Vom Vermögen radikalen Fragens. – Hölderlins „Hälfte des Lebens”.

Sich zu früh einer Antwort zuzuneigen, ist ein Kompromiss unseres Bedürfnisses nach Antwort mit der Angst vor Antwortlosigkeit oder der Furcht vor einem Zuviel an Wahrheit. Lieber tut man vor sich so, als ob eine halbe Wahrheit die ganze sei. Heraus kommt oft ein Schrecken ohne Ende. Denn diese halbe Wahrheit, zugleich eine halbe Unwahrheit, enthält eine Wunde, die sich nie schließt. Schlimm ist, dass wir diese Verwundungen mit der Zeit nicht mehr spüren, je öfter wie uns selbst verstümmeln.

Hölderlins Gedichte, so auch das in der Überschrift genannte, enthalten selten – fast möchte ich sagen: nie – nur Persönliches oder beziehen sich selbst im Rahmen von Heidelberg, Stutgard oder Der Neckar nur auf heimatlich Landschaftliches. Fast immer, ja immer zielen sie im Verlauf ihrer Darstellung auch auf existentielle Fragen, so gern sie hingebungsvoll und gern der Heimat huldigen. Manche sind ohnehin auf Anhieb erkennbar existentiell wie das Schicksalslied aus dem Hyperion-Roman, eben aber auch, 1805 erschienen, Hälfte des Lebens:

Wir alle kennen Menschen, die, wenn sie fragen, einen immens hohen Aufwand betreiben, so zu tun, als seien sie ergebnisoffen. Wer unter Fragenden wartet wirklich auf eine Antwort, die er nicht kennt? Oft gibt man sich, wie oben angesprochen, mit etwas zufrieden, von dem man im Grunde selbst weiß, dass es keine wirkliche Antwort ist.

Ich meine nicht ein Fragen wie das des Sokrates, das man in Richtung Philosophie abschieben könnte, sondern ich meine existentielles Fragen, eines, das schonungslos aufdeckt, um was sich eine Gesellschaft drückt, um was ich mich in meinem Leben drücke.

Soweit Menschen oder Gesellschaften Traumen zuzudecken suchen, sei es das Dritte Reich oder eine frühkindliche Misshandlung, gelten natürlich andere Strategien zur Bewältigung. Ich aber beziehe mich auf Aspekte, um die wir uns drücken und nicht den Vorhang zur Seite ziehen, obwohl wir wissen, dass hinter ihm ein Wissen um etwas ist, was unser Leben verändern würde. Das aber genau wollen wir oft nicht. Lieber leben wir gewohnheitsmäßig seicht weiter, ständig bemüht, die Welt zu einer Komfortzone zu machen.

Hölderlin jedoch setzt ein Verfahren ins Werk, das konsequenter nicht sein kann, nicht unmittelbarer, nicht radikaler. Seine Frage kommt abrupt, vorbereitungslos, glasklar, unwiderstehlich nachhallend.

Hier sein radikales, an die Wurzel gehendes Gedicht:

Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm’ ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

Die erste Strophe spiegelt prallstes Leben, Natur in voller Pracht und Blüte. So kann Leben sein. Hölderlin wählt nicht von ungefähr Birnen: Sie waren und sind von jeher Fruchtbarkeitssymbole, so saftig, wie sie oft sind. Gibt es in einem Jahr viele Birnen, so gibt es im nächsten viele Mädchen, hieß es im Volksmund.

Fülle, wohin man schaut. Das Land kann gar nicht anders, als sich in den See auszudehnen. Und Hölderlin spart nicht an Attributen, die davon Kunde geben: die Birnen sind gelb, die Rosen wild, die Schwäne hold, das Wasser heilignüchtern, kurzum: das Leben küssetrunken.

Und wir hätten keinen Hölderlin vor uns, wenn nicht die mehrfach über das Zeilenende hinaus und in den nächsten Vers hineindrängenden Sätze diese Ausdehnung spiegelten und nicht diese für ihn so typische Inversion, also eine grammatikalisch korrekte, aber auffällige Wortumstellung – es könnte auch heißen: Mit gelben Birnen und voll mit wilden Rosen hänget … – vorkäme und die Fülle hervorhebt. – Ja selbst das zeitgenössische „hänget” verleiht diesem Zustand eine besondere, feierliche Stimmung.

Viel ist über diese Strophe geschrieben worden, so über Schwäne, die seit dem Altertum, seit Platons Aussage über Orpheus, seit des Horaz Aussage über Pindar oft für Dichter und Sänger stehen oder über das heilignüchtern, ein Oxymoron, also ein Wort, das eigentlich einen Widerspruch in sich enthält, schließlich lässt uns Heiliges an die Fülle der Gottheit denken und nüchtern erinnert uns eher an Trockenheit und rein Sachliches.

Seit Philo von Alexandrien, wieder aufgenommen und verstärkt durch den Kirchenlehrer Augustinus, kennen wir diese Wendung als sobria ebrietas. Lateinisch sobrius bedeutet nüchtern, das feminine ebrietas bedeutet Rausch, Trunkenheit.

Ursprünglich liegt dieser sobria ebrietas der Gedanke zugrunde, dass man vor allem mittels einer nüchtern-asketischen Lebensführung der mystischen Gottesoffenbarung teilhaftig werden könne. Beides müsse zusammenkommen.

Was man gemeinhin als eine coincidentia oppositorum, eine Vereinigung der Gegensätze nannte, hat Hölderlin als Einigentgegengesetztes bezeichnet, Entgegengesetztes wie heilignüchtern ist als Einiges Voraussetzung für Ganzheit, für göttliche Offenbarung.

Notwendig für Entwicklung: Enthaltsamkeit und Überwindung.

Hölderlin kannte den Pietismus seiner Zeit nur zu gut, auch Auswüchse des Schwärmerischen, als dass er sich nicht dessen bewusst gewesen wäre, dass solches angeblich so wertvolle spirituelle Verhalten nur zu gern einen diffusen Glauben kennzeichnet, bisweilen aufgrund geistiger Trägheit, bisweilen auch mangels geistiger Stärke.

Das aber, auch wenn in manchen Hymnen der Dichter einen Ton anschlägt, der voller Heilserwartung ist, war Hölderlins Sache nicht. Selbst in der ´Friedensfeier´, die so sehr auf die Ankunft des Fürsten des Festes (über diese wunderbare Hymne in den nächsten Wochen vielleicht hier mehr), führen die letzten Worte kompromisslos in unsere alltägliche Realität und die mit ihr verbundene Aufgabe – in den abschließenden Worten Hölderlins:

Denn gerne fühllos ruht,
Bis daß es reift, furchtsamgeschäftiges drunten.

Erst muss in uns jene goldene Frucht, von der er vorab in der Hymne so gern sprach, zur Reife kommen, ein Prozess, der mit Arbeit, Mühe und Überwindung verbunden ist, ein Prozess, der Voraussetzung spiritueller und übrigens auch intellektueller Entwicklung ist, weshalb es tragisch ist, dass in unserer Erziehungsrealität manche Pädagogen und Eltern nicht mehr wissen, warum Enthaltsamkeit und Überwindung notwendige Eigenschaften menschlicher Entwicklung sind. Zu meinen, Kindern alles mundgerecht servieren, von ihnen möglichst jede körperliche und seelische Anstrengung fernhalten zu müssen, ist genau das Gegenteil von dem, was sie benötigen, um Eigenschaften zu entwickeln, mittels derer sie vorwärtskommen.

Ein – oben angesprochen – solchermaßen geprägter und durchaus mühseliger Prozess jedenfalls bringt es dann mit sich, dass unser Handeln nicht mehr von furchtsamer Geschäftigkeit gekennzeichnet ist. Erst dann können wir den wahren Wert dessen, was wir tun, fühlen. – An die Arbeit also! Dazu fordern die letzten Worte dieser gewaltigen Hymne auf.

Wer nicht zweifeln kann, kann nicht glauben!

Alles Heilige erfordert auch nüchterne Klarheit. Sonst hebt man ab und verliert den Mut zur Wahrheit, zum herausfordernden Fragen, zum Zweifel.

Zweifel? Ist das nicht Misstrauen, fehlender Glaube?

Nein, Zweifel ist Teil des Lebens, Zwei-fel bedeutet von seiner Wortherkunft her, in die Zwei gefaltet zu sein, wie das Leben, das nie anders war, seit wir seit vielleicht Millionen von Jahren in der Zeit leben, seit es vor Urzeiten den tonlosen Gott gab und dann den sprechenden (Und Gott sprach: Es werde Licht) damit ein Oben und Unten, Himmel und Erde, Mann und Frau, wie es nachvollziehbar in der Schöpfungsgeschichte mythisch verknappt dargestellt ist.

Denken wir auch an das Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?, jene Worte Jesu am Kreuz: Mehr Zweifel, im Fragezeichen Ausdruck findend, geht nicht!

Glauben, der keinen Zweifel kennt, ist Schwärmerei, aufgesetztes Heiligseinwollen, ein Sich-selbst-über-den-Tisch-Ziehen.

Keinen Mut zur Nüchternheit? Ja, das pralle Sein, gerade, wenn man trunken von Küssen ist, erfordert, dass man um des Lebens willen das Haupt ins heilig>nüchterne< Wasser taucht.

Dennoch beinhaltet diese Nüchternheit, die das Wasser auch ausmacht, keine Vorbereitung auf die Radikalität der zweiten Strophe. Denn sie gehört zum vollen Leben dazu. Heiligkeit ohne Nüchternheit wäre wie ein Ei ohne Dotter.

Leben kann von jetzt auf nachher ganz anders sein

Was mit der zweiten Strophe folgt, ist ein radikaler Bruch, der sich auch auf der Ebene von Satzbau und Stil zeigt:

War die erste Strophe noch schwungvoll in einem Satz verfasst, ein großer Wurf, ein Erntedank-Dasein, so dominieren nun W-Laute als Weh-Laute, sich alliterativ verstärkend. Dagegen finden sich keine attributiv verwendeten Adjektive mehr, die noch in der ersten Strophe so wohlig die Substantive begleiteten. sondern gerade mal ganze zwei, adverbial verwendet, und urplötzlich ist das Leben wie die Mauern: Sprachlos und kalt. Jedes Wort der letzten drei Zeilen atmet eisige Antwortlosigkeit.

Auch im Winter braucht der Mensch Blumen und Sonnenschein, wenigstens hie und da. Aber davon ist keine Rede mehr. Nur wie von ferne klingt in der Frage Einigentgegengesetztes an, denn eigentlich gehören Sonnenschein und Schatten zusammen wie Frühling und Herbst, Sommer und Winter. Doch in der Realität dominieren die klirrenden Wetterfahnen, und war in der ersten Hälfte noch die Natur ein einziges Wohlsein, so prallt nun alles von tonlosen Mauern ab.

Wie kann Leben auf einen Schlag so radikal stürzen, wie kann Stimmung einfach so kippen?

Wir wissen alle, dass es das gibt, dass Leben sich von jetzt auf nachher radikal verändern kann. Da ist der Trecker, der den Motorradfahrer übersieht, der Amokschütze, der das Kind neben dem Vater niederstreckt, der Schlaganfall, der ganz unerwartet zuschlägt.

Was ist, wenn das geschieht?

Sind wir in irgendeiner Form darauf vorbereitet?

Wir sehen den Rollstuhl neben uns nicht, nicht den Sarg neben unserem Liebsten, spüren noch nicht die Eiseskälte in unserem Rücken.

Dabei wissen wir, dass Leben nie nur Glück bedeutet und insgeheim ist uns bewusst, dass, wer nur Glück hat, sich womöglich gar nicht glücklich schätzen kann.

Warum ich die Sendung von Markus Lanz ab und zu gern angucke: Da tauchen diese Menschen auf, die plötzlich im Rollstuhl sitzen oder mir nichts dir nichts so verarmt sind, dass sie ums Brot betteln müssen, wo sie doch wenig vorher noch überlegt haben, ob sie ihren Swimmingpool nicht endlich vergrößern lassen sollten.

Es ist noch nicht so lange her, dass ich Zeuge eines Lanz-Gespräches mit dem einstigen Bertelsmann- und Arcandor-Vorsitzenden Thomas Middelhoff wurde, vor wenigen Jahren noch bundesrepublikanischer Top-Manager, zugleich ein eitler Fatzke, nun ein durch Leid geläuterter, authentischer Mensch! Ich denke auch an ein Gespräch mit dem durch Leid gezeichneten Guido Westerwelle (> Guido ist wesentlich!), der mit diesem selbstherrlich-arroganten Politiker früherer Zeit, der er immer wieder sein konnte, nichts mehr zu tun hatte, und mir kommt in diesem Zusammenhang auch immer wieder Manfred Wörner, Ex-Verteidigungsminister und Nato-Generalsekretär in den Sinn, dazumal ein personifiziertes bis zum Anschlag aufgeblähtes Ego. Je mehr der Tod ihm aber aufgrund seiner Krebs-Erkrankung näher trat – und man sah ihm den fortschreitenden Verfall an -, desto mehr verlor sich sichtbar aller Dünkel. Zum Schluss sah man zunehmend deutlich die Konturen des wirklichen Menschen.

Woher nehmen … ?

Ob Hölderlin geahnt hat, was ihm begegnet, ziemlich genau um die Hälfte des Lebens herum? Ob er ahnend wusste um jene zukünftige Geisteskrankheit, die ihn nie mehr seinen großen Hymnen und Oden vergleichbare Gedichte würde schreiben lassen, stattdessen vor allem jene 27 Gedichte, die er mit Scardanelli, in seinem Turm am Neckar dichtend, unterschrieb, die lange Zeit ein kümmerliches Dasein innerhalb der Literaturwissenschaft fristeten, in den letzten drei Jahrzehnten sich aber zunehmender Aufmerksamkeit erfreuten, oft schlicht gehalten, aber auf bestimmte Weise unser Inneres ergreifend.

Man spürt all seinen Gedichten an, dass er in tiefere Tiefen sah als der normal Sterbliche. Sah er auch hier in Bezug darauf, was es mit der Hälfte des Lebens für ihn auf sich hat, mehr? – Wenn es so war, bewundere ich den Mut, diesem inneren Ahnen, ja vielleicht Wissen Ausdruck verliehen zu haben. Denn Worte manifestieren Wirklichkeit.

Dass dieses Gedicht so wenig auf Ablehnung stieß, obwohl es so unvermittelt wie kaum ein anderes und scheinbar unmotiviert von einer Lebensseite auf die andere springt, scheint erstaunlich; in kaum einer Gedichtanthologie fehlt es. Wenn ein Unbekannter es geschrieben hätte, würde der ein oder andere wohl sagen: völlig unmotiviert die Seiten wechselnd und viel zu abrupt.

Mir hat dieses unvermittelte schonungslose Fragen sehr zu denken gegeben. Es geht ja nicht nur darum, wirklich ergebnisoffen zu fragen, es geht auch darum zu lernen, die richtigen Fragen zu stellen.

Das tut Hölderlin offensichtlich. Der Dichter, der noch in der ersten Strophe, in der ersten Hälfte des Lebens von den Musen geküsst war, eben trunken von Küssen, versetzt sich in eine Situation der Sprachlosigkeit. Schlimmeres gibt es für einen Dichter nicht und die Frage tut sich auf: Wo nehme ich her, was ich vermisse?

Wissen wir mit dem Winter umzugehen?

Würden wir mit ihm umgehen können, wenn er denn so unvermittelt käme?

Und es stellen sich weitere Fragen, die existentiell für uns und unsere Gesellschaft sein könnten, z.B.:

  • Wie lässt sich erreichen, dass in unserem Land Menschen wieder mehr wert sind als Aktien?
  • Was lässt sich grundsätzlich tun, damit diese Republik moralisch und ethisch wieder auf die Beine kommt, also spürbar ein entsprechendes Bewusstsein vorhanden ist, das sich in Politik nach innen und außen umsetzt, dass also nicht mehr Geld regiert, sondern es um das Wohl der Menschen geht?
  • Haben Menschen in ihrem Leben eine Aufgabe, unterschiedliche in unterschiedlichen Lebensphasen?
  • Haben Nationen eine Aufgabe?
  • Zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche?
  • Wie lautet die derzeitige Aufgabe von mir?
  • Wie lautet die Aufgabe, wie lauten die Aufgaben von Deutschland?
  • Warum geht es nicht in den Jamaika-Gesprächen um jenes Fünftel unserer Mitbürger, die arm sind oder an der Armutsgrenze leben? – Was gibt es Wichtigeres als das Wohl der Menschen?
  • Warum muss eine 84-jährige Rentnerin in den Knast (und ihr Gnadengesuch wurde abgelehnt), aber all die, die im Dieselskandal Millionen von Menschen um insgesamt Millionenbeträge prellten, laufen – von zwei Verhaftungen abgesehen – noch frei herum, sowohl Manager als auch Ingenieure?

Die Liste ließe sich um ein Vielfaches an Fragen ergänzen!

Vielleicht muss man wie Kain Abel erschlagen, wie Thomas an höchstem Bewusstsein gezweifelt, wie Judas dieses Bewusstsein verraten, wie Petrus einem Soldaten ein Ohr abgeschlagen oder wie Paulus Christen verfolgt haben und sich zu dem allen innerlich und gegebenenfalls öffentlich bekennen, um auf diese Hölderlin-Frage eine Antwort zu haben, die einen Leben nicht nur aussitzen, sondern gestalten lässt.

Die Frage jedenfalls steht im Raum: Wo nehmen wir im Winter die Blumen und den Sonnenschein und den Schatten der Erde?

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Reformationsgeschichte als Heimatkunde. – Von Ohrfeigen auf der Kanzel und einem Einschussloch im Messgewand.

Von einem Raubritter, der Monstranzen zu Geld machte, von Kollekten, die während der Predigt gesammelt und gleich an Arme und Bedürftige verteilt wurden und warum die Frau eines Lutheraners zur Strafe des öffentlichen Steintragens verurteilt wurde, von dem Vorwurf, Kinder in deutscher Sprache zu taufen, sowie einem Heiligenholz, das zum Mittelpunkt einer Auseinandersetzung wurde:

Die Jahrzehnte, die auf Luthers 95 Thesen folgten, ließen an Turbulenzen nichts zu wünschen übrig, Handgreiflichkeiten, Gefängnisstrafen, Vertreibungen inclusive – darüber berichtet ein liebevoll gestaltetes Buch.

> Kleine Reformationsgeschichten <, so lautet der Titel eines von der Bayreuther Regionalbischöfin Dorothea Greiner, Professor Günter Dippold und anderen herausgegebenen Buches, das 33 Geschichten aus dem Kirchenkreis Bayreuth erzählt; bisweilen sind sie skurril, ja komisch, immer wieder menschelt es sehr; zugleich aber geben sie auch Zeugnis davon, dass das Reformationsjahrhundert eine Zeit voller innerer Nöte war, doch dass es zugleich geprägt war von mutigen Menschen, die zwar nur selten ihr Leben, oft aber ihre heimatliche oder auch berufliche Existenz riskierten, ja verloren, und mit ihrem persönlichen Einsatz dafür Sorge trugen, dass ein erstarrter Glaube wieder lebendig werden konnte.

Wenn es rustikaler zuging, dann unter anderem in der Art, dass, wie aus Buchau berichtet wird, 150 Bürger einen katholischen Geistlichen, der im Zuge der Gegenreformation über die Köpfe der Bevölkerung hinweg vom Bischof in sein Amt eingesetzt worden war, malträtierten und ihn in seiner Wohnung misshandelten, indem er einen „Potchambre”, sprich Nachttopf, habe austrinken müssen. Dass im Zuge des Dreißigjährigen Krieges, ein Jahrhundert nach Beginn der Reformation, alles unendlich grausam und schlimm werden sollte – wir wissen das unter anderem aus Grimmelshausens Simplicius Sinplicissimus – ist so bedauerlich wie bekannt.

Kleine Reformationsgeschichten ist kein ideologisch protestantisch gefärbtes Buch, im Gegenteil, findet sich doch am Ende jedes Kapitels ein Abschnitt mit Hinweisen darauf, wie Ökumene heute in der Gemeinde, aus der der vorausgehende Bericht bzw. die Erzählung stammt, praktiziert wird. Außerdem verweist Dorothea Greiner in ihrem Vorwort darauf, dass auch das Redaktionsteam ökumenisch aufgestellt war.

Das Buch will nicht missionieren. Es macht dankbar und schafft Respekt für Geschichte, für unsere Geschichte. Wir können uns kaum mehr vorstellen, dass ganze Dörfer für ihren Glauben gleichsam ins Feld zogen und man ahnt, wie sehr den Menschen eine Verbindung nach oben wichtig war.

Heute sehen manche Bankgebäude traditionellen Kirchen ähnlicher als moderne Kirchenbauten, die sich architektonisch am Boden hinwegzuducken scheinen. Nicht zufällig haben sie oft keinen Kirchturm bzw. nur eine Taschenausgabe. Darin kommt auch die Krise einer sich zu selten mit Luther-Verve zu ihrem Glauben bekennenden Kirche zum Ausdruck (ich beziehe die katholische ein). – Die Geschichten rund um die Bilder der 33 Kirchen vermitteln, dass Gotteshäuser zu jener Zeit nicht nur den Glauben der Menschen, ihre Ethik, ja ihr Leben bewachten, sondern dass die Bewohner auch ihre Kirche im Dorf haben und ganz bewusst von ihr beschirmt sein wollten.

Auch wenn man nicht aus der oberfränkischen Gegend stammt: Es lässt sich unschwer erahnen, dass auch in unserer jeweiligen Umgebung vergleichbare Geschichten erzählt werden könnten und es macht den Reiz dieses Buches aus, dass der oft fast persönlich anmutende Charakter des Erzählten Geschichte im Grunde für ganz Deutschland hautnah an den Leser heranträgt.

Dazu trägt auch eine gelungene landeskundliche Einführung von Professor Dr. Günter Dippold bei und wer sich für Landeskunde interessiert, weiß, wie aufschlussreich solche Ausführungen sein können. Wir erfahren, wie aufgesplittert in Herrschaftsgebiete jenes Gebiet damals war, wie sehr sich weltliche Herrschaft und Kirche aneinander rieben, es damals – die katholische Kirche mag es kaum glauben – noch eine Priesterschwemme gab (die Lutheraner andererseits mussten in Bamberg ihren Gottesdienst ins Freie verlegen, weil die Stiftskirche St. Gangolf (48) zu klein geworden war), was es mit Pfründen auf sich hat, wie wichtig im Zusammenhang mit der Reformation Kirchenlieder waren, ebenfalls volkstümliche Flugschriften und Einblattdrucke, dass das Stören von katholischen Predigten durch Luthers Anhänger und das Singen von Spottliedern verboten werden musste und dass ein Staffelsteiner 1524 bestraft wurde, weil er liturgische Handlungen parodierte und wie das Wechselspiel von Reformation und Gegenreformation gerade die einfachen Leute traf – cuius regio, eius religio (wes das Gebiet, des die Religion), was nichts anderes zur Folge hatte, als dass manche Untertanen je nach Konfession ihres gerade amtierenden Herrschers mehrfach diese wechseln mussten.

Gleich die erste der 33 folgenden Geschichten erzählt, wie aus einem energischen katholischen Pfarrer ein überzeugter Lutheraner wurde, was damit zusammenhängen könnte, dass er als katholischer Geistlicher im Konkubinat lebte, also in einem eheähnliches Verhältnis, welches er, nachdem er auf Druck der Obrigkeit die neue lutherische Gottesdienstordnung anwenden musste, flugs per Heirat in eine Ehe umwandelte; das nun mag ihm gar nicht unrecht gewesen sein.

Immer wieder finden sich auch interessante historische Details, so z.B. Hinweise zur Rolle Kaiser Karl V. und die für die Protestanten unglückliche seines Bruders König Ferdinand, als der meinte auf dem zweiten Speyrer Reichstag den katholischen Hardliner geben zu müssen, was zur Folge hatte, dass sich „Protestanten” – daher jene Bezeichnung, die in die Geschichte eingegangen ist – zusammenfanden.

Manchmal war es allerdings auch so, dass die neuen evangelischen Pfarrer nicht sonderlich von der neuen Lehre überzeugt waren und deren Vermittlung nur von mäßiger Qualität war; vielleicht lag es auch, wie im Fall des Ebersdorfer Pfarrers Johann Schmid daran, dass jenem seine Köchin und Konkubine wichtiger war als religiöse Verkündung.

Es finden sich nicht nur, wie angesprochen, Bilder der Gemeinden und ihrer Kirchen, wobei vielen deutlich werden mag, wie sehr Kirchen gerade noch im Bayrischen das Bild unserer heimatlichen Landschaft prägen, es finden sich des Weiteren ein vergoldeter Abendmahlskelch von 1560, der heute noch von der Kirchengemeinde verwendet wird, ein wunderschöner gotischer Kreuzgang von 1473, das Lutherfenster der Neustadter Stadtkirche, Wandfresken mit Szenen aus dem Marienleben, ein spätmittelalterliches Sakramentshäuschen, Blicke in Kirchenräume . . . die Aufzählung ließe sich beliebig fortsetzen.

Heute, wo wieder der Begriff Heimat in so vieler Munde ist und leider in großer Oberflächlichkeit missbraucht wird, vermittelt dieses Buch einen Blick auf Jahrzehnte wichtigster Deutscher Geschichte und lässt ahnen, dass unsere gesamte Geschichte ein wertvolles Gut ist.

Reformationsgeschichten_3D-Cover.jpgDass das Bewusstsein dafür nicht gänzlich schwindet, dazu trägt dieses liebevoll gestaltete Buch bei, das mit 13.90 € seinen Preis, wie ich finde, wert ist.

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Sei du, Gesang, mein freundlich Asyl! – Verse wider ein zwanghaftes Online-Sein.

 

Es gibt Menschen, die mit der Erde, ihrem Erdenleben nicht fest verbunden sind. Oft wissen sie selbst darum. Sie spüren, dass sie um Erde als Heimat zu kämpfen, sich besonders um sie zu bemühen haben. Gerade der Herbst, eine Jahreszeit, die nicht von ungefähr die Blätter sich lösen lässt, bringt Bewegung und Bewusstsein für das, was es zu bewahren oder freizugeben gilt.

Hölderlins wenig bekanntes Herbstgedicht Mein Eigentum gibt Zeugnis davon. Es deutet zugleich das Schicksal dieses Mannes an, der sich wohl durch seine Geisteskrankheit schon zu Lebzeiten von der Wirklichkeit dieser Erde löste.

Umso bemerkenswerter ist es, dass er am Schluss des Gedichtes die Himmlischen um ihren Segen für sein irdisches Eigentum – daher die Überschrift – bittet, weiß er doch, dass der Mensch – wie die Pflanze – einen Grund, ein Geerdet-Sein braucht, sonst, dessen ist er sich bewusst, ist die Seele in Gefahr zu verglühen.
Angesichts dieses Wissens scheint es mir umso wahrscheinlicher, dass seiner Geisteskrankheit, die genau das Gegenteil zur Folge hatte, Vorgänge und Kräfte zugrunde lagen, die seinem Bewusstsein nicht zugänglich waren.

Hölderlins Gedichte setzen unser Verhältnis zur Zeit außer Kraft. Wer sie konsumieren will wie Online-Artikel, wer sie also liest, wie er sich gewöhnlich Informationen in den Kopf schippt, sollte ihr Lesen unterlassen und damit auch ihren Wert, ihre Würde respektieren.
Wer allerdings bewusst eintritt in die Sphäre Hölderlins, dem geschieht, was Richard Wagner für seinen Parzival im Angesicht des Grals so formuliert: Zum Raum wird hier die Zeit.

Mit unserem Inneren geschieht etwas auch dadurch, dass man ein Hölderlin-Gedicht in aller Regel nicht nur einmal liest. Das mag allein schon daran liegen, dass man die für ihn typischen Satzverschränkungen verstehen möchte, verstehen möchte, welche gedanklichen Wege der Mann geht. – Wer dies in Stille – ein Wort und dessen Wortfeld, das sich bei Hölderlin außergewöhnlich oft findet – und Gelassenheit tut, spürt eine Veränderung in sich.

Hölderlin bringt zur Ruhe. Und man muss nicht alles verstanden haben. Ganz im Sinne dieses außergewöhnlichen Schwaben, der ein Meister offenen Fragens war und offen ließ, was er nicht beantworten konnte, eine Fähigkeit, die man sich selbst  und den für dieses Land Verantwortlichen wünschen möchte.

Um das Gedicht biographisch einordnen zu können – vermutlich ist es 1799 entstanden – muss man wissen, dass im September 1798 jener Eklat stattfand, der Hölderlin (1770-1843) von seiner großen Liebe Susette Gontard trennen sollte, als er sich mit deren Mann, dem Frankfurter Bankier Jakob Friedrich Gontard, in dessen Haushalt er Hauslehrer war, in einer dramatischen und an Feindseligkeit kaum zu überbietenden Szene überwarf. Dass jener sich den Umgang Hölderlins mit seiner Frau verbat, wiewohl ihn mit jener wohl nur ein auf Repräsentation und Äußerlichkeiten begründete Ehe verband, ist angesichts einer zu allen Zeiten klatschsüchtigen Gesellschaft gerade für einen solchen Mann nachvollziehbar.

Es folgte bis zum Mai 1800, als Susette und Hölderlin sich zu einer endgültigen Trennung durchrangen, eine Zeit heimlichen Briefverkehrs. Wer die Dokumente beider und die Gedichte liest, in denen Hölderlin seine Susette, die er Diotima nannte, besingt, kann nicht umhin wahrzunehmen, dass sich hier zwei tief verwandte Seelen begegnet sein mögen.

Allein der Name Diotima, der ursprünglich jener Frau in Platons Symposion zukommt, die dort Sokrates so Elementares über die Liebe lehrte, weist darauf hin, wie sehr Hölderlin diese Frau geliebt haben muss, die wohl in der Tat eine unglaubliche Ausstrahlung hatte.

Das Verfassen des Gedichtes fällt also in jene Zeit, als Susette und Hölderlin sich noch heimlich Briefe schrieben. Susette hat die endgültige Trennung im Übrigen nur zwei schmerzhafte Jahre überlebt. Im Juni 1802 erlag sie einer Schwindsucht, an der sie viele Monate gelitten hatte. Ob sie allerdings in ihrem letzten Brief nach Bordeaux Hölderlin gegenüber, der dort weilte, die Schwere ihrer Erkrankung offenlegte, ist nicht gesichert. Sicher ist allerdings, dass um die Zeit ihres Todes Hölderlin aus Frankreich zurückkehrt und zum ersten Mal seine Geisteskrankheit ausbricht, als er „mit verwirrten Mienen” in Stuttgart auftaucht. Es folgen drei Jahre einer langen Leidenszeit, in der sich seine Dichtung und ihr Themenkreis gewaltig verändern und bis heute Menschen staunend herausfordern. Bis ihm dann ein Tübinger Schreinermeister namens Ernst Friedrich Zimmer nach einer wenig gelungenen Therapie in einer Tübinger Klinik in einem von jenem kurz zuvor erworbenen Turm in Rufweite des Neckars noch 36 Jahre lang ein stilles, friedliches Leben ermöglicht.

Friedvoll-elegischer kann ein Herbstgedicht kaum beginnen und schon in der zweiten Strophe tritt ein lyrisches Ich in den Vordergrund, das man bekanntlich nicht einfach mit dem Verfasser gleichsetzen sollte, dem daran gelegen ist, den Blick nach oben zu lenken, denn die Früchte des Herbstes verdanken sich nicht nur menschlicher Arbeit:

Mein Eigentum

In seiner Fülle ruhet der Herbsttag nun,
Geläutert ist die Traub und der Hain ist rot
Vom Obst, wenn schon der holden Blüten
Manche der Erde zum Danke fielen.

Und rings im Felde, wo ich den Pfad hinaus,
Den stillen, wandle, ist den Zufriedenen
Ihr Gut gereift und viel der frohen
Mühe gewähret der Reichtum ihnen.

Vom Himmel blicket zu den Geschäftigen
Durch ihre Bäume milde das Licht herab,
Die Freude teilend, denn es wuchs durch
Hände der Menschen allein die Frucht nicht.

Doch schon die folgende Strophe irritiert leise und endet nicht von ungefähr mit einem Fragezeichen, wobei genau eine solche Wendung wie jene, dass ein Lüftchen am Busen irre, Kennzeichen Hölderlinschen Formulierens ist. – Man muss sich das vorstellen! Ein Lüftchen irrt am Busen . . .

Wenigstens auf die holden Gestirne ist in der Folge noch Verlass, verweisen sie doch mahnend auf einstmals frommes Leben.

Auffallend ist, dass keine Verbitterung in den Strophen anklingt, wo doch außer Frage steht, wie gern auch Hölderlin mit einem frommen Weib – wer das sein könnte, darüber besteht wohl kein Zweifel – einen Herd geteilt hätte.

Zunächst nun nimmt er das die Freude teilende Licht noch einmal auf:

Und leuchtest du, o Goldnes, auch mir, und wehst
Auch du mir wieder, Lüftchen, als segnetest
Du eine Freude mir, wie einst, und
Irrst, wie um Glückliche, mir am Busen?

Einst war ichs, doch wie Rosen, vergänglich war
Das fromme Leben, ach! und es mahnen noch,
Die blühend mir geblieben sind, die
Holden Gestirne zu oft mich dessen.

Beglückt, wer, ruhig liebend ein frommes Weib,
Am eignen Herd in rühmlicher Heimat lebt,
Es leuchtet über festem Boden
Schöner dem sicheren Mann sein Himmel.

Denn, wie die Pflanze, wurzelt auf eignem Grund
Sie nicht, verglüht die Seele des Sterblichen,
Der mit dem Tageslichte nur, ein
Armer, auf heiliger Erde wandelt.

Die vorangegangene Strophe ist ein allerdings noch recht harmloses Beispiel einer typischen Hölderlinschen Satzverschränkung. Natürlich muss Hölderlin die an das Griechische angelehnte Metrik berücksichtigen, aber so zu denken scheint mir – zu oft findet sich Vergleichbares -, war ihm fast natürlich:

Die Seele eines Sterblichen muss, wie eine Pflanze, auf ihrem eigenen Grund wurzeln, ansonsten verglüht sie wie die Sonne des Tages.
Leben umfasst mehr als nur Tageslicht. – Dämmerung und Nacht spielen im Dichten Hölderlins eine wesentliche Rolle. Gerade in ihrem Nicht-genannt-Werden sind sie hier präsent.

In den Worten des lyrischen Ichs, in den Worten Hölderlins findet sich, wie angesprochen, keine Verbitterung. Das ist bemerkenswert. Doch nimmt er wahr, dass die wandelnden Götterkräfte ihn gewaltig nach oben ziehen können. Hier nun jedoch entscheidet er sich dafür, ganz bewusst den stillen, trauten Pfad zu gehen, wenn auch Worte wie sterbend, sterblich, heimatlos und hinwegsehnen eine deutliche Sprache sprechen:

Zu mächtig, ach! ihr himmlischen Höhen, zieht
Ihr mich empor, bei Stürmen, am heitern Tag
Fühl ich verzehrend euch im Busen
Wechseln, ihr wandelnden Götterkräfte.

Doch heute laß mich stille den trauten Pfad
Zum Haine gehn, dem golden die Wipfel schmückt
Sein sterbend Laub, und kränzt auch mir die
Stirne, ihr holden Erinnerungen!

Und daß mir auch, zu retten mein sterblich Herz,
Wie andern eine bleibende Stätte sei,
Und heimatlos die Seele mir nicht
Über das Leben hinweg sich sehne,

Sei du, Gesang, mein freundlich Asyl! sei du,
Beglückender! mit sorgender Liebe mir
Gepflegt, der Garten, wo ich, wandelnd
Unter den Blüten, den immerjungen,

In sichrer Einfalt wohne, wenn draußen mir
Mit ihren Wellen allen die mächtge Zeit,
Die Wandelbare, fern rauscht und die
Stillere Sonne mein Wirken fördert.

Ihr segnet gütig über den Sterblichen,
Ihr Himmelskräfte! jedem sein Eigentum,
O segnet meines auch, und daß zu
Frühe die Parze den Traum nicht ende.

Es ist sein Dichten, sein Gesang, was dem lyrischen Ich Asyl zu geben vermag. Griechisch ásylon bedeutet wörtlich unverletzlich. Sein Gesang und sein Garten, Inneres und Äußeres sind dem Dichter eine vor Verletzungen sichere Freistatt, wirkt hier weit weniger doch das Rauschen der Zeit hinein als vielmehr die Stillere Sonne.
Und wie er Innen und außen verbindet, so verbindet Hölderlin in der letzten Strophe oben und unten. Es sind jene Verbindungen, die ihn an das Leben glauben und wünschen lassen, jene Schicksalsgöttin – im Griechischen ist es eine der Moiren, bei den Germanen eine der Nornen -, die den Lebensfaden durchschneidet, möge noch eine gute Weile zuwarten.

Man möchte hoffen, dass es uns Menschen wieder gelänge, innen und außen zu verbinden, oben und unten und weniger sich der Zeit so maßlos auszusetzen als vielmehr jener stilleren Sonne, die uns zu weit menschengerechteren Lösungen der uns so bedrängenden Probleme führen kann, als dies das betäubende Rauschen der Zeit in ihrem zwanghaften Online-Sein zu tun vermag.

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Hölderlins tiefe Spiritualität: „Der blinde Sänger”.

Je mehr man sich mit Friedrich Hölderlin (1770-1843) beschäftigt, desto mehr wird man gewahr, dass Spiritualität etwas ganz anderes sein könnte als das, was man bisher glaubte, dass sie sei. Eine Spiritualität Hölderlinscher Qualität geht weit über die Tatsache hinaus, dass alle Wirklichkeit eine weiterverweisende, symbolische Bedeutung hat, wie sie einem z.B. in indianischen Kulturen begegnet. Worte und Wörter sind bei Hölderlin nicht nur auf mehr als auf Konkretes wie einen Tisch oder Stuhl oder Abstraktes wie Glauben, das Böse oder Liebe hinweisend. Oft nähern sie sich dem an, was wir als Urwörter bezeichnen können, vor allem jene, die immer wieder sich bei ihm finden wie Strom oder Berg, Abgrund, Wildnis, Adler, Schicksal, Vater, Mutter, Stille, Tag, Nacht, Heimat oder Vaterland.

Sie weisen über menschliche Vernunft – dass das möglich, ja notwendig sei, lesen wir  -, hinaus und öffnen in uns Türen zu Bereichen, die etwas in uns auf eigenartige Weise in Bewegung bringen. Das gilt für die Sicht auf Vergangenes und auch für Zukünftiges.

Doch ist Gegenwart bei Hölderlin immer präsent, so zum Beispiel in einem so frühen Gedicht wie jenem über die Teck, einem Berg bei Kirchheim im Schwäbischen unweit des Albtraufs  gelegen, wie überhaupt in seinen Gedichten örtliche Gegebenheiten, auch Flüsse und Ströme wie die Donau, der Main und der Neckar eine wichtige Rolle spielen, vor allem natürlich der Rhein, den Hölderlin in einer großen Hymne besingt, der wie kein anderer sich seinen Weg durch Deutschland nach Norden bahnt, nicht aber, ohne zu Beginn einen Richtungswechsel gen Osten vorzunehmen, eine Tatsache, die Hölderlin hervorhebt, wenn er davon spricht, dass es die ungeduldige Seele des Stromes nach Osten treibe. – Die Aufmerksamkeit, die er dieser Himmelsrichtung gibt, verwundert nicht auf dem Hintergrund der Bedeutung, die diese in seinem Werk hat.

Hölderlin geht von Konkretem aus und öffnet den Blick auf eine geistige Landschaft.

Nicht er ist es letztendlich, der spricht, sondern er lässt die Dinge sprechen, sehr oft sind es geographische Gegebenheiten, die ihm zum Ausgangspunkt werden.
Ein Strom wie der Rhein repräsentiert Zeit, Leben, Geschichte. Zugleich steht er für das Dichterwort selbst. Und es gibt zwei bezeichnende Stellen für des Dichters Blick auf die Wirklichkeit von Strömen, wenn er wie in den zitierten Zeilen von der Donau spricht – Hölderlin nennt sie und das Gedicht, wie die alten Griechen sie nannten, Ister:

Denn Ströme machen urbar das Land –

eine Sichtweise, die wir in Zeiten von Bayer, BASF, Ciba-Geigy und vielen weiteren industriellen Anrainern des Rheins verloren haben (vgl. Die Opferung des Rheins).

Es gehört aber zum Urwissen der Menschheit, was wir Strömen verdanken. Und auch in Der Ister heißt es, ganz am Ende:

Was aber jener tuet, der Strom, / Weiß niemand.

Unwillkürlich spürt man auf dem Hintergrund der Spiritualität Hölderlins die flache Künstlichkeit der hochgetunten Esoterik eines Wassermannzeitalters, die mit ihren prognostizierten Heilserwartungen wie eine Seifenblase zerplatzte. So jedenfalls, wie Spiritualität über die Menschheit kommen sollte, hat sie sich als bittere Fehlprognose entlarvt.

Angela Merkel ist die Raute wichtiger als eine helfende Hand!

Was wir dagegen zur Kenntnis zu nehmen haben und was diametral dem einstigen Wassermannzeitalterhype begegnet: Eine endlose Zahl von Menschen treibt heimatlos über die Erde: Genozid wie in Ruanda ist an der Tagesordnung, ethnische Säuberungen gegenüber Muslimen wie in der Zentralafrikanischen Republik, Schlächtereien wie der Boko Haram in Nigeria oder der Shabaab-Milizen, die in Somalia und Kenia Jagd auf Christen machen, ähnlich wie das antichristliche Gewaltregime in Eritrea , von den Menschenrechtsverletzungen in China  und weiteren Ländern ganz zu schweigen.

In Deutschland lässt seit 12 Jahren eine Kanzlerin ca. ein Viertel der Bevölkerung sehenden Auges verarmen und produziert mit ihrer Politik ein zukünftiges Rentnerelend. Das mag gegenüber dem Schicksal von Menschen in anderen Ländern harmlos sein (ein Betroffener sieht das anders), aber Hilfsbereitschaft in einer Bevölkerung für die Not in der Welt gewinnt man nur, wenn der Nächste sich sicher sein kann, dass ihm Hilfe zuteil wird – und es sind genug Beispiele durch Presse und Fernsehen gegangen, dass Mitbürger ein Leben lang gearbeitet haben und nun nur mit Hilfe eines Taschenrechners beruhigt einkaufen können. Der ein oder andere wird schon erlebt haben, dass einem Mitmenschen zehn oder fünfzehn Cent an der Kasse gefehlt haben (man sollte sich nicht scheuen, sofort zu helfen) – Das ist eine Schande für ganz Deutschland, auch für eine Kanzlerin, der die Raute wichtiger ist als ihre Hände zum Helfen zu nutzen.

Der blinde Sänger

Leider ist Hölderlin, vor allem in den letzten Werken vor seiner Geisteserkrankung immer schwieriger zu verstehen. Ich möchte deshalb das ein oder andere Gedicht auf meinem Blog ansprechen. Zu wertvoll ist, was er zu sagen hat und es gibt eine Reihe von Germanisten, die sich empfindsam in sein Werk eingelebt haben.

Grundsätzlich erfordert seine Lektüre, sich auf den besonderen Stil, der auch durch die griechischen Formen der Metrik bedingt ist, einzulassen. Nicht nur, dass er, abgesehen von seinen Anfängen – und wieder auch in seinen Altersgedichten – keine Reime verwendet, sondern, wie angesprochen, griechische Metrik, im Falle des folgenden Gedichtes ist es die alkäische Strophenform. Hölderlins Wirkung ist ohne diese Gestaltung nicht denkbar, aber es würde hier den Rahmen sprengen, auf sie näher einzugehen, es sei nur gesagt, dass ihm in deren Verwendung in Deutschland – ansatzweise vielleicht Klopstock – niemand das Wasser reichen konnte, ich vermute, in ganz Europa nicht.

Wir finden in jenem Gedicht einen Dichter-Sänger, der auf einmal wahrnehmen muss, dass er blind ist, dass ihn die Nacht hält. Er ruft nach dem Licht, spricht es mit Jugendliches anspricht, ist es doch die Zeit des Morgens. Noch hält der Sänger die Nacht nicht für einen Gegner, spricht er doch von ihrem Heilige(n) Zauber:

Wo bist du, Jugendliches! das immer mich
Zur Stunde weckt des Morgens, wo bist du, Licht!
Das Herz ist wach, doch bannt und hält in
Heiligem Zauber die Nacht mich immer.

Was für eine Irritation: Das Licht erscheint nicht wie gewöhnlich. Wir sind gewohnt, dass die Sonne aufgeht, aber zu bemerken, dass sie das nicht tut, ist eine eigene Sache.

Selten womöglich, dass wir bemerken, wenn uns die innere Sonne nicht aufgeht.

Dämmerung ist ebenfalls ein Wort, das sich bei Hölderlin bewusst findet und jenen Zustand meint, in dem die Nacht, Träume und Unbewusstes noch ihren Einfluss ausüben, aber schon das prasselnde Rollen der Phöbusräder, wie Goethe es in Faust II Ariel formulieren lässt, den Morgen ankündigt.

Allerdings ist der Sänger irritiert; er nimmt die Morgenbrise, ihre Lüfte wahr, die, wenn die Nacht in den Tag übergeht, zu spüren sind; doch er sieht kein Licht:

Sonst lauscht ich um die Dämmerung gern, sonst harrt
Ich gerne dein am Hügel, und nie umsonst!
Nie täuschten mich, du Holdes, deine
Boten, die Lüfte, denn immer kamst du,

Kamst allbeseligend den gewohnten Pfad
Herein in deiner Schöne, wo bist du, Licht!
Das Herz ist wieder wach, doch bannt und
Hemmt die unendliche Nacht mich immer.

Kein Zweifel, der Sänger weiß um seine Situation, sein Herz ist wach, er weiß um die Bedeutung der Lüfte, die auch in sein Inneres Bewegung brachten. Wie wertschätzend spricht er von dem Licht, das er als Schöne bezeichnet, doch nimmt er wahr: Unverhältnismäßig und ungewohnt bannt und hemmt noch die Nacht. Da bedarf es schon zweier Verben, um auszudrücken, was er empfindet, ja, die Nacht ist auf einmal unendlich – das lässt erahnen, dass das Innere des Sängers mehr weiß, als es hier ausmalt.

Auch wir, der ein oder andere wird das aus Erfahrung nachvollziehen können, sind manchmal (noch) nicht in tiefster Nacht, aber ahnen, dass irgendetwas entscheidend anders ist als sonst. Wir nehmen oder wollen noch nicht die Dimensionen dessen wahrnehmen, was auf uns zukommt, was wir aber schon mehr als nur ahnen könnten. Offensichtlich ist es dem Sänger eine Hilfe, sich auf vergangene Erfahrungen rückbeziehen zu können:

Mir grünten sonst die Lauben; es leuchteten
Die Blumen, wie die eigenen Augen, mir;
Nicht ferne war das Angesicht der
Meinen und leuchtete mir und droben

Und um die Wälder sah ich die Fittige
Des Himmels wandern, da ich ein Jüngling war;
Nun sitz ich still allein, von einer
Stunde zur anderen und Gestalten

Aus Lieb und Leid der helleren Tage schafft
Zur eignen Freude nun mein Gedanke sich,
Und ferne lausch ich hin, ob nicht ein
Freundlicher Retter vielleicht mir komme.

In der Ausdruckskraft dieser Strophen kann die alkäische Strophenform ihre ganz eigene Schönheit entfalten.

Vielleicht ist die Erinnerung an einstige Tage voller Licht – und vor allem auch deren Wertschätzung durch uns – eine notwendige Voraussetzung, um zum einen überhaupt ihren Verlust zu bemerken, zum anderen mag sie Nahrung sein auf dem Weg durch die Nacht.
Der Sänger weiß um sein sonstiges Eingebettetsein in Familie und Freunde oder auch Kollegen und dass es ihm Licht war auf seinem Weg, er weiß, wie wertvoll ihm das Geschehen in der Natur, der Flug der Vögel war. Doch von jetzt auf nachher ist alles anders.

Das Wortfeld der Stille hat eine zentrale Bedeutung im Werk Hölderlins. Immer wieder taucht es auch als Adjektiv oder Adverb auf, oft ganz unauffällig. Gern wird dieses Wort ja gemieden, sogar von Martin Luther, der im 23. Psalm nicht, wie es im Urtext steht, übersetzt, dass Gott David zum stillen Wasser führe, sondern zum frischen. – Was für eine Sinnentstellung, kommt doch der Stille auch in der Bibel eine unglaubliche Bedeutung zu, heißt es nicht von ungefähr: Durch Stillesein und Hoffen werdet ihr stark sein. – Ist da von Frische die Rede? – Stille als Kraftquelle will auf ganz Anderes verweisen.

Für mich – das möchte ich hier doch anmerken – ist nicht nachvollziehbar, warum in der neuen Lutherbibel dieser Fehler nicht ausgemerzt worden ist; Gleiches gilt im Übrigen für die falsche Übersetzung des Vater Unser in Bezug auf den Plural: der du bist in den Himmeln – so muss es heißen.

Hölderlins Zeilen erschließen sich in Stille. Manchmal glaubt man zu spüren, dass sie aus Stille geschrieben sind.

Aber die Stimme Jupiters ist unüberhörbar, sie will es sein.

Dann hör ich oft die Stimme des Donnerers
Am Mittag, wenn der eherne nahe kommt,
Wenn ihm das Haus bebt und der Boden
Unter ihm dröhnt und der Berg es nachhallt.

Manchmal ist unser inneres Lärmen so laut, dass wir den Lärm, den wir selbst machen, nicht mehr unterscheiden können von der Stimme des Donnerers. – Das ist Absicht. – Von uns.

Hier trennen sich womöglich die Wege des ein oder anderen Lesers von den folgenden Ausführungen, denn Hölderlin ernst zu nehmen, bedeutet, die griechische Mythologie als einen noch in unser Leben einfließenden Faktor ernst zu nehmen, ebenso die Götter Griechenlands, denen in dem Hölderlin-Gedicht Natur und Kunst oder Saturn und Jupiter und vielen anderen Schriften eine große Bedeutung zukommt, und zwar keine nur mythisch verklärte.

Blitzsauber haben vor allem die Evangelische Theologie, aber auch die katholische, den Himmel von allem Vorchristlichen gereinigt. Verdammt ist, wer an Heidnischem sich orientiert. Wer aber Hölderlin verstehen will, wird sich eingestehen müssen, dass Heidnisches ganz und gar nicht den Charakter und die Seele verdirbt. Im Gegenteil ist es der Humus, auf dem wir heute unsere seelischen Häuser bauen.

Hölderlin ist der Auffassung, dass nicht Kronos, also Saturn, die Zeit gebracht hat, sondern dass es letztendlich Zeus, also Jupiter war, und damit seien zugleich durch Jupiter Gesetze und Ordnung in das Leben der Griechen, der Menschheit gekommen. Eindringlich fordert der Dichter Jupiter auf, seinem Heiligen Vater Saturn, den er in den Abgrund verstieß, zu danken und dem Älteren zu dienen.

Dem Älteren, das ist nicht nur das historisch Ältere, es sind auch die Eltern. Sie zu ehren, das gilt auch für Götter.

Zurück zu Jupiter: Seine Blitze sind im übertragenen Sinne seine Gedanken, die auch in uns nachhallen und eigene evozieren. In unserer Sprache ist das evident, wenn wir davon sprechen, dass eine Idee, ein Gedanke wie ein Blitz einschlug. Es ist jene Energie, die die Griechen in Zeus ansprachen, die Leben bewirkt, Leben aus dem Gedanken, aus dem Wort.

Wer dem Gewitter Jupiters, seinem Einfluss, nur tagsüber sein Recht lässt, übersieht, dass es auch nachts lebens-wichtig ist, denn es bringt gewiss Tod, eben aber auch Leben, während er, der Gott, im Westen untergehend, auf der Rückseite der Erde nach Osten eilt. – Jupiter ist wirksam, bei Tag und Nacht.

Wer die Nachtseite des Lebens ignoriert, versteht die Blitze, die Gedanken Jupiters, die Energie des Lebens nicht, seine Aufgabe, mit der er eine unvorstellbar ebenmäßige Kunst, wie wir sie im griechischen Tempelbau finden oder auch in der Darstellung von Körpern griechischer Menschen, ins Leben rief, die heute noch Basis ist für das, was wir als höchste Harmonie bezeichnen.

Leben als exzentrische Bahn

Gewiss gehört es zu den schwierigsten Entscheidungen, wem wir folgen. Niemand aus der Esoterik-Szene, der sich einer Erzengel-Einweihung hingibt, ahnt um die seelische Verwahrlosung, die sie mit sich bringen kann, meist mit sich bringt; niemand, der sich glaubt, einen indischen Namen zulegen zu müssen, wie das Tausende, vor allem Frauen, in der Vergangenheit taten, will wissen, dass er sich von sich selbst trennt .

Immer wieder uns in Frage zu stellen mit jener Radikalität, mit der es Hölderlin in Hälfte des Lebens  tut, ob wir dem Richtigen folgen, gehört mit zu den Voraussetzungen einer wirklichen Weiterentwicklungen. Niemand, der ständig Gott sagt, sollte glauben, dass er auf dem richtigen Weg sei. Entscheidend ist doch, ob man eine Worthülse anruft oder ein Sein, das unser Fassungsvermögen weit übersteigt.

Gut, wer sagen kann, dass er den Retter gefunden hat, den Sicheren, dem er auf der Irrbahn, die Hölderlin ja als exzentrische Bahn bezeichnet, weil unser Leben uns nun einmal gern von unseren Zentrum entfernt, folgen kann:

Den Retter hör ich dann in der Nacht, ich hör
Ihn tötend, den Befreier, belebend ihn,
Den Donnerer vom Untergang zum
Orient eilen und ihm nach tönt ihr,

Ihm nach, ihr meine Saiten! Es lebt mit ihm
Mein Lied und wie die Quelle dem Strome folgt,
Wohin er denkt, so muß ich fort und
Folge dem Sicheren auf der Irrbahn.

Gut auch, wem Gesang gegeben, der die eigenen inneren Saiten zum Schwingen bringt.

Nur ist es nicht so einfach, den Retter zu orten. Es gehören nächtliche Irritationen dazu, ihm zu folgen, den richtigen Weg zu nehmen.

In dem bereits erwähnten Gedicht Natur und Kunst oder Saturn und Jupiter, das zu jenen gehört, deren Bedeutung im Hinblick auf das Weltwerden des Menschen und dem diesbezüglichen Einfluss der Götter sich einem nicht so ohne Weiteres erschließt, hat Hölderlin aufgezeigt, wie wichtig es ist, dass wir uns unseres Ausgangspunktes, den er in diesem Gedicht mit dem griechischen Gott Kronos in Verbindung bringt – Hölderlin verwendet die lateinischen Namen -, bewusst sind, damit sich auf diesem Fundament die Kunst, also alles das, was wir als Menschen kreieren und sich für die Griechen mit der Göttergestalt des Jupiter verbindet, wertvoll sein kann. – Wie weit sind wir als Menschheit von diesem Zustand entfernt!

Die Kräfte des Jupiter, im Griechischen Zeus genannt, sind Kräfte, die auch heute noch in uns sind und wirken, die Basis für alle weitere Entwicklung. Anstatt dem, was die Alten in ihren Göttern sahen, Verehrung und Respekt entgegenzubringen, wird es aussortiert. Und dann oft mit Verweis auf den christlichen Gott. Als ob es ihn nicht schon zu Zeiten der Griechen gegeben hätte. Und als ob diese ihn nicht bestens gekannt hätten.

Vergangene Zeiten haben nur nicht ihren Himmel so entseelt wie wir.

Hölderlin weiß um die Jupiter-Kräfte, die für ihn Ausgangspunkt seines Christus-Verständnisses sind, wie sie sich in den Gedichten Patmos  und Der Einzige  zeigen.

Der Sänger fährt fort:

Wohin? wohin? Ich höre dich da und dort,
Du Herrlicher! und rings um die Erde tönts.
Wo endest du? und was, was ist es
Über den Wolken und o wie wird mir?

Formale Mittel haben wir noch nicht angesprochen, eine Strophe wie die viertletzte quillt von wirksamen förmlich über. Fragen sind eines der Mittel Hölderlins, um aufzuzeigen, wie bis ins Tiefste erschüttert er ist – natürlich wird das ganz besonders in Hälfte des Lebens deutlich. Aber auch hier: Acht Worte lauten mit w anw ist der Buchstabe des Warum, des Wie, des Woher. Die o- und i-Laute im Verein mit den W-Alliterationen unterstützen die Wirkung, wie sehr die vorhandene Verunsicherung die Grundfesten des Dichters erschüttert.

Dann aber folgt im drittletzten Vers eine Geminatio, eine unmittelbare Wiederholung. Und als ob es nicht genug sei, wird der Tag sofort und direkt angesprochen, und zwar mit einer so nicht erwarteten Selbstverständlichkeit. Noch verbirgt er sich hinter Wolken, aber die stürzen schon vor seiner Macht:

Tag! Tag! du über stürzenden Wolken! sei
Willkommen mir! Es blühet mein Auge dir.
O Jugendlicht! o Glück! das alte
Wieder! Doch geistiger rinnst du nieder,

Das Verb blühen ist normalerweise nicht mit einem Dativ gekoppelt; im Grunde ist es ein intransitives Verb, erfordert eigentlich also keine Objektergänzung. Bei Hölderlin finden wir immer wieder, dass er intransitiven Verben, die, wie gesagt, kein Objekt verlangen, eines zuweist und damit alles gewöhnliche Verständnis irritiert und öffnet für ein neues:

Es blüht mein Auge dir.

Da mag sich selbst das Licht geehrt fühlen.

Es kann einem aufgrund der Hölderlinschen Doppelung (Tag! Tag!) und dem energiegeladenen Verb (können Wolken überhaupt stürzen?) entgehen, aber es ist so wichtig, dass das lyrische Ich erkennt: Mein Glück, das ist das alte!

Nur deshalb kann es die Veränderung wahrnehmen: Es rinnt ein geistigeres Glück nieder.

Etwas ist in dieser Nacht geschehen.

Diese Nacht mit ihren Entfremdungserscheinungen, mit ihrer großen Verunsicherung: Sie war nicht umsonst. Ja, sie war sogar notwendig, damit das Licht des neuen Tages so golden aus heiligem Quell – und natürlich mag man hier zu Recht an den Gralskelch denken, wie ihn Robert de Boron kennt – niederrinnen kann.

Du goldner Quell aus heiligem Kelch! und du,
Du grüner Boden, friedliche Wieg! und du,
Haus meiner Väter! und ihr Lieben,
Die mir begegneten einst, o nahet,

O kommt, daß euer, euer die Freude sei,
Ihr alle, daß euch segne der Sehende!
O nimmt, daß ichs ertrage, mir das
Leben, das Göttliche mir vom Herzen.

Die letzte Strophe zerfällt förmlich in zwei Teile, wie sie entgegengesetzter kaum sein können.

Hölderlin ist sich seiner Rolle als Dichter bewusst, für ihn ist sein Dasein ein Dienst, er sieht sich als Dienender; zugleich sieht er sich als Seher, dem der Auftrag gegeben ist, die Menschen zum Sehen zu führen. Das weiß der Sänger, erst recht auf dem Hintergrund dieser Nacht.

Warum dann aber dieser Schlusssatz?

Er ist einfach ehrlich!

Wer das Göttliche wahrnimmt, ist überwältigt, wird blind, wie es Paulus drei Tage war, er kann nicht mehr sprechen wie der Priester Zacharias, der nicht glauben wollte, was der Engel sagte. Gott weiß, warum er aus einem Dornbusch zu Mose sprach; alles andere hätte selbst den großen Mose überfordert.

Wer das bedenkt, weiß, wie sehr Menschen wie Jesus oder Buddha oder Gandhi andere weniger entwickelte Seelen herausgefordert haben müssen, Dunkles in ihnen bis zum Extrem aktiviert haben.

Dieser letzte Satz ist unter den vielen durchaus persönlich wirkenden, weil so emotionalen, dennoch für mich der persönlichste in diesem Gedicht. Er ist nicht selbstverständlich.

Aus meiner Kindheit und der Tatsache, dass meine Eltern in einer Kirchengemeinde sehr aktiv waren, glaube ich im Nachhinein zu erspüren, wie sehr die Lobpreisungen Gottes oft Schall und Rauch waren und dass Gott auch als große Illusion existieren kann. Nur die besten Eigenschaften werden ihm zugeschustert, stapelweise.

Hölderlin kann die Gewalt des Göttlichen nicht ertragen. O nimmt (nehmt) . . . das Göttliche mir vom Herzen!

Für dogmatische Christen eine Ketzerei.

Aber nur diese ehrliche „Ketzerei” kann befreien, nur sie macht deutlich – auch anderen, einem Leser zum Beispiel – dass Umgang mit dem Göttlichen kein Honigschlecken ist, wie es so gern dargestellt wird.

Das Göttliche kann eine Last sein.

Oh, darf man das sagen?

Hölderlin tut es einfach.

Es ist die gleiche ketzerische Frage wie jene von Jesus: Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?

Wenn Hölderlin nicht mehr weiter weiß, erfährt es der Leser unmittelbar. In Hälfte des Lebens geschieht dies noch viel krasser.

Ich finde diese Ehrlichkeit Hölderlins so wichtig!

Lyriker verdichten, das liegt in der Natur von Gedichten, einen Stoff dergestalt, dass es an uns ist, ihm verstehend zu begegnen, ihn mit unseren Jupiter-Eigenschaften, unseren Gedanken zu füllen.

Hölderlin führt nicht aus und kann es auch im Rahmen eines Gedichtes nicht, wie wichtig es sein könnte, dass wir dieser Wesenheit begegnen, einer Kraft, die es noch heute gibt und die sich, wie alles im Kosmos, weiterentwickelt hat.

Was er z.B. nicht ausführt, ist, dass man blind sein, dabei aber nichts wahrnehmen kann, ja, dass mancher seine Blindheit gar nicht wahrnimmt, also auch den Retter nicht. Dessen Sein hat zu tun mit Tod und Leben, er tötet und belebt, er hat zu tun mit dem Stirb und Werde, dem Untergang im Okzident und dem Aufgang im Orient.

Ob wir der Nacht, die uns begegnet, den Mut haben uns auszusetzen, das ist freilich eine entscheidende Frage.

Hölderlin thematisiert das: Wohin? Wohin? . . . Wo endest Du?

Kein Mensch weiß das für sich. Niemand weiß, wo die Nacht hinführt. – Hiob ist ein Beispiel dafür, wie extrem hoch die Anforderungen Gottes sind – Wer in ein höheres Bewusstsein gelangen will, kommt an Prüfungen nicht vorbei. Deshalb sind in bestimmtem Rahmen Prüfungen und Anforderungen in der Erziehung so wichtig,

Das lyrische Ich aber hat die Gewissheit, dass es dem Donnerer, dem Retter folgen muss. Und er tut das, obwohl sein

Und was, was ist es /
Über den Wolken und o wie wird mir?

deutlich macht, dass er sich nicht sicher ist. Aber alles Geschehen um das lyrische ich herum weist darauf hin, dass es auf gutem Wege ist, denn es hört den Retter da und dort und rings um die Erde.

Niemand weiß, wie eine Nachterfahrung endet, aber Hölderlin gibt Hinweise, wie und warum sie gut enden kann; in der 6. Strophe formuliert er es: Ferne lauscht er hin!

Sein gewohntes Lauschumfeld verlässt er. Das müssen wir auch tun, wenn wir den Retter hören wollen, denn das, was wir jeden Tag hören, was uns oft die Ohren zumüllt, ist nicht geeignet, den Donnerer zu hören, obwohl der kaum überhörbar ist. De facto hören ihn viele nicht. Unsere Ohren sind einfach zugemüllt.

Hölderlin zeigt mit seinem Gedicht auf, dass es möglich ist und wie es möglich ist, den Donnerer, den Retter zu hören. Obwohl das Gedicht 13 Strophen hat, ist es dennoch unglaublich verdichtet, wenn man sieht, welche Möglichkeiten von Erfahrung hinter dem, was dem blinden Sänger begegnet, stehen und, wenn man sich den inhaltlichen Zugang zu einem Hölderlin-Gedicht erarbeitet hat – die ein oder andere Stelle kann dennoch ruhig kryptisch bleiben – liest es sich wie eine Meditation.

Aus den Versen Hölderlins spricht eine tiefe Geistigkeit.

Hier deshalb noch einmal das Gedicht als Ganzes und liebe Leserin, lieber Leser, Du wirst sehen, wie sehr sich sein Reichtum andeutet:

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Der blinde Sänger

Wo bist du, Jugendliches! das immer mich
Zur Stunde weckt des Morgens, wo bist du, Licht!
Das Herz ist wach, doch bannt und hält in
Heiligem Zauber die Nacht mich immer.

Sonst lauscht ich um die Dämmerung gern, sonst harrt
Ich gerne dein am Hügel, und nie umsonst!
Nie täuschten mich, du Holdes, deine
Boten, die Lüfte, denn immer kamst du,

Kamst allbeseligend den gewohnten Pfad
Herein in deiner Schöne, wo bist du, Licht!
Das Herz ist wieder wach, doch bannt und
Hemmt die unendliche Nacht mich immer.

Mir grünten sonst die Lauben; es leuchteten
Die Blumen, wie die eigenen Augen, mir;
Nicht ferne war das Angesicht der
Meinen und leuchtete mir und droben

Und um die Wälder sah ich die Fittige
Des Himmels wandern, da ich ein Jüngling war;
Nun sitz ich still allein, von einer
Stunde zur anderen und Gestalten

Aus Lieb und Leid der helleren Tage schafft
Zur eignen Freude nun mein Gedanke sich,
Und ferne lausch ich hin, ob nicht ein
Freundlicher Retter vielleicht mir komme.

Dann hör ich oft die Stimme des Donnerers
Am Mittag, wenn der eherne nahe kommt,
Wenn ihm das Haus bebt und der Boden
Unter ihm dröhnt und der Berg es nachhallt.

Den Retter hör ich dann in der Nacht, ich hör
Ihn tötend, den Befreier, belebend ihn,
Den Donnerer vom Untergang zum
Orient eilen und ihm nach tönt ihr,

Ihm nach, ihr meine Saiten! Es lebt mit ihm
Mein Lied und wie die Quelle dem Strome folgt,
Wohin er denkt, so muß ich fort und
Folge dem Sicheren auf der Irrbahn.

Wohin? wohin? Ich höre dich da und dort,
Du Herrlicher! und rings um die Erde tönts.
Wo endest du? und was, was ist es
Über den Wolken und o wie wird mir?

Tag! Tag! du über stürzenden Wolken! sei
Willkommen mir! Es blühet mein Auge dir.
O Jugendlicht! O Glück! das alte
Wieder! doch geistiger rinnst du nieder,

Du goldner Quell aus heiligem Kelch! und du,
Du grüner Boden, friedliche Wieg! und du,
Haus meiner Väter! und ihr Lieben,
Die mir begegneten einst, o nahet,

O kommt, daß euer, euer die Freude sei,
Ihr alle, daß euch segne der Sehende!
O nimmt, daß ichs ertrage, mir das
Leben, das Göttliche mir vom Herzen.

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Hyperions Scheltrede über die Deutschen. – Gibt es sie noch, die deutschen Barbaren, von denen Hölderlin sprach?

In der Tat. Heute tragen sie Anzüge und Hosenanzüge; dazu später mehr.

Klar, man muss Hölderlins Briefe, die er im gleichnamigen Roman seinen Hyperion meistens an einen Freund namens Bellarmin schreiben lässt, durchaus nicht zu ernst nehmen, schließlich schreibt da ein Literat, der an dem, was wir bürgerliche Existenz nennen, kläglich scheiterte, bevor er geistig erkrankte
(es sei denn, Pierre Bertaux hat Recht und Hölderlin tat nur so und genoss womöglich die Zeit in seinem Turm – für mich eher unwahrscheinlich, bedenkt man, wie traumatisch die Behandlung in der Tübinger Klinik für Hölderlin war).

Schließlich nahm auch das literarische Deutschland den schwäbischen Dichter kaum zur Kenntnis – mit Ausnahme von Schiller, der allerdings den Jungspund Hölderlin, als dieser vor ihm aus Jena floh, ziemlich deutlich und öffentlich in die Pfanne haute.

Nur muss man sich ehrlicherweise auch der Frage stellen, warum Jahrzehnte später der Name Hölderlin zunehmend voller Ehrfurcht genannt wurde und andere Länder und Kulturen uns heute um ihn beneiden, denn ein Goethe kann mancherorts in Ansätzen vorgewiesen werden, ein Hölderlin aber nicht. – Er ist ein Unikat. Ich meine: ein Juwel.

Über alles verliebt in seine Diotima – und damit zurück zum Roman -, ließ Hyperion sich von seinem Freund Alabanda überzeugen, in den Russisch-Türkischen Krieg zu ziehen, um auf Seiten der Griechen deren Befreiungskampf gegen die Türken zu unterstützen.

Dem Leser mag sich nur sehr bedingt erschließen, warum er in diesem Zusammenhang meint, sich von seiner großen Liebe lossagen zu müssen. – Diotima wird an gebrochenem Herzen sterben.

Ebenso wird Hyperion, unser junger Grieche, von dem Befreiungskampf bitter enttäuscht sein. Auch sein über alles geschätzter Alabanda wird nach der Niederlage sich zurückziehen und andeuten, Selbstmord begehen zu wollen. – Alles sehr elegisch, würde Schiller sagen. Manchem zu elegisch.

Gesetzte Leute siehst du, aber keine Menschen

Selbst nun am Leben verzweifelt, schifft Hyperion nach Nordwest, wie er schreibt, und gelangt in dieser Stimmung nach Deutschland, jenem Land, aus dem Bellarmin kommt, der Mann also, an den die allermeisten seiner Briefe gerichtet sind – Hyperion ist ein Briefroman, ähnlich wie Goethes Werther, doch künstlerisch jenen in mancher Hinsicht überragend.

Übersetzen könnte man Bellarmin mit der schöne Deutsche. Trotz Scheltrede ist es kein Zufall, dass Hölderlin diesen Namen gewählt hat. Zwar misst Hyperion Deutschland an der untergegangenen Vollkommenheit des alten Griechenland, wie jenes in seiner Vorstellung einstmals existierte. Doch tut er – bzw. Hölderlin, der sich Reformen für Deutschland im Sinne der ursprünglichen Absichten der französischen Revolution wünschte – dies mit aufklärerischer Wirkungsabsicht (Schiller hätte Hyperions Scheltrede in der ihm eigenen Begrifflichkeit eine strafende bzw. pathetische Satire genannt) und durchaus deutlich:

Barbaren von alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls (…)
Es ist ein hartes Wort und dennoch sag ichs, weil es Wahrheit ist: ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesetzte Leute, aber keine Menschen (…)
Deine Deutschen aber bleiben gerne beim Notwendigsten, und darum ist bei ihnen auch so viele Stümperarbeit und so wenig Freies, Echterfreuliches. Doch das wäre zu verschmerzen, müßten solche Menschen nur nicht fühllos sein für alles schöne Leben, ruhte nur nicht überall der Fluch der gottverlaßnen Unnatur auf solchem Volke. –
Ich sage dir: es ist nichts Heiliges, was nicht entheiligt, nicht zum ärmlichen Behelf herabgewürdigt ist bei diesem Volk, und was selbst unter Wilden göttlichrein sich meist erhält, das treiben diese allberechnenden Barbaren, wie man so ein Handwerk treibt, und können es nicht anders, denn wo einmal ein menschlich Wesen abgerichtet ist, da dient es seinem Zweck, da sucht es seinen Nutzen, es schwärmt nicht mehr, bewahre Gott! es bleibt gesetzt, und wenn es feiert und wenn es liebt und wenn es betet und selber, wenn des Frühlings holdes Fest, wenn die Versöhnungszeit der Welt die Sorgen alle löst, und Unschuld zaubert in ein schuldig Herz, wenn von der Sonne warmem Strahle berauscht, der Sklave seine Ketten froh vergißt und von der gottbeseelten Luft besänftiget, die Menschenfeinde friedlich, wie die Kinder, sind – wenn selbst die Raupe sich beflügelt und die Biene schwärmt, so bleibt der Deutsche doch in seinem Fach und kümmert sich nicht viel ums Wetter!
Aber du wirst richten, heilige Natur! Denn, wenn sie nur bescheiden wären, diese Menschen, zum Gesetze nicht sich machten für die Bessern unter ihnen! wenn sie nur nicht lästerten, was sie nicht sind, und möchten sie doch lästern, wenn sie nur das Göttliche nicht höhnten! –
Oder ist nicht göttlich, was ihr höhnt und seellos nennt? Ist besser, denn euer Geschwätz, die Luft nicht, die ihr trinkt? der Sonne Strahlen, sind sie edler nicht, denn all ihr Klugen? der Erde Quellen und der Morgentau erfrischen euern Hain; könnt ihr auch das? ach! töten könnt ihr, aber nicht lebendig machen, wenn es die Liebe nicht tut, die nicht von euch ist, die ihr nicht erfunden. (…)
Es ist auch herzzerreißend, wenn man eure Dichter, eure Künstler sieht, und alle, die den Genius noch achten, die das Schöne lieben und es pflegen. Die Guten! Sie leben in der Welt, wie Fremdlinge im eigenen Hause, sie sind so recht, wie der Dulder Ulyß, da er in Bettlersgestalt an seiner Türe saß {Odysseus nach seiner Rückkehr auf Ithaka}, indes die unverschämten Freier im Saale lärmten und fragten, wer hat uns den Landläufer gebracht? Voll Lieb und Geist und Hoffnung wachsen seine Musenjünglinge dem deutschen Volk heran; du siehst sie sieben Jahre später, und sie wandeln, wie die Schatten, still und kalt, sind, wie ein Boden, den der Feind mit Salz besäete, daß er nimmer einen Grashalm treibt (…)
Es ist auf Erden alles unvollkommen, ist das alte Lied der Deutschen. Wenn doch einmal diesen Gottverlaßnen einer sagte, daß bei ihnen nur so unvollkommen alles ist, weil sie nichts Reines unverdorben, nichts Heiliges unbetastet lassen mit den plumpen Händen, daß bei ihnen nichts gedeiht, weil sie die Wurzel des Gedeihns, die göttliche Natur nicht achten, daß bei ihnen eigentlich das Leben schal und sorgenschwer und übervoll von kalter stummer Zwietracht ist, weil sie den Genius verschmähn, der Kraft und Adel in ein menschlich Tun, und Heiterkeit ins Leiden und Lieb und Brüderschaft den Städten und den Häusern bringt.

Man könnte leichterdings alles, was Hyperion schreibt, in die literarische Ecke schieben, zumal er in seinem nächsten Brief an Bellarmin schreibt:

Ich wollte nun aus Deutschland wieder fort. Ich suchte unter diesem Volke nichts mehr, ich war genug gekränkt, von unerbittlichen Beleidigungen, wollte nicht, daß meine Seele vollends unter solchen Menschen sich verblute.
Aber der himmlische Frühling hielt mich auf; er war die einzige Freude, die mir übrig war, er war ja meine letzte Liebe, wie konnt ich noch an andre Dinge denken und das Land verlassen, wo auch er war?
(…) wenn ich oft des Morgens, wie die Kranken zum Heilquell, auf den Gipfel des Gebirgs stieg, durch die schlafenden Blumen, aber vom süßen Schlummer gesättiget, neben mir die lieben Vögel aus dem Busche flogen, im Zwielicht taumelnd und begierig nach dem Tag, und die regere Luft nun schon die Gebete der Täler, die Stimmen der Herde und die Töne der Morgenglocken herauftrug, und jetzt das hohe Licht, das göttlichheitre den gewohnten Pfad daherkam, die Erde bezaubernd mit unsterblichem Leben, daß ihr Herz erwarmt‘ und all ihre Kinder wieder sich fühlten – o wie der Mond, der noch am Himmel blieb, die Lust des Tags zu teilen, so stand ich Einsamer dann auch über den Ebnen und weinte Liebestränen zu den Ufern hinab und den glänzenden Gewässern und konnte lange das Auge nicht wenden.

Hyperion wäre, wäre kurz darauf der Briefroman nicht zu Ende – „Nächstens mehr”, so lauten dessen letzte Worte – sicherlich Manns genug gewesen zu erkennen, dass dieses Frühlingsgeschehen nicht zufällig in Deutschland stattfand und eben nicht am Isthmos von Korinth oder im Tal zu Delphi.

Und natürlich wissen wir auch, dass Hölderlin wie vielleicht kein anderer deutscher Dichter Deutschland und vor allem seine schwäbische Heimat in seinen Hymnen und Oden auf unnachahmliche Weise besungen hat, man denke an Der Neckar, Heidelberg, Stuttgart, Am Quell der Donau, Die Heimat, Der Rhein, Der Main, Unter den Alpen gesungen und zahlreichen anderen mehr.

Jedes dieser Gedichte weist weit über den rein geographischen Bezug hinaus, was beispielsweise in einer der ersten Strophen der Rheinhymne deutlich wird. Von dem jungen Strom als dem vom St. Gotthard heruntertobenden Jüngling ist da die Rede und deutlich wird, wie sehr die Geburt des Stromes und der Beginn seines Verlaufs Beziehungen zum menschlichen Leben spiegeln:

Ein Rätsel ist Reinentsprungenes. Auch
Der Gesang kaum darf es enthüllen. Denn
Wie du anfingst, wirst du bleiben,
So viel auch wirket die Not,
Und die Zucht, das meiste nämlich
Vermag die Geburt,
Und der Lichtstrahl, der
Dem Neugebornen begegnet.
Wo aber ist einer,
Um frei zu bleiben
Sein Leben lang, und des Herzens Wunsch
Allein zu erfüllen, so
Aus günstigen Höhn, wie der Rhein,
Und so aus heiligem Schoße
Glücklich geboren, wie jener?

Drum ist ein Jauchzen sein Wort.
Nicht liebt er, wie andere Kinder,
In Wickelbanden zu weinen (…)

Der Rhein steht im Übrigen in dieser großen, umfassenden Hymne nicht nur für den Lauf des Lebens, sondern in seinem „freigeborenen” Sein gehört er zu den Hymnen und Dichtungen, die Hölderlin in seiner letzten Arbeitsperiode, bevor ihn eine Geisteskrankheit erfasst und er gewaltsam in die Autenriethsche Klinik eingeliefert werden wird, Vaterländische Gesänge nennt, gewidmet der vaterländischen deutschen Geschichte und den Hoffnungen, die der in Lauffen am Neckar geborene Autor in die Neuzeit setzt.

Germanien, einst ungestüm und wild

Hölderlins germanische Barbaren erinnern auch an den Rhein in seinem Oberlauf. Und manches trifft, was der Dichter scheltend über die Deutschen zum Ausdruck bringt, auf durchaus irritierende Weise auch auf heute zu.

Klar waren die Deutschen ursprünglich ein wildes germanisches Völker- bzw. Stammesgemisch und gewiss auch barbarisch. Aber die Römer und vor allem das Christentums, vor allem mittels Klöstern und ihren Mönchen, haben doch einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Entwicklung unserer Vorfahren gehabt.

Vergessen wir nicht: Bis zur Zeit Karls des Großen werden im Frankenreich bis zu 1000 Klöster gegründet, die Wirtschaftszentren sind und mit ihren Schreibschulen, Bibliotheken und den als Künstler tätigen Nonnen und Mönchen zugleich auch Kulturzentren sowie Vorratsspeicher und gleichsam Pfalzorte (dadurch durchaus auch ein politischer Faktor), wie gleichermaßen Krankenhaus und Pflegestation, Apotheke und zuständig für die Armenversorgung.

Eigentlich hat sich – sieht man heute sich in der EU so rundum, gerade auch in unseren unmittelbaren Breiten – auf diesem Hintergrund etwas ganz Passables entwickelt und man sollte, bevor es ganz in Vergessenheit gerät, dem Christentum noch vorher ein Denkmal errichten, denn ohne sein Einwirken säßen einige von uns heute noch auf den Bäumen.

Dennoch, die weiteren Zeilen Hyperions irritieren zumindest leise, wollen sich doch nicht so leicht in eine literarische Ecke schieben lassen, stimmen sie doch auch nachdenklich und mancher mag sich angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung die Frage stellen: Kommt nun Altes wieder hoch oder zeigt sich einfach jene Art von Dekadenz, der im Verlauf der Geschichte viele Hochkulturen zum Opfer vielen, ein moralisches und ethisches Verkommen?

Müssen wir doch einfach aktuell zur Kenntnis nehmen, dass unsere Gesellschaft verroht, dass gegenseitiges Helfen und Hilfsbereitschaft, wenn auch immer wieder fallweise medial auf Hochglanz poliert, dennoch insgesamt auf dem Rückzug ist und unsere politische Kultur schon viel zu lange mehr einem Wettbewerb im Schaumschlagen gleicht.

Immer mehr Menschen gehen mit Tunnelblick durchs Leben, mehr an Informationen auf dem Smartphone interessiert als an ihrer Umgebung. Menschlicher Kontakt scheint zunehmend immer weniger gefragt, Aggressionen und Pöbeleien nehmen zu und die menschenverachtenden Maßstäbe der Wirtschaft setzen sich klaglos durch. Roboter werden in der Altenpflege Menschen ersetzen, sie werden dabei ein Liedchen singen, in angenehmen Farben strahlen und Lavendelduft verströmen und irgendwann werden sie Fortpflanzungsfunktionen übernehmen.

Irgendwann werden sie auch das Sterben siecher Alter steuern dürfen.

Wie das parlamentarisch sich durchsetzt? Wie bei der Ehe für alle: Auf einmal darf ganz überraschend jeder Parlamentarier sein Gewissen und sein Herz entscheiden lassen und das entscheidet sich im Deutschen Bundestag für den sogenannten Fortschritt – eben für die computergesteuerte Altenpflege und menschengerecht computergesteuertes Sterben.

Die schulische Ausbildung hat ja ohnehin schon seit geraumer Zeit immer weniger mit Bildung zu tun, sondern vermittelt vor allem Fertigkeiten, bevorzugt digitaler Art (irgendwann wird noch wesentlich spürbarer das Jammern der Wirtschaft erfolgreich auf die Lehrpläne durchgeschlagen haben), denn die braucht das Bruttosozialprodukt. E-Tafeln im Unterricht ermöglichen vielfach schon jetzt den jederzeitigen Zugriff auf das Internet, Bücher  sind immer weniger gefragt und bei Gelegenheit wird ein Wissenschaftlerteam feststellen, wie unglaublich bakteriell verseucht sie sind, so dass noch zu klären ist, wie die Menschheit überhaupt, Bücher lesend, überleben konnte.

Kinder werden die Langlebigkeit der Börsen garantieren, an den Markt glauben so wie früher an den lieben Gott und sich späterhin – wie schon jetzt ihre Eltern – mit Hilfe von Wiesn, Weihnachten und Fußballweltmeisterschaften bei Laune halten, bis dass der Tod sie von ihrem Bankkonto scheidet.

Die exzentrische Bahn lässt sich nicht durch Roboter ersetzen

Hölderlin hat – 22-jährig begann er – über fünf Jahre an diesem Roman geschrieben und das, was den Zugang zu ihm vielleicht am meisten öffnet, sind Worte aus einem 1793 vorab in Schillers Literaturzeitschrift Neue Thalia veröffentlichten Fragment von Hyperion, so der Titel, Worte, die es leider – auch nicht auszugsweise – in die endgültige Fassung bzw. deren Vorrede geschafft haben.

In diesem Fragment findet sich eine Formulierung, die unendlich viel aussagt über den späteren Roman, dessen tieferes Verständnis sowie die Wahrheit des Lebens und wie wenig letztendlich Börsen, Wirtschaft und Smartphones das Sagen haben:

Es ist da von der exzentrischen Bahn die Rede, gemeint ist unser aller Lebensbahn, die eben außerhalb eines wie auch immer gearteten Zentrums verläuft – es heißt in jenem Fragment:

Die exzentrische Bahn, die der Mensch, im Allgemeinen und Einzelnen, von einem Punkte (der mehr oder weniger reinen Einfalt) zum andern (der mehr oder weniger vollendeten Bildung) durchläuft, scheint sich, nach ihren wesentlichen Richtungen, immer gleich zu seyn.

Einige von diesen sollten, nebst ihrer Zurechtweisung, in den Briefen, wovon die folgenden ein Bruchstück sind, dargestellt werden.

In Hölderlins Vorstellung gehen wir aus von einem Naturzustand, dem einer reinen Einfalt, und gelangen zum Ziel, der mehr oder weniger vollendeten Bildung. Thomas. Steams Eliot hat es in Four Quartets unnachahmlich so formuliert:

Und am Ende all unserer Forschungen werden wir da ankommen,
wo wir angefan­gen haben,
Und werden den Ort zum ersten Mal erken­nen.

Dass dieser Weg gekennzeichnet ist durch Erfahrungen der Liebe, der Freundschaft ebenso wie des Verlustes, des Todes, des Schmerzes, das macht der Roman deutlich.
Niemand kann sich dieser Erfahrungen entziehen (und wenn es ihm gelingt, hat er wider Erwarten ausgesprochen Pech gehabt). Überall und jederzeit kann der Mensch hinterrücks von einer Krankheit überfallen und krasser Lieblosigkeit oder dem Tod konfrontiert werden. Da hilft keine Versicherung und kein Smartphone.

Vieles ließe sich in Hölderlins Roman psychologisch interpretieren wie auch zeitbezogen, spiegelt doch Hyperions Freund Alabanda in seinem Verhalten Erfahrungen der Zeitgenossen mit der französischen Revolution wider, von der Hölderlin nur ungern zunehmend Abstand nahm, genauer gesagt, von ihren Auswüchsen, nicht von ihren ursprünglichen Zielen.

So könnte man Alabanda als Schattengestalt Hyperions sehen, Bellarmin als (deutsches) alter Ego, Diotima als reine Weiblichkeit, die allerdings durch Hyperion auch Entwicklungen durchmacht. Doch ist der Roman insgesamt viel zu existentiell gehalten, berührt, was die griechische Kultur für die Entwicklung der Menschheit bedeutet, formuliert in der Sekundärliteratur kaum wahrgenommene, aber höchst interessante Gedanken zur Kindeserziehung und lässt erkennen, was wir alle wissen, aber immer wieder eben auch nicht wissen wollen, dass Entwicklung ohne Verlust, ohne Tod, ohne höchsten Schmerz nicht möglich ist. Hier erstarrt nichts in psychologischen Chiffren.

In diesem Roman schlagen Gefühle und das immer wieder genannte Schicksal durch. – Schicksal – annähernd sechzigmal taucht dieses Wort im Roman auf – geht nun einmal (Gott sei Dank) über alles Psychologische hinaus.

Manches mag für heutige Ohren zu gefühlstragisch formuliert sein, zu überpointiert, zu wertherhaft gefühlsselig. Es spiegelt sich in dem Roman einfach auch die Ausdrucksweise des ausgehenden 18. Jahrhunderts und eines übersensiblen jungen Mannes. Dennoch vermag er tief zu berühren, weil er zu Fragen herausfordert, Fragen, wie es zu manchen Verhaltensweisen Hyperions kommt, wenn er beispielsweise recht unvermittelt an der Seite Alabandas, wie das Männer nun mal gern tun, meint in den Krieg ziehen zu müssen und seine Diotima, die sich dagegen ausspricht, zurücklässt, oder wie man dem gegenübersteht, dass dieser Alabanda höchste Sympathien – und mehr als nur Sympathien – für Diotima bekundet und Hyperion ihm kein Stop gibt, im Gegenteil, nachgerade bedauert, sie nicht mit ihm teilen zu können.

Gerade aber auf dem Hintergrund solch zu hinterfragender Stellen und Entscheidungen, die mit der Realität des Lebens unmittelbar zu tun haben, bedaure ich, dass ich noch nie in Baden Württemberg – und von anderen Bundesländern ist mir das ebenfalls nicht bekannt – Hyperion als Lektüre für das Abitur vorgegeben fand – eine bessere Seelennahrung als u.a. Schillers Räuberklamauk oder auch Ingeborg Drewitz´ Gestern war heute, die jahrelang in Baden Württemberg gelesen werden mussten, wäre dieses Werk allemal gewesen.

Die exzentrischen Bahnen von Kulturen und Völkern

Ganz entscheidend aber ist auch, dass nicht nur Menschen eine exzentrische Bahn gehen, sondern Kulturen und Völker. Deutschland kann ein Lied von ihr singen und aktuell hat Großbritannien beispielsweise sich für eine Bahn entschieden, die sehr exzentrisch werden könnte. Ebenfalls die Amerikas.

Deutschland hat sich in den letzten zwölf Jahren für einen Modus entschieden, der absehbar nicht gutgehen wird und an Erfahrungen eines Kajakfahrers erinnert, der glaubt, auf einem wilden Strom überleben zu können, wenn er das Paddel vor sich ablegt und sich treiben lässt. Jeder weiß, dass das auf Dauer nicht gutgeht. Man muss auf dem Strom mindestens so schnell unterwegs sein wie der Strom selbst, weil er sonst mit einem macht, was einem gar nicht gefällt.

Die Frage ist, wie dieses Land aus diesem Trägheitsmodus herauskommt.

Zunächst ist es in jenem, weil es eine Frau wählt, die ihn bis zur Perfektion kultiviert.
Das sagt einfach auch viel über dieses Land und seine Menschen aus und es nützt im Grunde wenig, immer wieder, wie ich es auch tue, über die Ziellosigkeit und innere Apathie dieser Frau zu schimpfen. Sie ist einfach so, so smileyhaft sie auch als Mensch und Ersatzmutti sein mag. Dass sie, wenn sie samt Deutschland auf dem Strom der Zeit umkippt, zu einer Eskimorolle, die sie wieder nach oben bringt, in der Lage ist, bezweifle wohl nicht nur ich.

Ja, lieber Hölderlin, es gibt sie, die Barbaren!

Was Bildung ausmacht, ist eben nicht das, was unser digitales Zeitalter darunter verstehen will, sondern ist jenes immer bewusster werdende Unterwegs-Sein auf unser aller exzentrischen Bahn. – Hyperion sagt zunehmend bewusster und demütiger Ja zu ihr. Sein Sinneswandel wird am Schluss nur kurz, vielleicht zu kurz angesprochen, doch ist er deutlich, weil der Held an dem tiefsten Punkt seines Lebens Ja sagt zu dem ihm widerfahrenen Schmerz und weil er erkannt hat, dass es eben dieser Schmerz ist, der ihn zu seinem Zentrum gelangen lässt.

An den Rändern Deutschlands leiden Millionen von Menschen Schmerzen, erfahren Leid, weil sie am Leben nicht teilnehmen können, weil für sie Leben in jeder Jahreszeit zu einer Frage des Überwinterns geworden ist.

Was da hilft?

Kein Schimpfen auf Merkel – sie ist einfach Fakt mit jedem Kilo ihrer Existenz; dieser monolithische Block wird auch in Zukunft nicht lösen, was er 12 Jahre lang übersehen wollte.

Es hilft das unverdrossene Aufzeigen der Realität, um allerdings dabei nicht stehen zu bleiben:

Es gilt, eine neue Konstruktivität zu entwickeln, die zunächst den Gliedern unserer Gesellschaft ein menschenwürdiges Leben ermöglicht. Dann wird es auch möglich sein, anderen Menschen weltweit zu helfen.

Wer aber helfen will, ohne den Nächsten zu sehen, wird exzentrisch implodieren.

Allernächst ist man allerdings zunächst sich selbst.

Wer sich in Würde begegnet und mit Respekt, kann dies auch gegenüber anderen tun.

Noch zeigt uns unsere Gesellschaft, dass eindeutig zu wenige Menschen in diesem Land sich selbst in Würde und mit Respekt begegnen. Es wird ihnen aber auch nicht leicht gemacht, denn wer ein Leben lang gearbeitet hat, um dann zu erkennen, dass die Entscheidungsträger dieser Gesellschaft ihn nicht eines würdigen menschlichen Daseins für wert befinden – das betrifft u.a. Pflegebedürftige und Mitbürger im ArmenRuheStand -, hat mit dem Selbstwert naturgemäß Schwierigkeiten. Und wer tagtäglich für die Gesellschaft wertvolle Arbeit leistet, aber über ein Existenzminimum nicht hinauskommt, dem geht es genauso.

Hölderlin hat Recht: Deutschland hat seine gefühllosen Barbaren.
Sie tragen Anzüge und Hosenanzüge. Besonders gern stellen sie sich zur Wahl und versprechen zu tun, was sie über Jahre, ja Jahrzehnte nicht zu tun bereit waren.

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Glaubt mit Vernunft! Benedikt XVI.´ Regensburger Rede wird immer bedeutsamer.

 

Mit Benedikts Rede verhält es sich wie mit gutem Wein: je älter, desto besser, desto mehr treten ihr Wahrheitsgehalt und ihre Bedeutung zu Tage. Ja, sie wird immer aktueller. Am 12. September jährt sie sich zum elften Mal, und da Benedikt vielleicht nicht mehr allzu lange unter uns weilt, seien an dieser Stelle die Gedanken gewürdigt, die der emeritierte Papst zu Recht in den Mittelpunkt gerückt sehen wollte.

Dass dies zunächst misslang, ist den Reaktionen auf seine Rede, dem fast weltweiten Hype seitens des orthodoxen Islam geschuldet, der sich aus zahlreichen islamischen Staaten fulminant Stimme verlieh; u.a. erklärte der stellvertretende Parteivorsitzende der regierenden türkischen AKP, Salih Kapusuz, der Papst sei durch seine Worte „in derselben Kategorie mit Führern wie Hitler und Mussolini in die Geschichte eingegangen“.

Benedikt bekannte, dass er mit dieser „riesigen Propagandaschlacht” nicht gerechnet habe und in einer Anmerkung zur schriftlichen Fassung seiner Rede, veröffentlicht in der Libreria Editrice Vaticana, distanzierte er sich erneut von den von ihm zitierten um das Jahr 1400 verfassten Worten des byzantinischen Kaisers Manuel II., welche besagen, dass Mohammed nur „Schlechtes und Inhumanes” gebracht habe „wie dies, daß er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten“.

Benedikt schrieb, der zitierte Satz habe nicht seine eigene Haltung dem Koran gegenüber ausgedrückt, „dem gegenüber ich die Ehrfurcht empfinde, die dem heiligen Buch einer großen Religion gebührt.” Ohnehin hatte er eigentlich schon 2006 am Ende seiner Rede expressis verbis zum „Dialog der Kulturen unsere Gesprächspartner (eingeladen).” und sich damit von den kaiserlichen Worten deutlich abgesetzt. Hinzu kommt, dass er in seinen auf das Zitat hinführenden Worten – von einer „für uns unannehmbar schroffe(n) Form“ der Aussage von Manuel II. Palaeologos gesprochen hatte.

Allerdings zeigen die Wucht der Reaktion sowie das Ausmaß an Beleidigung und Beschimpfung, dass er den Finger in eine offene Wunde gelegt haben muss. Zu Recht ist angemerkt worden, dass nicht ein einziges Mal angesichts der terroristischen und gewalttätigen Verbrechen von Islamisten in den folgenden Jahren eine ähnliche Reaktion wahrgenommen werden konnte, die viele zu Recht gerade von jenen Muslimen einforderten, die sich angesichts des Papst-Zitates über die Gewalttätigkeit des Islam so echauffiert hatten. Doch als sie Farbe hätten bekennen sollen gegen einen extrem gewalttätigen Islam der Gegenwart, taten sie es nicht.

Dabei war es Benedikt im Hinblick auf die zitierten Kaiserworte um etwas ganz anderes gegangen:

Ein Satz, der die Welt verändern könnte!

Im Zentrum von Benedikts Rede steht jener Satz des byzantinischen Herrschers, dessentwegen er ihn überhaupt zitiert hatte:

„Gott hat keinen Gefallen am Blut (…) und nicht vernunftgemäß, nicht „σὺν λόγω” zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider (…)”.

Ein auf den ersten Blick fast harmlos anmutender Satz, doch hat er die Kraft, die Welt zu verändern.

σὺν λόγω – das bekundet: mit Logos, mit Vernunft.

Logos bedeutet übersetzt Wort, Sinn, Christus, Sohn, Vernunft. (Über kaum ein Wort und seine Bedeutung ist so viel geschrieben worden.)

Dem Wesen Gottes ist es zu eigen, mit Vernunft zu handeln!

Mit genau diesem Satz hängen die Krise der christlichen Kirchen, die Krise des Glaubens und die Wertekrise der westlichen Gesellschaften zusammen, die sich zwar wirtschaftlich ständig fortentwickeln wollen, aber ihres geistigen Fundamentes vollkommen verlustig gegangen sind.

Deshalb sind die Worte Benedikts so bedeutsam. Wenn das einstmals Christliche Abendland sie in ihrer Konsequenz nicht versteht, wird es ethisch und moralisch und in der Folge auch wirtschaftlich, ggf. auch militärisch (digitale Kriegsführung eingeschlossen), untergehen, weil sein momentaner Versuch, Ethik zu praktizieren, ohne ein entsprechendes geistiges Fundament zu haben, scheitern muss.

Christliche Spiritualität und ein christlicher Wertekanon waren im Verein mit der philosophisch-ethischen Basis der jeweiligen Zeit Voraussetzung für das Erstarken Europas in wirtschaftlicher, wissenschaftlicher und politischer Hinsicht. Wer diesen Zusammenhang nicht einzusehen in der Lage oder willens ist, wird sich mittels zukünftiger Entwicklungen eines Besseren belehren lassen müssen.

Ethik und entsprechende Werte verwirklichen sich nicht in einem geistig luftleeren Raum. Deshalb schrieb ich in meinem letzten Post, dass jeder in Deutschland spüre, dass etwas in diesem Land verkommt. Gott sei Dank noch nicht bei allen, denn:

Das Bewusstsein mancher Menschen hat sich in Richtung Logos verändert.

Erinnern wir uns zunächst der Quelle, auf die sich Logos bezieht. Wir kennen dieses Wort nicht nur aus jener berühmten Fauststelle (Geschrieben steht: „Im Anfang war das Wort!” / Hier stock´ ich schon! Wer hilft mir weiter fort?), sondern vor allem aus dem Beginn des Johannes-Evangeliums, jener vielleicht geistig wichtigsten Stelle des Neuen Testaments, in der das Wort, Logos, von zentraler Bedeutung ist:

1 Im Anfang war das Wort {λόγος / Logos}, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.
2 Dasselbe war im Anfang bei Gott.
3 Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.
4 In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.
5 Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat’s nicht ergriffen. (…)
10 Es war in der Welt, und die Welt ist durch dasselbe gemacht; und die Welt erkannte es nicht.
11 Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. (…)
14 Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

Blicken wir zurück in die Geschichte der Menschheit, so sehen wir, dass das Gottesverständnis nicht nur in unterschiedlichen Regionen verschieden war – ein Buddhismus wäre in Europa nicht möglich gewesen, hier fand sich zu gleicher Zeit die griechische Philosophie, die den Boden bereitete für die Sprache des Neuen Testaments -, sondern auch verschieden war zu unterschiedlichen Zeiten.

Wir sehen heute zurück auf ein animistisches Natur- und Gottesverständnis, auf Schamanismus, Mysterienwesen, Götter unterschiedlichster Hierarchien und im Rahmen des Christentums auf einen Weg, der erst mit Luther und durch Gutenbergs Kunst mehr und mehr Menschen an dem, was wir Religion nennen, so beteiligte, dass sie sich zunehmend selbst einbringen und eine eigene Meinung in Glaubensdingen bilden konnten. Als es so weit war, war es damit auch fast schon wieder vorüber, denn mit Beginn des Newtonschen Zeitalters begann eine Säkularisierung und ein Materialismus, dessen Höhepunkt heute fast schon wieder überschritten sein dürfte, zeigen doch entsprechende Untersuchungen durchaus ein Interesse der Menschen an religiösen Themen, allerdings mehr und mehr in außerkirchlichem und eher privatem Rahmen. Und zwar ein qualitativ verändertes Interesse. Das ist nicht mehr der Glaube unserer Eltern, ein mehr oder weniger ernstes Frommsein (was ich in meiner Kindheit oft als negativ erlebt und als Scheinheiligkeit wahrgenommen habe, aber keineswegs generell so einstufen möchte), sondern ein bewussteres Vordringen zu dem, was wirklich die Wirklichkeit unserer Erde und des Kosmos ausmachen könnte.

Benedikts großes Thema: das Verhältnis von Vernunft und Glaube

Ich habe nicht den Eindruck, dass die Kirchen wirklich erkannt haben, wo der Schuh sie dermaßen drückt, dass er sie am Fortschreiten, an einer Weiterentwicklung hindert. Ich bin mir nicht einmal sicher, dass sie Benedikt – vielleicht gilt auch in einer Kirche der eigene Prophet zu wenig – verstehen wollen; er verweist sie auf das Verhältnis von Vernunft und Glaube:

Menschliches Bewusstsein hat sich verändert; Menschen denken heute anders als früher, und wenn sie glauben, dann glauben sie anders als früher: Sie glauben denkend, sie stellen Fragen, und den Kirchen nehmen sie zunehmend die gängigen Antworten nicht mehr ab. Das ist z.B. ein Grund, warum ich nicht mehr in die Kirche gehe, denn was ich höre, klingt – es gibt Ausnahmen – noch wie vor 50 Jahren, als ob das Bewusstsein der Menschen sich nicht verändert hätte. Lassen Sie mich es drastisch ausdrücken: Es ist mir zu oft noch der gleiche frömmelnd stanzenhafte Sermon. Oft zeigt er für mich weder Herz noch Hirn. Manche mögen der Auffassung sein, dass das Herz das Wichtigste sei, der Kopf vernachlässigbar. Diese Einstellung aber entspricht immer weniger dem Menschen von heute. Und das nicht zu seinem Nachteil.

Ein sich bewegendes Denken

Menschen halten den Glauben nicht mehr für das allein Seligmachende, sondern sie suchen nach einer Antwort, die der Logos gibt. Ich will nicht sagen, dass sie die Antworten intellektuell versuchen anzugehen. Vielmehr ist es so, dass sich in unserer Zeit eine Art von Denken, das nicht mehr pur rational ist, entwickelt, kein kaltes Denken, sondern im Gegenteil eines, das sich denkend um das eigene Ich kümmert und um die Fragen, die das Innere bewegen, ein sich bewegendes Denken, ein durchaus auch intuitives, die Tiefenschichten unseres Seins suchendes, aufsuchendes Denken.

Damit einher geht keineswegs eine Absage an intuitive Formen der Religiosität, wie sie beispielsweise in Taizé oder klösterlichen Einrichtungen praktiziert werden oder in Formen der Meditation, mithin der bewussten Zuwendung zum eigenen Inneren. Ich war sehr erstaunt, als ich bei Nico Rosberg eine entsprechende Einstellung wahrnahm, die ich bei einem Formel-I-Fahrer wahrlich nicht vermutet hätte. Wir finden Entsprechendes bei mehr und mehr Menschen. Viele sprechen bewusst nicht darüber, wissend, dass Plappern dem, um was es geht, die Energie zur Entwicklung nimmt. Manche Dinge entwickeln sich eben am besten im Stillen!

Benedikts Weisheit trägt einer neuen geistigen Ausrichtung Rechnung. Sein Bestreben ging und geht darauf hinaus, den Logos, die Vernunft mit dem Glauben zu versöhnen. So weit aber ist die Kirche nicht; noch besteht sie (wenn auch nicht mehr so offensichtlich) auf der Verfügungsgewalt über das Innere ihrer Schäfchen. Den Grund, warum Letztere in Scharen weglaufen, könnte die Kirche, wenn sie sich treu bleibt, erst wahrzunehmen bereit sein, wenn ihr das Geld ausgeht. – Das kann dauern. Ihre finanziellen Polster könnten sie überleben.

Descartes´ revolutionierender Satz cogito, ergo sum – Ich denke, also bin ich, mit dem er gegen die Mitte des 17. Jahrhunderts hin alles, was bisher galt, denkerisch auf den Prüfstand stellen wollte, führte den Menschen nicht zu Ich-Findung und jenem sich bewegenden Denken, sondern steilwärts in den Materialismus. Dort hängt er überwiegend fest. Und nur, wenn es einen Tsunami gibt oder ein Fukushima, dann tauchen die üblichen Fragen, nämlich, warum Gott so etwas zulassen könne, auf. Als ob uns nicht selbst Spiele, allen voran das Schachspiel, die Realität des Lebens zeigen können, nämlich, dass zunächst Weiß zieht, dann aber gnadenlos – manchmal mit tödlicher Konsequenz – Schwarz (und wenn es so negativ aufgeladen ist durch menschliches Denken, Reden und Handeln wie zur Zeit – und es ist kein Wandel abzusehen, im Gegenteil -, sollte sich auch niemand über die schwarze Vehemenz wundern!).

Wenn also Schwarz am Zug ist, dann fällt manchen auf einmal ein spiritus rector ein, der das Matt doch hätte verhindern müssen und an der jeweiligen Kalamität Schuld sein soll. Solange alles gutgeht, sieht der Mensch vor allem sich, wenn das Chaos ausbricht, dann gibt es auf einmal einen Gott, den es sonst nie gibt. Vergeblich bemühten sich die Mythen und Religionen mit und in ihren Bildern jahrtausendelang, darauf zu verweisen, worin die Ursachen liegen, dass es einen Tod gibt, dass es Schwarz gibt, Krankheit und Leid, und worin die Entwicklungschancen bestehen.

Allah ist auf fast kompromittierende Weise unberechenbar

Benedikt verweist in diesem Zusammenhang auf etwas Entscheidendes, wenn man sich auch von seiner Verwendung des Wortes Transzendenz nicht irritieren lassen darf:

Der christliche Gott, selbst Logos, selbst Vernunft, sich selbst also in den Rahmen des Logos eingliedernd, ist für Benedikt kein transzendenter Gott – im Gegensatz zu Allah.

Und der Papst nimmt Bezug auf einen herausragenden Vertreter des Islam, Ibn Hazm, welcher im Hinblick auf Allah erklärt, „daß Gott auch nicht durch sein eigenes Wort gehalten sei und daß nichts ihn dazu verpflichte, uns die Wahrheit zu offenbaren. Wenn er es wollte, müsse der Mensch auch Götzendienst treiben.”

Ein Gott dieser unberechenbaren Transzendenz kann für Menschen normalerweise nicht attraktiv sein.

Dass diese Worte von Ibn Hazm durch Benedikt einer so großen Weltöffentlichkeit noch einmal ins Bewusstsein gebracht wurden, mag die islamische Welt insgeheim mindestens genauso wie das Zitat des byzantinischen Kaisers auf die Palme gebracht haben, denn gerade auf dem Hintergrund des existierenden christlichen Logos weist es Allah in fast kompromittierender Weise als einen nicht berechenbaren Gott aus.

Benedikt zielt im Fortgang seiner Rede auf Positionen, „die denen von Ibn Hazm durchaus nahekommen können und auf das Bild eines Willkür-Gottes zulaufen könnten, der auch nicht an die Wahrheit und an das Gute gebunden ist. Die Transzendenz und die Andersheit Gottes werden so weit übersteigert, daß auch unsere Vernunft, unser Sinn für das Wahre und Gute kein wirklicher Spiegel Gottes mehr sind, dessen abgründige Möglichkeiten hinter seinen tatsächlichen Entscheiden für uns ewig unzugänglich und verborgen bleiben.”

Letztendlich lässt Benedikt offen, ob er hier einen Zusammenhang mit dem aktuellen Islam und dessen Gottesverständnis sehen will. Dass aber muslimische Gelehrte, obwohl Benedikt nur zitierte, not amused waren, ist nachvollziehbar. Vor allem, weil eben der christliche Gott dezidiert anders ist. Er ist im Zweifel nicht willkürlich, sondern:

Der christliche Gott ist Logos, verlässliche Vernunft.

Diesen Unterschied deutlich werden zu lassen, gehört zu den großen Verdiensten dieser Rede.

Seinen Logos hat Gott dem einzelnen Menschen angeboten, ihn zu ergreifen. Erinnern wir uns obiger Worte des Evangelisten, dann ist es allerdings wohl höchst selten geschehen, dass Menschen – über Lippenbekenntnisse hinaus (und hierzu zähle ich auch die Lippen von Bischöfen und Kardinälen) – dieses Angebot angenommen haben.

Ich bin Benedikt immer wieder auch kritisch gegenübergestanden. Mir kam der schmallippige Präfekt der Glaubenskongregation, der er früher war, manchmal kalt, unnahbar und sehr intellektuell vor. Als Papst habe ich ihn zunehmend weicher und herzlicher werdend erlebt, und bemerkenswert offen und selbstkritisch äußert er sich auch in Letzte Gespräche, dem von Peter Seewald herausgegebenen Interviewband

In seiner Regensburger Rede weist er seiner Kirche den Weg in die Zukunft, wissend, dass sich der Glaube der Menschen verändert und ihre Vernunft und es an der Zeit ist, dass Menschen den Logos-Begriff heute umfassender erfassen. Der Logos des Menschen, seine Vernunft, sein Denken, ist Teil des großen Logos. Für Benedikt – das wird deutlich – ist er dezidiert diesseitig. Nicht unnahbar, transzendent. Sondern mitten unter uns.

Im Anfang

Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde, so heißt es zu Beginn des Alten Testaments.

Im Anfang war das Wort, so beginnt das geistig so tiefgehende Evangelium, das Johannes-Evangelium.

Benedikt verweist auf die viel zu wenig beachtete Parallelität der Formulierung.
Wir alle gehen den Weg von Alpha, dem Urbeginn, bis Omega, zum Ende unserer Entwicklung; beide Buchstaben, das A und das O, markieren den ersten (Alpha) und letzten Buchstaben (Omega) des griechischen Alphabets. Wir sind auf diesem Weg, der erst mit dem siebten Schöpfungstag endet. Und wer weiß, ob nicht dann ein weiterer Zyklus beginnt.

Aber fest steht, dass der Mensch immer eigenverantwortlicher wird. Das ist nicht zu übersehen. Damit das gutgehen kann, hat sich das Urwesen, das manche Gott nennen, in seinem Sohn mit der Erde vereinigt. Die Bedeutung des Logos ist, dass er erkennbar geworden ist als Christus, als Logos, und dass er diesen, gleichsam sich selbst, den Menschen verantwortlich anbietet. Manchen ist das gewiss zu christlich und religiös und sie wenden sich ab.
Aber Tatsache ist, dass mit diesem Logos dieses Urwesen, das wir auch Gott nennen, den Menschen von sich abnabelt. Der jüdisch-christliche Gott möchte – im Gegensatz zum Islam (die Sprache und Diktion des Koran lässt für mich hier keine Zweifel) – keine trommelnd das Wort Gott bzw. Allah wiederholenden Marionetten.

Wer weiß, ob nicht das Nicht-Aufsteigen des Kain-Rauches ein göttliches Einwirken war; es findet sich in der Bibel kein Hinweis, dass Kain selbst die Ursache für die Ablehnung seines Opferrauches gewesen sei. – Jedenfalls wird Kain wie sein Rauch radikal auf die Erde verwiesen Kein Zufall. Abel geht, Kain bleibt.

Und nicht einmal Gottes Sohn möchte lauter Christusse. Als er nach seiner Auferstehung unter die Jünger tritt, verweist er (Joh.20,22) darauf, dass sie von nun an eigenverantwortlich mit dem Geist arbeiten, den er ihnen übermittelte. In jedem Menschen ist er Teil seines Wesens.

Manchem ist diese Option zu groß; lieber nimmt er den atheistischen Ausgang, für mich menschlich nachvollziehbar (es ist auch bequemer, wobei manche ihre Bequemlichkeit hinter Rationalität verstecken).

Nicht jeder, der Leistung zeigen könnte, tut das. das gilt gerade auch in spiritueller Hinsicht. Manche springen eben unter der Hochsprunglatte durch oder legen sie sich selbst so hoch, dass sie sie zwangsläufig reißen müssen. Bedauerlicherweise ist es so, dass in einer Gesellschaft, die Kindern und Jugendlichen nicht mehr grundlegende Tugenden vermittelt wie die, dass man auf Dinge verzichten können muss, um ein großes Ziel zu erreichen, diese mangelhafte Erziehung nicht die Kinder fördert, sondern deren Scheitern. – Das muss man nicht kommentieren. Es ist schlimm genug.

Wachsen zum Erwachsensein

Hingen die Menschen bis zu Christi Anwesenheit auf der Erde womöglich trotz Kain und Prometheus noch am Rockzipfel Gottes, so ist es mit diesem Kinderstatus endgültig vorbei.
Die Menschen werden erwachsen und sie werden es nur, wenn Vernunft und Glaube Hand in Hand gehen. – Auch das verbirgt sich meines Erachtens hinter den Worten Benedikts, aus denen seine Kirche keine für mich erkennbaren Konsequenzen zieht.

Ohne das Verwobensein des Kain mit der Erde, ohne dieses Ichbewusstsein, diese Ich-Findung, initiiert durch Jahve, ohne den Prometheus in sich kann niemand den Logos leben.

Jemand, der die Quellen, seien es die Veden, die Bibel, die Mythen, die uns auf diesen Weg verweisen und ihn erklären, nicht ernst nimmt, wird scheitern. Manche möchten sie für Phantasiegebilde halten. Doch wir verdanken sie dem Logos, den es seit allen Zeiten gibt und der sich zu allen Zeiten kundgetan hat, nie eben aber intensiver und hilfreicher als durch seine Präsenz in Jesus. Wenige haben wirklich dessen Bedeutung und eben die Bedeutung des Logos, einer Vernunft, die von uns selbst zur Anwendung gebracht sein will, für ihre spirituelle Entwicklung begriffen.

Benedikt hat in seiner Regensburger Rede den Glauben mit dieser Vernunft verbunden, und wenn man genau hinhört, geschieht es mahnend, bittend und wissend zugleich, wenn er fordert, dass „Vernunft und Glaube auf neue Weise zueinanderfinden“, indem wir „der Vernunft ihre ganze Weite wieder eröffnen.“

In nuce enthalten diese Worte, enthält seine Regensburger Rede Benedikts Vermächtnis.

Ich finde es wahrlich weise.

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Zwei Wege zur Wahrheit.

 

Die Übereinstimmung.

Wahrheit suchen wir beide; du außen im Leben, ich innen
In dem Herzen, und so findet sie jeder gewiss.
Ist das Auge gesund, so begegnet es außen dem Schöpfer,
Ist es das Herz, dann gewiss spiegelt es innen die Welt.

Menschen können über Dinge weidlich philosophieren und oft ist es, liest man deren Ergüsse, so, dass man danach mehr zweifelt am Sinn des Lebens und weniger versteht von all dem als vorher.

Hier, anlässlich Schillers Sinnspruch im Rahmen der Tabulae votivae aus dem von ihm herausgegebenen Musenalmanach des Jahres 1797 finden sich vier Zeilen, die eine wirklich wertvolle Philosophie enthalten, eine Weisheit, die so prägnant ist, dass sie, liest man sie wirklich verstehend, keinen Zweifel lässt.

Zumal Schiller mittels der Überschrift die Richtung des Verstehens vorgibt.

Im Grunde ist es eine Absage an den Dualismus in der Welt. Nur vordergründig ist die Welt dual angelegt, im Grunde existiert eine Über-EIN-stimmung.

Schiller sagt: Der eine schaut nach außen und findet, was ein anderer innen sieht. Beide Vorgehensweisen führen zum selben Ergebnis: Sie sehen den Schöpfer, seine Welt.

Menschen ist selten bewusst:

Unsere äußere Wirklichkeit enthält den Schlüssel zu allen Rätseln.

Kant verstellte mit seiner Behauptung, dass der Mensch zum Ding an sich, zum Innersten des Seins keinen Zugang habe – für mich der größte philosophische Fake aller Zeiten – vielen Menschen den Zugang, weil sie fortan Kant meinten glauben zu müssen, zu Gott, zu dem Höchsten, dem ultimativen Ding an sich keinen Zugang zu haben.

Schiller erteilt dem eine Absage, ja, er weist sogar dezidiert darauf hin, dass man nicht die große Weltflucht antreten muss, um die Wahrheit zu erkennen. Es ist, als ob man ihn sagen hört: 

Schau doch den menschlichen Körper an! Gibt es etwas Vollendeteres als ihn? In ihm siehst Du alle Weisheit. Ein geistiges Wunderwerk. So kannst Du alles im Außen finden wie ebenso im Innen. 

Welchen Weg jemand wählt, liegt gewiss in seinem Naturell, in seinen Lebensvoraussetzungen. Eine Gärtnersfrau findet diese Wahrheit vielleicht in einer Margerite, ein Biologe erkennt die Weisheit des Lebens über seine Zellforschung, ein Astronom in der Unerschöpflichkeit des Alls und dessen sich ständig verändernder Beschaffenheit.

Das Äußere der Wirklichkeit führt uns immer nach innen.

Mancher wendet sich nach innen im Sinne von Novalis: Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft.

Das ist der Weg des Meditierenden, des Betenden, des Gläubigen.

Schiller spricht nicht davon, dass dieser Weg wertvoller oder besser sei als der des Zellforschers, des Astronomen, des Beamten in der KFZ-Zulassungsstelle, der alle Menschen gleich höflich und zuvorkommend behandelt.

Es gibt nur, so sagt Schiller, jeweils eine Voraussetzung: Das Auge bzw. das Herz müssen gesund sein. Das heißt, ihre Wahrnehmungsfähigkeit muss gesund sein. Auch ein Brillenträger oder jemand mit einem Herzkatheter kann in Schillers Sinn gesund sein. Man darf das nicht falsch verstehen.

Keine Frage, dass sich der Mensch um die Gesundheit des Auges und die Gesundheit des Herzens, also um die Fähigkeit einer klaren Aufnahme der Wirklichkeit bemühen muss.

Schiller gibt in der dritten Strophe seines Gedichtes Die Worte des Glaubens den Weg vor:

Und die Tugend, sie ist kein leerer Schall,
Der Mensch kann sie üben im Leben,
Und sollt‘ er auch straucheln überall,
Er kann nach der göttlichen streben,
Und was kein Verstand der Verständigen sieht,
Das übet in Einfalt ein kindlich Gemüth.

Übung ist notwendig. 

Komm übe, was Du längst begriffen hast, sagt die Stimme der Vernunft zu Nathan dem Weisen, als der Klosterbruder im gleichlautenden Schauspiel Lessings ihm ein Findelkind in die Arme drückt, damit er es aufnehme, ein Christenkind, und das, nachdem die Christen in Darun alle Juden getötet hatten, darunter seine 7 Söhne und seine Frau, verbrannt im Hause des Bruders.

Komm übe, was du längst begriffen hast!

Auch die zweite Strophe von Die Worte des Glaubens darf man nicht falsch verstehen: 

Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei,
Und würd‘ er in Ketten geboren,
Lasst euch nicht irren des Pöbels Geschrei,
Nicht den Missbrauch rasender Toren!
Vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht,
Vor dem freien Menschen erzittert nicht!

In seinem Ursprung ist der Mensch frei geschaffen bzw. zu einem freien Wesen veranlagt, dennoch ist er nicht frei, wie wir täglich sehen.

Mit des Pöbels Geschrei bezieht sich Schiller auf die Französische Revolution, deren Geschehen er zunächst begrüßte, zumal er geschmeichelt war, wurde ihm als Dreiunddreißigjährigem 1792 doch die Ehrenbürgerschaft der Französischen Nationalversammlung verliehen. Mit dem Ausbruch des jakobinischen Terrors jedoch schloss er sich der Ansicht Goethes an, der ja seinen Herzog im 1. Koalitionskrieg auf Seiten Preußen-Österreichs gegen die Franzosen begleitet hatte und nicht überzeugt werden musste, wie unselig die Folgen ursprünglich berechtigter Forderungen waren.

Frei geschaffen ist der Mensch, aber diese Freiheit hat er verloren und es gilt sie zurückzugewinnen.

Ein Kennzeichen wahrer Freiheit: vor dem wahrhaft freien Menschen muss niemand sich fürchten.

Wer Furcht ausstrahlt, ist nicht frei.

Frei ist nur, wer andere frei sein lässt.

Dass die Menschheit sich in eine Situation manövriert hat, in der so viele Menschen so unfrei sind, dass sie Freiheit mit Macht verwechseln und sich nur frei fühlen, wenn sie andere ihrer Freiheit, ihrer Macht berauben, ist ein Dilemma, aus dem herauszukommen für die Menschheit äußert schwer sein dürfte. Man glaubt jetzt schon zu spüren, was die Bibel prognostiziert:

Wenn ihr nun sehen werdet den Gräuel der Verwüstung stehen an der heiligen Stätte, wovon gesagt ist durch den Propheten Daniel (Daniel 9,27; 11,31) – wer das liest, der merke auf! –,
alsdann fliehe auf die Berge, wer in Judäa ist;
und wer auf dem Dach ist, der steige nicht hinunter, etwas aus seinem Hause zu holen;
und wer auf dem Feld ist, der kehre nicht zurück, seinen Mantel zu holen.
Weh aber den Schwangeren und den Stillenden in jenen Tagen!
Bittet aber, dass eure Flucht nicht geschehe im Winter oder am Sabbat.
Denn es wird dann eine große Bedrängnis sein, wie sie nicht gewesen ist vom Anfang der Welt bis jetzt und auch nicht wieder werden wird.
Und wenn jene Tage nicht verkürzt würden, so würde kein Mensch gerettet werden; aber um der Auserwählten willen werden diese Tage verkürzt.

Wir sind als Menschheit lange noch nicht am 7. Schöpfungstag angekommen; die Leser meiner Beiträge werden wissen, dass ich der Sicht Hildegard von Bingens zustimme, die der Ansicht ist, wir befinden uns inmitten der biblischen Schöpfungsreise, die zu Beginn der Bibel angesprochen ist. Sie ist auch nicht mit dem in Matthäus 24 prognostizierten Geschehen zu Ende.

Die Dualität von Pflicht und Neigung repräsentiert einen überholten Bewusstseinszustand

Es ist nicht unsere Pflicht, uns um Freiheit oder um Tugenden zu bemühen. Sowohl Schiller als auch Kant haben sich da meiner Ansicht nach etwas unselig über die beiden Begriffe Pflicht und Neigung den Kopf zerbrochen.

Es kann uns allein die Neigung zu den Tugenden ziehen. Aus Pflicht Freiheit zu leben und anderen zu geben, aus Pflicht tugendsam zu sein oder den heiligen göttlichen Willen zu respektieren, das ist heute zu wenig. Die Zeiten sind vorbei.

Heute gilt es, sich aus freier Entscheidung einem wertvollen Leben zuzuneigen. Gerade heute, wo die breite Masse sich dem Goldenen Kalb verpflichtet fühlt und um Baal tanzt.

Verpflichtet einem Suchttanz, um der Wahrheit auszuweichen.

Deshalb sind schon die ersten vier Worte Schillers in unserer Welt so bemerkenswert – eine Welt, deren Wahrheit wir wie Schiller verstehen mögen, damit unser Herz immer gesunder werden kann:

Wahrheit suchen wir beide; du außen im Leben, ich innen
In dem Herzen, und so findet sie jeder gewiss.
Ist das Auge gesund, so begegnet es außen dem Schöpfer,
Ist es das Herz, dann gewiss spiegelt es innen die Welt.

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Was Prometheus und Kain so Wesentliches mit uns zu tun haben!

In der Mythe von Prometheus – wie bedeutsam sie ist, sehen wir daran, wie vielfach sie in der Kunst, Musik und Literatur bearbeitet worden ist – spielt der Bruder Epimetheus eine zu wenig beachtete Rolle, nicht nur, weil er die Büchse der Pandora öffnete, sondern weil zu viele noch so sind, wie es der Übersetzung seines Namens entspricht: nach-denkend, zaudernd, überbedächtig, sagen wir ruhig auch: angela-merkel-like, hinterherdenkend, dumpf mit intellektuellem Anstrich.

Darauf beruhen ja die nur scheinbar überraschend hohen Zustimmungswerte von Frau Merkel: Sie repräsentiert den Grundtypus unserer Zeit: angepasst, immer den Hals leicht eingezogen, hängende Mundwinkel, Rumpf mit kaum Kontur, in sich ruhend unbeweglich.

Verstehe mich niemand falsch: Ich mache mich nicht lustig über die Bundeskanzlerin, auch deshalb, weil ich hängende Mundwinkel und fehlende Konturen seelisch verstehe und nichts dafür kann, wenn sie sich äußerlich zeigen. Was ich schreibe und meine, ist die Bestandsaufnahme des Durchschnittsmenschen, des Anfortas unserer Tage, von der inneren Not oft durch Überaktivität ablenkend, in Wirklichkeit mehrheitlich gern leidend, bei dem einen offensichtlich, bei dem anderen nur mittels Mundwinkeln erkennbar (obwohl Angela Merkels Freudlosigkeit schon seit geraumer Zeit ohnehin kaum mehr zu übersehen ist, von ihrer Emotionslosigkeit mal abgesehen, wobei sie, finde ich, als sie sich für die in der Türkei Inhaftieren einzusetzen vermeinte, sich schon hätte ein bisschen am Riemen reißen und wenigstens etwas innere Beteiligung hätte heuchelnversuchen können).

Aber machen wir es nicht an ihr fest; letztendlich spiegelt sie die momentane Mentalität der meisten Deutschen, die zu willig den Grauschleier akzeptiert haben, der über allem liegt.

Zum Prometheus berufen!

Schauen wir zunächst auf den Gegenentwurf, der wir als Volk und Individuen auch sein könnten, ja, so möchte ich behaupten, zu dem wir berufen sind:

Im griechischen Mythos beteiligt sich Prometheus, der Sohn des Titanen Japetos und der Gaia, erstaunlicherweise nicht am Kampf seines Vaters und der anderen Titanen gegen Zeus. Umso mehr stellt sich die Frage, was ihn veranlasste, sich auf einmal dann doch gegen Zeus zu wenden und ihm so gewaltig in die Parade zu fahren. – Was will die Prometheus-Mythe vermitteln?

Unwillkürlich denke ich an Kain, in Bezug auf den die meisten in erster Linie sein Eifersüchtigsein gegenüber Abel im Blick haben und dass er jenen erschlug.

Was es jedoch zunächst zu sagen gilt: Gott lehnt Kains Opfer ab, doch es findet mit keinem Wort Erwähnung, warum er das tut, es steht mit keinem Buchstaben da, dass Kain böse gewesen sei oder diese Ablehnung verdient habe!

Nehmen wir den Mythos, so wie er dasteht, so sagt er zunächst: Schau, es gibt zu dieser Zeit zwei Richtungen menschlichen Seins: die eine ist gotteskonform und Gott schaut auch deren Opfer gnädig an; die andere findet durch Gott Ablehnung – ohne Begründung!

Kain, ein Sohn der Erde

Warum das geschieht, könnte in der Bedeutung der Namen von Kain und Abel und ihrer Tätigkeit zu finden sein:

Kain ist Landmann, er beackert die Erde. Er ist ein Sohn der Erde.

Abels Name verrät uns, dass er kein Sohn der Erde, des Erdelementes ist, bedeutet er doch Atem, Wind. Abels Wesen also steht für Seelisch-Geistiges; dem Göttlichen steht er näher. Sein Opfer schaut Gott gnädig an. Das Opfer aber des Mannes, der ein Sohn der Erde ist, der fest mit ihr verbunden ist, der Früchte der Erde opfert, schaut er nicht gnädig an.

Die Auseinandersetzung der beiden verweist darauf, was sich in dieser Phase der Menschheit durchsetzt. Wobei zu vermerken ist, dass Gott Kain trotz seiner Untat nicht verbannt. Im Gegenteil, er sichert durch das göttliche Mal auf seiner Stirn, das Kainsmal, sein Überleben: Niemand darf ihm, will er sich nicht mit Gott anlegen, Böses tun.

Was allerdings auffällt im Rahmen des damaligen Geschehens: Der Mensch dieser Erde grenzt sich als Kain ab von Abel, für dessen Wesen er sich nicht zuständig fühlt: Soll ich meines Bruders Hüter sein?

Gott reagiert auf die Tat Kains, den Mord an seinem Bruder Abel, dessen Opferrauch gerade zum Himmel gestiegen war, mit Hinweisen, die durchaus denen ähneln, die Adam und Eva nach ihrer Vertreibung aus dem Paradies erfahren haben: Leidvoll würde sein Leben sein und geprägt von Heimatlosigkeit.

Zurück zu Zeus: Der sah für die Menschen, die sich nicht so verhielten, wie er sich das vorgestellt hatte, nicht nur Strafen vor, sondern er drohte sie sogar zu vernichten. Offensichtlich war er ein Gott, der genaue Vorstellungen davon hatte, wie sie sich zu verhalten hätten. Als sie das nicht taten, reagierte er unnachgiebig. Zwar wollte er sie glücklich sehen, aber nach seiner Façon.

Allerdings hatte er seine Rechnung ohne Prometheus gemacht, dem, so ist der Name zu übersetzen, Vor-Denkenden, Voraus-Denkenden. Der trotzt ihm, bringt mittels eines Riesenfenchels – so eine Facette des Mythos – den Menschen das Feuer und unterstützt diese, wo er kann (dass er sie sogar geschaffen habe, scheint eine spätere Variante des Mythos zu sein); ein Wohltäter und Kämpfer für die Freiheit der Menschheit.

Zeus hatte ein konformes, ihm genehmes Verhalten der Menschen erwartet und es war Prometheus, der ihnen ermöglichte, sich in eine eigenständige Richtung zu entwickeln: in die eines Kain (wobei ich mir dessen bewusst bin, dass jeder Mythos kulturbedingt eine eigene Färbung und nicht nur eine Färbung, sondern eine eigene Bedeutung haben kann; auf dem angesprochenen Hintergrund möchte ich dennoch auf Prometheus und Kain gemeinsam verweisen).

Vergessen wir nicht: mit dem Sündenfall hatte es bereits begonnen, dass die Menschen aus der Spur gelaufen waren, entsprach doch ihr Verhalten ganz offensichtlich nicht dem göttlichen Plan.

Eindeutig bezieht Prometheus Stellung gegen einen Gott, der sich zwar selbst alle Freiheiten nimmt, aber sie den Menschen nicht zugesteht.

Überraschen muss, dass Zeus Prometheus nicht einfach – zum Beispiel mittels eines ordentlichen Blitzes – über den Jordan bzw. Styx schickt, schicken konnte (vielleicht auch in Wahrheit nicht wollte). Auf der persönlichen Ebene bestraft er ihn, indem er ihn untrennbar mit der Erde verbindet; er schmiedet ihn an einen Felsen! Das ist von Bedeutung.

Auch Prometheus ist, wie Kain, ein Sohn der Erde.

Auf Pandora kann man schon reinfallen!

Auf Veranlassung des Zeus bestraft für sein Tun, den Menschen das Feuer gebracht zu haben, was eine neue Entwicklungsstufe für jene einläutet, kann er nur befreit werden, wenn einer an seiner Stelle bereit ist zu leiden und ihn ein anderer erlöst, der über dem Erdenschicksal steht. Das geschieht durch Chiron und Herakles, wobei Ersterer anstelle von Prometheus in Fesseln gelegt worden sein mag, weil er einem überholten Zustand der Menschheit entspricht, ist ein Teil von ihm doch Tier; Herakles aber entspricht in der Sprache der Mythen durch die Tatsache, dass er den Tod überwand, indem er aus der Unterwelt zurückkehrte, einem Geschlecht und Bewusstseinszustand, der weiter entwickelt war als der zu jener Zeit allgemein menschliche.

Wie aber löst Zeus das Problem mit den Menschen, die er nach deren Unterstützung durch Prometheus nicht mehr einfach ausradieren kann? Er bedient sich des göttlichen Schmiedes Hephaistos und des Umweges über den Bruder von Prometheus, jenen unseligen Epimetheus. Ersterer hatte den Loser-Bruder noch gewarnt, er solle von Zeus keine Geschenke annehmen, doch ein Epimetheus denkt zwar viel, aber im Zweifel zu langsam und nimmt das Geschenk an, die berühmte Büchse der Pandora, die er öffnet (nach einer anderen Version öffnete sie Pandora selbst), wobei in der Folge alle Übel dieser Welt herauskommen, bis auf die Hoffnung; die bleibt Epimetheus für den Fall, dass alle Stricke reißen.

Halten wir fest, dass es der hebräischen und griechischen Mythologie – zu finden auch in weiteren Kulturen – ein Anliegen ist, mit ihren Bildern darauf zu verweisen, dass Menschen in einer Phase ihrer Entwicklung einen eigenständigen Weg gehen, der zwar sogenannte negative Konsequenzen hat, aber weiterhin göttliche Unterstützung erfährt – übrigens ist das Traurige im Hinblick auf den Schatz der Mythen, dass Menschen partout deren Sprache ihrem Denken anpassen wollen, die Mythen deshalb nicht verstehen und für Erfindung halten und so die biblischen Schöpfungstage beispielsweise als reale 24-Stunden-Tage nehmen, vergessend, dass sich Mythen, die sich dem menschlichen Denk- und Vorstellungsvermögen anpassen würden, vielleicht Christo-VerpackungenVerhüllungen zeigen könnten, aber nicht diese großen Menschheitsbilder).

Niemand anderes als Goethe hat die Bedeutung des Mythos – möglicherweise nur un- oder halb bewusst – genial gestaltet, wobei er eine bezeichnende Änderung vorgenommen hat: Bei ihm ist nicht der Titan Japetos Vater des Prometheus, sondern Zeus, der VaterGott persönlich. Viele Interpreten haben deshalb das Gedicht auf die Vater-Sohn-Konflikt-Schiene geschoben. Goethes Vater war zwar resolut, aber nicht tyrannisch, und manchmal ist Psychologie in ihrer Abstraktheit zu hohl, um Weisheit zur Sprache zu bringen.

Vorbei ist die Hochzeit von Himmel und Erde

Goethe wäre nicht Goethe, wenn er nicht gleich zu Beginn seines Prometheus-Gedichtes die Kern-Aussage des Mythos auf den Punkt gebracht hätte, indem er eine deutliche Grenze zwischen Himmel und Erde zieht. Waren beide Bereiche bisher in der Vorstellung der Griechen durch diverse Götterexkursionen miteinander verbunden – wenn auch per Einbahnstraße, die Götter nämlich konnten nach unten, die Sterblichen aber höchst selten nach oben kommen -, so ist damit nun Schluss! Nicht von ungefähr nennt Goethe den Zeus-Bereich „deinen Himmel” und den seinen, also den des Prometheus – es ist ein sogenanntes Rollengedicht, der Verfasser nimmt die Rolle des Prometheus ein – „meine Erde”. Und damit er Zeus samt seinem Himmel nicht mehr sehen muss, fordert er ihn imperativisch auf, jenen mit Wolkendunst zu bedecken.

Das ist frech – und zugleich originell (ich vermeide Hinweise auf die Epoche des Sturm und Drang, um möglichst dieses Denken in literarischen Kategorien zu vermeiden, zeigt sich hier doch viel, viel mehr)!

Himmel und Erde sind, geht es nach Prometheus, fortan getrennt und sein Tonfall lässt keine Zweifel, wie ernst es ihm ist:

Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst!
Und übe, Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöhn!
Musst mir meine Erde
Doch lassen stehn,
Und meine Hütte,
Die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.

Ich kenne nichts Ärmers
Unter der Sonn als euch Götter.
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.

Das ist ein Tonfall, wie er bis dahin in der schreibenden Zunft nicht zu hören gewesen war, schon gar nicht von einem 24-Jährigen. Da pfeift sogar der große Lessing anerkennend durch die Zähne: „Der Gesichtspunkt, aus welchem das Gedicht genommen ist, das ist mein eigener Gesichtspunkt (…) Die orthodoxen Begriffe von der Gottheit sind nicht mehr für mich; ich kann sie nicht genießen.”

Dieser große Schwung an Aufforderung, Beleidigung und Hohn passt in kein gängiges Versmaß. Deshalb die vielen unerwarteten Zeilenumbrüche, die dennoch einen gewissen Rhythmus ergeben, weshalb man auch in Bezug auf das Metrum von freien Rhythmen spricht.

In der Tat nimmt sich Prometheus-Goethe hier alle Freiheiten, auch in der Wortwahl und originellen Wortschöpfungen, wenn er von Opfersteuern oder in der Folge von Rettungsdank und Knabenmorgenblütenträumen spricht.

Unerwartet geht auch der Inhalt weiter, auf einmal in einem ganz anderen Ton, auf einer ganz anderen Ebene. Nach diesem impulsiv-empörerischen Auftakt erwartet niemand im Ernst, Prometheus könne sich so sinnlich zartfühlend nach innen kehren:

Da ich ein Kind war,
Nicht wusste, wo aus, wo ein,
Kehrte mein verirrtes Aug
Zur Sonne, als wenn drüber wär
Ein Ohr, zu hören meine Klage,
Ein Herz wie meins,
Sich des Bedrängten zu erbarmen.

Es gibt kaum einen Dichter, der so oft wie Goethe das Herz anspricht, im Faust I allein über siebzigmal, in den Leiden des jungen Werther hundertmal. Faszinierend nur ist: Sie werden nicht eine Stelle finden, wo die Verwendung aufgesetzt wirken würde.

Auch hier nicht. Wobei das eigene Herz mit dem des Zeus zu vergleichen ein echter Goethe ist. Wie von selbst stellt sich die Frage: Hat der da oben überhaupt eines? – Jener Gott, dem es vor allem darum zu gehen scheint, seine Göttergattin zu hintergehen und der tut, was ihm beliebt? – Goethe kommentiert per Moduswechsel in als wenn drüber wär: der Konjunktiv II in wär ist der sogenannte Irrealis.

Zeus – ein Herz? Ein Herz für Kinder?  Nicht wirklich! – Damit ist alles gesagt.

Es folgen vier Fragen, dringlicher werdend, anklagend:

Wer half mir wider
Der Titanen Übermut?
Wer rettete vom Tode mich,
Von Sklaverei?
Hast du´s nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz?
Und glühtest, jung und gut,
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden dadroben?

Was können Fragen auch ohne Antwort verdeutlichen!

Die beiden ersten mögen noch an Zeus gerichtet sein, jedenfalls könnte jener sich noch angesprochen gefühlt haben. Mit der dritten aber zeigt Prometheus, wie außen vor der Göttervater ist. Er ist ihm nicht einmal mehr Zweifel wert und Prometheus wendet sich zu, wem er alles verdankt: dem eigenen Herzen, dem eigenen Willen, dem eigenen Mut.

Mehr Verachtung kann man dem Gott kaum entgegenbringen, als dass man ihm zu erkennen gibt, dass er nicht mehr gefragt ist. Schläft er doch, wenn er helfen sollte und hintergeht auf diese Weise seine Schutzbefohlenen. Seine Göttlichkeit: ein Betrug – „Betrogen” fühlt sich Prometheus.

Und welche empörerische Urgewalt liegt im Folgenden in der Aussage, dass Zeus genauso der Zeit und dem Schicksal unterworfen sei wie jene, um die er sich hätte kümmern sollen.

Wiederum sind es Fragen; nimmt man beide Strophen zusammen, sind es sechs an der Zahl, die den Göttervater in Frage stellen:

Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Hast du die Tränen gestillet
Je des Geängsteten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal,
Meine Herrn und deine?

Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehn,
Weil nicht alle Knabenmorgen-
Blütenträume reiften?

Und dann kommt jene letzte Strophe, die für alles Prometheische steht, gerade auch mit ihrer letzten Zeile und zwei Worten als Hammerschlag des neuen Bewussteins auf der Erde, der den Göttern auf dem Olymp, vor allem Zeus, in den Ohren dröhnen muss:

Hier sitz ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, weinen,
Genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich.

Mit Prometheus lernen die Götter Neues kennen, indem echte menschliche Gefühle Einzug halten: nicht auf dem Olymp, sondern unter den Menschen der Erde!

Wider ein falsches Monotheismus-Verständnis

Gerade die letzte Strophe lässt deutlich werden, warum Goethes Gedicht zu Recht eine Hymne genannt wird. Es ist eine Hymne auf das neu erwachte Ich-Bewusstsein, das sich untrennbar mit der Gestalt und dem Mythos des Prometheus verbindet und auch – an anderer Stelle habe ich es zuvor schon einmal angesprochen – in der Bibel sich so überzeugend gestaltet findet.

Mit dem leider so verbreiteten Unverständnis der biblischen Gestaltung einher geht das Unverständnis, das sich in den üblichen Ansichten bezüglich des Monotheismus zeigt: Wenn nämlich ein Gott ein neues Bewusstsein vermittelt, eines, das es bis dahin auf der Erde nicht gab, dann formuliert er eben: Ich bin der IchBin. Neben diesem neuen Bewusstsein – das der Menschheit zu bringen die Mission des Judentums war – kann es kein anderes geben, keinen anderen Gott, wie es das erste der zehn Gebote fordert. Mit Egoismus oder dem üblichen Verständnis von Monotheismus hat das wenig bis nichts zu tun, sondern mit dem göttlichen Anspruch an die Menschen, mit diesem neuen Bewusstsein ernst zu machen.

Jenes Ich-Bewusstsein fordert Menschen auf, sich dessen bewusst zu sein, dass sie Prometheus sind, nicht Epimetheus, dass sie Verantwortung tragen und man diese Verantwortung nicht trägt, indem man sich ständig mit der Vergangenheit beschäftigt, sondern sich um Gegenwart und Zukunft bemüht.

Letztendlich gilt es, das Bewusstsein aus den bis dahin gültigen Stammes- und Blutsbindungen zu lösen hin zu einer neuen Bewusstseinsstufe der Menschen auf der Erde, für das sich in der Bibel schon vor 2000 Jahren ein Hinweis findet, nachzulesen in Matthäus 14:

Als er noch zu dem Volk redete, siehe, da standen seine Mutter und seine Brüder draußen, die wollten mit ihm reden.
Da sprach einer zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen mit dir reden.
Er antwortete aber und sprach zu dem, der es ihm ansagte: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder?
Und er streckte die Hand aus über seine Jünger und sprach: Siehe da, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder!
Denn wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter.

Ohne das für die mosaische Zeit neue und in notwendiger Unbedingtheit monotheistische Bewusstsein hätte der eben zitierten Stelle jegliche Grundlage, das notwendige Fundament gefehlt.

Deshalb ist es notwendig, dass der Mensch, was früher Götter für ihn taten, nun selbst in die Hand nimmt. Er nimmt sein Leben in die Hand. Wir finden dieses Unterfangen beginnend mit dem sogenannten Sündenfall und es geht weiter mit Kain und Prometheus. Menschen nehmen andere Wege, als es Gottheiten vorsehen und für gut befinden.

Das hat Konsequenzen für die Menschen, keine angenehmen, denken wir an die Sintflut, also die atlantische Katastrophe, die nicht zufällig in so vielen Flutmythen der Völker angesprochen ist, denken wir an den beispielhaften Weg des Volkes Israel durch die Wüste, den wir immer wieder angesprochen finden, für mich unvergesslich nachdrücklich in Nietzsches Vereinsamt:

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein. –
Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts, ach! wie lange schon!
Was bist du Narr
Vor Winters in die Welt – entflohn?

Die Welt – ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends halt.

Diesen Weg können wir als Prometheus oder Epimetheus gehen. Wir können wie Epimetheus blind glauben und immer betulich beim Alten bleiben oder wir können uns erlauben, in Frage zu stellen, vorwärtszugehen, Risiko einzugehen.

Vergessen wir nicht, welches Risiko ein Mose einging, als er sein Volk 40 Jahre durch die Wüste führte. Welches Risiko ging ein Gandhi ein, ein Martin Luther King, ein Nelson Mandela!

Wir kennen den Epimetheus auch in der Gegenwart: Er verbrämt die Vergangenheit und kommt im Heute erst an, wenn der Zug bereits abgefahren ist. Er fährt auf Klischees ab und wiederholt ständig dasselbe. Er sucht die auf, die ihm attestieren, wie en vogue er sei.

Seine ganz persönliche Nationalhymne ist das Lied von der Schwäbschen Eisebahne. Seinen Glauben, seine Ansicht bindet er an den letzten Wagen und setzt sich in den Zug. Wichtig ist ihm, oi Billetle gelöst zu haben, wohin der Zug fährt, ist nicht wichtig. Ab der vierten Strophe singt der Epimetheus-Chor über sich:

Auf der schwäbsche Eisebahne wollt amal a Bäurle fahre,
goht an Schalter lupft de Hut: „Oi Billetle, soid so guet!“
Rulla, rulla, rullala, rulla, rulla, rullala,
goht an Schalter lupft de Hut: „Oi Billetle, soid so guet!“

Eine Goiß hat er sich kaufet, und dass sie ihm net entlaufet,
bindet sie de gute Mo hinte an de Wage no.
Rulla, rulla, rullala, rulla, rulla, rullala,
bindet sie de gute Mo hinte an de Wage no.

„Böckle, tu nur woidle springe, ’s Futter werd i dir scho bringe.“
Setzt si´ zu seinm Weible no und brennts Tubakspfeifle o.
Rulla, rulla, rullala, rulla, rulla, rullala,
Setzt si´ zu seinm Weible no und brennts Tubakspfeifle o.

Vermutlich weiß er nicht mal, dass er neben Pandora sitzt.
Angekommen in Sturgert oder wo auch immer ist er dann aber furchtbar empört, wenn er von seiner Goiß nur no Kopf und Soil an dem hintre Wagetoil find´t.

Die in manchen Versionen letzte Strophe ist allen Epimetheus dieser Erde wie auf den Leib geschrieben:

So, jetzt wär des Lied gesunge,
’s hätt‘ euch wohl in d’Ohre klunge.
Wer’s no nit begreife ko,
fang‘ no mal von vorne o!

Epimetheus singt es garantiert und gern von vorn. – Immer wieder.

Natürlich sagt der Mythos über den Bruder Prometheus noch mehr aus, was hier nicht angesprochen werden kann. Natürlich hat es seine Bedeutung, dass jener, wie schon angedeutet, an Erdgestein geschmiedet ist, natürlich ist es kein Zufall, dass der Adler seine Leber frisst, im Altertum der Sitz der Leidenschaften. Und natürlich hat jeder den Epi- und den Prometheus in sich, wie auch Kain und Abel. Es mag noch Menschen geben, die glauben, Mephistopheles sei nur Faustens ständiger Wegbegleiter.

Wir alle haben mit dem, was in uns ist, worauf die Mythen verweisen und wofür wir ihnen wirklich dankbar sein sollten, zu kämpfen. Manchmal zum Beispiel ist es einfach nur gut, in seiner Kindheit die Mythe vom Kampf des Perseus mit der Medusa – sie anzusehen bringt den Tod – gelesen zu haben und zu wissen, wie segensvoll und notwendig das Wissen um den spiegelnden Schild des Helden sein kann, der Medusa besiegt, indem er sie nicht direkt anschaut, was ihn zu Stein hätte werden lassen, sondern mit Hilfe seines spiegelnden Schildes, sind doch manche Dinge so schlimm, dass es gut ist, wenn wir in unserer Vorstellung diesen Schild verwenden. 

Grundsätzlich wichtig ist, den Weg des Helden zu wählen, und der heißt nicht Epi-, sondern Prometheus. Wir gehen nicht erfolgreich unseren Weg, wenn wir uns ins Eisebähnle setzen, umgeben von vielen Gleichgesinnten, und den Zug ins Nirgendwo fahren lassen. Wir gehen nicht erfolgreich unseren Weg, wenn wir den der Leidenschaften gehen, die uns anschmieden an die Erde, den Weg der Leiden, der uns an sie bindet.

Es war die Mission eines Buddha, dem Menschen den Weg der Befreiung vom Leiden zu zeigen. Leider hat die nächste Bewusstseinsstufe auf der Erde noch nicht wirklich gezündet. Sie eigentlich will jene Hochzeit von Himmel und Erde zurückbringen, der Prometheus zunächst ein Ende setzte, damit der Mensch nicht am Gängelband eines Zeus bleibe, sondern selbständig werde und in Freiheit zu wahrem Leben finde.

Auch in der Bibel finden wir diesen Weg des Prometheus, der dort aber, wenn der Mensch sie annehmen will, nie ohne Hilfen aus einem Bereich bleibt, den er sich öffnen oder den er sich offenhalten muss. Ein Kain bleibt im Gespräch mit Gott. Dieser Tatsache verdankt er sein Kainsmal, das wir vielleicht alle auf der Stirn tragen.

Ein Bewusstsein, das bisherige Strukturen übergreift

Es mag kein Zufall sein, dass das zukunftsInstitut in Kooperation mit nextpractice, dem Institut für Komplexität und Wandel, eine mit 190 € leider für den Normalbürger viel zu teure Studie (ob die Macher eine abgespeckte, für Otto Normalverbraucher erschwingliche Zusammenfassung hätten erstellen können?) gerade herausgebracht hat, in der nach eigenen Aussagen die deutsche Wertelandschaft neu vermessen und auf eine tief gespaltene Gesellschaft verwiesen wird, weil sie sich in zwei Gruppen aufteile: < Die eine hat ihren Fokus auf „Ich-Werte“, die andere präferiert am Gemeinwohl orientierte „Wir-Werte“. Beide Gruppen schätzen die Situation vollkommen unterschiedlich ein und stehen sich fast diametral gegenüber. Dies ist der Ausgangspunkt für ein tieferes Verständnis der Veränderungsprozesse, die Deutschland in Zukunft prägen werden. >

Sie zeichnen den < Umriss einer möglichen neuen „Netzwerkwelt“ und skizzieren, wie bereits heute Aktivität entsteht und gemeinsame Suchprozesse in Gang gesetzt werden. Allerdings anders als wir das gewohnt sind: kleinteiliger, aktiver und vor allem selbstorganisierter. Unter dem Radar der üblichen Berichterstattung formieren sich Bewegungen und Aktivitäten, die unserer Gesellschaft ein ganz neues Gesicht geben werden. >

Die Studie verweist darauf, dass der Weg zu einem Bewusstsein geht, das konservative und progressive Strukturen übergreift, ein Bewusstsein, das viele von uns nachvollziehen können, finden wir uns doch mit unseren Ansichten zum Teil in dem sogenannten linken Spektrum und auf der anderen Seite in sogenannten rechten Spektrum wieder, ein Indiz dafür, wie überholt die derzeitigen Begrifflichkeiten der Wirklichkeit sind.

Wer Normierungen sprengt, wird versuchsweise von der Epimetheus-Fraktion sofort an die Kandare genommen; ein Beispiel ist, ob er einem sympathisch ist oder nicht, der Tübinger OB Boris Palmer, der sich nicht an parteiinterne Muster hält, sondern prometheisch, also eigenwillig und authentisch denkt und sich verhält.

Vergessen wir nur nicht: ein dringend zu veränderndes Bewusstsein beginnt in uns und alle Schablonen, Muster und Normen sollten uns herausfordern, ihren Sinn zu überprüfen, nicht, um Rebell wie Sisyphus zu sein – denn wer nur Rebell ist, führt im Grunde, worauf schon das Wort verweist, Krieg (bellum), und zwar mit sich -, sondern einen Weg zu gehen, der uns weg von allem goldenen Gekalbe und allen aufgeblasenen Egoismus-Attitüden zu unserem wahren Selbst führt.

Überprüfen wir, ob wir, wie Prometheus, konstruktiv vorausdenken und aktiv konstruktiv handeln – und warum gegebenenfalls nicht.

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. . . das darf doch nur eine Königin, daß sie tanzt in den Gassen: tanzt! – Maries Wahnsinn.

Manche Gedichte spülen unsere Gehirngänge durch. Sie entsprechen so wenig unseren Denkmustern und laufen unseren Denkgewohnheiten quer. Unbequem sind sie zu lesen, für uns, die doch erwarten, dass uns alles mund- und gehirngerecht serviert wird, dass wir immer bestätigt werden in unserem Denken und unseren Gewohnheiten. Doch gibt es eine Form von Wahnsinn, der sehr gesund sein könnte:

 

Der Wahnsinn 

Sie muß immer sinnen: Ich bin . . . ich bin . . .
Wer bist du denn, Marie?
Eine Königin, eine Königin!
In die Kniee vor mir, in die Knie!

Sie muß immer weinen: Ich war . . . ich war . . .
Wer warst du denn, Marie?
Ein Niemandskind, ganz arm und bar
und ich kann dir nicht sagen wie.

Und wurdest aus einem solchen Kind
eine Fürstin, vor der man kniet?
Weil die Dinge alle anders sind,
als man sie beim Betteln sieht.

So haben die Dinge dich groß gemacht,
und kannst du noch sagen wann?
Eine Nacht, eine Nacht, über eine Nacht, –
-und sie sprachen mich anders an.

Ich trat in die Gasse hinaus und sieh:
die ist wie mit Saiten bespannt;
da wurde Marie Melodie, Melodie . . .
und tanzte von Rand zu Rand.

Die Leute schlichen so ängstlich hin,
wie hart an die Häuser gepflanzt, —
denn das darf doch nur eine Königin,
daß sie tanzt in den Gassen: tanzt! . . .

.

Ehrlich: Ist es uns nicht schon zu viel, wenn wir ein Gedicht lesen müssen, in dem nicht Gedanken mit Anführungszeichen gekennzeichnet sind, damit wir gleich wissen: Hoppla, da denkt nicht mehr derselbe Kopf . . .

Dabei könnte es sein, dass der Verfasser das vielleicht intuitiv deshalb gemacht hat, weil Gedanken ineinanderüberlaufen, auch wenn sie scheinbar von unterschiedlichen Wesen gedacht sind?

Dass wir gar nicht so weit entfernt sind von dem, was wir für wahnsinnig halten, obwohl dieser Wahnsinn gesünder ist als das, was wir für gesund, weil normal halten?

Und dass vielleicht jene wahnsinnigen Gedanken im Hintergrund in uns ständig laufen und wir sie nur nicht wahrnehmen?

Träumen gleich, von denen wir glauben, sie seien nur nachts vorhanden, nicht wissend, dass sie tagsüber genauso in uns sind, nur durch das Laute des Tages verdeckt?

Rainer Maria Rilke hat ungewöhnliche Gedichte geschrieben. Eines davon ist obiges, in dem sein Verfasser in einen Dialog mit dem Wahnsinn tritt, der aus Marie spricht, der Bettlerin, der Wahnsinnigen, auf dem Weg zu Maria, einer Königin, Melodie geworden, die sich erlaubt, was nur eine Königin darf: zu tanzen. 

Gehören auch wir zu jenen, die bei so viel Wahnsinn ängstlich an den Häusern entlangschleichen? 

Und ist unsere Wirklichkeit Realität?

Oder eine andere Form von Wahnsinn?

Lassen wir uns nicht irritieren: Wir sind alle so normal, so normal! 

Vielleicht kann ein Gedicht uns veranlassen, wieder mutig zu sein, wahnsinnig mutig zu sein . . . denn dass wir es einmal waren, steht außer Frage. Warum wüssten wir sonst, wie Marie tanzt . . .

(Das Gedicht ist  Rilkes Buch der Bilder entnommen)
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