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Das Märchen von Hyazinth und Rosenblütchen findet sich in Friedrich von Hardenbergs – besser bekannt unter seinem Künstlernamen Novalis (1772-1801) – Fragment gebliebener Erzählung Die Lehrlinge zu Saïs.
Natürlich enthält sie alle Ingredienzien eines romantischen Werkes: Die ganze Natur lebt, Tiere, Pflanzen, Blumen, Quellen und Steine sind lebendig und können sprechen, und wie es auch in einem Märchen so oft ist: Der Held – ob männlich oder weiblich – muss auf eine Reise, wie es scheint, ohne Not, und doch von einem inneren Zwang getrieben.

Warum ich es in erster Linie abdrucke und warum es mich fasziniert: Hyazinth ist unterwegs zur heiligen Göttin, sie will er finden, es heißt im Märchen: Er fragte überall nach der heiligen Göttin (Isis).
Natürlich ist es wie so oft im Märchen: Der Held steht für uns alle, für uns, die wir, wenn es gutgeht, unterwegs sind, mancher bewusst, mancher ohne es zu wissen, unterwegs auf jener großen Reise zu uns selbst.
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Aber doch nicht zu Isis! Ist das nicht, wie mancher Christ sagen würde, eine heidnische Göttin? – Entsetzlich!
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Wer allerdings verbirgt sich wirklich hinter der ägyptischen Göttin, die ein so trauriges Schicksal erleiden musste, wurde doch ihr Mann Osiris, der zugleich ihr Bruder war, von einem anderen Bruder, von Seth ermordet?

Isis und Osiris sind ein Götterpaar, das im Rahmen der ägyptischen Geschichte zunehmend in den Vordergrund des Bewusstseins der Menschen trat. Noch in Mozarts Oper Zauberflöte haben beide bekanntlich Einzug gehalten.

In den Mythen der Völker kommt es immer wieder vor, dass ein Gott umgebracht wird, dem germanischen Gott Balder zum Beispiel geht es genauso.

Diese Todesfälle sind Geschehnissen in den Märchen vergleichbar, wenn der gute alte König oder die gute alte Königin sterben. In der Sprache der Mythen bedeutet das, dass ein Bewusstsein, das bis dahin unter den Menschen vorhanden war, versinkt, abgelöst wird durch ein anderes. Oft verbindet sich damit ein notwendiger Entwicklungsschritt im Bewusstsein der Menschheit, auch wenn auf den ersten Blick ein Verlust damit verbunden zu sein scheint.

Kein Wunder also, dass nach seinem Tod Osiris absinkt, versinkt und Herrscher der Unterwelt wird, jener Welt also, die nur wenigen Sterblichen während ihres Lebens zugänglich war und ist, von Orpheus wissen wir es, von Odysseus, und auch Jesus war während seines dreitägigen „Todes“ im Reich der Toten. – Für den normal Sterblichen ist dieses Reich, wie angesprochen, versunken. Unterwelt.

Isis lebt jedoch weiter und die Geschichte, die der römische Schriftsteller Plutarch erzählt, ist etwas zu lang, als dass ich sie ausführlicher hier erzählen könnte, nur eines ist wichtig: Isis bekommt trotz dessen Tod noch ein Kind von Osiris; es ist Horus.

Auffallend nun aber ist, dass die Göttin in der Folge immer wieder in Abbildungen mit dem Knaben zusammen zu sehen ist, einer der berühmtesten Gestaltungen findet sich im Rahmen des hier verlinkten Artikels.

Man kann nicht umhin – jedenfalls geht es mir so -, eine Verwandtschaft zwischen den Darstellungen Marias mit dem Jesuskind und von Iris mit dem Horusknaben zu finden. Es sind nicht nur die zahlreichen Pietàs – die berühmteste ist sicherlich die von Michelangelo -, es ist vor allem auch Raffaels berühmte Sixtinische Madonna, die diesen Gedanken nahelegen.

Gewiss haben sich die weiblichen Züge Marias verändert gegenüber denen von Isis, aber das Motiv, besser gesagt: die geistige Realität ist unverkennbar die gleiche, auch wenn orthodoxe Christen Sturm dagegen laufen, weil es keinen Zusammenhang zwischen Heidnischem und Christlichem geben darf. Dass sie damit selbst die Weisheit der Bibel in Abrede stellen, ist den meisten nicht bewusst, denn den Logos, die Weisheit, das göttliche Wort, wie es in den ersten 14 Versen des Johannes-Evangeliums so unnachahmlich und eindrücklich angesprochen wird, gibt es seit allen Zeiten. Und natürlich war Christus und damit der Logos schon zu altpersischen, babylonischen  und altägyptischen Zeiten  existent. Und dass Menschen und ihre Weisen um diese Zusammenhänge wussten, kann nur jemand in Abrede stellen wollen, der die Seele des Menschen erst mit der Zeugung existent sein lassen will, genauso wie Christus erst mit der Geburt von Jesus. Dahinter verbirgt sich die alte Angst der Menschen, speziell orthodoxer Christen, es könne mehr geben, als sie mit ihrem winzigen Verstand zu erfassen in der Lage sind. Die Bibel darf den eigenen Horizont eben nun mal nicht überschreiten!

Wenn man manche Darstellung der Isis, auch noch aus römischer Zeit, sieht, ihre ausgesprochene Weiblichkeit, dann ahnt man, dass sich hinter Isis das Ewig-Weibliche verbirgt.

Das Ewig-Weibliche aber ist nicht anderes als die unsterbliche Seele des Menschen. Die Germanen nannten sie Walküre.

Warum aber wird Isis, die bereits im alten Ägypten dafür stand, immer wieder mit ihrem Knaben Horus dargestellt?

Aus demselben Grund, aus dem auch Maria fast ausschließlich mit ihrem Sohn gezeigt wird. Dezidiert legt die christliche Religion – im Gegensatz übrigens zum Islam; Allah verbietet im Koran unter Strafe, ihm einen Sohn unterstellen zu wollen – Wert darauf, dass Sein sich nicht in sich selbst erschöpft; es gehört zu seinem Wesen wie zum Wesen des Ewig-Weiblichen, dass es schöpft, dass es fruchtbar ist: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen, so wird in der Bibel über die Menschen gesagt. Das gilt für seine ewige Seele, das Ewig-Weibliche wie für diese Religion an sich. Sie versteht sich – versinnbildlicht im Sohn – als ewiger Schöpfungsprozess.

Novalis weiß darum, weiß, dass der Mensch sich intuitiv nach dem Ewig-Weiblichen sehnt, nennt Isis, wie es das Christentum mit Maria tut, Jungfrau. Seinen Lehrling lässt er, noch bevor das Märchen beginnt, über seinen Aufenthalt zu Sais, jenem religiösen Zentrum des alten Ägyptens, sagen:

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Mich führt alles in mich selbst zurück. Was einmal die zweite Stimme sagte, habe ich wohl verstanden. Mich freuen die wunderlichen Haufen und Figuren in den Sälen, allein mir ist, als wären sie nur Bilder, Hüllen, Zierden, versammelt um ein göttliches Wunderbild, und dieses liegt mir immer in Gedanken. Sie such´ ich nicht, in ihnen such´ ich oft. Es ist, als sollten sie den Weg mir zeigen, wo in tiefem Schlaf die Jungfrau steht, nach der mein Geist sich sehnt.

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Es ist jene Suche, die wir auch in Goethes Worten am Ende des Faust II angesprochen finden:

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Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.

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All diese literarischen und mythischen Verweise wollen gerade den Menschen der Jetzt-Zeit, der zum Teil so verloren im Materiellen festklebt, daran erinnern, dass es mehr gibt als unser kleines Menschsein; dass also in uns selbst etwas ist, was höher ist als alle Vernunft, was wir momentan noch nicht erfassen, dessen Erinnerung wir aber unbedingt als Wegnahrung behalten sollten.

Schiller hat übrigens die Wahrheit um Isis eine ganz andere Ausgestaltung verliehen, eine mahnende und sehr ernst zu nehmende, auf die ich im nächsten Post eingehe (und dann hier verlinke).

Hier aber nun die heilsame Binnenerzählung im Rahmen der Lehrlinge zu Saïs, an deren Ende ich noch etwas erklären möchte, was jemandem, der sich nicht mit diesen Themen beschäftigt, nicht so ohne Weiteres verständlich sein könnte:

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Das Märchen von Hyazinth und Rosenblütchen

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Vor langen Zeiten lebte weit gegen Abend ein blutjunger Mensch. Er war sehr gut, aber auch über die Maßen wunderlich. Er grämte sich unaufhörlich um nichts und wieder nichts, ging immer still für sich hin, setzte sich einsam, wenn die andern spielten und fröhlich waren, und hing seltsamen Dingen nach. Höhlen und Wälder waren sein liebster Aufenthalt, und dann sprach er immerfort mit Tieren und Vögeln, mit Bäumen und Felsen, natürlich kein vernünftiges Wort, lauter närrisches Zeus zum Totlachen. Er blieb aber immer mürrisch und ernsthaft, ungeachtet sich das Eichhörnchen, die Meerkatze, der Papagei und der Gimpel alle Mühe gaben ihn zu zerstreuen, und ihn auf den richtigen Weg zu weisen. Die Gans erzählte Märchen, der Bach klimperte eine Ballade dazwischen, ein großer dicker Stein machte lächerliche Bockssprünge, die Rose schlich sich freundlich hinter ihm herum, kroch durch seine Locken, und der Efeu streichelte ihm die sorgenvolle Stirn. Allein der Missmut und Ernst waren hartnäckig.

Seine Eltern waren sehr betrübt, sie wußten nicht was sie anfangen sollten. Er war gesund und aß, nie hatten sie ihn beleidigt, er war auch bis vor wenig Jahren fröhlich und lustig gewesen, wie keiner; bei allen Spielen voran, von allen Mädchen gern gesehn. Er war recht bildschön, sah aus wie gemalt, tanzte wie ein Schatz.

Unter den Mädchen war eine, ein köstliches, bildschönes Kind, sah aus wie Wachs, Haare wie goldne Seide, kirschrote Lippen, wie ein Püppchen gewachsen, brandrabenschwarze Augen. Wer sie sah, hätte mögen vergehn, so lieblich war sie. Damals war Rosenblüte, so hieß sie, dem bildschönen Hyazinth, so hieß er, von Herzen gut, und er hatte sie lieb zum Sterben. Die andern Kinder wußten’s nicht. Ein Veilchen hatte es ihnen zuerst gesagt, die Hauskätzchen hatten es wohl gemerkt, die Häuser ihrer Eltern lagen nahe beisammen.

Wenn nun Hyazinth die Nacht an seinem Fenster stand und Rosenblüte an ihrem, und die Kätzchen auf dem Mäusefang da vorbeiliefen, da sahen sie die beiden stehn und lachten und kicherten oft so laut, dass sie es hörten und böse wurden. Das Veilchen hatte es der Erdbeere im Vertrauen gesagt, die sagte es ihrer Freundin, der Stachelbeere, die ließ nun das Sticheln nicht, wenn Hyazinth gegangen kam; so erfuhr’s denn bald der ganze Garten und der Wald, und wenn Hyazinth ausging, so rief’s von allen Seiten: Rosenblütchen ist mein Schätzchen!

Nun ärgerte sich Hyazinth, und musste doch auch wieder aus Herzensgrunde lachen, wenn das Eidechschen geschlüpft kam, sich auf einen warmen Stein setzte, mit dem Schwänzchen wedelte und sang:

 

Rosenblütchen, das gute Kind,
Ist geworden auf einmal blind
Denkt, die Mutter sei Hyazinth,
Fällt ihm um den Hals geschwind;
Merkt sie aber das fremde Gesicht,
Denkt nur an, da erschrickt sie nicht,
Fährt, als merkte sie kein Wort,
Immer nur mit Küssen fort.

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Ah! wie bald war die Herrlichkeit vorbei. Es kam ein Mann aus fremden Landen gegangen, der war erstaunlich weit gereist, hatte einen langen Bart, tiefe Augen, entsetzliche Augenbrauen, ein wunderliches Kleid mit vielen Falten und seltsame Figuren hineingewebt. Er setzte sich vor das Haus, das Hyazinths Eltern gehörte. Nun war Hyazinth sehr neugierig, und setzte sich zu ihm und holte ihm Brot und Wein. Da tat er seinen weißen Bart voneinander und erzählte bis tief in die Nacht, und Hyazinth wich und wankte nicht, und wurde auch nicht müde zuzuhören. Soviel man nachher vernahm, so hat er viel von fremden Ländern, unbekannten Gegenden, von erstaunlich wunderbaren Sachen erzählt und ist drei Tage dageblieben und mit Hyazinth in tiefe Schachten hinuntergekrochen.

Rosenblütchen hat genug den alten Hexenmeister verwünscht, denn Hyazinth ist ganz versessen auf seine Gespräche gewesen, und hat sich um nichts bekümmert; kaum dass er ein wenig Speise zu sich genommen. Endlich hat jener sich fortgemacht, doch dem Hyazinth ein Büchelchen dagelassen, das kein Mensch lesen konnte. Dieser hat ihm noch Früchte, Brot und Wein mitgegeben, und ihn weit weg begleitet. Und dann ist er tiefsinnig zurückgekommen, und hat einen ganz neuen Lebenswandel begonnen. Rosenblütchen hat recht zum Erbarmen um ihn getan, denn von der Zeit an hat er sich wenig aus ihr gemacht und ist immer für sich geblieben.

Nun begab sich’s, dass er einmal nach Hause kam und war wie neugeboren. Er fiel seinen Eltern um den Hals und weinte. »Ich muß fort in fremde Lande«, sagte er; »die alte wunderliche Frau im Walde hat mir erzählt, wie ich gesund werden müsste, das Buch hat sie ins Feuer geworfen und hat mich getrieben, zu euch zu gehn und euch um euren Segen zu bitten. Vielleicht komme ich bald, vielleicht nie wieder. Grüßt Rosenblütchen. Ich hätte sie gern gesprochen, ich weiß nicht, wie mir ist, es drängt mich fort; wenn ich an die alten Zeiten zurückdenken will, so kommen gleich mächtigere Gedanken dazwischen, die Ruhe ist fort, Herz und Liebe mit, ich muss sie suchen gehn. Ich wollt‘ euch gern sagen, wohin, ich weiß selbst nicht, dahin wo die Mutter der Dinge wohnt, die verschleierte Jungfrau. Nach der ist mein Gemüt entzündet. Lebt wohl.«

Er riß sich los und ging fort. Seine Eltern wehklagten und vergossen Tränen, Rosenblütchen blieb in ihrer Kammer und weinte bitterlich. Hyazinth lief nun was er konnte, durch Täler und Wildnisse, über Berge und Ströme, dem geheimnisvollen Lande zu. Er fragte überall nach der heiligen Göttin (Isis) Menschen und Tiere, Felsen und Bäume. Manche lachten, manche schwiegen, nirgends erhielt er Bescheid. Im Anfange kam er durch rauhes, wildes Land, Nebel und Wolken warfen sich ihm in den Weg, es stürmte immerfort; dann fand er unansehnliche Sandwüsten, glühenden Staub, und wie er wandelte, so veränderte sich auch sein Gemüt, die Zeit wurde ihm lang und die innere Unruhe legte sich, er wurde sanfter und das gewaltige Treiben in ihm allgemach zu einem leisen, aber starken Zuge, in den sein ganzes Gemüt sich auflöste. Es lag wie viele Jahre hinter ihm.

Nun wurde die Gegend auch wieder reicher und mannigfaltiger, die Luft lau und blau, der Weg ebener, grüne Büsche lockten ihn mit anmutigen Schatten, aber er verstand ihre Sprache nicht, sie schienen auch nicht zu sprechen, und doch erfüllten sie sein Herz mit grünen Farben und kühlem, stillem Wesen. Immer höher wuchs jene süße Sehnsucht in ihm, und immer breiter und saftiger wurden die Blätter, immer lauter und lustiger die Vögel und Tiere, balsamischer die Früchte, dunkler der Himmel, wärmer die Luft, und heißer seine Liebe, die Zeit ging immer schneller, als sähe sie sich nahe am Ziele.

Eines Tages begegnete er einem kristallenen Quell und einer Menge Blumen, die kamen in ein Tal herunter zwischen schwarzen himmelhohen Säulen. Sie grüßten ihn freundlich mit bekannten Worten.

»Liebe Landsleute,« sagte er, »wo find‘ ich wohl den geheiligten Wohnsitz der Isis? Hier herum muss er sein, und ihr seid vielleicht hier bekannter als ich.«

»Wir gehn auch nur hier durch«, antworteten die Blumen; »eine Geisterfamilie ist auf der Reise und wir bereiten ihr Weg und Quartier. Indes sind wir vor kurzem durch eine Gegend gekommen, da hörten wir ihren Namen nennen. Gehe nur aufwärts, wo wir herkommen, so wirst du schon mehr erfahren.«

Die Blumen und die Quelle lächelten, wie sie das sagten, boten ihm einen frischen Trunk und gingen weiter.

Hyazinth folgte ihrem Rat, frug und frug und kam endlich zu jener längst gesuchten Wohnung, die unter Palmen und andern köstlichen Gewächsen versteckt lag. Sein Herz klopfte in unendlicher Sehnsucht, und die süßeste Bangigkeit durchdrang ihn in dieser Behausung der ewigen Jahreszeiten. Unter himmlischen Wohlgedüften entschlummerte er, weil ihn nur der Traum in das Allerheiligste führen durfte. Wunderlich führte ihn der Traum durch unendliche Gemächer voll seltsamer Sachen auf lauter reizenden Klängen und in abwechselnden Akkorden. Es dünkte ihm alles so bekannt und doch in nie gesehener Herrlichkeit, da schwand auch der letzte irdische Anflug, wie in Luft verzehrt, und er stand vor der himmlischen Jungfrau. Da hob er den leichten, glänzenden Schleier, und Rosenblütchen sank in seine Arme.

Eine ferne Musik umgab die Geschehnisse des liebenden Wiedersehns, die Ergießungen der Sehnsucht, und schloss alles Fremde von diesem entzückenden Orte aus. Hyazinth lebte nachher noch lange mit Rosenblütchen unter seinen frohen Eltern und Gespielen, und unzählige Enkel dankten der alten wunderlichen Frau für ihren Rat und ihr Feuer; denn damals bekamen die Menschen soviel Kinder, als sie wollten.

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Natürlich ist, wie oben angesprochen, auffallend, dass Novalis von der himmlischen Jungfrau spricht, wo doch eigentlich Isis gemeint ist. Offensichtlich sieht auch er diesen Zusammenhang zwischen der himmlischen Jungfrau Isis und der himmlischen Jungfrau Maria.
In diesem Zusammenhang mag den ein oder anderen interessieren, dass der Anthroposoph Rudolf Steiner in seinem Werk Mysterienwahrheiten und Weihnachtsimpulse darauf verweist, Novalis sei wie der oben angesprochene Raffael eine Inkarnation Johannes des Täufers gewesen. Wenn das stimmt, darf man die Worte von Novalis erst recht auf eine Goldwaage legen.
Novalis spricht also von der himmlischen Jungfrau, von Isis, die der Lehrling sucht.
Wie aber kann es dann sein, dass er den Schleier hebt und Rosenblütchen findet?
Verständlich wird das, wenn wir bedenken, dass, wenn der Mensch jenen Teil seiner Seele findet, der ursprünglich zu ihm gehört und auf den sich mehrere Posts hier auf dem Blog beziehen (unter anderem dieser hier und des Weiteren zu finden unter dem Schlagwort/Tag Dualseele), er eine Ganzheit erreicht, die seinem vollkommenen Wesen entspricht. Nichts anderes aber ist das Ewig-Weibliche, sprich Isis, sprich Maria.
Insofern ist es umso erfreulicher, wenn Hyazinth Rosenblütchen wieder begegnet als Möglichkeit, diese Seinsweise hier auf Erden zu leben.
Das auch mag erklären, warum die Lehre von der Dreifaltigkeit des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes die Mutter vermissen lässt, ein Umstand, den ich nie recht nachvollziehen konnte.
Mittlerweile denke ich, dass die weibliche Seite Gottes, das Ewig-Mütterlich-Weibliche sich in der menschlichen Seele, einer Seele, die weit mehr ist als das, was wir oder die Psychologie darunter verstehen, manifestiert. Begriffe wie Selbst, Ganzheit oder vergleichbare können deren Realität nicht erfassen.
Wer diese ungenügend vorbereitet zu erschauen sucht, dem geht es wie Schillers Jüngling in der Ballade Das Bildnis zu Sais. – Es mag seine Gründe haben, warum die eigentliche Isis immer einen Schleier trägt.

 

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In den letzten Tagen habe ich mich für einen Blog-Artikel mit der ZDF-Sendung Make Love auseinandergesetzt und den Videos der Moderatorin und Sexologin Ann-Merlene Henning. Unter diesen findet sich einer zum Thema Mein Partner ist immer so leise im Bett! und Frau Hennings empfiehlt, einfach mehr zu stöhnen, zumal in Untersuchungen doch immer wieder rauskomme, dass eben nun einmal die Erregung des Partners am geilsten sei, um dann ihre Botschaft mit dem Satz abzurunden:

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„Also, einfach mal mutiger sein und raus mit der Spr – nicht Sprache, sondern: raus mit dem Stöhner!“

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Je länger ich mich mit dieser Frau beschäftigt habe, desto mehr ist mir über ihr Tätigsein das kalte Grauen gekommen – manche Videos sind noch unerträglicher -, weil sie unter anderem zu der Frage, ob es ohne Liebe keinen Sex geben dürfe, Antworten gibt, die der Tendenz in unserer Gesellschaft, dass körperliche und seelische Liebe immer mehr getrennt werden, absolut Vorschub leistet. Wer Genaueres lesen möchte: hier.

Als ich diesen Artikel schrieb, kam mir ein Gedicht Christian Friedrich Hebbels in den Sinn, das zu meinen Lieblingsgedichten zählt, und ich finde es einfach so zauberhaft, so modern und zugleich unsere tiefsten Wurzeln berührend, weil dieser Mann von einer Liebe erzählt, wie sie in ihrer schönsten Form sein mag, dann nämlich, wenn sie kosmisch ist. Und wenn zwei sich wirklich lieben, ist, so glaube nicht nur ich, Liebe immer kosmisch. Es ist kein Zufall, dass Schriftsteller immer wieder den Himmel und die Sterne in Bewegung setzen, um jene Liebe, um die es ihnen geht, darzustellen.

Max Frisch erfasst es in seinem Tagebucheintrag zum Thema Du sollst Dir kein Bildnis machen, genau so, wie dichterische Realtiät oft ist:

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Man höre bloß die Dichter, wenn sie lieben; sie tappen nach Vergleichen, als wären sie betrunken, sie grei­fen nach allen Dingen im All, nach Blumen und Tieren, nach Wolken, nach Sternen und Meeren. Warum? So wie das All, wie Gottes unerschöpfliche Geräumigkeit, schrankenlos, alles Möglichen voll, aller Geheimnisse voll, unfassbar ist der Mensch, den man liebt –

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Leider ist vielen Menschen nicht bewusst, dass Liebe, die nur oder vor allen Dingen ein körperlicher Akt ist, genauso kosmisch ist, nur in einem ganz und gar negativen Sinn. Es wäre naiv anzunehmen, dass jenen Kräften, die die wahre Liebe kosmisch begleiten und unterstützen, nicht auch solche gegenüberstehen, die sich freuen, wenn Sex rein körperlich, im Grunde auf animalischer Ebene betrieben wird. Diabolische Kräfte, die uns nur meistens nicht bewusst sind, sind leider genauso auf Ebenen wirksam, die über unsere Erde hinausreichen und uns auch beeinflussen. Deshalb hat Sexualität in unserer Gesellschaft in diesem Ausmaß verkommen können.

Nicht, dass ich Menschen, die sexuelle Zweckgymnastik betreiben, verurteile oder diffamiere. Es ist die Realität unserer Erde, dass wir uns auf all diesen Ebenen nun einmal bewegen. Aber zu glauben, dass das für den Einzelnen keine Folgen hat, wenn er so „liebt“, ist genauso ein Irrtum wie anzunehmen, dass es für die seelische Gesamtsituation der Erde nicht folgenreich sei. Immer, wenn wir Körper und Seele trennen, ist das ein krankmachender Vorgang, der nur höchst selten jemandem bewusst ist oder wird. Und leider ist es nun eben einmal so, dass, wenn Menschen krank werden und die Krankheit mit ihrem derzeitigen Leben zusammenhängt, sie das seltenst zurückführen können auf die wahre Ursache.

Genauso ist es aber auch, dass Liebe, auch körperliche Liebe, die in Übereinstimmung mit unserer Seele geschieht, unsere Gesundheit stärkt, auf vielen Ebenen.

Es gibt ja wunderschöne Liebesgedichte, wozu ich die Marienbader Elegie zähle oder C.F. Meyers Stapfen, aber eben auch Das Heiligste:

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Wenn sich zwei ineinander still versenken,
Nicht durch ein schnödes Feuer aufgewiegelt,
Nein, keusch in Liebe, die die Unschuld spiegelt,
Und schamhaft zitternd, während sie sich tränken;

Dann müssen beide Welten sich verschränken,

Dann wird die Tiefe der Natur entriegelt,
Und aus dem Schöpfungsborn, im Ich entsiegelt,
Springt eine Welle, die die Sterne lenken.

Was in dem Geist des Mannes ungestaltet

Und in der Brust des Weibes kaum empfunden
Als Schönstes dämmerte, das muss sich mischen;

Gott aber tut, die eben sich entfaltet,

Die lichten Bilder seiner jüngsten Stunden
Hinzu, die unverkörperten und frischen.

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Ich finde es einfach immer wieder wunderbar, wenn Form und Inhalt sich so ergänzen wie im vorliegenden Sonett. Dessen Form ermöglicht, dass in den Quartetten, in den ersten beiden Strophen also, jeweils zwei inhaltliche Aspekte dargestellt werden, übersichtlich und klar, bedingt durch deren Gefasst-Sein in einer Strophe, hier, im ersten Quartett, zunächst eine Liebe, wie sie sich auf unserer Erde zeigt, dann im folgenden, wie sich diese Liebe im Kosmischen zeigt.

Aus diesen beiden Quartetten heraus nun verändert sich das innere Tempo zu den Folgerungen hin, die sich daraus ergeben, wenn Irdisches und Kosmisches eine Ehe eingehen. Durch die Dreizeiligkeit der beiden Terzette verändert sich die Qualität des Aufnehmens; es wird dringlicher, eindringlicher, geheimnisvoller, geistiger. Hier und immer wieder in den großen Sonetten der Dichter, bei Trakl und Rilke zum Beispiel, ist es so.

In diesem Sonett ist wahrlich nichts zu spüren von der Sexsüchtigkeit unserer Tage, von der geschäftsmäßig aufgeregten und aufgekratzten Sexualisierung, wie wir sie in den meisten Medien finden, die immer mehr eine Tendenz zu einem animalischen Niveau aufweist.

Vielmehr lenken Sterne jene Welle, die durch die Vereinigung zweier Menschen sich aus dem Mittelpunkte des Seins als Leuchtspur dieser Liebe ihren Weg durch den Kosmos bahnt.

In den Terzetten schwingt ein Bewusstsein mit von dem Tatbestand, dass alles, was wir auf der Erde tun, immer kosmische Dimensionen hat. In jedem Moment gleiten zig-tausende von Neutrinos durch uns hindurch, die von weit her aus dem All kommen und von denen die Wissenschaft mangels besseren Wissens annimmt, dass das ohne Bedeutung sei. Wir haben uns an den Gedanken gewöhnt, dass, wenn wir vom Menschen reden, ihn als Wesen der Erde sehen. Vielleicht sollten wir uns wieder mit Gedanken  anfreunden, wie wir sie bei den Griechen fanden, die den Menschen als Gott anthropos, als Gott Mensch sahen, oder den Germanen, die das Wesen des Menschen in der Weltenesche Yggdrasil ( = Ich-Träger) wiederfanden, die weit über alle Himmel hinausreicht, oder auch Paracelsus, der seine Medizin danach ausrichtete, dass die Verhältnisse im menschlichen Körper mit seinen Organen den Konstellationen unseres Planetensystems entsprechen. Wenn wir so wieder zu denken beginnen, werden wir bei aller Liebe zur Erde unserem wahren Wesen näher sein. Vielleicht werden wir uns auch der Verantwortung wieder bewusst, dass ein Liebesakt ein kosmisches Geschehen ist.

Wenn wir Hebbels Zeilen lesen, spüren wir die Heiligkeit der Sexualität, der körperlichen Liebe, die zutiefst sinnlich und lustvoll ist; Hebbel bringt das in dem Bild des gegenseitigen Sich-Tränkens zum Ausdruck, des Sich-Verschränkens von Männlichem und Weiblichem.

In jedem Akt vollzieht sich, wenn er in Liebe geschieht, die Vereinigung von Himmel und Erde, von Uranos und Gaia, von Yin und Yang.

Wie weit ist das alles von einem Liebesbegriff entfernt, wie er sich bei Frau Henning in größerer Lautstärke, in erwünschtem lauterem Stöhnen äußert. Am Schluss meines angesprochenen Artikels habe ich ihrer lauten Liebe das Gedicht Hebbels gegenübergestellt und dem stillen Versenken, von dem er spricht, wobei ich mir leider nicht einmal sicher bin, dass die Sexologin versteht, von welcher Stille Hebbel spricht.

Wie bewundernswert, dass Hebbel auf diese Weise von Liebe spricht, obwohl das Leben – zumindest zunächst – so wenig lieb zu ihm war, stürzte doch der frühe Tod des Vaters die Familie in tiefe Armut und saß er doch, obwohl er eine Gönnerin fand, die ihn unterstützte, oft mit knurrendem Magen in den Vorlesungen.

Liebe und Frieden fand er in der Ehe mit der Burgschauspielerin Christine Enghaus.

Manchmal scheint es so, als ob sich in der Liebe zweier Menschen Adam und Eva gefunden haben; die biblische Schöpfungsgeschichte legt ja nahe, dass es tatsächlich jene Liebe fürs Leben gibt, für ein Leben und eine Liebe über alle Zeiten.

Nicht zuletzt erinnert mich auch das Hohelied Salomos und eben die Liebe von Salomo und Sulamith daran.

Kein Zufall, dass das Wort Sonett sich von lateinisch sonare = klingen ableitet. Schließlich sind ja die Worte Salomos ein Lied, ein wirklich Hohes Lied.

Und für mich auch diese Liebe, die Christian Friedrich Hebbel besingt, weil ich glaube, dass, wenn sie sich ereignet, der Himmel klingt.

 

Tugenden sind passé, Werte auch; kaum jemand spricht noch von ihnen, weil sie weder im privaten noch im öffentlichen Bereich eine nennenswerte Rolle mehr spielen. Tut es jemand dennoch, dann klingen seine Worte oft merkwürdig leer und hohl.

Vorbei die Zeiten, als eine Hildegard von Bingen, damit Liebe geschehen könne, Demut anmahnte, dass ein Parzival vorbildhaft eine schier unglaubliche Ausdauer in seiner Suche nach dem Gral bewies oder Conrad Ferdinand Meyer in Die Füße im Feuer den Burgherrn ein Sich-selbst-Zurücknehmen zeigen ließ, wie man es sich so sehr bei gewissen Politikern auch einmal wünschte.

Letztere bemühen sich kaum mehr um Tugenden, kein Zufall, wenn man weiß, dass sich Tugend etymologisch von taugen ableitet.

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Wer weiterlesen möchte: hier

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Vielmehr zerriss es ihn schier, als er den am 16. Februar 1901 verfassten Abschiedsbrief in Händen hielt. Das machen die letzten Zeilen seines Abschiedsgedichtes an Lou Andreas- Salomé deutlich:

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Warst mir die mütterlichste der Frauen,
ein Freund warst Du, wie Männer sind,
ein Weib, so warst Du anzuschauen,
und öfter noch warst Du ein Kind.
Du warst das Zarteste, das mir begegnet,
das Härteste warst Du, damit ich rang.
Du warst das Hohe, das mich gesegnet –
und wurdest der Abgrund, der mich verschlang.

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Doch Lou schrieb nicht nur:„gehe denselben Weg Deinem dunklen Gott entgegen! Er kann, was ich nicht mehr thun kann an Dir, – und so lange schon nicht mehr mit voller Drangabe thun konnte“; sie schrieb auch: „er kann Dich zur Sonne und Reife segnen.“

In der Tat ging Rilke bis zu seinem Tod auf eine kompromisslose Art und Weise dem dunklen Gott entgegen, die Menschen, welche nicht nur die in Grußkarten und Kalenderkarten sattsam bekannten Zeilen von ihm kennen, immer wieder verunsichert hat.
Die ganze Bandbreite seines Verhältnisses zum Göttlichen reicht von ihm als lyrischem Ich in Christus am Kreuz vor selbigem stehend und jenen am Schluss verlauten lassend

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Nun ist mirs klar, warum ich ihn nicht lieben
noch achten kann und kein Gebet ihm weihn:
Er wär als Mensch so göttlich groß geblieben
und nun als Gott erscheint er menschlich klein!

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bis zu jenen, wohl nur wenige Monate später geschriebenen Worten aus dem Stundenbuch:

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Gott, Du bist groß.

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In all dieser Ehrlichkeit – und mehr von ihr im Folgenden – liegt das Geheimnis Rilkescher Faszination und Anziehungskraft für viele Menschen: Rilke machte sich selbst nie etwas vor, betete nie ein Vater unser, weil es in einer Kirche gebetet sein will, oder floskelte religiös bramarbarsierend etwas vor sich hin.

Rilke geht auf diesem Weg, an eine unglaublich ehrliche und kompromisslose Weise hoffnungslos hingegeben, voran. – Sein Leben lang, bis zu seinem Tod.

ich zweifle nicht daran, dass dieser dunkle Gott ihm lichter und lichter wurde, nicht aber auf lineare Weise, denn Gott kann man sich nie auf direktem Wege nähern. Manche Christen wollen glauben machen, sie säßen auf einem Strahl der Sonne und rutschten ständig himmelan. Das ist Hokuspokus oder sagen wir: Wunschdenken.

Die Wahrheit liegt viel eher in jenen Rilke-Worten, die den ersten Teil des Stundenbuchs, überschrieben Vom mönchischen Leben, gleichsam einleiten:

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Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht, bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

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Das Kreisen Rilkes mag vor allem orthodoxen Christen zu ungeheuerlich erscheinen.
Ihnen mag auch unerklärlich sein, warum sich Rilke auf relativ niedere okkultistische Ebenen einließ.

Es mag damit zusammenhängen, dass diese andere Seite der Natur, wie er sie nannte, ihn anzog, da er – gerade in jungen Jahren – Antworten auf so viele offene Fragen erhoffte.

Rilke war zudem in einen Kreis vergleichbarer Sucher zumindest gedanklich schon sehr früh eingebunden, und zu diesem Kreis zählten viele Künstlerkollegen wie Wassily Kandinsky, Johannes Schlaf, Thomas Mann, Fanz Kafka, Stefan George, Richard Dehmel, Honoré de Balzac, Arthur Schopenhauer, Hermann Graf Keyserling, Maurice Maeterlinck, Theodor Däubler, Wilhelm Busch, Christian Morgenstern und andere mehr, die jener geistigen Welt, in der es nicht nur Gott und Christus gibt, sondern alle sogenannten Toten, offen gegenüber waren.

Erstaunlich ist, dass erst in den letzten Jahrzehnten die Literaturwissenschaft sich diesen Einflüssen auf Rilke geöffnet hat. Mittlerweile allerdings finden sich höchst interessante Promotions– und Habilitationsschriften, die die Einflüsse von Okkultismus, Spiritismus und Esoterik auf die Literatur vor allem der Wende zum 20. Jahrhundert aufzuarbeiten begannen.

Für Leser, die jenen Rilke, der sich beidseits jener Trennlinie, die wir zwischen dem Leben und dem Leben nach dem Leben überwiegend errichten, aufhielt, nicht kennen, sei gesagt, dass er spiritistisch-okkult aktiv war und sich damit übrigens unter den Künstlern und Philosophen seiner Zeit in erlesener Gesellschaft befand. Rilke nahm in seiner Sensibilität verstorbene Tote wahr und kommunizierte mit ihnen. Er unternahm telepathische Versuche (mit überraschendem Erfolg), versuchte sich in automatischem Schreiben mit der Planchette, einem zu diesem Zweck wenig zuvor in Frankreich erfundenen Gerät, und nahm an Séancen teil, unter denen vor allen jene der Gräfin von Thurn und Taxis auf Schloss Duino einen nachhaltigen Eindruck bei ihm hinterließen, weil er hier in deren Rahmen mehrfach jener Unbekannten „begegnete“, die ihm in den Sitzungen eindrückliche Nachrichten zukommen ließ und ihm Spanien empfahl, wo er dann auch auf ihm bisher unbekannte Orte traf, die ihm Zugang zu Inhalten ermöglichten, welche ihm von jener Unbekannten angekündigt worden waren. In mancher Arbeit ist darauf verwiesen worden, es könnte das Unbewusste Rilkes selbst oder das der Gräfin bzw. jeweils anderer anwesenden Personen gewesen sein, das sich hier zu Wort meldete.
Wie dem auch immer sei, hat mich eine Zeitlang doch verwundert, dass Rilke sich auf diese relativ niedere okkulte Ebene begab.

Wer an Séancen teilnimmt, weiß nun einmal nicht, welcher Geist am anderen Ende anwesend ist; und wer gar am Tischrücken – was Rilke, wenn ich mich recht entsinne, höchstens einmal tat – teilnimmt, trifft mit Sicherheit auf eine geistige Ebene, die ihm niemals – so möchte ich behaupten – guttun kann. Damals waren solche Sitzungen sehr im Schwange und galten in manchen Kreisen gewissermaßen als Gesellschaftsspiel.
Rainer Maria Rilke hatte insofern Glück, als dass er mit der Gräfin von Thurn und Taxis und der ein oder anderen weiteren Person auf Menschen traf, die sich der Gefahren dieser Ebenen bewusst waren. Die Gräfin selbst äußerte sich in einem Buch, in dem sie ihre Begegnungen mit Rilke aufzeichnete, sehr ausführlich zu all dem.

Rllke wurde gegenüber spiritistischen Aktivitäten mit der Zeit zunehmend kritischer, vielleicht, weil er erkannte, dass solche recht niederen Ebenen das Innere sehr leer zurücklassen können (einmal davon abgesehen, dass sie jeder Seele sehr gefährlich zu werden vermögen). In seinen Werken aber sind seine Erfahrungen eingearbeitet, vor allem in seinem Malte-Roman oder auch in der Prosaskizze Erlebnis I, in der er ein Doppelgänger-Erlebnis verarbeitet.

Für mich ganz offensichtlich ist, dass in seinem Werden – und wir wachsen ja, bis wir die Seiten wechseln, wenn es gutgeht – sich eine Linie abzeichnet, die erkennen lässt, dass er nichts anderes wollte, als immer mehr Klarheit über sich und über jene jenseitige Welt zu erlangen, von der er spürte, dass sie ihn ständig umgab. Rilke hat immer darauf bestanden, sie als ein zusammenhängendes Feld zu sehen; seine Sicht ist nie eine wirklich duale, immer eher eine monistische gewesen, die also den gemeinsamen Ursprung allen Seins betont.

Materialistisch geprägte Menschen wenden sich mit leiser Missbilligung, Nase rümpfend oder angewidert ab; manche allerdings erinnern sich auch ähnlicher Erfahrungen in ihrem eigenen Leben, wenn sie von denen Rilkes lesen. Manche mögen in ihrem Umfeld Menschen kennen, die sich mit Verstorbenen noch unterhalten oder gar, wie mir das eine polnische Schülerin erzählte, für die verstorbene Oma einen Platz am Tisch freilassen, ein Brauch, den es bei uns kaum mehr gibt, der jedoch in manchen Regionen Europas noch gang und gäbe ist. Ich erinnere mich auch, von Joachim Fuchsberger, der sich ja als Atheisten einstufte, selbst mehrfach gehört zu haben, dass er sich mit seinem so früh verstorbenen Sohn immer wieder unterhielt – obwohl er doch ein Leben nach dem Tod kategorisch ausschloss.

Die Geisterwelt ist nicht verschlossen, so tönte Faust, bevor er an jenem Geist, den er rief, dem Erdgeist nämlich, kläglich scheiterte und von jenem hören musste:

,Du gleichst dem Geist, den du begreifst, / Nicht mir!

,Faust echot:

,Nicht dir? / Wem denn? / Ich Ebenbild der Gottheit! / Und nicht einmal dir?

,Er mag nie begriffen haben, wie wenig es Zufall war, dass unmittelbar darauf sein Famulus Wagner auftauchte, von dem er wahrlich nicht viel hielt und den er nicht von  ungefähr als trockenen Schleicher bezeichnete. Doch er hätte verstehen können, was der Erdgeist ihm sagen wollte: Das genau ist der Geist, den Du begreifst! Bilde dir nicht ein, du verstündest mehr.

Man muss in Goethes Werken sehr genau lesen, um solche immer wieder auftauchenden Zusammenhänge zu erkennen, hinter denen sich sein Rosenkreuzer-Wissen verbirgt.

Weil Fausts Hybris ihn das nicht einsehen lassen wollte, erlag er dem mephistophelischen Zugriff, in dessen Bann mehr denn je Menschen sich heute befinden. Traurig ist nur, dass wir eigentlich Voraussetzungen haben, uns wissend diesem Zugriff zu entziehen, weil mittlerweile so deutlich ist, dass das Unbewusste uns in unabsehbare Tiefen führen kann, in denen es von Salamandern, Molchen, Drachen und Haien, wie uns Schiller im Rahmen seines Taucher wissen lässt, wimmelt, dass aber dort zugleich auch unser höchster Schatz verborgen ist. Wer das nicht sehen will, kann nicht differenzieren, weshalb die Bedeutung des Schwertes, auf die ich in meinem Ausführungen zum Islam hinwies, so wichtig ist. Gerade in unserem Leben. Gerade in unserer Zeit. Mit einem materialistischen oder religiösen Einheitsbrei ist da nichts getan. Im Gegenteil.

Natürlich ist es nicht jedem gegeben, sich dieser Seite, die auch ein Rilke spürte, so zu nähern wie C.G. Jung es tat, der sehr drastisch jener Realität konfrontiert wurde, die sich im Unbewussten verbirgt und ihn in jener Zeit, als er sich von Freud getrennt hatte, zwingen wollte, aufzuschreiben, was in ihm klarer und klarer wurde. Dezidiert betont er, wie wichtig es gewesen sei, dass er in seine Familie eingebunden gewesen und durch sie geerdet war, wobei diese allerdings auch ungewollt in des Vaters Forschungen einbezogen wurde. Er schreibt in Erinnerungen, Träume, Gedanken:

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Es begann damit, daß eine Unruhe in mir war, aber ich wußte nicht, was sie bedeutete oder was «man» von mir wollte. Es war eine seltsam geladene Atmosphäre um mich herum, und ich hatte das Gefühl, als sei die Luft erfüllt von gespenstischen Entitäten. Dann fing es an, im Haus zu spuken: meine älteste Tochter sah in der Nacht eine weiße Gestalt durchs Zimmer gehen. Die andere Tochter erzählte – unabhängig von der ersten – es sei ihr zweimal in der Nacht die Decke weggerissen worden, und mein neunjähriger Sohn hatte einen Angsttraum, und er, der sonst nie ein Bild gemacht hatte, zeichnete den Traum (. . .)
Am Sonntag gegen fünf Uhr nachmittags läutete es an der Haustür Sturm. Es war ein heller Sommertag, und die zwei Mädchen waren in der Küche, von der man den offenen Platz vor der Haustür übersehen kann. Ich befand mich in der Nähe der Glocke, hörte sie und sah, wie der Klöppel sich bewegte. Alle liefen sofort an die Tür, um nachzuschauen, wer da sei, aber es war niemand da (. . .) Da wußte ich: jetzt muß etwas geschehen. Das ganze Haus war angefüllt wie von einer Volksmenge, dicht voll von Geistern. Sie standen bis unter die Tür, und man hatte das Gefühl, kaum atmen zu können. Natürlich brannte in mir die Frage: «Um Gottes willen, was ist denn das?» Da riefen sie laut im Chor: «Wir kommen zurück von Jerusalem, wo wir nicht fanden, was wir suchten.» Diese Worte entsprechen den ersten Zeilen der «Septem Sermones ad Mortuos».
Dann fing es an, aus mir herauszufließen und in drei Abenden war die Sache geschrieben. Kaum hatte ich die Feder angesetzt, fiel die ganze Geisterschar zusammen. Der Spuk war beendet. Das Zimmer wurde ruhig und die Atmosphäre rein. Bis zum nächsten Abend hatte sich wieder etwas angesammelt, und dann ging es von neuem so. Das war 1916.
Dieses Erlebnis muß man nehmen, wie es ist oder zu sein scheint. Wahrscheinlich hing es mit dem Zustand der Emotion zusammen, in der ich mich damals befand und in dem sich parapsychologische Phänomene einstellen können. (. . .) Der Intellekt möchte sich natürlich eine naturwissenschaftliche Erkenntnis darüber anmaßen oder noch lieber das ganze Erlebnis als Regelwidrigkeit totschlagen. Was für eine Trostlosigkeit wäre eine Welt ohne Regelwidrigkeiten!
(. . .) Damals und von da an sind mir die Toten immer deutlicher geworden als Stimmen des Unbeantworteten, des Nicht-Gelösten und Nicht-Erlösten . . .

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Wer Goethes Werk aufmerksam liest, weiß, dass der große Alte aus Weimar viel mehr hinsichtlich dieser Bereiche wusste, als viele Literaturwissenschaftler verstehen, weshalb sie seinem Reich der Mütter, das im Faust II eine bedeutsame Rolle spielt, recht blind gegenüberstehen.

Wer sich per Drogen oder auf andere Weise Zugang verschafft zu diesen Bereichen, kann hoffnungslos verloren sein.

Bei aller gebotenen Vorsicht aber könnte die Menschheit gegenüber jenen mephistophelischen Einflussen nicht so hoffnungslos unterlegen sein. Auch wir in Deutschland sollten uns durchaus darüber im Klaren sein, dass die Toten von Nizza, Paris und Brüssel nicht nur mit Frankreich bzw. Belgien und seiner spirituellen Orientierungslosgkeit, sondern auch mit unserer in Deutschland zusammenhängen.

Was unerlöst ist, treibt sein Unwesen, auch und gerade mittels Menschen, wie sie sich im IS zusammenscharen.

Wobei die Suche nach dem richtigen Weg sich in vielen Menschen intensiviert. Wir beobachten in unserer Gesellschaft, dass Menschen zunehmend feste organisatorische Gefüge verlassen. Das Interesse an kirchlich gebundener Religiosität schwindet zunehmend, ebenso das parteigebundene, wie fast alle etablierten Parteien, vor allem die SPD, wahrnehmen müssen.

Menschen suchen zunehmend Orientierungen, die ihnen und ihrer Vorstellung von Leben entsprechen. In diesem Rahmen gewinnt das eigene Selbst einen hohen Stellenwert, ohne dass diese Menschen egoistisch werden, im Gegenteil. Mehr und mehr  werden sich ihrer Verantwortung für das Ganze der Erde und des Lebens bewusst. Mir scheint, es sind vor allem Jugendliche, wobei es erfreulicherweise neben den alternden Grantlern ältere Menschen gibt, die der Aufgabe ihrer Altersstufe gerecht werden und ihren Kindern und Jugendlichen überhaupt gedankliche oder tatkräftige Leit-Planken sind. Ich empfinde, bei aller Schimpfe auf die Parteien, dass beispielsweise ein Gerhart Baum oder auch die Vogel-Brüder – mir keineswegs immer sympathisch -, ebenso wie ein Heiner Geißler dennoch zu denen gehören, die auch im Alter noch bereit sind, konstruktiv zu denken und sich nicht gehen lassen, wie leider so viele, wobei jeder Einzelne dieser Destruktiven der Zukunft schadet.

Auch wenn manche Häme über jene Welt verschütten, der sich Rilke und mit ihm andere gewidmet haben: In Wahrheit scheint es mir so zu sein, dass zunehmend mehr Menschen sich der Position nähern, dass Leben grundsätzlich spirituell ist. Wenn dies nicht klarer zutage tritt, liegt es auch daran, dass Materialisten meist sofort aus allen Rohren Häme kübeln, falls sie Anzeichen eines spirituellen Gedankengutes gewahr werden, um mit ihr zu ersticken, was nicht sein darf, vor allem deshalb, weil sie davon keine Ahnung haben.

Eine weitere Ursache aber liegt auch in jener hochgradigen Intoleranz sogenannter Christen, für die alles Religiöse genau so auszusehen hat, wie es für sie aussieht. Tut es das nicht, dann gehen sie mit Andersgläubigen, also auf andere Weise Glaubenden – zumindest gedanklich – so um, wie manche Sunniten mit Schiiten.

Viele jedoch erkennen sich als Suchende, und es ist auch genau deshalb, warum Dichter wie Rilke, bildende Künstler wie Gauguin und Kandinsky oder auch Musiker wie Olivier Messiaen an Aktualität nichts verloren haben, im Gegenteil. Menschen erkennen die Affinität des Suchens, sie spüren zum Beispiel bei Rilke, dass es oft eben nicht superklare, taghell beleuchtete Worte in Form von festgefahrenen Bildern und Gebärden sind, die in uns affine seelische Felder wachrufen, sondern manches Mal fast verschwommen anmutende:

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Alle, welche dich suchen, versuchen dich.
Und die, die dich finden, binden dich
An Bild und Gebärde.
Ich aber will dich begreifen
Wie dich die Erde begreift,
Mit meinem Reifen
Reift dein Reich.

.

Wie begreift die Erde? – Nur wenige schreiben in solchen Bildern!

Der ein oder andere mag die 11 Christus-Visionen Rilkes kennen, die zeitlich vor dem Stundenbuch liegen, und die Rilke zu Lebzeiten nie veröffentlicht hat. Einige wenige finde ich ungeheuer eindrücklich, einige aber haben mich doch ziemlich erschüttert, so, wenn das lyrische Ich im Rahmen jener Jahrmarkt überschriebenen Vision in eine Bude gelangt, wo Das Leben Jesu Christi und sein Leiden gezeigt werden und schlussendlich der sterbende Jesus als gelber Wachsgott am Kreuz hängt, zu erkennen gebend:

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Ich selbst bin jener alte Ahasver,
der täglich stirbt, um täglich neu zu leben;
mein Sehnen ist ein mächtig-weites Meer,
ich kann ihm Marken nicht noch Morgen geben.
Das ist die Rache derer, die verdarben
an meinem Wort. Die opfernd für mich starben,
sie drängen hinter mir in weiten Reihn.
Horch! Ihre Schritte! – Horch! Ihr kreischend Schrein . . .

Doch eine große Rache nenn ich mein:
Ich weiß, bei jedem neuen Herbste warben
die Menschen um den Saft, den feuerfarben
die roten Reben ihrer Freude leihn.
Mein Blut fließt ewig aus den Nagelnarben,
und alle glauben es: mein Blut ist Wein,
und trinken Gift und Glut in sich hinein . . .

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Das ist schon herb, gemessen an dem, was Christen dem Abendmahl zumessen.
Oder wenn wir Christus im Rahmen einer weiteren Vision auf dem Prager Judenfriedhof finden, ebenfalls unerlöst. Auch keine leichte Kost.

Manches in diesen Visionen mag aus christlicher Sicht frivol-grenzwertig sein, wenn aber man sieht, wie Rilke weiter gesucht und zu welchem religiösen Ernst es ihn in den Jahren vor und in seinem Sterben geführt hat, dann mag man nur wünschen, dass vergleichbare Wege so überaus ernsthaften Suchens mehr Menschen gehen mögen, Wege, die frei von einer normierten Religiosität sich der Wahrheit nähern, ohne Angst vor einen Blitze zürnenden Zeus, der nirgends anders als in ihnen selbst ist.

Es gibt die Ahnung, dass – um auf obiges Gedicht Rilkes Bezug zu nehmen – unser Reifen ein Reifen Gottes in uns sein könnte, das man nur, weil einem dieses Wort Gott zu abgegriffen ist, nicht so benennen möchte.

Und damit wird auch klar, warum Menschen immer mehr Probleme mit der Kirche haben. Das ist nicht ihr Gott, von dem dort gesprochen wird, den kennen Sie nicht.
Das ist nicht ihr Inneres, von dem dort gesprochen wird. Dieses Innere kennen sie nicht.

Gleiches geschieht übrigens auf politischen Feld, wenn SPD-Mitglieder erkennen: Das, was dieser Gabriel ablässt und was die Parteispitze initiiert oder in der Regierung mitmacht, das ist nicht das, was ich als sozialdemokratisch und sozial empfinde, und vielleicht ist die Zeit auch nicht mehr fern, dass Menschen in der CDU die Kanzlerin vom Acker jagen, weil sie merken: das ist nicht die Politik, die wir uns vorstellen. (Ich vermute, dass es in der CDU Frauen sein müssen, die das in Angriff nehmen, denn Männer hat die CDU keine mehr. Allerdings bitte nicht Frauen vom Schlage einer von der Leyen: das nämlich ist eine Merkel light, weil noch jünger, womöglich noch raffinierter, aber genauso machtversessen, alles mit ihrem maskenhaft sonnigen Lächeln kaschierend, so wie viele auf eine scheinbar naive Unbedarftheit einer Merkel hereinfielen, die nunmehr schon lange völlig abgehoben von den Bürgern regiert).

Zurück zu unserer Entwicklung (wenn wir denn wollen, dass es eine solche gibt), wie wir sie auch in einem Rilke finden:

Zwei Jahrzehnte, bevor er Anfang der 1920er Jahre den schrecklichen Engel der Duineser Elegien auftauchen lässt, der vor allem deshalb schrecklich ist, weil Rilke nun dessen Größe wahrzunehmen imstande und dazu bereit ist und er uns fast zeitgleich eine immer wieder auch versöhnte überkonfessionelle Religiosität in den Sonetten an Orpheus anbietet, finden wir ihn noch ganz anders, sich im Stundenbuch, seiner dreiteiligen Gedichtsammlung, fast auf eine Stufe mit Gott stellend:

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    Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manches Mal
    in langer Nacht mit hartem Klopfen störe, –
    so ists, weil ich dich selten atmen höre
    und weiß: Du bist allein im Saal.
    Und wenn du etwas brauchst, ist keiner da,
    um deinem Tasten einen Trank zu reichen:
    ich horche immer. Gib ein kleines Zeichen.
    Ich bin ganz nah.

    Nur eine schmale Wand ist zwischen uns,
    durch Zufall; denn es könnte sein:
    ein Rufen deines oder meines Munds –
    und sie bricht ein
    ganz ohne Lärm und Laut.

    Aus deinen Bildern ist sie aufgebaut.

    Und deine Bilder stehn vor dir wie Namen.
    Und wenn einmal in mir das Licht entbrennt,
    mit welchem meine Tiefe dich erkennt,
    vergeudet sichs als Glanz auf ihren Rahmen

    Und meine Sinne, welche schnell erlahmen,
    sind ohne Heimat und von dir getrennt.

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Viele Rilke-Leser fühlen sich von den Gedichten des 1899 bis 1902 verfassten Stundenbuches – geboren wurde Rilke übrigens 1875 – so angezogen, weil mit den Zeilen Rilkes Gott so nah an uns heranrückt, genauer gesagt: jenes Wesen, das Rilke als Gott bezeichnet.

Wer hier liest und nicht, nur weil er das Wort Gott liest, gleich blockieren muss, liest womöglich ganz viel von und über sich: Manchmal ist man sich so nah und kommt sich doch so entfernt vor und spürt womöglich mit Rilke, dass es da eine Wand gibt aus deinen Bildern, was suggeriert, es könnten Bilder Gottes sein. Das aber sind sie nunmal gewiss nicht! Es sind die eigenen! Und es ist ein religiöses alter ego, was da jenseits der Wand sich befindet, ein Teil von  uns. – Genau deshalb eben bleibt der mit Gott Sprechende heimatlos zurück.

Jeder Mensch, der Gott sagt – und mögen es 7 Milliarden sein – meint etwas Anderes.
Nicht ein einziger Gott gleicht dem Anderen.

Wie oft sprechen wir von uns als «Ich», ohne uns bewusst zu sein, dass es immer wieder ein anderes, ein sich veränderndes ist.

Niemand möchte in Wahrheit einem Anderen das berühmte Bleib so, wie du bist wünschen.

Es wäre der Tod im Leben.

Rilke war sich wohl von Beginn an der Wandlung Gottes in sich bewusst.

Und er hat sich erlaubt, dieser Wandlung Ausdruck zu verleihen. Das macht Rilke aus und seine zeitlose Aktualität, dass er seinen Lesern den Weg eines Suchenden bahnt.

Ohne dass vielen das bewusst werden mag, spüren sie es und lassen sich auf seine Worte ein, die auch den notwendigen Raum geben.

Rilkes Suchen überträgt sich auf seine suchenden Leser.

Und was sie auf jeden Fall mitnehmen: ein Gefühl der Offenheit, der Offenheit eines an sich selbst orientierten Orientieren-Wollens.

Wer sich mit Rilke beschäftigt hat, weiß, dass er sich nicht hat festlegen lassen.

Das war keine Beliebigkeit, die sich dahinter verbarg, sondern sein Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens, ohne das keine Entwicklung möglich ist.

Gleiches geschieht mit Menschen, die mit Faust bis zum Ende von Faust II gehen oder Goethes Märchen lesen, Horvaths Jugend ohne Gott, die großen Grimm-Märchen, mit Novalis die blaue Blume suchen und mit Wolfram von Eschenbach den Gral oder mit Ed Kennedy in Markus Zusaks Der Joker jenen ominösen Fremden, der ihm die Karten schickt, die sein Leben so verändern.

Rilke hat sich später übrigens von der Sicht des Stundenbuchs auf Gott distanziert, wie sie auch in jenem Gedicht zum Ausdruck kommt:

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Was wirst du tun, Gott, wenn ich sterbe?
Ich bin dein Krug (wenn ich zerscherbe?)
Ich bin dein Trank (wenn ich verderbe?)

Bin dein Gewand und dein Gewerbe,
mit mir verlierst du deinen Sinn.

Nach mir hast du kein Haus, darin
dich Worte, nah und warm, begrüßen.
Es fällt von deinen müden Füßen
die Samtsandale, die ich bin.

Dein großer Mantel lässt dich los.
Dein Blick, den ich mit meiner Wange
warm, wie mit einem Pfühl, empfange,
wird kommen, wird mich suchen, lange –
und legt beim Sonnenuntergange
sich fremden Steinen in den Schoß.

Was wirst du tun, Gott? Ich bin bange.

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Ich vermute, er hat wahrgenommen, wie viel Selbstüberschätzung in seinen Worten mitgeklungen haben mag, wenn er, durchaus an der ein oder anderen Stelle sehr bescheiden klingend, doch auch wiederum meint, dass Gott etwas brauche und jener ohne ihn seinen Sinn verliere.
Der Rilke der Duineser Elegien oder der Sonette an Orpheus wird ganz andere Töne finden. Dazu ein andermal mehr.

Vergessen wir nicht:

Wir stehen am Strand des Meeres und hören sein Rauschen und sagen: Das ist das Meer!
Aber was wir hören, ist nicht das Meer. Es ist ein klitzekleiner Ausschnitt des Meeres an einem belanglosen Strand und was wir hören, ist ein Rauschen an der Oberfläche im Rahmen dieses Ausschnittes.
Das Meer bis in seine Tiefen, die Weltmeere bis in ihre Tiefen hinein zu vernehmen, ist uns unmöglich.

Von Gott zu reden, gleichsam wie mit einem Vertrauten, entspricht oben angesprochenen Verhältnis zum Meer.
Was wissen wir vom Meer, seinem Rauschen in allen Tiefen?
Was wissen wir von Gott?

Wie also mit ihm umgehen?

Ein ehrliches Suchen würde uns zu richtigen Antworten auch in Bezug auf gesellschaftlich aktuelle Fragen und Probleme führen können. Es würde uns ein zutreffenderes Gespür für die Substanzlosigkeit vieler Politiker geben können und  uns intensiv suchen lassen nach jenen Menschen, die die Krisen der Zeit zu lösen vermögen. Merkel, Hollande und andere gehören meines Erachtens gewiss nicht dazu.

Wir finden sie, wenn wir suchen.

Suchen in einem umfassenden Sinn.

Wir sollten zudem begreifen, dass Menschen auf unserem Planeten sehr unterschiedlich sind und dass der primäre Unterschied nicht in ihrer unterschiedlichen Kaufkraft zu suchen ist oder, was die Länder betrifft, in deren unterschiedlichem Bruttosozialprodukt.

Menschen und Länder unterscheiden sich vor allem aufgrund der unterschiedlichen seelischen Entwicklung ihrer Bewohner. Wer das versteht, nutzt das zu keinem hybriden Überlegenheitsgefühl. Aber er schätzt die Realität angemessen ein und dringt auch nicht auf eine falsche Form der Vereinheitlichung.

Wir in Deutschland haben die Gnade der Geburt, an einem Fundus teilhaben zu dürfen, der die Grundlage, sprich Größe – und das ist nicht chauvinistisch gemeint – der Situation Deutschlands unter den Völkern der Welt ausmacht. Zu diesem Fundus gehören ein Rainer Maria Rilke und viele andere, deren Werte in unseren Schulen zunehmend nicht mehr vermittelt werden, weil für ständige Klausuren und Prüfungen vor allem abfragbares Wissen vermittelt wird – oft ist es aber nicht das, was junge Menschen wirklich brauchen, um ein Fundament für ihr Leben zu erhalten (man schaue sich mal den Klausurenplan der letzten beiden Schuljahre vor dem Abitur in Baden Württemberg an – Horror!).

Bislang ist es unseren Politikern – allen voran Angela Merkel (man kann ein Land nicht wie eine Finanzbehörde führen) – nicht gelungen, ihre eigene seelische Farblosigkeit und Indifferenz Deutschland erfolgreich überzustülpen.

Tragen wir Sorge, um es mit einem Bild Platons zu formulieren, dass jene bald unser Land führen, die dieser Höhle von Farblosigkeit und Indifferenz entkommen sind.

Seien wir Suchende!

Und tragen wir Sorge, dass in diesem Land weiterhin gesucht werden darf und kann.
Wenn in Asylunterkünften Menschen nicht mehr auf ihre christliche Weise Suchende sein dürfen und um ihre Gesundheit fürchten müssen, was mich doch ziemlich erschüttert hat, dann sollten wir schleunigst uns wieder bewusst sein, dass wirkliches Suchen immer auch ein Handeln einschließt. Gleichermaßen wäre es schrecklich für Muslime, wenn in ihnen potentielle Mörder gesehen würden.

Rilke war gewiss kein traditioneller Christ; ich bin mir nicht einmal sicher, ihn als solchen bezeichnen zu können. Immer wieder spricht er von Gott und Engeln, das aber, was ich als eine  Bewusstseinstufe bezeichne, die sich mir mit Christus verbindet, finde ich bei ihm nicht wirklich und wenn, dann in seinem Umkreisen der Liebe, wobei man wissen muss, dass er Glauben skeptisch gegenübersteht, weil, wie er schreibt, „(d)ieses Wort einen Nebensinn von Zwang, von Anstrengung angenommen hat, daß man fast nur noch die langen Mühen einer Bekehrung darin erkennt und vergißt, daß Glaube nur eine leise Färbung der Liebe ist, auf dejenigen Seite, mit der sie sich dem Unsichtbaren zukehrt“, weshalb er formuliert

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Erst muß man Gott irgendwo finden, ihn erfahren, als so unendlich, so überaus, so ungeheuer vorhanden –, dann sei’s Furcht, sei’s Staunen, sei’s Atemlosigkeit, sei’s am Ende – Liebe, was man dann zu ihm fasst, darauf kommt es kaum noch an (…)

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und zu dem Ergebnis kommt:

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[Das] Entscheidende ist nicht die barmherzige, milde Absicht, es ist das Sichfügen unter ein gebieterisches Diktat, das weder das Gute noch das Böse will (von dem wir so wenig wissen), sondern das uns ganz einfach befiehlt, unsere Gefühle, unsere Gedanken, all dieses Aufwallen unseres Daseins nach jener höheren Ordnung auszurichten, die uns so sehr übersteigt, daß sie niemals ein Gegenstand unseres Verstehens werden kann.

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Auf dem Hintergrund solcher Aussagen – nicht jeden Satz muss man teilen, das hätte Rilke gewiss nicht gewollt – sind er und seine Spiritualität mir so wertvoll. Sein suchendes Kreisen um den uralten Turm, sein Begreifen-Wollen, wie die Erde begreift, sein Sichfügen-Wollen unter einen Willen, der, wie Paulus es formulierte, höher ist denn alle Vernunft.

 

Welche Frau möchte nicht nach 27 Jahren gemeinsam verbrachter Lebenszeit diese Worte von ihrem Mann hören?

Goethe schrieb sie am 24. Mai 1815 auf der Fahrt nach Wiesbaden seiner Christiane, wohl wissend um deren Gesundheitszustand und vielleicht auch schon ahnend, dass er sie bald – in wenig mehr als zwölf Monaten – würde endgültig loslassen müssen.

Kaum ein Liebesgedicht ist unbekannter als jenes, an dessen Ende sich obige Worte finden, und das, obwohl es sich in einer der weltweit bekanntesten Gedichtsammlungen, dem West-Östlichen Divan, und dort im Buch der Parabeln findet. Vielleicht findest Du, lieber Leser, auch, dass es wert wäre, bekannter zu sein:

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Bei Mondeschein im Paradeis
Fand Jehova im Schlafe tief
Adam versunken, legte leis
Zur Seit ein Evchen, das auch entschlief.

Da lagen nun, in Erdeschranken,
Gottes zwei lieblichste Gedanken. –
Gut !!! rief er sich zum Meisterlohn,
Er ging sogar nicht gern davon.

Kein Wunder, daß es uns berückt,
Wenn Auge frisch in Auge blickt,
Als hätten wirs so weit gebracht,
Bei dem zu sein, der uns gedacht.
Und ruft er uns, wohlan, es sei!
Nur, das beding ich, alle zwei.
Dich halten dieser Arme Schranken,
Liebster von allen Gottes-Gedanken.

 .

Vielleicht liegt es daran, dass die Zeilen wie hingeworfen wirken, gleichsam mit lockerer Hand unterwegs in der holpernden Kutsche verfasst. Man höre und lese nur, wie es den Jambus immer wieder durchrüttelt und ist es nicht ein gar kindlicher Zugriff, den der damals 65-Jährige auf das göttliche Schöpfungswerk nimmt, wenn er von Eva im Diminutiv spricht, den gerade eben erst erschaffenen Mond scheinen lässt und mit Paradeis das Ganze ein wenig weihnachtlich überzuckert! Wie köstlich nah und menschlich wirkt Gott auf uns, wenn er, sich gleichsam selbst auf die Schultern klopfend, meisterlich findet und sich ganz offensichtlich angesichts der beiden Schlafenden kaum von ihnen trennen mag.

Nur wer sich dem Gedicht so zuwendet wie Gott seinen zwei lieblichsten Gedanken – wie goldig müssen Adam und sein Evchen auch dagelegen sein -, wird gewahr, wie sehr es um Liebe weiß und was es bedeutet, wenn sich Liebende ansehen, dass sie nämlich gleichsam bei Gott und in dieser Liebe göttlich sind, in ihrer Liebe und in dieser Blickverbindung bei dem seiend, der sie geschaffen hat.

Der mag wohl auch dessen gewahr werden, wie sehr Goethe es versteht, Leben in seine Zeilen hineinzubringen, indem er erst Gott sprechen lässt, dann auch die Sicht von Liebenden einblendet, indem er von uns und wirs spricht und die des lyrischen Ichs, dem Gott sicherlich nachsehen wird, dass es wagt, eine Bedingung zu stellen, nämlich, dass ab sofort alles nur für beide Liebenden gelten mag.

Schlussendlich aber wendet sich Wolfgang seiner Christiane zu. Und seine Worte sind einfach umwerfend, umwerfend zärtlich und liebevoll, wenn er schlicht die Tatsache benennt, dass seine Arme die Geliebte halten, die für ihn der liebste aller Gottes-Gedanken ist.

Welch eine Wertschätzung:

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Dich halten dieser Arme Schranken,
Liebster von allen Gottes-Gedanken.

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Wer um den biographischen Hintergrund weiß, liest mit den Augen Christianes, die diesen Mann, wie das vielleicht keine andere vermocht hätte, erden konnte und mit der er wahrlich liebte, Liebe genoss und lebte und auch bisweilen in ihren Armen dichtete, wie er selbst schreibt.

Und Gott sah an alles, was er geschaffen hatte, und siehe, es war sehr gut, so heißt es in der Bibel. Das mag auch der Grund sein, warum Goethe, ursprünglich Gottesgedanken titelnddem Gedicht die Überschrift Es ist gut gab.
Es ist wirklich gut. Das wollte Goethe seiner Christiane schreiben und das zu vermitteln mag ihm wirklich gelungen sein.
Er sandte diese Zeilen wohl in einem Brief mit, in dem er ihr vom Fortgang der Reise berichtet, dass er in Erfurt um halb 7 eingetroffen sei, in Gotha um 11, in Eisenach um drei Uhr.
Gewiss mag es auf diesem Hintergrund rätselhaft und hartherzig erscheinen, dass Goethe Christiane allein sterben ließ und nicht einmal zu ihrem Begräbnis ging. Johanna Schopenhauers Worte über das Sterben Christianes sind so erschütternd, dass ich sie hier nicht wiedergeben mag.

Aber wir wissen, wie wenig Goethe mit dem Sterben klarkam und wissen auch um seine erschütternden vier Zeilen angesichts des Todes von Christiane, die sich auch auf ihrem Grab finden:

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Du versuchst, o Sonne, vergebens
Durch die düstren Wolken zu scheinen:
Der ganze Gewinn meines Lebens
Ist, ihren Verlust zu beweinen.

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Ihren Verlust: der grammatikalisch mögliche Bezug mag Sonne sein. Goethe aber verschlüsselt auf diese Weise nur seinen Schmerz darüber: Meine Sonne war Christiane.

Wer mit dem Weimarer Geheimen Rat in der Folge zusammenkam, hat die tiefe Erschütterung und Ratlosigkeit, die Goethe ergriffen hatte, wahrgenommen und bestätigt.

Vergessen wir auch nicht, wie sehr er ein Leben lang zu Christiane stand, die ob ihrer Herkunft von der Weimarer Gesellschaft selbst nach ihrer Heirat mit Goethe zwar dann nicht mehr naserümpfend, aber dennoch wie eine nur widerwillig Akzeptierte aufgenommen wurde. Nie ist Goethe auch nur einen Schritt von ihrer Seite gewichen. Sicherlich gab es Frauen in seinem Leben – ich denke an Marianne von Willemer oder Frau von Stein – die ihm seelenverwandter zu sein schienen, aber das war es nicht allein, was Goethes Lieben ausmachte, sonst hätte er nicht noch 72-jährig seinen Herzog eingespannt, um der 17-jährigen Ulrike in Marienbad einen Heiratsantrag machen zu wollen, ein Ansinnen, das deren Mutter mit ihren beiden Töchtern nach Karlsbad fliehen ließ, was Goethe dazu bewog, den Dreien nachzureisen – bevor er dann zur Einsicht kam. Wir verdanken dieser Liebe die Marienbader Elegie – die er übrigens auch in einer Kutsche, nämlich auf der Fahrt von Karlsbad nach Hause, schrieb – und jene fast überirdisch schönen und wahren Zeilen, wie sehr Frommsein und Liebe Hand in Hand gehen, ein Umstand, der uns heutzutage ganz besonders berühren mag, wenn wir sehen, in welch heruntergekommener Verfassung „Liebe“ in unserer Zeit daherkommt.

Inmitten der Marienbader Elegie jedenfalls heißt es, zu Beginn auf eine Bibelstelle aus dem Brief des Paulus an die Philipper anspielend:

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Dem Frieden Gottes, welcher euch hienieden
Mehr als Vernunft beseliget — wir lesen’s —,
Vergleich ich wohl der Liebe heitern Frieden
In Gegenwart des allgeliebten Wesens;
Da ruht das Herz, und nichts vermag zu stören
Den tiefsten Sinn, den Sinn, ihr zu gehören.

In unsers Busens Reine wogt ein Streben,
Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten
Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben,
Enträtselnd sich den ewig Ungenannten;
Wir heißen’s: fromm sein! — Solcher seligen Höhe
Fühl ich mich teilhaft, wenn ich vor ihr stehe.

.

Goethes Lieben kommen sehr oft schlicht und einfach gehalten daher und man muss ihre Größe in den einfachen Worten entdecken. So wie man Liebe auch in Anderen entdecken muss, denn nie ist Liebe von vornherein in ganzer Fülle da. – Wie sollte das möglich sein?

Dieses Schlicht-und-einfach-gehalten-Sein gilt für das Heideröslein, für Margaretes Thule-Lied oder für Klärchens Lied, das sie ihrem Egmont singt, das wir im gleichnamigen Trauerspiel finden, bekannt durch Beethovens Vertonung, im Grunde gar kein eigenständiges Gedicht, und doch so einfach wie wahr, so einfach und wahr und in allen Gegensätzen so natürlich, wie Liebe ist. Es mag uns deutlich machen, wie sehr unserer Zeit das Bewusstsein für den Wert des Einfachen, Schlichten verloren gegangen ist und wie groß dieser Verlust ist:

.

Freudvoll
und leidvoll,
Gedankenvoll sein,
Langen
Und bangen
In schwebender Pein,
Himmelhoch jauchzend,
Zum Tode betrübt;
Glücklich allein
Ist die Seele, die liebt.

.

.

.

In der deutschen Literatur haben Gedichte zum Thema Widerstand durchaus eine Tradition und es gibt einige, die mich besonders beeindruckt haben; eines der ersten – ich habe es auswendig gelernt und nicht mehr vergessen – war Peter Rühmkorfs Bleib erschütterbar und widersteh mit dieser markanten ersten Strophe:

.

……….Also heut: zum Ersten, Zweiten, Letzten:
……….Allen Durchgedrehten, Umgehetzten,
……….was ich, kaum erhoben, wanken seh,
……….gestern an- und morgen abgeschaltet:
……….Eh dein Kopf zum Totenkopf erkaltet:
……….Bleib erschütterbar – doch widersteh!

.

Wie ist das mit dem Widerstehen? Einem Christen ist Widerstand verboten, heißt es doch in der Bibel, im 5. Kapitel des Matthäus-Evangeliums Widerstehet nicht dem Bösen, und Jesus fordert sogar auf, wenn jemand einem auf die eine Backe schlägt, ihm auch die andere darzubieten!

So leicht aber lässt sich dieses Thema nicht abtun, denn es ist schließlich Jesus höchstpersönlich, der den Pharisäern, wenn sie ihn mal wieder über den Tisch ziehen wollen, Widerstand leistet und sie wiederholt auf durchaus kompromittierende Weise abfahren lässt!

Nun kann man darüber streiten, ob das Widerstand ist, aber solch ein Streit ist sophistisch, an den Haaren herbeigezogen. Jesus weicht jedenfalls in diesen Situationen keinen Zentimeter und manches Mal begegnet er diesen kopfgesteuerten, verbohrten und herzlosen Theologen mit sokratischer Schärfe, sie durch eine einzige Frage bloßstellend. Niemand kann in solchen Situationen das Florett meisterlicher führen als Jesus. Für mich ist das genialer Widerstand.

Und ist es nicht eine einfache Frau aus Kanaan – sie ist eine der Personen, die ich mit am meisten bewundere -, die nicht nur dem Bösen, sondern sogar dem Göttlichen sich erlaubt Widerstand entgegenzusetzen, indem sie nicht akzeptiert, dass Jesus es ablehnt, ihre Tochter zu heilen. Auch sie gibt nicht nach, nachzulesen im 15. Kapitel des Matthäus-Evangeliums, leistet außerordentlichen Widerstand, obwohl Jesus sie allem Anschein nach beleidigt und, weil sie nicht zu den verlorenen Schafen Israels zählt, als Heide mit einem Hund vergleicht. Doch ihre Antwort ist so schlagkräftig und geistvoll, dass Jesus ihr nachgibt, ihren Widerstand sogar Glauben nennt und schlicht sagt: Dir geschehe, wie du willst.

Und wird nicht Dietrich Bonhoeffer auf der Gedenktafel an der Berliner Zionskirche völlig zu Recht als Widerstandskämpfer bezeichnet und heißt nicht das Buch, in dem seine Gedanken veröffentlicht sind Widerstand und Ergebung!
Sokrates ergab sich nicht den Fluchtmöglichkeiten; auch Jesus hätte das Tor Gethsemanes von außen schließen und Judas samt seinen Spießgesellen ins Leere laufen lassen können.
Dennoch bleibt der Unterschied, der zwischen diesen beiden gewaltigen Menschen besteht, um es mit den Worten Bonhoeffers zu formulieren:

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……….Sokrates überwand das Sterben. Christus überwand den Tod.

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Wer glaubt, sich in das Wahre ergeben und sein Ego und Widersachermächte überwinden zu können ohne die Fähigkeit, Widerstand leisten zu können, hat wohl das menschliche Leben nicht verstanden.

Rühmkorf (1929 – 2008) jedenfalls schließt sein Gedicht mit folgenden Zeilen ab:

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……….Widersteht! im Siegen Ungeübte;
……….zwischen Scylla hier und dort Charybde
……….schwankt der Wechselkurs der Odyssee . . .
……….Finsternis kommt reichlich nachgeflossen;
……….aber du mit — such sie dir! — Genossen!
……….teilst das Dunkel, und es teilt sich die Gefahr,
……….Leicht und jäh —
……….Bleib erschütterbar –
……….Bleib erschütterbar – und widersteh.

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Vielleicht sollten wir im Zeitalter von TTIP und zunehmender Verflachung des Lebens auf ganz neue Weise Widerstand leisten lernen, wenn auch bitte erfolgreicher als Georg Herwegh seinerzeit, in der Zeit des Vormärz, vor der Märzrevolution 1848 also, damals einer der meistgelesenen und bekanntesten Lyriker Deutschlands, der sich immerhin ein Heer zusammenstellte, selbst eingreifen wollend, dann allerdings kläglich scheiternd. Immerhin hinterließ er uns einen Aufruf, der es in sich hat, weist er doch sich selbst wie alle Dichterkollegen darauf hin, dass es nun Wichtigeres zu tun gibt, als Verse zu schreiben – die ersten beiden Strophen lauten:

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……….Reißt die Kreuze aus der Erden!
……….Alle sollen Schwerter werden,
……….Gott im Himmel wird’s verzeihn.
……….Laßt, o laßt das Verseschweißen!
……….Auf den Amboß legt das Eisen!
……….Heiland soll das Eisen sein.

……….Eure Tannen, eure Eichen –
……….Habt die grünen Fragezeichen
……….Deutscher Freiheit ihr gewahrt?
……….Nein, sie soll nicht untergehen!
……….Doch ihr fröhlich Auferstehen
……….Kostet eine Höllenfahrt.

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Und er schließt sein Gedicht ab:

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……….Reißt die Kreuze aus der Erde!
……….Alle sollen Schwerter werden,
……….Gott im Himmel wird’s verzeihn.
……….Gen Tyrannen und Philister!
……….Auch das Schwert hat seine Priester,
……….Und wir wollen Priester sein!

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Wenn auch viele Georg Herwegh mit seinem Scheitern der Lächerlichkeit preisgegeben sahen und manche, das Kreuz auf Herweghsche Weise in den Dienst des Schwertes stellen zu wollen, als unangemessen empfinden mögen, können wir heute Männer bewundern, die so kraftvoll schrieben und handelten. Vergleicht man sie mit unseren heutigen Politikern, die – wie unser Außenminister – bis zum Anschlag diplomatisch, das heißt, die Wahrheit verleugnend, nicht einmal den Mut haben, einen Genozid, den an den Armeniern nämlich, Völkermord zu nennen, oder wie die Bundeskanzlerin, die anderen den Vortritt lässt, wenn es darum geht, sich schützend vor Abgeordnete des Deutschen Bundestages zu stellen, die türkischer Abkunft sind und von einem Flegel beleidigt werden, dann wünscht man sich einfach Menschen wie Sokrates, Jesus, Herwegh, Gandhi, Martin Luther King oder vom Schlag eines Pidder Lüng.

Detlev von Liliencron deutet schon an, um was es im Folgenden geht, die freiheitlichen Gewohnheitsrechte der friesischen Bevölkerung seiner Ballade voranstellend:

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……….Frei ist der Fischfang, / frei ist die Jagd, / frei ist der Strandgang, / frei ist die Nacht, ………./ frei ist die See an der Hornemmer (also der Hörnumer) Reede.

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Das Gedicht setzt ein mit einer Selbstinszenierung des Amtmannes aus dem dänischen Tondern namens Henning Pogwisch, der sich absolut großkotzig gibt und in der Folge sich auch entsprechend verhalten wird, wobei er sich bei seiner Aktion, die offensichtlich zahlungsunwilligen Friesen zu zähmen, kirchlichen Beistandes in Form eines Priesters versichert. Absolut ekelhaft ist sein Verhalten, als er, die Friesen aufs Höchste demütigen wollend, in deren Mittagessen spuckt. Wir wissen bekanntlich aus jüngstem Anschauungsunterricht, wie flegelhaft sich solche Chauvis verhalten können, Worte als Tatwaffe benutzend.

Womit der dänische Amtmann jedoch nicht gerechnet hat:

mit einem Mann, mit Pidder Lüng.

Wer Detlev von Liliencrons Zeilen über Pidder Lüng kennt, vergisst diesen Mann und diese Ballade wahrscheinlich nicht mehr und ich möchte sie hier, wie im Rahmen meiner Ausführungen zu seinem Gedicht Schöne Junitage angekündigt, nachreichen. Mir ging und geht es jedenfalls so, ich vergesse seine Strophen nicht, und noch ihre Gestaltung finde ich meisterlich, fällt sie doch metrisch bewusst und gekonnt immer wieder aus dem Rahmen, so wie man sich manches Mal wünschte, dass Menschen aus dem Rahmen fallen, wenn es Not tut, Grenzen zu sprengen, um Hochmut und Machtgelüsten ein Ende zu bereiten.
Und warum die Ballade noch so wirkt, liegt für mich daran, wie sich Liliencron als lyrischer Erzähler selbst immer wieder einbringt, so, wenn er mit heißem Herzen formuliert:

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O Wort, geh nicht unter:
Lewwer duad üs Slaav!

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Lieber tot als Sklave:

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Pidder Lüng

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……………..Frii es de Feskfang,
……………..Frii es de Jaght,
……………..Frii es de Strönthgang,
……………..Frii es de Naght,
……………..Frii es de See, de wilde See
……………..En de Hörnemmer Rhee.

Der Amtmann von Tondern, Henning Pogwisch,
Schlägt mit der Faust auf den Eichentisch:
Heut fahr ich selbst hinüber nach Sylt,
Und hol mir mit eigner Hand Zins und Gült.
Und kann ich die Abgaben der Fischer nicht fassen,
Sollen sie Nasen und Ohren lassen,
Und ich höhn ihrem Wort:
Lewwer duad üs Slaav.

Im Schiff vorn der Ritter, panzerbewehrt,
Stützt sich finster auf sein langes Schwert.
Hinter ihm, von der hohen Geistlichkeit,
Steht Jürgen, der Priester, beflissen, bereit.
Er reibt sich die Hände, er bückt den Nacken.
Der Obrigkeit helf ich, die Frevler packen,
In den Pfuhl das Wort:
Lewwer duad üs Slaav.

Gen Hörnum hat die Prunkbarke den Schnabel gewetzt,
Ihr folgen die Ewer, kriegsvolkbesetzt.
Und es knirschen die Kiele auf den Sand,
Und der Ritter, der Priester springen ans Land,
Und waffenrasselnd hinter den beiden.
Entreißen die Söldner die Klingen den Scheiden.
Nun gilt es, Friesen:
Lewwer duad üs Slaav!

Die Knechte umzingeln das erste Haus,
Pidder Lüng schaut verwundert zum Fenster heraus.
Der Ritter, der Priester treten allein
Über die ärmliche Schwelle hinein.
Des langen Peters starkzählige Sippe
Sitzt grad an der kargen Mittagskrippe.
Jetzt zeige dich, Pidder:
Lewwer duad üs Slaav!

Der Ritter verneigt sich mit hämischem Hohn,
Der Priester will anheben seinen Sermon.
Der Ritter nimmt spöttisch den Helm vom Haupt
Und verbeugt sich noch einmal: Ihr erlaubt,
Daß wir euch stören bei euerm Essen,
Bringt hurtig den Zehnten, den ihr vergessen,
Und euer Spruch ist ein Dreck:
Lewwer duad üs Slaav.

Da reckt sich Pidder, steht wie ein Baum:
Henning Pogwisch, halt deine Reden im Zaum.
Wir waren der Steuern von jeher frei,
Und ob du sie wünschst, ist uns einerlei.
Zieh ab mit deinen Hungergesellen,
Hörst du meine Hunde bellen?
Und das Wort bleibt stehn:
Lewwer duad üs Slaav!

Bettelpack, fährt ihn der Amtmann an,
Und die Stirnader schwillt dem geschienten Mann:
Du frißt deinen Grünkohl nicht eher auf,
Als bis dein Geld hier liegt zu Hauf.
Der Priester zischelt von Trotzkopf und Bücken,
Und verkriecht sich hinter des Eisernen Rücken.
O Wort, geh nicht unter:
Lewwer duad üs Slaav!

Pidder Lüng starrt wie wirrsinnig den Amtmann an,
Immer heftiger in Wut gerät der Tyrann,
Und er speit in den dampfenden Kohl hinein:
Nun geh an deinen Trog, du Schwein.
Und er will, um die peinliche Stunde zu enden,
Zu seinen Leuten nach draußen sich wenden.
Dumpf dröhnts von drinnen:
Lewwer duad üs Slaav!

Einen einzigen Sprung hat Pidder gethan,
Er schleppt an den Napf den Amtmann heran,
Und taucht ihm den Kopf ein, und läßt ihn nicht frei,
Bis der Ritter erstickt ist im glühheißen Brei,
Die Fäuste dann lassend vom furchtbaren Gittern,
Brüllt er, die Thüren und Wände zittern,
Das stolzeste Wort:
Lewwer duad üs Slaav!

Der Priester liegt ohnmächtig ihm am Fuß,
Die Häscher stürmen mit höllischem Gruß,
Durchbohren den Fischer und zerren ihn fort,
In den Dünen, im Dorf rasen Messer und Mord.
Pidder Lüng doch, ehe sie ganz ihn verderben,
Ruft noch einmal im Leben, im Sterben
Sein Herrenwort:
Lewwer duad üs Slaav !

 

Natürlich provoziert solch eine Ansage eine gedankliche Gegenbewegung und Du magst als Leserin oder Leser nun genauer hinschauen: Ist das Gedicht denn wirklich so langweilig wie apostrophiert?
Aber mal ehrlich: Wenn ein Gedicht Schöne Junitage überschrieben ist und der Verfasser Detlev heißt, dann ist man – alle mentalen Rasterungen natürlich grundsätzlich scharf verurteilend – schon geneigt, rasch weiterzublättern.
Es könnte schade sein, könnte das Gedicht doch eine existentielle Frage stellen, um deren Beantwortung wir uns womöglich gern zu drücken versucht hätten.
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Noch eines vorweg: Wir bezeichnen als aufregend, wenn viel geschieht, wenn Assad auf seine Landsleute Nagel-Bomben regnen lässt, Flüchtlinge massenweise ertrinken, der Präsident der Europäischen Union mal wieder betrunken im Fernsehen auftaucht oder Horst Seehofer großbubenmäßig Angela Merkel düpiert. Für unser Inneres allerdings ist das überhaupt nicht aufregend. Aufregend ist dort, was die Seele in der Tiefe bewegt, die inneren Wasser in der Tiefe wogen lässt. Das allerdings kommt bei den meisten Menschen weit weniger oft als angenommen vor und die üblichen oft auch noch medial inszenierten Stürme an der Wasseroberfläche täuschen gern darüber hinweg – und sollen vielleicht auch darüber hinwegtäuschen -, dass sich im Inneren kaum etwas abspielt; Gegenteiliges wäre nämlich eine Qualität der Seele, die heute durch die Mechanismen unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit zunehmend im Abnehmen begriffen ist. Wirkliche Gefühle legen sich nicht von selbst frei, man kann auch keinen Bagger bestellen, um sie freischaufeln zu lassen; nein, man muss niederknien und mit bloßen Händen nach ihnen graben.

Schauen wir also nach dem langweiligen Gedicht, ob es wenigstens die Oberfläche kräuseln kann; es beginnt:

 

Mitternacht, die Gärten lauschen,
Flüsterwort und Liebeskuss,
Bis der letzte Klang verklungen,
Weil nun alles schlafen muss –
…………Flussüberwärts singt eine Nachtigall.

…………

Für manchen vermag sich das Gedicht in die imposante Reihe deutschsprachiger Mitternachtsgedichte einzureihen, denn eindrücklicher als an der Satzspitze zu Beginn eines Gedichtes könnte die Tages- bzw. Nachtzeit kaum in den Mittelpunkt gerückt sein. Wir kennen womöglich Balladen wie Goethes Totentanz (Der Türmer, der schaut zu Mitten der Nacht / Hinab auf die Gräber in Lage …) oder Heines Belsazar (Die Mitternacht zog näher schon, / In stiller Ruh´ lag Babylon …), Mörikes Um Mitternacht mit seiner phänomenalen Personifikation zu Beginn (Gelassen stieg die Nacht an Land, / Lehnt träumend an der Berge Wand …), des Weimarer Altmeisters Lieblingsgedicht (Um Mitternacht ging ich, nicht eben gerne / Klein, kleiner Knabe, jenen Kirchhof hin / zu Vaters Haus, des Pfarrers …) oder Enzensbergers so eindrückliche, fünf Strophen umfassende befragung um mitternacht (wo, die meine hand hält, gefährtin, / verweilst du, durch welche gewölbe / geht, wenn in den türmen die glocken / träumen, dass sie zerbrochen sind, / dein herz?).
…………
Detlev von Liliencrons prosaische und dramatische Versuche sind nach dem Urteil der meisten Germanisten zu Recht in der Versenkung des Vergessens verschwunden, nicht aber seine Lyrik; eine der eindrücklichsten Balladen, die ich kenne, stammt von ihm und ich werde sie hier demnächst wieder in Erinnerung bringen, sie ist es wert; und bei genauerem Hinschauen gilt dies auch für dieses Gedicht mit lyrischen Feinheiten, die man einem Mann so ohne Weiteres gar nicht zutraut, der genauso gern den Schreibstift wie das Gewehr in der Hand hielt. Einige Jahre war er Soldat und wäre es gern länger geblieben, wenn er nicht – und beim zweiten Mal dann endgültig – wegen zu hoher Schulden seinen Abschied hätte nehmen müssen.
So evozieren die lauschenden Gärten sofort ein intensives Bild durch ihre Personifikation – Gärten lauschen in unserem Bewusstsein nun einmal gewöhnlich nicht -, irritiert jedoch unmittelbar im Anschluss der zweimalige Singular von Flüsterwort und Liebeskuss leise, wo doch von Gärten gerade noch im Plural zu lesen war, und wirkt die figura etymologica von Klang und verklungen intensivierend. Vor allem aber tut dies auf überraschende Weise die fünfte Zeile durch ihre metrische Gegenbewegung und eine ebenso überraschende Wortschöpfung – flussüberwärts ist nun wirklich ein ganz und gar ungewöhnliches Wort, das im Zusammenhang mit einem Vogel, der ohnehin in seinem Namen Klangmagisches mit sich bringt, förmlich dazu zwingt, sich ein Bild zu machen von dieser mitternächtlich-örtlichen Gegebenheit.
Überhaupt ist der Tonfall ungewöhnlich, was sicherlich zum einen der vierhebige Trochäus bewirkt, auch die etwas ungewöhnliche Reimform der ersten vier Zeilen von a-b-c-b, vor allem aber auch die Tatsache, dass den temporalen und kausalen Nebensätzen der Verse 3 und 4 drei verkürzte Hauptsätze in zwei Zeilen vorausgehen, die kompakter, verdichteter ein Dichter kaum gestalten kann: Es ist Mitternacht, die Gärten lauschen, und wir hören und fühlen Flüsterwort und Liebeskuss.
Das ist in ihrer vorliegenden Gestaltung hohe Poesie!

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Und es geht weiter:

 

Sonnengrüner Rosengarten,
Sonnenweiße Stromesflut,
Sonnenstiller Morgenfriede,
Der auf Baum und Beeten ruht –
…………Flussüberwärts singt eine Nachtigall.
…………

Auch hier – wie übrigens im ganzen vierstrophigen Gedicht – finden wir den vierhebigen Trochäus mit derselben Reimform; der Nachsatz der fünften Zeile beginnt sich als Refrain zu erweisen und auf drei ebenso verkürzte Hauptsätze folgt diesmal ein Nebensatz, ein Relativsatz, durch seine Alliteration (Baum – Beete) Aufmerksamkeit einfordernd wie ebenso durch die Personifikation des Friedens, der auf jenen ruht.
Selten, dass eine Strophe klanglich so meisterhaft gestaltet ist: Das bewirken nicht nur die anaphorischen Sonnen-Auftakte, sondern auch die assonanten Wortfolgen mit den alternierenden o-e-Lauten (Rosen-/Stromes-/Morgen-), wobei auch hier, wie schon in flussüberwärts im Grunde Wortneuschöpfungen – man spricht von Neologismen – vorliegen, zumindest in sonnengrün und sonnenstill, wobei in stiller und friede ebenfalls eine klangliche Assonanz der i-e-Laute unser Unbewusstes anspricht.
Und wieder wird auf die andere Seite des Flusses verwiesen, obwohl doch schon die Seite, auf der sich das nicht genannte, aufmerksam beobachtende lyrische Ich befindet, so viel Eindrückliches zu bieten hat, allerdings: drüben, flussüberwärts singt jener nachtmagische Vogel.

 

Straßentreiben, fern, verworren,
Reicher Mann und Bettelkind,
Myrtenkränze, Leichenzüge,
Tausendfältig Leben rinnt –
…………Flussüberwärts singt eine Nachtigall.

…………

Stilistisch fast noch verknappter fallen die entweder nachgestellten oder vorgezogenen unflektierten Adjektiv-Adverbien besonders auf (fern, verworren, tausendfältig), auch durch ihre inhaltlichen Konnotationen, das also, was sie uns inhaltlich assoziieren lassen. Ganz besonders kommt hier aber ein besonderes Element zum Tragen: die Kontraststrukturen, sehr offensichtlich in Reicher Mann und Bettelkind, nicht weniger auffallend aber auch in Myrtenkränze, Leichenzüge, wissen wir doch, dass der Göttin der Liebe, also Aphrodite, die Myrte geweiht war und seit Alters her Brautjungfern mit Myrtenkränzen geschmückt wurden. Obwohl Leben jedoch so tausendfältig sein kann, es rinnt unweigerlich, daran gemahnen auch die Leichenzüge.
…………
16 Worte, Wort für Wort existentiell; noch das Singen der Nachtigall erweist sich als ein Hinweis, dass jedes Leben ein Überschreiten einer Wassergrenze, und sei es die des Acheron, des Flusses der Unterwelt, beinhaltet.

Ich möchte vorwegnehmen, dass die vierte und letzte Strophe den Leser vollkommen überrascht. Die Journalistin Christa Melchinger schreibt zu ihr: die letzte Strophe mit ihrer altbackenen Symbolik schleppt sich kaum über die Jahrhundertwende. Ich lasse sie für mich einfach weg. Den Refrain nehme ich mit in Kauf, des lockenden „Flußüberwärts“ wegen.
So kann man schreiben, nur: Dem Menschen und Dichter Detlev von Liliencron wird man gewiss auf diese Weise nicht gerecht.

 

Langsam graut der Abend nieder,
Milde wird die harte Welt,
Und das Herz macht seinen Frieden,
Und zum Knaben wird der Held –
…………Flussüberwärts singt eine Nachtigall.

…………

Natürlich hätte von Liliencron eine vierte Strophe im Stil der ersten drei schreiben können. Problemlos. Gezeigt, dass er es kann, hat er. Nur: Er tat es nicht! Den Bruch wird er genauso gespürt haben. Den vierhebigen Trochäus behält er bei, nur die Reimform ändert sich hin zu a-b-a-b, denn sowohl nieder und Frieden sowie Welt und Held sind konsonantisch unreine Reimwörter, eben aber doch Reime.
Warum diese so anders, so rührselig anmutende vierte Strophe?
Natürlich hätte ich mir die letzte Strophe auch meisterlich geschrieben vorstellen können wie die ersten drei. Ihr Ton ist in der Tat romantischer Allerweltston; ein bisschen Eichendorff-Versatz.

Wenn es denn nicht so wäre, dass sie eindeutig ein Bedürfnis Detlev von Liliencrons zum Ausdruck brächte! In seinem Wesen und seinen Gedichten lässt sich immer wieder ein romantischer Hang zum Leben auf dem Land erkennen; dem modernen Großstadtleben und seinen Zutaten konnte er wenig abgewinnen.

Vielleicht muss deshalb ein Gedicht, das, einen Tagesverlauf abbildend, ungewöhnlicherweise zum Zeitpunkt der Mitternacht beginnt, in der zweiten Strophe dem Morgenfrieden huldigt, in der dritten uns des mittäglichen Treibens gewahr werden lässt, die letzte, die Strophe, die dem Abend gilt, wenn sie ein Mensch namens Liliencron gestaltet, so zu Ende kommen, nicht in sprachlich für damalige Verhältnisse fast avantgardistischem Gewand wie in Strophe 1 bis 3, sondern schlicht zur Ruhe kommend, Frieden findend.

Mit dem Abend also endet dieses Gedicht, und immer und immer wieder begleitet den Verlauf der Zeit eine Nachtigall, von der anderen Seite des Flusses her singend. Sieht man von dem Refrain und den Sonnen sowie Artikeln und Konjunktionen ab, wiederholt sich bis dato kein Wort; hier jedoch wird der Frieden der zweiten Strophe wieder aufgenommen. Und das für mich am meisten Aufmerksamkeit einfordernde Wort ist Milde; beide sind mittels ihrer i(e)- und e-Lauten klanglich nicht zufällig einander verwandt.

Wieder ist eine Tageszeit personifiziert, der Abend graut, ja, die Welt ist es ebenfalls, sie wird milde, und das Herz, als pars pro toto, als Teil fürs Ganze, steht für den Menschen dieser Tage, auch für Liliencron, der sich wünscht, was er hier schreibt. Ich meine zu spüren, wie wichtig es ihm war, der harten Welt diese Milde des Abends entgegenzusetzen, und sei es um den Preis der bisherigen stilistischen Meisterschaft.

Das Kind, das zum Helden wird, lässt abschließend den Zeitgenossen Nietzsche und seine drei Verwandlungen des Geistes aus Also sprach Zarathustra anklingen, vom Kamel, zum Löwen, zum Kind, aber eben auch ein Wort, um das damals noch Menschen wussten: Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder!

Ein Held muss man sein, um das am Abend, am Lebensabend werden zu können.

Kein langweiliges Gedicht und man kann es Wort für Wort zum Abschluss noch einmal als Ganzes lesen, nun in besonderem Maße wissend um all das, was es an Form und Inhalt enthält.

Und es zeigt sich, dass scheinbar langweilige Gedichte sehr existentielle Fragen stellen können, z.B. die: Was ist mit meinen Junitagen?

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Werden sie nur äußerlich aufregend sein, wie oben angesprochen, oder werden es Junitage sein, die uns auf dem Weg zum Kinde, zum Helden reifen lassen, das heißt, dem Leben zu begegnen, wie es ist, wobei wir als Held wissen sollten um unsere besondere Geburt, unser jugendliches Erwachen, unser Reifen, unser konstruktives lebensvolles Handeln und unser bewusstes Sterben-Wollen.

Leben wir bewusst die kommenden Junitage! Reifen wir mit dem Obst und den Früchten des Feldes! Oft geschieht es unbewusst – wenn wir nur wollen.

Gut ist es, immer wieder innezuhalten; vielleicht hören wir flußüberwärts die Nachtigall:

 

Mitternacht, die Gärten lauschen,
Flüsterwort und Liebeskuss,
Bis der letzte Klang verklungen,
Weil nun alles schlafen muss –
…………Flussüberwärts singt eine Nachtigall.
…………
Sonnengrüner Rosengarten,
Sonnenweiße Stromesflut,
Sonnenstiller Morgenfriede,
Der auf Baum und Beeten ruht –
…………Flussüberwärts singt eine Nachtigall.
…………
Straßentreiben, fern, verworren,
Reicher Mann und Bettelkind,
Myrtenkränze, Leichenzüge,
Tausendfältig Leben rinnt –
…………Flussüberwärts singt eine Nachtigall.
…………
Langsam graut der Abend nieder,
Milde wird die harte Welt,
Und das Herz macht seinen Frieden,
Und zum Knaben wird der Held –
…………Flussüberwärts singt eine Nachtigall.

…………

…………

Eine unserer wichtigsten Fähigkeiten ist, wahrnehmen zu können, ob wir uns gerade auf der Sonnenseite des Lebens befinden, unsere helle Seite leben, oder ob wir uns auf der Seite unseres dunklen Bruders oder unserer dunklen Schwester befinden, im Reich unseres Schattens, jenem inferioren Teilen unserer Persönlichkeit, der in unseren Träumen als gleichgeschlechtliches Wesen auftritt und dem durch Aufwachen entkommen zu sein wir manches Mal höchst dankbar sind.

Oh Gott, bin das wirklich ich? Oft mag man, aufgewacht, diese Seite von sich nicht ansehen. – Wer bist Du, fragt man seinen dunklen Bruder, und der antwortet: Der du nicht sein willst.

Wer allerdings meint, er sei, wenn es  ihm gutgeht, unbedingt auf der Sonnenseite, und wenn es ihm schlecht geht, auf der dunklen, der Schattenseite des Lebens, der könnte sich gewaltig irren. Mancher mag wissen, wie sehr wir, wenn wir nicht mehr weiter wissen oder verzagt sind, bisweilen spüren – manchmal nimmt man das auch erst im Nachhinein wahr -, wie nah wir uns sind, wie sehr bei uns, viel tiefer in uns als sonst.

Und ist es nicht so, dass, wenn es uns gutgeht, es manches Mal so ist, als sei eine Watte zwischen unserem augenblicklichen Bewusstseinspunkt und jener Tiefe unserer Seele, die wir bereits kennen? – Wenn das Leben so locker dahinplätschert, plätschert es dann auch nicht locker an uns vorbei?

Wie geht das, dass man eine positive Phase hat und nah bei sich ist?

Gut jedenfalls, wenn wir um den dunklen Bruder, die dunkle Schwester in uns wissen.

Existent sind, wenn wir ein Mann sind, der dunkle Bruder, wenn wir eine Frau sind, die dunkle Schwester auf jeden Fall. Ich zitiere C.G. Jung aus seinem Vorwort des von ihm verfassten Kommentars zum Tibetischen Buch der Großen Befreiung, wenn er schreibt und dabei auf LAO-TSEs Tao Te King Bezug nimmt

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dass es nämlich keine Position ohne ihre Negation gibt. Wo Glaube ist, ist auch Zweifel; wo Zweifel ist, ist auch Gläubigkeit; wo Sittlichkeit ist, ist auch Versuchung. Nur Heilige haben Teufelsvisionen (…) Wenn wir unseren eigenen Charakter sorgfältig prüfen, werden wir unweigerlich finden, dass „Hoch auf Tief“ steht, wie LAO-TSE sagt. Das will heißen, daß die Gegensätze einander bedingen und daß sie eigentlich ein und dasselbe sind. Das sieht man gut bei Menschen mit einem Minderwertigkeitskomplex; sie hegen irgendwo noch einen kleinen Größenwahn. Die Tatsache, daß die Gegensätze als Götter erscheinen, kommt von der einfachen Erkenntnis, daß sie sehr mächtig sind. Die chinesische Philosophie erklärte daher, es seien kosmische Prinzipien und nannte sie yang und yin. Je mehr man die Gegensätze trennen will, um so größer wird ihre Macht. Wenn ein Baum in den Himmel wächst, reichen seine Wurzeln bis in die Hölle hinunter, sagt NIETZSCHE. Und doch ist es oben und unten derselbe Baum. Für unsere westliche Mentalität ist es charakteristisch, daß wir die zwei Aspekte in antagonistische Personifikationen trennen: Gott und Teufel. Und es ist gleicherweise charakteristisch für den fröhlichen Optimismus der Protestanten, dass der Teufel taktvoll vertuscht wird, jedenfalls in der jüngsten Vergangenheit (…) je mehr Gewicht wir den  unbewussten Prozessen zumessen, umso mehr lösen wir uns von der Welt der Begehrlichkeit und der getrennten Gegensätze, und umso mehr nähern wir uns dem Zustand der Unbewußtheit, der durch Einheit, Unbestimmbarkeit und Zeitlosigkeit charakterisiert ist. Das ist wahrscheinlich eine Befreiung des Selbst aus seiner Verstrickung in Leiden und Kämpfe (…)

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Zugang zu dem Unbewussten, den Grundlagen des wahren Geistes also, zu finden, gehört zu dem Schwierigsten, was es gibt. Allein es zu versuchen, hat schon heilende Kraft, weiß C.G. Jung. Voraus allerdings setzt das erst einmal, dass wir um das Dunkle in uns wissen, auch wissen, dass es immer auf dem Sprung steht, uns zu dominieren. Niemand ist so dem Dunkel verfallen wie der, der glaubt, dass es für ihn keine Gefahr bedeute oder nicht existiere.

Was und wie das EINE, dass C.G. Jung psychologisch das Unbewusste nennt, ist, wissen wir nicht. Wir nähern uns, wenn wir wollen ihm an. Zu glauben aber, dass, indem wir die Gegensätze in uns negieren, dem EINEN nahe sind, wie viele, die nur Licht und Liebe für sich kennen wollen oder sich als Engel präsentieren, ist ein Irrtum, der uns unsere Lebenszeit kosten kann.

Als Gott die Welt schuf – in Wahrheit mögen es sieben verschiedene Elohim gewesen sein, was als Übersetzung auch möglich ist – versagte er ausgerechnet dem zweiten Tag die bedeutsame Formulierung: Und Gott sah, dass es gut war. An allen anderen Tagen findet sich diese Formulierung. Kein ernsthaft Suchender wird glauben, dass das ein Zufall sei.

Die Zahl 2 des zweiten Tages ist die Zahl der Polarität, des Zweiten, des Anderen. Seitdem gibt es die unteren Wasser und die oberen, gibt es ganz offensichtlich die Welt der Gegensätze.

Ob Gott, ob die Elohim das selbst nicht gut finden wollten? Oder ob sie nur ahnten, was diese Zwei mit sich bringen würde und dem das Prädikat gut versagten?

Margarete, Fausts Flamme, hat es, so lesen wir, gerochen, wenn Mephistopheles in einem Zimmer gewesen war. Und sie sagte ihrem Heinrich sehr deutlich, dass sie es gar nicht gern sähe, wenn er in Gesellschaft dieses Gesellen sei. Sie spürte die Bedeutung des dunklen Bruders und dessen Sucht nach totaler Vernichtung.

Faust, so kann man sagen, erkannte nicht, dass Mephisto ein Teil von ihm war und im Grunde seine Gegenwart bedeutete, dass er seinem Schatten verfallen war.

Solange wir in der Zeit leben – und das wird noch unendlich viele Leben der Fall sein -, wird uns dieser Schatten begleiten. Vielleicht strebt er genauso nach Erlösung wie das Luzifer tun mag und all das, was wir als Böses bezeichnen.

Das sogenannte Böse von Kirchentagen wie dem derzeitigen katholischen auszuschließen, ist gewiss kein Weg.

Und nur den Segen für jene zu erbitten, die am Kirchentagsgottesdienst teilnehmen und ihn an der Fernsehern verfolgen, auch nicht.

Wie wir mit dem Dunklen in uns und um uns umgehen – es mag beides in Wahrheit ein und dasselbe sein -, mag wohl entscheidend sein, wie es mit uns als Menschen weitergeht.

Nie kann es darum gehen, mit dem Bösen einen Schmusekurs fahren zu wollen – das würde sich bitter rächen.

Aber vielleicht hat das Böse auch sein Gutes.

In Psychologische Deutung des Trintitätsdogmas erzählt JUNG von einem bezeichnenden Erlebnis bei einem Negerstamm am Mont Elgon, an der Grenze also von Uganda und Kenia:

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Diese Leute bekannten sich zu der Überzeugung, daß der Schöpfer alles gut und schön gemacht habe. Als ich fragte: „Aber die  bösen Tiere, die euch das Vieh töten?“ Da sagten sie:“Der Löwe ist gut und schön.“ „Und eure scheußlichen Krankheiten?“ Sie sagten: „Du liegst in der Sonne, und es ist schön.“ Ich war von diesem Optimismus beeindruckt. Aber – abends um sechs Uhr hörte dieses Philosophie plötzlich auf, wie ich bald entdeckte. Von Sonnenuntergang an herrscht eine andere Welt, die dunkle Welt, die Welt des ayik, das ist das Böse, Gefährliche, Angstverursachende. Die optimistische Philosophie hört auf, und es beginnt die Philosophie der Gespensterfurcht und der magischen Gebräuche, die gegen das Übel schützen sollen. Mit Sonnenaufgang kehrt dann, ohne inneren Widerspruch, der Optimismus wieder.

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Wer von uns heute so noch leben will, stellt diese heile Welt künstlich her. Denn dieser Glaube an die Welt des schützenden Vaters, der alles behütet, ist für unser Bewusstsein vorbei. Mit dem Christentum – und eigentlich gab es sie schon vorher in der Purusha-Philosophie Indiens und den gnostischen Erlöserfiguren – hat die Welt des Sohnes, des Erlösers Einzug gehalten, so vermittelt es der berühmte Schweizer Psychologe.

Einen Erlöser brauchen wie nur, wenn etwas erlöst werden muss.

Nicht verdrängt will es sein. Erlöst werden will es:

Das Dunkle, das Gott meines Erachtens nicht in die Welt gebracht hat, aber durch die polare Struktur alles Seins als Möglichkeit zuließ, wenn er nicht selbst dadurch gekennzeichnet ist – ich weiß es nicht.

Man kann dieses „es“ viele Leben verdrängen und seelisch und selbstmitleidig den Fliegenden Holländer spielen. Aber irgendwann kommt auch für diesen die Erlösung in Gestalt einer Frau, die ihn liebt und durch ihre Liebe erlöst. Doch diese Möglichkeit gibt es eben nur alle sieben Jahre. Oder alle sieben Leben. Vielleicht ist das Ganze deshalb gar nicht so lustig . . .

Und vielleicht muss in unserem Denken sich die Trinität von Vater, Sohn und Heiligem Geist erst zu einer Quaternität erweitern und die Mutter, das Weibliche mit einbezogen werden, damit die harten männlichen Herzen von Männern und Frauen sich der Erlösung öffnen.

Ich habe es nie verstanden, warum dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist die Mutter fehlt und vermute, Goethe dachte ähnlich, wenn er nicht das Ewig-Männliche, sondern am Schluss seines Faust das Ewig-Weibliche dem bereits verstorbenen Faust als Hoffnung mitgibt. Gewiss, göttlich-trinitarische Strukturen gab es bereits eindeutig in Babylonien, Ägypten und Griechenland; sie sind keine Erfindung des Christentums, wenn uns das auch manche Christen weismachen wollen, viel eher scheint Trintität ein Archetypus, ein Grundmuster menschlichen Lebens zu sein, wenn diese auch durch den Sohn Gottes erst wirkmächtig und für alle offensichtlich mit dem Christentum auf und in die Erde und ihr Bewusstsein einzog. Man kann das leugnen, aber das ist zwecklos.

Es könnte so sein, dass das Mütterliche von uns bewusst entdeckt sein will. Nicht von ungefähr spielt das Sonnenweib im letzten Buch der Bibel, der Apokalypse, eine nicht zu übersehende Rolle. Und nicht von ungefähr begann in der griechischen Mythologie das Leben nicht als das des Vaters, sondern als das einer Mutter, Gaia; erst sie, Gaia, erschuf den Himmel, die männliche Gottheit, Uranos.

Gewiss ist Gaia weit mehr als der Planet Erde. Dennoch aber leben wir auch auf ihr.

Möglicherweise ist uns das noch zu selbstverständlich und zu wenig bewusst.

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Wie sehr ein Mutterbild zerrissen sein kann, zeigen obige Worte auf dem Hintergrund jener, die einer unserer größten Dichter in Bezug auf seine Mutter, die diese Worte nach dem Tod ihres Sohnes gelesen haben wird, ebenfalls äußerte: „Sie liegt in einem hohen Herz-Verschlag / und Christus kommt und wäscht sie jeden Tag.“

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Rainer Maria Rilke hat in seinen Ersten Gedichten immer wieder manchmal fast zusammenhanglos wirkende Gedanken – oft sind es nur wenige Zeilen – in Reimen auf Papier geworfen, die einen dennoch nicht so schnell wieder freigeben, beispielsweise jene zwei folgenden knappen Strophen, die sich auf ein Gretchenschicksal zu beziehen scheinen, jener jungen Mutter also, die so schmählich von Faust im Stich gelassen worden war.

Wie zum Trost vermag der damals so junge Dichter, der immer wieder Zeit seines Lebens ein Seher war, dennoch in seinen Zeilen dem werdenden Muttersein ein Glück abzugewinnen, wissend, dass jedes im Mutterleib heranwachsende Kind – was kann uns auf Erden Wertvolleres widerfahren – sie, die Mutter, mit der Ewigkeit verbindet:

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.Und reden sie dir jetzt von Schande,

da Schmerz und Sorge dich durchirrt, –

oh, lächle Weib! Du stehst am Rande

des Wunders, das dich weihen wird.

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Fühlst du in dir das neue Schwellen,

und Leib und Seele wird dir weit –

oh, bete, Weib! Das sind die Wellen

der Ewigkeit.

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Diese Wellen der Ewigkeit haben auch Rilke Zeit seines Lebens berührt, vermittelt vielleicht auch durch die – wenn auch bigotte – Religiosität seiner Mutter, mittels deren er sicherlich dennoch viel Biblisch-Religiöses und für sein Leben und Schaffen Wertvolles lernte, die aber seine Seele vielleicht auch ausgesucht haben mag, sich von ihr abzugrenzen, um dann nur um so weiter ausgreifend nach dem Göttlichen in sich suchen zu können. Seine vielen Gedichte, die um Engel und Gott kreisen, bezeugen dies.

Rilkes Mutterbild war mehr als zerrissen. Sein 1915 verfasstes Gedicht bezeugt eine der beiden möglichen Seiten und tut noch beim Lesen weh:

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Ach wehe, meine Mutter reißt mich ein.

Da hab ich Stein auf Stein zu mir gelegt,

und stand schon wie ein kleines Haus, um das sich groß der Tag bewegt,

sogar allein.

Nun kommt die Mutter, kommt und reißt mich ein.

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Sie reißt mich ein, indem sie kommt und schaut.

Sie sieht es nicht, dass einer baut.

Sie geht mir mitten durch die Wand von Stein.

Ach wehe, meine Mutter reißt mich ein.

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Die Vögel fliegen leichter um mich her.

Die fremden Hunde wissen: das ist der.

Nur einzig meine Mutter kennt es nicht,

mein langsam mehr gewordenes Gesicht.

Von ihr zu mir war nie ein warmer Wind.

Sie lebt nicht dorten, wo die Lüfte sind.

Sie liegt in einem hohen Herz-Verschlag

und Christus kommt und wäscht sie jeden Tag.

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Sophie Rilke wird diese Sohnes-Worte vor ihrem Tod gelesen haben, denn sie überlebte ihn um fast fünf Jahre. Vielleicht mögen seine Verse heilsam für ihre Seele gewesen sein, die in ihrem Leben wohl nicht glücklich war, trennte sie sich doch nach kaum 11 Jahren Ehe von einem Mann, der ihren Ansprüchen nicht genügte, versah er doch nur eine bescheidene Beamtenstelle bei der Turnau-Kralup-Prager Eisenbahn, nachdem seine Versuche, mittels einer militärischen Laufbahn, im Rahmen deren er sogar für kurze Zeit Kommandant des Kastells von Brescia  gewesen war, gesellschaftlich zu arrivieren, gescheitert waren, weil er wegen eines Halsleidens seinen Abschied nehmen musste. 

Seine Frau, aufgewachsen in einer angesehenen Prager Kaufmannsfamilie – ihr Vater war gar Kaiserlicher Rat – trennte sich jedenfalls von ihm und zog nach Wien, um dem kaiserlichen Hofe nahe zu sein. Wer weiß, ob damit nicht auch zusammenhängt, dass ihr Sohn späterhin Kontakte zu den vornehmsten Adelsgeschlechtern Europas pflegte, gewiss nicht zu deren seelisch-geistigem Nachteil. 

Obwohl so oft von der Mutter enttäuscht, stand er allem Weiblichen – fast möchte man sagen – zu offen gegenüber, zumal auch seine Ehe scheiterte, er dennoch aber Zeit seines Lebens seiner Ehegattin verbunden blieb, vor allem aber jener Frau, die wie eine Sonne ihr Umfeld überstrahlte – zu dem auch Nietzsche gehörte: Lou Andreas-Salomé.

Mit der Bedeutung des Mütterlichen hat Rilke sich Zeit seines Lebens auseinandergesetzt, und es mag uns darauf verweisen, wie wichtig es ist zu erkennen, wie sehr auch in dem Mütterlichen sich zwei Seiten des Weiblichen spiegeln, die auch in unserer Seele enthalten sind.

Eine, die eher dunkle Seite, dokumentiert sich in einem Brief Rilkes, im April 1904 aus Rom an Lou geschrieben, in dem es heißt:

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Meine Mutter kam nach Rom und ist noch hier. Ich sehe sie nur selten, aber – Du weißt es – jede Begegnung mit ihr ist eine Art Rückfall (…) Wenn ich diese verlorene, unwirkliche, mit nichts zusammenhängende Frau, die nicht alt werden kann, sehen muss, dann fühle ich, wie ich schon als Kind von ihr fortgestrebt habe, und fürchte tief in mir, dass ich, nach Jahren und Jahren Laufens und Gehens, immer noch nicht fern genug von ihr bin, dass ich innerlich irgendwo noch Bewegungen habe, die die andere Hälfte ihrer verkümmerten Gebärden sind, Stücke von Erinnerungen, die sie zerschlagen in sich herumträgt; dann graut mir vor ihrer zerstreuten Frömmigkeit, vor ihrem eigensinnigen Glauben, vor allem diesem Verzerrten und Entstellten, daran sie sich gehängt hat, selber leer wie ein Kleid, gespenstisch und schrecklich. Und dass ich doch ihr Kind bin (…)

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Zuallermeist, auch bei aller Enttäuschung, trägt ein Kind die Liebe zu Vater und Mutter in sich, weil sie, ohne dass es das weiß, für eine archetypische, weit größere und uranfängliche steht; deshalb möchte sie doch gelebt und alle Tage möchten so gerne Vatertage und Muttertage sein. Man spürt es jenen Worten an, die Rilke seinen Malte in dessen Aufzeichnungen formulieren lässt – und ich denke, da wird auch Autobiographisches mitgeschwungen haben:

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Maman kam nie in der Nacht -, oder doch, einmal kam sie. Ich hatte geschrien und geschrien, und Mademoiselle war gekommen und Sieversen, die Haushälterin, und Georg, der Kutscher; aber das hatte nichts genutzt. Und da hatten sie endlich den Wagen nach den Eltern geschickt, die auf einem großen Balle waren, ich glaube, beim Kronprinzen. Und auf einmal hörte ich ihn hereinfahren in den Hof, und ich wurde still, saß und sah nach der Tür. Und da rauschte es ein wenig in den anderen Zimmern, und Maman kam herein in der großen Hofrobe, die sie gar nicht in acht nahm, und lief beinah und ließ ihren weißen Pelz hinter sich fallen und nahm mich in die bloßen Arme. Und ich befühlte, erstaunt und entzückt wie nie, ihr Haar und ihr kleines gepflegtes Gesicht und die kalten Steine an ihren Ohren und die Seite am Rand ihrer Schultern, die nach Blumen dufteten. Und wir blieben so und weinten zärtlich und küßten uns, bis wir fühlten, daß der Vater da war und daß wir uns trennen mußten. (…) „Was für ein Unsinn uns zu rufen“, sagte er ins Zimmer hinein, ohne mich anzusehen (…)

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Ja gewiss, es gibt Kinder, die nie wirklich von ihren Eltern angeschaut worden sind. Aber die Sehnsucht ist dennoch da und unser Dichter hat es so formuliert:

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Ich sehne oft nach einer Mutter mich,

nach einer stillen Frau mit weißen Scheiteln.

In ihrer Liebe blühte erst mein Ich;

sie könnte jenen wilden Hass vereiteln,

der eisig sich in meine Seele schlich.

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Dann säßen wir wohl beieinander dicht,

ein Feuer surrte leise im Kamine.

Ich lauschte, was die liebe Lippe spricht,

und Frieden schwebte ob der Teeterrine

so wie ein Falter um das Lampenlicht..

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