Den dunklen König entlarven! Ein großes Ego nicht als Herzqualität ausgeben! Denken wertschätzen: Schillers Ballade „Der Taucher“.

In Schillers Ballade steht nicht nur der so mutige Edelknecht im Mittelpunkt, sondern auch ein König, der auf eine Weise mit dem Leben seiner Untertanen spielt, wie man es bei Autokraten nun einmal erlebt, auch heute noch – gerade heute wieder. Immer wieder zeigt sich, dass die menschliche Seele in Tiefen sinken kann, die grundlos hinabgehen, womöglich noch tiefer als jene, in die der Edelknabe hinabsah und von denen er dem König zu berichten wusste und eigentlich vermittelte, dass er sich sehr wohl bewusst war, was er da gesehen hatte (was ihn leider nicht daran hinderte, eine Dumm- bzw. Torheit zu tun, die man im Leben genau einmal tun kann – dann erst wieder im nächsten).

Darum geht es, sich dessen bewusst zu werden, was der junge Mann sah und zu wissen, warum er scheiterte, was, wie angedeutet, so unnötig war – und doch offensichtlich zwangsläufig. Oder warum stürzen sich Menschen in einem Fass den Niagarafall hinunter oder überqueren ohne Netz auf einem Seil eine Schlucht – und tun das ein zweites und drittes Mal, eine immer breitere Schlucht wählend (und das, auch wenn keine Königstochter zuguckt). Warum meinte Reinhold Messmer, alle Achttausender dieser Erde bezwingen zu müssen und auch noch weiterhin extrem zu klettern, auch wenn er – fast erscheint es im Nachhinein zwangsläufig – bei einer dieser Touren den eigenen Bruder verlor?

Der Knappe springt in einen Schlund, der in der Ballade auch als Höllenrachen oder Grab bezeichet und mit der Charybde verglichen wird. Von der galt es sich im Altertum möglichst weit entfernt zu halten, wenn sie ihr Wasser ausspie und es dann wieder mit Urgewalt einsog, wovon wir bei Homer lesen und was, als Odysseus zum zweiten Mal an diese Meerenge kam, ihm zum Verhängnis wurde, wobei er allerdings mit dem Leben davonkam.

Unsere Ballade ist das Ergebnis eines kollegialen und zum Teil durchaus humorig ausgetragenen Dichterwettstreites zwischen Goethe und Schiller, wer denn die schönste Ideenballade schreiben könne. Schillers Der Taucher war die erste zahlreicher noch folgender, und ich meine fast, es war die genialste unter allen, die doch auch so hochklassig waren, man denke nur an den Zauberlehrling oder an eine meiner absoluten Lieblingsballaden, Die Kraniche des Ibykus (hier zu ihr mehr).

Noch ein Wort zum Stichwort Ideenballade: Nach den sogenannten Volksballaden, deren Autoren wir nicht kennen und die vor allem zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert ihre Blüte erlebten – man denke an die auch als Volkslieder bekannten Es waren zwei Königskinder oder Es freit ein wilder Wassermann – begann mit Gottfried August Bürgers Leonore die Zeit der sogenannten Kunstballaden, die also die Tradition der Heldenlieder und Volksballaden oft auf hohem Niveau fortsetzten, besonders natürlich im Rahmen jenes Balladenjahres – es war das Jahr 1797 – das wir eben mit der ein oder anderen Ballade bereits angesprochen hatten und als dessen Ergebnisse noch Der Schatzgräber zu nennen wäre, Die Braut von Korinth, Der Gott der Bajadere, Der Handschuh, Der Gang nach dem Eisenhammer, Der Ring des Polykrates, Ritter Toggenburg sowie Der neue Pausias und sein Blumenmädchen. Manche Titel unter den genannten klingen schlicht und einfach ziemlich banal, wozu auch die Goetheballaden Der Gott und die Bajadere und die Die Braut von Korinth  gehören; beide aber sind in Wirklichkeit inhaltlich und von der Schaffenskunst her genial, letzterer Ballade habe ich mich auf diesem Blog erst kürzlich und das richtig gern gewidmet – ich finde sie einfach toll, gerade, weil sie so pointiert herausstellt, dass ein sogenannter Heide – eine schreckliche Klassifzierung – oft ein besserer Christ ist als ein sogenannter Christ, und genau so verstanden, wie Lessing das in seinem Nathan in Bezug auf Moslems und Juden sieht, die dem Bewusstsein nach wahre Christen sein können, auch wenn das vor allem dem Koran nach, der den Sohn, Christus, verbietet, eigentlich gar nicht möglich ist.

Beide Weimarer Größen schrieben mit dem Anspruch, im Rahmen dieser Balladen eine Idee zu verwirklichen – daher die Bezeichung Ideenballade -, einen Leitgedanken also, der dazu geeignet wäre, die Seele des Menschen eine Stufe höher hinaufzustimmen. Solch eine Idee war beispielsweise jene einer Freundschaft, die sogar stärker ist als der Tod, wie wir sie in der Bürgschaft gestaltet finden oder aber, dass der Mensch nicht fahrlässig mit Fähigkeiten umgehen möge, die weitreichend sind und  nahezu okkulten Charakter haben, die man, gerade gelernt, noch nicht beherrscht, wie wir im Zauberlehrling nachlesen können, eine Ballade, die – wie auch Der Taucher – an eine notwendige Bescheidenheit und Demut des Menschen appelliert, die er gegenüber den Urgewalten des Lebens und dessen Wert haben sollte.

Vorab zunächst die Ballade selbst, die gleich zu Beginn homerische Züge trägt mit dem Hinweis auf die Charybde, jenem ungeheuren Schlund, den wir aus Homers Irrfahrten des Odysseus kennen, der dreimal täglich Wassermassen ausspie und mit Urgewalt einsog, wobei der Charybde gegenüber eben jenes zwölfarmige und sechsköpfige Ungeheuer war, Skylla, auch als Hündin bezeichnet, die, wenn man ihr zu nahe kam, mit ihren Verderben bringenden Armen zugriff, ein Umstand, der sechs Gefährten des Odysseus das Leben kostete. Die Textstelle aus der Odyssee habe ich hier wiedergegeben; Scylla und Charybdis stellen ja im Rahmen der Stationen des Odysseus auf seinem Weg in die Heimat jene Lebensabschnitte vor Augen, in denen es gilt, die Mitte zu wahren und sich nicht einer oder der anderen Seite zuzuneigen. Maß und Mitte sind Eigenschaften, die ein Mensch auf dem spirituellen Weg benötigt, um weder dem Guten noch dem Bösen zu verfallen. Der Taucher fand diese Mitte leider nicht (Ritter Delorges wird es wesentlich besser können, dazu später mehr); hier nun die Ballade:

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„Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp,
Zu tauchen in diesen Schlund?
Einen goldnen Becher werf ich hinab,
Verschlungen schon hat ihn der schwarze Mund.
Wer mir den Becher kann wieder zeigen,
Er mag ihn behalten, er ist sein eigen.“

Der König spricht es und wirft von der Höh
Der Klippe, die schroff und steil
Hinaushängt in die unendliche See,
Den Becher in der Charybde Geheul.
„Wer ist der Beherzte, ich frage wieder,
Zu tauchen in diese Tiefe nieder?“

Und die Ritter, die Knappen um ihn her
Vernehmen’s und schweigen still,
Sehen hinab in das wilde Meer,
Und keiner den Becher gewinnen will.
Und der König zum drittenmal wieder fraget:
„Ist keiner, der sich hinunter waget?“

Doch alles noch stumm bleibt wie zuvor,
Und ein Edelknecht, sanft und keck,
Tritt aus der Knappen zagendem Chor,
Und den Gürtel wirft er, den Mantel weg,
Und alle die Männer umher und Frauen
Auf den herrlichen Jüngling verwundert schauen.

Und wie er tritt an des Felsen Hang
Und blickt in den Schlund hinab,
Die Wasser, die sie hinunterschlang,
Die Charybde jetzt brüllend wiedergab,
Und wie mit des fernen Donners Getose
Entstürzen sie schäumend dem finstern Schoße.

Und es wallet und siedet und brauset und zischt,
Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt,
Bis zum Himmel spritzet der dampfende Gischt,
Und Flut auf Flut sich ohn Ende drängt,
Und will sich nimmer erschöpfen und leeren,
Als wollte das Meer noch ein Meer gebären.

Doch endlich, da legt sich die wilde Gewalt,
Und schwarz aus dem weißen Schaum
Klafft hinunter ein gähnender Spalt,
Grundlos, als ging’s in den Höllenraum,
Und reißend sieht man die brandenden Wogen
Hinab in den strudelnden Trichter gezogen.

Jetzt schnell, eh die Brandung wiederkehrt,
Der Jüngling sich Gott befiehlt,
Und – ein Schrei des Entsetzens wird rings gehört,
Und schon hat ihn der Wirbel hinweggespült,
Und geheimnisvoll über dem kühnen Schwimmer
Schließt sich der Rachen, er zeigt sich nimmer.

Und stille wird’s über dem Wasserschlund,
In der Tiefe nur brauset es hohl,
Und bebend hört man von Mund zu Mund:
„Hochherziger Jüngling, fahre wohl!“
Und hohler und hohler hört man’s heulen,
Und es harrt noch mit bangem, mit schrecklichem Weilen.

Und wärfst du die Krone selber hinein
Und sprächst: Wer mir bringet die Kron,
Er soll sie tragen und König sein –
Mich gelüstete nicht nach dem teuren Lohn.
Was die heulende Tiefe da unter verhehle,
Das erzählt keine lebende glückliche Seele.

Wohl manches Fahrzeug, vom Strudel gefasst,
Schoss jäh in die Tiefe hinab,
Doch zerschmettert nur rangen sich Kiel und Mast,
Hervor aus dem alles verschlingenden Grab.-
Und heller und heller, wie Sturmes Sausen,
Hört man’s näher und immer näher brausen.

Und es wallet und siedet und brauset und zischt,
Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt,
Bis zum Himmel spritzet der dampfende Gischt,
Und Well auf Well sich ohn Ende drängt,
Und wie mit des fernen Donners Getose
Entstürzt es brüllend dem finstern Schoße.

Und sieh! aus dem finster flutenden Schoß,
Da hebet sich’s schwanenweiß,
Und ein Arm und ein glänzender Nacken wird bloß,
Und es rudert mit Kraft und mit emsigem Fleiß,
Und er ist’s, und hoch in seiner Linken
Schwingt er den Becher mit freudigem Winken.

Und atmete lang und atmete tief
Und begrüßte das himmlische Licht.
Mit Frohlocken es einer dem andern rief:
„Er lebt! Er ist da! Es behielt ihn nicht!
Aus dem Grab, aus der strudelnden Wasserhöhle
Hat der Brave gerettet die lebende Seele.“

Und er kommt, es umringt ihn die jubelnde Schar,
Zu des Königs Füßen er sinkt,
Den Becher reicht er ihm kniend dar,
Und der König der lieblichen Tochter winkt,
Die füllt ihn mit funkelndem Wein bis zum Rande,
Und der Jüngling sich also zum König wandte:

„Lange lebe der König! Es freue sich,
Wer da atmet im rosigten Licht!
Da unten aber ist’s fürchterlich,
Und der Mensch versuche die Götter nicht
Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,
Was sie gnädig bedeckten mit Nacht und Grauen.

Es riss mich hinunter blitzesschnell –
Da stürzt mir aus felsigtem Schacht
Wildflutend entgegen ein reißender Quell:
Mich packte des Doppelstroms wütende macht,
Und wie einen Kreisel mit schwindelndem Drehen
Trieb mich’s um, ich konnte nicht widerstehen.

Da zeigte mir Gott, zu dem ich rief
In der höchsten schrecklichen Not,
Aus der Tiefe ragend ein Felsenriff,
Das erfasst ich behend und entrann dem Tod –
Und da hing auch der Becher an spitzen Korallen,
Sonst wär er ins Bodenlose gefallen.

Denn unter mir lag’s noch, bergetief,
In purpurner Finsternis da,
Und ob’s hier dem Ohre gleich ewig schlief,
Das Auge mit Schaudern hinuntersah,
Wie’s von Salamandern und Molchen und Drachen
Sich regt‘ in dem furchtbaren Höllenrachen.

Schwarz wimmelten da, in grausem Gemisch,
Zu scheußlichen Klumpen geballt,
Der stachligte Roche, der Klippenfisch,
Des Hammers greuliche Ungestalt,
Und dräuend wies mir die grimmigen Zähne
Der entsetzliche Hai, des Meeres Hyäne.

Und da hing ich und war’s mit Grausen bewusst
Von der menschlichen Hilfe so weit,
Unter Larven die einzige fühlende Brust,
Allein in der grässlichen Einsamkeit,
Tief unter dem Schall der menschlichen Rede
Bei den Ungeheuern der traurigen Öde.

Und schaudernd dacht ich’s, da kroch’s heran,
Regte hundert Gelenke zugleich,
Will schnappen nach mir – in des Schreckens Wahn
Lass ich los der Koralle umklammerten Zweig;
Gleich fasst mich der Strudel mit rasendem Toben,
Doch es war mir zum Heil, er riss mich nach oben.“

Der König darob sich verwundert schier
Und spricht: „Der Becher ist dein,
Und diesen Ring noch bestimm ich dir,
Geschmückt mit dem köstlichsten Edelgestein,
Versucht du’s noch einmal und bringt mir Kunde,
Was du sahst auf des Meeres tiefunterstem Grunde.“

Das hörte die Tochter mit weichem Gefühl,
Und mit schmeichelndem Munde sie fleht:
„Lasst, Vater, genug sein das grausame Spiel!
Er hat Euch bestanden, was keiner besteht,
Und könnt Ihr des Herzens Gelüsten nicht zähmen,
So mögen die Ritter den Knappen beschämen.“

Drauf der König greift nach dem Becher schnell,
In den Strudel ihn schleudert hinein:
„Und schaffst du den Becher mir wieder zur Stell,
So sollst du der trefflichste Ritter mir sein
Und sollst sie als Ehegemahl heut noch umarmen,
Die jetzt für dich bittet mit zartem Erbarmen.“

Da ergreift’s ihm die Seele mit Himmelsgewalt,
Und es blitzt aus den Augen ihm kühn,
Und er siehet erröten die schöne Gestalt
Und sieht sie erbleichen und sinken hin –
Da treibt’s ihn, den köstlichen Preis zu erwerben,
Und stürzt hinunter auf Leben und Sterben.

Wohl hört man die Brandung, wohl kehrt sie zurück,
Sie verkündigt der donnernde Schall –
Da bückt sich’s hinunter mit liebendem Blick:
Es kommen, es kommen die Wasser all,
Sie rauschen herauf, sie rauschen nieder,
Den Jüngling bringt keines wieder.

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Drei Aspekte, die diese Ballade prägen und die ich in der Überschrift schon angedeutet habe, möchte ich beleuchten, weil sie meines Erachtens für unser Leben eine zentrale Bedeutung haben.

Die Tiefen des Wassers zeichnen ein Seelengemälde

Zunächst ist der Edelknecht ein Held – wir wollen das fürs Erste einmal so stehen lassen, denn Schiller selbst legt ja diese Sicht nahe, wenn er ihn so von der Hofgesellschaft gesehen sein lässt (Und bebend hört man von Mund zu Mund: / „Hochherziger Jüngling, fahre wohl!). Schiller mag es in dieser Ballade darauf angekommen sein, im Taucher seine Idee davon zu vermitteln, dass der Mensch, war er der Gnade Gottes teilhaftig geworden und sei er noch so sehr ein Held, diese nicht noch einmal mutwillig auf die Probe stellen möge. Wer an die Grenze, an die Tür zum Göttlichen klopft und Eintritt erhält, muss sich dessen auch als würdig erweisen. Indem der Edelknecht auf die Verführungskunst, auf den Neid und die Missgunst des Königs hereinfällt und wirklich glaubt, er werde von diesem bereitwillig nach dem zweiten Tauchgang dessen Tochter erhalten, fällt er nicht nur auf den Ungeist des dunklen Königs herein, sondern handelt auch entgegen eigener Erkenntnis, hatte er doch dem König selbst nach seinem Auftauchen gesagt:

Da unten aber ist’s fürchterlich,
Und der Mensch versuche die Götter nicht
Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,
Was sie gnädig bedeckten mit Nacht und Grauen.

Das ist die sittliche Botschaft der Ballade: Der Mensch versuche die Götter nicht.

Was der junge Mann aber uns mit seinem Bericht über die Untiefen des Höllenschlundes vor Augen führt, ist ein notwendiges Wissen für ein realistisches Verständnis des Lebens; nur auf dieser Basis kann man als Mensch sich weiterentwickeln.

Um die Dimensionen des Gesagten zu verstehen, ist es notwendig, sich der Bedeutung des Wassers bewusst zu sein. Zu dieser Bedeutung hat Goethe den vielleicht deutlichsten Beitrag geleistet mit jenem Gedicht, das er angesichts des Staubbachfalls im Lauterbrunnental schrieb und dessen erste Strophe lautet:

Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder
Zur Erde muss es,
Ewig wechselnd.

In der hier zitierten ersten Strophe weist er auf die wiederholten Erdenleben von uns Menschen hin und in der Folge gelingt es ihm zu vermitteln, warum Wasser ein Symbol für unsere Seele ist. Mehr als nur eine Ergänzung mag auch das Zitat aus Teresa von Avilas Die Innere Burg sein (das ganze Gedicht und der Auszug der spanischen Mystikerin sind hier verlinkt).

Aus der germanischen Mythologie wissen wir, das Odhin über das Wasser gehen konnte und auch von Jesus ist es bekannt; im mythischen Bild bedeutet dies, dass beide Meister dieses Elementes sind, indem sie auf ihm gehen, einem Element, das für den Gefühlsbereich steht, esoterisch formuliert, der Astralebene. Deutlich wird dies im Zusammenhang mit dem neutestamentarischen Bericht über den Sinkenden Petrus, der auch auf dem Wasser gehen kann, solange er sich per Blickkontakt an die Energie seines spirituellen Lehrers anzubinden vermag. Als er aber aus den Augenwinkeln die durch den Wind aufkommenden Wellen wahrnimmt, geht er in den Wassern, sprich: in seinen Emotionen der Angst unter. Wir finden eine vergleichbare Bedeutung des Wassers z.B. auch in den Volksliedern und u.a. dem Märchen vom Wasser des Lebens.

In unserer Ballade springt der Edelknecht in die tiefe See und er muss etwas erkennen, was für das Verständnis der menschlichen Seele fundamental ist: Nach unten in die Tiefen gibt es kein Halten. Es geht ewig hinab:

Denn unter mir lag’s noch, bergetief,
In purpurner Finsternis da,
Und ob’s hier dem Ohre gleich ewig schlief,
Das Auge mit Schaudern hinuntersah,
Wie’s von Salamandern und Molchen und Drachen
Sich regt‘ in dem furchtbaren Höllenrachen.

Das ist eine der erschreckendsten Erkenntnisse, die mir im Laufe der Zeit bewusst wurden: Die Untiefe der menschlichen Seele hat keinen Boden. Was Menschen sich ersinnen können an Boshaftigkeiten, Grausamkeiten, Widerlichkeiten: da gibt es kein Halten. Die Gräuel der Kriege, die perversesten Foltermethoden der Inquisition, die seelischen Exzesse der Konzentrationslager: Untiefen, unabsehbar. Gerade in den letzten Jahren hat der IS mit seinen unvorstellbaren Gräueltaten dies aufs Neue deutlich werden lassen …

Der Knabe erkennt das: Da unten aber ist´s fürchterlich, weiß er zu berichten und dass es noch bergetief hinabgeht, ja, er spricht selbst davon, dass es bodenlos abwärts gehe. – Ich glaube, das stimmt!

Die Ungeheuer des Meeres, die Schiller schildert, sind auch die Ungeheuer der menschlichen Seele; wir finden sie im Übrigen bei Hieronymus Bosch gezeichnet, grausame Gestalten sind es, die auf den Heiligen Antonius zukommen. In den Seelen der Menschen finden wir sie:

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Bildergebnis für bosch die versuchung des heiligen antonius

 

Gr¸newald/Isenheimer A./Antonius:D‰monen - Gr¸newald / Isenheim altar / St.Anthony -

In dem bekannten, um 1500 entstandenen Tryptichon von Hieronymus Bosch, bekannt als Versuchung des Heiligen Antonius, wird deutlich, was auf den seelischen Ebenen existiert, was auch auf uns zukommen wird und was wir gerne jetzt noch für reine Fiktion und Einbildung eines Künstlers halten. Bewusst erlebt das der Mensch in seinem Leben nach dem Leben in jener Phase, die die christliche Terminologie Fegefeuer und die fernöstliche Spiritualität Kamaloka nennt, wenn nämlich der Mensch nicht mehr diese Wesen aussendet, wie er es hier tut, indem er hasst oder von Neid fast platzt, sondern sie auf ihn zukommen werden und er erkennen muss (wenn er es hoffentlich tut!), was er auf seine Mitmenschen losgelassen hat, denn keiner unserer Gedanken bleibt ohne Wirkung. Man mag einer Okkultistin wie Helena Petrovna Blavatsky so kritisch gegenüberstehen, wie man will, so gibt mir persönlich die in Band III  ihrer Geheimlehre geäußerte Ansicht dennoch zu denken, indem sie über den spirituellen Entwicklungsweg eines Menschen sagt:

Die Gedanken von fünf Minuten können die Arbeit von 5 Jahren zunichte machen, und obwohl die Arbeit von fünf Jahren das nächste Mal schneller durchlaufen wird, ist dennoch Zeit verloren.

Intensive Gedanken z.B. des Hasses sind im Grunde Taten und wer sich auf dem Seelenweg, von denen die großen Grimm-Märchen wissen, bewegt, steht immer in Gefahr, durch intensives, negativ gegen das Leben gerichtetes Denken weit zurückzufallen. In Zeiten, in denen Menschen von solch inneren Tatsachen nichts mehr wissen wollen, sind sie umso gefährdeter und niemand ist geholfen, wenn er erst im Kamaloka aufwacht. Goethe hat zu diesem Thema viel in seinem Faust und seinem Märchen von der schönen Lilie und der grünen Schlange geschrieben, genauso wie es Schiller um die seelische Entwicklung des Menschen in seinen Ästhetischen Briefen ging, die leider kaum mehr zur Kenntnis genommen werden,

Balladen, gerade die uns vorliegende, verweisen darauf, dass das Ganze kein Spaß oder okkultes Geschwätz ist, sondern seelisch-geistige Realität.

Indem Schiller den Knappen über die Untiefe berichten lässt, beschreibt er in Wahrheit, wie es in uns, in den Menschen aussehen kann. Gleichzeitig macht diese Ballade uns auch bewusst, dass das Erleben solch schrecklicher Minuten, Stunden oder Tage – eine der eindrücklichsten Schilderungen eines möglichen Geschehens habe ich bei Ronald D. Laing gelesen – oft Voraussetzung sein mag, um das Wertvolle, was wir suchen, zu finden. In höchster Not sieht auf einmal der junge Mann den Becher. Das ist kein Zufall, weil es genau so ist: So nah liegen im Grunde beides beieinander, Tod bzw. höchstes Leid und höchster Gewinn.

Das dies so ist, gehört zu den wichtigen Erkenntnissen, die das Leben uns vermitteln will und über das z.B. auch der Weg Parzivals zum Gral berichtet: Niemand kommt an Gethsemane vorbei, niemand an seinem Karfreitag; nur so gelangt man zum Gral. Und über jene, die glauben, Sorglosigkeit und ein Event nach dem anderen sei höchstes Glück, weiß Ricarda Huch in ihrem Buch Luthers Glaube:

Die meisten Berufenen scheitern daran, dass sie nicht kämpfen und leiden wollen. Sie möchten wohl Auserwählte sein, aber, wie Papageno [in Mozarts Zauberflöte; Anm. JK.], nicht durch Feuer und Wasser gehen, und gleichen Frauen, die sich nach Kindern sehnen, aber die Qual, sie zu tragen und hervorzubringen, nicht auf sich nehmen mögen. Es gibt Menschen, die dem Leiden ausweichen, und es gibt Menschen, die das Leiden suchen und denen das Leiden ausweicht; wen Gott auserwählt hat, dem zwingt er das Leiden auf. Und zwar zwingt er es ihm auf durch das Mittel, durch welches er überhaupt im Menschen wirkt, nämlich durch das Herz; insofern nun jedem sein Herz selbst angehört, macht jeder sich sein Schicksal selbst.

Wie oft haben Musiker oder bildende Künstler nach den größten Erschütterungen ihrer Seele und in existentiellen Nöten ihre größten Werke gestaltet. Im menschlichen Leben ist es oft so: Es bedarf höchster Not, um wahre Gefühle und tiefstes, ehrliches Empfinden freizusetzen. In Schillers Ballade steht dafür das Finden des Bechers. Im Grunde also gelingt dem Knappen des Königs Vergleichbares.

Und wovon Schiller auch überzeugt ist:

Um hier nicht unterzugehen, bedarf es des Gebets. Aber es bedarf noch einer Fähigkeit, die im Übrigen auch Parzival zeigt, als er völlig verzweifelt ist und den Glauben daran aufgibt, den Gral wiederzufinden: Er überlässt seinem Pferd die Zügel. Nicht mehr sein Wille und Verstand lenken den Lauf des Lebens; er übergibt die Zügel einer intuitiven Macht. Nur so kann er doch zu Trevrizent gelangen, der ihm den Weg zur Gralsburg weist.

Auch der Knappe tut dies: Er lässt die Korallen los, er übergibt seinen Willen Gott. Nur deshalb kann ihn der Strudel packen und nach oben ziehen. Hätte er weiter gekämpft, weiter mit seinem Willen und Verstand versucht, die Situation zu meistern, wäre er gescheitert; so aber hatte er noch Energie für den Aufstieg.

So nahe liegen Tod und Leben beieinander. Ein Gebet lang. Oft nur eine Blickwendung weit. Das genau meint das griechische Wort Metanoia, das Luther [leider] mit Buße übersetzt; wörtlicher bedeutet es Sinnes-Änderung. Manchmal genügt ein Blick zur Seite, um zu finden, was man so sehr sucht.

Dem dunklen König Paroli bieten! Über den Wert des Denkens.

Was ist es, was den Edelknecht verleitet, in den Schlund zu springen? All die Ritter, die am Felsen standen, können keine mutlosen Loser gewesen sein; wahrscheinlich schätzten die meisten das Ansinnen des Königs als unsinniges Unterfangen ein, das er inszenierte, weil ihm wieder einmal langweilig war. Dass der Edelknecht sich der Herausforderung stellte, mag der ein oder andere als mutig bezeichnen, genauso gut möglich ist, dass er die Chance nutzte, sich einen Namen zu machen, selbst auf die Gefahr hin, dabei seines Lebens verlustig zu gehen; immerhin freut er sich doch sehr, als er wieder auftaucht und den Anwesenden mit dem Becher zuwinkt. – Gewiss ist es aber auch kein Zufall, dass er das zweite Hinabtauchen mit dem Leben bezahlt.

Immerhin  weiß er beim ersten Mal den richtigen Zeitpunkt zum Hineinspringen abzuwarten; pur hormongesteuert kann er also nicht gewesen sein; der ein oder andere mag sogar denken: Er wusste, welches Risiko er einging. Sein Bericht, den er dem König gibt über das, was er erlebte, zeigt, dass mit seinem Hinabtauchen ein Bewusstseinsprozess in seinem Inneren verbunden war, denn erst in der grässlichen Einsamkeit wird ihm bewusst, wie weit er von menschlicher Hilfe entfernt ist; er nimmt wahr, dass es hier zwar Lebewesen gibt, dass es aber allesamt Larven sind, lebendige Wesen also, aber ohne alles Gefühl. Es ist die Hölle! Die absolute Nachtmehrfahrt der Seele, um einen bevorzugt Jungschen Terminus aufzugreifen, wie sie auch Jonas im Bauch des Wals erlebte. Er weiß auch und lässt es den König wissen, dass sein Loslassen des Korallenzweiges eine Schreckreaktion ist, die ihm zum Heil gereichte. – Er weiß es dem König gegenüber zu formulieren. Es ist ihm bewusst.

Was dann geschieht, verweist meines Erachtens auf den Wert des Denkens, das im Zug der Aufklärung und rein kopfgesteuerter Menschen zu Unrecht in Misskredit geraten ist, denn es gibt ein Denken unabhängig vom physischen Gehirn, eines, das sich zunehmend einzubetten weiß in eine gewiss vorhandene kosmische Intelligenz.

Gefühle brauchen immer wieder  ein Korrektiv, kommen sie doch aus ganz unterschiedlichen Ebenen, deren wir uns im Augenblick des Fühlens selten bewusst sind. Nicht alle Gefühle basieren auf heiliger Intuition. Nicht von ungefähr rät ein Mann, der doch des Heiligen Geistes teilhaftig war, nämlich Paulus im Brief an die Thessalonicher: Prüfet alles, und das Gute behaltet! Solch eine Prüfung basiert auf einem Denkprozess. Und mit Denken hätte auch der Edelknecht erkennen können, wie sehr die Tochter Recht hat, wenn sie das Treiben des Vaters als ein grausames Spiel bezeichet (wie mutig im Übrigen von der Tochter!). Ein eingeschaltetes Denken hätte den Knappen wahrnehmen lassen können, eine welch große Unverschämtheit die Tatsache beinhaltet, dass der König beim zweiten Mal den Becher, den eigentlich der junge Mann errungen und den er sich mit seinem Hinabtauchen wahrlich verdient hatte, einfach nimmt und wieder hinunterwirft. Hätte der Knappe den Mut der Tochter gehabt, hätte er den  König zur Rede gestellt!  Was kann er wirklich darauf geben, dass ihm der König die eigene Tochter verspricht, wenn jener weder Eigentum noch Leben respektiert? Und warum sollte es kein drittes Mal geben, wenn dem König danach ist? Wie überhaupt geht jener mit seiner Tochter um und verfügt einfach über sie, nur damit er sein sadistisches Ergötzen hat!

Und warum will  er angesichts dessen, was der junge Mann schilderte, ihn nunmehr noch auf den tiefuntersten Grund schicken – vorbei an Hammerhai, Stachelrochen, Drachen und allem weiteren Getier? – Es kann nicht gutgehen und es geht nicht gut und der König weiß es. Der tiefunterste Grund dürfte dem Dunkel der königlichen Seele sehr verwandt sein, und diesem Dunkel entkommt niemand, es sei denn, man hat eine Hilfe wie Daniel in der Löwengrube und im Feuerofen. Aber dahinein ging jener nicht freiwillig. Er versuchte seinen Gott nicht. Auch nicht die Götter (die das Christentum ausgerottet hat, obwohl sie zum Teil den Engelebenen entsprechen).

Das ist für mich eine Lehre, die mir diese Ballade vermittelt: Es ist falsch, dem dunklen König nicht Widerstand zu leisten, es ist falsch, sich seiner Willkür zu beugen. Und der scheinbare Mut, den der Edelknecht aufbrachte, den hätte er wie Ritter Delorges einsetzen sollen. Als jener nämlich den Handschuh von Fräulein Kunigunde, der ihr ach so aus Versehen in die Arena zwischen all die Löwen, Tiger und Leoparden fällt und den sie ihn als Liebesbeweis aufforderte zurückzuholen, ihr bringt, gibt er ihn nicht mit einem Lang lebe Kunigunde zurück, sondern wirft ihn ihr ins Gesicht und betont, dass er auf ihren Dank verzichte.

Schiller hat die Ballade Der Handschuh Goethe gegenüber als Nachstück zum Taucher bezeichnet, Goethe aber hat sehr wohl erkannt, dass sie mehr nur ist, dass sie, gerade wegen ihres Schlusses, ein Gegenstück ist und hat sie auch als solches bezeichnet und ihr damit den gebührenden Respekt gezollt.

Es ist wichtig, falls wir als Menschen mutig sein können, dass wir diesen Mut, diese Herzkraft nicht dazu verwenden, dunklen Königen zu imponieren oder wie auch immer auf sie hereinzufallen, sondern sie als die dunklen Könige dieser Welt zu entlarven.

Schillers große Ballade ist auch ein Meisterwerk der Dichtkunst: Da sind die so eindrücklichen Alliterationen in Und hohl und hohler hört man’s heulen, die häufigen polysyndetischen Reihungen, z B. in Und es wallet und siedet und brauset und zischt, die zahlreichen so nachdrücklich wirkenden Polyptota wie in Flut auf Flut, von Mund zu Mund, von Well auf Well oder wenn ein Meer noch ein Meer gebären will; gleiches gilt für die vielen Metaphern der Tiefe, wenn vom Trichter die Rede ist und vom Schlund, von der strudelnden Wasserhöhle, dem furchtbaren Höllenrachen, vom Grab und finstern Schoße, von purpurner Finsternis, trauriger Öde und grässlicher Einsamkeit. Vieles ließe sich noch aufzeigen, was Schiller als absoluten Meister seines Faches ausweist. Es mag im Übrigen sogar sein, dass ihm selbst die Wassersymbolik gar nicht bewusst war und es könnte ihm gegangen sein wie Goethe, der einmal äußerte, er müsse sich von Schiller immer mal wieder erklären lassen, was er da eigentlich geschrieben habe.

Gott sei Dank ruhen in den Tiefen der Seele nicht nur die Untiefen eines dunklen Königs, sondern auch solche Schätze; beides wohl in fast jedem Menschen durchaus dicht nebeneinander. Dies wissen zu dürfen – auch durch diese Ballade – ist so wertvoll, denn das Dunkel gehört zu uns wie der leuchtende Becher. Beides macht uns Menschen aus.

Das eine gäbe es ohne das andere nicht.

Durch unser Bewusstsein können wir beides für unsere Entwicklung fruchtbar machen. Deshalb dürfen wir jenen, die zu diesem Bewusstsein durch ihr künstlerisches Schaffen beitrugen, wirklich dankbar sein.

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Versuchung des Heiligen Antonius – Mittelteil des Triptychon

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Für Oberstufenschüler und alle, die verstehen möchten, auf
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„Und Engel treten leise aus den blauen Augen / der Liebenden, die sanfter leiden.“ – Trakls ´Herbst des Einsamen´.

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Der Herbst des Einsamen

Der dunkle Herbst kehrt ein voll Frucht und Fülle,
Vergilbter Glanz von schönen Sommertagen.
Ein reines Blau tritt aus verfallner Hülle;
Der Flug der Vögel tönt von alten Sagen.
Gekeltert ist der Wein, die milde Stille
Erfüllt von leiser Antwort dunkler Fragen. 

Und hier und dort ein Kreuz auf ödem Hügel;
Im roten Wald verliert sich eine Herde.
Die Wolke wandert übern Weiherspiegel;
Es ruht des Landmanns ruhige Gebärde.
Sehr leise rührt des Abends blauer Flügel
Ein Dach von dürrem Stroh, die schwarze Erde.

Bald nisten Sterne in des Müden Brauen;
In kühle Stuben kehrt ein still Bescheiden,
Und Engel treten leise aus den blauen
Augen der Liebenden, die sanfter leiden.
Es rauscht das Rohr; anfällt ein knöchern Grauen,
Wenn schwarz der Tau tropft von den kahlen Weiden.

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Wer ein wenig informiert ist über das Leben des Dichters obiger Zeilen, Georg Trakl, der weiß, dass er – man kann es im Grunde so sagen – Zeit seines Lebens drogenabhängig war. Dennoch – oder vielleicht deshalb, weil er es auf einer freieren Ebene nicht schaffen konnte, nach der er sich tief in seinem Inneren wohl immer gesehnt hat – hat er Zeilen geschrieben, die hoch spirituell und bewundernswert klar waren, ich denke an jenes Gedicht, das ich als sein Abendmahls-Gedicht bezeichnen möchte, Abendmahl, nicht in kirchlichem, sondern in tief empfundenem urchristlichen Sinne, in dem Brot und Wein zusammengehören wie Himmel und Erde.

Die Topoi, also jene Bilder, die in uns etwas auszulösen vermögen, finden sich auch in dem Herbst dieses einsamen Menschen: Es sind u.a. der Flug der Vögel, der früheren Kulturen heilig und immer bedeutsam war, das reine Blau, das manchen die heilige Farbe Marias, anderen einfach die des Himmels und geistiger Weite und Unbeschränktheit ist, und jene Stille, in die hinein wir zwar oft dunkle Fragen stellen mögen, die aber so gern für uns mit Milde antwortet. Selbst wenn auf einer äußeren Ebene das Rohr rauscht oder uns ein köchernes Grauen vor der Vergänglichkeit, das mit dem Herbst in dunklen Stunden einhergeht, anfällt, so sind es Engel, die aus den blauen Augen – eine Farbe, die sich bei Trakl wie bei vielen Dichtern des Expressionismus immer wieder findet – von Liebenden hervortreten.

Mit diesem Gedicht sagt Trakl – vielleicht aus der tiefen Not seiner leidenden Seele heraus – Ja zur Vergänglichkeit, der er sich irgendwann auch bewusst hingegeben hat, weil er das Leid dieser Welt nicht mehr aushalten konnte; wenn man um die Umstände seines Todes weiß, kann man das nur zu gut verstehen. 

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                            An der Saale im Kurpark Bad Kissingens

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„Höre Mutter meine letzte Bitte: / Einen Scheiterhaufen schichte du / …“ – Goethes „Braut von Korinth“ – ein Menetekel gegen bigotte Moral und falsche Mütterlichkeit.

Goethe hat mit seiner 1797 im berühmten Balladenjahr verfassten Ballade in Weimar und deutschlandweit zum Teil für helle Empörung gesorgt, immerhin geht es u.a. um das Motiv des Widergängers, eines Toten also, der unter den Lebenden auftaucht, verbunden mit dem des Vampirs; v.a. aber thematisiert der große Weimarer die Scheinheiligkeit eines Christentums, das sich so fromm vorkommt und in dieser Bigotterie tragisches Elend verursacht. Noch heute praktiziert die Katholische Kirche tagtäglich diese Scheinheiligkeit, indem sie Menschen per Sakrament und im Namen Gottes traut, wohl wissend, dass die Realität beweist, dass viele von ihnen nicht von Gott zusammengefügt sind. Das hindert sie nicht, diese Scheinheiligkeit noch zu steigern, indem sie sich als Wächterin christlicher Moral aufspielt und eine zweite Ehe verbietet, wobei sie es doch selbst war, die Gottes Segen zu jener ersten Ehe gab, die in so vielen Fällen diesen tunlichst nicht hätte beanspruchen sollen. Wer wesentlich mehr Ahnung von Kindesmissbrauch als von der Realität einer Ehe hat, sollte sich endlich nicht mehr als moralische Instanz aufspielen. – Der Verfall der Ehe als bürgerlicher Institution hängt wesentlich mit der Bigotterie der Katholischen Kirche zusammen.

Goethes bemerkenswerte Ballade ist an zahlreichen Stellen nicht auf Anhieb zu verstehen, deshalb schicke ich den Strophen erläuternde Bemerkungen voraus oder füge sie an. Die Ballade zur Gänze gibt es hier, wer sie vorab unkommentiert lesen möchte – oder nach dem Folgenden noch einmal.

Zum Inhalt: Zwei Väter, der eine mit seiner Familie in Athen, der andere in Korinth lebend, hatten schon in frühem Alter ihre Kinder füreinander bestimmt. Doch als es so weit war, war die  Familie des Mädchens zum christlichen Glauben übergetreten, während der Junge noch ein sogenannter Heide war. In den letzten Zeilen der zweiten Strophe lässt der Dichter den Jungen ahnen, dass der neue, der christliche Glaube die geplante Liebe nunmehr wie böses und heidnisches Unkraut ansehen könnte. Die Ballade beginnt mit dem Eintreffen des Jünglings in Korinth:

Die Braut von Korinth

Nach Korinthus von Athen gezogen
Kam ein Jüngling, dort noch unbekannt.
Einen Bürger hofft‘ er sich gewogen;
Beide Väter waren gastverwandt,
Hatten frühe schon
Töchterchen und Sohn
Braut und Bräutigam voraus genannt.

Goethe hat von der Form her diese Ballade meisterlich gestaltet. Die sieben Verse jeder Strophe zeitigen per se einen ungewöhnlichen Rhythmus, vor allem  dadurch, dass sich ein fünfhebiger Trochäus in den Versen 1 – 4 findet, verbunden durch die Reimform ab ab, dann folgen zwei Zeilen mit drei Hebungen, ebenfalls trochäisch, allerdings nun nicht kreuz-, sondern paargereimt, wonach jede Strophe wieder fünfhebig abgeschlossen wird durch die Wiederaufnahme des b-Reimes (bekannt – verwandt – genannt). Die staccatohaften Zeilen 5 und 6 bewirken ein notwendig bewusstes Unterbrechen des Leserhythmus und heben dadurch natürlich auch ihren Inhalt besonders hervor; die Strophen klingen mit Vers 7 aus, indem sie mit dessen Inhalt die Spannung auf Zukünftiges erhöhen.

Aber wird er auch willkommen scheinen,
Wenn er teuer nicht die Gunst erkauft?
Er ist noch ein Heide mit den Seinen,
Und sie sind schon Christen und getauft.
Keimt ein Glaube neu,
Wird oft Lieb‘ und Treu‘
Wie ein böses Unkraut ausgerauft.

Zu nachtschlafener Zeit kommt der Bräutigam an und wird von der Mutter in ein Prunkgemach – vielleicht das früher einmal als Brautgemach gedachte Zimmer – gebracht. Offensichtlich ist die Mutter weit davon entfernt, ihm sagen zu wollen, dass seine Braut nicht mehr lebe, erst recht nicht, dass sie selbst maßgeblichen Anteil an deren Tod hat.

Und schon lag das ganze Haus im Stillen,
Vater, Töchter; nur die Mutter wacht;
Sie empfängt den Gast mit bestem Willen,
Gleich ins Prunkgemach wird er gebracht.
Wein und Essen prangt,
Eh‘ er es verlangt:
So versorgend wünscht sie gute Nacht.

Aber bei dem wohlbestellten Essen
Wird die Lust der Speise nicht erregt;
Müdigkeit läßt Speis und Trank vergessen,
Daß er angekleidet sich aufs Bette legt;
Und er schlummert fast,
Als ein seltner Gast
Sich zur offnen Tür herein bewegt.

So kann er auch nicht im Geringsten ahnen, wer da sein Zimmer betritt; es ist kein lebendes Wesen, sondern eine Tote, seine aufgrund großen Kummers verstorbene Braut.

Denn er sieht, bei seiner Lampe Schimmer
Tritt, mit weißem Schleier und Gewand,
Sittsam still ein Mädchen in das Zimmer,
Um die Stirn ein schwarz und goldnes Band.
Wie sie ihn erblickt,
Hebt sie, die erschrickt,
Mit Erstaunen eine weiße Hand.

Offensichtlich besucht sie immer wieder dieses Zimmer, nicht ahnend, dass sie dieses Mal auf einen Gast treffen werde, noch dazu ihren Bräutigam, wegen dessen durch die Mutter aus religiösen Gründen erzwungenem Verlust sie sich zu Tode grämte. – Klause, eine Wortwahl, die sicherlich dem Reim geschuldet ist, bezieht sich wohl metaphorisch auf ihren Sarg.

„Bin ich“, rief sie aus, „so fremd im Hause,
Daß ich von dem Gaste nichts vernahm?
Ach, so hält man mich in meiner Klause!
Und nun überfällt mich hier die Scham.
Ruhe nur so fort
Auf dem Lager dort,
Und ich gehe schnell, so wie ich kam.“

In Zeile 5 und 6 wandte sich die Tote direkt an den vermeintlich schlafenden Gast.

„Bleibe, schönes Mädchen!“ ruft der Knabe,
Rafft von seinem Lager sich geschwind:
„Hier ist Ceres‘, hier ist Bacchus‘ Gabe;
Und du bringst den Amor, liebes Kind!
Bist vor Schrecken blaß!
Liebe, komm und laß,
Laß uns sehn, wie froh die Götter sind.“

Offensichtlich hat der Jüngling noch nicht schlafen können. Was ganz besonders  natürlich auffällt, sind die sogenannten heidnischen Götter – heidnisch, für mich übrigens ein ganz und gar unsinniges Wort -, auf die sich der Jüngling als Nicht-Christ bezieht: die römische Ceres ist die Göttin der Ähre und der Ehe und Bacchus entspricht dem griechischen Dionysos, dessen eine Seite sich in einer ganz und gar sinnenfreudigen Sexualität darstellt.

„Ferne bleib‘, o Jüngling! bleibe stehen;
Ich gehöre nicht den Freuden an.
Schon der letzte Schritt ist, ach! geschehen
Durch der guten Mutter kranken Wahn,
Die genesend schwur:
‚Jugend und Natur
Sei dem Himmel künftig untertan.‘

Das Mächen verweist im dritten Vers darauf, dass sie bereits gestorben sei – offensichtlich ist es ihr nicht so ohne weiteres anzusehen – und die wenigen folgenden Zeilen vermitteln auf engstem Raum, dass seine Mutter wohl sehr krank gewesen sein muss und anlässlich ihrer Genesung schwur, ihre Kinder höchst christlich-religlös zu erziehen, was zur Folge hatte, dass die heidnischen Götter flugs das Haus zu verlassen hatten:

„Und der alten Götter bunt Gewimmel
Hat sogleich das stille Haus geleert.
Unsichtbar wird einer nur im Himmel,
Und ein Heiland wird am Kreuz verehrt;
Opfer fallen hier,
Weder Lamm noch Stier,
Aber Menschenopfer unerhört.“

Es gehört zur traurigen Realität der Toten, dass mit dem unerhörten Opfer nicht Jesu Tod, sondern der ihre gemeint ist, den sie, auf Liebe verzichten sollend, gramvoll starb.

Und er fragt und wäget alle Worte,
Deren keines seinem Geist entgeht:
Ist es möglich, daß am stillen Orte
Die geliebte Braut hier vor mir steht?
„Sei die Meine nur!
Unsrer Väter Schwur
Hat vom Himmel Segen uns erfleht.“

„Du gute Seele“: Unglaublich persönlich, wie im Folgenden das Mädchen seinen einstmaligen Bräutigam anspricht und bemerkenswert, wie es selbst von sich distanziert spricht: „Die an dich nur denkt / Die sich liebend kränkt“ – in diesen Worten kommt ihr tiefer Schmerz zum Ausdruck. – Auf lyrisch-gedrängtem Raum dies so zu gestalten, zeigt das große Können Goethes:

„Mich erhältst du nicht, du gute Seele!
Meiner zweiten Schwester gönnt man dich.
Wenn ich mich in stiller Klause quäle,
Ach! in ihren Armen denk an mich,
Die an dich nur denkt,
Die sich liebend kränkt;
In die Erde bald verbirgt sie sich.“

Damit aber ist der Bräutigam gar nicht einverstanden:

„Nein! bei dieser Flamme sei’s geschworen,
Gütig zeigt sie Hymen uns voraus;
Bist der Freude nicht und mir verloren,
Kommst mit mir in meines Vaters Haus.
Liebchen, bleibe hier,
Feire gleich mit mir
Unerwartet unsern Hochzeitschmaus!

Hymen ist der griechische Gott der Hochzeit. Offensichtlich ist, dass die Liebe des Jünglings so groß, so entbrannt ist, dass er nicht erkennt, eine Tote vor sich zu haben; man möchte fast glauben, seine große Liebe habe sie lebendig werden lassen.

Und schon wechseln sie der Treue Zeichen;
Golden reicht sie ihm die Kette dar,
Und er will ihr eine Schale reichen,
Silbern, künstlich, wie nicht eine war.
„Die ist nicht für mich;
Doch, ich bitte dich,
Eine Locke gib von deinem Haar!“

Eben schlug die dumpfe Geisterstunde,
Und nun schien es ihr erst wohl zu sein.
Gierig schlürfte sie mit blassem Munde
Nun den dunkel blutgefärbten Wein;
Doch vom Weizenbrot,
Das er freundlich bot,
Nahm sie nicht den kleinsten Bissen ein.

Noch ist es nicht sein Blut, das sie trinkt, aber der dunkel blutgefärbte Wein deutet bereits Vampirisches an.

Und dem Jüngling reichte sie die Schale,
Der, wie sie, nun hastig lüstern trank.
Liebe fordert er beim stillen Mahle;
Ach, sein armes Herz war liebekrank.
Doch sie widersteht,
Wie er immer fleht,
Bis er weinend auf das Bette sank.

Und sie kommt und wirft sich zu ihm nieder:
„Ach, wie ungern seh‘ ich dich gequält!
Aber, ach! berührst du meine Glieder,
Fühlst du schaudernd, was ich dir verhehlt.
Wie der Schnee so weiß,
Aber kalt wie Eis,
Ist das Liebchen, das du dir erwählt.“

Die tote Braut verhehlt ihm keineswegs die Weise ihres Seins.

Heftig faßt er sie mit starken Armen,
Von der Liebe Jugendkraft durchmannt:
„Hoffe doch, bei mir noch zu erwarmen,
Wärst du selbst mir aus dem Grab gesandt!
Wechselhauch und Kuß!
Liebesüberfluß!
Brennst du nicht und fühlest mich entbrannt?“

Liebe überwindet den Tod. So möchte man glauben, und es will scheinen, als ob der Jüngling in seiner großen Liebe glaubt, den Tod überwinden zu können.

Liebe schließet fester sie zusammen,
Tränen mischen sich in ihre Lust;
Gierig saugt sie seines Mundes Flammen,
Eins ist nur im andern sich bewußt.
Seine Liebeswut
Wärmt ihr starres Blut,
Doch es schlagt kein Herz in ihrer Brust.

Man mag als Leser den letzten Vers kaum glauben, doch einige Strophen später wird deutlich, dass sie sich von seines Herzens Blut nährt und sich durchaus bewusst ist, dass sie ihm sein Leben raubt. Deutlich wird, warum sie, wissend, ihm den Tod zu bringen, ihn zunächst (in Strophe 6) von sich weisen wollte, dass aber doch seine und ihre Liebe sie übermannten.

Unterdessen schleichet auf dem Gange
Häuslich spät die Mutter noch vorbei,
Horchet an der Tür und horchet lange,
Welch ein sonderbarer Ton es sei:
Klag- und Wonnelaut
Bräutigams und Braut
Und des Liebestammelns Raserei.

Unbeweglich bleibt sie an der Türe,
Weil sie erst sich überzeugen muß,
Und sie hört die höchsten Liebesschwüre,
Lieb‘ und Schmeichelworte, mit Verdruß:
„Still! der Hahn erwacht!“ –
„Aber morgen Nacht
Bist du wieder da?“ Und Kuß auf Kuß.

Länger hält die Mutter nicht das Zürnen,
Öffnet das bekannte Schloß geschwind:
„Gibt es hier im Hause solche Dirnen,
Die dem Fremden gleich zu Willen sind?“
So zur Tür hinein.
Bei der Lampe Schein
Sieht sie – Gott! sie sieht ihr eigen Kind.

Und der Jüngling will im ersten Schrecken
Mit des Mädchens eignem Schleierflor,
Mit dem Teppich die Geliebte decken;
Doch sie windet gleich sich selbst hervor.
Wie mit Geists Gewalt
Hebet die Gestalt
Lang und langsam sich im Bett‘ empor

Sehr oft haben Balladen erzählerische Momente, aber eben immer wieder auch dramatische, höchst dramatische. In der Gestalt, wie sie sich schattengleich hoch und höher erhebt, vermischen sich beide Ebenen. Immer wieder zeigen sich zudem formale Elemente, die, für den Leser unbewusst, die Inhalte verstärken, seien es Vokalismen, wie die durchdringenden I-Laute am Ende der vorvorausgehenden Strophe, verbunden mit S-Alliterationen und Wortwiederholungen, fast nur seelisch hörbare Ausrufe („Gott“), weitere Alliterationen wie Geists Gewalt, Assonanzen wie im Folgenden hohle Worte oder eine eindrückliche Duplicatio wie Mutter, Mutter. Auch wenn dies alles dem Leser nicht bewusst sein mag, diese aus der griechischen Rhetorik stammenden Mittel beeinflussen unsere schon durch das vor uns sich ausbreitende Leid oft weit geöffnete Seele.

„Mutter! Mutter!“ spricht sie hohle Worte:
„So mißgönnt Ihr mir die schöne Nacht!
Ihr vertreibt mich von dem warmen Orte.
Bin ich zur Verzweiflung nur erwacht?
Ist’s Euch nicht genug,
Daß ins Leichentuch,
Daß Ihr früh mich in das Grab gebracht?

Hier spricht die Tochter an, worauf ihr früher Tod zurückzuführen ist, es deutet sich auch ganz entfernt, aber hörbar  an, dass nicht nur eine augenblickliche Missgunst Ursache gewesen sein könnte. Die summenden Gesänge der Priester lassen deren Religiosität und überhaupt christliche Religiosität unüberhörbar dissonant und falsch erscheinen und die Wortwahl des Mädchens mag deutlich machen, wie übergroß noch jetzt sein großes Leid sein muss, da es doch schon einige Zeit tot ist. Tot ist nicht tot.

„Aber aus der schwerbedeckten Enge
Treibet mich ein eigenes Gericht.
Eurer Priester summende Gesänge
Und ihr Segen haben kein Gewicht;
Salz und Wasser kühlt
Nicht, wo Jugend fühlt;
Ach! die Erde kühlt die Liebe nicht.

„Dieser Jüngling war mir erst versprochen,
Als noch Venus‘ heitrer Tempel stand.
Mutter, habt Ihr doch das Wort gebrochen,
Weil ein fremd, ein falsch Gelübd‘ Euch band!
Doch kein Gott erhört,
Wenn die Mutter schwört,
Zu versagen ihrer Tochter Hand.

So klipp und klar wird: Kein Gott, nicht einmal der christliche, gibt sich dafür her, Ja zu sagen, wenn eine Mutter auf Kosten ihrer Tochter ein Gelübde abgibt. Nicht von ungefähr bezieht sich die Tochter auf eine heidnische Göttin, Venus, die Göttin der Liebe. Deutlich wird hier, warum ziemlich viele Kleriker und dogmatische Christen aus Weimar und deutschlandweit not amused sein konnten. Wer um Goethes Religiosität weiß, um seine tiefe rosenkreuzerische Haltung dem Kreuz und Christus gegenüber, wie es zum Beispiel sich in den Geheimnissen, in den tief-katholischen Schluss-Szenen des Faust II oder in der Marienbader Elegie offenbart, weiß, dass der große Weimarer nicht das Christentum als Bewusstseinsstufe anklagt, sondern eine bigott gestaltete Konfession, die noch heute Menschen teuflich schikaniert, wie ich es eingangs ansprach.

„Aus dem Grabe werd‘ ich ausgetrieben,
Noch zu suchen das vermißte Gut,
Noch den schon verlornen Mann zu lieben
Und zu saugen seines Herzens Blut.
Ist’s um den gescheh’n,
Muß nach andern geh’n,
Und das junge Volk erliegt der Wut. –

Mit ihrem bigotten Vorgehen wird die Mutter mitschuldig am Tod des Bräutigams. Ob sie der toten Tochter den letzten Wunsch erfüllt, im Tode mit ihrem Bräutigam eins sein zu dürfen, darf bezweifelt werden. Ganz unzweifelhaft ist, dass die Tochter mit ihren letzten Worten zum Ärger aller Möchtegern-Klerikalen bekundet, mehr Vertrauen in die alten Götter zu haben als in jenen Gott ihrer Mutter, mit dem sie ihr Leid in Zusammenhang bringt, was dem wahren christlichen Gott gegenüber nicht angemessen, aber nachvollziehbar ist. Angesichts des vielen Leides, das Menschen im Namen des Einen Gottes ihren Mitmenschen gebracht haben, werden das viele, viele verstehen können. Ob der Schluss allerdings einer versammelten klerikalen Bigotterie zu denken gibt: man muss es leider bezweifeln und ein bitterer Geschmack bleibt, wenn die letzten Worte verhallen, weil sie für beide, wenn es dabei bliebe, keine Lösung und Erlösung bedeuteten. – Und wer wollte dem Mädchen diese nicht wünschen, desgleichen dem Bräutigam!

„Schöner Jüngling! kannst nicht länger leben;
Du versiechest nun an diesem Ort.
Meine Kette hab‘ ich dir gegeben;
Deine Locke nehm‘ ich mit mir fort.
Sieh sie an genau!
Morgen bist du grau,
Und nur braun erscheinst du wieder dort. –

„Höre, Mutter, nun die letzte Bitte:
Einen Scheiterhaufen schichte du;
Öffne meine bange kleine Hütte,
Bring in Flammen Liebende zur Ruh‘!
Wenn der Funke sprüht,
Wenn die Asche glüht,
Eilen wir den alten Göttern zu.“

 

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Kein Herz für Tiere – Warum Märchen wie „Das Waldhaus“ so überlebenswichtig sind für Tiere – und für uns Menschen!

Eigentlich sollten alle Tierschutzverbände, ja auch alle Umweltschützer dieses Märchen verlinken und durch ihre Wertschätzung einer breiteren Öffentlichkeit nahebringen, denn es sagt nichts anderes als: Wenn Du die Tiere erlöst, erlöst du auch dich, Mensch!

Es erzählt von drei Mädchen, die ihrem Vater, der im Wald als Holzhacker arbeitet, sein Mittagessen bringen wollen, damit er für seine Tätigkeit genug Kraft habe. Doch sie verlaufen sich und kommen auf der Suche nach einem Nachtlager zu einem Haus im Wald, in dem ein steinalter Alter lebt und drei Tiere, Hühnchen, Hähnchen und die buntgescheckte Kuh. Als es ans abendliche Essenmachen geht, kochen zwei der Töchter nur für den Alten und sich und vergessen die Tiere; die dritte jedoch kocht auch für jene, ja streichelt sie und gibt ihnen ihre Liebe. Dadurch kann sie nicht nur die Tiere, sondern auch den Alten erlösen.

Das Märchen lässt durch seine Schlussaussage keinen Zweifel daran, dass die beiden älteren Schwestern noch ein weiteres Lernprogramm zu absolvieren haben, bevor sie andere erlösen und damit in Wirklichkeit auch ihr verzaubertes Bewusstsein.

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Ein armer Holzhauer lebte mit seiner Frau und drei Töchtern in einer kleinen Hütte an dem Rande eines einsamen Waldes. Eines Morgens, als er wieder an seine Arbeit wollte, sagte er zu seiner Frau: »Laß mir ein Mittagsbrot von dem ältesten Mädchen hinaus in den Wald bringen, ich werde sonst nicht fertig. Und damit es sich nicht verirrt«, setzte er hinzu, »so will ich einen Beutel mit Hirse mitnehmen und die Körner auf den Weg streuen.«

Als nun die Sonne mitten über dem Walde stand, machte sich das Mädchen mit einem Topf voll Suppe auf den Weg. Aber die Feld- und Waldsperlinge, die Lerchen und Finken, Amseln und Zeisige hatten die Hirse schon längst aufgepickt, und das Mädchen konnte die Spur nicht finden. Da ging es auf gut Glück immer fort, bis die Sonne sank und die Nacht einbrach. Die Bäume rauschten in der Dunkelheit, die Eulen schnarrten, und es fing an, ihm angst zu werden. Da erblickte es in der Ferne ein Licht, das zwischen den Bäumen blinkte. Dort sollten wohl Leute wohnen, dachte es, die mich über Nacht behalten, und ging auf das Licht zu. Nicht lange, so kam es an ein Haus, dessen Fenster erleuchtet waren. Es klopfte an, und eine rauhe Stimme rief von innen: »Herein!« Das Mädchen trat auf die dunkle Diele und pochte an die Stubentür. »Nur herein«, rief die Stimme, und als es öffnete, saß da ein alter, eisgrauer Mann an dem Tisch, hatte das Gesicht auf die beiden Hände gestützt, und sein weißer Bart floß über den Tisch herab fast bis auf die Erde. Am Ofen aber lagen drei Tiere, ein Hühnchen, ein Hähnchen und eine buntgescheckte Kuh. Das Mädchen erzählte dem Alten sein Schicksal und bat um ein Nachtlager. Der Mann sprach:

»Schön Hühnchen,
Schön Hähnchen
Und du schöne bunte Kuh,
Was sagst du dazu?«

»Duks!« antworteten die Tiere, und das mußte wohl heißen »wir sind es zufrieden«, denn der Alte sprach weiter: »Hier ist Hülle und Fülle, geh hinaus an den Herd und koch uns ein Abendessen.« Das Mädchen fand in der Küche Überfluß an allem und kochte eine gute Speise, aber an die Tiere dachte es nicht. Es trug die volle Schüssel auf den Tisch, setzte sich zu dem grauen Mann, aß und stillte seinen Hunger. Als es satt war, sprach es: »Aber jetzt bin ich müde, wo ist ein Bett, in das ich mich legen und schlafen kann?« Die Tiere antworteten:

»Du hast mit ihm gegessen,
Du hast mit ihm getrunken,
Du hast an uns gar nicht gedacht,
Nun sieh auch. wo du bleibst die Nacht.«

Da sprach der Alte: »Steig nur die Treppe hinauf, so wirst du eine Kammer mit zwei Betten finden, schüttle sie auf und decke sie mit weißem Linnen, so will ich auch kommen und mich schlafen legen.« Das Mädchen stieg hinauf, und als es die Betten geschüttelt und frisch gedeckt hatte, da legte es sich in das eine, ohne weiter auf den Alten zu warten. Nach einiger Zeit aber kam der graue Mann, beleuchtete das Mädchen mit dem Licht und schüttelte den Kopf. Und als er sah, daß es fest eingeschlafen war, öffnete er eine Falltüre und ließ es in den Keller sinken.

Der Holzhauer kam am späten Abend nach Haus und machte seiner Frau Vorwürfe, daß sie ihn den ganzen Tag habe hungern lassen. »Ich habe keine Schuld«, antwortete sie, »das Mädchen ist mit dem Mittagessen hinausgegangen, es muß sich verirrt haben; morgen wird es schon wiederkommen.« Vor Tag aber stand der Holzhauer auf, wollte in den Wald, verlangte, die zweite Tochter solle ihm diesmal das Essen bringen. »Ich will einen Beutel mit Linsen mitnehmen«, sagte er, »die Körner sind größer als Hirse, das Mädchen wird sie besser sehen und kann den Weg nicht verfehlen.« Zur Mittagszeit trug auch das Mädchen die Speise hinaus, aber die Linsen waren verschwunden: die Waldvögel hatten sie, wie am vorigen Tag, aufgepickt und keine übriggelassen. Das Mädchen irrte im Walde umher, bis es Nacht ward, da kam es ebenfalls zu dem Haus des Alten, ward hereingerufen und bat um Speise und Nachtlager. Der Mann mit dem weißen Barte fragte wieder die Tiere:

»Schön Hühnchen,
schön Hähnchen
Und du schöne bunte Kuh,
Was sagst du dazu?«

Die Tiere antworteten abermals: »Duks!«, und es geschah alles wie am vorigen Tag. Das Mädchen kochte eine gute Speise, aß und trank mit dem Alten und kümmerte sich nicht um die Tiere. Und als es sich nach seinem Nachtlager erkundigte, antworteten sie:

»Du hast, mit ihm gegessen,
Du hast mit ihm getrunken,
Du hast an uns gar nicht gedacht,
Nun sieh auch, wo du bleibst die Nacht.«

Als es eingeschlafen war, kam der Alte, betrachtete es mit Kopfschütteln und ließ es in den Keller hinab. Am dritten Morgen sprach der Holzhacker zu seiner Frau: »Schick unser jüngstes Kind mit dem Essen hinaus, das ist immer gut und gehorsam gewesen, das wird auf dem rechten Weg bleiben und nicht wie seine Schwestern, die wilden Hummeln, herumschwärmen.« Die Mutter wollte nicht und sprach: »Soll ich mein liebstes Kind auch noch verlieren?« »Sei ohne Sorge«, antwortete er, »das Mädchen verirrt sich nicht, es ist zu klug und verständig; zum Überfluß will ich Erbsen mitnehmen und ausstreuen, die sind noch größer als Linsen und werden ihm den Weg zeigen.« Aber als das Mädchen mit dem Korb am Arm hinauskam, so hatten die Waldtauben die Erbsen schon im Kropf, und es wußte nicht, wohin es sich wenden sollte. Es war voll Sorgen und dachte beständig daran, wie der arme Vater hungern und die gute Mutter jammern würde, wenn es ausblieb. Endlich, als es finster ward, erblickte es das Lichtchen und kam an das Waldhaus. Es bat ganz freundlich, sie möchten es über Nacht beherbergen, und der Mann mit dem weißen Bart fragte wieder seine Tiere:

»Schön Hühnchen,
Schön Hähnchen
Und du schöne bunte Kuh,
Was sagst du dazu?«

»Duks!« sagten sie. Da trat das Mädchen an den Ofen, wo die Tiere lagen, und liebkoste Hühnchen und Hähnchen, indem es mit der Hand über die glatten Federn hinstrich, und die bunte Kuh kraute es zwischen den Hörnern. Und als es auf Geheiß des Alten eine gute Suppe bereitet hatte und die Schüssel auf dem Tisch stand, so sprach es: »Soll ich mich sättigen, und die guten Tiere sollen nichts haben? Draußen ist die Hülle und Fülle, erst will ich für sie sorgen.« Da ging es, holte Gerste und streute sie dem Hühnchen und Hähnchen vor und brachte der Kuh wohlriechendes Heu, einen ganzen Arm voll. »Laßt’s euch schmecken, ihr lieben Tiere«, sagte es, »und wenn ihr durstig seid, sollt ihr auch einen frischen Trunk haben.« Dann trug es einen Eimer voll Wasser herein, und Hühnchen und Hähnchen sprangen auf den Rand, steckten den Schnabel hinein und hielten den Kopf dann in die Höhe, wie die Vögel trinken, und die bunte Kuh tat auch einen herzhaften Zug. Als die Tiere gefüttert waren, setzte sich das Mädchen zu dem Alten an den Tisch und aß, was er ihm übriggelassen hatte. Nicht lange, so fing das Hühnchen und Hähnchen an, das Köpfchen zwischen die Flügel zu stecken, und die bunte Kuh blinzelte mit den Augen. Da sprach das Mädchen: »Sollen wir uns nicht zur Ruhe begeben?«

»Schön Hühnchen,
Schön Hähnchen
Und du schöne, bunte Kuh,
Was sagst du dazu?«

Die Tiere antworteten: »Duks,

Du hast mit uns gegessen,
Du hast mit uns getrunken,
Du hast uns alle wohlbedacht,
Wir wünschen dir eine gute Nacht.«

Da ging das Mädchen die Treppe hinauf, schüttelte die Federkissen und deckte frisches Linnen auf, und als es fertig war, kam der Alte und legte sich in das eine Bett, und sein weißer Bart reichte ihm bis an die Füße. Das Mädchen legte sich in das andere, tat sein Gebet und schlief ein. Es schlief ruhig bis Mitternacht, da ward es so unruhig in dem Hause, daß das Mädchen erwachte. Da fing es an, in den Ecken zu knittern und zu knattern, und die Türe sprang auf und schlug an die Wand; die Balken dröhnten, als wenn sie aus ihren Fugen gerissen würden, und es war, als wenn die Treppe herabstürzte, und endlich krachte es, als wenn das ganze Dach zusammenfiele. Da es aber wieder still ward und dem Mädchen nichts zuleid geschah, so blieb es ruhig liegen und schlief wieder ein. Als es aber am Morgen bei hellem Sonnenschein aufwachte, was erblickten seine Augen? Es lag in einem großen Saal, und ringsumher glänzte alles in königlicher Pracht: An den Wänden wuchsen auf grünseidenem Grund goldene Blumen in die Höhe, das Bett war von Elfenbein und die Decke darauf von rotem Samt, und auf einem Stuhl daneben stand ein Paar mit Perlen gestickte Pantoffeln. Das Mädchen glaubte, es wäre ein Traum, aber es traten drei reichgekleidete Diener herein und fragten, was es zu befehlen hätte. »Geht nur«, antwortete das Mädchen »ich will gleich aufstehen und dem Alten eine Suppe kochen und dann auch schön Hühnchen, schön Hähnchen und die schöne bunte Kuh füttern.« Es dachte, der Alte wäre schon aufgestanden, und sah sich nach seinem Bette um, aber er lag nicht darin, sondern ein fremder Mann. Und als es ihn betrachtete und sah, daß er jung und schön war, erwachte er, richtete sich auf und sprach: »Ich bin ein Königssohn und war von einer bösen Hexe verwünscht worden, als ein alter, eisgrauer Mann in dem Wald zu leben, niemand durfte um mich sein als meine drei Diener in der Gestalt eines Hühnchens, eines Hähnchens und einer bunten Kuh. Und nicht eher sollte die Verwünschung aufhören, als bis ein Mädchen zu uns käme, so gut von Herzen, daß es nicht nur gegen die Menschen allein, sondern auch gegen die Tiere sich liebreich bezeigte, und das bist du gewesen, und heute um Mitternacht sind wir durch dich erlöst und das alte Waldhaus ist wieder in meinen königlichen Palast verwandelt worden.« Und als sie aufgestanden waren, sagte der Königssohn den drei Dienern, sie sollten hinausfahren und Vater und Mutter des Mädchens zur Hochzeit herbeiholen. »Aber wo sind meine zwei Schwestern?« fragte das Mädchen. »Die habe ich in den Keller gesperrt, und morgen sollen sie in den Wald geführt werden und sollen bei dem Köhler so lange als Mägde dienen, bis sie sich gebessert haben und auch die armen Tiere nicht hungern lassen.«

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Warum dieser Zeilen auch Umweltschützer bedürfen – im Grunde verhält es sich bezüglich unseres Umgangs mit der Natur genauso: 

Die Mehrheit der Menschheit lässt sie links liegen und nur in Extremsituationen nimmt sie zur Kenntnis, dass es da noch etwas gibt, was sich mittels Hurrikans, Tsunamis oder Vulkanausbrüchen verselbständigen kann; ansonsten hat Natur parat zu sein, im Sommer zum Bräunen, im Winter zum Skifahren.

Es stimmt nicht, was manche so cool-grün sagen, dass die Natur uns nicht brauche und im Zweifel den Menschen abschaffe (es klingt vielleicht gut, ist aber ziemlich geistlos).  Ihre Erfüllung findet die Natur im Tätigsein des Menschen in ihr und mit ihr. Natur ohne Mensch wäre wie ein Mensch ohne Herz.

Wir sollten unser Herz wertschätzen lernen. Nur im Einklang mit der Natur findet dieses sein Glück:

So egoistisch, wie es die beiden Älteren sind, so ist auch der Mensch: Nicht nur, dass sie nicht an die Tiere denken, sie denken nach dem Essen als allererstes wieder an sich, wollen einfach nur schlafen und warten auch nicht auf den Alten, obwohl jener darum gebeten hatte, nicht ahnend, dass in der Bitte des Alten eigentlich sie selbst sich um einen Gefallen gebeten hatten.

Es ist nicht so, dass dieses egoistische Verhalten keine Konsequenzen hat – der Schluss des Märchens lässt, wie schon erwähnt, keinen Zweifel -, und klar wird, warum so viele Menschen an ein Leben nach dem Tod und wiederholte Erdenleben nicht glauben: Wer so selbstbezogen ist, möchte natürlich nicht wissen, dass ihm noch ein langes Lernprogramm bevorstehen könnte, allerdings: Unwissenheit oder die Augen zuzumachen und Blinde Kuh zu spielen hilft nur scheinbar weiter . . .

Wer Märchen liest, gehört zu jenen Menschen, die auf jenes Waldhaus oder verwunschene Schloss treffen; als Königssohn, als Königstochter sind wir in der Lage, uns zu erlösen mittels jener Kraft, die in den Initialen von I-CH enthalten ist.

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„Ich kann ohne Schneewittchen nicht leben!“ – Einer der schönsten Sätze, die ich kenne!

Dieser Satz des Königssohnes gehört unter den geschriebenen Worten zu meinen absoluten Lieblingssätzen und neben Aschenputtel – jenes aus einem anderen Grund, von dem ich ein andermal erzähle – gehört Sneewittchen zu meinen Lieblingsmärchen, nicht nur, weil der Prinz durch seine Liebe schlichtweg den Tod erfolgreich außer Kraft zu setzen vermag, sondern auch, weil ich die Zwerge, ihr kleines Reich und ihr Sprechen so köstlich finde. Ich kann mir auch kaum vorstellen, dass jemand nicht zutiefst von der Reinlichkeit ihrer Idylle im Zwergenhäuschen berührt ist, wenn Schneewittchen, dort ankommend, die sieben Tellerlein mit den sieben Löffelein, Gäblein, Messerlein und Becherlein und den sieben Bettchen vorfindet und nicht auch ihre Fragen so putzig findet, z.B.: Wer hat auf meinem Stühlchen gesessen, wer hat aus meinem Tellerchen gegessen, wer hat in mein Bettchen getreten; oder wie einer der Zwerge, weil Schneewittchen in seinem Bettchen ruht, in den Bettchen der anderen schläft, für jeweils eine Stunde bei jedem der sechs anderen Zwerge . . . goldiger geht´s nimmer . . .

Nicht jeder Prinz ist so erfolgreich wie jener aus dem Schneewittchen-Märchen (die Brüder Grimm schrieben noch „Sneewittchen“ < Link zum Märchen). Wir denken mit ziemlichem Grausen an jene, die in der Dornenhecke, die das Schloss Dornröschens überwucherte, kläglich verendeten, eine Hecke, die sich übrigens wieder hinter jenem schloss, der dann Dornröschen erlösen sollte. – Niemand also mag sich der Illusion hingeben, wer sich Prinz nenne, sei ein Prinz. Solche Selbsttäuschung endet gewöhnlich tödlich, auch wenn Prinzen dieser Machart das gewiss nicht sehen wollen und nicht wissen, dass man als Prinz zudem die Fähigkeit haben muss, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein . . .

Ganz sicher ist es so, dass die sieben Zwerge ihr „totes“ Schneewittchen – bzw. desssen Sarg – nicht herausgegeben hätten, wenn dieser eine Königssohn nicht so dringlich darum gebeten hätte. Und vielleicht hat ihnen auch ungeheuer imponiert, dass da jemand kommt, der ein Mädchen liebt, obwohl es doch „tot“ ist und dennoch ohne diese Liebe nicht leben kann. Vor solch einer großen treten die sieben Zwerge mit ihrer Wertschätzung, die sie Schneewittchen entgegenbrachten, zurück und verzichten auf das Mädchen, das ihnen so ans Herz gewachsen war und das sie vergeblich mehrfach vor seiner Stiefmutter, der bösen Königin gewarnt hatten.

Eigentlich ist es wirklich unglaublich, dass da jemand kommt, der sich in eine in einem Sarg auf einem Berg aufgebahrte junge, aber doch scheinbar tote Dame verliebt. Ob dieser junge Mann Schneewittchen vielleicht nie anders als lebendig gesehen hat? Ob wahre Liebe alles scheinbar Leblose nie wirklich sterben lässt (mit Lazarus und Jesus könnte es ja ähnlich gewesen sein)? – Ob wahre Liebe also an den Tod nicht glaubt, ja, den Tod nicht kennt?

Dennoch, den gleichen Bewusstseinszustand hatten die beiden nicht. Offensichtlich aber hat der Prinz nicht gedacht: Was ich liebe, muss auf jeden Fall lebendig sein …

Natürlich wissen wir, dass im Märchen Schneewittchen der Seele des Menschen gleicht, versunken in den Erdenzustand, damit in tiefste Materalität und Ferne zu allem wirklich lebendigen Göttlichen und verhaftet dem üblichen Irrglauben, Leben sei gleich Leben, unwissend, dass Menschen so tot im Leben sein können und es sind, wenn sie nicht zu einem neuen Bewusstsein erwachten, das die Bibel z.B. als geistgeboren bezeichnet. Es ist die Stiefmutter im Märchen, die jenen Bewusstseinszustand, den Menschen auf ihren Lebensreisen durchwandern müssen, repräsentiert.

Doch eine Seele kann nicht sterben und wohl für fast jede reift die Zeit des Aufwachens, wogegen sich die Menschen gerade zur Zeit zum Teil heftiger denn je zu wehren scheinen, gelingt es doch der materiellen, geistlosen Wirklichkeit, immer intensiver, Gaukelbilder eines schönen Scheins den Menschen vor Augen zu führen, die dann in oft dreckiges Kehrwasser geraten anstatt dem Lauf des Wassers zu folgen, getreu der Georg-Danzer-Zeile: Der Bach hat Sehnsucht nach dem Fluss, der Fluss hat Sehnsucht nach dem Meer . . .

Manchmal ist es ein scheinbarer Zufall, dass die Gefährten des Königs, Schneewittchens Sarg tragend, über einen Strauch stolpern, der  einfach so im Weg stand, wodurch sich das Apfelstück im Inneren Schneewittchens lösen kann.

Das Märchen schreibt nicht darüber, dass auch solch ein Zufall, obwohl immer auch das, was wir Gnade nennen, eine Rolle spielen mag, verdient sein will durch ein – wie altmodisch das auch immer klingen mag – tugendhaftes Leben. Denn was Menschen heute oft verachtungsvoll übersehen, ist, dass mit jeder Tugend, deren sich der Mensch intensiv und erfolgreich befleißigt, seine Seele reift. – Es wäre an der Zeit, dass irgendjemand das den Menschen wieder klarmachte; vielleicht würden dann weniger  versumpfen; erschreckend, wie viele das zur Zeit sehr bewusst tun. Leider erkennen zu wenige, dass Donald Trump ein so wirkungsvolles Flagschiff der Tugendlosigkeit ist, der für so viele Zeitgenossen Lügen und Menschenverachtung hoffähig machen soll und macht. Gut, wer um des Kaisers Kleider weiß bzw. um die des Präsidenten und diesen nackt zu sehen vermag, das heißt, wie er wirklich ist.

Welche Macht das Böse hat, wird ja in vielen Märchen klar, und klar wird auch zum Beispiel im Rotkäppchen-Märchen, wie wirkungsvoll es arbeitet (auch wenn es nicht alle Regeln außer Kraft setzen kann) und warum die Mutter des Mädchens jenem nahelegte, nicht vom rechten Weg abzugehen. – Dazu allerdings ist für wohl alle Menschen das sogenannte Böse zu raffiniert. Das aber muss wohl so sein, sonst gelänge der Mensch nicht zu jener wahren Freiheit, zu der er gegen Ende seines Weges gelangt. Wer immer brav bleibt oder so tut, als ob er es sei, bleibt auch immer durch das Böse gefährdet.

Eben solange, wie er den Königssohn in sich erfolgreich auf Distanz zu seiner Seele halten kann.

Ich finde es trotz einer zum Teil erschreckenden Wirklichkeit, die uns umgibt, tröstlich, empfinden zu dürfen, dass wider allen äußeren Schein einige Königssöhne unterwegs sind.

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Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden, / in welchen meine Sinne sich vertiefen – Rainer Maria Rilke wagt einen Blick, den viele leider nicht wagen.

Manche Gedichte Rilkes haben eine ungeheure Tiefe. So wie das folgende, geschrieben in Berlin-Schmargendorf am 22.9. 1899.
Rilke weiß, dass aus dem Dunkel unseres Inneren uns ein Wissen über uns zukommen kann, das im Grunde unerschöpflich ist. In vielen frühen Gedichten deutet sich an, dass er sich dieses unerschöpflichen Reservoirs, das wir psychologisch das Unbewusste nennen – eine Begrifflichkeit, die heute, weil viel zu abstrakt geworden, eher den Zugang zu ihm verstellt -, bewusst ist. Aufschlussreich jedenfalls ist, dass Rilke sein Dunkles in sich liebt – und das ist sicherlich gut so, sonst hätte er schon früh den Zugang zu seinem Inneren verstellt:

Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden,
in welchen meine Sinne sich vertiefen;
in ihnen hab ich, wie in alten Briefen,
mein täglich Leben schon gelebt gefunden
und wie Legende weit und überwunden.

Aus ihnen kommt mir Wissen, dass ich Raum
zu einem zweiten zeitlos breiten Leben habe.
Und manchmal bin ich wie der Baum,
der, reif und rauschend, über einem Grabe
den Traum erfüllt, den der vergangne Knabe
(um den sich seine warmen Wurzeln drängen)
verlor in Traurigkeiten und Gesängen.

Ebenfalls im Buch vom mönchischen Leben finden wir die Zeilen:

Du Dunkelheit, aus der ich stamme
ich liebe dich mehr als die Flamme,
welche die Welt begrenzt,
indem sie glänzt
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen –:
für irgend einen Kreis,
aus dem heraus kein Wesen von ihr weiß.

Aber die Dunkelheit hält alles an sich:
Gestalten und Flammen, Tiere und mich, wie sie’s errafft,
Menschen und Mächte –

Und es kann sein: eine große Kraft
rührt sich in meiner Nachbarschaft.

Ich glaube an Nächte.

Gewiss hält die Dunkelheit nicht alles an sich – wir sollten uns jedenfalls darum bemühen, dass das nicht so ist. Aber es ist ein Vorrecht eines jugendlichen Dichters, nicht immer ständig ausgewogen sein und schreiben zu müssen.

Zu wünschen wäre, dass Menschen sich dem Dunkel in sich zuwendeten; dann wären wir vor mehr Zeitgenossen, die sich so gern so fehlerlos und blütenrein präsentieren, verschont.

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Die Hohe Schule der Einfachheit – warum Volkslieder so wertvoll sind! – Zu Gast bei Art d´Hommage.

Seit über 1000 Jahren prägen Volkslieder unsere Kultur, im Mittelalter noch als Vagantendichtung, gesungen also von Studenten, die von Uni-Ort zu Uni-Ort reisten und sich ein Essen verdienen wollten, gesungen auch von arbeitslosen Klerikern oder Mönchen, die aus dem Kloster weggelaufen waren ebenso wie von fahrenden Sängern. Manche werden von den Carmina Burana gehört haben, jener erst 1803 im Kloster Benediktbeuren entdeckten Liedersammlung, deren Bandbreite riesig ist – im Mittelpunkt stehen Liebeslieder, zum Teil recht derber Natur – , in der Lieder vorwiegend aus dem 11. und 12. Jahrhundert aufgezeichnet sind.

Heute dümpeln Volkslieder etwas dahin – leider, denn sie enthalten einen reichen Schatz an einem inneren Wissen, zu dem zumindest unser Unbewusstes immer Zugang hat.

In meinem Gespräch mit Rainer Dahlhaus habe ich einiges davon aufzuzeigen versucht.

 

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Über wahre Liebe, gegen allen Gender-Trend und ein göttlicher One-Night-Stand: Goethes Ballade „Der Gott und die Bajadere“. Hinreißend.

Ja, ich finde diese Ballade hinreißend, obwohl die Kritik an ihr wahrlich laut war und ist, ist der Gott Shiva – hier Mahadöh genannt – doch scheinbar der reine Macho, eine Frau wieder einmal von einem Mann abhängig und so dumm, für ihn noch in die Flammen zu springen. Dass dann der Mann noch als der große Retter auftritt: passt! – Wenn man die Ballade so sieht, was nicht wenige tun, versteht man ihren tieferen Sinn nicht und kann vor allem eine große Liebe, nur weil man auf das Gender-Streaming abfährt, nicht  annehmen [wenn ein Mann ins Feuer spränge und eine Göttin ihn rettete, wäre alles, logisch, ganz anders und völlig in Ordnung … wirklich doof, diese Gender-Klischees].

HIer zunächst die Ballade, wobei vorab auf ihre auffallende und, wie ich finde, geniale metrische Gestaltung aufmerksam gemacht sein soll. Goethe hat jede Strophe nämlich zweigeteilt, in einen vierhebig-trochäisch gestalteten Teil mit alternierend männlich und weiblicher Reimendung, und einen dreihebig-daktylisch (bis auf Strophe 4 mit Auftakt) gestalteten, was bewirkt, dass beide Teile, fast möchte man sagen, gegeneinanderlaufen; der Rhythmuswechsel bewirkt ein Aufmerken durch ein kurzes Innehalten; es ist, als ob Mann und Frau sich begegnen, die doch gar nicht zueinander passen wollen, ein Gott und eine Tempeltänzerin, eine Bajadere. Deren Berufsauffassungen waren breit gefächert – die Goethes allerdings wird nicht von ungefähr als verloren bezeichnet:

Der Gott und die Bajadere.
Eine indische Legende.

Mahadöh, der Herr der Erde,
Kómmt heráb zum séchstenmál,
Daß er unsers gleichen werde,
Mit zu fühlen Freud und Quaal.
Er bequemt sich hier zu wohnen,
Läßt sich alles selbst geschehn,
Soll er strafen oder schonen,
Muß er Menschen menschlich sehn.
   Und hát er die Stádt sich als Wándrer betráchtet,
   Die Großen belauert, auf Kleine geachtet,
   Verläßt er sie Abends um weiter zu gehn.

Als er nun hinausgegangen
Wo die letzten Häuser sind,
Sieht er, mit gemahlten Wangen,
Ein verlohrnes schönes Kind:
Grüß dich Jungfrau! – dank der Ehre
Wart, ich komme gleich hinaus –
Und wer bist du? – Bajadere!
Und dies ist der Liebe Haus.
   Sie rührt sich die Cymbeln zum Tanze zu schlagen,
   Sie weiß sich so lieblich im Kreise zu tragen,
   Sie neigt sich und biegt sich und reicht ihm den Strauß.

Schmeichelnd zieht sie ihn zur Schwelle,
Lebhaft ihn ins Haus hinein.
Schöner Fremdling, lampenhelle
Soll sogleich die Hütte seyn,
Bist du müd’, ich will dich laben,
Lindern deiner Füße Schmerz;
Was du willst das sollst du haben
Ruhe, Freuden oder Scherz.
   Sie lindert geschäftig geheuchelte Leiden,
   Der Göttliche lächelt, er siehet, mit Freuden,
   Durch tiefes Verderben ein menschliches Herz.

Und er fordert Sclavendienste
Immer heitrer wird sie nur,
Und des Mädchens frühe Künste
Werden nach und nach Natur.
Und so stellet nach der Blüthe
Bald und bald die Frucht sich ein,
Ist Gehorsam im Gemüthe
Wird nicht fern die Liebe seyn.
   Aber sie schärfer und schärfer zu prüfen
   Wählet der Kenner der Höhen und Tiefen
   Lust und Entsetzen und grimmige Pein.

Und er küßt die bunten Wangen
Und sie fühlt der Liebe Quaal,
Und das Mädchen steht gefangen,
Und sie weint zum erstenmal,
Sinkt zu seinen Füßen nieder
Nicht um Wollust noch Gewinnst,
Ach und die gelenken Glieder
Sie versagen allen Dienst.
   Und so zu des Lagers vergnüglicher Feyer,
   Bereiten den dunklen behaglichen Schleyer
   Die nächtlichen Stunden das schönste Gespinnst.

Spat entschlummert unter Scherzen,
Früh erwacht nach kurzer Rast,
Findet sie an ihrem Herzen
Todt den vielgeliebten Gast,
Schreyend stürzt sie auf ihn nieder,
Aber nicht erweckt sie ihn,
Und man trägt die starren Glieder
Bald zur Flammengrube hin.
   Sie höret die Priester, die Todtengesänge
   Sie raset und rennet und theilet die Menge.
   Wer bist du? was drängst du zur Grube dich hin?

Bey der Bare stürzt sie nieder,
Ihr Geschrey durchdringt die Luft:
Meinen Gatten will ich wieder!
Und ich such ihn in der Gruft.
Soll zu Asche mir zerfallen
Dieser Glieder Götterpracht?
Mein! er war es, mein vor allen!
Ach! nur eine süße Nacht!
   Es singen die Priester: wir tragen die Alten,
   Nach langem Ermatten und spätem Erkalten,
   Wir tragen die Jugend, noch eh sies gedacht.

Höre deiner Priester Lehre:
Dieser war dein Gatte nicht,
Lebst du doch als Bajadere,
Und so hast du keine Pflicht.
Nur dem Körper folgt der Schatten
In das stille Todenreich
Nur die Gattin folgt dem Gatten
Das ist Pflicht und Ruhm zugleich.
   Ertöne Trommete zu heiliger Klage
   O! nehmet ihr Götter die Zierde der Tage,
   O! nehmet den Jüngling in Flammen zu euch.

So das Chor, das ohn Erbarmen
Mehret ihres Herzens Noth,
Und mit ausgestreckten Armen
Springt sie in den heißen Tod,
Doch der Götter-Jüngling hebet
Aus der Flamme sich empor,
Die Geliebte mit hervor,
   Es freut sich die Gottheit der reuigen Sünder,
   Unsterbliche heben verlohrene Kinder
   Mit feurigen Armen zum Himmel empor.

Goethes Strophen haben interessante literarische Bezüge: Wie das Hohelied Salomos, das eine unsterbliche Liebe zwischen Salomo und Sulamith besingt, sind die großen Liebenden dieser Ballade fern jeglicher Ehe, also unverheiratet und passen sehr wenig in eine bürgerlich-kirchliche Norm von Liebe. Noch dazu weiß der Gott ja, dass er sich auf nur eine Liebesnacht einlässt – halt ein Heide, was kann man da schon erwarten :-)

Ich weiß nicht, ob der einstmals so große Brecht – seltsam, wie er nach dem Mauerfall in der Senke germanistischer Aufmerksamkeit verschwunden ist; es ist, als ob die Germanistik und die literarisch interessierte Öffentlichkeit sich schäme, ihm einstmals so viel Aufmerksamkeit geschenkt zu haben – für sein Theaterstück Der gute Mensch von Sezuan durch Goethe angeregt worden ist, denn auch in  jenem kommt das Göttliche – bei Brecht sind es drei Götter – auf die Erde, um einen guten Menschen zu suchen. Dass sie schon nach oben abhebend und regnieren wollend  doch noch einen finden, das Freudenmächen Shen Te, macht in gewisser Weise den Reiz der Handlung aus, die natürlich Brechts Klischee transportieren muss, dass Shen Te eben ohne Geld nicht gut sein kann, sonst wäre sie es natürlich. Obwohl ich Brechts Auffassung – Gutsein geht eben nur mit Geld – trivial und trivial-marxistisch finde – wobei Marx gewiss auch Bemerkenswertes erkannt hat -, ist dieses Stück in seiner ideenreichen Gestaltung meines Erachtens durchaus ein Höhepunkt deutschsprachigen Theaters. Jedenfalls lehnt es sich inhaltlich an Goethes Ballade an, die ja ebenfalls dramatische Züge enthält, denkt man nur an die Wechselrede in der zweiten Strophe zwischen Mahadöh und der namenlosen Tempeltänzerin, die er mit „Grüß dich, Jungfrau“ anspricht, worauf sie in ihren ersten beiden Worten fast gretchenhaft antwortet:“Dank der Ehre / Wart, ich komme gleich hinaus“ . . . 

Auch hier, wie schon in der ersten Strophe und in den folgenden, nimmt der daktylische Teil einen distanzierten Blick auf das Geschehen. Seine Bedeutung gewinnt er vor allem in der vorletzten und letzten Strophe, indem die Einstellung der bigotten Priesterschaft als lieblos und normiert gekennzeichnet wird und die abschließenden Zeilen mitteilen: Es geht nicht um religiöse Gesetzlichkeiten und Normerfüllungen – das Tempelmächen kann dem Mann nicht in die Flammen folgen, ist sie doch nicht seine Gattin -, sondern um des Menschen Bewährung in Liebe. Die Bajadere, die aufgrund ihres Berufes, eben ihres Dirnendaseins als Sünderin bezeichnet wird, zeigt, dass sie zu wahrer Liebe fähig ist. Oberflächlich gesehen hat sie offensichtlich ihren Berufsstand sehr großzügig und wenig moralisch ausgelegt, biederte sie sich doch sogleich dem Fremden zu Beginn der Ballade an; doch zeigt ihr Herz eine Tiefe, die vielen Moralaposteln und priesterlichen Pharisäern fehlt: Sie ist zu wahrer Liebe fähig, wohl auch, weil ihr Herz sich an der göttlichen Liebe entzünden kann.

Sich an der Liebe entzünden und an der Größe einer Seele, das konnte Goethe, weshalb er sich so oft verliebte. Liebe war, auch wenn er seine Frau wahrlich liebte, wiewohl er sie zum Teil nach außen hin etwas bis ziemlich schoflig behandelte, für Goethe kein einmaliges Geschehen; in wieviel Frauen hat er sich nicht verliebt und wie vielen jungen Damen und Frauen verdanken wir nicht die schönsten Liebesgedichte, man denke nur an Friedrike Brion, an Frau von Stein oder an die 17-jährige Ulrike von Levetzov; man möchte fast sagen, es ist ein Kennzeichen von Liebe, dass sie immer wieder hoch auflodert, was ja nicht ausschließt, dass sie einem Menschen treu ist. Wie schon das Hohelied Salomos einer bigotten Moral eine Absage erteilt, so tut es Goethe auch in seiner letzten Strophe, indem der Gott sich zu der Liebe des Freudenmädchens, sie aus den Flammen rettend, bekennt. Freunde hat sich Goethe mit diesem Finale furioso nicht unbedingt gemacht, aber da stand bereits in jungen Jahren der große Alte schon immer drüber; er wusste um seine Größe, er wusste auch, dass der Mensch zwei Seiten hat, weshalb er mit seiner mephistophelischen, die manche so sehr in sich leugnen, recht gut umgehen konnte. Sicherlich war auch nicht wenigen der ausführliche amouröse Mittelteil der Ballade ein Dorn im Auge und die Tatsache, dass die beiden sich doch offensichtlich einiges mitzuteilen hatten, weshalb sie spät entschlummerten.

Fest steht, dass dieses Mädchen in dieser Nacht ein Stück Ewigkeit erlebte, indem sie (bereits in Strophe 5) zusammensinkend erahnt, was in ihr vorgeht und dass sie es – was Liebe in ihrer wahren Form immer ist – mit einer höheren Macht zu tun hat, einer göttlichen Liebe. Bereits hier geht es ihr Nicht um Wollust noch Gewinnst. Mehrfach wird sie, wie wir lesen, im Verlauf der Nacht weinen.

Gerade jene, die unbarmherzige Urteile fällen, wären wohl nie, wozu das Mädchen aufgrund ihres Herzens fähig war, in der Lage gewesen, Göttliches zu erkennen. Es ist ja leider ein Kennzeichen der Menschheit, dass sie Göttliches, auch wo es in einfachen, schlichten Gestalten und Formen auftritt, nicht (mehr) erkennt. Deshalb ist es so wertvoll, wenn uns ein Mädchen wie diese namenlose Bajadere und ihr Schicksal berührt. Sie ist Gott näher als wohl die meisten berufsbedingten Liebesexperten, auch Priester genannt, und Vielwisser dieser Erde.

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aus aktuellem Anlass: Nach 14 Jahren Deutschland und ehrenamtlicher Tätigkeit hier sitzt eine ugandische Frau in Abschiebehaft – bitte Petition unterschreiben!

zur Petition: hier

aus der Petition:

Am Mittwoch Abend, den 29. August 2018, um 22h ist Adet nach 14 Jahren in Deutschland in Abschiebehaft gekommen und soll nach Uganda abgeschoben werden.
Adet wurde sofort nach der Verhandlung beim Verwaltungsgericht Bayreuth,
bei der negativ über ihr Aufenthaltsrechtsgesuch beschieden wurde, festgenommen und zum Flughafen gebracht, um abgeschoben zu werden.

Wir sind zutiefst schockiert über diese menschenunwürdige und brutale Praxis des Freistaats Bayern. Adet lebte jahrelang in Bayreuth, hat sich dort ehrenamtlich bei „Bunt statt Braun – gemeinsam stark für Flüchtlinge e.V.“ engagiert und war außerdem bundesweit als glokal-Bildungsreferentin tätig und gab in diesem Rahmen rassismuskritische Seminare und Workshops. Wir möchten die hinterhältige Abschiebepraxis des Freistaats Bayern öffentlich machen und fordern, unsere Freundin Adet freizulassen und ihren Antrag auf Aufenthalt anzuerkennen!

Das Schöffengericht zog sich zur „Beratung“ zurück, um kurz darauf zu
verkünden, dass dem Antrag auf Aufenthalt nach §25b NICHT stattgegeben
wird. Adet sowie ihre Kolleg*innen von „Bunt statt Braun“ waren
schockiert und planten, am Donnerstag, den 30.08.2018 mit der Caritas alles für
die Härtefallkommission vorzubereiten.
Doch als sie den Gerichtssaal verließen, standen vor der Tür bereits zwei
Polizeiautos sowie zwei Sicherheitsbeamte des Verwaltungsgerichts, mehrere
Polizisten und die drei Beamt*innen vom Ausländeramt Bayreuth-Stadt. Ein
Zivilbeamter forderte Immaculate Adet zum Mitkommen auf. Sofort
intervenierte ihre Anwältin und begleitete daraufhin ihre Mandantin. Anders
als im Asylrecht (wo die Ausstellung des Urteils ein paar Wochen dauert),
kann im hier angelegten Ausländerrecht SOFORT abgeschoben werden.

Diese Vorgänge weisen darauf hin, dass die Ablehnung ihres Gesuchs bereits
vor dem eigentlichen Urteilsspruchs beschlossen und organisiert worden war.

PS: Bayern geht es mit Fällen wie dem von Adet darum, seine Abschiebestatistik aufzuhübschen, denn das Seehofer-Söder-Land will natürlich das Bundesland mit den meisten Abschiebungen sein. – Das ist der politische Hintergrund, denn auf der menschlichen Ebene spottet das Verfahren ja jeder Beschreibung. Man sollte der SU ihr C sperren und eigentlich das S auch. – Leider ist es nun einmal auch so, dass je nach Konstellation Schöffen sich durchaus von einem geschickten Richter beeinflussen lassen („es zählt das Gesetz, nicht Ihr menschliches Gefühl …“); vielleicht kam das hier noch hinzu.

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