Wege aus der Corona-Zeit: „Die Skelettfrau.“ Ein Märchen.

In einer seelenlosen Gesellschaft ist die Welt zu einer großen Börse geworden. Entscheidungen sind in Sekundenbruchteilen zu treffen, die Menschen bestimmen nicht mehr selbst ihr Leben, sondern die Kurse, von deren Launen die Menschen sich abhängig gemacht haben. Wie in Hans Christian Andersens Märchen „Die roten Schuhe“ tanzen dieselben, wie sie wollen und wirbeln in irrem Tanz an den Dingen vorbei, nach denen Menschen sich am meisten sehnen. Die aber stecken in ihren roten Schuhen fest und sind auf Gedeih und Verderben mit dem, was jene mit ihnen tun, verbunden. Eine Allianz des Schreckens und entfremdeten Lebens.

Glaubt ernsthaft noch jemand, mit Corona sei es anders? Auf Gedeih und Verderben sind wir von dem Virus abhängig und der macht mit uns, was er will. Vermutlich hatte er nie geglaubt, dass er so leichtes Spiel mit den Menschen hat. 

Die Männer, die bei uns das Sagen haben, haben null Alternativen zu ihrem einfallslosen Handeln. Das Märchen von der Skelettfrau zeigt, wie es gehen kann. Gefunden habe ich es in Clarissa Pinkola Estés wunderbarem Buch „Die Wolfsfrau. Die Kraft der weiblichen Urinstinkte.“

Auch in Bezug auf Corona gilt Obiges? Ja, auch in Bezug auf Corona. Denn dieser Virus zeigt uns, wie krank unsere Gesellschaft wirklich ist. Nicht krank wegen des Virus. Sie war schon vorher krank, ja todkrank. Nun lässt sie sich von einem Virus durch die Gegend jagen, und er genießt es und tanzt und tanzt und tanzt und der RKI-Wieler guckt bedenklich und schon ganz krank und Lauterbach sieht mal wieder schwarz und Scholz sagt wieder mal nix und bitte, hört bitte alle zu und dass das aber wirklich jetzt klar ist: Lasst Euch boostern, dieser Weg allein gibt Sicherheit … in alle Ewigkeit …

Die Skelettfrau

Jahre vergingen, bis sich niemand mehr daran erinnern konnte, gegen welches Gesetz das arme Mädchen verstoßen hatte. Die Leute wussten nur noch, dass ihr Vater sie zur Strafe von einem Felsvorsprung ins Eismeer hinabgestoßen hatte und dass sie ertrunken war. So lag sie für eine lange Zeit am Meeresboden. Die Fische nagten ihr Fleisch bis auf die Knochen ab und fraßen ihre kohlschwarzen Augen. Blicklos und fleischlos schwebte sie unter den Eisschollen, und ihr Gerippe wurde von der Strömung um- und um- und umgedreht. 

Die Fischer und Jäger der Gegend hielten sich fern von der Bucht, denn es hieß, dass der Geist der Skelettfrau dort umginge. Doch eines Tages kam ein junger Fischer aus einer fernen Gegend hergezogen, der nichts davon wusste. Er ruderte sein Kajak in die Bucht, warf seine Angel aus und wartete. Er ahnte ja nicht, dass der Haken seiner Angel sich sogleich in den Rippen des Skeletts verfing! Schon fühlte er den Zug des Gewichts und dachte voll Freude bei sich: „Oh, welch ein Glück! Jetzt habe ich einen Riesenfisch an der Angel, von dem ich mich für lange Zeit ernähren kann. Nun muss ich nicht mehr jeden Tag auf die Jagd gehen.“ 

Das Skelett bäumte sich wie wild unter dem Wasser auf und versuchte freizukommen, aber je mehr es sich aufbäumte und wehrte, desto unentrinnbarer verstrickte es sich in der langen Angelleine des ahnungslosen Fischers. 

Das Boot schwankte bedrohlich im aufgewühlten Meer, fast wäre der Fischer über Bord gegangen, aber er zog mit aller Kraft an seiner Angel, er zog und ließ nicht los und hievte das Skelett aus dem Meer empor . „Iii, aiii“, schrie der Mann, und sein Herz rutschte ihm in die Hose, als er sah, was dort zappelnd an seiner Leine hing.

„Aiii“ und „igitt“ schrie er beim Anblick der klappernden, mit Muscheln und allerlei Getier bewachsenen Skelettgestalt. Er versetzte dem Scheusal einen Hieb mit seinem Paddel und ruderte, so schnell er es im wilden Gewässer vermochte, an das Meeresufer. Aber das Skelett hing weiterhin an seiner Angelleine, und da der Fischer seine kostbare Angel nicht loslassen wollte, folgte ihm das Skelett, wohin er auch rannte: über das Eis und den Schnee; über Erhebungen und durch Vertiefungen folgte ihm die Skelettfrau mit ihrem entsetzlich klappernden Totengebein. 

„Weg mit dir“, schrie der Fischer und rannte in seiner Angst geradewegs über einige frische Fische, die jemand dort zum Trocknen in die Sonne gelegt hatte. Die Skelettfrau packte ein paar dieser Fische, während sie hinter dem Mann hergeschleift wurde, und steckte sie sich in den Mund, denn sie hatte lange keine Menschenspeisen mehr zu sich genommen. 

Und dann war der Fischer bei seinem Iglu angekommen. In Windeseile kroch er in sein Schneehaus hinein und sank auf das Nachtlager, wo er sich keuchend und stöhnend von dem Schrecken erholte und den Göttern dankte, dass er dem Verderben noch einmal entronnen war. Im Iglu herrschte vollkommene Finsternis, und so kann man sich vorstellen, was der Fischer empfand, als er seine Öllampe anzündete und nicht weit von sich in einer Ecke der Hütte einen völlig durcheinander geratenen Knochenhaufen liegen sah. Ein Knie der Skelettfrau steckte in den Rippen ihres Brustkorbs, das andere Bein war um ihre Schultern verdreht, und so lag sie da, in seine Angelleine verstrickt. 

Was dann über ihn kam und ihn veranlasste, die Knochen zu entwirren und alles vorsichtig an die rechte Stelle zu rücken, wusste der Fischer selbst nicht. Vielleicht lag es an der Einsamkeit seiner langen Nächte, und vielleicht war es auch nur das warme Licht seiner Öllampe, in dem der Totenkopf nicht mehr ganz so grässlich aussah – aber der Fischer empfand plötzlich Mitleid mit dem Gerippe. 

„Na, na, na“, murmelte er leise vor sich hin und verbrachte die halbe Nacht damit, alle Knochen der Skelettfrau behutsam zu entwirren, sie ordentlich zurechtzurücken und sie schließlich sogar in warme Felle zu kleiden, damit sie nicht fror. Danach schlief der Gute erschöpft ein, und während er dalag und träumte, rann eine helle Träne über seine Wange. Dies aber sah die Skelettfrau und kroch heimlich an seine Seite, brachte ihren Mund an die Wange des Mannes und trank die eine Träne, die für sie wie ein Strom war, dessen Wasser den Durst eines ganzen Lebens löscht. 

Sie trank und trank, bis ihr Durst gestillt war, und dann ergriff sie das Herz des Mannes. das ebenmäßig und ruhig in seiner Brust klopfte. Sie ergriff das Herz, trommelte mit ihren kalten Knochenhänden darauf und sang ein Lied dazu. 

„Oh, Fleisch, Fleisch, Fleisch“, sang die Skelettfrau. „Oh, Haut, Haut, Haut.“ Und je länger sie sang, desto mehr Fleisch und Haut legte sich auf ihre Knochen. Sie sang für alles, was ihr Körper brauchte, für einen dichten Haarschopf und kohlschwarze Augen, eine gute Nase und feine Ohren, für breite Hüften, starke Hände, viele Fettpolster überall und warme, große Brüste. Und als sie damit fertig war, sang sie die Kleider des Mannes von seinem Leib und kroch zu ihm unter die Decke. Sie gab ihm die mächtige Trommel seines Herzens zurück und schmiegte sich an ihn, Haut an lebendige Haut. So erwachten die beiden, eng umschlungen. Fest aneinander geklammert. Die Leute sagen, dass die beiden von diesem Tag an nie Mangel leiden mussten, weil sie von den Freunden der Frau im Wasser, den Geschöpfen des Meeres. ernährt und beschützt wurden. So sagt man bei uns, und viele unserer Leute glauben es heute noch.

Dieser junge Fischer hält sich nicht an die üblichen Regeln und was schon immer so gemacht wird. Manchmal tut man etwas unbewusst, man kann aber auch ganz bewusst mal etwas ausprobieren, anders tun, für das Ende von Blockaden sorgen, die ein Leben lang ansonsten existent sein können.

Kein Zufall, was der junge Fischer da an Land zieht. Es ist ein skelletiertes Weibliches. Was einst so voller Lebenssaft und Freude war, hat nicht einmal mehr Augen, keine Haut mehr, nur noch Knochen.

Es ist so wie im Leben der Menschen: Der Tod hat sich vom Leben getrennt, beide existieren für sich, beide haben nichts mehr voneinander mit der Folge, dass ein Teil im Grunde gar nicht mehr existiert, der andere aber panisch reagiert, wenn etwas Unvorhergesehenes geschieht (wo doch, wie sich herausstellt, Leben einziehen will). Wie wehrt er sich, sich nicht ändern zu müssen, alles beim Alten bleiben zu lassen.

Gut, dass das Skelett nicht wirklich tot ist.

Jene Teile in uns, die sich von uns getrennt haben und kein Leben mehr haben, sind nicht wirklich tot. Auch der Gralskönig ist nicht wirklich tot, nur todkrank und die sogenannte Mitleidsfrage des Parzival kann ihn von der tödlichen Krankheit erlösen.

Mitfühlen ist notwendig, denn ohne es zu wissen, fühlen wir mit etwas Wichtigem in uns selbst mit. Parzival erlöst im Grunde mit seiner einfachen Frage: „Oheim, was ist mit Dir?“ seine alte Natur, die überholt ist, todkrank. Sie darf gehen. 

Auch der junge Fischer hat ein Herz, das fühlt

Etwas Neues darf entstehen. Wir wissen es: das Weibliche wird wieder singen. Diese Töne werden die Welt der beiden verändern.

Im Märchen geht es auch um das Auflösen der Grenze zwischen Tod und Leben, eine Grenze, die all unsere Kräfte lahmlegen kann; das Glück des jungen Fischers aber hat hier auch und gerade mit dem Weiblichen der Menschheit zu tun. Wo es von den alten ideenlosen Männern fortgejagt worden ist, die herrschen und ihre Macht festigen, indem sie Menschen in Leblosigkeit zwingen, stirbt Leben ab. Wir brauchen uns nur umblicken.

Man mag es nicht glauben, was im Märchen abgeht und was auch in unseren Leben abgehen könnte … wenn wir dem Weiblichen die Möglichkeit geben, sich zu entfalten, zu singen.

Möglich ist es, nur müsste man, was wie tot erscheint, neu ordnen, sich überhaupt ihm zuwenden und schauen, zu was es in der Lage ist: Wir würden staunen …

Wenn wir aber immer das Übliche tun und das, was alte – auch eben geistig verbrauchte und einfallslose Männer uns vorschreiben, dann entgehen uns feine Ohren, breite Hüften, starke Hände, viele Fettpolster überall und warme, große Brüste.

Manche leben ihr Leben lang in Wirklichkeit mit einem Skelett, wie es unter Wasser, also unbewusst, in ihnen lebt, sie aber regiert.

Ich persönlich bin eher für breite Hüften, starke Hände, warme, große Brüste …

Wir müssten halt das skelettierte Weibliche an Land ziehen …

Die ganzen alten Männer (die so alt sind wie die älteren Brüder im Märchen, die in Wirklichkeit nichts auf die Reihe kriegen) und all die männlichen Frauen, die von ihrer lebendigen Weiblichkeit in Wahrheit nichts wissen, tun es nicht …

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„Keine Hierarchie / Von Heiligen auf goldnen Stühlen / Sitzend / Kein Niedersturz / Verdammter Seelen / Nur / Nur Liebe“ – Gedanken einer großen Dichterin zu Allerheiligen und Allerseelen und dem Leben nach dem Tode.

Glauben Sie fragte man mich 
An ein Leben nach dem Tode
Und ich antwortete: ja
Aber dann wusste ich 
Keine Antwort zu geben
Wie das aussehen sollte
Wie ich selber
Aussehen sollte 
Dort 

Ich wusste nur eines
Keine Hierarchie
Von Heiligen auf goldenen Stühlen 
Sitzend 
Kein Niedersturz
Verdammter Seelen
Nur 
Nur Liebe frei gewordene
Niemals aufgezehrte
Mich überflutend

Kein Schutzmantel starr aus Gold
Mit Edelsteinen besetzt
Ein spinnenwebenleichtes Gewand
Ein Hauch
Mir um die Schultern
Liebkosung schöne Bewegung
Wie einst von tyrrhenischen Wellen …
Wortfetzen
Komm du komm

Schmerzweb mit Tränen besetzt
Berg- und Talfahrt
Und deine Hand
Wieder in meiner
So lagen wir lasest du vor
Schlief ich ein
Wachte auf
Schlief ein
Wache auf
Deine Stimme empfängt mich
Entlässt mich und immer
So fort

Mehr also, fragen die Frager
Erwarten Sie nicht nach dem Tode? 
Und ich antwortete
Weniger nicht.

(Marie Luise Kaschnitz, „Ein Leben nach dem Tode“)

Vor wenigen Tagen starb meine ältere Schwester Gabriele und ich bin froh und dankbar, dass sie gehen durfte. Sie war ein tapfere Kämpferin gewesen, die es sich wahrlich verdient hatte, Ruhe zu finden, wenn ich allein an die 33 Vollnarkosen denke, die sie wegen einer misslungenen Hüftoperation und anderen Leiden über sich hat ergehen lassen müssen. Ich habe nie ein Jammern von ihren Lippen gehört und im Nachhinein mutet mich das fast unfassbar an.
In einem den Trauergottesdienst vorbereitenden Gespräch mit der Pfarrerin ihrer Konfession, in dem die Frage nach der Bedeutung des Leidens von jener gestellt wurde, sagte ich, dass ich das nur im Zusammenhang vieler Leben, die wir leben, sehen könne. Am Ende der Gesamtheit unserer physischen Leben wird sich für mich, wenn es gutgeht, jenes Wort aus dem 21. Kapitel der Offenbarung des Johannes bewahrheiten, wenn es heißt: „Gott wird ihnen alle Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben, kein Leid, keine Klage und keine Schmerzen; denn was einmal war, ist für immer vorbei.“

Aber dann wusste ich keine Antwort zu geben

Ich finde, es tut gut, wenn jemand nicht zu verschleiern sucht, dass er keine Ahnung von etwas hat. Marie Luise Kaschnitz – jene 1901 in Karlsruhe geborene und 1974 in Rom verstorbene große Dichterin, die ich in eine Reihe stelle mit Autorinnen wie Annette von Droste-Hülshoff, Ricarda Huch, Gertrud Kolmar und Ingeborg Bachmann und die in diesem Gedicht vermutlich den Tod ihres 1958 verstorbenen Mannes Guido Kaschnitz von Weinberg verarbeitete – tut das ebenfalls nicht; ihre Worte

Aber dann wusste ich 
Keine Antwort zu geben
Wie das aussehen sollte
 

können kaum ehrlicher sein und manche Esoteriker, die ihre gedanklichen Spekulationen als Wahrheiten ausgeben, könnten sich eine dicke Scheibe abschneiden.

Für mich war vor vielen Jahren die Lektüre von Anthony Borgias „Das Leben in der Unsichtbaren Welt“ eine erste absolut Aufsehen erregende Begegnung mit der Thematik, wie es im sogenannten Jenseits – manches scheint dort viel umfassender lebendig zu sein als in unserer Realität – aussehen könnte und ich habe auf meinem Blog Wortbrunnen Auszüge aus einem Vortrag Rudolf Steiners reingestellt (https://bit.ly/3GDiC2o), der beleuchtet, wie tatsächlich lebendig die sogenannten Toten sind und dass wir uns einen großen Gefallen tun, wenn wir zur Kenntnis nehmen, dass einige ständig um uns sind und manches, was wir als zufälligen Einfall werten, in Wahrheit aus ihrem „Munde“ kommt. Mancher mag das belächeln, für mich allerdings weiß ich, dass wenn man zur Kenntnis nimmt, woher mancher Geistesblitz kommt und diese Herkunft mental auch akzeptiert, man sich eine Quelle umfassender erschließt, die zu unserem Vorteil intensiv sprudeln kann; dabei ist nicht einmal jener Dämon, den Platon im Zusammenhang mit dem Leben des Sokrates erwähnt und der ebenfalls eine sehr vorteilhafte Bedeutung für uns haben kann, einbezogen, der in den kommenden Krisenzeiten der Menschheit, in denen wir wieder leben werden, uns eine fast unerlässliche Hilfe sein wird – zumindest sein kann. 
Die Beziehung zu den Toten wird ja auch in einem für mich fast existentiellen Buch zur Nahtod-Thematik, nämlich Raymond Moodys Leben nach dem Tod angesprochen (https://bit.ly/3w0HbRY). Jene Toten, die erscheinen, um Sterbende abzuholen, sind auch sehr oft jene, die uns jetzt schon begleiten.

Kein Niedersturz verdammter Seelen

Es mag – und ich vermute auch, dass es so sein kann – Seelen geben, die, alle Zeiten überdauernd, sich der Liebe verweigern. Ein Gedanke, den man sich nicht vorstellen mag. Deshalb wohl kommen jene Zeilen der Kaschnitz so wohltuend bei mir an …

Kein Niedersturz
Verdammter Seelen
Nur 
Nur Liebe frei gewordene
Niemals aufgezehrte
Mich überflutend

… die sich dem Jahrhunderte währenden Trommelfeuer der Kirchen des Christlichen Abendlandes und Religionen wie dem Islam und deren angstmachenden Aussagen, die sehr bewusst den Hintergrund der großen Weltbühne mit jenem Popanz eines großen Weltgerichtes drohgebärdend und furchteinflößend wackeln lassen, widersetzen. 

>Ge-richt-e< geben >Richt-ung<; nicht von ungefähr offenbart ihre Bedeutung sich in der gemeinsamen etymologischen Grundlage beider Worte, sich ableitend aus dem gemeingermanischen Adjektiv >reht<, unter anderem mit der Bedeutung aufrichten, sich recken, geraderichten.
Darin besteht der Sinn von Gerichten, dass sie etwas, was sich verbogen hat, neu ausrichten, und wir begegnen ihnen in vielerlei Varianten, sei es im Rahmen des Kamaloka, durch welche die Seele eine neue Ausrichtung erfährt (https://bit.ly/3GyvAP3), oder dem aktuellen Gericht unseres Gewissens, wenn wir dessen Bedeutung zu nutzen die Kraft und den Mut haben und in der Lage sind, uns selbst neu zu justieren.

Gerichte haben ja in ursprünglicher Bedeutung nichts mit Verurteilungen zu tun, sondern erfassen den Tatbestand des von uns Geleisteten und wollen im Sinne des biblischen Wortes metanoia, das Luther leider mit Buße übersetzte, uns die Möglichkeit bieten, in diesem Moment unser Sein in eine neue Richtung auszurichten, falls notwendig [metanoia bedeutet, den Sinn zu wenden].
Im Grunde blitzt hier eine Institution unseres eigenen Inneren auf, die wir als Menschen nach außen verlagert haben, wie es auch Franz Kafka, literarisch so bemerkenswert, in seiner Türhüterlegende spiegelt (https://bit.ly/3GFWKDI). Doch ist der Türhüter nichts anderes als ein verborgener Teil unseres Selbst, der sogenannte Hüter der Schwelle.

Unser Umgang mit einem Urstrom namens Liebe

Manche retten sich vor ihr in Seitenarme und dümpeln in Kehrwassern der Liebe vor sich hin (oft sind es gerade jene, die sehr viel über Liebe erzählen und Kennerschaft vermitteln wollen …), manche bauen auch ein Wehr und lassen nur per Schleuse durch, was sie gestatten (und das ist meist recht wenig), während das eigentlich frei strömen wollende Wasser an einer verzementierten Stelle sich flussabwärts durch jene hindurchquält.
In der Flut der Liebe zu strömen, will erübt sein; man kann auch recht besinnungslos in ihr dahintreiben.
Möglich aber ist, bewusst eine Liebeswelle zu sein und Teil des großen Liebesganzen.
Dass das viel mit dem sogenannten Tod zu tun hat, darauf verweist der Bruder aller Liebenden, der, damit Menschen die Liebe erleben können, sein Leben opferte.
Ein überwiegender Teil der Menschheit hat das (noch) nicht begriffen.

Warum mich obiges Gedicht der Kaschnitz so berührt, ist, weil sie keine der fromm und hehr dahersalbadernden Pseudo-Heiligen ist. Ja, sie sieht den Menschen als Esel, wie er als solcher ein Drehkreuz selbst im Kreis bewegt, um an das Wasser (des Lebens) heranzukommen, es an die Oberfläche zu befördern – wahrlich kein Leben in Saus und Braus:

Die Gärten untergepflügt
Die Wälder zermahlen
Auf dem Nacktfels die Hütte gebaut
Umzäunt mit geschütteten Steinen
Eine Cactusfeige gesetzt
Einen Brunnen gegraben
Mich selbst
Ans Drehkreuz gespannt
Da geh ich rundum
Schöpfe mein brackiges Lebenswasser
Schreie den Eselsschrei
Hinauf zu den Sternen.

Obwohl solche Schreie qualvoll durch die Nacht des Lebens schallen können, sehe ich sie als ein positives Zeichen, weil sich aus dem Inneren etwas herauslösen will. Wie eindrucksvoll hat Edvard Munch einen dieser Schreie zur Darstellung gebracht (https://bit.ly/3kc3tvx) für eine Zeit – literarisch ist es der Expressionismus -, die mit dem Gedicht eines Jakob von Hoddis („Weltende“, 1911) wie ein Fanal in dessen erster Strophe beginnt:

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

In allen Lüften hallt Geschrei: Das gilt auch für heute und auch heute steigt von neuem wieder das Wasser – und zwar tatsächlich -, den Schreienden zugleich auch im übertragenen Sinne bis zum Hals stehend. Möge die Menschheit die derzeitige Prüfung bestehen; das kann nur sein, wenn sie ihr Vertrauen dem einzig Vertrauenswürdigen anvertraut. Nicht wenige schrecken davor zurück und unterstützen eine geistlose, materialistische Ausrichtung – sie scheint ja auch so viel sicherer als ein geistiger Schutz, dessen man doch gerade in Corona-Zeiten so dringend bedarf.

Und lass, solang ein Leben währen kann, / Die Liebe währen.

Einen bemerkenswerten Abschluss der angesprochenen Thematik findet sich mittels eines Sonetts unserer Autorin; es gehört zu jenen Gedichten, die mich sehr berühren; überschrieben ist es mit „Ewigkeit“:

Sie sagen, dass wir uns im Tode nicht vermissen
Und nicht begehren. Dass wir, hingegeben
Der Ewigkeit, mit andern Sinnen leben
Und also nicht mehr voneinander wissen,

Und Lust und Angst und Sehnsucht nicht verstehen,
Die zwischen uns ein Leben lang gebrannt,
Und so wie Fremde uns vorübergehen,
Gleichgültig Aug dem Auge, Hand der Hand.

Wie rührt mich schon das kleine Licht der Sphären,
Das wir ermessen können, eisig an,
Und treibt mich dir ans Herz in wilder Klage.

O halt uns, Welt, im süßen Licht der Tage,
Und lass, solang ein Leben währen kann,
Die Liebe währen.

Mich berührt, wie sehr Marie Luise Kaschnitz die Liebe als Anker sehen kann. Mich berührt auch, dass sie nicht über dieses Leben hinauszusehen vermochte. In diesem aktuellen Moment vermag sie es sicherlich, lebend in jenem großen Weltinnenraum, wie auch meine Schwester Gabriele.
Und heute und jetzt mögen beide um das Paulus-Wort wissen, das jener der Gemeinde zu Korinth schrieb: „Die Liebe wird niemals vergehen.“

Das bedeutet auch, dass sie nie entstand und immer schon besteht.

Wenn wir darum wissen dürfen, muss nicht mehr Klage sein, noch Geschrei, noch Leid … Und Gott wird abwischen alle unsere Tränen … Er wird das ganz persönlich tun … auf einer geistigen Ebene … falls wir ihr vertrauen. – Selbstverständlich ist das nicht.

PS. Das Foto zeigt „Bruder Tod. Menschengruppe“, eine von Christiane Weiel gefertigte Holzplastik, zu finden auf dem Franziskus-Weg in der Rhön (https://www.franziskusweg.de)

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Hütet euch vor Sarumans Stimme! – Über die Enttarnung eines Blenders in Tolkiens „Herr der Ringe“.

„Unsere Gelüste, unsere Launen, unsere heimlichen Laster und selbst unsere sorgsamst gehüteten Gedanken übertrugen sich auf den Klang unserer Stimme, wurden offenbar in ihrer Modulation, in ihrem Rhythmus.“

Nicht nur diese eben wiedergegebene Stelle, sondern die gesamten in einem Post auf meiner EthikPost  zitierten Aussagen Jacques Lusseyrans aus seinem Buch „Das wiedergefundene Licht“ in Bezug auf das, was er in einer Stimme wahrzunehmen in der Lage ist, sind schon beeindruckend.

Der ein oder andere mag in seinem Bekannten- und Freundeskreis jemanden haben, der eine besonders angenehme Stimme hat. Manche angenehme Stimme hat allerdings etwas Aalglattes, Öliges, Salbungsvolles.
Mancher auch sonnt sich in seiner Stimme, von der er weiß, wie sie überzeugt. Und wenn man sich dafür sensibilsiert, darauf zu achten, ob eine Stimme stimmig ist, mag es einem auch zunehmend auffallen, wie es um sie bestellt ist.

Gegenüber zu schmeichelnd einschmeichelnden sanften Stimmen bin ich skeptisch geworden. Ich glaube, manches Mal hat der berühmte Wolf im Schafspelz Kreide gefressen wie der Wolf im bekannten Märchen der Gebrüder Grimm. 
Die Stimme kann der Schafspelz sein.

Wie eine Stimme wirkt und was sich oftmals dahinter verbergen mag, dafür gibt es ein hervorragendes Beispiel im zweiten Band des Herrn der Ringe. Die Ents und Huorns haben gerade die Schlacht um Isengard geschlagen und die Orks platt gemacht. Nur was sie hatten nicht verhindern können, war, dass der Oberschurke Saruman, einst ein Weiser, also in der Sprache Tolkiens ein Weißer, einer der Istari, sich in den Turm von Orthanc hatte zurückziehen können.

Leider war Saruman in früherer Zeit auf den Sog der Macht hereingefallen. Seine Machtgelüste hatten ihn dazu verführt, dass er den Einen Ring begehrte. Deshalb hatte er Isengard befestigt und dort Orks und Dunländer angesiedelt. Er begann Gandalf, dem großen Zauberer und Wissenden nachzuspionieren. Ohne dass er es merkte, wurde er aber von Sauron, der Dunklen Macht, gelenkt, wohl nicht damit rechnend, dass seine Dunkelheit noch überboten werden könne.

Durch seine Bauweise war jener Turm, in den sich Saruman nach der Einnahme Isengards zurückgezogen hatte, selbst für die riesigen Ents uneinnehmbar.

Gandalf, der mit König Theoden und seinen Reitern aus Rohan soeben im eroberten Isengard eingetroffen war und die ganze Arbeit, die die Ents geleistet hatten, hatte bewundern können, wollte noch einen Versuch machen, die Auseinandersetzung mit Saruman ohne weiteres Blutvergießen enden zu lassen. Doch kannte er die Gefahr, die von diesem ausging, weshalb er zu allen, die ihn zu dem Orthanc-Turm begleiten wollten, sagte:

„Hütet euch vor seiner Stimme!“


Gerade warteten sie vor dem Turm, als sie eine Stimme, leise und melodisch, allein durch den Klang schon betörend (vernahmen). Wer arglos dieser Stimme lauschte, wusste nachher meistens nicht mehr, was sie eigentlich gesagt hatte; erinnerte er sich aber, so wunderte es ihn, wie wenig Kraft die Worte allein noch besaßen. Die meisten wussten dann nur noch, dass es eine reine Freude gewesen war, diese Stimme anzuhören, und dass alles, was sie sagte, gerecht und vernünftig klang und im Zuhörer den Wunsch erweckte, durch rasche Zustimmung die eigene Klugheit zu beweisen. Was andere sagten, klang dagegen grob und ungeschlacht (…). 

Interessant, im Grunde aber beunruhigend, dass normale menschliche Stimmen so abgewertet werden gegenüber einer so einölenden Stimme. 
Gekonnt, wie hier Tolkien, der Verfasser des Herrn der Ringe, die Wirkung einer solchen darzustellen weiß.

Viele hielt allein der gegenwärtige Klang der Stimme im Bann, aber bei denen, die ganz von ihr bezwungen waren, wirkte der Zauber fort, wenn sie weit entfernt waren; und immer hatten sie dann diese leise Stimme im Ohr, die auf sie einredete und sie anspornte. Niemand aber blieb unberührt, und niemand konnte ohne Anstrengung des Willens und Geistes ihre Bitten und Befehle zurückweisen, solange ihr Herr sie noch in der Gewalt hatte. »Nun?«, fragte sie im Ton milden Vorwurfs. »Warum müsst ihr meine Ruhe stören? Wollt ihr mich denn bei Tag wie bei Nacht nicht in Frieden lassen?« Es klang nach gutherzigem Bekümmertsein durch unverdiente Kränkungen. 

Der Träger einer solchen Stimme weiß meistens geschickt mit Mitleid zu operieren. Und wer selbst gern selbstmitleidig ist, fällt auf diese Art von Selbstmitleid garantiert herein …

Erstaunt blickten sie hinauf, denn sie hatten niemanden kommen gehört; und oben am Geländer stand nun einer und schaute auf sie herab, ein alter Mann in einem langen Mantel, dessen Farbe schwer zu bestimmen war, denn sie wechselte, wenn sie die Augen bewegten oder wenn er sich rührte. Er hatte ein langes Gesicht mit hoher Stirn und dunklen, tief liegenden Augen, deren Ausdruck kaum zu ergründen war, obwohl sie jetzt ernst und gütig und ein wenig müde dreinschauten. Haar und Bart waren weiß, doch mit manchen schwarzen Strähnen um Lippen und Ohren. (…)

Gütig und ein wenig müde … ! – Übrigens sah dieser Saruman Gandalf ziemlich ähnlich. Das ist auch bezeichnend, das sind die Mittel, die das Dunkle einsetzt. Manchmal ist das Dunkle mit dem Lichten zum Verwechseln ähnlich. Da verraten nur einzelne dunkle Strähnen, wes Geistes Kind vor einem steht!
Gut, dass ein Zwerg es ist, der den dunklen Zauber durchschaut:

Gimli der Zwerg war es, der das Schweigen jäh brach. »Die Worte dieses Zauberers stehen kopf«, rief er, die Hand am Griff seiner Axt. »Helfen heißt verderben in der Sprache von Orthanc, und retten heißt töten, so viel ist klar. Doch wir sind nicht hier, um zu betteln.« 

»Bitte!«, sagte Saruman, und für einen Moment war seine Stimme nicht mehr ganz so einschmeichelnd, und in seinen Augen flackerte ein Funke auf und verschwand wieder. »Noch rede ich nicht mit dir, Gimli Glóinssohn«, sagte er. »Fern von hier liegt deine Heimat, und wenig kümmern dich dieses Landes Nöte. Doch nicht aus eigener Absicht wurdest du in sie hineingezogen, und darum will ich dir nicht zum Vorwurf machen, welche Rolle du darin gespielt hast – eine wackere Rolle, wie ich nicht bezweifle. Aber sei so gut und lass mich zuerst mit dem König von Rohan reden, meinem Nachbarn, der einst mein Freund war. 

Was habt Ihr zu sagen, König Theoden? Wollt Ihr nicht Frieden mit mir schließen und all die Hilfe empfangen, die mein in langen Jahren begründetes Wissen gewähren kann? Sollen wir nicht gemeinsam Rat halten. wie die bösen Zeiten zu überstehen sind, und einander mit so viel gutern Willen Schadenersatz leisten, dass unsere Länder eins wie das andere schöner erblühen denn je?« 

Theoden gab noch immer keine Antwort. Ob es Zorn oder Zweifel war, was ihm die Zunge lahmte, konnte niemand sagen. Eomer nahm das Wort. 

»Hört mich an, Gebieter!«, sagte er. »Jetzt spüren wir die Gefahr, vor der wir gewarnt wurden. Sind wir als Sieger hierher geritten, nur um uns von einem alten Lügner mit Honig auf seiner gespaltenen Zunge beirren zujassen? So wie er spräche der Wolf in der Falle mit den Hunden, wenr er’s könnte. Welche Hilfe kann er Euch denn überhaupt leisten? Er will! nur eins: sich aus seiner erbärmlichen Lage herauswinden. Aber wollt Ihr feilschen mit einem, der nichts zu bieten hat als Mord und Verrat? Denk an Théodreds Tod an der Furt und an Hamas Grab in Helms Klamm!« 

»Wenn wir schon von giftigen Zungen reden, was wäre dann von deiner zu sagen, du junge Schlange?« sagte Saruman, nun unüberhörbar erbost. »Doch lass gut sein, Éomer, Éomunds Sohn!«, fuhr er fort, wieder in den besänftigenden Ton zurückfindend. »Jedem das Seine. Dein ist das Waffenhandwerk, und damit erlangst du hohe Ehren. Schlage tot, wer deinen König Feind nennt, und damit gib dich zufrieden! Mische dich nicht in die Staatsgeschäfte ein, von denen du nichts verstehst! Doch vielleicht, solltest du einst König werden, wirst du erkennen, dass du deine Freunde mit Bedacht wählen musst. Sarumans Freundschaft und Orthancs Macht sind nicht leichthin zu verwerfen, was man auch für Beschwerden, ob begründet oder nicht, gegen sie erheben mag. Ihr habt eine Schlacht gewonnen, aber nicht den Krieg – und selbst die Schlacht nur dank einer Hilfe, auf die ihr ein zweites Mal nicht zählen könnt. Vielleicht findet Ihr den Schatten des Waldes demnächst vor der eigenen Tür: Er ist störrisch und unverständig und den Menschen nicht wohlgesinnt. 

Aber, König von Rohan, muss ich mich einen Mörder schimpfen lassen, weil wackre Männer im Kampf gefallen sind? Wenn Ihr ins Feld zieht, unnötigerweise, denn ich wollte keinen Krieg, werden Männer erschlagen. Bin ich aber deshalb ein Mörder, so ist Eorls ganzes Haus mit dem gleichen Makel behaftet; denn viele Kriege habt ihr geführt, in denen ihr oft auch die Angreifer wart, wenn man euch trotzte. Doch mit manchen Feinden habt Ihr nachher Frieden geschlossen – nicht zu Eurem Nachteil, denn die Staatsklugheit gebot es. Ich sage Euch, König Theoden: Sollen (229) wir nicht Frieden und Freundschaft halten, Ihr und ich? Nur wir haben darüber zu befinden!« 

»Wir werden Frieden haben«, sagte Theoden endlich, mühsam und mit belegter Stimme. Mehrere Reiter brachen in Freudengeschrei aus. Theoden hob die Hand. »Ja, wir werden Frieden haben«, sagte er, nun mit klarer Stimme. »Wir werden Frieden haben, wenn du mitsamt all deinen Werken vernichtet bist – und ebenso die Werke deines dunklen Gebieters, dem du uns ausliefern möchtest. Ein Lügner bist du, Saruman, und ein Verführer der Menschenherzen. Du streckst mir die Hand hin, und ich bemerke, dass sie nur ein Finger der Klaue Mordors ist. Grausam und kalt. Wäre dein Krieg gegen micn selbst ein gerechter Krieg – was er nicht war, denn auch, wenn du zehnmal so weise wärest, hättest du kein Recht, mich und mein Volk, wie du es wünschtest, zu deinem Nutzen zu regieren -, aber selbst dann, was sagst du zu den Bränden, die in der Westfold gelegt, und den Kindern, die dort getötet wurden? Und Hamas Leib haben deine Leute vor dem Tor der Hornburg zerhackt, als er schon tot war. Erst wenn du vor deinem Fenster am Galgen baumelst, deinen Krähen zum Fraß, dann werde ich mit dir und Orthanc Frieden haben. So stehst du mit dem Haus Eorl. Nur ein minderer Sohn großer Ahnen bin ich, hab es aber doch nicht nötig, dir die Hand zu lecken. Betöre andere! Aber ich fürchte, deine Stimme hat ihre Zauberkraft eingebüßt.« 

Unglaublich geschickt, wie Saruman vorgeht. Er versteht es, des ein oder anderen Aussage zu entwerten, er operiert nach wie vor mit Ängsten, die er geschickt im Inneren des Gegenüber lanciert, und er lässt leise, aber gekonnt, versteckte Drohungen einfließen. Da sind sogar die Reiter des Königs beeinflusst, und wie:

Die Reiter starrten zu Theoden hinauf wie Menschen, die aus einem Traum gerissen werden. Rau wie das Gekrächz eines alten Raben klang ihnen nach Sarumans Gesäusel die Stimme ihres Königs im Ohr. Doch fürs Erste war Saruman nun außer sich vor Zorn. Er beugte sich übers Geländer, als wollte er auf den König mit seinem Stab einschlagen. Manche glaubten für einen Augenblick eine Schlange zu sehen, die sich vor dem Ansprung zusammenrollt. 

»Galgen und Krähen!« zischte er, und die Veränderung war so erschreckend, dass es ihnen kalt über den Rücken lief.

Als Saruman die Wahrheit hört, fällt er zunehmend aus der Rolle und sein wahres Gesicht, eine hässliche Fratze, die nur auf Mord und Totschlag und Machtgewinn aus ist, zeigt sich mehr und mehr.
Doch wird eben gerade an den Reitern deutlich, wie sie in Gefahr waren, auf seine Stimme hereinzufallen nach dem Motto: Eine solch angenehme Stimme kann doch keinen schlechten Menschen verbergen … man tut dem Armen Unrecht. Guckt doch mal, wie er leidet … – und wie ihnen auf einmal die eigentlich doch vertraute Stimme ihres Königs vorkam! Wie das Gekrächz eines alten Raben!
Unglaublich, die Wirkung von Sarumans Stimme. 
Was wäre geschehen, wenn Gandalf sie nicht von vornherein enttarnt hätte, alle gewarnt hätte? 

Ich glaube, es gilt, der Stimme der Menschen mehr Bedeutung zuzumessen, die entsprechenden Sinne  zu schärfen und genau hinzuhören, denn es gibt mehr Sirenen, deren Opfer auch Odysseus geworden wäre, wenn er nicht dem Rat Circes gefolgt wäre, als wir deDer nken, und es gibt nicht nur eine einzige Loreley, die den Fischer mit Hilfe ihrer Stimme ins nasse Grab zu schicken wusste, genauso wie es nicht nur einen Saruman gab und gibt, sondern zu allen Zeiten tauchen sie auf.

Gewiss aber gibt es auch Menschen, die wirklich eine wohltönende Stimme haben, die innere Stimmigkeit spiegelt.

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„Dieses Video wurde entfernt“ – woran wir merken, in was für einer Zeit wir leben. – Wieder so wichtig: Peter Rühmkorfs „Bleib erschütterbar und widersteh“!

Dem und der ein oder anderen wird es wiederholt gegangen sein wie mir: Man bekommt von einem Bekannten den Link zu einem Video zugeschickt und will ihn öffnen, dann aber erscheint

In diesem Fall war es die Ausleitungsanweisung einer Ärztin für die körperlichen Folgen der Corona-Impfung.

Vielleicht war diese Anweisung zu obszön, zu vulgär oder … 

Ehrlich gesagt hätte ich vor zwei Jahren mich vehement geweigert anzunehmen, es könne wieder eine so massive Zensur in Deutschland geben, wie sie uns in unserer Geschichte aus der Vormärzzeit (vor der März-Revolution 1848) oder Nazi-Deutschland bekannt ist und wie sie derzeit stattfindet; ich kenne einige Leute, die auf You Tube und Facebook gesperrt sind und ich bin gespannt, ob diese neue Form real gelebter Demokratie auch auf WordPress und Blogger übergreift (ich hoffe nicht – es sei denn, Bill Gates kauft sich auch hier ein …).

Es ist schon eklatant, wie sehr bei uns die großen Verlage auf Linie liegen und dasselbe verbreiten wie ARD, ZDF, N24, NTV und wie sie alle heißen …

Nie und nimmer hätte ich gedacht, wie brüchig Meinungsfreiheit ist, wie sehr eine westliche Welt auf Linie gebracht wird.

Nicht, dass Menschen sich impfen lassen, ist das Problem (für mich jedenfalls wird sich noch herausstellen, wie sehr es ein Problem auf der seelischen und körperlichen Ebene werden wird); jeder mag sich entscheiden, wie er es für richtig hält!

Das Problem ist die Spritze im Kopf – und das mit Impfstoff infiltrierte Herz. Und die Spritze bedienen unsere Politiker, allen voran Merkel und Spahn, Lauterbach und Scholz, Baerbock und Co.

Nie und nimmer hätte ich gedacht, dass ausgerechnet die BILD-Zeitung für mich ein Hoffnungsanker sein würde mit zwei ihrer Ausgaben und der Forderung, ein Volk nicht künstlich in Geimpfte und Nicht-Geimpfte zu spalten

und einer absolut bemerkenswerten Ansprache ihres Chefredakteurs Julian Reichelt  an die Kinder dieses Landes mit der Bitte um Entschuldigung

Nie und nimmer hätte ich gedacht, dass das Gedicht von Peter Rühmkorf (1929-2008), geschrieben für die 70er Jahre des letzten Jahrhunderts, wieder so brandaktuell werden würde:


Bleib erschütterbar und widersteh

Also heut: zum Ersten, Zweiten, Letzten:
allen Durchgedrehten, Umgehetzten,
was ich, kaum erhoben, wanken seh,
gestern an- und morgen abgeschaltet:
Eh dein Kopf zum Totenkopf erkaltet:
Bleib erschütterbar-doch widersteh.

Die uns Erde, Wasser, Luft versauen
(Fortschritt marsch! mit Gas und Gottvertrauen)
Ehe sie dich einvernehmen, eh
du im Strudel bist und schon im Solde,
wartend, dass die Kotze sich vergolde:
Bleib erschütterbar-und widersteh.

Schön, wie sich die Sterblichen berühren-
Knüppel zielen schon auf Hirn und Nieren,
dass der Liebe gleich der Mut vergeh…
Wer geduckt steht, will auch andre biegen
(Sorgen brauchst du dir nicht selber zuzufügen;
alles was gefürchtet wird, wird wahr-)
Bleib erschütterbarBleib erschütterbar-und widersteh.

Widersteht! im Siegen Ungeübte;
zwischen Scylla hier und dort Charybde
schwankt der Wechselkurs der Odyssee…
Finsternis kommt reichlich nachgeflossen;
aber du mit-such sie dir!-Genossen!
teilst das Dunkel, und es teilt sich die Gefahr
Leicht und jäh–
Bleib erschütterbar-
Bleib erschütterbar-doch widersteh.


PS
Für Interessierte: Die Seite der Ärztin, die das Ausleitungsprotokoll der Öffentlichkeit mitzuteilen versuchte:  https://www.drlessenich.com

und: Scylla und Charybde sind Gestalten der griechischen Sagenwelt: Beide Ungeheuer lauerten an einer Meerenge, jeweils auf einer Seite; wer mit seinem Schiff – wie Odysseus, Leidtragende waren seine Gefährten – nicht genau Mittelkurs hielt, wurde unweigerlich verspeist bzw. verschluckt. 

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Manche brechen nach innen aus, manche nach außen, in manchen bricht eine Krankheit aus: Max Frischs „Graf Öderland“ und Udo Jürgens´ „Ich war noch niemals in New York“

Es gibt viele Formen des Aufbruch: Manche gleichen einem Ausbruch, einem Vulkanausbruch vergleichbar. Was zu lange angestaut war, fließt nun wie die Lava unkontrolliert davon. Das Innere kann die Energie nicht mehr auf ein Ziel hin leiten. John Bradshaw artikuliert das so: „Er stieg auf sein Pferd und ritt in alle Richtungen davon.“ – Ob sich so jemand in seinem Leben wieder wirklich bei und in sich versammeln kann, bleibt fraglich.

Manche brechen nach innen aus und emigrieren nach innen; schlimm, wenn man zu sich selbst auswandert – die Sprache zeigt das ganze Dilemma.

Manche wollen ins gelobte Land und landen erst mal in der Wüste, tanzen um goldene Kälber, kämpfen mit Amalekitern, verärgern ihren inneren Mose und lassen diesen die Gesetzestafeln zerbrechen, wie es jener große Mensch in berechtigtem und heiligem Zorn tatsächlich ja tat; die Menschheit hat deshalb nur eine Zweitschrift der 10 Gebote erhalten … bedeutungslos ist das nicht!

Manche artikulieren die Sehnsucht rein theoretisch und verbringen ihr Leben lang auf dem Sofa mit der Illusion, wirklich mit dem Geschehen verbunden zu sein. Das jedenfalls suggeriert ihnen ihr Fernseher.

Über Max Frischs Stiller und dessen Ausbruch haben wir an anderer Stelle geschrieben, über den verlorenen Sohn und all die Märchenhelden, die freiwillig oder vom Schicksal getrieben auf die Reise gehen. Manchmal ist es eine Reise von sich weg, manchmal in Wirklichkeit eine Reise nach Hause, zu sich selbst. Dafür steht Odysseus.

Mancher findet sich fern der Heimat und erkennt, dass Heimat immer da ist, wo er sich selbst findet.

Es gibt viele phaszinierende Geschichten, Theaterstücke und Lebensläufe zu diesem Thema.

Wir beginnen schlicht mit Udo Jürgens‘ Variante, ein inhaltlich herausfordernder Song von einem durchaus genialen Barden, gewiss mit menschlichen Schwächen, aber mit zunehmendem Alter, wie ich finde, immer glaubwürdiger werdend.

New York steht im Folgenden als Metapher für den Mut, konventionelles Denken und konventionelle Lebensformen zu verlassen, für den Mut, etwas zu wagen, noch einmal jung zu sein, zu leben und nicht nur zu existieren, zu reisen und unterwegs zu sein und nicht nur auf der Chaiselongue des Lebens dahinzudümpeln.

Ich war noch niemals in New York

Der Text lautet:.

Und nach dem Abendessen sagte er,
lass mich noch eben Zigaretten holen geh’n,
sie rief ihm nach nimm Dir die Schlüssel mit,
ich werd inzwischen nach der Kleinen seh’n,

er zog die Tür zu, ging stumm hinaus,
ins neon-helle Treppenhaus,
es roch nach Bohnerwachs und Spießigkeit.
und auf der Treppe dachte er, wie wenn das jetzt ein Aufbruch wär,
ich müsste einfach geh’n für alle Zeit,
für alle Zeit…

Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals auf Hawaii,
ging nie durch San Francisco in zerriss’nen Jeans,
ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals richtig frei,
einmal verrückt sein und aus allen Zwängen flieh’n.

Und als er draußen auf der Straße stand,
fiel ihm ein, dass er fast alles bei sich trug,
den Pass, die Eurochecks und etwas Geld,
vielleicht ging heute Abend noch ein Flug.

Er könnt‘ ein Taxi nehmen dort am Eck oder Autostop und einfach weg,
die Sehnsucht in ihm wurde wieder wach,
nach einmal voll von Träumen sein, sich aus der Enge hier befrei’n,
er dachte über seinen Aufbruch nach,seinen Aufbruch nach …

Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals auf Hawaii,
ging nie durch San Francisco in zerriss’nen Jeans,
Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals richtig frei,
einmal verrückt sein und aus allen Zwängen flieh’n.

Dann steckte er die Zigaretten ein und ging wie selbstverständlich heim,
durchs Treppenhaus mit Bohnerwachs und Spießigkeit,
die Frau rief „Mann, wo bleibst Du bloß, Dalli-Dalli geht gleich los“,
sie fragte „War was?“ – „Nein, was soll schon sein.“

Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals auf Hawaii,
ging nie durch San Francisco in zerriss’nen Jeans,
Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals richtig frei,
einmal verrückt sein und aus allen Zwängen flieh’n.

.

Apropos Bohnerwachs: Unwillkürlich sieht man Hermann Hesses Steppenwolf namens Harry Haller vor sich, den Mann, der nie zur Ruhe kam und immer wieder beißen und Wolf spielen musste, den einsamen Wolf, ständig auf der Pirsch um sich herum.

Ihm  allerdings ging es ganz anders als jenem Mann in Udo Jürgens Lied, der unter Bohnerwachs und Spießigkeit leidet. Den Steppenwolf finden wir nämlich, sitzend in einem Treppenhaus, das nach Bohnerwachs riecht. Und diesen Geruch genießt er. Denn er hat eine heimliche Sehnsucht, eine heimliche Sehnsucht nach Spießigkeit, Bürgerlichkeit und Zur-Ruhe-Kommen. Es sind zwei Seelen in seiner Brust, die eine ist verbunden mit dem Wolf, die andere mit dem Spießbürger; doch der Wolf lässt nicht zu, dass Harry Haller bürgerlich wird. Wenn das droht, dann beißt er und heult …

Wie eine Mauer umgiebt den Steppenwolf dieses Verhaltensmuster und womöglich geht es ihm so wie jenem Betrunkenen, der spät in der Nacht durch die Straßen wankt, sich tastend von einem Alleebaum zum anderen. Schließlich trifft er auf eine Wand. Fein, sie wird ihn ein schönes Stück weiter bringen. Er darf nur den Kontakt mit ihr nicht verlieren. Und so tappt er mit beiden Händen dahin. Immer an der Wand lang …

Was er nicht weiß: Die Wand ist eine Litfasssäule. Die umwandert er. Vertrauensvoll. Endlos.

Irgendwann merkt er, dass er im Kreis geht. Ein gequälter Seufzer entringt sich seiner Brust: „Mist, eingemauert.“

Von Hermann Hesses Steppenwolf hat man den Eindruck, er weiß, dass sein Wolf-Dasein wie eine Mauer ist, die ihn umgibt. Eines Tages wird er jedoch „zufällig“ die Tür in der Mauer finden, die ihn zum Magischen Theater bringt.

Dem Dalli-Dalli-Gucker im Lied von Udo Jürgens – Dalli Dalli war in den 70er- und 80er Jahren eine von Hans Rosenthal moderierte sehr beliebte Fernsehshow – fällt die Decke, zusammengesetzt aus Spießbürgerlichkeit und Bohnerwachs förmlich auf den Kopf. Er könnte aufbrechen, er hat fast alles, was er braucht, dabei, als er Zigaretten holen geht. Einfach ein Taxi nehmen und ab in den Flieger.

Er tut es nicht.

Als er heimkehrt, bekommt er die Höchststrafe durch die Worte seiner Frau: „Dalli Dalli geht gleich los …“ .

Das Personal von Max Frisch bricht wirklich auf. Stiller haut ab nach Mexiko. Und auch jener Staatsanwalt in Graf Öderland, von dem hier die Rede sein soll, der in seinem Arbeitszimmer über Akten brütet, in denen es um einen Bankangestellten geht, der einfach die Axt nahm und zuschlug. Der Leser/Zuschauer nimmt teil an jenem Prozess, als in dem Staatsanwalt auf einmal eine Tür aufgeht und er den Bankangestellten zu verstehen beginnt. Es wird nicht viel Zeit vergehen, da wird es von dem Staatsanwalt heißen: Graf Öderland mit der Axt in der Hand.

Das Theaterstück Graf Öderland beginnt im Arbeitszimmer des Staatsanwaltes, der über den Akten sitzt; morgen muss er den Bankangestellten anklagen:.

l. Ein Staatsanwalt hat es satt

Arbeitszimmer in der Villa des Staatsanwalts. Nacht. Auf dem Schreibtisch brennt eine Arbeitslampe. Der Staatsanwalt, ein Herr von fünfzig Jahren, kräftig und groß, steht reglos, Hände in den Hosentaschen, Blick gegen die Wand, die aus lauter Ordnern besteht, aber er blickt nicht auf diese Ordner, sondern ist in Gedanken verloren. Eine Turmuhr schlägt zwei. Später hört man eine Frauenstimme.

STIMME  Martin? Martin!

Der Staatsanwalt nimmt keinerlei Notiz davon, bis die Stimme plötzlich aus nächster Nähe tönt: er knipst das Licht aus, so dass die Suchende in ein finsteres Zimmer tritt. Martin? Martin!… Wo ist er nur hingegangen -Sie schaltet die große Deckenlampe an. – da bist du ja!

Der Staatsanwalt steht wie zuvor, die Gattin trägt einen Schlafmantel und ist schön, aber verschlafen.

ELSA   Ich suche dich im ganzen Haus, wieso gibst du keine Antwort? Ich dachte schon, du bist ausgegangen –

STAATSANWALT    Wohin?

ELSA    Was ist los?

STAATSANWALT   Ich habe mich nur angezogen.

ELSA   Mitten in der Nacht?

STAATSANWALT    Es scheint so.

ELSA   Wieso schläfst du nicht?  

STAATSANWALT   Wieso schläfst du nicht?

Er nimmt sich eine Zigarre und schneidet sie gelassen.

Es tut mir leid, Elsa, ich habe dich nicht wecken wollen. Was soll schon los sein? Ich habe mich angezogen, um eine Zigarre zu rauchen, wie du siehst. Das ist alles.

Er zündet sich die Zigarre an.

Ich kann nicht schlafen.

ELSA   Du rauchst zuviel.

STAATSANWALT    Möglich …

‘ELSA   Du arbeitest zuviel.

STAATSANWALT   Sicher . . . dastun wir ja alle hierzulande. Bis es einmal reißt. Und dann wundern sie sich, unsere braven Geschworenen, wenn einer zur Axt greift. Er raucht, dann lacht er.

Dein Doktor Hahn, das finde ich ja besonders witzig: dass der Anwalt, der den armen Kerl verteidigen soll, von seiner Tat am allerwenigsten begreift!

ELSA   Ich weiß nicht, wovon du redest.

STAATSANWALT   Heute hat er gestanden.

ELSA   Wer?

STAATSANWALT   Der Mörder. Er raucht. Nicht Doktor Hahn, sondern der Mörder …

ELSA   Was willst du damit sagen?

STAATSANWALT   Mord aus Gewinnsucht, Mord aus Rache, Mord aus Eifersucht, Mord aus Rassenwahn, alles geht in Ordnung. Lässt sich erklären, Lässt sich verurteilen. Aber ein Mord einfach so? Das ist wie ein Riss in der Mauer. Man kann tapezieren, um den Riss nicht zu sehen. Der Riss bleibt. Man fühlt sich nimmer zu Hause in seinen vier Wänden. Er raucht. Das ist alles . . .

ELSA   Martin, es ist zwei Uhr.

STAATSANWALT   Ich weiß, in acht Stunden stehe ich vor Gericht, um die Anklage zu führen, ich, schwarz und fürchterlich — und auf der Bank sitzt ein Mann, den ich immer besser begreife. Bald besser als mich selbst. Obschon er nichts erklären kann. Ein Mann von siebenunddreißig Jahren, Kassierer bei einer Bank, brav, gewissenhaft zeit seines Lebens, gewissenhaft und bleich, und eines schönen Abends nimmt er die Axt und erschlägt einen Hauswart, der nichts dafür kann. Warum?

ELSA   Warum denn?

Der Staatsanwalt raucht und schweigt.

Du solltest nicht immer an deine Akten denken, Martin. Du machst dich krank. Jede Nacht arbeiten, das verträgt kein Mensch.

STAATSANWALT   Nimmt einfach die Axt …

ELSA   Hörst du nicht, was ich sage? Der Staatsanwalt raucht und schweigt. Ich sage, es ist zwei Uhr vorbei.

STAATSANWALT   Es gibt Stunden, wo ich ihn begreife …

ELSA   Wenn du nicht schlafen kannst, warum nimmst du kein Pulver? Nun gehst du wieder die ganze Nacht hin und her. Was hat das für einen Sinn! Wie ein Gefangener. Was kommt dabei heraus? Am andern Morgen bist du wieder wie gerädert, du bist nicht mehr jung, Martin –

STAATSANWALT   Ich bin es nie gewesen. Er nimmt ein Foto vom Schreibtisch. So sieht er aus!

ELSA   Ich verstehe dich nicht, Martin.

STAATSANWALT    Ich weiß.

ELSA   Wieso bist du nicht jung gewesen?

Der Staatsanwalt raucht und betrachtet das Foto. Warum machst du keine Ferien?

STAATSANWALT    Vierzehn Jahre an der Kasse, Monat um Monat, Woche um Woche, Tag für Tag, ein Mann, der seine Pflicht erfüllt wie wir alle. Schau ihn an! Ein Mensch ohne Laster, alle Zeugen bestätigen es, ein stiller und friedlicher Mieter, Naturfreund, Fußgänger, unpolitisch, Junggeselle, seine einzige Leidenschaft war das Sammeln von Pilzen, ein Mensch ohne Ehrgeiz, scheu und arbeitsam, ein geradezu vorbildlicher Angestellter.

Er legt das Foto wieder hin.

Es gibt Augenblicke, wo man sich wundert über alle, die keine Axt ergreifen. Alle finden sich damit ab, obschon es ein Spuk ist. Arbeit als Tugend. Tugend als Ersatz für die Freude. Und der andere Ersatz, da die Tugend nicht ausreicht, ist das Vergnügen: Feierabend, Wochenende, das Abenteuer auf der Leinwand —

Elsa gähnt.

Du hast recht, Elsa, es ist zwei Uhr. Vielleicht kann ich mich nicht ausdrücken. Du bist müde, ich langweile dich. Du gähnst, sobald ich rede.

ELSA   Verzeihung.

STAATSANWALT   Du musst schlafen.

ELSA   Ich kann dir nur immer das gleiche sagen: –

STAATSANWALT   Dass ich zu einem Arzt gehen soll.

ELSA   Aber das tust du ja nicht. Weil du weißt, was er dir sagen wird: —

STAATSANWALT    dass es so nicht weitergeht.

ELSA   Das sagen auch deine Freunde.

STAATSANWALT   Wer zum Beispiel?

ELSA   Hahn – Doktor Hahn, zum Beispiel.

STAATSANWALT   Doktor Hahn ist nicht mein Freund.

ELSA   Sondern -?

STAATSANWALT   Deiner.

ELSA   Martin!

STAATSANWALT   Das nebenbei.

Er setzt sich an den Schreibtisch.

Lassen wir das. Darum geht es ja nicht . . . Ich bin der einzige Mensch, sagt er, der erste Mensch, der ihn versteht, sagt er.

ELSA   Wer?

STAATSANWALT   Der Mörder.   –

ELSA   Martin, ich friere.

STAATSANWALT   Es ist kalt hier.

ELSA   Du bist übermüdet, Martin, das ist alles. Du bist nervös. Ein Prozess nach dem andern! Und ein Mensch wie du, der alles so ordentlich nimmt, so gewissenhaft —

STAATSANWALT    Ich weiß.

ELSA   Warum machst du keine Ferien?

STAATSANWALT   Ferien in Spanien.

ELSA   Der Mensch braucht das, Martin.

STAATSANWALT   Vielleicht.

Er blättert in den Akten

Vielleicht auch nicht … Hoffnung auf den Feierabend, Hoffnung auf das Wochenende, all diese lebenslängliche Hoffnung auf Ersatz, inbegriffen die jämmerliche Hoffnung auf das Jenseits, vielleicht genügte es schon, wenn man den Millionen angestellter Seelen, die Tag für Tag an ihren Pulten hocken, diese Art von Hoffnung nehmen würde: – groß wäre das Entsetzen, groß die Verwandlung. Wer weiß! Die Tat, die wir Verbrechen nennen, am Ende ist sie nichts anderes als eine blutige Klage, die das Leben selbst erhebt. Gegen die Hoffnung, ja, gegen den Ersatz, gegen den Aufschub …

Die Turmuhr schlägt

ELSA   Nimm es mir nicht übel, Martin, aber ich bin wirklich zum Umsinken müde.

STAATSANWALT    Ich seh‘s.

ELSA   Grübeln ändert nichts.

STAATSANWALT   Da hast du recht.

Er erhebt sich und gibt der Gattin einen Kuss auf die Stirne.  Geh schlafen, Elsa!

ELSA   Und du auch.

STAATSANWALT    Gutnacht.

ELSA    Gutnacht.

STAATSANWALT   Ich rauche bloß noch meine Zigarre.

Elsa entfernt sich, der Staatsanwalt steht, wie er zu Anfang gestanden hat. Er raucht. Er bemerkt nicht, dass durch eine andere Türe eine weibliche Gestalt eingetreten ist, barfuß, fast noch ein Kind, Holz unter dem Arm. Erst als sie vor dem Kamin kniet und ein Scheit auf den Boden fällt, erschrickt er.

HILDE   Ich habe Sie erschreckt?

STAATSANWALT   Wer bist du?

HILDE    Hilde.

STAATSANWALT  Was ist denn?

HILDE   Herr Staatsanwalt haben geklingelt.

STAATSANWALT    Ich?

HILDE   Es ist kalt hier. Vielleicht soll ich Feuer machen. Herr Staatsanwalt verzeihen mein offenes Haar, ich komm aus dem Bett.

STAATSANWALT   Ich habe nicht geklingelt.

HILDE   Ich will Feuer machen.

Der Staatsanwalt schaut ihr zu.

Es schneit noch immer so. Eine Lawine ist vom Dach gerutscht. Daran bin ich aufgewacht. Das hat gedonnert wie im Sommer. Haben Herr Staatsanwalt es nicht gehört? Und alles hat gewankt wie bei einem Erdbeben. Pause

Herr Staatsanwalt lesen wieder die ganze Nacht?

STAATSANWALT   Du hast geträumt, Kind, ich habe nicht geklingelt.

HILDE   Jetzt brennt’s.

Feuerschein

Warum sehen Herr Staatsanwalt mich so an?

Der Staatsanwalt schweigt.

Immer sagen Herr Staatsanwalt, ich seh aus wie eine Fee. Aber Herr Staatsanwalt glauben ja nicht an Feen, das hab ich schon gemerkt. Herr Staatsanwalt machen sich lustig über mich. Bei uns droben, im Wald, da glauben’s auch die Männer, nicht bloß so ein dummes Dienstmädchen wie unsereins.

STAATSANWALT   Du siehst aus wie eine Fee.

HILDE   In der Stadt, da glauben sie ja überhaupt nichts, das hab ich schon gemerkt, da lächeln sie bloß, wenn ich erzähle davon.

STAATSANWALT    Wovon?

HILDE   Ach so, Geschichten.

Sie schürt das Feuer.

Jetzt brennt’s!

STAATSANWALT   Ja …

HILDE   Warum verbrennen Sie es nicht, Herr Staatsanwalt, das viele Papier, das Herr Staatsanwalt alleweil lesen müssen?

STAATSANWALT   Verbrennen?

HILDE   Ich würde das tun.

STAATSANWALT   Du sprichst wie ein Kind.

HILDE   Ich würde das tun.

STAATSANWALT   Dann tu’s

HILDE    Ich tu’s!

Der Staatsanwalt lacht und gibt ihr ein Aktenbündel.

Ich tu’s .

Sie wirft das Aktenbündel ins Feuer, der Staatsanwalt sieht zu,als wäre es nicht getan, sondern bloß gedacht, und lacht tonlos,Hilde holt ein zweites Bündel, ein drittes, schließlich den ganzen Rest, es lodert, dass das ganze Zimmer in Röte aufleuchtet.

– Wie das scheint!

STAATSANWALT   Ja …

HILDE   Wie bei den Köhlern im Wald!

STAATSANWALT   Ja …

HILDE   Dass man möchte tanzen dazu!

STAATSANWALT   Ja …

HILDE  Wie bei den Köhlern, als der Graf Öderland kam. Hoch lebe der Graf! und da sagte die Fee, als die Köhler erschraken, denn es brannten ihre eigenen Hütten, es brannten die Dörfer und Städte –

STAATSANWALT   Was sagte da die Fee?

HILDE  Wie das scheint!

 

Hilde verkörpert den Wunsch des Staatsanwaltes nach einem anderen Leben, ein Leben, das er mit Elsa an seiner Seite nicht leben kann. Sein Bedürfnis nach Veränderung kreiert eine jugendliche Frau, mit dem er diesen Aufbruch verwirklichen kann, eine Fluchtmöglichkeit, zu der alternde Männer gern greifen.

Doch zunächst finden wir Doktor Hahn, den Verteidiger und juristischen Gegenspieler des Staatsanwaltes, am nächsten Tag im Gespräch mit dem Mörder; der Verteidiger versteht – im Gegensatz zum Staatsanwalt – den Mann allerdings nicht, wie sich zeigt:

 

2. Der Mörder

Gefängniszelle. Doktor Hahn sitzt auf der Pritsche, Hut auf dem Kopf, Akten auf dem Knie. Der Mörder steht, die Hände in den Hosentaschen, und blickt zum Gitterfenster hinaus.

MÖRDER   Schnee …

DOKTOR HAHN   Was sagen Sie?

MÖRDER   Ich sage: Schnee …

DOKTOR HAHN   Wenn Sie mir keine Antwort geben auf meine Fragen, wie soll ich Sie verteidigen? Ich frage nicht als Staatsanwalt. Seine Verhöre haben Sie erschöpft, das kann ich ja verstehen, seine Verhöre sind berühmt, sein Blick, sein Verständnis. Wie stehe ich heute da? Ich war von Ihrer Unschuld überzeugt.

MÖRDER   Ich weiß …

DOKTOR HAHN   Warum haben Sie plötzlich gestanden? Der Mörder zuckt die Achsel.

Heute wird das Urteil gefällt. Und ich weiß noch immer nicht, woher ich die mildernden Umstände nehmen soll. Ich weiß es nicht! wenn Sie mir nicht helfen. Pause

MÖRDER   Doktor, haben Sie noch eine Zigarette?

Doktor Hahn bietet Zigaretten an.

Das stimmt übrigens nicht, Doktor, was Sie vorher gesagt haben: dass er’s mit Zigarren gemacht habe, der Staatsanwalt.

DOKTOR HAHN   Sondern?

MÖRDER   Weiß nicht.

Doktor Hahn gibt Feuer.

Er versteht mich einfach. Wenn man Monate lang gefragt wird und gefragt und wieder gefragt, und dann, plötzlich, steht einer im Saal, der einen versteht, Staatsanwalt hin oder her, Herrgott nochmal, es hat mir einfach wohlgetan …

Er raucht.

Danke.

DOKTOR HAHN   Ich komme auf meine Frage zurück: Was haben Sie gedacht, beziehungsweise empfunden, als Sie damals, ich spreche vom 21. Februar vergangenen Jahres, von dem besagten Ort kamen?

MÖRDER   – was Sie wollen.

DOKTOR HAHN   Erinnern Sie sich!

MÖRDER   Das ist leicht gesagt, Doktor.

DOKTOR HAHN   Sie gingen aufs Klosett —

MÖRDER   Wie manchmal noch!

DOKTOR HAHN   Ich stütze mich auf die Akten.

MÖRDER   Wenn es wahr ist, Doktor, was in diesen Akten steht, man könnte meinen, ich verbrachte mein ganzes Leben auf dem besagten Ort.

DOKTOR HAHN   Was in den Akten steht, sind Ihre eignen Aussagen.

MÖRDER   Ich weiß.

DOKTOR HAHN   Also.

MÖRDER   Mag sein —!

DOKTOR HAHN   Was mag sein?

MÖRDER  D ass es wahr ist. Gewissermaßen. Dass ich mein Leben gewissermaßen auf dem besagten Ort verbracht habe. Ich erinnere mich, oft hatte ich durchaus dieses Gefühl.

DOKTOR HAHN   Dass Sie stets die Arbeitszeit dafür genommen haben, sagten Sie schon. Das ist ein Spaß, der die Geschworenen zum Lachen gebracht hat. Ich habe nichts dagegen, dass man die Geschworenen einmal zum Lachen bringt. Aber wesentlich ist das nicht; das machen alle Angestellten.

MÖRDER   Dieses Gefühl hatte ich auch, Doktor, dass es nicht, wesentlich ist, auch wenn ich vor dem Spiegel stand und mich rasierte jeden Morgen, wir mussten immer tadellos rasiert sein, oder wenn ich meine Schuhe nestelte und dazwischen frühstückte, um Schlag acht Uhr an meinem Schalter zu sein jeden Morgen … jeden Morgen

DOKTOR HAHN   Was haben Sie sagen wollen?

MÖRDER   In sechs Jahren wäre ich Prokurist geworden. Er raucht.

Sie haben recht, auch das hätte nichts verändert. Es fällt mir nur so ein. Überhaupt beklage ich mich in keiner Weise über die Bank-Union. Unser Betrieb war musterhaft, das muss ich sagen, unser Hauswart hatte einen Kalender, wo man nachsehen konnte, wann jede Flügeltür zum letzten Mal geschmiert worden ist. Diesen Kalender habe ich mit eignen Augen gesehen. Da gab es keine girrende Türe und nichts. Das muss man sagen.

DOKTOR HAHN   Um auf unsre Frage zurückzukommen: –

MÖRDER   Ja: Was ist wesentlich?

DOKTOR HAHN   Ich rekapituliere: Sonntagnachmittag beim Fußball-Länderspiel, die Niederlage unsrer Mannschaft bedrückt Sie, abends im Kino, aber der Film fesselt Sie nicht, Sie gehen zu Fuß nach Haus, laut Akten empfinden Sie keinerlei Unwohlsein –

MÖRDER   Nur Langeweile.

DOKTOR HAHN   – Zuhause Fernsehen, aber das fesselt Sie auch nicht, 11 Uhr 20 nochmals in die Stadt, Besuch einer Milchbar, kein Alkohol, Sie klingeln kurz vor Mitternacht an der Hinterhoftüre der Bank-Union –

MÖRDER   Weil das Hauptportal geschlossen war.

DOKTOR HAHN   Als der Hauswart öffnet, sagen Sie ihm, Sie müssten auf den besagten Ort … Ich verstehe noch immer nicht, warum Sie zu diesem Zweck (es war Sonntag) ausgerechnet auf die Bank-Union gehen.

MÖRDER   Ich versteh’s ja auch nicht.

DOKTOR HAHN   Weiter!

MÖRDER   Macht der Gewöhnung.

DOKTOR HAHN   Jedenfalls lässt Hofmeier Sie herein.

MÖRDER    Er war eine Seele von Mensch.

DOKTOR HAHN   Ohne sich zu wundern über Ihren nächtlichen Besuch?

MÖRDER   Natürlich wunderte er sich.

DOKTOR HAHN   Aber?

MÖRDER   Ich wunderte mich ja auch, ich schaute zu, wie er die Heizkessel bediente, und wir plauderten noch mindestens fünf Minuten.

DOKTOR HAHN   Worüber?

MÖRDER    Ich sagte: Dich sollte man auf der Stelle erschlagen! Wir lachten.

DOKTOR HAHN   Und dann?

MÖRDER   Ging ich auf den besagten Ort.

DOKTOR HAHN   Und dann?

MÖRDER   – hab ich’s getan.

Er zertritt die Zigarette auf dem Boden.

Ich weiß nicht, Doktor, was Sie noch wissen möchten …

Pause

DOKTOR HAHN   Haben Sie eine schwere Jugend gehabt?

MÖRDER   Wieso?

DOKTOR HAHN   Hat Ihr Vater Sie misshandelt?

MÖRDER   Wie kommen Sie denn darauf?

DOKTOR HAHN   Hat Ihre Mutter Sie vernachlässigt?

MÖRDER  Im Gegenteil.

DOKTOR HAHN  Hm.

MÖRDER   Ich würde es Ihnen schon sagen, Doktor, aber ich habe kein Motiv

DOKTOR HAHN   Hm.

MÖRDER   Ehrenwort.

DOKTOR HAHN   Karl Anton Hofmeier, der Ermordete, hatte, wie ich in den Akten sehe, eine verhältnismäßig junge Frau

MÖRDER   Sie tut mir leid.

DOKTOR HAHN   Sie kannten Frau Hofmeier?

MÖRDER   Sie hat mir die Wäsche geflickt.

DOKTOR HAHN    Hm.

MÖRDER   Um Geld zu verdienen.

DOKTOR HAHN   Karl Anton Hofmeier, Hauswart bei der Bank-Union, hatte keinen Grund zur Eifersucht?

MÖRDER   Das weiß ich nicht.

DOKTOR HAHN   Ich meine: Ihretwegen?

MÖRDER   Davon habe ich nichts bemerkt.

DOKTOR HAHN   Ich meine: Hofmeier ist Ihnen nicht im Weg gestanden?

MÖRDER   Wieso?

DOKTOR HAHN   Und ein politisches Motiv haben Sie auch nicht!

MÖRDER   Ich versteh nichts von Politik.

DOKTOR HAHN   Sie glauben also zum Beispiel nicht daran, dass durch Gewalt die Welt verbessert werden kann?

MÖRDER   Das weiß ich nicht.

DOKTOR HAHN   Ich meine: Sie betrachten den Mord unter allen Umständen als eine verbrecherische Handlung?

MÖRDER   Unter allen Umständen.

DOKTOR HAHN   Hm.

MÖRDER   Ich versteh Ihre vielen Fragen nicht, Doktor.

DOKTOR HAHN   Karl Anton Hofmeier ist tot –

MÖRDER   Ich weiß.

DOKTOR HAHN   Was haben Sie sich davon versprochen?

MÖRDER   Nichts.

DOKTOR HAHN   Ich weiß nicht, wie ich Sie verteidigen soll. Soll ich dem Gericht vielleicht sagen, Sie haben es getan, bloß weil Sie gerade eine Axt hatten, bloß weil kein andrer zugegen war als Karl Anton Hofmeier?

MÖRDER   So war’s aber.

Doktor, haben Sie noch eine Zigarette?

Doktor Hahn bietet Zigaretten an.

Danke.

Er wartet vergeblich auf Feuer.

Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn ich mehr verstanden hätte vom Geld.

DOKTOR HAHN   Wie meinen Sie das?

MÖRDER   So

DOKTOR HAHN   Millionen sind durch Ihre Hände gegangen. Es ging Ihnen nicht um Geld. Darauf fußt meine ganze Verteidigung. Sie hätten Millionen unterschlagen können, ohne zur Axt zu greifen. Was Sie begangen haben, ist Mord, aber kein Raubmord. Und das setze ich durch!

MÖRDER   Ich meine es auch nicht so.

DOKTOR HAHN   Wie denn?

MÖRDER   Wenn ich mehr verstanden hätte vom Geld, meine ich, vielleicht hätte ich rnich nicht so gelangweilt vierzehn Jahre lang.

DOKTOR HAHN   Gelangweilt?

MÖRDER   Klar.

DOKTOR HAHN   Wollen Sie dem Gericht vielleicht sagen, dass Sie den alten Hauswart erschlagen haben aus – Langeweile, aus purer Langeweile? – Es klopft.

Herein!

Eintritt ein Wärter mit einem Brief.

WÄRTER   Ich soll auf Ihren Bescheid warten.

Doktor Hahn öffnet den Brief und liest.

Das Essen kommt gleich.

DOKTOR HAHN  Was soll das bedeuten?

WÄRTER   Keine Ahnung.

DOKTOR HAHN   Näheres weiß man nicht?

WÄRTER   Die Frau Staatsanwalt wartet unten.

DOKTOR HAHN   Ist der Gerichtshof unterrichtet?

WÄRTER   Jawohl, Herr Doktor!

DOKTOR HAHN   Ich komme sofort.

Der Wärter geht, Doktor Hahn sammelt seine Akten.

Sie haben Glück.

MÖRDER   Wie das schneit . . .

DOKTOR HAHN   Das Gericht ist vertagt.

MÖRDER   Sie können sich nicht vorstellen, Doktor, wie vertraut mir dieser Anblick ist: Immer diese sieben Stäbe, dahinter die Welt, so war es auch hinter dem Schalter, als ich noch arbeitete, als ich noch frei war . . .

DOKTOR HAHN   Haben Sie nicht gehört, was ich sage? Das Gericht ist vertagt. Überlegen Sie sich, was ich Sie gefragt habe. Überlegen Sie es in aller Ruhe. Heute ist Freitag, wir sprechen uns wieder am nächsten Montag. Ich bin sehr eilig.

Der Wärter kommt.

WÄRTER   Fertig?

DOKTOR HAHN   Fertig.

Doktor Hahn geht, der Wärter bleibt, er hat das Essen gebracht, einen blechernen Teller und einen großen Eimer.

WÄRTER   Was sagen Sie jetzt?

MÖRDER   Wieder Bohnensuppe?

WÄRTER   Einfach verschwunden und verschollen, ein Staatsanwalt, einfach verschwunden und verschollen! Das ist noch nicht vorgekommen. Zu mir hat er immer gesagt, ich sehe aus wie ein Bienenzüchter –

MÖRDER   Brot gibt’s auch?

WÄRTER   Ich frage, was Sie dazu sagen.

MÖRDER   Schade.

WÄRTER   Wieso schade?

MÖRDER   Der Einzige, der mich verstanden hat…

Der Mörder beißt in sein Brot, dann löffelt er die Suppe, die der Wärter unterdessen geschöpft hat. Der Wärter wartet umsonst auf ein Gespräch, dann geht er; man hört, wie die Gefängnistüre von außen geschlossen wird.

 

Manche werden zu einem Graf Öderland und bewältigen ihren Lebensfrust, indem sie zur Axt greifen. Der Mann im Lied von Udo Jürgens wird keine Axt ergreifen, doch wird sich sein Frust nach innen wenden und eine Krankheit wird die Rolle der Axt übernehmen.

Den Alltag als großes Lernfeld zu erkennen, in welchem Beruf man auch immer arbeitet, gehört zu der Lebens-Kunst, die es für uns zu lernen gilt. Elsa und Hilde sind Teile eines jeden Mannes und einer jeden Frau, genauso wie Graf Öderland, der Staatsanwalt und Doktor Hahn.

Wer dies nicht wahrhaben will, greift zur Axt, einer Rasierklinge, zu Tabletten oder der täglichen Dosis Alkohol, um den inneren Rufer nicht zu hören.

..

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Von Christian Wagners „Ostersamstag“ zum „Nürnbrechter Auferstehungslied“: Auferstehen werd auch ich!

Es gibt Leben, die währen einen Ostersamstag lang. Auch um sie weiß das Gedicht Christian Wagners, dieses alle Pflanzen und Tiere liebenden Dichters aus Warmbronn, nahe Leonberg, der dem Nachbarn, wiewohl selbst nicht gerade betucht, Vieh abkaufte, damit es nicht geschlachtet werde.

Kurt Tucholsky hat über ihn geschrieben:


(…) er fühlte die tiefe Zusammengehörigkeit zwischen Tier, Mensch und Pflanze, Stein und Stern. Und er liebte das alles. … Er war dogmenlos fromm. … Er war allerdings ein Landmann; er hat die Natur gekannt, aber das Hälmchen war ihm kein Anlaß, ‚Duliöh!‘ zu schreien oder ein knallig angestrichenes Gemüt leuchten zu lassen. Er war ein in sich gekehrter Künstler und wohl wert, daß wir ihn alle läsen und verehrten.

 Auch sein Gedicht Ostersamstag ist wert, gelesen zu werden, weil es über einen Tag spricht, der noch nach so vielen Jahren dem Seelenzustand der Menschheit 2021 gleicht:

Wie die Frauen
Zions wohl dereinst beim matten Grauen
Jenes Trauertags beisammen standen,
Nicht mehr Worte, nur noch Tränen fanden.

So noch heute
Stehen, als in ferne Zeit verstreute
Bleiche Zionstöchter, Anemonen
In des Nordens winterlichen Zonen.

Vom Gewimmel
Dichter Flocken ist ganz trüb der Himmel.
Traurig stehen sie, die Köpfchen hängend,
Und in Gruppen sich zusammendrängend.

Also einsam,
Zehn und zwölfe hier so leidgemeinsam,
Da und dort verstreut auf grauer Öde,
Weiße Tüchlein aufgebunden jede.

Also trauernd,
Innerlich vor Frost zusammenschauernd,
Stehn alljährlich sie als Klagebildnis
In des winterlichen Waldes Wildnis.


Warum ziehen diese Zeilen sicherlich nicht wenige Menschen sogleich und so sehr in ihren Bann?
Wir wissen, dass in Mythen und Gedichten Frauen und das Weibliche für die Seelen der Menschen stehen und diese, auch unsere Seelen, darum wissen, dass es Situationen gibt und Zeiten, in denen uns Worte fehlen und nur noch Tränen sprechen. 

Wir alle sind diese Töchter Zions.

Aber die Verse ziehen auch in ihren Bann, weil da einer schreibt, der ein Meister seines Faches ist und so sehr darunter zu leiden hatte, dass über viele Jahre er kaum jemanden fand, der das erkannte (wenn ich mich recht entsinne: seine erste Gedicht-Sammlung veröffentlichte er mit 50 Jahren und finanzierte sie selbst). Und wäre nicht Hermann Hesse gewesen, der sich rührend darum kümmerte, dass er für seine Gedichte einen Verleger fände – die Briefe, die sie sich schrieben, sind überliefert und zeugen von großer gegenseitiger Hochachtung -, wer weiß, vielleicht wüssten heute noch weniger Leute von ihm, als es eh der Fall ist.

In einem Brief vom 19. September 1911 schrieb Christian Wagner an den schon berühmten Dichterkollegen: 

„(…) daß ein Bauer sich anmaßt Sonette zu schreiben, in Hexametern zu dichten, – das grenzt an Gotteslästerung. – Was raten Sie mir“?


In des winterlichen Waldes Wildnis

Seine Meisterschaft zeigt sich von Beginn an:

„Wie die Frauen“: die erste Zeile im zweihebigen Trochäus gefasst, und die wenigsten werden wohl das Wort erwarten, das – durch den Zeilensprung noch leise vorenthalten – dann folgt, auch nicht erwarten, wie es rhythmisch weitergeht mit Zeilen im fünfhebigen Trochäus, nicht von jenen Töchtern Zions berichtend, die aufjauchzen und sich freuen, wie wir sie aus dem Adventslied kennen, nein, es sind jene, die Anemonen gleichen, im Schneetreiben stehend, über sich den trüben Himmel.

Manchmal fühlen Menschen mehr mit, wenn sie den Anderen als Blume wahrnehmen. 

Womöglich fühlen sie dann in solcher Gestalt auch tiefer sich selbst.
Christian Wagner wusste darum. 
Ein Grund, warum so eindrucksvoll immer wieder Blumen im Mittelpunkt seiner Gedichte stehen.

Die ersten Verse jeder Strophe lesen sich, hintereinandergereiht, wie eine inhaltliche Zusammenfassung, und es gibt den Ostersamstag und seine Atmosphäre wieder, dass wir als letzten Auftakt finden: „Also trauernd“.

Da ist etwas gestorben, eine Zeit ist zu Ende gegangen, und die Töchter Zions wissen nicht, was auf sie zukommt.
Und es ist jemand gestorben, um den sie trauern.

Auch den Menschen dieser Tage geht es so.

Von Christus spricht kaum jemand.

Das Gedicht endet mit eindrucksvollen Alliterationen. 
Unser Seelenwald muss keineswegs eine Wildnis sein. Hier aber ist es so. 
Es ist winterlich, obwohl doch Ostern meist den Frühling ankündigt.

Des von mir so verehrten Bauerndichters Verse berühren, weil sie mehr, als wir es vielleicht wahrhaben wollen, dieser unserer Zeit entsprechen. 
Die Welt scheint mitten im Winter, viele Menschen gleichen bleichen Zionstöchtern. Ein Virus hat sie im Griff. 
Von Christus spricht kaum jemand. 

Ein innerer Ostersonntag scheint weiter weg denn je und ja, es wäre gut, wenn die Töchter Zions weniger Worte fänden; dann würden sie vielleicht nicht ständig nur über das eine Thema reden, nur über Impfen und Lockdown und eine große Müdigkeit, die die Seelen der Menschen erfasst. 

Manchmal ist Schweigen notwendig, damit die Seele neue Worte finden kann, bisher nie gesagte Worte.
Über Nacht, in der Nacht von Ostersamstag auf Ostersonntag kann so viel geschehen. Vor allem, wenn wir schweigen.
Was dann möglich ist?

Auferstehen werd auch ich!

Ich sehe den 10-jährigen Johannes in der Kirche sitzen, die die 17 Jahre seiner Frankfurter Kindheitszeit begleitet. Zunächst war sie eine Baracke, die Ersatz dafür war, was der Krieg zerbombt hatte. 

Doch die Kindergottesdienste vergisst er nie, wenn der Pfarrer Gottwald, immer als Belohnung, wenn wir seinen Bibelworten brav zugehört hatten, zum Abschluss seine Abenteuer-Fortsetzungsgeschichten erzählte. Auf dem provisorischen Altarpodest sehe ich ihn vor mir; ich glaube, er war selbst ganz gebannt davon, wie er erzählen konnte.

Dann wurde erfolgreich für den Wiederaufbau gesammelt, auch für die neue Orgel.
Noch heute sehe ich mich auf der Längsseite der Empore sitzen, als ich zum ersten Mal in der neuen Kirche den Ostersonntag-Gottesdienst erlebte, die neue Orgel fest im Blick. 

Zum Abschluss spielte der Organist, zugleich Leiter des Posaunenchores, in dem ich später dann mitspielte und der mir schon deshalb unvergessen ist, weil ich einmal seinem Vater, der neben mir Waldhorn spielte, den Gummipfropfen des Notenständerfußes, der sich unglücklicherweise von jenem gelöst hatte und so einfach auf dem Boden lag, in den Schalltrichter seines Waldhorns beförderte, so dass er minutenlang zu seinem Entsetzen keinen Ton mehr herausbrachte und ich dann auch nicht, weil die Situation immer dramatischer wurde … 

Zum Abschluss jedenfalls spielte der Organist ein Lied, das ich noch heute höre.

Es ist als Nürnbrechter Auferstehungslied bekannt, wahrscheinlich von dem damaligen Pfarrer Ernst Hermann Thümmel ins oberbergische Nümbrecht gebracht.

Seine erste Strophe lautet:

Auferstanden, 
auferstanden ist der Herr, 
und im ewgen Lichtgewande der Verklärung wandelt er
Und im ewgen Lichtgewande der Verklärung wandelt er.

Die folgenden Strophen waren für mich, seitdem ich sie recht schnell auswendig kannte – und sind es bis heute – immer so eindrücklich, weil sie so bildmächtig waren und sind:

Hocherhaben, 
über Sternen glänzt sein Thron, 
freundlich spendet er uns Gaben, ist der Seinen Schild und Lohn. 
Freundlich spendet er uns Gaben ist der Seinen Schild und Lohn!

Keiner bebe! 
Der Erhöhte ruft uns zu:
ich war tot und sieh ich lebe; leben, leben sollst auch du
Ich war tot und sieh ich lebe; leben, leben sollst auch du.

O ihr Gräber, 
nein vor euch erbeb ich nich
weil des edlen Lebens Geber euch erhellt mit seinem Licht.
Weil des edlen Lebens Geber euch erhellt mit seinem Licht.

Ich weiß noch, dass ich an jenem Sonntag in kurzen Hosen auf dieser Empore saß, mit Kniestrümpfen und Sandalen an den Füßen.
Und dass ich nicht zum Mitsingen kam, weil ich die Töne der Orgel in mich aufsog.
Diese neue Orgel – ich meine, das alte Harmonium, immer von Pfarrer Gottwald selbst gespielt, konnte da nicht mehr mithalten: was sie für Töne hervorbrachte … ich war einfach hin und weg.
Die Pause zwischen der vierten und fünften, der abschließenden Strophe dauerte ein paar Sekunden länger, denn der Organist zog, was ich so sah, in möglichster Blitzesschnelle an verschiedenen Hebeln.
Dann kam es wie ein Brausen vom Himmel.
Eine Orgel kann wirklich brausen.
Die Töne durchfluteten jeden Stuhl und jeden Stein des neuen Kirchengebäudes und ja – heute würde ich denken, die Orgel war für diese Kirche etwas überdimensioniert: die Mauern bebten wirklich. Ich bekam fast ein wenig Angst.
Ich vergesse dieses Brausen, dieses Fluten der Töne und dieses Beben nie und auch deshalb tönt noch heute diese letzte Strophe immer wieder in mir:

Auferstehen,
auferstehen werd auch ich 
und den Auferstandnen sehen, wenn er kommt und wecket mich.
Und den Auferstandnen sehen, wenn er kommt und wecket mich.

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Der Hüter der Schwelle: seelisch-geistige Instanz in uns und literarische Realität in Kafkas ´Türhüterlegende´

In einem früheren Post auf meinem Methusalem-Blog habe ich einen mehr germanistisch-geisteswissenschaftlichen Blick auf Kafkas Türhüterlegende geworfen und sie ausführlicher in den Kontext des Werkes, in dem sie sich findet, den Prozess, gestellt; wer sich also diesbezüglich genauer informieren möchte, möge das hier tun.

Im folgenden Post nun soll es um einen spirituell-geisteswissenschaftlichen Blick gehen, in dessen Mittelpunkt der Türhüter steht als einer seelisch-geistigen Wesenheit, im Übrigen ein guter Bekannter von uns, denn wir begegnen diesem Hüter der Schwelle jede Nacht beim Einschlafen – davon später mehr – und in unseren Leben zwischen den Leben. Allerdings tritt er im Dieseits in der Regel, wenn dieses Auftreten für uns bewusst geschieht, auf eine Weise auf, die uns unvergesslich ist. Etliche mythische Gestalten können ein Lied davon singen, Siegfried z.B., dem er als Drachen begegnet, oder auch Gawan, Ritter der Tafelrunde und im Parzival Wolfram von Eschenbachs Alter Ego des gleichnamigen Protagonisten.

Wolfram hat bekanntlich in seinem Gralsepos zu einem genialen Verfahren gegriffen:
Das Doppelwesen, das jeder Mensch ist, gespalten, so möchte ich formulieren, in das niedere Selbst und jenes, das den geistigen Weg zum Höheren Selbst anstrebt – beide finden wir auch in den zwei Seelen der Brust des Faust angesprochen – hat er auf zwei Personen verteilt. Gawan nun kommt der Part zu, gegen das niedere Selbst zu kämpfen, Parzival aber kämpft um sein Höheres Selbst, ein Weg, der ihn schlussendlich zu Trevrizent und seiner Karfreitagseinweihung führt. Gawan aber muss auf seinem Weg, der ihn im Minnedienst einer scheinbar recht zwielichtigen Frau namens Orgeluse auf ein Zauberschloss namens Schastelmarveil führt, übermenschliche Gefahren überstehen; dazu gehört u.a., dass er von jeweils 500 Armbrüsten und Steinschleudern beschossen und verwundet wird und schlussendlich mit einem Löwen kämpfen muss, der von ihm besiegt wird, aber ihn auch, am Ende seiner Kräfte, ohnmächtig auf seinem Schild zusammenbrechen lässt.
All dies sind natürlich Bilder für ein seelisch-geistiges Geschehen, so wie Parzival beispielsweise eine Gestalt unseres Inneren repräsentiert, die auf dem Weg zu einer bestimmten Bewusstseinsstufe ist, die im Übrigen bis heute nur Menschen erreicht haben.

Erklärend einfügen möchte ich ebenfalls noch, dass das sogenannte niedere Selbst alle unsere wenig bearbeiteten Triebe, Wünsche und Begierden repräsentiert – sie finden sich auf der sogenannten astralen Ebene, einem seelischen Bereich -, denen vor allem die Menschen ausgeliefert sind, die dem materiell-physischen Dasein unreflektiert gegenüberstehen und an keine höhere Instanz im Menschen und im Kosmos glauben und, wenn sie an mehr glauben, annehmen, es gäbe da vielleicht einen Gott und noch ein paar Engelchen. In der Tat ist es allerdings so, dass es neun große kosmische Entwicklungsstufen gibt, entsprechend den Engelhierarchien, der Mensch nun aber die zehnte ist und insofern einmalig, als er unter diesen Stufen die erste darstellt, die die Möglichkeit beinhaltet, sich von allem bisherigen abzuwenden, Nein zu Gott und den Mächten des Alls sagen zu können und wie Faust einen Pakt zu schließen mit dem sogenannten Bösen ( Menschen tun das seit dem sogenannten Sündenfall ohnehin unbewusst). So allerdings, wie viele Menschen, vor allem auch traditionelle Christen das Böse sehen, gibt es das nicht; es ist im Grunde genauso vielschichtig wie die sogenannten guten Kräfte.
Wer als Mensch sich diesem Wissen öffnet und den geistigen Pfad betritt, beginnt mit der Zeit, die Materie zu durchschauen, starrt nicht mehr wie Sisyphos auf den Stein, den jener die ganze Zeit auf den Berg wuchtet, damit er dann kurz vor dem Gipfel wieder herunter ins Tal donnert, sondern durchschaut ihn, schaut gleichsam durch ihn hindurch und vermag den Gipfel des Berges zu sehen, wo sich die seelisch-geistige Lösung seines Dilemmas zeigt gemäß dem Bibelwort des Psalmisten:“Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, von denen mir Hilfe kommt.“
Er beginnt damit, den Sinn des materiell-physischen Daseins zu erkennen.

Auf diesem geistigen Weg nun begegnet an einer bestimmten Stelle der Mensch ganz bewusst dem Hüter der Schwelle, der, bis es soweit ist, die Aufgabe hat, ihn zu bewahren vor Erkenntnissen, die er nicht verkraften würde und die er auch nicht haben darf, bevor er nicht die wirkliche Reife hat, einen notwendigen Entwicklungsschritt zu gehen; im Rahmen dieser Entwicklungsstadien ist der Mensch in Wahrheit kaum wirklich frei zu nennen; er bildet sich ein, es zu sein, weiß allerdings nicht um die vielfältigen seelisch-geistigen Einflussnahmen von Kräften, um die er nicht kennt, die C.G. Jung dem sogenannten kollektiven Unbewussten zuordnete.
Deshalb nun verliert der Mensch beim Einschlafen sein Bewusstsein, deshalb inkarniert er auf der Erde und weiß von allem vorherigen Geschehen nichts, weiß nichts von seiner Anreise durch die Planetensphäre und weiß auch nichts davon, dass mit den Menschen, denen er hier begegnet – zumindest mit jenen, die in seinem Leben eine Bedeutung haben – er in der jenseitigen Welt schon Kontakt hatte, weshalb uns manche Menschen, denen wir im Leben begegnen, wie gute Bekannte vorkommen. Natürlich spielt in diesem Zusammenhang das sogenannte Karma eine wichtige Rolle; meistens aber sehen das Menschen viel zu trivial. Sein Beginn hat mit dem sogenannten Sündenfall der Bibel zu tun, jenem Zeitpunkt, ab dem das physische Dasein der Menschen überhaupt erst begann; zuvor waren wir Menschen rein geistige Wesen; in den verschiedenen Kulturen haben sie verschiedene Namen; im Jüdischen wird dieser ursprüngliche Geistmensch beispielsweise Adam Kadmon genannt.

Wolfram von Eschenbach hat in dem Kampf Gawans auf Schastelmarveil die Dimension des Kampfes mit dem Hüter der Schwelle bildhaft und zugleich in seinem Ausmaß sehr realistisch dargestellt, denn es kann, abhängig davon, wie vorbereitet der Einzelne in diese Begegnung hineingeht, ein (geistiger) Kampf auf Biegen und Brechen, auf Leben und Tod sein; die Begegnung aber kann auch sehr friedlich verlaufen, wenn der Mensch sich geistig auf dieses Zusammentreffen vorbereitet. Es ist allerdings ein langer Weg bis dorthin und mehr als ihm lieb ist, muss der Mensch lernen, geduldig und demütig zu werden und zu sein. Immer wieder kann es auch geschehen, dass ein Mensch in den Besitz geistiger Fähigkeiten kommt, aber charakterlich und moralisch nicht entsprechend entwickelt ist. Das hat nicht nur für seine Umgebung negative Folgen, weil er andere entsprechend beeinflusst, sondern vor allem für ihn und seine weiteren Leben.

Zu einem vergleichbaren Verfahren bezüglich der Personenaufteilung wie Wolfram hat im Übrigen auch Michael Ende in seiner Unendlichen Geschichte in den Gestalten von Bastian und Atréju gegriffen.

In der Legende Kafkas – der Text findet sich im Folgenden – kommt es nicht zu einer existentiellen Auseinandersetzung mit dem Hüter, weil der Mann vom Lande den Kampf nicht annimmt, sondern sich mit der geistigen Herausforderung auf seine Weise arrangiert. Erst als es zu spät ist, erkennt er, welche einmalige Möglichkeit er ausgelassen hat. 

Kafka – er lebte von 1883 bis 1924 – hat seine Legende geliebt – er hat diese Bezeichnung selbst gewählt – und sie gern auch in kleinem Kreis vorgelesen, was umso bedeutungsvoller ist, als er den überwiegenden Teil seines Werkes testamentarisch der Vernichtung überantwortet hat (sein Nachlassverwalter Max Brod hat sich nicht daran gehalten). Auch wenn er das Kampfgeschehen, das für fast jeden Menschen im Rahmen der Auseinandersetzung mit dem Hüter der Schwelle auf der geistigen Ebene stattfindet, im Grunde nicht als solches gestaltet, so vermittelt die Parabel eindrücklich, dass hier ganz Besonderes auf dem Spiel steht.
Kafkas Blick auf das Geschehen ist insofern fast einmalig, weil die Tatsache, dass es Menschen gibt, die sich auf einen Schemel setzen und mit der Situation arrangieren, wohl kaum einmal in diesem Zusammenhang und mit diesem Ende literarisch so eindrücklich zur Darstellung gebracht worden ist. Die Gefährdungen im Übrigen, die für den, der den geistigen Weg ernsthaft geht und nicht kneift, wie das der Mann vom Lande tut, haben neben einigen anderen Goethe in seiner Faustgestalt und Michael Ende mit dem Weg Bastians in der Unendlichen Geschichte eindrücklichst gestaltet.

Kafkas Gestaltung ist für uns insofern wichtig, als die derzeitige Pandemie für die Seele der einzelnen Völker bzw. Nationen auf jener Ebene, auf der Erzengelwesen bekanntlich geistige Führer sind, in gewisser Weise dem Kampf mit dem Hüter der Schwelle gleichen könnte, zumal auch allen beteiligten Menschen auf ihrer Ebene vor Augen treten mag, wenn sie es denn zulassen, woran es ihnen seelisch-geistig mangelt; zu wenig bemühen sie sich um eine geistige Sicht der Dinge, denn diese Pandemie hat, wie alles im Leben der Menschen und wie alles kosmische Geschehen geistige Ursaschen.
Deshalb wird die pandemische Herausforderung entscheidend für die Entwicklung von Völkern und Nationen bis zum Ende der fünften von Steiner so bezeichneten Kulturstufe hin sein, die um 1450 begann und ein platonisches Jahr dauert, also bis gegen 3700 n.Chr., und mit dem Kampf aller gegen alle, wie er in der Bibel vorausgesagt ist, endet (Matth. 24, 7+21).

Es scheint so, dass die Völker und Menschen dieser Erde das Verfahren des Mannes vom Lande wählen: auf der seelisch-geistigen Ebene die Angelegenheit aussitzen, Schritte, in das Gesetz zu gelangen, unternehmen, die der Hüter aber nicht ernst nehmen kann; im Grunde innerlich unbeweglich bleiben.

Die Bewusstseinsseele, im Steinerschen Denken die höchste Seelenstufe vor dem Eintritt in entwickeltere Seelenstufen, beginnend mit der Imaginationsseele, hat eine wesentliche Prüfung zu bestehen, und für unseren Bereich, für Deutschland, scheint diese Prüfung auf einen unguten Ausgang zuzusteuern, wenn sogar Anthroposophen, was ich beobachtet habe, kaum in der Lage sind, in eine geistige Auseinandersetzung mit dem Virus zu gehen, sondern in dem von jenem inszenierten Lärm durch eine physisch-materielle Sicht auf die Pandemie, die eine geistige Sicht sehr erschwert, erheblich mitlärmen. 
Ohne dass eine bestimmte Anzahl von Menschen die seelisch-geistigen Ursachen nicht wirklich versteht, wird sie nicht zu einem Ende kommen können. Und wenn sie es doch tut, kommt ein weiteres vergleichbares Geschehen.
Sicher scheint mir zu sein, dass eine Ursache der Pandemie der Umgang des Menschen mit der Tierwelt ist. Viren können auf der geistigen Ebene Reflexe für die über Jahrhunderte sich hinziehenden schrecklichen Quälereien des Menschen im Hinblick auf die Tierwelt sein. Obwohl Tiere einen anderen Entwicklungsweg gehen als Menschen, ist Letzterer doch über bestimmte seelische Ebenen – unter anderem die astrale – mit ihnen verbunden.

Die Türhüterlegende

Für jene, die sie noch nicht gelesen haben oder noch einmal lesen wollen – hier zunächst aus dem Kapitel Im Dom der entsprechende Auszug schon gegen Ende des von Kafka nicht endgültig in eine Form gegossenen und deshalb als Romanfragment bezeichneten Werkes Der Prozess:

Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, dass er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er also später werde eintreten dürfen. „Es ist möglich“, sagt der Türhüter, „jetzt aber nicht.“ Da das Tor zum Gesetz offen steht wie immer und der Türhüter beiseite tritt, bückt sich der Mann, um durch das Tor in das Innere zu sehn. Als der Türhüter das merkt, lacht er und sagt: „Wenn es dich so lockt, versuche es doch trotz meines Verbotes hineinzugehn. Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal stehn aber Türhüter einer mächtiger als der andere. Schon den Anblick des dritten kann nicht einmal ich mehr ertragen.“ Solche Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande nicht erwartet, das Gesetz soll doch jedem und immer zugänglich sein, denkt er, aber als er jetzt den Türhüter in seinem Pelzmantel genauer ansieht, seine große Spitznase, den langen dünnen schwarzen tartarischen Bart, entschließt er sich doch lieber zu warten, bis er die Erlaubnis zum Eintritt bekommt. Der Türhüter gibt ihm einen Schemel und lässt ihn seitwärts von der Tür sich niedersetzen. Dort sitzt er Tage und Jahre. Er macht viele Versuche eingelassen zu werden und ermüdet den Türhüter durch seine Bitten. Der Türhüter stellt öfters kleine Verhöre mit ihm an, fragt ihn über seine Heimat aus und nach vielem andern, es sind aber teilnahmslose Fragen, wie sie große Herren stellen, und zum Schlusse sagt er ihm immer wieder, dass er ihn noch nicht einlassen könne. Der Mann, der sich für seine Reise mit vielem ausgerüstet hat, verwendet alles und sei es noch so wertvoll, um den Türhüter zu bestechen. Dieser nimmt zwar alles an, aber sagt dabei: „Ich nehme es nur an, damit Du nicht glaubst, etwas versäumt zu haben.“ Während der vielen Jahre beobachtet der Mann den Türhüter fast ununterbrochen. Er vergisst die andern Türhüter und dieser erste scheint ihm das einzige Hindernis für den Eintritt in das Gesetz. Er verflucht den unglücklichen Zufall, in den ersten Jahren laut, später, als er alt wird, brummt er nur noch vor sich hin. Er wird kindisch und da er in dem jahrelangen Studium des Türhüters auch die Flöhe in seinem Pelzkragen erkannt hat, bittet er auch die Flöhe, ihm zu helfen und den Türhüter umzustimmen. Schließlich wird sein Augenlicht schwach und er weiß nicht, ob es um ihn wirklich dunkler wird oder ob ihn nur seine Augen täuschen. Wohl aber erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz, der unverlöschlich aus der Türe des Gesetzes bricht. Nun lebt er nicht mehr lange. Vor seinem Tode sammeln sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage die er bisher an den Türhüter noch nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu, da er seinen erstarrenden Körper nicht mehr aufrichten kann. Der Türhüter muss sich tief zu ihm hinunterneigen, denn die Größenunterschiede haben sich sehr zuungunsten des Mannes verändert. „Was willst du denn jetzt noch wissen“, fragt der Türhüter, „Du bist unersättlich.“ „Alle streben doch nach dem Gesetz“, sagt der Mann, „wieso kommt es, dass in den vielen Jahren niemand außer mir Einlass verlangt hat.“ Der Türhüter erkennt, dass der Mann schon am Ende ist und um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: „Hier konnte niemand sonst Einlass erhalten, denn dieser Eingang war nur für Dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.

Wenn jemand mit großem Ernst auf dem spirituellen Weg unterwegs ist, kommt irgendwann der Punkt, an dem er sich selbst begegnet, und zwar auf der astralen Ebene. Dieses Geschehen nennt man den Hüter der Schwelle. Es ist ein Ereignis, das einen Menschen bis in seine Grundfesten erschüttert und nicht wenige kommen über jene Schwelle nicht hinweg, über die noch zu sprechen sein wird. Kafkas Legende ist da durchaus realistisch.

Zunächst aber ein Blick auf das, was manche einen spirituellen Weg nennen, denn es gibt gar nicht einmal so wenige, die ihn zu gehen scheinen: sie machen Yoga, Reiki, lesen esoterische Bücher, meditieren – was auch immer. Der Weg allerdings, der zum Hüter der Schwelle führt, erfordert mehr, fordert den Weg mit Mut zur Demut, ein immer umfassender werdendes inneres Beteiligtsein, mehr und mehr Hüllen abzulegen, um schließlich nackt vor sich zu stehen, und zunehmend dem Wechselhaften des Lebens das Dauerhafte, Ewige vorzuziehen, indem man sich des Letzteren von Grund auf bewusst wird. – Es ist der Weg über die Fußwaschung hin nach Gethsemane und Golgatha. 
Das bedeutet im Übrigen gerade nicht, dass man aus dem realen Leben aussteigt, im Gegenteil, denn obiger Weg kann sich nur aus dieser materiell-physischen Existenz heraus entwickeln. Wie wollte man auch etwas überwinden und transformieren, was man nicht kennt! 
Wer den Hüter der Schwelle treffen will, steht im Leben, kennt die Herausforderungen von Beruf und Alltag, weiß um Freuden und Leiden, versteht weitgehend sich und seine Mitmenschen und zwar nicht nur dem leeren Buchstaben nach, sondern mit dem Herzen.
Diesen Menschen spürt man in der Regel den Tiefgang an. Es sind eher nicht die, die alles so genau wissen, sondern jene, in denen man eine beginnende Weisheit spürt. Sie drängen sich nicht auf und drängen auch ihre sogenannte Weisheit niemandem auf. –
Es ist ihr Sein, das wirkt.

Gewiss kann man auch mittels Drogen oder intensiver Arbeit mit der Kundalini-Kraft ihm begegnen, nur gerade im ersteren Fall geht das zuallermeist einher mit dem Verlust der Persönlichkeit, mit dem Überflutetwerden von geistigen Kräften, die man nicht mehr beherrscht, die man durch den Drogenkonsum gerufen hat, ohne zu wissen, was auf einen zukommt – Goethes Zauberlehrling ist ein Beispiel für dieses seelische Geschehen; die Seele kann hoffnungslos (für dieses und durchaus auch mehrere weitere Leben) verloren sein; es dürfte auf der Erde nur wenige Menschen geben, die so jemandem helfen können, wie es der Zaubermeister in Goethes Ballade vermochte.
Wer – und das gilt auch für jene, die über den zweiten Weg eine Entwicklung zu forcieren suchen, für die sie moralisch und charakterlich noch nicht geeignet sind – wer also nicht reif ist für diesen Kampf, den wir aus den Mythen als Kampf von Helden mit dem Drachen oder Untieren kennen – Siegfried wäre zu nennen, Perseus oder auch Herakles; das wunderbare, nur noch antiquarisch erhältliche Time-Life-Buch über Drachen aus der Reihe Verzauberte Welten, für Kinder ab ungefähr 9 Jahren geeignet, ist eine wie ich finde vorzüglich bebilderte Fundgrube – der scheitert, muss scheitern, bleibt hoffnungslos auf der Strecke, oft der Selbstsucht verfallen, diesen Weg gehen wollend, um nach außen oder vor sich zu glänzen, den Erleuchteten spielend oder Möchtegern-Guru; es gibt eine Bandbreite von Möglichkeiten des Versagens, das die Betroffenen nicht als solches wahrnehmen, weil sie glauben, am Ziel gewesen zu sein, ein – aus geistiger Perspektive gesehen – tragischer Irrtum.
Wobei, das sei hier nur angemerkt, selbst wenn man den Hüter der Schwelle – den man nicht unterschätzen sollte, auch wenn er als Kleiner oder der Erste weiterer Hüter der Schwelle bezeichnet wird – überwunden hat, die Gefahr keineswegs vorbei ist, wie man an Faust in Faust II und Michael Endes bereits erwähntem Bastian sehen kann; die Gefahr der Selbstüberhöhung lauert allenthalben auf dem Weg auch des geistig wachsenden Menschen – gerade dann; die Versuchung Jesu durch den biblischen Satan gibt ein realistisches Szenario wieder, das selbst einem Gott namens Christus in Jesus begegnen kann.
Bedauerlicherweise ist es so, dass spirituell interessierte Menschen sehr oft auf zwielichtige esoterische Gestalten, wie sie sich zu Hauf auf You Tube finden oder. auch auf einem gewissen Fernsehsender, hereinfallen. Vieles auch, was aus Amerika auf den esoterischen Markt drängt – ich denke an Shaumbra, Kryon und Ähnliches – kann eine Seele in eine völlig falsche Richtung führen. Gleiches gilt für die veraltete Reiki-Energie. Möge sich niemand mit dieser Energie behandeln lassen. In der Regel schluckt man zudem noch den ganzen astralen Müll des Behandlers, obwohl dieser beteuern wird, dass er ein reiner Kanal ist; aus einer verschmutzten Leitung aber kommt keine reine Energie, wenn sie es überhaupt ist.

Zurück zu Kafka: Obwohl sich in seinem Werk das Zerrüttete dieser Welt spiegelt – man muss allein nur seine Frauengestalten ansehen, um zu ahnen, wie sehr Kafka um ein degeneriertes Weibliches wusste und sich dessen auch bewusst gewesen sein mag, wobei man hoffen möchte, dass er die wertvolle Seite des Weiblichen kennenlernen durfte (aus seinem Werk geht das kaum hervor, durchaus aber aus seinem Leben, denkt man u.a. an seine letzte Beziehung zu Dora Diamant) – obwohl sich also in Kafkas Werk das Zerrüttetsein dieser Welt spiegelt, deuten nicht wenige seiner Aussagen auf ein hohes spirituelles Bewusstsein hin. 
Von Beginn an war er der Auffassung, dass seine Krankheit seelische Ursachen habe. Sie brach am 13. August 1917 mit einem massiven nächtlichen Blutsturz aus und wurde als Lungenspitzenkatarrh diagnostiziert. Das war wohl nur wenig mehr als zwei Jahre nach der Fertigstellung seines Romans Der Prozess, aus dem die Türhüterlegende stammt, doch die Vorboten der Krankheit waren sicherlich schon damals in ihm.
Wer um das Fehlen von elterlicher Liebe in seiner Kindheit weiß und um die so harte Auseinandersetzung mit dem Vater, dem er einen literarisch so berühmten und ziemlich erschütternden Brief an den Vater schrieb, den er allerdings nie abschickte, ahnt, dass die Wurzeln seiner Krankheit schon hier zu finden sein könnten.
Kafka mag dem Hüter der Schwelle nicht bewusst begegnet sein, aber er hat diese Begegnung eben in seiner Türhüterlegende literarisch vorweggenommen. Wir treffen auf ihn, wie bereits angedeutet, eh im Leben zwischen den Leben, wobei er dann seinen Schrecken nicht hat, wie das hier auf der Erde der Fall ist, weil die menschliche Seele dort seelisch.geistig ungleich bewusster lebt. 

Für Kafkas hohes geistiges Bewusstsein sprechen jene Worte, die sich in seinen Zürauer Aufzeichnungen vom 25. Januar 1918 finden: 123

Vor dem Betreten des Allerheiligsten musst du die Schuhe ausziehen, aber nicht nur die Schuhe, sondern alles, Reisekleid und Gepäck, und darunter die Nacktheit und alles, was unter der Nacktheit ist, und alles, was sich unter dieser verbirgt, und dann den Kern und den Kern des Kerns, dann das übrige und dann den Rest und dann noch den Schein des unvergänglichen Feuers. Erst das Feuer selbst wird vom Allerheiligsten aufgesogen und läßt sich von ihm aufsaugen, keines von beiden kann dem widerstehen.

Im Grunde formuliert er hier genau die Voraussetzungen, die notwendig sind, um dem Hüter zu begegnen, der auch als Doppelgänger bezeichnet wird, weil er unsere niedere astrale Ebene in einem Ausmaß und Realismus doppelt und damit uns vor Augen führt, wie wir sie nicht kennen. 
Noch ein weiteres Zitat möchte ich hier einbringen, das Gleiches belegt, und für mich eine vergleichbare Tiefe erspüren lässt. Es entstammt dem vierten der acht Oktavhefte Kafkas, die insgesamt allerdings zugleich Gründe aufzeigen, warum dieser geistvolle Mann, in den ein damals bekannter Autor, Franz Werfel, einen Boten des Königs hineinsah, seinen Weg nicht zielstrebiger gehen konnte. Einer findet sich in folgendem Satz:

Das Grausame des Todes liegt darin, daß er den wirklichen Schmerz des Endes bringt, aber nicht das Ende.

Wir wissen, dass dieses Ende von einem auf dem geistigen Weg befindlichen Menschen nicht als schmerzvoll erlebt werden mag, weil es zugleich ein Übergang ist und das Ende damit gar nicht grausam, vor allem, da der Tod, von der anderen Seite gesehen, als das schönste Ereignis innerhalb der folgenden jenseitigen Zeitspanne von Verstorbenen empfunden wird.
Kafka vermochte solche Blicke nicht zu werfen, jedenfalls hat er sie meines Wissens in dieser Weise nie geäußert; es mag das auch mit seiner jüdischen Religiosität zusammenhängen, die ihn dennoch in seinem Werk weit trägt – „(..) die berühmte Türhüter-Parabel, die in den genannten Roman eingearbeitetwurde, entstammt der kabbalistischen Tradition: Laut der „Sohar“ wird die Torah – wie so häufig als Baum dargestellt – von einem Türhüter beschützt, auf dass nur der eintreten soll, der sich nicht fürchtet und würdig ist. Wenn Kafka vom „Gesetz“ spricht, ist meist die Torah gemeint.“C.H. Reese.

In seinen privaten Aufzeichnungen und Briefen zeigt sich eine ungleich offenere Geistigkeit als in seinem Werk:

Die Demut gibt jedem, auch dem einsam Verzweifelnden, das stärkste Verhältnis zum Mitmenschen, und zwar sofort, allerdings nur bei völliger und dauernder Demut. Sie kann das deshalb, weil sie die wahre Gebetsprache ist, gleichzeitig Anbetung und festeste Verbindung. Das Verhältnis zum Mitmenschen ist das Verhältnis des Gebetes, das Verhältnis zu sich das Verhältnis des Strebens; aus dem Gebet wird die Kraft für das Streben geholt. (Brief an die Eltern vom 21.4. 1924)

Natürlich stellt sich die Frage, die hier nicht beantwortet werden kann, warum solche Aussagen sich kaum in seinem literarischen Schaffen finden und sein Personal sich so oft im Halbdunkel – in der Wirklichkeit der Prosa und im übertragenen Sinne – bewegen muss.

Kafkas Weg der Krankheit mag eine letzte große Prüfung gewesen sein und je größer sie ist, die man besteht, desto leichter fällt der von dem Hüter der Schwelle bewachte Übergang, der in heutiger Zeit einem Abgrund entspricht, den wir zu überwinden haben. Aus früheren ägyptischen Inkarnationen kennen nicht wenige von uns diesen Wächter als den Fährmann der ägyptischen Totenbücher; wir kennen ihn auch als Brücke aus Goethes Märchen.

Kafkas erkranktes Organ, die Lunge, ist nicht von ungefähr aus geisteswissenschaftlicher Sicht „eine richtige kleine Erde“ (Rudolf Steiner in der GA 312) und sicherlich ist seine Krankheit genauso aufschlussreich wie jene Rilkes. Dessen Krankheit, eine Leukämie, die man auch als Blutkrebs bezeichnet hat, hat maßgeblich mit seiner Ich-Entwicklung zu tun, denn das Blut ist aus spiritueller Sicht Träger der Ich-Kraft, wobei gesagt werden muss, dass das Ich jenes berühmte zweischneidige Schwert der Bibel ist: es kann für Egoismus stehen, den man lebt, oder es kann der Träger der ganz besonderen Ich-Kraft werden; dann steht dieses ICH für Jesus Christus; Letzterer ist der Große Hüter der Schwelle, um den es noch später gehen wird. Die deutsche Sprache ist im Übrigen die einzige weltweit, in der die 1. Person des Personalpronomens den Initialen von Jesus Christus entspricht. Wer im Deutschen sich auf sich selbst bezieht, kann das in diesem Sinne sehr bewusst tun.

Um den Brief Kafkas an seine Eltern aufzunehmen:

Der Mann vom Lande aus der Türhüterlegende betet gewiss nicht, sondern schlägt die Zeit buchstäblich tot. So jemand begegnet normalerweise nicht seinem Türhüter und das weist darauf hin, dass natürlich Kafkas Legende diese Art von Begegnung nicht 1:1 abbildet. Deutlich aber wird, dass dieser Mann es in der Hand hatte, in jenen Bereich zu gelangen, der hier Gesetz genannt wird, in Kafkas Roman in gewisser Weise dem Gericht korrespondierend, das der Protagonist des Romans, Josef K., nie findet, von dem es aber heißt, dass es allgegenwärtig sei. Jeder Tag im Leben des Josef K. ist gleichsam der Jüngste Tag und es ist ja der Hüter der Schwelle, der uns in seiner Begegnung mit ihm die Niedrigkeiten gelebter Tage als Jüngste Tage präsentiert, denn er weiß um alles, was unsere niedere Natur angeht. Dass er uns, wenn wir ihm denn auf der seelisch-geistigen Ebene begegnen, diese kompromisslos und in voller Härte präsentiert, macht dieses Zusammentreffen so unerbittlich. Das mag damit zusammenhängen, dass der Mensch auf seinem geistigen Weg diese niedere Natur zunehmend zurücklässt und, wenn er nicht durch Hinweise, wie wir sie glücklicherweise in doch recht reicher Zahl bei Rudolf Steiner finden, darauf vorbereitet wird, was ihn erwartet, nicht dem zu begegnen rechnet, was ihm der Hüter präsentiert.
Er rechnet nicht damit, das mag einen Teil der gefühlten Härte erklären, der andere Teil aber ist gewiss, dass wir unsere niedere Natur selten so tief gesunken einschätzen, wie sie sich, vermittelt durch den Hüter der Schwelle, ausnimmt. Wer Goethes Faust aufmerksam studiert hat, ist ihr begegnet, und selbst wenn dies unbewusst geschah, so sind Begegnungen auch literarischer Art wertvoll, weil unser Inneres weiß, dass es um jene niedere Natur geht, über die sich Faust so weit erhaben dünkt, dass es ihm vermeintlich zusteht, einen Erdgeist zu beschwören. Doch jener bringt, als er vor Faust auftaucht, dessen wahren Zustand ins Spiel:

Bist du es, der, von meinem Hauch umwittert,
In allen Lebenslagen zittert,
Ein furchtsam weggekrümmter Wurm?

An der Reaktion des Faust – Ich bin’s, bin Faust, bin deinesgleichen! – erkennt man unschwer, wie Faust sich einschätzt, wobei er wenig später erleben muss, dass der Erdgeist ihn seinem Famulus gleichstellt, indem er ihn darauf aufmerksam macht, dass er dem Geist gleiche, den er begreift – der Erdgeist verschwindet auf der Stelle, herein allerdings in die Gelehrtenstube tritt just in diesem Moment sein Famulus Wagner! – Das also ist der Geist, dem er gleicht!
Immerhin gehört Faust zu jener Spezies Mensch, die bereit ist zu lernen, wenn er wenig später äußert:

Den Göttern gleich ich nicht! zu tief ist es gefühlt;
Dem Wurme gleich ich, der den Staub durchwühlt,
Den, wie er sich im Staube nährend lebt,
Des Wandrers Tritt vernichtet und begräbt.

Eine Erkenntnis im Hinblick auf die im Faust als Wurm bezeichnete niedere Natur, die uns allen guttut, bevor wir zum Hüter der Schwelle kommen; es kann diesem seine Schrecken nehmen, denn er, der in Wahrheit unser wahres Ich ist, das sich uns zuliebe in den Hüter der Schwelle verwandelt hat, übernimmt ja an dieser Stelle nichts anderes als die Darstellung unserer geballten niederen Natur, wie sie sich auf der astralen Ebene zeigt, in der wir vorrangig unseren niederen Trieben, Wünschen und Begierden in Tiergestalt begegnen.
Im Übrigen mag es durchaus so sein, dass wir in diesem Leben dem Hüter nicht begegnen, aber wesentliche Voraussetzungen schaffen, um dies im nächsten Leben tun zu können.

Noch einmal aber zurück zu Kafkas wunderbaren Gedanken zu Demut und Gebet.Wie hauchnah er mit diesen Gedanken am Hüter der Schwelle war, mag folgendes Steiner-Zitat belegen:

Dadurch, daß wir unsere moralische Natur entwickeln, können wir überwinden. Wenn man die moralische Natur vorher höherbringen kann, ehe man in der Astralwelt sehend wird, wird die Erscheinung des Hüters der Schwelle weniger furchtbar. Alle Okkultisten, die ehrgeizig, eitel, selbstsüchtig bleiben, lernen diese retardierenden Kräfte in der Evolution in einer furchtbaren Weise kennen, die desto stärker auf ihn einwirken. Man muß die Lehre lieben, bescheiden sein, demütig, hingebend, um sicher zu sein, diesen Kampf bestehen zu können. (GA 89, S.135) 

Bevor ich abschließend noch zwei Textpassagen Steiners einbringe, die auf den Hüter der Schwelle ein bezeichnendes Licht werfen, möchte ich darauf aufmerksam machen, dass in der GA 10 („Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten?“) sich zwei Kapitel finden, das eine zum Hüter der Schwelle (S. 193ff), das zweite zum Großen Hüter der Schwelle (S. 204ff), dem unser ganzes Streben gilt; er ist kein Kondensat niederer Astralität, sondern eine Lichtgestalt.
Der erste Textauszug macht auf die Vorbedingungen der Begegnung mit dem Hüter der Schwelle aufmerksam, nämlich dass die Welt unserer Sinne jene ist, der wir bisher vertrauen, dass es aber für das Forschen um Wahrheit eine höhenwertigere gibt, was zur Folge hat, dass also

der Mensch auf einer bestimmten Stufe dieser Entwickelung im Grunde genommen mit seinem Bewußtsein alles verlassen (muss), was ihm im bisherigen Leben, im äußeren Alltagsleben und in der gewöhnlichen Wissenschaft Wahrheitshalt und Wahrheitssicherheit gibt, was ihm die Möglichkeit gibt, etwas als Wirklichkeit anzuerkennen. Das wird auch schon aus den bereits gehaltenen Vorträgen hervorgegangen sein, daß alle Stützen, die wir für unser Urteilen im gewöhnlichen Leben haben, alle Anhaltspunkte, die uns die Sinnenwelt gibt und die uns lehren, wie wir von der Wahrheit zu denken haben, müssen verlassen werden. Denn wir wollen ja durch die Geistesschulung in eine höhere Welt eintreten. Wenn der Geistesforscher nunmehr auf einer entsprechenden Stufe seiner Entwickelung sieht: Du kannst nicht mehr in der Welt, in die du da eintreten willst, irgendwie einen Halt haben an der äußeren Sinneswahrnehmung, du kannst auch nicht an dem, was du dir als dein Verstandesurteil heranerzogen hast, das dich sonst durch das Leben richtig führt, einen Halt haben –, dann kommt der Moment, der bedeutungsvoll und ernst im Leben des Geistesforschers ist, wo er sich so fühlt, wie wenn ihm der Boden unter den Füßen entzogen ist, wie wenn der Halt fort ist, den er im gewöhnlichen Leben gehabt hat, wie wenn alle Sicherheit dahin wäre, und wie wenn er einem Abgrunde entgegenginge und mit jedem weiteren Schritte in einen Abgrund hineinfallen müßte. Dies muß in einer gewissen Beziehung ein Erlebnis der Geistesschulung werden. (…) man (..) fühlt (sich) wie über einem Abgrunde. Aber man ist bereits in seiner Seele so ruhig geworden, daß man die Situation mit einer nun erlangten besonderen Urteilsfähigkeit überschaut, so daß nicht das auftritt, was sonst in die menschliche Seele gefahrvoll hereinbrechen müßte an Furcht, an Schrecken und Grausen (…) Man lernt sie kennen, die Gründe zu Furcht, Schrecken und Grausen, aber man hat sich bereits, wenn man so weit ist, zu einer Verfassung erhoben, daß man es aushalten kann ohne Furcht. (GA 62, S. 392f)

Die Tatsache, dass die Seele sich wie über einen Abgrund gestellt fühlt, kann natürlich zunächst auch Ängste und Furchtsamkeit verstärken, zugleich aber wachsen ihr Kräfte zu. Diese Stärkung der Seele kann bei Einzelnen allerdings dazu führen, dass Selbstsinn und Eigenliebe sich entwickeln, die Stärkung der Seele also nicht dem Großen Hüter der Schwelle zuwächst, sondern dass sie selbst diese Größe repräsentieren will. Um diese Gefahren zu wissen, ist wichtig. Sie ist immer vorhanden und es zeigt sich dann, wie tief das Fundament der Demut ist.Wenn wir nächtens unseren physischen Leib verlassen und die Ebenen des Devachan erreichen, gelangen wir unter anderem auch zu unserem wahren Ich, das in unseren Seelentiefen immer vorhanden ist. Im Rahmen unserer Entwicklung begegnen wir ihm auf einer ganz anderen Ebene und nun wird klar, warum wir im Hüter der Schwelle – anders ist es beim Großen Hüter der Schwelle – uns selbst begegnen:

An der Schwelle zur geistigen Welt kann sich dieses wahre Ich kleiden in alles das, was unsere Schwächen, unsere Mängel sind, in alles das, was uns sozusagen geneigt macht, hängen zu bleiben mit unserem ganzen Wesen an der physisch-sinnlichen Welt oder wenigstens an der elementarischen Welt. Und dieses andere Selbst kleidet sich in unsere Schwächen, in all das, was wir eigentlich verlassen müssen und nicht verlassen wollen, weil wir gewohnheitsmäßig als physisch-sinnliche Menschen daran hängen, wenn wir die Schwelle überschreiten wollen. Wir begegnen also eigentlich an der Schwelle zur geistigen Welt einem Geistwesen, das sich unterscheidet von allen anderen Geistwesen, denen wir in den übersinnlichen Welten begegnen können. Alle anderen Geistwesen erscheinen gleichsam mehr oder weniger mit Hüllen, die doch ihrem Eigensein mehr angemessen sind, als es mit den Hüllen des Hüters der Schwelle der Fall ist. Er kleidet sich in dasjenige, was uns nicht nur Sorgen und Kummer, sondern oft Abscheu und Widerlichkeit erweckt. Er kleidet sich in unsere Schwächen, in das, von dem wir sagen können, wir erbeben in Furcht, uns nicht von ihm zu trennen, oder auch, wir erröten nicht nur, wir vergehen fast in Scham, wenn wir hinschauen müssen auf das, was wir sind und in was sich der Hüter der Schwelle kleidet. (GA147, S. 137f)

Ich vermute, dass ein Dichter, den ich sehr schätze, weil er unendlich viel in seinen wenigen Erdenjahren mitgemacht hat – fast von Jugend an war er drogensüchtig, litt ungeheuer an einer vermutlich inzestuösen Beziehung zu seiner Schwester und nahm sich, weil er ein Kriegserlebnis nicht verarbeiten konnte, das Leben; für mich hat er unglaublich einfühlsame Gedichte geschrieben; ich spreche von Georg Trakl – ich vermute also, dass er dem Hüter der Schwelle nicht begegnet ist, sieht man einmal von den nächtlichen unbewussten Begegnungen ab, zumal Trakl ja relativ oft alkoholisiert oder durch Medikamente betäubt war. Doch ist bemerkenswert, welche Verse er schrieb, nachdem er drei Tage nur von Brot und Wein gelebt hatte, Verse, die in ihrer ersten Fassung nur auf einem Briefumschlag aufgekritzelt waren und deren überarbeitete Fassung lautet:

Wenn der Schnee ans Fenster fällt,
Lang die Abendglocke läutet,
Vielen ist der Tisch bereitet
Und das Haus ist wohl bestellt.

Mancher auf der Wanderschaft
Kommt ans Tor auf dunklen Pfaden.
Golden blüht der Baum der Gnaden
Aus der Erde kühlem Saft.

Wanderer tritt still herein;
Schmerz versteinerte die Schwelle.
Da erglänzt in reiner Helle
Auf dem Tische Brot und Wein.

Es sind zwölf Verse, die mein Inneres zutiefst berühren. Anfänglich ist noch vielen der Tisch bereitet, dann aber ist nur noch mancher unterwegs und schlussendlich ist es ein Einziger, ein Wanderer, der über die Schwelle tritt! – Wie realistisch. 
In der Tat sind es nur ganz wenige, denen das gelingt. Warum:
Die letzte Strophe spricht von dem Schmerz, der so gewaltig ist, dass er die wohl aus Holz gefertigte Schwelle zu Stein werden lässt. 
Wer dem Hüter begegnet, tritt still ein, denn er tritt ins Allerheiligste ein; davon wusste – wie schon Kafka – auch Trakl; er wusste, wem da der Wanderer begegnet: dem Großen Hüter der Schwelle, dessen Gaben schon zu Zeiten seiner physischen Erdenexistenz Brot und Wein waren.

Hat der Mensch sich entschlossen, durch Selbsterziehung alle seine Unvollkommenheiten zu überwinden, abzulegen, dann wirkt dieser Impuls der Seele so, daß dieser unvollkommene Mensch vor ihm steht, ohne daß sein Anblick ihn niederschmettert. Ohne den genügenden Reifegrad würde der Mensch immer ein niederschmetterndes Gefühl haben, wenn er seinen Doppelgänger erblickt. Davor schützt ihn im normalen Leben das Aufhören des Bewußtseins; denn er würde jede Nacht beim Einschlafen seinen unvollkommenen Menschen vor sich haben und von ihm niedergeschmettert sein, wenn er bewußt einschlafen würde. (…) Darum wird beim Einschlafen das Bewußtsein ausgelöscht. Wenn der Mensch aber immer mehr und mehr die Reife in sich erzeugt, die ihm sagt: Du wirst die Hindernisse überwinden! – dann lüftet sich allmählich das, was im normalen Leben wie ein Schleier vor die menschliche Seele sich hinstellt, wenn der Mensch einschläft. Dieser Schleier wird immer dünner und dünner, und zuletzt steht da, so daß der Mensch es ertragen kann, die Gestalt, die ein Ebenbild von ihm selber ist, so wie er gegenwärtig ist; und daneben wird er gewahr die andere Gestalt, die ihm zeigt, wie er werden kann, wenn er weiter an sich arbeitet. Sie zeigt sich ihm in Pracht und Herrlichkeit und Glorie. Der Mensch weiß in diesem Augenblick, daß die Gestalt nur deshalb so niederschmetternd wirkt, weil er nicht so ist und doch so sein könnte, und er weiß, daß er die richtige Seelenverfassung nur gewinnen kann, wenn er diesen Anblick ertragen kann. 
Dieses Erlebnis haben heißt: vorüberschreiten vor dem großen Hüter der Schwelle. Dieser große Hüter der Schwelle löscht im gewöhnlichen Einschlafen das menschliche Bewußtsein aus, so daß sich Vergessenheit breitet über dieses Bewußtsein. Dieser große Hüter der Schwelle zeigt uns, was uns fehlt, wenn wir in die große Welt eintreten wollen, und was wir erst aus uns machen müssen, damit wir nach und nach in diese große Welt hineinwachsen. (GA 119, S.185f).

Ein unbeschreiblicher Glanz geht von dem zweiten Hüter der Schwelle aus; die Vereinigung mit ihm steht als ein fernes Ziel vor der schauenden Seele. Doch ebenso steht da die Gewißheit, daß diese Vereinigung erst möglich sein wird, wenn der Eingeweihte alle Kräfte, die ihm aus dieser Welt zugeflossen sind, auch aufgewendet hat im Dienste der Befreiung und Erlösung dieser Welt.
Entschließt er sich, den Forderungen der höheren Lichtgestalt zu folgen, dann wird er beitragen können zur Befreiung des Menschengeschlechts. Er bringt seine Gaben dar auf dem Opferaltar der Menschheit. Zieht er seine eigene vorzeitige Erhöhung in die übersinnliche Welt vor, dann schreitet die Menschheitsströmung über ihn hinweg. Für sich selbst kann er nach seiner Befreiung aus der Sinnenwelt keine neuen Kräfte mehr gewinnen. Stellt er ihr seine Arbeit doch zur Verfügung, so geschieht es mit dem Verzicht, aus der Stätte seines ferneren Wirkens selbst für sich noch etwas zu holen. Man kann nun nicht sagen, es sei selbstverständlich, daß der Mensch (diesen) weißen Pfad wählen werde, wenn er so vor die Entscheidung gestellt wird. Das hängt nämlich ganz davon ab, ob er bei dieser Entscheidung schon so geläutert ist, daß keinerlei Selbstsucht ihm die Lockungen der Seligkeit begehrenswert erscheinen läßt. Denn diese Lockungen sind die denkbar größten. Und auf der anderen Seite sind eigentlich gar keine besonderen Lockungen vorhanden. Hier spricht gar nichts zum Egoismus. Was der Mensch in den höheren Regionen des Übersinnlichen erhalten wird, ist nichts, was zu ihm kommt, sondern lediglich etwas, das von ihm ausgeht: die Liebe zu seiner Mitwelt. (GA 10, S.210)

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Mit unserer Kraft können wir nicht nur das Corona-Symbol verändern. – Die Kräfte der Virus-Überwindung kann man nicht kaufen: sie sind in uns!

Womöglich niemals zuvor ist deutlich geworden, wie krankmachend ein Symbol, ein Bild sein kann. Tag für Tag, millionenfach weltweit, sehen wir die krankmachende Energie des üblichen Corona-Symbols auf allen Bildschirmen, in allen möglichen Medien.

Doch es gibt einen anderen Weg, den der Verwandlung, der Begrünung, des Willens, sich nicht schicksalhaft zu ergeben. Längst hat sich die Menschheit mit dem Virus arrangiert. Das aber darf sie nicht:

Margareta Bulut, eine liebe Freundin aus Istanbul, setzt dem krankmachenden Symbol ihre entgegen, und das, obwohl sie weiß, wie tödlich es und der Virus sind. Ende November und in der ersten Januarhälfte starben insgesamt vier nahe Verwandte ihres Mannes in Istanbul an dem Virus (nicht MIT dem Virus). Und eine gute Freundin von ihr aus Deutschland verlor ihren Mann an den Virus, als er sich, Arzt von Beruf, an seinem Arbeitsplatz infizierte. 

Viele wissen nicht mehr, dass alles, was uns betrifft, seine Wurzeln im Geistigen hat. Alle Dinge entstehen im Geist, heißt es im Dhammapada, der Schrift, in der die überlieferten Buddha-Worte aufgezeichnet sind, und zu Beginn des Johannes-Evangeliums heißt es: Im Anfang war das Wort – gemeint ist das geistige Wort, das Ur-Wort!

So liegt es an uns, die Macht des Virus auf der geistigen Ebene zu durchbrechen, uns bewusst zu werden, was allem Sein zugrunde liegt. Dann sind wir in der Lage, jeder Pandemie an der Wurzel zu begegnen, sie zu entwurzeln. Denn Impfen und Abstandsregeln sind letztendlich ein Arrangement mit dem Virus. Der nächste kommt bestimmt.

In dieser Zeit gilt es zweigleisig zu fahren: dem Virus auf der physisch-materiellen Ebene bewusst und mit der gebührenden Vorsicht zu begegnen, gleichzeitig aber uns unsere geistigen Kräfte, gegen die der Virus auf Dauer keine Chance hat, wieder bewusst zu werden und sie zu aktivieren. Das geschieht nicht von heute auf morgen, aber wir sollten uns so viel wert sein, mit dieser Aktivierung zu beginnen.

Menschen sind in der Lage, in ihre geistige Kraft, die sie längst aus den Augen verloren haben, weil man sie nicht kaufen kann, wieder hineinzuwachsen.

Wenn es nach mir geht: Teilt eines oder alle der Bilder, wo ihr könnt, damit die Macht des krankmachenden Symbols gebrochen wird. Margareta Bulut legt lediglich wert darauf, dass dies nicht zu kommerziellen Zwecken geschieht.

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„alle Zeit, die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird, ist so verloren wie die Farben des Regenbogens für einen Blinden“ (Michael Ende)

Im 12. Kapitel von Michael Endes Momo, überschrieben „Momo kommt hin, wo die Zeit herkommt“, findet sich die folgende Stelle, in der Meister Hora Momo sagt: 

»(…) was die Menschen mit ihrer Zeit machen, darüber müssen sie selbst bestimmen. Sie müssen sie auch selbst verteidigen. Ich kann sie ihnen nur zuteilen.
«Momo blickte sich im Saal um, dann fragte sie: »Hast du dazu die vielen Uhren? Für jeden Menschen eine, ja?«
»Nein, Momo«, erwiderte Meister Hora, »diese Uhren sind nur eine Liebhaberei von mir. Sie sind nur höchst unvollkommene Nachbildungen von etwas, das jeder Mensch in seiner Brust hat. Denn so wie ihr Augen habt, um das Licht zu sehen und Ohren, um Klänge zu hören, so habt ihr ein Herz, um damit die Zeit wahrzunehmen. Und alle Zeit, die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird, ist so verloren wie die Farben des Regenbogens für einen Blinden oder das Lied eines Vogels für einen Tauben. Aber es gibt leider blinde und taube Herzen, die nichts wahrnehmen, obwohl sie schlagen.«
»Und wenn mein Herz einmal aufhört zu schlagen?«, fragte Momo.
»Dann«, erwiderte Meister Hora, »hört auch die Zeit für dich auf, mein Kind. Man könnte auch sagen, du selbst bist es, die durch die Zeit zurückgeht, durch alle deine Tage und Nächte, Monate und Jahre. Du wanderst durch dein Leben zurück, bis du zu dem großen runden Silbertor kommst, durch das du einst hereinkamst. Dort gehst du wieder hinaus.«
»Und was ist auf der anderen Seite?«
»Dann bist du dort, wo die Musik herkommt, die du manchmal schon ganz leise gehört hast. Aber dann gehörst du dazu, du bist selbst ein Ton darin.«
Er blickte Momo prüfend an. »Aber das kannst du wohl noch nicht verstehen?«
»Doch«, sagte Momo leise, »ich glaube schon.«
Sie erinnerte sich an ihren Weg durch die Niemals-Gasse, in der sie alles rückwärts erlebt hatte und sie fragte: »Bist du der Tod?«
Meister Hora lächelte und schwieg eine Weile, ehe er antwortete: »Wenn die Menschen wüssten, was der Tod ist, dann hätten sie keine Angst mehr vor ihm. Und wenn sie keine Angst mehr vor ihm hätten, dann könnte niemand ihnen mehr die Lebenszeit stehlen.«
»Dann braucht man es ihnen doch bloß zu sagen«, schlug Momo vor.
»Meinst du?«, fragte Meister Hora. »Ich sage es ihnen mit jeder Stunde, die ich ihnen zuteile. Aber ich fürchte, sie wollen es gar nicht hören. Sie wollen lieber denen glauben, die ihnen Angst machen. Das ist auch ein Rätsel.«

Es ist eine der schönsten und wahrhaftigsten Stellen in der Deutschen Literatur, die ich kenne, diese Aussage Meister Horas, dass alle Zeit, die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird, verlorene Zeit ist.
Ohnehin ist dieser Textauszug geprägt von einem spirituellen Wissen, das Michael Ende in diesem Ausmaß – auch seine „Unendliche Geschichte“ weist das aus – wie nur wenigen Schriftstellern zur Verfügung stand. Denn dass wir in der Phase des „Kamaloka“ – die Kirchen nennen sie „Fegefeuer“ – von unserem Sterbezeitpunkt an zurück bis zu unserer Geburt gehen, ist so vielen Menschen nicht unbedingt bekannt; aber Michael Ende hat diese Tatsache bereits dadurch angedeutet, dass Momo nur rückwärts gehend zum Niemals-Haus Meister Horas in der Niemals-Gasse gelangen konnte, zu jenem Mann, der sozusagen triadische Wesenheiten in sich vereint, welche die Römer Parzen, die Griechen Moiren, die Germanen Nornen und die Kelten Bethen, ihre „saligen Frauen“ nannten.

Jede Nacht gehen wir ja ebenfalls rückwärts den Tag durch; und die Summe dieser Nächte, die eben unsere Tagesabläufe widerspiegeln, ergibt jene Zeit, die der Mensch im Kamaloka zurückzulegen hat, aufarbeitend, was er im Leben gewollt, getan und gedacht hat, bis er bei seiner Geburt anlangt, um dann endlich durch jenes Silbertor gehen zu können, das den Eingang in das „Devachan“, den Himmel bedeutet, in Ebenen, die allerdings höchst vielschichtig sind und womöglich nicht allen gleichermaßen zur Verfügung stehen.
Mit diesem Rückweg bis zur eigenen Kindheit entschlüsselt sich einer der Sinnebenen der Christus-Aussage: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Reich der Himmel gelangen.“ – Er hätte auch mit Michael Endes Worten sagen können: … werdet ihr nicht durch das Silbertor eintreten dürfen.
Menschen allerdings, die kein geistiges Bewusstsein mit hinübernehmen und nur materialistisch orientiert waren, werden ihren Jenseitsaufenthalt ziemlich sicher als sehr unschön, weil in einem sehr reduzierten Bewusstseinszustand erleben, in hohem Maße zudem abhängig von satanischen Wesenheiten, bevor sie wieder zurückkehren auf die Erde, einem weiteren Aufenthalt, den sie nur sehr unvollständig vorbereiten konnten, mit entsprechenden Folgen.

Erwähnt werden sollte, dass es die „Hölle“ im christlichen Sinne nicht gibt, auch wenn sie Dante – in gewisser Weise Opfer seiner katholischen Religiosität – in seiner „Divina Comedia“ ausführlichst gestaltet hat. Es gibt allerdings etwas wie einen Geistigen Tod und eine sogenannte „Achte Sphäre“, die jenen droht, die auf ihrer pur materialistischen Sicht beharren, noch über eine lange Zeit, bis zu einem Zeitpunkt, der mit der Zahl 666 erfasst ist. Der wird dann in der Tat das Tor zur Hölle öffnen.
Bleibt noch anzumerken, wie sehr es dem Anthroposophen Rudolf Steiner ein Anliegen war zu betonen, dass die Sicht auf den eigenen Tod das schönste Erlebnis sein wird, das einem Menschen im Leben nach dem Leben zuteil wird, zugleich Voraussetzung dafür, dass ihm im Jenseits das Bewusstsein seiner Individualität erhalten bleibt.

Jene Musik, die Momo zu Beginn des Romans nachts immer wieder im Amphitheater gehört hatte, wenn es in die Sterne hineinlauschte, hört sie im Sternensaal Meister Horas, in dem die Stunden-Blumen sich ihr so wunderbar zeigen. Dieses Kind war auch in seinem Alltag immer wieder verbunden gewesen mit dem Himmel und es begreift,

„ dass alle diese Worte an sie gerichtet waren! Die ganze Welt bis hinaus zu den fernsten Sternen war ihr zugewandt wie ein einziges, unausdenkbar großes Gesicht, das sie anblickte und zu ihr redete!
Und es überkam sie etwas, das größer war als Angst.
In diesem Augenblick sah sie Meister Hora, der ihr schweigend mit der Hand winkte. Sie stürzte auf ihn zu, er nahm sie auf den Arm und sie verbarg ihr Gesicht an seiner Brust. Wieder legten sich seine Hände schneeleise auf ihre Augen und es wurde dunkel und still und sie fühlte sich geborgen. Er ging mit ihr den langen Gang zurück.
Als sie wieder in dem kleinen Zimmer zwischen den Uhren waren, bettete er sie auf das zierliche Sofa.
»Meister Hora«, flüsterte Momo, »ich hab nie gewusst, dass die Zeit aller Menschen so …« – sie suchte nach dem richtigen Wort und konnte es nicht finden – »so groß ist«, sagte sie schließlich.
»Was du gesehen und gehört hast, Momo«, antwortete Meister Hora, »das war nicht die Zeit aller Menschen. Es war nur deine eigene Zeit. In jedem Menschen gibt es diesen Ort, an dem du eben warst. Aber dort hinkommen kann nur, wer sich von mir tragen lässt. Und mit gewöhnlichen Augen kann man ihn nicht sehen.«
»Aber wo war ich denn?«
»In deinem eigenen Herzen«, sagte Meister Hora und strich ihr sanft über ihr struppiges Haar.
»Meister Hora«, flüsterte Momo wieder, »darf ich meine Freunde auch zu dir bringen?«
»Nein«, antwortete er, »das kann jetzt noch nicht sein.«

Dass die ganze Welt uns zugewandt sein wird, ist etwas, was wir im Devachan erleben können, ja, wir werden möglicherweise, wie einst Adam Kadmon, wie die Jüdische Kabbala den ursprünglichen Geistesmenschen, noch nicht infiziert von Luzifer, nannte, die ganze Welt sein, und der ein oder andere mag glauben, was man von Georg Friedrich Händel erzählt – die Entstehung seines „Messias“ hat Stefan Zweig im 4. Kapitel seines Buches „Sternstunden der Menschheit“ dargelegt -, dass er, als er das Hallelujah komponierte, den Himmel offen gesehen habe.
Und immer, wenn dieses Werk auf Erden ertönt, singt ein Engelchor mit.  

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Inhalt:
– Fragen zum Sterben und Tod
– Was nach dem Tod geschieht:
3 bemerkenswerte Phasen: Lebenstableau – Fegefeuer – Devachan
– Mörikes Gedicht „Denk es, o Seele!“ – den Tod zu denken führt zu wirklicher Freiheit – Denken, ein Geschenk der Götter – Unser Verhältnis zu den sogenannten Toten – eine ungenutzte Ressource  ⤵

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