßen zu haben. Sterben aber ist anders, ein Nichtmehrfassen. Und doch versinken wir nicht. Im Gegenteil.

Die letzte Strophe erinnert mich an Lohengrin, wie er in der Oper Richard Wagners, aufrecht in seinem Nachen stehend, den Fluss herauffährt, gezogen von einem Schwan. Wahrhaft königlich, der Gralssohn, wie er Elsa von Brabant zu Hilfe kommt.

So kann es auch nach dem Sterben sein.

Ich erinnere mich, dass ich vor vielen Jahren im Fernsehen Stefan von Jankovich über sein Sterben reden hörte. Er saß als Beifahrer neben seinem Geschäftspartner auf einer Fahrt nach Lugano, als ihnen auf ihrer Spur ein Lastwagen entgegenkam. Der Aufprall war furchtbar. Jankovich flog durch die Windschutzscheibe, prallte auf, 18 Brüche, der Schädelknochen lag bloß, und ihn rettete die Tatsache, dass zufällig ein deutscher Zahnarzt zur Unfallstelle kam, der ihm sechs Minuten nach dem Unfall eine Adrenalinspritze direkt in den Herzmuskel injizierte. Jankovich aber hatte keine Schmerzen. Er schilderte, wie er über seinem Körper schwebte, die Gespräche der Umstehenden hörte und z.B. mitbekam, wie ein Mann versuchte, ihn wiederzubeleben. Das war Anlass für mich, am nächsten Tag gleich sein Buch zu kaufen und in der Folge dann Raymond A. Moodys Leben nach dem Tod. Was ich dort über Nahtoderlebnisse las, vergesse ich deshalb nicht, weil auch von einem amerikanischen Soldaten berichtet wurde, der in Vietnam, von Kugeln durchsiebt, „starb“, sich bereits von oben sah und keine Schmerzen hatte. Ich erinnere mich, dass mich das in Bezug auf das schreckliche Sterben vieler Soldaten in den Stellungskriegen des Ersten und Zweiten Weltkriegs tröstete. Vielleicht hatten manche, die stundenlang starben, weil sie zwischen den Drahtverhauen lagen und nicht geborgen werden konnten, keine Schmerzen. Vielleicht haben es auch Tiere nicht, wenn sie von einem Raubtier gerissen werden.

Nicht wenige unter denen, die ihr Nahtoderlebnis wiedergaben, berichteten, dass sie gar nicht zurückkommen, sondern lieber sterben wollten aufgrund dessen, was und wer ihnen begegnete, aufgrund der gesamten Atmosphäre des Sterbens. Wie ein sanfter Empfang.

Nur gibt es auch andere Zeugnisse über Sterben und Tod. Ich denke an des Odysseus kurzen Aufenthalt in der Unterwelt, die er aufsuchte, um von Teiresias Weiteres über den Weg nach Hause zu erfahren, und wie schaurig auf ihn die Szenerie im Hades wirkte, in der seine Mutter, vor Troja gefallene große Helden und ihm bekannte Griechen auftauchten. Nichts war da immer mündiger und königlicher  und gelassener. In meinem nächsten Post werde ich ein wenig ausführlicher auf diese wichtige Stelle der Odyssee eingehen,

Woher nimmt Rilke jene Sicherheit, die in diesen drei Komperativen so nachdrücklich zum Ausdruck kommt?

Für die vorchristliche Zeit sieht es in der Tat so aus, wie es Homer uns wissen lässt. Selbst die großen Helden – und es sind ja in den Mythen auch immer Helden des Bewusstseins – darben und wirken gequält.

Wie nun wird es uns gehen?

Ist die Bereitschaft zu mühseligem Gehen Voraussetzung für ein Sterben und eine Folgezeit, wie sie Rilke vermittelt? Eine Bereitschaft, die ein Offensein für geistige Entwicklungen einschließt?

Wenn es so ist, schwant mir, könnte jene Zeit, die Rilke im letzten Terzett anspricht, für nicht wenige Erdenbürger wenig königlich sein.

Was Rilke schreibt, bleibt haften; dazu tragen die zwei Alliterationen bei, die sich allein in der letzten Zeile finden (zu ziehn / gelassener … geruht). Und ist es auch ein konsonantisch unreiner Reim, der Strophe 3 und 4 verbindet (Flut – geruht), so hat doch das letzte Wort, der letzte Reim eine unglaubliche Ausstrahlung. Zu ziehen geruhen – solch eine Wendung schreiben zu können, ist nur wenigen Dichtern vorbehalten.

Rilkes obiges Gedicht gehört zu meinen Rilke-Favoriten und ich bedaure ein wenig, dass, wenn ein Ding-Gedicht abgedruckt wird und es um Tiere geht, meist Der Panther ausgewählt wird. Letzteres ist ganz und gar bemerkenswert, klar. Mir persönlich aber hat es Der Schwan noch mehr angetan und ich wünschte mir, es würden mehr Menschen seine Zeilen lesen und verstehen.

Sie enthalten so viel Hoffnung, wie ich finde. Hoffnung, die auf Mühsal basiert. Wie wichtig in einer Gesellschaft, in der so viele weiß und königlich wie ein Schwan sein möchten und vergessen, dass uns schon die Märchen erzählt haben, wie es um Königstöchter bestellt ist, die nur schön sein wollen.

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Sonne oder Halbmond? – Ostern und das Weib der Apokalypse!

Mancher mag sie noch kennen, eine Monstranz, auch etwas weniger monströs Tabernaculum genannt, wie sie in manchen Darstellungen Sonne und Mond vereint, eine wohl erst ausgangs des Mittelalters kreierte plastische Ikone und köstlich, doch auch aufrüttelnd zugleich finde ich, was Jakob Lorber, der österreichische Mystiker des 19. Jahrhunderts in seinem Buch Himmelsgaben Jesus dazu sagen lässt:

Ich muß gewisserart die sonderbare Ehre haben, als ein immerwährender Arrestant in irgendeinem vergoldeten Tabernaculum zu sitzen und zu warten, bis der Priester, entweder durch seine Ordnung oder manchmal auch durch einen klingenden Beutel genötigt, Mich dem armen, halb und oft auch gar nichts glaubenden Volke zur meistens sehr uninteressanten Anschauung, Anmurmelung und Anrufung ausstellt. Nach einem ein- oder zweimaligen metallenen Segen mit Begleitung des Metallgeklingels und Chorgeplärrs aber muß Ich Mich dann von neuem wieder untätigermaßen einsperren lassen.
Daß solches ein allerbarster Unsinn ist, welchen die spätere Glanzsucht ausgeheckt hat, mögt ihr wohl ohne Fernrohr auf den ersten Blick aus Meinen Evangelien ersehen und an den ersten echtkirchlichen Gebräuchen zu den Zeiten der Apostel und ihrer Nachfolger durch mehrere Jahrhunderte hin.“

Auch jene, die dem medialen Vermögen des Schreibknechtes Gottes, wie sich Lorber selbst nannte, skeptisch gegenüberstehen, werden um die Erstarrung der ursprünglichen christlichen Religiosität wissen und werden ahnen, wie viele am Ende eines Gottesdienstes achtlos geplapperte Vater-Unser den Vater, um den es doch ging, mittels solcher Gebetshülsen aus der Kirche gejagt haben, während die Plappermäuler selbst, denen doch alle Sünden vergeben sind, noch frömmelnd in den Kirchenbänken saßen. – Von anderen achtlosen Frömmeleien abgesehen.

Zudem gibt die Geschichte des Christentums dem Tonfall von Jesus, alias Lorber Recht, denkt man an den Streit zwischen Arianern und Nicänern um die Existenz der Trinität oder jenen Krampf darum, ob eine Hostie nun der tatsächliche Leib Christi sei oder nur der symbolische, wie gleichermaßen, dass katholische und evangelische Christen nicht gemeinsam das Abendmahl feiern dürfen und ähnliche geistlosen Hirnverrenkungen mehr.

Die Geschichte des Christentums ist auch die Geschichte – eigentlich müsste man sagen: primär die Geschichte – einer Entfremdung von dessen ursprünglicher Wahrheit und auf diesem Hintergrund ist die Tatsache, dass so viele der christlichen Religiosität Lebewohl sagen, in Wahrheit eine absolut nachvollziehbare Konsequenz (wenn ich auch glaube, dass, sich vom Niedergang des Religiösen durch Menschenhand blenden zu lassen, letztendlich zur Folge  hat, zum eigenen Nachteil das Kind mit dem Bade auszuschütten, mithin sich selbst).

Zu ihr, der Geschichte des Christentums, gehört im Übrigen auch, dass das institutionelle Monster namens Kirche in seiner Gestaltung eine eigenmächtige Kreation von Menschen war, die das berühmte Jesuswort Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Gemeinde bauen vor allem materialistisch-organisatorisch hatten verstehen wollen und nicht so, wie es gemeint war: als Bestätigung der großen Erkenntnis des Petrus und damit als Losung für all jene, die gemeinsam unerschütterlich – als Gemeinde vereint – an Christus glauben.

Nicht ein zukünftiger Peters-Dom, nicht ein zukünftiger Vatikan, nicht die Katholische Kirche waren damit gemeint, sondern die Gemeinschaft Gläubiger, die wahre Kirche, wobei eine organisatorische Struktur hätte durchaus sinnvoll sein können, wenn sie sich nicht verselbständigt und über den Glauben gestellt hätte.

Auch wenn ich selbst Lorbers obige Worte nur zu gut nachvollziehen kann, finde ich, enthalten sie allerdings höchstens die halbe Wahrheit, weil eine bestimmte Darstellung der Monstranz eine meines Erachtens viel umfassendere enthält:

Monstranz

mit freundl. Genehmigung:  http://www.kirchenausstattung.at  –  M. Gradinger, A-3110 Neidling, Bachstraße 12

Zu dieser Monstranz gehören wesentlich der Mond, der in dieser Form auch als Lunula bezeichnet wird und mehr ist als nur eine Halterung für das Allerheiligste, das Sanctissimium, die Hostie also, die für die Sonne steht und von der deshalb auch in vielen Monstranz-Gestaltungen Strahlen ausgehen.

Der Wahrheit und Bedeutung der Monstranz wird man nur gerecht, wenn man das Sonnenweib aus dem Fünften Siegel der Offenbarung des Johannes einbezieht:

Und es erschien ein großes Zeichen im Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen.

Diese Frau ist meines Erachtens das, was Goethe als das Ewig-Weibliche bezeichnet, die mit 12 Sternen gekrönte menschliche Seele. In der Bibel finden wir sie im Gleichnis von den zehn Jungfrauen in den Gestalten jener fünf, die sich auf das Kommen des Bräutigams vorbereitet hatten, oder wir finden sie – wie ich auch glaube – im Hohen Lied Salomos in Sulamith, der Geliebten des Bräutigams, der sein ganzes Sehnen gilt.

Dieses Weib, das die Sonne gebiert – ein Vorgang voller Schmerzen und eines Lebens in der Wüste – steht auf dem Mond.

Für manchen mag das zu vereinfacht klingen, aber für mich repräsentiert die Unterteilung der Bibel in Altes und Neues Testament die Bedeutung von Mond und Sonne.

Der Mond, das ist die Basis. Ohne sie hätte das Weib keinen Stand. Er ist Voraussetzung für die Geburt des Sonnenbewusstseins.

Immer wieder weist die Bibel darauf hin, dass dieses kein Honigschlecken ist, wir denken an Noah und die Sintflut, wir denken an Hiob, an Jonas, an all das, was sich um die Kreuzigung Jesu ereignet, sei es das Schlafen der Jünger in Gethsemane, die Verleugnung des Petrus, der Verrat des Judas. Es sind ja Stationen, wie sie jede Seele auf ihre Weise mitmacht. Kein Mensch, der nicht auf seinem Weg durch die Welten-Tage der Schöpfungsgeschichte Christus verraten und verleugnet hat oder es noch tut und selbst ans Kreuz muss, um sein Ego zu kreuzigen.

ROLLEI

Golgatha. 12. Station des Kreuzweges Jesu, Bad Kissingen

Jesus ist nicht ersatzweise für alle gestorben, damit es allen Folgenden erspart bleibe, sondern er hat mit seinem Weg den Weg für alle Menschen gezeigt, gebahnt. Auch auf diesen Weg verweist – nicht von ungefähr bedeutet lat. monstrare zu deutsch zeigen – in verdichteter, bildlicher Form die Monstranz.

Zu jener Zeit des Alten Testaments – repräsentiert durch den Mond – gibt es nur ein Ahnen, ein wiederholtes Verweisen der Propheten auf etwas, was kommen wird. Und es wäre falsch anzunehmen, dass das, was da kommen soll, im Bewusstsein der Menschen heute da ist – meistens ist es nur als Zip-Datei vorhanden.

Menschen selbst und ihre Religionen blockieren Weiterentwicklungen: Weder erkennt das orthodoxe Judentum die Ankunft des Messias an, noch lässt der Islam den Sohn zu, ja er stellt sogar das Reden über und den Glauben an einen Sohn Allahs unter Strafe.

Es ist kein Zufall, dass das Symbol der Mondsichel zu dem bedeutendsten des Islam geworden ist und der sogenannte Halbmond Flaggen und Moscheenkuppeln ziert.

Es fehlt die Sonne.

Es ist ebenso kein Zufall, dass sich Juden und Palestinenser im ehemals Heiligen Land bis aufs Messer bekriegen. In oben angesprochenem Sinn ist es ein Kampf um den Mond.

Der Mond ohne Sonne ist gefrorenes Bewusstsein.

Niemand möge allerdings annehmen, dass die Kirche inclusive der Kirchensteuerzahler um ein Haar besser seien und sich im Besitz der Sonne wähnen sollten. Wer angesichts der weltweiten Not der Menschen wie die Kirche ein riesiges Vermögen hortet und zusieht, wie jährlich Tausende von Menschen verhungern, hat nichts begriffen, auch wenn angeblich sogenannten Christen die Sünden vergeben sind. Mancher mag die Geschichte des Kranken am Teich Bethesda kennen, der wohl fast ein Leben lang, 38 Jahre, krank war, und, geheilt von Jesus, nichts Besseres zu tun hatte, als diesen ohne Not bei den Juden zu verpfeifen, die hatten wissen wollen, wer ihn angewiesen habe, am Sabbat sein Bett nach Hause zu tragen.

Nicht einmal 38 Jahre Leidens vermögen verhindern, dass ein Geheilter dem, der ihn heilte, in den Rücken fällt.

Der Kirche haben zweitausend Jahre nicht gereicht.

Das Schreien des Weibes, von dem in der Offenbarung des Johannes Zeugnis gegeben wird, sollte den Kirchen und allen selbstsicher Gläubigen in den Ohren dröhnen:

2 Und sie war schwanger und schrie in Kindsnöten und hatte große Qual bei der Geburt.
3 Und es erschien ein anderes Zeichen im Himmel, und siehe, ein großer, roter Drache, der hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Häuptern sieben Kronen,
4 und sein Schwanz fegte den dritten Teil der Sterne des Himmels hinweg und warf sie auf die Erde. Und der Drache trat vor die Frau, die gebären sollte, damit er, wenn sie geboren hätte, ihr Kind fräße.
5 Und sie gebar einen Sohn, einen Knaben, der alle Völker weiden sollte mit eisernem Stabe. Und ihr Kind wurde entrückt zu Gott und seinem Thron.
6 Und die Frau entfloh in die Wüste, wo sie einen Ort hatte, bereitet von Gott, dass sie dort ernährt werde tausendzweihundertsechzig Tage.

Was der Apokalyptiker in einem Bild erfasst, erfasst auch die Monstranz ohne Worte in einem Bild. Allerdings mit jener großen Gefahr, auf die der Sinn der Worte Jakob Lorbers – man mag stehen zu ihm, wie man will – verweist: Alles sieht so schön vergoldet aus.

Das Gold wird der Bedeutung des Bildes gerecht, aber birgt zugleich große Gefahr, denn:

Die Monstranz anzuschauen muss auch heißen, das Blut zu sehen, mit dem jenes Gold erkauft ist. Es ist nicht nur das Blut Jesu, sondern das so vieler Menschen, die auf ihrem Weg über die Erde bluten wegen ihres falschen Bewusstseins oder leider auch, weil sie sich zu dem wahren Bewusstsein bekennen. Jüngstes Beispiel ist das schreckliche Sterben vieler Kopten. – Jedesmal schreit das Weib.

Ostern ist ein kosmisches Ereignis, weil sein Zeitpunkt durch den ersten Vollmond nach dem Frühlingseintritt bestimmt wird. Ostern aber verbinden wir auch mit den Sonnenstrahlen des Frühlings.

Leben erwacht. Nie ist die Erde so voller Energie.

Wir sollten um Sonne und Mond wissen, um deren beider Bedeutung, wenn wir eine Monstranz sehen, wenn wir an Ostern denken, an unser Leben.

So gesehen stellt sich nicht die Frage nach Sonne oder Mond. Beide sind ohne einander nicht denkbar und beide sind nicht nur physische Körper. Nach Hildegard von Bingen, Paracelsus und anderen, die davon wussten, hat eine falsch verstandene Aufklärung ein entsprechendes Bewusstsein verdunkelt. Daran konnten auch ein Goethe, ein Novalis, ein Michael Ende nichts ändern.

Für das 5. Siegel, für jenes Bewusstsein, das sich auch in der Monstranz zeigt, sind Sonne und Mond gleichermaßen notwendig. Ohne Sonne ist Erstarrung vorprogrammiert, ohne Mond gäbe es nicht die Erde, den Raum für uns Menschen, der nicht wie Ikarus an der Sonne scheitern oder sie sich per Lichtschutzfaktor vom Leib halten, sondern sie, fußend auf dem Mond, in sich gebären soll.

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„Das macht man nicht!“ – Religion und Moral, Ägyptisches Totenbuch und ein Krakenversteher namens Richard David Precht.

Dieser Post setzt die Beitrage zum Thema des Verhältnisses von Tier und Mensch fort, wie sie hier begannen

Anlässlich der Lektüre von Tiere denken mag manchem bewusst werden, wie notwendig die Urkunden der Menschheit sind, seien es die Ägyptischen Totenbücher, der Hymnus Echnatons oder die Zehn Gebote, und wie sehr die Degeneration der Werte in unserem Alltag mit einem Niedergang der Kultur des Religiösen zusammenhängt, einer Ebene, zu der Richard David Precht keinen Zugang hat. Für seine Haltung macht er sich und die Menschheit lieber zum Affen.

Natürlich stellt sich die Frage, warum es Precht solch ein Herzensanliegen ist, dass, wie er schreibt, der Mensch, „ein besonderes Tier unter vielen auf andere Weise besonderen Tieren“ ist. Immerhin lässt Precht den Menschen sogar das „optimalste aller Tiere“ sein, ein „Allesfresser mit einer großen Nahrungsbandbreite“, wobei „Nüchtern betrachtet (..) sich aber sowohl ´Tier´ als auch ´Mensch´ nicht eindeutig definieren“ lassen und zudem die Molekulargenetik zeige, dass Menschen biologisch Schimpansen seien.

Es fällt in diesem Zusammenhang – übrigens nicht nur bei Precht, sondern auch bei Bräuer, Wohlleben (siehe vorausgegangene Posts) und anderen – auf, wie sehr immer wieder betont wird, dass etwas biologisch so sei, z.B. eben der Mensch ein Affe.

Biologie ist in ihrem Ursprung die Lehre vom Leben (griechisch bíos = Leben) und man kommt nicht umhin wahrzunehmen, wie sehr ein ganz und gar reduzierter Begriff von Leben erwünscht ist.

Wenn man Leben, biologisch gesehen, von Leben, wie auch immer gesehen, trennt, lässt sich beides bestens entzaubern. Das ist die Strategie derer, die den Menschen – ob bewusst oder unbewusst – seines wahren Wesens berauben wollen, was leider zunehmend zu gelingen scheint.

Solche Reduktionen sollen den Menschen von religiösen Wahnvorstellungen trennen, wie der, er sei die Krone der Schöpfung. Zwar gesteht Precht zu, dass der Prozess, die Natur unserer Natur zu erkennen, noch lange nicht abgeschlossen sei, zugleich aber weiß er trotz aller selbst eingestandener Unklarheiten im Hinblick auf die Ergebnisse der Evolutionsforschung mit größter Selbstverständlichkeit, dass man den aufrechten Gang und damit auch den Menschen im Grunde nur als Zufallsprodukt der Evolution sehen kann.

Keine Grenze sei zu erkennen zwischen Mensch und Tier, Evolution sei Zweckmäßigkeit ohne Zweck und es würde auch ausreichen zu sagen, „dass alles in der Natur überleben kann, das für eine Art keinen tödlichen Nachteil hatte. Vermutlich überlebt in der Evolution nicht nur Zweckmäßiges, sondern jede Veränderung, die zumindest nicht zum Aussterben führt, und möglicherweise liegt gerade hierin der Grund für eine große Artenvielfalt.“

Trivialer und reduzierter kann man den kleinsten gemeinsamen Teiler alles Lebens auch des menschlichen, kaum formulieren und den Menschen zum Affen des Zufalls machen.
Keine Rede also von einer Weltenvernunft oder einem Geist, der allem zugrunde liegt. Stattdessen gibt Precht lieber die, welche einen Sinn sehen in all dem heterogenen Geschehen des Schöpfungsprozesses in einer für ihn typischen Formulierung der Lächerlichkeit preis: „Am Anfang steht ein Plattenbau, eilig hochgezogen in sechs Tagen für einen einzigen Bewohner – den Menschen.“

Precht setzt dem Menschen sein „vollendetste(s) Lebewesen der Natur“, wie er formuliert, entgegen und das ist die Krake, die neben vielen anderen von ihm aufgezählten herausragenden Fähigkeiten vor allem dadurch beeindruckt, dass ihr „Liebesspiel (..) alles in den Schatten (stellt), was die Evolution ansonsten hervorgebracht hat. Mit drei Penissen stimuliert und massiert das Männchen die drei Klitoris des Weibchens und begattet es in kunstvollster Weise. Die Paarung ist ein nicht endendes Spiel aus Taumeln und Tanzen, schillerndsten Verfärbungen und zärtlichsten Ritualen. Und sie erstreckt sich uferlos in die Zeit, so lange, bis die Jungen geboren und vom Vater liebevoll betreut werden. Ein halbes Leben verbringt dieses bezaubernde Wesen ausschließlich mit Sex.“

Nirgendwo im Rahmen der 500 Buchseiten wird der Mensch auch nur annähernd so euphorisch dargestellt. Dafür krakeelt Precht mit bemüht aufsehenerregenden Formulierungen:

Wer hat uns auf die Hinterläufe gestellt?

Der Leser versteht, warum Precht so gern Tiere, bevorzugt Kraken denkt, eine Herangehensweise, die im Buchtitel – Tiere denken – angesprochen ist und man mag durchaus ahnen, welches Opfer es für den Autor bedeutet, statt Krakensex zu betreiben oder zumindest diesen zu denken, Bücher über Tiere zu schreiben und das, obwohl er als Mensch, verglichen mit der „größtmögliche(n) Komplexität“ einer Krake, evolutionär einen vergleichsweise „einfachen und simplen Weg“ ging. „Im Wesentlichen unverändert, ist er gefangen in dem Bauplan jener spitzmausähnlichen Wesen aus der Zeit der Dinosaurier, die zweiäugig, zweiohrig und vierbeinig durchs Dickicht huschten (…) In ihren kleinen, schwachen Körpern schlummerten ungenutzt die potenziellen genetischen Voraussetzungen zur Weltherrschaft.“

Wie hart muss das für einen ausgewiesener Philosophen sein, der Spitzmaus viel näher zu sein als einer Krake.

Mit dem aufrechten Gang ist es auch so eine Sache, denn ganz und gar unklar ist, ob „eine weise Voraussicht der Natur – oder etwas anderes – den Menschen auf die Hinterläufe gestellt“ hat.

„Aus Sicht der Wissenschaft“, so lässt uns Precht wissen, „war es weniger eine Sache der Seele als eine der Anpassung an die veränderte Umwelt“, zumal es sein könne, „dass die anatomische Fähigkeit zum aufrechten Gang nicht zweckhaft durch einen evolutionären Druck entstand. Vielleicht war sie nur eine Möglichkeit, von der sich allenfalls sagen lässt, dass sie nicht tödlich war und zum Aussterben führte. Gut denkbar, dass das Aufrechtgehen gar nicht dem Überleben diente“, zumal, so lesen wir, der aufrechte Gang den Menschen deutlich langsamer und nicht schneller machte und man nun auch noch die Ansicht mancher Paläoanthropologen, dass der aufrechte Gang wenigstens das Gehirn vor Überhitzung geschützt habe, nach neueren Erkenntnissen zu den Akten legen muss.

Letztendlich wissen wir bis heute nicht, „aus welchen Wurzeln und über welchen Weg der heutige Mensch entstand. Der entscheidende Zeitraum der Trennung von Menschenaffen und Urmenschen soll vor etwa sechs bis sieben Millionen Jahren gewesen sein.“

Danke jedenfalls, Richard David Precht, für die hundert Seiten umfassenden Ausführungen zum aufrechten Affen, die in der Erkenntnis gipfeln, dass unser Gang womöglich nicht einmal dem Überleben diente (geschweige denn dem Leben), danke für Krake, Spitzmaus, Gregoryspalten-Vulva, Homo rudolfensis, Homo ergaster oder auch Homo naledi, dessen Gehirn leider nur unwesentlich größer war als das der Australopithecinen – oder über was auch immer Sie geschrieben haben.

Kultur des Religiösen: endlich ist das Bashing erfolgreich

So wird auch dem letzten Leser klar: Wir wissen eigentlich nicht, warum wir so existieren, wie wir existieren. Es hätte im Grunde auch sein können, dass wir 2017 noch auf vier Extremitäten laufen. Und dass sogenannte Menschen sich heute per Handschlag zu begrüßen vermögen, ist eher Zufall und Laune der Evolution.

Wer Prechts Ausführungen zu dem Tier bei den Ägyptern, im Judentum, im Islam und im Christentum liest, dem wird schnell klar, dass diese Sicht Mittel zum Zweck ist, denn ich habe kaum ein Buch gelesen, dass so spitzzüngig, ohne wirklich die eigene Postion offen und ehrlich freizulegen, alles Religiöse lächerlich zu machen versucht, und zwar auf eine meist versteckt diskriminierende Weise; immer wieder finden sich mal offen, mal sublim diffamierende Formulierungen.

Precht fehlt die menschliche Größe, eine andere Position als vollwertig anzuerkennen.

Damit liegt er im Trend, denn das Religions-Bashing ist in.

Und das, obwohl auch dem Letzten heute langsam klar werden könnte, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Niedergang der Moral, dem Niedergang der Werte und dem Untergang der Kultur des Religiösen, wobei man sich im einstmals Christlichen Abendland dem Islam das noch nicht so recht traut, ins Gesicht zu sagen – zu vielen Islamisten sitzen die Bomben noch zu locker. Dafür kriegt das Christentum zusätzlich sein Fett ab. – So wird man Unbehagen los.

Für unseren Kulturbereich wird der angesprochene Niedergang an solch scheinbaren Nebensächlichkeiten deutlich, wie, dass eine zunehmend früher selbstverständliche Hilfsbereitschaft abnimmt und beispielsweise auf unseren Autobahnen keine Rettungsgassen mehr freigelassen werden, Jugendliche, aber auch Erwachsene sich zunehmend zu pöbelnden Scharen zusammenrotten, dreiste Verlogenheit binnen kürzester Zeit eine akzeptierte Kulturerrungenschaft geworden ist und wer einen Ladendiebstahl begeht, wie ein Krimineller behandelt wird, aber Hass-Postings kaum geahndet werden (wie lange hat es gedauert, wieviele Menschen sind geschmäht worden, bis nun endlich ein Gesetzgebungsverfahren anläuft) oder auch, dass den Fußball-Landesverbänden die Schiedsrichter ausgehen, weil zunehmend weniger eigentlich Sportengagierte sich den Aggressionen der Zuschauer auszusetzen bereit sind. Viele angehende Schiedsrichter kapitulieren bereits nach einem Jahr und berichtet wurde von einer 15-Jährigen Schiedsrichterin, die ein Spiel zweier Mädchenmannschaften pfiff und sich nach Spielschluss heftigsten Attacken von Eltern der Spielerinnen ausgesetzt sah, u.a. zwei Vätern, die sich vor ihr aufbauten und sie beschimpften – kein Einzelfall mehr, wie ich im Rahmen einer Reportage des Hessischen Rundfunks unlängst hörte.

Das gehört sich nicht!

Viele Kinder haben schon lange kein Verhältnis mehr zu fremdem Eigentum, und es sind deren Eltern, die die richtige Einstellung nicht vermitteln. Ich erinnere mich, dass meine Mutter mir nach zwei Stunden das Kicken auf der Straße untersagte mit dem Hinweis: Jetzt ist Schluss, ihr habt genug gelärmt!

Welche Eltern unterbinden heute nach vier oder fünf Stunden Kindergeschrei im Garten, das in vielen Dutzend Wohnungen zu hören ist, selbiges mit diesem schrecklich kinderunfreundlichen Hinweis, dass Anwohner auch mal Ruhe wollen? Heute treffen viele Lehrer, die sich noch der Aufgabe unterziehen, Kinder zu erziehen, auf das Phänomen, dass Letztere sie gar nicht verstehen, wenn sie Selbstverständliches anmahnen.

Das muss man sich einfach klarmachen: zu viele Kinder verstehen die Anforderungen von Lehrern nicht mehr, weil ihnen zu Hause der Unterschied zwischen Erwachsenen und ihnen selbst nicht mehr klargemacht wird – kein Wunder haben Lehrerinnen und Lehrer schlechte Karten -, wobei Letztere sich dennoch weiter bemühen und das tun, obwohl Precht via Fernsehen die Bürger dieses Land wissen ließ, dass an unseren Schulen die Kinder von den falschen Leuten nach den falschen Methoden in den falschen Dingen unterrichtet werden. – Gut, möchte ich sagen, dass es noch einige falsche Leute gibt, die mit falschen Methoden ihren Beruf betreiben. Ich finde im Übrigen – gerade auch in dieser pauschalen Verunglimpfung – Prechts Aussage eine der dümmsten und arrogantesten, die je im Deutschen Fernsehen gesprochen worden sind.

Klar dienten – und das wahrlich nicht zu knapp – moralische Forderungen auch der Gängelung und es wurden mit ihrer Hilfe Normen durchgesetzt, die heute ernsthaft niemand mehr möchte. Wer meiner Generation hat nicht mit dem Zeigefinger Lehrer Lämpels unliebsame Erfahrungen gemacht?

Aber eben nicht nur: Moral und moralische Forderungen standen auch für die Forderung nach Ehrlichkeit, nach Respekt vor dem Eigentum der Anderen, der Fähigkeit, Vater und Mutter zu ehren und für ältere Menschen in der Straßenbahn aufzustehen.

Es ist nicht nur die Zunahme der großen Konflikte auf der Erde, sondern betrifft auch die Tatsache, dass sich die Werte, die das Zusammenleben in einer Gesellschaft garantieren, zersetzen, und zwar so offensichtlich und unaufhaltsam, dass zunehmend mehr Menschen beunruhigt sind.

Was, wenn sich elementare Tugenden weiter so rasant abbauen?

Wie sehr haben wir alle unter dem Missbrauch eines Satzes gelitten, der da lautete: Das gehört sich nicht!
Und dennoch sehnen sich zunehmend Menschen wieder nach der Selbstverständlichkeit moralischer Anforderungen.

Es wird allerhöchste Zeit, dass sich diese Kultur wieder auf einen Moralbegriff besinnt, der – bei aller berechtigten Kritik und unheilvollen Entwicklungen – insgesamt von seinen Ursprüngen her ein Segen für die Menschheit war, den Bestand der menschlichen Kultur ermöglichte und in engster Verbindung mit dem Religiösen stand und steht. Dieses Religiöse verlieh der Moral ihr Herz. Mittlerweile ist sie nur noch ein vertrockneter Strohsack.

Ich halte es für eine ganz faule Ausrede, Moral und Religiöses mit dem Verweis auf Exzesse oder den Hinweis auf Inquisition und Co. beiseitezuschieben, weil jeder einigermaßen denkfähige Mensch im Grunde genau weiß, dass Religion und Moral Entwicklungsprozessen der menschlichen Seele unterworfen sind und immer nur die inneren Fähigkeiten der Menschen spiegeln können – bestes Beispiel ist nun einmal die katholische Kirche, die schon wenige Jahrhunderte nach Christi Geburt zu einem Machtinstrument degenerierte (das ist allerdings nur eine Seite ihrer Existenz!).

Doch der natürlichen Religiosität der menschlichen Seele und ihrer Moral ist es zu zu verdanken, dass trotz aller negativen Verformungen Menschen noch unterwegs zum siebten Schöpfungstag und der Krone der Entwicklung sind. Gerade in unserer Zeit sollten wir die Dokumente wieder ernst nehmen, die mit zu den ersten Ausgangspunkten moralischen Denkens, die uns überliefert sind, gehören. Auch deshalb ist es mir ein Anliegen, im Rahmen der Besprechung des Precht-Buches auf sie einzugehen:

Ägyyptische Totenbücher – Dokumente der Moral

Precht hat in seine Ausführungen zum Tier in Ägypten seltsamerweise die Ägyptischen Totenbücher, die den Toten Ägyptens als Wegweiser für das Leben nach dem Leben mit ins Grab gegeben wurden und von denen bisher mehr als 2000 gefunden worden sind, nicht einbezogen, nur an einer Stelle geht er kurz auf Pyramideninschriften ein. Das ist angesichts von deren Bedeutung Dilettantismus pur, zumal sie über das Verhältnis der Ägypter zur Natur und zum Tier auf fundamentale Weise Aufschluss geben. Die ägyptische Religiosität ist ohne sie in ihrer Tiefe gar nicht verstehbar.
Sie lassen offensichtlich werden, wie sehr den Ägyptern Moral wichtig war, gerade auch in Bezug auf Tiere.

Wenn Precht nicht so fürchterlich voreingenommen gegenüber allem Religiösen wäre, vor allem, wenn es auch nur den leisesten Ansatz von Anthropozentrismus, also dass nicht das Tier gleichwertig ist, sondern der Mensch im Mittelpunkt steht, hätte er vielleicht die drei wesentlichsten Aspekte ägyptischer Religiosität nicht außer acht gelassen: die Bedeutung der Isis als Großer Mutter, Mutter Natur, die ägyptischen Totenbücher und die überragende Bedeutung der Mysterien, eben der Isis-Mysterien für die ägyptische Religiosität.

Gewiss war – und darauf verweist Precht – die gelebte Religiosität (wie es heute nicht anders ist) von Ort zu Ort und von Zeit zu Zeit verschieden und nicht nur in Ägypten z. B. abhängig von den Interessen einer immer wieder auch korrupten Priesterschaft.
Und gewiss spricht Precht eine Fülle von Fakten an, aber er kommt dem eigentlichen Wesen nicht auf die Spur. Er summiert Quellen, erwähnt die Uräusschlange, die die Stirn eines Pharaos zierte, aber erläutert nicht, warum sie so wichtig ist.

Gleich zu Beginn weist er darauf hin, dass uns überall Tiere begegnen, in Inschriften, auf Reliefs, als Statuen und als Mumien. „Sie sind Götter, Vermittler zwischen den Sphären, oder Götterboten“. Von den heiligen Tieren der Ägypter spricht er als „Dolmetscher und Herold göttlicher Energien. Symbolisch transportiert es {das heilige Tier} das Wissen von der Evolution, die naturwissenschaftlich zwar nicht bekannt, aber religiös geahnt ist: als Erinnerung an den gemeinsamen transzendenten, das heißt: der menschlichen Erfahrung entzogenen Ursprung der Natur.“

Wenig später fragt er, nachdem er über heilige Tiere geschrieben hat, was überhaupt ein „heiliges“ Tier sei, ein Gott oder nur ein Symbol. Seine Antwort: „Zumeist dienen die Tiere im oben genannten Sinne als Medien, Manchmal aber sind sie zwischenzeitlicher Sitz eines göttlichen Prinzips.“

Symbolischer Transport des heiligen Wissens? – Tiere als Medien? – Zwischenzeitlich Sitz eines göttlichen Prinzips?

Alles klar?

Mich erinnern die Prechtschen Worthülsen an manche Kant-Stellen aus Grundlegung zur Metaphysik der Sitten oder auch Sartre-Stellen aus Das Sein und das Nichts, die keiner wirklich versteht, aber alles klingt so gelehrt. – Tiere als Medien? – Ja klar! – Tiere als Sitz eines göttlichen Prinzips? – Ja klar! – Zwischenzeitlich? – Wie denn sonst!

Wenn man weiß, wie Precht ansonsten mit spirituellen Zeugnissen von Völkern umgeht, wenn er z.B. von den extra für den Leser inszenierten Showdowns der Thora spricht, mit denen er vor allem das Judentum diskreditiert, und man um seine elternhäuslichen atheistischen Infusionen weiß, die dieser Mann, so entnehme ich all dem, was er schreibt, nie wirklich verarbeitet hat, dann kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er auch nicht die Spur einer Ahnung hat, was Religion bedeutet, wie sie für die Griechen z.B. in den samothrakischen Mysterien ihren Ausdruck fanden (über die Schelling recht ausführlich geschrieben hat und auf die Goethe im Faust II Bezug genommen hat) und für die Ägypter in den Isis-Mysterien.

Nicht von ungefähr war es noch Pythagoras so ein großes Anliegen, nicht nur in die griechischen Mysterien, sondern in die ägyptischen eingeweiht zu werden, und das zu einer Zeit, als deren Hochblüte doch eigentlich schon lange vorbei war; so wichtig waren sie ihm dennoch.

Tiere waren für die Ägypter Kräfte der Natur, waren Gestaltungen der Großen Mutter, von Isis; nur nach dem Tod oder im Rahmen der Mysterien waren sie dem Menschen bzw. dem Eingeweihten zugänglich.

Auf seinem Weg zu Osiris, dem Gemahl der Isis, der die Unterwelt regierte, begegnete Ka, die Seele des Menschen, allen Schattierungen des Tierischen, so, wenn wir lesen:

Weiche von dannen, krokodilfratziger Dämon Suil
Wahrlich, du hast keine Macht über mich!

Auch Schlangendämonen und Haidämonen muss die Seele überwinden – Hieronymus Bosch und jene Untiere, die der Taucher in Schillers gleichnamiger Ballade in den Untiefen der Wasser, die für die Untiefen der Seele stehen, erblickt, lassen grüßen.

Auf ihrem durchaus beschwerlichen Weg zum lichtvollen Raum wird schlussendlich die Seele zum Phönix, zu jenem königlichen Vogel, der schon immer die Menschen in und außerhalb dieser Kultur faszinierte. Dabei spielt übrigens auch ein anderes Tier, der Mistkäfer, der Scarabäus, eine bedeutsame Rolle. Seltsam, dass von all dem Precht nichts schreibt.

Die alte ägyptische Seele versteht man nur, wenn man weiß, dass sie dem Leben solch eine eminente Bedeutung zumaß, weil sie dem Tod eine so große Bedeutung gab. Denn im Leben wollte sie auf den Spuren wandeln, die es im Reich des Todes fortzusetzen galt. Davon hatten die Menschen Ägyptens ein tiefes Bewusstsein.

Leben war nicht deshalb Gefängnis, weil es keine Schönheiten ermöglichte, sondern weil erst der Tod die Sicht auf das eigentliche Sein eröffnete. Wer diese Sicht im realen Leben haben wollte, musste den Weg der Mysterien gehen; dieser Weg stand – von den Pharaonen abgesehen, die vermutlich allesamt initiiert waren – nur wenigen Auserwählten, sogenannten Eingeweihten offen, die im Rahmen ihrer Ausbildung immer auch scheitern konnten, wenn sie nicht charakterstark genug waren. Schiller hat genau diese Thematik in den Rahmen der Isis-Mysterien gestellt und in seiner Ballade Das verschleierte Bildnis zu Sais gestaltet.

Precht dagegen hat nicht verstanden und nicht einmal erwähnt, dass das Verhältnis der Ägypter zu den Tieren überhaupt nicht nachvollziehbar ist, wenn man nicht um deren Verhältnis zu Isis weiß (die er nicht ein einziges Mal erwähnt), der Großen Mutter, der Mutter Natur. Sein Naturbegriff bleibt ganz und gar abstrakt.

Man kann eigentlich nicht über Tiere schreiben, wenn man nicht versteht, dass Völker in ihrer Entwicklung dieser Mutter höchst unterschiedlich entgegentraten, weshalb es falsch ist, Isis mit der griechischen Gaia in einem Topf werfen zu wollen oder nur deshalb, weil das Judentum nur scheinbar einen männlichen Gott, nämlich Jahwe kennt, zu vermuten, dass das Weibliche dieser Religion fehle; schließlich wird auch im Judentum der Mensch erst zum Menschen mittels des mütterlichen Lehmbodens.

Jedes Volk wählt einen anderen Zugang zum Jenseits, abhängig von den geographischen Breiten und Gegebenheiten und somit dem Einfluss der Sonne.

Dem Judentum ging es in seiner geistigen Ausrichtung primär um die Entwicklung zum bewussten Ich Bin – zum seiner selbst bewussten Sein des Menschen; ich habe darauf in einem der vorangegangenen Posts ausführlicher hingewiesen.

Übrigens deutet sich die Entwicklung der Menschheit zu diesem die Mission des geistigen Judentums kennzeichnenden Ich bin – eine Entwicklung, die man mit dem Begriff des Monotheismus zu erfassen sucht und bis heute nicht wirklich verstanden hat – schon in Ägypten an, wie wir den Zeilen eines Totenbuches entnehmen:

,

Fortsetzend mein irdisches Dasein lebe ich.
Ich bin. Ich lebe. Ich nehme wieder den Faden
meines unterbrochenen Daseins auf.

.

Hier finden sich erste Anklänge hin zu einer ihrer selbst bewusst werdenden  Seele, einen Schritt, den erst das geistige Judentum vollzieht und der gar nicht möglich ist, ohne diesen sogenannten Monotheismus Jahvescher Ausprägung, der nicht von ungefähr darauf pocht, dass nur er existiere und dass er keine anderen Götter neben sich haben wolle:

Die Existenz des Ich Bin, den Weg, als individuelle Seele seiner selbst bewusst zu werden und zu sein, ist nur möglich, wenn man kompromisslos diesen Weg zu sich geht. Andere Götter destabilisieren den Weg zum Ich-Bin-Bewusstsein, das hinauswachsen will über ein pures Eingebundensein in Großfamilie und Stamm.

Deshalb die Rigidität des Ersten Gebots: Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

Der Schritt zu einer ihrer selbst werdenden bewussten Seele ist nur in großer Konsequenz möglich. Als Menschheit haben wir zumeist diesen Schritt vollzogen und die Tatsache, dass viele ihn in atheistischer Manier ignorieren oder gar Jahve als Despoten ansehen, der andere angeblich meint ausgrenzen zu müssen, zeigt, wie wenig verstanden worden ist, wie sich Entwicklung der Menschheit ereignet.

Entsprechend ist auch das ganze Monotheismus-Bashing einzuordnen, wobei das trinitarische Bewusstsein des Christentums eine entscheidende Bewusstseinserweiterung erst ermöglicht und, den spirituellen Gegebenheiten der Erde entsprechend, nicht von ungefähr eine manifeste Gegenbewegung gezeitigt hat: den Islam, das sich verabsolutierende Vater-Prinzip.

Übrigens zeigen sich auch im alten Ägypten erste Hinweise auf das heraufdämmernde Ich-Bin-Bewusstsein in dem Versuch Echnatons – er wird allerdings mit diesem Versuch noch scheitern -, mittels der Verehrung von Aton dieses sogenannte monotheistische Bewusstsein zu installieren, nachzulesen im Hymnus des Echnaton an den einen, den einzigen Gott, in seiner lyrischen Diktion wunderschön (ich zitiere im Folgenden nach Paul Frischauer, Es steht geschrieben):

.

Wenn es tagt und du aufgehst im Horizonte und leuchtest als Sonne am Tage, so vertreibst du das Dunkel und schenkst deine Strahlen (…)
Alles Vieh ist zufrieden mit seinem Kraute, die Bäume und Kräuter grünen.
Die Vögel fliegen aus ihren Nestern, und ihre Flügel preisen deinen Ka.
Alles Wild springt auf den Füßen. Alles, was fliegt und flattert, lebt, wenn du für sie aufgehst.
Die Schiffe fahren herab und fahren wieder hinauf, und jeder Weg ist offen, weil du aufgehst. Die Fische im Strom springen vor deinem Antlitz, deine Strahlen sind innen im Meere (…)
Wieviel gibt es (noch), was du machtest und was vor (mir) verborgen ist, du einziger Gott, dem keiner gleichkommt.
Du hast die Erde nach deinem Wunsche geschaffen, du allein, mit Menschen, Herden und allem Wild, alles, was auf Erden ist und auf den Füßen geht und alles, was oben schwebt und mit seinen Flügeln fliegt (…)

.

Schachspielen als Erkenntnishilfe

Interessant und wichtig wäre es gewesen, dass Precht Religion nicht wie Geschichte abhandelt, und zwar auch noch auf solch oberflächliche Weise. Warum ich so ausführlich darauf verweise, wiewohl Precht „nur“ von ca. 500 Seiten auf ca 52 Seiten das Tier im Rahmen der unterschiedlichen Religionen thematisiert – nicht einberechnet ist der vorausgehende Teil, der sich mit der menschlichen Phylogenese beschäftigt -, geschieht deshalb, weil, wer so blutleer und verständnislos Religionen betrachtet, nicht die Entwicklung der Menschen versteht, nicht das Wesen und die Bedeutung von Tieren begreifen und auch damit nicht verstehen kann, wie der augenblickliche Bewusstseinszustand der Menschheit einzuordnen ist, so grausam der nicht nur im Umgang der Menschen mit den Tieren, sondern – und das hängt eng damit zusammen – der Menschen untereinander viel zu oft noch ist.

Wer im Übrigen – und diese Fraktion gibt es ja auch – dabei Gott für Exzesse der Menschen verantwortlich machen will, hängt in einem logisch eindimensionalen Weltbild fest, das nie der Realität entsprach. Es ist immer eine dumme Ausrede und es hilft, Schach zu spielen, um zu erkennen, dass Weiß und Schwarz immer abwechselnd ziehen.

Man darf nicht glauben, dass nicht Schwarz eine ungeheure Macht besitze.

Schließlich tragen ihr tagtäglich Millionen, wenn nicht Milliarden von Menschen Energien zu (man muss nur das Ägyptische Totenbuch lesen, um zu verstehen, wie hoch die Gefährdung einzuschätzen ist)!

Es waren in der Vergangenheit Menschen wie Rene Descartes, der mit seinem Gebt mir Materie und ich werde das Universum erschaffen! eine cartesianisch-materialistische Sicht auf das Leben einläutete, die in geistlosen Rattenfängern wie Precht heute einen Höhepunkt findet, der mit intellektuellen Pfauenrädern nur die blenden kann, die nicht hören, wie hässlich der Pfau in Wahrheit schreit.

Dieser Rattenfängerei dienen auch all jene, die Bücher über Tiere schreiben, was an sich wertvoll ist, aber in dem Dienste jener geistigen Macht stehen, die dem Menschen die Krone nehmen will und damit zugleich den Tieren schadet. Denn auf diese prechtige Weise Tiere denken kann man nur, wenn man ignoriert, dass sie Bausteine eines zusammenhängenden schöpferischen Seins sind und ihren wahren Wert im Rahmen der Genesis einzuordnen weiß.

Mit einer offenen Sicht auf das Christentum hätte Precht erkennen können, dass die christliche Praxis bisher den eigenen Anforderungen nicht gerecht werden konnte, weil sie u.a. nicht verstanden hat, warum ein Evangelist wie Markus die Versuchung Jesu durch den Teufel so zutreffend mit einem Satz markiert, der unendlich viel über die Bedeutung der Tiere und die Entwicklung des Menschen aussagt. Dort heißt es anlässlich der Versuchung Jesu in der Wüste durch den Satan: Und er war bei den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm.

Diese wenigen Worte enthalten in nuce eine Weisheit, wie sie Precht, der naturgemäß kein gutes Haar am Christentum lässt – Franz von Assisi und Albert Schweizer muss er notgedrungen ausnehmen -, nicht erfassen könnte, würde er auch 5000 Seiten schreiben. Zu den Markus-Worten ein andermal mehr.

Precht verlässt sich auf eine Wissenschaft, die sich eigentlich dessen bewusst ist, dass sie fünf Prozent der materiellen Wirklichkeit des Kosmos kennt. Vom Umfang des seelischen und geistigen Bewusstseins ganz zu schweigen.

Ich schließe diesen Beitrag mit Worten aus dem Totenbuch des Nu, des Oberaufsehers über die Oberaufseher des Siegelbewahrungshauses, ab. Trotz seines hochtrabenden Namens war Nu kein bedeutender Mann und sein Papyrus gilt als die allgemeingültige Fassung des ägyptischen Totenbuchs. Dort heißt es u.a.:

.

Siehe, ich bringe in meinem Herzen Wahrheit-Gerechtigkeit,
Denn ausgerissen habe ich daraus das Böse (…)
Nicht habe ich das Unrecht an die Stelle des Rechts gesetzt
noch Verkehr gepflegt mit den Bösen.
Ich habe kein Verbrechen begangen,
ließ nicht die anderen sich abmühen über Gebühr.
Nicht habe ich Ränke aus Ehrgeiz geschmiedet.
Meine Diener habe ich nicht misshandelt (…)
Dem Bedürftigen habe ich nicht Nahrung entzogen (…)
Durch den Gebrauch verwerflicher Mittel
habe ich nicht versucht, mein Eigentum zu vergrößern (…)
Weder habe ich die Gewichte der Waage gefälscht
noch den Waagebalken verschoben (…)
Nicht habe ich Fallen gestellt noch Schlingen gelegt für das den Göttern bestimmte Geflügel.
Mit Fischleichnamen habe ich nicht die Fische gefangen
und die Gewässer habe ich nicht versperrt zur Zeit ihres Fließens (…)
Die Eingeweihten versorg ich mit dem Leben
an den Tagen der Feier, da vor dem göttlichen Herrn dieser Erde
über Heliopolis kulminiert das göttliche Auge des Horus (…)

.

Massenhafte Steuerhinterziehung, Säen von Hass oder auch das politisch gebilligte Zuschauen, wie bei uns Rentner buchstäblich vor die Hunde gehen (ich denke an jene Frau, die ich im Fernsehen kürzlich sah, die ein Leben lang gearbeitet hat und der nun zwischen vier und fünf Euro pro Tag  als Lebensunterhalt zur Verfügung stehen und die anlässlich einer Nebenkostennachzahlung nur noch weinen konnte):

Es wäre gut, wenn Menschen – gerade auch unsere Politiker – wieder Totenbücher im Voraus schreiben müssten!

Unter anderem Sätze wie: Dem Bedürftigen habe ich nicht Nahrung entzogen!

Das ehrlich zu schreiben, würde allerdings voraussetzen, dass man an eine Instanz glaubt, die es gibt, weil man, um Worte Michael Endes aufzugreifen, sie nicht beweisen kann.

Ein Tier namens Mensch muss das allerdings nicht verstehen . . . deshalb ist diese Ebene von Leuten wie Precht so erwünscht!

Bedauerlich, dass so vielen Menschen Rattenfänger dieser Art so imponieren.

Ohne Kether, ohne Krone, lebt sich´s einfach halt gut, tierisch gut!

Nicht wenige Menschen dieses Planeten laufen auf allen Vieren – nur leider sieht man die seelische Verfassung nicht. – Vielleicht ist es auch gut so.

.

PS: Bitte beteiligt Euch an ÄRZTE GEGEN TIERVERSUCHE

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https://epetitionen.bundestag.de/content/petitionen/_2017/_01/_09//epetitionen.bundestag.de/content/petitionen/_2017/_01/_09/Petition_69364.htmlion_69364.html.

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Endstation Herz: Leben wir die Stäbe in uns oder das Hohe unseres Willens? Noch einmal zu Rilkes „Der Panther“.

Dies ist ein Beitrag im Rahmen der Posts zum Thema Tier und Mensch, hier beginnend.

Zu den berühmtesten Zeilen, die je über Tiere geschrieben wurden, gehört Rilkes Gedicht Der Panther und wir verdanken dessen so eindrucksvolle Verse nicht nur Rilkes Begegnung mit Auguste Rodin und der Tatsache, dass er in der Folge tief in das Wesen der Dinge – belebter und unbelebter – eintaucht, sondern auch der französischen Revolution, so befremdlich das auf den ersten Blick klingen mag.

Anfang der 1790er Jahre wussten die Revolutionäre nicht, wohin mit den im Besitz privater Schausteller befindlichen Tieren, und so beschloss die Nationalversammlung 1793, sie entweder der Ménagerie royale in Versailles zu übergeben oder den Naturforschern des Jardin des Plantes, eines am südlichen Seineufer gelegenen über zwanzig Hektar großen botanischen Gartens, damit sie dort ausgestopft und ausgestellt würden. Doch die Naturforscher ließen die Tiere leben, ja, als die Königliche Menagerie aufgelöst wurde, kamen auch deren Tiere in den Jardin des Plantes, wo mittlerweile die Ménagerie du Jardin des Plantes gegründet worden war, ein Drittel des Jardin des Plantes umfassend. Ihr Gründer, Jaques Henri Bernardin de Saint-Pierre, eine sehr extravagante Persönlichkeit, Rousseau-Freund und u. a. auch Schriftsteller, sah eine naturnahe Haltung der Tiere unter Berücksichtigung ihrer Lebensbedürfnisse vor. Begünstigt dadurch, dass die Ménagerie dem Muséum national d’histoire naturelle angeschlossen war, wurde sie zum ersten wissenschaftlich geleiteten Zoo der Welt, der Öffentlichkeit zugänglich.

So auch Rilke.

Der war nach seiner Heirat mit Clara Westhoff angesichts ihrer beider finanziellen Situation nach Paris gereist, um eine gewinnbringende Studie über Rodin zu schreiben. Die Begegnung mit dem verehrten Meister – über die erste schreibt er: „Bin auf der Seine hingefahren. Er hatte Modell. Ein Mädchen hatte ein kleines Gipsding in der Hand, an dem er herumkratzte“ – veränderte ihn von Grund auf. Er nahm wahr, wie viel in den vielen Gegenständen, kleinen und großen, die im Atelier Rodins herumstanden und -lagen, zum Ausdruck kam, was alles der große Alte in solchen Dingen gestaltete und herausarbeitete und war u.a. fasziniert von den „Tieren, die auf den Kathedralen standen und saßen oder unter den Konsolen kauerten (…) Hunde und Eichhörnchen, Spechte und Eidechsen, Schildkröten, Ratten und Schlangen.“

Dort muss er auch die Plastik eines Panthers gesehen haben, und so mag diese im Verein mit einem schwarzen Panther des Jardin des Plantes die Zeilen ausgelöst haben, die zu jenem Gedicht führten:

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Der Panther
…………Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.-

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

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Zwar kommt es später zum Zerwürfnis mit Rodin, der ihn im Herbst 1905 in sein Haus nach Meudon einladen wird, damit er nebenamtlich gegen eine Vergütung die Korrespondenz des Maitre bearbeite. Doch die Arbeit übersteigt das Maß des vorgesehenen Umfangs bei weitem. Nach acht Monaten kommt es zu einem heftigen Auftritt; die Beziehung bricht. Rilke wird Rodin weiter verehren, durchaus aber auch kritisch sehen.

Was jedoch bleibt und sich seit 1902/1903 abzeichnet, ist, dass Rilke durch Rodin Abstand nimmt von den Themen seines Stundenbuchs, vom mönchischen Blick auf das Leben, vom oft schwärmerischen Kreisen um Gott, um Liebe und Tod (Ich kreise um Gott, um den uralten Turm, / und ich kreise jahrtausendelang) und sich den Dingen (Das Karussell, Römische Sarkophage) zuwendet, einzelnen Figuren und Typen (Die Erblindende, Die Kurtisane), Orten (Die Kathedrale, Im Saal), Pflanzen (Die Fensterrose, Blaue Hortensie), Tieren (Der Schwan, Das Einhorn) oder auch Gestalten der Geschichte (Buddha, Früher Apoll, David singt vor Saul), um beispielhafte zu nennen.

Indem er sich in sie versenkt, sucht er Zugang zu ihrem Wesen, sucht, was hinter aller Materie ist, das Wesentliche.

Das gilt auch für obiges Gedicht, wobei ich jene im Titel zitierte Zeile nicht diesem, sondern dem Gedicht Eros entnommen habe, welches das Schicksal von Liebenden mit dieser Aussage enden lässt. Es ist eine Zeile, die zutiefst berührt und, wie ich finde, auch das Schicksal des Panthers zutreffend erfasst, von den Tränen seines Herzens sprechend – wenn es sie gibt.

Wie ist es, wenn das eigene Bewegen nicht mehr empfunden wird, wenn die Begrenzung des eigenen Seins soviel Macht über uns hat, dass diese Begrenzung sich bewegt, nicht mehr wir? Wenn Bewusstsein sich auflöst, man die Gitterstäbe nicht mehr erfassen kann und sie zu Hunderten verschwimmen? Und wenn hinter ihnen sich ein Nichts ausdehnt?

Stäbe: dreimal wiederholt Rilke in der ersten Strophe dieses Wort und wie sehr prägt die Assonanz von Stäbe und gäbe sich ein. Der Konjunktiv II ist längst Indikativ des seelischen Seins.

Es gibt sie nicht, diese tausend Stäbe; und es gibt sie, die Welt. Realität ist das nicht, was wir aus der Perspektive des Panthers zu sehen bzw. nicht zu sehen glauben. Und doch ist es seine Wirklichkeit: Es gibt sie eben doch, die tausend Stäbe, es gibt sie eben nicht, die Welt.

Haben Tiere einen Willen? Haben sie im Zentrum ihres Seins gar einen großen Willen?

Wie mag es einem großen Willen gehen, der sich im allerkleinsten Kreise drehen muss?

In diesen Zeilen spielt Rilke nicht mehr wie im Stundenbuch mit der Musikalität der Sprache und dem Klang von z.B. i- und ei-Vokalen (Ich aber will dich begreifen / Wie dich die Erde begreift, / Mit meinem Reifen / Reift dein Reich.). Ihm geht es nicht um Ästhetik, sondern um Kennzeichnendes, Zutreffendes, so wie er mit ein Tanz von Kraft um eine Mitte die dissoziierte Wirklichkeit des Panthers zu erfassen sucht mittels eines kleinen vorausgehenden Vergleichspartikels: wie ein Tanz.

Wie weit klaffen Möglichkeit und Wirklichkeit auseinander!

Und was für eine Metapher in der dritten Strophe: Das Lid als Vorhang der Pupille! Er, der Vorhang, hat sein Eigenleben: Er schiebt sich, schiebt sich auf, lautlos.

Fast numinos erscheint diese Bewegung. Wie weit weist sie über einen rein physischen Akt hinaus!

Unwillkürlich denke ich an den Menschen unserer Zeit, versinnbildlicht in dem kranken Gralskönig Anfortas, der, obwohl zu Tode erkrankt, nur deshalb nicht stirbt, weil er einmal im Jahr eines Bildes ansichtig wird. Einmal im Jahr, an Karfreitag, tragen seine Knechte den Gral an ihm vorbei.

Nicht von ungefähr hat auch das Bild sein Eigenleben: Es geht. Fast wie von selbst bewegt es sich. Bis zum Ziel: der Endstation Herz.

Meisterhaft, wie Rilke jedem Wort Bedeutung gibt.

Wie verschwenderisch hat Rilke früher mit stilistischen Mitteln gearbeitet. Hier, in der dritten Strophe, findet sich einmal eine Epanalepse – das geht wird wieder aufgenommen -, finden sich zwei Alliterationen (geht – Glieder, hört – Herz) und eine leise Tonversetzung: in der vorletzten Zeile wird die erste Hebung nach vorn auf das geht gezogen, statt, wie im Rahmen dieses Metrums an zweiter Stelle zu stehen. – Rilke braucht keinen Schnickschnack mehr.

Der fünfhebige Jambus ist durchgehend kreuzgereimt, alle Endreime brav männlich-weiblich alternierend und bis auf eine Ausnahme rein. Unaufgeregtes, lautloses Sein.

Am Ende soll Wesentliches in Rilke und im Leser sein.

Beispielsweise eben die Frage, ob es die Bilder sind, die den Panther noch am Leben erhalten.

Warum Panther keinen Suizid begehen.

Ob wir um den Panther in uns wissen.

Ob wir unsere Stäbe kennen und glaubten, wenn wir sie nicht kennen, wären sie nicht da.

Und was will unser hoher Wille?

Was macht das Hohe des Willens aus?

Wollen wir dieses Hohe leben?

Ja, es ist wahr:

Tiere – und sei es ein Panther – können uns den Zugang zum Wesentlichen öffnen.

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Und im Innern weint ein Quell! – Schicksalhaft verloren durch die Liebe. Rainer Maria Rilkes Gedicht „Eros“.

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Selten hat mich eine Gedichtzeile sofort so angesprochen wie die letzte aus Rainer Maria Rilkes im Februar 1924 verfasstes Gedicht Eros, gestaltet in durchgehend reinen Kreuzreimen und fünfhebigem Trochäus, der keine Wahl lässt:

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Masken! Masken! Dass man Eros blende.
Wer erträgt sein strahlendes Gesicht,
wenn er wie die Sommersonnenwende
frühlingliches Vorspiel unterbricht.

Wie es unversehens im Geplauder
anders wird und ernsthaft…Etwas schrie…
Und er wirft den namenlosen Schauder
wie ein Tempelinnres über sie.

Oh verloren, plötzlich, oh verloren!
Göttliche umarmen schnell.
Leben wand sich, Schicksal ward geboren.
Und im Innern weint ein Quell.

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Es ist, als ob da einer stünde, der, selbst aus Erfahrung wissend, Zeuge wird, wie Eros wieder einmal zwei Liebenden zum Schicksal wird, die beide anonym bleiben, weil es nicht um eine konkrete Beziehung zweier Liebender geht, sondern um ein Geschehen, wie es immer und immer wieder zum Ereignis wird.

Wie dringlich, fast wie ein Hilferuf: Masken! Masken!

Nicht einmal Zeit für einen Hauptsatz. Ein Nebensatz, nur die Absicht vermittelnd: Dass man Eros blende!

Zu spät. –  Der Dichter weiß: Dieses strahlende Gesicht des Gottes, sein Eingreifen, der Macht der Sommersonnenwende gleich, die ein magischer Moment im Jahresablauf ist, Menschen schon immer fasziniert hat und sie diesen Moment feiern, die Johannisfeuer lodern ließ, lässt Geplauder unversehens anders und ernsthaft werden.

Masken hätten vielleicht vor den Blicken von Eros schützen können. 

Nun schreit etwas von ferne. 

Ist es das Schicksal, just in diesem Moment geboren, wo Eros den namenlosen Schauder über die Liebenden wirft?

Vor dem Tempel, da ist frühlingliches Vorspiel. 

Doch wenn Eros wirkt, dann befindet man sich in einem Inneren, das einen Raum entfaltet, dem man nicht mehr entweicht.

Tempelinnres hat Unausweichliches.

Oh verloren – und noch einmal betont: oh verloren!

Was fehlt, ist das Objekt. Wer oder was ist verloren?

Was grammatikalisch fehlt, fehlt auch existentiell.

Vielleicht aber fehlt auch nicht etwas Bestimmtes, sondern der, der so dringlich nach Masken rief, empfindet den Zustand als ein großes Verloren-Sein.

Die letzten beiden Verse: schon im Präteritum.

Erinnern wir uns an das Präsens des Beginns. Präsenter kann ein Augenblick kaum sein: ausgesetzt dem strahlenden Gesicht von Eros.

Plötzlich aber gilt: verloren.

War da ein Moment der Entscheidung?

Eher nicht, denn: Göttliche – Eros ist einer von ihnen – umarmen schnell!

Im Inneren: eine Quelle.

Auf einmal ist sie da, ganz am Schluss, und doch so im Zentrum.

Mit einem schlichten Und angeschlossen. 

Zugleich ist diese letzte Zeile als einziger Vers vierhebig. 

Fast wie ein Ausrufezeichen.

Weil ihr Sein, das Sein der Quelle, so wichtig ist?

Weil sie das Wesen der Liebe ist?

Vielleicht sind ihre Tränen heilsam.

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