„alle Zeit, die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird, ist so verloren wie die Farben des Regenbogens für einen Blinden“ (Michael Ende)

Im 12. Kapitel von Michael Endes Momo, überschrieben „Momo kommt hin, wo die Zeit herkommt“, findet sich die folgende Stelle, in der Meister Hora Momo sagt: 

»(…) was die Menschen mit ihrer Zeit machen, darüber müssen sie selbst bestimmen. Sie müssen sie auch selbst verteidigen. Ich kann sie ihnen nur zuteilen.
«Momo blickte sich im Saal um, dann fragte sie: »Hast du dazu die vielen Uhren? Für jeden Menschen eine, ja?«
»Nein, Momo«, erwiderte Meister Hora, »diese Uhren sind nur eine Liebhaberei von mir. Sie sind nur höchst unvollkommene Nachbildungen von etwas, das jeder Mensch in seiner Brust hat. Denn so wie ihr Augen habt, um das Licht zu sehen und Ohren, um Klänge zu hören, so habt ihr ein Herz, um damit die Zeit wahrzunehmen. Und alle Zeit, die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird, ist so verloren wie die Farben des Regenbogens für einen Blinden oder das Lied eines Vogels für einen Tauben. Aber es gibt leider blinde und taube Herzen, die nichts wahrnehmen, obwohl sie schlagen.«
»Und wenn mein Herz einmal aufhört zu schlagen?«, fragte Momo.
»Dann«, erwiderte Meister Hora, »hört auch die Zeit für dich auf, mein Kind. Man könnte auch sagen, du selbst bist es, die durch die Zeit zurückgeht, durch alle deine Tage und Nächte, Monate und Jahre. Du wanderst durch dein Leben zurück, bis du zu dem großen runden Silbertor kommst, durch das du einst hereinkamst. Dort gehst du wieder hinaus.«
»Und was ist auf der anderen Seite?«
»Dann bist du dort, wo die Musik herkommt, die du manchmal schon ganz leise gehört hast. Aber dann gehörst du dazu, du bist selbst ein Ton darin.«
Er blickte Momo prüfend an. »Aber das kannst du wohl noch nicht verstehen?«
»Doch«, sagte Momo leise, »ich glaube schon.«
Sie erinnerte sich an ihren Weg durch die Niemals-Gasse, in der sie alles rückwärts erlebt hatte und sie fragte: »Bist du der Tod?«
Meister Hora lächelte und schwieg eine Weile, ehe er antwortete: »Wenn die Menschen wüssten, was der Tod ist, dann hätten sie keine Angst mehr vor ihm. Und wenn sie keine Angst mehr vor ihm hätten, dann könnte niemand ihnen mehr die Lebenszeit stehlen.«
»Dann braucht man es ihnen doch bloß zu sagen«, schlug Momo vor.
»Meinst du?«, fragte Meister Hora. »Ich sage es ihnen mit jeder Stunde, die ich ihnen zuteile. Aber ich fürchte, sie wollen es gar nicht hören. Sie wollen lieber denen glauben, die ihnen Angst machen. Das ist auch ein Rätsel.«

Es ist eine der schönsten und wahrhaftigsten Stellen in der Deutschen Literatur, die ich kenne, diese Aussage Meister Horas, dass alle Zeit, die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird, verlorene Zeit ist.
Ohnehin ist dieser Textauszug geprägt von einem spirituellen Wissen, das Michael Ende in diesem Ausmaß – auch seine „Unendliche Geschichte“ weist das aus – wie nur wenigen Schriftstellern zur Verfügung stand. Denn dass wir in der Phase des „Kamaloka“ – die Kirchen nennen sie „Fegefeuer“ – von unserem Sterbezeitpunkt an zurück bis zu unserer Geburt gehen, ist so vielen Menschen nicht unbedingt bekannt; aber Michael Ende hat diese Tatsache bereits dadurch angedeutet, dass Momo nur rückwärts gehend zum Niemals-Haus Meister Horas in der Niemals-Gasse gelangen konnte, zu jenem Mann, der sozusagen triadische Wesenheiten in sich vereint, welche die Römer Parzen, die Griechen Moiren, die Germanen Nornen und die Kelten Bethen, ihre „saligen Frauen“ nannten.

Jede Nacht gehen wir ja ebenfalls rückwärts den Tag durch; und die Summe dieser Nächte, die eben unsere Tagesabläufe widerspiegeln, ergibt jene Zeit, die der Mensch im Kamaloka zurückzulegen hat, aufarbeitend, was er im Leben gewollt, getan und gedacht hat, bis er bei seiner Geburt anlangt, um dann endlich durch jenes Silbertor gehen zu können, das den Eingang in das „Devachan“, den Himmel bedeutet, in Ebenen, die allerdings höchst vielschichtig sind und womöglich nicht allen gleichermaßen zur Verfügung stehen.
Mit diesem Rückweg bis zur eigenen Kindheit entschlüsselt sich einer der Sinnebenen der Christus-Aussage: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Reich der Himmel gelangen.“ – Er hätte auch mit Michael Endes Worten sagen können: … werdet ihr nicht durch das Silbertor eintreten dürfen.
Menschen allerdings, die kein geistiges Bewusstsein mit hinübernehmen und nur materialistisch orientiert waren, werden ihren Jenseitsaufenthalt ziemlich sicher als sehr unschön, weil in einem sehr reduzierten Bewusstseinszustand erleben, in hohem Maße zudem abhängig von satanischen Wesenheiten, bevor sie wieder zurückkehren auf die Erde, einem weiteren Aufenthalt, den sie nur sehr unvollständig vorbereiten konnten, mit entsprechenden Folgen.

Erwähnt werden sollte, dass es die „Hölle“ im christlichen Sinne nicht gibt, auch wenn sie Dante – in gewisser Weise Opfer seiner katholischen Religiosität – in seiner „Divina Comedia“ ausführlichst gestaltet hat. Es gibt allerdings etwas wie einen Geistigen Tod und eine sogenannte „Achte Sphäre“, die jenen droht, die auf ihrer pur materialistischen Sicht beharren, noch über eine lange Zeit, bis zu einem Zeitpunkt, der mit der Zahl 666 erfasst ist. Der wird dann in der Tat das Tor zur Hölle öffnen.
Bleibt noch anzumerken, wie sehr es dem Anthroposophen Rudolf Steiner ein Anliegen war zu betonen, dass die Sicht auf den eigenen Tod das schönste Erlebnis sein wird, das einem Menschen im Leben nach dem Leben zuteil wird, zugleich Voraussetzung dafür, dass ihm im Jenseits das Bewusstsein seiner Individualität erhalten bleibt.

Jene Musik, die Momo zu Beginn des Romans nachts immer wieder im Amphitheater gehört hatte, wenn es in die Sterne hineinlauschte, hört sie im Sternensaal Meister Horas, in dem die Stunden-Blumen sich ihr so wunderbar zeigen. Dieses Kind war auch in seinem Alltag immer wieder verbunden gewesen mit dem Himmel und es begreift,

„ dass alle diese Worte an sie gerichtet waren! Die ganze Welt bis hinaus zu den fernsten Sternen war ihr zugewandt wie ein einziges, unausdenkbar großes Gesicht, das sie anblickte und zu ihr redete!
Und es überkam sie etwas, das größer war als Angst.
In diesem Augenblick sah sie Meister Hora, der ihr schweigend mit der Hand winkte. Sie stürzte auf ihn zu, er nahm sie auf den Arm und sie verbarg ihr Gesicht an seiner Brust. Wieder legten sich seine Hände schneeleise auf ihre Augen und es wurde dunkel und still und sie fühlte sich geborgen. Er ging mit ihr den langen Gang zurück.
Als sie wieder in dem kleinen Zimmer zwischen den Uhren waren, bettete er sie auf das zierliche Sofa.
»Meister Hora«, flüsterte Momo, »ich hab nie gewusst, dass die Zeit aller Menschen so …« – sie suchte nach dem richtigen Wort und konnte es nicht finden – »so groß ist«, sagte sie schließlich.
»Was du gesehen und gehört hast, Momo«, antwortete Meister Hora, »das war nicht die Zeit aller Menschen. Es war nur deine eigene Zeit. In jedem Menschen gibt es diesen Ort, an dem du eben warst. Aber dort hinkommen kann nur, wer sich von mir tragen lässt. Und mit gewöhnlichen Augen kann man ihn nicht sehen.«
»Aber wo war ich denn?«
»In deinem eigenen Herzen«, sagte Meister Hora und strich ihr sanft über ihr struppiges Haar.
»Meister Hora«, flüsterte Momo wieder, »darf ich meine Freunde auch zu dir bringen?«
»Nein«, antwortete er, »das kann jetzt noch nicht sein.«

Dass die ganze Welt uns zugewandt sein wird, ist etwas, was wir im Devachan erleben können, ja, wir werden möglicherweise, wie einst Adam Kadmon, wie die Jüdische Kabbala den ursprünglichen Geistesmenschen, noch nicht infiziert von Luzifer, nannte, die ganze Welt sein, und der ein oder andere mag glauben, was man von Georg Friedrich Händel erzählt – die Entstehung seines „Messias“ hat Stefan Zweig im 4. Kapitel seines Buches „Sternstunden der Menschheit“ dargelegt -, dass er, als er das Hallelujah komponierte, den Himmel offen gesehen habe.
Und immer, wenn dieses Werk auf Erden ertönt, singt ein Engelchor mit.  

Mehr zum Thema Tod

Inhalt:
– Fragen zum Sterben und Tod
– Was nach dem Tod geschieht:
3 bemerkenswerte Phasen: Lebenstableau – Fegefeuer – Devachan
– Mörikes Gedicht „Denk es, o Seele!“ – den Tod zu denken führt zu wirklicher Freiheit – Denken, ein Geschenk der Götter – Unser Verhältnis zu den sogenannten Toten – eine ungenutzte Ressource  ⤵

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Mit dem Tod umgehen lernen. – Eduard Mörikes „Denk es, o Seele!“

Das Gedicht, das manche für das wertvollste unter den Gedichten Mörikes halten, weil formal und inhaltlich so bewusst gestaltet, findet sich am Ende der Novelle, die den schwäbischen Dichter, der übrigens mitnichten ein biedermeierlicher Heimatdichter war, letztendlich deutschlandweit hat bekannt werden lassen:
„Mozart auf der Reise nach Prag“.

Sie handelt von einem Tag im Leben des Musik-Genies im Schloss eines Grafen, als gerade die Hochzeit von dessen Nichte gefeiert wird und Mozart und seine Frau aufgrund eines ungewöhnlichen Zufalls mitten in die adlige und durchaus kultivierte Schlossgesellschaft geraten. Der junge Maestro, gebeten, etwas zur Darbietung zu bringen, spielt der heiteren Runde aus seinem fast fertiggestellten Werk „Don Giovanni“, das er ja eben auch in Prag – deshalb seine Reise! – zur Uraufführung bringen will, etwas vor.
Als der Choral Dein Lachen endet vor der Morgenröte erklingt, den Mozart vorab selbst mit den Worten kommentiert: „Ich sagte zu mir selbst: wenn du noch diese Nacht wegstürbest und müßtest deine Partitur an diesem Punkt verlassen: ob dirs auch Ruh im Grabe ließ’?“, ist die Braut von dem unschätzbaren Erlebnis, wie Mörike es formuliert, tiefer als alle ergriffen, auch, weil sie der Zusammenhang von Leben und Tod nicht nur im Werk Mozarts, sondern auch in dessen Leben, das so früh sich auslöscht, erahnend, tief erschüttert:

„Es ward ihr so gewiß, so ganz gewiß, daß dieser Mann sich schnell und unauf-haltsam in seiner eigenen Glut verzehre, daß er nur eine flüchtige Erscheinung auf der Erde sein könne, weil sie den Überfluß, den er verströmen würde, in Wahrheit nicht ertrüge.“

Wir wissen, dass Rudolf Steiner hinsichtlich Friedrich Schiller thematisiert, „daß sein Organismus verbrannt wurde durch seine mächtige seelische Lebenskraft“ (die Obduktionsergebnisse des Arztes machen fassungslos, wie es in seinem Inneren aussah).
Mörike könnte erahnt haben, dass Vergleichbares auch auf Mozart zugetroffen haben mag und er seine Lebenskräfte auf dem Altar seiner großen Kunst opferte.


Der Dichter des „Maler Nolten“ hat dieses Gedicht 1852 geschrieben, just, als die letzten zwanzig Jahre umfassende Phase seines Lebens begann, in der er nur noch wenig schreiben sollte; umso mehr sind die folgenden Verse ein Kleinod unserer Kultur:

Ein Tännlein grünet wo,
Wer weiß, im Walde;
Ein Rosenstrauch, wer sagt,
In welchem Garten?
Sie sind erlesen schon,
Denk es, o Seele,
Auf deinem Grab zu wurzeln
Und zu wachsen.


Zwei schwarze Rößlein weiden
Auf der Wiese,
Sie kehren heim zur Stadt
In muntern Sprüngen.
Sie werden schrittweis gehn
Mit deiner Leiche;
Vielleicht, vielleicht noch eh
An ihren Hufen
Das Eisen los wird,
Das ich blitzen sehe!

Es zeugt von höchster künstlerischen Fertigkeit, die oft bei Mörike so unscheinbar daherkommt, dass mancher geneigt ist zu glauben, hier dilettiere einer ganz ordentlich, muss doch der erste Satz eigentlich lauten: Wo grünet ein Tännlein?
Mörike ist jedoch nicht nur ein Meister ungewöhnlicher Satz-, sondern auch der Augenblicksgestaltung, das zeigt sich beispielsweise in einem Gedicht, das ebenfalls so unscheinbar wirkt und doch so sehr zu berühren weiß, handelnd von einem einfachen Mädchen, dem sich angesichts des frühmorgendlichen Feuer-Funkenflugs sein Leid zutiefst offenbart:

Früh, wenn die Hähne krähn,
Eh’ die Sternlein verschwinden,
Muß ich am Herde stehn.
Muß Feuer zünden.

Schön ist der Flammen Schein,
Es springen die Funken,
Ich schaue so drein,
In Leid versunken.

Plötzlich da kommt es mir,
Treuloser Knabe!
Daß ich die Nacht von dir
Geträumet habe.

Träne auf Träne dann
Stürzet hernieder,
So kommt der Tag heran –
O ging’ er wieder!

Auch dieses Gedicht beginnt mit einem Diminutiv, den „Sternlein“, einem Bedürfnis der Seele Mörikes entsprechend, seinen Leser auf eine Ebene fernab aller Erwachsenen-Eitelkeiten zu bitten: Lass uns mit den Augen eines Kindes schauen! Lass den verkopften Erwachsenen für eine Weile ruhen! Sieh das Sternlein! Sieh das Tännlein!

Und wie im Gedicht „Das verlassene Mägdlein“ ein anaphorisches „Muß“ folgt, folgt in unserem ein wiederaufgenommenes „wer“: wer weiß, wer sagt, und ebenfalls mit Fragepronomen: wo grünt.

Noch ist alles so unverbindlich, aber klammheimlich wirken die W-Alliterationen und öffnen die Seele des Lesers weit. So wie der Konsonant M das Weltenwort AUM abschließt, so öffnet ein W Welten des Inneren und es ist kein Zufall, dass dieser Buchstabe von 15 Wörtern der ersten vier Zeilen mehr als ein Drittel von ihnen eröffnet.
W fragt nach, öffnet und kann auf innere Ebenen führen.
Und Alliterationen, wenn sich also gleiche Buchstaben zu Beginn nachfolgender Wörter finden, hallen im Falle von Konsonanten, wie es das W einer ist, nach, vertiefen den Resonanzraum der Seele.

Die Braut Eugenie hatte, nachdem die Gäste vom Schlosse abgefahren waren, im engeren Familienkreis ihre Befürchtungen in Bezug auf Mozart nicht verschwiegen, doch lenkt man sie nach Kräften ab. – Die abschließenden Sätze der Novelle lauten:

„Einige Augenblicke später, als sie durchs große Zimmer oben ging, das eben gereinigt und wieder in Ordnung gebracht worden war und dessen vorgezogene, gründamastene Fenstergardinen nur ein sanftes Dämmerlicht zuließen, stand sie wehmütig vor dem Klaviere still. Durchaus war es ihr wie ein Traum, zu denken, wer noch vor wenigen Stunden davorgesessen habe. Lang blickte sie gedankenvoll die Tasten an, die er zuletzt berührt, dann drückte sie leise den Deckel zu und zog den Schlüssel ab, in eifersüchtiger Sorge, daß so bald keine andere Hand wieder öffne. Im Weggehn stellte sie beiläufig einige Liederhefte an ihren Ort zurück; es fiel ein älteres Blatt heraus, die Abschrift eines böhmischen Volksliedchens, das Franziska früher, auch wohl sie selbst, manchmal gesungen. Sie nahm es auf, nicht ohne darüber betreten zu sein. In einer Stimmung wie die ihrige wird der natürlichste Zufall leicht zum Orakel. Wie sie es aber auch verstehen wollte, der Inhalt war derart, daß ihr, indem sie die einfachen Verse wieder durchlas, heiße Tränen entfielen.

Ein Tännlein grünet wo,
Wer weiß, im Walde;
Ein Rosenstrauch, wer sagt,
In welchem Garten?
Sie sind erlesen schon,
Denk es, o Seele,
Auf deinem Grab zu wurzeln
Und zu wachsen.

Zwei schwarze Rößlein weiden
Auf der Wiese,
Sie kehren heim zur Stadt
In muntern Sprüngen.
Sie werden schrittweis gehn
Mit deiner Leiche;
Vielleicht, vielleicht noch eh
An ihren Hufen
Das Eisen los wird,
Das ich blitzen sehe!


Mit diesen zwei Strophen also endet die Novelle, und je öfter man deren Verse liest, desto nachdrücklicher wirken sie.

Gesetzt den Fall, Menschen wüssten um ihren Todestag, ihre Todesstunde und
nehmen wir an, ich weiß, ich sterbe am 22. März 2022 um 9.23 Uhr.
In also 507 Tagen.
Dann verrinnt die gern von uns unbeachtete Zeit auf einmal wie der Sand in der Sanduhr. Zügig. Unaufhaltsam rieselt der Sand der Zeit dahin.
Gerade eben wieder nimmt mir die Zeit eine Lebensgegenwart aus der Hand.
Und immer wieder.
Irgendwo grünt das Tännlein, das einmal auf meinem Grab wächst; in irgendeinem Garten wartet ein Rosenstrauch auf mein Grab, will dort – und wieder finden sich die W-Alliterationen – wurzeln und wachsen.
Und das Heimkehren der Rösslein, der schwarzen Rösslein, erinnert nicht an deren Stall und anstehendes Futter, sondern an die Heimkehr der Seele.

Mörike gestaltet das Gedicht metrisch alternierend mit drei- und zweihebigen Jamben. –

Auch ein Gedicht lebt von seiner Form. Und Kunst-Formen zu verstehen, sich um ihr Verständnis, ihre Bedeutung zu bemühen, bildet den inneren Menschen. Die Schönheit des eigenen Inneren will modelliert sein.
Zwei Verse der insgesamt 18 gehören metrisch jeweils zusammen, der erste umfasst drei Hebungen (unbetont-betont / unbetont – betont / unbetont – betont), dann folgt der zweihebige.
Das ist, als ob in der dreihebigen Gestaltung etwas angesprochen wird (Ein Tännlein grünet wo); das Vollenden erfolgt zweihebig und bündig (Wer weiß, im Walde).
Neben den beiden Strophen sind es diese Paare, die das Gedicht gliedern und seine Aufnahme durch den Leser prägen.

Nur an einer Stelle ist alles anders:

am Schluss, und damit an jener, wo das Eisen sich vom Hufe löst, wo das Glück den nach vorne trabenden Huf verlässt, wo das Eisen zu Boden fällt.

„Das Eísen lós wird“.

Zwei Hebungen. Und was für eine Weise, Zeit als begrenzt auszuweisen!
Eigentlich, der bisherigen Reihenfolge entsprechend, müsste hier ein Vers mit drei Hebungen stehen. Doch werden hier nicht nur die Hebungen verkehrt, indem zunächst ein zweihebiger Vers steht und dann erst der dreihebige folgt („Dás ich blítzen séhe).

Zugleich ändert sich das Metrum, die letzte Zeile ist ein Trochäus, dreihebig: betont-unbetont / betont – unbetont / betont unbetont.

Der Trochäus wirkt, als ob ein Tor sich schließt.

Ein Leser, der nicht detaillierte Lyrik-Kenntnisse besitzt, bekommt von dieser bis in feines Detail reichenden Kunst wenig bis nichts mit.

Aber wir wissen: das Metrum, der Rhythmus teilen sich der Seele mit, die Allite-rationen wirken weitend, die Doppelung des „Vielleicht“ steigert die Spannung, Assonanzen wie „deine Leiche“ drücken sich tief in eine lauschende Seele und die vielen Zeilensprünge treiben vorwärts auf eine Ende zu, von dem man doch gar nicht hören möchte. – Das alles wirkt auch auf der unbewussten Ebene.

Von dieser feinen Kunst im Detail ist auch das Zentrum des Gedichtes betroffen, das „Denk es, o Seele.“

Das ist eine Aufforderung, die wir in dieser Nachdrücklichkeit aus dem 13. von Rilkes Sonetten an Orpheus kennen, wenn der Leser in der ersten Strophe sich aufgefordert sieht:

Sei allem Abschied voran, als wäre er hinter
dir, wie der Winter, der eben geht.
Denn unter Wintern ist einer so endlos Winter,
dass, überwinternd, dein Herz überhaupt übersteht.

So weit geht Eduard Mörikes Formulierung nicht. Es geht ihm nicht um Voran-Sein, es geht ihm allein um den heiligen Akt des Denkens.
Weder geht es darum, Prometheus zu sein, also ein – die Bedeutung des Namens widerspiegelnd – Vorausdenkender, noch ein Epimetheus, dessen Nachdenklichkeit wir den unschönen Inhalt der Büchse der Pandora verdanken.
Wie wichtig Mörike das schlichte, klare Denken ist, wird erkenntlich daran, dass eigentlich ein jambisches Metrum immer unbetont beginnt, bis eben auf jene Ausnahme, die man Tonversetzung nennt, wenn die betonte Silbe, die eigentlich doch der unbetonten folgt, nach vorn gezogen wird und die entsprechende Silbe eine ganz besondere Note erhält. 
Wir betonen nicht: Denk és, o Seéle, sondern Mörikes lyrisches Ich bittet:
………………….
………………Dénk es, o Seéle!

Diese Aufforderung ist dadurch in ihrer inneren Dringlichkeit kaum überbietbar.
Es ist für alle Zeiten eine zeitlose Forderung, die besagt: Warte nicht auf Geistesblitze. Warte nicht auf Erleuchtung.
Kümmere dich, Mensch, mit deinen wertvollen urmenschlichen Mitteln um dich! Um deinen Tod.

Denke deinen Tod.

Gerade jene Menschen, die sich Spirituellem und damit geistigen Ebenen zuwenden, sie als real vorhanden in ihr Leben mit einbeziehen, müssen klar und rein denken und sich nicht auf nebulöse Gefilde ziehen lassen, auf eine diffuse Mystik einlassen, wo alles licht  und Licht sein will, nur damit sie selbst in diesem Lichte hell strahlen.

Pantheismus und Erkenntnis schließen sich aus. Ersteren gibt es nur in den Köpfen von Menschen, die sich von der Wirklichkeit verabschiedet haben.

Denken im Sinne Mörikes ist allerdings auch mehr als intellektualisieren, das nur den Gehirnstrohsack trocken rascheln lässt.

Es ist, als wisse Mörike, dass das Vermögen zu denken ein göttliches Geschenk ist.


Gerade im Zusammenhang mit dem Tod kann es seiner Göttlichkeit gerecht werden.


Ein Tännlein grünet wo,

Wer weiß, im Walde;
Ein Rosenstrauch, wer sagt,
In welchem Garten?
Sie sind erlesen schon,
Denk es, o Seele,
Auf deinem Grab zu wurzeln
Und zu wachsen.

Zwei schwarze Rößlein weiden
Auf der Wiese,
Sie kehren heim zur Stadt
In muntern Sprüngen.
Sie werden schrittweis gehn
Mit deiner Leiche;
Vielleicht, vielleicht noch eh
An ihren Hufen
Das Eisen los wird,
Das ich blitzen sehe!

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Gegen den Trend zum Turbo-Aktivismus: Goethes „Dauer im Wechsel“

Dauer im Wechsel
 
Hielte diesen frühen Segen,
Ach, nur eine Stunde fest!
Aber vollen Blütenregen
Schüttelt schon der laue West.
Soll ich mich des Grünen freuen,
Dem ich Schatten erst verdankt?
Bald wird Sturm auch das zerstreuen,
Wenn es falb im Herbst geschwankt.
 
Willst du nach den Früchten greifen,
Eilig nimm dein Teil davon!
Diese fangen an zu reifen,
Und die andern keimen schon;
Gleich mit jedem Regengusse
Ändert sich dein holdes Tal,
Ach, und in demselben Flusse
Schwimmst du nicht zum Zweitenmal.
 
Du nun selbst! Was felsenfeste
Sich vor dir hervorgetan,
Mauern siehst du, siehst Paläste
Stets mit andern Augen an.
Weggeschwunden ist die Lippe,
Die im Kusse sonst genas,
Jener Fuß, der an der Klippe
Sich mit Gemsenfreche maß.
 
Jene Hand, die gern und milde
Sich bewegte, wohlzutun,
Das gegliederte Gebilde,
Alles ist ein andres nun.
Und was sich an jener Stelle
Nun mit deinem Namen nennt,
Kam herbei wie eine Welle,
Und so eilt’s zum Element.
 
Laß den Anfang mit dem Ende
Sich in eins zusammenzieh’n!
Schneller als die Gegenstände
Selber dich vorüberflieh’n.
Danke, daß die Gunst der Musen
Unvergängliches verheißt:
Den Gehalt in deinem Busen
Und die Form in deinem Geist.
 
 
Was für einen Anlauf nimmt Goethe, um nach 36 Versen das, um was es ihm geht, zum Schluss in einem Satz zu Papier zu bringen:
Was du im Busen trägst und was dein Geist formatiert, ist unvergänglich – oder sagen wir lieber: kann unvergänglich sein.
 
Alles allerdings, was er über die vorausgehenden vier Strophen hin nennt und mit vollem Herzen vor unsere Augen hinzaubert, ist – so betörend es wirken mag – vergänglich; der vorwärtsdrängende vierhebige Trochäus und die immer wieder vorhandenen Zeilensprünge unterstützen auf der formalen Ebene diesen Charakter. Und nicht von ungefähr nimmt der weise Weimarer Bezug zu Heraklit und seinem ´panta rhei´ und jenem Hinweis, dass man nicht zweimal in denselben Fluss steige, der das Fließen der Zeit im Bild des Wassers intoniert.
 
Der 2002 verstorbene Publizist und Literaturkritiker Werner Ross verweist in seinen Gedanken zu diesem Gedicht in Reich-Ranickis Gedichtsammlung´“1000 Deutsche Gedichte“ darauf, dass dieses Poem in der „Ausgabe letzter Hand“ in der gewichtigen Sammlung „Gott und die Welt“ stehe, die anhebt mit dem Proömium „Im Namen dessen, der sich selbst erschuf!“ und fortfährt mit so ewigkeitsraunenden Gedichten wie „Vermächtnis“ und „Urworte Orphisch“. Verglichen mit diesen tiefsinnigen Entfaltungen Goethescher Weltanschauung sei der Gehalt von „Dauer im Wechsel“ bescheiden.
 
Was dem guten Mann entgangen sein könnte, ist, dass Goethe mit der Gewichtung des Gedichtinhaltes zugunsten wechselhaften und für jenen Literaturkritiker vielleicht zu banalen Geschehens uns vor Augen führt, wie sich für die Mehrheit der Menschheit Leben präsentiert:
 
Es ist der Wechsel, das Reich der Zeit, das Menschen in Beschlag nimmt. Und wir wissen doch, dass sich der Hang zur Aktion, zur ständigen Abwechsung im Grunde immerfort verstärkt – und wie schwer es den Menschen fällt, auf Action zu verzichten, zeigt Corona auf..
 
Darf es noch die gute alte Lange-Weile geben?
Muss//musste nicht vor Corona jeder Kindergeburtstag ein Staccato bestgeplanter Turbo-Unterhaltung sein?
Und geben mittlerweile nicht nur Journalisten, sondern auch geisteswissenschaftlich orientierte Menschen jenem Schwachsinn nach, für ihren Beitrag die Lesezeit anzugeben!
Bloß nicht zu lange irgendwo verweilen müssen. Dann lieber gleich weiterklicken!
 
Für viele endet im Grunde ihr Leben nach Goethes vier Strophen, in denen mit so facettenreichen Anspielungen den Wechsel, wie ihn die Goethezeit kannte, gestalten.
 
Gibt es überhaut ein Ewiges, ein Überdauerndes? Etwas mithin, was für die meisten Menschen immer weniger, so scheint es, ein Thema ist . . .
Goethe hat sich klar entschieden. In „Eins und alles“ äußert er:
 
Das Ewige regt sich fort in allen:
Denn alles muss in Nichts zerfallen,
Wenn es im Sein beharren will.
 
Manchen Goethe-Nörglern, aber auch nicht wenigen seiner Verehrer mag das doch zu viel gewesen sein, dem Nichts so ins Auge sehen zu müssen, weshalb der weise Alte in „Vermächtnis“ zu allseitiger Beruhigung nachgeschoben hat:
 
Kein Wesen kann zu nichts zerfallen!
Das Ew´ge regt sich fort in allen,
Am Sein erhalte Dich beglückt!
 
Bei sich mag er gedacht haben:
Es bleibt dabei: ohne Nichts, kein Sein; ohne Stirb, kein Werde; ohne Wechsel keine Dauer.
 
Unserer menschlichen Wirklichkeit hat er jedenfalls mit dem Aufbau seines Gedichtes Tribut gezollt: Noch dominiert – mindestens im Verhältnis 4:1 – die Vergänglichkeit, der Wechsel, die Abwechslung und Kurzweil statt Langeweile in der Seele der Menschen. 
Und eigentlich immer mehr. Dennoch:
Das muss nicht so bleiben.
 
Die Frage, die sich stellt, ist, was Dauer ausmacht.
Was ist Dauer?
Was macht es aus, dass Dinge, Taten, Worte Ewigkeitswert haben?
 
Klar kennen wir das Weibliche.
Was aber ist das Ewig-Weiblich?
 
Dieses Wissen, diese Erkenntnis bekommt niemand auf dem Tablett serviert.
Der Gehalt im Busen, die Form im eigenen Geist machen den Unterschied.
 
Im Werk Goethes ist, was ewig ist, vielfach angesprochen, im „Faust“, in seinem „Märchen“, im „Vermächtnis altpersischen Glaubens“, in . . .
 
Natürlich besteht die Möglichkeit, sich weiterhin glauben zu machen, dass nach dem Wechsel alles aus sei – wie eben das Gedicht nach der vierten Strophe.
 
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An der Kante zum Kitsch lang: Rainer Maria Rilkes „Die Flamingos“

Zum Verständnis voraus:

  • V. 1 Jean-Honoré Fragonard (1732 – 1806) war ein französischer Maler, Zeichner und Radierer des Rokoko zur Zeit des Ancien Régime. (Wikipedia)
  • V. 8 Phryne war eine berühmte griechische Hetäre aus Thespiai, sie lebte im 4. Jahrhundert v. Chr. „Sie galt in ihrer Blütezeit als die Repräsentantin der Liebesgöttin Aphrodite und diente Apelles als Modell für seine Anadyomene und Praxiteles für seine Aphrodite von Knidos. In einem Tempel zu Thespiai stand neben einer Statue der Aphrodite von Praxiteles auch eine Statue der Phryne vom selben Künstler.“ (Wikipedia)
  • V. 12 Volière: großerVogelkäfig mit Freiflugraum.

Nun aber zu dem, worum es im Eigentlichen geht:

Die Flamingos

………….Jardin de Plantes, Paris

In Spiegelbildern wie von Fragonard
ist doch von ihrem Weiß und ihrer Röte
nicht mehr gegeben, als dir einer böte,
wenn er von seiner Freundin sagt: sie war

noch sanft von Schlaf. Denn steigen sie ins Grüne
und stehn, auf rosa Stielen leicht gedreht,
beisammen, blühend, wie in einem Beet,
verführen sie verführender als Phryne

sich selber; bis sie ihres Auges Bleiche
hinhalsend bergen in der eignen Weiche,
in welcher Schwarz und Fruchtrot sich versteckt.

Auf einmal kreischt ein Neid durch die Volière;
sie aber haben sich erstaunt gestreckt
und schreiten einzeln ins Imaginäre.


Sie schreiten ins Imaginäre?
Was heißt das?
Vermutlich kommen Flamingos ja dann auch von dort, also aus dem Imaginären?
Oder machen wir uns darüber deshalb Gedanken, weil Rilke einen Reim auf Volière finden musste?
Chimäre wäre auch gegangen . . .

Ich sehe sie vor mir, jene Flamingos, die man kaum übersehen kann, wenn man die Stuttgarter Wilhelma über den Haupteingang betritt und nicht gleich ins Pflanzengewächshaus geht.
Selten habe ich Leben gesehen, dass allein durch Haltung und Aussehen einen nie auf die Idee hätte kommen lassen, ihm näher zu treten. Flamingos standen und stehen da, als hätten sie sich selbst vergessen. Relativ nah beieinander und doch so weit voneinander weg. Kaum vorstellbar, dass sie Laute austauschen.
Wenn es im zweiten Quartett heißt, dass sie sich selbst verführen, unendlich gekonnt, eben wie Phryne, dann kann das meinen, dass sie sich gegenseitig verführen, es kann aber genauso auch vermitteln wollen, dass ihr Begehren sich allein auf sich selbst richtet.

Neid, der aufkreischt, aber worauf? Auf diese totale Stilisierung des Lebens?

Jedenfalls ist es Leben, das von sich selbst kaum weiter entfernt sein kann:

Spiegelbilder beinhalten schon, dass sie nur indirekt etwas wiedergeben. Um einen Eindruck von ihnen zu bekommen, ist in unserem Fall ein Vergleich zu Fragonard notwendig, dessen leicht hingemalte, ebenfalls ans Kitschige grenzenden und oft verführerisch sein wollenden Darstellungen (es entsprach wohl damals dem Zeitgeschmack) offensichtlich – und hoffentlich – nicht sehr viel Realität bieten, und, um die offensichtlich doch erhoffte zu unterstreichen, wird – auch noch im Konjunktiv des Irrealis („böte“) – ein Mann bemüht, der sich dann nicht einmal auf sich, sondern auf seine Freundin bezieht, und das Geschehen, auf das er sich bezieht, liegt auch noch in der Vergangenheit.

Dieses Wirklichkeitsversteckspiel ist auf viereinhalb Verse komprimiert – gewiss eine große Meisterleistung des Gedichtes.
Davon abgesehen finde ich die ein oder andere Stelle („sie war noch sanft von Schlaf“) an der Kitsch-Grenze, allerdings ist es gleichzeitig so, dass man nie das Gefühl hat, Rilke könne sie übertreten.
Woran das liegt?
Daran, dass dieser Mann – wohl im Herbst 1907 – meisterlich mit Mitteln wie Zeilensprüngen, Alliterationen und Buchstabenfolgen überhaupt umgeht. Man schaue nur, wie gekonnt er den Diphtong „ei“ zu Beginn des zweiten Terzetts einsetzt: viermal in vier Wörtern, mehr geht kaum. Überhaupt dominiert das >ei< das ganze Gedicht, ohne dass das auffallen mag, aber es findet sich u.a. auch in Weiß, in einer, in seiner, in steigen, in leicht . . .
Wer dieses Gedicht liest, ist geprägt von diesem >ei<, wie immer es auch auf den Einzelnen wirken mag.

Von dem E wird an anderer Stelle gesagt:
– Überall, wo ein E auftritt, hat man dasjenige, was ich etwa bezeichnen möchte: Das hat mir etwas getan, das ich spüre.
– Man läßt sich nicht anfechten durch etwas, was einem geschieht.
– Haben wir das Gefühl, daß wir einen äußeren Eindruck abzuwehren haben, gewissermaßen uns wegwenden müssen von ihm, um uns selbst zu schützen, haben wir also das Gefühl des Widerstandleistens, dann drückt sich das aus in dem «E».

Über ein >I< heißt es:
– I-Laut ist leicht zu empfinden als die Selbstbehauptung. I stellt immer dar eine sich verteidigende Selbstbehauptung.
– Ein wahrhaftes Eindringen in die geistigen Welten ist gar nicht möglich, ohne gewisse Gefühle mit sich zu bringen, die man religiös-fromme Gefühle nennen kann, Gefühle des Hingegebenseins an die höhere geistige Welt. Diese Seelenstimmung braucht man für das wirkliche Erleben der geistigen Welten so, wie man in der physischen Menschenwelt, damit man sich mit den anderen verständigen kann, in die Notwendigkeit versetzt ist, durch seinen Kehlkopf und die anderen Sprachwerkzeuge ein I hervorzubringen. Was in der gewöhnlichen Menschensprache möglich macht, ein I hervorzubringen, das macht in den höheren Welten die Seelenempfindung, die aus der Hingegebenheit fließt.

Der Diphtong >ei< ist sicherlich mehr als die Summe seiner Teile, aber gewiss ist in dem gesamten Gedicht etwas enthalten, was in der Bedeutungsebene der Buchstaben zum Ausdruck kommt, zumal Rilkes Schreiben in aller Regel eine religiöse Ebene mit sich führt, was sich im Wesen des >I< spiegelt.

Der Jardin de Plantes hat ja Rilke zu noch anderen Gedichten angeregt, und Der Panther ist unter ihnen ein wahres Meisterwerk.
In jenem Sonett finde ich tatsächlich tiefen Sinn.
In diesem hier finde ich viel l´art pour l´art, Kunst um der Fingerübung willen, um des schönen Scheins.
Und der Schein trügt schön. Die Zeilen- und Strophensprünge haben einen Anflug von Genialität, so wie das beisammen am Anfang von Zeile 7 überraschend den durch eine zweifach durch Adverbiale erweiterte Partizipialkonstruktion schon fast verloren geglaubten Satz aufnimmt und fortführt. Und vergleichbar kunstvoll gelingt Sie war // noch sanft von Schlaf.
Die viermaligen Vergleiche heben den Inhalt etwas ins Überirdische und die mehrfachen b-, st- und s-Alliterationen, das Spiel mit dem Wortstamm (verführen verführender), der unglaubliche Neologismus hinhalsend und so ungewöhnliche Wendungen wie, wenn er vom Bergen in der eigenen Weiche spricht: das kann kaum jemand so wie Rilke. Das ist höchste Wortschnörkelkunst.
Ich sage etwas abwertend Wortschnörkelkunst.
Weil es den ein oder anderen verführen mag zu: Oh ja, dieser Rilke, mein Gott, so schreibt nur einer, so gottvoll. Wie tief er wieder ins Wesen der Vorstellung geht . . .
Wenn jemand mit seinem Posiealbum ein wenig oder ein wenig mehr angeben will, dann findet sich doch in der Regel ein Rilke, ein Hesse, eine Mascha Kaléko . . .

Das zweite Terzett zieht etwas Sinn ans Ufer: Oh, auch in der Wilhelma gibt es Neid . . .

Mich erinnern Die Flamingos an das ein oder andere Rilke-Gedicht, das genauso sinnlos sinnvoll ist.

Ich wüsste allerdings nicht, warum Rilke Obiges nicht geschrieben haben sollte.

Ich meine, er muss sich vor niemandem rechtfertigen, solch ein Gedicht geschrieben zu haben.
Welcher Schumacher hat nicht schon Schuhe produziert, die man ja nicht unbedingt angezogen haben muss, die aber einfach so schön daherkommen, so betörend gekonnt, so hinhalsend schön . . .
Und wie oft habe ich nicht schon etwas geschrieben, was höchstens gerade mal ich toll fand – womöglich findet das mancher bei eben Geschriebenem auch.
Und der ein oder andere dachte/denkt: Mein Gott, Klinkmüller, lass es doch einfach!

Wobei ich noch eines zum Schluss ansprechen möchte, was vielleicht unabsichtlich absichtlich von Rilke auf diese Weise unterschwellig intoniert ist:

* Da bietet einer – wenn auch entschärft durch den Alibi-Konjunktiv II („böte“) – ein Detail über seine Freundin an, das eigentlich niemanden etwas angeht;
* da verführen Tiere sich selbst;
* und es ist von ihrer fruchtroten Weiche die Rede;
* da dient als Vergleichsobjekt die vielleicht berühmteste Hetäre des Altertums;
* und Fragonards Bilder hatten durchaus auch einen schlüpfrigen Touch.

Möglich, dass Rilke auf die Damen anspielt, die auf ihren sonntäglichen Selbst-Präsentierspaziergängen durch den Park mit der Umgebung und sich kokettierten; möglich aber auch, dass da ein Großer seiner Zunft etwas von seinem Inneren zeigt, was sich in Tieren spiegelt; verwunderlich wäre es nicht und es wäre genau das, was sich im Astralbereich unserer Seelen spiegelt.
Und in Bezug auf Rilke und die Frauen mag da das ein oder andere flamingohaft sein . . .

Vorhin habe ich zur Erholung ein Venedig-Gedicht von Rilke gelesen, jedenfalls war´s zur Erholung gedacht. In ihm hat er Venedig zur Kurtisane gemacht. Na ja, irgendwie ist es auch so ein versteckter Rilke; jedenfalls: begeistert war ich auch nicht davon (aber es gibt ja Rilkes „Spätherbst in Venedig“).
Mein Lieblings-Venedig-Gedicht schrieb allerdings nicht Rilke, sondern ein schwuler Dichter des beginnenden 19. Jahrhunderts, der sich nicht einmal selbst outen durfte (was er zu seiner Zeit tunlichst eh unterlassen hätte), weil das – es mag wohl ziemlich gehässig gewesen sein – Heine, stellvertretend für ihn, deutschlandweit übernahm: ich spreche von August von Platen.
Aber davon und von noch anderen Venedig-Gedichten ein andermal mehr.

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Gefangen in der Virusfalle? – Hölderlins Bewusstsein versus Asuras und den Sonnendämon Sorat.

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Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume ein Verbrechen ist,
Weil es ein Schweigen über den Virus einschließt!

So könnte man eine der meist zitierten Zeilen Brechts aus seinem Gedicht An die Nachgeborenen abwandeln.
Aber schon im Original (weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!) lenkt Brechts Jammern von dem, was es wirklich zu tun gilt, ab und was es zu tun gilt, darüber möchte ich heute schreiben, weil ich wahrnehme, dass die Menschheit in eine Virusfalle tappt, die sie als solche überwiegend nicht erkennt, da sie an äußerem Geschehen hängenbleibt, eine Falle, die von geistig und tatsächlich okkulten, also verborgenen Kräften aufgestellt ist, über die die meisten zu wenig informiert sind.
Über diese Kräfte möchte ich zumindest in einem Überblick im letzten Drittel des Beitrages informieren.

Den Untaten Brechts, mit denen er sich auf das 3. Reich bezog, entspricht heute der Virus, und genau das, was er möchte, geschieht fatalerweise, dass nämlich fast nur noch über ihn gesprochen und geschrieben wird; massenweise werden auf You Tube Videos konsumiert, ob denn der Virus so schlimm sei, wie recht viele Virologen und Politiker das sehen, die Medien sind voll von entsprechenden Meldungen und ein nicht gerade geringer Teil privater Gespräche dreht sich um ihn
Das ist verhängnisvoll, und dieses Verhängnis ist existentiell für die Zukunft der Menschheit. Wie ein dunkler Teppich hat sich die Pandemie auf die Seelen gelegt. Viele gehen mit Gedanken an sie zu Bett oder stehen mit ihr auf, nicht nur Infizierte. Immer wieder werden dramatische Bilder gezeigt, obwohl in Deutschland, gemessen an der Gesamtbevölkerung, der Anteil der Infizierten gering ist, und ich sage das auch auf dem Hintergrund,  dass momentan die Fallzahlen wieder zunehmen, was in allen Nachrichtensendungen einen breiten Raum einnimmt (ich bin im Übrigen sehr wohl für das Einhalten von Regeln und in bestimmten Räumlichkeiten und an bestimmten Orten für das Tragen von Masken ).

Die Dunkelheit des Teppichs führe ich nicht – entgegen mancher Weltverschwörungsapologeten – auf jene heimlichen Oligarchen der Erde zurück, die tatsächlich deren Wohl und Wehe aus dem Hintergrund steuern mögen, mehr als uns lieb ist. Wenn sie es denn gibt, sind sie aus meiner Sicht ohnehin, ohne es zu wissen (wenn es einige wissen, umso schlimmer), in den Händen kosmischer Kräfte , die die Menschheit völlig aus den Augen verloren hat und die seit dem sogenannten Sündenfall auf dem Schachbrett des Lebens Schwarz darstellen.

Weiß zieht und gewinnt, ist ein alter Schachspielerspruch. Im Moment ist es eindeutig so:

Schwarz zieht und gewinnt (für Besorgte: nein, Schach ist für mich nicht rassistisch)

Dass jene dunklen Kräften des dunklen Teppichs – zu ihnen, wie gesagt, später mehr – in Form des Virus agieren, wundert nicht, weil für mich die Menschheit in ihrer Gesamtheit, gerade auch aufgrund einer seelisch so reifen Jugend und jungen und endlich eigenwilligen Erwachsenen, wichtige Entwicklungsschritte  zu gehen sich anschickt, um innerlich und äußerlich alte Strukturen über Bord zu werfen. Das betrifft Formen einer überholten Religiosität, überholte pseudodemokratische Strukturen wie das (Ego-)Theater unserer Parteiendemokratie, überholte Institutionen wie die Nato (die Trump und Erdogan ja fast im Alleingang ruinieren, geführt noch dazu durch ein sich gerade selbst zersetzendes Amerika) und die EU, die nie ihren eigenen Ansprüchen genügte, sondern zu 95 Prozent ein Wirtschaftsverein war und ist, der in allem, was er tut, das  Modell des zwanghaften Immer-Wachsen-Müssens abzusichern hat.
Viele wollen das nicht mehr, gerade junge Erwachsene und Jugendliche, weil sie sehen, dass mit all dem die Menschheit innerlich und ökologisch-klimatisch untergeht.

Ein Gespräch über Bäume ist kein Verbrechen, sondern notwendig!

Spätestens seit seinen erfolgreichen Forschungen zur Urpflanze und dem Urtier (bezüglich letzterem kam er nicht mehr zu Potte) hat Goethe manchen bewusst lebenden Menschen vermitteln können, dass es wichtig ist, nach dem „Ur-„, dem Quell aller Erscheinungen zu suchen, der Idee, die physischen und metaphysischen Erscheinungen unseres Lebesn zugrundeliegen (was Goethe innerlich antrieb, zeigt sich im Grunde mehr in seinen naturwissenschaftlichen Studien, denn in seiner Dichtung).
Mittlerweile, so glaube ich bemerkt zu  haben, haben doch einige Menschen erkannt, wie wichtig Ideen sind, weil sie der Treibsatz unserer Entwicklung sind. Und nicht nur das: in den Kämpfen des Lebens brauchen wir, wie weiland Seefahrer sich an Sonne und Polarstern ausrichteten, Orientierungspunkte.
Ideen sind Orientierungspunkte und die weise Ricarda Huch hat dazu ein wunderbares Gedicht geschrieben.

Gern wird in diesem Zusammenhang auf Helmut Schmidts Aussage – Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen – verwiesen, aber der Altkanzler hat schon lange und noch zu Lebzeiten richtiggestellt, dass diese Aussage, wenn er sich recht erinnere, eine pampige Antwort auf eine dusselige Frage eines Interviewers gewesen sei; mehr nicht.

Vele mögen Goethes Sicht ablehnen, weil sie dem Wort Idee misstrauen, aber es meint nichts anders als eine erste Schöpfung auf der geistigen Ebene. Auch der Mensch war eine Idee, wie sie allem Geschaffenen zugrunde liegt, nur Gott als der ungeschaffen Schaffende nicht; jener ist für mich Idee und Wirklichkeit in einem.

Was hat es also mit Bäumen auf sich?
Die Uridee hinter den Bäumen ist der Mensch selbst und es kann hier nicht ausgeführt werden, aber verwiesen sei u.a. auf Yggdrasil, die Weltenesche, die, wie es in der Eddha heißt, über alle Welten reicht. Yggdrasil bedeutet Ich-Träger und sie entspricht dem UrMenschen, der tatsächlich weit größer war, als es unsere Vorstellung erfassen kann, sie  entspricht dem Adam Kadmon der Kabbala, der den Geistmenschen in seiner ursprünglichen Gestalt vor der luziferischen Verführung darstellt  (hier mehr zu diesem Thema). Zu dieser Größe hätte dank Luzifer, vor allem aber auf Grund dessen, was die durch ihn geöffnete Tür in die Seelen der Menschen hineinschwappte, nie mehr zurückgefunden; sie kann es, weil aus den kosmischen Dimensionen, Luzifer überlegen, ein göttliches Bewusstsein auf die Erde kam, das in seiner wahren Dimensionalität zu erkennen vor allem auch die Kirchen verhindern.

Warum ist diese Uridee des Baumes und des Menschen für unsere Zeit so wichtig?

Vor allem  die Jüngeren unter uns sind, wie bereits erwähnt, im Moment dabei, eine neue Entwicklung innerhalb der Menschheit anzustreben.
Jenen dunklen Kräfte aber, die verantwortlich für den schweren Teppich der Pandemie sind, der das seelisch aufblühende, weil sich fortentwickeln wollende Leben der Menschheit ersticken will, ist in der Tat mit dem Virus ein genialer Zugriff auf sie gelungen, wobei es durchaus möglich ist, dass diese Kräfte sich gewaltig verkalkuliert haben, denn auf einmal treten durch die Pandemie Tatsachen zutage, die zeigen, dass die vorhandenen Strukturen, wenn sie in den Händen Uralter unter den Älteren, wie wir sie aus den Märchen kennen – und es sind nicht nur Bolsonaro, Trump und Erdogan -, ein unglaubliches Unheil anrichten, indem sich nämlich offenbart, dass zum Beispiel Jeff Bezos, der Eigentümer von Amazon dank der Pandemie sein persönliches Vermögen innerhalb der ersten 5 Monaten der Krise um ca. 45 Milliarden Dollar auf mittlerweile „knapp“ 160 Milliarden Dollar steigerte, dass unsere großen drei Autokonzerne in den letzten 10 Jahren über 230 Milliarden Euro Gewinn machten und nun mal geschwind aus Steuergeldern (also auch von Steuern wenig Betuchter) 50 Milliarden Unterstützung bekommen (die u.a. auch Aktionäre abschöpfen) und dass die Milliardäre in den USA von der Krise mit am meisten profitierten, indem  ihr Vermögen innerhalb von 23 Tagen um 282 Milliarden Dollar zunahm.
Während auf der Welt die Menschen scharenweise an Hungers sterben oder medizinisch nicht behandelt werden können. Ein unfassbarer Zustand. Wie lange will ihn die Gesamtheit der Menschen wirklich noch mitmachen?
Wie viele Milliarden kann z.B. eine Bundesregierung auf einmal locker machen, was sie vorher strikt verweigerte, obwohl in unserem so reichen Land bekanntermaßen Millionen von Menschen, vor allem Älteren, Rentnern und vielen Jugendlichen, die in Armut aufwachsen und  in einer Millionenanzahl hungrig zur Schule gehen, schon lange hätte geholfen werden müssen!
Auf einmal aber ist massenweise Geld da!
Wir erinnern uns: Es war vor Jahren anlässlich der Bankenkrise genauso schlagartig da und es erwies sich schon damals, dass es in Deutschland besser ist, eine Bank als ein Mensch zu sein.
Für die Not der Banken hatte und hat Angela Merkel immer ein offenes Herz.
Ich wage vorauszusagen, dass das Ende unserer Form der Parteiendemokratie absehbar ist, weil Menschen aktiver in diese sogenannte hohe Politik werden eingreifen wollen, anstatt sich, wie bisher zum Stimmvieh degradieren zu lassen, das alle vier Jahre zur Tränke, sprich, zum Wahllokal vorgelassen wird.

Keine Weltverschwörung, sondern Weltentwicklung

Jahrtausendelang waren die Menschen Marionetten der Götter. Das ist eine sarkastische Umschreibung für die Tatsache, dass die Menschheit in den Kinderschuhen steckte und dann in die Pubertät kam – dafür steht auch der Sündenfall.
Nun ist sie erwachsen geworden – den Türöffner dorthin verkörpert in den Mythen Prometheus.
Doch das Erwachsenwerden der neuzeitlichen Menschheit hatte und hat auf der kosmischen Ebene ja nicht nur Gegner, wie weiland Zeus, sondern ebenso Förderer unter den metaphysischen Kräften. Entscheidend jedoch war das Geschehen auf Golgatha, das völlig neue Bedingungen auf der Erde mit sich brachte und Menschen in die Lage versetzt, sich auf eine Weise zu entwickeln, wie sie weitgehend bis dato nur Mysterienschülern vorbehalten war. Einer wie Pythagoras steht ja beispielhaft dafür: Ihm waren die griechischen Mysterienschulen zu wenig, weshalb er nach Ägypten, wie uns überliefert ist, in zwei der dortigen reiste, um dann selbst eine wissenschaftlich-spirituelle Schule zu gründen, deren Ergebnisse bis heute einzigartige Bewunderung verdienen.
Diese Zeiten aber, als spirituelles Wissen nur wenigen Ausgewählten zugänglich war, sind mit Golgatha vorbei, der Vorhang, der die Menschen von dem Allerheiligsten trennte, zerriss; der Zugang  zu höchstem göttlichen Bewusstsein ist möglich und wir sind auf dem Weg, wenn auch durchaus langsam und uns unnötig als Menschheit schwertuend. Manche allerdings nutzen auch die Möglichkeit eines zur Verfügung stehenden Christusbewusstseins für ihre seelisch-geistige Entwicklung.

Hölderlin hat in einem Entwurf zur Vorrede seines Hyperion-Romans auf den Punkt gebracht, was gerade in Corona-Zeiten so notwendig bewusst sein sollte, wobei vorausgeschickt sei, dass er unter der im Folgenden erwähnten exzentrischen Bahn jene versteht, die uns aus dem vorluziferischen Zustand des Einsseins mit allem dem Goldenen Zeitalter der Griechen, dem sogenannten Paradies, über das Erfahren all der Facetten kosmischen und menschlichen Seins – wir sind gerade heftig dabei – zurückführt in einen erneuten Zustand des Eins-Seins mit einem uns nicht vorstellbaren höheren Bewusstsein:

Wir durchlaufen alle eine exzentrische Bahn, und es ist kein anderer Weg möglich von der Kindheit zur Vollendung. 
Die selige Einigkeit, das Sein, im einzigen Sinne des Worts, ist für uns verloren und wir mußten es verlieren, wenn wir es erstreben, erringen sollten. Wir reißen uns los vom friedlichen ἓν ϰαὶ πᾶν [hen kai pan] der Welt, um es herzustellen, durch uns selbst. Wir sind zerfallen mit der Natur, und was einst, wie man glauben kann, Eins war, widerstreitet sich jetzt, und Herrschaft und Knechtschaft wechselt auf beiden Seiten. Oft ist uns, als wäre die Welt Alles und wir Nichts, oft aber auch, als wären wir Alles und die Welt Nichts. Auch Hyperion teilte sich unter diese beiden Extreme.
Jenen ewigen Widerstreit zwischen unserem Selbst und der Welt zu endigen, den Frieden alles Friedens, der höher ist, denn alle Vernunft, den wiederzubringen, uns mit der Natur zu vereinigen, zu Einem unendlichen Ganzen, das ist das Ziel all unseres Strebens, wir mögen uns darüber verstehen oder nicht.
 Aber weder unser Wissen noch unser Handeln gelangt in irgendeiner Periode des Daseins dahin, wo aller Widerstreit aufhört, wo Alles Eins ist: die bestimmte Linie vereinigt sich mit der unbestimmten nur in unendlicher Annäherung.

Nachzutragen bleibt noch, dass die Formel des Hen kai pan [wörtlich´eins und alles´]  sich zuerst bei Heraklit („Aus allem eins und aus einem alles“) findet und später auch bei Giordano Bruno, Schelling und anderen.

Hölderlin weiß, dass dieser Weg, diese Bahn, kein Zuckerschlecken ist. Er spricht von der seelischen Zerrissenheit, die jeder von uns nur zu gut kennt, schreibt von den inneren, aber auch von den äußeren Drangsalen, die wir erleiden. Die große Ernsthaftigkeit dieses Mannes, der sich selbst als Seher bezeichnet, wird deutlich, wenn er an anderer Stelle von dem „Gott in uns“ spricht und ihn auch als den ´ungenannten´ oder auch ´neuen´ Gott bezeichnet und in dem Thalia-Fragment des „Hyperion weiß:

Ach! der Gott in uns ist immer einsam und arm. Wo findet er alle seine Verwandten? Die einst da waren und da sein werden? Wann kömmt das große Wiedersehen der Geister? Denn einmal waren wir doch, wie ich glaube, alle beisammen.

Für Hölderlin geht echte Gemeinschaft aus Sammlung, aus der Einsamkeit eines bewussten Nach-innen-Gehens hervor und aus ihm heraus findet sich der Weg zu jenen Anderen, die auch aus dieser Einsamkeit kommen.
Zu diesen Anderen zählen auch all jene unserer Zeitgenossen, die ihr Wirken nicht auf einen spirituellen Punkt bringen, aber im Sinne der exzentrischen Bahn eines Hölderlin tätig sind, sei es der junge Mann, der eine Vorrichtung erfindet, mit der dem Plastik der Weltmeere zuleibe gerückt werden kann, seien es junge Familien, die sich ökologisch orientieren und mit ihrer Art zu leben ermöglichen wollen, dass dieser falsche Ansatz des ständigen Wachsen-Müssens sich wie von selbst auflöst, weil sie und andere zeigen, dass Lebensqualität auch ohne zwanghaftes Wachsen-Müssen möglich ist.

Dieser bisherige Weg ist so überholt, wie beispielsweise – wobei deren Arbeit auch zum Teil durchaus wertvoll war – jener der Gewerkschaften falsch gewesen ist, das Heil der Menschen in der Reduzierung der Arbeitszeit zu sehen, weit über ein sinnvolles Ziel, wie es die 40-Stunden-Woche gewesen sein mag, hinaus. Was war das doch über viele, viele Jahre ein Gezerfe um eine halbe Stunde weniger Arbeit in der Woche! Was die Gewerkschaften mit diesem Feilschen an der falschen Stelle bewirkt haben: Sie haben den Menschen vermittelt, dass die Arbeit ihr Gegner sei, den es mehr und mehr abzuschaffen gelte.
Das ist so dumm wie einfältig.
Wie viele Menschen sind gerade aufgrund ihres Arbeitens glücklich und wären es womöglich noch viel mehr, wenn sie nicht das Gefühl hätten, dass das eigentlich gar nicht sein dürfe.

Es werde von Grund auf anders                            

Es werde von Grund aus anders! Aus der Wurzel der Menschheit sprosse die neue Welt! Eine neue Gottheit walte über ihnen, eine neue Zukunft kläre vor ihnen sich auf. In der Werkstatt, in den Häusern, in den Versammlungen, in den Tempeln, überall werd’ es anders!

Was Hyperion an seinen Freund Bellarmin in Hölderlins Briefroman euphorisch formuliert, wird für uns mit viel Kerner-Arbeit verbunden sein. Denn es sind Kräfte zu überwinden, deren große Gefahr, die von ihnen ununterbrochen ausgeht, deutlich wird, wenn man sieht, wohin ein viel zu großer Teil der Menschheit driftet.

Bisher war es so, dass man – unterstützt von den Kirchen – alles sogenannte Böse diffus in Richtung Teufel und Satan geschoben hat. Allerdings sollte man, wenn man sich bewusst entwickeln will, wissen, mit wem man es zu tun hat. Es gibt ja gar nicht so wenige Menschen, die sich halbwegs auskennen und ihre Kenntnis zu schwarzmagischen Zwecken nutzen und man darf davon ausgehen, dass fast alle Geheimdienste der Erde auf diesem Feld aktiv sind. Ich für meinen Teil möchte dringend raten, sofort den Kontakt zu Menschen abzubrechen, die auf schwarzmagischem Gebiet aktiv sind; nicht von ungefähr war es das entsprechende Treiben der Menschen zu Zeiten der Atlantis, das mit zum Untergang dieses Kontinents führte.
Aber es gibt natürlich einen Graubereich, zu dem ich selbst das Pendeln zähle, denn man weiß nie, wer am anderen Ende der Leitung sitzt und das Pendel ggf. eifrig mitbewegt bzw. den Pendelnden beeinflusst. Vergleichbares gilt ja auch z.B. für Rilke, der Séancen und Geisterbeschwörung liebte und da durchaus, vor allem mittels der Gräfin von Thurn und Taxis, sehr aktiv war, wobei ich glaube, dass ihm das seelisch gar nicht gutgetan hat und ebenfalls Auswirkungen auf den Verlauf seines Lebens, auch auf seine Gesundheit hatte. Auch bei solchen Séancen eben gilt, dass man in deren Rahmen nie weiß, wer am anderen Ende zugange ist; im Grunde kann man ja auf dieser niederen seelisch-geistigen Ebene davon ausgehen, dass das für den ein oder anderen zwar ein willkommenes Abenteuer sein mag, dass es aber sogar den Zugang zu einer hohen Geistigkeit, die wir anstreben sollten und die uns ja auch seit Golgatha möglich ist, verstellt. Was Rilke betrifft, habe ich noch kein Material zu seinen Séancen veröffentlicht, aber der hier verlinkte Beitrag, der auf seine Tätigkeit als Schreibmedium eingeht, zeigt schon auf, dass das eine im Grunde fatale Richtung für ihn war.

Luzifer, Ahriman, Asuras und der Sonnendämon Sorat

In der Esoterik gibt es nur, sieht man generell von sagenumwobenen Gestalten wie Cagliostro oder auch dem Grafen von Saint Germain ab, wenige Autoren, die sich, soweit ich das beurteilen kann, in Richtung kosmisch-geistiger Einflüsse akzeptabel und für den Leser einigermaßen nachvollziehbar sowie fundiert geäußert haben, dazu gehören – aber vor allem die beiden Erstgenannten auch mit Einschränkungen – Éliphas Lévi, Helena Petrovna Blavatsky und Rudolf Steiner. Letzterer hat für mich die überzeugendste Darstellung in Bezug auf die luziferischen und jene Kräfte, denen Luzifer im Grunde in Bezug auf den Menschen die Türe öffnete, gegeben, immer wieder differenziert im Rahmen seines ca. 350 Bände umfassenden Werkes, allerdings nie leicht zu lesen und zu verstehen. Er nennt jene Kräfte, die sich übrigens in der Gestalt des Faustischen Mephisto vereinen, Luzifer und Ahriman, spricht aber auch Asuras und den Sonnendämon Sorat an, der im Moment mittels des Virus sehr aktiv sein könnte, entspricht er doch dem aus der Apokalypse uns bekannten Tier mit den zwei Hörnern, das verschlüsselt auch in der Zahl 666 auftritt. In ihm fasst der Apokalyptiker jene Kräfte zusammen, die das Vaterprinzip überhöhen und die Trinität, vor allem Christus leugnen.
Wir wissen, dass der Islam nur den Vater kennt, Allah also, und sich den Sohn verbietet; nicht von ungefähr ist Jesus ein Prophet und kein Sohn Gottes; zudem bezweifelt der Koran, dass Jesus Christus am Kreuz gestorben sei, das mit der Auferstehung zusammen zentrale Moment des Christentums.
Keine Frage für mich ist, dass man den Islam als Religion toleriert, vor allem auch aller Muslimas und Muslime wegen, die Geschöpfe der Elohim sind, wie wir. Spirituell aber halte ich persönlich es für ein Versagen der christlichen Kirchen – ja, ich halte sie schlicht für feige -, dass sie viel zu wenig die theologischen Unterschiede öffentlich benannt haben. Letztendlich ist der Islam ein Gegenprogramm zum Christentum.
Der Sonnendämon Sorat, der – so wie alle Planeten kosmische Intelligenz verkörpern und zugleich eine dämonische Seite haben – die dämonische Seite der Sonne repräsentiert, baut genau auf diese statische Vaterauffassung, die dem Leben den Sohn und damit Entwicklung verweigert und nicht von ungefähr ist er in unserer und den Folgezeiten der größte Gegner von Christus, wirkend jedoch bereits seit jener Zeit, als die biblische Schöpfungsgeschichte einsetzt, nach Steiner also zu hyperboräischer Zeit, jener Epoche, die Lemurien und Atlantis vorausging.

Wer sich näher mit allem befassen will, mag die verlinkten Seiten studieren (ich persönlich finde es wichtig, über jene Gegenkräfte Bescheid  zu wissen, welche die Entwicklung der Menschheit und unsere individuelle torpedieren).
In Bezug auf Luzifer – uns bestens bekannt seit dem sogenannten Sündenfall – sollte man wissen, wie er in das Leben der Menschheit eingreift und ich zitiere eine von vielen Steiner-Stellen zu ihm:

Luzifer hat seine Hand im Spiele bei allem traditionell Theologischen, bei allem ins Manierhafte, Steife ausartenden Künstlerischen, bei allem Renaissanceartigen; während Ahriman seine Hand im Spiele hat bei allem, was nur äußerliche geistlose Naturwissenschaft ist, die in der Natur nicht den Geist entdecken kann, und bei allem, was äußerlicher Mechanismus im menschlichen Tun ist.
Die luziferischen Engelwesen, die sich aus dem traditionellen Leben durchaus auch jetzt noch gerettet haben bis in die Gegenwart, sie haben alles Interesse daran, den Menschen eigentlich abzuhalten vom Tun. Sie möchten den Menschen wenigstens beim inneren Seelenleben erhalten. Der Mensch ist eine Persönlichkeit geworden. Aber diese Engelwesen möchten den Menschen nicht ausströmen lassen in seinen Taten in das Erlebnis, in die Offenbarung seiner Willensimpulse. Sie möchten ihn in innerlicher Beschaulichkeit erhalten. Sie verführen ihn zur Mystik, sie verführen ihn zur falschen Theosophie. Sie verführen ihn dazu, ein bloß innerliches beschauliches Leben zu führen, zu betrachten, statt zu handeln. Sie machen ihn zu einem Sinnierer, der am liebsten den ganzen Tag sitzen möchte und spinnen möchte über allerlei Welträtsel-Fragen, der aber das, was in seinem Geiste lebt, nicht übertragen möchte in die äußere Wirklichkeit. Sie möchten durch rein äußere Beobachtung entstehen lassen, was äußere Wissenschaft ist. Ebenso möchten diese luziferischen Wesenheiten die Kunst möglichst lebenslos, geistlos in dem Sinne haben, daß in die Form nicht Geist einzieht. Sie möchten immer nur Renaissance haben, das, was in alten Zeiten gelebt hat. Sie geben dem Menschen einen Haß ein gegen jede neue Stilform, die aus dem modernen Menschlichen wirklich hervorgehen kann. Sie möchten die alten Stilformen fortpflanzen, weil diese alten Stilformen noch dem Unirdischen, Überirdischen entlehnt sind.              ( GA 208, S. 58f)

Ahriman, der eine viel niedriggesinntere Macht ist als Luzifer – niemals können die Einflüsse Luzifers so schlimm werden wie die Ahrimans – zieht  Menschen beispielsweise auf übelst okkulte Ebenen, verwickelt die Menschheit in ein rein materielles Leben, ist der Herr der Lüge (auf bestimmten seelischen Ebenen ist die Lüge ein Mord), ist kalt intelligent und hat u.a. in das Leben der Menschheit und gerade von Europa den Wahn des Nationalen gebracht, in dessen Dienst u.a. – vermutlich ohne es zu wissen und als Erster -, Napoleon stand.
Wer nicht alle Auszüge lesen möchte, möge auf jeden Fall den vorletzten lesen; er enthält das Gegenprogramm zu diesem Herrn.
Gefährdet durch Ahriman, in der Kirche auch Satan genannt, sind Menschen, die ihr sich entwickelndes Ich-Bewusstsein nicht auf das Christus-Ich hin entwickeln, sondern v.a. sich selbst toll finden:

Wenn der Mensch in Freiheit wirken will bei Entfaltung des Egoismus, wenn ihm Freiheit wird das stolze Gefühl, sich selber in der Handlung zu offenbaren, dann steht er vor der Gefahr, in Ahrimans Gebiet zu gelangen.         (GA 26, S. 117)

Die Welt hat einen ahrimanischen Charakter angenommen. Denn das mußte geschehen, daß das Ich, indem es sich im Physischen erfaßte, dann, wenn es nicht zur rechten Zeit sich hinaufhebt zum geistigen Sich-Erfassen als eines Geistwesens, daß es dann, wenn es im Physischen bleibt, von den ahrimanischen Mächten ergriffen wird. Und dieses Ergriffenwerden sehen wir daran, daß, sowenig es sich die schläfrigen Seelen gestehen wollen, geradezu eine Hinneigung zum Bösen heute sich überall geltend macht     (GA 204, S. 105)

Ahrimanische Geister sind diejenigen, die eigentlich, wenn man die Namen genau nimmt, in der mittelalterlichen Anschauung die Geister des Satans genannt wurden.     (GA 107, S. 242f)

Ahriman treibt im Unterbewußtsein sein Wesen, zaubert Urteile heraus aus diesem Unterbewußten. Die Menschen glauben dann, daß sie aus ihrem Bewußtsein urteilen, während sie nur aus ihren unterbewußten Trieben und aus ihren unterbewußten, raffinierten Impulsen oftmals das Urteil heraufzaubern, oder sich heraufzaubern lassen eben durch die ahrimanischen Kräfte. Alles, was mit Herrschaftsgelüsten des Menschen über andere Menschen zusammenhängt, alles, was einem gesunden sozialen Wollen widerstrebt, ist ahrimanischer Natur. Derjenige Mensch, der von Ahriman besessen ist, möchte möglichst viele Menschen beherrschen, geht dann darauf aus, wenn er klug ist, die menschliche Schwäche zu benützen, um gerade durch diese die Menschen zu beherrschen.
(GA 184, S. 205f )

Geradeso wie der griechische Mensch der Sphinx gegenüberstand, die im Atmungssystem lebt, so steht der Mensch des 5. nachatlantischen Kulturzeitraumes dem Mephistopheles (dem Ahriman) gegenüber, der im Nervenprozesse lebt, der kalt und nüchtern ist, weil er an Blutleere leidet, weil die Wärme des Blutes ihm fehlt. Und dadurch wird er zum Spötter, zum nüchternen Begleiter des Menschen. Während der griechische Mensch unter der Pein einer Überfülle von Fragen gestanden hat, wird der moderne Mensch der Pein entgegengehen, in seine Vorurteile hineinverbannt zu sein, einen zweiten Leib neben sich zu haben, der seine Vorurteile enthält. Alles das, was an materialistischen Vorurteilen, an materialistischer Beschränktheit sich entwickelt, wird die mephistophelische Natur verstärken, und wir können jetzt schon sagen: Wir sehen in eine Zukunft hinein, wo jeder geboren wird mit einem zweiten Menschen, der wird ihn so begleiten, daß er den Zwang empfinden wird, materialistisch zu denken (…)  (GA 158, S. 105f)

Alles, was in einer verflossenen Zeit richtig war, das wird zu einem Hemmnis in der späteren Entwickelung. Darauf beruht in gewisser Weise die Entwickelung, daß dasjenige, was für eine Zeit richtig ist, zum Hindernis wird, wenn es hineingetragen wird in eine spätere Zeit. Diejenigen Mächte, welche die Hindernisse dirigieren, nannte man damals (zur Zeit Christi) mit einem technischen Ausdruck den Mammon.    (GA 114, S. 190)

Mammon ist der Gott der Hindernisse, der der fortschreitenden Bewegung die zerstörenden, hindernden Dinge in den Weg legt. Auf der anderen Seite sieht man in diesem Gotte Mammon den Erzeuger ganz bestimmter Gebilde, die eben in den Infektionskrankheiten auf das menschliche Leben zerstörend wirken. Die in früheren Zeiten unbekannten Infektionskrankheiten rühren von dem Gotte Mammon her.     (GA 93a, S. 123)

Ahriman hat unter anderem auch das zu tun, daß er aus der spirituellen Welt die Kräfte in die physische Welt herein leitet, welche im physischen Leben die Widerstände hervorrufen. Die Bequemlichkeit ist eine allgemeine, weit verbreitete Eigenschaft der Menschen. Verfolgt man die Seelen, die damit verbunden waren, nach dem Tode, so sieht man, wie sich diese Bequemlichkeit fortsetzt nach dem Tode, und wie der Mensch dann gleichsam eine Provinz durchleben muß, in welcher er sogar eine gewisse Zeit zwischen dem Tode und der neuen Geburt damit zubringen muß, daß er wegen der Bequemlichkeit, als Wirkung dieser Bequemlichkeit, zu einem Diener wird – als Seele des Gottes oder der Götter der Widerstände. Das sind die Geister, die unter der Oberherrschaft des Ahriman stehen.  (GA 144, S.35)

In dem Augenblick, wo Ahriman mit dem zusammentrifft, was wir uns im Erdendasein als gesunde Urteilskraft errungen haben, bekommt er einen furchtbaren Schreck, denn das ist etwas ganz Unbekanntes für ihn, davor hat er eine große Furcht. Je mehr wir uns daher bemühen, das auszubilden, was im Leben zwischen Geburt und Tod an gesunder Urteilskraft gegeben werden kann, desto mehr arbeiten wir Ahriman entgegen. Das zeigt sich besonders bei allerlei Persönlichkeiten, welche einem gebracht werden und die dann «das Blaue vom Himmel herunter» von all den geistigen Welten erzählen, die sie da gesehen haben. Und wenn man da den allergeringsten Versuch macht, diesen Persönlichkeiten etwas klarzumachen, ihnen Verständnis und Unterscheidungsvermögen beizubringen, dann hat sie Ahriman gewöhnlich so sehr in der Gewalt, daß sie kaum darauf eingehen können; und das wird um so stärker, je mehr sich die Verlockung Ahrimans nach der akustischen Seite hin ausdrücken. Gegen das, was sich in visionären Bildern zeigt, gibt es noch mehr Mittel als gegen das, was sich akustisch zeigt, wie gehörte Stimmen und so weiter. Solche Leute haben eine große Abneigung, etwas zu lernen, was für das Ich-Bewußtsein zwischen Geburt und Tod errungen werden muß. Sie mögen es nicht. Wenn man einen solchen Menschen dann aber so weit bringt, gesunde Urteilskraft zu entwickeln, und er darauf eingeht, Belehrungen anzunehmen, dann hören die Stimmen und die Halluzinationen bald auf, weil sie vorher nur ahrimanische Nebelbilder waren und weil Ahriman eine furchtbare Angst bekommt, sobald er verspürt: Da, vom Menschen her, kommt eine gesunde Urteilskraft.     (GA 120, S. 140)

Die Tore, die Fenster, wo die ahrimanischen und luziferischen Wesenheiten in die Welt hereinkommen und ihre Pläne ausführen, sind, daß sie die Menschen im Zustande des herabgedämmerten Bewußtseins überfallen und von sich besessen machen. Denn nicht auf eine unerklärliche, schauderhafte Weise wirken Ahriman und Luzifer, sondern dadurch, daß die Menschen mit ihrem Bewußtseinszustande ihnen entgegenkommen.    (GA 126, S. 307 )

Gefährlicher noch als Ahriman sind die Asuras als

„Wesenheiten, die der achten Sphäre zustreben. Sie wollen die Materie immer mehr verdichten, zusammenpressen, so dass sie nicht wiederum vergeistigt, d. h. ihrem Urzustand zugeführt werden kann. Sie sind der Bodensatz der ganzen Planetenentwicklung, die beim Saturn [so nennt Steiner den ersten großen Zyklus der Erde vor vielen, vielen Milliarden Jahren – JK.] beginnt und durch Sonne, Mond, Erde, Jupiter, Venus, Vulkan durchgeht [die genannten bezeichnen ebenfalls Stadien der Erdentwicklung].
Die Asuras bevölkern jetzt schon den Mond und wirken vom Mond auf den Menschen, den sie herabziehen wollen in die achte Sphäre und ihn so der fortschreitenden Entwicklung und deren Ziel – dem Christus – entreißen wollen. Alle der achten Sphäre Zustrebenden werden schließlich auf einem Mond (Jupiter) ihr Dasein finden.“ (GA 266a, S. 205)

„Die Asuras – die bösen – sind Wesenheiten, die wieder um einen Grad höher stehen in ihrem Willen zum Bösen als die ahrimanischen Wesenheiten und um zwei Grade höher als die luziferischen.“ (GA 110, S. 178)

(..)  diese asurischen Geister werden bewirken, daß das, was von ihnen ergriffen ist – und es ist ja des Menschen tiefstes Innerstes, die Bewußtseinsseele mit dem Ich -, daß das Ich sich vereinigt mit der Sinnlichkeit der Erde. Es wird Stück für Stück aus dem Ich herausgerissen werden, und in demselben Maße, wie sich die asurischen Geister in der Bewußtseinsseele festsetzen, in demselben Maße muß der Mensch auf der Erde zurücklassen Stücke seines Daseins. Das wird unwiederbringlich verloren sein, was den asurischen Mächten verfallen ist. Nicht, daß der ganze Mensch ihnen zu verfallen braucht, aber Stücke werden aus dem Geiste des Menschen herausgeschnitten durch die asurischen Mächte. Diese asurischen Mächte kündigen sich in unserem Zeitalter an durch den Geist, der da waltet und den wir nennen könnten den Geist des bloßen Lebens in der Sinnlichkeit und des Vergessens aller wirklichen geistigen Wesenheiten und geistigen Welten. Man könnte sagen: Heute ist es erst mehr theoretisch, daß die asurischen Mächte den Menschen verführen. Heute gaukeln sie ihm vielfach vor, daß sein Ich ein Ergebnis wäre der bloßen physischen Welt. Heute verführen sie ihn zu einer Art theoretischem Materialismus. Aber sie werden im weiteren Verlauf – und das kündigt sich immer mehr an durch die wüsten Leidenschaften der Sinnlichkeit, die immer mehr und mehr auf die Erde herniedersteigen – dem Menschen den Blick umdunkeln gegenüber den geistigen Wesenheiten und geistigen Mächten. Es wird der Mensch nichts wissen und nichts wissen wollen von einer geistigen Welt. Er wird immer mehr und mehr nicht nur lehren, daß die höchsten sittlichen Ideen des Menschen nur höhere Ausgestaltungen der tierischen Triebe sind, er wird nicht nur lehren, daß das menschliche Denken nur eine Umwandlung dessen ist, was auch das Tier hat, er wird nicht nur lehren, daß der Mensch nicht bloß seiner Gestalt nach mit dem Tier verwandt ist, daß er auch seiner ganzen Wesenheit nach vom Tier abstamme, sondern der Mensch wird mit dieser Anschauung Ernst machen und so leben.

Heute lebt ja noch niemand im Sinne des Satzes, daß der Mensch seiner Wesenheit nach vom Tiere abstamme. Aber diese Weltanschauung wird unbedingt kommen, und sie wird im Gefolge haben, daß die Menschen mit dieser Weltanschauung auch wie Tiere leben werden, heruntersinken werden in die bloßen tierischen Triebe und tierischen Leidenschaften. Und in mancherlei von dem, was hier nicht weiter charakterisiert zu werden braucht, was sich jetzt namentlich an den Stätten der großen Städte als wüste Orgien zweckloser Sinnlichkeiten geltend macht, sehen wir schon groteskes Höllenleuchten derjenigen Geister, die wir als die asurischen bezeichnen.“ (GA 107, S. 247ff)

Die Gefährdungen durch Luzifer und Ahriman lassen sich mit jener Prüfung des Odysseus vergleichen, als er zwischen Scylla und Charybde hindurch musste und scheiterte. So scheitern auch wir. Es ist unmöglich, auf der Erde diesen beiden Kräften zu entgehen und das ist auch gut so, sind sie doch der Treibsatz, der uns Menschen vorwärtsgehen lässt, denn aus den Auseinandersetzungen mit diesen beiden Kräften lernen wir. Wir können ihnen nicht entgehen, aber wir können lernen, mit ihnen so umzugehen, dass sie – und das ist das Ziel – in unseren Diensten stehen (ein langer Weg).
Ähnlich könnte es mit den asurischen Kräften und denen des Sonnendämons sein, allerdings haben diese eine Qualität, die Menschen fast über die Grenzen dessen, was sie durchschauen, führen. Viel zu wenig haben wir bisher die Gefährdungen erkannt, die von der Sexualisierung der Gesellschaft ausgehen, wobei es ja hier die unterschiedlichsten Spielarten gibt, sei es, dass man der Sexualität eine Dominanz im Leben einräumt, die den Betreffenden seine im Devachan (siehe auch hier) vorgenommenen Ziele nicht erreichen lässt, Energie in Geschlechter- und Genderkämpfen verschleudert oder sich der Versexualisierung der Gesellschaft willenlos ausliefert.

Aktuell müssen wir erkennen, dass es Covid-19 auf eine Weise gelingt, die Menschen zu vereinnahmen, dass all die Möglichkeiten, die in unserer Zeit liegen und die Menschen selbst erarbeitet haben, verstreichen. Ständig wird ein neues Thema hochgekocht, aktuell geht es um Putins Impf-Vorhaben, das weltweit zu Kopfschütteln führt, wieder zahllose Zeitungsartikel, Blogbeiträge und Ähnliches auslöst und die Energien vieler Menschen in Russland bindet, die zusätzlich zu einer womöglich vorhandenen Angst vor dem Virus  nun auch ggf. vorgehen müssen gegen einen Diktator, der bekanntlich nicht zimperlich ist im Kaltstellen, wenn nicht gar Beseitigen unliebsamer Gegner.

Was tun?

Nah ist
Und schwer zu fassen der Gott.
Wo aber Gefahr ist, wächst
Das Rettende auch.

So beginnt Hölderlin seine Patmos-Hymne und er ruft uns ins Bewusstsein, dass das Rettende dann wachsen kann, wenn wir uns retten lassen wollen und zugleich, ganz im Sinne Ricarda Huchs, den Rettungsanker anstreben. Ist das der Fall, dann ist die Decke, jener dunkle Teppich, von dem ich oben sprach, kein Problem. Einem entsprechenden geistigen Bewusstsein ist er kein Hindernis, wenn man es bewusst und täglich anstrebt.

Für viele mag ein Problem sein, dass sie die Trinität mit der Kirche gleichsetzen und deshalb ablehnen. Sie mögen tunlichst erkennen, dass die Kirche zu den feindlichen Kräften des Christus-Bewusstseins gehört. Sie hält die Menschen immer auf einem Bewusstseinsniveau, das dem der Menschheitsentwicklung nicht entspricht (weshalb auch in diesen Zeiten so viele – auch unbewusst darauf reagierend – austreten) und sie verhindert durch ihr enges Bewusstsein und immer sich wiederholenden Singsang eines in ihren Händen ganz steril gewordenen Gottes einen Zugang zu diesem kosmischen Wesen, das eben aber auch durch seinen Tod DIE Erdengottheit ist, wobei die Begriffe Gott und göttlich für mich viel weniger zielführend sind als die Tatsache, dass es um ein Bewusstsein geht, dass das innere Leben der Menschen verändern kann, ihr äußeres und im Übrigen auch ganz entscheidend, ihr Leben nach dem sogenannten Tod; wer ohne Christusbewusstsein stirbt, tut sich schwer im Jenseits.

Achten wir darauf, lassen wir uns nicht mehr vereinnahmen von den Bildern, die ständig über die Mattscheibe flimmern und jenen stachligen Ball als Krone ausgeben. Die Krone des Lebens  finden wir an anderer Stelle.
Folgen wir nicht den Brechtschen Aussagen, von denen wir wissen, in welchen Diensten sie stehen. Gewiss gilt es, achtsam zu sein gegenüber dem Virus. Richten wir aber unsere Blicke dahin, wo Kräfte herkommen, die unser Leben mit tiefem Sinn erfüllen. Dass das in Virus-Zeiten schwierig ist, ist keine Frage. Aber genau daran kann die Menschheit wachsen oder scheitern. Im Moment droht sie zu scheitern, weil sie auf die Machenschaften Sorats voll hereinfällt.

Goethe wusste darum, dass in solchen Gefährdungen im Grunde ein Schlüssel zu einer entscheidenden Weiterentwicklung liegt. Tragen wir dazu bei, dass Mephistopheles auch hier und heute und in Zukunft Recht behält, wenn er von sich sagt, dass er „Ein Teil von jener Kraft, Die stets das Böse will und stets das Gute schafft“ ist und bleibt und dass es auch für jene oben angesprochenen und nicht zu unterschätzenden, aber zu durchschauenden Kräfte gilt, die uns heute bedrängen. Wir wissen doch:

Nah ist
Und schwer zu fassen der Gott.
Wo aber Gefahr ist, wächst
Das Rettende auch.

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„Schaut auf! Nehmt wahr! // Er ist’s, er ist’s; die Flamme zuckt“ – Annette von Droste-Hülshoffs „Am Pfingstsonntage“

Annette von Droste-Hülshoffs Gedichtzyklus über das „Geistliche Jahr in Liedern“ umfasst in seiner Entstehung einen Zeitraum von etwas über zwanzig Jahren. Sein Beginn steht im Zusammenhang mit jener unsäglichen, fast entehrend zu nennenden Erfahrung Annettes mit zwei Männern, zu denen beiden sie sich hingezogen fühlte und die diesen Tatbestand schamlos ausnutzten, indem sie sie kompromittierend auflaufen ließen und sie zum Gesprächsobjekt, ja Gespött verwandtschaftlichen Geredes machten.19 Jahre später bringt sie den Zyklus zu Ende und wir begegnen einer seelisch tief gereiften Frau, die in dieser abschließenden Phase unter anderem ein Gedicht zu Pfingsten schreibt, das nicht mein Pfingsten wiederspiegelt, das mir aber in ihrer Sicht sehr nahe geht:


Still war der Tag, die Sonne stand

So klar an unbefleckten Domeshallen;
Die Luft, von Orientes Brand
Wie ausgedörrt, ließ matt die Flügel fallen.
Ein Häuflein sieh, so Mann als Greis,
Auch Frauen knieend; keine Worte hallen,
Sie beten leis!

Wo bleibt der Tröster, treuer Hort,
Den scheidend doch verheißen du den Deinen?
Nicht zagen sie, fest steht dein Wort,
Doch bang und trübe muß die Zeit uns scheinen.
Die Stunde schleicht; schon vierzig Tag
Und Nächte harrten wir in stillem Weinen
Und sahn dir nach.

Wo bleibt er nur, wo? Stund‘ an Stund‘,
Minute will sich reihen an Minuten.
Wo bleibt er denn? Und schweigt der Mund,
Die Seele spricht es unter leisem Bluten.
Der Wirbel stäubt, der Tiger ächzt
Und wälzt sich keuchend durch die sand’gen Fluten,
Die Schlange lechzt.

Da, horch, ein Säuseln hebt sich leicht!
Es schwillt und schwillt und steigt zu Sturmes Rauschen.
Die Gräser stehen ungebeugt;
Die Palme starr und staunend scheint zu lauschen.
Was zittert durch die fromme Schar,
Was läßt sie bang‘ und glühe Blicke tauschen?
Schaut auf! Nehmt wahr!

Er ist’s, er ist’s; die Flamme zuckt
Ob jedem Haupt; welch wunderbares Kreisen,
Was durch die Adern quillt und ruckt!
Die Zukunft bricht; es öffnen sich die Schleusen,
Und unaufhaltsam strömt das Wort
Bald Heroldsruf und bald im flehend leisen
Geflüster fort.

O Licht, o Tröster, bist du, ach,
Nur jener Zeit, nur jener Schar verkündet?
Nicht uns, nicht überall, wo wach
Und Trostes bar sich eine Seele findet?
Ich schmachte in der schwülen Nacht;
O leuchte, eh‘ das Auge ganz erblindet!
Es weint und wacht.


Das Gedicht zeigt uns eine Meisterin der deutschen Sprache.

Warum es uns kaum unberührt lassen kann, erschließt sich allein schon aufgrund seiner formalen Struktur: Es alternieren regelmäßig vier- und fünfhebige jambische Verse. Nur der letzte jeder Strophe, der siebte, ist jeweils zweihebig, und diese sechs letzten Zeilen lesen sich, als ob Inhaltliches der vorausgehenden Strophe noch einmal erfasst und auf den Punkt gebracht sein wollte.
Gerade der letzte Vers ist hier so nachdrücklich durch seine W-Alliteration und keine Frage, das Auge steht hier, pars pro toto, für die Seele der Dichterin.

Dieser letzte Vier-Wort-Satz: was für ein Bekenntnis.

Da ist allerdings keine Pfingstfreude und es ist wahrlich keine Stimmung, wie wir sie der Apostelgeschichte entnehmen.

Wir erinnern uns: Noch anlässlich der Kreuzigung hatte zwar die Besatzungsmacht, Jesu Ankündigung, dass er in drei Tagen wieder auferstehen werde, ernst genommen und Vorsorge getroffen, doch seine Jünger glaubten ihm nicht. Die saßen verschreckt beisammen und trauten sich nicht aus dem Haus. Wären nicht Frauen so mutig gewesen – in einem der Evangelien ist es allein Maria Magdalena (für mich eine der schönsten Szenen der Bibel, als sie dem „Gärtner“ begegnet) – dann hätte der Auferstandene gar niemanden vorgefunden.

Die Zwölf – Matthias war für Judas hinzugekommen – harrten diesmal zuversichtlich. Jesus hatte den Tröster angekündigt, den Heiligen Geist; sie hatten gelernt zu glauben.
Glauben hängt mit Vertrauen zusammen.

Von diesem Glauben wird Annette von Droste-Hülshoff, wie wir oben lesen konnten, sagen: „Ich hab ihn nicht.“

Diese Ehrlichkeit ist es, die mich so überzeugt. Sie ist Voraussetzung für Weiterentwicklung.

Wer sich gerade im spirituellen Bereich das Geringste vormacht, kann nicht zur Wahrheit vordringen, die eine Vorstufe der Freiheit ist, wie sie auf der Erde als wirkliche Freiheit kaum jemand kennt. Obwohl doch so viele ständig über Freiheit reden.

Auch über Liebe.

Ich hoffe, die meisten Menschen wissen über die wahre mehr als ich.

Georg Trakl, der mir mit seinem Ringen um ein inneres Christentum, das in der Literatur viel zu wenig wahrgenommen wurde und wird, so nahegeht, schrieb ein Gedicht „De profundis“. Aus der Tiefe. Aus der Tiefe rufe, nein schreie ich, Herr, zu Dir, so der Psalmist, so Trakl, so Annette von Droste Hülshoff, deren Schreien ein Weinen ist:

Ich schmachte in der schwülen Nacht;
O leuchte, eh‘ das Auge ganz erblindet!
Es weint und wacht.

Es gibt Menschen, denen spürbar dieser Schritt nicht gelungen ist, Auferstehung als Erlösung zu begreifen, weil es für sie (noch) nicht möglich ist, sich jenem Auferstehungsleib, der das Ziel des Weges von Jesus ist, zu nähern, der jedem von uns zuteil werden mag, wenn er ihn denn in seine Lebensoptionen integrieren wollte – was nicht einmal, wenn es geschähe, genügen würde, denn er müsste schon Ziel vor allen anderen sein; um nicht zu sagen: alleiniges Ziel

Nur so ist es möglich, dass der Mensch der luziferischen Umklammerung, die im Allgemeinen Tod genannt und so auch empfunden wird, entkommt.

Noch hat sich das Bewusstsein nicht durchgesetzt, dass die Lehre Jesus, wie wir sie beispielsweise in der Bergpredigt und ihren Seligpreisungen finden, aller Ehren wert, aber nicht das Entscheidende ist, weil wir im Grunde deren geistige Essenz auch im Achtfachen Pfad des Buddhismus finden.

Noch hat sich jedoch ebenfalls nicht durchgesetzt, dass es, so sehr ich das Dhammapada und den Achtfachen Pfad schätze, nicht Ziel sein kann, aus dem Rad der Wiedergeburten dringendst ausscheiden und den Durst nach Leben im Fleisch des physischen Körpers überwinden zu wollen – Hauptanliegen buddhistischer Religiosität -, weil es zu erkennen gilt, dass unsere physisch-materielle Existenz Voraussetzung einer Entwicklung ist, gipfelnd in Pfingsten, die nur so – im Rahmen einer physischen Existenz – und vermutlich nicht anders möglich ist (sieht man einmal davon ab, dass die Menschheit wohl tiefer in die Materie abzusteigen scheint als notwendig).

Ein Bewusstsein der Bedeutung von Kreuzigung, Ostern und Pfingsten ist Voraussetzung, um über dieses Stadium hinauszukommen, in dem ein Rilke, Christus verschmähend, steckenblieb, ein Trakl aufgrund seiner Süchte und schwesterlich-karmischen Belastung, ein Nietzsche in falscher Selbstüberschätzung, ein Karl May, so tief religiös ja theosophisch orientiert er nach seiner Orient-Reise auch war (vielleicht auch gerade deshalb), und auch eine Annette von Droste-Hülshoff, die sich so mutig ihrer inneren Realität stellte.

Ich schreibe „steckenbleiben“. Ich verwende dieses Wort, um ansprechen zu können, dass es das nur ausgesprochen vordergründig ist, wissen wir doch nicht, dass jede der Inkarnationen der oben Genannten Vorbereitung sein kann für einen entscheidenden Durchbruch in einer nächsten, die vielleicht gerade schon stattfindet.

Ich wünsche mir jedenfalls, dass sie möglicht in ihrer nächsten Inkarnation schon bewusst wahrnehmen können, warum noch in der Jordan-Taufe von Jesus, wie wir dem Johannes-Evangelium entnehmen können, der Geist vom Himmel herabfährt als eine Taube. Und warum es zu Pfingsten nicht mehr eine Taube ist, sondern der Geist als Zungen, als Geistesflammen niederkommt, nicht mehr für Einen, sondern für Zwölf – und in Zukunft, wenn es nach jenem Einen geht, für unbegrenzt viele.

Vielleicht auch für uns.Es kann kaum etwas Erfreulicheres geben, als dass wir selbst dafür verantwortlich sind, dass es so sein kann.

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„Zwei Särge, doch ein Grab, so soll es sein“ – Karl May für seine Klara zur Verlobung und Hochzeit: zwei Gedichte.

Das erste Gedicht schrieb der 41-jährige Karl May 1903 seiner zweiten Frau Klara zur Verlobung:

Wir strebten beide Hand in Hand
Zum Himmel auf und seinen Sternen,
Doch ist’s nicht leicht, nach jenem Land
Die rechte Wanderschaft zu lernen.
Es gibt der Wege allzuviel,
Doch welcher ist der rechte Pfad?
Zeig meinem Auge stets das Ziel
Und sei mein guter Kamerad!

Ragt eine Klippe hier und dort,
Will mich ein Trug zum Abgrund leiten,
So sage mir ein warnend Wort,
Den Sturz, den schweren, zu vermeiden!
Und wenn es uns beschieden ist,
Daß sich ein Feind verborgen naht,
So warne mich vor seiner List
Und sei mein guter Kamerad!

Und wenn ich schwach und müde bin,
Die schwere Wandrung zu beenden,
So knie freundlich zu mir hin
Und stärke mich mit sanften Händen!
So folgen beide wir der Bahn
,Du durch den Rat, ich durch die Tat,
Und kommen froh und glücklich an,
Ich und mein guter Kamerad.

Das zweite Gedicht schrieb er zu Ehren ihrer beider Hochzeitstag und überschrieb es:

AM HOCHZEITSTAG

Komm, Liebling, komm, wir wollen scheiden gehen;
Die Erde hat es uns so leicht gemacht.
Ich kann nicht traurig vor dem Abschied stehen,
Wenn er so froh in deinen Augen lacht.
Wir wollen Hand in Hand uns niederlegen;
Zwei Särge, doch ein Grab, so soll es sein.
Und über uns des ew’gen Vaters Segen,
Doch nie und nimmermehr ein Leichenstein!

Und rollt die Erde auf die Särge nieder,
So lächeln wir beglückt einander zu,
Man singt uns zwar vielleicht dann Sterbelieder,
Doch die Gestorbnen sind nicht ich und du.
Wir haben ja nur das zurückgegeben,
Was von der Erde uns geliehen war,
Und stehen beide als vereintes Leben
Bei unsern Särgen, wenn auch unsichtbar.

Die letzte Stunde naht, am Firmamente 
Wird Licht um Licht vom Vater aufgestellt, 
Er ladet uns zur stillen Jahreswende,
Zum neuen Sein dort in der andern Welt,
Schau auf! Du sollst in meinen Sternen lesen,
Was in den deinen längst geschrieben lag:
Wir sind auf Erden  n u r  v e r l o b t  gewesen;
Der Todestag ist unser  H o c h z e i t s t a g !

Gewiss war Karl May auch ein Schwerenöter.
Doch wer denkt, solch eine Klassifizierung beinhalte einen Vorwurf, der irrt (zumal er ein liebenswerter Schwerenöter war – und doch noch so viel mehr!).

Denn wer von uns ist nicht irgendetwas, worüber der Spießbürger von nebenan die Nase rümpft.

Auffallend ist, eine Frau, die man liebt und heiratet, im Rahmen eines Gedichtes zur Verlobung in erster Linie als Kamerad zu bezeichnen. Sicherlich hängt es damit zusammen, dass seine so intensiven Lebenserfahrungen ihn die Ehe in einem anderem Licht haben sehen lassen, als das jung Vermählte gewöhnlich tun, was sich auch darin zeigt, dass er den Lebensabschnitt, den beide nun beginnen, als Wanderung begreift. Darin zeigt sich auch jene große Wandlung, die nicht allein nur sein Zuchthausaufenthalt bewirkt haben mag.

Er begreift, dass er für die Menschenseele schreiben will, wie er selbst sagt.

Vergleichbares gilt für das Hochzeitsgedicht: Unglaublich, zu Beginn von Scheiden und Abschied zu schreiben, von Särgen und dem gemeinsamen Grab. Doch zeigt sich, wie ernst es Karl May einerseits mit seiner Spiritualität und andererseits mit seiner Liebe gewesen sein muss, spricht er doch von einem vereinten Leben, das daran erinnern mag, dass er – übrigens ja nicht nur Karl May, sondern wie auch Tucholsky, Schiller und viele andere – glaubte, seine Schwesterseele gefunden zu haben. Und dass für beide vor allem auch das geistige Leben zählt, weil unser irdisches nur geliehen ist, wie er in fast pietistischem Tonfall intoniert. 
Jedenfalls: Selten hat jemand Goethes Stirb und Werde aus Selige Sehnsucht ernster genommen. Und ich wüsste nicht, dass es jemand jemals ausgerechnet für den Hochzeitstag tat. – Karl May muss sich Klaras Verständnis zutiefst sicher gewesen sein. 

Im Übrigen finde ich es ein wunderschönes Bild, wenn er schreibt, dass zur letzten Stunde Licht um Licht vom Vater aufgestellt wird.

Zahlreichen Lesern könnte unbehaglich sein, wie sehr sich Karl May zu seinem Christsein bekannte, ich erinnere in diesem Zusammenhang an einige Gedichte aus seinem Gedichtband Himmelsgedanken.

Wer will davon heute noch etwas wissen. Nur noch wenige.

Aber für Karl May lässt sich nichts daran deuteln. Der ein oder andere seiner atheistischen Fans – es werden unter den weltweit vielen Millionen Lesern Millionen sein – mag vergessen haben, dass Winnetou noch in seiner Todesstunde sich zum Christsein bekennt.

(Wobei angemerkt sein mag, dass kaum ein Schriftsteller sein Personal so ohn Ansehen von Stand, Nation und Religion Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe zeigen ließ.)

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„Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt, / daß der Unrast ein Herz schlägt.“ – Paul Celan, „Corona“.

 

Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde.
Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehn:
die Zeit kehrt zurück in die Schale.

Im Spiegel ist Sonntag,
im Traum wird geschlafen,
der Mund redet wahr.

Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an,
wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,
wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.

Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der
Straße:
es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

Es ist Zeit.


Fast scheinen die Worte am Schluss des Gedichtes von Paul Celan, der um diese Jahreszeit vor 50 Jahren in Paris Selbstmord beging, prophetisch zu sein.


Biografisch gesehen mag das Gedicht so betitelt sein, weil es in der Zeit geschrieben wurde, als Celan mit Ingeborg Bachmann liiert war, die im Übrigen Corona sein schönstes Gedicht nannte und in einer Antwort auf Zeilen von ihm, in der er auf ihren Geburtstag Bezug nahm und äußerte, „daß niemand außer Dir dabei sei, wenn ich Mohn, sehr viel Mohn, und Gedächtnis, ebenso viel Gedächtnis, zwei große leuchtende Sträuße auf deinen Geburtstagstisch stelle“, schrieb:
„Ich habe oft nachgedacht, ‚Corona’ ist Dein schönstes Gedicht, es ist die vollkommene Vorwegnahme eines Augenblicks, wo alles Marmor wird und für immer ist. Aber mir hier wird es nicht ‚Zeit’. Ich hungere nach etwas, das ich nicht bekommen werde…“


Ingeborg Bachmann mag Ariadne durch den Kopf, nein, im Herzen gewesen sein, die nach ihrem Tod von Dionysos, der sich in sie verliebt hatte, als Sternbild Corona an den Nachthimmel versetzt worden war; Ariadne aber hat wohl nie aufgehört, Theseus zu lieben, der ihr seine Rettung aus dem Labyrinth verdankte und sie dennoch verließ.
Natürlich spielt mitten in das Gedicht hinein die Beziehung der beiden, von Celan und der Bachmann, eine wesentliche, ja DIE wesentliche Rolle, aber den Rahmen bilden Worte, die so überraschend aktuell sind:


Klar kann man mit dem Herbst und damit dem, wofür er steht, dem Wandel, der Vergänglichkeit auf Du und Du sein; man kann sich sogar einbilden, dass er uns aus der Hand frisst; ja, wir können uns sogar einbilden, die Zeit gehn zu lehren. 

Aber Fakt ist: Sie, die Zeit, kehrt in die Schale zurück und was dann folgt, ist doch recht obskur für uns Menschlein: Im Spiegel nur ist Sonntag, nicht im Schlaf wird geträumt, sondern im Traum wird geschlafen und der Mund redet wahr. – Seit wann das?
In Wirklichkeit weiß Celan, womit er eines seiner Gedichte beginnt:

DAS FREMDE
hat uns im Netz,
die Vergänglichkeit greift
ratlos durch uns hindurch
(…)


Wer redet auf unserer Erde zur Zeit wahr?

Mir scheinen Celans Zeilen deshalb so bedeutsam, weil mir bewusst wurde, wie sehr alle unsere Gewissheiten über Bord unserer Lebensschiffe gehen. Wer weiß denn wirklich, ob ein Rüdiger Dahlke mit seinen Philippikas gegen die Corona-Maßnahmen oder die nicht enden wollenden Ausführungen eines Axel Burkart zu Corona Recht haben oder nicht doch die zumindest anfänglichen Maßnahmen der Bundesregierung tatsächlich Deutschland vor Ähnlichem bewahrt haben, wie es im Vergleich in den USA, Spanien, Italien und nun auch in Russland schrecklich tod- und leidbringend geschah und geschieht . . .
Wer weiß wirklich, wie lange noch ein Virus das Leben dominieren muss, bis gesichert ist, dass es ein Zurück zu alten Strukturen nicht mehr geben kann?


Wenn wir ehrlich sind, weiß doch wirklich keiner, warum gerade etwas wie geschieht, selbst jene nicht, die – wie ich das auch tue – nicht am äußeren Geschehen hängenbleiben. Wie witzlos ist es darüber zu spekulieren, woher denn der Virus stamme, wo er doch auf jeden Fall gekommen wäre, woher auch immer. Und wir wissen, dass es not-wendig ist, damit sich die seelische Not auf der Erde wende. Wieviel Leid gab es wirklich auf der Erde, auch ohne den Virus, das niemand zur Kenntnis nahm, weil die Leid-Tragenden nun einmal keine Lobby haben, kein Sprachrohr und nach wie vor, wie schon vor 2000 Jahren in ihren Ohren dröhnte: Gebt uns Barrabas frei!


Ob sich das nun ändert?

Die Corona-Krise ist eine Krise unserer so lieb gewordenen Gewissheiten. Und dazu dürfen auch spirituelle Gewissheiten zählen.


Zum Raum wird hier die Zeit, heißt es in Richard Wagners Parzival-Oper.
Erst wenn wir, wenn Menschen aus der Zeit in den Raum vor das Kreuz und damit vor den Gral treten, dann mag wirklich Raum werden für das, was zu geschehen hat.

Unglaublich eigentlich, wieviel Zeit die Menschen hatten – und da mag kaum jemand ausgenommen sein -, um sich mit einem kleinen Virus auseinanderzusetzen.
Zeit, die ansonsten für das Wesentliche unserer Lebens kaum einmal da war.
Für einen Virus bringt die Menschheit diese Zeit auf, wie das niemand für möglich gehalten hätte.

Ich hungere nach etwas, das ich nicht bekommen werde…“, schrieb Ingeborg Bachmann.
Solange wir uns vorwiegend Dunkles sagen und das Meer in den Blutstrahl des Mondes getaucht sein lassen, wird sich daran nicht viel ändern.


In seinem Gedicht Anabasis spricht Celan in durchaus kryptischem Wortumfeld, wie es zunehmend seine Weise war, Wahrheit dem Unsagbaren abzuringen, von der „herzhelle(n) Zukunft“ und die letzte Zeile der 2. Strophe lautet: „Ins Unbefahrne hinaus“.

Ja, ich glaube, gerade der letzte Satz gibt die Richtung vor: Es geht darum, dass wir als Menschen gemeinsam in eine Richtung fahren, die unbefahren ist,  gleichsam, wie wir es aus Goethes Märchen kennen, über die Brücke ins Land der Lilie.

Und da muss niemand eines anderen Lehrmeister sein wollen. Es geht nur entsprechend dem letzten Wort aus Paul Celans eben zitiertem Gedicht, das lautet: „Mitsammen“.
Es geht nur, wenn wir ein Herz haben für unsere Unrast. Für die Unrast dieser Erde, die so sehr der Ruhe bedarf.

Was für ein unfassbar Ruhe bringendes Wort ruhen ist. – Vielleicht müssen wir auch solche Kostbarkeiten wieder entdecken.

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Wir alle sind Elis. – Selten hat ein Autor solche Tiefendimensionen menschlicher Existenz angesprochen.

Man sieht dem 1913 geschriebenen Gedicht An den Knaben Elis nicht unbedingt an, dass es zu den Perlen deutschsprachiger Lyrik zählt, man sieht ihm auch nicht von vornherein an, dass es eine spirituelle Tiefe aufweist, die ihresgleichen sucht.
Seine Zeilen erzählen auf lyrische Weise von dem Untergang der Menschheit, dem diese u.a. auch mit Hilfe eines Virus namens Corona in diesen Tagen zu entkommen sucht.
Zugleich sind sie verfasst von einem Mann, der wie kein anderer weiß, wie Untergang geht:

 

An den Knaben Elis

Elis, wenn die Amsel im schwarzen Wald ruft,
Dieses ist dein Untergang.
Deine Lippen trinken die Kühle des blauen Felsenquells.

Laß, wenn deine Stirne leise blutet
Uralte Legenden
Und dunkle Deutung des Vogelflugs.

Du aber gehst mit weichen Schritten in die Nacht,
Die voll purpurner Trauben hängt,
Und du regst die Arme schöner im Blau.

Ein Dornenbusch tönt,
Wo deine mondenen Augen sind.
O, wie lange bist, Elis, du verstorben.

Dein Leib ist eine Hyazinthe,
In die ein Mönch die wächsernen Finger taucht.
Eine schwarze Höhle ist unser Schweigen,

Daraus bisweilen ein sanftes Tier tritt
Und langsam die schweren Lider senkt.
Auf deine Schläfen tropft schwarzer Tau,

Das letzte Gold verfallener Sterne.


Im September 1905 schreibt der damals 18-jährige Georg Trakl, kurz bevor er ein Jahr vor dem Abitur die Schule wegen ungenügender Leistungen in den Kernfächern Latein, Griechisch und Mathematik verlassen muss, an seinen Freund Karl von Kalmár:

Die Ferien haben für mich so schlecht als es nur möglich ist, begonnen. Seit acht Tagen bin ich krank – in verzweifelter Stimmung. Ich habe anfangs viel, ja sehr viel gearbeitet. Um über die nachträgliche Abspannung der Nerven hinwegzukommen habe ich leider wieder zum Chloroform meine Zuflucht genommen. Die Wirkung war furchtbar. Seit acht Tagen leide ich daran – meine Nerven sind zum Zerreißen. Aber ich widerstehe der Versuchung, mich durch solche Mittel wieder zu beruhigen, denn ich sehe die Katastrophe zu nahe.

Dass er anschließend ausgerechnet eine Lehre in der Apotheke Zum weißen Engel in Salzburgs Linzergasse beginnt, ist insofern tragisch, als ihm somit die Drogentöpfe frei zugänglich waren, die er schon über die Mutter kennengelernt hatte; nicht von ungefähr nannte er sie später eine „Opiumesserin“ und „nervenkrank“ und eine Frau, die er mit „eigenen Händen hätte ermorden können“.

Seine Drogenkarriere begann wohl bereits mit 15 Jahren und jene ihre sechs Kinder emotional total vernachlässigende Mutter war maßgeblich beteiligt. Der Bruder Fritz wird sich erinnern, daß Georg seine Zigaretten mit Opiumlösung bestrich.
Man möchte fast sagen, Trakl ließ nichts aus:
Depressionsschübe, Vergiftungen durch Überdosen, Alkohol-, und  Kokainexzesse pflastern den Lebensweg eines Mannes, der wie kaum ein anderer die Spannweite einer möglichen Zerrissenheit zwischen Himmel und Hölle  – auch ersteren hatte er in sich – lebte.
In einem Brief an den väterlichen Freund der letzten drei Jahre, Ludwig von Ficker, der in dem von ihm herausgegebenen und überregional gelesenen Journal Der Brenner nicht wenige Trakl-Gedichte veröffentlichte, wird er 1913 schreiben:

Ich weiß nicht mehr ein und aus. Es [ist] ein so namenloses Unglück, wenn einem die Welt entzweibricht. O mein Gott, welch ein Gericht ist über mich hereingebrochen. Sagen Sie mir, daß ich die Kraft haben muß, noch zu leben und das Wahre zu tun. Sagen Sie mir, daß ich nicht irre bin. Es ist steinernes Dunkel hereingebrochen. O mein Freund, wie klein und unglücklich bin ich geworden.“
[ich habe einige weitere Briefe, die Trakls Lebensdramatik widerspiegeln, auf Wortbrunnen (Punkt 10) zusammengestellt]

Mit einer Überdosis Kokain beendet er sein Leben; nachvollziehbar, wenn man weiß, was er im Rahmen der Schlacht von Grodek als Medizinalakzissent mitmachen musste, als man ihm zwei Tage lang, ohne dass ein Arzt zugegen gewesen wäre, bis zu 100 Schwerstverletzte in eine Scheune brachte, von denen sich u.a. einer, weil er die Schmerzen nicht mehr ertrug, vor seinen Augen erschoss. 

Trakl kam ja nicht nur mit seiner Mutter nicht klar  – wenn auch immer wieder das Märchen seiner glücklichen Kindheit in der Zehnzimmerwohnung inmitten der Altstadt Salzburgs, auf die Kaiseite der Salzach zeigend (wenn auch im Innenhof die Ratten herumliefen), erzählt wird -, sondern auch nicht mit der inzestuösen Beziehung zu seiner Schwester und dass er sie zum Drogenkonsum verführte, was er sich nie verziehen hat. Ich habe zum Schwesterthema in meinem letzten Post einiges mehr geschrieben und ebenfalls auf Wortbrunnen. Dass Margarethe an ihrer Ausbildung scheiterte, wie das ebenso auf Trakls Versuche, beruflich Fuß zu fassen, zutrifft, und dass sie ihm freiwillig drei Jahre später in den Tod folgte, kommt nicht von ungefähr.

Apokalyptische Leben mögen die beider gewesen sein, aber, soweit ich das für Trakl beurteilen kann, in diesem ständigen Untergang, von dem er ja auch immer wieder in seinen Gedichten spricht, groß. Ich vermute auch: als Erfahrung vielleicht gewollt und notwendig und, wenn es denn so sein darf, hilfreich für künftige Leben.

Trakl mag, wie Germanisten ihm attestieren (Punkt 11), Gedichte im Rausch geschrieben haben, aber fundamental wichtige zählen gewiss nicht dazu, weder die Elis-Gedichte noch Ein Winterabend, bei dem jedes Wort an der Stelle sich befindet, wo es sich auf eine Weise entfalten kann, dass ein tiefes, religiöses Bewusstsein und eine tiefe religiöse Wahrheit und Wahrhaftigkeit zum Ausdruck kommen können, die in dieser Dichte nur noch in ganz wenigen Gedichten deutscher Sprache zu finden ist (auch als Video vorhanden)

Rilke attestieren viele Leser ein hohes, ja höchstes religiöses Bewusstsein. Mehr Engel kann man kaum in einem Werk unterbringen und intensiver kann man sich als Dichter  kaum mit Gott auseinandersetzen, als dieser so oft für Poesiealben herhalten müssende Autor das tat. Aber für mich, wenn ich mir das zu sagen erlauben darf, war Trakl in seinem religiösen Bewusstsein trotz seiner Exzesse der Wahrheit näher.

Früh hat sich der damals 22-Jährige von einer bigotten Religiosität distanziert, und zwar auf messerscharfe Art und Weise in seinem Gedicht Die tote Kirche:

Auf dunklen Bänken sitzen sie gedrängt
Und heben die erloschnen Blicke auf
Zum Kreuz. Die Lichter schimmern wie verhängt,
Und trüb und wie verhängt das Wundenhaupt.
Der Weihrauch steigt aus güldenem Gefäß
Zur Höhe auf, hinsterbender Gesang
Verhaucht, und ungewiss und süß verdämmert
Wie heimgesucht der Raum. Der Priester schreitet
Vor den Altar; doch übt mit müdem Geist er
Die frommen Bräuche – ein jämmerlicher Spieler,
Vor schlechten Betern mit erstarrten Herzen,
In seelenlosem Spiel mit Brot und Wein.
Die Glocke klingt! Die Lichter flackern trüber –
Und bleicher, wie verhängt das Wundenhaupt!
Die Orgel rauscht! In toten Herzen schauert
Erinnerung auf! ein blutend Schmerzensantlitz
Hüllt sich in Dunkelheit und die Verzweiflung
Starrt ihm aus vielen Augen nach ins Leere.
Und eine, die wie aller Stimmen klang,
Schluchzt auf – indes das Grauen wuchs im Raum,
Das Todesgrauen wuchs: Erbarme dich unser –
Herr!

Vor allem seit 1912 finden sich zunehmend mythologische, religiöse und Christus-Bezüge; Hinweise zu letzteren würden diesen Beitrag sprengen; ich habe einige auf Wortbrunnen zusammengestellt (Punkt 8).

Rilke hat zwar immer wieder Engel und Gott in sein Denken und Schreiben einbezogen, aber unter dem Gesichtspunkt, dass wir das Jesus-Wort Niemand kommt zum Vater denn durch mich ernst nehmen, drang Rilke in Wahrheit vermutlich nur zu seinem sehr privaten Vater bzw. zu Gott vor, denn er verleugnet, ja verspottet in seinen Christus-Visionen Jesus und Christus und mit einem Gedicht wie Leichen-Wäsche habe ich echte Schwierigkeiten. – Wie ernsthaft dagegen ist die Auseinandersetzung von Trakl mit Gott und Christus – O, daß frömmer die Nacht käme, Kristus, heißt es in der ersten Fassung von Passion (Punkt 8) – , wie ehrlich ist seine Auseinandersetzung mit ihm, eine Auseinandersetzung, die viele, die seine Gedichte lesen, deshalb übersehen, weil die Bezugnahme auf dieses göttliche Wesen oft recht verschlüsselt geschieht; heutzutage nehmen nun mal, da die Bibel-Kenntnis abnimmt, wahrscheinlich nur noch wenige Leser wahr, wie Trakl die Paulus-Trias von Glaube, Hoffnung und Liebe aus dem 1. Korintherbrief in seinem Gedicht Heimkehr (Punkt 6) verarbeitet, einem Gedicht, das schon durch seine Überschrift das neu-testamentarische Motiv des verlorenen Sohnes intoniert.
Bemerkenswert, das nur nebenbei, wie wichtig in diesem Gedicht Trakl das Wesen der Reinheit war [siehe auch Frühling der Seele (II) (Punkt 4)] und unwillkürlich denke ich an Kaftkas Roman Der Prozess, als dessen Protagonist Josef K. ziemlich zu Beginn seiner Vermieterin zuruft: Die Reinheit, (…), wenn Sie die Pension rein erhalten wollen, müssen Sie zuerst mir kündigen.

Trakl ist Elis, ist der Mönch . . . wir alle sind Elis

Trakl hat drei Elis-Gedichte geschrieben, die er ursprünglich in linearer Abfolge gereiht sehen wollte. Erst später hat er obiges Gedicht von den beiden wohl etwa einen Monat später entstandenen getrennt (wer möchte, mag Elis hier einsehen, auch die zweite Fassung von Ein Abendland, in der er die Elis-Wesenheit noch einmal aufgreift).

Im Folgenden wende ich mich dem ersten und mich am meisten ansprechenden Elis-Gedicht zu; mehr würde den Rahmen sprengen.
Auch für dieses Gedicht trifft zu, was meines Erachtens zunehmend für das Schaffen Trakls gilt: Vor allem wollte dieser Mann sich selbst verstehen und mit Worten und insbesondere mit Bildern etwas erfassen, was in seinem Inneren tönt. Deshalb finden sich immer wieder die in der entsprechenden Fachliteratur so oft besprochenen Trakl-Farben, Trakl-Worte und -Bilder, die, wie übrigens auch in Heimkehr, oft einfach nur aneinandergereiht scheinen und sich dann einem tieferen Verständnis fast entziehen, beispielhaft sei auch auf die hier verlinkten Frühling II oder Trübsinn verwiesen.

In manchen Gedichten – es sind jene, die meistens in Gedicht-Anthologien abgedruckt sind – ist für mich offensichtlich, dass Trakl von seinen Lesern verstanden sein wollte. Das betrifft Gedichte wie Verklärter Herbst, Verfall, Der Herbst des Einsamen, Gesang des Abgeschiedenen, Trübsinn oder auch In den Nachmittag geflüstert (alle hier unter Punkt 9 wiedergegeben).

Was An den Knaben Elis so besonders macht, ist, dass seine sieben Strophen menschliche Existenzweisen ansprechen, die den meisten Lesern, ja selbst Germanisten – die deshalb meines Erachtens dann kläglich und zwangsläufig in irgendwelchen Erklärungsmustern herumstochern (Punkt 11) – unbekannt sind.
´Zufällig´ habe ich mich zu jener Zeit, als ich dieses Gedicht zum ersten Mal las, mit diesen Existenzweisen beschäftigt, weil mir der Phantombegriff Rudolf Steiners über den Weg gelaufen war und ich wissen wollte, was es für ihn mit dem, was er als Phantom bezeichnet, auf sich hat. Es ist, wenn ich es resümiere, mit das Kostbarste, was es im Kosmos gibt: der von mehreren unterschiedlichen, aber sehr hohen Engelhierarchien geschaffene Urgeistleib des Menschen. [ich habe hier Steiner-Auszüge dazu zusammengestellt]
Es würde zu weit führen, die sieben Erdentwicklungsphasen, die Steiner recht ausführlich bespricht und in deren Rahmen wir uns in der vierten befinden, darzulegen, denn sie beinhalten ein über Millionen von Jahren andauerndes, sehr komplexes Entwicklungs-Geschehen, im Rahmen dessen viele Engelhierarchien mitwirkten, beginnend auf der ersten Erd-Entwicklungsstufe mit den Thronen, die maßgeblich die Anfänge des menschlichen Körpers gestalten, bis hin zur Entstehung unseres Ich mittels der Elohim/Exusiai im Rahmen der derzeitigen Erdentwicklungsphase.
Ziel der menschlichen Entwicklung ist nach Steiner nicht nur das ICH, sondern ein I-CH, das nicht von ungefähr die Initialen von Jesus Christus trägt und – Jesus war kein Religionsstifter – ein Bewusstsein repräsentiert, das man mit von Liebe durchtränkter Weisheit zu erfassen suchen kann. Es darf – das nur als Hinweis nebenbei – für uns eine besondere Ehre sein, dass wir in einer Sprache sprechen und denken und träumen, die als einzige der Welt in der ersten Person des Personalpronomens die Initialen von Jesus Christus aufweist – kein Zufall. Für uns besteht die Möglichkeit, uns, ICH sagend, als I-CH zu erkennen.

Elis, wer ist diese Trakl-Gestalt und wo haben wir ihn zu suchen?

Zunächst muss man wissen, dass Elis über lange Zeit seiner Existenz eine geistige Gestalt ist. Auch Adam und Eva, als sie das Paradies verlassen müssen, sind noch keine physischen Wesen. Ein physisches Wesen werden wir erst im Verlaufe der luziferischen Zeit, die mit dem Schlangengeschehen der Schöpfungsgeschichte beginnt. Nach Steiner geschieht das in der sogenannten hyperboräischen Phase, einer Erdepoche, die Lemurien und Atlantis vorausgeht, als der Mensch zunehmend dem Einfluss Luzifers und dessen Scharen ausgesetzt ist. Auch die Erde ist bis dahin ein Himmelskörper, den wir mit physischen Augen nicht hätten sehen können. Vergessen wir nicht: Der Bibel zufolge hat Gott den Menschen nach seinem Bilde geschaffen. – Und Gott ist Geist, wie nicht nur das Johannes-Evangelium, sondern auch das Dhammapada wissen.
Die Lippen aber, die in der dritten Zeile der ersten Strophe genau genommen nicht das Wasser, sondern die Kühle des blauen Felsenquells trinken – Deine Lippen trinken die Kühle des blauen Felsenquells – deuten an, dass wir Elis als physische Gestalt annehmen können. Die Zeit des GottMenschen Elis – El bedeutet Gott, isch ist der Mensch – ist, jedenfalls in ihrer geistigen Existenzform, Geschichte. Vorbei ist es mit jenem Zustand, den die jüdische Kabbala mit Adam Kadmon erfasst, jenem Riesen Ymir der germanischen Mythologie oder auch dem GottMenschen Purusha der Veden, die als Gestalt über die Himmel gebreitet waren, für  uns heute unvorstellbar groß.

Als der Mensch durch den Einfluss Luzifers eine physische Gestalt annimmt, schrumpft er gewaltig, wenn man es salopp, aber durchaus der Realität angemessen formuliert. Aus ist es mit der ursprünglichen Größe (wie es um jene wiederum aussieht, wenn die Seele nachts den Körper verlässt oder wenn sie nach dem Ende des irdischen Lebens sich in das Jenseits ergießt, ist ein anderes Thema). Mit Luzifer geht nicht nur die menschliche Physis, sondern im Lauf der Zeit auch die Zweigeschlechtlichkeit des Menschen einher; die körperliche Liebe, wie wir sie kennen, ist eine Folge des luziferischen Einschlags. Ihr Ziel ist, dass Menschen sich dessen, was sie als Liebe zu erfassen meinen, bewusst werden und über sie zu ihrem wahren Wesen finden (auch Platon sieht das am Ende der hier zitierten Symposion-Stelle so).

Elis, wenn die Amsel im schwarzen Wald ruft,
Dieses ist dein Untergang.

Gleich zu Beginn, ohne alle Umschweife, spricht der Dichter diese Gestalt an, deren Namen manche Germanisten in Zusammenhang mit der Elis-Figur aus Hofmannsthals Das Bergwerk zu Falun oder der mythischen Gestalt des Endymion gebracht sehen wollen; meines Erachtens hat sie mit beiden wenig bis nichts zu tun.
Als ich den Namen Elis zum ersten Mal hörte, dachte ich spontan an Elias und Elisa, die Propheten des Alten Testaments und daran, dass El – wie wir das aus den Erzengelnamen von z.B. Micha-el und Gabri-el kennen – Gott bedeutet. Nicht von ungefähr hat der große Engel Satanael bei seinem Absturz diese Silbe verloren und ist zu Satan geworden. – isch nun bedeutet Mensch, so dass Elis GottMensch bedeuten könnte. Es würde dem, was er als Geistform ist, gerecht werden. Genau genommen muss ich formulieren: was er war, denn Trakl spricht ihn an, als jene göttliche Zeit vorbei ist.

Er tut dies auf eine für ihn typische und eigentlich grammatikalisch falsche Weise, denn syntaktisch korrekt müsste es heißen:

Elis, wenn die Amsel im schwarzen Wald ruft,
Ist dieses dein Untergang.

Schon in Ein Winterabend beginnt er mit dieser grammatikalischen Auffälligkeit (Wenn der Schnee ans Fenster fällt, / Lang die Abendglocke läutet)
Als Leser stolpert man eigentlich fast notgedrungen, es sei denn, man gehört zu jenen Lesern, die Lyrikern fast alles genehmigen.

Luzifer: eine neue kosmische Qualität beginnt

Untergang bedeutet nichts anderes, als dass die Zeit Luzifers beginnt. Ich nenne diese Phase der Erd- und Menschheitsentwicklung im Folgenden Luzifer-Zeit, eine für die Entwicklung des Menschen höchst wertvolle Phase. Zugleich trägt sie auch grausame Züge.
Es gibt Dichterkollegen, die haben dieses beginnende Untergangs-Geschehen ähnlich und sogar drastischer formuliert. Wilhelm Busch deutet sein spirituelles Verständnis an, wenn er in Bös und gut formuliert:

Wie kam ich nur aus jenem Frieden
Ins Weltgetös?
Was einst vereint, hat sich geschieden,
Und das ist bös.

Jener Frieden, das war die Zeit, die Christen als Paradies bezeichnen, die Zeit Adam Kadmons und wie jene GottMenschen auch immer in unterschiedlichen Kulturen genannt werden. So wie es für den die ganze Erde tangierenden Untergang von Atlantis unterschiedlich bezeichnete Flutmythen in vielen Kulturen gibt, so gilt dies eben auch für das Paradies und für den damals lebenden GottMenschen.
Und auch Friedrich Nietzsche ist sich in Vereinsamt dessen bewusst, was Elis – und damit wir alle – verloren haben und er – bzw. genauer gesagt, das lyrische Ich seines Gedichtes – bedauern offensichtlich jenen Schritt, der der Menschheit mehr Eigenständigkeit und Freiheit bescherte, aber auch mehr Wüste, mehr Kälte, mehr Zerrüttung und Corona:

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein. –
Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts, ach! wie lange schon!
Was bist du Narr
Vor Winters in die Welt – entflohn?

Die Welt – ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends halt.

Trakl war sich dieses Geschehens und seiner Ursache voll bewusst, sein Gedicht An Luzifer macht es deutlich.
Indem er die dunkel-blau-schwarze Farbe der Amsel sich auf den Wald abfärben lässt – wenn die Amsel im schwarzen Wald ruft -, durch den schon immer vor allem in den Märchen nach ihrem Zuhause suchende Menschenkinder irren (wir wissen nun, Wald ist im Grunde der Lustgarten Luzifers), offenbart Trakl an anderer Stelle, nämlich in Gesang einer gefangenen Amsel, dass in dieser – sie taucht vielfach in seinen Gedichten auf – , einmal mehr sich weit mehr verbirgt als ein singender Vogel:

Dunkler Odem im grünen Gezweig.
Blaue Blümchen umschweben das Antlitz
Des Einsamen, den goldnen Schritt
Ersterbend unter dem Ölbaum.
Aufflattert mit trunknem Flügel die Nacht.
So leise blutet Demut,
Tau, der langsam tropft vom blühenden Dorn.
Strahlender Arme Erbarmen
Umfängt ein brechendes Herz.

Es ist eines jener Gedichte, die den Weg des Christus – der Ölbaum Gethsemanes (das Wort bedeutet ja Olivenkelter) und der noch blühende Dorn verweisen darauf – ansprechen. Aufflattern die Nacht und die sterbende Amsel und es mutet fast beklemmend an, dass Trakl dieses Gedicht wohl im Juni 1914, nur wenige Monate vor seinem Tod im November, als eines seiner letzten schrieb. Im Jahr zuvor schon war An einen Frühverstorbenen erschienen, ein Gedicht, mit dem er, der unweit des Mönchsberges in Salzburg aufgewachsen war, sich ebenfalls auf sich bezieht (hier die ersten drei Strophen – zur Gänze in Wortbrunnen (Punkt 5):

O, der schwarze Engel, der leise aus dem Innern des
Baums trat, Da wir sanfte Gespielen am Abend waren
Am Rand des bläulichen Brunnens.
Ruhig war unser Schritt, die runden Augen in der braunen Kühle des Herbstes,

O, die purpurne Süße der Sterne.

Jener aber ging die steinernen Stufen des Mönchsbergs hinab,
Ein blaues Lächeln im Antlitz und seltsam verpuppt
In seine stillere Kindheit und starb;
Und im Garten blieb das silberne Antlitz des Freundes zurück,

Lauschend im Laub oder im alten Gestein.


Selten, dass Trakl in seinem Werk als lyrisches Ich auftaucht, als Ich also von sich spricht; dafür zeigt er sich in verschiedenen Gestalten, als ein Frühverstorbener und Kaspar Hauser, als Mönch und Fremdling, als ein Wanderer und der Einsame, als Schläfer, Bruder und Novize und gern in Knabengestalten wie Elis und Helian; allesamt sind sie, wie er im Juni 1913 an Ludwig von Ficker in einem Brief zum Ausdruck bringt, „ein nur allzugetreues Spiegelbild eines gottlosen, verfluchten Jahrhunderts“. – Trakl hat sich als lyrisches Ich selten auf sich selbst bezogen, dagegen in vielen seiner Gestalten gespiegelt, auch weiblichen.

Fast bedrückend mutet es an, dass er in letzterem Gedicht seinen frühen Tod vorwegnimmt, früh, zu früh, jedenfalls verstorben wie Elis: O, wie lange bist, Elis, du verstorben.

Für die wunderbare  einstig große Gestalt des Elis mag die beginnende Luziferzeit ein Untergang sein. Doch noch die frühen Christen haben Luzifer nicht annähernd zu dem gemacht, zu den ihn die christlichen Kirchen werden ließen. Ohne ihn, ohne Luzifer, wären die Menschen in der Abhängigkeit der Elohim geblieben, die sie geschaffen hatten (man sollte sich nicht irritieren lassen, dass Luther in der Schöpfungsgeschichte penetrant Gott übersetzt, wo im Original elohim steht). Ohne ihn, ohne Luzifer, hätten wir auf ewig den Göttern Nektar und Ambrosia serviert,  wir wären immer in ihrer Abhängigkeit geblieben. Nicht von ungefähr ist Zeus richtig sauer, dass Prometheus den Göttern das Feuer entwendet und jene große Unabhängigkeit einleitet, die wir als Hinwegdämmern der Götter in der Eddha mit dem Begriff der Götterdämmerung (ragna rök, eigentlich „Götterschicksal“) erfasst sehen und die Richard Wagner in seiner gleichnamigen Oper im Rahmen des Ring der Nibelungen so genial gestaltet hat. Ohne Kains Tat hätte sich der Abelweg auf der Erde durchgesetzt, aber er hätte nicht zu jener Freiheit geführt, zu der wir unterwegs sind. Das gilt, auch wenn Trakl in Das Grauen Kain als seinen Mörder bezeichnet. Gewiss ist Kain der Mörder des Abel in uns, aber Abel bleibt zum Nachteil seiner Selbstständigkeit den Göttern verbunden; aus gutem Grund taten wir das nicht: Wir wären alle ein Epimetheus geblieben, ein – überspitzt formuliert – Anhängsel der Götter und die Errungenschaften des Prometheus und sein Weg zum Bewusstsein seiner selbst wären uns fremd geblieben. Gewiss ist der Preis hoch und es gibt in meinem Leben Phasen, in denen ich denke, ob das Experiment Mensch, durchgeführt, wie wir der Schöpfungsgeschichte entnehmen, durch die Elohim, wirklich das Leid wert ist, das es seit Jahrtausenden auf der Erde gibt. Ich zögere, spirituell eilfertig vorauseilend, so einfach zu sagen: Ja, es ist es wert. Wenn ich daran denke, wie viele Kinder in diesen Minuten Hungers sterben, wieviele Frauen in diesem Moment vergewaltigt werden oder Menschen hinterrücks ermordet, dann fällt mir der Glaube daran, dass das Neue Jerusalem, das nach Kapitel 21 der Offenbarung des Johannes der nächste Schritt in der Entwicklung der Menschheit sein wird, das alles wert ist, verdammt schwer.

Es ist Christus-Zeit, nur: kaum einer merkt es

Dem entgegensteht, dass wir Tag für Tag von wunderbaren Beispielen menschlichen Miteinanders wüssten, wenn uns die Medien nicht zugleich Tag für Tag und Spielfilm für Spielfilm vorwiegend Mord und Totschlag ins Haus lieferten. Tag für Tag helfen Menschen einander und kreieren Dinge, die vielen das Leben erleichtern.
Schon längst, genau genommen seit annähernd 2000 Jahren, sind zudem die Voraussetzungen geschaffen, dass die Luziferzeit überwunden sein könnte, dass ein Leib, ein geistiger Leib zur Verfügung steht, der den Blick des Menschen über den physischen Leib hinaus öffnet. So sehr der Körper des Menschen ein erschaffenes Wunder ist, so sehr ist er den Menschen ein Gefängnis, weil die wenigsten den Blick dahingehend zu weiten vermögen, dass in ihm sich seelische Körper verbergen, die den Weg zur Bestimmung des Menschen weisen. Der Auferstehungsleib Jesu ist solch ein geistiger Leib, dem unsere seelischen Körper/Leiber allerdings nur sich vorsichtig vortastend annähern können.
Es ist falsch, wie die allermeisten Christen das Apostolische Glaubensbekenntnis verstehen, wenn es wörtlich von der Auferstehung des Fleisches (carnis resurrectionem) spricht und dieses Problem mit der Übersetzung Auferstehung der Toten kirchlicherseits elegant umschifft wird. Jesus ist im Rahmen seiner Auferstehung nicht in-karn-iert, nicht in carne, im Fleisch erschienen. Das Fleisch, die Physis kennt kein ewiges Leben. Physisch ist und bleibt dieser luzifer-bedingte Leib, der unverzichtbar war, weil so viele Bewusstseinsschritte, die der Mensch zu gehen hatte, mit der Materie, mit der Physis und mit dieser Körperlichkeit verbunden sind, verweslich. Aber der vorluziferische Leib des Elis sowie sein zukünftiger sind Geist-Körper, die man nur wahrnimmt, wenn man sich dem Wesen des Christus nähert. Mit der Auferstehung des Christus in dem zweiten Adam, wie ihn Paulus nennt, ist die Überwindung des Todes möglich zu einem ewigen Leben.
Die Bruderschaft der Rosenkreuzer imaginiert in ihren Meditationen diesen Auferstehungsleib und es ist möglich, in dem physischen Körper, in dem wir sind, ihm  sehr nahe zu kommen. Die Regel ist dies momentan nicht und ohnehin wäre eine notwendige Vorstufe, dass mehr Menschen wie der ungläubige Thomas ihre Hand in die Seite des Christus legen und sein Vorhandensein wahrnehmen:

Dein Leib ist eine Hyazinthe,
In die ein Mönch die wächsernen Finger taucht.

Der Dichter ist jener Mönch – vielfach ist Trakl in seinen Gedichten ein Mönch – und er ist sich dessen bewusst, dass Elis um diesen Leib weiß, auch weiß, dass er ihm als GottMensch zur Verfügung stünde. Aber im nächsten Satz, der lautet

Eine schwarze Höhle ist unser Schweigen

konfrontiert er dieses Bewusstsein mit der Realität der eigentlich überholten Luzifer-Zeit.

Ja, wir Menschen schweigen in der Regel kollektiv von jenem kosmischen Mittelpunktsgeschehen, das also für einen Tag einen Ort namens Golgatha – nicht wenige Menschen halten ihn mittlerweile für eine Zahnpasta – Nabel der Welt sein ließ. Gut, die Priester und Pfarrer reden viel darüber, aber bei den Menschen kommt wenig bis nichts mehr an. Es ist das seelenlose Spiel von Brot und Wein, das in erstarrten Herzen nicht resoniert, wie wir in Trakls Die tote Kirche lasen. Und es resoniert nicht, weil es nicht als lebendiges Wissen aus dem Mund der Priester und Pfarrer kommt – meistens jedenfalls nicht.

Eine schwarze Höhle ist unser Schweigen

Im Gedicht ist es das erste Mal, dass in dem unser des Schweigens von beiden, dem Dichter und Elis, geschrieben steht, dass also sich der Dichter gleichsam in Schulterschluss mit Elis befindet. – Auch der Dichter schweigt. – Ausgerechnet ein Dichter hat keine Worte.

Er spricht auch in der Folge nicht von dem hyazinthenen Leib, der eigentlichen Bedeutung des Geschehens um Golgatha. Übrigens tut das auch Nietzsche in obigem Gedicht nicht, auch nicht – obwohl es durchaus angebracht wäre – ein Hugo von Hofmannsthal in Weltgeheimnis.

Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan, heißt es zu Ende des Faust. Doch wenn es so weitergeht, zieht und zieht es ewig, ohne dass Entscheidendes geschieht.
Es ist der Mensch, der sich bewegen muss, der sprechen muss; Goethe würde heute, so denke ich, den Faust-Schluss anders formulieren. Schon Dante wird in der Divina Comedia nicht in und durch die Himmel gezogen; er geht – in Begleitung von Beatrice, seiner Schwesterseele – selbst. – Selbst! – (Auch durch die Hölle – da noch in Begleitung Vergils.)
Der Mensch muss sich von sich aus bewegen, sich ziehen zu lassen ist zu wenig.

Zu viele legen sich auf den Rücken und warten auf Gott.

Oder sie warten überhaupt nicht. Das würde das Ende der Erde bedeuten. – Gut, dass es einen Virus namens Corona gibt . . .

Wovon müssten der Dichter, der Mönch, wir und Elis denn sprechen? Wir müssten sprechen davon, dass Elis einstmals diesen hyazinthenen Leib besaß, den alle Interpreten mit dem Hyazinth der griechischen Mythologie in Beziehung gesetzt sehen wollen, der aber in Wirklichkeit mit Hyazinth aus des Novalis unvollendet gebliebenem Roman Die Lehrlinge zu Sais zu tun hat – Trakl liebte und verehrte Novalis -, der nichts anderes als die Wahrheit sucht und in seinem Rosenblütchen findet, so wie der Mönch, der ungläubige Thomas, Du und ich der Wahrheit näher kommen, wenn wir diesen heiligen hyazinthenen Leib ernst nehmen, der einst Realität war, nur:

O, wie lange bist, Elis, du verstorben. –

Diese geistige Gestalt des Elis, die in ständiger Verbindung mit den Göttern war, den Engelhierarchien, lebt nicht mehr. Sie und dieses Bewusstsein sind im Grunde durch den Luzifer-Einfluss und all die dunklen Kräfte in seinem Gefolge tot, auch wenn Elis noch so schwungvoll losging, als sein Untergang begann, Trauben verspeisend und Vino trinkend. In der Bibel prophezeit Gott Adam und Eva, dass Schmerzen und Leid auf sie zukommen, wie also kann Elis so schwungvoll gehen?

Die Antwort ist einfach: Ob Ballermann, Las Vegas, Berliner Szenekneipen, Baden Badener Casino, Las Vegas, Netflix, Fernseh-Flat bis zum Geht-nicht-mehr und wie die Ablenkungsmanöver alle heißen: Sie alle entspringen der großen Trickkiste Luzifers und jener Kräfte, die den Menschen ablenken von dem, was ihn mehr als nur vordergründig glücklich macht. Der Elis der Luzifer-Zeit geht keineswegs in Sack und Asche, er genießt die Früchte, die ihm Dionysos reicht, genießt die Trauben, den Saft der Reben, den Wein. Alles, was vernebelt, ist gut. Den meisten Menschen gelingt es relativ lange und erfolgreich, zu betäuben, dass sie sterben müssen und dass im Anschluss eine Zeit kommt, die die indische Weisheit Kamaloka nennt und Dante in seiner Divina Comedia mit dem Läuterungsberg erfasst. Homer hat anhand der Gestalt des Tantalus beispielhaft geschildert, was dann abgeht.

Wir kennen dieses schwungvolle Gehen der Menschen, das so oft kaschiert, dass es einen Tod im Leben gibt.

Es gibt es aber auch durchaus als zielstrebiges Vorwärtsgehen. Es ist dieses Gehen kein Privileg verkommener Moral. Es gibt Menschen, die gehen auf einem spirituellen Weg voller Freude und schwungvoll vorwärts, durchaus auch Trauben genießend und Traubensaft oder einen Wein. Lebensfreude ist auch Teil des spirituellen Weges. Vorbei sind die Zeiten, da alles Materielle teuflisch war. Mittlerweile haben mehr und mehr Menschen verstanden, dass Materie auch eine göttliche Schöpfung ist. Verdichteter Geist. Kein Selbstzweck, sondern ein Formzustand des göttlichen Weges.

Wir kennen diesen schwungvollen und zielstrebigen Weg aus den Märchen: Mit dem Sterben des guten alten Königs oder der Eltern sprechen die Märchen das Zuende-Gehen eines alten Bewusstseinszustandes an. Manchmal freiwillig, manchmal gezwungenermaßen geht der Märchenheld auf Wanderschaft. Oft will er den alten Zustand wiederherstellen. Doch das geschieht nie. Wenn es gutgeht, nimmt er seine Prüfungen an und besteht sie.
Wir wissen, dass  dieser Weg durchaus immer wieder auch hart ist, entbehrungsreich, Rückschläge beinhaltend, wissen es aus den Irrfahrten des Odysseus – seine Erlebnisse sind nichts anderes als seelische Prüfungen -, wissen es aus dem Faust, dem Parzival, aus Michael Endes Unendlicher Geschichte oder aus hervorragenden Jugendbüchern wie Markus Zusaks Der Joker, wir wissen es auch ex negativo aus Kafkas Prozess.

Vielfach lesen wir über Etappen dieser Wanderschaft in den Mythen und in der Literatur. In An den Knaben Elis lesen wir von dem tönenden Dornbusch, aus dem, wie wir wissen, Jahve spricht:

Ein Dornenbusch tönt,
Wo deine mondenen Augen sind.
O, wie lange bist, Elis, du verstorben.

Eigentlich aber ist die Zeit der Dornbüsche und der Götter, die aus ihnen sprechen, vorbei. Gottheiten sprechen nicht mehr auf diese Weise elementar wie zu Zeiten des Mose. Sie verstecken sich auch nicht mehr. Sie hängen ganz offen am Kreuz und die Dornen des Busches sind zu Dornen einer Krone geworden, mit der das für jeden sichtbare Antlitz der Gottheit, das sich nicht mehr hinter einen Dornbusch zurückzieht, zu einem Haupt voll Blut und Wunden geworden ist.
Leitmotivartig durchziehen Dornen das Werk von Trakl. Doch nicht als Krone, viel eher als Gestrüpp

Ein blaues Wild
Blutet leise im Dornengestrüpp.

so lesen wir in der 2. Strophe von Elis, der Fortsetzung von An den Knaben Elis oder wir lesen von Des Heilands schwarzes Haupt im Dornenstrauch in dem so eindrücklichen Trakl-Gedicht Im Dorf (Punkt 7) : Tod im Dornstrauch statt Todesüberwindung unter der Dornenkrone.

Der tönende Dornbusch erinnert eben nur, wenn man es ausgesprochen oberflächlich sieht, wie dies der Germanistikprofessor Hans Esselborn tut – (Punkt 11) an Christi Dornenkrone und Elis befindet sich nicht im Einklang mit den göttlichen Mächten, sonst könnte es nicht fast unmittelbar darauf heißen: O, wie lange, bist, Elis, du verstorben.

Es ist in Trakls Gedicht Luzifer-Zeit und keine Christus-Zeit. Und selbst wenn es jene Christus-Zeit wäre, in der wir leben, dann ist nicht gesagt, dass jener für die meisten Menschen nicht doch nach wie vor tot am Kreuz hängt – abgesehen davon, dass das ohnehin die meisten nicht mehr interessiert. Es ist in dieser Zeit nicht selbstverständlich und nicht die Regel, dass Menschen schwungvoll und spirituell zugleich unterwegs sind. Doch es gibt sie, die das tun; sie müssten sich nur noch viel mehr in Liebe finden und sich nicht mittels angeblich spiritueller Wahrheiten aneinander (auf)reiben.

Trakl ist auf diese Weise nicht unterwegs: Wiederholt finden wir bei ihm runde Augen und mondene angesprochen.
Rund ist durchaus auch die Sonne und wir erinnern uns der Goethe-Zeilen aus dem dritten Kapitel der Zahmen Xenien

Wär nicht das Auge sonnenhaft,
die Sonne könnt es nie erblicken.
Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
wie könnt uns Göttliches entzücken?

Von Christus  und der Sonne aber spricht Trakl im Zusammenhang mit der Elis-Gestalt nicht. Es mag kein Zufall sein, dass unser Dichter wiederholt mittels mondener Augen auf Jahve verweist, obwohl wir eigentlich in einer Zeit leben, in der Christus und die Sonne im Mittelpunkt stehen könnten.

In Jahve spiegelte sich Christus, weil die Menschen vor dessen Kommen diesen auf direkte Weise nicht hätten ertragen können, ähnlich jenen Menschen, die aus Platons Höhle kommen und nicht unmittelbar in die Sonne sehen können, sondern erst in deren gespiegelten Glanz.

Damals sprach Jahve aus dem brennenden Dornbusch zu Mose; das war anders nicht möglich. Heute spricht kein Gott mehr auf diese Weise zu uns. Die Qualität des göttlichen Sprechens hat sich mit Golgatha entscheidend verändert. Der Vorhang im Tempel zerriss beim Tod Jesu. Der Weg zum Allerheiligsten steht jedem Menschen offen.

Aber die Menschen haben das Interesse an Gott, an Christus verloren.
Ohne dass sie es wahrnehmen, haben sie damit das Interesse an sich selbst verloren. Mehr Menschen könnten wie Märchenhelden unterwegs sein. Zielstrebig. Märchenhelden nahmen in den Märchen ihre Prüfungen an. Menschen aber, jedenfalls (zu) viele,  erkennen nicht einmal mehr Prüfungen als solche.

Verstorben ist Elis, seitdem des Menschen wahres Bewusstsein tot ist. Unsere Tage sind in Wirklichkeit eine Nacht des Bewusstseins, eine – um es mit C.G. Jung zu formulieren – Nachtmeerfahrt der Seele. Eigentlich sind in der Nacht alle Katzen grau, aber Elis geht weichen Schrittes in die Nacht und sieht purpurne Trauben und er regt die Arme schön, ja immer schöner im Blau.

So wie ein Rilke Jesus und Christus im Grunde in seinen zu Lebzeiten nicht veröffentlichten Christusvisionen verhöhnt und ihn als innere Realität verleugnet – siehe auch Rilkes „Leichen-Wäsche“ und „Der blinde Knabe“ -, weshalb er so unglaublich um und mit Gott in seinem Werk ringt, ringen muss –  Lou Andreas- Salomé schreibt ihm nicht von ungefähr zum Abschied: „gehe (…) Deinem dunklen Gott entgegen“ – , so ist es eine Realität der Traklschen Seele, dass er vielfach Gott und Christus in seinem Werk anspricht, aber zu der erlösenden Wirkung von Christus nicht vordringt, wobei er sich ihr in dem immer wieder auftauchenden Bild von Brot und Wein annähert, unter anderem in Ein Winterabend, und dort, wie ich finde, so überzeugend, ehrlich, zu Herzen gehend.

Du aber gehst mit weichen Schritten in die Nacht,
Die voll purpurner Trauben hängt,
Und du regst die Arme schöner im Blau.

Nahezu uneingeschränkt positiv kann dieses Geschehen nur für jenen Professor der Germanistik sein, der sich intellektuell komfortabel in der Luzifer-Zeit eingenistet hat (Punkt 11).

Überrascht und erfreut war ich, als ich entdeckte, dass zwei Germanisten die Elis-Gestalt ähnlich wie ich sahen. Zum einen war es der 1966 verstorbene Eduard Lachmann, der Dozent für deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Innsbruck war und zahlreiche literarhistorische Arbeiten u.a. über Stefan George, Hölderlin, Hofmannsthal, Rilke und Trakl schrieb; er verglich Elis mit dem frühen, noch unversuchten Adam. Und der Germanist Werner Meyknecht, der in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts seine Doktorarbeit über Trakl, schrieb, sah in Elis den paradiesischen Seinszustand. 
Beider Sichtweise treffen auch aus meiner Sicht zu, allerdings beginnt Trakls Gedicht meines Erachtens just eben in dem Moment, in dem jener in die Luzifer-Zeit hineingleitet.

Christen stellen sich, vermute ich, oft vor, der Verlust des paradiesischen Zustandes sei ein recht abruptes Geschehen gewesen. Nein, so wie jenes biblische Bild vom Einsturz des Turmes zu Babel nicht dem Geschehen weniger Minuten entsprach und die babylonische Sprachenverwirrung nicht an einem Tag eintrat, sondern die unterschiedlichen Sprachen der Menschen im Laufe eines größeren Zeitraumes sich entwickelten, so verließen die Menschen diesen Zustand des Eins-Seins mit Gott nicht abrupt, sondern nach und nach und zunehmend, die einen vielleicht schneller, die anderen langsamer, so wie heute manche sich intensiv um ein Verständnis des Geschehens um Golgatha bemühen, manche ab und an, viele überhaupt nicht. 
- Die Möglichkeit zu einem wahren Gottesverständnis gibt es jedenfalls seit vielen Jahrhunderten.

Sowohl der Turmbau zu Babel und dessen Einsturz sowie der Verlust des Paradieses und dessen Sicherung durch einen Cherub, der jenes nun bewacht, sind Bilder für ein in der Zeit sich entwickelndes Geschehen. Gleiches gilt ja, wie wir wissen, für die Schöpfungstage. Es wird auch gelten für ein Neues Jerusalem, den neuen Erdzustand, von dem in der Offenbarung des Johannes gesprochen ist, für das manche Menschen schon heute arbeiten.

Lasst uns die Zeit des schwarzen Taus beenden

Dieses Neue Jerusalem bedeutet ein Leben in diesem Auferstehungsleib. Und dieser bedeutet zugleich das Ende der Luziferzeit und ermöglicht, dass der Mensch zurückfindet zum Baum des Lebens, zur Überwindung des Todes. 2000 Jahre haben allerdings nicht gereicht, um ein Bewusstsein dafür herzustellen. Zu wenige noch haben erkannt, dass die einzigartige Tat des Jesus war, mit dem Auferstehungsleib eine Möglichkeit zur Verfügung zu stellen, die Verderbnis des Luzifer und all jener dunklen Kräfte, die sich des Weiteren entwickelt haben, außer Kraft setzen zu können – nur muss das jeder selbst tun.
Georg Trakl spricht in An den Knaben Elis den Tatbestand dieses fehlenden Bewusstseins an. Immer noch gilt: Auf deine Schläfen tropft schwarzer Tau,  und die Menschheit erkennt nicht, dass in ihm, in diesem Tau sich das letzte Gold vergangener Sterne verbirgt.
Schwarzer Tau, der auf des Elis Schläfen tropft – das erinnert an die Schwarze Milch der Frühe.
Paul Celan spricht angesichts der Grässlichkeiten der Konzentrationslager von ihr. Es ist keine Metapher, denn letztere können wir sofort als Bild erkennen, wenn wir zum Beispiel von einem Kamel als Wüstenschiff sprechen oder einem Flussknie als einem entsprechendem Flussverlauf. Aber Schwarze Milch ist eine Chiffre, niemand weiß normalerweise, wofür sie stehen soll.
Dieses Bild Celans vermittelt Unsagbares, unausdrückbares Leid. In den Konzentrationslagern war alle menschliche Ordnung aus den Fugen, ja aus den Fugen war selbst das eigentlich Verlässlichste, die Abfolge der Tageszeiten – in Celans Todesfuge und in den Konzentrationslagern folgen auf den Abend der Mittag, der Morgen, die Nacht:

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Schwarzer Tau ist eine ähnlich erschütternde Chiffre. Stellen Sie sich schwarzen Tau auf den Wiesen eines friedlichen Morgens vor; er lässt auch im Kontrast dazu deutlich werden, welche Bedeutung dem Morgentau zukommt als einer Erscheinung des Göttlichen)

Noch leben zu viele in der Zeit des schwarzen Taus.

Trakl fand in seinem Gedicht und auch in seinem Leben nicht zu jenem Christusverständnis, das für sein Inneres einer Erlösung gleichgekommen wäre. Deutlich wird das auch durch die zweite Strophe des sich unserem Gedicht anschließenden, schlicht Elis überschriebenen Gedichtes, das Trakl, wie angesprochen von dem oben besprochenen abtrennte; da heißt es:


Ein sanftes Glockenspiel tönt in Elis‘ Brust

Am Abend,
Da sein Haupt ins schwarze Kissen sinkt.

Ein blaues Wild

Blutet leise im Dornengestrüpp.

Ein brauner Baum steht abgeschieden da;
Seine blauen Früchte fielen von ihm.

Zeichen und Sterne
Versinken leise im Abendweiher.

Hinter dem Hügel ist es Winter geworden.

Blaue Tauben
Trinken nachts den eisigen Schweiß,
Der von Elis‘ kristallener Stirne rinnt.

Immer tönt
An schwarzen Mauern Gottes einsamer Wind.


Man würde gerne von der ganzen Meisterschaft Trakls sprechen, die sich in der letzten Zeile zeigt, wenn der Tatbestand nicht so schwarz wäre, einer Farbe, die zu den Worten zählt, die Trakl mit am meisten verwendet hat; selbst das Blau des Wildes kann hier nicht helfen, zumal es leise im Dornengestrüpp verblutet. Seine Farbe blau mag vermitteln – Trakl verwendet diese Farbe gern in dieser Richtung -, dass es ein heiliges Tier ist, vielleicht ein Lamm, jenes Tier, das in Trakl im Grunde erlöst sein will.

Trakl allerdings findet nicht zu jener Möglichkeit, die Paulus im 1. Korintherbrief, wenn jener vom unverweslichen Leib und dem zweiten Adam spricht, überdeutlich intoniert, eine Intonation, die m. E. allerdings selbst Christen kaum in ihrer wahren Bedeutung verstehen. Es ist dieser Leib Christi, der allen Menschen zur Verfügung steht, die den Weg Jesu gehen wollen. Es ist dieser Auferstehungsleib Jesu ein neuer Geistleib  – für Elis, das heißt auch für uns, ob Mann oder Frau. Deshalb greifen Dichter gern auf knabenhafte oder mädchenhafte Gestalten zurück, nicht nur Trakl, auch Hesse im Steppenwolf oder Goethe in seiner Novelle oder im Wilhelm Meister: In einzelnen Gestalten dort sind die Geschlechter eher in pflanzenhafter Reinheit vorhanden und nicht so vulgär, wie sie gerade in den letzten Jahren extrem und immer extremer nahezu weltweit gelebt werden. Zu spüren ist allerdings, dass diese Form der menschlichen Sexualität, – so schön sie sein mag, wenn sie beispielsweise in der Form, wie Hebbel sie in Das Heiligste anspricht, gelebt wird – in ihrer exzessiven und geistlosen, das heißt, Körper und Geist trennenden Entwicklung, sich einem Ende zuneigt; für die Seele des Menschen gibt es kaum etwas Schädlicheres als Sexualität, die ohne seelischen Bezug gelebt wird.
Eine neue Form der Liebe zwischen Mann und Frau wird sich entwickeln.

Wenn man sich intensiv mit einem Dichter auseinandersetzt, dann ist es einem manchmal, als stünde er hinter einem oder an der Seite und nähme teil an dem, was man über ihn schreibt. Es ist dann, als ob er manchmal mit dem Zeigefinger wackelt und sagen will: oh oh, ne, ne, schreib das mal nicht, und manchmal ist es einem, als ob er sich freue, dass etwas über ihn geschrieben wird, was seinem Inneren nahekommt.

Trakls Elis-Gestalt erinnert mich an Bilder meiner früheren Kollegin und Lindauer Künstlerin Sigrid Jupitz; ihren Knaben, den sie in einer Serie verewigt hat – hier mehr -, würde ich, wie er unwiderstehlich nach vorne geht, unbedingt Elis nennen.

 

Liebe macht sich auf den Weg – Version 2


Und ich wünschte, dass zu dem Wild, das immer wieder in den Gedichten Georg Trakls angesprochen wird, auch ihr Einhorn (siehe ihre Einhorn-Serie) gehört, das in der Kunst und den Mythen schon immer ein Symbol des Christus war.

 

Einhorn - Fels – Version 2


Abschließend möchte ich noch anmerken, dass Else Lasker-Schüler, die ich ja bereits in meinem letzten Post mit einem Gedicht über Trakl zitiert habe, mit ihren zwei Zeilen

Georg Trakl erlag im Krieg von eigener Hand gefällt.
So einsam war es in der Welt. Ich hatt ihn lieb.

mein Inneres sehr bewegt hat.
Für sie, die sich ja selbst gern Namen wie Räuber, Vagabund, der über die Bürger lacht, Herumtreiber oder auch Jussuf gab und die ihre Männerbekanntschaften (die ein oder andere Liebschaft war gewiss dabei) Gieselheer oder auch Barbar bzw. Heide (Gottfried Benn), Dalai Lama oder auch Kardinal (Karl Kraus), Troubadour oder auch Riese (Oskar Kokoschka), Prinz von Prag (Franz Werfel), Ruben oder auch blauer Reiter (Franz Marc) nannte, war Georg Trakl ihr Ritter aus Gold.
Beschäftigt man sich mit dessen Leben, ist es so ziemlich das Letzte, auf was man kommen könnte, nämlich, ihn als einen Ritter aus Gold zu bezeichnen. Aber Else Lasker-Schüler mag wahrgenommen haben, was in ihm schlummert und was ich mir so für ihn wünsche: dass in zukünftigen Leben er diesen Ritter aus Gold in viel stärkerem Maße leben kann.

 

Einhorn – Version 2

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