Berufen, um Namen zu geben. Was Michael Ende in der „Unendlichen Geschichte“ lehrt: Jeder muss selbst seine Kindliche Kaiserin retten!

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Die Adamssöhne, so nennt man mit Recht
die Bewohner des irdischen Ortes,
die Evastöchter, das Menschengeschlecht,
Blutsbrüder des Wirklichen Wortes.
Sie alle haben seit Anbeginn
die Gabe Namen zu geben.
Sie brachten der kindlichen Kaiserin
zu allen Zeiten das Leben.
Sie schenkten ihr neue und herrliche Namen,
doch ist es schon lange her,
dass Menschen zu uns nach Phantasien kamen.
Sie wissen den Weg nicht mehr.
Sie haben vergessen, wie wirklich wir sind,
und sie glauben nicht mehr daran.
Ach, käme ein einziges Menschenkind.
dann wäre schon alles getan!
Ach, wäre nur eines zu glauben bereit
und hätte den Ruf nur vernommen!
Für sie ist es nah, doch für uns ist es weit,
zu weit, um zu ihnen zu kommen.
Denn jenseits Phantásiens ist ihre Welt,
und dorthin können wir nicht –
doch wirst du behalten, mein junger Held,
was Uyulala da spricht?«

 

Jedes Mal, wenn ich „Die Unendliche Geschichte“ lese, bin ich tief berührt. Gerade habe ich noch einmal Atréjus Weg durch die drei Tore, das Große Rätsel Tor, das Zauber Spiegel Tor, das Ohne Schlüssel Tor gelesen.

Es sind dem Weg der Großen Arcana des Tarot vergleichbare seelische Entwicklungsstufen des Menschen; zugleich sind es Prüfungen.

Unglaublich, wie wahrhaftig Michael Ende sie gestaltet. Wir wissen ja, dass er selbst diese Stufen ging, dass er selbst mit seinen Helden in ausweglose Situationen geriet, dass er selbst um Lösungen rang …

Er war, wie Goethe und nicht wenige andere Schriftsteller, ein sicherlich sehr hellfühliger, intuitiver Mensch.

Ich bin auf diesem Blog an anderer Stelle auf die drei Prüfungen eingegangen und auf die Stimme der Stille, die sich Atréju im Anschluss an den Durchgang durch die drei Tore offenbart.

Wohl dem, der die Prüfungen durchlaufen darf, ohne gleich zu Beginn von den Sphinxen zurückgewiesen, ja getötet zu werden.

Jener Text oben stammt von Uyulála, der Stimme der Stille.

Und auch hier wird deutlich, wie viel dem Bewusstsein von Michael Ende offenbar ist.

In der Tat hat in der Schöpfungsgeschichte der Bibel der Mensch den Tieren Namen gegeben; es war ihm vorbehalten, dem Menschen, in der Bibel als Ebenbild Gottes bezeichnet.

Namen geben zu dürfen ist ein heiliger Akt, sicherlich einer der heiligsten, die es gibt.

Er wiederholt sich in der Namensgebung der Eltern für ihre Kinder; auch das ist eine heilige Aufgabe, wie sehr, ist vielen nicht bewusst.

Und wie wichtig ist es, Namen nicht abzukürzen, enthalten sie doch die Lebensenergie eines Menschen.

Uyulála klagt, und ihre Klage ist herzzereißend, denn es droht das Ende, das große NICHTS. Sie weiß, wie es um die Menschen bestellt ist, die den Weg nach Phantásien nicht mehr wissen.

Es ist der Weg zum Herzen, zum eigenen, denn die Kindliche Kaiserin ist niemand anderes als das göttliche Kind unseres Herzens.

Mein Wunsch in diesen Tagen: Mögen viele von uns wieder nach Phantásien gelangen.

Eine Voraussetzung nennen Michael Ende und Uyulála ganz deutlich:

Der Mensch, der dies erreichen will, muss glauben können:

Ach, wäre nur eines zu glauben bereit …

Glauben-Können ist die Voraussetzung, um den Ruf vernehmen zu können, den Ruf des Herzens …

Glauben ist kein Relikt nostalgischer Zeiten und reduzierter Bewusstseinsstufen. Glauben geht dem Wissen voraus: Wenn wir auf Schildern den Weg sehen, den wir gehen wollen, glauben wir, dass wir den Schildern vertrauen können. Ob unser Vertrauen berechtig ist, wissen wir oft erst sehr spät. So lange glauben wir.

Mancher glaubt, dass mit dem Tod alles vorbei ist.

Mancher glaubt, dass es ein Leben nach dem Leben gibt.

Wissen tun wir das relativ spät.

Doch unser Glaube bestimmt, auf welchen Bewusstseinsebenen wir suchend unterwegs sind.

Deshalb ist Glaube nicht ganz so unwichtig, wie viele glauben machen wollen.

PS und Nachtrag

Was ich in diesem Post nicht erwähnt habe, was aber wichtig ist:

Natürlich muss Bastian, müssen wir alle wieder zurück in unsere Realität, um Phantásien mit ihr zu verbinden.

Bastian will ja – es gibt auch ein phantásisches Ego – nicht mehr zurück, macht sich zum Kaiser von Phantásien und überwirft sich mit Atréju und Fuchur. Das ist eine große Gefahr, in der Menschen durchaus steckenbleiben können. Es sind unter anderem jene, die mittels einer für mich falsch verstandenen Esoterik alles nur in Licht und Liebe sehen wollen. Doch gilt es zu erkennen, dass es auch in uns Licht und Finsternis gibt – und letztere nicht zu knapp.

Wenn man diese Tatsache nicht nur mit dem Verstand, sondern mit ganzer Seele begreift, dann kann man auch die Worte Davids in Psalm 139 wirklich verstehen:

Denn auch Finsternis ist nicht finster bei dir und die Nacht leuchtet wir der Tag.

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Was die Ewigkeit des Weiblichen ausmacht. – Worte, verfasst von einer, die ich, Mann, als Weib empfinde:

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Jenen, die auf dem Holzstoß prasselnde Bisse zermalmen,
Bin ich gleich, ich, das Weib, das Geschlecht, Mutter, Gebärerin.
Über die Zeugenden, die Gezeugten lodert mein Herz ewig hin.
Meine Seele kniet und singt Psalmen.

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Wenn sich eine Frau, ein Weib, Gedanken macht, was das Wesentliche ihres Geschlechtes ausmacht, finden sich keine feministischen Gedanken, die den wahren Wert der Weiblichkeit oft nur verzerren, nichts, was an die weiblichen Abziehbilder unserer Mediengesellschaft erinnert, sondern das, was sie als Wertvolles aller Weiblichkeit durch die Ströme der Zeit hindurchträgt – bis heute.

Gertrud Kolmar überschreibt ihre Gedanken mit „Die Sünderin“, ein Attribut, das uns an jene Frau des Neuen Testaments erinnert, deren Tränen auf Jesu Füße fielen, die sie mit ihren Haaren trocknete und die Jesus im Grunde heilig sprach, nicht als Mann, sondern als Bewusstsein, weil er wusste, dass diese Frau für Millionen  und Abermillionen ihres Geschlechtes steht. Da findet keine Verurteilung statt für vergangene sogenannte Schuld, das Abgleiten in hohle Weiblichkeit, vertane Leben oder was wir auch immer als Versäumnis betrachten. Aber diese Frau kniet und ihre Tränen sind jenen vergleichbar, die in Goethes Faust immer auch bedeuten, dass das Herz weich wird und eine Milde sich selbst gegenüber den Raum der Seele betritt.

Gertrud Kolmar weiß darum, wie schwer es ist, als Weib durch die Zeiten zu gehen – und sei es, als Hexe verbrannt zu werden oder im übertragenen Sinne im Feuer des Lebens zu verglühen und Schmerzen zu ertragen, die so groß sind, dass man sie nur aushält, indem sich Kiefer ineinander verbeißen und zermalmen.

Auf ihre Bilder gilt es sich einzulassen, auf ihre rote Hölle, dem malvenfarbenen Himmel gegenübergestellt, auf Gesetz und Sitte, Anstand und Schein, die als Konturen unseres Lebens als Leben einer Stadt erscheinen, eigene Verworfenheit und das Bedürfnis, geliebt zu werden, und jene ewig glühende Kohlenkrone, die Zeugin dessen ist, was ihr Leben ausmacht – und dieser Jüngling macht einen Teil ihres Lebens aus – und auch ihr Gewissen, ein Gewissen, das sie dennoch erkennen lässt, dass sie nicht lasterhaft ist, nicht böse, zugleich aber den Schrei nach Erlösung in sich trägt, den Schrei einer Jüdin, die Psalmen singt und weiß, dass jene auch davon sprechen, dass der Herr die Seelen am stillen Wasser erquickt.

An anderer Stelle habe ich darauf aufmerksam gemacht, dass man, die Bilder der Kolmar nachvollziehend, sich dazu die Zeit nehmend, selbst innerlich an Reichtum gewinnt. Gewiss gewinnen wir inneren Reichtum durch eigenes Handeln und eigene Erfahrungen, aber auch, indem wir durch den Nachvollzug des Denkens, der Gedanken und Bilder anderer uns innerlich eigene Türen öffnen, indem wir auf diese Weise uns neue Dimensionen erschließen, was Leben ausmacht:

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Die Sünderin

Wem sollte ich meine rote Hölle schenken ?
Wem meinen malvenfarbenen Himmel zwischen Abend und Nacht
Mit Lampen, dickflüssig gelb aus Eidotter gemacht,
Und der sich auf die Stadt hinlegt, lastend wie Denken?

Dieser Stadt Häuser haben seltene Türme.
Ihre Dächer steigen, Gebirg, in die freien Lüfte ein;
Sie heißen Gesetz und Sitte, manche auch Anstand und Schein.
Ummauerte Gäßchen, häßliche Namen, verkriechen sich wie Gewürme.

Mir ward all das Kriechende längst von goldenen Flammen zerrissen;
Nicht stand ich in heimlichen Toren, gierig, lachte dem Dieb,
Zuckte glänzende Schultern aus Fetzen, lüstern: Hast du mich lieb ?
Ich trug die ewig glühende Kohlenkrone, trug sie auf meinem Gewissen.

Einmal ward sie entzündet, verschlungen, gesteigert
In unendliches Wehn, feuerwipfligen Wald.
Ihre Zunge schlug in den Mund, der meinen Schenkel umkrallt,
Und nie hat sich stürzender Funke den starken,
………………den reinen Händen des Jünglings geweigert.

Er hielt ihn hinauf in Nacht als schmerzende Leuchte,
Und hält er ihn durch sein Leben als unaufhörlichen Brand,
So wird es geklärt, erscheinend und eingeschmolzen dem Land,
Das keine erstickenden Moore schleppt voll laulicher Feuchte.

Das ist wahr. Ich bin nicht die Lasterhafte. Ich bin nicht die Böse,
Die dem Toten die Mannheit raubt, des Vogels kindliches Auge durchsticht,
Die dem vertrauenden Knaben den zarten Wirbel zerbricht.
Ich fresse mich selbst in dem sengenden Schrei: Erlöse!

Jenen, die auf dem Holzstoß prasselnde Bisse zermalmen,
Bin ich gleich, ich, das Weib, das Geschlecht, Mutter, Gebärerin.
Über die Zeugenden, die Gezeugten lodert mein Herz ewig hin.
Meine Seele kniet und singt Psalmen.

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PS: Auf diesem Blog finden sich weitere Gedichte der Gertrud Kolmar, ebenso auf meiner EthikPost

 

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Gertrud Kolmars Erntedank: „O Herz! O Frucht! O Zeit! O Wille! / Wie lieblich seid ihr hergereift!“ – Nichts geht verloren!

                    

Wappen von Zinna  

 
In Blau eine goldgewandete Frauengestalt, die in
der rechten Hand eine Traube trägt und einen
Apfel in der linken.

O Herz! O Frucht! O Zeit! O Wille!
Wie lieblich seid ihr hergereift!
Wie hat euch Hand der Sommerstille
Mit sonngemaltem Glanz gestreift,
Wie scheint ihr sanft mit gelber Schale
Und flimmert heiß mit blühndem Rot
Und geht geschmückt zum ew’gen Mahle,
Da selbst ihr Speise seid und tot.

Das aber ist, wofür ihr glühtet,
Ihr Hauch und Strahl euch angeschmiegt
Und tief den kleinen Kern behütet,
Der braun und blinkend in euch liegt.
Die Wange, klar von Regenzähren,
Hobt lächelnd ihr dem Lichte nach
Und lauschtet froh der Säfte Gären,
Das süß und singend in euch sprach.

Wohl allem, was nicht siech gefallen,
Schon vor des Pflückers Griff und Schnitt,
Was nicht verdorrt aus Feuerkrallen,
Verfault aus schleim’ger Feuchte glitt,
Was, wenn es Erntehand verschmähte,
Zu jener Scholle legt ein Wind,
Die selber säte, selber mähte
Und immer Mutter war und Kind.

Was singt wie Herz mit roten Saiten,
Erglüht wie Apfels goldne Stirn
Und aufwirft über Jahresbreiten
Den Arbeitstag von Pflug und Hirn,
Das ruht einst müd‘ im Erdensinnen,
Vom Winterschneesturm ungeweckt,
Und träumt nur weißes, leises Rinnen,
Das liebend seine Spuren deckt.

Glühen, um zu sterben? – In der Tat, so sieht es Gertrud Kolmar im Übergang von der ersten zur zweiten Strophe:

Da selbst ihr Speise seid und tot. // Das aber ist, wofür ihr glühtet . . .


Glühen, um zu sterben: das ist Goethes ewiges Stirb und Werde, was zugleich ein Werde, um zu sterben ist, eine Aussage, die man nur versteht, wenn man weiß, dass der Tod nur eine andere Form des Lebens ist, ein Leben, das wir Tod nennen, weil die Zeit zwischen den Leben für uns Menschen eine black box geworden ist, in die uns unsere über Jahrhunderte gewachsene materialistische Sicht auf das Leben verwehrt, Einblick zu nehmen. Wenn wir es könnten, würden wir wahrnehmen können, was alles wir im Leben zwischen unseren Leben taten, um in unserem augenblicklichen sinnvoll tätig zu sein. Vermutlich würden nicht wenige Zeitgenossen – vielleicht auch wir – viel bewusster mit unserer Lebenszeit umgehen, die wir doch so gründlich vorbereiteten.


Uns ist ebenso die Sicht auf das Erdinnere verwehrt, wo sich träumend neues Leben vorbereitet – und die letzten Zeilen des Gedichtes verweisen genau darauf – , so wie wir in unseren Nächten von neuen Tagen träumen und sie vorbereiten. Das Gedicht Wappen von Zinna klingt in tiefem Frieden aus, wissend, dass unter dem Winterschnee etwas vor sich geht, was Joseph von Eichendorff in seiner Wünschelrute so erfasst:

Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort.
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.


Die erste Strophe besingt Wachstum und Gedeihen und erinnert an Matthias Claudius´ Erntedank-Hymnus und wir verstehen nun, warum die letzte Zeile der ersten Strophe in keinster Weise negativ zu verstehen ist.

Die zweite lässt uns das Wappen von Zinna tiefgehender verstehen und noch die erste Hälfte der dritten Strophe singt ein Loblied auf die Ernte; doch das Wohl allem des Stropenauftaktes gilt eben auch jenem, was sich im Kreislauf der Natur, ohne geerntet worden zu sein, zur Scholle legte, die nimmt und wieder gibt.

Dieses Gedicht, das zu den Preußischen Wappengedichten von Gertrud Kolmar gehört, zeigt das gewachsene Sprachbewusstsein der Dichterin, das sich bis zu dem Zeitpunkt, als sie in deutscher Sprache zu schweigen begann, bevor ihre Stimme in Auschwitz endgültig für uns Lebende verlorenging, mehr und mehr zu zeigen wusste. In den vier Strophen des in vierhebigem Jambus durchweg kreuzgereimten Gedichtes zeigen sich viele formale Mittel, seien es Anaphern, Alliterationen, Binnenreime, Dikola oder auch Metaphern, denen insofern eine hohe Bedeutung zukommt, weil an keiner Stelle von Gott dem Herrn, von dem Matthias Claudius in Wir pflügen und wir streuen zu singen weiß, die Rede ist, doch von der Hand der Sommerstille, von sonngemaltem Glanz und ew´gem Mahle. 

Wie so oft erweist es sich, dass sich eine innere Religiosität und das Wissen um unser Werden und Vergehen, um das Geheimnis von Tod und Leben, überzeugender kundtut, wenn es leise angesprochen wird, als laut und oberflächlich.

Diese weitgehend vergessene gewaltige Dichterin deutscher Sprache weiß um all dies und die ersten beiden Zeilen dieses Gedichtes teilen uns mit, wie herzinnig ihr Ausruf gemeint kann; man vermag es zu fühlen, wie sehr sie die Traubem und Äpfel des Lebens, die die Frau des Wappens hochhält, schätzt:

O Herz! O Frucht! O Zeit! O Wille!
Wie lieblich seid ihr hergereift!

Möge auch uns eine solche Wertschätzung möglich sein! 

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Augen in der Großstadt können Seelenaugen sein. Tucholsky und Kästner vermitteln die Bedeutung der Schwesterseele für unser Leben.

Die von Ernst Bender herausgegebene und v.a. als Schulbuchausgabe gedachte Gedichtanthologie Deutsche Dichtung der Neuzeit (Gedichte ab dem Mittelalter) kennt – zumindest in meiner Auflage – einen Kurt Tucholsky nicht. Die in Schulen wohl meist verbreitetste Gedichtanthologie, der echtermeyer/wiese, kennt einen Tucholsky ebenfalls nicht, van Rinsums Geschichte der deutschen Literatur in Beispielen nennt den Namen Tucholsky (aus Versehen) einmal en passent. Immerhin widmet ihm Reclams Dichterlexikon einen Artikel und in Reich-Ranickis 1000 deutschen Gedichten ist er mit dreien vertreten.

Klar, es gibt ein Leben ohne Tucholsky, in der Weimarer Republik allerdings war das undenkbar. Wer lesen konnte, kannte Ignaz Wrobel oder Peter Panter oder Theobald Tiger oder Kaspar Hauser – Namen, hinter denen sich Kurt Tucholsky verbarg – mit seinen mehr als 3000 Arbeiten in über 90 Zeitungen und Zeitschriften. Er war ein oftmals unbeliebter Spötter, Satiriker, Feuilletonist, Theater- und Literaturkritiker; er schrieb Chansons, Gedichte, Glossen und Reportagen und wandte sich mit Verve gegen die „bürgerliche Kunstduselei“ und „Salon-Unterhaltung“ – seinem Gedicht Gesang der englischen Chorknaben verdankte er 1928/29 einen Prozess wegen Gotteslästerung. Schreiben war für ihn „Zeitaufgabe“, nicht „Ewigkeitswert“. Kunst sollte für ihn „Tendenz“ sein; er war der neue Typus des hellwachen, allem Antidemokratischen sich entgegenstemmenden Schriftstellers, ein Pazifist und Antimilitarist, seine Waffe war die Schreibmaschine – umso mehr, als er im 1. Weltkrieg (er diente von 1915-1918), als man ihm ein Gewehr aushändigte, dies gegen eine Hüttenwand lehnte, wie er selbst schreibt, und wohl „vergaß“. Stets war er bereit, mit spitzer Feder auf alle möglichen Weisen zu publizieren und sein So nicht dem aufkommenden Nationalismus entgegenzuschleudern. Ab 1931 verstummte er zunehmend; 1933 veröffentlichte er zum letzten Mal. In diesem Jahr waren auch seine Bücher verbrannt und die deutsche Staatsbürgerschaft war ihm aberkannt worden. Gut, dass er schon seit 1929 In Hindås bei Göteborg lebte. Er beteiligte sich nicht mehr an den literarischen Aktivitäten der im Exil lebenden Schriftsteller. Zu seinen Atemwegs- und Lungenerkrankungen war ein Magenleiden hinzugekommen, das sicherlich zu seiner Resignation und Depression – an ihr war er schon Anfang der Zwanziger Jahre erkrankt – beitrug. Dass er Selbstmord begangen habe, gilt heute nicht mehr als gesichert. Man fand ihn am 20. Dezember 1935 im Koma liegend in seinem Haus. Es ist durchaus möglich, dass er einer fehlerhaften medikamentösen Dosierung  zum Opfer fiel. In jenem Krankenhaus, indem er schon mehrfach wegen seines Magenleidens stationär behandelt worden war, erlag er einen Tag später seinem Leiden, wenige Tage vor Weihnachten. Mag sein, dass seine so oft so scharf gewürzten und gepfefferten Worte auch den eigenen Magen zu sehr angegriffen haben; zu oft mag ihm die Galle übergelaufen sein.

In seinem letzten Brief an den nach Palästina emigrierten Schriftsteller Arnold Zweig schrieb Kurt Tucholsky:

„Das ist bitter, zu erkennen. Ich weiß es seit 1929 – da habe ich eine Vortragsreise gemacht und „unsere Leute“ von Angesicht zu Angesicht gesehen, vor dem Podium, Gegner und Anhänger, und da habe ich es begriffen, und von da an bin ich immer stiller geworden. Mein Leben ist mir zu kostbar, mich unter einen Apfelbaum zu stellen und ihn zu bitten, Birnen zu produzieren. Ich nicht mehr. Ich habe mit diesem Land, dessen Sprache ich so wenig wie möglich spreche, nichts mehr zu schaffen. Möge es verrecken – möge es Rußland erobern – ich bin damit fertig.“

Die Verbitterung und Resignation, die in seinen Worten erkennbar ist, ist auf der einen Seite verständlich und jeder von uns mag einfach nur dankbar sein, damals nicht gelebt haben zu müssen. Sie mögen aber auch sein zunehmendes Kranksein erklären, wobei man auch nicht vergessen sollte, dass er, wie schon erwähnt, bereits 1922 akut an einer Depression erkrankt war.

Einen Mann jedenfalls, der zu den bedeutendsten Publizisten und Schriftstellern der Weimarer Republik zählte, zu unterschlagen, wie es einige Wissenschaftler wiederholt taten, ist eines Germanisten und Literaturkundigen unwürdig (mit Verlaub, ich kann mir nicht vorstellen, dass dies unabsichtlich geschah). Einige seiner bekanntesten Gedichte habe ich hier in einer subjektiven Auswahl wiedergegeben; gewiss sind sie in ihrer Gesamtheit nicht vom Schlage eines Goethe, Rilke oder Heine; mir persönlich ist das egal, ich mag sie. Seine Erzählungen Rheinsberg – sie machte ihn deutschlandweit bekannt –  und Schloss Gripsholm ebenso wie einige Satiren und zahlreiche Gedichte sind auf Gutenberg nachlesbar. Wer über ihn mehr wissen möchte, lese den ausführlichen und meines Erachtens gelungenen Wikipedia-Artikel.

Anzumerken bleibt noch, dass Tucholsky aus einem jüdischen Elternhaus stammt. Er trat allerdings 1918 zum evangelischen Glauben über und kritisierte Juden und ihren mangelnden Widerstand gegen das NS-Regime deutlich. Zudem war er recht aktiver Freimaurer, gehörte zu der Berliner Loge Zur Morgenröte und war während seiner Pariser Zeit dort  in zwei Logen Mitglied. Dass er die Kirchen und ihre Rolle in der Weimarer Republik zum Teil heftiger Kritik unterzog, mag für einen Freimaurer vielleicht nicht typisch gewesen sein, es widerspricht aber auch nicht dem diesbezüglichen Engagement, das ausgerichtet war und ist auf die Verwirklichung von Tugenden und die Entwicklung der Seele. Tucholsky muss also im Grunde auch in diese Richtung hin sich orientiert haben.

Mich persönlich beeindruckt ebenfalls, wie sehr dieser Mann sich für bürgerlich freiheitliche Rechte einsetzte und frühzeitig die Gefahr durch den Nationalsozialismus erkannte, auch erkannte, dass dies kein rasch vorübergehendes Phänomen sei, wie einige glauben machen wollten.

Mich beeindruckt ebenfalls, wie viele literarische Genres er beherrschte, wie gekonnt er sich in unterschiedlichen Stilbereichen bewegte. Einfühlsam geschrieben sind Gedichte, in denen er das Verhältnis von Mann und Frau beleuchtet. Tucholsky, dessen erste Frau sich von ihm trennte, weil sie nicht, um ins Bett zu kommen, über andere Frauen hinwegsteigen wollte, wie sie schrieb, hatte im Übrigen ein durchaus modernes Frauenbild – unabhängig davon, dass er sich offensichtlich, was sein libidinöses Engagement betrifft, nicht sonderlich einschränkte; eine seiner Geliebten, die ein Buch mit dem Titel Ich war Tucholskys Lottchen veröffentlichte, hat ihn immerhin als Erotomanen bezeichnet (vielleicht war das auch vor allem die gezielte Rache einer Ex).

Eines dieser Gedichte, das mein Verhältnis zu ihm neben Der Graben mit am meisten geprägt hat, ist

Augen in der Großstadt

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
Mit deinen Sorgen:
……..da zeigt die Stadt
……..dir asphaltglatt
….im Menschentrichter
….Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider –
Was war das? vielleicht dein Lebensglück…
vorbei, verweht, nie wieder.

Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang,
die dich vergaßen.
……..Ein Auge winkt,
……..die Seele klingt;
….du hasts gefunden,
….nur für Sekunden…
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider;
Was war das? kein Mensch dreht die Zeit zurück…
vorbei, verweht, nie wieder.

Du mußt auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
……..Es kann ein Feind sein,
……..es kann ein Freund sein,
……..es kann im Kampfe dein
……..Genosse sein.
….Er sieht hinüber
….und zieht vorüber…
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider.
Was war das?
Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder.

Ich finde, wie gekonnt Tucholsky diesen einen Augenblick im Rahmen einer Alltagssituation einfängt, wie er fast wie selbstverständlich ihn erweitert auf das ganze Leben und ein Auge, das winkt, die Seele zum Klingen bringen lässt, das macht das Besondere dieses Gedichtes und seines Verfassers aus.

Wenn mich ein Gedicht anspricht, dann interessiert mich natürlich, ob sich das an einem bestimmten inhaltlichen Aspekt festmachen lässt – dazu später mehr.

Doch auch formal ist das Gedicht herausragend, wie ich finde, gestaltet. Mit am wirkungsvollsten sind die alternierenden Hebungszahlen des jambischen Metrums schon in den ersten vier Versen: der erste ist dreihebig (also mit drei betonten Silben – Wenn dú zur Árbeit géhst), der zweite zweihebig (am frúhen Mórgen) und der dritte und vierte wiederholen das. Die besondere Wirkung unterstützt, dass Vers 1  und 3 männlich enden – der Akzent liegt auf der letzten Silbe -, Vers 2 und 4 weiblich auslaufen, also auf einer unbetonten schließen.

Das zieht sich durch alle drei Strophen hindurch; dieser Rhythmus ist fast einzigartig und beeindruckt unser Empfinden erheblich, ohne dass dem Leser dies bewusst sein muss.

Es folgen vier zweihebige Verse (da zeígt die Stádt …), die ersten beiden enden männlich, die nächsten beiden weiblich.

Beeindruckend ist die Vielzahl der formalen Mittel, die einen hohen gestalterischen Willen des Autors erkennen lassen und, das sollte man nie übersehen, auch wenn man sie nicht bewusst erkennt, einen Leser beeinflussen. Jede Alliteration verstärkt die Tiefenwirkung von Worten so, wie eine Anapher einen ggf. aufmerken lässt oder eine Personfikation den wirkmächtigen Eindruck verstärken kann. Letzteres liegt beispielsweise vor in der Stadt, die zeigt (I,5), wobei das Wie durch einen Neologismus, eine Wortneuschöpfung (asphaltglatt) besondere Beachtung erhält, vor allem, da ihr Eindruck durch den A-Vokalimus verstärkt wird.

Für die folgenden Verse möchte ich vor allem auf den vorletzten der ersten Strophe verweisen – er sticht ohnehin durch seinen Fragecharakter hervor: Auf einmal findet sich ein Trochäus, die erste Silbe ist betont, es folgt durchweg betont-unbetont, betont-unbetont . . .   Dieser Trochäus ist verbunden mit jener bereits erwähnten rhetorischen Frage, in der auffallend der A-Laut dominiert und in der die W-Alliteration (Was war) das leise irritierende Moment verstärkt – Vielleicht dein Lebensglück? – eine Frage, die zu denken gibt … Die letzte Zeile, die refrainartig immer wieder auftaucht, nimmt das v von vielleicht alliterativ in vorbei, verweht wieder auf. Das klingt nach einem Hauch von Vergänglichkeit, auf den sich die Seele des Lesers kurz einstellen mag. Umso mehr überrascht diese Ausschließlichkeit der Schlussaussage: nie wieder – keine Diskussion!

 

 

 

Doch sind das keineswegs die einzigen Wirkungsmechanismen: da findet sich die den Leser einbeziehende Du-Ansprache, das anaphorisch in Zeile 3 wieder aufgenommene wenn, die parallel nachgestellten adverbialen Bestimmungen am frühen Morgenmit deinen Sorgen, die Wortneuschöpfungen asphaltglatt und Menschentrichter – letztere ist zugleich eine Metapher, ein sehr ungewöhnliches Bild, das das Zusammengepferchtsein der Menschen in der Großstadt anschaulich vermittelt -, die M-Alliterationen in Menschentrichter – Millionen, der bis ins grammatikalische Detail parallele Gleichlauf von zwei fremde Augen, ein kurzer Blick, die asyndetische, das heißt ohne Konjunktion gereihte Aufzählung (die Braue, Pupillen, die Lider) – Weiteres wurde schon angesprochen.

Es wäre falsch anzunehmen, dass nicht jedes Detail uns beeinflusst. Wenn Dir jemand begegnet und an den Kragenwinkeln finden sich zwei aufgenähte Knöpfe, registrierst Du das genauso wie die Bluse, die für Deinen Geschmack einen Knopf zu weit aufsteht und alles andere entgeht Dir nur scheinbar; in Hypnose könntest Du ziemlich sicher so ziemlich alle weiteren Details nennen. Dein Inneres entscheidet auch ohne Dein Bewusstsein, ob also die Person für Dich stimmig ist oder nicht, langweilig oder anziehend, lat. attraktiv. – So ist es auch mit einem Gedicht. Manches erschließt sich allerdings erst auf einen zweiten oder dritten Blick – das ist wie bei Menschen, die uns begegnen: mancher Langweiler entpuppt sich als ein Mensch mit Tiefgang, mancher Turbo-Typ als ein aufgeblasener Wicht.

Was mir – und ich nehme hier einen Aspekt unter einigen anderen heraus – auffällt, ist, dass auf einmal in der dritten Strophe dieses Modalverb musst auftaucht. Das nimmt für mich mit einem Schlag, verbunden mit dem Motiv des Wanderns, das doch gar nicht  zu einer Stadt passen will, alle mögliche Leichtigkeit heraus und bringt eine gewisse Schwere hinein. Verstärkt wird dies dadurch, dass diese Strophe nicht, wie die vorhergehenden, 12 Zeilen umfasst, sondern 15. – Warum z.B. erhält Was war das? auf einmal eine Extra-Zeile? Ehrlich gesagt will mir auch nicht so recht passen, dass Brauen, Pupillen und Lider als ein Stück bezeichnet werden, ein Stück Menschheit. Auch diese Aufzählung von Feind, Freund, Kampfgenosse unterstützt für mich nicht gerade eine Leichtigkeit des Seins.

Es gehört für mich zu der Charakteristik dieses Gedichtes, dass es solch einen schönen Moment enthält, dass nämlich ein Auge winkt und die Seele klingt, ein Augenblick, der sich schon in der ersten Strophe andeutete, und dass dieser Moment, obwohl in der dritten Strophe einiges Desillousionierende unterwegs ist, über das Ende des Gedichtes hinausreicht. Ein Auge, das die Seele zum Klingen bringt, das tönt in mir nach und prägt meinen Blick auf dieses Gedicht, ungeachtet eines leise anklingenden depressiven Zuges.

Das gilt umso mehr, seit ich ein Kapitel bei M.O. Aivanhov gelesen habe in seinem Buch Liebe und Sexualität, das sich dem, was in der Esoterik als Dualseele und in der spirituellen Literatur als Schwesterseele bezeichnet wird, widmet. Es ist, als ob er das Gedicht Tucholskys und Kästners auf einer erweiterten Ebene kommentieren wollte.

Das Phänomen der Dual- bzw. Schwesterseele beantwortet letztendlich die Frage, ob es tatsächlich einen Menschen gibt, der ganz allein zu mir gehört, zu einem Mann eine Frau, zu einer Frau ein Mann – für Platon gibt es noch ein zweites und drittes Geschlecht: Mann-Mann, Frau-Frau. Damit ist eine der fundamentalen Quellen angesprochen, die auf dieses Phänomen Bezug nehmen, die zweite entscheidende Quelle ist die Bibel im Rahmen der zweiten Schöpfungsgeschichte und ich vermute, es gibt auch in der Kabbala noch Bezüge zu diesem Thema.

Auffallend ist jedoch wie oft in Mythen und in der Literatur darauf Bezug genommen wird, ob in Marc Levys Sieben Tage für die Ewigkeit oder in Marion Zimmer Bradleys Die Nebel von Avalon: Definitiv ist in beiden Büchern die andere Hälfte unserer Seele ein zentrales Thema; auch Schiller nimmt auf sie in einem seiner Laura-Gedichte – Reminiszenz überdeutlich Bezug.

Zum Abschluss füge ich noch das Gedicht Kästners ein und verlinke mein Video ab jener Stelle, ab der ich auf die Thematik der Schwesterseele einzugehen beginne inclusive der Verweise auf litarische Quellen und das Nibelungenlied. Wer nur die Passage aus dem Aivanhov-Buch sich anhören möchte, der verwende die  zweite You-Tube Verlinkung (siehe unten)

  • Verlinkung inclusive der Verweise zu literarischen Quellen und dem Nibelungenlied (ab 26.42´):

  • Verlinkung ab der Aivanhov-Passage (ab 35.50´):

 

 

Fehlt noch das Kästner-Gedicht, auf dem Hintergrund des oben Geschriebenen und Gehörten ein eindrucksvolles Dokument von einem Autor, der sich sehr wahrscheinlich nie mit der oben angesprochenen Thematik auseinandergesetzt hat und doch mit seinem letzten Satz im Grunde keinen Zweifel lässt, dass auch er an diese ewige Liebe glaubt:

 

Erich Kästner
Ein Beispiel von ewiger Liebe

Im gelben Autobus ging’s durch den Ort.
Schnell hinein. Schnell heraus.
Erstes Haus. Letztes Haus.
Fort.

Hab ich den Namen vergessen?
Ob ich ihn überhaupt las?
Es war eine Kleinstadt in Hessen,
zwischen Reben und Gras.

Du standest am Gartenrand,
als du mich plötzlich erblicktest.
Zärtlich hob ich die Hand.
Du nicktest.

Darf ich nicht Du zu dir sagen?
War keine Zeit dazu,
lang um Erlaubnis zu fragen.
Ich sag du.

Ich wünschte so sehnlich,
ich stünde bei dir.
Ging dir’s nicht ähnlich?
Ging dir’s wie mir?

Der Zufall hat keinen Verstand.
Es heißt, er sei blind.
Er gab und entzog uns hastig die Hand,
wie ein ängstliches Kind.

Ich bin entschlossen, fest daran zu glauben,
daß du die Richtige gewesen wärst.
Du kannst mir diese Illusion nicht rauben,
da du sie nicht erfährst.

Du lehntest lächelnd am grünen Staket.
Es war im Taunus. Es war in Hessen.
Ich habe den Namen des Orts vergessen.
Die Liebe besteht.

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Geschändete Brüste. Lyrik kann so gnadenlos sein: Gertrud Kolmars „Die gelbe Schlange“ und „Mörder Taube“

Gnadenlos erbarmungslos war ihr Tod. Gertrud Kolmar starb auf dem Weg nach oder in  Auschwitz. Ihre Spur verliert sich nach dem Abtransport. – Es gab aber wohl etwas, was sie womöglich als noch erbarmungsloser empfunden haben mag. Es kriecht als gelbe Schlange durch ihr Gedicht und in sie hinein:.

Die gelbe Schlange

Ich war ein Mädchen auch im Traum.

Und meine Brüste lagen, helle Inseln,
Auf jeder eine kleine braune Stadt
Mit spitzem Turm
Und rot geheimer Ströme unterirdnem Rinseln.

Wann werden weiße Quellen aus den Steinen brechen?

Die Schlange zuckte
Ungesehn durch Kraut.
Ach, alle Moose, die sie grüßte,
Verrotteten.
Ihr Leib ließ eine Wüste.
Baumgrün vergilbte vor der gelben Haut.

Die gelbe Schlange kam.
Sie zog sich über Meer
Und sank in Grund,
Wo seltsam bunt und schwer
Tierblumen an verfallnen Schiffen saugen
Mit zähnelosem Mund.

Sie schlich
In meine roten Grottenflüsse ein.
Sie lächelte.
Die kleine Stadt ward krank,
Zermürbte, wich.
Ihr stolzer Wartturm sank
Tief in ein Weiches ein.

Die Insel, einmal glücklich schön
Mit Hügelkuppe und mit sanfter Bucht
Um vieler Wellen blitzendes Getön,
Hing müd in See.

Wie überreife, halbvermulschte Frucht.

Wenn es ein Zeugnis, eine Zeugin dafür gibt, wie sehr Frauen unter einer Abtreibung leiden, dann ist es Gertrud Kolmar. Ihr Kind, das nie leben durfte, taucht so oft in ihren Gedichten auf, dass man, liest man sie, aufhören möchte, diese Gedichte gesondert zu vermerken. Nicht nur, dass sie einen tief eindrücklichen Zyklus mit 33 Gedichten Mein Kind genannt hat, nein, u.a. auch in dem 50 Gedichte umfassenden Zyklus Tierträume taucht es immer wieder auf.

Es mag sein, dass der ein oder andere eine Frau kennt, die ohne große Probleme eine Abtreibung verkraftet hat. Wenn man Gertrud Kolmars Gedichte liest, weiß man, was im Unbewussten sich abspielen muss.

Am Kinn des Mörders sproßt kleines gelbes Feuer

Die Farbe gelb taucht in den Gedichten Kolmars über 70-mal auf; da ist in dem Gedicht Hexe von ginstergelbem Flüsterwind die Rede, von gelbseidenen Puppen in Spaziergang und in Ein Mädchen heißt es

Ich war der Krug, drin Rose stand
Mit Blättern, gelb wie Honigsüße

Gelb ist also keineswegs immer negativ konnotiert. Wenn es da nur nicht das gelbe Feuer des Mörders in einem Gedicht – Der Mörder – gäbe, das so herzzerreißend ist wie kaum eines, das ich jemals las, und das ab der vierten Strophe lautet:

Der Mörder kommt ja schon. Er trägt den Hut,
Einen breiten Hut mit Turmkopf, ungeheuer;
Am Kinn sproßt kleines gelbes Feuer.
Es tanzt auf meinem Leib; es ist sehr gut …

Die große Nase schnüffelt, längert sich
Zu dünnem Rüssel. Wie ein Faden.
Aus seinen Fingernägeln kriechen Maden
Wie Safran, fallen auch auf mich.

In Haar und Augen. Und der Rüssel tastet
Auf meine Brüste, nach den rosabraunen Warzen.
Ich seh‘ ihn weißlich fleischlich winden sich im Schwarzen,
Und etwas sinkt an mich und keucht und lastet –

Ich kann nicht mehr … ich kann nicht … Laß die Schneide schlagen
Als einen Zahn, der aus dem Himmel blitzt!
Zerstoße mich! Da wo der Tropfen spritzt:
Hörst du ihn »Liebe Mutter« sagen?

Hörst du – ? O still. In meinem Schoße ruht das Beil.
Von seinen Seiten brechen eibenhaft zwei Flammen;
Sie grüßen sich und falten sich zusammen:
Mein Kind. Aus dunkelgrüner Bronze, ernst und steil.

Brüste wie die Sulamiths

Eigentlich wunderbar, wie das Gedicht Die gelbe Schlange beginnt. Das Ich thematisiert sich und liebevoll werden die eigenen Brüste mit Bildern ausgestattet. Dieser Umgang mit der weiblichen Brust klingt in dieser Weise auch im Hohelied Salomos an. Da ist Gertrud Kolmar ganz Jüdin und Sulamith, die glücklichste Frau des Alten Testaments.

Doch auch in der Verwendung des Schlangensymbols ist sie ganz Jüdin. Man muss Schlange nicht zwangsläufig negativ sehen. Luzifer war keineswegs immer nur und von allen Philosophen und Theologen als das Böse gesehen. Er war es, der abstürzte, aber er ermöglicht durch diesen Engelsturz dem Menschen, als Kind Luzifers zu einer Freiheit zu gelangen, die den vorausgehenden Engelhierarchien, so überwältigend sie auch in ihrer göttlichen Größe sind, nicht möglich war und wohl auch nicht sein wird. Gleichzeitig aber macht gerade das Schicksal unserer Dichterin nicht nur durch ihren Tod  und ihr Frausein, das ich in einem künftigen Video auf meinem You-Tube-Kanal thematisieren möchte und das bei zeitgenössischen Feministinnen nur ein Stirnrunzeln hervorrufen würde, wollte sie doch keineswegs die Starke sein und gab sich mit einer Rolle zufrieden, die heute kaum noch eine Frau akzeptieren würde, darauf aufmerksam, wie unfassbar schwer dieser unser Weg, der mit Luzifer begann, mit der Schlange, war, ist  und sein wird. Diese zwei Seiten des Weges deuten sich auch in Lied der Schlange an:

. . .
Denn ich bin alt, bin vieltausendjährig,
Gepflegt und erzogen in heimlichen Riten,
Ward zauberzeugend, ward machtgebärig,
Mit Milch genährt von frommen Ophiten

. . .

Verlockt‘ ich die Toren Erkenntnis zu essen,
Ein süßeres Obst, das die Ängstlichen scheuten ?
. . .

Zugleich ist die Schlange in den Gedichten Kolmars auch in sexueller Hinsicht ein Wesen der Verführung, das sich als solches in Die Rose in der Nacht, diesem beeindruckenden Sonett, in den Haaren der reifen Frau zeigt

Sie glüht. Und ihre Haare kriechen groß
Auf blutrot dumpfen Sammet, schwarze Schlangen.
Sie neigt sich müd in duftendem Verlangen,
Die reife Frau. Und ist ein Herz doch bloß,

Ein heißes, sanftes Herz. Und birst, ein Schoß,
Der Liebe auf, den Himmel zu empfangen.
Und wird ein Antlitz mit gemalten Wangen.
Wenn Abend meerwärts fährt auf braunem Floß,

Ein Totenkauz im Düster greinend lacht,
Dann schlägt es tiefe Augen auf und wacht
Und fängt den Männertraum auf seinem Fluge.

Und sinkt schon morgen welk, am Strauch, im Kruge,
Und stand als eine Rose in der Nacht.
Die dunkelrote Rose in der Nacht.

Die Verführung durch die Schlange bringt es jedenfalls mit sich, dass aus den Steinen der kleinen braunen Stadt bald Muttermilch hervorquellen möge.

Es kam eine Taube, rosa und blaugrau, geschwebt

Doch in der Folge wird klar, welche Bedeutung der gelben Schlange zukommt. In diesem letzten Gedicht aus Tierträume thematisiert Gertrud Kolmar aus meiner Sicht den Augenblick des schicksalhaft wohl auch elterlich erzwungenen Verlustes ihres Kindes und wenn man dieses Gedicht zusammen sieht mit dem vorausgehenden Mörder Taube überschriebenen, in dem die Taube, die seit eh und je, seit Noah ein Symbol der Hoffnung und des Lebens ist, als mordendes Wesen sich zeigt, dann kommt die ganze menschliche Tragik dieses Geschehens, die sich auch in der fünfhebig daktylischen Gestaltung zeigt und schon von daher nicht einfach zu lesen ist, zum Ausdruck:

. . .

Und in meiner Mitte, da waren Ufer, war Land,
Da saß es wie Zwergenkind: Wesen, wunderlich klein;
Es grub seine Füße spielend in glitzernden Sand
Und tauchte den Finger sacht in die roten Quellbäche ein.

Ich wollte es küssen und rührte die Haut von Glas,
Die konnte ich nicht zerbrechen, weil selbst ich sie war;
Nun häufte sich Düne, und auf der Düne trieb Gras,
Wuchs hoch und dicht und grau und wucherte in mein Haar.

Es kam eine Taube, rosa und blaugrau, geschwebt
An einem bleichen Himmel. Der Himmel war nackt.
Ihr Schnabel schien mächtig, krumm und vom Blute verklebt
Der schwachen Gefährtin, der sie die Stirne zerhackt.

Und ich sah, wie es wirklich war, das lächelnde Perlglanzkleid,
Ich fand in ihm das Bild von den Tauben der Welt
Und fand aller Tauben Gier und Jähzorn und Neid.
So schwang sich der große Vogel über mein Feld.

Und wo der Halm das verborgene Kind umstrich,
Da zückte er lang sanft schimmernder Schwingen Schlag
Da sank er nieder, anmutig und fürchterlich,
Und es verging ein Blick und es verging ein Tag.

Und es verging ein Jahr. Und ich hob mich auf,
Ich rieb meine Augen, ich wußte kaum, was geschehn,
Erspähte die Inseln, suchte der Flüsse Lauf,
Das Kind, die Taube und konnte nichts mehr verstehn.

Mich haben Gedichte selten so berührt und ergriffen wie jene Gertrud Kolmars. Diese Frau, die zwar äußerlich recht unscheinbar gewesen sein muss, deren Augen aber als ganz besonders herausgehoben wurden und die von Zeitgenossen als herb und verschlossen charakterisiert wird – sie selbst hat sich eine Spartanerin genannt -, offenbart sich in ihren Gedichten auf eine Weise, die, befasst man sich näher mit ihr, unvergesslich wird. Selten ist mir eine Verstorbene so nahegekommen. Manchmal glaube ich sie beim Lesen ihrer Gedichte in unmittelbarer Nähe.

 

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„Einmal wandert Läuten durch mich hin“ – Gertrud Kolmar weiß um ihre wahre Heimat und ihre Schwesterseele.

Liest jemand an heißen Spätsommertagen Gedichte?

Eher nicht.

Aber es drängt mich, dieses Gedicht von Gertrud Kolmar dennoch zu veröffentlichen und jemandem, der doch liest, mitzuteilen. Es ist eines meiner Lieblingsgedichte von ihr; sie schrieb es in jenem poetisch für sie so fruchtbaren Jahr 1917, dreiundzwanzigjährig, und es deutet sich ihre Tiefe, die sie später u.a. in ihren Wappengedichten und dem Zyklus Welten uns zeigt, mehr als nur an. Sie weiß um eine Zeit, in der wir einmal wieder reine Seele sein werden mit all den Erfahrungen, die uns jetzt ereilen und die wir den himmlischen Mitbewohnern, die uns auf unserer Reise über die Erde so aufmerksam verfolgen, spürend, wie schwer erkauft unsere Erfahrungen oft sind, aber zugleich uns bewundernd und teilnehmen wollend, weil sie ihnen nicht vergönnt waren, seien sie Cherubim, Seraphim, Throne, Erzengel, Engel. dann mitbringen werden.

Gertrud Kolmar weiß um das Es war einmal der Märchen, das auf jene Zeit anspielt, als wir aufbrachen, und sie wiederholt diese magische Formel in ihrem ersten Wort und verwandelt in und mit ihm die Vergangenheit zugleich in eine uns erwartende Zukunft.

Sie weiß darum, dass wir eine sozusagen vertikale Schwesterseele haben – die Germanen und die nordischen Mythen nannten sie Walküren – die in ewigen Regionen sich aufhält, um unseren Weg abzusichern, weswegen sie als unverlierbarer Teil von uns, als wir abstiegen, zurückblieb.

Sie weiß auch um etwas, was wir Schwesterseele auf einer horizontalen Ebene nennen könnten, jener Teil, von dem wir uns trennten – die Bibel bezieht sich mit jener Stelle darauf, als Gott aus der Rippe Adams (was bekanntlich Mensch, nicht Mann bedeutet) die Frau erschuf -, um wirklich zu erfahren, was Liebe sei, Liebe, die wir sehnsüchtig in dem verlorenen Teil suchen und so oft nicht finden und deshalb erst wirklich wertschätzen lernen (n unseren Erdenwanderungszeiten begegnen wir in unseren vielen Leben ingesamt zwölfmal unserer Schwesterseele, so habe ich es bei Aivanhov gelesen und halte es für durchaus der Wahrheit entsprechend, und wir können so oft nachlesen, dass solche Begegnungen leider auch sehr unglücklich ausgehen können – Shakespeare hat es in Romeo und Julia abgebildet, die Volkslieder in jenem Lied von den Königskindern, Schiller in Reminiszenz, Ödon von Horvath in seinem Schaupiel Das jüngste Gericht, Marc Levy in Sieben Tage für die Ewigkeit, das Nibelungenlied in der unerfüllten Liebe Brünhildes zu ihrem wahren Mann Siegfried – die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen; selbst Nietzsche spricht in Also sprach Zarathustra von ihr: Hast du nicht die Schwester-Seele zu meiner Einsicht? Zusammen lernten wir alles; zusammen lernten wir über uns zu uns selber aufsteigen und wolkenlos lächeln . . .

Woher weiß die junge Gertrud Kolmar darum? Ich vermute, dass das in ihrer Familie gelebte Judentum dieses Wissen nicht unbedingt zuließ, vielleicht aber die Kabbala, zu der sie womöglich Zugang besaß – darüber habe ich aber keine Informationen.

Hier nun dieses wunderschöne Gedicht:

Einmal

Einmal wandelt Läuten durch mich hin,
Seelensingen – eine Glocke tönt,
Glocke, der ich reines Echo bin,
Nicht mehr Fleisch, das sündig jauchzt und stöhnt.

Bin ein Sprößling dann des grünen Baums,
Sinnbild ew’gen Werdens, ew’ger Rast,
Und mein Leib, der Rest des Menschentraums,
Steht und wartet, daß er Wurzel faßt.

Einmal bist du Trug, mein Leib, mein Stamm,
Der du heute noch mir Wahrheit heißt,
Einmal bist du tot, bist Erde, Schlamm,
Doch ich leb‘, ein Nichts, ein Alles: Geist.

Bald!

Denn schon hör‘ ich, wenn den bitt’ren Tag versüßt
Irgendwo mir eine Vogelkehle,
Liebe, ferne Stimme, die mich lautlos grüßt:
»Schwesterseele!«

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Stürz‘ deine Kniee auf die Silberstufen, / Die himmelan in steilen Türmen gehn. – Ewig, weise und erhaben: Gertrud Kolmars Mutterschaft.

Wappen von Juliusburg

In Rot über silberner Burg ein golden
beschwingtes Engelsköpfchen.

Dein Kind ist’s, Mutter! Und dein Herz laß klopfen,
Und scheuch‘ ihm ersten Schlaf mit seinem Schlag,
Wirf ihm ins Haupt den scharlachroten Tropfen,
Erzwing‘ die Leuchte seinem Lebenstag!
Stürz‘ deine Kniee auf die Silberstufen,
Die himmelan in steilen Türmen gehn.
Dein Auge zittre! Gott, den du gerufen,
Er reißt dich auf und läßt in dir sich sehn.

Die Hände leer! Kein Nehmen mehr und Schenken;
Denn was dir kommt, das will dich arm und scheu.
An deinem Bett kein Brau’n von Liebestränken
Noch Bettlergreinen kraftlos dürft’ger Reu‘,
Kein Denken, scharrend gleich geschäft’gen Hennen,
Das ängstlich sich um kleine Speise müht:
Nackt sei dein Leib und innig dein Erkennen
Der Lust, die funkelt, und der Qual, die glüht.

Heut bist du ewig, weise und erhaben,
In dir ist sel’ge Wahrheit ausgesagt,
Für dich hast du das Rätselspiel begraben,
Das vor des Todes Unbedingtsein zagt.
Die Wände zucken blau und voll Kometen,
Das Fenster flammt. Zum Berge wächst das Spind
Und neigt sich fromm dem Säugling des Propheten,
Um dessen Wiege Leu und Otter sind.

 

Vom Herbst 1927 an schrieb Gertrud Kolmar (1894-1943) an ihrem Zyklus „Das Preußische Wappenbuch“. – Die Firma Kaffee Hag hatte Werbemarken herausgegeben, die seit 1913 in deutschen Haushalten stark verbreitet waren. Gertrud Kolmar nahm sie zum Anlass, einen Gedichtzyklus mit 53 Gedichten entsprechend der Anzahl der Wappen zu schreiben. Die Gedichte nehmen die Pictura auf (die Autorin beschreibt kurz mit eigenen Worten die Darstellung der Wappen), gestalten aber sehr oft einen persönlichen Inhalt mit eigenwilligen Mythen und Bildern und einer oft auch eigenwilligen Wortwahl. – Das ´Preußische Wappenbuch´ zeigt die Dichterin auf dem Weg zu einer der Großen ihrer Zunft, die in Deutschland in Vergessenheit geriet. Reclams Dichterlexikon kennt sie ebenso wenig wie die bekannte Gedichtanthologie echtermeyer/wiese

Eines dieser Wappengedichte zeigt, wie so oft bei Gertrud Kolmar, ein Kind im Mittelpunkt, ihr Kind, das sie auf Betreiben der Eltern abtreiben musste und das sie ein Leben lang begleiten wird. Selten wird so deutlich wie bei dieser Frau, wie folgenreich eine Abtreibung sein kann, weil man einen so wertvollen Teil von sich verliert. – Gertrud Kolmar spricht eine Mutter an, die sie doch so gern selbst gewesen wäre. Dies wissend, ahnt man, wie sehr ihr diese Verse aus dem Herzen kommen und dass die Sprach- und Glaubensmacht der letzten Strophe kein Zufall ist. Sie bezieht sich auf die prophetischen Worte Jesajas (11, 6-9):

„Da wird ein kleiner Knabe Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben. Kühe und Bären werden zusammen weiden, dass ihre Jungen beieinander liegen; und Löwen werden Stroh essen wie die Ochsen. Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein kleines Kind wird seine Hand ausstrecken zur Höhle der Natter. Man wird weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land ist voll Erkenntnis des Herrn, wie Wasser das Meer bedeckt.”

Diese Christusvision möge sich erfüllen, auch wenn diese wunderbare Frau und deutsche Jüdin in Auschwitz sterben musste.

 

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Zu viele Menschen leben 2019 wie seelenlos! Gegenüber 1933 hat sich so viel nicht geändert. Gertrud Kolmar schrieb darüber schonungslos:„ Die hier umhergehn, sind nur Leiber / Und haben keine Seele mehr”

Wie sehr können die Blicke von Menschen getrübt sein, wenn ihre Augen nicht sehen wollen, was nicht sein kann, weil es nicht sein darf. Auch aktuell ist es nicht anders, zu sehen u.a. in der Gesellschaft Amerikas, die zu Teilen einen Narzissten als Präsidenten akzeptiert, ja wählt, der Menschlichkeit öffentlich mit Füßen tritt, zu sehen auch in England, wo ein großer, nie erwachsen gewordener, verlogener Bub ein Land führt, obwohl offensichtlich ist, dass er nur sich selbst liebt, in Syrien, wo vor den Augen der Weltöffentlichkeit seit Jahren Russland, Amerika und andere Nationen ein Volk vollends pulverisieren, in Griechenland, wo bekanntermaßen zum Himmel schreiende Zustände in den Flüchtlinslagern herrschen. – Auch 1933 war es nicht anders. und wir brauchen über einen Herrn C. D. Fraser, der für eine große Gruppe englischer Zeitungen das Konzentrationslager Sonnenburg besichtigen durfte, nicht die Nase zu rümpfen. Er wusste, dass dort Sozialdemokraten, Kommunisten und überhaupt Gegner der Regierung Hitlers interniert waren und weil er es nicht anders wollte, glaubte er die Mär von 1200 „Schutz”-Häftlingen und schrieb (und ich zitiere nach R. Nörtemanns Buch Sand in den Schuhen Kommender. Gertrud Kolmars Werk im Dialog):

In dem großen Hof befanden sich bei meiner Anwesenheit einige hundert Leute, einige davon marschierten mit Gesang, während ein anderer Teil sich mit Spielen unterhielt. Alle waren sie ganz bei der Sache, die sie sehr zu lieben schienen. „Wie ist ihr Name?” fragte ich einen […]. – „von Ossietzky.” Der Kommandannt erklärte mir, dieser Mann war früher der Herausgeber der „Weltbühne”. „Ich bin kein Kommunist”, erklärte mir der Gefangene. „Ich bin Sozialdemokrat und habe meine Meinung nicht geändert.” Viele der anderen Gefangenen jedoch gaben zu, daß ihre frühere kommunistische Idee vollkommen falsch war und dass, wenn sie jetzt frei kommen, sie sich nicht mehr mit Politik befassen werden.

Das Einzige, was Frazer zu bemängeln hatte, war, dass nicht jeder Gefangene Arbeit fand. Weil manche unter den Augen der Wächter ganz offen zugaben, dass sie früher Kommunisten gewesen seien, war das für ihn der beste Beweis, „Dass alles Gerede von Terror in den Konzentrationslagern leeres Gerede ist.”

Scheinbar funktioniert heute Berichterstattung besser, aber offen angesprochen wird nach wie vor nicht, wie es sein kann, dass es auf unserer Erde so vielen Menschen so liederlich geht und warum einige wenige diesen üblen Lauf der Welt zu bestimmen vermögen. Die Menschheit kuscht nach wie vor der „Wahrheit“ einiger weniger.

Die hier umhergehn, sind nur Leiber

Wenige Tage zuvor war Gertrud Kolmars Cousin Georg Benjamin, deutscher Kinderarzt und später in Mauthausen liquidiert, der bereits seit April 1933 wegen illegaler Tätgkeit für die Kommunistische Partei Deutschlands in „Schutzhaft” genommen und in die Strafanstalt Plötzensee verbracht worden war, in das KZ Sonnenburg überführt worden, als sie am 17. September 1933 den oben auszugsweise zitierten Bericht Frasers, der auch im Berliner Tagblatt stand, las. Daraufhin schrieb sie ihr im fünfhebigen Jambus – ungewöhnlich die Reimfolge abaab – verfasstes Gedicht „Im Lager”, und gab damit zu erkennen, dass, wer wissen wollte, wissen konnte, was abläuft und wie es den Menschen geht; man braucht, wie auch heute, eigentlich nur hinzuschauen und kommt zu dem Schluss:

Die hier umhergehn, sind nur Leiber
Und haben keine Seele mehr,
Sind Namen nur im Buch der Schreiber,
Gefangne: Männer. Knaben. Weiber.
Und ihre Augen starren leer (schwer)

Mit bröckelndem, fallnem Schauen
Auf Stunden, da in düstrem Loch
Gewürgt, zertrampelt, blindgehauen
Ihr Qualgeächz, ihr Wahnsinnsgrauen,
Ein Tier, auf Händ und Füßen kroch . . .

Sie tragen Ohren noch und hören
Doch nimmermehr den eignen Schrei.
Die Kerker drücken ein, zerstören:
Kein Herz, kein Herz mehr zum Empören!
Der feine Wecker schrillt entzwei.

Sie mühn sich blöde, grau, entartet,
Von buntem Menschensein getrennt,
Stehn, abgestempelt und zerschartet,
Wie Schlachtvieh auf den Metzger wartet
Und dumpf noch Trog und Hürde kennt.

Nur Angst, nur Schauder in den Mienen,
Wenn nachts ein Schuß das Opfer greift . . .
Und keinem ist der Mann erschienen,
Der schweigend mitten unter ihnen
Ein kahles Kreuz zur Richtstatt schleift. –

Zeilen wie die der zweiten und vierten Strophe findet man in der deutschen Lyrik in ihrer Art und Weise, sprachlich auf die Realität zuzugreifen, selten; da finden sich bisher nie geschriebene Worte wie Qualgeächz (II,4) oder zerschartert (III,4), in der dritten Zeile der zweiten Strophe eine Partizip-Perfekt-Klimax – alles ist so perfekt  und schon geschehen -, mithin eine Steigerung unsäglicher Geschehnisse (Gewürgt, zertrampelt, blindgehaueneinfach bitte vorstellen!), die unmenschlicher kaum sein kann. Und Ohren, die nicht mehr hören, Körper ohne Seelen, die Doppellung von kein Herz und Menschen, die wie Schlachtvieh auf den Metzger warten – das ist kaum in seiner bildhaften Gewalt überbietbar.

Das Üble ist nur, wenn man die Realität unserer Tage anschaut: die Mehrheit der Menschen hat nichts dazugelernt; die offensichtliche Wirklichkeit wird weiterhin nicht ernst genommen; allein die Berichte aus den Lagern von Syrien und Griechenland sind eigentlich unerträglich.

Es gibt aber Gott sei Dank ein paar mehr, die sich wehren, allen voran diese Tapferen – vor allem sind es junge Menschen – in Hongkong, die bereit sind, sich zusammenschlagen zu lassen und zum Dank von den sattgefressenen und selbstgefälligen Politikern dieser Welt nicht unterstützt werden – von den Kirchen ganz zu schweigen, die mit ihrem Vermögen, ihren Hunderten von Milliarden Euro/Dollar, beschäftigt sind, die sie den Flüchtlingen und Armen dieser Welt vorenthalten, um die Gebote ihres Goldenen Kalbes zu erfüllen.

In den letzten Zeilen spielt Gertrud Kolmar auf Jesus an und diese bitteren Zeilen sind wohl ziemlich sicher zurückzuführen auf die Kollaboration der Kirchen mit den Nationalsozialisten – wobei es mutige Ausnahmen unter Priestern und Pfarrern gab, so wie es heute noch Menschen gibt (Angela Merkel, die maximal mal das Gesicht verzieht, nutzt ihre Möglichkeiten nicht im geringsten), die sich gegen die Trumps, Johnsons, Xi Jinpings und Putins dieser Welt stemmen.

 

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„Was war ich? Kleines Weiberwesen, Unrast und Beschwerde, / Das Zündholz, das sich einer strich.“ – Verse einer großen Unbekannten.

Bittere Worte einer zutiefst verletzten Frau, Gertrud Kolmar, die – kaum mehr als zwanzig Jahre alt – einen Offizier kennenlernte, den sie unendlich liebte und ein Kind von ihm unter dem Herzen trug, das sie auf Druck der Eltern abtreiben lassen musste, ein Trauma, das sie ihr Leben lang nicht überwand. Jener Name, von dem im folgenden Gedicht die Rede ist, war wohl der Name ihres nie geborenen Kindes; sie wusste ihn wohl schon; doch nicht von ungefähr blieben die Vögel fern.

Das Leben dieser für mich großen Dichterin endete in Auschwitz 1943, und sie gehörte wohl zu jenem Transport, von dem ein Gutteil fast unmittelbar nach der Ankunft vergast wurde.

Wie groß ihre Liebe zu besagtem Offizier war, aber auch, wie sie – die, für mich nicht nachvollziehbar, sehr unbekannt geblieben ist, geboren wurde sie 1894 in Berlin – , so leidenschaftlich lieben und schreiben konnte, wird in Du offensichtlich, ein Gedicht, das wohl ihrem nie geborenen und deutlich am Ende der vorletzten Strophe angesprochen Kind gilt:

.

Du. Ich will dich in den Wassern wecken!
Du. Ich will dich aus den Sternen schweißen!
Du. Ich will dich von dem Irdnen lecken,
Eine Hündin! Dich aus Früchten beißen,
Eine Wilde! Du. Ich will so vieles –
Liebes. Liebstes. Kannst du dich nicht spenden?
Nicht am Ende des Levkojenstieles
Deine weiße Blüte zu mir wenden?

Sieh, ich ging so oft auf harten Wegen,
Auf verpflastert harten, bösen Straßen;
Ich verdarb, verblich an Glut und Regen,
Schluchzend, stammelnd: >>. . . über alle Maßen . . .<<
Und die Pauke und das Blasrohr lärmten,
Und ich kam mit einer goldnen Kette,
Tanzte unter Lichtern, die mich wärmten,
Schönen Lichtern auf der Schädelstätte.

Und ich möchte wohl in Gärten sitzen,
Auch den Wein wohl trinken aus der Kelter,
Doch die Lider klafften, trübe Ritzen,
Und ich ward in Augenblicken älter.
Und auf meinen Leichnam hingekrochen
Ist die Schnecke träger Arbeitstage,
Zog den Schleimpfad dünner grauer Wochen,
Schlaffer Freude und geringer Plage.

In den Wäldern bin ich umgetrieben.
Ich verriet den Vögeln deinen Namen,
Doch die Vögel sind mir ferngeblieben;
Wenn ich weinte, zirpte keiner: Amen.
Und die Scheckenkühe an den Rainen
Grasten fort mit seltnem Häupterheben.
Da entfloh ich wieder zu den Steinen,
Die mir dieses Kind, mein Kind nicht geben.

Einmal muß ich noch im Finstren kauern
Und das Göttliche zu mir versammeln,
Es beschwören durch getünchte Mauern,
Seinem Ausgang meine Tür verrammeln,
Bis zum bunten Morgen mit ihm ringen.
Ach, es wird den Segen nimmer sprechen,
Nur mit seinem Schlag der erznen Schwingen
Diese flehnde Stirn in Stücke brechen…

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Wie sehr das im Schlussvers der vorletzten Strophe erwähnte Kind sie mitnimmt und nie loslassen wird, wird noch in einigen anderen Gedichten deutlich, u.a. in Wahn:

Die Nacht steht draußen und die Wiege leer.
Und die sie schaukelt, eine bleiche Frau,
Trägt Strähnenhaare, schwarz und zäh wie Teer.
Vor ihrem Herzen ballt sich Grau zu Grau:

Der Tisch, das Bett, der Schrank und was da ist,
Der Tag, der Wald, die Liebe, was da war,
Das raschelt leicht und trocken wie Genist
Entflognen Spötters vom vergangnen Jahr.

Der Wiegebogen taumelt her und hin;
Sie klammert ihn mit nacktem Fuß und haucht
Ein Schlummerlied, das müde, ohne Sinn
Und ohne Hall in Schattenwasser taucht.

Sie hegt ein Kindlein, das vielleicht schon starb,
Und nickt dem Kindlein, das sie nie gebar;
So lieblich war es, weiß und nelkenfarb,
Mit Silbergrannen dicht im Roggenhaar.

Es hat mit soviel Freundlichkeit und Licht
Ihr einsam armes Leben ganz verwirrt;
Sie schaut es immer an und sieht es nicht
Und zittert, wenn der barsche Frost erklirrt,

Am Fenster rüttelt, wenn der Wächter bellt,
Den gelben Mond ein fernes Käuzchen höhnt,
Beschwichtigt murmelnd ihre kleine Welt
Und rührt die Klapper an, die beinern tönt…

Die Nacht steht drinnen und die Wiege leer.
Und die sie hütet, eine irre Frau,
Löst Seidenhaare, wallend wie das Meer
Und duftend, dunkel hyazinthenblau.

 

mehr von ihr: hier

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