Von Christian Wagners „Ostersamstag“ zum „Nürnbrechter Auferstehungslied“: Auferstehen werd auch ich!

Es gibt Leben, die währen einen Ostersamstag lang. Auch um sie weiß das Gedicht Christian Wagners, dieses alle Pflanzen und Tiere liebenden Dichters aus Warmbronn, nahe Leonberg, der dem Nachbarn, wiewohl selbst nicht gerade betucht, Vieh abkaufte, damit es nicht geschlachtet werde.

Kurt Tucholsky hat über ihn geschrieben:


(…) er fühlte die tiefe Zusammengehörigkeit zwischen Tier, Mensch und Pflanze, Stein und Stern. Und er liebte das alles. … Er war dogmenlos fromm. … Er war allerdings ein Landmann; er hat die Natur gekannt, aber das Hälmchen war ihm kein Anlaß, ‚Duliöh!‘ zu schreien oder ein knallig angestrichenes Gemüt leuchten zu lassen. Er war ein in sich gekehrter Künstler und wohl wert, daß wir ihn alle läsen und verehrten.

 Auch sein Gedicht Ostersamstag ist wert, gelesen zu werden, weil es über einen Tag spricht, der noch nach so vielen Jahren dem Seelenzustand der Menschheit 2021 gleicht:

Wie die Frauen
Zions wohl dereinst beim matten Grauen
Jenes Trauertags beisammen standen,
Nicht mehr Worte, nur noch Tränen fanden.

So noch heute
Stehen, als in ferne Zeit verstreute
Bleiche Zionstöchter, Anemonen
In des Nordens winterlichen Zonen.

Vom Gewimmel
Dichter Flocken ist ganz trüb der Himmel.
Traurig stehen sie, die Köpfchen hängend,
Und in Gruppen sich zusammendrängend.

Also einsam,
Zehn und zwölfe hier so leidgemeinsam,
Da und dort verstreut auf grauer Öde,
Weiße Tüchlein aufgebunden jede.

Also trauernd,
Innerlich vor Frost zusammenschauernd,
Stehn alljährlich sie als Klagebildnis
In des winterlichen Waldes Wildnis.


Warum ziehen diese Zeilen sicherlich nicht wenige Menschen sogleich und so sehr in ihren Bann?
Wir wissen, dass in Mythen und Gedichten Frauen und das Weibliche für die Seelen der Menschen stehen und diese, auch unsere Seelen, darum wissen, dass es Situationen gibt und Zeiten, in denen uns Worte fehlen und nur noch Tränen sprechen. 

Wir alle sind diese Töchter Zions.

Aber die Verse ziehen auch in ihren Bann, weil da einer schreibt, der ein Meister seines Faches ist und so sehr darunter zu leiden hatte, dass über viele Jahre er kaum jemanden fand, der das erkannte (wenn ich mich recht entsinne: seine erste Gedicht-Sammlung veröffentlichte er mit 50 Jahren und finanzierte sie selbst). Und wäre nicht Hermann Hesse gewesen, der sich rührend darum kümmerte, dass er für seine Gedichte einen Verleger fände – die Briefe, die sie sich schrieben, sind überliefert und zeugen von großer gegenseitiger Hochachtung -, wer weiß, vielleicht wüssten heute noch weniger Leute von ihm, als es eh der Fall ist.

In einem Brief vom 19. September 1911 schrieb Christian Wagner an den schon berühmten Dichterkollegen: 

„(…) daß ein Bauer sich anmaßt Sonette zu schreiben, in Hexametern zu dichten, – das grenzt an Gotteslästerung. – Was raten Sie mir“?


In des winterlichen Waldes Wildnis

Seine Meisterschaft zeigt sich von Beginn an:

„Wie die Frauen“: die erste Zeile im zweihebigen Trochäus gefasst, und die wenigsten werden wohl das Wort erwarten, das – durch den Zeilensprung noch leise vorenthalten – dann folgt, auch nicht erwarten, wie es rhythmisch weitergeht mit Zeilen im fünfhebigen Trochäus, nicht von jenen Töchtern Zions berichtend, die aufjauchzen und sich freuen, wie wir sie aus dem Adventslied kennen, nein, es sind jene, die Anemonen gleichen, im Schneetreiben stehend, über sich den trüben Himmel.

Manchmal fühlen Menschen mehr mit, wenn sie den Anderen als Blume wahrnehmen. 

Womöglich fühlen sie dann in solcher Gestalt auch tiefer sich selbst.
Christian Wagner wusste darum. 
Ein Grund, warum so eindrucksvoll immer wieder Blumen im Mittelpunkt seiner Gedichte stehen.

Die ersten Verse jeder Strophe lesen sich, hintereinandergereiht, wie eine inhaltliche Zusammenfassung, und es gibt den Ostersamstag und seine Atmosphäre wieder, dass wir als letzten Auftakt finden: „Also trauernd“.

Da ist etwas gestorben, eine Zeit ist zu Ende gegangen, und die Töchter Zions wissen nicht, was auf sie zukommt.
Und es ist jemand gestorben, um den sie trauern.

Auch den Menschen dieser Tage geht es so.

Von Christus spricht kaum jemand.

Das Gedicht endet mit eindrucksvollen Alliterationen. 
Unser Seelenwald muss keineswegs eine Wildnis sein. Hier aber ist es so. 
Es ist winterlich, obwohl doch Ostern meist den Frühling ankündigt.

Des von mir so verehrten Bauerndichters Verse berühren, weil sie mehr, als wir es vielleicht wahrhaben wollen, dieser unserer Zeit entsprechen. 
Die Welt scheint mitten im Winter, viele Menschen gleichen bleichen Zionstöchtern. Ein Virus hat sie im Griff. 
Von Christus spricht kaum jemand. 

Ein innerer Ostersonntag scheint weiter weg denn je und ja, es wäre gut, wenn die Töchter Zions weniger Worte fänden; dann würden sie vielleicht nicht ständig nur über das eine Thema reden, nur über Impfen und Lockdown und eine große Müdigkeit, die die Seelen der Menschen erfasst. 

Manchmal ist Schweigen notwendig, damit die Seele neue Worte finden kann, bisher nie gesagte Worte.
Über Nacht, in der Nacht von Ostersamstag auf Ostersonntag kann so viel geschehen. Vor allem, wenn wir schweigen.
Was dann möglich ist?

Auferstehen werd auch ich!

Ich sehe den 10-jährigen Johannes in der Kirche sitzen, die die 17 Jahre seiner Frankfurter Kindheitszeit begleitet. Zunächst war sie eine Baracke, die Ersatz dafür war, was der Krieg zerbombt hatte. 

Doch die Kindergottesdienste vergisst er nie, wenn der Pfarrer Gottwald, immer als Belohnung, wenn wir seinen Bibelworten brav zugehört hatten, zum Abschluss seine Abenteuer-Fortsetzungsgeschichten erzählte. Auf dem provisorischen Altarpodest sehe ich ihn vor mir; ich glaube, er war selbst ganz gebannt davon, wie er erzählen konnte.

Dann wurde erfolgreich für den Wiederaufbau gesammelt, auch für die neue Orgel.
Noch heute sehe ich mich auf der Längsseite der Empore sitzen, als ich zum ersten Mal in der neuen Kirche den Ostersonntag-Gottesdienst erlebte, die neue Orgel fest im Blick. 

Zum Abschluss spielte der Organist, zugleich Leiter des Posaunenchores, in dem ich später dann mitspielte und der mir schon deshalb unvergessen ist, weil ich einmal seinem Vater, der neben mir Waldhorn spielte, den Gummipfropfen des Notenständerfußes, der sich unglücklicherweise von jenem gelöst hatte und so einfach auf dem Boden lag, in den Schalltrichter seines Waldhorns beförderte, so dass er minutenlang zu seinem Entsetzen keinen Ton mehr herausbrachte und ich dann auch nicht, weil die Situation immer dramatischer wurde … 

Zum Abschluss jedenfalls spielte der Organist ein Lied, das ich noch heute höre.

Es ist als Nürnbrechter Auferstehungslied bekannt, wahrscheinlich von dem damaligen Pfarrer Ernst Hermann Thümmel ins oberbergische Nümbrecht gebracht.

Seine erste Strophe lautet:

Auferstanden, 
auferstanden ist der Herr, 
und im ewgen Lichtgewande der Verklärung wandelt er
Und im ewgen Lichtgewande der Verklärung wandelt er.

Die folgenden Strophen waren für mich, seitdem ich sie recht schnell auswendig kannte – und sind es bis heute – immer so eindrücklich, weil sie so bildmächtig waren und sind:

Hocherhaben, 
über Sternen glänzt sein Thron, 
freundlich spendet er uns Gaben, ist der Seinen Schild und Lohn. 
Freundlich spendet er uns Gaben ist der Seinen Schild und Lohn!

Keiner bebe! 
Der Erhöhte ruft uns zu:
ich war tot und sieh ich lebe; leben, leben sollst auch du
Ich war tot und sieh ich lebe; leben, leben sollst auch du.

O ihr Gräber, 
nein vor euch erbeb ich nich
weil des edlen Lebens Geber euch erhellt mit seinem Licht.
Weil des edlen Lebens Geber euch erhellt mit seinem Licht.

Ich weiß noch, dass ich an jenem Sonntag in kurzen Hosen auf dieser Empore saß, mit Kniestrümpfen und Sandalen an den Füßen.
Und dass ich nicht zum Mitsingen kam, weil ich die Töne der Orgel in mich aufsog.
Diese neue Orgel – ich meine, das alte Harmonium, immer von Pfarrer Gottwald selbst gespielt, konnte da nicht mehr mithalten: was sie für Töne hervorbrachte … ich war einfach hin und weg.
Die Pause zwischen der vierten und fünften, der abschließenden Strophe dauerte ein paar Sekunden länger, denn der Organist zog, was ich so sah, in möglichster Blitzesschnelle an verschiedenen Hebeln.
Dann kam es wie ein Brausen vom Himmel.
Eine Orgel kann wirklich brausen.
Die Töne durchfluteten jeden Stuhl und jeden Stein des neuen Kirchengebäudes und ja – heute würde ich denken, die Orgel war für diese Kirche etwas überdimensioniert: die Mauern bebten wirklich. Ich bekam fast ein wenig Angst.
Ich vergesse dieses Brausen, dieses Fluten der Töne und dieses Beben nie und auch deshalb tönt noch heute diese letzte Strophe immer wieder in mir:

Auferstehen,
auferstehen werd auch ich 
und den Auferstandnen sehen, wenn er kommt und wecket mich.
Und den Auferstandnen sehen, wenn er kommt und wecket mich.

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Der Hüter der Schwelle: seelisch-geistige Instanz in uns und literarische Realität in Kafkas ´Türhüterlegende´

In einem früheren Post auf meinem Methusalem-Blog habe ich einen mehr germanistisch-geisteswissenschaftlichen Blick auf Kafkas Türhüterlegende geworfen und sie ausführlicher in den Kontext des Werkes, in dem sie sich findet, den Prozess, gestellt; wer sich also diesbezüglich genauer informieren möchte, möge das hier tun.

Im folgenden Post nun soll es um einen spirituell-geisteswissenschaftlichen Blick gehen, in dessen Mittelpunkt der Türhüter steht als einer seelisch-geistigen Wesenheit, im Übrigen ein guter Bekannter von uns, denn wir begegnen diesem Hüter der Schwelle jede Nacht beim Einschlafen – davon später mehr – und in unseren Leben zwischen den Leben. Allerdings tritt er im Dieseits in der Regel, wenn dieses Auftreten für uns bewusst geschieht, auf eine Weise auf, die uns unvergesslich ist. Etliche mythische Gestalten können ein Lied davon singen, Siegfried z.B., dem er als Drachen begegnet, oder auch Gawan, Ritter der Tafelrunde und im Parzival Wolfram von Eschenbachs Alter Ego des gleichnamigen Protagonisten.

Wolfram hat bekanntlich in seinem Gralsepos zu einem genialen Verfahren gegriffen:
Das Doppelwesen, das jeder Mensch ist, gespalten, so möchte ich formulieren, in das niedere Selbst und jenes, das den geistigen Weg zum Höheren Selbst anstrebt – beide finden wir auch in den zwei Seelen der Brust des Faust angesprochen – hat er auf zwei Personen verteilt. Gawan nun kommt der Part zu, gegen das niedere Selbst zu kämpfen, Parzival aber kämpft um sein Höheres Selbst, ein Weg, der ihn schlussendlich zu Trevrizent und seiner Karfreitagseinweihung führt. Gawan aber muss auf seinem Weg, der ihn im Minnedienst einer scheinbar recht zwielichtigen Frau namens Orgeluse auf ein Zauberschloss namens Schastelmarveil führt, übermenschliche Gefahren überstehen; dazu gehört u.a., dass er von jeweils 500 Armbrüsten und Steinschleudern beschossen und verwundet wird und schlussendlich mit einem Löwen kämpfen muss, der von ihm besiegt wird, aber ihn auch, am Ende seiner Kräfte, ohnmächtig auf seinem Schild zusammenbrechen lässt.
All dies sind natürlich Bilder für ein seelisch-geistiges Geschehen, so wie Parzival beispielsweise eine Gestalt unseres Inneren repräsentiert, die auf dem Weg zu einer bestimmten Bewusstseinsstufe ist, die im Übrigen bis heute nur Menschen erreicht haben.

Erklärend einfügen möchte ich ebenfalls noch, dass das sogenannte niedere Selbst alle unsere wenig bearbeiteten Triebe, Wünsche und Begierden repräsentiert – sie finden sich auf der sogenannten astralen Ebene, einem seelischen Bereich -, denen vor allem die Menschen ausgeliefert sind, die dem materiell-physischen Dasein unreflektiert gegenüberstehen und an keine höhere Instanz im Menschen und im Kosmos glauben und, wenn sie an mehr glauben, annehmen, es gäbe da vielleicht einen Gott und noch ein paar Engelchen. In der Tat ist es allerdings so, dass es neun große kosmische Entwicklungsstufen gibt, entsprechend den Engelhierarchien, der Mensch nun aber die zehnte ist und insofern einmalig, als er unter diesen Stufen die erste darstellt, die die Möglichkeit beinhaltet, sich von allem bisherigen abzuwenden, Nein zu Gott und den Mächten des Alls sagen zu können und wie Faust einen Pakt zu schließen mit dem sogenannten Bösen ( Menschen tun das seit dem sogenannten Sündenfall ohnehin unbewusst). So allerdings, wie viele Menschen, vor allem auch traditionelle Christen das Böse sehen, gibt es das nicht; es ist im Grunde genauso vielschichtig wie die sogenannten guten Kräfte.
Wer als Mensch sich diesem Wissen öffnet und den geistigen Pfad betritt, beginnt mit der Zeit, die Materie zu durchschauen, starrt nicht mehr wie Sisyphos auf den Stein, den jener die ganze Zeit auf den Berg wuchtet, damit er dann kurz vor dem Gipfel wieder herunter ins Tal donnert, sondern durchschaut ihn, schaut gleichsam durch ihn hindurch und vermag den Gipfel des Berges zu sehen, wo sich die seelisch-geistige Lösung seines Dilemmas zeigt gemäß dem Bibelwort des Psalmisten:“Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von denen mir Hilfe kommt.“
Er beginnt damit, den Sinn des materiell-physischen Daseins zu erkennen.

Auf diesem geistigen Weg nun begegnet an einer bestimmten Stelle der Mensch ganz bewusst dem Hüter der Schwelle, der, bis es soweit ist, die Aufgabe hat, ihn zu bewahren vor Erkenntnissen, die er nicht verkraften würde und die er auch nicht haben darf, bevor er nicht die wirkliche Reife hat, einen notwendigen Entwicklungsschritt zu gehen; im Rahmen dieser Entwicklungsstadien ist der Mensch in Wahrheit kaum wirklich frei zu nennen; er bildet sich ein, es zu sein, weiß allerdings nicht um die vielfältigen seelisch-geistigen Einflussnahmen von Kräften, um die er nicht kennt, die C.G. Jung dem sogenannten kollektiven Unbewussten zuordnete.
Deshalb nun verliert der Mensch beim Einschlafen sein Bewusstsein, deshalb inkarniert er auf der Erde und weiß von allem vorherigen Geschehen nichts, weiß nichts von seiner Anreise durch die Planetensphäre und weiß auch nichts davon, dass mit den Menschen, denen er hier begegnet – zumindest mit jenen, die in seinem Leben eine Bedeutung haben – er in der jenseitigen Welt schon Kontakt hatte, weshalb uns manche Menschen, denen wir im Leben begegnen, wie gute Bekannte vorkommen. Natürlich spielt in diesem Zusammenhang das sogenannte Karma eine wichtige Rolle; meistens aber sehen das Menschen viel zu trivial. Sein Beginn hat mit dem sogenannten Sündenfall der Bibel zu tun, jenem Zeitpunkt, ab dem das physische Dasein der Menschen überhaupt erst begann; zuvor waren wir Menschen rein geistige Wesen; in den verschiedenen Kulturen haben sie verschiedene Namen; im Jüdischen wird dieser ursprüngliche Geistmensch beispielsweise Adam Kadmon genannt.

Wolfram von Eschenbach hat in dem Kampf Gawans auf Schastelmarveil die Dimension des Kampfes mit dem Hüter der Schwelle bildhaft und zugleich in seinem Ausmaß sehr realistisch dargestellt, denn es kann, abhängig davon, wie vorbereitet der Einzelne in diese Begegnung hineingeht, ein (geistiger) Kampf auf Biegen und Brechen, auf Leben und Tod sein; die Begegnung aber kann auch sehr friedlich verlaufen, wenn der Mensch sich geistig auf dieses Zusammentreffen vorbereitet. Es ist allerdings ein langer Weg bis dorthin und mehr als ihm lieb ist, muss der Mensch lernen, geduldig und demütig zu werden und zu sein. Immer wieder kann es auch geschehen, dass ein Mensch in den Besitz geistiger Fähigkeiten kommt, aber charakterlich und moralisch nicht entsprechend entwickelt ist. Das hat nicht nur für seine Umgebung negative Folgen, weil er andere entsprechend beeinflusst, sondern vor allem für ihn und seine weiteren Leben.

Zu einem vergleichbaren Verfahren bezüglich der Personenaufteilung wie Wolfram hat im Übrigen auch Michael Ende in seiner Unendlichen Geschichte in den Gestalten von Bastian und Atréju gegriffen.

In der Legende Kafkas – der Text findet sich im Folgenden – kommt es nicht zu einer existentiellen Auseinandersetzung mit dem Hüter, weil der Mann vom Lande den Kampf nicht annimmt, sondern sich mit der geistigen Herausforderung auf seine Weise arrangiert. Erst als es zu spät ist, erkennt er, welche einmalige Möglichkeit er ausgelassen hat. 

Kafka – er lebte von 1883 bis 1924 – hat seine Legende geliebt – er hat diese Bezeichnung selbst gewählt – und sie gern auch in kleinem Kreis vorgelesen, was umso bedeutungsvoller ist, als er den überwiegenden Teil seines Werkes testamentarisch der Vernichtung überantwortet hat (sein Nachlassverwalter Max Brod hat sich nicht daran gehalten). Auch wenn er das Kampfgeschehen, das für fast jeden Menschen im Rahmen der Auseinandersetzung mit dem Hüter der Schwelle auf der geistigen Ebene stattfindet, im Grunde nicht als solches gestaltet, so vermittelt die Parabel eindrücklich, dass hier ganz Besonderes auf dem Spiel steht.
Kafkas Blick auf das Geschehen ist insofern fast einmalig, weil die Tatsache, dass es Menschen gibt, die sich auf einen Schemel setzen und mit der Situation arrangieren, wohl kaum einmal in diesem Zusammenhang und mit diesem Ende literarisch so eindrücklich zur Darstellung gebracht worden ist. Die Gefährdungen im Übrigen, die für den, der den geistigen Weg ernsthaft geht und nicht kneift, wie das der Mann vom Lande tut, haben neben einigen anderen Goethe in seiner Faustgestalt und Michael Ende mit dem Weg Bastians in der Unendlichen Geschichte eindrücklichst gestaltet.

Kafkas Gestaltung ist für uns insofern wichtig, als die derzeitige Pandemie für die Seele der einzelnen Völker bzw. Nationen auf jener Ebene, auf der Erzengelwesen bekanntlich geistige Führer sind, in gewisser Weise dem Kampf mit dem Hüter der Schwelle gleichen könnte, zumal auch allen beteiligten Menschen auf ihrer Ebene vor Augen treten mag, wenn sie es denn zulassen, woran es ihnen seelisch-geistig mangelt; zu wenig bemühen sie sich um eine geistige Sicht der Dinge, denn diese Pandemie hat, wie alles im Leben der Menschen und wie alles kosmische Geschehen geistige Ursaschen.
Deshalb wird die pandemische Herausforderung entscheidend für die Entwicklung von Völkern und Nationen bis zum Ende der fünften von Steiner so bezeichneten Kulturstufe hin sein, die um 1450 begann und ein platonisches Jahr dauert, also bis gegen 3700 n.Chr., und mit dem Kampf aller gegen alle, wie er in der Bibel vorausgesagt ist, endet (Matth. 24, 7+21).

Es scheint so, dass die Völker und Menschen dieser Erde das Verfahren des Mannes vom Lande wählen: auf der seelisch-geistigen Ebene die Angelegenheit aussitzen, Schritte, in das Gesetz zu gelangen, unternehmen, die der Hüter aber nicht ernst nehmen kann; im Grunde innerlich unbeweglich bleiben.

Die Bewusstseinsseele, im Steinerschen Denken die höchste Seelenstufe vor dem Eintritt in entwickeltere Seelenstufen, beginnend mit der Imaginationsseele, hat eine wesentliche Prüfung zu bestehen, und für unseren Bereich, für Deutschland, scheint diese Prüfung auf einen unguten Ausgang zuzusteuern, wenn sogar Anthroposophen, was ich beobachtet habe, kaum in der Lage sind, in eine geistige Auseinandersetzung mit dem Virus zu gehen, sondern in dem von jenem inszenierten Lärm durch eine physisch-materielle Sicht auf die Pandemie, die eine geistige Sicht sehr erschwert, erheblich mitlärmen. 
Ohne dass eine bestimmte Anzahl von Menschen die seelisch-geistigen Ursachen nicht wirklich versteht, wird sie nicht zu einem Ende kommen können. Und wenn sie es doch tut, kommt ein weiteres vergleichbares Geschehen.
Sicher scheint mir zu sein, dass eine Ursache der Pandemie der Umgang des Menschen mit der Tierwelt ist. Viren können auf der geistigen Ebene Reflexe für die über Jahrhunderte sich hinziehenden schrecklichen Quälereien des Menschen im Hinblick auf die Tierwelt sein. Obwohl Tiere einen anderen Entwicklungsweg gehen als Menschen, ist Letzterer doch über bestimmte seelische Ebenen – unter anderem die astrale – mit ihnen verbunden.

Die Türhüterlegende

Für jene, die sie noch nicht gelesen haben oder noch einmal lesen wollen – hier zunächst aus dem Kapitel Im Dom der entsprechende Auszug schon gegen Ende des von Kafka nicht endgültig in eine Form gegossenen und deshalb als Romanfragment bezeichneten Werkes Der Prozess:

Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, dass er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er also später werde eintreten dürfen. „Es ist möglich“, sagt der Türhüter, „jetzt aber nicht.“ Da das Tor zum Gesetz offen steht wie immer und der Türhüter beiseite tritt, bückt sich der Mann, um durch das Tor in das Innere zu sehn. Als der Türhüter das merkt, lacht er und sagt: „Wenn es dich so lockt, versuche es doch trotz meines Verbotes hineinzugehn. Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal stehn aber Türhüter einer mächtiger als der andere. Schon den Anblick des dritten kann nicht einmal ich mehr ertragen.“ Solche Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande nicht erwartet, das Gesetz soll doch jedem und immer zugänglich sein, denkt er, aber als er jetzt den Türhüter in seinem Pelzmantel genauer ansieht, seine große Spitznase, den langen dünnen schwarzen tartarischen Bart, entschließt er sich doch lieber zu warten, bis er die Erlaubnis zum Eintritt bekommt. Der Türhüter gibt ihm einen Schemel und lässt ihn seitwärts von der Tür sich niedersetzen. Dort sitzt er Tage und Jahre. Er macht viele Versuche eingelassen zu werden und ermüdet den Türhüter durch seine Bitten. Der Türhüter stellt öfters kleine Verhöre mit ihm an, fragt ihn über seine Heimat aus und nach vielem andern, es sind aber teilnahmslose Fragen, wie sie große Herren stellen, und zum Schlusse sagt er ihm immer wieder, dass er ihn noch nicht einlassen könne. Der Mann, der sich für seine Reise mit vielem ausgerüstet hat, verwendet alles und sei es noch so wertvoll, um den Türhüter zu bestechen. Dieser nimmt zwar alles an, aber sagt dabei: „Ich nehme es nur an, damit Du nicht glaubst, etwas versäumt zu haben.“ Während der vielen Jahre beobachtet der Mann den Türhüter fast ununterbrochen. Er vergisst die andern Türhüter und dieser erste scheint ihm das einzige Hindernis für den Eintritt in das Gesetz. Er verflucht den unglücklichen Zufall, in den ersten Jahren laut, später, als er alt wird, brummt er nur noch vor sich hin. Er wird kindisch und da er in dem jahrelangen Studium des Türhüters auch die Flöhe in seinem Pelzkragen erkannt hat, bittet er auch die Flöhe, ihm zu helfen und den Türhüter umzustimmen. Schließlich wird sein Augenlicht schwach und er weiß nicht, ob es um ihn wirklich dunkler wird oder ob ihn nur seine Augen täuschen. Wohl aber erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz, der unverlöschlich aus der Türe des Gesetzes bricht. Nun lebt er nicht mehr lange. Vor seinem Tode sammeln sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage die er bisher an den Türhüter noch nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu, da er seinen erstarrenden Körper nicht mehr aufrichten kann. Der Türhüter muss sich tief zu ihm hinunterneigen, denn die Größenunterschiede haben sich sehr zuungunsten des Mannes verändert. „Was willst du denn jetzt noch wissen“, fragt der Türhüter, „Du bist unersättlich.“ „Alle streben doch nach dem Gesetz“, sagt der Mann, „wieso kommt es, dass in den vielen Jahren niemand außer mir Einlass verlangt hat.“ Der Türhüter erkennt, dass der Mann schon am Ende ist und um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: „Hier konnte niemand sonst Einlass erhalten, denn dieser Eingang war nur für Dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.

Wenn jemand mit großem Ernst auf dem spirituellen Weg unterwegs ist, kommt irgendwann der Punkt, an dem er sich selbst begegnet, und zwar auf der astralen Ebene. Dieses Geschehen nennt man den Hüter der Schwelle. Es ist ein Ereignis, das einen Menschen bis in seine Grundfesten erschüttert und nicht wenige kommen über jene Schwelle nicht hinweg, über die noch zu sprechen sein wird. Kafkas Legende ist da durchaus realistisch.

Zunächst aber ein Blick auf das, was manche einen spirituellen Weg nennen, denn es gibt gar nicht einmal so wenige, die ihn zu gehen scheinen: sie machen Yoga, Reiki, lesen esoterische Bücher, meditieren – was auch immer. Der Weg allerdings, der zum Hüter der Schwelle führt, erfordert mehr, fordert den Weg mit Mut zur Demut, ein immer umfassender werdendes inneres Beteiligtsein, mehr und mehr Hüllen abzulegen, um schließlich nackt vor sich zu stehen, und zunehmend dem Wechselhaften des Lebens das Dauerhafte, Ewige vorzuziehen, indem man sich des Letzteren von Grund auf bewusst wird. – Es ist der Weg über die Fußwaschung hin nach Gethsemane und Golgatha. 
Das bedeutet im Übrigen gerade nicht, dass man aus dem realen Leben aussteigt, im Gegenteil, denn obiger Weg kann sich nur aus dieser materiell-physischen Existenz heraus entwickeln. Wie wollte man auch etwas überwinden und transformieren, was man nicht kennt! 
Wer den Hüter der Schwelle treffen will, steht im Leben, kennt die Herausforderungen von Beruf und Alltag, weiß um Freuden und Leiden, versteht weitgehend sich und seine Mitmenschen und zwar nicht nur dem leeren Buchstaben nach, sondern mit dem Herzen.
Diesen Menschen spürt man in der Regel den Tiefgang an. Es sind eher nicht die, die alles so genau wissen, sondern jene, in denen man eine beginnende Weisheit spürt. Sie drängen sich nicht auf und drängen auch ihre sogenannte Weisheit niemandem auf. –
Es ist ihr Sein, das wirkt.

Gewiss kann man auch mittels Drogen oder intensiver Arbeit mit der Kundalini-Kraft ihm begegnen, nur gerade im ersteren Fall geht das zuallermeist einher mit dem Verlust der Persönlichkeit, mit dem Überflutetwerden von geistigen Kräften, die man nicht mehr beherrscht, die man durch den Drogenkonsum gerufen hat, ohne zu wissen, was auf einen zukommt – Goethes Zauberlehrling ist ein Beispiel für dieses seelische Geschehen; die Seele kann hoffnungslos (für dieses und durchaus auch mehrere weitere Leben) verloren sein; es dürfte auf der Erde nur wenige Menschen geben, die so jemandem helfen können, wie es der Zaubermeister in Goethes Ballade vermochte.
Wer – und das gilt auch für jene, die über den zweiten Weg eine Entwicklung zu forcieren suchen, für die sie moralisch und charakterlich noch nicht geeignet sind – wer also nicht reif ist für diesen Kampf, den wir aus den Mythen als Kampf von Helden mit dem Drachen oder Untieren kennen – Siegfried wäre zu nennen, Perseus oder auch Herakles; das wunderbare, nur noch antiquarisch erhältliche Time-Life-Buch über Drachen aus der Reihe Verzauberte Welten, für Kinder ab ungefähr 9 Jahren geeignet, ist eine wie ich finde vorzüglich bebilderte Fundgrube – der scheitert, muss scheitern, bleibt hoffnungslos auf der Strecke, oft der Selbstsucht verfallen, diesen Weg gehen wollend, um nach außen oder vor sich zu glänzen, den Erleuchteten spielend oder Möchtegern-Guru; es gibt eine Bandbreite von Möglichkeiten des Versagens, das die Betroffenen nicht als solches wahrnehmen, weil sie glauben, am Ziel gewesen zu sein, ein – aus geistiger Perspektive gesehen – tragischer Irrtum.
Wobei, das sei hier nur angemerkt, selbst wenn man den Hüter der Schwelle – den man nicht unterschätzen sollte, auch wenn er als Kleiner oder der Erste weiterer Hüter der Schwelle bezeichnet wird – überwunden hat, die Gefahr keineswegs vorbei ist, wie man an Faust in Faust II und Michael Endes bereits erwähntem Bastian sehen kann; die Gefahr der Selbstüberhöhung lauert allenthalben auf dem Weg auch des geistig wachsenden Menschen – gerade dann; die Versuchung Jesu durch den biblischen Satan gibt ein realistisches Szenario wieder, das selbst einem Gott namens Christus in Jesus begegnen kann.
Bedauerlicherweise ist es so, dass spirituell interessierte Menschen sehr oft auf zwielichtige esoterische Gestalten, wie sie sich zu Hauf auf You Tube finden oder. auch auf einem gewissen Fernsehsender, hereinfallen. Vieles auch, was aus Amerika auf den esoterischen Markt drängt – ich denke an Shaumbra, Kryon und Ähnliches – kann eine Seele in eine völlig falsche Richtung führen. Gleiches gilt für die veraltete Reiki-Energie. Möge sich niemand mit dieser Energie behandeln lassen. In der Regel schluckt man zudem noch den ganzen astralen Müll des Behandlers, obwohl dieser beteuern wird, dass er ein reiner Kanal ist; aus einer verschmutzten Leitung aber kommt keine reine Energie, wenn sie es überhaupt ist.

Zurück zu Kafka: Obwohl sich in seinem Werk das Zerrüttete dieser Welt spiegelt – man muss allein nur seine Frauengestalten ansehen, um zu ahnen, wie sehr Kafka um ein degeneriertes Weibliches wusste und sich dessen auch bewusst gewesen sein mag, wobei man hoffen möchte, dass er die wertvolle Seite des Weiblichen kennenlernen durfte (aus seinem Werk geht das kaum hervor, durchaus aber aus seinem Leben, denkt man u.a. an seine letzte Beziehung zu Dora Diamant) – obwohl sich also in Kafkas Werk das Zerrüttetsein dieser Welt spiegelt, deuten nicht wenige seiner Aussagen auf ein hohes spirituelles Bewusstsein hin. 
Von Beginn an war er der Auffassung, dass seine Krankheit seelische Ursachen habe. Sie brach am 13. August 1917 mit einem massiven nächtlichen Blutsturz aus und wurde als Lungenspitzenkatarrh diagnostiziert. Das war wohl nur wenig mehr als zwei Jahre nach der Fertigstellung seines Romans Der Prozess, aus dem die Türhüterlegende stammt, doch die Vorboten der Krankheit waren sicherlich schon damals in ihm.
Wer um das Fehlen von elterlicher Liebe in seiner Kindheit weiß und um die so harte Auseinandersetzung mit dem Vater, dem er einen literarisch so berühmten und ziemlich erschütternden Brief an den Vater schrieb, den er allerdings nie abschickte, ahnt, dass die Wurzeln seiner Krankheit schon hier zu finden sein könnten.
Kafka mag dem Hüter der Schwelle nicht bewusst begegnet sein, aber er hat diese Begegnung eben in seiner Türhüterlegende literarisch vorweggenommen. Wir treffen auf ihn, wie bereits angedeutet, eh im Leben zwischen den Leben, wobei er dann seinen Schrecken nicht hat, wie das hier auf der Erde der Fall ist, weil die menschliche Seele dort seelisch.geistig ungleich bewusster lebt. 

Für Kafkas hohes geistiges Bewusstsein sprechen jene Worte, die sich in seinen Zürauer Aufzeichnungen vom 25. Januar 1918 finden: 123

Vor dem Betreten des Allerheiligsten musst du die Schuhe ausziehen, aber nicht nur die Schuhe, sondern alles, Reisekleid und Gepäck, und darunter die Nacktheit und alles, was unter der Nacktheit ist, und alles, was sich unter dieser verbirgt, und dann den Kern und den Kern des Kerns, dann das übrige und dann den Rest und dann noch den Schein des unvergänglichen Feuers. Erst das Feuer selbst wird vom Allerheiligsten aufgesogen und läßt sich von ihm aufsaugen, keines von beiden kann dem widerstehen.

Im Grunde formuliert er hier genau die Voraussetzungen, die notwendig sind, um dem Hüter zu begegnen, der auch als Doppelgänger bezeichnet wird, weil er unsere niedere astrale Ebene in einem Ausmaß und Realismus doppelt und damit uns vor Augen führt, wie wir sie nicht kennen. 
Noch ein weiteres Zitat möchte ich hier einbringen, das Gleiches belegt, und für mich eine vergleichbare Tiefe erspüren lässt. Es entstammt dem vierten der acht Oktavhefte Kafkas, die insgesamt allerdings zugleich Gründe aufzeigen, warum dieser geistvolle Mann, in den ein damals bekannter Autor, Franz Werfel, einen Boten des Königs hineinsah, seinen Weg nicht zielstrebiger gehen konnte. Einer findet sich in folgendem Satz:

Das Grausame des Todes liegt darin, daß er den wirklichen Schmerz des Endes bringt, aber nicht das Ende.

Wir wissen, dass dieses Ende von einem auf dem geistigen Weg befindlichen Menschen nicht als schmerzvoll erlebt werden mag, weil es zugleich ein Übergang ist und das Ende damit gar nicht grausam, vor allem, da der Tod, von der anderen Seite gesehen, als das schönste Ereignis innerhalb der folgenden jenseitigen Zeitspanne von Verstorbenen empfunden wird.
Kafka vermochte solche Blicke nicht zu werfen, jedenfalls hat er sie meines Wissens in dieser Weise nie geäußert; es mag das auch mit seiner jüdischen Religiosität zusammenhängen, die ihn dennoch in seinem Werk weit trägt – „(..) die berühmte Türhüter-Parabel, die in den genannten Roman eingearbeitetwurde, entstammt der kabbalistischen Tradition: Laut der „Sohar“ wird die Torah – wie so häufig als Baum dargestellt – von einem Türhüter beschützt, auf dass nur der eintreten soll, der sich nicht fürchtet und würdig ist. Wenn Kafka vom „Gesetz“ spricht, ist meist die Torah gemeint.“C.H. Reese.

In seinen privaten Aufzeichnungen und Briefen zeigt sich eine ungleich offenere Geistigkeit als in seinem Werk:

Die Demut gibt jedem, auch dem einsam Verzweifelnden, das stärkste Verhältnis zum Mitmenschen, und zwar sofort, allerdings nur bei völliger und dauernder Demut. Sie kann das deshalb, weil sie die wahre Gebetsprache ist, gleichzeitig Anbetung und festeste Verbindung. Das Verhältnis zum Mitmenschen ist das Verhältnis des Gebetes, das Verhältnis zu sich das Verhältnis des Strebens; aus dem Gebet wird die Kraft für das Streben geholt. (Brief an die Eltern vom 21.4. 1924)

Natürlich stellt sich die Frage, die hier nicht beantwortet werden kann, warum solche Aussagen sich kaum in seinem literarischen Schaffen finden und sein Personal sich so oft im Halbdunkel – in der Wirklichkeit der Prosa und im übertragenen Sinne – bewegen muss.

Kafkas Weg der Krankheit mag eine letzte große Prüfung gewesen sein und je größer sie ist, die man besteht, desto leichter fällt der von dem Hüter der Schwelle bewachte Übergang, der in heutiger Zeit einem Abgrund entspricht, den wir zu überwinden haben. Aus früheren ägyptischen Inkarnationen kennen nicht wenige von uns diesen Wächter als den Fährmann der ägyptischen Totenbücher; wir kennen ihn auch als Brücke aus Goethes Märchen.

Kafkas erkranktes Organ, die Lunge, ist nicht von ungefähr aus geisteswissenschaftlicher Sicht „eine richtige kleine Erde“ (Rudolf Steiner in der GA 312) und sicherlich ist seine Krankheit genauso aufschlussreich wie jene Rilkes. Dessen Krankheit, eine Leukämie, die man auch als Blutkrebs bezeichnet hat, hat maßgeblich mit seiner Ich-Entwicklung zu tun, denn das Blut ist aus spiritueller Sicht Träger der Ich-Kraft, wobei gesagt werden muss, dass das Ich jenes berühmte zweischneidige Schwert der Bibel ist: es kann für Egoismus stehen, den man lebt, oder es kann der Träger der ganz besonderen Ich-Kraft werden; dann steht dieses ICH für Jesus Christus; Letzterer ist der Große Hüter der Schwelle, um den es noch später gehen wird. Die deutsche Sprache ist im Übrigen die einzige weltweit, in der die 1. Person des Personalpronomens den Initialen von Jesus Christus entspricht. Wer im Deutschen sich auf sich selbst bezieht, kann das in diesem Sinne sehr bewusst tun.

Um den Brief Kafkas an seine Eltern aufzunehmen:

Der Mann vom Lande aus der Türhüterlegende betet gewiss nicht, sondern schlägt die Zeit buchstäblich tot. So jemand begegnet normalerweise nicht seinem Türhüter und das weist darauf hin, dass natürlich Kafkas Legende diese Art von Begegnung nicht 1:1 abbildet. Deutlich aber wird, dass dieser Mann es in der Hand hatte, in jenen Bereich zu gelangen, der hier Gesetz genannt wird, in Kafkas Roman in gewisser Weise dem Gericht korrespondierend, das der Protagonist des Romans, Josef K., nie findet, von dem es aber heißt, dass es allgegenwärtig sei. Jeder Tag im Leben des Josef K. ist gleichsam der Jüngste Tag und es ist ja der Hüter der Schwelle, der uns in seiner Begegnung mit ihm die Niedrigkeiten gelebter Tage als Jüngste Tage präsentiert, denn er weiß um alles, was unsere niedere Natur angeht. Dass er uns, wenn wir ihm denn auf der seelisch-geistigen Ebene begegnen, diese kompromisslos und in voller Härte präsentiert, macht dieses Zusammentreffen so unerbittlich. Das mag damit zusammenhängen, dass der Mensch auf seinem geistigen Weg diese niedere Natur zunehmend zurücklässt und, wenn er nicht durch Hinweise, wie wir sie glücklicherweise in doch recht reicher Zahl bei Rudolf Steiner finden, darauf vorbereitet wird, was ihn erwartet, nicht dem zu begegnen rechnet, was ihm der Hüter präsentiert.
Er rechnet nicht damit, das mag einen Teil der gefühlten Härte erklären, der andere Teil aber ist gewiss, dass wir unsere niedere Natur selten so tief gesunken einschätzen, wie sie sich, vermittelt durch den Hüter der Schwelle, ausnimmt. Wer Goethes Faust aufmerksam studiert hat, ist ihr begegnet, und selbst wenn dies unbewusst geschah, so sind Begegnungen auch literarischer Art wertvoll, weil unser Inneres weiß, dass es um jene niedere Natur geht, über die sich Faust so weit erhaben dünkt, dass es ihm vermeintlich zusteht, einen Erdgeist zu beschwören. Doch jener bringt, als er vor Faust auftaucht, dessen wahren Zustand ins Spiel:

Bist du es, der, von meinem Hauch umwittert,
In allen Lebenslagen zittert,
Ein furchtsam weggekrümmter Wurm?

An der Reaktion des Faust – Ich bin’s, bin Faust, bin deinesgleichen! – erkennt man unschwer, wie Faust sich einschätzt, wobei er wenig später erleben muss, dass der Erdgeist ihn seinem Famulus gleichstellt, indem er ihn darauf aufmerksam macht, dass er dem Geist gleiche, den er begreift – der Erdgeist verschwindet auf der Stelle, herein allerdings in die Gelehrtenstube tritt just in diesem Moment sein Famulus Wagner! – Das also ist der Geist, dem er gleicht!
Immerhin gehört Faust zu jener Spezies Mensch, die bereit ist zu lernen, wenn er wenig später äußert:

Den Göttern gleich ich nicht! zu tief ist es gefühlt;
Dem Wurme gleich ich, der den Staub durchwühlt,
Den, wie er sich im Staube nährend lebt,
Des Wandrers Tritt vernichtet und begräbt.

Eine Erkenntnis im Hinblick auf die im Faust als Wurm bezeichnete niedere Natur, die uns allen guttut, bevor wir zum Hüter der Schwelle kommen; es kann diesem seine Schrecken nehmen, denn er, der in Wahrheit unser wahres Ich ist, das sich uns zuliebe in den Hüter der Schwelle verwandelt hat, übernimmt ja an dieser Stelle nichts anderes als die Darstellung unserer geballten niederen Natur, wie sie sich auf der astralen Ebene zeigt, in der wir vorrangig unseren niederen Trieben, Wünschen und Begierden in Tiergestalt begegnen.
Im Übrigen mag es durchaus so sein, dass wir in diesem Leben dem Hüter nicht begegnen, aber wesentliche Voraussetzungen schaffen, um dies im nächsten Leben tun zu können.

Noch einmal aber zurück zu Kafkas wunderbaren Gedanken zu Demut und Gebet.Wie hauchnah er mit diesen Gedanken am Hüter der Schwelle war, mag folgendes Steiner-Zitat belegen:

Dadurch, daß wir unsere moralische Natur entwickeln, können wir überwinden. Wenn man die moralische Natur vorher höherbringen kann, ehe man in der Astralwelt sehend wird, wird die Erscheinung des Hüters der Schwelle weniger furchtbar. Alle Okkultisten, die ehrgeizig, eitel, selbstsüchtig bleiben, lernen diese retardierenden Kräfte in der Evolution in einer furchtbaren Weise kennen, die desto stärker auf ihn einwirken. Man muß die Lehre lieben, bescheiden sein, demütig, hingebend, um sicher zu sein, diesen Kampf bestehen zu können. (GA 89, S.135) 

Bevor ich abschließend noch zwei Textpassagen Steiners einbringe, die auf den Hüter der Schwelle ein bezeichnendes Licht werfen, möchte ich darauf aufmerksam machen, dass in der GA 10 („Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?“) sich zwei Kapitel finden, das eine zum Hüter der Schwelle (S. 193ff), das zweite zum Großen Hüter der Schwelle (S. 204ff), dem unser ganzes Streben gilt; er ist kein Kondensat niederer Astralität, sondern eine Lichtgestalt.
Der erste Textauszug macht auf die Vorbedingungen der Begegnung mit dem Hüter der Schwelle aufmerksam, nämlich dass die Welt unserer Sinne jene ist, der wir bisher vertrauen, dass es aber für das Forschen um Wahrheit eine höhenwertigere gibt, was zur Folge hat, dass also

der Mensch auf einer bestimmten Stufe dieser Entwickelung im Grunde genommen mit seinem Bewußtsein alles verlassen (muss), was ihm im bisherigen Leben, im äußeren Alltagsleben und in der gewöhnlichen Wissenschaft Wahrheitshalt und Wahrheitssicherheit gibt, was ihm die Möglichkeit gibt, etwas als Wirklichkeit anzuerkennen. Das wird auch schon aus den bereits gehaltenen Vorträgen hervorgegangen sein, daß alle Stützen, die wir für unser Urteilen im gewöhnlichen Leben haben, alle Anhaltspunkte, die uns die Sinnenwelt gibt und die uns lehren, wie wir von der Wahrheit zu denken haben, müssen verlassen werden. Denn wir wollen ja durch die Geistesschulung in eine höhere Welt eintreten. Wenn der Geistesforscher nunmehr auf einer entsprechenden Stufe seiner Entwickelung sieht: Du kannst nicht mehr in der Welt, in die du da eintreten willst, irgendwie einen Halt haben an der äußeren Sinneswahrnehmung, du kannst auch nicht an dem, was du dir als dein Verstandesurteil heranerzogen hast, das dich sonst durch das Leben richtig führt, einen Halt haben –, dann kommt der Moment, der bedeutungsvoll und ernst im Leben des Geistesforschers ist, wo er sich so fühlt, wie wenn ihm der Boden unter den Füßen entzogen ist, wie wenn der Halt fort ist, den er im gewöhnlichen Leben gehabt hat, wie wenn alle Sicherheit dahin wäre, und wie wenn er einem Abgrunde entgegenginge und mit jedem weiteren Schritte in einen Abgrund hineinfallen müßte. Dies muß in einer gewissen Beziehung ein Erlebnis der Geistesschulung werden. (…) man (..) fühlt (sich) wie über einem Abgrunde. Aber man ist bereits in seiner Seele so ruhig geworden, daß man die Situation mit einer nun erlangten besonderen Urteilsfähigkeit überschaut, so daß nicht das auftritt, was sonst in die menschliche Seele gefahrvoll hereinbrechen müßte an Furcht, an Schrecken und Grausen (…) Man lernt sie kennen, die Gründe zu Furcht, Schrecken und Grausen, aber man hat sich bereits, wenn man so weit ist, zu einer Verfassung erhoben, daß man es aushalten kann ohne Furcht. (GA 62, S. 392f)

Die Tatsache, dass die Seele sich wie über einen Abgrund gestellt fühlt, kann natürlich zunächst auch Ängste und Furchtsamkeit verstärken, zugleich aber wachsen ihr Kräfte zu. Diese Stärkung der Seele kann bei Einzelnen allerdings dazu führen, dass Selbstsinn und Eigenliebe sich entwickeln, die Stärkung der Seele also nicht dem Großen Hüter der Schwelle zuwächst, sondern dass sie selbst diese Größe repräsentieren will. Um diese Gefahren zu wissen, ist wichtig. Sie ist immer vorhanden und es zeigt sich dann, wie tief das Fundament der Demut ist.Wenn wir nächtens unseren physischen Leib verlassen und die Ebenen des Devachan erreichen, gelangen wir unter anderem auch zu unserem wahren Ich, das in unseren Seelentiefen immer vorhanden ist. Im Rahmen unserer Entwicklung begegnen wir ihm auf einer ganz anderen Ebene und nun wird klar, warum wir im Hüter der Schwelle – anders ist es beim Großen Hüter der Schwelle – uns selbst begegnen:

An der Schwelle zur geistigen Welt kann sich dieses wahre Ich kleiden in alles das, was unsere Schwächen, unsere Mängel sind, in alles das, was uns sozusagen geneigt macht, hängen zu bleiben mit unserem ganzen Wesen an der physisch-sinnlichen Welt oder wenigstens an der elementarischen Welt. Und dieses andere Selbst kleidet sich in unsere Schwächen, in all das, was wir eigentlich verlassen müssen und nicht verlassen wollen, weil wir gewohnheitsmäßig als physisch-sinnliche Menschen daran hängen, wenn wir die Schwelle überschreiten wollen. Wir begegnen also eigentlich an der Schwelle zur geistigen Welt einem Geistwesen, das sich unterscheidet von allen anderen Geistwesen, denen wir in den übersinnlichen Welten begegnen können. Alle anderen Geistwesen erscheinen gleichsam mehr oder weniger mit Hüllen, die doch ihrem Eigensein mehr angemessen sind, als es mit den Hüllen des Hüters der Schwelle der Fall ist. Er kleidet sich in dasjenige, was uns nicht nur Sorgen und Kummer, sondern oft Abscheu und Widerlichkeit erweckt. Er kleidet sich in unsere Schwächen, in das, von dem wir sagen können, wir erbeben in Furcht, uns nicht von ihm zu trennen, oder auch, wir erröten nicht nur, wir vergehen fast in Scham, wenn wir hinschauen müssen auf das, was wir sind und in was sich der Hüter der Schwelle kleidet. (GA147, S. 137f)

Ich vermute, dass ein Dichter, den ich sehr schätze, weil er unendlich viel in seinen wenigen Erdenjahren mitgemacht hat – fast von Jugend an war er drogensüchtig, litt ungeheuer an einer vermutlich inzestuösen Beziehung zu seiner Schwester und nahm sich, weil er ein Kriegserlebnis nicht verarbeiten konnte, das Leben; für mich hat er unglaublich einfühlsame Gedichte geschrieben; ich spreche von Georg Trakl – ich vermute also, dass er dem Hüter der Schwelle nicht begegnet ist, sieht man einmal von den nächtlichen unbewussten Begegnungen ab, zumal Trakl ja relativ oft alkoholisiert oder durch Medikamente betäubt war. Doch ist bemerkenswert, welche Verse er schrieb, nachdem er drei Tage nur von Brot und Wein gelebt hatte, Verse, die in ihrer ersten Fassung nur auf einem Briefumschlag aufgekritzelt waren und deren überarbeitete Fassung lautet:

Wenn der Schnee ans Fenster fällt,
Lang die Abendglocke läutet,
Vielen ist der Tisch bereitet
Und das Haus ist wohl bestellt.

Mancher auf der Wanderschaft
Kommt ans Tor auf dunklen Pfaden.
Golden blüht der Baum der Gnaden
Aus der Erde kühlem Saft.

Wanderer tritt still herein;
Schmerz versteinerte die Schwelle.
Da erglänzt in reiner Helle
Auf dem Tische Brot und Wein.

Es sind zwölf Verse, die mein Inneres zutiefst berühren. Anfänglich ist noch vielen der Tisch bereitet, dann aber ist nur noch mancher unterwegs und schlussendlich ist es ein Einziger, ein Wanderer, der über die Schwelle tritt! – Wie realistisch. 
In der Tat sind es nur ganz wenige, denen das gelingt. Warum:
Die letzte Strophe spricht von dem Schmerz, der so gewaltig ist, dass er die wohl aus Holz gefertigte Schwelle zu Stein werden lässt. 
Wer dem Hüter begegnet, tritt still ein, denn er tritt ins Allerheiligste ein; davon wusste – wie schon Kafka – auch Trakl; er wusste, wem da der Wanderer begegnet: dem Großen Hüter der Schwelle, dessen Gaben schon zu Zeiten seiner physischen Erdenexistenz Brot und Wein waren.

Hat der Mensch sich entschlossen, durch Selbsterziehung alle seine Unvollkommenheiten zu überwinden, abzulegen, dann wirkt dieser Impuls der Seele so, daß dieser unvollkommene Mensch vor ihm steht, ohne daß sein Anblick ihn niederschmettert. Ohne den genügenden Reifegrad würde der Mensch immer ein niederschmetterndes Gefühl haben, wenn er seinen Doppelgänger erblickt. Davor schützt ihn im normalen Leben das Aufhören des Bewußtseins; denn er würde jede Nacht beim Einschlafen seinen unvollkommenen Menschen vor sich haben und von ihm niedergeschmettert sein, wenn er bewußt einschlafen würde. (…) Darum wird beim Einschlafen das Bewußtsein ausgelöscht. Wenn der Mensch aber immer mehr und mehr die Reife in sich erzeugt, die ihm sagt: Du wirst die Hindernisse überwinden! – dann lüftet sich allmählich das, was im normalen Leben wie ein Schleier vor die menschliche Seele sich hinstellt, wenn der Mensch einschläft. Dieser Schleier wird immer dünner und dünner, und zuletzt steht da, so daß der Mensch es ertragen kann, die Gestalt, die ein Ebenbild von ihm selber ist, so wie er gegenwärtig ist; und daneben wird er gewahr die andere Gestalt, die ihm zeigt, wie er werden kann, wenn er weiter an sich arbeitet. Sie zeigt sich ihm in Pracht und Herrlichkeit und Glorie. Der Mensch weiß in diesem Augenblick, daß die Gestalt nur deshalb so niederschmetternd wirkt, weil er nicht so ist und doch so sein könnte, und er weiß, daß er die richtige Seelenverfassung nur gewinnen kann, wenn er diesen Anblick ertragen kann. 
Dieses Erlebnis haben heißt: vorüberschreiten vor dem großen Hüter der Schwelle. Dieser große Hüter der Schwelle löscht im gewöhnlichen Einschlafen das menschliche Bewußtsein aus, so daß sich Vergessenheit breitet über dieses Bewußtsein. Dieser große Hüter der Schwelle zeigt uns, was uns fehlt, wenn wir in die große Welt eintreten wollen, und was wir erst aus uns machen müssen, damit wir nach und nach in diese große Welt hineinwachsen. (GA 119, S.185f).

Ein unbeschreiblicher Glanz geht von dem zweiten Hüter der Schwelle aus; die Vereinigung mit ihm steht als ein fernes Ziel vor der schauenden Seele. Doch ebenso steht da die Gewißheit, daß diese Vereinigung erst möglich sein wird, wenn der Eingeweihte alle Kräfte, die ihm aus dieser Welt zugeflossen sind, auch aufgewendet hat im Dienste der Befreiung und Erlösung dieser Welt.
Entschließt er sich, den Forderungen der höheren Lichtgestalt zu folgen, dann wird er beitragen können zur Befreiung des Menschengeschlechts. Er bringt seine Gaben dar auf dem Opferaltar der Menschheit. Zieht er seine eigene vorzeitige Erhöhung in die übersinnliche Welt vor, dann schreitet die Menschheitsströmung über ihn hinweg. Für sich selbst kann er nach seiner Befreiung aus der Sinnenwelt keine neuen Kräfte mehr gewinnen. Stellt er ihr seine Arbeit doch zur Verfügung, so geschieht es mit dem Verzicht, aus der Stätte seines ferneren Wirkens selbst für sich noch etwas zu holen. Man kann nun nicht sagen, es sei selbstverständlich, daß der Mensch (diesen) weißen Pfad wählen werde, wenn er so vor die Entscheidung gestellt wird. Das hängt nämlich ganz davon ab, ob er bei dieser Entscheidung schon so geläutert ist, daß keinerlei Selbstsucht ihm die Lockungen der Seligkeit begehrenswert erscheinen läßt. Denn diese Lockungen sind die denkbar größten. Und auf der anderen Seite sind eigentlich gar keine besonderen Lockungen vorhanden. Hier spricht gar nichts zum Egoismus. Was der Mensch in den höheren Regionen des Übersinnlichen erhalten wird, ist nichts, was zu ihm kommt, sondern lediglich etwas, das von ihm ausgeht: die Liebe zu seiner Mitwelt. (GA 10, S.210)

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Mit unserer Kraft können wir nicht nur das Corona-Symbol verändern. – Die Kräfte der Virus-Überwindung kann man nicht kaufen: sie sind in uns!

Womöglich niemals zuvor ist deutlich geworden, wie krankmachend ein Symbol, ein Bild sein kann. Tag für Tag, millionenfach weltweit, sehen wir die krankmachende Energie des üblichen Corona-Symbols auf allen Bildschirmen, in allen möglichen Medien.

Doch es gibt einen anderen Weg, den der Verwandlung, der Begrünung, des Willens, sich nicht schicksalhaft zu ergeben. Längst hat sich die Menschheit mit dem Virus arrangiert. Das aber darf sie nicht:

Margareta Bulut, eine liebe Freundin aus Istanbul, setzt dem krankmachenden Symbol ihre entgegen, und das, obwohl sie weiß, wie tödlich es und der Virus sind. Ende November und in der ersten Januarhälfte starben insgesamt vier nahe Verwandte ihres Mannes in Istanbul an dem Virus (nicht MIT dem Virus). Und eine gute Freundin von ihr aus Deutschland verlor ihren Mann an den Virus, als er sich, Arzt von Beruf, an seinem Arbeitsplatz infizierte. 

Viele wissen nicht mehr, dass alles, was uns betrifft, seine Wurzeln im Geistigen hat. Alle Dinge entstehen im Geist, heißt es im Dhammapada, der Schrift, in der die überlieferten Buddha-Worte aufgezeichnet sind, und zu Beginn des Johannes-Evangeliums heißt es: Im Anfang war das Wort – gemeint ist das geistige Wort, das Ur-Wort!

So liegt es an uns, die Macht des Virus auf der geistigen Ebene zu durchbrechen, uns bewusst zu werden, was allem Sein zugrunde liegt. Dann sind wir in der Lage, jeder Pandemie an der Wurzel zu begegnen, sie zu entwurzeln. Denn Impfen und Abstandsregeln sind letztendlich ein Arrangement mit dem Virus. Der nächste kommt bestimmt.

In dieser Zeit gilt es zweigleisig zu fahren: dem Virus auf der physisch-materiellen Ebene bewusst und mit der gebührenden Vorsicht zu begegnen, gleichzeitig aber uns unsere geistigen Kräfte, gegen die der Virus auf Dauer keine Chance hat, wieder bewusst zu werden und sie zu aktivieren. Das geschieht nicht von heute auf morgen, aber wir sollten uns so viel wert sein, mit dieser Aktivierung zu beginnen.

Menschen sind in der Lage, in ihre geistige Kraft, die sie längst aus den Augen verloren haben, weil man sie nicht kaufen kann, wieder hineinzuwachsen.

Wenn es nach mir geht: Teilt eines oder alle der Bilder, wo ihr könnt, damit die Macht des krankmachenden Symbols gebrochen wird. Margareta Bulut legt lediglich wert darauf, dass dies nicht zu kommerziellen Zwecken geschieht.

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„alle Zeit, die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird, ist so verloren wie die Farben des Regenbogens für einen Blinden“ (Michael Ende)

Im 12. Kapitel von Michael Endes Momo, überschrieben „Momo kommt hin, wo die Zeit herkommt“, findet sich die folgende Stelle, in der Meister Hora Momo sagt: 

»(…) was die Menschen mit ihrer Zeit machen, darüber müssen sie selbst bestimmen. Sie müssen sie auch selbst verteidigen. Ich kann sie ihnen nur zuteilen.
«Momo blickte sich im Saal um, dann fragte sie: »Hast du dazu die vielen Uhren? Für jeden Menschen eine, ja?«
»Nein, Momo«, erwiderte Meister Hora, »diese Uhren sind nur eine Liebhaberei von mir. Sie sind nur höchst unvollkommene Nachbildungen von etwas, das jeder Mensch in seiner Brust hat. Denn so wie ihr Augen habt, um das Licht zu sehen und Ohren, um Klänge zu hören, so habt ihr ein Herz, um damit die Zeit wahrzunehmen. Und alle Zeit, die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird, ist so verloren wie die Farben des Regenbogens für einen Blinden oder das Lied eines Vogels für einen Tauben. Aber es gibt leider blinde und taube Herzen, die nichts wahrnehmen, obwohl sie schlagen.«
»Und wenn mein Herz einmal aufhört zu schlagen?«, fragte Momo.
»Dann«, erwiderte Meister Hora, »hört auch die Zeit für dich auf, mein Kind. Man könnte auch sagen, du selbst bist es, die durch die Zeit zurückgeht, durch alle deine Tage und Nächte, Monate und Jahre. Du wanderst durch dein Leben zurück, bis du zu dem großen runden Silbertor kommst, durch das du einst hereinkamst. Dort gehst du wieder hinaus.«
»Und was ist auf der anderen Seite?«
»Dann bist du dort, wo die Musik herkommt, die du manchmal schon ganz leise gehört hast. Aber dann gehörst du dazu, du bist selbst ein Ton darin.«
Er blickte Momo prüfend an. »Aber das kannst du wohl noch nicht verstehen?«
»Doch«, sagte Momo leise, »ich glaube schon.«
Sie erinnerte sich an ihren Weg durch die Niemals-Gasse, in der sie alles rückwärts erlebt hatte und sie fragte: »Bist du der Tod?«
Meister Hora lächelte und schwieg eine Weile, ehe er antwortete: »Wenn die Menschen wüssten, was der Tod ist, dann hätten sie keine Angst mehr vor ihm. Und wenn sie keine Angst mehr vor ihm hätten, dann könnte niemand ihnen mehr die Lebenszeit stehlen.«
»Dann braucht man es ihnen doch bloß zu sagen«, schlug Momo vor.
»Meinst du?«, fragte Meister Hora. »Ich sage es ihnen mit jeder Stunde, die ich ihnen zuteile. Aber ich fürchte, sie wollen es gar nicht hören. Sie wollen lieber denen glauben, die ihnen Angst machen. Das ist auch ein Rätsel.«

Es ist eine der schönsten und wahrhaftigsten Stellen in der Deutschen Literatur, die ich kenne, diese Aussage Meister Horas, dass alle Zeit, die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird, verlorene Zeit ist.
Ohnehin ist dieser Textauszug geprägt von einem spirituellen Wissen, das Michael Ende in diesem Ausmaß – auch seine „Unendliche Geschichte“ weist das aus – wie nur wenigen Schriftstellern zur Verfügung stand. Denn dass wir in der Phase des „Kamaloka“ – die Kirchen nennen sie „Fegefeuer“ – von unserem Sterbezeitpunkt an zurück bis zu unserer Geburt gehen, ist so vielen Menschen nicht unbedingt bekannt; aber Michael Ende hat diese Tatsache bereits dadurch angedeutet, dass Momo nur rückwärts gehend zum Niemals-Haus Meister Horas in der Niemals-Gasse gelangen konnte, zu jenem Mann, der sozusagen triadische Wesenheiten in sich vereint, welche die Römer Parzen, die Griechen Moiren, die Germanen Nornen und die Kelten Bethen, ihre „saligen Frauen“ nannten.

Jede Nacht gehen wir ja ebenfalls rückwärts den Tag durch; und die Summe dieser Nächte, die eben unsere Tagesabläufe widerspiegeln, ergibt jene Zeit, die der Mensch im Kamaloka zurückzulegen hat, aufarbeitend, was er im Leben gewollt, getan und gedacht hat, bis er bei seiner Geburt anlangt, um dann endlich durch jenes Silbertor gehen zu können, das den Eingang in das „Devachan“, den Himmel bedeutet, in Ebenen, die allerdings höchst vielschichtig sind und womöglich nicht allen gleichermaßen zur Verfügung stehen.
Mit diesem Rückweg bis zur eigenen Kindheit entschlüsselt sich einer der Sinnebenen der Christus-Aussage: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Reich der Himmel gelangen.“ – Er hätte auch mit Michael Endes Worten sagen können: … werdet ihr nicht durch das Silbertor eintreten dürfen.
Menschen allerdings, die kein geistiges Bewusstsein mit hinübernehmen und nur materialistisch orientiert waren, werden ihren Jenseitsaufenthalt ziemlich sicher als sehr unschön, weil in einem sehr reduzierten Bewusstseinszustand erleben, in hohem Maße zudem abhängig von satanischen Wesenheiten, bevor sie wieder zurückkehren auf die Erde, einem weiteren Aufenthalt, den sie nur sehr unvollständig vorbereiten konnten, mit entsprechenden Folgen.

Erwähnt werden sollte, dass es die „Hölle“ im christlichen Sinne nicht gibt, auch wenn sie Dante – in gewisser Weise Opfer seiner katholischen Religiosität – in seiner „Divina Comedia“ ausführlichst gestaltet hat. Es gibt allerdings etwas wie einen Geistigen Tod und eine sogenannte „Achte Sphäre“, die jenen droht, die auf ihrer pur materialistischen Sicht beharren, noch über eine lange Zeit, bis zu einem Zeitpunkt, der mit der Zahl 666 erfasst ist. Der wird dann in der Tat das Tor zur Hölle öffnen.
Bleibt noch anzumerken, wie sehr es dem Anthroposophen Rudolf Steiner ein Anliegen war zu betonen, dass die Sicht auf den eigenen Tod das schönste Erlebnis sein wird, das einem Menschen im Leben nach dem Leben zuteil wird, zugleich Voraussetzung dafür, dass ihm im Jenseits das Bewusstsein seiner Individualität erhalten bleibt.

Jene Musik, die Momo zu Beginn des Romans nachts immer wieder im Amphitheater gehört hatte, wenn es in die Sterne hineinlauschte, hört sie im Sternensaal Meister Horas, in dem die Stunden-Blumen sich ihr so wunderbar zeigen. Dieses Kind war auch in seinem Alltag immer wieder verbunden gewesen mit dem Himmel und es begreift,

„ dass alle diese Worte an sie gerichtet waren! Die ganze Welt bis hinaus zu den fernsten Sternen war ihr zugewandt wie ein einziges, unausdenkbar großes Gesicht, das sie anblickte und zu ihr redete!
Und es überkam sie etwas, das größer war als Angst.
In diesem Augenblick sah sie Meister Hora, der ihr schweigend mit der Hand winkte. Sie stürzte auf ihn zu, er nahm sie auf den Arm und sie verbarg ihr Gesicht an seiner Brust. Wieder legten sich seine Hände schneeleise auf ihre Augen und es wurde dunkel und still und sie fühlte sich geborgen. Er ging mit ihr den langen Gang zurück.
Als sie wieder in dem kleinen Zimmer zwischen den Uhren waren, bettete er sie auf das zierliche Sofa.
»Meister Hora«, flüsterte Momo, »ich hab nie gewusst, dass die Zeit aller Menschen so …« – sie suchte nach dem richtigen Wort und konnte es nicht finden – »so groß ist«, sagte sie schließlich.
»Was du gesehen und gehört hast, Momo«, antwortete Meister Hora, »das war nicht die Zeit aller Menschen. Es war nur deine eigene Zeit. In jedem Menschen gibt es diesen Ort, an dem du eben warst. Aber dort hinkommen kann nur, wer sich von mir tragen lässt. Und mit gewöhnlichen Augen kann man ihn nicht sehen.«
»Aber wo war ich denn?«
»In deinem eigenen Herzen«, sagte Meister Hora und strich ihr sanft über ihr struppiges Haar.
»Meister Hora«, flüsterte Momo wieder, »darf ich meine Freunde auch zu dir bringen?«
»Nein«, antwortete er, »das kann jetzt noch nicht sein.«

Dass die ganze Welt uns zugewandt sein wird, ist etwas, was wir im Devachan erleben können, ja, wir werden möglicherweise, wie einst Adam Kadmon, wie die Jüdische Kabbala den ursprünglichen Geistesmenschen, noch nicht infiziert von Luzifer, nannte, die ganze Welt sein, und der ein oder andere mag glauben, was man von Georg Friedrich Händel erzählt – die Entstehung seines „Messias“ hat Stefan Zweig im 4. Kapitel seines Buches „Sternstunden der Menschheit“ dargelegt -, dass er, als er das Hallelujah komponierte, den Himmel offen gesehen habe.
Und immer, wenn dieses Werk auf Erden ertönt, singt ein Engelchor mit.  

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Inhalt:
– Fragen zum Sterben und Tod
– Was nach dem Tod geschieht:
3 bemerkenswerte Phasen: Lebenstableau – Fegefeuer – Devachan
– Mörikes Gedicht „Denk es, o Seele!“ – den Tod zu denken führt zu wirklicher Freiheit – Denken, ein Geschenk der Götter – Unser Verhältnis zu den sogenannten Toten – eine ungenutzte Ressource  ⤵

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Mit dem Tod umgehen lernen. – Eduard Mörikes „Denk es, o Seele!“

Das Gedicht, das manche für das wertvollste unter den Gedichten Mörikes halten, weil formal und inhaltlich so bewusst gestaltet, findet sich am Ende der Novelle, die den schwäbischen Dichter, der übrigens mitnichten ein biedermeierlicher Heimatdichter war, letztendlich deutschlandweit hat bekannt werden lassen:
„Mozart auf der Reise nach Prag“.

Sie handelt von einem Tag im Leben des Musik-Genies im Schloss eines Grafen, als gerade die Hochzeit von dessen Nichte gefeiert wird und Mozart und seine Frau aufgrund eines ungewöhnlichen Zufalls mitten in die adlige und durchaus kultivierte Schlossgesellschaft geraten. Der junge Maestro, gebeten, etwas zur Darbietung zu bringen, spielt der heiteren Runde aus seinem fast fertiggestellten Werk „Don Giovanni“, das er ja eben auch in Prag – deshalb seine Reise! – zur Uraufführung bringen will, etwas vor.
Als der Choral Dein Lachen endet vor der Morgenröte erklingt, den Mozart vorab selbst mit den Worten kommentiert: „Ich sagte zu mir selbst: wenn du noch diese Nacht wegstürbest und müßtest deine Partitur an diesem Punkt verlassen: ob dirs auch Ruh im Grabe ließ’?“, ist die Braut von dem unschätzbaren Erlebnis, wie Mörike es formuliert, tiefer als alle ergriffen, auch, weil sie der Zusammenhang von Leben und Tod nicht nur im Werk Mozarts, sondern auch in dessen Leben, das so früh sich auslöscht, erahnend, tief erschüttert:

„Es ward ihr so gewiß, so ganz gewiß, daß dieser Mann sich schnell und unauf-haltsam in seiner eigenen Glut verzehre, daß er nur eine flüchtige Erscheinung auf der Erde sein könne, weil sie den Überfluß, den er verströmen würde, in Wahrheit nicht ertrüge.“

Wir wissen, dass Rudolf Steiner hinsichtlich Friedrich Schiller thematisiert, „daß sein Organismus verbrannt wurde durch seine mächtige seelische Lebenskraft“ (die Obduktionsergebnisse des Arztes machen fassungslos, wie es in seinem Inneren aussah).
Mörike könnte erahnt haben, dass Vergleichbares auch auf Mozart zugetroffen haben mag und er seine Lebenskräfte auf dem Altar seiner großen Kunst opferte.


Der Dichter des „Maler Nolten“ hat dieses Gedicht 1852 geschrieben, just, als die letzten zwanzig Jahre umfassende Phase seines Lebens begann, in der er nur noch wenig schreiben sollte; umso mehr sind die folgenden Verse ein Kleinod unserer Kultur:

Ein Tännlein grünet wo,
Wer weiß, im Walde;
Ein Rosenstrauch, wer sagt,
In welchem Garten?
Sie sind erlesen schon,
Denk es, o Seele,
Auf deinem Grab zu wurzeln
Und zu wachsen.


Zwei schwarze Rößlein weiden
Auf der Wiese,
Sie kehren heim zur Stadt
In muntern Sprüngen.
Sie werden schrittweis gehn
Mit deiner Leiche;
Vielleicht, vielleicht noch eh
An ihren Hufen
Das Eisen los wird,
Das ich blitzen sehe!

Es zeugt von höchster künstlerischen Fertigkeit, die oft bei Mörike so unscheinbar daherkommt, dass mancher geneigt ist zu glauben, hier dilettiere einer ganz ordentlich, muss doch der erste Satz eigentlich lauten: Wo grünet ein Tännlein?
Mörike ist jedoch nicht nur ein Meister ungewöhnlicher Satz-, sondern auch der Augenblicksgestaltung, das zeigt sich beispielsweise in einem Gedicht, das ebenfalls so unscheinbar wirkt und doch so sehr zu berühren weiß, handelnd von einem einfachen Mädchen, dem sich angesichts des frühmorgendlichen Feuer-Funkenflugs sein Leid zutiefst offenbart:

Früh, wenn die Hähne krähn,
Eh’ die Sternlein verschwinden,
Muß ich am Herde stehn.
Muß Feuer zünden.

Schön ist der Flammen Schein,
Es springen die Funken,
Ich schaue so drein,
In Leid versunken.

Plötzlich da kommt es mir,
Treuloser Knabe!
Daß ich die Nacht von dir
Geträumet habe.

Träne auf Träne dann
Stürzet hernieder,
So kommt der Tag heran –
O ging’ er wieder!

Auch dieses Gedicht beginnt mit einem Diminutiv, den „Sternlein“, einem Bedürfnis der Seele Mörikes entsprechend, seinen Leser auf eine Ebene fernab aller Erwachsenen-Eitelkeiten zu bitten: Lass uns mit den Augen eines Kindes schauen! Lass den verkopften Erwachsenen für eine Weile ruhen! Sieh das Sternlein! Sieh das Tännlein!

Und wie im Gedicht „Das verlassene Mägdlein“ ein anaphorisches „Muß“ folgt, folgt in unserem ein wiederaufgenommenes „wer“: wer weiß, wer sagt, und ebenfalls mit Fragepronomen: wo grünt.

Noch ist alles so unverbindlich, aber klammheimlich wirken die W-Alliterationen und öffnen die Seele des Lesers weit. So wie der Konsonant M das Weltenwort AUM abschließt, so öffnet ein W Welten des Inneren und es ist kein Zufall, dass dieser Buchstabe von 15 Wörtern der ersten vier Zeilen mehr als ein Drittel von ihnen eröffnet.
W fragt nach, öffnet und kann auf innere Ebenen führen.
Und Alliterationen, wenn sich also gleiche Buchstaben zu Beginn nachfolgender Wörter finden, hallen im Falle von Konsonanten, wie es das W einer ist, nach, vertiefen den Resonanzraum der Seele.

Die Braut Eugenie hatte, nachdem die Gäste vom Schlosse abgefahren waren, im engeren Familienkreis ihre Befürchtungen in Bezug auf Mozart nicht verschwiegen, doch lenkt man sie nach Kräften ab. – Die abschließenden Sätze der Novelle lauten:

„Einige Augenblicke später, als sie durchs große Zimmer oben ging, das eben gereinigt und wieder in Ordnung gebracht worden war und dessen vorgezogene, gründamastene Fenstergardinen nur ein sanftes Dämmerlicht zuließen, stand sie wehmütig vor dem Klaviere still. Durchaus war es ihr wie ein Traum, zu denken, wer noch vor wenigen Stunden davorgesessen habe. Lang blickte sie gedankenvoll die Tasten an, die er zuletzt berührt, dann drückte sie leise den Deckel zu und zog den Schlüssel ab, in eifersüchtiger Sorge, daß so bald keine andere Hand wieder öffne. Im Weggehn stellte sie beiläufig einige Liederhefte an ihren Ort zurück; es fiel ein älteres Blatt heraus, die Abschrift eines böhmischen Volksliedchens, das Franziska früher, auch wohl sie selbst, manchmal gesungen. Sie nahm es auf, nicht ohne darüber betreten zu sein. In einer Stimmung wie die ihrige wird der natürlichste Zufall leicht zum Orakel. Wie sie es aber auch verstehen wollte, der Inhalt war derart, daß ihr, indem sie die einfachen Verse wieder durchlas, heiße Tränen entfielen.

Ein Tännlein grünet wo,
Wer weiß, im Walde;
Ein Rosenstrauch, wer sagt,
In welchem Garten?
Sie sind erlesen schon,
Denk es, o Seele,
Auf deinem Grab zu wurzeln
Und zu wachsen.

Zwei schwarze Rößlein weiden
Auf der Wiese,
Sie kehren heim zur Stadt
In muntern Sprüngen.
Sie werden schrittweis gehn
Mit deiner Leiche;
Vielleicht, vielleicht noch eh
An ihren Hufen
Das Eisen los wird,
Das ich blitzen sehe!


Mit diesen zwei Strophen also endet die Novelle, und je öfter man deren Verse liest, desto nachdrücklicher wirken sie.

Gesetzt den Fall, Menschen wüssten um ihren Todestag, ihre Todesstunde und
nehmen wir an, ich weiß, ich sterbe am 22. März 2022 um 9.23 Uhr.
In also 507 Tagen.
Dann verrinnt die gern von uns unbeachtete Zeit auf einmal wie der Sand in der Sanduhr. Zügig. Unaufhaltsam rieselt der Sand der Zeit dahin.
Gerade eben wieder nimmt mir die Zeit eine Lebensgegenwart aus der Hand.
Und immer wieder.
Irgendwo grünt das Tännlein, das einmal auf meinem Grab wächst; in irgendeinem Garten wartet ein Rosenstrauch auf mein Grab, will dort – und wieder finden sich die W-Alliterationen – wurzeln und wachsen.
Und das Heimkehren der Rösslein, der schwarzen Rösslein, erinnert nicht an deren Stall und anstehendes Futter, sondern an die Heimkehr der Seele.

Mörike gestaltet das Gedicht metrisch alternierend mit drei- und zweihebigen Jamben. –

Auch ein Gedicht lebt von seiner Form. Und Kunst-Formen zu verstehen, sich um ihr Verständnis, ihre Bedeutung zu bemühen, bildet den inneren Menschen. Die Schönheit des eigenen Inneren will modelliert sein.
Zwei Verse der insgesamt 18 gehören metrisch jeweils zusammen, der erste umfasst drei Hebungen (unbetont-betont / unbetont – betont / unbetont – betont), dann folgt der zweihebige.
Das ist, als ob in der dreihebigen Gestaltung etwas angesprochen wird (Ein Tännlein grünet wo); das Vollenden erfolgt zweihebig und bündig (Wer weiß, im Walde).
Neben den beiden Strophen sind es diese Paare, die das Gedicht gliedern und seine Aufnahme durch den Leser prägen.

Nur an einer Stelle ist alles anders:

am Schluss, und damit an jener, wo das Eisen sich vom Hufe löst, wo das Glück den nach vorne trabenden Huf verlässt, wo das Eisen zu Boden fällt.

„Das Eísen lós wird“.

Zwei Hebungen. Und was für eine Weise, Zeit als begrenzt auszuweisen!
Eigentlich, der bisherigen Reihenfolge entsprechend, müsste hier ein Vers mit drei Hebungen stehen. Doch werden hier nicht nur die Hebungen verkehrt, indem zunächst ein zweihebiger Vers steht und dann erst der dreihebige folgt („Dás ich blítzen séhe).

Zugleich ändert sich das Metrum, die letzte Zeile ist ein Trochäus, dreihebig: betont-unbetont / betont – unbetont / betont unbetont.

Der Trochäus wirkt, als ob ein Tor sich schließt.

Ein Leser, der nicht detaillierte Lyrik-Kenntnisse besitzt, bekommt von dieser bis in feines Detail reichenden Kunst wenig bis nichts mit.

Aber wir wissen: das Metrum, der Rhythmus teilen sich der Seele mit, die Allite-rationen wirken weitend, die Doppelung des „Vielleicht“ steigert die Spannung, Assonanzen wie „deine Leiche“ drücken sich tief in eine lauschende Seele und die vielen Zeilensprünge treiben vorwärts auf eine Ende zu, von dem man doch gar nicht hören möchte. – Das alles wirkt auch auf der unbewussten Ebene.

Von dieser feinen Kunst im Detail ist auch das Zentrum des Gedichtes betroffen, das „Denk es, o Seele.“

Das ist eine Aufforderung, die wir in dieser Nachdrücklichkeit aus dem 13. von Rilkes Sonetten an Orpheus kennen, wenn der Leser in der ersten Strophe sich aufgefordert sieht:

Sei allem Abschied voran, als wäre er hinter
dir, wie der Winter, der eben geht.
Denn unter Wintern ist einer so endlos Winter,
dass, überwinternd, dein Herz überhaupt übersteht.

So weit geht Eduard Mörikes Formulierung nicht. Es geht ihm nicht um Voran-Sein, es geht ihm allein um den heiligen Akt des Denkens.
Weder geht es darum, Prometheus zu sein, also ein – die Bedeutung des Namens widerspiegelnd – Vorausdenkender, noch ein Epimetheus, dessen Nachdenklichkeit wir den unschönen Inhalt der Büchse der Pandora verdanken.
Wie wichtig Mörike das schlichte, klare Denken ist, wird erkenntlich daran, dass eigentlich ein jambisches Metrum immer unbetont beginnt, bis eben auf jene Ausnahme, die man Tonversetzung nennt, wenn die betonte Silbe, die eigentlich doch der unbetonten folgt, nach vorn gezogen wird und die entsprechende Silbe eine ganz besondere Note erhält. 
Wir betonen nicht: Denk és, o Seéle, sondern Mörikes lyrisches Ich bittet:
………………….
………………Dénk es, o Seéle!

Diese Aufforderung ist dadurch in ihrer inneren Dringlichkeit kaum überbietbar.
Es ist für alle Zeiten eine zeitlose Forderung, die besagt: Warte nicht auf Geistesblitze. Warte nicht auf Erleuchtung.
Kümmere dich, Mensch, mit deinen wertvollen urmenschlichen Mitteln um dich! Um deinen Tod.

Denke deinen Tod.

Gerade jene Menschen, die sich Spirituellem und damit geistigen Ebenen zuwenden, sie als real vorhanden in ihr Leben mit einbeziehen, müssen klar und rein denken und sich nicht auf nebulöse Gefilde ziehen lassen, auf eine diffuse Mystik einlassen, wo alles licht  und Licht sein will, nur damit sie selbst in diesem Lichte hell strahlen.

Pantheismus und Erkenntnis schließen sich aus. Ersteren gibt es nur in den Köpfen von Menschen, die sich von der Wirklichkeit verabschiedet haben.

Denken im Sinne Mörikes ist allerdings auch mehr als intellektualisieren, das nur den Gehirnstrohsack trocken rascheln lässt.

Es ist, als wisse Mörike, dass das Vermögen zu denken ein göttliches Geschenk ist.


Gerade im Zusammenhang mit dem Tod kann es seiner Göttlichkeit gerecht werden.


Ein Tännlein grünet wo,

Wer weiß, im Walde;
Ein Rosenstrauch, wer sagt,
In welchem Garten?
Sie sind erlesen schon,
Denk es, o Seele,
Auf deinem Grab zu wurzeln
Und zu wachsen.

Zwei schwarze Rößlein weiden
Auf der Wiese,
Sie kehren heim zur Stadt
In muntern Sprüngen.
Sie werden schrittweis gehn
Mit deiner Leiche;
Vielleicht, vielleicht noch eh
An ihren Hufen
Das Eisen los wird,
Das ich blitzen sehe!

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Gegen den Trend zum Turbo-Aktivismus: Goethes „Dauer im Wechsel“

Dauer im Wechsel
 
Hielte diesen frühen Segen,
Ach, nur eine Stunde fest!
Aber vollen Blütenregen
Schüttelt schon der laue West.
Soll ich mich des Grünen freuen,
Dem ich Schatten erst verdankt?
Bald wird Sturm auch das zerstreuen,
Wenn es falb im Herbst geschwankt.
 
Willst du nach den Früchten greifen,
Eilig nimm dein Teil davon!
Diese fangen an zu reifen,
Und die andern keimen schon;
Gleich mit jedem Regengusse
Ändert sich dein holdes Tal,
Ach, und in demselben Flusse
Schwimmst du nicht zum Zweitenmal.
 
Du nun selbst! Was felsenfeste
Sich vor dir hervorgetan,
Mauern siehst du, siehst Paläste
Stets mit andern Augen an.
Weggeschwunden ist die Lippe,
Die im Kusse sonst genas,
Jener Fuß, der an der Klippe
Sich mit Gemsenfreche maß.
 
Jene Hand, die gern und milde
Sich bewegte, wohlzutun,
Das gegliederte Gebilde,
Alles ist ein andres nun.
Und was sich an jener Stelle
Nun mit deinem Namen nennt,
Kam herbei wie eine Welle,
Und so eilt’s zum Element.
 
Laß den Anfang mit dem Ende
Sich in eins zusammenzieh’n!
Schneller als die Gegenstände
Selber dich vorüberflieh’n.
Danke, daß die Gunst der Musen
Unvergängliches verheißt:
Den Gehalt in deinem Busen
Und die Form in deinem Geist.
 
 
Was für einen Anlauf nimmt Goethe, um nach 36 Versen das, um was es ihm geht, zum Schluss in einem Satz zu Papier zu bringen:
Was du im Busen trägst und was dein Geist formatiert, ist unvergänglich – oder sagen wir lieber: kann unvergänglich sein.
 
Alles allerdings, was er über die vorausgehenden vier Strophen hin nennt und mit vollem Herzen vor unsere Augen hinzaubert, ist – so betörend es wirken mag – vergänglich; der vorwärtsdrängende vierhebige Trochäus und die immer wieder vorhandenen Zeilensprünge unterstützen auf der formalen Ebene diesen Charakter. Und nicht von ungefähr nimmt der weise Weimarer Bezug zu Heraklit und seinem ´panta rhei´ und jenem Hinweis, dass man nicht zweimal in denselben Fluss steige, der das Fließen der Zeit im Bild des Wassers intoniert.
 
Der 2002 verstorbene Publizist und Literaturkritiker Werner Ross verweist in seinen Gedanken zu diesem Gedicht in Reich-Ranickis Gedichtsammlung´“1000 Deutsche Gedichte“ darauf, dass dieses Poem in der „Ausgabe letzter Hand“ in der gewichtigen Sammlung „Gott und die Welt“ stehe, die anhebt mit dem Proömium „Im Namen dessen, der sich selbst erschuf!“ und fortfährt mit so ewigkeitsraunenden Gedichten wie „Vermächtnis“ und „Urworte Orphisch“. Verglichen mit diesen tiefsinnigen Entfaltungen Goethescher Weltanschauung sei der Gehalt von „Dauer im Wechsel“ bescheiden.
 
Was dem guten Mann entgangen sein könnte, ist, dass Goethe mit der Gewichtung des Gedichtinhaltes zugunsten wechselhaften und für jenen Literaturkritiker vielleicht zu banalen Geschehens uns vor Augen führt, wie sich für die Mehrheit der Menschheit Leben präsentiert:
 
Es ist der Wechsel, das Reich der Zeit, das Menschen in Beschlag nimmt. Und wir wissen doch, dass sich der Hang zur Aktion, zur ständigen Abwechsung im Grunde immerfort verstärkt – und wie schwer es den Menschen fällt, auf Action zu verzichten, zeigt Corona auf..
 
Darf es noch die gute alte Lange-Weile geben?
Muss//musste nicht vor Corona jeder Kindergeburtstag ein Staccato bestgeplanter Turbo-Unterhaltung sein?
Und geben mittlerweile nicht nur Journalisten, sondern auch geisteswissenschaftlich orientierte Menschen jenem Schwachsinn nach, für ihren Beitrag die Lesezeit anzugeben!
Bloß nicht zu lange irgendwo verweilen müssen. Dann lieber gleich weiterklicken!
 
Für viele endet im Grunde ihr Leben nach Goethes vier Strophen, in denen mit so facettenreichen Anspielungen den Wechsel, wie ihn die Goethezeit kannte, gestalten.
 
Gibt es überhaut ein Ewiges, ein Überdauerndes? Etwas mithin, was für die meisten Menschen immer weniger, so scheint es, ein Thema ist . . .
Goethe hat sich klar entschieden. In „Eins und alles“ äußert er:
 
Das Ewige regt sich fort in allen:
Denn alles muss in Nichts zerfallen,
Wenn es im Sein beharren will.
 
Manchen Goethe-Nörglern, aber auch nicht wenigen seiner Verehrer mag das doch zu viel gewesen sein, dem Nichts so ins Auge sehen zu müssen, weshalb der weise Alte in „Vermächtnis“ zu allseitiger Beruhigung nachgeschoben hat:
 
Kein Wesen kann zu nichts zerfallen!
Das Ew´ge regt sich fort in allen,
Am Sein erhalte Dich beglückt!
 
Bei sich mag er gedacht haben:
Es bleibt dabei: ohne Nichts, kein Sein; ohne Stirb, kein Werde; ohne Wechsel keine Dauer.
 
Unserer menschlichen Wirklichkeit hat er jedenfalls mit dem Aufbau seines Gedichtes Tribut gezollt: Noch dominiert – mindestens im Verhältnis 4:1 – die Vergänglichkeit, der Wechsel, die Abwechslung und Kurzweil statt Langeweile in der Seele der Menschen. 
Und eigentlich immer mehr. Dennoch:
Das muss nicht so bleiben.
 
Die Frage, die sich stellt, ist, was Dauer ausmacht.
Was ist Dauer?
Was macht es aus, dass Dinge, Taten, Worte Ewigkeitswert haben?
 
Klar kennen wir das Weibliche.
Was aber ist das Ewig-Weiblich?
 
Dieses Wissen, diese Erkenntnis bekommt niemand auf dem Tablett serviert.
Der Gehalt im Busen, die Form im eigenen Geist machen den Unterschied.
 
Im Werk Goethes ist, was ewig ist, vielfach angesprochen, im „Faust“, in seinem „Märchen“, im „Vermächtnis altpersischen Glaubens“, in . . .
 
Natürlich besteht die Möglichkeit, sich weiterhin glauben zu machen, dass nach dem Wechsel alles aus sei – wie eben das Gedicht nach der vierten Strophe.
 
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An der Kante zum Kitsch lang: Rainer Maria Rilkes „Die Flamingos“

Zum Verständnis voraus:

  • V. 1 Jean-Honoré Fragonard (1732 – 1806) war ein französischer Maler, Zeichner und Radierer des Rokoko zur Zeit des Ancien Régime. (Wikipedia)
  • V. 8 Phryne war eine berühmte griechische Hetäre aus Thespiai, sie lebte im 4. Jahrhundert v. Chr. „Sie galt in ihrer Blütezeit als die Repräsentantin der Liebesgöttin Aphrodite und diente Apelles als Modell für seine Anadyomene und Praxiteles für seine Aphrodite von Knidos. In einem Tempel zu Thespiai stand neben einer Statue der Aphrodite von Praxiteles auch eine Statue der Phryne vom selben Künstler.“ (Wikipedia)
  • V. 12 Volière: großerVogelkäfig mit Freiflugraum.

Nun aber zu dem, worum es im Eigentlichen geht:

Die Flamingos

………….Jardin de Plantes, Paris

In Spiegelbildern wie von Fragonard
ist doch von ihrem Weiß und ihrer Röte
nicht mehr gegeben, als dir einer böte,
wenn er von seiner Freundin sagt: sie war

noch sanft von Schlaf. Denn steigen sie ins Grüne
und stehn, auf rosa Stielen leicht gedreht,
beisammen, blühend, wie in einem Beet,
verführen sie verführender als Phryne

sich selber; bis sie ihres Auges Bleiche
hinhalsend bergen in der eignen Weiche,
in welcher Schwarz und Fruchtrot sich versteckt.

Auf einmal kreischt ein Neid durch die Volière;
sie aber haben sich erstaunt gestreckt
und schreiten einzeln ins Imaginäre.


Sie schreiten ins Imaginäre?
Was heißt das?
Vermutlich kommen Flamingos ja dann auch von dort, also aus dem Imaginären?
Oder machen wir uns darüber deshalb Gedanken, weil Rilke einen Reim auf Volière finden musste?
Chimäre wäre auch gegangen . . .

Ich sehe sie vor mir, jene Flamingos, die man kaum übersehen kann, wenn man die Stuttgarter Wilhelma über den Haupteingang betritt und nicht gleich ins Pflanzengewächshaus geht.
Selten habe ich Leben gesehen, dass allein durch Haltung und Aussehen einen nie auf die Idee hätte kommen lassen, ihm näher zu treten. Flamingos standen und stehen da, als hätten sie sich selbst vergessen. Relativ nah beieinander und doch so weit voneinander weg. Kaum vorstellbar, dass sie Laute austauschen.
Wenn es im zweiten Quartett heißt, dass sie sich selbst verführen, unendlich gekonnt, eben wie Phryne, dann kann das meinen, dass sie sich gegenseitig verführen, es kann aber genauso auch vermitteln wollen, dass ihr Begehren sich allein auf sich selbst richtet.

Neid, der aufkreischt, aber worauf? Auf diese totale Stilisierung des Lebens?

Jedenfalls ist es Leben, das von sich selbst kaum weiter entfernt sein kann:

Spiegelbilder beinhalten schon, dass sie nur indirekt etwas wiedergeben. Um einen Eindruck von ihnen zu bekommen, ist in unserem Fall ein Vergleich zu Fragonard notwendig, dessen leicht hingemalte, ebenfalls ans Kitschige grenzenden und oft verführerisch sein wollenden Darstellungen (es entsprach wohl damals dem Zeitgeschmack) offensichtlich – und hoffentlich – nicht sehr viel Realität bieten, und, um die offensichtlich doch erhoffte zu unterstreichen, wird – auch noch im Konjunktiv des Irrealis („böte“) – ein Mann bemüht, der sich dann nicht einmal auf sich, sondern auf seine Freundin bezieht, und das Geschehen, auf das er sich bezieht, liegt auch noch in der Vergangenheit.

Dieses Wirklichkeitsversteckspiel ist auf viereinhalb Verse komprimiert – gewiss eine große Meisterleistung des Gedichtes.
Davon abgesehen finde ich die ein oder andere Stelle („sie war noch sanft von Schlaf“) an der Kitsch-Grenze, allerdings ist es gleichzeitig so, dass man nie das Gefühl hat, Rilke könne sie übertreten.
Woran das liegt?
Daran, dass dieser Mann – wohl im Herbst 1907 – meisterlich mit Mitteln wie Zeilensprüngen, Alliterationen und Buchstabenfolgen überhaupt umgeht. Man schaue nur, wie gekonnt er den Diphtong „ei“ zu Beginn des zweiten Terzetts einsetzt: viermal in vier Wörtern, mehr geht kaum. Überhaupt dominiert das >ei< das ganze Gedicht, ohne dass das auffallen mag, aber es findet sich u.a. auch in Weiß, in einer, in seiner, in steigen, in leicht . . .
Wer dieses Gedicht liest, ist geprägt von diesem >ei<, wie immer es auch auf den Einzelnen wirken mag.

Von dem E wird an anderer Stelle gesagt:
– Überall, wo ein E auftritt, hat man dasjenige, was ich etwa bezeichnen möchte: Das hat mir etwas getan, das ich spüre.
– Man läßt sich nicht anfechten durch etwas, was einem geschieht.
– Haben wir das Gefühl, daß wir einen äußeren Eindruck abzuwehren haben, gewissermaßen uns wegwenden müssen von ihm, um uns selbst zu schützen, haben wir also das Gefühl des Widerstandleistens, dann drückt sich das aus in dem «E».

Über ein >I< heißt es:
– I-Laut ist leicht zu empfinden als die Selbstbehauptung. I stellt immer dar eine sich verteidigende Selbstbehauptung.
– Ein wahrhaftes Eindringen in die geistigen Welten ist gar nicht möglich, ohne gewisse Gefühle mit sich zu bringen, die man religiös-fromme Gefühle nennen kann, Gefühle des Hingegebenseins an die höhere geistige Welt. Diese Seelenstimmung braucht man für das wirkliche Erleben der geistigen Welten so, wie man in der physischen Menschenwelt, damit man sich mit den anderen verständigen kann, in die Notwendigkeit versetzt ist, durch seinen Kehlkopf und die anderen Sprachwerkzeuge ein I hervorzubringen. Was in der gewöhnlichen Menschensprache möglich macht, ein I hervorzubringen, das macht in den höheren Welten die Seelenempfindung, die aus der Hingegebenheit fließt.

Der Diphtong >ei< ist sicherlich mehr als die Summe seiner Teile, aber gewiss ist in dem gesamten Gedicht etwas enthalten, was in der Bedeutungsebene der Buchstaben zum Ausdruck kommt, zumal Rilkes Schreiben in aller Regel eine religiöse Ebene mit sich führt, was sich im Wesen des >I< spiegelt.

Der Jardin de Plantes hat ja Rilke zu noch anderen Gedichten angeregt, und Der Panther ist unter ihnen ein wahres Meisterwerk.
In jenem Sonett finde ich tatsächlich tiefen Sinn.
In diesem hier finde ich viel l´art pour l´art, Kunst um der Fingerübung willen, um des schönen Scheins.
Und der Schein trügt schön. Die Zeilen- und Strophensprünge haben einen Anflug von Genialität, so wie das beisammen am Anfang von Zeile 7 überraschend den durch eine zweifach durch Adverbiale erweiterte Partizipialkonstruktion schon fast verloren geglaubten Satz aufnimmt und fortführt. Und vergleichbar kunstvoll gelingt Sie war // noch sanft von Schlaf.
Die viermaligen Vergleiche heben den Inhalt etwas ins Überirdische und die mehrfachen b-, st- und s-Alliterationen, das Spiel mit dem Wortstamm (verführen verführender), der unglaubliche Neologismus hinhalsend und so ungewöhnliche Wendungen wie, wenn er vom Bergen in der eigenen Weiche spricht: das kann kaum jemand so wie Rilke. Das ist höchste Wortschnörkelkunst.
Ich sage etwas abwertend Wortschnörkelkunst.
Weil es den ein oder anderen verführen mag zu: Oh ja, dieser Rilke, mein Gott, so schreibt nur einer, so gottvoll. Wie tief er wieder ins Wesen der Vorstellung geht . . .
Wenn jemand mit seinem Posiealbum ein wenig oder ein wenig mehr angeben will, dann findet sich doch in der Regel ein Rilke, ein Hesse, eine Mascha Kaléko . . .

Das zweite Terzett zieht etwas Sinn ans Ufer: Oh, auch in der Wilhelma gibt es Neid . . .

Mich erinnern Die Flamingos an das ein oder andere Rilke-Gedicht, das genauso sinnlos sinnvoll ist.

Ich wüsste allerdings nicht, warum Rilke Obiges nicht geschrieben haben sollte.

Ich meine, er muss sich vor niemandem rechtfertigen, solch ein Gedicht geschrieben zu haben.
Welcher Schumacher hat nicht schon Schuhe produziert, die man ja nicht unbedingt angezogen haben muss, die aber einfach so schön daherkommen, so betörend gekonnt, so hinhalsend schön . . .
Und wie oft habe ich nicht schon etwas geschrieben, was höchstens gerade mal ich toll fand – womöglich findet das mancher bei eben Geschriebenem auch.
Und der ein oder andere dachte/denkt: Mein Gott, Klinkmüller, lass es doch einfach!

Wobei ich noch eines zum Schluss ansprechen möchte, was vielleicht unabsichtlich absichtlich von Rilke auf diese Weise unterschwellig intoniert ist:

* Da bietet einer – wenn auch entschärft durch den Alibi-Konjunktiv II („böte“) – ein Detail über seine Freundin an, das eigentlich niemanden etwas angeht;
* da verführen Tiere sich selbst;
* und es ist von ihrer fruchtroten Weiche die Rede;
* da dient als Vergleichsobjekt die vielleicht berühmteste Hetäre des Altertums;
* und Fragonards Bilder hatten durchaus auch einen schlüpfrigen Touch.

Möglich, dass Rilke auf die Damen anspielt, die auf ihren sonntäglichen Selbst-Präsentierspaziergängen durch den Park mit der Umgebung und sich kokettierten; möglich aber auch, dass da ein Großer seiner Zunft etwas von seinem Inneren zeigt, was sich in Tieren spiegelt; verwunderlich wäre es nicht und es wäre genau das, was sich im Astralbereich unserer Seelen spiegelt.
Und in Bezug auf Rilke und die Frauen mag da das ein oder andere flamingohaft sein . . .

Vorhin habe ich zur Erholung ein Venedig-Gedicht von Rilke gelesen, jedenfalls war´s zur Erholung gedacht. In ihm hat er Venedig zur Kurtisane gemacht. Na ja, irgendwie ist es auch so ein versteckter Rilke; jedenfalls: begeistert war ich auch nicht davon (aber es gibt ja Rilkes „Spätherbst in Venedig“).
Mein Lieblings-Venedig-Gedicht schrieb allerdings nicht Rilke, sondern ein schwuler Dichter des beginnenden 19. Jahrhunderts, der sich nicht einmal selbst outen durfte (was er zu seiner Zeit tunlichst eh unterlassen hätte), weil das – es mag wohl ziemlich gehässig gewesen sein – Heine, stellvertretend für ihn, deutschlandweit übernahm: ich spreche von August von Platen.
Aber davon und von noch anderen Venedig-Gedichten ein andermal mehr.

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Gefangen in der Virusfalle? – Hölderlins Bewusstsein versus Asuras und den Sonnendämon Sorat.

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Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume ein Verbrechen ist,
Weil es ein Schweigen über den Virus einschließt!

So könnte man eine der meist zitierten Zeilen Brechts aus seinem Gedicht An die Nachgeborenen abwandeln.
Aber schon im Original (weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!) lenkt Brechts Jammern von dem, was es wirklich zu tun gilt, ab und was es zu tun gilt, darüber möchte ich heute schreiben, weil ich wahrnehme, dass die Menschheit in eine Virusfalle tappt, die sie als solche überwiegend nicht erkennt, da sie an äußerem Geschehen hängenbleibt, eine Falle, die von geistig und tatsächlich okkulten, also verborgenen Kräften aufgestellt ist, über die die meisten zu wenig informiert sind.
Über diese Kräfte möchte ich zumindest in einem Überblick im letzten Drittel des Beitrages informieren.

Den Untaten Brechts, mit denen er sich auf das 3. Reich bezog, entspricht heute der Virus, und genau das, was er möchte, geschieht fatalerweise, dass nämlich fast nur noch über ihn gesprochen und geschrieben wird; massenweise werden auf You Tube Videos konsumiert, ob denn der Virus so schlimm sei, wie recht viele Virologen und Politiker das sehen, die Medien sind voll von entsprechenden Meldungen und ein nicht gerade geringer Teil privater Gespräche dreht sich um ihn
Das ist verhängnisvoll, und dieses Verhängnis ist existentiell für die Zukunft der Menschheit. Wie ein dunkler Teppich hat sich die Pandemie auf die Seelen gelegt. Viele gehen mit Gedanken an sie zu Bett oder stehen mit ihr auf, nicht nur Infizierte. Immer wieder werden dramatische Bilder gezeigt, obwohl in Deutschland, gemessen an der Gesamtbevölkerung, der Anteil der Infizierten gering ist, und ich sage das auch auf dem Hintergrund,  dass momentan die Fallzahlen wieder zunehmen, was in allen Nachrichtensendungen einen breiten Raum einnimmt (ich bin im Übrigen sehr wohl für das Einhalten von Regeln und in bestimmten Räumlichkeiten und an bestimmten Orten für das Tragen von Masken ).

Die Dunkelheit des Teppichs führe ich nicht – entgegen mancher Weltverschwörungsapologeten – auf jene heimlichen Oligarchen der Erde zurück, die tatsächlich deren Wohl und Wehe aus dem Hintergrund steuern mögen, mehr als uns lieb ist. Wenn sie es denn gibt, sind sie aus meiner Sicht ohnehin, ohne es zu wissen (wenn es einige wissen, umso schlimmer), in den Händen kosmischer Kräfte , die die Menschheit völlig aus den Augen verloren hat und die seit dem sogenannten Sündenfall auf dem Schachbrett des Lebens Schwarz darstellen.

Weiß zieht und gewinnt, ist ein alter Schachspielerspruch. Im Moment ist es eindeutig so:

Schwarz zieht und gewinnt (für Besorgte: nein, Schach ist für mich nicht rassistisch)

Dass jene dunklen Kräften des dunklen Teppichs – zu ihnen, wie gesagt, später mehr – in Form des Virus agieren, wundert nicht, weil für mich die Menschheit in ihrer Gesamtheit, gerade auch aufgrund einer seelisch so reifen Jugend und jungen und endlich eigenwilligen Erwachsenen, wichtige Entwicklungsschritte  zu gehen sich anschickt, um innerlich und äußerlich alte Strukturen über Bord zu werfen. Das betrifft Formen einer überholten Religiosität, überholte pseudodemokratische Strukturen wie das (Ego-)Theater unserer Parteiendemokratie, überholte Institutionen wie die Nato (die Trump und Erdogan ja fast im Alleingang ruinieren, geführt noch dazu durch ein sich gerade selbst zersetzendes Amerika) und die EU, die nie ihren eigenen Ansprüchen genügte, sondern zu 95 Prozent ein Wirtschaftsverein war und ist, der in allem, was er tut, das  Modell des zwanghaften Immer-Wachsen-Müssens abzusichern hat.
Viele wollen das nicht mehr, gerade junge Erwachsene und Jugendliche, weil sie sehen, dass mit all dem die Menschheit innerlich und ökologisch-klimatisch untergeht.

Ein Gespräch über Bäume ist kein Verbrechen, sondern notwendig!

Spätestens seit seinen erfolgreichen Forschungen zur Urpflanze und dem Urtier (bezüglich letzterem kam er nicht mehr zu Potte) hat Goethe manchen bewusst lebenden Menschen vermitteln können, dass es wichtig ist, nach dem „Ur-„, dem Quell aller Erscheinungen zu suchen, der Idee, die physischen und metaphysischen Erscheinungen unseres Lebesn zugrundeliegen (was Goethe innerlich antrieb, zeigt sich im Grunde mehr in seinen naturwissenschaftlichen Studien, denn in seiner Dichtung).
Mittlerweile, so glaube ich bemerkt zu  haben, haben doch einige Menschen erkannt, wie wichtig Ideen sind, weil sie der Treibsatz unserer Entwicklung sind. Und nicht nur das: in den Kämpfen des Lebens brauchen wir, wie weiland Seefahrer sich an Sonne und Polarstern ausrichteten, Orientierungspunkte.
Ideen sind Orientierungspunkte und die weise Ricarda Huch hat dazu ein wunderbares Gedicht geschrieben.

Gern wird in diesem Zusammenhang auf Helmut Schmidts Aussage – Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen – verwiesen, aber der Altkanzler hat schon lange und noch zu Lebzeiten richtiggestellt, dass diese Aussage, wenn er sich recht erinnere, eine pampige Antwort auf eine dusselige Frage eines Interviewers gewesen sei; mehr nicht.

Vele mögen Goethes Sicht ablehnen, weil sie dem Wort Idee misstrauen, aber es meint nichts anders als eine erste Schöpfung auf der geistigen Ebene. Auch der Mensch war eine Idee, wie sie allem Geschaffenen zugrunde liegt, nur Gott als der ungeschaffen Schaffende nicht; jener ist für mich Idee und Wirklichkeit in einem.

Was hat es also mit Bäumen auf sich?
Die Uridee hinter den Bäumen ist der Mensch selbst und es kann hier nicht ausgeführt werden, aber verwiesen sei u.a. auf Yggdrasil, die Weltenesche, die, wie es in der Eddha heißt, über alle Welten reicht. Yggdrasil bedeutet Ich-Träger und sie entspricht dem UrMenschen, der tatsächlich weit größer war, als es unsere Vorstellung erfassen kann, sie  entspricht dem Adam Kadmon der Kabbala, der den Geistmenschen in seiner ursprünglichen Gestalt vor der luziferischen Verführung darstellt  (hier mehr zu diesem Thema). Zu dieser Größe hätte dank Luzifer, vor allem aber auf Grund dessen, was die durch ihn geöffnete Tür in die Seelen der Menschen hineinschwappte, nie mehr zurückgefunden; sie kann es, weil aus den kosmischen Dimensionen, Luzifer überlegen, ein göttliches Bewusstsein auf die Erde kam, das in seiner wahren Dimensionalität zu erkennen vor allem auch die Kirchen verhindern.

Warum ist diese Uridee des Baumes und des Menschen für unsere Zeit so wichtig?

Vor allem  die Jüngeren unter uns sind, wie bereits erwähnt, im Moment dabei, eine neue Entwicklung innerhalb der Menschheit anzustreben.
Jenen dunklen Kräfte aber, die verantwortlich für den schweren Teppich der Pandemie sind, der das seelisch aufblühende, weil sich fortentwickeln wollende Leben der Menschheit ersticken will, ist in der Tat mit dem Virus ein genialer Zugriff auf sie gelungen, wobei es durchaus möglich ist, dass diese Kräfte sich gewaltig verkalkuliert haben, denn auf einmal treten durch die Pandemie Tatsachen zutage, die zeigen, dass die vorhandenen Strukturen, wenn sie in den Händen Uralter unter den Älteren, wie wir sie aus den Märchen kennen – und es sind nicht nur Bolsonaro, Trump und Erdogan -, ein unglaubliches Unheil anrichten, indem sich nämlich offenbart, dass zum Beispiel Jeff Bezos, der Eigentümer von Amazon dank der Pandemie sein persönliches Vermögen innerhalb der ersten 5 Monaten der Krise um ca. 45 Milliarden Dollar auf mittlerweile „knapp“ 160 Milliarden Dollar steigerte, dass unsere großen drei Autokonzerne in den letzten 10 Jahren über 230 Milliarden Euro Gewinn machten und nun mal geschwind aus Steuergeldern (also auch von Steuern wenig Betuchter) 50 Milliarden Unterstützung bekommen (die u.a. auch Aktionäre abschöpfen) und dass die Milliardäre in den USA von der Krise mit am meisten profitierten, indem  ihr Vermögen innerhalb von 23 Tagen um 282 Milliarden Dollar zunahm.
Während auf der Welt die Menschen scharenweise an Hungers sterben oder medizinisch nicht behandelt werden können. Ein unfassbarer Zustand. Wie lange will ihn die Gesamtheit der Menschen wirklich noch mitmachen?
Wie viele Milliarden kann z.B. eine Bundesregierung auf einmal locker machen, was sie vorher strikt verweigerte, obwohl in unserem so reichen Land bekanntermaßen Millionen von Menschen, vor allem Älteren, Rentnern und vielen Jugendlichen, die in Armut aufwachsen und  in einer Millionenanzahl hungrig zur Schule gehen, schon lange hätte geholfen werden müssen!
Auf einmal aber ist massenweise Geld da!
Wir erinnern uns: Es war vor Jahren anlässlich der Bankenkrise genauso schlagartig da und es erwies sich schon damals, dass es in Deutschland besser ist, eine Bank als ein Mensch zu sein.
Für die Not der Banken hatte und hat Angela Merkel immer ein offenes Herz.
Ich wage vorauszusagen, dass das Ende unserer Form der Parteiendemokratie absehbar ist, weil Menschen aktiver in diese sogenannte hohe Politik werden eingreifen wollen, anstatt sich, wie bisher zum Stimmvieh degradieren zu lassen, das alle vier Jahre zur Tränke, sprich, zum Wahllokal vorgelassen wird.

Keine Weltverschwörung, sondern Weltentwicklung

Jahrtausendelang waren die Menschen Marionetten der Götter. Das ist eine sarkastische Umschreibung für die Tatsache, dass die Menschheit in den Kinderschuhen steckte und dann in die Pubertät kam – dafür steht auch der Sündenfall.
Nun ist sie erwachsen geworden – den Türöffner dorthin verkörpert in den Mythen Prometheus.
Doch das Erwachsenwerden der neuzeitlichen Menschheit hatte und hat auf der kosmischen Ebene ja nicht nur Gegner, wie weiland Zeus, sondern ebenso Förderer unter den metaphysischen Kräften. Entscheidend jedoch war das Geschehen auf Golgatha, das völlig neue Bedingungen auf der Erde mit sich brachte und Menschen in die Lage versetzt, sich auf eine Weise zu entwickeln, wie sie weitgehend bis dato nur Mysterienschülern vorbehalten war. Einer wie Pythagoras steht ja beispielhaft dafür: Ihm waren die griechischen Mysterienschulen zu wenig, weshalb er nach Ägypten, wie uns überliefert ist, in zwei der dortigen reiste, um dann selbst eine wissenschaftlich-spirituelle Schule zu gründen, deren Ergebnisse bis heute einzigartige Bewunderung verdienen.
Diese Zeiten aber, als spirituelles Wissen nur wenigen Ausgewählten zugänglich war, sind mit Golgatha vorbei, der Vorhang, der die Menschen von dem Allerheiligsten trennte, zerriss; der Zugang  zu höchstem göttlichen Bewusstsein ist möglich und wir sind auf dem Weg, wenn auch durchaus langsam und uns unnötig als Menschheit schwertuend. Manche allerdings nutzen auch die Möglichkeit eines zur Verfügung stehenden Christusbewusstseins für ihre seelisch-geistige Entwicklung.

Hölderlin hat in einem Entwurf zur Vorrede seines Hyperion-Romans auf den Punkt gebracht, was gerade in Corona-Zeiten so notwendig bewusst sein sollte, wobei vorausgeschickt sei, dass er unter der im Folgenden erwähnten exzentrischen Bahn jene versteht, die uns aus dem vorluziferischen Zustand des Einsseins mit allem dem Goldenen Zeitalter der Griechen, dem sogenannten Paradies, über das Erfahren all der Facetten kosmischen und menschlichen Seins – wir sind gerade heftig dabei – zurückführt in einen erneuten Zustand des Eins-Seins mit einem uns nicht vorstellbaren höheren Bewusstsein:

Wir durchlaufen alle eine exzentrische Bahn, und es ist kein anderer Weg möglich von der Kindheit zur Vollendung. 
Die selige Einigkeit, das Sein, im einzigen Sinne des Worts, ist für uns verloren und wir mußten es verlieren, wenn wir es erstreben, erringen sollten. Wir reißen uns los vom friedlichen ἓν ϰαὶ πᾶν [hen kai pan] der Welt, um es herzustellen, durch uns selbst. Wir sind zerfallen mit der Natur, und was einst, wie man glauben kann, Eins war, widerstreitet sich jetzt, und Herrschaft und Knechtschaft wechselt auf beiden Seiten. Oft ist uns, als wäre die Welt Alles und wir Nichts, oft aber auch, als wären wir Alles und die Welt Nichts. Auch Hyperion teilte sich unter diese beiden Extreme.
Jenen ewigen Widerstreit zwischen unserem Selbst und der Welt zu endigen, den Frieden alles Friedens, der höher ist, denn alle Vernunft, den wiederzubringen, uns mit der Natur zu vereinigen, zu Einem unendlichen Ganzen, das ist das Ziel all unseres Strebens, wir mögen uns darüber verstehen oder nicht.
 Aber weder unser Wissen noch unser Handeln gelangt in irgendeiner Periode des Daseins dahin, wo aller Widerstreit aufhört, wo Alles Eins ist: die bestimmte Linie vereinigt sich mit der unbestimmten nur in unendlicher Annäherung.

Nachzutragen bleibt noch, dass die Formel des Hen kai pan [wörtlich´eins und alles´]  sich zuerst bei Heraklit („Aus allem eins und aus einem alles“) findet und später auch bei Giordano Bruno, Schelling und anderen.

Hölderlin weiß, dass dieser Weg, diese Bahn, kein Zuckerschlecken ist. Er spricht von der seelischen Zerrissenheit, die jeder von uns nur zu gut kennt, schreibt von den inneren, aber auch von den äußeren Drangsalen, die wir erleiden. Die große Ernsthaftigkeit dieses Mannes, der sich selbst als Seher bezeichnet, wird deutlich, wenn er an anderer Stelle von dem „Gott in uns“ spricht und ihn auch als den ´ungenannten´ oder auch ´neuen´ Gott bezeichnet und in dem Thalia-Fragment des „Hyperion weiß:

Ach! der Gott in uns ist immer einsam und arm. Wo findet er alle seine Verwandten? Die einst da waren und da sein werden? Wann kömmt das große Wiedersehen der Geister? Denn einmal waren wir doch, wie ich glaube, alle beisammen.

Für Hölderlin geht echte Gemeinschaft aus Sammlung, aus der Einsamkeit eines bewussten Nach-innen-Gehens hervor und aus ihm heraus findet sich der Weg zu jenen Anderen, die auch aus dieser Einsamkeit kommen.
Zu diesen Anderen zählen auch all jene unserer Zeitgenossen, die ihr Wirken nicht auf einen spirituellen Punkt bringen, aber im Sinne der exzentrischen Bahn eines Hölderlin tätig sind, sei es der junge Mann, der eine Vorrichtung erfindet, mit der dem Plastik der Weltmeere zuleibe gerückt werden kann, seien es junge Familien, die sich ökologisch orientieren und mit ihrer Art zu leben ermöglichen wollen, dass dieser falsche Ansatz des ständigen Wachsen-Müssens sich wie von selbst auflöst, weil sie und andere zeigen, dass Lebensqualität auch ohne zwanghaftes Wachsen-Müssen möglich ist.

Dieser bisherige Weg ist so überholt, wie beispielsweise – wobei deren Arbeit auch zum Teil durchaus wertvoll war – jener der Gewerkschaften falsch gewesen ist, das Heil der Menschen in der Reduzierung der Arbeitszeit zu sehen, weit über ein sinnvolles Ziel, wie es die 40-Stunden-Woche gewesen sein mag, hinaus. Was war das doch über viele, viele Jahre ein Gezerfe um eine halbe Stunde weniger Arbeit in der Woche! Was die Gewerkschaften mit diesem Feilschen an der falschen Stelle bewirkt haben: Sie haben den Menschen vermittelt, dass die Arbeit ihr Gegner sei, den es mehr und mehr abzuschaffen gelte.
Das ist so dumm wie einfältig.
Wie viele Menschen sind gerade aufgrund ihres Arbeitens glücklich und wären es womöglich noch viel mehr, wenn sie nicht das Gefühl hätten, dass das eigentlich gar nicht sein dürfe.

Es werde von Grund auf anders                            

Es werde von Grund aus anders! Aus der Wurzel der Menschheit sprosse die neue Welt! Eine neue Gottheit walte über ihnen, eine neue Zukunft kläre vor ihnen sich auf. In der Werkstatt, in den Häusern, in den Versammlungen, in den Tempeln, überall werd’ es anders!

Was Hyperion an seinen Freund Bellarmin in Hölderlins Briefroman euphorisch formuliert, wird für uns mit viel Kerner-Arbeit verbunden sein. Denn es sind Kräfte zu überwinden, deren große Gefahr, die von ihnen ununterbrochen ausgeht, deutlich wird, wenn man sieht, wohin ein viel zu großer Teil der Menschheit driftet.

Bisher war es so, dass man – unterstützt von den Kirchen – alles sogenannte Böse diffus in Richtung Teufel und Satan geschoben hat. Allerdings sollte man, wenn man sich bewusst entwickeln will, wissen, mit wem man es zu tun hat. Es gibt ja gar nicht so wenige Menschen, die sich halbwegs auskennen und ihre Kenntnis zu schwarzmagischen Zwecken nutzen und man darf davon ausgehen, dass fast alle Geheimdienste der Erde auf diesem Feld aktiv sind. Ich für meinen Teil möchte dringend raten, sofort den Kontakt zu Menschen abzubrechen, die auf schwarzmagischem Gebiet aktiv sind; nicht von ungefähr war es das entsprechende Treiben der Menschen zu Zeiten der Atlantis, das mit zum Untergang dieses Kontinents führte.
Aber es gibt natürlich einen Graubereich, zu dem ich selbst das Pendeln zähle, denn man weiß nie, wer am anderen Ende der Leitung sitzt und das Pendel ggf. eifrig mitbewegt bzw. den Pendelnden beeinflusst. Vergleichbares gilt ja auch z.B. für Rilke, der Séancen und Geisterbeschwörung liebte und da durchaus, vor allem mittels der Gräfin von Thurn und Taxis, sehr aktiv war, wobei ich glaube, dass ihm das seelisch gar nicht gutgetan hat und ebenfalls Auswirkungen auf den Verlauf seines Lebens, auch auf seine Gesundheit hatte. Auch bei solchen Séancen eben gilt, dass man in deren Rahmen nie weiß, wer am anderen Ende zugange ist; im Grunde kann man ja auf dieser niederen seelisch-geistigen Ebene davon ausgehen, dass das für den ein oder anderen zwar ein willkommenes Abenteuer sein mag, dass es aber sogar den Zugang zu einer hohen Geistigkeit, die wir anstreben sollten und die uns ja auch seit Golgatha möglich ist, verstellt. Was Rilke betrifft, habe ich noch kein Material zu seinen Séancen veröffentlicht, aber der hier verlinkte Beitrag, der auf seine Tätigkeit als Schreibmedium eingeht, zeigt schon auf, dass das eine im Grunde fatale Richtung für ihn war.

Luzifer, Ahriman, Asuras und der Sonnendämon Sorat

In der Esoterik gibt es nur, sieht man generell von sagenumwobenen Gestalten wie Cagliostro oder auch dem Grafen von Saint Germain ab, wenige Autoren, die sich, soweit ich das beurteilen kann, in Richtung kosmisch-geistiger Einflüsse akzeptabel und für den Leser einigermaßen nachvollziehbar sowie fundiert geäußert haben, dazu gehören – aber vor allem die beiden Erstgenannten auch mit Einschränkungen – Éliphas Lévi, Helena Petrovna Blavatsky und Rudolf Steiner. Letzterer hat für mich die überzeugendste Darstellung in Bezug auf die luziferischen und jene Kräfte, denen Luzifer im Grunde in Bezug auf den Menschen die Türe öffnete, gegeben, immer wieder differenziert im Rahmen seines ca. 350 Bände umfassenden Werkes, allerdings nie leicht zu lesen und zu verstehen. Er nennt jene Kräfte, die sich übrigens in der Gestalt des Faustischen Mephisto vereinen, Luzifer und Ahriman, spricht aber auch Asuras und den Sonnendämon Sorat an, der im Moment mittels des Virus sehr aktiv sein könnte, entspricht er doch dem aus der Apokalypse uns bekannten Tier mit den zwei Hörnern, das verschlüsselt auch in der Zahl 666 auftritt. In ihm fasst der Apokalyptiker jene Kräfte zusammen, die das Vaterprinzip überhöhen und die Trinität, vor allem Christus leugnen.
Wir wissen, dass der Islam nur den Vater kennt, Allah also, und sich den Sohn verbietet; nicht von ungefähr ist Jesus ein Prophet und kein Sohn Gottes; zudem bezweifelt der Koran, dass Jesus Christus am Kreuz gestorben sei, das mit der Auferstehung zusammen zentrale Moment des Christentums.
Keine Frage für mich ist, dass man den Islam als Religion toleriert, vor allem auch aller Muslimas und Muslime wegen, die Geschöpfe der Elohim sind, wie wir. Spirituell aber halte ich persönlich es für ein Versagen der christlichen Kirchen – ja, ich halte sie schlicht für feige -, dass sie viel zu wenig die theologischen Unterschiede öffentlich benannt haben. Letztendlich ist der Islam ein Gegenprogramm zum Christentum.
Der Sonnendämon Sorat, der – so wie alle Planeten kosmische Intelligenz verkörpern und zugleich eine dämonische Seite haben – die dämonische Seite der Sonne repräsentiert, baut genau auf diese statische Vaterauffassung, die dem Leben den Sohn und damit Entwicklung verweigert und nicht von ungefähr ist er in unserer und den Folgezeiten der größte Gegner von Christus, wirkend jedoch bereits seit jener Zeit, als die biblische Schöpfungsgeschichte einsetzt, nach Steiner also zu hyperboräischer Zeit, jener Epoche, die Lemurien und Atlantis vorausging.

Wer sich näher mit allem befassen will, mag die verlinkten Seiten studieren (ich persönlich finde es wichtig, über jene Gegenkräfte Bescheid  zu wissen, welche die Entwicklung der Menschheit und unsere individuelle torpedieren).
In Bezug auf Luzifer – uns bestens bekannt seit dem sogenannten Sündenfall – sollte man wissen, wie er in das Leben der Menschheit eingreift und ich zitiere eine von vielen Steiner-Stellen zu ihm:

Luzifer hat seine Hand im Spiele bei allem traditionell Theologischen, bei allem ins Manierhafte, Steife ausartenden Künstlerischen, bei allem Renaissanceartigen; während Ahriman seine Hand im Spiele hat bei allem, was nur äußerliche geistlose Naturwissenschaft ist, die in der Natur nicht den Geist entdecken kann, und bei allem, was äußerlicher Mechanismus im menschlichen Tun ist.
Die luziferischen Engelwesen, die sich aus dem traditionellen Leben durchaus auch jetzt noch gerettet haben bis in die Gegenwart, sie haben alles Interesse daran, den Menschen eigentlich abzuhalten vom Tun. Sie möchten den Menschen wenigstens beim inneren Seelenleben erhalten. Der Mensch ist eine Persönlichkeit geworden. Aber diese Engelwesen möchten den Menschen nicht ausströmen lassen in seinen Taten in das Erlebnis, in die Offenbarung seiner Willensimpulse. Sie möchten ihn in innerlicher Beschaulichkeit erhalten. Sie verführen ihn zur Mystik, sie verführen ihn zur falschen Theosophie. Sie verführen ihn dazu, ein bloß innerliches beschauliches Leben zu führen, zu betrachten, statt zu handeln. Sie machen ihn zu einem Sinnierer, der am liebsten den ganzen Tag sitzen möchte und spinnen möchte über allerlei Welträtsel-Fragen, der aber das, was in seinem Geiste lebt, nicht übertragen möchte in die äußere Wirklichkeit. Sie möchten durch rein äußere Beobachtung entstehen lassen, was äußere Wissenschaft ist. Ebenso möchten diese luziferischen Wesenheiten die Kunst möglichst lebenslos, geistlos in dem Sinne haben, daß in die Form nicht Geist einzieht. Sie möchten immer nur Renaissance haben, das, was in alten Zeiten gelebt hat. Sie geben dem Menschen einen Haß ein gegen jede neue Stilform, die aus dem modernen Menschlichen wirklich hervorgehen kann. Sie möchten die alten Stilformen fortpflanzen, weil diese alten Stilformen noch dem Unirdischen, Überirdischen entlehnt sind.              ( GA 208, S. 58f)

Ahriman, der eine viel niedriggesinntere Macht ist als Luzifer – niemals können die Einflüsse Luzifers so schlimm werden wie die Ahrimans – zieht  Menschen beispielsweise auf übelst okkulte Ebenen, verwickelt die Menschheit in ein rein materielles Leben, ist der Herr der Lüge (auf bestimmten seelischen Ebenen ist die Lüge ein Mord), ist kalt intelligent und hat u.a. in das Leben der Menschheit und gerade von Europa den Wahn des Nationalen gebracht, in dessen Dienst u.a. – vermutlich ohne es zu wissen und als Erster -, Napoleon stand.
Wer nicht alle Auszüge lesen möchte, möge auf jeden Fall den vorletzten lesen; er enthält das Gegenprogramm zu diesem Herrn.
Gefährdet durch Ahriman, in der Kirche auch Satan genannt, sind Menschen, die ihr sich entwickelndes Ich-Bewusstsein nicht auf das Christus-Ich hin entwickeln, sondern v.a. sich selbst toll finden:

Wenn der Mensch in Freiheit wirken will bei Entfaltung des Egoismus, wenn ihm Freiheit wird das stolze Gefühl, sich selber in der Handlung zu offenbaren, dann steht er vor der Gefahr, in Ahrimans Gebiet zu gelangen.         (GA 26, S. 117)

Die Welt hat einen ahrimanischen Charakter angenommen. Denn das mußte geschehen, daß das Ich, indem es sich im Physischen erfaßte, dann, wenn es nicht zur rechten Zeit sich hinaufhebt zum geistigen Sich-Erfassen als eines Geistwesens, daß es dann, wenn es im Physischen bleibt, von den ahrimanischen Mächten ergriffen wird. Und dieses Ergriffenwerden sehen wir daran, daß, sowenig es sich die schläfrigen Seelen gestehen wollen, geradezu eine Hinneigung zum Bösen heute sich überall geltend macht     (GA 204, S. 105)

Ahrimanische Geister sind diejenigen, die eigentlich, wenn man die Namen genau nimmt, in der mittelalterlichen Anschauung die Geister des Satans genannt wurden.     (GA 107, S. 242f)

Ahriman treibt im Unterbewußtsein sein Wesen, zaubert Urteile heraus aus diesem Unterbewußten. Die Menschen glauben dann, daß sie aus ihrem Bewußtsein urteilen, während sie nur aus ihren unterbewußten Trieben und aus ihren unterbewußten, raffinierten Impulsen oftmals das Urteil heraufzaubern, oder sich heraufzaubern lassen eben durch die ahrimanischen Kräfte. Alles, was mit Herrschaftsgelüsten des Menschen über andere Menschen zusammenhängt, alles, was einem gesunden sozialen Wollen widerstrebt, ist ahrimanischer Natur. Derjenige Mensch, der von Ahriman besessen ist, möchte möglichst viele Menschen beherrschen, geht dann darauf aus, wenn er klug ist, die menschliche Schwäche zu benützen, um gerade durch diese die Menschen zu beherrschen.
(GA 184, S. 205f )

Geradeso wie der griechische Mensch der Sphinx gegenüberstand, die im Atmungssystem lebt, so steht der Mensch des 5. nachatlantischen Kulturzeitraumes dem Mephistopheles (dem Ahriman) gegenüber, der im Nervenprozesse lebt, der kalt und nüchtern ist, weil er an Blutleere leidet, weil die Wärme des Blutes ihm fehlt. Und dadurch wird er zum Spötter, zum nüchternen Begleiter des Menschen. Während der griechische Mensch unter der Pein einer Überfülle von Fragen gestanden hat, wird der moderne Mensch der Pein entgegengehen, in seine Vorurteile hineinverbannt zu sein, einen zweiten Leib neben sich zu haben, der seine Vorurteile enthält. Alles das, was an materialistischen Vorurteilen, an materialistischer Beschränktheit sich entwickelt, wird die mephistophelische Natur verstärken, und wir können jetzt schon sagen: Wir sehen in eine Zukunft hinein, wo jeder geboren wird mit einem zweiten Menschen, der wird ihn so begleiten, daß er den Zwang empfinden wird, materialistisch zu denken (…)  (GA 158, S. 105f)

Alles, was in einer verflossenen Zeit richtig war, das wird zu einem Hemmnis in der späteren Entwickelung. Darauf beruht in gewisser Weise die Entwickelung, daß dasjenige, was für eine Zeit richtig ist, zum Hindernis wird, wenn es hineingetragen wird in eine spätere Zeit. Diejenigen Mächte, welche die Hindernisse dirigieren, nannte man damals (zur Zeit Christi) mit einem technischen Ausdruck den Mammon.    (GA 114, S. 190)

Mammon ist der Gott der Hindernisse, der der fortschreitenden Bewegung die zerstörenden, hindernden Dinge in den Weg legt. Auf der anderen Seite sieht man in diesem Gotte Mammon den Erzeuger ganz bestimmter Gebilde, die eben in den Infektionskrankheiten auf das menschliche Leben zerstörend wirken. Die in früheren Zeiten unbekannten Infektionskrankheiten rühren von dem Gotte Mammon her.     (GA 93a, S. 123)

Ahriman hat unter anderem auch das zu tun, daß er aus der spirituellen Welt die Kräfte in die physische Welt herein leitet, welche im physischen Leben die Widerstände hervorrufen. Die Bequemlichkeit ist eine allgemeine, weit verbreitete Eigenschaft der Menschen. Verfolgt man die Seelen, die damit verbunden waren, nach dem Tode, so sieht man, wie sich diese Bequemlichkeit fortsetzt nach dem Tode, und wie der Mensch dann gleichsam eine Provinz durchleben muß, in welcher er sogar eine gewisse Zeit zwischen dem Tode und der neuen Geburt damit zubringen muß, daß er wegen der Bequemlichkeit, als Wirkung dieser Bequemlichkeit, zu einem Diener wird – als Seele des Gottes oder der Götter der Widerstände. Das sind die Geister, die unter der Oberherrschaft des Ahriman stehen.  (GA 144, S.35)

In dem Augenblick, wo Ahriman mit dem zusammentrifft, was wir uns im Erdendasein als gesunde Urteilskraft errungen haben, bekommt er einen furchtbaren Schreck, denn das ist etwas ganz Unbekanntes für ihn, davor hat er eine große Furcht. Je mehr wir uns daher bemühen, das auszubilden, was im Leben zwischen Geburt und Tod an gesunder Urteilskraft gegeben werden kann, desto mehr arbeiten wir Ahriman entgegen. Das zeigt sich besonders bei allerlei Persönlichkeiten, welche einem gebracht werden und die dann «das Blaue vom Himmel herunter» von all den geistigen Welten erzählen, die sie da gesehen haben. Und wenn man da den allergeringsten Versuch macht, diesen Persönlichkeiten etwas klarzumachen, ihnen Verständnis und Unterscheidungsvermögen beizubringen, dann hat sie Ahriman gewöhnlich so sehr in der Gewalt, daß sie kaum darauf eingehen können; und das wird um so stärker, je mehr sich die Verlockung Ahrimans nach der akustischen Seite hin ausdrücken. Gegen das, was sich in visionären Bildern zeigt, gibt es noch mehr Mittel als gegen das, was sich akustisch zeigt, wie gehörte Stimmen und so weiter. Solche Leute haben eine große Abneigung, etwas zu lernen, was für das Ich-Bewußtsein zwischen Geburt und Tod errungen werden muß. Sie mögen es nicht. Wenn man einen solchen Menschen dann aber so weit bringt, gesunde Urteilskraft zu entwickeln, und er darauf eingeht, Belehrungen anzunehmen, dann hören die Stimmen und die Halluzinationen bald auf, weil sie vorher nur ahrimanische Nebelbilder waren und weil Ahriman eine furchtbare Angst bekommt, sobald er verspürt: Da, vom Menschen her, kommt eine gesunde Urteilskraft.     (GA 120, S. 140)

Die Tore, die Fenster, wo die ahrimanischen und luziferischen Wesenheiten in die Welt hereinkommen und ihre Pläne ausführen, sind, daß sie die Menschen im Zustande des herabgedämmerten Bewußtseins überfallen und von sich besessen machen. Denn nicht auf eine unerklärliche, schauderhafte Weise wirken Ahriman und Luzifer, sondern dadurch, daß die Menschen mit ihrem Bewußtseinszustande ihnen entgegenkommen.    (GA 126, S. 307 )

Gefährlicher noch als Ahriman sind die Asuras als

„Wesenheiten, die der achten Sphäre zustreben. Sie wollen die Materie immer mehr verdichten, zusammenpressen, so dass sie nicht wiederum vergeistigt, d. h. ihrem Urzustand zugeführt werden kann. Sie sind der Bodensatz der ganzen Planetenentwicklung, die beim Saturn [so nennt Steiner den ersten großen Zyklus der Erde vor vielen, vielen Milliarden Jahren – JK.] beginnt und durch Sonne, Mond, Erde, Jupiter, Venus, Vulkan durchgeht [die genannten bezeichnen ebenfalls Stadien der Erdentwicklung].
Die Asuras bevölkern jetzt schon den Mond und wirken vom Mond auf den Menschen, den sie herabziehen wollen in die achte Sphäre und ihn so der fortschreitenden Entwicklung und deren Ziel – dem Christus – entreißen wollen. Alle der achten Sphäre Zustrebenden werden schließlich auf einem Mond (Jupiter) ihr Dasein finden.“ (GA 266a, S. 205)

„Die Asuras – die bösen – sind Wesenheiten, die wieder um einen Grad höher stehen in ihrem Willen zum Bösen als die ahrimanischen Wesenheiten und um zwei Grade höher als die luziferischen.“ (GA 110, S. 178)

(..)  diese asurischen Geister werden bewirken, daß das, was von ihnen ergriffen ist – und es ist ja des Menschen tiefstes Innerstes, die Bewußtseinsseele mit dem Ich -, daß das Ich sich vereinigt mit der Sinnlichkeit der Erde. Es wird Stück für Stück aus dem Ich herausgerissen werden, und in demselben Maße, wie sich die asurischen Geister in der Bewußtseinsseele festsetzen, in demselben Maße muß der Mensch auf der Erde zurücklassen Stücke seines Daseins. Das wird unwiederbringlich verloren sein, was den asurischen Mächten verfallen ist. Nicht, daß der ganze Mensch ihnen zu verfallen braucht, aber Stücke werden aus dem Geiste des Menschen herausgeschnitten durch die asurischen Mächte. Diese asurischen Mächte kündigen sich in unserem Zeitalter an durch den Geist, der da waltet und den wir nennen könnten den Geist des bloßen Lebens in der Sinnlichkeit und des Vergessens aller wirklichen geistigen Wesenheiten und geistigen Welten. Man könnte sagen: Heute ist es erst mehr theoretisch, daß die asurischen Mächte den Menschen verführen. Heute gaukeln sie ihm vielfach vor, daß sein Ich ein Ergebnis wäre der bloßen physischen Welt. Heute verführen sie ihn zu einer Art theoretischem Materialismus. Aber sie werden im weiteren Verlauf – und das kündigt sich immer mehr an durch die wüsten Leidenschaften der Sinnlichkeit, die immer mehr und mehr auf die Erde herniedersteigen – dem Menschen den Blick umdunkeln gegenüber den geistigen Wesenheiten und geistigen Mächten. Es wird der Mensch nichts wissen und nichts wissen wollen von einer geistigen Welt. Er wird immer mehr und mehr nicht nur lehren, daß die höchsten sittlichen Ideen des Menschen nur höhere Ausgestaltungen der tierischen Triebe sind, er wird nicht nur lehren, daß das menschliche Denken nur eine Umwandlung dessen ist, was auch das Tier hat, er wird nicht nur lehren, daß der Mensch nicht bloß seiner Gestalt nach mit dem Tier verwandt ist, daß er auch seiner ganzen Wesenheit nach vom Tier abstamme, sondern der Mensch wird mit dieser Anschauung Ernst machen und so leben.

Heute lebt ja noch niemand im Sinne des Satzes, daß der Mensch seiner Wesenheit nach vom Tiere abstamme. Aber diese Weltanschauung wird unbedingt kommen, und sie wird im Gefolge haben, daß die Menschen mit dieser Weltanschauung auch wie Tiere leben werden, heruntersinken werden in die bloßen tierischen Triebe und tierischen Leidenschaften. Und in mancherlei von dem, was hier nicht weiter charakterisiert zu werden braucht, was sich jetzt namentlich an den Stätten der großen Städte als wüste Orgien zweckloser Sinnlichkeiten geltend macht, sehen wir schon groteskes Höllenleuchten derjenigen Geister, die wir als die asurischen bezeichnen.“ (GA 107, S. 247ff)

Die Gefährdungen durch Luzifer und Ahriman lassen sich mit jener Prüfung des Odysseus vergleichen, als er zwischen Scylla und Charybde hindurch musste und scheiterte. So scheitern auch wir. Es ist unmöglich, auf der Erde diesen beiden Kräften zu entgehen und das ist auch gut so, sind sie doch der Treibsatz, der uns Menschen vorwärtsgehen lässt, denn aus den Auseinandersetzungen mit diesen beiden Kräften lernen wir. Wir können ihnen nicht entgehen, aber wir können lernen, mit ihnen so umzugehen, dass sie – und das ist das Ziel – in unseren Diensten stehen (ein langer Weg).
Ähnlich könnte es mit den asurischen Kräften und denen des Sonnendämons sein, allerdings haben diese eine Qualität, die Menschen fast über die Grenzen dessen, was sie durchschauen, führen. Viel zu wenig haben wir bisher die Gefährdungen erkannt, die von der Sexualisierung der Gesellschaft ausgehen, wobei es ja hier die unterschiedlichsten Spielarten gibt, sei es, dass man der Sexualität eine Dominanz im Leben einräumt, die den Betreffenden seine im Devachan (siehe auch hier) vorgenommenen Ziele nicht erreichen lässt, Energie in Geschlechter- und Genderkämpfen verschleudert oder sich der Versexualisierung der Gesellschaft willenlos ausliefert.

Aktuell müssen wir erkennen, dass es Covid-19 auf eine Weise gelingt, die Menschen zu vereinnahmen, dass all die Möglichkeiten, die in unserer Zeit liegen und die Menschen selbst erarbeitet haben, verstreichen. Ständig wird ein neues Thema hochgekocht, aktuell geht es um Putins Impf-Vorhaben, das weltweit zu Kopfschütteln führt, wieder zahllose Zeitungsartikel, Blogbeiträge und Ähnliches auslöst und die Energien vieler Menschen in Russland bindet, die zusätzlich zu einer womöglich vorhandenen Angst vor dem Virus  nun auch ggf. vorgehen müssen gegen einen Diktator, der bekanntlich nicht zimperlich ist im Kaltstellen, wenn nicht gar Beseitigen unliebsamer Gegner.

Was tun?

Nah ist
Und schwer zu fassen der Gott.
Wo aber Gefahr ist, wächst
Das Rettende auch.

So beginnt Hölderlin seine Patmos-Hymne und er ruft uns ins Bewusstsein, dass das Rettende dann wachsen kann, wenn wir uns retten lassen wollen und zugleich, ganz im Sinne Ricarda Huchs, den Rettungsanker anstreben. Ist das der Fall, dann ist die Decke, jener dunkle Teppich, von dem ich oben sprach, kein Problem. Einem entsprechenden geistigen Bewusstsein ist er kein Hindernis, wenn man es bewusst und täglich anstrebt.

Für viele mag ein Problem sein, dass sie die Trinität mit der Kirche gleichsetzen und deshalb ablehnen. Sie mögen tunlichst erkennen, dass die Kirche zu den feindlichen Kräften des Christus-Bewusstseins gehört. Sie hält die Menschen immer auf einem Bewusstseinsniveau, das dem der Menschheitsentwicklung nicht entspricht (weshalb auch in diesen Zeiten so viele – auch unbewusst darauf reagierend – austreten) und sie verhindert durch ihr enges Bewusstsein und immer sich wiederholenden Singsang eines in ihren Händen ganz steril gewordenen Gottes einen Zugang zu diesem kosmischen Wesen, das eben aber auch durch seinen Tod DIE Erdengottheit ist, wobei die Begriffe Gott und göttlich für mich viel weniger zielführend sind als die Tatsache, dass es um ein Bewusstsein geht, dass das innere Leben der Menschen verändern kann, ihr äußeres und im Übrigen auch ganz entscheidend, ihr Leben nach dem sogenannten Tod; wer ohne Christusbewusstsein stirbt, tut sich schwer im Jenseits.

Achten wir darauf, lassen wir uns nicht mehr vereinnahmen von den Bildern, die ständig über die Mattscheibe flimmern und jenen stachligen Ball als Krone ausgeben. Die Krone des Lebens  finden wir an anderer Stelle.
Folgen wir nicht den Brechtschen Aussagen, von denen wir wissen, in welchen Diensten sie stehen. Gewiss gilt es, achtsam zu sein gegenüber dem Virus. Richten wir aber unsere Blicke dahin, wo Kräfte herkommen, die unser Leben mit tiefem Sinn erfüllen. Dass das in Virus-Zeiten schwierig ist, ist keine Frage. Aber genau daran kann die Menschheit wachsen oder scheitern. Im Moment droht sie zu scheitern, weil sie auf die Machenschaften Sorats voll hereinfällt.

Goethe wusste darum, dass in solchen Gefährdungen im Grunde ein Schlüssel zu einer entscheidenden Weiterentwicklung liegt. Tragen wir dazu bei, dass Mephistopheles auch hier und heute und in Zukunft Recht behält, wenn er von sich sagt, dass er „Ein Teil von jener Kraft, Die stets das Böse will und stets das Gute schafft“ ist und bleibt und dass es auch für jene oben angesprochenen und nicht zu unterschätzenden, aber zu durchschauenden Kräfte gilt, die uns heute bedrängen. Wir wissen doch:

Nah ist
Und schwer zu fassen der Gott.
Wo aber Gefahr ist, wächst
Das Rettende auch.

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„Schaut auf! Nehmt wahr! // Er ist’s, er ist’s; die Flamme zuckt“ – Annette von Droste-Hülshoffs „Am Pfingstsonntage“

Annette von Droste-Hülshoffs Gedichtzyklus über das „Geistliche Jahr in Liedern“ umfasst in seiner Entstehung einen Zeitraum von etwas über zwanzig Jahren. Sein Beginn steht im Zusammenhang mit jener unsäglichen, fast entehrend zu nennenden Erfahrung Annettes mit zwei Männern, zu denen beiden sie sich hingezogen fühlte und die diesen Tatbestand schamlos ausnutzten, indem sie sie kompromittierend auflaufen ließen und sie zum Gesprächsobjekt, ja Gespött verwandtschaftlichen Geredes machten.19 Jahre später bringt sie den Zyklus zu Ende und wir begegnen einer seelisch tief gereiften Frau, die in dieser abschließenden Phase unter anderem ein Gedicht zu Pfingsten schreibt, das nicht mein Pfingsten wiederspiegelt, das mir aber in ihrer Sicht sehr nahe geht:


Still war der Tag, die Sonne stand

So klar an unbefleckten Domeshallen;
Die Luft, von Orientes Brand
Wie ausgedörrt, ließ matt die Flügel fallen.
Ein Häuflein sieh, so Mann als Greis,
Auch Frauen knieend; keine Worte hallen,
Sie beten leis!

Wo bleibt der Tröster, treuer Hort,
Den scheidend doch verheißen du den Deinen?
Nicht zagen sie, fest steht dein Wort,
Doch bang und trübe muß die Zeit uns scheinen.
Die Stunde schleicht; schon vierzig Tag
Und Nächte harrten wir in stillem Weinen
Und sahn dir nach.

Wo bleibt er nur, wo? Stund‘ an Stund‘,
Minute will sich reihen an Minuten.
Wo bleibt er denn? Und schweigt der Mund,
Die Seele spricht es unter leisem Bluten.
Der Wirbel stäubt, der Tiger ächzt
Und wälzt sich keuchend durch die sand’gen Fluten,
Die Schlange lechzt.

Da, horch, ein Säuseln hebt sich leicht!
Es schwillt und schwillt und steigt zu Sturmes Rauschen.
Die Gräser stehen ungebeugt;
Die Palme starr und staunend scheint zu lauschen.
Was zittert durch die fromme Schar,
Was läßt sie bang‘ und glühe Blicke tauschen?
Schaut auf! Nehmt wahr!

Er ist’s, er ist’s; die Flamme zuckt
Ob jedem Haupt; welch wunderbares Kreisen,
Was durch die Adern quillt und ruckt!
Die Zukunft bricht; es öffnen sich die Schleusen,
Und unaufhaltsam strömt das Wort
Bald Heroldsruf und bald im flehend leisen
Geflüster fort.

O Licht, o Tröster, bist du, ach,
Nur jener Zeit, nur jener Schar verkündet?
Nicht uns, nicht überall, wo wach
Und Trostes bar sich eine Seele findet?
Ich schmachte in der schwülen Nacht;
O leuchte, eh‘ das Auge ganz erblindet!
Es weint und wacht.


Das Gedicht zeigt uns eine Meisterin der deutschen Sprache.

Warum es uns kaum unberührt lassen kann, erschließt sich allein schon aufgrund seiner formalen Struktur: Es alternieren regelmäßig vier- und fünfhebige jambische Verse. Nur der letzte jeder Strophe, der siebte, ist jeweils zweihebig, und diese sechs letzten Zeilen lesen sich, als ob Inhaltliches der vorausgehenden Strophe noch einmal erfasst und auf den Punkt gebracht sein wollte.
Gerade der letzte Vers ist hier so nachdrücklich durch seine W-Alliteration und keine Frage, das Auge steht hier, pars pro toto, für die Seele der Dichterin.

Dieser letzte Vier-Wort-Satz: was für ein Bekenntnis.

Da ist allerdings keine Pfingstfreude und es ist wahrlich keine Stimmung, wie wir sie der Apostelgeschichte entnehmen.

Wir erinnern uns: Noch anlässlich der Kreuzigung hatte zwar die Besatzungsmacht, Jesu Ankündigung, dass er in drei Tagen wieder auferstehen werde, ernst genommen und Vorsorge getroffen, doch seine Jünger glaubten ihm nicht. Die saßen verschreckt beisammen und trauten sich nicht aus dem Haus. Wären nicht Frauen so mutig gewesen – in einem der Evangelien ist es allein Maria Magdalena (für mich eine der schönsten Szenen der Bibel, als sie dem „Gärtner“ begegnet) – dann hätte der Auferstandene gar niemanden vorgefunden.

Die Zwölf – Matthias war für Judas hinzugekommen – harrten diesmal zuversichtlich. Jesus hatte den Tröster angekündigt, den Heiligen Geist; sie hatten gelernt zu glauben.
Glauben hängt mit Vertrauen zusammen.

Von diesem Glauben wird Annette von Droste-Hülshoff, wie wir oben lesen konnten, sagen: „Ich hab ihn nicht.“

Diese Ehrlichkeit ist es, die mich so überzeugt. Sie ist Voraussetzung für Weiterentwicklung.

Wer sich gerade im spirituellen Bereich das Geringste vormacht, kann nicht zur Wahrheit vordringen, die eine Vorstufe der Freiheit ist, wie sie auf der Erde als wirkliche Freiheit kaum jemand kennt. Obwohl doch so viele ständig über Freiheit reden.

Auch über Liebe.

Ich hoffe, die meisten Menschen wissen über die wahre mehr als ich.

Georg Trakl, der mir mit seinem Ringen um ein inneres Christentum, das in der Literatur viel zu wenig wahrgenommen wurde und wird, so nahegeht, schrieb ein Gedicht „De profundis“. Aus der Tiefe. Aus der Tiefe rufe, nein schreie ich, Herr, zu Dir, so der Psalmist, so Trakl, so Annette von Droste Hülshoff, deren Schreien ein Weinen ist:

Ich schmachte in der schwülen Nacht;
O leuchte, eh‘ das Auge ganz erblindet!
Es weint und wacht.

Es gibt Menschen, denen spürbar dieser Schritt nicht gelungen ist, Auferstehung als Erlösung zu begreifen, weil es für sie (noch) nicht möglich ist, sich jenem Auferstehungsleib, der das Ziel des Weges von Jesus ist, zu nähern, der jedem von uns zuteil werden mag, wenn er ihn denn in seine Lebensoptionen integrieren wollte – was nicht einmal, wenn es geschähe, genügen würde, denn er müsste schon Ziel vor allen anderen sein; um nicht zu sagen: alleiniges Ziel

Nur so ist es möglich, dass der Mensch der luziferischen Umklammerung, die im Allgemeinen Tod genannt und so auch empfunden wird, entkommt.

Noch hat sich das Bewusstsein nicht durchgesetzt, dass die Lehre Jesus, wie wir sie beispielsweise in der Bergpredigt und ihren Seligpreisungen finden, aller Ehren wert, aber nicht das Entscheidende ist, weil wir im Grunde deren geistige Essenz auch im Achtfachen Pfad des Buddhismus finden.

Noch hat sich jedoch ebenfalls nicht durchgesetzt, dass es, so sehr ich das Dhammapada und den Achtfachen Pfad schätze, nicht Ziel sein kann, aus dem Rad der Wiedergeburten dringendst ausscheiden und den Durst nach Leben im Fleisch des physischen Körpers überwinden zu wollen – Hauptanliegen buddhistischer Religiosität -, weil es zu erkennen gilt, dass unsere physisch-materielle Existenz Voraussetzung einer Entwicklung ist, gipfelnd in Pfingsten, die nur so – im Rahmen einer physischen Existenz – und vermutlich nicht anders möglich ist (sieht man einmal davon ab, dass die Menschheit wohl tiefer in die Materie abzusteigen scheint als notwendig).

Ein Bewusstsein der Bedeutung von Kreuzigung, Ostern und Pfingsten ist Voraussetzung, um über dieses Stadium hinauszukommen, in dem ein Rilke, Christus verschmähend, steckenblieb, ein Trakl aufgrund seiner Süchte und schwesterlich-karmischen Belastung, ein Nietzsche in falscher Selbstüberschätzung, ein Karl May, so tief religiös ja theosophisch orientiert er nach seiner Orient-Reise auch war (vielleicht auch gerade deshalb), und auch eine Annette von Droste-Hülshoff, die sich so mutig ihrer inneren Realität stellte.

Ich schreibe „steckenbleiben“. Ich verwende dieses Wort, um ansprechen zu können, dass es das nur ausgesprochen vordergründig ist, wissen wir doch nicht, dass jede der Inkarnationen der oben Genannten Vorbereitung sein kann für einen entscheidenden Durchbruch in einer nächsten, die vielleicht gerade schon stattfindet.

Ich wünsche mir jedenfalls, dass sie möglicht in ihrer nächsten Inkarnation schon bewusst wahrnehmen können, warum noch in der Jordan-Taufe von Jesus, wie wir dem Johannes-Evangelium entnehmen können, der Geist vom Himmel herabfährt als eine Taube. Und warum es zu Pfingsten nicht mehr eine Taube ist, sondern der Geist als Zungen, als Geistesflammen niederkommt, nicht mehr für Einen, sondern für Zwölf – und in Zukunft, wenn es nach jenem Einen geht, für unbegrenzt viele.

Vielleicht auch für uns.Es kann kaum etwas Erfreulicheres geben, als dass wir selbst dafür verantwortlich sind, dass es so sein kann.

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