„Was war ich? Kleines Weiberwesen, Unrast und Beschwerde, / Das Zündholz, das sich einer strich.“ – Verse einer großen Unbekannten.

Bittere Worte einer zutiefst verletzten Frau, Gertrud Kolmar, die – kaum mehr als zwanzig Jahre alt – einen Offizier kennenlernte, den sie unendlich liebte und ein Kind von ihm unter dem Herzen trug, das sie auf Druck der Eltern abtreiben lassen musste, ein Trauma, das sie ihr Leben lang nicht überwand. Jener Name, von dem im folgenden Gedicht die Rede ist, war wohl der Name ihres nie geborenen Kindes; sie wusste ihn wohl schon; doch nicht von ungefähr blieben die Vögel fern.

Das Leben dieser für mich großen Dichterin endete in Ausschwitz 1943, und sie gehörte zu jenem Transport, von dem ein Gutteil fast unmittelbar nach der Ankunft vergast wurde.

Wie groß ihre Liebe zu besagtem Offizier war, aber auch, wie sie – die, für mich nicht nachvollziehbar, sehr unbekannt geblieben ist, geboren wurde sie 1894 in Berlin – , so leidenschaftlich lieben und schreiben konnte, wird in Du offensichtlich, ein Gedicht, das wohl ihrem nie geborenen und deutlich am Ende der vorletzten Strophe angesprochen Kind gilt:

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Du. Ich will dich in den Wassern wecken!
Du. Ich will dich aus den Sternen schweißen!
Du. Ich will dich von dem Irdnen lecken,
Eine Hündin! Dich aus Früchten beißen,
Eine Wilde! Du. Ich will so vieles –
Liebes. Liebstes. Kannst du dich nicht spenden?
Nicht am Ende des Levkojenstieles
Deine weiße Blüte zu mir wenden?

Sieh, ich ging so oft auf harten Wegen,
Auf verpflastert harten, bösen Straßen;
Ich verdarb, verblich an Glut und Regen,
Schluchzend, stammelnd: >>. . . über alle Maßen . . .<<
Und die Pauke und das Blasrohr lärmten,
Und ich kam mit einer goldnen Kette,
Tanzte unter Lichtern, die mich wärmten,
Schönen Lichtern auf der Schädelstätte.

Und ich möchte wohl in Gärten sitzen,
Auch den Wein wohl trinken aus der Kelter,
Doch die Lider klafften, trübe Ritzen,
Und ich ward in Augenblicken älter.
Und auf meinen Leichnam hingekrochen
Ist die Schnecke träger Arbeitstage,
Zog den Schleimpfad dünner grauer Wochen,
Schlaffer Freude und geringer Plage.

In den Wäldern bin ich umgetrieben.
Ich verriet den Vögeln deinen Namen,
Doch die Vögel sind mir ferngeblieben;
Wenn ich weinte, zirpte keiner: Amen.
Und die Scheckenkühe an den Rainen
Grasten fort mit seltnem Häupterheben.
Da entfloh ich wieder zu den Steinen,
Die mir dieses Kind, mein Kind nicht geben.

Einmal muß ich noch im Finstren kauern
Und das Göttliche zu mir versammeln,
Es beschwören durch getünchte Mauern,
Seinem Ausgang meine Tür verrammeln,
Bis zum bunten Morgen mit ihm ringen.
Ach, es wird den Segen nimmer sprechen,
Nur mit seinem Schlag der erznen Schwingen
Diese flehnde Stirn in Stücke brechen…

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Wie sehr das im Schlussvers der vorletzten Strophe erwähnte Kind sie mitnimmt und nie loslassen wird, wird noch in einigen anderen Gedichten deutlich, u.a. in Wahn:

 

Die Nacht steht draußen und die Wiege leer.
Und die sie schaukelt, eine bleiche Frau,
Trägt Strähnenhaare, schwarz und zäh wie Teer.
Vor ihrem Herzen ballt sich Grau zu Grau:

Der Tisch, das Bett, der Schrank und was da ist,
Der Tag, der Wald, die Liebe, was da war,
Das raschelt leicht und trocken wie Genist
Entflognen Spötters vom vergangnen Jahr.

Der Wiegebogen taumelt her und hin;
Sie klammert ihn mit nacktem Fuß und haucht
Ein Schlummerlied, das müde, ohne Sinn
Und ohne Hall in Schattenwasser taucht.

Sie hegt ein Kindlein, das vielleicht schon starb,
Und nickt dem Kindlein, das sie nie gebar;
So lieblich war es, weiß und nelkenfarb,
Mit Silbergrannen dicht im Roggenhaar.

Es hat mit soviel Freundlichkeit und Licht
Ihr einsam armes Leben ganz verwirrt;
Sie schaut es immer an und sieht es nicht
Und zittert, wenn der barsche Frost erklirrt,

Am Fenster rüttelt, wenn der Wächter bellt,
Den gelben Mond ein fernes Käuzchen höhnt,
Beschwichtigt murmelnd ihre kleine Welt
Und rührt die Klapper an, die beinern tönt…

Die Nacht steht drinnen und die Wiege leer.
Und die sie hütet, eine irre Frau,
Löst Seidenhaare, wallend wie das Meer
Und duftend, dunkel hyazinthenblau.

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Ein notwendig frauliches Bewusstsein: ohne männliche Seite keine Entfaltung der eigenen Weiblichkeit. – Annette von Droste-Hülshoffs „Am Turme“.

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Am Turme

Ich steh‘ auf hohem Balkone am Turm,
Umstrichen vom schreienden Stare,
Und lass‘ gleich einer Mänade den Sturm
Mir wühlen im flatternden Haare;
O wilder Geselle, o toller Fant,
Ich möchte dich kräftig umschlingen,
Und, Sehne an Sehne, zwei Schritte vom Rand
Auf Tod und Leben dann ringen!

Und drunten seh‘ ich am Strand, so frisch
Wie spielende Doggen, die Wellen
Sich tummeln rings mit Geklaff und Gezisch
Und glänzende Flocken schnellen.
O, springen möcht‘ ich hinein alsbald,
Recht in die tobende Meute,
Und jagen durch den korallenen Wald
Das Walroß, die lustige Beute!

Und drüben seh‘ ich ein Wimpel wehn
So keck wie ein Standarte,
Seh‘ auf und nieder den Kiel sich drehn
Von meiner luftigen Warte;
O, sitzen möcht‘ ich im kämpfenden Schiff,
Das Steuerruder ergreifen
Und zischend über das brandende Riff
Wie eine Seemöve streifen.

Wär‘ ich ein Jäger auf freier Flur,
Ein Stück nur von einem Soldaten,
Wär‘ ich ein Mann doch mindestens nur,
So würde der Himmel mir raten;
Nun muß ich sitzen so fein und klar,
Gleich einem artigen Kinde,
Und darf nur heimlich lösen mein Haar
Und lassen es flattern im Winde!

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1842 hat Annette von Droste-Hülshoff obige Verse geschrieben, da war sie 45 Jahre alt, wahrlich kein biblisches Alter, dennoch aber schrieb diese 1,50 Meter große Frau, die ihr Leben lang kränklich war, in dieser Zeit auch Zeilen, die vermittelten, dass sie sich dessen bewusst war, nicht mehr allzu lange zu leben.

Drei Männer hatte sie geliebt, womöglich nicht einen körperlich. Zwei hatten ihr übel mitgespielt, in die sie sich zu gleicher Zeit verliebt hatte. Der eine, August von Arnswaldt, ließ sie fallen, nachdem er ihr ein Geständnis ihrer Zuneigung entlockt hatte, und erzählte alles brühwarm jenem jungen Mann, Heinrich von Straube, der, ganz im Gegensatz zu Arnswaldt, ein wohl ziemlich hässlicher Gevatter war, aber von seiner Persönlichkeit her genialisch-exaltiert, in den sich Annette ebenfalls verliebt hatte. Beide verfassten dann jenen Absagebrief, der in die Literaturgeschichte einging, weil er das weitere Leben einer der größten deutschen Dichterinnen prägte; beide kündigten ihr die Freundschaft auf, was über kurz oder lang natürlich ihre ganze adelige Sippschaft samt Umfeld wusste. Was muss Annette gelitten haben! Und ausgerechnet die Frau, der sie sich brieflich anvertraute, heiratete dann einige Jahre später den einen der beiden, was insofern unglücklich war, als unsere Dichterin in dem brieflichen Kontakt ein Ausmaß der Schuld auf sich genommen hatte, das auf dem Hintergrund des bigott-durchtriebenen Verhaltens der beiden Männer gewiss nicht gerechtfertigt war.

Ihre größte Liebe trat Jahre später in ihr Leben, ein 17 Jahre jüngerer Mann, den sie als hübschen Jungen, dem früh die Mutter, die sie gut kannte, starb, in Münster kennengelernt hatte, und mit dem sie in einem späteren Lebensabschnitt für einige Monate, wenn auch in getrennten Türmen, die Meersburg teilte, bis er wegzog.  Sie wohnte im Nordost-Turm, in dem die Schwester ihr ein bescheidenes Zimmer eingeräumt hatte, Levin Schücking, so hieß der junge Mann, im Südwest-Turm. Ihre Liebe zu ihm ist unüberlesbar:

Blick‘ in mein Auge, – ist es nicht das deine,
Ist nicht mein Zürnen selber deinem gleich?
Du lächelst und das Lächeln ist das meine,
An gleicher Lust und gleichem Sinnen reich;
Worüber alle Lippen freundlich scherzen,
Wir fühlen heil’ger es im eignen Herzen.

Falls es je Phasen gab, in denen sie sich Illusionen oder ungebremst Phantasien hingab, so wurde ihr doch schnell klar, dass – vielleicht hat sie es für sich nicht so radikal formuliert – Levin nicht das innere Format hatte, ihrer Liebe gerecht zu werden (wobei man nicht vergessen darf, dass er wesentlich jünger war und sein Lebensskript gewiss einen weiteren Verlauf ohne Annette von Droste-Hüshoff vorsah); jedenfalls schreibt sie:

Du zweifelst an der Sympathie
Zu einem Wesen dir zu eigen?
So sag‘ ich nur, du konntest nie
Zum Gletscher ernster Treue steigen,
Sonst wüßtest du, daß auf den Höhn
Das schnöde Unkraut schrumpft zusammen
Und daß wir dort den Phönix sehn,
Wo unsre liebsten Zedern flammen.

Es sind dies Verse, wie sie all jene schreiben könnten, die mit ihrer Liebe die mindere Liebesfähigkeit eines geliebten Menschen zudeckten, so dass sie nicht bemerkten, dass die vermeintliche Gegenliebe nur ihre eigene übergroße war. – Annette von Droste-Hülshoff deutet hier an, dass ihr dieses seelische Geschehen bewusst geworden ist.

Die folgende Strophe ist für mich deshalb so beeindruckend, weil sie jenes Gebot einbezieht, dass Menschen darauf verweist, Gott und den Gott im Menschen nicht in ein Bildnis zu sperren:

Sieh her, nicht eine Hand dir nur,
Ich reiche beide dir entgegen,
Zum Leiten auf verlorne Spur,
Zum Liebespenden und zum Segen,
Nur ehre ihn, der angefacht
Das Lebenslicht an meiner Wiege,
Nimm‘ mich, wie Gott mich hat gemacht,
Und leih‘ mir keine fremden Züge!

Annettes Hingabe jedenfalls ist offensichtlich. Es sollte jedoch nicht allzu lange dauern, dass beider Verhältnis sehr erkaltete. Im Grunde hätte es die Droste voraussehen können – sie hat es auch, wie angesprochen, in gewisser Weise.

Später wird Schücking schreiben, er habe damals mit Empfindungen,  die über sich selbst nicht klar gewesen seien, in die großen, leuchtenden Augen der besten Freundin seines Lebens geschaut. Doch war diese Liebe im Grunde wohl immer sehr einseitig. Annette hat ihre ganze Liebe, deren sie fähig war, in ihn hineinprojiziert, in einen durchaus attraktiven jungen Mann, der sich einer kränklichen Frau gegenüber sah, deren dichterisches Vermögen er erkannte und das er auch durch seine Gegenwart in ihr belebte und so dazu beitrug, dass sie es zu einer Meisterschaft wachsen lassen konnte, so dass dieser Zeitraum zu einem großen der deutschen Literatur wurde, denn Annette von Droste-Hülshoffs Weise zu schreiben hat etwas Einzigartiges.

Man kann sich allerdings nicht des Eindrucks erwehren, dass Schücking, als er ihr von einer Frau, die er liebte, vorschwärmte, sich in einem Ausmaß als Elefant im Porzellanladen erwies, wie es bei größerer Sensibilität nicht hätte sein müssen. Man mag sich fragen, in welchem Ausmaß sich Annette ihren Gefühlen diesem so viel Jüngeren gegenüber hingab. Vergessen wir aber nur nicht, dass sich der 72-jährige Goethe in  eine 17-Jährige verliebte und sie heiraten wollte, ja seinen Fürsten schon als Brautwerber verpflichtet hatte, bevor er zur Vernunft kam, nachdem die junge Dame an der Hand ihrer Mutter, der alles ziemlich peinlich war, von Marienbad nach Karlsbad geflüchtet war, auch, um das Gerede der Leute zu beenden (Goethe war dann sogar nochmals hinterhergereist, bevor er zur Vernunft kam).

Es ist ein Recht jeden Alters, sich Liebesgefühlen hinzugeben.

Im April 1842 verließ Schücking Meersburg, da war er 28 Jahre alt. In der Zeit davor hatte Annette mehr als 50 Gedichte verfasst  und es wird so gewesen sein, dass  ihre Muse mittels der Gefühle für den geliebten Freund eine bis dahin verborgene Quelle in der damals über 40-Jährigen öffnete. Ende September 1841 war Annette mit ihrer Schwester und deren beider Töchter nach Meersburg gereist. Seit Anfang Oktober wohnte auch Schücking auf der Burg. So lang also war ihre gemeinsame Meersburger Zeit nicht. Dennoch aber war sie gewiss intensiv. Obiges Gedicht wird entstanden sein, als er nicht mehr auf der Meersburg weilte.

Man sieht förmlich die Droste auf dem Balkon des Turmes stehen und ahnt, was sie gefühlt haben muss und wie sie sich fühlte, denn alle Bilder, die wir kennen, zeigen sie mit strengster Frisur, die Haare engstens der Kopfhaut anliegend. Nicht die Spur von Freiheit, die jemals diesen Haaren vergönnt gewesen sein mag.

Wir wissen, welche Bedeutung den Haaren zukommt, welche Macht mit weiblichen Haaren verknüpft war, so dass sich Nonnen und jüdische Frauen – gewiss nicht immer freiwillig – der Haare verlustig geben, zumindest aber ein Kopftuch, wie es auch für moslemische Frauen gilt, tragen mussten, und welche Verfügungsgewalt Frauen über Haare hatten, man denke an die biblische Geschichte von Simson und Delila (mehr zum Thema Haare und Frauen hier). Zeit ihres Lebens hat die Droste den Zeitnormen entsprechend ihre Haare einem dressierten Frisurengefängnis zwangsverpflichtet. Wenn man Bilder von ihr unter diesem Blickwinkel sieht, wird deutlich, was einen intuitiv stören, ja fast weh tun mag > Bilder von ihr.

Hier aber empfindet sie sich als Mänade, jene hemmungslose Gefolgschaft des Gottes Dionysos, der besser kein Mann in den Weg kam (wir wissen um das Schicksal des Orpheus). Sie setzt sich nicht nur dem Wind, wilder Geselle zugleich und toller Fant, also jugendlichster Ausgelassenheit aus, nein, sie setzt ihm zu – etwas vorsichtiger formuliert sie dann doch: sie möchte es tun (Ich möchte dich kräftig umschlingen). Gleichzeitig aber lässt sie keinen Zweifel: Was sie empfindet, was geschieht, ist absolut existentiell, es ist auf Tod und Leben. Ihr ganzes Sein ist inbegriffen, natürlich auch körperlich-sexuelle Lust.

Auch wenn in der zweiten Strophe nur wieder von mögen geschrieben steht, die Dynamik dessen, wessen sie ansichtig wird und womit sie sich so sehr gedanklich verbindet (O, springen möcht‘ ich hinein alsbald, / Recht in die tobende Meute), vermittelt eine Intensität, die weit über das hinausgeht, was diese kränkliche und sich selbst als ältlich empfindende adlige Dame eigentlich hätte aushalten können.

Sie sieht auf den Bodensee, das Schwäbische Meer; das Schiff steht für ihr Lebensschiff, und sie hätte es so gern – wie sehr ist das fühlbar -, dass sie wirklich, am liebsten wohl auch körperlich, mit den Elementen und dem Leben um ein spürbar elementares Leben kämpfen dürfte: O, sitzen möcht‘ ich im kämpfenden Schiff, / Das Steuerruder ergreifen (…)

Wie sehr sie sich reduziert wahrgenommen haben muss, vermitteln die beiden ersten Verse der letzten Strophe (Wär‘ ich ein Jäger auf freier Flur, / Ein Stück nur von einem Soldaten), gewiss im Konjunktiv II gehalten, dem Bewusstsein der Nicht-Wirklichkeit, und doch nehmen wir die Klimax, die Steigerung in Jäger, Soldat und Mann war, am liebsten Mann – um den geht es in Wirklichkeit vor allem, auch wenn sie ihn mit einem „nur“ versieht – fühlt sie sich doch als Weib gleichsam vom Himmel ausgeschlossen (Wär‘ ich ein Mann doch mindestens nur, / So würde der Himmel mir raten).

Nicht das leiseste Bewusstsein einer doch so wertvollen Weiblichkeit. Genauer gesagt: Wie sehr mag sie fühlen, dass sie dieser angesprochenen Männlichkeit bedurft hätte, der Kraft also der männlichen Seite, um ihre Weiblichkeit hätte leben zu können!

Flucht in die Männlichkeit? Für mich beileibe nicht. So wie Männlichkeit erstarrt  und irgendwann an der eigenen Härte zerbricht, also ohne Weiblichkeit keine wahre Männlichkeit entfaltet, so geht es umgekehrt dem Weiblichen auch: Ohne Männliches gibt es keine lebensfähige, lebendige Weiblichkeit (von hier aus wird die ganze Weisheit des Yin-Yang-Symbols deutlich,  wenn immer in der einen Seite die andere notwendig enthalten ist).

Von Flucht kann deshalb keine Rede sein, auch wenn manche psychologisch das so werden verstanden sehen wollen und von Ersatz, Kompensation und Ähnlichem reden, nicht erkennend, wie sehr diese Verse notwendig sind, weil sie einen Mangel bewusst werden lassen, der im Fall der Droste kaum behebbar war. Sie musste wohl schon nach dem Eklat damals mit ihren 23 Jahren erkennen, dass grundsätzlch eine Beziehung nun schwer werden würde (auch aufgrund der eigenen tiefen Verletzung). Zu sehr mag sie sich selbst auch des ganzen Geschehens geschämt haben, wiewohl sie sich nach außen  hin wohl wenig hat anmerken lassen. Aber wie hätte eine feinfühlige Seele wie die der Droste das Geschehene verarbeiten sollen? Wie sehr mag sie auch mit der Gestalt des Friedrich Mergel in der Judenbuche sich selbst beschrieben, zumindest aber mit ihm mitgefühlt haben, mit seinem Heimatverlust, dem Verlust eigener Identität!

Gerade auf dem Hntergrund dieses fast erzwungenen Verzichtes auf ein Leben mit einem Mann ist dieses geschilderte Er-Leben in den Wogen ihrer männlichen Seite meines Erachtens für ihre Seele so wertvoll, nicht als Kompensation, sondern als Wahr-Nehmen einer möglichen Fülle.

Ein Deutschkollege, der zahlreiche Bücher zu Interpretationen lyrischer, epischer und dramatischer Texte geschrieben hat und eine umfangreiche Web-Site mit Interpretationen betreibt, schreibt zu dem Gedicht:

Wenn man in Ruhe über das Gedicht nachdenkt, muss man feststellen: Viel ist der Droste hier nicht eingefallen. Selbst wenn man die konservative, weil letztlich rollenbestätigende Fantasie „Ja, wenn ich ein Mann wäre…“ akzeptiert, sind die darin fantasierten Lebensvollzüge nur die von körperlich kräftigen jungen Männern; Jäger und Soldaten werden genannt – bedeutende Jäger und Soldaten des 19. Jahrhunderts kenne ich allerdings nicht. Jäger und Soldaten standen in Diensten des Adels, also im Rang unter der Droste, sie werden als knackige Jungs fantasiert. Die Reduktion des Mannes auf die körperlich sich frei entfaltende Kraft entspringt der kompensatorischen Fantasie einer älteren kränklichen Dame; emanzipatorisch und sachlich bedeutsam war das Gedicht bereits für ihre Zeitgenossen kaum, höchstens als Zeugnis des Leidens an der Frauenrolle

Schlimmer geht´s nimmer. Mir tun alle jungen Damen Leid, die seelisch der Annette von Droste-Hülshoff ähnelten: verstanden haben kann der Kollege sie in seinem Lehrerleben wohl kaum. Wie gut wäre es, wenn er für seine weibliche Seite leisten würde, was Annette von Droste-Hülshoff mit ihrem von ihm so unverstandenen Gedicht ihrer männlichen zukommen ließ.

Deutlich wird, dass sie wusste, wie es um ihre männliche Seite bestellt war. Gut, dass ihr all das, all die Bilder eingefallen sind, von denen sie geschrieben hat. Am Turme mag für sie selbst eines ihrer wertvollsten Gedichte gewesen sein. Warum: Indem sie dieses Gedicht schreibt, erkennt sie, was sie nicht leben konnte. Gewiss hat ihr adliges Umfeld eine wesentliche Rolle gespielt, gewiss auch die Zeit, in der sie lebte; aber sie mag sich dessen bewusst gewesen sein, dass nicht alles an äußeren Bedingungen gelegen haben mag: Jeder bringt in sein Leben einen Schatz von Erfahrungen und seelische Konstellationen mit, die zu ihm und nur zu ihm gehören: vieles gilt es zu verwandeln. In der Realität mag dies der Droste nicht gelungen sein. Warum aber dieses Gedicht so wertvoll ist für ihre weiteren Leben: Es ist ihr ganz offensichtlich klar, was sie nicht zu leisten, zu leben vermochte und für mich ist offensichtlich, wie sehr sie das tun will und wird, sobald sie es wieder tun darf. Gerade, weil sie diese Seite so wenig leben konnte, hat sie sie mit großer Klarheit anschauen müssen – und eben auch dürfen. Das wird Zeile für Zeile deutlich: Sie weiß um die ungelebte Mänadenseite in sich, weiß um ihre Wünsche, weiß um ihren Standpunkt und wie sehr sie entfernt ist von dem tosenden Meer  und wie gern sie auf andere Weise Lebenskräfte spüren würde, sie weiß um ihr Rapunzeldasein. Vielleicht aber hat ihr Glaube ihr ermöglicht darum zu wissen, dass die äußere Realität nicht die entscheidende ist, sondern die seelisch-geistige. Noch der letzte Vers lässt in der Intensität der Sehnsucht deutlich werden, dass, indem sie die Verse formuliert, diese so wertvoll für sie sind.

Wir sollten nie unterschätzen, wie wichtig es ist, dass wir in Gedanken uns unsere Zukunft bahnen.

In meinem letzten Video In der Schwebe des Lebendigen habe ich jene Worte aus Wilhelm Meister Lehrjahre zitiert, mittels deren uns Goethe bewusst werden lassen kann:

Wenn wir die Menschen nur nehmen, wie sie sind, so machen wir sie schlechter; wenn wir sie behandeln, als wären sie, was sie sein sollten, so bringen wir sie dahin, wohin sie zu bringen sind.

Das gilt genau auch für uns selbst.

Vergessen wir auch nicht: Es gibt Leben, in denen Menschen eine oft schreckliche Mangelsituation erleben, die vor allem dazu zu dienen scheinen, sich der Bedeutung, dessen man sich ermangelt, bewusst zu werden. Ich glaube zum Beispiel zu spüren, dass meine Mutter solch ein Leben ohne wirkliche Liebe lebte, um zu erfahren, wie bedeutend und wertvoll Liebe sei. Das mag für den ein oder anderen schrecklich klingen nach dem Motto: Wie kann Gott so etwas zulassen? 

Was mir in letzter Zeit bewusst geworden ist, als ich mich mit dem unsagbaren Leid auf der Erde auseinandersetzte und es nicht begreifen wollte: Wenn diese Zeit des Leidens für die Menschheit vorbei ist, könnte der ein oder andere an Gott – wie immer er auch aussieht und wer auch immer Unvorstellbares er sein mag – herantreten und ihm den Vorwurf machen: Warum hast Du uns nicht länger und intensiver leiden lassen, nunmehr in der Erkenntnis, dass, je tiefer das Leiden ist, desto tiefer auch das Bewusstsein ist, um das es geht. Es ist wie in den Bergen mit einem Bergsee: je tiefer er ist, desto höher sind die umliegenden Berge. So wird es auch mit unserem Bewusstsein sein.

Noch in der letzten Strophe tauchen wieder ihre Haare auf. Wie sehr weisen sie auf die Intensität des seelischen Geschehens hin. Wie sehr schwenkt mit ihrer Erwähnung das Bewusstsein zurück und diese Frau empfindet sich als eine eingesperrte Rapunzel, die zwar heimlich ihr Haar lösen kann, aber weiß, dass es nie einen Mann wird zu ihr den Weg finden lassen können.

Kein Wunder, dass bald darauf die Quelle in ihr versiegt. Die Liebe zu Schücking erkaltet, ja bricht im Grunde. Sie kritisiert sein Verhalten in manchem Brief und ich kann es nachvollziehen. 1846 erkrankt sie schwer, reist noch einnmal in ihre westfälische Heimat, um dann doch an den Bodenssee zurückzukehren, wohl weil sie hier sterben wollte, wo sie mehr Weite empfand. Ihr liebstes Buch damals ist Thomas von Kempfens Nachfolge Christi. In jener stand sie Zeit ihres Lebens. Am 24. Mai 1848 stirbt sie auf der Meersburg, für unsere Zeit heute ein nicht gerade langes Leben, aber an Erfahrngen und Gedanken und Worten so reich.

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„Wohin dein Herz mich führe / frag ich nicht nach.“ – Frauen wollen keinen Mann ohne Herz – wenn er aber Rilke heißt? Eine Gedichtinterpretation in Gender-Zeiten.

Alle zwei, drei Wochen gucke ich mal in einem Literaturforum vorbei, in dem ich Mitglied bin. Die am liebsten gelesene Literatur sind eine gewisse Art von Poesiealbum-Sprüchen, wenn bitte möglich von einem möglichst namhaften Dichter; und wenn man dann noch ein schönes Bild zufügt, sind 30 bis 120 Likes möglich/sicher. Selten, dass mir mal um die sechs, sieben Likes vergönnt waren (seufz – schnief). Mein letzter Beitrag bekam gerade mal vier Likes und es ging um das Gedicht, dessen erste Strophe lautet

Ein halbes Jährchen hab’ ich nun geschwommen
Und noch behagt mir dieses kühle Gleiten,
Der Arme lässig Auseinanderbreiten –
Die Fastenspeise mag der Seele frommen!

Zugegeben, diese Schwimmer-Gedichte und -Balladen à la Wie ich ein Fisch wurde sind nicht sonderlich attraktiv (blöderweise für mich schon und Conrad Ferdinand Meyers Nicola Pesce ist hier in Gänze nachzulesen).

Mein  Shakesspeare-Gedicht in Englisch und Deutsch, das ich zu veröffentlichen wagte, erhielt auch nur vier – es ist hier auf meinem Blog zu sehen (heul).

Ich fand das Gedicht echt gut, aber ich war halt so ziemlich der Einzige. Da kommt eine wenigzeilige Tagore-Weisheit einfach besser an:

Screenshot_2019-06-11 Weltliteratur – World literature(1).png

 

Oder hier, vor 14 Stunden veröffentlicht und bereits bei 62 Likes, sicherlich mit Aussicht auf 10, 20 weitere

 

Screenshot_2019-06-12 Weltliteratur – World literature.png

 

Nur scheinbar überraschenderweise macht ein Kommentator darauf aufmerksam, dass es besser sei, saubere Unterwäsche anzuhaben. Solche geistvollen Zitate wie jenes von Julian Barnes provozieren eben auch Geist – das multipliziert sich, deshalb wird unsere Welt auch so geistvoll . . .

Klar, wenn ich da mit einem der für mich besten Gedichte der neueren Zeit komme – logisch ist meine Wertung sehr subjektiv -, mit Enzensberger Befragung um Mitternacht, das beginnt:

wo, die meine hand hält, gefährtin,
verweilst du, durch welche gewölbe
geht, wenn in den türmen die glocken
träumen, dass sie zerbrochen sind,
dein herz?

wo, welchen kahlschlag durcheilst du,
die ich berühre wangenzart, welch ein
betäubendes nachtkraut streift dich,
träumerin, welch eine furt benetzt
deinen fuß?

ein Gedicht, das einen Mann sprechen lässt, der damit ringt, seiner Gefährtin Freiheiten jenseits alles Haltenwollens und allen Bildnisses Raum zu geben für ihre Reisen ohne ihn, für ihre Entwicklungen, die vielleicht nur ohne ihn möglich sind, da gibt das vier Likes für ein Thema, das weder Frauen noch Männer interessiert – kein Instant-Format.

Heute ist das so: Wenn man Likes abgreifen will (und nicht wenige in dem Forum legen es darauf an – es macht das Leben einfach auch sooo sinnvoooll), muss alles mundgerecht serviert sein (mehr als acht oder zehn Zeilen sind schon eine Zumutung). Es  zählt das Ergebnis, nicht die Entwicklung. Tagore schreibt zwar von begreifen (was irgendwie mit Entwicklung zu tun hat), aber sein Spruch lässt sich in 20 Sekunden lesen, lässt sich gegebenenfalls auf den eigenen Blog stellen oder an den Freund oder die Freundin schicken – und fertig. – Und es kommt noch hinzu:

Wer Tagore liked, liked auch sich und sagt damit: Ich hab ihn verstanden und Tagore gut zu finden, ist auch einfach wirklich cool; man ist quasi wie von selbst ein Kenner des Lebens und der Religionsphilosophie! Man fühlt sich nicht nur gleich richtig gut! Zugleich hat man offensichtlich einen Zugriff auf den Sinn des Lebens. Das ist Lebenssinn im Instant-Format! Das ist gefragt, nicht mehr ein ganzes Gedicht lesen oder gar ein Buch . . .

Verständlich, dass ich mittlerweile stolz auf jeden Nicht-Like bin. Ich könnte mir vorstellen, davon hab ich tausende . . . sagen wir: ein paar Dutzend.

Das folgende Gedicht von Rilke, das ein Mann, der, so mein Eindruck, durchaus einen tiefergehenden Zugang zur Literatur pflegt, in das Forum stellte, wurde auch mit ziemlich viel Nicht-Likes abgestraft, aber immerhin noch vier Likes:

Ich geh dir nach, wie aus der dumpfen Zelle
ein Halbgeheilter schreitet: in der Helle
mit hellen Händen winkt ihm der Jasmin.
Ein Atemholen hebt ihn von der Schwelle, –
er tastet vorwärts: Welle schlägt um Welle
der großbewegte Frühling über ihn.

Ich geh dir nach in tiefem Dirvertrauen.
Ich weiß deine Gestalt durch diese Auen
vor meinen ausgestreckten Händen gehn.
Ich geh dir nach, wie aus des Fiebers Grauen
erschreckte Kinder gehn zu lichten Frauen,
die sie besänftigen und Furcht verstehn.

Ich geh dir nach. Wohin dein Herz mich führe
frag ich nicht nach. Ich folge dir und spüre
wie alle Blumen deines Kleides Saum..
Ich geh dir nach auch durch die letzte Türe,
ich folge dir auch aus dem letzten Traum …

.

Eben auch kein Instant-Format. Und dann diese Rilke-Bilder, da braucht man ja, um eines zu verstehen, so viel Zeit wie für ein Barnes-Zitat. – Aber es gibt doch noch den ein oder anderen, die ein oder andere Frau, die Rilke liest. Und Rilke ist immer wunderschön. Immer er ist er wunderschön. Oder, wie eine Kommentatorin schrieb: hinreißend schön.

Ehrlich, ich finde Rilke manchmal ziemlich kaputt.

Was folgenden Kommentar zur Folge hatte:

Das sind Verse, wie sie kaum einer so schreiben konnte wie Rilke. Doch gibt es eine Verehrung, die sich ins Ungesunde wenden kann; Goethes Werther hat das erleben müssen und andere Männer auch, die ihre männlich notwendige Seite einem Sehnsuchts-, einem Suchtgefühl, das einen so wunderbar umgarnen mag, opferten.
Diese Gefahr besteht immer; seit Goethes „Faust“ wissen wir: Das Ewig-Weibliche zieht – aber es zieht nicht naturnotwendig hinan. Schon manchen hat es in den Abgrund gezogen: Odysseus hätte es um ein Haar bei der Circe erlebt und der Schiffer in seinem Kahn auf dem Rhein weiß angesichts der Loreley auch ein Lied davon zu singen (Heine hat es dann für ihn tun müssen, nachdem der Schiffer zu viel Wasser schluckte).
Hier ist das lyrische Ich gleich einem erschreckten Kind, das seine ganzen Gefühle in das Herz der Angebeteten verlagert.
Es ist gut, wenn Männer sich von IHREM Herzen führen lassen. Manchmal ist es auch gut zu fragen. – Rilke hat das Gedicht ja seiner Lou geschrieben. Es ist wirklich schön, es fühlt sich so schön an. Rilke konnte das, in solchen Gefühlen sich baden. Ob für Männer das immer gesund ist, ist die andere Frage; für Rilke mag ich das bezweifeln.

Rilkes Gedicht stammt ja aus der Gedichtsammlung Dir zur Feier, wo sich ein Gedicht nach dem anderen förmlich für Lou Andreas-Salomé überschlägt, eine der begehrtesten Frauen ihrer Zeit – auch Nietzsche mag ein Lied davon singen -, die für Rilke wohl noch viel mehr Mutterersatz war als er für sie ein intellektuelles Spielzeug oder ein unterhaltsamer Reisebegleiter (nach Russland).

Ich finde,  und mir tut das fast weh: Da hat jemand sich als Mann aufgegeben – bzw.: er hat gar keinen Anspruch, meldet gar keinen Anspruch an, ein Mann zu sein. Vielleicht wirst Du sagen: Warum auch? Das muss ja nicht sein. Warum soll ein Mann sich nicht wie ein erschrecktes Kind fühlen? Warum soll er seine Furcht nicht eingestehen? Warum soll er nicht gestehen, dass er ihr folgt, noch über die Schwelle des Lebens, also bis in den Tod (mehr geht doch nun wirklich nicht)?

Ja, würde ich sagen, das kann man alles so sehen, das ist auch eine mögliche Persektive, und warum soll das lyrische Ich sich nicht als Halbkranker outen, kaum bodenverhaftet (Ein Atemholen hebt ihn von der Schwelle), sich vorwärts tastend.

Zumal es Verse gibt und Wortbildungen, die kaum jemand auch nur ansatzweise so schreiben kann wie Rilke. Wer schreibt von Dirvertrauen, wer evoziert ein Bild, dass eine Frau vor den ausgestreckten Händen eines blind sie Liebenden geht, der sie nie erreicht? Wer schreibt: Ich geh Dir nach (genauer gesagt schreibt er es fünfmal), um diesen Worten dann im zweiten Vers der dritten Strophe ein frag ich nicht nach folgen zu lassen (dir nach mit Echowirkung), dem ein Wohin dein Herz mich führe vorausgeht, wobei ein Enjambement, ein Zeilensprung, dem Folgenden eine Wertigkeit verleiht, die ungeheuer ist. Wer vermag eines Kleides Saum erspüren zu lassen, der aus allen Blumen besteht, aus allen! Anaphorisch wird dann wieder Ich geh dir nach aufgenommen, es folgt eine Metapher, die für den Tod steht (auch durch die letzte Türe),  und noch der letzte Vers verrätselt seinen letzten Traum, den das lyrische Ich sicherlich träumte mit ihr als Erträumter.

So können einfach nur wenige schreiben und ich kann nachvollziehen, dass man da einfach schreibt: hinreißend schön.

Aber als Mann finde ich das nicht schön: Ich stelle mir vor, Rilke hätte bei Lou gern mal beide Beine auf den Boden bekommen, er hätte sie wirklich wie ein Mann lieben wollen, wäre nicht nur ein Kind geblieben bzw. hätte sich liebend gern nicht immer nur zum Kind gemacht.

Oder konnte Rilke gar nicht anders? War das ein Problem seines Lebens, dass er mit Wortgirlanden ein Unvermögen umschrieb, seine männliche Seite auszuleben? – Rilke hatte immer Gönnerinnen, die ihm ein Schloss oder eine Nobelbleibe zur Verfügung stellten? Und niemand wirft ihm vor, dass er es kaum ein Jahr bei seiner Frau aushielt und, um ein Buch über Rhodin zu schreiben, nach Paris reiste/flüchtete, sein Kind den Großeltern überlassend.

Ja, das Gedicht klingt wunderschön und ist vielleicht auch wunderschön. Aber etwas in mir lehnt es ab. Werther hat sich von Lotte auf der Nase herumtanzen lassen (und wie toll fanden so viele diesen Werther, der nicht in der Lage war, konsequent zu handeln oder zu einer Frau zu sagen: Entscheide Dich, ich will dich! – Nein, stattdessen arrangierte er sich bis zur Selbstverleugnung mit ihrem Mann und gab das Einpersonenstück: Warten auf (Godot) den inneren Gekreuzigten.

Man kann sich auch in Worte flüchten und sich selbst etwas schönschreiben, was überhaupt nicht schön ist, sondern als unschöne Situation gelöst sein will.

Rilke spricht an keiner Stelle von seinem Herzen. Um das hätte er sich kümmern müssen. Lou Andreas-Salomé hatte Hunderte Bewunderer. Und gewiss war er so privilegiert, mit ihr nach Russland reisen zu dürfen. Aber ob sich da sein Herz verwirklichte: Ich glaube nicht und vermute, Lou hat sein Sich-sein-Herz-Versagen nicht als Verhalten eines Erwachsenen sehen können.

Ästhetisch kostümierte Selbstaufgabe. So kommt Rilkes Gedicht bei mir an. Ich will es nicht lesen. Es ist so viel männliches Unglück darin enthalten. Ich schreibe das auch in Gender-Zeiten. – Gerade deswegen!

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PS. Muss doch wenigstens ein wenig Abbitte tun bei den zehn Forum-Mitgliedern, die meine Veröffentlichung des doch ziemlich langweilig wirkenden Gedichtes von Annette von Droste-Hülshoff Die beschränkte Frau ( hier nachzulesen ) gut fanden. Das hätte ich nicht erwartet, dass immerhin zehn auf dieses für mich bemerkenswerte Gedicht reagieren! Freu! Ich finde, Annette hat´s verdient!

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Bleib unten, Nicola! – Ehrlich, ich kann den Mann verstehen! – Conrad Ferdinand Meyers „Nicola Pesce“.

Schiller verfasste aufgrund der Legende um Nicola seine Ballade Der Taucher, Conrad Ferdinand Meyer schrieb das Sonett um Nicola. Und ehrlich, so genial ich Schillers Ballade aufgrund dessen, wie gekonnt sie menschlich-seelische Realität abbildet, finde: ich finde Meyers Gedicht fast noch besser, um genau zu sein: Ich liebe es.

Nicola Pesce

Ein halbes Jährchen hab’ ich nun geschwommen
Und noch behagt mir dieses kühle Gleiten,
Der Arme lässig Auseinanderbreiten –
Die Fastenspeise mag der Seele frommen!

Halb schlummernd lieg’ ich stundenlang, umglommen
Von Wetterleuchten, bis auf allen Seiten
Sich Wogen thürmen. Männlich gilt’s zu streiten.
Ich freue mich. Stets bin ich durchgekommen.

Was machte mich zum Fisch? Ein Mißverständniß
Mit meinem Weib. Vermehrte Menschenkenntniß
Mein Wanderdrang und meine Farbenlust.

Die Furcht verlernt’ ich über Todestiefen,
Fast bis zum Frieren kühlt’ ich mir die Brust –
Ich bleib’ ein Fisch und meine Haare triefen!

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Klar, das kann passieren, ein Streit mit der Frau und irgendwann reicht´s und du bleibst unten und stellst dir vielleicht vor, wie sie oben jammert und wehklagt. Irgendwie tut das gut, die Vorstellung, dass dich jemand vermisst. Zumal hier unten es gar nicht so fürchterlich ist, wie Schiller schreibt. Nach einem halben Jahr lässt sich feststellen, es tut nach wie vor gut, die Arme einfach lässig hängen zu lassen. Ein bisschen kalt ist es, okay, aber das Gleiten ist nach wie vor cool, niemand kräht und regt sich auf, wenn man stundenlang auf dem Rücken liegt und durch die Wellen das Wetterleuchten da oben draußen sich illuminieren lässt, da, wo man nicht mehr hin will. Oder du drehst dich einfach auf den Bauch und hast die Korallen vor dir. Diese Farben! Unbeschreiblich. Besser als Fernsehen. Klar muss man manchmal, wenn´s stürmt, fighten, wie halt im Leben oben auch. Auch als Fisch muss man bisweilen seinen Mann stehen. Aber bis jetzt bin ich immer durchgekommen.

Um meiner Frau nicht zu Unrecht zu tun, es war nicht nur sie, weswegen ich hier unten geblieben bin (ohnehin war´s ja eh wieder mal ein Missverständnis). Die Menschen waren einfach nicht mehr das, was sie mal waren. Wenn du zunehmend merkst, wie sie drauf sind, bleibst du einfach unten. Okay, anfangs hatte ich noch Herzrasen, wenn nach unten alles endlos war. Aber das gibt sich, zumal die Haie und Rochen, mit denen Schiller droht, sich hier noch nie gezeigt haben. Und – ganz nebenbei – schwimm ich auch nicht zum Friseur; ich mag es, wenn die Haare triefen.

Ehrlich, ich – und der Ich bin jetzt ich – könnt mich kringeln ob dieses Meyerschen Gedichts. Nichts a la Stapfen (das mag ich ja schon auch ganz arg) oder Füße im Feuer oder Der römische Brunnen. Ganz anders als gewohnt, Meyers Conrad. Immerhin hat er sein Gedicht ja als Sonett geschrieben und damit noch den Dichter rausgehängt. Das genügt dann auch!

PS.

Der Vollständigkeit halber hier noch die Legende und der Einfachheit halber wikipediakopiert:

Colapesce oder auch Cola Pesce, eigentlich Nikolaus, kurz Cola genannt, war Sohn eines Fischers aus Messina. Es wird erzählt, dass er oft zum Meeresgrund tauchte und anschließend von den Wundern und den Schönheiten berichtete, die er dort sah. Er soll sogar einmal einen Schatz mitgebracht haben. Diese Erzählungen erreichten auch den Kaiser von Sizilien, Friedrich II., der darauf die Fähigkeiten des Fischersohnes testen wollte. Der Kaiser ging daher mit einigen Beratern in einem Boot aufs Meer und warf eine Tasse ins Wasser, die sofort von Colapesce wieder heraufgeholt wurde. Der König war noch nicht zufrieden und warf seine Krone in tieferes Wasser und Colapesce holte sie wieder zurück nach oben. Beim dritten Mal soll Friedrich einen Ring in noch tieferes Wasser geworfen haben, doch Colaspesce erschien nicht mehr zurück an der Oberfläche.

Glaubt man der Legende, so sah Colapesce bei seinem letzten Tauchgang für Friedrich, dass Sizilien auf drei Säulen gebaut ist, von denen eine verrostet war, und er beschloss, unter Wasser zu bleiben und für den Kaiser die Säule zu unterstützen, damit die Insel nicht unterginge und er stütze sie noch heute. Wenn die Insel bebt, so heißt es, sei er erschöpft und wechsle die Schulter.

 

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„Könnt ich an ihrem Halse schluchzen, klagen!“ – Mutterwunden deutscher Dichter: Nikolaus Lenau, Heinrich Heine, Friedrich Hebbel, Karl May. – Ein Muttertagspost.

Ich trag im Herzen eine tiefe Wunde
Und will sie stumm bis an mein Ende tragen;
Ich fühl ihr rastlos immer tiefres Nagen,
Und wie das Leben bricht von Stund zu Stunde.

Schon mit 5 Jahren verlor Nikolaus Lenau, der bekannteste österreichische Lyriker des 19. Jahrhunderts, seinen Vater, der die Familie völlig verarmt zurückließ. Zunehmend wurde er unter drei Geschwistern das Lieblingskind seiner Mutter, die zwar erneut heiratete, aber sich, als Lenau 15 Jahre alt war, wieder trennte und fortan mit ihren Kindern unter ärmlichsten Verhältnissen lebte. Fast 16-jährig machte Lenau mit ausgezeichneten Leistungen sein Abitur. In der Folge brach er ein Philosophiestudium ab, studierte ungarisches Recht und in Wien Rechtswissenschaften.

Mit 24 Jahren wurde er Vater, die Vaterschaft allerdings zweifelte er an.
Lenaus wechselvolles Leben kann hier nicht weiter wiedergegeben werden, erwähnenswert ist aber v.a., dass er dreißigjährig nach Amerika auswandert, allerdings nach knapp einem Jahr und misslungenem Farmerleben und Bodenspekulationen enttäuscht zurückkehrt (in der Folge spricht er in einem Brief von den verschweinten Staaten von Amerika).

In Deutschland ist er, der vor seinem Amerikatrip seinen ersten Gedichtband herausgegeben hatte, ein bekannter Dichter. Weitere Veröffentlichungen, u.a. mit sehr kritischen Positionen der Kirche gegenüber, führen zu Schwierigkeiten mit der österreichischen Zensurbehörde.

Insgesamt ist seine Lyrik gekennzeichnet von einem Hang zu Weltschmerz, Melancholie und einer engen Beziehung zur Natur.
Kennzeichnend für sein Leben sind in der Folge wechselvolle und wenig glückliche Beziehungen zu einigen Frauen, vor allem zu der mit einem Freund verheirateten Sophie von Löwenthal. Seine Beziehungsversuche waren ebenfalls Anlass zu zahlreichen Gedichten (Goethe darin durchaus ähnlich).

42-jährig ereilt ihn ein Schlaganfall mit anschließenden schweren psychischen Störungen; er unternimmt mehrere Selbstmordversuche und wird in eine Heilanstalt in der Nähe Stuttgarts später in eine in der Nähe Wiens eingeliefert. 48-jährig stirbt er in geistiger Umnachtung.

Studiert man sein Leben gewinnt man den Eindruck, dass hier ein hochbegabter Mensch, hochsensibel und mit einem großen Hang zur Schwermut, was sich immer wieder auch in seinen Gedichten niederschlägt, mit den vielen Facetten seines Inneren nicht klarkam und nicht jenen Lebensplan, den vielleicht jeder Mensch sich vor seinem Leben vornimmt – bei manchen Menschen sind sie ja überdeutlich, denken wir an Künstler wie Bach, Mozart, Dürer, Goethe und andere -, verfolgen konnte. Womöglich hat ihm eine vorbildhafte Vaterenergie gefehlt und vielleicht hat er seinen vergeblichen Beziehungsversuchen seine Mutter gesucht.
Vielleicht war es eine Vater- und eine Mutterwunde, die er in sich trug; er selbst spricht in seinem Sonett Der Seelenkranke von nur einer Wunde, allerdings einer tiefen; man glaubt auch zu spüren, dass ihm in seinem Leben ein spiritueller Halt fehlte. Immer wieder ist es ja so, dass Menschen, die in ihrem Leben eine starke irdische Vaterenergie nie kennenlernten, nichts mit einer möglichen himmlischen anzufangen wissen:

Der Seelenkranke

Ich trag im Herzen eine tiefe Wunde
Und will sie stumm bis an mein Ende tragen;
Ich fühl ihr rastlos immer tiefres Nagen,
Und wie das Leben bricht von Stund zu Stunde.

Nur eine weiß ich, der ich meine Kunde
Vertrauen möchte und ihr alles sagen;
Könnt ich an ihrem Halse schluchzen, klagen!
Die eine aber liegt verscharrt im Grunde.

O Mutter, komm, laß dich mein Flehn bewegen!
Wenn deine Liebe noch im Tode wacht,
Und wenn du darfst, wie einst, dein Kind noch pflegen,

So laß mich bald aus diesem Leben scheiden.
Ich sehne mich nach einer stillen Nacht,
O hilf dem Schmerz, dein müdes Kind entkleiden.

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Wer in seinen Werken herumschnuppern möchte, kann es im Rahmen von Projekt Gutenberg tun. Dort auf der Seite unten finden sich vier Links in seine Werke hinein.

Heinrich Heine (1797 – 1856) wuchs in behüteten und gesicherten bürgerlichen Verhältnissen auf. Er war der erste große Schriftsteller Deutschlands mit jüdischer Abstammung. Sein wechselvolles Leben verschlug ihn später nach Paris, wo er auch das im Folgenden zitierte Gedicht Nachtgedanken schrieb.

Zunächst aber seien zwei Strophen, die er seiner Mutter widmete, wiedergegeben und deutlich wird, wie sehr er sie liebte, obwohl sie ihm doch – als zukünftigem Schriftsteller von Weltrang – jeden Roman aus den Händen riss – vor der Poesie hatte sie Angst – und den Besuch des Schauspiels verbot. Dafür verkaufte sie Halsband und Ohrringe, um ihm sein Studium zu erleichtern. Sie war eine ganz praktische Natur. Dass er sein Dichtertalent nicht von seiner Mutter hatte, war Heine bewusst. Aber wie verehrte er sie!

Die folgenden zwei Strophen wird er mit 20 oder 21 geschrieben haben, vielleicht auch ein, zwei Jahre später; Genaueres ist nicht gesichert; das aber trübt nicht den Eindruck, wie sehr er sich nach ihrer Liebe sehnte:

I.

Ich bin’s gewohnt den Kopf recht hoch zu tragen,
Mein Sinn ist auch ein bisschen starr und zähe;
Wenn selbst der König mir in’s Antlitz sähe,
Ich würde nicht die Augen niederschlagen.
Doch, liebe Mutter, offen will ich’s sagen:
Wie mächtig auch mein stolzer Muth sich blähe,
In deiner selig süßen, trauten Nähe
Ergreift mich oft ein demuthvolles Zagen.
Ist es dein Geist, der heimlich mich bezwinget,
Dein hoher Geist, der Alles kühn durchdringet,
Und blitzend sich zum Himmelslichte schwinget?
Quält mich Erinnerung, daß ich verübet
So manche That, die dir das Herz betrübet,
Das schöne Herz, das mich so sehr geliebet?

II.

Im tollen Wahn hatt’ ich dich einst verlassen,
Ich wollte gehn die ganze Welt zu Ende,
Und wollte sehn ob ich die Liebe fände,
Um liebevoll die Liebe zu umfassen.
Die Liebe suchte ich auf allen Gassen,
Vor jeder Thüre streckt’ ich aus die Hände,
Und bettelte um gringe Liebesspende, –
Doch lachend gab man mir nur kaltes Hassen.
Und immer irrte ich nach Liebe, immer
Nach Liebe, doch die Liebe fand ich nimmer,
Und kehrte um nach Hause, krank und trübe.
Doch da bist du entgegen mir gekommen,
Und ach! was da in deinem Aug’ geschwommen,
Das war die süße, langgesuchte Liebe.

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Ich verehre Heinrich Heine unter anderem wegen seiner Gedichte aus der Matratzengruft, wie er sein Zimmer über den Dächern von Paris nannte, in dem er nach langem Siechtum starb – es ist nicht gesichert, ob wegen Syphilis (die er seinen zahlreichen Hamburger Bordellbesuchen zu verdanken gehabt hätte) oder wegen Bleivergiftung (was neuere Untersuchungen nahelegen).

Nachtgedanken ist gegen Ende hin ein sehr politisches Gedicht; doch wie sehr steht die Mutter im Mittelpunkt der ersten acht Strophen der 1843 geschriebenen Zeilen:

Denk ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
Und meine heißen Thränen fließen.

Die Jahre kommen und vergehn!
Seit ich die Mutter nicht gesehn,
Zwölf Jahre sind schon hingegangen;
Es wächst mein Sehnen und Verlangen.

Mein Sehnen und Verlangen wächst.
Die alte Frau hat mich behext,
Ich denke immer an die alte,
Die alte Frau, die Gott erhalte!

Die alte Frau hat mich so lieb,
Und in den Briefen, die sie schrieb,
Seh’ ich wie ihre Hand gezittert,
Wie tief das Mutterherz erschüttert.

Die Mutter liegt mir stets im Sinn.
Zwölf lange Jahre floßen hin,
Zwölf lange Jahre sind verflossen,
Seit ich sie nicht an’s Herz geschlossen.

Deutschland hat ewigen Bestand,
Es ist ein kerngesundes Land,
Mit seinen Eichen, seinen Linden,
Werd’ ich es immer wiederfinden.

Nach Deutschland lechzt’ ich nicht so sehr,
Wenn nicht die Mutter dorten wär’;
Das Vaterland wird nie verderben,
Jedoch die alte Frau kann sterben.

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Für Heinrich Heine war das Vaterland im Grunde Mutterland.

Der Vollständigkeit halber seien noch die drei Schlussstrophen angemerkt:

Seit ich das Land verlassen hab’,
So viele sanken dort in’s Grab,
Die ich geliebt – wenn ich sie zähle,
So will verbluten meine Seele.

Und zählen muß ich – Mit der Zahl
Schwillt immer höher meine Qual,
Mir ist als wälzten sich die Leichen

Auf meine Brust – Gottlob! sie weichen!
Gottlob! durch meine Fenster bricht
Französisch heit’res Tageslicht;
Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen,
Und lächelt fort die deutschen Sorgen.

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Friedrich Hebbel (1813-1863), der über Mutterliebe in seiner Tragödie Maria Magdalena Folgendes sagt:

Mutterliebe, man nennt dich des Lebens Höchstes!
So wird denn jedem, wie schnell er auch stirbt,
dennoch sein Höchstes zuteil!

hat ein Gedicht geschrieben, überschrieben Das Kind, das wahrlich kein wirkliches Muttertagsgedicht ist, aber es macht auf eine unglaublich zu Herzen gehende Weise deutlich, wie wichtig eine Mutter doch für ihr Kind ist:

Die Mutter lag im Todtenschrein,
Zum letzten Mal geschmückt;
Da spielt das kleine Kind herein,
Das staunend sie erblickt.

Die Blumenkron‘ im blonden Haar
Gefällt ihm gar zu sehr,
Die Busenblumen, bunt und klar,
Zum Strauß gereiht, noch mehr.

Und sanft und schmeichelnd ruft es aus:
Du liebe Mutter, gieb
Mir eine Blum‘ aus deinem Strauß,
Ich hab‘ dich auch so lieb!

Und als die Mutter es nicht thut,
Da denkt das Kind für sich:
Sie schläft, doch wenn sie ausgeruht,
So thut sie’s sicherlich.

Schleicht fort, so leis‘ es immer kann,
Und schließt die Thüre sacht
Und lauscht von Zeit zu Zeit daran,
Ob Mutter noch nicht wacht.

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Und zu guter Letzt sei ein Gedicht von Karl May (1842-1912), über den ich schon an anderer Stelle ausführlicher geschrieben habe, angeführt. Karl May hat einige Gedichte an und über seine Mutter schrieben, die ich gern bei anderer Gelegenheit einbringe; das Folgende ist überschrieben: An die Mutter

Ich hab gefehlt, und du hast es getragen,
so manches Mal und, ach, so lang, so schwer.
Wie das mich nun bedrückt, kann ich nicht sagen;
o komm noch einmal, einmal zu mir her!

Du starbst ja nicht; du bist hinaufgestiegen
zu reinen Geistern, meiner Mutter Geist.
Ich weiß, du siehst jetzt betend mich hier liegen;
o komm, o komm, und sag, daß du verzeihst!

Komm mir im Traum; komm in der Dämmerstunde,
wenn, Stern um Stern, der Himmel uns umarmt.
Bring mir Verzeihung, und bring mir die Kunde,
daß auch die Seligkeit sich mein erbarmt!

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Hammerschlag contra Flügelschlag: Wie Matthias Claudius den Tod überwindet!

Der Wandsbecker Bote (1740-1815), wie man ihn gern nach jenem Journal, für das er sich so engagierte, auch nannte, hätte allen Grund gehabt, das Kruzifix als Kennzeichen menschlichen Lebens vor sich herzutragen: Elf Jahre ist er alt, da stirbt im zarten Alter von zwei Jahren seine Schwester Lucia Magdalena, wenige Tage später stirbt sein Bruder Lorenz, gerade mal 5 Jahre alt; zwei Monate später stirbt sein Halbbruder Friedrich Karl aus der ersten Ehe des Vaters. Des Dichters erstes Kind stirbt kurz nach der Geburt.

Viele kennen in Matthias Claudius den Verfasser des einer Umfrage zufolge bekanntesten deutschen Gedichtes, seines Abendlieds, das im Grunde einen Zugang zu richtigem Glauben vermittelt (hier mein Video dazu); doch wusste er sehr wohl auch um die Schattenseiten des Lebens; ganz besonders vermittelt sich das in einem Gedicht von ihm, das 1798 erschien:

Der Tod

Ach, es ist so dunkel in des Todes Kammer,
Tönt so traurig, wenn er sich bewegt
Und nun aufhebt seinen schweren Hammer
Und die Stunde schlägt.

Nicht von ungefähr spricht man davon, dass jemandem die letzte Stunde schlägt. Kurz und knapp und nur noch dreihebig – der erste Vers wies noch sechs, die beiden folgenden fünf Hebungen auf – lässt der Dichter den Tod tönen und sein Schlagen beendet das Gedicht nicht von ungefähr mit einem unangenehm unreinen Reim (bewegt – schlägt).

Wehe, wenn der Tod seinen Hammer hebt! Es ist, als ob das Ach des Beginns – es ist ja unmittelbar betont, das Gedicht ist im Trochäus geschrieben – sich über die Zeilen bis zum Ende erstreckt, die sich von diesem Auftakt nie wirklich erholen. Man sieht ihn nicht, den Tod, sieht nur die Dunkelheit; umso mehr hört man ihn – wie sehr wirkt die Alliteration in Tönt so traurig.

Da ist ganz und gar nichts von jener Heiterkeit, mit der sich der Tod in Markus Zusaks Die Bücherdiebin präsentiert – einem Buch, das so bemerkenswert gut auch verfilmt wurde.

In vielen Gedichten des treu sorgenden Familienvaters, Publizisten und Dichters finden sich Bezüge zum Tod und sein Gedicht, das markerschütternd beginnt – ’s ist Krieg! ’s ist Krieg! / O Gottes Engel wehre, / Und rede Du darein! – und Der Mensch  mit jenen Zeilen – erbauet und zerstöret und quält sich immerdar (beide hier)verweisen darauf, dass dieser Mann um den Ernst des Lebens wusste, zumal er auch in einer Zeit lebte, in der der preußische Friedrich nicht gerade ziemperlich mit kriegerischen Fehden umging.

Aber Matthias Claudius kennt auch eine ganz andere Kammer: In seinem Abendlied spricht er von der Welt als einer stillen Kammer, / wo ihr des Tages Jammer / verschlafen und vergessen sollt.

Es dürfte eigentlich nie geschehen, dass man obiges Gedicht ohne das folgende zitiert, obwohl das immer wieder sehr oft in Anthologien geschieht. Ihr Verfasser hat beide sehr bewusst nebeneinander gestellt und sie geben Auskunft über sein religiöses Verständnis. Das folgende Gedicht ist die Antwort der Religiosität eines Matthias Claudius auf den Tod und es wäre gut, wenn sich manche Christen endlich hinter die Ohren schreiben würden, dass eben nicht der Karfreitag der wichtigste Feiertag im Kirchenjahr ist, sondern der Auferstehungstag. Christus, der Logos, die Liebe begab sich aus Liebe in den Körper eines Menschen namens Jesus, um als Gott eine Erfahrung  zu machen, die die menschliche Erfahrung des Todes fortan transzendiert und völlig verändert hat. Deshalb folgt eben, wie Goethe auf sein Gedicht Meeresstille, das von einer wahren Todesstille erzählt, immer seine Glückliche Fahrt hat folgen lassen, bei Matthias Claudius, den Goethe leider verachtete, wohl, weil er meiner Ansicht nach dessen Religiosität nicht wirklich begriff, ein Gedicht namens Die Liebe:

Die Liebe hemmet nichts; sie kennt nicht Tür noch Riegel,
Und dringt durch alles sich;
Sie ist ohn Anbeginn, schlug ewig ihre Flügel,
Und schlägt sie ewiglich.

Niemand vermag die Liebe aufzuhalten. Auch in letzterem Gedicht finden sich drei Hebungen in dem hier jambisch gestalteten Schlussvers, doch diesmal schlagen die Flügel der Liebe. Der ein oder andere mag von fern die Worte des Paulus aus dem Korintherbrief über die Liebe mitklingen hören.

Matthias Claudius trägt noch heute dazu bei, dass mehr und mehr Menschen erkennen können, dass der Karfreitag dazu da ist, überwunden zu werden. Der Sinn des Todes besteht in seiner Überwindung. Deshalb hat Goethe seinem Stirb ein Werde, seiner Todesstille eine Glückliche Fahrt (wenn es interessiert: beide Gedichte im Video ab 8.55′) und unser Dichter dem Tod die Liebe folgen lassen. Deshalb kann jedes Grab sich öffnen.

Wenn das nicht geschieht, liegt es nicht am Tod, nicht an der Liebe, nicht am Grab, sondern  an uns.

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„Stehst du fast als wie ein Weltenmeister / In der Hand den Feldherrnstab der Geister.“ Christian Wagners prophetische Worte.

Es gibt Buchstabenfolgen, die wirken nachdrücklich in einen hinein, ohne dass man so genau sagen könnte, warum. So ist es hier; seit ich es gelesen habe, liebe ich Christian Wagners Oswalds Gedächtnis. Nun habe ich mich ihm ein wenig zugewandt und mir ist bewusster geworden, warum die Strophen mir so nahegehen: Sie haben einfach sehr viel mit meiner Geschichte und der möglicherweise nahen Zukunft der Menschheit zu tun.

Geschrieben hat Christian Wagner (1835-1918) sein Gedicht soviel ich weiß noch vor dem Ersten Weltkrieg und man möchte fast meinen, dass dessen Ausbruch Wagners Strophen ad absurdum zu führen scheinen, doch kommt es mir so vor, als seien seine Schlusszeilen noch heute Zukunftsmusik oder wir lebten just in der Zeit, in der jeder sich des Feldherrnstab(s) der Geister, von dem in der letzten Strophe die Rede ist, zu bedienen lernen muss, nicht, um jene zu befehligen, sondern um mit ihnen zusammenzuarbeiten.

Wie die Zeilen, so berührt mich auch ihr Verfasser und sein Leben: Bauer war er von Beruf und eine Zeitlang musste er sich noch als Holzfäller verdingen, weil er Schulden hatte. Gegen Ende seines Lebens hin wurde seine finanzielle Situation deutlich besser, u.a., weil sich Hermann Hesse um ihn bemühte. Seine erste Frau starb früh; mit seiner zweiten Frau  hatte er vier Kinder.

Echt doof, dass ich wohl einige Male nahe an seinem Geburts- und lebenslangen Wohnhaus in Warmbronn, ca. 20 Kilometer vor den Toren Stuttgarts gelegen, vorbeigegangen und -gefahren bin, ohne zu wissen, dass ich es mal gar zu gern gesehen hätte.

Eine nach Wikipedia formulierte Information vorab (Vorsicht, brutal, man kann sie auch weglassen und gleich das Gedicht lesen, sie spielt ohnehin nur ganz kurz eine Rolle) erleichtert das Verständnis der siebten Strophe. Es geht um Philomele, eine Figur der griechischen Mythologie. Sie war eine Tochter des attischen Königs Pandion und seiner Gemahlin Zeuxippe; ihre Geschwister waren Prokne, Erechtheus und Butes.

Philomeles Vater Pandion hatte zum Dank für dessen Hilfe im Krieg gegen die Thebaner dem Thrakerkönig Tereus seine Tochter Prokne zur Frau gegeben. Doch Tereus begehrte auch deren Schwester Philomela. Er verschleppte sie in einen tief im Wald gelegenen Stall und vergewaltigte sie. Damit sie ihn nicht verraten konnte, schnitt er ihr die Zunge heraus und hielt sie hernach an jenem Ort gefangen.

Philomela aber war eine Weberin, und so fertigte sie ein Gewand für ihre Schwester Prokne, in das sie die Bilder ihrer Leidensgeschichte einwob. Prokne, als sie es erhielt, verstand die Botschaft und befreite Philomela aus ihrem Waldgefängnis.

Es war gerade die Zeit der wüsten nächtlichen Feiern des Weingottes Dionysos; Prokne raste mit den Bacchantinnen durch den Wald und riss anlässlich dieser Gelegenheit ihre Schwester mit. Die beiden Frauen zerstückelten in der Folge aus Rache Tereus‘ und Proknes gemeinsamen Sohn Itys, kochten dessen Glieder und setzten sie dem Vater zum Mahle vor; der König erkannte erst, was er gegessen hatte, als ihm Philomela das Haupt seines Sohnes zuwarf. Mit gezücktem Schwert verfolgte er die Schwestern. Um dem Töten Einhalt zu gebieten, verwandelte Zeus sie zu Vögeln: Philomela in eine Schwalbe, Prokne in eine Nachtigall und Tereus in einen Wiedehopf.

In späteren Überlieferungen wurde die Zuordnung der Vögel verändert: Tereus soll zum Habicht geworden sein, und Philomela zur Nachtigall.

Christian Wagner spielt vermutlich auf Philomele als Nachtigall an, wenn er in der siebten Strophe des Gedichtes das Klingen aus sich selbst heraus mit dem Schlag der selgen Philomene vergleicht.

Hier nun das Gedicht:

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Oswalds Gedächtnis

Wohl genug ist´s, dass die Menschheit grausend
Marterwege wandelte Jahrtausend,
Zeit nun ist´s, dass sie, befreit von Sorgen,
jetzund feire Auferstehungsmorgen.

Zeit ist´s, dass das Nachtgestirn verglühe,
Lerchen schmettern in der Morgenfrühe,
Und der junge Tag mit freudgen Schlägen
Eilt der Sonne und dem Glanz entgegen.

So auch du, mein Sohn: Nicht gilt´s zu liegen,
Mach dich auf, den Weltkreis zu besiegen,
Von des Geistes freudgem Flügelschlagen
Mehr und mehr zum Licht emporgetragen.

Dass im Fluge du nicht mögst ermatten,
magst du kreisen ob der Schönheit Matten;
Niederschwebend von dem Flug nach Osten
Jede Freude, die dir rein ist, kosten.

Dein ist alles, all und jede Wonne,
Wann sie aufgeht, dir als eigne Sonne;
Jeder Tag, vom Licht emporgetragen,
Wann er aufgeht, dir als eignes Tagen.

Dein ist alles, all der Blumen Glühen,
Wann hervor sie aus dir selber blühen;
All die Rosenknospen auf der Erden,
Wann sie Rosen in dir selber werden.

Dein ist alles, all der Lieder Singen,
Wann heraus sie aus dir selber klingen;
jeder Schlag der selgen Philomele,
Wann er hallt aus deiner eignen Seele.

Dein ist alles, was in Tal und Hügeln
Lichtvoll sich in dir kann widerspiegeln;
Dein die Himmel selbst und selbst die Sterne,
Wann du Glanz hast für den Glanz der Ferne.

Bist du adlergleich herausgekommen,
Alles Schöne in dich aufgenommen,
Göttertrank gekostet so im Fluge
Auf dem Sieges- und Erobrungszuge.

Liegt das Vorurteil, das Wahnbefangen
Zu den Füßen dir als kriegsgefangen,
Stehst du fast als wie ein Weltenmeister
In der Hand den Feldherrnstab der Geister.

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Wenn wir erkennen, dass es ein Wahn ist und keine Wirklichkeit, dass wir gar nicht getrennt sein müssen von den Geistern, dass es einfach nur ein Urteil über uns selbst, ein Vor-Urteil ist, dann halten wir wieder den Feldherrnstab in der Hand, um unser eigenes Schicksal zu gestalten.

Die indische Philosophie nennt diesen Zustand des Wahns, des Scheins, des scheinbaren Getrenntseins von der geistigen Welt Maya.

Von einer gewissen Perspektive aus mag es stimmen, dass das Getrenntsein nur Maya sei, allerdings stimmt es nicht für unser ganz persönliches Bewusstsein, fühlen wir uns doch oft getrennt (und war die Menschheit auch durch einen einseitig aufgeklärten Intellektualismus und den zunehmenden Materialismus real getrennt), auch wenn es Momente gibt, wo wir spüren, dass wir jener jenseitigen Welt sehr nahe sind.

Diese Trennung – und es ist eine ganze Zeitlang eben eine reale Trennung, Maya hin oder her – ist auch wichtig für unsere Entwicklung als Menschen, denn wären wir nie getrennt gewesen, so wären wir immer nur Marionetten der Götter – im Christentum sind es die Engelhierarchien – gewesen, die selbst nicht die Freiheit Gott gegenüber besitzen, die der Mensch sich seit Luzifer zu erringen auf dem Weg ist. Wir mussten wie Prometheus den Göttern das Feuer rauben, selbständig agieren, ziemlich verblendet unseren Intellekt für das allein Seligmachende halten, tief in die Materie hinabtauchen und den Himmel aus den Augen verlieren, ein Zustand, in dem heute noch viele Menschen sich befinden, wobei wir eben zur Zeit (wieder einmal) ganz besonders intensiv erkennen müssen, wohin das auf der Erde führt. Aber mehr und mehr Menschen sind auf dem Weg zurück, nehmen wieder bewusst Verbindung auf, manche auf esoterisch verkorkste Weise, manche recht pseudochristlich, manche aber auch sehr ehrlich, wobei dieser ehrliche Weg eben richtig schwierig sein kann; davon erzählen die Märchen, der Parzivalmythos und der Jesus-Weg im Johannes-Evangelium; aber es ist der einzige Weg, zu wirklicher Freiheit zu finden; deshalb auch ließ Jesus nach seiner Auferstehung jenen Geist, auch als Heiliger Geist bezeichnet, zurück, damit der Mensch lernt, eigenverantwortlich mit ihm umzugehen. Es ist ein Weg, den jeder Mensch ganz selbständig gehen muss, denn jeder hat seine Weise, sich mit dem Jenseits, das zugleich sein Innerstes ist, zu verbinden. Zur Zeit fallen noch viele Menschen auf Reiki, geführte Meditationen aus dem Internet, reale Meditationen in irgendwelchen Zirkeln oder auf irgendwelche Channelings herein. Leider kann das alles für eine Seele sehr gefährlich sein.

Auf seine Weise war Christian Wagner ein tief religiöser Mensch, der allerdings von der Kirche nicht viel hielt, schon allein, weil er felsenfest an Reinkarnation glaubte, ein Glaube, den die Katholische Kirche ja bekanntlich vor über 1500 Jahren auf dem Konzil zu Konstantinopel verboten hat – wie man sieht, bis heute noch recht erfolgreich, wenn sich auch ein Lessing, ein Goethe, ein Wilhelm Busch, ein Christian Morgenstern, ein Michael Ende und viele andere (auch ich) nicht von diesem Verbot haben beeinflussen lassen – die Kirche verfluchte damals sogar jene, die an Seelenwanderung glauben (der Kirche ist offensichtlich, einen Fluch auszusprechen, erlaubt; aber beide Kirchen horten auch allein in Deutschland ein Vermögen von um die 400 Milliarden Euro und das, wo weit über 50 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht sind; da kommt es auf einen Fluch auch nicht mehr an – in den Himmel kommen die Kirchen eh nicht – wobei ich nicht  jene verunglimpft wissen möchte, die in ihrem Rahmen für Menschen wertvolle Arbeit leisten).

Die erste Strophe aus Oswalds Gedächtnis erinnert mich an die Gespräche mit einer lieben Freundin über das kaum zu ertragende Leid, das es auf der Erde gib; es sind wirklich Marterwege, ein trefflicher Ausdruck. Mit vielen anderen mache ich Gott als Summe aller Energien dafür verantwortlich, insofern ich ihn für den Schöpfer unseres Kosmos halte, wobei am Ende des Prozesses Vorwürfe ganz anderer Art an Gott gerichtet sein könnten.

Obwohl das Leid der Menschen des Öfteren nicht auszuhalten ist (bei manchen Bildern mache ich, weil ich sie nicht ertrage, einfach den Fernseher aus oder wechsle das Programm), fürchte ich, dass die Dimensionen des Leids für die Menschheit und den einzelnen Menschen notwendig sind. Man erinnere sich nur mal an Schillers Taucher: Obwohl er gesehen hatte, was in der Tiefe Grässliches auf ihn wartet, meinte er einer ziemlich unsicheren Liebe zuliebe nochmal in den Höllenraum, wie er die Untiefen in der Ballade selbst nannte, hinabtauchen zu müssen. – Wie schwer doch uns Menschen Lernen fällt und trotz eigener Erkenntnis – der Mensch versuche die Götter nicht – sind wir oft nicht in der Lage, Erfahrung in gelebte Wirklichkeit umzusetzen. Trotz eines kaum überbietbaren Infernos während der Zeit des Nationalsozialismus sympathisieren noch immer viele Menschen mit diesem seelischen Weg. Eigentlich kaum möglich, aber es ist so. Manchen reicht ganz offensichtlich dieser Marterweg der Menschheit nicht.

Und noch etwas, fürchte ich, ist wahr: Je tiefer der einzelne Mensch und die Menschheit hinabsinkt, absinkt, desto klarer und reiner kann, wenn er die Tiefen in Höhen verwandelt, sein Bewusstsein werden. Ich stelle mir vor, dass es sein könnte, dass Menschen nach dieser Marterzeit, obwohl sie wie meine Freundin und ich jetzt entsetzt sind, vor Gott stehen und sagen: Hättest Du uns doch noch tiefer fallen lassen! Wir wären innerlich noch klarer, noch bewusster.

Dann könnte Gott sagen: Millionenfach schriet ihr Menschen mich an, ich solle doch endlich dieses unverantwortliche Leid beenden. Und jetzt beschwert ihr euch.

Ich persönlich glaube, dass mehr und mehr Menschen eines, wie in Strophe 1 angesprochen, Auferstehungsmorgens würdig sind, insofern sie ein entsprechendes Bewusstsein erlangt haben. Tatsache ist aber auch, dass die Bibel unter anderem in Matthäus 24 darauf aufmerksam macht, dass noch eine Zeit kommen wird, die als Kampf aller gegen alle bezeichnet wird (Amen, ich sage euch: Kein Stein wird hier auf dem anderen bleiben. Alles wird nur noch ein großer Trümmerhaufen sein.«), von dem schon der englische Philosoph Hobbes sprach, ihn aber nicht wirklich seelisch-geistig einzuordnen wusste, kommt er doch in seiner Schrift Leviathan zu dem Ergebnis, dass vor diesem Zustand nur eine zentralisierte Macht die Menschheit bewahren könne, die Monarchie.

Was auf dem Hintergrund der biblischen Aussage so schlimm sein muss, dass es in der Bibel heißt, dass, wenn Gott sie nicht verkürze, niemand selig werde: so grausam und brutal müssen die Anfechtungen werden. – Geistig überleben werden das vielleicht nur Menschen, die an dem Leben überhaupt nicht mehr hängen, sondern das Bewusstsein des Stirb und Werde , von dem Goethe in Selige Sehnsucht schrieb, vollständig in sich integriert haben.

In dieser Zeit, wenn dieser Kampf stattfindet, werden sicherlich nicht alle Seelen auf der Erde sein, aber doch sehr viele. Trotz des unvorstellbaren Leides werden manche, vielleicht auch viele, adlergleich – wie Wagner schreibt – aufsteigen.

All dem liegt zugleich auch das Bewusstsein zugrunde, dass der Dichter in dem kurzen Hauptsatz erfasst: Dein ist alles; er nimmt ihn nicht von ungefähr anaphorisch mehrfach auf. Dein, so könnte er sagen, ist das Leid, Dein ist aber eben auch, wie er schreibt, all und jede Wonne, aller Blumen Glühen, all der Lieder Singen, alles, was in Tal und Hügeln / Lichtvoll sich in dir kann widerspiegeln.

Wagners Zeilen erinnern mich an einige Strophen aus Goethes Vermächtnis altpersischen Glaubens – fast glaube ich, er hatte Goethe unbewusst oder bewusst im Ohr. Christian Wagner spricht von dem Weltenmeister, in der Hand den Feldherrnstab der Geister, Goethe spricht von dem Mensch(en) als Priester, der, nachdem er sich bewährt hat, Göttliches zu schaffen vermag:

.

Und nun sei ein heiliges Vermächtnis
Brüderlichem Wollen und Gedächtnis:
Schwerer Dienste tägliche Bewahrung!
Sonst bedarf es keiner Offenbarung.

Regt ein Neugeborner fromme Hände,
Dass man ihn sogleich zur Sonne wende,
Tauche Leib und Geist im Feuerbade!
Fühlen wird es jeden Morgens Gnade.

Dem Lebend’gen übergebt die Toten,
Selbst die Tiere deckt mit Schutt und Boden,
Und, so weit sich eure Kraft erstrecket,
Was euch unrein dünkt, es sei bedecket!

Grabet euer Feld ins zierlich Reine,
Dass die Sonne gern den Fleiß bescheine!
Wenn ihr Bäume pflanzt, so sei’s in Reihen!
Denn sie läßt Geordnetes gedeihen.

Auch dem Wasser darf es in Kanälen
Nie am Laufe, nie an Reine fehlen;
Wie euch Senderud aus Bergrevieren
Rein entspringt, soll er sich rein verlieren.

Sanften Fall des Wassers nicht zu schwächen.
Sorgt, die Gräben fleißig auszustechen!
Rohr und Binse, Molch und Salamander,
Ungeschöpfe, tilgt sie miteinander!

Habt ihr Erd‘ und Wasser so im Reinen,
Wird die Sonne gern durch Lüfte scheinen,
Wo sie, ihrer würdig aufgenommen,
Leben wirkt, dem Leben Heil und Frommen.

Ihr, von Müh‘ zu Mühe so gepeinigt,
Seid getrost! nun ist das All gereinigt,
Und nun darf der Mensch als Priester wagen,
Gottes Gleichnis aus dem Stein zu schlagen.

.

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Ein echter Morgenstern: Vom spirituellen Blumenpflücken und Kränzchenwinden.

So wie sich Christian Morgenstern sicherlich köstlich amüsierte über jene Menschen, die sich die Köpfe zerbrachen darüber, wie denn seine humorig-sarkastisch-slapstick-komödiantische Wortakrobatik (O Greule, Greule, wüste Greule! / »Du bist verflucht!« so sagt die Eule. / Der Sterne Licht am Mond zerbricht. / Doch dich zerbrachs noch immer nicht.) zusammenpasse mit seiner feinsinnigen und höchst anspruchsvollen spirituellen Lyrik (man denke an sein Gedicht Luzifer) , so setzt er im folgenden Gedicht mal geschwind alle selbstgefälligen Reiki-Turteltauben, Astro-TV-Gläubigen und selbst ernannten Heiligen, die über alles Esoterisch-Spirituelle Bescheid wissen und die einen – so meine Erfahrung – immer belehren, auch dann, wenn man nichts hören möchte, und die vor lauter Beleerungseifer meistens nicht wahrnehmen können, wie es um das Bewusstsein ihres Gegenüber bestellt ist, auf eine deutliche und unverblümte Weise Schach matt.

Er gibt aber selbst ernsthaft Suchenden Worte mit, die aufrüttelnd sind und Seelenjahre retten können, Jahre, die nicht unverrichteter Dinge vergehen, was möglich ist, wenn man nicht erkennt, dass man steckengeblieben ist im Blumenpflücken und Kränzchenwinden.

In den ersten drei Strophen markiert er, was nach einer gewissen Zeit des spirituellen Vorwärtsschreitens zum Blumenpflücken und Kränzchenwinden, das er in der vierten Strophe anspricht, werden könnte:

  • Stilles Glück ist auf Dauer kein Indiz für geistig-seelisches Wachstum (im Gegenteil! – wer hätte das gedacht!), auch nicht, wenn man doch überall Nahrhaftes zu entnehmen weiß.
  • Und sich einen Reim machen zu können auf Weisheiten, dies selbst Geschautes bestätigen, ist ebenfalls nicht unbedingt ein Indiz, genauso wenig wie die Tatsache,
  • dass man doch – hach – so dankbar ist, so dankbar für alles, so dankbar (mehr Dank geht einfach nicht) . . .

Christan Morgensterns Kommentar ist glasklar – man lese selbst:

 

›Ich will aus allem nehmen, was mich nährt,
was übereinstimmt mit mir längst Vertrautem;
so wird mir manches stille Glück gewährt.

In Eurer Weisheit fand ich manch geheime
Bestätigung zu von mir selbst Geschautem
und brachte sie zu meiner Art in Reime.

Es gibt so vieles Schöne, Gute, Wahre;
wie bin ich dankbar, daß ich Mensch sein darf
und immer Neues solcher Art erfahre!‹

Erfahre denn noch dies dazu: entfernt
bist du vom Ernst noch. Dein Gewissen warf
dir noch nicht vor, daß Weisheit sich nur – lernt.

Mit solchem Blumenpflücken, Kränzchenwinden –
was ist getan? sieh dir ins Angesicht
und prüfe, ach, solch allzu lau Empfinden.

Du fühlst der Weisheit Weg noch nicht als – Pflicht.
Und so: ob von Glühwürmchen oder Sternen
dir Licht zufließt – dir ist’s das gleiche Licht.

Dir sind die echten Tiefen, wahren Fernen
noch stumm; sie, deren Siegel einzig bricht:
ein tiefdemütig lebenslanges – Lernen.

 

Für manchen, der sich so fortgeschritten und mit dem Kreuz auf den eigenen Schultern schon kurz vor Golgatha dünkt, schreibt Christian Morgenstern ab der vierten Strophe: Dir sind die echten Tiefen noch stumm! Du weißt noch nicht einmal, dass sie versiegelt sind. Entfernt bist Du vom Ernst noch – wahre Weisheit ist ein immerwährender Lernprozess, kein ach sich selbst so genügendes stilles Glück.

Er mag an jenen Satz seines spirituellen Lehrers Rudolf Steiner gedacht haben, der jenem so wichtig war: in christo morimur – in Christus sterben wir. Wer ihn versteht, weiß um die Tiefen der Demut, die es zu erlangen gilt.

Wer in allem, was er tut, sich bewusst ist, dass es nicht um das eigene Ich geht – das stirbt, wenn es gutgeht, bei jeder unserer Taten immer wieder am Kreuz (und das ist leicht gesagt, aber wer vermag es zuzulassen?)  -, sondern um die Auferstehung eines neuen Bewusstseins, von dem unsere Erde leider noch wenig weiß, der pflückt nicht mehr Blümchen, sondern weiß um die Rose, die aus der Mitte des Kreuzes und damit im eigenen Herzen erblüht.

Und für die, die – hach – doch so demütig sind, rät er, nicht schon wieder sich ein Kränzchen zu winden, denn: Demut lernt man ein Leben lang – tiefdemütig.

Was für ein Gedicht!

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Wo du mir entschwunden, / Hab ich dich gefunden / Inniger in mir. – Rückerts „Waldstille“, zu unrecht vergessen!

Selten habe ich ein Gedicht gelesen, das thematisch so viel anspricht, so vielschichtig ist. Es ist wohl so wie jener Mann, der es geschrieben hat, der 50 Sprachen beherrschte und aus 44 Sprachen Texte übersetzte, der 10 Kinder zeugte, wobei seine auch durch die Vertonung von Gustav Mahler so bekannt gewordenen Kindertotenlieder zeigen, wie sehr er unter dem Tod zweier litt.

Friedrich Rückert (1788 – 1866) hat über 1000 Gedichte verfasst, was ein Leistungs-, aber noch kein Qualitätsnachweis ist. Als kleiner Anhaltspunkt aber sei gesagt, dass er mit einigen seiner Gedichte eigentlich in jeder Gedichtanthologie zu finden ist.

Das folgende findet sich nicht unter jenen, die dort anzutreffen sind; wenn es nach mir ginge, stünde es dort. Es berührt mich schon gleich zu Beginn, wenn es über das eigene Leben und sein Verhältnis zur Welt heißt: Wo du mir geschwunden, / Hab‘ ich dich gefunden / Inniger in mir. – Worte, die mich berühren, weil sie eine Erfahrung betreffen, die auch ich gemacht habe: Wenn die Welt schwindet, die Vorstellung, die sich die Menschen und man selbst von ihr macht – und das geschieht eben manchmal und vor allem durch leidvolle Erfahrungen -, dann findet man etwas, was wert ist, Welt genannt zu werden und als Welt ganz anders sich darstellt als die Vorstellung, die man bisher von ihr hatte. Da zeigt sich eine Welt, in der nicht die Krakeeler dominieren und immer wieder ein lautes Gekreische und  Bildzeitungs-Mentalität herrscht, in der nicht die Circes dieser Welt, ob sie Helene Fischer oder Heidi Klum heißen, den Ton angeben, bzw. die Herren der Verlogenheit und politischen Machotums wie Trump und Erdogan.

In dieser anderen Welt – und vielleicht nur in dieser  – ist es möglich, dem Leben so produktiv-schöpferisch zu begegnen, wie Rückert das in der letzten Strophe tut:

Laß mich für die Erde
Sinnen, daß sie werde
Durch und durch verschönt!
Laß mich sie verklären,
Daß im Chor der Sphären
Sie mit Freude tönt!

Dieser Welt und dieser Erde muss man fern sein, um ihr wirklich nahe sein zu können. Dieses Fernsein ermöglicht einen anderen Blick, einen Blick der sie einem nur scheinbar entfremdet, in Wirklichkeit aber eine innere Bewegung ermöglicht, deren Ergebnis ein staunendes „Ach so bist du in Wirklichkeit!“ ist.

Dazu ist es notwendig, in des Daseins Schacht zu steigen. Rückert allerdings meint damit nicht Hofmannsthals tiefen Brunnen, nicht den Bauch des Wals, den Jonas erlebt, oder Gethsemane, in dem es so totenstill ist, dass man das Schlafen der Freunde hört, deren Zuspruch man doch eigentlich bedürfte.

Nein, Rückert schaut mit Wohlgefallen „Wie durch Bachkrystallen“ der Welt auf den Grund. Es geht ihm nicht um jenes absolut existentielle Geschehen, das jeder erleben muss, der sein Ego auf die Schädelstätte tragen will, damit ein ganz anderes Bewusstsein auferstehen kann. Rückerts Stille ist jene einer absolut gesteigerten Empfindsamkeit, in der der Wald zum Ort der Sinne wird, jener Sinne, deren wahre Existenz wir nicht mehr erleben, weil sie im Getöse einer kreischenden Wirklichkeit sich abgeschaltet haben, um nicht ganz verloren zu gehen. In der Waldstille wagen sie sich wieder hervor:

Leise hör‘ ich flüstern
Jedes Blatt der Rüstern,
Jegliches Gefühl
Sich im Busen regen,
Wie die Winde legen
Sich im Laubgewühl.

Wer das erlebt, hört einen Ton, der nur dort zu finden ist; manche Menschen hören ihn ein Leben lang nicht; Rückerts Gedicht erinnert nicht nur an ihn:

Waldstille.

Tief im Walde saß ich,
Und die Welt vergaß ich,
Die nie mein gedacht;
Mich in mich versenkt‘ ich,
Und mein Sinnen lenkt‘ ich
In des Daseins Schacht.
Welt, ich dein vergessen?
Erst dich recht besessen
hab‘ ich fern von dir.
Wo du mir geschwunden,
Hab‘ ich dich gefunden
Inniger in mir.
Wie durch Bachkrystallen,
Dir mit Wohlgefallen
Schau‘ ich auf den Grund.
Du bist nicht so böse,
Wie du mit Getöse
Selbst es thuest kund.
Draußen im Gewirre
Kann man werden irre,
Welt, an sich und dir;
Fern von deinem Rauschen
Kann ich dich belauschen
In mir selber hier.
Leise hör‘ ich flüstern
Jedes Blatt der Rüstern,
Jegliches Gefühl
Sich im Busen regen,
Wie die Winde legen
Sich im Laubgewühl.
Einen leisen Odem
Hör‘ ich, der den Brodem
Haucht hinweg vom Tag.
Du bist ohne Schleier,
O Natur, und freier
Geht mein Herzensschlag.
Durch des Waldes Stille
Tönt die Sommergrille,
Und die Unk im Sumpf;
Lauter oder leiser,
Keine Stimm‘ ist heiser,
Keine Stimm‘ ist dumpf.
Wer den Ton gefunden,
Der im Grund gebunden
Hält den Weltgesang,
Hört im lauten Ganzen
Keine Dissonanzen,
Lauter Uebergang.
O Natur, du große
Mutter die im Schooße
Viele Kinder hält!
Lächelst recht von Herzen,
Wenn sie fröhlich scherzen,
Wie dir’s wohlgefällt.
Wenn die Kinder streiten,
Schlichtest du beizeiten,
Brauchest deine Macht;
Wenn sie sich verlaufen,
Sammelst du den Haufen
Doch zu dir bei Nacht.
Deine Sonne wecket
Alles was bedecket
Goldner Schlummerduft.
Wache Lebenstriebe
Wiegst du ein in Liebe:
Wiege, Brautbett, Gruft!
Deine Arbeitsbienen,
Kunsttrieb gabst du ihnen
Statt der Liebeslust.
Aber beide Flammen
Gossest du zusammen
In des Menschen Brust.
Wo die beiden ringen
Werden sie bezwingen
Leben und den Tod,
Sich zum Himmel schwingen,
Und zur Erde bringen
Ew’ges Morgenroth.
Geisteswaffenschärfung,
Stoffes Unterwerfung,
Welterobrungskunst;
Hier den Forst zerschmettert,
Was ihn dort beblättert,
Stürmische Liebesbrunst.
Auch der Haß ist Liebe,
Schöpfend mit dem Siebe
Statt der Schal‘ im Born.
Als ich hassen wollte,
Fühlt‘ ich nur, es schmollte
Kind’scher Liebeszorn.
Du verzeihst den Kindern,
Aber weißt zu hindern
Ihre Unart auch.
Der ist wohlerzogen,
Dessen Hochmuthswogen,
Legt von dir ein Hauch.
Laß mich auserkornen
Meinen blindgebornen
Bruder nicht verschmähn!
Was der Maulwurf wühlet,
Hat der Mensch gefühlet
Oder eingesehn.
Was der Vogel singet,
Was die Quelle springet,
Was die Blume blüht,
Was die Schöpfung rauschet,
Mutter, nur belauschet
Hab‘ ich dein Gemüth.
Laß mich für die Erde
Sinnen, daß sie werde
Durch und durch verschönt!
Laß mich sie verklären,
Daß im Chor der Sphären
Sie mit Freude tönt!

.

Wer Rückerts Zeilen mit Bedacht liest, findet neben den oben angesprochenen viele weitere bemerkenswerte Gedanken, wie jener, der uns erkennen lässt, dass mancher scheinbaren Hass-Liebe-Problematik kindlicher Zorn zugrunde liegt. Gewiss schreibt unser in Schweinfurt geborener Autor nicht darüber, welche realen Ängste und Nöte kindlichem Zorn zugrunde liegen – das lässt sich im Rahmen dieses Gedichtes nicht leisten und war dem Bewusstsein dieser Zeit vielleicht auch noch nicht so präsent, aber er deutet an, wohin wir manches Mal unseren Blick richten sollten, bevor sich auf der Erde der Hass der Erwachsenen gegen die Liebe austobt.

Auch müssen wir nicht Arbeit gegen Kunst ausspielen. Wie die Bienen den Ertrag ihrer Arbeit in den Korb einbringen, der zum Honig wird, so können auch wir als Menschen den Ertrag unseres Lebens in unser Herz einbringen – man versteht, warum den Griechen die Biene eines ihrer Seelensymbole war und warum Rückert andeutet, dass Arbeit und Kunst kein Gegensatz sein müssen:

Deine Arbeitsbienen,
Kunsttrieb gabst du ihnen
Statt der Liebeslust.
Aber beide Flammen
Gossest du zusammen
In des Menschen Brust.

So wie eines der wunderbarsten Gedichte des deutschen Kulturraums, das Abendlied von Matthias Claudius mit jener für mich so bemerkenswerten Zeile abschließt, die lautet:

Und unserm kranken Nachbarn auch.

und damit allem, was vorab an Wertvollem gesagt ist, die Richtung weist für wahres Menschsein, das sich in Mitfühlen und Nächstenliebe zeigt, so sollte man nicht jene fast unscheinbar sich gebende Strophe übersehen, die ein wesentlicher Zug unseres Menschseins ist:

Laß mich auserkornen
Meinen blindgebornen
Bruder nicht verschmähn!
Was der Maulwurf wühlet,
Hat der Mensch gefühlet
Oder eingesehn.

Wir graben uns durch unterirdische Gänge und haben nicht einmal die Sinnesorgane eines Maulwurfs, der weiß, wo er rauskommt. Zumeist zumindest wissen wir es nicht.

Wenn wir es wissen, dann sollten wir jenen Bruder neben uns nicht verschmähen, dem es ganz anders geht.

Ich finde es bemerkenswert, ja, es berührt mich sehr, dass und wie – schlicht und doch so eindringlich – Friedrich Rückert uns diesen Gedanken auf seine Dichterweise ans Herz legt. – Wie viele wertvolle Gedanken dieses scheinbar unscheinbare Gedicht doch enthält!

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