Schulbuchwürdig und zugleich verfemt: die ach so unverträglichen Seiten eines Christian Morgenstern.

So wird uns Christian Morgenstern (1871 – 1914) meistens präsentiert: Da gibt es den der Anthroposophie sehr nahestehenden Morgenstern, ein seit 1909 mit Rudolf Steiner befreundeter Verfasser von zu pathetischen Worten greifenden, gekünstelt theologische Fügungen verwendenden Gedichten, die eklektische, also vor allem Gedankengänge anderer aufnehmende, wenig originärer Gedankengänge zeigen – so jedenfalls charakterisiert diese Seite ein Tübinger Germanist im großen Reclam-Dichterlexikon. Auf der anderen Seite gibt es den Verfasser der Galgenlieder, der mit ihnen nach seinem Tod Deutschland fast im Sturm eroberte, denn eine vierte Auflage seiner Gedichte mit dann 290-tausend war 1937 schon ziemlich phänomenal.

Wer muss auch nicht innerlich grinsen, wenn er Zeilen wie diese liest:

O Greule, Greule, wüste Greule!
»Du bist verflucht!« so sagt die Eule.
Der Sterne Licht am Mond zerbricht.
Doch dich zerbrachs noch immer nicht.

O Greule, Greule, wüste Greule!
Hört ihr den Huf der Silbergäule?
Es schreit der Kauz: pardauz! pardauz!
da tauts, da grauts, da brauts, da blauts!

 

Da scheint ein Wort nur dazu da, um sich mit einem anderen zu reimen und so kreiert Morgenstern munter ein Wort wie Greule, generiert Silbergäule oder fügt einem Wiesel einen Kiesel bei, damit das arme Tier auf irgendeinem Wort Platz finde.

Als ob nicht auch so das Leben wäre, genauer gesagt, unser Verhalten gegenüber dem Leben – machen wir das nicht auch: Dinge aufeinander zu reimen, die bei Lichte besehen alles andere als aufeinander beziehbar sind? Ununterbrochen reimen wir uns die Welt zurecht, damit sie auch gut und edel sei:

Sophie, mein Henkersmädel,
komm, küsse mir den Schädel!
Zwar ist mein Mund
ein schwarzer Schlund –
doch du bist gut und edel!

Wenn sich e auf ä reimen soll – was es der Reimlehre nach ja durchaus (wenn auch als unrein klassifiziert) tun kann, dann wird auf einmal der Goethesche Gedichtanfang Edel sei der Mensch, hilfreich und gut ganz komisch, um nicht zu sagen fragwürdig und wert, hinterfragt zu werden, nicht als Lebensmaxime selbst, sondern daraufhin überprüfenswert, wie edel der Mensch wirklich sei; die beiden Weltkriege, die Morgenstern ja nicht mehr erleben musste, aber wohl sehr früh schon Anzeichen des Kommenden wahrnahm, lassen solch eine Überprüfung nur allzu berechtigt erscheinen, gerade auf dem Hintergrund, dass sich in unsere Zeit der Meister der Lügen inkarnierte und tatsächlich zum Präsidenten der mächtigsten Macht der Erde wurde – Morgenstern hätte ihn in der Wortwahl eines Rudolf Steiner einen Jünger Ahrimans genannt, jene satanische (nicht luziferische – da differenzierte Steiner sehr deutlich) Energie, die die Menschheit in den absoluten Materialismus drängt und deren Spezialfach – tatsächlich sprach der Begründer der Anthroposophie schon damals sehr deutlich davon – das Lügen ist.

Sophie, mein Henkersmädel,
komm, schau mir in den Schädel!
Die Augen zwar,
sie fraß der Aar –
doch du bist gut und edel!

Man darf davon ausgehen, dass Morgenstern durchaus bewusst den Namen der Dame, die dem lyrischen Ich in den Schädel schauen soll, wählte, denn Sophia, der Weisheit kann es da durchaus ekeln vor so viel gut und edel.

Oder wie wär´s mit einem Gedicht, überschrieben Nein:

Pfeift der Sturm?
Keift ein Wurm?
Heulen
Eulen
hoch vom Turm?

Nein!

Es ist des Galgenstrickes
dickes
Ende, welches ächzte,
gleich als ob
im Galopp
eine müdgehetzte Mähre
nach dem nächsten Brunnen lechzte
(der vielleicht noch ferne wäre).

.

Man sollte nicht übersehen, wie kunstfertig hier der Dichter agiert, wenn er  ein Wort wie dickes in eine einzelne Zelle beordert, damit dem Reime Rechnung tragend, um dann ob auf Galopp zu reimen, ächzte auf lechzte und Mähre auf wäre, Worte, die ja zum Teil wenig bekannt sind und wenig verwendet werden – übrigens durchaus ein Verdienst Morgensterns, der Worte unserer Sprache aktivierte, die in Vergessenheit zu geraten drohten, davon abgesehen, dass er eine Unzahl neuer kreierte, die es jedoch nicht in den Duden schafften, wenigstens eines aber in den Brockhaus: Nasobēm. Jedenfalls treibt Christian Morgenstern auch rhythmisch und metrisch ein buntes Spiel, das in der Nonsens-Poesie eines Lewis Caroll Vergleichbares findet und dann erst Jahrzehnte später in Ringelnatz, Jandl und im Sprach-Slapstick eines Heinz Erhardt:

Die Rehlein beten zur Nacht,
hab acht!
Sie falten die kleinen Zehlein,
die Rehlein.

      (Könnte von Erhardt sein, ist aber von Morgenstern, genauso das nächste:)

Zwei Trichter wandeln durch die Nacht.
Durch ihres Rumpfs verengten Schacht
fließt weißes Mondlicht
still und heiter
auf ihren
Waldweg
u.s.
w.

Da bittet förmlich Sprache: Spiel mit mir und gebrauch mich nicht immer auf dieselbe Weise! Was aber so leicht aussieht, will zum Teil hart erarbeitet sein, obwohl man sich Christian Morgenstern kaum anders vorstellen kann, als dass er immer wieder auch schenkelklopfend und sich köstlich amüsierend am Schreibtisch saß. Wie er im folgenden Die Kugeln überschriebenen Gedicht Worte immer wieder wiederholt, sie variiert, als Substantiv und Adverb auftauchen lassend, den Inhalt stückweise vorwärtstreibend, fugenhaft verfugt: das ist schon hohe Sprachkunst und nicht nur im Inhalt wird es spukhaft, sondern auch die Sprache unterstützt diesen Eindruck:

Palmström nimmt Papier aus seinem Schube
Und verteilt es kunstvoll in der Stube.

Und nachdem er Kugeln draus gemacht.
Und verteilt es kunstvoll, und zur Nacht.

Und verteilt die Kugeln so (zur Nacht),
daß er, wenn er plötzlich nachts erwacht,

daß er, wenn er nachts erwacht, die Kugeln
knistern hört und ihn ein heimlich Grugeln

packt (daß ihn dann nachts ein heimlich Grugeln
packt) beim Spuk der packpapiernen Kugeln …

.

Dieser Morgenstern kam in den zwanziger und dreißiger Jahren phänomenal an und ihm gilt auch der Respekt der alles so genau wissenden journalistischen und germanistischen Zunft. Man könnte sich über diesen einäugigen Blick auf Morgenstern amüsieren – so sind halt nunmal gern die meisten linkshirnigen Schreibenden aller Coleur, wenn nicht zum Beispiel die neben dem echtermeyer/von wiese Deutschlands bekannteste Gedichtanthologie, nämlich Conradys Das große deutsche Gedichtbuch, auf ihren fast tausend Seiten nicht ein einziges Gedicht des anderen, des geistigen Christian Morgenstern gebracht hätte; immerhin ist aber der humorig-schulbuchwürdige  (immer wieder bis zum Erbrechen in ihnen zu fnden: Der Lattenzaun + Das ästhetische Wiesel + Der Werwolf) Conrady ganze 12 Gedichte wert. Echtermeyer/von Wiese drucken gerade mal vier in ihre Sammlung ab – natürlich auch Letztere keines der Gedichte des unterdrückten Morgenstern – eigentlich grenzt das schon an eine pubertäre Verweigerungshaltung: Im Land der Dichter und Denker ist einer, der eine Seite zeigt, die man gut und gern übergehen kann, wo er doch angeblich Besseres (weil Auflagenstarkes) produziert hat, nicht mehr erwünscht; dieser Seite hat man doch mit Goethe, Novalis und einigen anderen genug Rechnung getragen. Solche Geistigkeit, wenn man sie überhaupt ernst nimmt, passt einfach nicht mehr in unsere Zeit und so schreibt, sicherlich, zuallermeist unhinterfragt akzeptiert, unser Tübinger Germanist: „Morgensterns Werk zerfällt, darin keinem anderen deutschen Dichter vergleichbar, in zwei Teile, die parallel entstanden (…)“

Seltsam, dass womöglich niemand – mir ist bis dato jedenfalls niemand begegnet – in den Sinn gekommen ist, dass beide Seiten Morgensterns einander verwandt sein könnten, in gewisser Weise einander bedingen. Da ist gewiss auch die Lust am Spiel, wie Germanisten feststellten, ein Spiel mit freiwillig angenommenen Regeln und ein Bewusstsein des Andersseins als das gewöhnliche Leben, das allein sein Ziel in sich selbst hat, wie es Walter Ulrich in dem genannten Lexikon formuliert.

Letzteres aber genau ist es nicht, es ist keine l´art pour l´art komischer Provenienz, sondern das Aufwirbeln der Sprache und der Buchstaben, das Neusehen durch Verfremden, das Grenzen-Sprengen mit Hilfe von Humor und Phantasie. Wer das tut, sieht Worte auf neue Art, bewusster, und die, die er ernst meint, haben ein ganz anderes Gewicht.

Man denke an Hesses Mozart, wie er im Steppenwolf , Harry Haller erscheinend, lacht, wie sehr Hesse die Bedeutung des Humors betont, ohne den es keinen Aufstieg zu den sogenannten Unsterblichen gibt. – Mozart, so hat man manchmal das Gefühl, lacht in seiner Musik immer wieder. Es verbirgt sich auch dahinter, was die Romantiker in ihren Fragmenten die Transzendentalpoesie nannten, ein Übersteigen der Buchstaben und ein Sich-Entledigen geistiger Fesseln. – Eine Möglichkeit des Transzendierens ist der Humor. Wer ihn leben kann, wirft einen anderen Blick auf seine Existenz und Christian Morgenstern, der doch nur 41 Jahre alt werden durfte und die Hälfte seines Lebens tuberkulosekrank war, was ihn zu zum Teil langen Sanatoriumsaufenthalten in Norwegen, Italien, Österreich und der Schweiz zwang, konnte dies; es war auch eine Möglichkeit, dass er so produktiv sein konnte – er hat ja zusätzlich zum eigenen Schreiben viele Werke anderer Schriftsteller übersetzt -, obwohl er und weil er wusste, dass ihm ein langes Leben nicht vergönnt war. Einfühlend hat er diese Thematik in Bezug auf einen anderen Menschen so formuliert:

Stör‘ nicht den Schlaf der liebsten Frau, mein Licht!
Stör‘ ihren zarten, zarten Schlummer nicht.

Wie ist sie ferne jetzt. Und doch so nah.
Ein Flüstern – und sie wäre wieder da.

Sei still, mein Herz, sei stiller noch, mein Mund,
mit Engeln redet wohl ihr Geist zur Stund.

.

Vorab hatte er ihr schon geschrieben – und ich finde diese Zeilen, gerade die beiden letzten – tief berührend und sie gelten ja gewiss auch für den Früh-Verstorbenen:

Dein Wunsch war immer – fliegen!
Nun naht dir die Erfüllung.

Du wirst den Raum besiegen,
nach jener Weltenthüllung,
die uns zu Freien machte
vom Schlaf der blinden Runden.

Nun hast du, Mit-Erwachte,
dein Schwingenkleid gefunden!

.

Mir ist der verfemte Christian Morgenstern fast wie ein Seelenverwandter und ich treffe mich immer wieder in seinen Gedichten, und daran genau mag es liegen, dass diese Morgenstern-Seite in den zwei auflagenstärksten Gedichtanthologien keiner Zeile würdig ist: die Sammelnden haben sich bei ihm nicht angetroffen; ebenso mag es dem Tübinger Germanisten gegangen sein, der, das wird in seinen Zeilen deutlich, diesen Morgenstern wie jene, auf die er in diesem Zusammenhang verweist, nicht sonderlich schätzt. Ich möchte mit diesen Aussagen niemanden diskriminieren. Dazu sind auch viele Zeilen dieses Morgenstern viel zu schlicht und – möchte ich sagen – man muss sie wohl erlebt haben, um sie wertvoll zu finden. Mir war bei mancher Zeile auch in den wenigen Worten sofort klar, was er meint; und manchem von meinen Lesern mag es  auch so gehen.

Ich möchte dieser Morgenstern-Seite einen in den nächsten Wochen folgenden eigenen Beitrag widmen, nur eines noch, das mich bewegt, zum Abschluss dieses Beitrages zitieren; man kann es nur sehr langsam lesen; es entfaltet sich erst mit der Zeit und ist überschrieben Gebet:

Gib mir den Anblick deines Seins, o Welt ..
Den Sinnenschein laß langsam mich durchdringen ..

So wie ein Haus sich nach und nach erhellt,
bis es des Tages Strahlen ganz durchschwingen –
und so wie wenn dies Haus dem Himmelsglanz
noch Dach und Wand zum Opfer könnte bringen –
daß es zuletzt, von goldner Fülle ganz
durchströmt, als wie ein Geisterbauwerk stände,
gleich einer geistdurchleuchteten Monstranz:

So möchte auch die Starrheit meiner Wände
sich lösen, daß dein volles Sein in mein,
mein volles Sein in dein Sein Einlaß fände –
und so sich rein vereinte Sein mit Sein.

.

 

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Die dunkle Seite der Romantik: Einlullen als Lebensprinzip. – „Nachts“ von Joseph von Eichendorff.

Wer annimmt, das folgende Gedicht – Nachts von Joseph von Eichendorff – gäbe meiner Meinung nach die wirkliche Seite der deutschen Romantik wieder, irrt sich gewaltig. Zu ihr gehört die Klarheit eines Novalis ebenso wie all jene Märchen, die das Böse mutig entlarven und wie Gretel mit der Hexe umgehen – notwendig rustikal, ein Vorbild für die, die meinen, man müsse das Dunkle tätscheln.

Böse nun ist das folgende nicht, aber so schön verführerisch:

Ich wandre durch die stille Nacht,
Da schleicht der Mond so heimlich sacht
Oft aus der dunklen Wolkenhülle,
Und hin und her im Thal
Erwacht die Nachtigall,
Dann wieder alles grau und stille.

O wunderbarer Nachtgesang:
Von fern im Land der Ströme Gang,
Leis Schauern in den dunklen Bäumen –
Wirr’st die Gedanken mir.
Mein irres Singen hier
Ist wie ein Rufen nur aus Träumen.

Wie schreibt ein Interpret(in) auf der Lyrik-Datenbank Antikoerperchen:

Das lyrische Ich wandert durch die Nacht als der Mond zum Vorschein kommt. Es scheint aber etwas bedeckt zu sein, da er nicht nur einmal hervorkommt, sondern „[o]ft aus der dunklen Wolkenhülle“ schleicht. Hier wird besonders das Auge als Sinnesorgan angesprochen. Außerdem kommen gleich zwei sehr wichtige romantische Motive vor, nämlich die Nacht, die ja schon im Titel vorkommt und der Mond. Diese Motive tragen zu einer gewissen Mystifizierung der Szene bei, vielleicht gruselt sich das lyrische Ich sogar etwas. Es scheint aber kein negatives Gefühl zu sein, denn es gibt kein Wort das darauf hindeuten würde.

Ein Mond, der schleicht, könnte einen schon hellhörig machen und irgendwie sind die Reime doch auch vokalisch und konsonantisch merkwürdig unrein: hülle auf stille und Thal auf –gall.

Wie so oft kein Zufall.

So schön einlullend der Beginn, wenn das lyrische ich durch die stille Nacht wandert (stille Nacht, ach so heilige Nacht …)! Kein Wunder ist sein Singen wie aus Träumen. Nur können Träume auch Alpträume sein und Singen kann so irre sein (in der Interpretation wird im Übrigen später auch darauf verwiesen), auch wenn Eichendorff den Nachtgesang als wunderbar bezeichnet. Dass jener die Gedanken wirrt, kann man schon mal überlesen, zudem: Mancher und manche mag das. Denken kann manchmal so anstregend sein . . .

Nicht wenige finden auch Heines Lied von der Loreley (Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, / dass ich so traurig bin …) einfach so schön romantisch. Dass da ein Schiffer untergeht – was soll´s! Man muss einfach die Dinge getrennt sehen, die wunderschön singende Helene Loreley oben und den Fischer unten. Was hat das eine mit dem anderen zu tun!?

Der Witz ist: Eichendorff macht eigentlich keinen Hehl daraus, dass das zweimal vorkommende stille sich mit grau kombiniert und dieses Singen irre ist und die Gedanken wirrt. Nur bietet er dem, der es so sehen möchte, den Nachtgesang als wunderbar an und Rufen aus Träumen ist doch auch irgendwie schön. So wie Sehnsucht.

Auch ein Eichendorff musste schließlich seine Gedichte und Novellen unters Volk bringen und Leutchen, die nicht so genau hingucken, gab es damals und gibt es heute. Das könnte ein Grund sein, warum er so dichtet. Die Realität ist, und das wusste Eichendorff sehr wohl, dass beide angesprochenen Seiten in uns vorkommen, manchmal nur versteckt oder als Möglichkeit, manchmal ganz offensichtlich (unser Romantiker hat diese beiden Seiten hin und wieder auch in einer Person seiner Novellen aufblitzen lassen und sie nicht brav auf zwei verteilt).

Schade nur, dass so viele die deutsche Romantik mit dieser mondschleichenden, gedankenwirren und irr singenden Seite identifizieren. Die Romantik als Tiefenmöglichkeit der Seele hätte so viel Potential, Menschen aus unseligen Träumen zu reißen. Aus einer nur selbstmitleidigen Sehnsucht, einer, die das eigene Selbst so gerne einlullt.

Wir kennen die vielen Wassermänner (Es freit ein wilder Wassermann in der Burg hoch über dem See. Des Königs Tochter muss er han …) und Wasserfrauen, die wir nur für Fiktion halten, für Erfindungen einer vergangenen Zeit, die es mit der Wirklichkeit nicht so ernst nahm und gern ein bisschen herumspann. – Weit gefehlt, diese Gestalten kennen wir oft nur gar zu gut. Eichendorff hat sie immer wieder thematisiert – das wird auch in ihm seinen Grund gehabt haben, schließlich kannte er sich am besten -, gleich übrigens im nächsten Gedicht des Zyklus,  zu dem auch Nachts gehört. Da heißt es nämlich

Er reitet nachts auf einem braunen Roß,
Er reitet vorüber an manchem Schloß:
Schlaf droben, mein Kind, bis der Tag erscheint,
Die finstre Nacht ist des Menschen Feind!

Er reitet vorüber an einem Teich,
Da stehet ein schönes Mädchen bleich
Und singt, ihr Hemdlein flattert im Wind:
Vorüber, vorüber, mir graut vor dem Kind!

Er reitet vorüber an einem Fluß,
Da ruft ihm der Wassermann seinen Gruß,
Taucht wieder unter dann mit Gesaus,
Und stille wird´s über dem kühlen Haus.

Wenn Tag und Nacht in verworrenem Streit,
schon Hähne krähen in Dörfern weit,
Da schauert sein Roß und wühlet hinab,
Scharret ihm schnaubend sein eigenes Grab.

.

Natürlich fühlt man sich an Goethes Erlkönig erinnert, den Vater, der seinen Sohn nicht ernst nahm und der womöglich für den Vater starb, sonst es Letzterem womöglich so gegangen wäre wie dem Reiter in Eichendorffs letzter Strophe.

Heute schreibt niemand mehr über diese Gestalten, sei es über das schöne Mädchen bleich, sei es  über einen Wassermann. Denen ist das recht, unerkannt sind sie viel wirkungsvoller. Mehr Menschen als uns lieb sein könnte, existieren unter Wasser, immer begleitet von dem unsichtbaren Wassermann, der unsichtbaren Wasserfrau.

Und wir glauben, wir sind Herr oder Frau unserer Sinne.

Nein, Günter Kunert hat dieses Abtauchen in seiner Ballade Wie ich ein Fisch wurde ganz wunderbar und hochmodern gestaltet:

Lasse mich durch dunkle Tiefen träge gleiten,
Und ich spüre nichts von Wellen oder Wind,
Aber fürchte jetzt die Trockenheiten,
Und dass einst das Wasser wiederum verrinnt.

Denn aufs Neue wieder Mensch zu werden,
Wenn man´s lange Zeit nicht mehr gewesen ist,
Das ist schwer für unsereins auf Erden,
Weil das Menschsein sich so leicht vergisst.

.

Niemand zwingt einen, Mensch zu sein, es sei denn, man hat z.B. einen wirklichen Freund, der seine Freundschaft nicht darin begründet sieht, auf die Honigstellen des Freundes noch Puderzucker zu streuen, sondern sagt, was er sieht – wenn er es sieht, falls er nicht selbst unter Wasser ist . . .

Aber Freundschaft als Gestaltungskraft des Lebens ist leider auch unter Wasser geraten . . .

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Den Weltgesang finden, den Tod überwinden, Erde gestalten: Friedrich Rückerts „Waldstille“.

Selten habe ich ein Gedicht gelesen, das thematisch so viel anspricht, so vielschichtig ist. Es ist wohl so wie jener Mann, der es geschrieben hat, der 50 Sprachen beherrschte und aus 44 Sprachen Texte übersetzte, der 10 Kinder zeugte, wobei seine auch durch die Vertonung von Gustav Mahler so bekannt gewordenen Kindertotenlieder zeigen, wie sehr er unter dem Tod zweier litt. 

Er hat über 1000 Gedichte geschrieben, was ein Leistungs-, aber noch kein Qualitätsnachweis ist. Als kleiner Anhaltspunkt aber sei gesagt, dass er mit einigen seiner Gedichte eigentlich in jeder Gedichtanthologie zu finden ist.

Das folgende findet sich nicht unter denen, die dort anzutreffen sind; wenn es nach mir ginge, stünde es dort. Es berührt mich schon gleich zu Beginn, wenn es über das eigene Leben und sein Verhältnis zur Welt heißt: Wo du mir geschwunden, / Hab‘ ich dich gefunden / Inniger in mir. – Worte, die mich berühren, weil sie eine Erfahrung betreffen, die auch ich gemacht habe: Wenn die Welt schwindet, die Vorstellung, die sich die Menschen und man selbst von ihr macht – und das geschieht eben manchmal und vor allem durch leidvolle Erfahrungen -, dann findet man etwas, was wert ist, Welt genannt zu werden und es ist möglich, dem Leben so produktiv-schöpferisch zu begegnen, wie Rückert das in der letzten Strophe tut.

Vorausschicken möchte ich zum besseren Verständnis noch, dass Rüster eine andere Bezeichnung für Ulmen sind, Brodem ausströmenden Dunst bzw. Dampf meint und Unke eine recht flache Kröte ist, bauchseits mit Warnfarben, an der Oberfläche braun-grau-schwarz.

Tief im Walde saß ich,
Und die Welt vergaß ich,
Die nie mein gedacht;
Mich in mich versenkt‘ ich,
Und mein Sinnen lenkt‘ ich
In des Daseins Schacht.
Welt, ich dein vergessen?
Erst dich recht besessen
hab‘ ich fern von dir.
Wo du mir geschwunden,
Hab‘ ich dich gefunden
Inniger in mir.
Wie durch Bachkrystallen,
Dir mit Wohlgefallen
Schau‘ ich auf den Grund.
Du bist nicht so böse,
Wie du mit Getöse
Selbst es thuest kund.
Draußen im Gewirre
Kann man werden irre,
Welt, an sich und dir;
Fern von deinem Rauschen
Kann ich dich belauschen
In mir selber hier.
Leise hör‘ ich flüstern
Jedes Blatt der Rüstern,
Jegliches Gefühl
Sich im Busen regen,
Wie die Winde legen
Sich im Laubgewühl.
Einen leisen Odem
Hör‘ ich, der den Brodem
Haucht hinweg vom Tag.
Du bist ohne Schleier,
O Natur, und freier
Geht mein Herzensschlag.
Durch des Waldes Stille
Tönt die Sommergrille,
Und die Unk im Sumpf;
Keine Stimm‘ ist heiser,
Keine Stimm‘ ist dumpf.
Wer den Ton gefunden,
Der im Grund gebunden
Hält den Weltgesang,
Hört im lauten Ganzen
Keine Dissonanzen,
Lauter Übergang.
O Natur, du große
Mutter die im Schoße
Viele Kinder hält!
Lächelst recht von Herzen,
Wenn sie fröhlich scherzen,
Wie dir’s wohlgefällt.
Wenn die Kinder streiten,
Schlichtest du beizeiten,
Brauchest deine Macht;
Wenn sie sich verlaufen,
Sammelst du den Haufen
Doch zu dir bei Nacht.
Deine Sonne wecket
Alles was bedecket
Goldner Schlummerduft.
Wache Lebenstriebe
Wiegst du ein in Liebe:
Wiege, Brautbett, Gruft!
..Deine Arbeitsbienen,
Kunsttrieb gabst du ihnen
Statt der Liebeslust.
Aber beide Flammen
Gossest du zusammen
In des Menschen Brust.
Wo die beiden ringen
Werden sie bezwingen
Leben und den Tod,
Sich zum Himmel schwingen,
Und zur Erde bringen
Ew’ges Morgenroth.
..Geisteswaffenschärfung,
Stoffes Unterwerfung,
Welterobrungskunst;
Hier den Forst zerschmettert,
Was ihn dort beblättert,
Stürmische Liebesbrunst.
Auch der Haß ist Liebe,
Schöpfend mit dem Siebe
Statt der Schal‘ im Born.
Als ich hassen wollte,
Fühlt‘ ich nur, es schmollte
Kind’scher Liebeszorn.
Du verzeihst den Kindern,
Aber weißt zu hindern
Ihre Unart auch.
Der ist wohlerzogen,
Dessen Hochmuthswogen,
Legt von dir ein Hauch.
Laß mich auserkornen
Meinen blindgebornen
Bruder nicht verschmähn!
Was der Maulwurf wühlet,
Hat der Mensch gefühlet
Oder eingesehn.
Was der Vogel singet,
Was die Quelle springet,
Was die Blume blüht,
Was die Schöpfung rauschet,
Mutter, nur belauschet
Hab‘ ich dein Gemüth.
Laß mich für die Erde
Sinnen, daß sie werde
Durch und durch verschönt!
Laß mich sie verklären,
Daß im Chor der Sphären
Sie mit Freude tönt!

.

Das Gedicht vermittelt sofort Eindruck; dies geschieht durch den Trochäus, das heißt, dass jeder Vers und damit auch das Gedicht betont beginnt. Gewiss legt der ein oder andere Vers eine Tonversetzung nahe, zum Beispiel der dritte, in dem man geneigt ist, die erste Silbe unbetont zu lassen und das nie zu betonen. Und natürlich bewirkt auch die Reimfolge innerhalb jeder Strophe einen Rhythmus, der sich auf das Innere des Lesers auswirkt: Jede Strophe beginnt mit einem Paarreim, gefolgt von einem umarmenden. Natürlich ist Rückert durch die Dreihebigkeit des Trochäus auch zu mancher gewagten Formulierung und Satzstellung gezwungen. So beginnt die dritte Strophe mit einer Ellipse, einer Auslassung – das Verb fehlt – und es folgt eine Inversion, also eine Abweichung vom gewohnten Satzbau; doch genau solche stilistischen Ereignisse geben dem Gedicht seine eigenartige und einmalige Prägung, die ganz besonders bedingt ist durch das epiphorische Ich; gleich viermal findet sich das Personalpronomen am Ende einer Zeile der ersten Strophe, die mich an Walther von der Vogelweides Gedichtanfang erinnert:

Ich saz ûf eime steine……………………………….Ich saß auf einem Steine
und dahte bein mit beine:……………………….und deckte Bein mit Beine,
dar ûf satzt ich den ellenbogen:………………darauf der Ellenbogen stand;
ich hete in mîne hant gesmogen……………..es schmiegte sich in meine Hand
daz kinne und ein mîn wange………………… das Kinn und eine Wange.
dó dâhte ich mir vil ange,……………………….. Da dachte ich sorglich lange,
wie man zer welte solte leben…………..dem Weltlauf nach und irdischem Heil;
deheinen rât kond ich gegeben (…)………..doch wurde mir kein Rat zuteil (…)

Liest man bei Walther jedoch weiter, gleicht sich nur das sinnierende Sitzen, beklagt er doch in seiner Reichsklage die Rechtsunsicherheit des Landes und warum es zu dem augenblicklichen Zustand kommen konnte. Das lyrische Ich Rückerts dagegen vergisst die Welt, doch stellt es fest, dass es sie in der Folge umso inniger gefunden hat, nachdem sie ihm entschwunden war und es sie durch dieses Dahinschwinden auf neue Weise finden konnte. Voraussetzung war, dass dieser Mensch sich versenkte wie in einen Schacht. Unwillkürlich kommt einem hier Hofmannsthals Weltgeheimnis in den Sinn und jener Brunnen, auf dessen Grund das Geheimnis unseres Seins sich findet. In einen ähnlichen Schacht muss das lyrische Ich auch hier hinab. Was es aber dadurch wahrnimmt, ist, dass die Welt gar nicht so böse ist, wie sie scheint. Und unser Mensch nimmt hier innen-unten Dinge auf einmal anders wahr, vielleicht so, wie sie wirklich sind, wenn der Dunst des wirren Gewirres nicht mehr den Eindruck, den man von der Welt hat, dominiert; fast wie von selbst geht der eigene Herzschlag freier – ein leiser Hinweis für Menschen kranken Herzens. Hier – und Rückert spricht selbst vom Grund – gibt es nichts Heißeres, Dumpfes, nichts Dissonantes und der in Schweinfurt geborene Dichter trifft eine wirklich große Aussage: Wer den Ton gefunden, / Der im Grund gebunden / Hält den Weltgesang.

In der Folge werden wir daran erinnert, wo jener Schacht, jene Tiefe sich befindet – da, wo jeder sich einfinden kann: in der Tiefe des Waldes, in der Natur also.

Im Grunde nimmt Rückert eines der griechischen Symbole für die Seele auf: Bienen. So wie sie es ihr Leben lang handhaben, sollte auch die menschliche Seele tätig sein: ständig Wertvolles in das eigene Innere einbringen (heute wissen wir, dass die Bienenkönigin unser Ich ist, nicht jenes egoistische, sondern jenes, das sich ableitet von I-CH, von der Jesus-Christus-Wirklichkeit in uns). So kann Rückert von einer Kunst, von einem Kunsttrieb sprechen. Nicht pure Liebeslust macht unser Leben aus oder purer Trieb des Lebens. Leben will sich mit Kunst verbinden; in ihrer Vereinigung überwinden sie des Menschen Abhängigkeit vom Tod. Die Hochzeit von Himmel und Erde kann stattfinden und die Polarität von Hass und Liebe kann sich auflösen; endlich vermag der Mensch erwachsen zu werden und einen entscheidenden Schritt auf den siebten Schöpfungstag zumachen.

All das spricht Rückert auf verdichtetem Raum, wie ihn eben vor allem Lyrik zu gestalten vermag, an.

Wer Mutter Natur wirken lassen kann – und zu ihr gehört auch die Sonne – kann die eigenen Wogen des Hochmuths sich legen lassen, muss nicht mehr, wie Faust in egoistischem Überschwang meinen, er sei dem Erdgeist gleich oder sei ein Gott seiner Vorstellung. Der kann, wie es Matthias Claudius am Ende seines Abendlieds so warmherzig tut, seines kranken Nachbarn gedenken oder seines Bruders – und man denkt unwillkürlich an den Bruder des Parzival, Feirefiz, der auf Grund seiner Entwicklungsstufe den Gral noch nicht sehen kann -, der blindgeboren ist und doch auch sehen lernen möchte. Wenn wir, tief im Wald oder wo immer wir sind, immer wieder die Natur belauschen, Pflanzen, Tiere und die Elemente wahrnehmen, wenn wir also uns den Grundlagen des eigenen Seins zuwenden und so achtsam leben, dann gelingt uns – und wir denken an Keplers harmonia mundi -, dass das Tönen der Erde immer wahrnehmbarer wird, tönend voller Freude, auch durch unser Tätigsein:

.Laß mich für die Erde
Sinnen, daß sie werde
Durch und durch verschönt!
Laß mich sie verklären,
Daß im Chor der Sphären
Sie mit Freude tönt!

 

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„Komm, o komm zum stillen Grund!“ – Über Abgründe des Todes und Kräfte der Stille in Gedichten, Liedern und Novellen.

Stille hat, wie alles in unserem Leben, eine dunkle Seite … Es ist die trügerische Venus-Sphäre, wie sie Wagner in der Tannhäuser-Opfer gestaltet hat oder Eichendorff in seiner Marmorbild-Novelle; mit Vergangenheit hat sie zu tun hat, mit Rückwärtsgewandtheit, mit Wollust, an der Leben erstickt. Die Liebe einer Circe oder Loreley reduziert den Menschen auf Elementares, letztendlich auf Triebbestimmtes; sie mag glorifiziert werden, doch wer ihr wie ein Don Juan verhaftet bleibt, ist ewig auf der Suche. In Volksliedern und Gedichten sind es die Wasserfrauen und -männer, die ihre Opfer unter Wasser ziehen. Auch Günter Kunerts Ballade „Wie ich ein Fisch wurde“ berichtet davon. – Zunächst aber wollen wir uns ihrer wertvollen, heilsamen Seite zuwenden:

Die beiden folgenden Texte sind aus Weißt Du das die Bäume reden. Weisheit der Indianer. Wien 1985

Erziehung zur Stille, zum Schweigen begann schon sehr früh. Wir lehrten unsere Kinder, still zu sitzen und Freude daran zu haben.
Wir lehrten sie, ihre Sinne zu gebrauchen, die verschiedenen Gerüche aufzunehmen, zu schauen, wenn es allem Anschein nichts zu sehen gab, und aufmerksam zu horchen, wenn alles ganz ruhig schien. Ein Kind, das nicht stillsitzen kann, ist in seiner Entwicklung zurückgeblieben.
Übertriebenes, auffälliges Benehmen lehnten wir ab, und ein Mensch, der pausenlos redete, galt als ungesittet und gedankenlos. Ein Gespräch wurde nie übereilt begonnen und hastig geführt. Niemand stellte vorschnell eine Frage, mochte sie auch noch so wichtig sein, und niemand wurde zu einer Antwort gezwungen. Die wahrhaft höfliche Art und Weise, ein Gespräch zu beginnen, war eine Zeit gemeinsamen stillen Nachdenkens; und auch während des Gespräches achteten wir jede Pause, in der der Partner überlegte und nachdachte. Für die Dakota war das Schweigen bedeutungsvoll. In Unglück und Leid, wenn Krankheit und Tod unser Leben überschatteten, war Schweigen ein Zeichen von Ehrfurcht und Respekt, ebenso, wenn uns Großes und Bewundernswertes in seinen Bann schlug. Für die Dakota war das Schweigen von größerer Kraft als das Wort.

Luther Standing Bear (1868-1939), der Obiges schrieb, hatte  das Erziehungs- und Schulsystem der weißen Amerikaner am eigenen Leib erfahren müssen. Indianerkinder, die ihre eigene Sprache verwendeten, wurden hart betraft. Standing Bear betonte in seinen Schriften – dieser Auszug entstammt seinem Buch Land of the Spotted Eagle – die Freundlichkeit seines Volkes Kindern gegenüber. Er war überzeugt, dass nicht nur die Indianer von den Weißen, sondern auch die Weißen von den Indianern lernen können. Die weißen Amerikaner, die die indianische Kultur ablehnen und ihr verständnislos gegenüberstehen, berauben sich selbst, meinte er. – Die folgende Aussage ist von einem Arzt und Schriftsteller der Dakota mit Namen Ohiyesa:

Wenn du den Indianer fragst: „Was ist Stille?“, wird er dir antworten: „Das Große Geheimnis. Die heilige Stille ist seine Stimme.“ Und wenn Du fragst: „Was sind die Früchte der Stille?“, so wird er sagen: “Selbstbeherrschung, wahrer Mut und Ausdauer, Geduld, Würde und Ehrfurcht.“
„Hüte Deine Zunge in der Jugend“, sagte der alte Häuptling Wabashaw, dann wirst Du vielleicht im Alter deinem Volk einen weisen Gedanken schenken.“
………

Und in Michael Endes Momo lesen wir:

Momo hörte allen zu, den Hunden und Katzen, den Grillen und Kröten, ja sogar dem Regen und dem Wind in den Bäumen. Und alles sprach zu ihr auf seine Weise.
An manchen Abenden, wenn ihre Freunde nach Hause gegangen waren, saß sie noch lange allein in dem großen steinernen Rund des alten Theaters, über dem sich der sternfunkelnde Himmel wölbte, und lauschte einfach auf die große Stille.
Dann kam es ihr so vor, als säße sie mitten in einer großen Ohrmuschel, die in die Sternenwelt hinaushorchte. Und es war ihr, als höre sie eine leise und doch gewaltige Musik, die ihr ganz seltsam zu Herzen ging.

In der Folge habe ich einige weitere prägnante Aussagen zum Thema Stille zusammengestellt; jede für sich stellt für mich eine Weisheit dar und wenn Zeit und Stille möglich ist, lohnt es sich, sie in Ruhe zu lesen:

Die Seele hat sich mit den Kräften nach außen zerspreitet und zerstreut, so sagt der deutsche Mystiker Meister Eckehardt (1260 – 1327), in gleichem Maße sind sie schwächer, inwendig ihr Werk zu treiben. Denn jede zerspreitete Kraft ist unvollkommen. Darum: will sie inwendig eine kräftige Wirksamkeit entfalten, so muß sie alle ihre Kräfte wieder heimrufen und sie aus den zerstreuten Dingen heraussammeln in ein inwendiges Wirken.

Die größte Offenbarung ist die Stille.
Laotse (vermutlich 6. Jh. v. Chr.)

Wenn alles still ist, geschieht am meisten.
Søren Aabye Kierkegaard (1813 – 1855), dänischer Philosoph, Theologe und Schriftsteller

Wer die Stille nicht erträgt, erträgt auch nicht sich selbst.
(Anke Maggauer-Kirsche (*1948), deutsche Lyrikerin, Aphoristikerin und ehemalige Betagtenbetreuerin in der Schweiz)

Es gibt vielerlei Lärme. Aber es gibt nur eine Stille. (Kurt Tucholsky (1890 – 1935, Freitod)

Es ist diese tiefe Stille, die Matthias Claudius anspricht: Wie ist die Welt so stille / und in der Dämmrung Hülle / so traulich und so hold (…)

Diese Stille gibt es auch im Sommer, aber da ist sie ungeheuer schwer wahrzunehmen. Wir empfinden sie vor allem im Winter, bevorzugt in der Stillen Nacht, in der Heiligen Nacht. Es ist die natürliche Stille der Hirten, die anbetende der Weisen, die demutsvolle des Stalls, wo kein Pomp lärmt.
Insbesondere Weihnachtslieder, aber auch Volkslieder nehmen auf ihre schlichte Weise diese Stille wahr:

Guter Mond, du gehst so stille
Durch die Abendwolken hin;
Deines Schöpfers weiser Wille
Hieß auf jener Bahn dich ziehn.
Leuchte freundlich jedem Müden
In das stille Kämmerlein!
Und dein Schimmer gieße Frieden
In’s bedrängte Herz hinein! (Version von Karl Enslin, 1851)

Im sogenannten Pommernlied [Pommern war der Name eines früheren Herzogtums und später einer preußischen Provinz im Nordosten Deutschlands und Nordwesten Polens] heißt es:

Wenn in stiller Stunde Träume mich umwehn,
bringen frohe Kunde Geister ungesehn,
reden von dem Lande meiner Heimat mir,
hellem Meeresstrande, düsterm Waldrevier.

Dieses Wenn zu Beginn ist nicht oder nicht nur zeitlich gemeint, sondern es weist auch auf die Bedingung hin; diese Träume gibt es nur in stiller Stunde. Und genau darin besteht auch die Weisheit eines Paul Gerhardt, der in einer zum Volkslied gewordenen Strophe weiß:

Nun ruhen alle Wälder,
Vieh, Menschen, Städt und Felder,
es schläft die ganze Welt;
ihr aber, meine Sinnen,
auf, auf, ihr sollt beginnen,
was eurem Schöpfer wohlgefällt.

Was die meisten Menschen nicht beachten: Zum einen, wenn es im Außen still wird,  aber auch im Schlaf geht das Ich des Menschen auf Entdeckungsreise. In der Stille der Nacht, in der Stille des Schlafes sind unsere Sinne kosmisch unterwegs; dann beginnen siw genau das, was ihrem Schöpfer wohlgefällt. Einer wie Mörike hat unbewusst  darüber geschrieben, wenn er in seinem Gedicht An einem Wintermorgen vor Sonnenaufgang  mitteilt, welchen Kräften und Reichen er im Schlaf begegnete, und was leider bald der Tag, das Tagesbewusstsein verscheuchen wird:

O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühe!
Welch neue Welt bewegest du in mir?
Was ists, daß ich auf einmal nun in dir
Von sanfter Wollust meines Daseins glühe?

Einem Kristall gleicht meine Seele nun,
Den noch kein falscher Strahl des Lichts getroffen;
Zu fluten scheint mein Geist, er scheint zu ruhn,
Dem Eindruck naher Wunderkräfte offen,
Die aus dem klaren Gürtel blauer Luft
Zuletzt ein Zauberwort vor meine Sinne ruft.

Bei hellen Augen glaub ich doch zu schwanken;
Ich schließe sie, daß nicht der Traum entweiche.
Seh ich hinab in lichte Feenreiche?
Wer hat den bunten Schwarm von Bildern und Gedanken
Zur Pforte meines Herzens hergeladen,
Die glänzend sich in diesem Busen baden,
Goldfarbgen Fischlein gleich im Gartenteiche?

Ich höre bald der Hirtenflöten Klänge,
Wie um die Krippe jener Wundernacht,
Bald weinbekränzter Jugend Lustgesänge;
Wer hat das friedenselige Gedränge
In meine traurigen Wände hergebracht?

Es ist kein Wunder, dass Paul Gerhardt von den Sinnen spricht, die tun, was unserm Schöpfer wohl gefällt und Mörike in diesem Zusammenhang der Hirtenflöten Gesänge und die Krippe der Wundernacht anspricht.

Es ist auch kein Zufall, dass es im Pommernlied in der dritten Strophe in Bezug auf die Heimat, also das Pommerland heißt:

Aus der Ferne wendet sich zu dir mein Sinn,
aus der Ferne sende trauten Gruß ich hin.
Traget, laue Winde, meinen Gruß und Sang;
: wehet leis und linde treuer Liebe Klang. :

Die Heimat ist fern, unsere irdische wie auch unsere geistige, und genau aus diesem Bewusstsein heraus singt eine Ottilie im 25. Kapitel des Romans Godwi, den Clemens Brentano schrieb, diesem Godwi zu, in Versen, die zu einem der bekanntesten Gedichte der Romantik geworden sind, hier die ersten Strophen:

…….Sprich aus der Ferne
…….Heimliche Welt,
…….Die sich so gerne
…….Zu mir gesellt.

Wenn das Abendroth niedergesunken,
Keine freudige Farbe mehr spricht,
Und die Kränze stillleuchtender Funken
Die Nacht um die schattigte Stirne flicht:

…….Wehet der Sterne
…….Heiliger Sinn
…….Leis‘ durch die Ferne
…….Bis zu mir hin.

Wenn des Mondes still lindernde Thränen
Lösen der Nächte verborgenes Weh;
Dann wehet Friede. In goldenen Kähnen
Schiffen die Geister im himmlischen See.

…….Glänzender Lieder
…….Klingender Lauf
…….Ringelt sich nieder,
…….Wallet hinauf.

Wenn der Mitternacht heiliges Grauen
Bang durch die dunklen Wälder hinschleicht,
Und die Büsche gar wundersam schauen,
Alles sich finster tiefsinnig bezeugt:

…….Wandelt im Dunkeln
…….Freundliches Spiel,
…….Still Lichter funkeln
…….Schimmerndes Ziel.

.

Natürlich dünkt uns diese heimliche Welt weit entfernt. Und natürlich hat Stille in der Romantik die Bedeutung, diese heimliche Welt hören zu können.
Woher kommt dieses Sprechen der heimlichen Welt denn genau?
Antwort gibt ein Dichter, der wie kaum ein zweiter spirituell war, Novalis: Er schreibt in seinem Blütenstaub-Fragment Nr. 18:

Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft. Die Außenwelt ist die Schattenwelt, sie wirft ihren Schatten in das Lichtreich. Jetzt scheint es uns freilich innerlich so dunkel, ein­sam, gestaltlos, aber wie ganz anders wird es uns dünken, wenn diese Verfinsterung vorbei und der Schattenkörper hinweggerückt ist. Wir werden mehr genießen als je, denn unser Geist hat entbehrt.

Es war im Übrigen ein Mann namens Winckelmann, dessen lebenslangem Drang, sich mit der Antike zu beschäftigen wir jene Aussage über die antike Kunst verdanken, die uns bis heute geprägt hat, wenn er von deren stiller Einfalt und edlen Größe spricht.

Seitdem sind stille Einfalt und edle Größe Charakteristika einer hohen Seele.

Wir wissen um die Bedeutung der Stille und wie sehr gerade sie zu Größe und Kraft führen kann im Übrigen schon seit 2700 Jahren, damals wirkte der Prophet Jesaja, bei dem es heißt:
Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein. (Jes. 30,15)
Und klarer könnte die Bedeutung der Stille noch sein, wenn Luther den 23. Psalm nicht übersetzt hätte:
(1) Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. (2) Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.

Denn eigentlich muss es laut dem Original heißen:

(1) Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. (2) Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum stillen Wasser – zum Wasser am Ruheplatz, wie manche Übersetzungen formulieren.

Warum auch die angeblich gründlich überarbeitete Lutherbibel 2017 diese fehlerhafte Übersetzung weiter in die Welt setzt, ist mir ein Schleier, wie mir genauso schleierhaft ist, dass nicht nur die Lutherbibel, sondern auch andere Übersetzungen das Vater unser falsch übersetzen, wenn sie permanent formulieren: Vater unser, der du bist im Himmel, wo doch der griechische Text klar und deutlich formuliert: Vater unser, der du bist in DEN HIMMELN (tois ouranois)

Man möchte das folgende Gedicht fast als heiliges Gedicht bezeichnen; es ist von Karl May, dem berühmten Schöpfer von Old Shatterhand und Winnetou und Kara Ben Nemsi Effendi. Wie beispielsweise Wilhelm Busch eine tief spirituelle Seite hatte, die man kaum kennt, so hatte sie auch Karl May:

Wie das Meer

Sei still in Gott, still wie das Meer!
Nur seine Fläche streift der Wind,
und tobt als Sturm er noch so sehr,
wiß, daß die Tiefen ruhig sind.

Sei weit in Gott, weit wie das Meer!
Es wogt nicht bloß am heim’schen Strand,
und wird dir’s auch zu glauben schwer,
wiß, drüben gibt’s doch wieder Land.

Sei tief in Gott, tief wie das Meer!
Nach dort, wo dich die Welt vergißt,
sei dein Verlangen, dein Begehr,
wiß, daß die Tiefe Höhe ist.

Ja, sei, mein Herz, stets wie das Meer
in Gott so still, so tief, so weit!
Dann landest du nicht hoffnungsleer
am Küstensaum der Ewigkeit.

.

Neben Brentano, in dessen Roman Godwi das Wortfeld der Stille über 150-mal anzutreffen ist, wären natürlich weitere Romantiker zu nennen wie Eichendorff, in dessen Novelle Das Marmorbild das Wortfeld der Stille über 60-mal auftaucht – bei etwas mehr als 40 Reclam-Seiten Umfang durchaus eine respektable Menge, oder auch Dichter wie Goethe, den man mit der Aussage zitieren mag:

Das Beste ist die tiefe Stille, in der ich gegen die Welt lebe und wachse und gewinne, was sie mir mit Feuer und Schwert nicht nehmen können.

bzw. Autoren wir Rilke und andere.

Am meisten aber beeindruckt mich, wenn Hölderlin von Stille spricht – Das Wortfeld der Stille (also in Form von Verb, Adjektiv oder Substantiv bzw. Wortzusammensetzungen) ist bei Hölderlin unentwegt anzutreffen, in manchen Gedichten mehrfach:

Man spricht bekanntlich gern von dem armen Hölderlin. Das geht vielleicht auf ein Schreiben der Landgräfin Caroline von Hessen-Homburg zurück – sie nannte Hölderlin „Holterling“ -, die am Abend des 11. September 1806 schrieb:

Man hat heute früh den armen Holterling abtransportiert, um ihn seinen Eltern
zu übergeben. Als er mit aller Kraft versuchte, sich aus dem Wagen zu stürzen, wurde er von dem Mann, der auf ihn aufpassen sollte, zurückgestoßen.

Dabei gibt es kaum einen, der innerlich reicher war als dieser arme Holterling, der zur Hälfte seines Lebens geisteskrank wurde. Vielleicht so reich, dass er diesen Reichtum nicht mit normalem menschlichenn Bewusstsein fassen und erfassen konnte – vermutlich würde es ihm heute anders ergehen, da das menschliche Bewusstsein, allen Unkenrufen zum Trotz, sich weiterentwickelt hat.

Sicherlich gibt es für seine Geisteskrankheit nicht nur einen Grund. Natürlich mag eine Rolle gespielt haben, dass er den Verzicht auf seine Diotima – die Frau des Frankfurter Bankiers Gontard, Susette Gontard, deren Kinder er als Hauslehrer unterrichtete; hier ihre Briefe an ihn – nie verkraftet hat und, als er schon verwirrt und in aufgelöstem Zustand am 7. Juni 1802 den Rhein nach seinem Frankreichaufenthalt überquerte, ihren frühen Tod wenige Tage später, am 22. Juni, vorausahnte. Gewiss ist es nicht so, wie ein berühmter Hölderlinforscher – Pierre Bertaux – vermutet hat, dass er seine Geisteskrankheit nur gespielt habe; dazu sind die Aufzeichnungen über die Behandlung in der Tübinger Klinik, in die ihn ein Freund, als er sich nicht mehr zu helfen wusste, einliefern ließ, zu dramatisch.

Stille war bei ihm immer wieder mit Freude verbunden und mit Frieden. Stille beinhaltete für ihn das Wissen, dass es bei allem Leid, das es auf unserer Erde gibt, immer auch dessen Überwindung gibt, eine Mitte zwischen Freud und Leid, einen Raum der Stille, einen göttlichen Raum, den göttlichen Weltinnenraum, um eine Vokabel Rilkes aufzugreifen, den er vielfach übrigens in der Natur fand.

Wie kaum ein anderer Dichter hat Hölderlin Bezug genommen auf seine heimatliche Landschaft; seine Gedichte über den Rhein, den Neckar, Stuttgart, Heidelberg und die Donau geben ein beredtes Zeugnis. Landschaft war für ihn immer auch Seelenlandschaft, auch wenn er sie ganz selten selbst transzendiert. Es gibt für mich keinen Dichter, bei dem Landschaft und Natur spürbar mittels seiner Worte zu solch einem heiligen Raum wird. In seiner Ode Die Heimath (erste Fassung Mitte 1798) schreibt er:

Froh kehrt der Schiffer heim an den stillen Strom,
Von Inseln fernher, wenn er geerndtet hat;
So käm‘ auch ich zur Heimath, hätt‘ ich
Güter so viele, wie Laid, geerndtet.

Ihr theuern Ufer, die mich erzogen einst,
Stillt ihr der Liebe Leiden, versprecht ihr mir,
Ihr Wälder meiner Jugend, wenn ich
Komme, die Ruhe noch einmal wieder?

Die letzte Strophe dieses Gedichtes ist legendär, sie lautet:

Denn sie, die uns das himmlische Feuer leihn,
Die Götter schenken heiliges Laid uns auch,
Drum bleibe diß. Ein Sohn der Erde
Schein‘ ich; zu lieben gemacht, zu leiden.

Hölderlin war zeitlebens ein Wanderer zwischen den Welten und so nimmt es nicht wunder, dass es ein Gedicht mit dem Titel Der Wanderer gibt, aus dem ich eine beeindruckende Passage wiedergebe:

Seliges Tal des Rheins! kein Hügel ist ohne den Weinstock,
Und mit der Traube Laub Mauer und Garten bekränzt,
Und des heiligen Tranks sind voll im Strome die Schiffe,
Städt und Inseln, sie sind trunken von Weinen und Obst.
Aber lächelnd und ernst ruht droben der Alte, der Taunus,
Und mit Eichen bekränzt neiget der Freie das Haupt.
Und jetzt kommt vom Walde der Hirsch, aus Wolken das Tagslicht,
Hoch in heiterer Luft siehet der Falke sich um.
Aber unten im Tal, wo die Blume sich nähret von Quellen,
Streckt das Dörfchen bequem über die Wiese sich aus.
Still ists hier. Fern rauscht die immer geschäftige Mühle,
Aber das Neigen des Tags künden die Glocken mir an.
Lieblich tönt die gehämmerte Sens und die Stimme des Landmanns,
Der heimkehrend dem Stier gerne die Schritte gebeut,
Lieblich der Mutter Gesang, die im Grase sitzt mit dem Söhnlein;
Satt vom Sehen entschliefs; aber die Wolken sind rot,
Und am glänzenden See, wo der Hain das offene Hoftor
Übergrünt und das Licht golden die Fenster umspielt,
Dort empfängt mich das Haus und des Gartens heimliches Dunkel,
Wo mit den Pflanzen mich einst liebend der Vater erzog;
Wo ich frei, wie Geflügelte, spielt auf luftigen Ästen,
Oder ins treue Blau blickte vom Gipfel des Hains.
Treu auch bist du von je, treu auch dem Flüchtlinge blieben,
Freundlich nimmst du, wie einst, Himmel der Heimat, mich auf.

.

Wer Muse hat, diese Zeilen zu lesen – man wird an mancher Stelle verweilen wollen – mag einen tiefen Frieden spüren, der von ihnen ausgeht; ja, sie sind heilsam.

Wer die Natur mit den Augen Hölderlins sieht, begreift sie als göttliches Kunstwerk:

Wenn aber die Himmlischen haben
Gebaut, still ist es
Auf Erden, und wohlgestalt stehn
Die betroffenen Berge

so heißt es in einem Fragment gebliebenen Gedicht. Und in einer ganz ähnlichen Atmosphäre beginnt eine seiner letzten großen Hymnen, Die Friedensfeier:

Der himmlischen, still widerklingenden,
Der ruhigwandelnden Töne voll,
Und gelüftet ist der altgebaute,
Seliggewohnte Saal;

In ihrer Mitte lesen wir:

Ihr bringt auch heute das Fest, ihr Lieben! und es blüht
Rings abendlich der Geist in dieser Stille;

und gegen Ende hin, in der 7. von insgesamt neun zumeist fünfzehnzeiligen Strophen heißt es:

Schicksalgesetz ist dies, daß Alle sich erfahren,
Daß, wenn die Stille kehrt, auch eine Sprache sei.
Wo aber wirkt der Geist, sind wir auch mit, und streiten,
Was wohl das Beste sei. So dünkt mir jetzt das Beste,
Wenn nun vollendet sein Bild und fertig ist der Meister,
Und selbst verklärt davon aus seiner Werkstatt tritt,
Der stille Gott der Zeit und nur der Liebe Gesetz,
Das schönausgleichende gilt von hier an bis zum Himmel.
Und einer, der nicht Fluth noch Flamme gescheuet,
Erstaunet, da es stille worden, umsonst nicht, jezt
Da Herrschaft nirgends ist zu sehn bei Geistern und Menschen
( . . . )

Hölderlin, dieser wunderbare Mensch, hat sogar ein 24 Strophen umfassendes Gedicht mit dem Titel Die Stille verfasst, ich zitiere die erste Strophe

Die du schon mein Knabenherz entzücktest,
Welcher schon die Knabenträne floß,
Die du früh dem Lärm der Toren mich entrücktest,
Besser mich zu bilden, nahmst in Mutterschoß,

und die fünf letzten, deren Verszahl – das sei vorsichtshalber angemerkt – unregelmäßig ist:

Schön, o schön sind sie! die stille Freuden,
Die der Toren wilder Lärm nicht kennt,

Schöner noch die stille gottergebne Leiden,
Wann die fromme Träne von dem Auge rinnt.

Drum, wenn Stürme einst den Mann umgeben,
Nimmer ihn der Jugendsinn belebt,
Schwarze Unglückswolken drohend ihn umschweben,
Ihm die Sorge Furchen in die Stirne gräbt,

O so reiße ihn aus dem Getümmel,
Hülle ihn in deine Schatten ein,
O! in deinen Schatten, Teure! wohnt der Himmel,
Ruhig wirds bei ihnen unter Stürmen sein.
Und wann einst nach tausend trüben Stunden
Sich mein graues Haupt zur Erde neigt
Und das Herz sich mattgekämpft an tausend Wunden
Und des Lebens Last den schwachen Nacken beugt:

O so leite mich mit deinem Stabe –
Harren will ich auf ihn hingebeugt,
Bis in dem willkommnen, ruhevollen Grabe
Aller Sturm, und aller Lärm der Toren schweigt.

.

Wenn Hölderlin von Stille spricht oder das Wortfeld verwendet, so glaubt man zu spüren, dass es sich auf jenen Zustand beseligter Stille bezieht, den wir in Elysium, dem Raum und Zustand der Unsterblichen finden. Unsterblich sind nicht nur die Götter, sondern auch wir. Dem Zweifelnden mag es offenbar werden, wenn wir gestorben sind und sehen, dass es ein Leben nach dem Leben gibt und ein Leben vor dem Leben, einen Zustand, den die indische Weisheit Devachan nennt, einen Zustand weitgehender Seligkeit. Stille weiß um diese seelische Verfassung; auf sie bezieht sich Hölderlin ahnend. Deshalb schreibt er im seinem Roman Hyperion oder der Eremit in Griechenland, entstanden 1797 – 1799:

Es gibt ein Vergessen alles Daseins, ein Verstummen unseres Wesens, wo uns ist, als hätten wir alles gefunden.

—-

Stille hat, wie alles in unserem Leben, auch eine dunkle Seite, und wir verdanken den Balladen und Volksliedern, dass sie entsprechende Stoffe überlieferten, bis in der Epoche der Romantik dieses Thema der dunklen Seite der Stille so gehäuft aufgegriffen wurde, dass man nicht umhin kam und kommt, sie zur Kenntnis zu nehmen. Dadurch, dass dies geschehen ist, sind beide Seiten klarer geworden, sowohl die dunkle also auch die helle, so dass wir, obwohl er dieser Phase der Literaturgeschichte, der Romantik also, ein wenig vorausging – wobei er in seiner fast weltweiten Sonderstellung ohnehin ihr nicht zugeordnet werden kann – nun Hölderlins Stille in ihrer Helle wahrnehmen können, wie wir auch die dunkle besser konturieren, fassen und erfassen können.

Auf einer äußerlichen Ebene – doch denken wir daran, dass alles Vergängliche (und vor allem das Äußerliche ist vergänglich) nur ein Gleichnis ist, wie es Goethe im Faust formulierte – können wir Gedichtverse dieses Mannes wie die folgenden finden:

Meeresstille

Tiefe Stille herrscht im Wasser,
Ohne Regung ruht das Meer,
Und bekümmert sieht der Schiffer
Glatte Fläche ringsumher.
Keine Luft von keiner Seite!
Todesstille fürchterlich!
In der ungeheuern Weite
Reget keine Welle sich.

Was für eine äußere Wirklichkeit gilt, gilt ebenso für eine innere und niemand hat das besser zum Ausdruck gebracht als jener zeitgenössische Autor, den wir an dem Balladen gewidmeten Abend mit seinem Gedicht Wie ich ein Fisch wurde kennengelernt haben – aus gutem Grund:

Am 27. Mai um drei Uhr hoben sich aus ihren Betten
Die Flüsse der Erde, und sie breiteten sich aus
Über das belebte Land. Um sich zu retten
Liefen oder fuhren die Bewohner zu den Bergen raus.

Als nachdem die Flüsse furchtbar aufgestanden,
Schoben sich die Ozeane donnernd übern Strand,
Und sie schluckten alles das, was noch vorhanden,
Ohne Unterschied, und das war allerhand.

Eine Weile konnten wir noch auf dem Wasser schwimmen,
Doch dann sackte einer nach dem andern ab.
Manche sangen noch ein Lied, und ihre schrillen Stimmen
Folgten den Ertrinkenden ins nasse Grab.

Kurz bevor die letzten Kräfte mich verließen,
Fiel mir ein, was man mich einst gelehrt:
Nur wer sich verändert, den wird nicht verdrießen
Die Veränderung, die seine Welt erfährt.

Leben heißt: Sich ohne Ende wandeln.
Wer am Alten hängt, der wird nicht alt.
So entschloss ich mich, sofort zu handeln,
Und das Wasser schien mir nicht mehr kalt.

Meine Arme dehnten sich zu breiten Flossen,
Grüne Schuppen wuchsen auf mir ohne Hast;
Als das Wasser mir auch noch den Mund verschlossen,
War dem neuen Element ich angepasst.

Lasse mich durch dunkle Tiefen träge gleiten,
Und ich spüre nichts von Wellen oder Wind,
Aber fürchte jetzt die Trockenheiten,
Und dass einst das Wasser wiederum verrinnt.

Denn aufs Neue wieder Mensch zu werden,
Wenn man´s lange Zeit nicht mehr gewesen ist,
Das ist schwer für unsereins auf Erden,
Weil das Menschsein sich so leicht vergisst.

.

Günter Kunert macht sogar deutlich, dass diese Stille, diese Trägheit, in der man so vor sich dahindümpelt, wie wir Menschen das nunmal gern tun, einem Zustand gleicht, der nicht dem Menschsein entspricht, sonst könnte er nicht davon sprechen, dass man wieder zum Menschen wird, wenn man aus diesen Tiefen, die so träge machen und dies über einen durchaus langen Zeitraum – vielleicht über mehrere Leben, vielleicht über Jahrzehnte (es ist nie zu spät aufzuwachen) – wieder auftaucht.

Denken wir an Odysseus, jenen Griechen, der im Altertum den Menschen verkörpert, der in seine Heimat will. Es waren seine Gefährten, die ihn dem Zauber der Circe entrissen. Odysseus wäre der trägen Tiefe einer Circe nicht entkommen, weil sie ihn so becirct hatte, dass er nicht merkte, wie er sein Ziel aus den Augen verlor, ein Bewusstseinszustand, der im Übrigen auch durch die zweite Station bzw. das zweite Abenteuer der Heimreise bereits widergespiegelt wurde, als Gefährten des Odysseus die Heimat vergaßen, weil sie von den Früchten der Lotophagen, dem Lotos, ähnlich süß wie Datteln und zur Gewinnung von Wein bestens geeignet, gekostet hatten, glückselig berauscht ganz und gar ihr Ziel vergaßen und mit Gewalt auf die Schiffe gezerrt werden mussten. Ob wir nun lotophagen- sprich kokain-, hasch- oder alkoholmäßig oder in einer circensischen Situation – hätte ich fast gesagt – becirct sind, der Heimat gehen wir auf jeden Fall verlustig, und es mag so schön ruhig und friedlich und still in uns sein, es ist eine tödliche Stille. – Es ist, klipp und klar ausgedrückt, der Tod im Leben. Keine Luft von keiner Seite! / Todesstille fürchterlich! – Im Inneren jedenfalls, auch wenn so viele Menschen so viel Lärm im Außen machen. Gerade deshalb machen sie es: ständiger Karneval, um die Todesstille nicht zu hören!

In einem Gedicht von Joseph von Eichendorff – überschrieben Nachtzauber – treffen wir diese tödliche Stille an, obwohl sie uns fast harmlos erscheinen will:

Hörst du nicht die Quellen gehen
Zwischen Stein und Blumen weit
Nach den stillen Waldesseen,
Wo die Marmorbilder stehen
In der schönen Einsamkeit?
Von den Bergen sacht hernieder,
Weckend die uralten Lieder,
Steigt die wunderbare Nacht,
Und die Gründe glänzen wieder,
Wie du´s oft im Traum gedacht.

Kennst die Blume du, entsprossen
In dem mondbeglänzten Grund?
Aus der Knospe, halb erschlossen,
Junge Glieder blühend sprossen,
Weiße Arme, roter Mund,
Und die Nachtigallen schlagen,
Und rings hebt es an zu klagen,
Ach, vor Liebe todeswund,
Von versunknen schönen Tagen-
Komm, o komm zum stillen Grund!

.

Hinter den in der ersten Strophe angesprochenen Marmorbildern verbirgt sich die göttliche Venus, jene Gestalt, die Menschen von der wahren Liebe abzieht in eine, die einer Abhängigkeit gleichkommt. Es ist jene Liebe, die Tannhäuser in Wagners Oper Tannhäuser im unterirdischen Reich der Venus auslebt, wo die Zeit stillsteht; wenn er davon erzählen wird, wird er seine Zuhörer – und so reagieren wahrscheinlich die allermeisten Männer – förmlich eifersüchtig machen, wie es anlässlich des Sängerfestes auf der Wartburg geschehen wird. Doch Tannhäuser weiß, warum er sich von Venus trennt: Er sehnt sich nach Frühling, nach des Himmels Gestirnen, nach dem Klang der Kirchenglocken, nach wirklichem Leben. Später wird er, dem der Papst, als er zu jenem wallte, seine Venus-Vergangenheit nicht verzieh, auch erkennen, dass dem wollüstigen Reich der Venus eines entgegensteht, das er in Wahrheit anstrebt, das nämlich der heiligen Elisabeth, die sich seit beider Zusammentreffen auf der Wartburg verzehrte in Sehnsucht nach ihm. An ihrem Sarg sterbend erkennt Tannhäuser ihre große Liebe.

Es ist die trügerische Venus-Sphäre, die mit Vergangenheit zu tun hat, mit Rückwärtsgewandtheit, in der Novelle Das Marmorbild mit einem steinernen Standbild, das im Frühling zum Leben erwacht und als heidnische Göttin, als Venus, Menschen in ihren unguten Bann zieht. Diese Liebe reduziert den Menschen auf Elementares, letztendlich auf Triebbestimmtes; sie mag glorifiziert werden, doch wer sich von ihr nicht löst ist wie ein Don Juan, ist ewig auf der Suche nach dem, um was es im Eigentlichen geht und dem er nicht näher kommt trotz allem (äußeren) Lust-Furor, in den er sich immer wieder stürzt.

So fällt auch Heines Rheinschiffer einer Loreley zum Opfer: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, / dass ich so traurig bin. – Solche Weiblichkeit braucht Männer, die nicht wissen, was es bedeuten soll und die Fragen danach gar nicht stellen.

In zahlreichen Märchen, Geschichten und Gedichten klingt dieses Thema mehr oder weniger deutlich an, beispielhaft sei hier nur verwiesen auf Hans Christian Andersens Die kleine Seejungfrau, auf Wolf Biermann Ballade von Leipzig nach Köln, auf Antonín Dvořáks Rusalka, Johann Wolfgang von Goethes Der Fischer oder auch Die neue Melusine, einer Erzählung aus Wilhelm Meisters Wanderjahre, auf Heinrich Heines Loreley, auf Franz Kafkas Das Schweigen der Sirenen, Rainer Maria Rilkes Insel der Sirenen oder auch Kurt Schwitters Die Nixe – diese Aufzählung wäre leicht um einige weitere Beispiele fortsetzbar – offensichtlich ist, wie sehr dieses Thema Menschen beschäftigt, betrifft! Mehr zu ihm ist in Beate Ottos Buch mit dem Titel Unterwasser-Literatur. Von Wasserfrauen und Wassermännern zu finden.

Zumeist geht es um ein Rückwärts-Fallen ins Elementare eines unbewussten bzw. wenig bewussten Lebens, auch wenn es manchmal märchenhaft verbrämt ist oder mit einem offenen Schluss versehen, der über das weitere Leben nichts aussagt, aber doch eigentlich keinen Zweifel über die Qualität der weiteren Existenz lässt wie z.B. in Goethes

Der Fischer

Das Wasser rauscht‘, das Wasser schwoll,
Ein Fischer saß daran,
Sah nach dem Angel ruhevoll,
Kühl bis ans Herz hinan.
Und wie er sitzt und wie er lauscht,
Teilt sich die Flut empor:
Aus dem bewegten Wasser rauscht
Ein feuchtes Weib hervor.

Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm:
»Was lockst du meine Brut
Mit Menschenwitz und Menschenlist
Hinauf in Todesglut?
Ach wüßtest du, wie’s Fischlein ist
So wohlig auf dem Grund,
Du stiegst herunter, wie du bist,
Und würdest erst gesund.

Labt sich die liebe Sonne nicht,
Der Mond sich nicht im Meer?
Kehrt wellenatmend ihr Gesicht
Nicht doppelt schöner her?
Lockt dich der tiefe Himmel nicht.
Das feuchtverklärte Blau?
Lockt dich dein eigen Angesicht
Nicht her in ew’gen Tau?«

Das Wasser rauscht‘, das Wasser schwoll,
Netzt‘ ihm den nackten Fuß;
Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll
Wie bei der Liebsten Gruß.
Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;
Da war’s um ihn geschehn;
Halb zog sie ihn, halb sank er hin
Und ward nicht mehr gesehn.

In dieser Existenzweise geht es um ein Leben bzw. Geschehen unter Wasser, verwiesen sei auf den Taucher, auf Petrus, der auch dort hätte landen können oder auf Kunerts Wie ich ein Fisch wurde.
Nicht immer findet man unter Wasser, in dieser abgedunkelten Welt, einen Ring, wie Schillers Taucher. Oder man findet ihn und diese reduzierte Welt, in der Liebe nicht gelebt werden kann, wie in Schillers Ballade in Gestalt einer Königstochter, die sich ihrem Vater und damit dem Bann des dunklen Königs nicht entziehen kann, weiß einen wieder hinabzuziehen, oft dann eben endgültig.

Nicht von ungefähr sind in der Bibel gleich zu Beginn der Schöpfungsgeschichte die Wasser geteilt in untere Wasser und obere Wasser. Deren tiefe Bedeutung mag nun klarer werden. Beide Ebenen sind seelische Bereiche und nur in den unteren Wassern zu leben bedeutet letztendlich, nicht Mensch zu sein.

Wenn Luther jene umstrittene Bibelstelle übersetzt mit Machet euch die Erde untertan, so ist damit auch gemeint, beider Wasserebenen Herr zu werden, was nicht bedeutet, sie zu unterjochen, sondern sie zu durchschauen und sich nicht von der unteren beherrschen zu lassen, sondern ihrer selbst Herr zu sein (auch die obere Wasserebene kann beherrschen, wie sie es mit jenen Menschen tut, die auf dieser Erde heilig sein wollen, obwohl sie es nicht sind – die Licht-und-Liebe-Fraktion der Esoterik wäre da zu nennen, mancher ach so fromme Christ oder Anthroposoph beiderlei Geschlechts).

Durch die Welt geht ein Riss, die einen leben unter Wasser, die anderen über Wasser, die einen in dunkler Stille, die anderen wollen nur in einer hellen und heilen Stille leben.

Heinrich Heine hat das in seinen Reisebildern so formuliert: „Ach, teurer Leser, wenn du über jene Zerrissenheit klagen willst, so beklage lieber daß die Welt selbst mitten entzwei gerissen ist. Denn da das Herz des Dichters der Mittelpunkt der Welt ist, so muß es wohl in jetziger Zeit jämmerlich zerrissen werden.“ Und Achim von Arnim sprach 1805 in seinem Aufsatz, der dem Ende des ersten Bandes von Des Knaben Wunderhorn beigefügt wurde, von dem „großen Riß der Welt, aus dem die Hölle uns angähnt.“ Sogar der ältere Goethe, ansonsten kein Freund zeitgenössischer Weltschmerz-Attitüde äußert 1813 in einem Brief an Zelter, daß „man in dieser jetzt zerrissenen Welt“ nicht mehr wisse, wem man eigentlich angehöre.

Diese Dissoziiertheit, diese Zerrissenheit wird oft in zwei Ebenen gespiegelt, dem, was unglücklich und leider oft abwertend als Heidentum bezeichnet wird und ein vorchristliches Stadium der Menschheit meint, und Christentum, wobei ich Christentum nicht mit Kirche verwechselt sehen möchte, denn die steckt meines Erachtens in ihrer Einstellung und ihrem Verhalten zu oft noch im Heidentum fest – C.G. Jung hat dazu profund geschrieben -, sondern ich verstehe Christentum als einen Bewusstseinszustand, der Bewusstsein weg von den alten Göttern und den Mysterien hin zu jedem Einzelnen und seiner Verantwortung verlagert.
Zum stillen Grund hingegen sinkt, wer träge gleitet, wer Verantwortung delegiert, sei es an alte Götter, an das Geld, an Versicherungen, an Wohlstand und Bequemlichkeit.

Christentum impliziert für mich das paulinische Prüfet alles genauso wie das Begreifen des Lebens als Weg über Fußwaschung, Versuchung, Standhaftigkeit gegenüber dem Pharisäischem, Heilung, wo es geht, das Zurückweisen des Petrus als eines Satans, obwohl er gerade noch so heilig sprach, das Erzählen in Gleichnissen und das Verstehen des Lebens als Gleichnis – alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis (Goethe im Faust) – und das Erkennen, dass alles aus Geist entsteht und in Wahrheit besteht.

Im Übrigen sollte man die Stille, die Eichendorff in Mondnacht anspricht, obwohl auf Vorchristliches Bezug nehmend, keinesfalls der Venus-Ebene zuordnen. Von Uranos und Gaia kommen wir alle! Wir bedürfen des Mondes und der Sonne, wir bedürfen des unteren Wassers und des oberen Wassers –  wir bedürfen des „Heidentums” (ich mag dieses Wort nicht, zu oft wird es abwertend verwendet und betrifft doch unsere wertvolle Vergangenheit) und des Christentums, um heil zu werden.

Lassen wir uns durch Gottfried Kellers Nixe nicht verführen:

Nicht ein Flügelschlag ging durch die Welt,
Still und blendend lag der weiße Schnee.
Nicht ein Wölklein hing am Sternenzelt,
Keine Welle schlug im starren See.

Aus der Tiefe stieg der Seebaum auf,
Bis sein Wipfel in dem Eis gefror;
An den Ästen klomm die Nix herauf,
Schaute durch das grüne Eis empor.

Auf dem dünnen Glase stand ich da,
Das die schwarze Tiefe von mir schied;
Dicht ich unter meinen Füßen sah
Ihre weiße Schönheit Glied um Glied.

Mit ersticktem Jammer tastet‘ sie
An der harten Decke her und hin –
Ich vergeß das dunkle Antlitz nie,
Immer, immer liegt es mir im Sinn!

.

Fallen wir, wie gesagt, nicht auf diese jammervolle Nixe in Winternacht herein. Indem wir ihr mittlerweile unzeitgemäßes Spiel durchschauen, erlösen wir sie, erlösen sie in uns.

Ich möchte abschließen mit einem der schönsten Sätze, den es für mich in der Literatur gibt. Er findet sich am Ende einer Novelle, die ein Mann geschrieben hat, geboren 1805 in Böhmen, dessen Stil unter Germanisten durchaus umstritten war und ist. Unterstellt wurden vor allem seinem Altersstil zu viele Wiederholungen und eine oberflächliche Darstellungsweise. – Wissenschaftler tun sich nun einmal schwer, Leute so sein lassen, wie sie sind.

Zu einer Zeit, als noch an deutschen Schulen Novellen wie Theodor Storms Schimmelreiter oder sein Pole Poppenspäler, die Judenbuche der Droste und Gottfried Kellers Kleider machen Leute gelesen wurden, war Adalbert Stifters Erzählung Bergkristall der Deutschen liebste Weihnachtsgeschichte.

Für unsere heute so aufgeregten Verhältnisse beginnt sie viel zu langweilig, als dass nicht viele sich gleich weiterklicken bzw. das Buch zuschlagen. Ein Fehler, wie sich herausstellen würde.

Der so langweilige Beginn lautet (Original Bergkristall ist wie gleich im Folgenden farblich abgesetzt):

Unsere Kirche feiert verschiedene Feste, welche zum Herzen dringen. Man kann sich kaum etwas Lieblicheres denken als Pfingsten und kaum etwas Ernsteres und Heiligeres als Ostern. Das Traurige und Schwermütige der Karwoche und darauf das Feierliche des Sonntags begleiten uns durch das Leben. Eines der schönsten Feste feiert die Kirche fast mitten im Winter, wo beinahe die längsten Nächte und kürzesten Tage sind, wo die Sonne am schiefsten gegen unsere Gefilde steht und Schnee alle Fluren deckt, das Fest der Weihnacht. Wie in vielen Ländern der Tag vor dem Geburtsfeste des Herrn der Christabend heißt, so heißt er bei uns der Heilige Abend, der darauf folgende Tag der Heilige Tag und die dazwischen liegende Nacht die Weihnacht.
(…)
In den hohen Gebirgen unsers Vaterlandes steht ein Dörfchen mit einem kleinen, aber sehr spitzigen Kirchturme, der mit seiner roten Farbe, mit weicher die Schindeln bemalt sind, aus dem Grün vieler Obstbäume hervorragt und wegen derselben roten Farbe in dem duftigen und blauen Dämmern der Berge weithin ersichtlich ist. Das Dörfchen liegt gerade mitten in einem ziemlich weiten Tale, das fast wie ein länglicher Kreis gestaltet ist. Es enthält außer der Kirche eine Schule, ein Gemeindehaus und noch mehrere stattliche Häuser, die einen Platz gestalten, auf welchem vier Linden stehen, die ein steinernes Kreuz in ihrer Mitte haben.
Diese Häuser sind nicht bloße Landwirtschaftshäuser, sondern sie bergen auch noch diejenigen Handwerke in ihrem Schoße, die dem menschlichen Geschlechte unentbehrlich sind, und die bestimmt sind, den Gebirgsbewohnern ihren einzigen Bedarf an Kunsterzeugnissen zu decken. Im Tale und an den Bergen herum sind noch sehr viele zerstreute Hütten, wie das in Gebirgsgegenden sehr oft der Fall ist, welche alle nicht nur zur Kirche und Schule gehören, sondern auch jenen Handwerken, von denen gesprochen wurde, durch Abnahme der Erzeugnisse ihren Zoll entrichten. Es gehören sogar noch weitere Hütten zu dem Dörfchen, die man von dem Tale aus gar nicht sehen kann, die noch tiefer in den Gebirgen stecken, deren Bewohner selten zu ihren Gemeindemitbrüdern heraus kommen, und die im Winter oft ihre Toten aufbewahren müssen, um sie nach dem Wegschmelzen des Schnees zum Begräbnisse bringen zu können. Der größte Herr, den die Dörfler im Laufe des Jahres zu sehen bekommen, ist der Pfarrer. Sie verehren ihn sehr, und es geschieht gewöhnlich, dass derselbe durch längeren Aufenthalt im Dörfchen ein der Einsamkeit gewöhnter Mann wird, dass er nicht ungerne bleibt und einfach fortlebt. Wenigstens hat man seit Menschengedenken nicht erlebt, dass der Pfarrer des Dörfchens ein auswärtssüchtiger oder seines Standes unwürdiger Mann gewesen wäre.
Es gehen keine Straßen durch das Tal, sie haben ihre zweigleisigen Wege, auf denen sie ihre Felderzeugnisse mit einspännigen Wäglein nach Hause bringen, es kommen daher wenig Menschen in das Tal, unter diesen manchmal ein einsamer Fußreisender, der ein Liebhaber der Natur ist, eine Weile in der bemalten Oberstube des Wirtes wohnt und die Berge betrachtet oder gar ein Maler, der den kleinen, spitzen Kirchturm und die schönen Gipfel der Felsen in seine Mappe zeichnet. (…)
Gegen Mittag sieht man von dem Dorfe einen Schneeberg (…)

So geht das seitenlang. Will das heute noch jemand lesen?

Wer es dennoch tut, kann gar nicht anders als innerlich zur Ruhe zu kommen. Adalbert Stifter ist kein Erzähler, der das Innere seiner Personen ausleuchtet oder gar seziert wie Thomas Mann. Behutsam bleibt er zuallermeist im Außen und überlässt es dem Leser, sich vorzustellen, wie es den Menschen seiner Erzählung in ihrem Inneren ergeht.
Wenn dies seine Oberflächlichkeit ausmachen sollte, gestehe ich, ist sie mir zutiefst sympathisch, denn, was mir nach einer solchen Lektüre vor allem bleibt, sind ihre Bilder in meinem Inneren. Und Bergkristall ruft viele hervor und hinterlässt ganz und gar eindrückliche.

Stifter nimmt seinen Leser an die Hand; irgendwann stehen wir dann auch mitten in Gschaid und wenden unseren Blick gegen Mittag, also gegen Süden zu einem Schneeberg mit Namen Gars hin, der mit seinen glänzenden Hörnern fast oberhalb der Hausdächer zu sein scheint, aber in der Tat doch nicht so nahe ist. Er sieht das ganze Jahr, Sommer und Winter, mit seinen vorstehenden Felsen und mit seinen weißen Flächen in das Tal herab. Als das Auffallendste, was sie in ihrer Umgebung haben, ist der Berg der Gegenstand der Betrachtung der Bewohner, und er ist der Mittelpunkt vieler Geschichten geworden. Es lebt kein Mann und Greis in dem Dorfe, der nicht von den Zacken und Spitzen des Berges, von seinen Eisspalten und Höhlen, von seinen Wässern und Geröllströmen etwas zu erzählen wüsste, was er entweder selbst erfahren oder von andern erzählen gehört hat.

Über einen Hals, also einen mäßig hohen Bergrücken, mit seiner Unglückssäule, errichtet zum Gedenken an einen dort verstorbenen Bäcker, gelangt man seitlich des Schneeberges entlang in ein anderes Tal mit einem stattlichen Marktflecken namens Millsdorf, dessen Bewohner viel wohlhabender sind als die von Gschaid. Es vergehen allerdings oft Monate, manchmal ein Jahr, bevor ein Bewohner von Gschaid nach Millsdorf kommt. Umgekehrt ist das so gut wie nie der Fall.

Wer im Übrigen jetzt noch liest, liebt es, ja genießt es vielleicht sogar, sich zu den Beschreibungen des Autors eigene Bilder zu machen oder er genießt, vielleicht, ohne es selbst zu bemerken, dass sich die Seele angesichts solch ungewohnter langen Weile wohlig auf dem inneren Sofa ausstreckt und einfach weiterliest.
Die ersten zehn der 60 (Reclam-)Seiten sind schlicht Landschaftsbeschreibungen obiger Art und erst nach 12 Seiten wird die erste Person erwähnt, der Schuster von Gschaid, dessen Haus auf dem Platz steht, wo sich die besseren Häuser befinden.
Jener Platzschuster war in seiner Jugend ein Gemsewildschütze gewesen und hatte überhaupt, wie die Gschaider sagen, nicht gutgetan. Er war auf allen Tanzplätzen und Kegelbahnen zu sehen. Wenn ihm jemand eine gute Lehre gab, so pfiff er ein Liedlein. Er ging mit seinem Scheibengewehre zu allen Schießen der Nachbarschaft und brachte manchmal einen Preis nach Hause, was er für einen großen Sieg hielt. Der Preis bestand meistens aus Münzen, die künstlich gefasst waren und zu deren Gewinnung der Schuster mehr gleiche Münzen ausgeben mußte, als der Preis enthielt, besonders da er wenig haushälterisch mit dem Gelde war. Er ging auf alle Jagden, die in der Gegend abgehalten wurden, und hatte sich den Namen eines guten Schützen erworben.
Doch dieses Wesen sollte sich ändern, nachdem er ein Auge auf die schöne Tochter des Färbermeisters von Millsdorf geworfen hatte. Zunehmend wurde er arbeitsam, und nach dem Tod seiner Eltern, durch welchen ihm deren Haus zugefallen war, legte er es darauf an, ein exzellenter Schuster zu werden. Tatsächlich erarbeitete er sich einen Ruf, so dass Leute sogar von weiters herkamen, um sich Schuhe von ihm anfertigen zu lassen, dergestalt dem ziemlich eigenwilligen und vierschrötigen Millsdorfer Färber schließlich nichts anderes übrig blieb, als in die Heirat seiner Tochter mit dem Schuster aus Gschaid einzuwilligen.
Der Ehe entsprossen zwei Kinder, Konrad und Susanne, die nur Sanna gerufen wurde, und weil schon ihre Mutter nie so recht sich als Millsdorfer Färberstochter in das Dorf Gschaid hatte hineinleben können, gelang dies den Kindern auch nicht so recht, zumal sie immer wieder zur Großmutter und zum Großvater nach Millsdorf wanderten und sich dort aufhielten. Oft wanderten sie den mehrstündigen Weg an einem Tag hin und zurück.
So geschah es auch an einem Weihnachtstag. Die Mutter befand das Wetter für annehmbar und sie entließ die Kinder mit dem Auftrag, Mutter und Vater zu grüßen und sagt, sie sollen recht schöne Feiertage haben (…)
Die Großmutter hatte sie kommen sehen, war ihnen entgegengegangen, fasste Sanna bei den erfrorenen Händchen und führte sie in die Stube.
Sie nahm ihnen die wärmeren Kleider ab, ließ in dem Ofen nachlegen und fragte sie, wie es ihnen im Herübergehen gegangen sei.
Als sie hierauf die Antwort erhalten hatte, sagte sie: »Das ist schon recht, das ist gut, es freut mich gar sehr, dass ihr wieder gekommen seid; aber heute müsst ihr bald fort, der Tag ist kurz, und es wird auch kälter, am Morgen war es in Millsdorf nicht gefroren.«
»In Gschaid auch nicht«, sagte der Knabe.
»Siehst du, darum müsst ihr euch sputen, dass euch gegen Abend nicht zu kalt wird«, antwortete die Großmutter.“
Was die Gute nicht wusste: In der kommenden Nacht sollte es den beiden sehr kalt werden und das, obwohl sie die Großmutter rechtzeitig auf den Rückweg schickte.
Zunächst setzte sanfter Schneefall ein und die Kinder genossen es, den Boden immer bedeckter mit dem Weiß des Schnees zu finden. Doch der Schneefall verstärkte sich.
Sie gingen sehr schleunig, und der Weg führte noch stets aufwärts.
Nach langer Zeit war noch immer die Höhe nicht erreicht, auf welcher die Unglücksäule stehen sollte, und von wo der Weg gegen die Gschaider Seite sich hinunterwenden musste.
Endlich kamen die Kinder in eine Gegend, in welcher keine Bäume standen.
»Ich sehe keine Bäume mehr«, sagte Sanna.
»Vielleicht ist nur der Weg so breit, dass wir sie wegen des Schneiens nicht sehen können«, antwortete der Knabe.
»Ja, Konrad«, sagte das Mädchen.
Nach einer Weile blieb der Knabe stehen und sagte: »Ich sehe selber keine Bäume mehr, wir müssen aus dem Walde gekommen sein, auch geht der Weg immer bergan. Wir wollen ein wenig stehen bleiben und herumgehen, vielleicht erblicken wir etwas.«
Keine Frage, die beiden waren im dichten Schneefall vom Weg abgekommen.
Wie im Folgenden der Knabe seine Schwester dick einpackt, ihr einen Teil seiner Kleider gibt. Wie die beiden, ohne es zu wollen, immer tiefer ins Hochgebirge hineinlaufen und vor allem das Mädchen so klaglos dem Bruder folgt, immer tapfer die kleinen Füßchen hebend, ihrem Bruder, der nie verzagt. Wie beiden eigentlich klar wird, dass sie hoffnungslos über Geröllfelder und durch Eisbrocken laufen, die mit Schnee überzogen sind: Adalbert Stifter liefert hier ein Meisterwerk einer zunehmend existentiellen Steigerung ab, die den Leser zutiefst mitzunehmen vermag, sind es doch Kinder, die hoffnungslos herumirren. Und das an Heiligabend.
Wenigstens hatte der dichte Schneefall aufgehört.
Die Kinder versuchten nun von dem Eiswalle wieder da hinabzukommen, wo sie hinaufgeklettert waren, aber sie kamen nicht hinab. Es war lauter Eis, als hätten sie die Richtung, in der sie gekommen waren, verfehlt. Sie wandten sich hierhin und dorthin und konnten aus dem Eise nicht herauskommen, als wären sie von ihm umschlungen. Sie kletterten abwärts und kamen wieder in Eis. Endlich, da der Knabe die Richtung immer verfolgte, in der sie nach seiner Meinung gekommen waren, gelangten sie in zerstreutere Trümmer, aber sie waren auch größer und furchtbarer, wie sie gerne am Rande des Eises zu sein pflegen, und die Kinder gelangten kriechend und kletternd hinaus. An dem Eisessaume waren ungeheure Steine, sie waren gehäuft, wie sie die Kinder ihr Leben lang nicht gesehen hatten. Viele waren in Weiß gehüllt, viele zeigten die unteren schiefen Wände sehr glatt und feingeschliffen, als wären sie darauf geschoben worden, viele waren wie Hütten und Dächer gegeneinandergestellt, viele lagen aufeinander wie ungeschlachte Knollen.
Eine gütige Hand mag sie zu einem Häuschen geführt haben, einer Hütte aus Stein, nach vorne offen, aber an den Seiten geschützt, die sie auf einmal vor sich sehen. Dort finden sie Unterschlupf, essen, was die Großmutter ihnen so fürsorglich mitgegeben hatte und sprechen sich Mut zu. Doch sind sie keineswegs außer Lebensgefahr:
»Sanna, du musst nicht schlafen; denn weißt du, wie der Vater gesagt hat, wenn man im Gebirge schläft, muss man erfrieren, so wie der alte Eschenjäger auch geschlafen hat und vier Monate tot auf dem Steine gesessen ist, ohne dass jemand gewusst hatte, wo er sei.«
»Nein, ich werde nicht schlafen«, sagte das Mädchen matt.
Konrad hatte es an dem Zipfel des Kleides geschüttelt, um es zu jenen Worten zu erwecken.
Nun war es wieder stille.
Nach einer Zeit empfand der Knabe ein sanftes Drücken gegen seinen Arm, das immer schwerer wurde. Sanna war eingeschlafen und war gegen ihn herübergesunken.
»Sanna, schlafe nicht, ich bitte dich, schlafe nicht«, sagte er.
»Nein«, lallte sie schlaftrunken, »ich schlafe nicht.«
Er rückte weiter von ihr, um sie in Bewegung zu bringen, allein sie sank um und hätte auf der Erde liegend fortgeschlafen. Er nahm sie an der Schulter und rüttelte sie. Da er sich dabei selber etwas stärker bewegte, merkte er, dass ihn friere und dass sein Arm schwerer sei. Er erschrak und sprang auf. Er ergriff die Schwester, schüttelte sie stärker und sagte: »Sanna, stehe ein wenig auf, wir wollen eine Zeit stehen, dass es besser wird.«
»Mich friert nicht, Konrad«, antwortete sie.
»Ja, ja, es friert dich, Sanna, stehe auf«, rief er.
»Die Pelzjacke ist warm«, sagte sie.
»Ich werde dir empor helfen«, sagte er.
»Nein«, erwiderte sie und war stille. (…)
Da fiel dem Knaben etwas anderes ein. Die Großmutter hatte gesagt: Nur ein Schlückchen wärmt den Magen so, daß es den Körper in den kältesten Wintertagen nicht frieren kann.
Er nahm das Kalbfellränzchen, öffnete es und griff so lange, bis er das Fläschchen fand, in welchem die Großmutter der Mutter einen schwarzen Kaffeeabsud schicken wollte. Er nahm das Fläschchen heraus, tat den Verband weg und öffnete mit Anstrengung den Kork. Dann bückte er sich zu Sanna und sagte: »Da ist der Kaffee, den die Großmutter der Mutter schickt, koste ihn ein wenig, er wird dir warm machen. Die Mutter gibt ihn uns, wenn sie nur weiß, wozu wir ihn nötig gehabt haben.«
Das Mädchen, dessen Natur zur Ruhe zog, antwortete: »Mich friert nicht.«
»Nimm nur etwas«, sagte der Knabe, »dann darfst du schlafen.«
Diese Aussicht verlockte Sanna, sie bewältigte sich so weit, dass sie das fast eingegossene Getränk verschluckte. Hierauf trank der Knabe auch etwas.
Der ungemein starke Auszug wirkte sogleich, und zwar um so heftiger, da die Kinder in ihrem Leben keinen Kaffee gekostet hatten. Statt zu schlafen, wurde Sanna nun lebhafter und sagte selber, dass sie friere, dass es aber von innen recht warm sei und auch schon in die Hände und Füße gehe. Die Kinder redeten sogar eine Weile miteinander. (…)
Wenn auch Konrad sich das Schicksal des erfrornen Eschenjägers vor Augen hielt, wenn auch die Kinder das Fläschchen mit dem schwarzen Kaffee fast ausgeleert hatten, wodurch sie ihr Blut zu größerer Tätigkeit brachten, aber gerade dadurch eine folgende Ermattung herbeizogen: so würden sie den Schlaf nicht haben überwinden können, dessen verführende Süßigkeit alle Gründe überwiegt, wenn nicht die Natur in ihrer Größe ihnen beigestanden wäre und in ihrem Innern eine Kraft aufgerufen hätte, welcher imstande war, dem Schlafe zu widerstehen.
In der ungeheueren Stille, die herrschte, in der Stille, in der sich kein Schneespitzchen zu rühren schien, hörten die Kinder dreimal das Krachen des Eises. Was das Starrste scheint und doch das Regsamste und Lebendigste ist, der Gletscher, hatte die Töne hervorgebracht. Dreimal hörten sie hinter sich den Schall, der entsetzlich war, als ob die Erde entzweigesprungen wäre, der sich nach allen Richtungen im Eise verbreitete und gleichsam durch alle Äderchen des Eises lief. Die Kinder blieben mit offenen Augen sitzen und schauten in die Sterne hinaus.
Auch für die Augen begann sich etwas zu entwickeln. Wie die Kinder so saßen, erblühte am Himmel vor ihnen ein bleiches Licht mitten unter den Sternen und spannte einen schwachen Bogen durch dieselben. Es hatte einen grünlichen Schimmer, der sich sachte nach unten zog. Aber der Bogen wurde immer heller und heller, bis sich die Sterne vor ihm zurückzogen und erblassten. Auch in andere Gegenden des Himmels sandte er einen Schein, der schimmergrün sachte und lebendig unter die Sterne floss. Dann standen Garben verschiedenen Lichtes auf der Höhe des Bogens wie Zacken einer Krone und brannten. Es floss helle durch die benachbarten Himmelsgegenden, es sprühte leise und ging in sanftem Zucken durch lange Räume. Hatte sich nun der Gewitterstoff des Himmels durch den unerhörten Schneefall so gespannt, daß er in diesen stummen, herrlichen Strömen des Lichtes ausfloß, oder war es eine andere Ursache der unergründlichen Natur. Nach und nach wurde es schwächer und immer schwächer, die Garben erloschen zuerst, bis es allmählich und unmerklich immer geringer wurde und wieder nichts am Himmel war als die tausend und tausend einfachen Sterne.
Die Kinder sagten keines zu dem andern ein Wort, sie blieben fort und fort sitzen und schauten mit offenen Augen in den Himmel.
Es geschah nun nichts Besonderes mehr. Die Sterne glänzten, funkelten und zitterten, nur manche schießende Schnuppe fuhr durch sie.
Endlich, nachdem die Sterne lange allein geschienen hatten und nie ein Stückchen Mond an dem Himmel zu erblicken gewesen war, geschah etwas anderes. Es fing der Himmel an, heller zu werden, langsam heller, aber doch zu erkennen; es wurde seine Farbe sichtbar, die bleichsten Sterne erloschen, und die anderen standen nicht mehr so dicht. Endlich wichen auch die stärkeren, und der Schnee vor den Höhen wurde deutlicher sichtbar. Zuletzt färbte sich eine Himmelsgegend gelb, und ein Wolkenstreifen, der in derselben war, wurde zu einem leuchtenden Faden entzündet. Alle Dinge waren klar zu sehen, und die entfernten Schneehügel zeichneten sich scharf in die Luft.
»Sanna, der Tag bricht an«, sagte der Knabe.
»Ja, Konrad«, antwortete das Mädchen.
Wie durch ein Wunder überleben die Kinder diese Nacht im Hochgebirge und dazu trägt bei, dass sie am Himmel eines Lichtes gewahr werden, das vor ihren Augen zunehmend erblüht.
Am Morgen setzen sie ihren Weg fort, doch führt er sie nicht aus den Eiswüsten hinaus.
Sie gingen nun in den Schnee hinaus. Er war in der heiteren Nacht noch trockener geworden und wich den Tritten noch besser aus. Sie wateten rüstig fort. Ihre Glieder wurden sogar geschmeidiger und stärker, da sie gingen. Allein sie kamen an keinen Rand und sahen nicht hinunter. Schneefeld entwickelte sich aus Schneefeld, und am Saume eines jeden stand alle Male wieder der Himmel.
Sie gingen dessohngeachtet fort.
Da kamen sie wieder in das Eis. Sie wussten nicht, wie das Eis daher gekommen sei, aber unter den Füßen empfanden sie den glatten Boden, und waren gleich nicht die fürchterlichen Trümmer, wie an jenem Rande, an dem sie die Nacht zugebracht hatten, so sahen sie doch, dass sie auf glattem Eise fortgingen, sie sahen hie und da Stücke, die immer mehr wurden, die sich näher an sie drängten und die sie wieder zu klettern zwangen.
Aber sie verfolgten doch ihre Richtung.
Sie kletterten neuerdings an Blöcken empor. Da standen sie wieder auf dem Eisfelde. Heute bei der hellen Sonne konnten sie erst erblicken, was es ist. Es war ungeheuer groß, und jenseits standen wieder schwarze Felsen empor, es ragte gleichsam Welle hinter Welle auf, das beschneite Eis war gedrängt, gequollen, emporgehoben, gleichsam als schöbe es sich nach vorwärts und flösse gegen die Brust der Kinder heran. In dem Weiß sahen sie unzählige vorwärtsgehende geschlängelte blaue Linien. Zwischen jenen Stellen, wo die Eiskörper gleichsam wie aneinandergeschmettert starrten, gingen auch Linien wie Wege, aber sie waren weiß und waren Streifen, wo sich fester Eisboden vorfand, oder die Stücke doch nicht gar so sehr verschoben waren. In diese Pfade gingen die Kinder hinein, weil sie doch einen Teil des Eises überschreiten wollten, um an den Bergrand zu gelangen und endlich einmal hinunterzusehen. Sie sagten kein Wörtlein. Das Mädchen folgte dem Knaben. Aber es war auch heute wieder Eis, lauter Eis.
Was sie nicht wissen, ist, dass mittlerweile zahlreiche Suchtrupps beider Dörfer am Berg sind und sie suchen.
Endlich war es dem Knaben, als sähe er auf einem fernen schiefen Schneefelde ein hüpfendes Feuer. Es tauchte auf, es tauchte nieder. Jetzt sahen sie es, jetzt sahen sie es nicht. Sie blieben stehen und blickten unverwandt auf jene Gegend hin. Das Feuer hüpfte immer fort, und es schien, als ob es näher käme; denn sie sahen es größer und sahen das Hüpfen deutlicher. Es verschwand nicht mehr so oft und nicht mehr auf so lange Zeit wie früher. Nach einer Weile vernahmen sie in der stillen, blauen Luft schwach, sehr schwach etwas wie einen lang anhaltenden Ton aus einem Hirtenhorne. Wie aus Instinkt schrieen beide Kinder laut. Nach einer Zeit hörten sie den Ton wieder. Sie schrieen wieder und blieben auf der nämlichen Stelle stehen. Das Feuer näherte sich auch. Der Ton wurde zum dritten Male vernommen, und dieses Mal deutlicher. Die Kinder antworteten wieder durch lautes Schreien. Nach einer geraumen Welle erkannten sie auch das Feuer. Es war kein Feuer, es war eine rote Fahne, die geschwungen wurde. Zugleich ertönte das Hirtenhorn näher, und die Kinder antworteten.
Auch hier bleibt Stifter sich treu. Er überlässt es dem Leser, in die folgenden Szenen einzutauchen, so, wenn die Mutter aufschreit und in den Schnee sinkt, als sie ihre Kinder Konrad und Sanna an den Händen ihrer Retter auf das heimatliche Haus zukommen sieht; wenn mit der Zeit all die anderen Suchenden einschließlich des alten Färbers, der von Millsdorf aus gesucht hatte, eintreffen; wenn das Glöcklein der Kirche von Gschaid läutet, das Hochamt verkündend, mit dem der Pfarrer gewartet hatte, und die Dorfbewohner, die noch unterwegs sind, auf die Knie sinken und beten.
In Gschaid wartete die Großmutter, welche herübergefahren war.
»Nie, nie«, rief sie aus, »dürfen die Kinder in ihrem ganzen Leben mehr im Winter über den Hals gehen.«
Die Kinder waren von dem Getriebe betäubt. Sie hatten noch etwas zu essen bekommen, und man hatte sie in das Bett gebracht. Spät gegen Abend, da sie sich ein wenig erholt hatten, da sich einige Nachbarn und Freunde in der Stube eingefunden hatten und dort von dem Ereignisse redeten, die Mutter aber in der Kammer an dem Bettchen Sannas saß und sie streichelte, sagte das Mädchen: »Mutter, ich habe heute nachts, als wir auf dem Berge saßen, den heiligen Christ gesehen.«

Einer der schönsten Sätze, die es für mich in Bezug auf Weihnachten und in der Literatur überhaupt gibt. Ein Zeugnis kindlicher Wahrheit, die vielleicht nur ein Kind erkennen kann.

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Ich wünsche allen meinen Leserinnen und Lesern ein gesegnetes Weihnachtsfest!

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PS.  Dieser Post basiert auf dem Themenabend des Literaturkreises Bad Kissingen vom 18. Dezember 2018

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Friedrich Lenaus Sonette: echt schön, aber Romantik und Sehnsucht können zu tatenlos sein! – Weiterentwicklung deutet sich an.

Wir neigen dazu – der eine mehr, der andere weniger -, einer Romantik anzuhängen, die unsere Seelenhaut netzt und sie wenigstens ein wenig kost. Wenn wir in unsere Kulturgeschichte schauen, finden wir Menschen, die ihr anhingen und mit ihr nicht glücklich wurden. Lenaus Gedicht Der Seelenkranke („Ich trag im Herzen eine tiefe Wunde …“) spricht diesbezüglich Bände.

In den folgenden vier Sonetten beweist jener österreichische Autor, der von 1802 bis 1850 lebte und eigentlich Nikolaus Franz Niembsch, Edler von Strehlenau hieß, seine Dichtkunst, zugleich ist fast jedes dieser Sonette ein Dokument einer seelischen Haltung, der man, findet man mehr als nur Facetten in sich, um der eigenen seelischen Gesundheit willen, bewusstmachende Aufmerksamkeit schenken sollte. Es gibt nicht wenige Menschen, die einen Hang zu ihr haben. Das ist an sich nicht schlimm; es ist dann so, und es ist so aus verschiedenen Gründen; bei Lenau mag es der frühe Tod des Vaters, die Wiederheirat der Mutter und das ruhelose Umziehen gewesen sein, was diese seelische Haltung auslöste – wer weiß, wie frühere Leben dazu beitrugen. Fest steht allerdings auch, dass er nie in seinem Leben ein Risiko scheute, nie den Wechsel und Veränderung (großes Kompliment!), das beweisen u.a. sein Aufbruch nach Amerika genauso wie seine mutige Rückehr. Fest steht aber auch, dass er sein Leben lang einen roten Faden suchte und ihn nie fand (so mein Eindruck).

Wenn wir auf die Leben solcher Menschen zurückblicken, dann kann es uns vergönnt sein, für das eigene Leben aus dem ihren zu lernen, auch aus seelischen Haltungen, die uns anrühren und durchaus auch berühren, uns aber auch zu einer Erkenntnis führen dürfen. Das gilt schon für das erste der folgenden vier Sonette: Die Luft hat fast Lähmendes; Schweigen der Vögel ist nie ein gutes Zeichen. Die Seele ergibt sich im zweiten Quartett und gewiss ist in diesem Zusammenhang schweigenstrunken eine bemerkenswerte Wortneuschöpfung. Unerwartet bricht dann in den Terzetten, also den letzten beiden Strophen eines Sonetts, etwas ein in diese Welt des Schlafens und der Träume:

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1.  Stimme des Windes

In Schlummer ist der dunkle Wald gesunken,
Zu träge ist die Luft, ein Blatt zu neigen,
Den Blütenduft zu tragen, und es schweigen
Im Laub die Vögel und im Teich die Unken.

Leuchtkäfer nur, wie stille Traumesfunken
Den Schlaf durchgaukelnd, schimmern in den Zweigen,
Und süßer Träume ungestörtem Reigen
Ergibt sich meine Seele, schweigenstrunken.

Horch! überraschend saust es in den Bäumen
Und ruft mich ab von meinen lieben Träumen,
Ich höre plötzlich ernste Stimme sprechen;

Die aufgeschreckte Seele lauscht dem Winde
Wie Worten ihres Vaters, der dem Kinde
Zuruft, vom Spiele heimwärts aufzubrechen.

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Wind steht bei entsprechenden (katholischen) Übersetzungen in den Schriften des Predigers Salomo, im Buch Kohelet, im Alten Testament also, für Nichtigkeit, Eitelkeit. Im Neuen Testament ist es der Wind, der das Wasser aufrührt und er ist zugleich der Geist Gottes, der weht, wo er will, wie es in Johannes 3,8 heißt.

Wind entspricht im Lateinischen dem Wort ventus und mehr ist hier in Lexika oft nicht angegeben; schlägt man aber unter anima nach, so findet es sich übersetzt mit Luft, Lufthauch, Luftzug, Wind, Atem, Hauch, Lebenskraft. Und schlägt man spiritus nach, so findet sich ebenso Hauch, Luftzug, Wind, Atem, Atmen, Lebenshauch, Leben.

Wind ist also weit mehr als der pure äußerliche ventus.

Die aufgeschreckte Seele mag wie die des Petrus sein, die dem Wasser gleicht und Angst bekommt, als er den das Wasser aufwühlenden Wind wahrnimmt (Angst lässt fast jeden in den Wassern der Seele untergehen). Und weil Lenau von dem Inneren als von der Seele spricht, denkt man unwillkürlich an einen Vater, der mehr ist als nur der leiblich-irdische; denn gerade der göttliche ruft der menschlichen Seele doch immer wieder zu: Komm heim!

Auch das zweite Sonett beginnt wie das erste. Es regt sich wenig, ja im Grunde nichts, denn rasten leitet sich von der Rast, der Ruhepause ab und entspricht nicht dem Präteritum von rasen. Sonst könnten die Disteln kam steinern wirken. Wenn Matthias Claudius in seinem Abendlied darum bittet: Lass uns einfältig werden, so ist diese Einfalt, die Einheit, die nur im Göttlichen zu finden ist, und diese ist weit entfernt von dem trüben in Eins-gefallen-Sein von Himmel und Erde, das wir im zweiten Quartett dieses zweiten Sonetts finden:

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2. Stimme des Regens

Die Lüfte rasten auf der weiten Heide,
Die Disteln sind so regungslos zu schauen,
So starr, als wären sie aus Stein gehauen,
Bis sie der Wandrer streift mit seinem Kleide.

Und Erd und Himmel haben keine Scheide,
In eins gefallen sind die nebelgrauen,
Zwei Freunden gleich, die sich ihr Leid vertrauen,
Und Mein und Dein vergessen traurig beide.

Nun plötzlich wankt die Distel hin und wider,
Und heftig rauschend bricht der Regen nieder,
Wie laute Antwort auf ein stummes Fragen.

Der Wandrer hört den Regen niederbrausen,
Er hört die windgepeitschte Distel sausen,
Und eine Wehmut fühlt er, nicht zu sagen.

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Regen rauscht und sein Niederbrechen wirkt wie eine Antwort auf ein stummes Fragen. Er, der Regen, könnte Antwort geben, wenn man ihn verstünde, das Fragen aber bleibt tonlos, stumm. So diffus, wie Himmel und Erde in eins gefallen sind, so unklar und nur wehmütig ist das Gefühl, das vielleicht eine Antwort gerne hätte, aber keine erhält. Oft bringt Regen Klarheit mit sich, reinigt die Luft; hier nicht.

Und wieder finden wir auch im folgenden Sonett Bewegungslosigkeit, Stillstand, zumindest im ersten Quartett; man könnte deshalb meinen, es könnte in den Schluchten totenstill sein, aber es ist gerade einmal so still, dass, was sonst kaum hörbar ist, wahrgenommen werden kann. Stille wird hier zur Voraussetzung, hören zu können:

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3. Stimme der Glocken

Den glatten See kein Windeshauch verknittert,
Das Hochgebirg, die Tannen, Klippen, Buchten,
Die Gletscher, die von Wolken nur besuchten,
Sie spiegeln sich im Wasser unzersplittert.

Das dürre Blatt vom Baume hörbar zittert,
Und hörbar rieselt nieder in die Schluchten
Das kleinste Steinchen, das auf ihren Fluchten
Die Gemse schnellt, wenn sie den Jäger wittert.

Horch! Glocken in der weiten Ferne tönend,
Den Gram mir weckend und zugleich versöhnend,
Dort auf der Wiese weiden Alpenkühe.[287]

Das Läuten mahnt mich leise an den Frieden,
Der von der Erd auf immer ist geschieden
Schon in der ersten Paradiesesfrühe.

.

Was sich Ende des zweiten Quartetts allein durch einen Gedanken andeutet, die Gemse könne den Jäger wittern, kündet wenig später Glockenläuten an. Es wirkt wie der Kirchengesang, der Faust aus seiner tödlichen Lethargie befreit und vor dem Selbstmord bewahrt. In der Deutschen Mythologie der Brüder Grimm lesen wir, dass Zwerge das Glockengeläut der Kirchen als Störung empfinden und es auch Riesen zuwider ist, dass es hingegen das Klagegeheul der Geister vertreibt und wir wissen, dass der Schlag eins der Kirchturm-Glocke die Toten des Friedhofs, die um Mitternacht ihre Gräber verlassen, zurück in die Särge zwingt. Hier, im Sonett, besänftigen die Glocken das Gemüt, ja versöhnen, was innerlich Gram bewirkte. Und jene Worte, die den Frieden ansprechen und das friedvolle Paradies, erinnern an die Worte Wilhelm Buschs in Bös und Gut:

.

Wie kam ich nur aus jenem Frieden
             Ins Weltgetös?
Was einst vereint, hat sich geschieden,
            Und das ist bös.

Nun bin ich nicht geneigt zum Geben,
             Nun heißt es: Nimm!
Ja, ich muß töten, um zu leben,
            Und das ist schlimm.

Doch eine Sehnsucht blieb zurücke,
            Die niemals ruht.
Sie zieht mich heim zum alten Glücke,
            Und das ist gut.

 

Nikolaus Lenau hat, was nun folgt, im letzten Terzett von Die Stimme der Glocke vorbereitet. Es nimmt Bezug darauf, dass Kinder aus einer geistigen Welt kommen, nicht einfach, wie mancher annehmen mag, ein physisches Produkt sind, in das sich eine Seele verirrt. Nein, Lenaus Bezugnahmen zum Paradies und zum Himmel sind zwar als Möglichkeit und als Vergleich gestaltet, aber man hat den Eindruck, dass er im Lauschen des Kindes mehr als nur ein Möglichkeit, die der Konjunktiv II suggeriert, sieht:

.

4. Stimme des Kindes

Ein schlafend Kind! o still! in diesen Zügen
Könnt ihr das Paradies zurückbeschwören;
Es lächelt süß, als lauscht es Engelchören,
Den Mund umsäuselt himmlisches Vergnügen.

O schweige, Welt, mit deinen lauten Lügen,
Die Wahrheit dieses Traumes nicht zu stören!
Laß mich das Kind im Traume sprechen hören
Und mich, vergessend, in die Unschuld fügen!

Das Kind, nicht ahnend mein bewegtes Lauschen,
Mit dunklen Lauten hat mein Herz gesegnet,
Mehr als im stillen Wald des Baumes Rauschen;

Ein tiefres Heimweh hat mich überfallen,
Als wenn es auf die stille Heide regnet,
Wenn im Gebirg die fernen Glocken hallen.

.

Lenaus erstes Quartett lässt es infolge des Konjunktiv II, der sich in lauscht verbirgt, offen, ob er es nur übertragen meint oder real, so wie es meines Erachtens ist: Kinder, die auf die Erde kommen, bringen in ihrem Schlaf das Paradies mit, es ist rein und geschützt vor dem Denken und den Einstellungen der Erwachsenen. Mit den Kindern ist das Paradies zugegen; wir dürfen das als Geschenk sehen und damit Kinder als Geschenk begreifen. Und, was sich Lenau nicht wirklich mehr vorstellen kann: ein kleines Kind, das schläft, hört noch die Engelchöre. Auch in unseren Traumwelten hören wir sie, wenn wir sie auch nicht in unser Bewusstsein retten. In den Tiefen des Traumes weitet sich der Kosmos; wenn wir aus dem Schlaf zurückkehren, muss unser Bewusstsein in den engen Körper zurück; wir können diese Weite nicht ins Bewusstsein hereinbringen, ein Vermögen, das Christus mehr und mehr konnte, seitdem er durch die Taufe im Jordan mit diesem weit entwickelten Menschen Jesus verbunden war. Ihm war es möglich, diese Weite des Kosmos, seine Göttlichkeit, in einen Menschen hineinzuzwängen; es ist nicht nur sein Tod ein Opfer gewesen, sondern Tag für Tag und Tag und Nacht dieses Unterfangen.

Ja, die Welt muss schweigen, damit dieses Kind zu hören ist. Aber die Menschheit ist meines Erachtens auf einer Stufe, auf der sie die Stimme des Kindes, des inneren göttlichen Kindes, nicht mehr nur im Traume hört. Die Stille der Erde wird transparenter; denn auch wenn genau das Gegenteil der Fall zu sein scheint, wenn Lüge im Weißen Haus hoffähig geworden ist und weltweit immer mehr dominiert: genau dann ist auch die Gegenbewegung da, nämlich, dass in Menschen Stille spricht.

Lenau weiß darum, weil in der Romantik die Stille auch eine dunkle Seite zeigt – genau deshalb! Das ist ein großes Verdienst der Romantik. Weil die Stille dadurch sich in ihrer wahren ganzheitlichen Gestalt zeigt, kann auch ihre klare Seite deutlicher zutage treten. Noch geschieht es bei Lenau in Form einer Ankündigung, die Wortwahl des zweiten Terzetts macht es deutlich: Das Heimweh hat überfallen – noch ist es ein zu passiver Vorgang, der dem Menschen widerfährt, noch hallen die Glocken, die aus der Stille kommen, in der Ferne, aber sie sind spürbar, fast vor dem Durchbruch, im Menschen klar zu tönen.

Auf diesem Weg zu klarem Bewusstsein, das Romantiker oft so sehr herbeisehnten, aber noch nicht ganz verstanden – mit Ausnahme von einem Novalis, möchte ich sagen – sind die Menschen unserer Tage und sie sollten sich von den Trumps und Putins dieser Erde, die morden und lügen, und denen, die so blitzgescheit daherreden wie ein Harald Lesch oder ein Bestseller-Philosoph wie Richard David Precht, aber nichts von der Kraft des Geistes verstehen, der in den Menschen zur Entfaltung kommen kann – oder keinen Mut haben, sich zu ihm zu bekennen -, nicht irritieren lassen. Es ist ein inneres Vermögen der Menschen, das sich mehr und mehr entwickelt, das im Übrigen die Enge der Konfessionen und die Falschheiten einer dubiosen Esoterik hinwegfegen wird.

.

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„Im ersten Licht“! Christlich-spirituelle Lyrik vorgestern und gestern – ob sie sich heute nur tarnt?

„und wenn ich dann im ersten Licht / deinen fetten Arsch sehe“ – Diese zwei Zeilen fand ich in einem zeitgenössischen Gedicht, als ich aufgrund von dessen Überschrift wähnte, es könne ein spirituelles sein. In Bezug auf vergangene Jahrhunderte hatte sich im Rahmen meiner Vorbereitung für den Themenabend des Bad Kissinger Literaturkreises zu christlich-spiritueller Lyrik mehr als genug Material angeboten. Schließlich gehören zu ihr nicht nur die Gedichte Dietrich Bonhoeffers, Reinhold Schneiders oder von Ricarda Huch, sondern auch die eindringliche Lyrik des Barock und das Liedgut, das vielleicht weltweit seinesgleichen sucht und sich mit Namen wie Martin Luther, Paul Gerhardt und Gerhard Tersteegen verbindet. Auch Goethes Selige Sehnsucht wollte einbezogen sein, Hofmannsthals Weltgeheimnis und ein Nietzsche, ein Wilhelm Busch, eigentlich auch Novalis, Mörike, Mascha Kaléko und andere. Als ich jedoch nach zeitgenössischer spiritueller Lyrik fahndete – u.a. in Conradys dicker Gedichtanthologie und im letzten Band von Reich-Ranickis 1000 Deutsche Gedichte, begegnete ich u.a. obigen Zeilen und empfand doch den Unterschied zu vergangenen Epochen recht krass, wenn es auch überhaupt nicht sinnvoll ist, hier Wertungen vorzunehmen, weil sie ein Verständnis für die Zeit, in der wir leben, untergraben.

Zweifelsohne sind die folgenden Ausführungen insgesamt recht umfangreich und sind nicht für Schnell-Leser oder Wegklicker geeignet; aber das wollen sie auch nicht sein; dazu ist das Thema zu wertvoll.

Bevor ich zu zeitgenössisch „spiritueller“ Lyrik komme, möchte ich drei Gedichte einbringen, die als ein gewisser Maßstab für das gelten mögen, was mir als spirituelles Gedicht zusagt; Kriterium ist für mich – und das ist gewiss subjektiv -, ob ich dem jeweiligen Gedicht anzuspüren glaube, dass es aus tiefem Inneren geschrieben ist, von einem Menschen, dem ich eben auch eine gewisse Tiefe anzuspüren glaube.

Eines dieser Gedichte ist Bonhoeffers (1906 – 1945) weithin und früher vielfach auswendig gelerntes Von guten Mächten wunderbar geborgen, das viele sicherlich kennen und das er, ohne es zu wissen, zu seinem letzten Silvester schrieb, das er erleben durfte, bevor er im Konzentrationslager Flossenbürg grausam hingerichtet wurde:

Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das du uns geschaffen hast.

Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört dir unser Leben ganz.

Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

.

Das zweite ist von Reinhold Schneider, der nur knapp dem Schicksal Bonhoeffers entging. Sein 1936 geschriebenes Gedicht wurde 1941 veröffentlicht (wie mutig!). Es ist in Sonettform geschrieben, bestehend also aus zwei Quartetten und zwei Terzetten, eine Form, die spirituellen und tiefgehenden Inhalten sehr entgegenkommt:

Allein den Betern kann es noch gelingen
Das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten
Und diese Welt den richtenden Gewalten
Durch ein geheiligt Leben abzuringen.

Denn Täter werden nie den Himmel zwingen:
Was sie vereinen, wird sich wieder spalten,
Was sie erneuern, über Nacht veralten,
Und was sie stiften, Not und Unheil bringen.

Jetzt ist die Zeit, da sich das Heil verbirgt,
Und Menschenhochmut auf dem Markte feiert,
Indes im Dom die Beter sich verhüllen,

Bis Gott aus unsern Opfern Segen wirkt
Und in den Tiefen, die kein Aug‘ entschleiert,
Die trockenen Brunnen sich mit Leben füllen.

.

Ein Sonett weist im ersten gegenüber dem zweiten Quartett gern Gegensätze auf (hier BeterTäter), die dann in den Terzetten oft in eine höhere Erkenntnis münden. Auch die Reimform ist mitunter ungewöhnlich, hier gleichen sich erstes und zweites Quartett; sie weisen einen umarmenden Reim auf; in den Terzetten reimen sich die entsprechenden Verse (abc – abc).

Das dritte Gedicht ist von Ricarda Huch (1864-1947), Schriftstellerin, Philosophin, Historikerin.
Eine beispielhafte Information zu ihrem Leben aus Wikipedia vermittelt einen Eindruck von ihrer großen Persönlichkeit:

>Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verweigerte Ricarda Huch eine von den Mitgliedern der Preußischen Akademie der Künste verlangte Loyalitätserklärung gegenüber dem neuen Regime mit der Begründung, dass sie „… verschiedene der inzwischen vorgenommenen Handlungen der neuen Regierung aufs schärfste mißbillige“.<   –  Mutig!

Ihr Werk Luthers Glaube finde ich absolut lesenswert und ich zitiere im Folgenden eine meiner Lieblingsstellen (man denkt unwillkürlich an den schweren Kelch, von dem Bonhoeffer spricht):

Die meisten Berufenen scheitern daran, dass sie nicht kämpfen und leiden wollen. Sie möchten wohl Auserwählte sein, aber, wie Papageno [in Mozarts Zauberflöte; J.K.], nicht durch Feuer und Wasser gehen, und gleichen Frauen, die sich nach Kindern sehnen, aber die Qual, sie zu tragen und hervorzubringen, nicht auf sich nehmen mögen. Es gibt Menschen, die dem Leiden ausweichen, und es gibt Menschen, die das Leiden suchen und denen das Leiden ausweicht; wen Gott auserwählt hat, dem zwingt er das Leiden auf. Und zwar zwingt er es ihm auf durch das Mittel, durch welches er überhaupt im Menschen wirkt, nämlich durch das Herz; insofern nun jedem sein Herz selbst angehört, macht jeder sich sein Schicksal selbst.

Ihre tiefe Religiosität ist in all ihren Schriften spürbar, ganz besonders auch in ihrem folgenden Sonett:

Du warst in dieser götterlosen Zeit,
Wo trübe Träumer ohne Lichtgedanken
Wie leere Schiffe unterm Himmel schwanken,
Der Stern, der mich geführt hat und gefeit.

Die Spur, die du gegangen zu betreten,
Dass ich nicht irrte, war mein hohes Ziel.
Von irdischen Geschäften, Drang und Spiel
Trug mich empor das Glück dich anzubeten.

Wie nachts ein Segel steuernd heimatwärts
Der Leuchte zu die schweren Nebel spaltet
Und so gelenkt sich in den Hafen rettet,

Ging ich getrost, den Blick an dich gekettet,
Die Hände gläubig auf der Brust gefaltet,
Durch Flut und Dunkel an dein strahlend Herz.

.

Nun zu den Gedichten, die ich aufgrund meines Durchblätterns des zehnten Bandes von Reich-Ranicki rasch zu finden hoffte – was sich als ein Irrtum erwies, weshalb ich mir im Inhaltsverzeichnis einige anstrich, die aufgrund des Titels einen Spiritualitäts-Verdacht aufkommen lassen konnten – viel mehr als vier fand ich nicht; das erste im Folgenden:

Nicolas Born (1937 – 1979) Es ist Sonntag

Es ist Sonntag
die Mädchen kräuseln sich und Wolken
ziehen durch die Wohnungen –
wir sitzen auf hohen Balkonen.
Heute lohnt es sich
nicht einzuschlafen
das Licht geht langsam über in etwas
Bläuliches
das sich still auf die Köpfe legt
hier und da fällt einer
zusehends ab
die anderen nehmen sich
zusammen.
Diese Dunkelheit mitten im Grünen
dieses Tun und Stillsitzen
dieses alles ist
der Beweis für etwas anderes

.

Hadayatullah Hübsch (1946 – 2011), ein deutscher Schriftsteller, Publizist, Aktivist der 68er-Bewegung und langjähriger Pressesprecher der Ahmadiyya Muslim Jamaat in der Bundesrepublik Deutschland e. V. hat das Gedicht Borns auf zwei Seiten interpretiert. Hübsch war in der Nuur-Moschee in Frankfurt Imam Dschuma (Leiter der Freitagspredigt). Mit bürgerlichem Namen Paul-Gerhard Hübsch, veröffentlichte er über 100 Bücher. Bei Wikipedia heißt es über ihn:

„Um 1970 erschienen noch unter dem Namen Paul-Gerhard Hübsch mehrere Gedichtbände bei Luchterhand, im Maro Verlag und in der Verlagsedition Dittmer. Acht Jahre war Hübsch für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung tätig, die auch seine Gedichte veröffentlichte, bis er 1979 nach seiner Konversion zum Ahmadiyya-Islam eine bekannt gewordene Kündigung bekam, in der es zur Begründung heißt, Hübsch sei „eine außergewöhnliche, jeglichen bürgerlichen Rahmen des Abendlands sprengende Erscheinung“.

Er schrieb auch für Die Welt, die taz und die Süddeutsche Zeitung sowie diverse alternativen Literaturzeitschriften. Von 1991 bis 1998 war er dazuhin Vorsitzender des Verbandes deutscher Schriftsteller in Hessen und arbeitete für den Ethikrat des Landes. Ein, wie es scheint, durchaus im Leben stehender Mann.

Zu Borns Gedicht nun schreibt Hadayatullah Hübsch bei Reich-Ranicki:

”Ich mag diese geheimnisvollen Stunden, denen Born auf der Spur ist, ich mag seine Traumwelt von morgen, die wir, ohne schlaflos zu sein, in diesen Zeilen wiederfinden. Es ist die gelebte, geliebte Vorstellung von den anderen Welten in uns und außer uns, die den Weg zeigen, zum Paradies. (…) Wer sich zusammennimmt, wird wieder ganz. Keine panische Krankheit befällt ihn. (…) Ich gehe mit Born, weil er mich an seinen feinfühligen Zeilen teilhaben lässt, weil er nicht aufhört zu sagen, dass wir auch morgen noch anwesend sein können. (…) Wir werden aufgefordert, den neuen Menschen in uns entstehen zu lassen. Wir werden die geflüsterte Nachricht von der Anderen Welt in uns aufnehmen und das Warten lernen.”

Weg zum Paradies? Ganzheit, der man zugeführt werden kann?
Ich lese bei Born gewiss von einem bläulichen Licht, das sich auf die Köpfe legt, aber auch von abfallenden Köpfen, von Leuten, die sich zusammennehmen, von Dunkelheit, Tun und Stillsitzen als einem Beweis für etwas Anderes. – Ich bin mir nicht sicher, ob Hübsch und ich dasselbe Gedicht gelesen haben :-(

Angekreuzt hatte ich mir auch Stadtkirche am Vormittag, geschrieben von Rainer Malkowski (1939 – 2003). Zunächst bei Berliner Zeitungsverlagen tätig, arbeitete er etliche Jahre in der Werbung und war zuletzt Geschäftsführer und Teilhaber einer großen Werbeagentur, bevor er sich nach frühen literarischen Versuchen ganz dem Schreiben widmete.
Bei Reich-Ranicki lese ich unter Stadtkirche am Vormittag folgende Malkowski-Zeilen:

Wer die Tür nicht festhält,
löst einen Schuss aus:
Totenstille danach im Kirchenschiff.

Die alte Frau in der letzten Bank,
vornübergenickt,
rührt sich nicht

Das Haus des Lebendigen –

erhellt durch eine Orange,
die in der Dämmerung allmählich
aus dem Einkaufsnetz der Frau
zu leuchten beginnt.

.

In einem Gedicht von Malkowski heißt es:
„So kann man leben: / jeden Tag ein paar Sätze aufschreiben. / Andere sind Arzt / oder fahren einen Omnibus“ (es geht mir selbst nicht um eine Wert-Bewertung dieser Tätigkeiten, nur dachte ich eigentlich schon, dass Schreiben mehr mit dem eigenen Inneren zu tun hat als Omnibusfahren).

Was mir auffiel:

Strophe 1: Mit 13 Worten erfasst und bringt Malkowski eine Situation auf den Punkt, die fast jeder kennt (ich erinnere mich an solche Schüsse).
Strophe 2: Kirchen sind immer wieder mal, wenn man sie beispielsweise auf der Durchreise betritt, totenstill, ja fast abweisend, nichtssagend (mir geht es so); leblos sind da, wirken da selbst Lebewesen, die sich dort aufhalten. – Das erfasst Malkowski mit wenigen Worten.
Strophe 3: Ein Versprechen, das sich subjektiv oft nicht einlöst. Wie gesagt, Kirchen können kalt und abweisend wirken bzw. sein. Ob Malkowski diese Zeile ironisch meint?
Strophe 4: Ausgerechnet Materielles wird an einem Ort wichtig (und fängt an zu leuchten), an einem Ort, der doch eigentlich Immaterielles betont sehen möchte.
Man könnte den Schluss auch als bewusst antireligiös gedacht lesen (nicht der Lebendige leuchtet, sondern eine Orange …) – um das selbst mit aller Vorsicht beantworten zu können, müsste man Malkowski oder zumindest weitere Teile seines Werkes kennen.

Die Frage, die sich mir aufgrund der Zeilen stellte:
*  Wenn ich in eine Kirche gehe: Will ich dann etwas finden, was ich nicht habe?
*  Oder will ich etwas finden, das ich eigentlich bei mir/ in mir habe?
….Was mir zu finden vor allem bzw. nur in der Kirche gelingt?

In der Kirche gewinnt im Gedicht auf einmal das Materielle Gewicht.
Es beginnt zu leuchten.
Die alte Frau ist sich dieses Leuchtens nicht bewusst.
Vielleicht wäre sie nicht so leblos, wenn sie wüsste, dass die Orange zu leuchten beginnt.
Vielleicht täte es ihr gut?
Ob dann auch ihr Seelisches zu leuchten begänne?

Das dritte Gedicht mit dem Titel Mit Blick auf den Kölner Dom ist von Doris Runge (*1943) verfasst. Die Überschrift erinnerte mich an den Anblick des Straßburger Münsters und Goethes Zeilen dazu – hier ein Auszug:

Mit welcher unerwarteten Empfindung überraschte mich der Anblick, als ich davortrat. Ein ganzer, großer Eindruck füllte meine Seele, den, weil er aus tausend harmonierenden Einzelnheiten bestand, ich wohl schmecken und genießen, keineswegs aber erkennen und erklären konnte. Sie sagen, daß es also mit den Freuden des Himmels sei, und wie oft bin ich zurückgekehrt, diese himmlisch-irdische Freude zu genießen, den Riesengeist unsrer ältern Brüder in ihren Werken zu umfassen. Wie oft bin ich zurückgekehrt, von allen Seiten, aus allen Entfernungen, in jedem Lichte des Tags zu schauen seine Würde und Herrlichkeit. Schwer ist’s dem Menschengeist, wenn seines Bruders Werk so hoch erhaben ist, daß er nur beugen und anbeten muß. Wie oft hat die Abenddämmerung mein durch forschendes Schauen ermattetes Aug mit freundlicher Ruhe geletzt, wenn durch sie die unzähligen Teile zu ganzen Massen schmolzen und nun diese, einfach und groß, vor meiner Seele standen und meine Kraft sich wonnevoll entfaltete, zugleich zu genießen und zu erkennen. Da offenbarte sich mir in leisen Ahndungen der Genius des großen Werkmeisters. Was staunst du? lispelt‘ er mir entgegen. Alle diese Massen waren notwendig.

Goethe schrieb seinen berühmten Aufsatz, um dem Baumeister des Domes, einem Erwin von Steinbach (um 1244 – 1318) Ehre zu erweisen.

Hier nun Doris Runges (*1943) Mit Blick auf den Kölner Dom

wir sehen nicht
was wir wissen
den doppellauf
der türme
den himmlischen
rücken küssen
wir frühstücken
apfel und ei
erkennen
daß wir im nebel
reisen müssen

.

Vielleicht liegt es noch an Malkowskis Schuss in der Kirche, dass ich bei doppellauf eher an den Doppellauf eines Gewehres dachte als an Dom-Türme – „Jagdlied” heißt allerdings auch der erste Gedichtband Doris Runges.
Bei dem himmlischen Rücken handelt es sich wohl um den des Partners oder der Partnerin – ob das lyrische Ich, das sich hier zu Wort meldet, ein Mann oder eine Frau ist, bleibt unklar.
Das Gedicht bezieht sich wohl auf einen Blick aus einem Kölner Hotelfenster, wobei man eben – siehe den Anfang – sich den Kölner Dom mit seinem doppellauf denken muss, weil er nicht zu sehen ist.

Keine Frage: Wirklichkeit fangen die zitierten Gedichte alle ein, jedes auf seine Weise, und man muss dieses Einfangen nicht beurteilen – wenn man sich auch einer gewissen Wertung wird vielleicht nicht enthalten können oder wollen . . . Sicherlich enthalten sie eine gewisse Spiritualität bzw. Anti-Spiritualität. Vermutlich aber bilden sie durchaus das Dichten in unseren Zeiten ab, wobei es auch Gedichte gibt wie Kunerts Wie ich ein Fisch wurde, eine Ballade, angesprochen im Literaturkreis Bad Kissingen am vorausgehenden Abend, die ganz und gar unser Inneres anspricht.

Dome und Kathedralen sind vor Jahrhunderten geschaffen mit der Absicht, Himmlisches auf Erden abzubilden. Das ist sozusagen ein freimaurerisches Anliegen, denn den Freimaurern ging und geht es darum, das Leben auf Erden zu veredeln, einer höheren Bestimmung zuzuführen.

Die oft zu findenden Doppeltürme der Dome und Kathedralen (Runge spricht von doppellauf) – selbst das Straßburger Münster hätte zwei, wenn der Südturm wie geplant gebaut worden wäre – gibt das duale Prinzip von Gott und seinem Widersacher, von Himmel und Erde, von Hell und Dunkel wieder, Polaritäten, die unser Leben ausmachen und göttlich sind, denn der Mensch wurde der Bibel nach, dem göttlichen Ebenbild entsprechend, männlich-weiblich geschaffen (Luther übersetzte hier leider ungenau und spricht von Mann und Frau). Von daher entspricht die polare Struktur unserer Wirklichkeit einer göttlichen Wirklichkeit: Wie im Himmel, so auf Erden, heißt es im Vater unser und vergleichbar bei Hermes Trismegistos in seiner Tabula Smaragdina.
Dafür stehen auch Jachin und Boas (die Säulen am Eingang des altesttamentarischen Tempels), Abel und Kain, Jesus und sein Versucher, zwei Seelen in der Brust, von denen im Faust die Rede ist, und die beiden Sphinxen in Michael Endes Unendlicher Geschichte, durch die Atréju hindurch muss – gleiches gilt für Odysseus hinsichtlich Scylla und Charybde  . . .

Dieses Bewusstsein hat Rainer Maria Rilke, der meines Wissens kein Freimaurer war wie ein Goethe, ein Herder, ein Mozart und viele andere, 1899 ein Gedicht schreiben lassen, das die drei wichtigen Freimaurergrade deutlich anspricht (Lehrling, Geselle, Meister) und auch ansonsten in diesem Geist verfasst ist:

Werkleute sind wir: Knappen, Jünger, Meister,
und bauen dich, du hohes Mittelschiff.
Und manchmal kommt ein ernster Hergereister,
geht wie ein Glanz durch unsre hundert Geister
und zeigt uns zitternd einen neuen Griff.

Wir steigen in die wiegenden Gerüste,
in unsern Händen hängt der Hammer schwer,
bis eine Stunde uns die Stirnen küsste,
die strahlend und als ob sie Alles wüsste
von dir kommt, wie der Wind vom Meer.

Dann ist ein Hallen von dem vielen Hämmern
und durch die Berge geht es Stoß um Stoß.s
Erst wenn es dunkelt lassen wir dich los:
Und deine kommenden Konturen dämmern.

Gott, du bist groß.

.

Rilkes religiöse Vorstellungen wandeln sich im Laufe seines Lebens. Doch immer
bleibt der Dichter einem „nahen und schwer fassbaren Gott“  verbunden, den er nicht in ein festes Gottesbild eingesperrt sehen will, so formuliert es Burkhard Reinartz im Deutschlandfunk.

Alle, welche dich suchen, versuchen dich.
Und die, die dich finden, binden dich
An Bild und Gebärde.

Ich aber will dich begreifen
Wie dich die Erde begreift,
Mit meinem Reifen
Reift
dein Reich.

Auffallend jedoch bei Rilke ist, dass das Alte Testament so präsent ist; er schrieb:
„Denn was suche ich mehr als den einen Punkt, den alttestamentarischen, an dem das
Schreckliche mit dem Größten zusammenfällt.“ Unübersehbar ist, wie sehr hier die Ablehnung – ja ich möchte fast von Verachtung sprechen – von Christus und Jesus durchschlägt, wie wir sie in seinen 11 Christusvisionen finden. Rilke wirft kunterbunt Jesus und Christus durcheinander und differenziert nicht zwischen dem Menschen Jesus und Christus, dem Logos. Und wir finden Jesus auf dem Prager Judenfriedhof in einer wenig angenehmen Atmosphäre, ja, in  Der Narr zerfetzt Jesus einem Mädchen namens Anna das Kleidchen . . .

Gewiss ist auch für seine Dichtung zu berücksichtigen, dass Rilke ein ziemlich problematisches Verhältnis zu Frauen hatte. Heimo Schwilk weist in Rilke und die Frauen  z.B. darauf hin, dass die von dem Dichter subtil umworbenen Fürstinnen, Baronessen und Gräfinnen nicht nur reizvoll, sondern auch vermögend waren und immer dienstbar, was die Förderung des rastlosen Dichters anging; er verweist auf sein extravagantes Leben auf Schlössern und in Adelszirkeln, auch darauf, dass er ein Meister des Rückzugs  war und zwar für einen tabufreien Umgang mit der Sexualität plädierte,  sie allerdings selbst kaum praktizierte, worunter er durchaus litt – er formuliert: „Rilke war ein Sänger der Liebe, aber gewiss kein guter Liebhaber.”

Etwas, was seine spirituelle Entwicklung meines Erachtens sehr beeinflusste, waren seine okkulten Aktivitäten (hier ein wenig dazu), die durchaus ausgeprägt waren und Rilke meiner Ansicht nach negativ beeinflussten; eventuell rührt aus möglichen energetischen Besetzungen ein Teil der Schwermut, die wir gegen Ende seines Lebens in den Duineser Elegien und den Sonetten an Orpheus immer wieder finden. Und es verwundert nicht, dass  Lou Andreas-Salomé ihm schrieb: Gehe denselben Weg Deinem dunklen Gott entgegen. – Wir finden bei Rilke einen sehr hellen Gott, aber eben auch einen dunklen.

Kein Mensch hat nur helle Seiten; das gilt natürlich auch für Rilke. Gewiss aber erforderte seine Sensibilität ein Verhalten, das mit gewöhnlichen Maßstäben nicht zu messen ist; von daher mag man mit Wertungen gerade ihm gegenüber sehr vorsichtig sein.

Um noch einmal auf obiges Gedicht zu sprechen zu kommen: Tatsächlich sind wir, wie Rilke schreibt, alle Werkleute und es liegt an uns, ob wir eine Würstchenbude bauen, ein solides Haus oder gar eine Kirche.
Mancher allerdings, der glaubt, hier eine Kathedrale gebaut zu haben, findet in der geistigen Welt vielleicht nur einen Kiosk vor (ich vemute, es trifft auf nicht wenige Politiker zu, deren Antrieb bei all ihrem Tun vor allem war, ihr Ego zu protegieren und ihre Machtgelüste zu befriedigen; mancher unscheinbare Mensch aber hat vielleicht ein Münster gebaut, weil er an sich arbeitete, ehrlich und der Wahrheit verpflichtet, so gut er es konnte …)

Und um auch noch einmal auf Doris Runge zu sprechen zu kommen:
Seltsam wie wahr das ist, was Doris Runge schreibt, dass sie nicht sieht, was sie eigentlich weiß. Vermutlich weiß sie, was ich oben im Zusammenhang mit einem Dom angesprochen habe.
Klar steht ihr frei zu schreiben, wie es ihr geht und was sie konstatiert: dass sie im Nebel reisen. – Vielleicht ist ihr Schluss kein Zufall!

   Im Nebel schrieb schon Hermann Hesse (1877-1962).

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den andern,
Jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allen ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.

.

Man kann allerdings auch Nebel auf den Kopf stellen oder von hinten lesen. Manchmal ist das ganz gut! Man weiß dann, was auf dem Spiel steht! —

Ich habe mir dann noch Karin Kiwus´ Im ersten Licht zugemutet; es klang doch ganz verheißungsvoll und ich glaubte, ich könne auf Spirituelles treffen. Es wird einem jedoch nicht licht, wenn man ihre Zeilen liest, weshalb ich sie lieber nur verlinkt habe (man stelle sich also – siehe den Anfang – auf Derbes ein).

Immer mal wieder lese ich im Netz auf drei, vier Gedichte-Blogs, unter anderem dem von  Hannah Buchholz. Sie schreibt terzinenhaft, sozusagen im Dreiertakt, dem Walzertakt des Herzens – sie selbst bezeichnet ihre Strophen als Haikus. Ihre Sprache empfinde ich als einfach, unverschnörkelt, ehrlich:

I
Unendlich erschöpft
und zugleich: so lebendig
wie niemals zuvor!
*
So viel gesprochen,
geschrieben, geliebt! So viel
geweint – und gelacht!
*
So viel gelebtes
Leben: in so kurzer Zeit!
So viel Dankbarkeit!

II
So viele Freunde
getroffen und gesprochen!
So viele Briefe!
*
So viel Trauer – und
noch viel mehr Glück erfahren –
in so kurzer Zeit!
*
So viel Schmerz und Glück,
so viel Wärme und Kälte,
so viel Dankbarkeit!

III
So viele Blumen,
so viel Schönheit, soviel Kraft,
so viel Energie!
*
So viele Engel
in Menschengestalt! So viel
himmlischer Beistand!
*
So viel Zuspruch – und

so viele Umarmungen!
So viel Dankbarkeit!

IV
So viel vergessen,
so viel erinnert, so viel
gelebt – und durchlebt!
*
So viele Sterne,
so viele Worte, so tief
gefühlt – und geliebt!
*
So viel Dankbarkeit
für all eure Worte – und
für dieses Leben!

.

Dankbarkeit bewirkt Lebensfreude: Paulus nennt Freude im Galaterbrief an zweiter Stelle unter den neun Früchten des Geistes.

Richtig gern lese ich auch die Gedichte von Constanze auf ihrem Gedichte-Blog, den sie zusammen mit Wolfregen betreibt. Eines ihrer Gedichte lautet:

~ Maizimmer ~

Ein Vogel singt dir im Gemach
Mailieder von Tapetenwänden,
du wünschst, es möge niemals enden,
still hängst du deinen Träumen nach…
und plötzlich streift dich sachte nur der Wind
durch Flügel, Fenster, die geöffnet sind,
du wandelst, stehst und trittst ganz nah heran
und Blick und Seele von der Brüstung gleiten
hinaus in Gärten, die das Innre weiten
– klar tönt durchs Dickicht dir ein Eulenruf -,
nie grüner, bunter scheint es dir sodann
an diesem wunderbaren Ort;
er wird für dich zu einem Hort
von allem, was in Schönheit klingt,
dir lieblich leis im Herzen schwingt –
ein Frühling, den Gott nur für dich erschuf!

.

Diese Gedichte spechen, auch wenn sie es nicht sonderlich dezidiert tun, immer auch eine seelisch-geistige Ebene an, die oft mehr aus dem Zwischenraum der Zeilen spricht.

Die Münchenerin Saskia Lucia Birkner nimmt immer wieder mal die Jahreszeiten zum Anlass, sich Gedanken über sich selbst und das Leben zu machen. Gern schreibt sie auch über Liebe und wie sie diese erfährt und ihr begegnet. Bemerkenswert finde ich acht Worte von ihr, geschrieben am 7. August 2016, –

In eurer Besinnungslosigkeit,
Worte,
komme ich zu euch

–  um dann am 9. August zu formulieren:

An den Ort
an dem Sprache und Sinn
Hochzeit halten
.
sehne ich mich
seit Urgedenken
.
er muss heilig sein.

 

Ihre Gedanken finde ich vergleichbar denen, die Goethe Mephistopheles in seinem Faust ansprechen lässt, dem es angelegen ist, Geist und Buchstabe auseinanderzudividieren – wie wir in unserer Realität sehen, mit viel Erfolg, erleben wir doch zur Zeit einen Kult der Lügen, des Spaltens und des Hasses und ist es doch so hohl, was wir oft in diesem mephistophelischen Sinne hören, Worte ohne Sinn, ohne Geist:

Wer will was Lebendigs erkennen und beschreiben,
 / Sucht erst den Geist heraus zu treiben,
 / Dann hat er die Teile in seiner Hand,
 / Fehlt, leider! nur das geistige Band.

Was Saskia Lucia anspricht, findet sich auch in Hugo von Hofmannsthals (1874-1929) Weltgeheimnis thematisiert. Seine Terzinen beginnen mit der Zeit, bevor Gott sprach (zu Adam und Eva) – im Sinne Rilkes könnte man von einem Weltinnenraum sprechen, einem Weltinnenraum der Intuition:

Der tiefe Brunnen weiß es wohl,
Einst waren alle tief und stumm,
Und alle wussten drum.

Wie Zauberworte, nachgelallt
Und nicht begriffen in den Grund,
So geht es jetzt von Mund zu Mund.

Der tiefe Brunnen weiß es wohl;
In den gebückt, begriffs ein Mann,
Begriff es und verlor es dann.

Und redet´ irr und sang ein Lied-
Auf dessen dunklen Spiegel bückt
Sich einst ein Kind und wird entrückt.

Und wächst und weiß nichts von sich selbst
Und wird ein Weib, das einer liebt
Und-wunderbar wie Liebe gibt!

Wie Liebe tiefe Kunde gibt!-
Da wird an Dinge, dumpf geahnt,
In ihren Küssen tief gemahnt…

In unsern Worten liegt es drin,
So tritt des Bettlers Fuß den Kies,
Der eines Edelsteins Verlies.

Der tiefe Brunnen weiß es wohl,
Einst aber wussten alle drum,
Nun zuckt im Kreis ein Traum herum.

.

Wer möchte, mag hier  weiterführende Gedanken zum Hofmannsthal-Gedicht nachlesen. Im Grunde hat in Gut und Böse  Wilhelm Busch (1832 – 1908) diese Thematik ebenfalls, wenn auch auf ganz andere Weise, angesprochen:

Wie kam ich nur aus jenem Frieden
 / Ins Weltgetös?  
/ Was einst vereint, hat sich geschieden,
  / Und das ist bös.
Nun bin ich nicht geneigt zum Geben,
 / Nun heißt es: Nimm!
   / Ja, ich muß töten, um zu leben,
  / Und das ist schlimm.
Doch eine Sehnsucht blieb zurücke,
  / Die niemals ruht.
 / Sie zieht mich heim zum alten Glücke,
  / Und das ist gut.

Viel dringlicher wirken Nietzsches (1844 – 1900) Zeilen in Vereinsamt.
Sein Gedicht bezieht sich – nach seiner Sicht – auf unser Menschsein als einer Zeit der Winterwanderschaft und unserer Welt als einem Tor zu tausend Wüsten:

     Die Krähen schrei´n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei´n –
Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!

     Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts, ach! wie lange schon!
Was bist du, Narr
Vor Winters in die Welt – entflohn?

     Die Welt – ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends halt.

     Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.

     Flieg, Vogel, schnarr
Dein Lied im Wüsten-Vogel-Ton! –
Versteck, du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

     Die Krähen schrei´n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei´n,
Weh dem, der keine Heimat hat!

 

Von fern erinnern Nietzsches Zeilen an jene aus  Rilkes Herbsttag, wenn es dort heißt: Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr, / Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben. Doch bezieht sich Nietzsche, wenn auch die Reise eines Einzelnen im Mittelpunkt zu stehen scheint, auf die der Menschheit und wie Recht hat er in Bezug auf unsere Situation, wenn er im Dritten Buch der Fröhlichen Wissenschaft über den tollen Menschen schreibt und die spirituelle Situation der Menschheit im Blick hat:

Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittage eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: „ich suche Gott! Ich suche Gott!“ – Da dort gerade Viele von Denen zusammen standen, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein grosses Gelächter. Ist er denn verloren gegangen? sagte der Eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der Andere. Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert? – so schrieen und lachten sie durcheinander. Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. „Wohin ist Gott? rief er, ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet, – ihr und ich! Wir Alle sind seine Mörder! Aber wie haben wir diess gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? (…) Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besass, es ist unter unseren Messern verblutet, – wer wischt diess Blut von uns ab? Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen? Welche Sühnfeiern, welche heiligen Spiele werden wir erfinden müssen? Ist nicht die Grösse dieser That zu gross für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen? Es gab nie eine grössere That, – und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser That willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!“ – Hier schwieg der tolle Mensch und sah wieder seine Zuhörer an: auch sie schwiegen und blickten befremdet auf ihn. Endlich warf er seine Laterne auf den Boden, dass sie in Stücke sprang und erlosch. „Ich komme zu früh, sagte er dann, ich bin noch nicht an der Zeit. Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert, – es ist noch nicht bis zu den Ohren der Menschen gedrungen.“

.
Ich möchte im Folgenden zurückgehen zu einer Zeit, als es um Gott und Religiosität noch ganz anders bestellt war, in die Zeit des Barock, des 17. Jahrhundert, um den Kontrast zu beleuchten:

Eine vergleichbare Not wie der Zweite Weltkrieg (vgl. Bonhoeffer und Schneider), war einer der grausamsten Kriege, die es je gab, der Dreißigjährige Krieg von 1618 – 1648.
Eine der bemerkenswertesten Frauen der deutschen Literatur, Sibylla Schwarz, die leider kaum bekannt ist, wurde nur 17 Jahre alt und musste ihr ganzes Leben in Zeiten des Krieges verleben, nämlich von 1621 bis 1638. Sie war Tochter einer angesehenen Greifswalder Familie, und verlebte zunächst eine relativ unbeschwerte Kindheit, bis 1627 die Auswirkungen des Dreißigjährigen Krieges ihre Heimatstadt Greifswald erreichten, wie wir auf wortblume.de lesen können. Als Anfang 1630 ganz plötzlich ihre Mutter starb, versuchte ihr Vater den Haushalt mit der Hilfe seiner beiden ältesten Töchter Regina und Emerentia und später auch Sibylles, weiterzuführen. Trotz dieser schwierigen Umstände erhielt sie eine gute Ausbildung und begann mit etwa zehn Jahren Gedichte zu schreiben. Viele ihrer Gedichte handeln vom Krieg und ihrer Sehnsucht nach Fretow, dem väterlichen Landgut außerhalb Greifswalds, das die Familie kriegsbedingt verlassen musste. Außerdem verfasste sie Gelegenheitsgedichte zu verschiedenen Familienanlässen. Ein wichtiges Thema ihrer Dichtung ist die Würdigung der Freundschaft, daneben auch die Liebe und der Tod. In einigen ihrer Gedichte beklagt sie sich über die Gehässigkeit derer, die es missbilligen, dass eine junge Frau Gedichte schreibt. Am 23. Juli 1638 erkrankte Sibylle plötzlich an der Ruhr und starb eine Woche später am 31. Juli 1638 im Alter von 17 Jahren.
Ihr Werk wurde 1650 posthum von ihrem Lehrer Samuel Gerlach (1609-1683) in Danzig unter dem Titel Deutsche Poëtische Gedichte in zwei Teilen veröffentlicht.

Hier möchte ich vier Strophen aus ihrem Bußlied überschriebenen Gedicht zitieren:

Zu wem sol ich mich wenden /
Weil ja an allen Enden
Die Missethat erscheint?
Zu GOTT komm ich geschritten /
Ach laß dich doch erbitten /
Du thewrer Menschen Freund!

Den Todt hab ich verdienet /
Dein Sohn hat mich versöhnet /
Gestillet deinen Zorn /
Der ist für mich gestorben /
Hat mir das Heyl erworben /
Sonst wer ich gantz verlohrn.

Auff Ihn setz ich mein Hoffen /
Drumb lest er mir auch offen
Die tieffe Gnadenquell /
In seinen rohten Wunden
Hab ich mir Ruh gefunden /
Trotz Teuffel / Welt und Hell.

Und wenn nun meine Seele
Auß diser finstern Höle
Des Leibes weichen sol /
So wolst du bey mir stehen /
Und nimmer von mir gehen /
So ist mir ewig wol.

Unter Ist Lieb ein Feuer, und kann Eisen schmiegen? – Sibylla Schwarz hat die Erde nur berührt findest Du mehr über sie.

Manche Landstriche blieben sowohl von vandalierenden Soldaten – mal von Katholiken, mal von Protestanten – als auch von der Pest verschont, andere traf es mehrfach und umso härter. Wer über die Not der Menschen damals gelesen hat, versteht, warum die spirituelle Lyrik der damaligen Zeit so inbrünstig flehend ist, zu Herzen geht und die Erde oft nur als ein Jammertal oder eine Rennbahn ansehen kann, gleichsam ein Hindernisparcours. Ein Name sei hier stellvertretend genannt, Andreas Gryphius (1616-1664). Sein Gedicht Tränen des Vaterlandes, anno 1636 ist im Grunde ein einziges Seufzen:

(vorab sei darauf verwiesen: völker schar (schwedische Heere, deutsche Heere, Wallenstein, Gustav Adolf, Tilly; Posaun nimmt Bezug auf die Posaunen des Gerichts in der Offenbarung des Johannes; karthaun: Geschütz mit großem Kaliber; Türme ~ Stadtbefestigung;  Rathaus und Kirche: Kennzeichen des Bürgertums und der Religion)

Tränen des Vaterlands

Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret!
Der frechen Völker Schar, die rasende Posaun
Das vom Blut fette Schwert, die donnernde Karthaun
Hat aller Schweiß, und Fleiß, und Vorrat aufgezehret.

Die Türme stehn in Glut, die Kirch‘ ist umgekehret.
Das Rathaus liegt im Graus, die Starken sind zerhaun,
Die Jungfern sind geschänd’t, und wo wir hin nur schaun
Ist Feuer, Pest, und Tod, der Herz und Geist durchfähret.

Hier durch die Schanz und Stadt rinnt allzeit frisches Blut.
Dreimal sind schon sechs Jahr, als unser Ströme Flut
Von Leichen fast verstopft, sich langsam fort gedrungen.

Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod,
Was grimmer denn die Pest, und Glut und Hungersnot,
Daß auch der Seelen Schatz so vielen abgezwungen.

.

Alles, was der Hände Fleiß geschaffen hat, ist durch Heere und ihr Kriegsinstrumentarium niedergemacht (1. Quartett). Was das aufkeimende Bürgertum auszeichnete, die Sicherheit der Stadtmauern, die bürgerliche und religiöse Ordnung, verkörpert durch das Rathaus und die Kirche, ist außer Kraft, auf den Kopf gestellt (2. Quartett). Doch wenn auch der Blutzoll schrecklich hoch ist (1. Terzett), so sollte es nicht geben, was Gryphius nicht direkt benennt, dadurch aber gerade besonders akzentuiert: Gewiss meint er mit der Seelen Schatz nicht einen erzwungenen Konfessionswechsel, sondern zielt darauf ab, dass durch das große Leid und Elend mancher seinen Glauben verloren hat, etwas, was schlimmer als der Tod ist.

Die Links zu den Prunkbauten lassen die großen Kontraste des Barock zwischen Reichtum (für Bayern: https://goo.gl/LdTx35; für Württemberg https://goo.gl/jcaYAs ) und Armut deutlich werden. In seinem Schloss zu Versailles beispielsweise gehörten zur Hofhaltung 20 000 Menschen, wobei Ludwig XIV. auf die Kleidung des gesamten Hofstaates großen Wert legte; aber jedes Kleidungsstück musste finanziert sein, herausgepresst mittels rücksichtslos erzwungener Abgaben der einfachen Landbevölkerung; kein Wunder wurde das Leben als Jammertal empfunden, und der Begriff der vanitas, der Nichtigkeit des Daseins, prägte diese Zeit; Gryphius hat genau deshalb eines seiner berühmten Gedichte Es ist alles eitel überschrieben.

Im Folgenden ist mit der Glieder Kahn der Körper und zugleich das Lebensschiff angesprochen, wobei der Port, also der Hafen zugleich das Lebensende meint, das unweigerlich auf das Lebensschiff zukommt – normalerweise bewegt sich das Schiff auf den Hafen zu!):

Abend

DEr schnelle Tag ist hin / die Nacht schwingt ihre Fahn /
Vnd führt die Sternen auff. Der Menschen müde Scharen
Verlassen Feld und Werck / wo Thir und Vögel waren
Traurt itzt die Einsamkeit. Wie ist die Zeit verthan!

Der Port naht mehr und mehr sich zu der Glider Kahn.
Gleich wie diß Licht verfil / so wird in wenig Jahren
Ich / du / und was man hat / und was man siht / hinfahren.
Diß Leben kömmt mir vor als eine Renne-Bahn.

Laß höchster Gott / mich doch nicht auff dem Lauffplatz gleiten /
Laß mich nicht Ach nicht Pracht / nicht Lust nicht Angst verleiten!
Dein ewig-heller Glantz sey vor und neben mir /

Laß / wenn der müde Leib entschläfft / die Seele wachen
Vnd wenn der letzte Tag wird mit mir Abend machen
So reiß mich aus dem Thal der Finsternüß zu dir.

.

In vielen Dokumenten dieser Zeit ist diese große und tiefe Gläubigkeit der Menschen zu spüren, ihr Vertrauen, dass es mit Sicherheit einen gibt, der einen aus der Finsternis zu sich reißt.

In den Liedern von Martin Luther (1483-1546) hat sich dies bereits Jahrzehnte zuvor angedeutet und es ist, als ob er mit einem seiner Lieder schon die bittere Not der durch die Reformation ausgelösten Kriegswirren geahnt hätte (wobei die Herrschenden die Reformation oft nur als Vorwand nahmen und gute Möglichkeit, um mittels kriegerischer Aktionen ihren Machtgelüsten nachzugehen) in einem Lied, das er um die Jahreswende 1523/24 schrieb und dessen erste Strophe lautet:

Aus tiefer Not schrei ich zu dir, Herr Gott, erhör mein Rufen.
Dein gnädig Ohr neig her zu mir und meiner Bitt es öffne;
denn so du willst das sehen an,
was Sünd und Unrecht ist getan,
wer kann, Herr, vor dir bleiben?

Und es ist, als ob 130 Jahre später ein Paul Gerhardt (1607-1676), einer der begnadetsten Liederdichter, die wohl jemals auf dieser Erde gelebt haben, mit der 12. Strophe seines Liedes Befiehl Du Deine Wege dem Schreien des Reformators ein Ziel gegeben habe:

MACH ENd, o Herr, mach Ende
mit aller unsrer Not;
stärk unsre Füß und Hände
und lass bis in den Tod
und allzeit deiner Pflege
und Treu empfohlen sein,
so gehen unsre Wege
gewiss zum Himmel ein.

Gewiss gehört Paul Gerhardts 1653 geschriebenes Lied zum eindrücklichsten, was im religiösen Lied-Bereich je geschrieben worden ist, hier die ersten beiden Strophen:

BEFIEHL du deine Wege
und was dein Herze kränkt
der allertreusten Pflege
des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken Luft und Winden
gibt Wege, Lauf und Bahn
der wird auch Wege finden,
da dein Fuß gehen kann.

DEM HERREN musst du trauen,
wenn dir’s soll wohlergehn;
auf sein Werk musst du schauen,
wenn dein Werk soll bestehn.
Mit Sorgen und mit Grämen
und mit selbsteigner Pein
lässt Gott sich gar nichts nehmen:
es muss erbeten sein.

Paul Gerhardts Lieder sind nicht nur vielfach in Gesangbüchern zu finden, sondern er ist auch in Volksliedsammlungen vertreten mit einem Lied wie dem 15 Strophen umfassenden

Geh aus, mein Herz, und suche Freud
in dieser lieben Sommerzeit
an deines Gottes Gaben;
schau an der schönen Gärten Zier
und siehe, wie sie mir und dir
sich ausgeschmücket haben,
sich ausgeschmücket haben.

Ein weiteres sehr bekanntes von ihm: Ich singe dir mit Herz und Mund. – Alle drei Paul-Gerhardt-Lieder finden sich mit allen Stropen hier.

Ein kleiner Ausschnitt aus seinem Leben (nach Wikipedia):

Am 31. 1. 1666 verweigerte Gerhardt wie viele andere das Toleranzedikt des Brandenburgischen Kurfürsten zu unterzeichnen und wurde daraufhin am 13. Februar als Pfarrer entlassen. Die Berliner Bürger und Gewerke waren mit der Amtsenthebung Gerhardts nicht einverstanden und forderten in mehreren Eingaben seine Wiedereinsetzung unter Befreiung der Unterschriftsleistung. Der Berliner Magistrat wandte sich daher an den Kurfürsten, der dieses Ansinnen zunächst ablehnte. Da sich Gerhardt mit seinen geistlichen Liedern auch außerhalb Berlins Ansehen erworben hatte, intervenierten auch die märkischen Landstände gegen Gerhardts Entlassung. Der Kurfürst setzte Gerhardt am 12. Januar 1667 wieder in sein Amt ein. Der jedoch verzichtete aus Glaubens- und Gewissensgründen nun darauf. Konsequenterweise verfügte der Kurfürst am 4. Februar 1667 die endgültige Entlassung Gerhardts, der nun ohne Einkommen war.

Man mag sich unschwer vorstellen, wie es Gerhardt in jener Zeit ergangen ist und wie sehr ihn die Entscheidung zur Arbeitslosigkeit mitgenommen haben mag; kein Wunder wirken seine Lieder so überzeugend und tief gegründet.

Natürlich hat auch Martin Luthers Ein feste Burg ist unser Gott Eingang in die Gesangbücher, ja in Volksliedsammlungen gefunden. Kaum ein Kirchenlied ist mehr interpretiert worden als dieses – es hängt auch mit dessen 4. Strophe zusammen, die nicht recht dazu passen will – hier die erste Strophe:

Ein feste Burg ist unser Gott,
ein gute Wehr und Waffen.
Er hilft uns frei aus aller Not,
die uns jetzt hat betroffen.
Der alt böse Feind mit Ernst
ers jetzt meint;
groß Macht und viel List
sein grausam Rüstung ist,
auf Erd ist nicht seinsgleichen.

Auch dieses Lied (alle vier Strophen hier) ist, wie gesagt, Volksliedgut geworden.

Leider muss angemerkt sein, dass Martin Luther vielfach für jene, die seinem Glaubens- und Weltbild nicht entsprachen, qualvolle Todesstrafen gefordert hat – er schreckte nicht einmal davor zurück zu fordern, behinderte Kinder zu ersäufen.

Eine heute kaum bzw. nicht mehr auffindbare, intensive Religiosität findet sich nicht nur in Liedern die sich mit dem Namen Paul Gerhardts (1607 – 1676) verbinden, sondern auch mit Namen wie Gerhard Tersteegen (1697 – 1769), Matthias Claudius (1740 – 1815) und August Hermann Franke (1853 – 1891).

Sie seien hier zumeist mit der ersten Strophe eines ihrer bekannteren Lieder vorgestellt. Sie sind Zeugnisse einer Religiosität, deren Worte und Bilder man sich, ist man bereit, sie mitzudenken und mitzufühlen, kaum entziehen kann. Es ist, als ob der Geist dieser Menschen noch heute in den Buchstaben zugegen wäre, das geistige Band also spürbar.

Gerhard Tersteegens wohl bekannteste Strophe findet sich als 4. Strophe in dem Lied Für dich sei ganz mein Herz und Leben – sie lautet Ich bete an die Macht der Liebe:

1. Für dich sei ganz mein Herz und Leben,
mein süßer Gott und all mein Gut!
Für dich hast du mir´s nur gegeben;
in dir es nur und selig ruht.
Hersteller meines schweren Falles,
für dich sei ewig Herz und alles!

4. Ich bete an die Macht der Liebe,
die sich in Jesu offenbart,
ich geb mich hin dem freien Triebe,
wodurch ich Wurm geliebet ward;
ich will, anstatt an mich zu denken,
ins Meer der Liebe mich versenken.

Ein weiteres bekanntes Lied von Gerhard Tersteegen: Gott ist gegenwärtig

Gott ist gegenwärtig!
Lasset uns anbeten
Und in Ehrfurcht vor ihn treten.
Gott ist in der Mitte!
Alles in uns schweige
Und sich innigst vor ihm beuge.
Wer ihn kennt,
Wer ihn nennt,
Schlag die Augen nieder,
Kommt, ergebt euch wieder.

(Die Lieder können hier vollständig nachgelesen werden)

von Matthias Claudius sind ca. 80 Lieder bekannt; sein bekanntestes ist natürlich das Abendlied (Der Mond ist aufgegangen); es enthält im Grunde eine Philosophie im Kleinen  (auf der EthikPost und auf meinem Methusalem-Blog finden sich zwei Beiträge zu ihm)
Mit den beiden ersten Strophen sei noch August Hemann Frankes wohl bekanntestes Lied zitiert:

Nun aufwärts froh den Blick gewandt
und vorwärts fest den Schritt!
Wir gehn an unsers Meisters Hand,
und unser Herr geht mit.

Vergesset, was dahinten liegt
und euern Weg beschwert;
was ewig euer Herz vergnügt,
ist wohl des Opfers wert.

hier in Gänze

Menschen in Not bedürfen in solchen Zeiten seelisch-geistiger Kraftquellen, deren sie sich fast automatisch bedienen können, und das sind auswendig gelernte Texte wie Befiehl du deine Wege oder der Psalm 23.

Als ich in einem Gottesdienst einen Pfarrer zu seinen Konfirmanden sagen hörte, dass sie drei Texte auswendig lernen würden, wurde mir bewusst, dass der größte Fehler der Kirchen ist, dass sie ihre Ansprüche und ihr Bekennen zu dem, was Not tut, so sehr reduziert haben. In diesem Zusammenhang vermisse ich ebenso die  Klarheit in Bezug auf den Weg Jesu, dass er nämlich ein Bewusstseinsweg ist, der wichtgste und schwierigste zugleich, den es für einen Menschen gibt, weltweit. Damit verleugnen ausgerechnet die Kirchen meiner Ansicht nach die Bedeutung von ihm. Dieses Verleugnen ist mitverantwortlich für den Niedergang der Kirchen und den der Religiosität in unserer Kultur.

Der Weg Jesu – wie er sich auch im Liedgut vergangener Jahrhunderte vermittelt – ist für mich ein überkonfessioneller, für alle gültig, aufgezeigt insbesondere im Johannes-Evangelium (Fußwaschung, Versuchung, Gethsemane usw.), es ist der Rosenkreuzerweg, jener der Alchemie (vgl. Edward F. Edinger, Der Weg der Seele), der Parzivalweg, der Weg der Märchenhelden. In vielen Gottesdiensten  wird vermittelt, man müsse nur ein paarmal das Vater unser oder den Rosenkranz herunterbeten, dann sei Gott schon gnädig – für mich ein gewaltiger Irrtum und eine spirituelle Falschinformation. Was beide Konfessionen viel zu oft machen, ist meines Erachtens, dass sie das Göttliche durch das fehlende Benennen klarer Ansprüche hintertreiben. Ausgerechnet die Kirchen!

Die Lieder der oben Genannten lassen, soweit sie dieses Thema ansprechen, keinen Zweifel an den Herausforderungen des Glaubens! Deshalb waren sie so wichtig für die Entwicklung unserer Kultur. Deshalb aber verwässert diese so sehr, weil sie keine Ansprüche mehr hat, schon gar keine überzeugend religiösen.

Für mich hat zudem ein Lied wie Paul Gerhardts Geh aus mein Herz und suche Freud heilkräftigen Charakter. Kaum jemand wird sich der positiv suggestiven Kraft der Worte und so lebensfroher Bilder, die ins Innere dringen, entziehen können.

Den Anspruch, von dem oben gesprochen war, formuliert Selige Sehnsucht, ein Gedicht Goethes, ganz klipp und klar; zugleich wird deutlich, dass (leider) dieser Anspruch und mit ihm das diesbezügliche Wissen nicht für jeden bestimmt sein kann. Goethe verwendet den Schmetterling als Symbol für die Seele. Die Griechen kannten für diese mehrere Symbole, eines war die Biene, die das tut, was der Mensch tun sollte, möglichst ununterbrochen Wertvolles seiner Seele zuzuführen; der Schmetterling aber ist ein Archetypus der ätherischen Feinheit, der Zartheit und Verletzlichkeit (es sollte uns zu denken geben, dass wir respektvoller und vorsichtiger mit unserer und der Seele unserer Mitmenschen umgehen:

Sagt es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhöhnet,
Das Lebend’ge will ich preisen,
Das nach Flammentod sich sehnet.

In der Liebesnächte Kühlung,
Die dich zeugte, wo du zeugtest,
Überfällt dich fremde Fühlung,
Wenn die stille Kerze leuchtet.

Nicht mehr bleibest du umfangen
In der Finsternis Beschattung,
Und dich reißet neu Verlangen
Auf zu höherer Begattung.

Keine Ferne macht dich schwierig,
Kommst geflogen und gebannt,
Und zuletzt, des Lichts begierig,
Bist du Schmetterling verbrannt.

Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

.

geschrieben am 31. Juli 1814 in Wiesbaden. Es befindet sich an vorletzter Stelle im Buch des Sängers, des ersten Abschnitts aus dem West-östlichen Divan (erschienen 1819, erweitert 1827), Goethes umfangreichster Gedichtsammlung; sie wurde durch die Werke des persischen Dichters Hafis inspiriert.
————-

Verloren, wie sich mancher in Zeiten des Barock, aber auch ein Wilhelm Busch und Nietzsche in Vereinsamt fühlte, muss sich auch Georg Trakl gefühlt haben.
Geboren am 3. Februar 1887 in Salzburg als fünftes Kind einer wohlhabenden Bürgerfamilie, wusste Trakl: „Ich werde doch immer ein armer Kaspar Hauser bleiben.“
Er absolviert ein dreijähriges Praktikum in einer Salzburger Apotheke; mit seinen Experimenten mit Drogen und Alkohol begann wohl auch seine Drogenabhängigkeit. Gleichzeitig fing er zu schreiben an. Sein Studium in Wien beendet er mit dem Magister der Pharmazie.
Er starb mit 27 Jahren in Krakau in einem Militärhospital an einer Überdosis Kokain. Anlass war, dass er Hunderten von Verletzten anlässlich der Schlacht von Grodek nicht wirklich hatte helfen können – er war abkommandiert als Rettungssanitäter in einer Scheune, in die man die Schwerstverwundeten brachte, ein Mediziner jedoch war nicht zugegen. – Gegen Ende seines Lebens erzählte er einem Arzt seine Leidensgeschichte, u.a., dass er schon als Kind versucht habe, sich selbst zu töten. Seit seiner Kindheit habe er zeitweise Gesichtshalluzinationen gehabt, es sei ihm vorgekommen, als wenn hinter seinem Rücken ein Mann mit gezogenem Messer stünde.
Es scheint, dass über seinem Leben das Unglück wie ein Damoklesschwert hing.

Trotz aller inneren Not – oder vielleicht gerade deshalb – entrangen sich seiner Seele Zeilen, die in ihrer Empfindsamkeit und stillen Trauer eine innere Schönheit besitzen, wie wir sie selten finden, ich denke u. a. an seine Herbstgedichte, eines davon lautet:

Verfall

Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,
Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen,
Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.

Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten
Träum ich nach ihren helleren Geschicken
Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken.
So folg ich über Wolken ihren Fahrten.

Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern.
Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen.
Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern,

Indes wie blasser Kinder Todesreigen
Um dunkle Brunnenränder, die verwittern,
Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.

.vgl. auch Herbst des Einsamen und Verklärter Herbst

Ein besonderes Gedicht – und eines mit unübersehbar christlicher Symbolik ist das folgende:

Wenn der Schnee ans Fenster fällt,
Lang die Abendglocke läutet,
Vielen ist der Tisch bereitet
Und das Haus ist wohlbestellt.

Mancher auf der Wanderschaft
Kommt ans Tor auf dunklen Pfaden.
Golden blüht der Baum der Gnaden
Aus der Erde kühlem Saft.

Wanderer tritt still herein;
Schmerz versteinert die Schwelle.
Da erglänzt in reiner Helle
Auf dem Tische Brot und Wein.

mehr zu ihm hier

Eine Antwort auf Nietzsche und all die, die sich ihres Weges nicht sicher waren und sind, kommt von einer Frau, die, geboren im Münsterland, Zeit ihres Lebens kränklich war, aber große Literatur schuf: Annette von Droste-Hülshoff (1797 – 1848). Bekannt sind ihre Ballade Der Knabe im Moor und die Novelle Die Judenbuche sowie der Gedichtzyklus Das Geistliche Jahr, in dem sich für jeden Sonntag und den dazugehörigen Predigttext ein Gedicht findet. Über zwanzig Jahre arbeitete sie an ihm; er trägt damit natürlich auch autobiographische Züge, vermittelt er doch durchaus auch Zweifel und Ängste sehr persönlicher Natur und Art.

Hier die letzten Strophen ihres Gedichtes zum ersten Advent

nach der Schriftlesung: Einritt Jesu in Jerusalem. Matth. 21. »Saget der Tochter Sions: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig. – Hosanna dem Sohne Davids, gelobt sei, der da kömmt im Namen des Herrn!«

(…)
Allmächt’ger du,
In dieser Zeit, wo dringend not,
Daß rein dein Heiligtum sich zeige,
O laß nicht zu,
Daß Lästerung, die lauernd droht,
Verschütten darf des Hefens Neige
Und ach den klaren Trank dazu!

Laß alle Treu
Und allen standhaft echten Mut
Aufflammen immer licht und lichter!
Kein Opfer sei
Zu groß für ein unschätzbar Gut,
Und deine Scharen mögen dichter
Und dichter treten Reih‘ an Reih‘.

Doch ihr Gewand
Sei weiß, und auf der Stirne wert
Soll keine Falte düster ragen;
In ihrer Hand,
Und faßt die Linke auch das Schwert,
Die Rechte soll den Ölzweig tragen,
Und aufwärts sei der Blick gewandt.

So wirst du früh
Und spät, so wirst du einst und heut
Als deine Streiter sie erkennen:
Voll Schweiß und Müh‘,
Demütig, standhaft, friedbereit,
So wirst du deine Scharen nennen
Und Segen strömen über sie.

.

Zum zweiten Advenstsonntag schrieb sie:

nach der Schriftlesung: Vom Zeichen an der Sonne. Lukas 21. »Und alsdann werden sie sehen des Menschen Sohn kommen in einer Wolke mit großer Macht und Herrlichkeit. Wenn aber dieses zu geschehen anfängt, dann euer Erlöser kömmt. – Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.«

Wo bleibst du, Wolke, die den Menschensohn
Soll tragen?
Seh‘ ich das Morgenrot im Osten schon7
Nicht leise ragen?
Die Dunkel steigen, Zeit rollt matt und gleich;
Ich seh‘ es flimmern, aber bleich, ach bleich!

Mein eignes Sinnen ist es, was da quillt
Entzündet,
Wie aus dem Teiche grün und schlammerfüllt
Sich wohl entbindet
Ein Flämmchen und von Schilfgestöhn umwankt
Unsicher in dem grauen Dunste schwankt.
(…)
Gib dich gefangen, törichter Verstand!
Steig nieder
Und zünde an des Glaubens reinem Brand
Dein Döchtlein wieder,
Die arme Lampe, deren matter Hauch
Verdumpft, erstickt in eignen Qualmes Rauch.

Du seltsam rätselhaft Geschöpf aus Ton
Mit Kräften,
Die leben, wühlen, zischen wie zum Hohn
In allen Säften,
O bade deinen wüsten Fiebertraum
Im einz’gen Quell, der ohne Schlamm und Schaum,

Wehr ab, stoß fort, was gleich dem frechen Feind
Dir sendet
Die Macht, so wetterleuchtet und verneint,
Und starr gewendet
Wie zum Polarstern halt das Eine fest,
Sein Wort, sein heilig Wort, und – Schach dem Rest!

Dann wirst du auf der Wolke deinen Herrn
Erkennen;
Dann sind Jahrtausende nicht kalt und fern,
Und zitternd nennen
Darfst du der Worte Wort, des Lebens Mark,
Wenn dem Geheimnis deine Seele stark.

Und heute schon, es steht in Gottes Hand,
Erschauen
Magst du den Heiland in der Seele Brand,
Glühndem Vertrauen.
Zerfallen mögen Erd‘ und Himmels Höhn,
Doch seine Worte werden nicht vergehn.

– – – – – – –

Für ein anderes Mal muss das vielleicht bekannteste romantische Gedicht vorbehalten sein, es ist von Clemens Brentano und beginnt:

Sprich aus der Ferne
Heimliche Welt,
Die sich so gerne
Zu mir gesellt.

Wenn das Abendrot niedergesunken,
Keine freudige Farbe mehr spricht,
Und die Kränze still leuchtender Funken
Die Nacht um die schattigte Stirne flicht:

Wehet der Sterne
Heiliger Sinn
Leis durch die Ferne
Bis zu mir hin.

Leider konnte auch auf Novalis (1772-1801) nicht näher eingegangen werden (wie im übrigen auch nicht auf Mörike, Mascha Kaléko und viele andere, schade); ich werde zu Novalis einiges nachreichen können, wenn das Heilige Symbol der Blauen Blume im Rahmen des Bad Kissinger Literaturkreises im Mittelpunkt eines Abends stehen wird; vorab seien einige Strophen aus einem seiner schönsten Lieder, die sich ja vielfach in Gesangbüchern finden, wiedergegeben:.

Was wär ich ohne dich gewesen?
Was würd‘ ich ohne dich nicht sein?
Zu Furcht und Ängsten auserlesen,
Ständ‘ ich in weiter Welt allein.
Nichts wüsst‘ ich sicher, was ich liebte,
Die Zukunft wär ein dunkler Schlund;
Und wenn mein Herz sich tief betrübte,
Wem tät‘ ich meine Sorge kund?

(…)

Hat Christus sich mir kund gegeben,
Und bin ich seiner erst gewiss,
Wie schnell verzehrt ein lichtes Leben
Die bodenlose Finsternis.
Mit ihm bin ich erst Mensch geworden;
Das Schicksal wird verklärt durch ihn,
Durch ihn muss mir im kalten Norden
Ein Paradies im Herzen blühn.

Das Leben wird zur Liebesstunde,
Die ganze Welt sprüht Lieb‘ und Lust.
Ein heilend Kraut wächst jeder Wunde,
Und frei und voll klopft jede Brust.
Für alle seine tausend Gaben
Bleib‘ ich sein demutvolles Kind,
Gewiss ihn unter uns zu haben,
Wenn zwei auch nur versammelt sind.

O! geht hinaus auf allen Wegen,
Und holt die Irrenden herein,
Streckt jedem eure Hand entgegen,
Und ladet froh sie zu uns ein.
Der Himmel ist bei uns auf Erden,
Im Glauben schauen wir ihn an;
Die Eines Glaubens mit uns werden,
Auch denen ist er aufgetan.

(…)

Das ganze Lied und ein weiteres von Novalis hier

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Den dunklen König entlarven! Ein großes Ego nicht als Herzqualität ausgeben! Denken wertschätzen: Schillers Ballade „Der Taucher“.

In Schillers Ballade steht nicht nur der so mutige Edelknecht im Mittelpunkt, sondern auch ein König, der auf eine Weise mit dem Leben seiner Untertanen spielt, wie man es bei Autokraten nun einmal erlebt, auch heute noch – gerade heute wieder. Immer wieder zeigt sich, dass die menschliche Seele in Tiefen sinken kann, die grundlos hinabgehen, womöglich noch tiefer als jene, in die der Edelknabe hinabsah und von denen er dem König zu berichten wusste und eigentlich vermittelte, dass er sich sehr wohl bewusst war, was er da gesehen hatte (was ihn leider nicht daran hinderte, eine Dumm- bzw. Torheit zu tun, die man im Leben genau einmal tun kann – dann erst wieder im nächsten).

Darum geht es, sich dessen bewusst zu werden, was der junge Mann sah und zu wissen, warum er scheiterte, was, wie angedeutet, so unnötig war – und doch offensichtlich zwangsläufig. Oder warum stürzen sich Menschen in einem Fass den Niagarafall hinunter oder überqueren ohne Netz auf einem Seil eine Schlucht – und tun das ein zweites und drittes Mal, eine immer breitere Schlucht wählend (und das, auch wenn keine Königstochter zuguckt). Warum meinte Reinhold Messmer, alle Achttausender dieser Erde bezwingen zu müssen und auch noch weiterhin extrem zu klettern, auch wenn er – fast erscheint es im Nachhinein zwangsläufig – bei einer dieser Touren den eigenen Bruder verlor?

Der Knappe springt in einen Schlund, der in der Ballade auch als Höllenrachen oder Grab bezeichet und mit der Charybde verglichen wird. Von der galt es sich im Altertum möglichst weit entfernt zu halten, wenn sie ihr Wasser ausspie und es dann wieder mit Urgewalt einsog, wovon wir bei Homer lesen und was, als Odysseus zum zweiten Mal an diese Meerenge kam, ihm zum Verhängnis wurde, wobei er allerdings mit dem Leben davonkam.

Unsere Ballade ist das Ergebnis eines kollegialen und zum Teil durchaus humorig ausgetragenen Dichterwettstreites zwischen Goethe und Schiller, wer denn die schönste Ideenballade schreiben könne. Schillers Der Taucher war die erste zahlreicher noch folgender, und ich meine fast, es war die genialste unter allen, die doch auch so hochklassig waren, man denke nur an den Zauberlehrling oder an eine meiner absoluten Lieblingsballaden, Die Kraniche des Ibykus (hier zu ihr mehr).

Noch ein Wort zum Stichwort Ideenballade: Nach den sogenannten Volksballaden, deren Autoren wir nicht kennen und die vor allem zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert ihre Blüte erlebten – man denke an die auch als Volkslieder bekannten Es waren zwei Königskinder oder Es freit ein wilder Wassermann – begann mit Gottfried August Bürgers Leonore die Zeit der sogenannten Kunstballaden, die also die Tradition der Heldenlieder und Volksballaden oft auf hohem Niveau fortsetzten, besonders natürlich im Rahmen jenes Balladenjahres – es war das Jahr 1797 – das wir eben mit der ein oder anderen Ballade bereits angesprochen hatten und als dessen Ergebnisse noch Der Schatzgräber zu nennen wäre, Die Braut von Korinth, Der Gott der Bajadere, Der Handschuh, Der Gang nach dem Eisenhammer, Der Ring des Polykrates, Ritter Toggenburg sowie Der neue Pausias und sein Blumenmädchen. Manche Titel unter den genannten klingen schlicht und einfach ziemlich banal, wozu auch die Goetheballaden Der Gott und die Bajadere und die Die Braut von Korinth  gehören; beide aber sind in Wirklichkeit inhaltlich und von der Schaffenskunst her genial, letzterer Ballade habe ich mich auf diesem Blog erst kürzlich und das richtig gern gewidmet – ich finde sie einfach toll, gerade, weil sie so pointiert herausstellt, dass ein sogenannter Heide – eine schreckliche Klassifzierung – oft ein besserer Christ ist als ein sogenannter Christ, und genau so verstanden, wie Lessing das in seinem Nathan in Bezug auf Moslems und Juden sieht, die dem Bewusstsein nach wahre Christen sein können, auch wenn das vor allem dem Koran nach, der den Sohn, Christus, verbietet, eigentlich gar nicht möglich ist.

Beide Weimarer Größen schrieben mit dem Anspruch, im Rahmen dieser Balladen eine Idee zu verwirklichen – daher die Bezeichung Ideenballade -, einen Leitgedanken also, der dazu geeignet wäre, die Seele des Menschen eine Stufe höher hinaufzustimmen. Solch eine Idee war beispielsweise jene einer Freundschaft, die sogar stärker ist als der Tod, wie wir sie in der Bürgschaft gestaltet finden oder aber, dass der Mensch nicht fahrlässig mit Fähigkeiten umgehen möge, die weitreichend sind und  nahezu okkulten Charakter haben, die man, gerade gelernt, noch nicht beherrscht, wie wir im Zauberlehrling nachlesen können, eine Ballade, die – wie auch Der Taucher – an eine notwendige Bescheidenheit und Demut des Menschen appelliert, die er gegenüber den Urgewalten des Lebens und dessen Wert haben sollte.

Vorab zunächst die Ballade selbst, die gleich zu Beginn homerische Züge trägt mit dem Hinweis auf die Charybde, jenem ungeheuren Schlund, den wir aus Homers Irrfahrten des Odysseus kennen, der dreimal täglich Wassermassen ausspie und mit Urgewalt einsog, wobei der Charybde gegenüber eben jenes zwölfarmige und sechsköpfige Ungeheuer war, Skylla, auch als Hündin bezeichnet, die, wenn man ihr zu nahe kam, mit ihren Verderben bringenden Armen zugriff, ein Umstand, der sechs Gefährten des Odysseus das Leben kostete. Die Textstelle aus der Odyssee habe ich hier wiedergegeben; Scylla und Charybdis stellen ja im Rahmen der Stationen des Odysseus auf seinem Weg in die Heimat jene Lebensabschnitte vor Augen, in denen es gilt, die Mitte zu wahren und sich nicht einer oder der anderen Seite zuzuneigen. Maß und Mitte sind Eigenschaften, die ein Mensch auf dem spirituellen Weg benötigt, um weder dem Guten noch dem Bösen zu verfallen. Der Taucher fand diese Mitte leider nicht (Ritter Delorges wird es wesentlich besser können, dazu später mehr); hier nun die Ballade:

.

„Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp,
Zu tauchen in diesen Schlund?
Einen goldnen Becher werf ich hinab,
Verschlungen schon hat ihn der schwarze Mund.
Wer mir den Becher kann wieder zeigen,
Er mag ihn behalten, er ist sein eigen.“

Der König spricht es und wirft von der Höh
Der Klippe, die schroff und steil
Hinaushängt in die unendliche See,
Den Becher in der Charybde Geheul.
„Wer ist der Beherzte, ich frage wieder,
Zu tauchen in diese Tiefe nieder?“

Und die Ritter, die Knappen um ihn her
Vernehmen’s und schweigen still,
Sehen hinab in das wilde Meer,
Und keiner den Becher gewinnen will.
Und der König zum drittenmal wieder fraget:
„Ist keiner, der sich hinunter waget?“

Doch alles noch stumm bleibt wie zuvor,
Und ein Edelknecht, sanft und keck,
Tritt aus der Knappen zagendem Chor,
Und den Gürtel wirft er, den Mantel weg,
Und alle die Männer umher und Frauen
Auf den herrlichen Jüngling verwundert schauen.

Und wie er tritt an des Felsen Hang
Und blickt in den Schlund hinab,
Die Wasser, die sie hinunterschlang,
Die Charybde jetzt brüllend wiedergab,
Und wie mit des fernen Donners Getose
Entstürzen sie schäumend dem finstern Schoße.

Und es wallet und siedet und brauset und zischt,
Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt,
Bis zum Himmel spritzet der dampfende Gischt,
Und Flut auf Flut sich ohn Ende drängt,
Und will sich nimmer erschöpfen und leeren,
Als wollte das Meer noch ein Meer gebären.

Doch endlich, da legt sich die wilde Gewalt,
Und schwarz aus dem weißen Schaum
Klafft hinunter ein gähnender Spalt,
Grundlos, als ging’s in den Höllenraum,
Und reißend sieht man die brandenden Wogen
Hinab in den strudelnden Trichter gezogen.

Jetzt schnell, eh die Brandung wiederkehrt,
Der Jüngling sich Gott befiehlt,
Und – ein Schrei des Entsetzens wird rings gehört,
Und schon hat ihn der Wirbel hinweggespült,
Und geheimnisvoll über dem kühnen Schwimmer
Schließt sich der Rachen, er zeigt sich nimmer.

Und stille wird’s über dem Wasserschlund,
In der Tiefe nur brauset es hohl,
Und bebend hört man von Mund zu Mund:
„Hochherziger Jüngling, fahre wohl!“
Und hohler und hohler hört man’s heulen,
Und es harrt noch mit bangem, mit schrecklichem Weilen.

Und wärfst du die Krone selber hinein
Und sprächst: Wer mir bringet die Kron,
Er soll sie tragen und König sein –
Mich gelüstete nicht nach dem teuren Lohn.
Was die heulende Tiefe da unter verhehle,
Das erzählt keine lebende glückliche Seele.

Wohl manches Fahrzeug, vom Strudel gefasst,
Schoss jäh in die Tiefe hinab,
Doch zerschmettert nur rangen sich Kiel und Mast,
Hervor aus dem alles verschlingenden Grab.-
Und heller und heller, wie Sturmes Sausen,
Hört man’s näher und immer näher brausen.

Und es wallet und siedet und brauset und zischt,
Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt,
Bis zum Himmel spritzet der dampfende Gischt,
Und Well auf Well sich ohn Ende drängt,
Und wie mit des fernen Donners Getose
Entstürzt es brüllend dem finstern Schoße.

Und sieh! aus dem finster flutenden Schoß,
Da hebet sich’s schwanenweiß,
Und ein Arm und ein glänzender Nacken wird bloß,
Und es rudert mit Kraft und mit emsigem Fleiß,
Und er ist’s, und hoch in seiner Linken
Schwingt er den Becher mit freudigem Winken.

Und atmete lang und atmete tief
Und begrüßte das himmlische Licht.
Mit Frohlocken es einer dem andern rief:
„Er lebt! Er ist da! Es behielt ihn nicht!
Aus dem Grab, aus der strudelnden Wasserhöhle
Hat der Brave gerettet die lebende Seele.“

Und er kommt, es umringt ihn die jubelnde Schar,
Zu des Königs Füßen er sinkt,
Den Becher reicht er ihm kniend dar,
Und der König der lieblichen Tochter winkt,
Die füllt ihn mit funkelndem Wein bis zum Rande,
Und der Jüngling sich also zum König wandte:

„Lange lebe der König! Es freue sich,
Wer da atmet im rosigten Licht!
Da unten aber ist’s fürchterlich,
Und der Mensch versuche die Götter nicht
Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,
Was sie gnädig bedeckten mit Nacht und Grauen.

Es riss mich hinunter blitzesschnell –
Da stürzt mir aus felsigtem Schacht
Wildflutend entgegen ein reißender Quell:
Mich packte des Doppelstroms wütende macht,
Und wie einen Kreisel mit schwindelndem Drehen
Trieb mich’s um, ich konnte nicht widerstehen.

Da zeigte mir Gott, zu dem ich rief
In der höchsten schrecklichen Not,
Aus der Tiefe ragend ein Felsenriff,
Das erfasst ich behend und entrann dem Tod –
Und da hing auch der Becher an spitzen Korallen,
Sonst wär er ins Bodenlose gefallen.

Denn unter mir lag’s noch, bergetief,
In purpurner Finsternis da,
Und ob’s hier dem Ohre gleich ewig schlief,
Das Auge mit Schaudern hinuntersah,
Wie’s von Salamandern und Molchen und Drachen
Sich regt‘ in dem furchtbaren Höllenrachen.

Schwarz wimmelten da, in grausem Gemisch,
Zu scheußlichen Klumpen geballt,
Der stachligte Roche, der Klippenfisch,
Des Hammers greuliche Ungestalt,
Und dräuend wies mir die grimmigen Zähne
Der entsetzliche Hai, des Meeres Hyäne.

Und da hing ich und war’s mit Grausen bewusst
Von der menschlichen Hilfe so weit,
Unter Larven die einzige fühlende Brust,
Allein in der grässlichen Einsamkeit,
Tief unter dem Schall der menschlichen Rede
Bei den Ungeheuern der traurigen Öde.

Und schaudernd dacht ich’s, da kroch’s heran,
Regte hundert Gelenke zugleich,
Will schnappen nach mir – in des Schreckens Wahn
Lass ich los der Koralle umklammerten Zweig;
Gleich fasst mich der Strudel mit rasendem Toben,
Doch es war mir zum Heil, er riss mich nach oben.“

Der König darob sich verwundert schier
Und spricht: „Der Becher ist dein,
Und diesen Ring noch bestimm ich dir,
Geschmückt mit dem köstlichsten Edelgestein,
Versucht du’s noch einmal und bringt mir Kunde,
Was du sahst auf des Meeres tiefunterstem Grunde.“

Das hörte die Tochter mit weichem Gefühl,
Und mit schmeichelndem Munde sie fleht:
„Lasst, Vater, genug sein das grausame Spiel!
Er hat Euch bestanden, was keiner besteht,
Und könnt Ihr des Herzens Gelüsten nicht zähmen,
So mögen die Ritter den Knappen beschämen.“

Drauf der König greift nach dem Becher schnell,
In den Strudel ihn schleudert hinein:
„Und schaffst du den Becher mir wieder zur Stell,
So sollst du der trefflichste Ritter mir sein
Und sollst sie als Ehegemahl heut noch umarmen,
Die jetzt für dich bittet mit zartem Erbarmen.“

Da ergreift’s ihm die Seele mit Himmelsgewalt,
Und es blitzt aus den Augen ihm kühn,
Und er siehet erröten die schöne Gestalt
Und sieht sie erbleichen und sinken hin –
Da treibt’s ihn, den köstlichen Preis zu erwerben,
Und stürzt hinunter auf Leben und Sterben.

Wohl hört man die Brandung, wohl kehrt sie zurück,
Sie verkündigt der donnernde Schall –
Da bückt sich’s hinunter mit liebendem Blick:
Es kommen, es kommen die Wasser all,
Sie rauschen herauf, sie rauschen nieder,
Den Jüngling bringt keines wieder.

.

Drei Aspekte, die diese Ballade prägen und die ich in der Überschrift schon angedeutet habe, möchte ich beleuchten, weil sie meines Erachtens für unser Leben eine zentrale Bedeutung haben.

Die Tiefen des Wassers zeichnen ein Seelengemälde

Zunächst ist der Edelknecht ein Held – wir wollen das fürs Erste einmal so stehen lassen, denn Schiller selbst legt ja diese Sicht nahe, wenn er ihn so von der Hofgesellschaft gesehen sein lässt (Und bebend hört man von Mund zu Mund: / „Hochherziger Jüngling, fahre wohl!). Schiller mag es in dieser Ballade darauf angekommen sein, im Taucher seine Idee davon zu vermitteln, dass der Mensch, war er der Gnade Gottes teilhaftig geworden und sei er noch so sehr ein Held, diese nicht noch einmal mutwillig auf die Probe stellen möge. Wer an die Grenze, an die Tür zum Göttlichen klopft und Eintritt erhält, muss sich dessen auch als würdig erweisen. Indem der Edelknecht auf die Verführungskunst, auf den Neid und die Missgunst des Königs hereinfällt und wirklich glaubt, er werde von diesem bereitwillig nach dem zweiten Tauchgang dessen Tochter erhalten, fällt er nicht nur auf den Ungeist des dunklen Königs herein, sondern handelt auch entgegen eigener Erkenntnis, hatte er doch dem König selbst nach seinem Auftauchen gesagt:

Da unten aber ist’s fürchterlich,
Und der Mensch versuche die Götter nicht
Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,
Was sie gnädig bedeckten mit Nacht und Grauen.

Das ist die sittliche Botschaft der Ballade: Der Mensch versuche die Götter nicht.

Was der junge Mann aber uns mit seinem Bericht über die Untiefen des Höllenschlundes vor Augen führt, ist ein notwendiges Wissen für ein realistisches Verständnis des Lebens; nur auf dieser Basis kann man als Mensch sich weiterentwickeln.

Um die Dimensionen des Gesagten zu verstehen, ist es notwendig, sich der Bedeutung des Wassers bewusst zu sein. Zu dieser Bedeutung hat Goethe den vielleicht deutlichsten Beitrag geleistet mit jenem Gedicht, das er angesichts des Staubbachfalls im Lauterbrunnental schrieb und dessen erste Strophe lautet:

Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder
Zur Erde muss es,
Ewig wechselnd.

In der hier zitierten ersten Strophe weist er auf die wiederholten Erdenleben von uns Menschen hin und in der Folge gelingt es ihm zu vermitteln, warum Wasser ein Symbol für unsere Seele ist. Mehr als nur eine Ergänzung mag auch das Zitat aus Teresa von Avilas Die Innere Burg sein (das ganze Gedicht und der Auszug der spanischen Mystikerin sind hier verlinkt).

Aus der germanischen Mythologie wissen wir, das Odhin über das Wasser gehen konnte und auch von Jesus ist es bekannt; im mythischen Bild bedeutet dies, dass beide Meister dieses Elementes sind, indem sie auf ihm gehen, einem Element, das für den Gefühlsbereich steht, esoterisch formuliert, der Astralebene. Deutlich wird dies im Zusammenhang mit dem neutestamentarischen Bericht über den Sinkenden Petrus, der auch auf dem Wasser gehen kann, solange er sich per Blickkontakt an die Energie seines spirituellen Lehrers anzubinden vermag. Als er aber aus den Augenwinkeln die durch den Wind aufkommenden Wellen wahrnimmt, geht er in den Wassern, sprich: in seinen Emotionen der Angst unter. Wir finden eine vergleichbare Bedeutung des Wassers z.B. auch in den Volksliedern und u.a. dem Märchen vom Wasser des Lebens.

In unserer Ballade springt der Edelknecht in die tiefe See und er muss etwas erkennen, was für das Verständnis der menschlichen Seele fundamental ist: Nach unten in die Tiefen gibt es kein Halten. Es geht ewig hinab:

Denn unter mir lag’s noch, bergetief,
In purpurner Finsternis da,
Und ob’s hier dem Ohre gleich ewig schlief,
Das Auge mit Schaudern hinuntersah,
Wie’s von Salamandern und Molchen und Drachen
Sich regt‘ in dem furchtbaren Höllenrachen.

Das ist eine der erschreckendsten Erkenntnisse, die mir im Laufe der Zeit bewusst wurden: Die Untiefe der menschlichen Seele hat keinen Boden. Was Menschen sich ersinnen können an Boshaftigkeiten, Grausamkeiten, Widerlichkeiten: da gibt es kein Halten. Die Gräuel der Kriege, die perversesten Foltermethoden der Inquisition, die seelischen Exzesse der Konzentrationslager: Untiefen, unabsehbar. Gerade in den letzten Jahren hat der IS mit seinen unvorstellbaren Gräueltaten dies aufs Neue deutlich werden lassen …

Der Knabe erkennt das: Da unten aber ist´s fürchterlich, weiß er zu berichten und dass es noch bergetief hinabgeht, ja, er spricht selbst davon, dass es bodenlos abwärts gehe. – Ich glaube, das stimmt!

Die Ungeheuer des Meeres, die Schiller schildert, sind auch die Ungeheuer der menschlichen Seele; wir finden sie im Übrigen bei Hieronymus Bosch gezeichnet, grausame Gestalten sind es, die auf den Heiligen Antonius zukommen. In den Seelen der Menschen finden wir sie:

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Bildergebnis für bosch die versuchung des heiligen antonius

 

Gr¸newald/Isenheimer A./Antonius:D‰monen - Gr¸newald / Isenheim altar / St.Anthony -

In dem bekannten, um 1500 entstandenen Tryptichon von Hieronymus Bosch, bekannt als Versuchung des Heiligen Antonius, wird deutlich, was auf den seelischen Ebenen existiert, was auch auf uns zukommen wird und was wir gerne jetzt noch für reine Fiktion und Einbildung eines Künstlers halten. Bewusst erlebt das der Mensch in seinem Leben nach dem Leben in jener Phase, die die christliche Terminologie Fegefeuer und die fernöstliche Spiritualität Kamaloka nennt, wenn nämlich der Mensch nicht mehr diese Wesen aussendet, wie er es hier tut, indem er hasst oder von Neid fast platzt, sondern sie auf ihn zukommen werden und er erkennen muss (wenn er es hoffentlich tut!), was er auf seine Mitmenschen losgelassen hat, denn keiner unserer Gedanken bleibt ohne Wirkung. Man mag einer Okkultistin wie Helena Petrovna Blavatsky so kritisch gegenüberstehen, wie man will, so gibt mir persönlich die in Band III  ihrer Geheimlehre geäußerte Ansicht dennoch zu denken, indem sie über den spirituellen Entwicklungsweg eines Menschen sagt:

Die Gedanken von fünf Minuten können die Arbeit von 5 Jahren zunichte machen, und obwohl die Arbeit von fünf Jahren das nächste Mal schneller durchlaufen wird, ist dennoch Zeit verloren.

Intensive Gedanken z.B. des Hasses sind im Grunde Taten und wer sich auf dem Seelenweg, von denen die großen Grimm-Märchen wissen, bewegt, steht immer in Gefahr, durch intensives, negativ gegen das Leben gerichtetes Denken weit zurückzufallen. In Zeiten, in denen Menschen von solch inneren Tatsachen nichts mehr wissen wollen, sind sie umso gefährdeter und niemand ist geholfen, wenn er erst im Kamaloka aufwacht. Goethe hat zu diesem Thema viel in seinem Faust und seinem Märchen von der schönen Lilie und der grünen Schlange geschrieben, genauso wie es Schiller um die seelische Entwicklung des Menschen in seinen Ästhetischen Briefen ging, die leider kaum mehr zur Kenntnis genommen werden,

Balladen, gerade die uns vorliegende, verweisen darauf, dass das Ganze kein Spaß oder okkultes Geschwätz ist, sondern seelisch-geistige Realität.

Indem Schiller den Knappen über die Untiefe berichten lässt, beschreibt er in Wahrheit, wie es in uns, in den Menschen aussehen kann. Gleichzeitig macht diese Ballade uns auch bewusst, dass das Erleben solch schrecklicher Minuten, Stunden oder Tage – eine der eindrücklichsten Schilderungen eines möglichen Geschehens habe ich bei Ronald D. Laing gelesen – oft Voraussetzung sein mag, um das Wertvolle, was wir suchen, zu finden. In höchster Not sieht auf einmal der junge Mann den Becher. Das ist kein Zufall, weil es genau so ist: So nah liegen im Grunde beides beieinander, Tod bzw. höchstes Leid und höchster Gewinn.

Das dies so ist, gehört zu den wichtigen Erkenntnissen, die das Leben uns vermitteln will und über das z.B. auch der Weg Parzivals zum Gral berichtet: Niemand kommt an Gethsemane vorbei, niemand an seinem Karfreitag; nur so gelangt man zum Gral. Und über jene, die glauben, Sorglosigkeit und ein Event nach dem anderen sei höchstes Glück, weiß Ricarda Huch in ihrem Buch Luthers Glaube:

Die meisten Berufenen scheitern daran, dass sie nicht kämpfen und leiden wollen. Sie möchten wohl Auserwählte sein, aber, wie Papageno [in Mozarts Zauberflöte; Anm. JK.], nicht durch Feuer und Wasser gehen, und gleichen Frauen, die sich nach Kindern sehnen, aber die Qual, sie zu tragen und hervorzubringen, nicht auf sich nehmen mögen. Es gibt Menschen, die dem Leiden ausweichen, und es gibt Menschen, die das Leiden suchen und denen das Leiden ausweicht; wen Gott auserwählt hat, dem zwingt er das Leiden auf. Und zwar zwingt er es ihm auf durch das Mittel, durch welches er überhaupt im Menschen wirkt, nämlich durch das Herz; insofern nun jedem sein Herz selbst angehört, macht jeder sich sein Schicksal selbst.

Wie oft haben Musiker oder bildende Künstler nach den größten Erschütterungen ihrer Seele und in existentiellen Nöten ihre größten Werke gestaltet. Im menschlichen Leben ist es oft so: Es bedarf höchster Not, um wahre Gefühle und tiefstes, ehrliches Empfinden freizusetzen. In Schillers Ballade steht dafür das Finden des Bechers. Im Grunde also gelingt dem Knappen des Königs Vergleichbares.

Und wovon Schiller auch überzeugt ist:

Um hier nicht unterzugehen, bedarf es des Gebets. Aber es bedarf noch einer Fähigkeit, die im Übrigen auch Parzival zeigt, als er völlig verzweifelt ist und den Glauben daran aufgibt, den Gral wiederzufinden: Er überlässt seinem Pferd die Zügel. Nicht mehr sein Wille und Verstand lenken den Lauf des Lebens; er übergibt die Zügel einer intuitiven Macht. Nur so kann er doch zu Trevrizent gelangen, der ihm den Weg zur Gralsburg weist.

Auch der Knappe tut dies: Er lässt die Korallen los, er übergibt seinen Willen Gott. Nur deshalb kann ihn der Strudel packen und nach oben ziehen. Hätte er weiter gekämpft, weiter mit seinem Willen und Verstand versucht, die Situation zu meistern, wäre er gescheitert; so aber hatte er noch Energie für den Aufstieg.

So nahe liegen Tod und Leben beieinander. Ein Gebet lang. Oft nur eine Blickwendung weit. Das genau meint das griechische Wort Metanoia, das Luther [leider] mit Buße übersetzt; wörtlicher bedeutet es Sinnes-Änderung. Manchmal genügt ein Blick zur Seite, um zu finden, was man so sehr sucht.

Dem dunklen König Paroli bieten! Über den Wert des Denkens.

Was ist es, was den Edelknecht verleitet, in den Schlund zu springen? All die Ritter, die am Felsen standen, können keine mutlosen Loser gewesen sein; wahrscheinlich schätzten die meisten das Ansinnen des Königs als unsinniges Unterfangen ein, das er inszenierte, weil ihm wieder einmal langweilig war. Dass der Edelknecht sich der Herausforderung stellte, mag der ein oder andere als mutig bezeichnen, genauso gut möglich ist, dass er die Chance nutzte, sich einen Namen zu machen, selbst auf die Gefahr hin, dabei seines Lebens verlustig zu gehen; immerhin freut er sich doch sehr, als er wieder auftaucht und den Anwesenden mit dem Becher zuwinkt. – Gewiss ist es aber auch kein Zufall, dass er das zweite Hinabtauchen mit dem Leben bezahlt.

Immerhin  weiß er beim ersten Mal den richtigen Zeitpunkt zum Hineinspringen abzuwarten; pur hormongesteuert kann er also nicht gewesen sein; der ein oder andere mag sogar denken: Er wusste, welches Risiko er einging. Sein Bericht, den er dem König gibt über das, was er erlebte, zeigt, dass mit seinem Hinabtauchen ein Bewusstseinsprozess in seinem Inneren verbunden war, denn erst in der grässlichen Einsamkeit wird ihm bewusst, wie weit er von menschlicher Hilfe entfernt ist; er nimmt wahr, dass es hier zwar Lebewesen gibt, dass es aber allesamt Larven sind, lebendige Wesen also, aber ohne alles Gefühl. Es ist die Hölle! Die absolute Nachtmehrfahrt der Seele, um einen bevorzugt Jungschen Terminus aufzugreifen, wie sie auch Jonas im Bauch des Wals erlebte. Er weiß auch und lässt es den König wissen, dass sein Loslassen des Korallenzweiges eine Schreckreaktion ist, die ihm zum Heil gereichte. – Er weiß es dem König gegenüber zu formulieren. Es ist ihm bewusst.

Was dann geschieht, verweist meines Erachtens auf den Wert des Denkens, das im Zug der Aufklärung und rein kopfgesteuerter Menschen zu Unrecht in Misskredit geraten ist, denn es gibt ein Denken unabhängig vom physischen Gehirn, eines, das sich zunehmend einzubetten weiß in eine gewiss vorhandene kosmische Intelligenz.

Gefühle brauchen immer wieder  ein Korrektiv, kommen sie doch aus ganz unterschiedlichen Ebenen, deren wir uns im Augenblick des Fühlens selten bewusst sind. Nicht alle Gefühle basieren auf heiliger Intuition. Nicht von ungefähr rät ein Mann, der doch des Heiligen Geistes teilhaftig war, nämlich Paulus im Brief an die Thessalonicher: Prüfet alles, und das Gute behaltet! Solch eine Prüfung basiert auf einem Denkprozess. Und mit Denken hätte auch der Edelknecht erkennen können, wie sehr die Tochter Recht hat, wenn sie das Treiben des Vaters als ein grausames Spiel bezeichet (wie mutig im Übrigen von der Tochter!). Ein eingeschaltetes Denken hätte den Knappen wahrnehmen lassen können, eine welch große Unverschämtheit die Tatsache beinhaltet, dass der König beim zweiten Mal den Becher, den eigentlich der junge Mann errungen und den er sich mit seinem Hinabtauchen wahrlich verdient hatte, einfach nimmt und wieder hinunterwirft. Hätte der Knappe den Mut der Tochter gehabt, hätte er den  König zur Rede gestellt!  Was kann er wirklich darauf geben, dass ihm der König die eigene Tochter verspricht, wenn jener weder Eigentum noch Leben respektiert? Und warum sollte es kein drittes Mal geben, wenn dem König danach ist? Wie überhaupt geht jener mit seiner Tochter um und verfügt einfach über sie, nur damit er sein sadistisches Ergötzen hat!

Und warum will  er angesichts dessen, was der junge Mann schilderte, ihn nunmehr noch auf den tiefuntersten Grund schicken – vorbei an Hammerhai, Stachelrochen, Drachen und allem weiteren Getier? – Es kann nicht gutgehen und es geht nicht gut und der König weiß es. Der tiefunterste Grund dürfte dem Dunkel der königlichen Seele sehr verwandt sein, und diesem Dunkel entkommt niemand, es sei denn, man hat eine Hilfe wie Daniel in der Löwengrube und im Feuerofen. Aber dahinein ging jener nicht freiwillig. Er versuchte seinen Gott nicht. Auch nicht die Götter (die das Christentum ausgerottet hat, obwohl sie zum Teil den Engelebenen entsprechen).

Das ist für mich eine Lehre, die mir diese Ballade vermittelt: Es ist falsch, dem dunklen König nicht Widerstand zu leisten, es ist falsch, sich seiner Willkür zu beugen. Und der scheinbare Mut, den der Edelknecht aufbrachte, den hätte er wie Ritter Delorges einsetzen sollen. Als jener nämlich den Handschuh von Fräulein Kunigunde, der ihr ach so aus Versehen in die Arena zwischen all die Löwen, Tiger und Leoparden fällt und den sie ihn als Liebesbeweis aufforderte zurückzuholen, ihr bringt, gibt er ihn nicht mit einem Lang lebe Kunigunde zurück, sondern wirft ihn ihr ins Gesicht und betont, dass er auf ihren Dank verzichte.

Schiller hat die Ballade Der Handschuh Goethe gegenüber als Nachstück zum Taucher bezeichnet, Goethe aber hat sehr wohl erkannt, dass sie mehr nur ist, dass sie, gerade wegen ihres Schlusses, ein Gegenstück ist und hat sie auch als solches bezeichnet und ihr damit den gebührenden Respekt gezollt.

Es ist wichtig, falls wir als Menschen mutig sein können, dass wir diesen Mut, diese Herzkraft nicht dazu verwenden, dunklen Königen zu imponieren oder wie auch immer auf sie hereinzufallen, sondern sie als die dunklen Könige dieser Welt zu entlarven.

Schillers große Ballade ist auch ein Meisterwerk der Dichtkunst: Da sind die so eindrücklichen Alliterationen in Und hohl und hohler hört man’s heulen, die häufigen polysyndetischen Reihungen, z B. in Und es wallet und siedet und brauset und zischt, die zahlreichen so nachdrücklich wirkenden Polyptota wie in Flut auf Flut, von Mund zu Mund, von Well auf Well oder wenn ein Meer noch ein Meer gebären will; gleiches gilt für die vielen Metaphern der Tiefe, wenn vom Trichter die Rede ist und vom Schlund, von der strudelnden Wasserhöhle, dem furchtbaren Höllenrachen, vom Grab und finstern Schoße, von purpurner Finsternis, trauriger Öde und grässlicher Einsamkeit. Vieles ließe sich noch aufzeigen, was Schiller als absoluten Meister seines Faches ausweist. Es mag im Übrigen sogar sein, dass ihm selbst die Wassersymbolik gar nicht bewusst war und es könnte ihm gegangen sein wie Goethe, der einmal äußerte, er müsse sich von Schiller immer mal wieder erklären lassen, was er da eigentlich geschrieben habe.

Gott sei Dank ruhen in den Tiefen der Seele nicht nur die Untiefen eines dunklen Königs, sondern auch solche Schätze; beides wohl in fast jedem Menschen durchaus dicht nebeneinander. Dies wissen zu dürfen – auch durch diese Ballade – ist so wertvoll, denn das Dunkel gehört zu uns wie der leuchtende Becher. Beides macht uns Menschen aus.

Das eine gäbe es ohne das andere nicht.

Durch unser Bewusstsein können wir beides für unsere Entwicklung fruchtbar machen. Deshalb dürfen wir jenen, die zu diesem Bewusstsein durch ihr künstlerisches Schaffen beitrugen, wirklich dankbar sein.

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Versuchung des Heiligen Antonius – Mittelteil des Triptychon

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Buchveröffentlichung Gedichtinterpretationen gestalten lernen
Für Oberstufenschüler und alle, die verstehen möchten, auf
welche Weise Inhalt und Form von Gedichten in unsere
Tiefenstruktur hineinwirken. – Mehr unter diesem LINK

 

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„Und Engel treten leise aus den blauen Augen / der Liebenden, die sanfter leiden.“ – Trakls ´Herbst des Einsamen´.

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Der Herbst des Einsamen

Der dunkle Herbst kehrt ein voll Frucht und Fülle,
Vergilbter Glanz von schönen Sommertagen.
Ein reines Blau tritt aus verfallner Hülle;
Der Flug der Vögel tönt von alten Sagen.
Gekeltert ist der Wein, die milde Stille
Erfüllt von leiser Antwort dunkler Fragen. 

Und hier und dort ein Kreuz auf ödem Hügel;
Im roten Wald verliert sich eine Herde.
Die Wolke wandert übern Weiherspiegel;
Es ruht des Landmanns ruhige Gebärde.
Sehr leise rührt des Abends blauer Flügel
Ein Dach von dürrem Stroh, die schwarze Erde.

Bald nisten Sterne in des Müden Brauen;
In kühle Stuben kehrt ein still Bescheiden,
Und Engel treten leise aus den blauen
Augen der Liebenden, die sanfter leiden.
Es rauscht das Rohr; anfällt ein knöchern Grauen,
Wenn schwarz der Tau tropft von den kahlen Weiden.

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Wer ein wenig informiert ist über das Leben des Dichters obiger Zeilen, Georg Trakl, der weiß, dass er – man kann es im Grunde so sagen – Zeit seines Lebens drogenabhängig war. Dennoch – oder vielleicht deshalb, weil er es auf einer freieren Ebene nicht schaffen konnte, nach der er sich tief in seinem Inneren wohl immer gesehnt hat – hat er Zeilen geschrieben, die hoch spirituell und bewundernswert klar waren, ich denke an jenes Gedicht, das ich als sein Abendmahls-Gedicht bezeichnen möchte, Abendmahl, nicht in kirchlichem, sondern in tief empfundenem urchristlichen Sinne, in dem Brot und Wein zusammengehören wie Himmel und Erde.

Die Topoi, also jene Bilder, die in uns etwas auszulösen vermögen, finden sich auch in dem Herbst dieses einsamen Menschen: Es sind u.a. der Flug der Vögel, der früheren Kulturen heilig und immer bedeutsam war, das reine Blau, das manchen die heilige Farbe Marias, anderen einfach die des Himmels und geistiger Weite und Unbeschränktheit ist, und jene Stille, in die hinein wir zwar oft dunkle Fragen stellen mögen, die aber so gern für uns mit Milde antwortet. Selbst wenn auf einer äußeren Ebene das Rohr rauscht oder uns ein köchernes Grauen vor der Vergänglichkeit, das mit dem Herbst in dunklen Stunden einhergeht, anfällt, so sind es Engel, die aus den blauen Augen – eine Farbe, die sich bei Trakl wie bei vielen Dichtern des Expressionismus immer wieder findet – von Liebenden hervortreten.

Mit diesem Gedicht sagt Trakl – vielleicht aus der tiefen Not seiner leidenden Seele heraus – Ja zur Vergänglichkeit, der er sich irgendwann auch bewusst hingegeben hat, weil er das Leid dieser Welt nicht mehr aushalten konnte; wenn man um die Umstände seines Todes weiß, kann man das nur zu gut verstehen. 

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                            An der Saale im Kurpark Bad Kissingens

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„Höre Mutter meine letzte Bitte: / Einen Scheiterhaufen schichte du / …“ – Goethes „Braut von Korinth“ – ein Menetekel gegen bigotte Moral und falsche Mütterlichkeit.

Goethe hat mit seiner 1797 im berühmten Balladenjahr verfassten Ballade in Weimar und deutschlandweit zum Teil für helle Empörung gesorgt, immerhin geht es u.a. um das Motiv des Widergängers, eines Toten also, der unter den Lebenden auftaucht, verbunden mit dem des Vampirs; v.a. aber thematisiert der große Weimarer die Scheinheiligkeit eines Christentums, das sich so fromm vorkommt und in dieser Bigotterie tragisches Elend verursacht. Noch heute praktiziert die Katholische Kirche tagtäglich diese Scheinheiligkeit, indem sie Menschen per Sakrament und im Namen Gottes traut, wohl wissend, dass die Realität beweist, dass viele von ihnen nicht von Gott zusammengefügt sind. Das hindert sie nicht, diese Scheinheiligkeit noch zu steigern, indem sie sich als Wächterin christlicher Moral aufspielt und eine zweite Ehe verbietet, wobei sie es doch selbst war, die Gottes Segen zu jener ersten Ehe gab, die in so vielen Fällen diesen tunlichst nicht hätte beanspruchen sollen. Wer wesentlich mehr Ahnung von Kindesmissbrauch als von der Realität einer Ehe hat, sollte sich endlich nicht mehr als moralische Instanz aufspielen. – Der Verfall der Ehe als bürgerlicher Institution hängt wesentlich mit der Bigotterie der Katholischen Kirche zusammen.

Goethes bemerkenswerte Ballade ist an zahlreichen Stellen nicht auf Anhieb zu verstehen, deshalb schicke ich den Strophen erläuternde Bemerkungen voraus oder füge sie an. Die Ballade zur Gänze gibt es hier, wer sie vorab unkommentiert lesen möchte – oder nach dem Folgenden noch einmal.

Zum Inhalt: Zwei Väter, der eine mit seiner Familie in Athen, der andere in Korinth lebend, hatten schon in frühem Alter ihre Kinder füreinander bestimmt. Doch als es so weit war, war die  Familie des Mädchens zum christlichen Glauben übergetreten, während der Junge noch ein sogenannter Heide war. In den letzten Zeilen der zweiten Strophe lässt der Dichter den Jungen ahnen, dass der neue, der christliche Glaube die geplante Liebe nunmehr wie böses und heidnisches Unkraut ansehen könnte. Die Ballade beginnt mit dem Eintreffen des Jünglings in Korinth:

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Die Braut von Korinth

Nach Korinthus von Athen gezogen
Kam ein Jüngling, dort noch unbekannt.
Einen Bürger hofft‘ er sich gewogen;
Beide Väter waren gastverwandt,
Hatten frühe schon
Töchterchen und Sohn
Braut und Bräutigam voraus genannt.

Goethe hat von der Form her diese Ballade meisterlich gestaltet. Die sieben Verse jeder Strophe zeitigen per se einen ungewöhnlichen Rhythmus, vor allem  dadurch, dass sich ein fünfhebiger Trochäus in den Versen 1 – 4 findet, verbunden durch die Reimform ab ab, dann folgen zwei Zeilen mit drei Hebungen, ebenfalls trochäisch, allerdings nun nicht kreuz-, sondern paargereimt, wonach jede Strophe wieder fünfhebig abgeschlossen wird durch die Wiederaufnahme des b-Reimes (bekannt – verwandt – genannt). Die staccatohaften Zeilen 5 und 6 bewirken ein notwendig bewusstes Unterbrechen des Leserhythmus und heben dadurch natürlich auch ihren Inhalt besonders hervor; die Strophen klingen mit Vers 7 aus, indem sie mit dessen Inhalt die Spannung auf Zukünftiges erhöhen.

Aber wird er auch willkommen scheinen,
Wenn er teuer nicht die Gunst erkauft?
Er ist noch ein Heide mit den Seinen,
Und sie sind schon Christen und getauft.
Keimt ein Glaube neu,
Wird oft Lieb‘ und Treu‘
Wie ein böses Unkraut ausgerauft.

Zu nachtschlafener Zeit kommt der Bräutigam an und wird von der Mutter in ein Prunkgemach – vielleicht das früher einmal als Brautgemach gedachte Zimmer – gebracht. Offensichtlich ist die Mutter weit davon entfernt, ihm sagen zu wollen, dass seine Braut nicht mehr lebe, erst recht nicht, dass sie selbst maßgeblichen Anteil an deren Tod hat.

Und schon lag das ganze Haus im Stillen,
Vater, Töchter; nur die Mutter wacht;
Sie empfängt den Gast mit bestem Willen,
Gleich ins Prunkgemach wird er gebracht.
Wein und Essen prangt,
Eh‘ er es verlangt:
So versorgend wünscht sie gute Nacht.

Aber bei dem wohlbestellten Essen
Wird die Lust der Speise nicht erregt;
Müdigkeit läßt Speis und Trank vergessen,
Daß er angekleidet sich aufs Bette legt;
Und er schlummert fast,
Als ein seltner Gast
Sich zur offnen Tür herein bewegt.

So kann er auch nicht im Geringsten ahnen, wer da sein Zimmer betritt; es ist kein lebendes Wesen, sondern eine Tote, seine aufgrund großen Kummers verstorbene Braut.

Denn er sieht, bei seiner Lampe Schimmer
Tritt, mit weißem Schleier und Gewand,
Sittsam still ein Mädchen in das Zimmer,
Um die Stirn ein schwarz und goldnes Band.
Wie sie ihn erblickt,
Hebt sie, die erschrickt,
Mit Erstaunen eine weiße Hand.

Offensichtlich besucht sie immer wieder dieses Zimmer, nicht ahnend, dass sie dieses Mal auf einen Gast treffen werde, noch dazu ihren Bräutigam, wegen dessen durch die Mutter aus religiösen Gründen erzwungenem Verlust sie sich zu Tode grämte. – Klause, eine Wortwahl, die sicherlich dem Reim geschuldet ist, bezieht sich wohl metaphorisch auf ihren Sarg.

„Bin ich“, rief sie aus, „so fremd im Hause,
Daß ich von dem Gaste nichts vernahm?
Ach, so hält man mich in meiner Klause!
Und nun überfällt mich hier die Scham.
Ruhe nur so fort
Auf dem Lager dort,
Und ich gehe schnell, so wie ich kam.“

In Zeile 5 und 6 wandte sich die Tote direkt an den vermeintlich schlafenden Gast.

„Bleibe, schönes Mädchen!“ ruft der Knabe,
Rafft von seinem Lager sich geschwind:
„Hier ist Ceres‘, hier ist Bacchus‘ Gabe;
Und du bringst den Amor, liebes Kind!
Bist vor Schrecken blaß!
Liebe, komm und laß,
Laß uns sehn, wie froh die Götter sind.“

Offensichtlich hat der Jüngling noch nicht schlafen können. Was ganz besonders  natürlich auffällt, sind die sogenannten heidnischen Götter – heidnisch, für mich übrigens ein ganz und gar unsinniges Wort -, auf die sich der Jüngling als Nicht-Christ bezieht: die römische Ceres ist die Göttin der Ähre und der Ehe und Bacchus entspricht dem griechischen Dionysos, dessen eine Seite sich in einer ganz und gar sinnenfreudigen Sexualität darstellt.

„Ferne bleib‘, o Jüngling! bleibe stehen;
Ich gehöre nicht den Freuden an.
Schon der letzte Schritt ist, ach! geschehen
Durch der guten Mutter kranken Wahn,
Die genesend schwur:
‚Jugend und Natur
Sei dem Himmel künftig untertan.‘

Das Mächen verweist im dritten Vers darauf, dass sie bereits gestorben sei – offensichtlich ist es ihr nicht so ohne weiteres anzusehen – und die wenigen folgenden Zeilen vermitteln auf engstem Raum, dass seine Mutter wohl sehr krank gewesen sein muss und anlässlich ihrer Genesung schwur, ihre Kinder höchst christlich-religlös zu erziehen, was zur Folge hatte, dass die heidnischen Götter flugs das Haus zu verlassen hatten:

„Und der alten Götter bunt Gewimmel
Hat sogleich das stille Haus geleert.
Unsichtbar wird einer nur im Himmel,
Und ein Heiland wird am Kreuz verehrt;
Opfer fallen hier,
Weder Lamm noch Stier,
Aber Menschenopfer unerhört.“

Es gehört zur traurigen Realität der Toten, dass mit dem unerhörten Opfer nicht Jesu Tod, sondern der ihre gemeint ist, den sie, auf Liebe verzichten sollend, gramvoll starb.

Und er fragt und wäget alle Worte,
Deren keines seinem Geist entgeht:
Ist es möglich, daß am stillen Orte
Die geliebte Braut hier vor mir steht?
„Sei die Meine nur!
Unsrer Väter Schwur
Hat vom Himmel Segen uns erfleht.“

„Du gute Seele“: Unglaublich persönlich, wie im Folgenden das Mädchen seinen einstmaligen Bräutigam anspricht und bemerkenswert, wie es selbst von sich distanziert spricht: „Die an dich nur denkt / Die sich liebend kränkt“ – in diesen Worten kommt ihr tiefer Schmerz zum Ausdruck. – Auf lyrisch-gedrängtem Raum dies so zu gestalten, zeigt das große Können Goethes:

„Mich erhältst du nicht, du gute Seele!
Meiner zweiten Schwester gönnt man dich.
Wenn ich mich in stiller Klause quäle,
Ach! in ihren Armen denk an mich,
Die an dich nur denkt,
Die sich liebend kränkt;
In die Erde bald verbirgt sie sich.“

Damit aber ist der Bräutigam gar nicht einverstanden:

„Nein! bei dieser Flamme sei’s geschworen,
Gütig zeigt sie Hymen uns voraus;
Bist der Freude nicht und mir verloren,
Kommst mit mir in meines Vaters Haus.
Liebchen, bleibe hier,
Feire gleich mit mir
Unerwartet unsern Hochzeitschmaus!

Hymen ist der griechische Gott der Hochzeit. Offensichtlich ist, dass die Liebe des Jünglings so groß, so entbrannt ist, dass er nicht erkennt, eine Tote vor sich zu haben; man möchte fast glauben, seine große Liebe habe sie lebendig werden lassen.

Und schon wechseln sie der Treue Zeichen;
Golden reicht sie ihm die Kette dar,
Und er will ihr eine Schale reichen,
Silbern, künstlich, wie nicht eine war.
„Die ist nicht für mich;
Doch, ich bitte dich,
Eine Locke gib von deinem Haar!“

Eben schlug die dumpfe Geisterstunde,
Und nun schien es ihr erst wohl zu sein.
Gierig schlürfte sie mit blassem Munde
Nun den dunkel blutgefärbten Wein;
Doch vom Weizenbrot,
Das er freundlich bot,
Nahm sie nicht den kleinsten Bissen ein.

Noch ist es nicht sein Blut, das sie trinkt, aber der dunkel blutgefärbte Wein deutet bereits Vampirisches an.

Und dem Jüngling reichte sie die Schale,
Der, wie sie, nun hastig lüstern trank.
Liebe fordert er beim stillen Mahle;
Ach, sein armes Herz war liebekrank.
Doch sie widersteht,
Wie er immer fleht,
Bis er weinend auf das Bette sank.

Und sie kommt und wirft sich zu ihm nieder:
„Ach, wie ungern seh‘ ich dich gequält!
Aber, ach! berührst du meine Glieder,
Fühlst du schaudernd, was ich dir verhehlt.
Wie der Schnee so weiß,
Aber kalt wie Eis,
Ist das Liebchen, das du dir erwählt.“

Die tote Braut verhehlt ihm keineswegs die Weise ihres Seins.

Heftig faßt er sie mit starken Armen,
Von der Liebe Jugendkraft durchmannt:
„Hoffe doch, bei mir noch zu erwarmen,
Wärst du selbst mir aus dem Grab gesandt!
Wechselhauch und Kuß!
Liebesüberfluß!
Brennst du nicht und fühlest mich entbrannt?“

Liebe überwindet den Tod. So möchte man glauben, und es will scheinen, als ob der Jüngling in seiner großen Liebe glaubt, den Tod überwinden zu können.

Liebe schließet fester sie zusammen,
Tränen mischen sich in ihre Lust;
Gierig saugt sie seines Mundes Flammen,
Eins ist nur im andern sich bewußt.
Seine Liebeswut
Wärmt ihr starres Blut,
Doch es schlagt kein Herz in ihrer Brust.

Man mag als Leser den letzten Vers kaum glauben, doch einige Strophen später wird deutlich, dass sie sich von seines Herzens Blut nährt und sich durchaus bewusst ist, dass sie ihm sein Leben raubt. Deutlich wird, warum sie, wissend, ihm den Tod zu bringen, ihn zunächst (in Strophe 6) von sich weisen wollte, dass aber doch seine und ihre Liebe sie übermannten.

Unterdessen schleichet auf dem Gange
Häuslich spät die Mutter noch vorbei,
Horchet an der Tür und horchet lange,
Welch ein sonderbarer Ton es sei:
Klag- und Wonnelaut
Bräutigams und Braut
Und des Liebestammelns Raserei.

Unbeweglich bleibt sie an der Türe,
Weil sie erst sich überzeugen muß,
Und sie hört die höchsten Liebesschwüre,
Lieb‘ und Schmeichelworte, mit Verdruß:
„Still! der Hahn erwacht!“ –
„Aber morgen Nacht
Bist du wieder da?“ Und Kuß auf Kuß.

Länger hält die Mutter nicht das Zürnen,
Öffnet das bekannte Schloß geschwind:
„Gibt es hier im Hause solche Dirnen,
Die dem Fremden gleich zu Willen sind?“
So zur Tür hinein.
Bei der Lampe Schein
Sieht sie – Gott! sie sieht ihr eigen Kind.

Und der Jüngling will im ersten Schrecken
Mit des Mädchens eignem Schleierflor,
Mit dem Teppich die Geliebte decken;
Doch sie windet gleich sich selbst hervor.
Wie mit Geists Gewalt
Hebet die Gestalt
Lang und langsam sich im Bett‘ empor

Sehr oft haben Balladen erzählerische Momente, aber eben immer wieder auch dramatische, höchst dramatische. In der Gestalt, wie sie sich schattengleich hoch und höher erhebt, vermischen sich beide Ebenen. Immer wieder zeigen sich zudem formale Elemente, die, für den Leser unbewusst, die Inhalte verstärken, seien es Vokalismen, wie die durchdringenden I-Laute am Ende der vorvorausgehenden Strophe, verbunden mit S-Alliterationen und Wortwiederholungen, fast nur seelisch hörbare Ausrufe („Gott“), weitere Alliterationen wie Geists Gewalt, Assonanzen wie im Folgenden hohle Worte oder eine eindrückliche Duplicatio wie Mutter, Mutter. Auch wenn dies alles dem Leser nicht bewusst sein mag, diese aus der griechischen Rhetorik stammenden Mittel beeinflussen unsere schon durch das vor uns sich ausbreitende Leid oft weit geöffnete Seele.

„Mutter! Mutter!“ spricht sie hohle Worte:
„So mißgönnt Ihr mir die schöne Nacht!
Ihr vertreibt mich von dem warmen Orte.
Bin ich zur Verzweiflung nur erwacht?
Ist’s Euch nicht genug,
Daß ins Leichentuch,
Daß Ihr früh mich in das Grab gebracht?

Hier spricht die Tochter an, worauf ihr früher Tod zurückzuführen ist, es deutet sich auch ganz entfernt, aber hörbar  an, dass nicht nur eine augenblickliche Missgunst Ursache gewesen sein könnte. Die summenden Gesänge der Priester lassen deren Religiosität und überhaupt christliche Religiosität unüberhörbar dissonant und falsch erscheinen und die Wortwahl des Mädchens mag deutlich machen, wie übergroß noch jetzt sein großes Leid sein muss, da es doch schon einige Zeit tot ist. Tot ist nicht tot.

„Aber aus der schwerbedeckten Enge
Treibet mich ein eigenes Gericht.
Eurer Priester summende Gesänge
Und ihr Segen haben kein Gewicht;
Salz und Wasser kühlt
Nicht, wo Jugend fühlt;
Ach! die Erde kühlt die Liebe nicht.

„Dieser Jüngling war mir erst versprochen,
Als noch Venus‘ heitrer Tempel stand.
Mutter, habt Ihr doch das Wort gebrochen,
Weil ein fremd, ein falsch Gelübd‘ Euch band!
Doch kein Gott erhört,
Wenn die Mutter schwört,
Zu versagen ihrer Tochter Hand.

So klipp und klar wird: Kein Gott, nicht einmal der christliche, gibt sich dafür her, Ja zu sagen, wenn eine Mutter auf Kosten ihrer Tochter ein Gelübde abgibt. Nicht von ungefähr bezieht sich die Tochter auf eine heidnische Göttin, Venus, die Göttin der Liebe. Deutlich wird hier, warum ziemlich viele Kleriker und dogmatische Christen aus Weimar und deutschlandweit not amused sein konnten. Wer um Goethes Religiosität weiß, um seine tiefe rosenkreuzerische Haltung dem Kreuz und Christus gegenüber, wie es zum Beispiel sich in den Geheimnissen, in den tief-katholischen Schluss-Szenen des Faust II oder in der Marienbader Elegie offenbart, weiß, dass der große Weimarer nicht das Christentum als Bewusstseinsstufe anklagt, sondern eine bigott gestaltete Konfession, die noch heute Menschen teuflich schikaniert, wie ich es eingangs ansprach.

„Aus dem Grabe werd‘ ich ausgetrieben,
Noch zu suchen das vermißte Gut,
Noch den schon verlornen Mann zu lieben
Und zu saugen seines Herzens Blut.
Ist’s um den gescheh’n,
Muß nach andern geh’n,
Und das junge Volk erliegt der Wut. –

Mit ihrem bigotten Vorgehen wird die Mutter mitschuldig am Tod des Bräutigams. Ob sie der toten Tochter den letzten Wunsch erfüllt, im Tode mit ihrem Bräutigam eins sein zu dürfen, darf bezweifelt werden. Ganz unzweifelhaft ist, dass die Tochter mit ihren letzten Worten zum Ärger aller Möchtegern-Klerikalen bekundet, mehr Vertrauen in die alten Götter zu haben als in jenen Gott ihrer Mutter, mit dem sie ihr Leid in Zusammenhang bringt, was dem wahren christlichen Gott gegenüber nicht angemessen, aber nachvollziehbar ist. Angesichts des vielen Leides, das Menschen im Namen des Einen Gottes ihren Mitmenschen gebracht haben, werden das viele, viele verstehen können. Ob der Schluss allerdings einer versammelten klerikalen Bigotterie zu denken gibt: man muss es leider bezweifeln und ein bitterer Geschmack bleibt, wenn die letzten Worte verhallen, weil sie für beide, wenn es dabei bliebe, keine Lösung und Erlösung bedeuteten. – Und wer wollte dem Mädchen diese nicht wünschen, desgleichen dem Bräutigam!

„Schöner Jüngling! kannst nicht länger leben;
Du versiechest nun an diesem Ort.
Meine Kette hab‘ ich dir gegeben;
Deine Locke nehm‘ ich mit mir fort.
Sieh sie an genau!
Morgen bist du grau,
Und nur braun erscheinst du wieder dort. –

„Höre, Mutter, nun die letzte Bitte:
Einen Scheiterhaufen schichte du;
Öffne meine bange kleine Hütte,
Bring in Flammen Liebende zur Ruh‘!
Wenn der Funke sprüht,
Wenn die Asche glüht,
Eilen wir den alten Göttern zu.“

 

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