Was Prometheus und Kain so Wesentliches mit uns zu tun haben!

In der Mythe von Prometheus – wie bedeutsam sie ist, sehen wir daran, wie vielfach sie in der Kunst, Musik und Literatur bearbeitet worden ist – spielt der Bruder Epimetheus eine zu wenig beachtete Rolle, nicht nur, weil er die Büchse der Pandora öffnete, sondern weil zu viele noch so sind, wie es der Übersetzung seines Namens entspricht: nach-denkend, zaudernd, überbedächtig, sagen wir ruhig auch: angela-merkel-like, hinterherdenkend, dumpf mit intellektuellem Anstrich.

Darauf beruhen ja die nur scheinbar überraschend hohen Zustimmungswerte von Frau Merkel: Sie repräsentiert den Grundtypus unserer Zeit: angepasst, immer den Hals leicht eingezogen, hängende Mundwinkel, Rumpf mit kaum Kontur, in sich ruhend unbeweglich.

Verstehe mich niemand falsch: Ich mache mich nicht lustig über die Bundeskanzlerin, auch deshalb, weil ich hängende Mundwinkel und fehlende Konturen seelisch verstehe und nichts dafür kann, wenn sie sich äußerlich zeigen. Was ich schreibe und meine, ist die Bestandsaufnahme des Durchschnittsmenschen, des Anfortas unserer Tage, von der inneren Not oft durch Überaktivität ablenkend, in Wirklichkeit mehrheitlich gern leidend, bei dem einen offensichtlich, bei dem anderen nur mittels Mundwinkeln erkennbar (obwohl Angela Merkels Freudlosigkeit schon seit geraumer Zeit ohnehin kaum mehr zu übersehen ist, von ihrer Emotionslosigkeit mal abgesehen, wobei sie, finde ich, als sie sich für die in der Türkei Inhaftieren einzusetzen vermeinte, sich schon hätte ein bisschen am Riemen reißen und wenigstens etwas innere Beteiligung hätte heuchelnversuchen können).

Aber machen wir es nicht an ihr fest; letztendlich spiegelt sie die momentane Mentalität der meisten Deutschen, die zu willig den Grauschleier akzeptiert haben, der über allem liegt.

Zum Prometheus berufen!

Schauen wir zunächst auf den Gegenentwurf, der wir als Volk und Individuen auch sein könnten, ja, so möchte ich behaupten, zu dem wir berufen sind:

Im griechischen Mythos beteiligt sich Prometheus, der Sohn des Titanen Japetos und der Gaia, erstaunlicherweise nicht am Kampf seines Vaters und der anderen Titanen gegen Zeus. Umso mehr stellt sich die Frage, was ihn veranlasste, sich auf einmal dann doch gegen Zeus zu wenden und ihm so gewaltig in die Parade zu fahren. – Was will die Prometheus-Mythe vermitteln?

Unwillkürlich denke ich an Kain, in Bezug auf den die meisten in erster Linie sein Eifersüchtigsein gegenüber Abel im Blick haben und dass er jenen erschlug.

Was es jedoch zunächst zu sagen gilt: Gott lehnt Kains Opfer ab, doch es findet mit keinem Wort Erwähnung, warum er das tut, es steht mit keinem Buchstaben da, dass Kain böse gewesen sei oder diese Ablehnung verdient habe!

Nehmen wir den Mythos, so wie er dasteht, so sagt er zunächst: Schau, es gibt zu dieser Zeit zwei Richtungen menschlichen Seins: die eine ist gotteskonform und Gott schaut auch deren Opfer gnädig an; die andere findet durch Gott Ablehnung – ohne Begründung!

Kain, ein Sohn der Erde

Warum das geschieht, könnte in der Bedeutung der Namen von Kain und Abel und ihrer Tätigkeit zu finden sein:

Kain ist Landmann, er beackert die Erde. Er ist ein Sohn der Erde.

Abels Name verrät uns, dass er kein Sohn der Erde, des Erdelementes ist, bedeutet er doch Atem, Wind. Abels Wesen also steht für Seelisch-Geistiges; dem Göttlichen steht er näher. Sein Opfer schaut Gott gnädig an. Das Opfer aber des Mannes, der ein Sohn der Erde ist, der fest mit ihr verbunden ist, der Früchte der Erde opfert, schaut er nicht gnädig an.

Die Auseinandersetzung der beiden verweist darauf, was sich in dieser Phase der Menschheit durchsetzt. Wobei zu vermerken ist, dass Gott Kain trotz seiner Untat nicht verbannt. Im Gegenteil, er sichert durch das göttliche Mal auf seiner Stirn, das Kainsmal, sein Überleben: Niemand darf ihm, will er sich nicht mit Gott anlegen, Böses tun.

Was allerdings auffällt im Rahmen des damaligen Geschehens: Der Mensch dieser Erde grenzt sich als Kain ab von Abel, für dessen Wesen er sich nicht zuständig fühlt: Soll ich meines Bruders Hüter sein?

Gott reagiert auf die Tat Kains, den Mord an seinem Bruder Abel, dessen Opferrauch gerade zum Himmel gestiegen war, mit Hinweisen, die durchaus denen ähneln, die Adam und Eva nach ihrer Vertreibung aus dem Paradies erfahren haben: Leidvoll würde sein Leben sein und geprägt von Heimatlosigkeit.

Zurück zu Zeus: Der sah für die Menschen, die sich nicht so verhielten, wie er sich das vorgestellt hatte, nicht nur Strafen vor, sondern er drohte sie sogar zu vernichten. Offensichtlich war er ein Gott, der genaue Vorstellungen davon hatte, wie sie sich zu verhalten hätten. Als sie das nicht taten, reagierte er unnachgiebig. Zwar wollte er sie glücklich sehen, aber nach seiner Façon.

Allerdings hatte er seine Rechnung ohne Prometheus gemacht, dem, so ist der Name zu übersetzen, Vor-Denkenden, Voraus-Denkenden. Der trotzt ihm, bringt mittels eines Riesenfenchels – so eine Facette des Mythos – den Menschen das Feuer und unterstützt diese, wo er kann (dass er sie sogar geschaffen habe, scheint eine spätere Variante des Mythos zu sein); ein Wohltäter und Kämpfer für die Freiheit der Menschheit.

Zeus hatte ein konformes, ihm genehmes Verhalten der Menschen erwartet und es war Prometheus, der ihnen ermöglichte, sich in eine eigenständige Richtung zu entwickeln: in die eines Kain (wobei ich mir dessen bewusst bin, dass jeder Mythos kulturbedingt eine eigene Färbung und nicht nur eine Färbung, sondern eine eigene Bedeutung haben kann; auf dem angesprochenen Hintergrund möchte ich dennoch auf Prometheus und Kain gemeinsam verweisen).

Vergessen wir nicht: mit dem Sündenfall hatte es bereits begonnen, dass die Menschen aus der Spur gelaufen waren, entsprach doch ihr Verhalten ganz offensichtlich nicht dem göttlichen Plan.

Eindeutig bezieht Prometheus Stellung gegen einen Gott, der sich zwar selbst alle Freiheiten nimmt, aber sie den Menschen nicht zugesteht.

Überraschen muss, dass Zeus Prometheus nicht einfach – zum Beispiel mittels eines ordentlichen Blitzes – über den Jordan bzw. Styx schickt, schicken konnte (vielleicht auch in Wahrheit nicht wollte). Auf der persönlichen Ebene bestraft er ihn, indem er ihn untrennbar mit der Erde verbindet; er schmiedet ihn an einen Felsen! Das ist von Bedeutung.

Auch Prometheus ist, wie Kain, ein Sohn der Erde.

Auf Pandora kann man schon reinfallen!

Auf Veranlassung des Zeus bestraft für sein Tun, den Menschen das Feuer gebracht zu haben, was eine neue Entwicklungsstufe für jene einläutet, kann er nur befreit werden, wenn einer an seiner Stelle bereit ist zu leiden und ihn ein anderer erlöst, der über dem Erdenschicksal steht. Das geschieht durch Chiron und Herakles, wobei Ersterer anstelle von Prometheus in Fesseln gelegt worden sein mag, weil er einem überholten Zustand der Menschheit entspricht, ist ein Teil von ihm doch Tier; Herakles aber entspricht in der Sprache der Mythen durch die Tatsache, dass er den Tod überwand, indem er aus der Unterwelt zurückkehrte, einem Geschlecht und Bewusstseinszustand, der weiter entwickelt war als der zu jener Zeit allgemein menschliche.

Wie aber löst Zeus das Problem mit den Menschen, die er nach deren Unterstützung durch Prometheus nicht mehr einfach ausradieren kann? Er bedient sich des göttlichen Schmiedes Hephaistos und des Umweges über den Bruder von Prometheus, jenen unseligen Epimetheus. Ersterer hatte den Loser-Bruder noch gewarnt, er solle von Zeus keine Geschenke annehmen, doch ein Epimetheus denkt zwar viel, aber im Zweifel zu langsam und nimmt das Geschenk an, die berühmte Büchse der Pandora, die er öffnet (nach einer anderen Version öffnete sie Pandora selbst), wobei in der Folge alle Übel dieser Welt herauskommen, bis auf die Hoffnung; die bleibt Epimetheus für den Fall, dass alle Stricke reißen.

Halten wir fest, dass es der hebräischen und griechischen Mythologie – zu finden auch in weiteren Kulturen – ein Anliegen ist, mit ihren Bildern darauf zu verweisen, dass Menschen in einer Phase ihrer Entwicklung einen eigenständigen Weg gehen, der zwar sogenannte negative Konsequenzen hat, aber weiterhin göttliche Unterstützung erfährt – übrigens ist das Traurige im Hinblick auf den Schatz der Mythen, dass Menschen partout deren Sprache ihrem Denken anpassen wollen, die Mythen deshalb nicht verstehen und für Erfindung halten und so die biblischen Schöpfungstage beispielsweise als reale 24-Stunden-Tage nehmen, vergessend, dass sich Mythen, die sich dem menschlichen Denk- und Vorstellungsvermögen anpassen würden, vielleicht Christo-VerpackungenVerhüllungen zeigen könnten, aber nicht diese großen Menschheitsbilder).

Niemand anderes als Goethe hat die Bedeutung des Mythos – möglicherweise nur un- oder halb bewusst – genial gestaltet, wobei er eine bezeichnende Änderung vorgenommen hat: Bei ihm ist nicht der Titan Japetos Vater des Prometheus, sondern Zeus, der VaterGott persönlich. Viele Interpreten haben deshalb das Gedicht auf die Vater-Sohn-Konflikt-Schiene geschoben. Goethes Vater war zwar resolut, aber nicht tyrannisch, und manchmal ist Psychologie in ihrer Abstraktheit zu hohl, um Weisheit zu erkennen.

Vorbei ist die Hochzeit von Himmel und Erde

Goethe wäre nicht Goethe, wenn er nicht gleich zu Beginn seines Gedichtes die Kern-Aussage des Mythos auf den Punkt gebracht hätte, indem er eine deutliche Grenze zwischen Himmel und Erde zieht. Waren beide Bereiche bisher in der Vorstellung der Griechen durch diverse Götterexkursionen miteinander verbunden – wenn auch per Einbahnstraße, die Götter nämlich konnten nach unten, die Sterblichen aber höchst selten nach oben kommen -, so ist damit nun Schluss! Nicht von ungefähr nennt Goethe den Zeus-Bereich „deinen Himmel” und den seinen, also den des Prometheus – es ist ein sogenanntes Rollengedicht, der Verfasser nimmt die Rolle des Prometheus ein – „meine Erde”. Und damit er Zeus samt seinem Himmel nicht mehr sehen muss, fordert er ihn imperativisch auf, jenen mit Wolkendunst zu bedecken.

Das ist frech – und zugleich originell (ich vermeide Hinweise auf die Epoche des Sturm und Drang, um möglichst dieses Denken in literarischen Kategorien zu vermeiden, zeigt sich hier doch viel, viel mehr)!

Himmel und Erde sind, geht es nach Prometheus, fortan getrennt und sein Tonfall lässt keine Zweifel, wie ernst es ihm ist:

Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst!
Und übe, Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöhn!
Musst mir meine Erde
Doch lassen stehn,
Und meine Hütte,
Die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.

Ich kenne nichts Ärmers
Unter der Sonn als euch Götter.
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.

Das ist ein Tonfall, wie er bis dahin in der schreibenden Zunft nicht zu hören gewesen war, schon gar nicht von einem 24-Jährigen. Da pfeift sogar der große Lessing anerkennend durch die Zähne: „Der Gesichtspunkt, aus welchem das Gedicht genommen ist, das ist mein eigener Gesichtspunkt (…) Die orthodoxen Begriffe von der Gottheit sind nicht mehr für mich; ich kann sie nicht genießen.”

Dieser große Schwung an Aufforderung, Beleidigung und Hohn passt in kein gängiges Versmaß. Deshalb die vielen unerwarteten Zeilenumbrüche, die dennoch einen gewissen Rhythmus ergeben, weshalb man auch in Bezug auf das Metrum von freien Rhythmen spricht.

In der Tat nimmt sich Prometheus-Goethe hier alle Freiheiten, auch in der Wortwahl und originellen Wortschöpfungen, wenn er von Opfersteuern oder in der Folge von Rettungsdank und Knabenmorgenblütenträumen spricht.

Unerwartet geht auch der Inhalt weiter, auf einmal in einem ganz anderen Ton, auf einer ganz anderen Ebene. Nach diesem impulsiv-empörerischen Auftakt erwartet niemand im Ernst, Prometheus könne sich so sinnlich zartfühlend nach innen kehren:

Da ich ein Kind war,
Nicht wusste, wo aus, wo ein,
Kehrte mein verirrtes Aug
Zur Sonne, als wenn drüber wär
Ein Ohr, zu hören meine Klage,
Ein Herz wie meins,
Sich des Bedrängten zu erbarmen.

Es gibt kaum einen Dichter, der so oft wie Goethe das Herz anspricht, im Faust I allein über siebzigmal, in den Leiden des jungen Werther hundertmal. Faszinierend nur ist: Sie werden nicht eine Stelle finden, wo die Verwendung aufgesetzt wirken würde.

Auch hier nicht. Wobei das eigene Herz mit dem des Zeus zu vergleichen ein echter Goethe ist. Wie von selbst stellt sich die Frage: Hat der da oben überhaupt eines? – Jener Gott, dem es vor allem darum zu gehen scheint, seine Göttergattin zu hintergehen und der tut, was ihm beliebt? – Goethe kommentiert per Moduswechsel in als wenn drüber wär: der Konjunktiv II in wär ist der sogenannte Irrealis.

Zeus – ein Herz? Ein Herz für Kinder?  Nicht wirklich! – Damit ist alles gesagt.

Es folgen drei Fragen, dringlicher werdend, anklagend:

Wer half mir wider
Der Titanen Übermut?
Wer rettete vom Tode mich,
Von Sklaverei?
Hast du´s nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz?
Und glühtest, jung und gut,
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden dadroben?

Was können Fragen auch ohne Antwort verdeutlichen!

Die beiden ersten mögen noch an Zeus gerichtet sein, jedenfalls könnte jener sich noch angesprochen gefühlt haben. Mit der dritten aber zeigt Prometheus, wie außen vor der Göttervater ist. Er ist ihm nicht einmal mehr Zweifel wert und Prometheus wendet sich zu, wem er alles verdankt: dem eigenen Herzen, dem eigenen Willen, dem eigenen Mut.

Mehr Verachtung kann man dem Gott kaum entgegenbringen, als dass man ihm zu erkennen gibt, dass er nicht mehr gefragt ist. Schläft er doch, wenn er helfen sollte und hintergeht auf diese Weise seine Schutzbefohlenen. Seine Göttlichkeit: ein Betrug – „Betrogen” fühlt sich Prometheus.

Und welche empörerische Urgewalt liegt im Folgenden in der Aussage, dass Zeus genauso der Zeit und dem Schicksal unterworfen sei wie jene, um die er sich hätte kümmern sollen.

Wiederum sind es Fragen; nimmt man beide Strophen zusammen, sind es sechs an der Zahl, die den Göttervater in Frage stellen:

Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Hast du die Tränen gestillet
Je des Geängsteten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal,
Meine Herrn und deine?

Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehn,
Weil nicht alle Knabenmorgen-
Blütenträume reiften?

Und dann kommt jene letzte Strophe, die für alles Prometheische steht, gerade auch mit ihrer letzten Zeile und zwei Worten als Hammerschlag des neuen Bewussteins auf der Erde, der den Göttern auf dem Olymp, vor allem Zeus, in den Ohren dröhnen muss:

Hier sitz ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, weinen,
Genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich.

Mit Prometheus lernen die Götter Neues kennen, indem echte menschliche Gefühle Einzug halten: nicht auf dem Olymp, sondern unter den Menschen der Erde!

Wider ein falsches Monotheismus-Verständnis

Gerade die letzte Strophe lässt deutlich werden, warum Goethes Gedicht zu Recht eine Hymne genannt wird. Es ist eine Hymne auf das neu erwachte Ich-Bewusstsein, das sich untrennbar mit der Gestalt und dem Mythos des Prometheus verbindet und auch – an anderer Stelle habe ich es angesprochen – in der Bibel sich so überzeugend gestaltet findet.

Mit dem leider so verbreiteten Unverständnis der biblischen Gestaltung einher geht das Unverständnis, das sich in den üblichen Ansichten bezüglich des Monotheismus zeigt: Wenn nämlich ein Gott ein neues Bewusstsein vermittelt, eines, das es bis dahin auf der Erde nicht gab, dann formuliert er eben: Ich bin der IchBin. Neben diesem neuen Bewusstsein – das der Menschheit zu bringen die Mission des Judentums war – kann es kein anderes geben, keinen anderen Gott, wie es das erste der zehn Gebote fordert. Mit Egoismus oder dem üblichen Verständnis von Monotheismus hat das wenig bis nichts zu tun, sondern mit dem göttlichen Anspruch an die Menschen, mit diesem neuen Bewusstsein ernst zu machen.

Jenes Ich-Bewusstsein fordert Menschen auf, sich dessen bewusst zu sein, dass sie Prometheus sind, nicht Epimetheus, dass sie Verantwortung tragen und man diese Verantwortung nicht trägt, indem man sich ständig mit der Vergangenheit beschäftigt, sondern sich um Gegenwart und Zukunft bemüht.

Letztendlich gilt es, das Bewusstsein aus den bis dahin gültigen Stammes- und Blutsbindungen zu lösen hin zu einer neuen Bewusstseinsstufe der Menschen auf der Erde, für das sich in der Bibel schon vor 2000 Jahren ein Hinweis findet, nachzulesen in Matthäus 14:

Als er noch zu dem Volk redete, siehe, da standen seine Mutter und seine Brüder draußen, die wollten mit ihm reden.
Da sprach einer zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen mit dir reden.
Er antwortete aber und sprach zu dem, der es ihm ansagte: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder?
Und er streckte die Hand aus über seine Jünger und sprach: Siehe da, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder!
Denn wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter.

Ohne das für die mosaische Zeit neue und in notwendiger Unbedingtheit monotheistische Bewusstsein hätte der eben zitierten Stelle jegliche Grundage, das notwendige Fundament gefehlt.

Deshalb ist es notwendig, dass der Mensch, was früher Götter für ihn taten, nun selbst in die Hand nimmt. Er nimmt sein Leben in die Hand. Wir finden dieses Unterfangen beginnend mit dem sogenannten Sündenfall und es geht weiter mit Kain und Prometheus. Menschen nehmen andere Wege, als es Gottheiten vorsehen und für gut befinden.

Das hat Konsequenzen für die Menschen, keine angenehmen, denken wir an die Sintflut, also die atlantische Katastrophe, die nicht zufällig in so vielen Flutmythen der Völker angesprochen ist, denken wir an den beispielhaften Weg des Volkes Israel durch die Wüste, den wir immer wieder angesprochen finden, für mich unvergesslich nachdrücklich in Nietzsches Vereinsamt:

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein. –
Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts, ach! wie lange schon!
Was bist du Narr
Vor Winters in die Welt – entflohn?

Die Welt – ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends halt.

Diesen Weg können wir als Prometheus oder Epimetheus gehen. Wir können wie Epimetheus blind glauben und immer betulich beim Alten bleiben oder wir können uns erlauben, in Frage zu stellen, vorwärtszugehen, Risiko einzugehen.

Vergessen wir nicht, welches Risiko ein Mose einging, als er sein Volk 40 Jahre durch die Wüste führte. Welches Risiko ging ein Gandhi ein, ein Martin Luther King, ein Nelson Mandela!

Wir kennen den Epimetheus auch in der Gegenwart: Er verbrämt die Vergangenheit und kommt im Heute erst an, wenn der Zug bereits abgefahren ist. Er fährt auf Klischees ab und wiederholt ständig dasselbe. Er sucht die auf, die ihm attestieren, wie en vogue er sei.

Seine ganz persönliche Nationalhymne ist das Lied von der Schwäbschen Eisebahne. Seinen Glauben, seine Ansicht bindet er an den letzten Wagen und setzt sich in den Zug. Wichtig ist ihm, oi Billetle gelöst zu haben, wohin der Zug fährt, ist nicht wichtig. Ab der vierten Strophe singt der Epimetheus-Chor über sich:

Auf der schwäbsche Eisebahne wollt amal a Bäurle fahre,
goht an Schalter lupft de Hut: „Oi Billetle, soid so guet!“
Rulla, rulla, rullala, rulla, rulla, rullala,
goht an Schalter lupft de Hut: „Oi Billetle, soid so guet!“

Eine Goiß hat er sich kaufet, und dass sie ihm net entlaufet,
bindet sie de gute Mo hinte an de Wage no.
Rulla, rulla, rullala, rulla, rulla, rullala,
bindet sie de gute Mo hinte an de Wage no.

„Böckle, tu nur woidle springe, ’s Futter werd i dir scho bringe.“
Setzt si´ zu seinm Weible no und brennts Tubakspfeifle o.
Rulla, rulla, rullala, rulla, rulla, rullala,
Setzt si´ zu seinm Weible no und brennts Tubakspfeifle o.

Vermutlich weiß er nicht mal, dass er neben Pandora sitzt.
Angekommen in Sturgert oder wo auch immer ist er dann aber furchtbar empört, wenn er von seiner Goiß nur no Kopf und Soil an dem hintre Wagetoil find´t.

Die in manchen Versionen letzte Strophe ist allen Epimetheus dieser Erde wie auf den Leib geschrieben:

So, jetzt wär des Lied gesunge,
’s hätt‘ euch wohl in d’Ohre klunge.
Wer’s no nit begreife ko,
fang‘ no mal von vorne o!

Epimetheus singt es garantiert und gern von vorn. – Immer wieder.

Natürlich sagt der Mythos über den Bruder Prometheus noch mehr aus, was hier nicht angesprochen werden kann. Natürlich hat es seine Bedeutung, dass jener, wie angesprochen, an Erdgestein geschmiedet ist, natürlich ist es kein Zufall, dass der Adler seine Leber frisst, im Altertum der Sitz der Leidenschaften. Und natürlich hat jeder den Epi- und den Prometheus in sich, wie auch Kain und Abel. Es mag noch Menschen geben, die glauben, Mephistopheles sei nur Faustens ständiger Wegbegleiter.

Wir alle haben mit dem, was in uns ist, worauf die Mythen verweisen und wofür wir ihnen wirklich dankbar sein sollten, zu kämpfen. Manchmal zum Beispiel ist es einfach nur gut, in seiner Kindheit die Mythe vom Kampf des Perseus mit der Medusa – sie anzusehen bringt den Tod – gelesen zu haben und zu wissen, wie segensvoll und notwendig das Wissen um den spiegelnden Schild des Helden sein kann, der Medusa besiegt, indem er sie nicht direkt anschaut, was ihm den Tod gebracht hätte, sondern mit Hilfe seines spiegelnden Schildes, sind doch manche Dinge so schlimm, dass es gut ist, wenn wir in unserer Vorstellung diesen Schild verwenden. 

Grundsätzlich wichtig ist, den Weg des Helden zu wählen, und der heißt nicht Epi-, sondern Prometheus. Wir gehen nicht erfolgreich unseren Weg, wenn wir uns ins Eisebähnle setzen, umgeben von vielen Gleichgesinnten, und den Zug ins Nirgendwo fahren lassen. Wir gehen nicht erfolgreich unseren Weg, wenn wir den der Leidenschaften gehen, die uns anschmieden an die Erde, den Weg der Leiden, der uns an sie bindet.

Es war die Mission eines Buddha, dem Menschen den Weg der Befreiung vom Leiden zu zeigen. Leider hat die nächste Bewusstseinsstufe auf der Erde noch nicht wirklich gezündet. Sie eigentlich will jene Hochzeit von Himmel und Erde zurückbringen, der Prometheus zunächst ein Ende setzte, damit der Mensch nicht am Gängelband eines Zeus bleibe, sondern selbständig werde und in Freiheit zu wahrem Leben finde.

Auch in der Bibel finden wir diesen Weg des Prometheus, der dort aber, wenn der Mensch sie annehmen will, nie ohne Hilfen aus einem Bereich bleibt, den er sich öffnen oder den er sich offenhalten muss. Ein Kain bleibt im Gespräch mit Gott. Dieser Tatsache verdankt er sein Kainsmal, das wir vielleicht alle auf der Stirn tragen.

Ein Bewusstsein, das bisherige Strukturen übergreift

Es mag kein Zufall sein, dass das zukunftsInstitut in Kooperation mit nextpractice, dem Institut für Komplexität und Wandel, eine mit 190 € leider für den Nomalbürger viel zu teure Studie (ob die Macher eine abgespeckte, für Otto Normalverbraucher erschwingliche Zusammenfassung hätten erstellen können?) gerade herausgebracht hat, in der nach eigenen Aussagen die deutsche Wertelandschaft neu vermessen und auf eine tief gespaltene Gesellschaft verwiesen wird, weil sie sich in zwei Gruppen aufteile: < Die eine hat ihren Fokus auf „Ich-Werte“, die andere präferiert am Gemeinwohl orientierte „Wir-Werte“. Beide Gruppen schätzen die Situation vollkommen unterschiedlich ein und stehen sich fast diametral gegenüber. Dies ist der Ausgangspunkt für ein tieferes Verständnis der Veränderungsprozesse, die Deutschland in Zukunft prägen werden. >

Sie zeichnen den < Umriss einer möglichen neuen „Netzwerkwelt“ und skizzieren, wie bereits heute Aktivität entsteht und gemeinsame Suchprozesse in Gang gesetzt werden. Allerdings anders als wir das gewohnt sind: kleinteiliger, aktiver und vor allem selbstorganisierter. Unter dem Radar der üblichen Berichterstattung formieren sich Bewegungen und Aktivitäten, die unserer Gesellschaft ein ganz neues Gesicht geben werden. >

Die Studie verweist darauf, dass der Weg zu einem Bewusstsein geht, das konservative und progressive Strukturen übergreift, ein Bewusstsein, das viele von uns nachvollziehen können, finden wir uns doch mit unseren Ansichten zum Teil in dem sogenannten linken Spektrum und auf der anderen Seite in sogenannten rechten Spektrum wieder, ein Indiz dafür, wie überholt die derzeitigen Begrifflichkeiten der Wirklichkeit sind.

Wer Normierungen sprengt, wird versuchsweise von der Epimetheus-Fraktion sofort an die Kandare genommen; ein Beispiel ist, ob er einem sympathisch ist oder nicht, der Tübinger OB Boris Palmer, der sich nicht an parteiinterne Muster hält, sondern prometheisch, also eigenwillig und authentisch denkt und sich verhält.

Vergessen wir nur nicht: ein dringend zu veränderndes Bewusstsein beginnt in uns und alle Schablonen, Muster und Normen sollten uns herausfordern, ihren Sinn zu überprüfen, nicht, um Rebell wie Sisyphus zu sein – denn wer nur Rebell ist, führt im Grunde, worauf schon das Wort verweist, Krieg (bellum), und zwar mit sich -, sondern einen Weg zu gehen, der uns weg von allem goldenen Gekalbe und allen aufgeblasenen Egoismus-Attitüden zu unserem wahren Selbst führt.

Überprüfen wir, ob wir, wie Prometheus, konstruktiv vorausdenken und aktiv konstruktiv handeln – und warum gegebenenfalls nicht.

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. . . das darf doch nur eine Königin, daß sie tanzt in den Gassen: tanzt! – Maries Wahnsinn.

Manche Gedichte spülen unsere Gehirngänge durch. Sie entsprechen so wenig unseren Denkmustern und laufen unseren Denkgewohnheiten quer. Unbequem sind sie zu lesen, für uns, die doch erwarten, dass uns alles mund- und gehirngerecht serviert wird, dass wir immer bestätigt werden in unserem Denken und unseren Gewohnheiten. Doch gibt es eine Form von Wahnsinn, der sehr gesund sein könnte:

 

Der Wahnsinn 

Sie muß immer sinnen: Ich bin . . . ich bin . . .
Wer bist du denn, Marie?
Eine Königin, eine Königin!
In die Kniee vor mir, in die Knie!

Sie muß immer weinen: Ich war . . . ich war . . .
Wer warst du denn, Marie?
Ein Niemandskind, ganz arm und bar
und ich kann dir nicht sagen wie.

Und wurdest aus einem solchen Kind
eine Fürstin, vor der man kniet?
Weil die Dinge alle anders sind,
als man sie beim Betteln sieht.

So haben die Dinge dich groß gemacht,
und kannst du noch sagen wann?
Eine Nacht, eine Nacht, über eine Nacht, –
-und sie sprachen mich anders an.

Ich trat in die Gasse hinaus und sieh:
die ist wie mit Saiten bespannt;
da wurde Marie Melodie, Melodie . . .
und tanzte von Rand zu Rand.

Die Leute schlichen so ängstlich hin,
wie hart an die Häuser gepflanzt, —
denn das darf doch nur eine Königin,
daß sie tanzt in den Gassen: tanzt! . . .

.

Ehrlich: Ist es uns nicht schon zu viel, wenn wir ein Gedicht lesen müssen, in dem nicht Gedanken mit Anführungszeichen gekennzeichnet sind, damit wir gleich wissen: Hoppla, da denkt nicht mehr derselbe Kopf . . .

Dabei könnte es sein, dass der Verfasser das vielleicht intuitiv deshalb gemacht hat, weil Gedanken ineinanderüberlaufen, auch wenn sie scheinbar von unterschiedlichen Wesen gedacht sind?

Dass wir gar nicht so weit entfernt sind von dem, was wir für wahnsinnig halten, obwohl dieser Wahnsinn gesünder ist als das, was wir für gesund, weil normal halten?

Und dass vielleicht jene wahnsinnigen Gedanken im Hintergrund in uns ständig laufen und wir sie nur nicht wahrnehmen?

Träumen gleich, von denen wir glauben, sie seien nur nachts vorhanden, nicht wissend, dass sie tagsüber genauso in uns sind, nur durch das Laute des Tages verdeckt?

Rainer Maria Rilke hat ungewöhnliche Gedichte geschrieben. Eines davon ist obiges, in dem sein Verfasser in einen Dialog mit dem Wahnsinn tritt, der aus Marie spricht, der Bettlerin, der Wahnsinnigen, auf dem Weg zu Maria, einer Königin, Melodie geworden, die sich erlaubt, was nur eine Königin darf: zu tanzen. 

Gehören auch wir zu jenen, die bei so viel Wahnsinn ängstlich an den Häusern entlangschleichen? 

Und ist unsere Wirklichkeit Realität?

Oder eine andere Form von Wahnsinn?

Lassen wir uns nicht irritieren: Wir sind alle so normal, so normal! 

Vielleicht kann ein Gedicht uns veranlassen, wieder mutig zu sein, wahnsinnig mutig zu sein . . . denn dass wir es einmal waren, steht außer Frage. Warum wüssten wir sonst, wie Marie tanzt . . .

(Das Gedicht ist  Rilkes Buch der Bilder entnommen)
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Halb zog sie ihn, halb sank er hin! – Wer alles lauscht dem feuchten Weib? – Goethes Ballade „Der Fischer“

Klar geht es in der Ballade Goethes in erster Linie um einen Fischer, dessen äußere Erscheinung glauben machen kann, er sei cool genug, dem Wasser samt feuchtem Weib zu widerstehen. Aber wenn man genau hinschaut, ist auch von unserer coolen Kultur die Rede.

Goethe war ungefähr dreißig, als er das Gedicht verfasste; da war er schon mehr als drei Jahre am Hof zu Weimar tätig und hatte eigentlich wenig Zeit, Lyrisches zu schreiben. Seine Italienische Reise sollte noch bevorstehen, die ihn als anderen Menschen zurückkommen lassen würde. Noch aber hielt er es in Weimar aus. Noch wirkte Frau von Stein nicht bedrückend auf ihn.

Seine Lebenssituation allerdings spielt in dem Gedicht auf den ersten Blick keine Rolle und Goethe scheint diese Sicht zu bestätigen, wenn er mehr als vierzig Jahre später über die Ballade sagen wird: Es ist in dieser Ballade bloß das Gefühl des Wassers ausgedrückt, das Anmutige, was uns im Sommer lockt, uns zu baden; weiter liegt nichts darin.

So war er. Wer an der Oberfläche bleiben wollte, bitte schön. Die Erfahrung der Tiefe ist nun mal gefährlich. Goethe wollte nicht, dass sich jemand am Wasser die Finger verbrennt. Und so hat er später sein Märchen geschrieben, das kaum jemand versteht und zu dessen Verständnis er herzlich wenig beigetragen hat – nur Schiller scheint er zu dessen Inhalt das ein oder andere gesteckt zu haben -, und genauso ist er mit dem Faust verfahren, dessen zweiten Teil man ohne Kommentar nicht lesen, dann allerdings auch sich vergegenwärtigen sollte, dass Germanisten mythische Ebenen des Öfteren nicht wirklich verstehen.

Fromm-Sein in und durch Liebe

Wer oberflächlich an die Ballade herangeht, der tut so ein bisschen wie der Fischer, der ganz cool dahockt, mit dessen Coolness es aber so weit nicht her gewesen sein kann, wenn fünf Fragen einer Wasserfrau und ihr Singen bewirken können, dass er sich von dem nur seinen Fuß netzenden Wasser doch recht bereitwillig und unwiederbringlich in dieses Element ziehen lässt, das Goethe angesichts des Staubbachfalls im Lauterbrunnental späterhin als ein Gleichnis für die Seele des Menschen bezeichnen wird. Der aus Angst in den Wellen des Sees versinkende Petrus dürfte ihm post mortem sicherlich Recht geben.

Vielleicht hat der Fischer auch zu wenig aus der Erfahrung anderer gelernt: Singen haben bekanntlich auch viele Rheinschiffer angesichts der Loreley unterschätzt. Und wer weiß, wie es Odysseus ergangen wäre, hätte ihn nicht ausgerechnet Circe vor den Sirenen gewarnt und fast brachiale Vorsichtsmaßnahmen treffen lassen, damit er und seine Kameraden nicht zu einem jener Skelette werden, deren sie bei der Vorbeifahrt an der Insel der Sirenen ansichtig wurden, tote Betörte, willfährige Beute singender, vogelähnlicher Frauen.

Ein Goethe hat wohl gewusst, wovon er schrieb; nur sind für einen, der die wirkliche Welt gern in Bildern sieht, diese im Grunde wirklicher als die materielle Wirklichkeit.

Zugleich weiß so jemand, dass sich seelische Hintergründe nur bedingt in Worte übersetzen lassen; Bilder sind allemal besser. So möge niemand wirklich glauben, das Heideröslein (Sah ein Knab ein Röslein stehn …) enthalte einfach nur beratende Hinweise zum richtigen Umgang für voll im Saft stehende Jünglinge mit Rosen, auch und gerade weil das Heideröslein ein recht harmloses Gedichtlein ist, zumindest zwei Strophen lang. Goethe mag damals sehr wohl gewusst haben, dass die Liebe zu dem elsässischen Pfarrerstöchterlein Friederike Brion durchaus hätte tragisch enden können, er, der sich auch zukünftig keine Liebe verbieten und noch 72-jährig in Flammen zu einer 17-Jährigen aufgehen sollte, Flammen, die zwar in einer abrupten Abfahrt aus Marienbad bzw. Karlsbad endeten, aber wie gewohnt sein Inneres zu einem Gedicht bewegten, deren es auf der Welt nicht viele gibt, der berühmten Marienbader Elegie, in deren Zentrum wir Strophen finden, die eine Definition von Frommsein formulieren, ein Frommsein durch Liebe, wie es sich noch bis heute nur wenige gönnen und gewiss nicht die, die dieses Lieben Goethes für des Teufels halten, weil sie nicht sehen, dass ein grinsendes Teufelchen ihre eigene Liebesfähigkeit so gern zurückhält vor einer Erfahrung wie dieser:

.

Dem Frieden Gottes, welcher euch hinieden
Mehr als Vernunft beseliget – wir lesen´s -,
Vergleich´ ich wohl der Liebe heitern Frieden
In Gegenwart des allgeliebten Wesens;
Da ruht das Herz, und nichts vermag zu stören
Den tiefsten Sinn, den Sinn, ihr zu gehören.

In unsers Busens Reine wogt ein Streben,
Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten
Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben,
Enträtselnd sich den ewig Ungenannten;
Wir heißen´s: fromm sein! – Solcher seligen Höhe
Fühl ich mich teilhaft, wenn ich vor ihr stehe.

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Dass nur wenige sich solch eine Liebeserfahrung gönnen, liegt nicht am Wesen der Liebe, sondern gern daran, dass für die meisten Liebe immer das ist, was sie sich maximal selbst gönnen können und was sie für das genau angemessene Liebes-Limit halten. – Das allerdings umfasst oft so viel nicht.

Wenn dann so ein Mensch am Wasser sitzt und eine Nixe auftaucht, kriegt sie eine Ladung Pfefferspray und der Angler wird zum Prediger gegen alles feucht Weibliche. Und dann spielt es keine Rolle, dass er keine Ahnung hat von dem, wovon er spricht. Immerhin gesellen sich all jene zu ihm, die so gestrickt sind wie er. Und das sind genug.

Allerdings: In die Tiefen zu tauchen, das kann tödlich enden. Das wissen wir von Schillers Taucher, der mutiger war als die versammelte Ritterschar des Königs und deshalb hinabtauchte, aber leider auch so naiv war zu glauben, dass dieser König ihm wirklich jemals seine Tochter geben werde.
Und bedenken sollte man auch, dass die Tiefen kein Ende kennen – Schillers Taucherjüngling sieht nicht von ungefähr in nicht enden wollende Tiefen. – Schillers Seele wusste um all das.

Wenn aber der Abstieg in die Tiefe eine notwendige Erfahrung ist, wo endet diese Tiefe?
Bei Goethes Fischer scheint die Sache nicht so vertrackt und doch ist sie es durchaus und zugleich sehr aufschlussreich:

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Das Wasser rauscht‘, das Wasser schwoll,
Ein Fischer saß daran,
Sah nach dem Angel ruhevoll,
Kühl bis ans Herz hinan.
Und wie er sitzt und wie er lauscht,
Teilt sich die Flut empor:
Aus dem bewegten Wasser rauscht
Ein feuchtes Weib hervor.

Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm:
»Was lockst du meine Brut
Mit Menschenwitz und Menschenlist
Hinauf in Todesglut?
Ach wüßtest du, wie’s Fischlein ist
So wohlig auf dem Grund,
Du stiegst herunter, wie du bist,
Und würdest erst gesund.

Labt sich die liebe Sonne nicht,
Der Mond sich nicht im Meer?
Kehrt wellenatmend ihr Gesicht
Nicht doppelt schöner her?
Lockt dich der tiefe Himmel nicht,
Das feuchtverklärte Blau?
Lockt dich dein eigen Angesicht
Nicht her in ew’gen Tau?«

Das Wasser rauscht‘, das Wasser schwoll,
Netzt‘ ihm den nackten Fuß;
Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll
Wie bei der Liebsten Gruß.
Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm;
Da war’s um ihn geschehn;
Halb zog sie ihn, halb sank er hin
Und ward nicht mehr gesehn.

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Es ist ja der Sinn einer Interpretation, die nicht zu weit geht und damit die Lust an Wort und Bild verdirbt, ein wenig transparent zu machen, wie die äußere Form den Inhalt unterstützt. Dann erst mag die noch verschlossene Blüte sich öffnen.

Mit seinen dreißig Jahren war Goethe schon längst ein Meister seines Fachs:

Da wechseln das ganze Gedicht hindurch vierhebige jambische Zeilen mit dreihebigen ab und es scheint, als wolle der dreihebige Vers immer auch eine kleine Antwort auf den Tatbestand sein, der zuvor im vierhebigen angesprochen wird. Man nimmt dieses Alternieren zwischen Vier- und Dreihebigkeit gern nur am Rande wahr, und doch ist es immer da, immer wie im Untergrund.

So steht es um die Atmosphäre des ganzen Gedichtes: Alles ist untergründig – und doch so präsent.

Was sich da metrisch so gegenübersteht, findet sich als Merkmal das Gedicht hindurch ständig wieder, im Halb und Halb des Hingezogen-Werdens und bereitwilligen Hinsinkens, im parallel gestalteten Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm, in Doppelungen wie Menschenwitz und Menschenlist oder der wiederholt auftauchenden Zweiteilung eines Verses, bisweilen Wortwiederholungen beinhaltend, die zugleich eine Steigerung enthalten: Das Wasser rauscht‘, das Wasser schwoll, oder Und wie er sitzt und wie er lauscht … – Was hätte ein Regisseur heute für eine Sexorgie aus dem ganzen Geschehen gemacht. Nicht so Goethe.

Jemanden sitzen und lauschen zu lassen: Nur wer Menschen wirklich zuhören kann und Worten, dem offenbart sich das Lauschen des Fischers in seiner ganzen Bedeutung. Mit einem einzigen Verb offenbart uns Goethe mehr über den Mann als es manche psychologische Expertise könnte. Denn er lauscht nicht über die Wasseroberfläche hin, sondern in die Tiefe. Und diese antwortet. Des Fischers Lauschen nur kann erklären, warum er nichts mehr sagt und nur das Weib noch spricht.

Goethe verweist auf diese menschlich untergründige Ausnahmesituation unter anderem durch Neologismen, also Wortschöpfungen wie feuchtverklärt und wellenatmend. Ihm sind Mittel des dramatischen Malens gleich zu Beginn Tonversetzungen, die vorliegen, wenn gegen die unbetonte Silbe, die beim Jambus der betonten immer vorausgeht, die eigentlich unbetonte akzentuiert wird, wie das in Kühl bis ans Herz hinan vorliegt (metrisch korrekt müsste eigentlich bis betont werden) und in nicht ganz so auffälliger Form in weiteren Zeilen der ersten Strophe.

Die Dramatik der letzten Strophe spiegelt sich auch darin, dass zuerst nur der Fuß des Mannes berührt wird von dieser Energie des Wassers, Medium des feuchten Weibes, dann aber aufsteigt und das Herz ergreift, bevor der Fischer auf seine so ganz besondere Weise, halb gezogen werdend, halb so gern hinsinkend, in Gänze in der Tiefe versinkt.

Natürlich gäbe es hier noch einiges mehr zu beleuchten, was – oft unbewusst – Wirkung erzielt, doch möchte ich lieber noch darauf verweisen, dass es in einem Post zu einer solchen Ballade nicht darum gehen kann zu jammern, dass solche Gänseblümchen unter den Blüten der Lyrik Goethes – von den Orchideen ganz zu schweigen – nicht mehr wahrgenommen werden; das würde nur den eigenen Wirkungsbeitrag reduzieren, denn:

Jeder, der sie wahrnimmt und im Herzen zu schätzen weiß und trägt, trägt sie in das Herz einer, unserer Kultur hinein und davon profitieren auch die, die keine Gelegenheit haben und keinen offenen Sinn für diese Schätze (weshalb sie noch lange keine Banausen sind, eher ganz normale Bürger). Es ist einfach so. Das ist bekanntlich nicht schlimm. – Zumal einem jeden die Zeilen sich nur erschließen, wenn er sitzt und lauscht.

Und manche und mancher spüren: Das ist so unriskant nicht.

Das feuchte Weib und die Narzissten

Natürlich lässt sich inhaltlich vieles anführen, was vor allem um die Frage kreisen mag, wie einem Fischer, der doch so cool wirkt, das, was ihm geschieht, widerfahren kann, zumal in der letzten Strophe angedeutet wird, dass es eine Liebste gibt, die doch einer wirklichen Liebe wert sein mag (Wie bei der Liebsten Gruß).

Zumindest eine Teilantwort mag die verfängliche Frage des Weibes leisten: Lockt dich dein eigen Angesicht / Nicht her in ew’gen Tau?

Dieses Weib weiß offensichtlich um den in jedem Menschen, jedem Mann innewohnenden Narzissmus, der ja nicht grundsätzlich krankhaft sein muss, es allerdings vor allem dann wird, wenn solchen Menschen die Welt zunehmend zu einem großen Spiegel wird, in dem sie sich mehr und mehr nur an sich selbst ergötzen oder nur Auskunft über sich haben wollen, bevorzugt natürlich an dem, was an der Oberfläche sich befindet.

Jedenfalls: Dieses Weib zieht auch das Narzissmus-Register, interessanterweise allerdings ganz zum Schluss, wohl wissend, dass das vollends den Ausschlag geben könnte, dass dieser Mann sich bereitwillig abtauchen lässt.

Es mag ja nicht so sein, dass er wirklich stirbt; nur ist er dieser Unterwasserenergie des feuchten Weibes verfallen, womöglich ohne dass er es selbst weiß und auch ohne dass es seine Liebste bei der Rückkehr gleich wahrnimmt, die aber wohl zunehmend spüren wird, dass ihr Geliebter nicht mehr der ist, der er einmal war. Das mag dann enden wie in Kästners Sachlicher Romanze, wo berichtet wird, dass Zweien, als sie einander acht Jahre kannten, plötzlich ihre Liebe abhanden kommt, wie andern Leuten ihr Stock oder Hut.

„Wer am Alten hängt, der wird nicht alt”

Ich möchte nur diesen Aspekt in den Mittelpunkt stellen, den man bei dem von Goethe formulierten Schluss vergessen könnte und der den Worten Goethes auf eine bemerkenswerte Weise Recht gibt:

Dieser Mann wird so, wie er da hinabsinkt, nicht mehr zu sehen sein.

Günter Kunert hat in diesem Zusammenhang eine geniale Ballade geschrieben, die abzudrucken leider nicht erlaubt ist, überschrieben Wie ich ein Fisch wurde. Darin treten zu Beginn die Meere über die Ufer und die Menschen versinken peu à peu in den Fluten. Das lyrische Ich allerdings erinnert sich angesichts der vielen um ihn herum nach Hilfe Rufenden und Ertrinkenden und bevor ihm selbst das Wasser den Mund verschließt, was man ihn einst lehrte, dass nämlich nur den die Veränderung der Welt nicht verdrießt, der sich selbst verändert. – Und er wird zum Fisch.

Was nun die Ballade, finde ich, so genial macht, ist, dass unübersehbar dieser Mensch am liebsten Fisch bleiben möchte. Es ist so gemütlich in den Tiefen, man kann so schön träge gleiten und oben ist es so schrecklich trocken. Aufs Neue wieder Mensch zu werden, so schließt Kunert ab, wenn man´s lange Zeit nicht mehr gewesen ist, das ist schwer für uns hier auf Erden, Weil das Menschsein sich so leicht vergisst.

Menschen sind aufgerufen, in die Tiefe zu steigen, das beweisen die vielen Mythen und Geschichten, die davon handeln, selbst auch solche Ausnahmegedichte wie Hofmannsthals Weltgeheimnis. Nur wer in den Brunnen steigt, wer die Erfahrung des Jonas macht und auch des ein oder anderen Märchen- und mythischen Helden, kann auf dem Weg, der zum mystischen Tod und darüber hinaus führt, weitergehen.

Natürlich kann man in der Tiefe bleiben (und im Zweifel selbst nichts davon wissen wollen), ja, man kann diese unglaubliche Leistung vollbringen und nach oben kommen und trotzdem wieder scheitern, weil man, wie der Taucher ohne wirkliche Not sich noch einmal meint in die Tiefe begeben zu müssen. Nur: Um die Tiefenerfahrung kommt letztendlich niemand herum. Es ist eine Erfahrung, die das Johannes-Evangelium für jemanden, der wahrhaft sein wahres Selbst sucht, aufzeigt in den Stadien des Jesus-Weges, unter anderem in der Fußwaschung, der Geißelung, der Dornenkrönung und der Kreuzigung.

Wer wieder auftaucht, ist ein Anderer.

Über manchen, der sich bis in die Tiefen gewandelt hat, kann man von seiner Umgebung auch sagen hören, dass man ihn nicht wiedererkenne.

Nur ist es nicht jedermanns Sache, in diesem Leben diese Erfahrung zu machen. Mancher hat sich anderes vorgenommen, was nur aus einer rein abstrakten Sicht weniger wert sein mag. Ein Computerexperte, der ein Programm entwirft, das für viele Menschen eine große Erleichterung z.B. in ihrem Beruf bedeutet, ein Ingenieur, der etwas entwickelt, was der Menschheit und dem Planeten dient, oder eine Krankenschwester, die Tag für Tag Kopfkissen aufschüttelt, Spritzen aufzieht und Essen verteilt, steigen womöglich nicht in die angesprochenen mythischen Tiefen, und dennoch ist solch ein Leben so wertvoll.

Mancher mag auch leben, um sein Leben zu genießen. Es ist seine Sache und niemand sollte das beurteilen wollen.

Gerade jemand, der in die Tiefen des Seins hinabgestiegen ist, wird diesbezüglich kein Urteil fällen, weil er weiß, dass es einer inneren Bereitschaft bedarf, eines Vorab-Lauschens. Wessen er sich allerdings bewusst ist: Irgendwann muss jeder hinab.

Wenn es gutgeht, bleibt der Fischer nicht in der Tiefe, so wie Tannhäuser in Richard Wagners Oper nicht in dem Berg der Venus hängenblieb, sondern sich dem Weiblichen in der Gestalt einer Elisabeth zuwandte. Gerade unsere religiöse und literarische Kultur ist voller Zeugnisse von diesen Wegen (beispielhaft erinnert sei nur an den Weg des Anselmus in E.T.A. Hoffmanns Goldenem Topf, an den Weg Heinrichs zur Blauen Blume im Heinrich von Ofterdingen oder den Weg Bastians in der Unendlichen Geschichte) und es mag eine wichtige Lehre aus allen sein, dass wir die Wege der Menschen um uns herum tolerieren, solange sie nicht die Wege anderer blockieren.

Diejenigen allerdings, die immer wieder die Stäbe über anderen und ihren Wegen brechen und den richtigen Weg genau kennen (der natürlich ziemlich genau ihrem entspricht), sind oft jene, die den Gang in die Tiefe scheuen. Dieses Scheuen ist nur zu verständlich, dieses ewige Urteilen nicht.

Selbst Sonnen sterben

Was für den Mikrokosmos Mensch gilt, gilt für alles im Makrokosmos. Selbst Sonnen sterben. Auch Kulturen. Manche sterben unnötig vorzeitig. Ich hoffe, dass dies nicht mit unserer der Fall ist.

In die Hölle ist sie bekanntlich schon abgestiegen. Es könnte aus dieser Erfahrung heraus ihre Aufgabe sein, noch für eine ganze für uns nicht überschaubare Weile anderen eine Hilfe zu sein. Wer die Erfahrung des Abstiegs gemacht hat, wer die Erfahrung des Aufstiegs gemacht, wer erfahren hat, dass manche hilfreich die Hände reichten, während andere jahrzehntelang bei möglichst jeder Gelegenheit den drohenden Zeigefinger schwangen, weiß um die zum Teil übergroßen Schwierigkeiten und Stolpersteine des Wegs.

Ich bedaure, dass wir zur Zeit so wenig Menschen in unserem Land finden unter denen, die das Ohr der Öffentlichkeit haben, welche in ihren ethischen Ansprüchen und in ihrem Denken und Handeln zeigen, dass diese Erfahrungen nicht umsonst waren. Zu viel ist in unserer Politik halb und halb. Nicht warm, nicht kalt. Die Bibel nennt diesen Aggregatzustand lau und er hat eine klare Konsequenz: Die, die ihm frönen, haben keine Zukunft.

Das muss nicht sein.

Und immer lockt das Weib

Und noch etwas hat diese Ballade mit unserer Kultur gemeinsam:

Was den Fischer hinabzieht, ist nicht die Gier nach Geld oder Sucht nach Ruhm oder Macht. Es ist das feuchte Weib, das sich schon zu Beginn verrät, indem es davon spricht, der Fischer locke des Weibes Brut. Für das, was der Fischer beruflich tut, sind Worte wie Brut und locken wenig angemessen. Wer allerdings lockt, ist das Weib, das geschickt dem Fischer ihr eigenes Verhalten, um von diesem abzulenken, unterstellt.

Und es lockt mit reichlich dubiosen Aussagen, denn dass der Mann auf dem Grund des Wassers erst richtig gesund werde, erscheint auf dem Hintergrund dessen, was das Weib meint, genauso unwahrscheinlich wie, dass nun auf einmal den Fischer sein Angesicht, das er dort schon oft genug gesehen haben mag, ins Wasser locken soll.

Nein, nicht der Wunsch nach Gesundheit oder die doppelt so schön wellenatmend wiederkehrende Sonne locken, es lockt, wie gesagt, einzig und allein das Weib. Nicht ganz zufällig erinnern die Worte an einen ähnlich lautenden Film eines Curd Jürgens und einer Brigitte Bardot, dessen minde Qualität bis heute kaum jemand in Frage stellt.

Dieses Weib – bzw. für was es steht – kann als dunkle Seite des Ewig-Weiblichen jeder Kultur zum Verhängnis werden und in der Tat scheint die Animalisierung des Lebens erfolgreich fortzuschreiten, die sich darin zeigt, dass, wie ich in vergangenen Posts aufgezeigt habe

  • es zum einen zunehmend Wissenschaftlern und Fachleuten wie Juliane Bräuer und Peter Wohlleben oder auch Philosophen wie Precht gelingt, den Status der Tiere so zu vermitteln, dass der Mensch sich und seine Krone – in der Sprache des Baumes der Sephirot Kether – und damit das Ziel seiner Reise verleugnet, und sich auf eine Stufe mit den Tieren stellt oder sogar behauptet, er stamme von ihnen ab, eine verquere Sicht;
  • zum anderen, indem Sexualität an die Stelle von Liebe tritt und das Leben so dominiert, dass der Mensch langsam aber sicher weder von Sexualität noch von Liebe mehr etwas wissen will und sich mehr und mehr in Perversionen und Unnatürlichkeiten flüchtet.

Wenn es dabei bleibt – und es ist, obwohl es niemanden öffentlich verwundert, erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit sich eine degenerierte Sinnlichkeit durchgesetzt hat und ohne nennenswerten Widerspruch akzeptiert wird (kann denn eine ganze Kultur unter Wasser sein und es nicht merken wollen?) – , dann allerdings ist es sinnvoll und wohl auch unwiderruflich, dass das Meer sich diese und alle ethisch so hohlen Kulturen holt.

Es beginnt ja bereits damit.

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Wirf den Helden in deiner Seele nicht weg! – Leben von innen nach außen!

 Ach, ich kannte Edle, die verloren ihre höchste Hoffnung. Und nun verleumdeten sie alle hohen Hoffnungen. Nun lebten sie frech in kurzen Lüsten, und über den Tag hin warfen sie kaum noch Ziele. ‚Geist ist auch Wolllust‘ – so sagten sie. Da zerbrachen ihrem Geiste die Flügel; nun kriecht er herum und beschmutzt im Nagen. Einst dachten sie Helden zu werden: Lüstlinge sind es jetzt. Ein Gram und ein Grauen ist ihnen der Held.

Und es heißt in Nietzsches Also sprach Zarathustra noch:

Aber bei meiner Liebe und Hoffnung beschwöre ich Dich: Wirf den Helden in Deiner Seele nicht weg! Halte heilig Deine höchste Hoffnung!

Mit diesen Worten, die fast seherhaft die gegenwärtige geistige Situation Deutschlands charakterisieren, setze ich den Beitrag zu Ernst Moritz Arndt und seinem deutschen Wesen fort, denn jenes war genau dadurch gekennzeichnet, dass viele Menschen unserer Kultur ein Bewusstsein davon hatten, dass in allem Geist ist, Geist, den sie nicht auf Wollust reduzierten, und ein Bewusstsein davon, dass, wenn man über Vorgänge unserer Wirklichkeit spricht, man deren Geist suchen muss, um sie zu verstehen. Nicht nur Nietzsche, viele andere haben das in ihrem Schaffen zum Ausdruck gebracht, ganz deutlich auch Friedrich Schiller in einem Gedichtentwurf zur Feier der Jahrhundertwende:

Das ist nicht des Deutschen Größe,
Obzusiegen mit dem Schwert,
In das Geisterreich zu dringen,
Vorurteile zu besiegen …
Männlich mit dem Wahn zu kriegen,
Das ist seines Eifers wert!

Was Nietzsche und Schiller und viele andere, natürlich vor allem Goethe in seinem Faust ansprechen, ist ein Zug deutschen Wesens, für den ich unendlich dankbar bin, in diesen Kulturraum hineingeboren zu sein, denn ich sehe nicht, wo er sonst weltweit noch so gründlich ausgeprägt wäre. Ich bedauere, dass nur noch so wenige Menschen zu diesem Zug und weiteren Eigenschaften unserer Kultur, die ich sehr schätze, stehen, nur weil sie befürchten, in eine rechte Ecke gestellt zu werden. Aber mit allen Fasern, dem ganzen Herzen zu leben und nicht auf den Schein hereinzufallen, sondern das Sein zu suchen, das und anderes mehr sind nun einmal wesentliche Charakteristika  – und was ist daran rechts oder links? Ich persönlich lehne ohnehin diese Rollatoren politischer Kultur ab, schon allein deshalb, weil ich Etikettierungen und in dem angesprochenen Fall das damit verbundene verkappte Kastenwesen total ablehne.

Kaum etwas wie dieses Begriffspaar von links und rechts hat den gesunden menschlichen Verstand so außer Kraft setzen können. Und typisch ist beispielsweise, dass manchmal Politiker sich nicht inhaltlich verteidigen müssen, sondern aufgefordert werden zu erklären, warum sie als Linke rechte Positionen vertreten – oder umgekehrt. – Der Grund ist schlicht, dass sie es tun, weil sie eine Position vernünftig finden. Aber das darf in einer links-rechts-verhirnten Gesellschaft nicht sein.

Es würde dieser Gesellschaft unendlich guttun, diese Denkschablonen auf den Müll zu werfen und nicht nur zunehmend von Tierwohl zu sprechen, sondern Menschenwohl zum Kriterium politischen Denkens und Handelns zu machen (vielleicht geht es Ihnen auch so, dass man manchmal den Eindruck hat, um Schweine kümmert sich unsere Gesellschaft mehr als um Menschen, die zunehmend zahreicher am Rande des Existenzminimums leben).

Heute wissen viele Menschen gar nicht mehr, was Schiller mit obigen Zeilen meint und womöglich verwechseln sie Geist mit der menschlichen Intelligenz. Die gibt es auch, und sie ist sehr wichtig, denn der Mensch muss logisch denken können und muss vor allem sein Denken beherrschen, nicht, dass geschieht, was zur Zeit festzustellen ist, dass er ständig Gefahr läuft, fremdgesteuert zu werden, nicht nur, weil sich zunehmend mehr Menschen Chips implantieren lassen und eine Entwicklung auf den Weg bringen, die unabsehbar endet, sondern weil die meisten annehmen, sie hätten die mediale Überflutung im Griff.

Abstimmungsergebnisse wie beim letzten Eurovision Song Contest (siehe 1. Arndt-Post) und das Auspfeifen einer Helene Fischer beim Pokalfinale geben mir allerdings Hoffnung, dass Menschen sich ihre innere Selbständigkeit und Gesundheit nicht einfach schleichend nehmen lassen wollen. Denn eine Amerikanisierung der Gesellschaft macht alle krank.

Intelligenz und somit Kraft des klaren Denkens sind also absolut notwendig, aber jener Geist, den Nietzsche und Schiller ansprechen, das ist ein anderer. Wir alle stehen in Beziehung mit ihm. Viele allerdings haben ihn in einen inneren Tresor entsorgt und den Zugangscode vergessen. Ja, sie haben vergessen, dass es überhaupt diesen Tresor – nicht von ungefähr bedeutet dieses  ursprünglich griechische Wort Schatzkammer – gibt.

So kommt es, dass vielen diese Ebene, die übrigens nur insofern etwas mit Religion – mit Kirche wohl immer weniger – zu tun hat, als damit angesprochen ist, was alle Menschen verbindet, seit sie sich vor Milliarden von Jahren auf der Erde begonnen haben zu entwickeln, zunächst Mineralien, Pflanzen, Tiere und Menschen gemeinsam, bevor sich unterschiedlich ausdifferenzierte, was nun Grundlage menschlichen Lebens ist, immer weniger bewusst ist. Wenn wir jedenfalls den Dokumenten der Menschheitsgeschichte glauben, ist der Mensch so bedeutend, weil er den gesamten Kosmos im Kleinen als Mikrokosmos spiegelt, inclusive all derer, die es besser wissen.

Leben kann so tot sein

Ernst Moritz Arndt lässt in seinem genialen Gedicht den kleinen Jakob eine Erfahrung machen, die, als notwendig zu erkennen, Voraussetzung ist, um nicht unnötig lange im Totenreich, in der Geistlosigkeit sich aufzuhalten, während man zu leben glaubt.
Damit die Jakob-Not sich wenden kann, ist es not-wendig, in sich den Helden, von dem Nietzsche spricht, zu aktivieren, denn für diesen Weg bedarf es dieser Gestalt in uns. Gut, wenn in der Kindheit der Heldenkraft die Möglichkeit gegeben wurde, sich zu entwickeln.

Gebildet wird diese Kraft unter anderem durch die Lektüre von Märchen und Sagen (möglichst nicht per Film, weil die eigenen Seelenbilder wichtig sind!). Auch Astrid Lindgren z.B. ist eine Autorin, deren Helden sie zu entwickeln in der Lage sind (besonders empfehlenswert Die Brüder Löwenherz) oder aus neuerer Zeit Markus Zusaks Der Joker (Vorsicht, der Verfasser des Wikipedia-Eintrags hat den genialen Schluss, auf dessen Verständnis es so ankommt, nicht wirklich kapiert).

Kaum zu glauben, dass Arndts Gedicht eine politische Dimension hat, aber alles, was der Entwicklung eines Einzelnen dient, zieht Kreise, dient auch den Mitmenschen.

Arndts Zeilen sind auch deshalb bemerkenswert, weil sie von ganz vielen seiner anderen Gedichte sich abheben, inhaltlich und formal. Wir wissen, er liebte Mythen, schließlich gab er selbst Märchen und Sagen heraus. Von daher verwundern der Märchenton und entsprechende Motive in Klage um den kleinen Jakob nicht. Dennoch ist dieses Gedicht außergewöhnlich im Rahmen seines Schaffens. Obwohl schon im letzten Post veröffentlicht, möchte ich es hier nochmal einfügen – man entdeckt ohnehin bei jedem Lesen Neues:

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Wo ist der kleine Jakob geblieben?
Hatte die Kühe waldein getrieben,
Kam nimmer wieder,
Schwestern und Brüder
Gingen ihn suchen in’n Wald hinaus –
Kleiner Jakob, kleiner Jakob, komm‘ zu Haus!

Wohin ist der kleine Jakob gegangen?
Hat ihn ein Unterird’scher gefangen,
Muß unten wohnen,
Trägt goldne Kronen,
Gläserne Schuh, hat ein gläsern Haus.
Kleiner Jakob, kleiner Jakob, komm‘ zu Haus!

Was macht der kleine Jakob da unten?
Streuet als Diener das Estrich mit bunten
Blumen und schenket
Wein ein, und denket:
Wärst du wieder zum Wald hinaus!
Kleiner Jakob, kleiner Jakob, komm‘ zu Haus!

So muß der kleine Jakob dort wohnen,
Helfen ihm nichts seine güldenen Kronen,
Schuhe und Kleider,
Weinet sich leider –
Ach! armer Jakob! – die Äuglein aus.
Kleiner Jakob, kleiner Jakob, komm‘ zu Haus!

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Da ist viel Bewegung, und wer sich auf das Gedicht einlässt, wird natürlich schon durch die Eingangsfrage angesprochen und einbezogen.

Etwas wie einen auktorialen, also allwissenden Erzähler, wie wir ihn in Novellen und Romanen finden, gibt es in der Lyrik in diesem Sinn nicht, aber hier ist dennoch ein lyrisches Ich vorhanden, das sich, wenn es sich auch nirgends per Personal- oder Possessivpronomen wirklich zeigt, ständig präsent ist und über allem steht. Schließlich sind seine Wertungen – und Wertungen sind typisch für einen auktorialen Erzähler – unübersehbar, sein „Ach“ oder die Tatsache, dass Jakob als „armer“ bezeichnet wird, und spürbar ist seine emotionale Zuwendung gerade in der vorletzten Zeile in dem Diminutiv, also in der Verkleinerungsform „Äuglein“. Vor allem aber ist ein Kennzeichen eines allwissend Schreibenden, dass er sogar weiß, was der kleine Jakob in Strophe III, Vers 4 denkt: Wärst du wieder zum Wald hinaus!

Auffallend ist natürlich die Metrik des Gedichtes: Die ersten beiden Zeilen sind in allen Strophen jeweils vierhebig und metrisch sehr unregelmäßig, die mittleren Zeilen sind zweihebig, die letzte Zeile aber fungiert als Refrain, durchgehend trochäisch gestaltet und sechshebig. Das alles lässt im Verein mit einigen Zeilensprüngen, Bindestrichen, Frage- und Ausrufezeichen keine Betulichkeit aufkommen. Auch die Ellipsen, also das Weglassen von Wörtern, erzwingen ja im Grunde das ständige Mitdenken des Lesers, schon in der zweiten Zeile (Hatte die Kühe waldein getrieben), in der das Subjekt Er fehlt, wobei dieses Fehlen gerade bewirken mag, dass der Kleine umso mehr in den Mittelpunkt rückt.

Und natürlich wirkt eine Zeile wie Wärst du wieder zum Wald hinaus! mit den zahlreichen W-Alliterationen sich auf das Unbewusste des Lesenden aus: Alliterationen, also Wortanfänge mit gleichen Buchstaben, haben immer Sogwirkung – desgleichen die Assonanzen, also die Abfolge gleicher Vokale bzw. Diphtonge in Weinet sich leider.

Nicht, dass ich annehme, Arndt habe das alles absichtlich eingebracht. Vielmehr kommt da etwas von tief innen, was sich auf diese Weise Bahn sucht, eindeutig nicht so gedrechselt wie viele andere seiner Gedichte. Und dass dies so ist, hängt damit zusammen, dass er ein ewiges Thema des Menschseins gestaltet, wie ich es schon für Eisenhans und Hänsel und Gretel im vorausgehenden Beitrag angedeutet hatte: Jemand ist verschwunden. Im Wald. Im Unterbewussten.

Vielleicht ist er noch da, lebt unter den Menschen, aber sein wahres Wesen ist verschwunden.

Das ist ja das zentrale Thema der Märchen: Mit dem Tod der Eltern, oft ist es auch nur die Mutter, verschwindet das ursprüngliche, das wahre Bewusstsein und mit dem Einzug der Stiefmutter ändert sich alles. Bisweilen bringt sie noch eigene Kinder mit, die dem Märchenhelden übel mitspielen. Die drangsalieren z.B. Aschenputtel oder versuchen, auf billige Weise an das Wesentliche herankommen, indem sie beispielsweise den Bruder, der für den Vater das Wasser des Lebens geholt hat, überfallen und vor dem Vater tun, als hätten sie es geholt, weil sie sich um sein Leben und seine Gesundheit so Sorgen gemacht hätten.

Falschheit und Nicht-Beachten von ethisch anspruchsvollem Verhalten ist ein Kennzeichen dieses Menschen-Märchenpersonals, etwas in Besitz zu nehmen, was man nicht durch Arbeit und wahre Entwicklung verdient hat, sondern was man sich durch Trickserei und/oder Betrug aneignet. Die Märchen aber zeigen eindeutig, was mit jenen passiert, die sich so verhalten und sich Schätze aneignen, die ihnen nicht zustehen, man denke an Simeliberg oder Ali Baba und die 40 Räuber; wer sich Schätze aneignet, die ihm nicht zustehen oder solche, die eh die Motten und der Rost fressen, wie es in der Bibel heißt, stirbt.

Dem Stiefmutterbewusstsein geht es um Tand, um Glitter, um schönen Schein, ein Thema, das Schiller in Maria Stuart so wichtig war und auch Platon in seinem Höhlengleichnis. Genial, wie er da kurz und prägnant darauf aufmerksam macht, dass die Ehrungen, das Schulterklopfen und das Medaillenverleihen hier auf unserem Planeten Erfindungen des Höhlenbewusstseins sind, um sich die Höhle schmackhaft zu machen und von dem abzulenken, was sie wirklich ist, ein Bewusstseinsgefängnis, und dass es eigentlich nur ein Ziel geben kann, nämlich, aus der Höhle zum Licht zu gelangen, denn: Höhlenbewusstsein ist Stiefmutterbewusstsein. Nicht von ungefähr lässt Goethe in Faust II Faust zu den Müttern vordringen, den wahren; das Ganze erweist sich allerdings als eine Nummer zu groß für den Guten.

Wie Platon übrigens darüber schreibt, auf welche Weise mit denen umgegangen wird, die zum Licht gelangten, zum Sonnenbewusstsein, und in die Höhle zurückkehren, um den dort Leidenden zu helfen, ist einfach ein weiterer genialer und leider realistischer Aspekt des großen Griechen: Sie werden verspottet, schlimmstenfalls getötet.

Der Gedichterzähler weiß um das alles, er weiß, warum man dem kleinen Jakob eine goldene Krone aufgesetzt hat. In Wirklichkeit steht er im Dienst der Unterirdischen, ist deren Blumenstreuer und Mundschenk.

Der Dichter des Kleinen Jakob lässt den Leser aber etwas sehr Entscheidendes wissen:

Jakob weiß um seine Situation. Er will dem Bann der Unterirdischen entfliehen. Offensichtlich aber ist er noch nicht in der Lage, den Weg zu finden, die richtigen Mittel zur eigenen Befreiung einzusetzen. Noch weint er sich die Augen aus. Wenn es dabei bliebe, könnte er auf eine der größten Entwicklungsbremsen für Menschen hereinfallen: das Selbstmitleid. Das ist wie Kleb an den Füßen. Nichts geht mehr.

2017 will von dem, was in dem auf den ersten Blick so unscheinbaren Gedicht Ernst Moritz Arndts angesprochen ist, kaum jemand mehr etwas wissen. Für unsere Ahnen war dessen gedanklicher Mittelpunkt immer ein Thema. Nicht bei allen vollkommen bewusst; bei vielen zeigte es sich einfach in einem Lebensverhalten, das das pure Gegengift zur Jakob-Not ist und das ich im vorhergehenden Post angesprochen habe:

Wer arbeitet und sich bildet fast bis zum letzten Atemzug, der hat in sich ein Ziel, auch wenn er sich dessen nicht bewusst ist und er trägt ganz Wesentlichem unseres Lebens Rechnung: Wir nehmen alles, was sich im Inneren abspielt, alle Einstellungen, alles Bewusstsein, das wir uns erarbeitet haben, mit. Nichts an Bewusstsein geht verloren.
Es geht ja, um ein ganz entscheidenden Missverständnis anzusprechen, in unserem Leben nicht darum, die gigantischen Lern- und Bewusstseinssprünge zu machen, von denen so oft die Rede ist, den Drachen zu besiegen oder eine der Herakles-Aufgaben zu bewältigen – natürlich muss letztendlich jeder auch an sie ran.

Wichtig in erster Linie aber ist es, die kleinen Entwicklungsschritte zu gehen, aus denen sich alles Weitere ergibt. Das heißt, jedes Mal, wenn wir nicht gelästert haben, obwohl es uns so drängte, wenn wir keine Bla-Bla-Worte geredet haben, damit was gesagt ist, wenn wir eine Kleinigkeit, die uns nicht guttut, endlich abstellen, dann speichern wir in uns Kraft für den Weg aus der Höhle. Jedes Mal, wenn wir kein Urteil gesprochen haben, sondern die Seiten gewechselt haben, um etwas aus einer anderen Perspektive zu sehen, haben wir uns einen Riesengefallen getan, weil wir unseren gängigen Denkrastern zu entkommen versuchen.

– Es sind die kleinen Schritte, die zählen!

Im Gegensatz dazu sind es die vielen unkontrollierten Gedanken, die unsere Gegenwart belasten und die Menschen innerlich in einem viel größeren Ausmaß schädigen, als wir annehmen.

Vor allem aber ist es der Verlust des Bewusstseins, das den Altvorderen unserer Kultur fast heilig war: dass hinter aller vordergründigen Wirklichkeit eine geistige steht, die zählt; und dass es auf die innere Entwicklung ankommt.

Innerer Reichtum kann durchaus äußeren fördern

Was leider vollkommen aus dem Blickwinkel der Menschen Deutschlands geriet, ist, dass auch sein äußerer Reichtum eine Folge dieser inneren Einstellung war, weil dieser Reichtum und diese Einstellung ein Arbeitsethos und einen Umgang mit Familie und Beruf sowie dem eigenen Inneren mit sich brachte, der sich im Äußeren auswirkte!

Für mich ist sicher, dass, wenn es so weitergeht, der äußere Reichtum Deutschlands zusammenbrechen wird, weil die innere Substanz fehlt. Sie ist schlicht nicht mehr da, und ich kann nur allen empfehlen, sie, um diesem Land zu helfen, wo es geht, anzumahnen und selbst zu leben suchen. Natürlich auch wegen des äußeren Reichtums, warum nicht, wenn man angemessen mit ihm umgeht, sondern auch wegen der inneren Substanz, die jedem Menschen, der auf sie Wert legt, unendlich guttut. Wie sehr, mag sich für manchen erst im Leben nach dem Leben zeigen.

Für jemanden, der darauf achtet, ist diese innere Substanzlosigkeit bei einer Merkel so offensichtlich, wie es mehr kaum geht. Ihre Politik ist ziellos wie ein gebrochener Pfeil und der Frau fehlt ein inneres Koordinatensystem, das sie verwirklicht. Dass sie aber sich solcher Beliebtheit erfreut, zeigt, wenn die Zahlen stimmen – was ich manchmal nicht glauben kann -, wie sehr weite Teile der Bevölkerung ihrem Bewusstsein gleichgeschaltet sind.

Ein Horror für mich ist, um ein jüngstes Beispiel zu nehmen, dass Merkel mit Saudi Arabien vereinbarte, dass die Bundeswehr dessen Soldaten ausbildet. Saudi Arabien, in dem Menschen noch 2017 Hände abgeschlagen werden und regelmäßig freitags öffentliche Hinrichtungen stattfinden, unterstützt, das ist nun wahrlich genug bekannt, weltweit den Terror radikalster Gangart – gerade sind die Wahhabiten dabei, in Pakistan und Indien einen militanten Islam aufzubauen, auch das ist bekannt und wird sogar im Fernsehen kommuniziert. Und Riad unterstützt in Deutschland militante Salafisten. Wie kann man dieses Land militärisch fördern? Das ist meines Erachtens moralisch verkommen und zeigt eine innere Haltlosigkeit dieser Frau, die sie allerdings bestens in ihrem äußeren Auftreten und dem Eindruck, den sie von ihrer Politik zu erwecken sucht, zu kaschieren versteht. Alexander Mitscherlich hat einst über unsere vaterlose Gesellschaft geschrieben; hätte er lieber darüber geschrieben, dass diese Gesellschaft ein Mutterproblem hat; vielleicht wäre uns Mutter Merkel erspart geblieben oder mehr Menschen hätten sie durchschaut.

Und wie sehr sie Menschen einlullt, zeigt sich darin, dass ein Donald Trump Handel, vor allem Waffenhandel mit Saudi Arabien zunächst mit einem Volumen von 110 Milliarden US-Dollar (rund 98 Milliarden Euro) treibt – insgesamt wird das Volumen 380 Dollar umfassen -, ohne dass ein Aufschrei durch Deutschland – gefordert wäre ganz Europa – geht. Wie kann man so viele Waffen ausgerechnet in dieses Land pumpen!

Die moralische Verkommenheit ist allenthalben übergroß – und sie wird akzeptiert.

Um deutlich zu machen, warum das so tragisch ist und inwieweit das mit einem deutschen Wesen, wie ich es auf dem Hintergrund einer einzigartigen Kultur so schätze, zusammenhängt, zitiere ich Worte des spanischen Diplomaten und Schriftstellers Salvador de Madariaga (1886-1978) aus seinem Buch Porträt Europas, den man als Spanier kaum eines falschen Nationalismus deutscher Provenienz zeihen kann:

Deutschland bildet das Herzstück Europas, ist im Mittelpunkt seines Körpers, am Gipfel seines Geistes, in den innersten Räumen seines bewussten und unbewussten Wesens: die Quelle seiner erhabensten Musik, Philosophie, Naturwissenschaft, Geschichte, Technik – sie alle sind undenkbar ohne Deutschland. Wenn Deutschland fällt, so fällt Europa. Wenn Deutschland verrückt wird, so wird auch Europa verrückt. Die moralische Gesundheit des deutschen Volkes ist eine der Hauptbedingungen für die moralische Gesundheit Euro­pas, ja für seine Existenz selbst.

Um es noch einmal – wie schon im letzten Post – deutlich anzusprechen: Jede kulturell gewachsene Nation – bisweilen entspricht der Kulturraum auch dem Sprachraum -, hat Eigenschaften, die wertvoll sind für die Gesamtheit eines Kontinents, ja der Menschheit. Natürlich korrespondieren ihnen auch negative Eigenschaften, die, wenn der innere, der geistige Background fehlt, sich negativ auswirken: Klar sind Deutsche gern überpenibel, können ordnungsfanatisch sein und lehrerhaft.

Das ist immer dann der Fall, wenn sich Eigenschaften von ihrem inneren Kern lösen und verselbständigen. Man kann es in Frankreich derzeit bestens studieren, wo die einstmals vorhandene Vernunft, um die es dieser Nation so ging, durch eine rebellische, kindhafte Unvernunft boykottiert wird und notwendige Veränderungen und Reformen nicht vorgenommen werden, was Frankreich, wenn es so weitergeht, in den ökonomischen Ruin treiben wird.

Doch auch um Deutschland sieht es düsterer aus, als es momentan den Anschein hat.
Was Salvador de Madariaga schrieb, war einmal. Deutschland wird moralisch krank und kränker, immer geistloser.

Und das Schlimme ist: Ich sehe nicht, wie sich der einmal vorhandene wertschöpfende Geist wieder einstellen sollte.

Es stellt sich die bange Frage: Finden sich genügend Deutsche, die in dieser hohen Gefährdungslage wieder an den wahren deutschen Geist anknüpfen wollen, der sich dessen bewusst war, dass ohne Geist Leben wertlos ist, verkommt?

Eigentlich ist dieser Geist, von dem ich schreibe, dass er Deutschland auszeichne, einer, den jedes Land in gewisser Weise, auch jeder Mensch in sich trägt. Aber es war der Kultur Deutschlands vergönnt, diesen Geist zu einem zentralen Thema seines öffentlichen Lebens und seiner inneren Wirklichkeit zu machen.

Warum ist der Pfeil gebrochen?

Oder, wie es Nietzsche sagt: Warum sind dem Adler die Flügel gebrochen?

Wir können das Beispiel Geld wählen und wahrnehmen, dass eine geistige Energie dahintersteht. Wir können Hass nehmen, und es steht eine geistige Energie dahinter, wir können eine Institution wie die Kirche nehmen und es steht eine Energie dahinter, wir können den Rüstungskonzern Rheinmetall nehmen, der die Türkei mit Panzern beliefern wollte (will?) und es steht eine geistige Energie dahinter. Hinter allem und jedem und in allem und jedem ist das der Fall. Nicht die Hassworte, die jemand aus dem Mund fallen lässt, sind das Entscheidende, sondern deren entsprechender geistiger Kobold, der sich mit anderen Hasskobolden deutschlandweit, europaweit, weltweit vereinigt und etwas entstehen lässt, ein Ereignis, ein Unglück, auf Grund dessen sich dann Menschen mit offenem Mund fragen: Wie konnte das geschehen?

Oder sie fragen: Wie konnte Gott das zulassen?

Das ist eine der verlogensten Fragen, die es überhaupt gibt.

Schauen wir lieber ehrlich das Verhalten und die Worte der Menschen, ihre Verlogenheit, Falschheit und Gier nach Geld und Ruhm weltweit an. Zu glauben, all das bleibe folgenlos in den Kleidern hängen, täuscht. Was der Mensch sät, erntet er.

Menschen sollten, bevor sie mal wieder Gott zur Rede meinen stellen zu müssen, ihre Fragen an Menschen richten, die Dinge tun, die zwangsläufig zu Unglück und Not führen.

Leider sehen wir nicht, welche Energien Glück und Schönheit, Barmherzigkeit, aber auch klares und konsequentes ethisches Denken und Handeln zustande bringen. Liebe, von der so viel gesprochen wird, bedeutet ja nicht, Ungerechtigkeiten und Verkommenheiten tatenlos zuzusehen.

Jedenfalls müssen wir uns wieder angewöhnen zu sehen, dass alles auf seelischen Ebenen Auswirkungen hat. Und nichts ohne Konsequenz geschieht.

Und wenn wir gerade in unserem liebenswerten Land darauf achten, werden vielleicht wieder Antennen ausfahren, die das wahrnehmen können, was ein Fichte, ein Schelling, ein Goethe, ein Novalis, ein Richard Wagner, ein Caspar David Friedrich wahrgenommen und umgesetzt haben, auf ihrem Gebiet. Genau das kann sich auch auf politischem Feld abspielen, aber dazu müssen Menschen innerlich bereit sein. Unsere Politiker sind weitgehend Marionetten des Höhlenbewusstseins, Söhne und Tochter der Stiefmutter. Und unsere Politiker repräsentieren nur den Zeitgeist, der getragen wird von vielen, vielen Millionen Menschen in Deutschland. Wer glaubt, außen vor zu sein, steht im Dienst der Unterirdischen, unter denen der kleine Jakob leidet.

Ich hoffe nur, dass Menschen wieder einsichtiger werden und sich die richtigen Ziele wählen, denn kein gebrochener Pfeil, kein gebrochener Flügel erreicht sein Ziel. Schon gar nicht auf einer alles entscheidenden geistigen Ebene, die zu einem guten Ende zu bringen die Menschheit vor Milliarden von Jahren angetreten ist.

Wer auf jenen Geist zu hören, der die Kultur dieses Landes so geprägt hat, wieder oder weiterhin bereit ist, ist kein schwankendes Rohr, das der Zeitgeist umeinanderbeugt, mal hierhin, mal dorthin. Er lebt nicht von außen nach innen und schafft sich den Unrat des Zeitgeistes, dem Nikotin gleich, in die eigene Lunge bzw. Seele, sondern er lebt von innen nach außen, wissend, was der weise Novalis meinte, wenn er sagte: In uns oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten.

Er wird sich durchaus modisch kleiden, wenn ihm danach ist, aber er wird nicht den Moden der Zeit frönen müssen. Er wird wissen, was Menschen meinen, wenn sie sagen, es gälte, ganz im Augenblick zu leben. Insgeheim aber weiß er, dass es gilt, dem Ewigen Rechnung zu tragen, jenem Ziel, von dem Nietzsche sprach, wenn möglich, in jedem Augenblick, jenem Geist also, von dem dieses Land und seine Kultur so viel wusste.

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Kleiner Jakob, kleiner Jakob, komm‘ zu Haus! – Ernst Moritz Arndt und sein deutsches Wesen. –

 Auch ein Beitrag zur ach so gar nicht existenten Leitkultur. Frau Özoğuz gewidmet!

Klage um den kleinen Jakob ist ein Gedicht, über das man leicht hinweglesen, ja höchstens die ersten Zeilen konsumieren und dann weiterblättern mag. Es sei denn, man macht sich um den Kleinen gleich anlässlich der ersten Zeile Sorgen oder bleibt an dem Namen hängen, weil aus der eigenen Kindheit ein Bruder Jakob, Bruder Jakob, schläfst Du noch, schläfst du noch heraufklingt oder einem Jakob, Esau und sein Linsengericht, womöglich auch Jakob der Lügner, falls man Jurek Beckers Roman gelesen hat, in den Sinn kommen.

Schnell aber merkt man, mit all dem hat das Gedicht von Ernst Moritz Arndt (1769-1860) wenig bis nichts zu tun (jedenfalls scheint es so). Es geht hier um den kleinen Jakob, groß genug, um Kühe zu hüten, aber zu klein, als dass sich nicht Schwestern und Brüder recht schnell Sorge machen, wobei wir hoffen wollen, dass es ihnen wirklich um den kleinen Bruder und nicht eher um die Kühe ging.

In jedem Fall wird sich erweisen, dass das Gedicht, geschrieben 1808, uns zu den Tiefen und Untiefen deutschen Wesens zu führen vermag, zugleich aber auch zu Tiefen des menschlichen Wesens überhaupt:

.

Wo ist der kleine Jakob geblieben?
Hatte die Kühe waldein getrieben,
Kam nimmer wieder,
Schwestern und Brüder
Gingen ihn suchen in’n Wald hinaus –
Kleiner Jakob, kleiner Jakob, komm‘ zu Haus!

Wohin ist der kleine Jakob gegangen?
Hat ihn ein Unterird’scher gefangen,
Muß unten wohnen,
Trägt goldne Kronen,
Gläserne Schuh, hat ein gläsern Haus.
Kleiner Jakob, kleiner Jakob, komm‘ zu Haus!

Was macht der kleine Jakob da unten?
Streuet als Diener das Estrich mit bunten
Blumen und schenket
Wein ein, und denket:
Wärst du wieder zum Wald hinaus!
Kleiner Jakob, kleiner Jakob, komm‘ zu Haus!

So muß der kleine Jakob dort wohnen,
Helfen ihm nichts seine güldenen Kronen,
Schuhe und Kleider,
Weinet sich leider –
Ach! armer Jakob! – die Äuglein aus.
Kleiner Jakob, kleiner Jakob, komm‘ zu Haus!           

                                                 
Tatsächlich könnte in dem ein oder anderen Leser eine tiefere Ebene resonieren, wenn wiederholt von gläsern die Rede ist, vom gläsernen Haus und von gläsernen Schuhen. Schuhe haben nun einmal eine hohe Symbolkraft. Wir denken an jene lebensentscheidenden des Aschenputtels der Gebrüder Grimm oder an die Aschenputtel-Schuhe in Perraults Märchen, zumal sie dort sogar gläsern sind.

Dreimal auch wird der Wald erwähnt, der mit dem dreimaligen Hinweis auf unten bzw. den Unterirdischen korrespondiert.

In der Tat, wer in den Wald läuft, gerät ins Unter-Bewusste, dafür steht er nun einmal, und wer Eisenhans, jenes Grimm-Märchen, das sich mit dem Thema der notwendigen Lösung des Sohnes von der Mutter so aufschlussreich beschäftigt – genial dazu Robert Blys Buch Eisenhans. Ein Buch über Männer – gelesen  hat, weiß, warum der Sohn sofort, nachdem er der Mutter den Schlüssel unter dem Kopfkissen entwendet und damit den Wilden Mann aus dem Käfig befreit hat, von eben diesem Eisenhans in den Wald gebracht wird. Schließlich müssen auch Hänsel und Gretel lernen, dass man in der Auseinandersetzung mit dem Bösen, auf das man natürlich im Wald trifft, nur überlebt, wenn man es gegebenenfalls riskiert, gewitzter als der Beelzebub zu sein und ihn mit Mitteln des Teufels zu bekämpfen, also die Hexe austrickst und den Mut hat, sie ins Feuer zu treten. – Ob der kleine Jakob das schafft? Noch scheint es nicht so. Umso verständlicher der flehentliche Ton, die dringliche Bitte der Schlusszeile, die uns natürlich auch die Frage stellen lässt: Wer fleht hier eigentlich?

Dazu ein andermal mehr. Deutlich mag jedenfalls bereits jetzt geworden sein: Das Gedicht hat eine auf den ersten Blick nicht zu erkennende überraschende Tiefe und wenn man sie zulässt, mag man auch gewahr werden, dass seine äußere Form und Gestaltung durchaus einiges Unkonventionelle und eine recht hohe Originalität aufweisen.

Zunächst sollte man aber wissen, dass obige Strophen von einem auf Rügen geborenen deutschen Dichter stammen, dessen Namen – Ernst Moritz Arndt – man im Januar diesen Jahres aus dem der Universität von Greifswald jagte. Wie sich im März dann herausstellen sollte, war es trotz einer Zweidrittelmehrheit ein vergeblicher Versuch des Akademischen Senats, die Universität reinzuwaschen, da das Vorgehen nicht rechtskonform war und der Beschluss vom Bildungsministerium Mecklenburg-Vorpommerns, allerdings aus rein formalen Gründen, kassiert wurde. – Die Hochschule will, wie ich gelesen habe, einen korrekten Beschluss nachholen, um endlich diesen Mann loszuwerden.

Nur: Verjagt hat man ihn in Greifswald im Grunde schon, ein Los, das dem Dichter nicht unbekannt ist, wurde er doch zu Lebzeiten auf dem Hintergrund der Karlsbader Beschlüsse (zu der damaligen Zeit hier ein kleiner Abriss) und der damit zusammenhängenden Verfolgung fortschrittlicher Kräfte, die man als Demagogen bezeichnete, aus seinem Bonner Professorenamt gejagt; des Weiteren musste er aufgrund seiner eindeutig antinapoleonischen Aussagen vor französischen Truppen aus der Heimat fliehen, wurde von Adligen heftigst attackiert, weil sie ihm sein fulminantes Eintreten für Bauern und gegen Leibeigenschaft krumm nahmen und bekam eine Kugel in den Bauch gejagt, weil er einen schwedischen Offizier wegen antideutscher Bemerkungen zum Duell herausgefordert hatte.

An Einsatz und Mut hat es diesem Mann, dem es später sogar vergönnt war, als Abgeordneter in die Paulskirche einzuziehen, offensichtlich nie gefehlt. Das zeigt seine bereits angesprochene und 1803 veröffentlichte, und immerhin 277 Seiten umfassende Schrift Versuch einer Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen – Nebst einer Einleitung in die alte teutsche Leibeigenschaft.

Ebenso war Ernst Moritz Arndt zu seiner Zeit aber auch einer der bekanntesten Franzosen- und Judenhasser Deutschlands. Einige seiner Aussagen sind in der Tat erschütterlich, Beispiel:

Darum laßt uns die Franzosen nur recht frisch hassen, laßt uns unsre Franzosen, die Entehrer und Verwüster unserer Kraft und Unschuld, nur noch frischer hassen, wo wir fühlen, daß sie unsere Tugend und Stärke verweichlichen und entnerven.

Oder:

Man sollte die Einfuhr der Juden aus der Fremde in Deutschland schlechterdings verbieten und hindern. […] Die Juden als Juden passen nicht in diese Welt und in diese Staaten hinein […].

Klar, dass der Mann von den Nazis vereinnahmt wurde und es Goebbels war, der dafür Sorge trug, dass die Universität Greifswald ab 1933 Arndts Namen im Schilde führte (man darf gespannt sein, ob von der Leyen als Verteidigungsministerin ebenfalls nun dafür Sorge trägt, dass die Hagenower Ernst-Moritz-Arndt-Kaserne umbenannt wird).

Hat man die Zeit des Nationalsozialismus erlebt und hört einige Aussagen Arndts, mag man sie als nationalistisch und rassistisch beurteilen. Arndt aber in einem Atemzug mit den Nationalsozialisten zu nennen und ihn, wie geschehen, auf eine Stufe mit ihnen zu stellen, ist einfach nur fahrlässig.

Von Arndts Tod bis zur Zeit des deutschen Faschismus fanden in unseren Breiten vier Kriege statt, der Deutsch-Dänische 1864, der sogenannte Deutsche zwischen Preußen und Österreich 1866, der Deutsch-Französische Krieg 1870/71 sowie der Erste Weltkrieg.

Einfach davon auszugehen, einen Mann wie Arndt hätten die Geschehnisse inclusive der Machtübernahme der Nazis unbeeinflusst gelassen und er hätte 100 Jahre später alles genauso formuliert, halte ich für absolut fahrlässig, zumal er sich immer deutlich gegen Feudalismus und Gewaltherrschaft aussprach und es Aussagen von ihm gibt, wie z.B.:

Wer das Schwert trägt, der soll freundlich und fromm sein wie ein unschuldiges Kind, denn es ward ihm umgürtet zum Schirm der Schwachen und zur Demütigung der Übermütigen. Darum ist in der Natur keine größere Schande, als ein Krieger, der die Wehrlosen misshandelt, die Schwachen nöthet, und die Niedergeschlagenen in den Staub tritt.

Oder:

 Denn der Krieg ist ein Übel und die Gewalt ist das größte Übel.

Desgleichen aus seiner Schrift Geist der Zeit:

Denn wenn ein Fürst seinen Soldaten befiehlt, Gewalt zu üben gegen die Unschuld und das Recht, […] müssen sie nimmer gehorchen.

Seine Aussage

Es wird ja hoffentlich einmal eine glückliche deutsche Stunde für die Welt kommen und auch ein gottgeborener Held, […] der mit scharfem Eisen und mit dem schweren Stock, Scepter genannt, [das Reich] zu einem großen würdigen Ganzen zusammenschlagen kann.

kann nur missverstehen, wer nicht zur Kenntnis nehmen will oder kann, dass Arndt nun einmal im Deutschen Vormärz lebte.

Ich vermute, dass in dem universitären Greifswalder Gremium einige saßen, die nicht bereit waren zu sehen, dass in 100 Jahren Geschichte sich Bewusstsein verändert, dass die Bedeutung von Worten und ihre Gewichtung sich verändern und dass sie zudem noch einen Zweiten Weltkrieg in sich aufgezeichnet finden, den sie womöglich auch auf Arndts Aussagen geladen haben.

Es liegt aber auch daran, dass sie das Wesen unserer Kultur, wie ich noch aufzeigen möchte, bewusst ignorieren oder intellektuell nicht erfassen können.

Zudem gibt es in unserem Land eine Menge Leute, die klischeehaft reagieren und nicht zu unterscheiden in der Lage sind, ob eine nationalistische oder ethnologische, also völkerkundliche Sicht vorliegt, die zu erkennen gibt, dass jedes Volk durchaus eine eigene und einzigartige Prägung hat.

Gegen ein uniformiertes Europa

Erinnern wir uns zunächst daran, dass jüngst Thomas de Maizière eine neuerliche Leitkulturdebatte losgetreten und daraufhin bereits oben angesprochene Frau Aydan Özoğuz (SPD), Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, erklärt hatte, sie sehe keine spezifisch deutsche Kultur jenseits der Sprache und die Debatte gleite ins Lächerliche und Absurde, die Vorschläge verkämen zum Klischee des Deutschseins. – Ein erstaunlich geschichtsloses Statement, das sie im Tagesspiegel abgab.

Seltsam auch, dass eine Integrationsbeauftragte glauben machen will, man brauche nur alle spezifische Kultur eines Volkes jenseits der Sprache ausradieren, dann fließe der einheitliche Menschenbrei europa- und weltweit perfekt integriert ineinander.

Das hat schon Paracelsus in seinem Prologus zu Liber de nymphis, sylphis, pygmaeis et salamandris et de caeteris spiritibus anders gesehen und ein Lob der Vielfalt gesungen (einfach mal in der deutschen Kulturgeschichte ein bisschen blättern, Frau Özoğuz . . .).

Das Urteil der bundesrepublikanischen Integrationsbeauftragten erinnert zudem an Schrödingers Katze, die nicht in der Kiste ist, wenn man einfach nicht nachguckt.

Womöglich ist in der Kiste doch eine deutsche Leitkultur – und gar ein deutsches Wesen? Wobei ich hier einmal absehe von der Diskussion um die Begriffswahl „Leitkultur“, die man glücklich oder unglücklich finden kann, vielleicht einfach auch nur überstrapaziert.

Ein Portugiese singt gegen den Strom

Erinnern Sie sich an den letzten ESC-Entscheid, als der deutsche Beitrag mit Levina, verglichen mit den Vorjahren, auf den vorletzten Platz hinaufschnellte (ich persönlich denke ja, Europa straft die Frauen, die da für Deutschland auftreten, für eine Merkel ab) und haben Sie den Siegerbeitrag gesehen:

ein schmaler Portugiese mit großem Kopf und großen Augen, hochgebundenem Pferdeschwänzchen und Zottelbart, zu leiser Stimme, zunächst kaum hörbar (ich vermute, mehrere Millionen weltweit griffen, als er zu singen begann, zum Lautstärkeregler), alles andere als das übliche musikalische Soundgehämmere, zu großes Jackett, Vortrag ohne alles Feuerwerk, ohne Farborgeln, ohne halbnackte Tänzerinnen im Hintergrund, sich selbst seltsam verrenkend, dastehend mit gefalteten Händen, um dann mit ihnen die Töne zu streicheln: einfach umwerfend, dieser Salvador Sobral mit seinem Amor pelos dois, das er in der Sieger-Wiederholung mit seiner Schwester sang, die den Song für ihn geschrieben hatte. Selten habe ich etwas im Fernsehen gesehen, was mich so berührt hat. Es war, als ob Europa auf ihn gewartet habe, um zu sagen: Schert euch zum Teufel mit eurer blockbusterhaften Musik, wir wollen einen Menschen sehen, und sei er so zerbrechlich wirkend wie dieser Mann, der etwas zum Ausdruck bringen kann und nicht wie eine aufgezogene Puppe wirkt, dessen portugiesische Worte wir zwar nicht verstehen, aber sehen, wie er mit so viel Hingabe von Liebe singt.

Mit ihrer so eindeutigen Abstimmung haben die Menschen Europas indirekt zum Ausdruck gebracht, was sie von einer sie und ihre Bedürfnisse vergewaltigenden bürokratischen und überwiegend auf Ökonomisches fixierten, echtem Menschsein fremd gegenüberstehenden EU-Politik halten.

Ja, ich dachte bei mir: Vielleicht muss man Portugiese sein, um den Mut zu haben, so gegen den Strom zu singen.

Ui, würde Frau Özoğuz sagen, Leitkultur gibt´s nicht, also auch keine portugiesische; etwas, wie ein portugiesisches Wesen gibt es also keinesfalls!

Merkel sollte mal Sirtaki tanzen!

Aber mal ehrlich: Wehte da nicht der Geist des Fado durch die Halle, ja durch ganz Europa, jener ganz spezifische portugiesische Musikstil, den die Weiten des Atlantik bringen, der über die langgezogene Küste ins Landesinnere hinein Einzug hält und sich mit den so zahlreichen bis über zweitausend Meter hohen Bergen des Landes verbindet?

Hat da nicht einer drei Minuten lang Europa verzaubert, wie es auf diese Weise vielleicht nur ein Portugiese kann?

Und hat das nicht so deutlich werden lassen, wie sehr Europa daran krankt, dass alle Länder über einen Kamm geschert werden, dass ihnen ihre Eigenart genommen werden soll und schon genommen worden ist?

Dass alle im ökonomischen Gleichschritt junckern, schulzen, schäubeln und merkeln sollen? Hätten wir nicht viel mehr darauf achten sollen, was die einzelnen Länder auszeichnet? Was ihr Beitrag zu einer echten Europäischen Union sein kann und wie man einen so vielfältig schönen europäischen Flickenteppich auf allen Ebenen zur Geltung bringen kann, ohne zu meinen, jedes Land uniformieren zu müssen?

Griechen oder Portugiesen werden nunmal keine Daimler bauen, keine Werke wie Siemens oder Bosch vorweisen.

Aber lassen Sie mal eine Merkel einen Sirtaki tanzen oder einen Schäuble einen Fado singen, dann wird schnell deutlich, warum die beiden sind, wie sie sind, und warum sie versuchen, Europa ihrem Wesen anzupassen!

Leben besteht eben nicht nur daraus, Geld zu verwalten und Autos zu bauen, mögen letztere durchaus auch Lebensgefühl vermitteln, warum nicht? Dennoch sind nach wie vor diejenigen die Ärmsten, die nicht merken, dass sie nichts als Geld besitzen. Iren werden nie auf ihren Folk verzichten, auf dieses Gefühl, das sich nur mit dieser Musik verbindet; und desgleichen werden Bretonen nicht von ihrer keltischen lassen oder manche Deutschen von ihren Volksliedern, weil sie um deren innewohnende Weisheit wissen.

Irgendwie glaubte man an diesem Abend beim Singen dieses Liedes eine europaweite Wehmut zu verspüren über die verlorengegangene Individualität der Länder Europas.

Vom portugiesischen zum deutschen Wesen

Wenn man von Letzterem spricht, dann entweder in der NPD-Parteizentrale oder hinter vorgehaltener Hand oder einem deutlich sarkastischen Tonfall in der Stimme, der unbedingt vermitteln muss: Glaubt bloß nicht, ich glaube an sowas (Abartiges).

Der Abartige, der zum ersten Mal davon schrieb, hieß Emanuel Geibel (1815-1884), nicht zu den Großen der deutschen Dichterzunft gehörend, aber zu seiner Zeit durchaus populär und zugleich sehr unterschiedliche Urteile herausfordernd. Bekannt ist fast einzig jenes Lied, das uns auffordert, im Frühling aus Sicherheitsgründen Abstand zu Bäumen zu halten (Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus). Kaum einer weiß, dass Geibel es war, dem wir den Gedanken verdanken, dass an deutschem Wesen einmal noch die Welt genesen mag (Geibel schrieb mag, nicht soll).

Jener Gedanke findet sich in seinem Gedicht Deutschlands Beruf und ich zitiere die erste und letzte der sieben Strophen:

Soll’s denn ewig von Gewittern
Am umwölkten Himmel braun?
Soll denn stets der Boden zittern,
Drauf wir unsre Hütten baun?
Oder wollt ihr mit den Waffen
Endlich Rast und Frieden schaffen?

. . .

Macht und Freiheit, Recht und Sitte,
Klarer Geist und scharfer Hieb
Zügeln dann aus starker Mitte
Jeder Selbstsucht wilden Trieb,
Und es mag am deutschen Wesen
Einmal noch die Welt genesen.

1861 geschrieben, ist es ein Gedicht, wie sie vor allem auch in der Zeit, in der Geibel zu dichten begann, dem Deutschen Vormärz, jener Zeit vor der März-Revolution 1848 (hier eine überschaubare Zusammenfassung), als es in Deutschland wie noch nie zuvor brodelte, politisch und literarisch, verfasst worden sind. Wobei auf der anderen Seite viele Bürger nach der französischen Revolution und den napoleonischen Wirren nichts anderes als eine schlichte, biedere Idylle herbeisehnten, weshalb man auch vom sogenannten Biedermeier spricht. Dennoch war es zwischen dem Wartburgfest (1817) und Hambacher Fest (1832) bis 1848 vor allem auch die Zeit der Deutschen Burschenschaften und des Turnvater Jahn, eine Zeit, in der Studenten, Bürger, Literaten, Handwerker und Handelstreibende ein gemeinsam Ziel verfolgten: ein nicht mehr heillos in über 30 Einzelstaaten zersplittertes, sondern ein vereintes Deutschland.

Es war eine Zeit extremer Zensur, in der kaum ein Lyriker mehr von Revolution zu schreiben wagte, sondern eine Lerche jubilierend aufsteigen ließ und jeder verstand, für was die Lerche steht. Immer noch winkte der Hohenasperg – unvergessen das Schicksal Schubarts -, jener Berg, dessen bekanntestes Gebäude in der Zeit um 1848 keineswegs zufällig eine erhöhte Gefangenenfrequenz aufwies. Selten, dass jemand so offen zum Kampf aufzurufen wagte wie ein Georg Herwegh – hier die erste und letzte Strophe seines Aufrufs:

Reißt die Kreuze aus der Erden!
Alle sollen Schwerter werden,
Gott im Himmel wird´s verzeihn.
Lasst, o lasst das Verseschweißen!
Auf den Amboss legt das Eisen!
Heiland soll das Eisen sein.

. . .

In den Städten sei nur Trauern,
Bis die Freiheit von den Mauern
Schwingt die Fahnen in das Land;
Bis du, Rhein, durch freie Bogen
Donnerst, lass die letzten Wogen
Fluchend knirschen in den Sand.

Was diese Zeit so faszinierend macht, ist, dass die Menschen wirklich bereit waren zu handeln. Herwegh zum Beispiel, der mit seinem Gedichtband Gedichte eines Lebendigen deutschlandweit bekannt und sogar vom Kaiser zur Audienz empfangen wurde, stellte sich ein kleines Heer zusammen, um selbst einzugreifen. Allerdings verlor es sich mitsamt seinem Kommandeur auf Nimmerwiedersehen im süddeutsch-schweizerischen Raum.

Es braust ein Ruf wie Donnerhall

Emanuel Geibels Anfänge und eine wichtige Phase von Ernst Moritz Arndts Leben liegen in jener Zeit, als es ein Gebot der politischen Vernunft war, dass das in Einzelstaaten zerklüftete Deutschland – 1790 noch gab es 1800 Zollgrenzen – sich endlich vereine. Wer das forderte, war fortschrittlich, und wenn manche es auch kaum fassen mögen:

Turnvater Jahn, die Deutschen Burschenschaften und das Deutschlandlied August Heinrich Hoffmann von Fallerslebens verfolgten eine fortschrittliche Idee. Man musste nicht Kaufmann sein und von Königsberg nach Köln seine Waren achtzigmal verzollen müssen, um zu wissen, dass die politischen und ökonomischen Zustände eines feudalistisch geprägten Deutschland unhaltbar waren.

Der Rhein wurde zum auch gegen Frankreich gerichteten Symbol deutscher Einheit; säckeweise wurden Rheinlieder und – gedichte geschrieben. Auch Arndt zählte zu denen, die hier mitproduzierten.

Eines der noch anspruchsvolleren kam von Robert Prutz, heute kaum mehr bekannt, der in seinem zehnstrophigen Rheinlied – im Folgenden die erste und letzte Strophe – seinen Mitbürgern ins Gewissen schrieb:

Der deutsche Rhein – ! Wie klingt das Wort so mächtig!
Schon sehn wir ihn, den goldig-grünen Strom,
Mit heitern Städten, Burgen stolz und prächtig
Die Lurlei dort und dort den Kölner Dom!
Der freie Rhein – ! Gedächtnis unsrer Siege,
Du mit dem Blut der Edelsten getauft,
Ruhm unsrer Väter, die in heil’gem Kriege
Mit Liedern nicht, mit Schwertern dich erkauft

. . .

So wird’s erreicht! Und wenn in künft’gen Tagen
Das stolze Frankreich unsern Rhein begehrt,
Wir werden es mit Lächeln dann ertragen,
Dann ohne Lieder, doch die Hand am Schwert.
Denn dann gelang’s, ihn ewig fest zu flechten:
Die goldne Freiheit soll die Fessel sein!
Dann lohnt es sich, bis in den Tod zu fechten,
Dann, deutsch und frei, dann bleibt er unser Rhein!

Allerdings, Prutz suchte nur, auf ein deutlich bekannteres Rheinlied, jenes nämlich von Nikolaus Becker, aufzusatteln, das, gleich gegen Frankreich intonierend, beginnt:

Sie sollen ihn nicht haben
den freien deutschen Rhein,
ob sie wie gierige Raben
sich heiser danach schrein

Man mag auf dem Hintergrund dieser Zeilen ahnen, was damals in Deutschland los war, welche Stimmung vorherrschte.

Wie oberflächlich es ist, wenn man einem Ernst Moritz Arndt seinen Franzosenhass, der deshalb freilich moralisch um nichts besser wird, ohne historischen Bezug zum Vorwurf macht, wie ich das in Sachen Greifswald gelesen habe, dürfte etwas klarer geworden sein. Auch wenn Arndts Worte besonders martialisch waren: Man kann sie 2017 nicht einfach auflisten und für sich wirken lassen wollen.

So makaber es klingt: Für weite Teile Deutschlands gehörten sie damals zum guten Ton, gerade auch angesichts des Verhaltens eines Adolphe Thiers, der als französischer Minister und zeitweilig auch als Ministerpräsident sich nicht scheute, angesichts der diplomatischen Niederlage Frankreichs in der Orientkrise mit neuerlichen Ansprüchen im Hinblick auf den Rhein mächtig säbelzurasseln, um innenpolitisch zu punkten, wohl wissend, dass er links- und rechtsrheinisch gewaltig nationalistische Emotionen schürte.

Kein Wunder also, dass sich jene Zeilen von Max Schneckenburger, 1840 geschrieben, sogar bis zum Kaiserreich hielten, um dort schließlich Kultstatus zu erlangen, hier die erste Strophe:

Es braust ein Ruf wie Donnerhall,
Wie Schwertgeklirr und Wogenprall:
Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein!
Wer will des Stromes Hüter sein?
Refrain
Lieb’ Vaterland, magst ruhig sein,
Fest steht und treu die Wacht, die Wacht am Rhein!

Vergleichbares lässt sich auch im Hinblick auf Arndts Judenphobie sagen. Ich möchte nicht wissen, was ein Martin Luther oder ein Richard Wagner, denen schon so viele güldene Kronen aufgesetzt worden sind, über das hinaus, was gegenüber Juden Unfreundliches von ihnen bekannt ist, dachten . . .

Und ich möchte nicht wissen, was jene, die in Greifswald Arndt aus dem Uni-Namen jagten, in der Vormärz-Zeit oder der des Nationalsozialismus herausposaunt hätten, weil sie in Wirklichkeit zu denen gehören, die von sich geben, was sie meinen, dass es von ihnen erwartet wird: 1840, 1933 oder 2017.

Falls es nicht aufgrund meines Sobral-Beispieles klar geworden sein sollte, möchte ich nochmal betonen, dass ich glaube, dass für jede gewachsene Nation bestimmte Wesenszüge und Eigenschaften auszumachen sind, im Guten wie im Bösen, ein Faktum, das nichts Nationalistisches an sich hat, sondern Ethnologisches, also Völkerkundliches. – (Verstehen Sie den Unterschied, Frau Özoğuz?)

Wir wissen aus unserer Erfahrung, dass, wenn wir in unterschiedlichen Firmen oder Institutionen gearbeitet haben, eine jede einen bestimmten Geist aufweist; oft, nicht immer, ist er von oben geprägt. Ja, jede Familie hat einen ganz spezifischen, jeder Verein und in jedem Verein eine jede Abteilung – und genauso verhält es sich mit den Völkern dieser Erde. Für manche ist das schlimm, ja politisch rechts, wenn man von einem Volksgeist spricht. – Meist entspringen entsprechende Urteile einem Klischee, wie man zu denken hat bzw. nicht denken darf und wie man Worte verstehen sollte. – Klischees und Tabus sind die heimlichen Regenten auch unserer Zeit. Sie sind die Basis von 90 Prozent aller Urteile und Vorurteile. – Manchmal bin ich erstaunt, dass man von Volksgeist eher nicht sprechen sollte, aber Volkswagen sagen darf. – In unserem Land ist Autos nunmal mehr gestattet als Menschen.

Also, ich spreche von einem Volksgeist, ja, es gibt, und da wird es den meisten Zeitgeistlern ihren Hut vom Kopf lupfen, sogar Volksengel, zumeist Völkerengel genannt. Die Bibel kennt sie und die Mythen kennen sie auch. Sogar die Hölle hat ihren Engel.

Das ganze Deutschland soll es sein!

Gewiss gibt es hochentwickelte Menschen, die in vielen Leben gelernt haben, auf angemessene Weise mit dem Bösen umzugehen und die, selbst wenn ihnen bitteres Unrecht geschehen ist, in der Lage sind, sich nicht Gedanken der Rache und Bestrafung hingeben zu müssen; ich denke an Conrad Ferdinand Meiers einzigartige Ballade Die Füße im Feuer , die davon handelt, an einen Nelson Mandela oder einen Dietrich Bonhoeffer.

Wer seine Emotionen flach hält bzw. nicht in der Lage ist, sie wahrzunehmen und zu leben, kommt allerdings nicht in die Versuchung, von der ich gesprochen habe. Jeder von uns kennt wohl Menschen, die scheinbar nur lieb und gut sind, in Wirklichkeit aber nur ihre Emotionen, sorgsam überdeckelt, kanalisiert haben oder das Kindheitsmuster des lieben Kindes bis zum Lebensende perpetuieren. – Wobei es nicht besser ist, wenn Menschen so ungebremst, wie das zur Zeit geschieht, niedrige Emotionen ventilieren. Mit jedem Tun verstärkt man die entsprechende Energie. – Wir haben immer eine große Verantwortung.

Arndt war einer, der das volle Programm gelebt hat

Ja, Arndt war so einer, einer, der das Wesen der Menschen, die zu unserem Kulturkreis gehören, in hohem Maße repräsentiert, nämlich, mit allen Fasern zu leben, alles mit ganzem Herzen zu tun, eine Fähigkeit, der im Übrigen unser Kulturkreis verdankt, dass Deutschland eine kulturell einzigartige, ökonomische und politisch bedeutsame Nation geworden ist, mit allen Höhen und Tiefen (auch wenn Sie es nicht gern hören, Frau Özoğuz) .

Diese Höhen und Tiefen zeigen sich gerade auch bei Arndt und er ist von daher ein ganz typischer Vertreter unsere Kultur. Vielleicht ist auch das der Grund, warum die Damen und Herren des Greifswalder Gremiums ihn so gern verjagten, weil sie nämlich nicht bereit waren, über ihn auch in sich selbst jene Höhen und Tiefen anzusehen. Sie zeigen sich bei Arndt in seinen vorhandenen Hasstiraden und rassischen Äußerungen. Sie zeigen sich auch in seiner Lyrik. Da gibt es neben einigen wenigen wie der Klage des kleinen Jakob viel Dutzendware:

Das ganze Deutschland soll es sein!
Das sei der Ruf, der Klang, der Schein,
Der junge und der alte Schluß,
Der Blücher, der Arminius!
Das soll es sein!
Das ganze Deutschland soll es sein!

Solche Zeilen – und von ihnen schrieb Arndt eine ganze Menge – waren schon zu seiner Zeit drittklassig, Zeitgeist-Dutzendware, erstaunlich für einen Privatdozenten an der Uni Greifswald in den Fächern Geschichte und Philologie, bald darauf dort außerordentlicher Professor für Philosophie und in Bonn späterhin Professor für Geschichte.
Aber es gehört zu seinem Wesen, wie ebenso das Folgende:

Der Gott, der Eisen wachsen ließ,
der wollte keine Knechte,
drum gab er Säbel, Schwert und Spieß
dem Mann in seine Rechte;
drum gab er ihm den kühnen Mut,
den Zorn der freien Rede,
dass er bestände bis aufs Blut,
bis in den Tod die Fehde.

Natürlich liegt auch in der zuletzt zitierten Strophe eine Vermischung von religiösem und kriegerischem Vokabular vor – wir erinnern uns, wie Herweg die Kreuz- und Schwertsymbolik ineinander gelegt hat. Es ist dies kein spezifisches Kennzeichen Arndtschen Schaffens, sondern durchaus typisch für die Zeit. Sie mit unseren ethischen Maßstäben messen zu wollen, ist einfach dümmlich.

Wie aber passen seine eisenhaltigen Worte zu einer Strophe, die sich im Kirchengesangbuch findet:

Ich weiß, woran ich glaube, ich weiß, was fest besteht,
wenn alles hier im Staube wie Sand und Staub verweht;
ich weiß, was ewig bleibet, wo alles wankt und fällt,
wo Wahn die Weisen treibet und Trug die Klugen prellt.

Auch das Folgende vermittelt intensive Geistigkeit:

Der heil’ge Christ ist kommen
Der teure Gottessohn;
Des freun sich alle Frommen
Am höchsten Himmelsthron.
Auch, was auf Erden ist,
Soll preisen hoch und loben
Mit allen Engeln droben
Den lieben heil’gen Christ.

Alle diese Lieder sind viel-, zumindest mehrstrophig und zeigen einen zum Teil pietistischen Tonfall von inniger Religiosität. Ich habe, gerade als Kind, zu viel bigotte Gläubigkeit erleben müssen, als dass ich diesbezüglich nicht sehr vorsichtig geworden wäre, aber mein Eindruck bei der Lektüre war nicht, dass hier Oberflächengesäusel vorliegt.

Es gehört zum menschlichen Wesen, dass es zwei Seiten gibt, wie sie sich in den Arndt-Liedern spiegeln – wir wissen das spätestens seit Goethes zwei Seelen in Fausts Brust. Ich vermute, Arndt war sich nicht einmal bewusst, dass jemand über seine Eisenverse stolpern könnte. – Wenn wir es tun, dann, weil wir im Laufe der unmittelbar vergangenen Generationen sehr viel bewusster werden mussten.

Die aber, die hart urteilen, tun es womöglich, weil sie gerade entsprechende Seiten in sich nicht ansehen wollen.

Anmerken möchte ich, dass Arndts Zeit das Lied an sich als möglichen und intensiven Ausdruck der Frömmigkeit entdeckte, man denke nur an die Marienlieder eines Novalis.

Arndt forderte im Übrigen ein Gesangbuch für alle Christen ohne Unterschied des besonderen Bekenntnisses […]. Was Katholiken Lutheraner Zwinglianer Kalvinisten Methodisten Böhmianer und Zinzendorfianer […] Gottseliges und Christliches gesungen und geklungen haben, das sollte dieses christliche Gesangbuch enthalten.

Es ist schon unglaublich, auf wie vielen Feldern dieser Mann aktiv war, aber gerade in der Zeit der Weimarer Klassik und der Romantik gab es diese Menschen zuhauf, die, meist auf vielen Gebieten tätig, Unglaubliches leisteten, man denke an die Gebrüder Schlegel, die Gebrüder Grimm und viele andere mehr.

Zurück zu Arndt muss allerdings angemerkt werden, dass sein Interesse nur sehr bedingt ein ökumenisches war, sondern er eine innige Verbindung zwischen seiner Liebe zum Vaterland und dem Glauben aller Christen sehen wollte.

Natürlich wünschte ich mir, Arndt hätte auch zu seiner Zeit sich das ein oder andere Mal nicht in geschehener Weise in Hassformulierungen hineinbegeben („Ihr Schützen, Gott segne euch jeglichen Schuß, durch welchen ein Franzmann erblassen muß.“) und hätte mit Menschen anderen Wesens toleranter umgehen können. Ich vermute, ja ich bin fast sicher, dass er als heute Lebender andere Worte wählen würde.

Arndt gehört zu jenem Menschenschlag, den wir in unserem Kulturbereich zahlreich vorfinden, der unsere Mentalität maßgeblich geprägt hat, weil seine Vertreter, wie erwähnt, alles, was sie getan haben, mit ganzem Herzen getan und mit allen Fasern gelebt haben, ein Leben in einer Bandbreite, wie ich es für Arndt in diesem Rahmen nicht annähernd aufzeigen konnte.  

Es gibt ohne Hölle keinen Himmel

Leben, um Himmel und Hölle zu erfahren, die Bandbreite von Gefühlen: das zeichnet viele Menschen unseres Kulturkreises aus und hat ihn auf vielen Feldern so Bemerkenswertes gestalten lassen.

Wohin Himmel und Hölle führen können, wissen wir mittlerweile, gerade auch als Deutsche, die wir in diese Kultur hineingeboren sind, doch gibt es keinen Himmel ohne Hölle – und diesem Wissen sollten wir uns endgültig stellen.

Unsere Kultur hat wie keine andere die Extreme ausloten müssen (das ist eines ihrer Kennzeichen, Frau Özoğuz). So schrecklich vieles war, so sehr zeigt diese Tatsache ihren Reichtum, und wer sagt, sie hätte darauf verzichten sollen, versteht das Leben nicht. – Und ich sage das gerade angesichts des schrecklichen Nationalsozialismus. Er ist nicht denkbar ohne die vorausgehenden kulturellen Höhenflüge, wie sie kaum eine andere Kultur aufweist. – Es gibt keine echten Höhenflüge ohne Untiefen.

Extreme leben zu müssen, ist in Wahrheit eine Gnade. Wir sehen unsere Kultur in diesen Extremen, wir sehen Menschen in diesen Extremen – eben einen Ernst Moritz Arndt. Ihn zu verstehen, Menschsein zu verstehen, nicht zu verurteilen und stattdessen diesen Menschen in seiner Ausprägung und seinem Wesen transparent zu machen: darin hätte die würdige Leistung eines akademischen Gremiums bestehen können.

Es hätte vielleicht dann auch darauf verweisen können, dass das eigentliche Ziel die Mitte sein muss, oder, um es anders zu formulieren, das Aufgehen des einen Extrems im anderen.

Wir wissen, dass menschliches Leben mit der Finsternis, dem sogenannten Tohuwabohu, der Lutherschen Wüste und Leere begann. Wir danken ihr die Erkenntnis des Lichts.

Zunehmend verlagert sich in unserer Zeit und in unserer geographischen Breite das Erleben dieser Extreme ins Innere; in gewisser Weise haben sich die Empfindungen verfeinert (auch wenn man das, dicht daran, oft nicht wahrnehmen mag), weshalb wir auch so erschrecken, wenn wir einem emotionalen und Konfliktverhalten begegnen, das nicht mehr dem unseren entspricht. Wie damit umzugehen ist, kann hier nicht Thema sein, aber es ist für unsere Kultur ein zentraler Punkt, denn hier entscheidet sich ihre Zukunft.

Auf das Leben mit ganzem Herzen und bis in Extreme hinein möchte ich in dem nächsten Beitrag noch einmal zu sprechen kommen und vor allem auf eine dritte Tugend hinweisen, die unsere Kultur gekennzeichnet hat; leider verliert sie sich in den letzten Jahren zunehmend beschleunigt. – Auch auf Arndts Gedicht möchte ich noch einmal eingehen. Es enthält ja einen Verweis auf für uns Menschen Schicksalhaftes, das wir annehmen können, um zielführender zu leben.

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Deutschland zwischen 1815 und 1848: Restauration, Biedermeier, Vormärz und Junges Deutschland

Dies ist ein Beitrag, der geschichtliche Hintergrundinformationen zu dem im Anschluss veröffentlichten Post Kleiner Jakob, kleiner Jakob, komm´ zu Haus! – Ernst Mortiz Arndt und sein deutsches Wesen geben möchte. Auch wer ein grundsätzliches Interesse an einer der turbulentesten Zeiten Deutschlands und der Vorgeschichte seiner einzigen fast gelungenen Revolution, der Märzrevolution 1848, hat, an Turnvater Jahn, Wartburgfest, der Einordnung des Deutschlandliedes und Ähnlichem, findet im Folgenden eine überschaubare Zusammenfassung:

Die nach den napoleonischen Befreiungskriegen am Wiener Kongress teilnehmenden Großmächte Europas waren um ein Kräftegleichgewicht auf dem europäischen Kontinent bemüht. Unter anderem deshalb gründeten sie, festgelegt in der Bundesakte (Teil der Wiener Kongressakte), den Deutschen Bund, der aus 39 souveränen Staaten bestand, deren Bewegungsfreiheit jedoch vor allem außenpolitisch stark eingeschränkt war. Den Fürsten der Einzelstaaten kam dieser Bund entgegen, blieb durch ihn doch ihre Souveränität gewahrt. Sie schickten ihre Gesandten an den Deutschen Bundestag in Frankfurt (Vorsitz Österreich), der somit nur zu einem Instrument der Restauration, gemeint ist also die Bewahrung alter Ordnungen, werden konnte. – Den Bürgern dieser Einzelstaaten versprach man Verfassungen und Freiheit der Presse.

Dem Deutschen Bund war allerdings nicht daran gelegen, die wirtschaftlichen Verhältnisse des deutschen Raumes zu vereinheitlichen. Wie unhaltbar auf diesem Gebiet die Situation war, mag man daraus ersehen, dass es noch 1790 1800 Zollgrenzen in Deutschland gab und noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts 67 lokale Zolltarife. Dem entsprechenden Wikipedia-Artikel ist zu entnehmen, dass ein Handelstreibender, der damals seine Ware von Königsberg nach Köln transportierte, achtzigmal kontrolliert wurde und gegebenenfalls auch Zoll zu zahlen hatte. Den restaurativen Kräften in Deutschland, den Fürsten und Landesherren, kam diese Situation durchaus gelegen, da sie, abgesehen von je nach geographischer Lage sprudelnden Einnahmequellen, ein aufstrebendes handeltreibendes Bürgertum schwach halten zu können schien. Allerdings vermochten sie es nicht auf Dauer, die Gründung von Zollverbünden und den 1833 gegründeten Deutschen Zollverein aufzuhalten.

Die Vorstellungen von dem, was ein Deutscher Staat sein sollte, waren vielfältiger Art; sie wurden nach 1815 v. a. von Jugendlichen, Studenten und aus von den napoleonischen Befreiungskriegen heimgekehrten jungen Kriegsveteranen bestimmt. Insbesondere die Mitglieder der großen deutschen Studentenvereinigung – der Deutschen Burschenschaft, gegründet 1815 in Jena – wollten ein Deutsches Reich, belebt von edler Tugend, christlich und germanisch, fromm und frei. Mit dieser und ähnlichen Bewegungen war auch die des Turnvater Jahn verknüpft, der in nationaler Gesinnung die Jugend des Landes auf einen möglichen Kampf gegen die französische Besatzungsmacht zur Rettung Preußens bzw. Deutschlands vorbereiten wollte. Durch den Deutschen Bund nämlich fühlten Burschenschaftler, Turner und zahlreiche Landsleute die Deutsche Nation um ihre Kraft betrogen.

Die weniger revolutionäre, als vielmehr umstürzlerische Bewegung der Deutschen Burschenschaft war natürlich den Siegermächten ein Dorn im Auge, da mit ihr auch die nachdrücklichen Forderungen auf Verwirklichung der in der Bundesakte gegebenen Versprechungen einhergingen, so geschehen v. a. 1817 auf dem Wartburgfest, wo sich von fast allen deutschen Hochschulen über 500 Studenten trafen und eine Allgemeine deutsche Burschenschaft gründeten.

1818/19 erhalten die süddeutschen Staaten tatsächlich Verfassungen, die für die süddeutschen Regierungen jedoch mehr ein Mittel, die Bevölkerung gegenüber den Nachbarstaaten zusammenzuhalten, als ein liberaler Einsicht entsprungenes Zugeständnis waren; der preußische König aber gab seinem Land keine Verfassung.

Als 1819 der Schriftsteller August von Kotzebue, der die nationale Gesinnung der Jugendlichen verspottet hatte und vielen als „Spion“ der Regierungen und sogar des russischen Zaren galt, von dem Studenten Karl Ludwig Sand ermordet wird, nutzt der österreichische Kanzler Metternich die Gelegenheit für die Karlsbader Beschlüsse:

  • Verbot gesamtdeutscher Studentenvereinigungen – Überwachung der Universitäten. 
  • Strenge Zensur aller politischen Druckschriften .

Eine noch im selben Jahr in Mainz eingerichtete Zentraluntersuchungskomission gegen alle demagogischen Umtriebe sollte diese Beschlüsse umsetzen.

Deutschland war zu dieser Zeit noch im Wesentlichen Agrarland: etwa zwei Drittel der Bevölkerung war in der Landwirtschaft tätig, knapp ein Viertel lebte in den Städten. Doch die industrielle Revolution begann schon – ausgehend von England – ihre Schatten vorauszuwerfen (allerdings: noch 1846 verbrauchte allein London mehr Steinkohle als ganz Deutschland); sie sollte zugleich eine soziale Revolution mit sich bringen.

Auf die ereignisreichen Jahre nach dem Wiener Kongress folgte jedoch zunächst ein Jahrzehnt erzwungener politischer Ruhe; die Zeit von 1820 – 1830, die sogenannte Biedermeierzeit – man bezeichnet diese Jahre auch als Restauration -, wird unter anderem geprägt durch strenge Zensur.

Die trügerische Ruhe dieser Jahre endet 1830, ausgelöst allerdings durch Vorgänge in Frankreich. Dort schränkt 1830 Karl X. das von Ludwig XVIII. 1814 den Bürgern in der charte constitutionnelle zugesicherte Recht auf Pressefreiheit ein, er ändert das Wahlrecht zugunsten des Adels und löst die neugewählte Kammer auf, in der die Liberalen die Mehrheit gewonnen hatten. Doch die Pariser Arbeiter errichten Barrikaden, Studenten hissen auf den Türmen von Notre Dame die Tricolore, die Fahne der Revolution. Karl X. muss fliehen. Es entsteht jedoch keine Republik, denn Studenten und Arbeiter setzen sich nicht durch, sondern das liberale Großbürgertum; dieses macht Louis Philippe zum König.

In Deutschland, in dem der größte Teil der Bevölkerung von der Landwirtschaft und vom Handwerk lebt, sind es einzelne gebildete Bürger, Beamte, Journalisten und Gelehrte, die gegenüber fürstlicher Willkür mutig für die persönliche Freiheit und Gleichheit aller vor dem Gesetz sowie für die Mitregierung der Bürger, zugesichert in einer Verfassung, eintreten.

Ausgelöst durch die Julirevolution in Frankreich, erhalten ihre nach 1819 durch die Regierungen gewaltsam unterdrückten Reformforderungen in Deutschland ein breites Publikum, Menschenmassen ziehen in den Residenzstädten vor die Schlösser der Fürsten. In Kurhessen, Hannover, Braunschweig und Sachsen beugen sich die Fürsten dem Druck der Öffentlichkeit und gestatten notgedrungen Verfassungen. – Der König von Preußen verweigert sie allerdings weiterhin.

Wiederum ist es Metternich, der im Einvernehmen mit den Regierungen heftig mit Zensurverschärfung und Demagogenverfolgung auf zwei Ereignisse reagiert:

  • 1832 Hambacher Fest: Feier zum Jahrestag der Bayrischen Verfassung; 25000 Menschen, v.a. Studenten, Kleinbürger und Handwerker protestieren gegen die Wortbrüchigkeit der Fürsten und bewundern lautstark die Ideen der Französischen Revolution.
  • 1833: Studenten versuchen, den Frankfurter Bundestag aufzulösen.

Den Tod des englischen Königs, demzufolge sich die durch männliche Erbfolge tradierte Personalunion England – Hannover auflöst, kann nun König Ernst August von Hannover zum Anlass nehmen, 1837 die Verfassung in Hannover aufzuheben. 7 Göttinger Professoren (darunter die Gebrüder Grimm) protestieren gegen den Rechtsbruch; sie werden ausgewiesen und finden Jahre hindurch in ganz Deutschland keine Anstellung mehr.

Doch die eingekehrte Ruhe ist wiederum nur oberflächlich; in ganz Deutschland gärt es, bedingt und verursacht durch die Revolutionierung des Verkehrswesens (Eisenbahn, Dampfmaschine), der Industrie überhaupt, den wirtschaftlichen Aufschwung und seine (sozialen) Krisen, eine Radikalisierung der Literatur und die Expansion der Bevölkerung.

Die Anzeichen von Arbeiterelend und Notständen, v. a. unter den Handwerkergesellen, nimmt zu. Sie sind es auch, die auf Grund ihrer Mobilität ein Unruheelement darstellen. Ihre Zahl wächst, die freien Stellen nicht. Sozial unzufrieden sind auch die Landarbeiter und Weber; eine Folge sind die dann blutig niedergeschlagenen Weberaufstände 1844 (vgl Heine/Weerth-Gedichte).

Die Sozialordnungen schwanken. Die bewegende Kraft für die Revolution aber sind nicht die sozial Schwachen, sondern das mit seinen politischen Wünschen in den Staat hineindrängende Bürgertum.

Ganz und gar ungewollt bereitet jedoch eigentlich Friedrich Wilhelm IV. von Preußen die Revolution vor. Mit großen Erwartungen 1840 begrüßt, schürt er die Hoffnungen auf eine Wiederaufnahme der seit 1819 ruhenden Verfassungspolitik, u.a. durch seine Wiedergutmachung an den Opfern der Demagogenverfolgungen. Im Grunde war jedoch seine Einstellung durch patriarchalisches und ständisches Denken gekennzeichnet. So schürt er zwar mit den 1842 einberufenen Vertreterversammlungen aus den 8 Provinziallandtagen und dem Vereinigten Landtag die konstitutionellen, also auf eine Verfassung hin orientierten Gedanken der Zeit, wollte aber lediglich eine unter seiner Führung stehende monarchische Staatseinheit demonstrieren. Über die Rechte dieses Berliner Landtages war sich niemand im Klaren; jedoch wurde er zum Schauplatz von Auseinandersetzungen moderner Ideen.

Eine Konfliktsituation, und damit ein Vorspiel zur 1848er Revolution entstand, als der Landtag eine Anleihe zum Bau einer Bahn nach Königsberg ablehnt, weil ihm unter anderem das Recht auf periodische (= regelmäßige) Einberufung beschnitten war.

Schwere wirtschaftliche Krisen und Hungerepidemien sowie die Berliner Ereignisse schürten die politische Gärung. War die Arbeiterschaft im Grunde nicht revolutionsbewusst und hatte die herrschende Klasse als auch das privilegierte Bürgertum Angst vor einer Revolution, so begann sich doch eine einheitliche politische Bewegung abzuzeichnen, die auf Veränderung drang. Um die publizistischen Organe scharten sich die in ihren Zielsetzungen unterschiedlichen (Partei-)Richtungen; so waren zum Beispiel die Hallischen Jahrbücher Organ der radikalen Liberalen.

Das Gesetz von 1832 verbot zwar politische Vereine, doch die politischen Kontakte über die Grenzen hinweg mehrten sich (z.B. 1846 u. 1847 Germanistentage). 1847 stand das Deutsche Sängerfest im Zeichen eines gesamtdeutsch-nationalen Enthusiasmus. Nach wie vor war jedoch kein Revolutionswille unter den bürgerlich gemäßigten Kräften vorhanden.

Wieder kam der Anstoß von außen.

  • Februar 1848 in Paris: Demonstration v. a. der arbeitslosen Bevölkerung für eine Wahlrechtsreform; Barrikadenkämpfe; der König muss fliehen; provisorische Regierung, von Republikanern gebildet.
  • März 1848 in Deutschland [Märzrevolution]: Aufgrund der Nachrichten aus Frankreich empören sich die Bürger der süd- und mitteldeutschen Staaten; Bauern erheben sich gegen die Adelsherren; die Fürsten können sich auf ihre Beamten und Soldaten nicht mehr verlassen; sie bewilligen die Märzforderungen: Pressefreiheit, Bürgerwehr, Deutsches Parlament. Am 13. März siegt die Revolution in Berlin, am 18. März in Wien.

Für uns heute bleibt die Tatsache, dass diese Phase einer Umsetzung radikal-demokratischen Gedankengutes in die Tat nur von kurzer Dauer war.

Auf obigem Hintergrund muss man das von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben am 26. August 1841 auf der Insel Helgoland auf eine Melodie von Joseph Haydn gedichtete Deutschlandlied sehen. Es bringt die Sehnsucht nach einer Einheit aller deutschsprachigen Gebiete zum Ausdruck. Die erste Strophe allerdings richtet sich natürlich in chauvinistischer Manier, der Zeitstimmung entsprechend, gegen Frankreich, den damaligen Erzfeind westlich des Rheins, wobei allerdings auch dessen Minister Alphonse Thiers, um von diplomatischen Niederlagen abzulenken, diese Stimmung kräftig geschürt hatte.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurden die zweite und die dritte Strophe des Deutschlandliedes nicht mehr bei öffentlichen Anlässen gesungen, lediglich die erste Strophe war die Nationalhymne. Wenn diese gespielt und gesungen wurde, folgte in der Regel das Horst-Wessel-Lied (Die Fahne hoch. / Die Reihen fest geschlossen. / SA marschiert …) die Parteihymne der Nationalsozialisten.
Jene Zeit und die über 50 Millionen Toten des 2. Weltkrieges haben die Gründungsväter der Bundesrepublik veranlasst, auf eine Nationalhymne zu verzichten. Erst nach der Wiedervereinigung 1990 wurde die dritte Strophe des Deutschlandliedes offiziell zur Nationalhymne erklärt. Die ersten beiden Strophen, das sollte man berücksichtigen, sind von Hoffmann von Fallersleben im Sinne eines damals durchaus fortschrittlichen Nationalismus geschrieben gewesen, der etwas erreichen wollte, was sinnvoll war, ein politisch vereintes Deutschland. Vergessen wir auch nicht, dass das Bewusstsein der Menschen in Bezug auf eine friedliche Koexistenz unter den Völkern bei weitem noch nicht so ausgebildet war; man sollte deshalb weniger die Nase rümpfen als vielmehr sehen, dass nach den schrecklichen Erfahrungen der Weltkriege  viele Menschen heutzutage, vor allem Jugendliche, ein Bewusstsein haben, das sich deutlich weiterentwickelt hat und das zunehmend hoffentlich das Deutschlandlied geschichtlich einzuordnen weiß:

.

Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt,
Wenn es stets zu Schutz und Trutze
Brüderlich zusammenhält,
Von der Maas bis an die Memel,
Von der Etsch bis an den Belt –
|: Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt! :|

Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang
Sollen in der Welt behalten
Ihren alten schönen Klang,
Uns zu edler Tat begeistern
Unser ganzes Leben lang –
|: Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang! :|

Einigkeit und Recht und Freiheit
Für das deutsche Vaterland!
Danach lasst uns alle streben
Brüderlich mit Herz und Hand!
Einigkeit und Recht und Freiheit
Sind des Glückes Unterpfand –
|: Blüh im Glanze dieses Glückes,
Blühe, deutsches Vaterland! :|

.

Hier noch zwei Gedichte, welche die Not der damaligen Zeit auf eindrucksvolle und literarisch gekonnte Weise thematisieren:

.

   Georg Weerth

Es war ein armer Schneider

Es war ein armer Schneider,
Der nähte sich krumm und dumm;
Er nähte dreißig Jahre lang
Und wusste nicht warum.

Und als am Samstag wieder
Eine Woche war herum;
 Da fing er wohl zu weinen an
Und wusste nicht warum.

Und nahm die blanken Nadeln
Und nahm die Schere krumm;
Zerbrach so Scher und Nadel und –
Und wusste nicht warum.

Und schlang viel starke Fäden
Um seinen Hals herum;
Und hat am Balken sich erhängt
Und wusste nicht warum.

Er wusste nicht – es tönte
Der Abendglocken Gesumm.
Der Schneider starb um halber acht,
Und niemand weiß warum.

.

GEORG WEERTH, Dichter des VORMÄRZ, wurde 1822 in Detmold geboren. Sein Vater war für das Schulwesen im Fürstentum Lippe verantwortlich.
1836 verließ er das Gymnasium und wurde kaufmännischer Lehrling; von Studium und Universität hielt er nicht viel.
1840 schreibt er erste Gedichte und Liebeslieder.
1843 deckt er die Doppelzüngigkeit des Bonner Oberbürgermeisters auf; es kommt zum Skandal und Weerth verlässt Bonn. Er geht nach England als Kontorist in eine Bradforder Textilfirma. Im industriell fortgeschrittenen England erkennt er die Möglichkeiten intensiver Produktionsweisen; gleichzeitig besucht er die Elendsquartiere englischer Arbeiter. Diese Eindrücke und die Bekanntschaft mit Friedrich Engels geben seinem dichterischen Schaffen neue Impulse.
1846 tritt Georg Weerth auf dem Brüsseler Freihandelskongress in einer Rede für die Belange der Arbeiter ein; die gesamte europäische Presse berichtet darüber.
1847/48 gründet er mit anderen zusammen die Neue Rheinische Zeitung.
1849 wird diese Zeitung verboten; er hört auf zu schreiben, da er mit seiner Schriftstellerei kein Ziel mehr verfolgen kann.
1856 stirbt Georg Weerth auf einer Geschäftsreise nach Kuba an Gelbfieber.

In Abgrenzung zu den Dichtern des Vormärz bezeichnete man eine weitere literarisch aktive Gruppe der damaligen Zeit als Junges Deutschland; unter dieser Bezeichnung jedenfalls wurden sie und ihre Schriften 1835 auf Beschluss des Deutschen Bundestages von den Fürsten verboten. Kennzeichnend ist für sie eine weniger revolutionäre Programmatik als vielmehr ein liberales Gedankengut, das natürlich auf politischem Gebiet die damalige restaurative Politik ablehnte, zugleich aber auch auf kulturell-literarischem Gebiet die traditionelle Romantik und Klassik, und sich eher an dem Denken eines Hegel und Saint Simon orientierte; auch war vor allem für ihren bedeutendsten Vertreter Heinrich Heine (1797-1856) unabdingbar, dass sich literarisches Schaffen an ästhetischen Grundsätzen orientiert; insofern lehnte er den zum Teil propagandistischen und agitatorischen Stil der Vormärzler ab, der allerdings z.B. auf obiges Georg-Weerth-Gedicht nicht zutrifft.

Hier eines der bekanntesten Heine-Gedichte, bezugnehmend auf die dann, wie oben schon erwähnt, blutig niedergeschlagenen Weberaufstände in Schlesien:

.

 Die schlesischen Weber

Im düstern Auge keine Träne,
Sie sitzen am Webstuhl und fletschen die Zähne:
Deutschland, wir weben dein Leichentuch,
Wir weben hinein den dreifachen Fluch –
    Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem Gotte, zu dem wir gebeten
In Winterskälte und Hungersnöten;
Wir haben vergebens gehofft und geharrt,
Er hat uns geäfft und gefoppt und genarrt –
    Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem König, dem König der Reichen,
Den unser Elend nicht konnte erweichen,
Der den letzten Groschen von uns erpresst
Und uns wie Hunde erschießen lässt –
    Wir weben, wir weben!

Ein Fluch dem falschen Vaterlande,
Wo nur gedeihen Schmach und Schande,
Wo jede Blume früh geknickt,
Wo Fäulnis und Moder den Wurm erquickt –
    Wir weben, wir weben!

.

Heines Flüche richten sich gegen die altehrwürdige und für ihn so überholte Dreieinigkeit von Gott, König und Vaterland, für ihn in seiner veralteten Verfassung ein falsches Vaterland repräsentierend.

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Muttertage sind nicht immer Fleurop-Tage. – Annette von Droste-Hülshoffs „Die junge Mutter“.

Unserer Gesellschaft, die zu oft das Grelle, das Laute sucht, vermittelt das Gedicht der Droste über Die junge Mutter, dass Muttersein die Möglichkeit der Begegnung mit Vergänglichkeit und Tod einschließt, wie sie leidvoller nicht sein kann.

Wenig bekannt ist manches der Gedichte der auf der Wasserburg Hülshoff nahe Münster geborenen Westfälin, die als Dichterin und Frau gerade in einer Zeit, die immer globaler wird und sich entsprechend geriert, für eine Gesellschaft von Bedeutung ist, weil sich mit ihr wie kaum bei einem anderen ihrer Zunft – zu nennen wäre noch Adalbert Stifter – ein Bewusstsein um den Wert von Heimat, zu der es sie in ihrem Leben auch immer wieder hinzog, verbindet.

Die junge Mutter ist ein leises Gedicht, das mit einem Blick auf den Vogelkäfig einer Nachtigall beginnt, der ahnungsvoll künftiges Leid thematisiert, denn ihren Kleinen wird sie nie bei sich haben, sich fortsetzt mit dem Hören der Glocken, die den Tod ihres Kindes beläuten, und dem Weihrauchduft, den ihr Mann aus der Totenmesse mitbringt, die ihrem Kind galt.

All das weiß sie nicht, ganz von ferne ahnt sie es vielleicht; ihr im Kindbett geht es besser, der Trank mundet schon und trotz der Mattigkeit greift sie zu Nadel und Faden, um ihrem Kleinen das Häubchen weiter zu fertigen.

Doch im scheinbar belanglosen Erwähnen, dass der Wiegenschleier des Kleinen bereits zerrissen war, oder in der Anrede des Mannes, der seine Frau mit Kind anspricht und – man glaubt es zu spüren – sie damit ureigentlich trösten will, wohl wissend, dass sie noch zu schwach ist für das, was er ihr sagen muss, wird deutlich, wie meisterlich andeutend Annette von Droste-Hülshoff den Todesteppich ausbreitet, über den mit der jungen Mutter noch keiner zu gehen vermag:

.

Die junge Mutter

Im grün verhangnen duftigen Gemach,
auf weißen Kissen liegt die junge Mutter;
wie brennt die Stirn! sie hebt das Auge schwach
zum Bauer, wo die Nachtigall das Futter
den nackten Jungen reicht: »Mein armes Tier,«
so flüstert sie, »und bist du auch gefangen
gleich mir, wenn draußen Lenz und Sonne prangen,
so hast du deine Kleinen doch bei dir.«

Den Vorhang hebt die graue Wärterin
und legt den Finger mahnend auf die Lippen;
die Kranke dreht das schwere Auge hin,
gefällig will sie von dem Tranke nippen;
er mundet schon, und ihre bleiche Hand
faßt fester den Kristall, – o milde Labe! –
»Elisabeth, was macht mein kleiner Knabe?«
»Er schläft,« versetzt die Alte abgewandt.

Wie mag er zierlich liegen! – Kleines Ding! –
und selig lächelnd sinkt sie in die Kissen;
ob man den Schleier um die Wiege hing,
den Schleier, der am Erntefest zerrissen?
Man sieht es kaum, sie flickte ihn so nett,
daß alle Frauen höchlich es gepriesen.
Und eine Ranke ließ sie drüber sprießen.
»Was läutet man im Dom, Elisabeth?«

»Madame, wir haben heut‘ Mariatag.«
So hoch im Mond? sie kann sich nicht besinnen. –
Wie war es nur? – Doch ihr Gehirn ist schwach,
und leise suchend zieht sie aus den Linnen
ein Häubchen, in dem Strahle kümmerlich
läßt sie den Faden in die Nadel gleiten;
so ganz verborgen will sie es bereiten,
und leise, leise zieht sie Stich um Stich.

Da öffnet knarrend sich die Kammertür,
vorsicht’ge Schritte übern Teppich schleichen.
»Ich schlafe nicht, Rainer, komm her, komm hier!
Wann wird man endlich mir den Knaben reichen?«
Der Gatte blickt verstohlen himmelwärts,
küßt wie ein Hauch die kleinen weißen Hände:
»Geduld, Geduld, mein Liebchen, bis zum Ende!
Du bist noch gar zu leidend, gutes Herz.«

»Du duftest Weihrauch, Mann.« – »Ich war im Dom;
schlaf, Kind!« und wieder gleitet er von dannen.
Sie aber näht, und liebliches Phantom
spielt um ihr Aug‘ von Auen, Blumen, Tannen. –
Ach, wenn du wieder siehst die grüne Au,
siehst über einem kleinen Hügel schwanken
den Tannenzweig und Blumen drüber ranken,
dann tröste Gott dich, arme junge Frau!

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Dieses Gedicht, das uns heute vermitteln mag, dass der übergroße Kummer mancher Mutter nicht vergessen sein soll, benennt das Eigentliche nicht und vermittelt gerade dadurch, wie unsagbar Leid sein kann.

Unaufhaltsam geht die junge Mutter auf den Raum tiefster Stille zu.

Gut zu wissen, dass es unter uns und in unserer Gesellschaft Menschen gibt, die in diesem Raum Platz zu nehmen bereit sind, nicht, um etwas zu sagen, sondern um einfach mit gefalteten Händen da zu sein und zu bekunden: Ich trage mit.

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Kennst Du Anaxagoras?

Aus der erhellenden Sicht des Anaxagoras und der Schöpfungsgeschichte ergibt sich, wie der Mensch mit Tieren, vor allem denen höherer Ordnung – sie stammen aus der Entwicklungslinie des Menschen (!) – umgehen sollte, denn im Tier tötet er auch immer einen Teil von sich.

Dieses Wissen tritt in den Kindern unserer Zeit immer mehr zutage. Viele lehnen es intuitiv ab, Fleisch zu essen. Dennoch ist, selbiges zu sich zu nehmen, meines Erachtens kein moralisches oder ethisch minderwertiges Verhalten. – Dazu später mehr.

Dieser Beitrag setzt die Reihe vorausgehender über das Verhältnis von Tier und Mensch fort, beginnend hier, wer nachlesen möchte.

Dass Du Anaxagoras (ca. 490-428 v.Chr.) persönlich kennst, ist eher unwahrscheinlich, denn er lebte vor zweieinhalbtausend Jahren nahe Smyrna, dem heutigen Izmir, und dann in Athen, wo er maßgeblich daran beteiligt war, dass Perikles so weise das damalige Athen regieren und ein Dichter wie Euripides so wegweisend literarisch schaffen konnten. Wie Odysseus der erste uns bekannte Kriegsdienstverweigerer war, so war Anaxagoras der erste Atheist, ausgestattet mit außergewöhnlicher Weisheit.

Was ernst zu nehmender Atheismus ist, zeigte jener Mann aus dem kleinasiatischen Klazomenai, indem er nicht primitiv die Gottheit negierte, wie das Zeitgeist-Atheisten gern tun, sondern an deren Stelle einen höchsten Sinn setzte, Nous, den Weltenverstand, wie man dieses Wort übersetzen könnte, damit seelenverwandt dem vielleicht größten Philosophen des Altertums, Heraklit (um 520 – um 460 v.Chr.), der eine alles lenkende Vernunft im Weltall lehrte und dem es als höchstes Anliegen galt, das Tätigsein dieser Weltenvernunft in der Natur und im Menschen zu erkennen.

Was Anaxagoras die Anklage der Gottlosigkeit und seinen Prozess eintrug, der ihn in die Verbannung trieb – dass er der Todesstrafe entging, verdankte er wohl Perikles – war die Tatsache, dass er keine Götter anerkannte, sondern eben nur diesen Nous, den, wie er lehrte, feinsten und reinsten aller Stoffe. Für mich hat er im Übrigen auf der kabbalistischen Ebene des Lebensbaumes viel gemein mit der Sephirot Binah, der Intelligenz, dem Weltenverstand.

Precht: ein Thomas Gottschalk der Philosophie

Richard David Precht nimmt in Tiere denken kurz Bezug auf Anaxagoras, indem er, Aristoteles zitierend, Letzteren sagen lässt:

Für Anaxagoras steckte in ihm [dem Menschen] kein prinzipiell anderer Geist als in Pflanzen und Tieren. Ob Pflanzen-, Tier- oder Menschenseele – nichts davon sei spirituell, moralisch besser oder gar unsterblich.

So verkürzt dargestellt, will Precht vor allem, auch wenn sein Zitat das Wort Geist enthält, einer Welt ohne Geist Tür und Tor öffnen.

Als Thomas Gottschalk der Philosophie lädt er in bekannter Manier große Größen auf sein Wetten-dass-ich-ein-Philosoph-bin-Sofa ein, um sich vor allem mit ihnen zu schmücken, nicht, um auf sie zu hören.

Um den griechischen Philosophen zu verstehen, muss man wissen, dass er Materie für unendlich teilbar ansah. Im Gegensatz zu den sogenannten Atomisten wie Leukipp und Demokrit, die glaubten, die Wirklichkeit sei aus bereits kleinsten unteilbaren Partikeln zusammengesetzt, die eben in unterschiedlicher Gestalt und Größe arrangiert seien, war für Anaxagoras das Kleinste und das Größte nicht definierbar:

(..) es gibt auch keinen kleinsten Teil des Kleinen, sondern immer einen kleineren (…) Aber auch vom Größeren gibt es immer etwas Größeres.

Materielle Wirklichkeit war also für ihn ad infinitum teil- und zusammensetzbar, allerdings unter der Vorgabe: „(…) daß es mehr gibt als alles, ist nicht denkbar, vielmehr ist alles immer gleich.“

Für unser Thema, das Verhältnis von Tier und Mensch aber wird die Weisheit des Anaxagoras insbesondere durch folgende Aussagen fruchtbar:

Und nachdem die Anteile des Großen und des Kleinen [in den großen und kleinen Dingen] zahlenmäßig gleich sind, muß auch aus diesem Grund alles in jedem sein. Es ist dann auch nicht möglich, isoliert zu existieren; vielmehr hat alles in allem Anteil (…) In allen Sachen gibt es viele Dinge, und sie sind in den größeren und kleineren Sachen, die sich aussondern, zahlenmäßig gleich.

Und es folgt – zum Bedauern aller Pantheismusgläubigen – ein folgenreicher Satz: „In jedem ist ein Anteil von jedem – außer im Geist; es gibt aber auch Dinge, in denen Geist ist.“ (Ich zitiere jeweils aus dem in der Metzlerschen Verlagsbuchhandlung erschienenen Buch Die vorsokratischen Philosophen; Stuttgart 1994).

Yin-Yang: bitte nicht kollabieren!

Zum einen verweist Obiges auf die Wahrheit des Yin-Yang-Symbols (und ich bitte, dass orthodoxe Christen wegen dieses „heidnischen“ Symbols nicht gleich kollabieren), bezugnehmend darauf, dass von dem Anderen im Anderen immer zumindest ein Anteil vorhanden ist; Anaxagoras nennt diesen Anteil gern auch Samen, griechisch Sperma:

Grundsätzlich gilt, „daß in all den Dingen, die aus Gesondertem zusammentreten, vielerlei von jedweder Art enthalten ist, die Samen aller Dinge, die allerlei Formen und Farben und auch Wohlgeschmack haben (…)

Diese Samen, diese Spermata, sind die Grund- und Ausgangslage allen Seins, sie sind in allem, und was entsteht, mag uns deshalb überraschen, so erläutert Anaxagoras, weil etwas, durchaus als Samen vorhanden, „wegen der Kleinheit der Massen nicht wahrnehmbar“ ist.

Wie weise diese vorsokratischen Philosophen waren, zeigte schon das Denken des Heraklit, der darauf verwiesen hatte, dass von einem Gegensatzpaar das eine nicht ohne das andere sein könne. Wer denkt hier nicht an das Phänomen der Verschränkung in der Quantenphysik, dass also Elementarteilchen immer einem Pendant zugehören und auf dieses reagieren, seien sie auch noch so weit voneinander entfernt.

Es gibt im Übrigen auch Hinweise darauf, dass Anaxagoras an eine gleichzeitige Vielzahl von Welten geglaubt habe. Wir wissen, dass es auch heute nicht wenige Astrophysiker gibt, die ein Multiversum annehmen, also ebenfalls von der Existenz vieler gleichzeitiger Universen ausgehen.

All das zeigt die Weisheit und gedankliche Kraft der damaligen Menschen, wobei wir keinesfalls annehmen sollten, dass sie aus den gleichen Quellen schöpften, wie unsere Wissenschaftler das tun. Wir wissen zu wenig über die seelischen Möglichkeiten einer tieferen Sicht damals lebender Menschen und gehen viel zu selbstverständlich davon aus, dass sie ein reduzierteres Bewusstsein als wir gehabt hätten. Das ist meines Erachtens weit gefehlt. Ich halte dafür, dass der aufkommende Materialismus der letzten Jahrhunderte zwar die Möglichkeiten der Naturwissenschaften unglaublich gesteigert, gleichzeitig aber die seelisch-geistigen Fähigkeiten der Menschen immer mehr reduzierte. Wobei im Übrigen die ganz Großen ihrer Zunft wie Einstein und Planck nie den Geist außer Acht gelassen haben.

Natürlich interessiert mich das hier Angesprochene vor allem im Hinblick auf das Thema meiner letzten Beiträge, in Bezug also auf das Verhältnis von Tier und Mensch. Denn nichts anderes würden die Aussagen des Anaxagoras bedeuten, als dass in Bezug auf alle Materie, seien es Mineralien, Pflanzen, Tiere und Menschen, das physische Reservoir gleich sei, nur eben die Verteilung ungleich. Das besagt im Hinblick auf Tier und Mensch, dass sich in der Tat beide keineswegs fremd sind, ganz im Gegenteil. Offensichtlich ist es möglich, ja sogar wahrscheinlich, dass Tiere und Menschen sich im Rahmen einer großen evolutionären Linie entwickelt haben und dass, wer den Menschen sich als weiterentwickelt habenden Affen sehen möchte, das auf diesem Hintergrund durchaus tun kann, immer vorausgesetzt, er ist bereit, den Status quo des Menschen per Begriff, indem er wie beispielsweise Precht von dem Menschen als Tier spricht, einzufrieren, eben damit auch sich selbst.

Ich gehöre zu denjenigen, die annehmen, dass es eine Vernunft, einen Nous gibt, der eine viel größere Weisheit beinhaltet, als sie uns zur Verfügung steht, und dass es eine Weisheit von Menschen früherer Zeiten gab, die jenen die Möglichkeit zur Verfügung stellte, Dinge zu sehen, die wir nicht (mehr) erkennen oder in Bezug auf die wir nur rein Physikalisches und nicht Metaphysisches zulassen. Schon deshalb erscheint es mir ratsam, Urkunden der Menschheit ernst zu nehmen. Die Schöpfungsgeschichte der Bibel schlägt ein Buch auf, in dem nur wenige Menschen wirklich zu lesen vermochten und in das zunehmend weniger Menschen wenigstens einen Blick werfen.

Der Beginn des Ersten Buches Mose verweist im Rahmen des 5. Schöpfungstages darauf, dass Tiere vor dem Menschen diese Erde betraten und dass erst im weiteren Verlauf der Mensch in Erscheinung trat.

In der ersten der beiden zu Beginn der Genesis niedergeschriebenen Schöpfungsgeschichten wird der Mensch nach dem Bilde Gottes als Geistwesen geschaffen (1. Mose 1,27), übrigens, präzise übersetzt, als männlich-weibliches Wesen, nicht als Mann und Frau, wie Luther im Grunde falsch übersetzte, in der zweiten (1. Mose 2,7) aus den Stoffen der Erde, aus Erde vom Acker, wie es in der Lutherbibel lange Zeit hieß, also in physischer Präsenz. Am 6. Schöpfungstag ist also von Adam die Rede, vom Menschen (nicht vom Mann). Und er ist es, der den Tieren einen Namen gibt.

Mit der Namensgebung ist nicht nur eine Benennung verbunden, sondern auch ein Erkennen, ein Anerkennen. Ein Vater und eine Mutter erkennen mit dem Namengeben ihr Kind als Sein von ihrem Sein an, zugleich aber als individuell selbständiges Wesen. Ein Vorgang, eigentlich im Range eines Sakraments.

An einem der heiligsten Orte Bad Kissingens, der Himmelswiese, sind Kinder beerdigt, die nur embryonal lebten, Sternenkinder, wie man sie nennt. Eltern ist es mittlerweile immer öfter ein Anliegen, ihnen einen Namen gegeben zu haben, auch deshalb, weil, wie ich glaube, sie die Seele des Kindes, ihres Kindes, das die Schwangerschaft nicht überlebte, wahrgenommen haben.

Auch der Mensch, indem er Tieren Namen gibt, nimmt mehr als nur ihr physisches Sein wahr und erkennt ihr Sein als Sein von seinem Sein an. Wenn Anaxagoras Recht hat, dann stammt Stoffliches von Pflanzen, Tieren und Menschen aus der gleichen Quelle, wenn es auch unterschiedlich verteilt ist. Wobei über Seelisches und Geistiges noch nichts gesagt ist.

Der Mensch: ein Tier de luxe?

Wer das so sehen möchte, kann das natürlich tun. Es gehört zu den Möglichkeiten, die uns unsere Freiheit des Denkens zur Verfügung stellt, Tier sein zu dürfen, wenn man Tier sein will. Schließlich liegt man hier durchaus auch auf der aktuellen wissenschaftlichen Linie, indem unter einem Begriff, dem der Hominiden nämlich, Affen und Menschen subsumiert werden. Biblisch aber und im Sinne des Anaxagoras ist es nicht. Niemand spricht von einer großen Karosserie, wenn er einen modernen Fernreisebus meint, niemand wählt begrifflich eine Vorstufe, wenn es eine am realen Ziel orientierte Bezeichnung gibt.

Die Schöpfungsgeschichte der Bibel existiert in weiser Voraussicht genau deshalb, weil sie in Erinnerung halten möchte, dass es schon seit langem, vom Urbeginn an, eine andere Sicht gibt, für manche auch heute noch:

Was im Anschluss an vorausgegangene Entwicklungsstufen ins Sein tritt, ist kein Tier de luxe, es ist ein Mensch. Und diese Stufe will sich bis zum 7. Schöpfungstag zum Bild der Gottheit hin entwickeln. Die Genesis nennt diese Stufe Adam (dass Precht Adam mit Mann übersetzt und nicht korrekterweise mit Mensch, ist für einen Wissenschaftler ein eklatanter Fauxpas, der aber, liest man in gebotener Vorsicht sein Buch, nicht wirklich erstaunen kann).

Dieser Mensch war schon immer Mensch. Von Beginn an. Schon im Samen, dem von Anaxagoras verwendeten Wort für die Grundlage allen Seins.

Eine klare Sicht auf die Evolution ergibt, dass das, was sich gemeinsam entwickelte, was Wissenschaftler in seltener Einmütigkeit Tier nennen – manche, wie Precht, bevorzugen auch für den Menschen die Bezeichnung Tier -, sich über Millionen von Jahren gemeinsam entwickelte.

Nur stammt der Mensch eben nicht vom Tier ab; das ist eine absolute Verdrehung der Realität.

Das Tier stammt vom Menschen ab

Auch wenn ich diese Formulierung nicht glücklich finde, weil sie den eine lange Zeit währenden gemeinsamen Entwicklungsprozess sprachlich zu wenig deutlich macht und zugleich zu wenig herausstellt, dass das Tier sich zu einem bestimmten Zeitpunkt von einer möglichen Weiterentwicklung auskoppelte, muss man es zunächst so rigide formulieren, um dem unseligen Geschwätz, dass der Mensch vom Tier abstamme, ein Ende bereiten zu können.

Es ist kein Zufall, dass in den überlieferten Aussagen des Anaxagoras immer wieder das Wort absondern bzw. aussondern vorkommt.

Zu den Gesetzen der Entwicklung gehört, dass auf ihren Stufen immer wieder Wesen stehenbleiben, sich sozusagen aussondern.

Und die Existenz der Tiere beweist – fast möchte ich sagen: leider – dass die Entwicklung der einen, der Menschen nämlich, das Stehenbleiben, die Absonderung Anderer zur Folge hat. Ohne dass die Tiere sich nicht aus der Entwicklung zum Menschen hin ausklinken, ist der Mensch allerdings nicht möglich.

Fast könnte man von einem Opfer der Tiere sprechen.

Es gibt keine Entwicklung ohne Zurückbleiben.

Es gibt in der Evolution keine Entwicklung, ohne dass sich wie auch immer geartete Seinsstufen abspalten und eine eigene Entwicklungslinie gehen. Falsch wäre es, eine solche Linie negativ oder niederrangiger zu bewerten. Genau darum geht es nicht.

Man muss Tiere nicht bedauern, schon deshalb nicht, weil man ihrer Schönheit und der ganz besonderen Qualität ihres Seins nicht gerecht werden würde. Das vermitteln auf unnachamliche Weise Rilkes Gedichte über Tiere.

Es gibt im Übrigen auch weiterhin keine menschliche Entwicklung, ohne dass innerhalb des Menschenreiches Menschen zurückbleiben. Wie unterschiedlich menschliche Entwicklung sein kann, sehen wir auf der Erde. Selbst im phylogenetischen Bereich nehmen wir noch Unterschiede wahr; die Ureinwohner mancher Gegenden erinnern durchaus äußerlich noch an die Vorfahren des Menschengeschlechts. Und nimmt man die Überlieferungen der Hopi-Indianer in Bezug auf die Sintflut, den Untergang von Atlantis, so lief dieser sehr differenziert ab, abhängig von den moralischen und bewusstseinsspezifischen Entwicklungsstufen der damaligen Erdbewohner, nachzulesen in Kásskara und die sieben Welten, dem Buch eines führenden NASA-Ingenieurs über die Geschichte der Menschheit in der Überlieferung der Hopi-Indianer. Deutlich wird, dass für die nachatlantische Entwicklung eine ganz offensichtliche Differenzierung stattfand. – Auch in Zukunft wird es eine solche geben.

Aus meiner Sicht entwickelt sich die Menschheit hin zu einem Bewusstsein, wie es im Neuen Testament testamentarisch niedergelegt ist. Diese Entwicklung werden nicht alle Menschen mitgehen, wobei manche mit einer Freiheit, losgelöst von allem Glauben, kokettieren, obwohl sie tief im Inneren wissen, dass sie sich wie ein pubertierender Jugendlicher benehmen, reagierend auf eine Religiosität vergangener Zeiten, von der sie wissen könnten, dass es sie zu überwinden, weiterzuentwickeln, nicht pubertär abzulehnen gilt.

Wenn man die Geschichte der Menschheit seit Christi Geburt überblickt, erscheint sie dennoch recht homogen, bezieht man mit ein, dass es immer zu allen Entwicklungssträngen Gegenbewegungen gibt, die sich im Zuge der historischen Zeitläufe wieder auflösen bzw. eingliedern.

Zu einer vollgültigen Entwicklung des Menschen gehört allerdings alles triadische Wissen, das z.B. von Körper, Seele und Geist und das von Vater, Sohn und Heiligem Geist, weshalb Entwicklung nicht ohne den Gehalt des Neuen Testamentes möglich ist, wobei es nicht um das Nachplappern der Inhalte geht, sondern um das Bewusstsein zum Beispiel, was der Vater repräsentiert und warum wir zu unserer Entwicklung des Sohnes bedürfen; sie äußert sich in der Bereitschaft zu Opfer und Liebe. Wichtig ist nicht das theoretische Wissen darum, sondern es gilt das Wort des Neuen Testaments: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen!

Eindeutig erkennen wir existentiell bedeutsame Gegenbewegungen zu dieser Entwicklung, die nicht ohne Folgen für die Betroffenen bleiben werden, indem wir wahrnehmen, dass ein Teil der Menschen darauf aus ist, das Wissen um den Geist zu untergraben.

Leider machte diese Tatsache nicht einmal vor den Toren der Kirche halt, wenn ich die Ergebnisse des 8. Ökumenischen Konzils zu Konstantinopel 869 richtig verstehe. Galilei, obwohl selbst ein tief religiöser Mensch, trug mit seinem Wirken ebenso dazu bei – überzeugend aufgezeigt von Morris Berman in Die Wiederverzauberung der Welt – wie Darwin und Freud, um nur einige wenige zu nennen. Heute sind wir bereits so weit, dass das Seelische zugunsten des puren Intellekts ins Abseits gekickt wird, beteiligt an vorderster Front Richard David Precht.

Entscheidend verstärkt werden diese Impulse durch die Entseelung der körperlichen Liebe und damit der Entheiligung des Heiligen.

Eine große Zahl der Politiker weltweit sind in diesen Prozess aktiv involviert, weil sie Verlogenheit, Machtmissbrauch und die Glorifizierung des Ökonomischen protegieren, ein Beitrag zur aktiven Enthumanisierung der Erde.

Eine nicht unerhebliche Bedeutung kommt auch der Mär vom Menschen als vom Affen abstammend zu. Man kann eine auf Geist basierte Wertesubstanz kaum gekonnter hintertreiben. Gegen diese Verunglimpfung des Geistes, die nun schon viel zu lange existiert, schreibe ich mit meinen Beiträgen zum Verhältnis von Tier und Mensch an.

Werte auf einem intellektuell basierten Ethikfundament funktionieren nicht. Manchen wird das gerade in unserer Zeit bewusst. Hoffentlich sind unter ihnen solche, die bald zu handeln bereit und fähig sind, um politisch umzusteuern.

Erschreckend trostlos: die Unterwelt

Die Folgen könnten für Infizierte und aktiv Seelen- und Geistlosigkeit Betreibende sehr unangenehm sein. In den Sinn kommt mir in diesem Zusammenhang immer wieder jene Szene aus Homers Odyssee, als Odysseus, durch die Hinweise von Circe vorbereitet, in die Unterwelt gelangt, um von dem Seher Teiresias Details zu einer möglichen Heimkehr nach Ithaka zu erfahren und im Rahmen dieses Geschehens mit zum Teil berühmten Gestalten der griechischen Geschichte konfrontiert wird, erschütternden Konfrontationen, weil die Stimmung der Toten so erdrückend und trostlos ist, dass man denken muss: Ist so das Reich der Toten, selbst für Menschen, die wir als groß erachteten? Noch die letzten Worte seines Aufenthalts, nachdem er Herakles gesprochen, geben das Schauerliche dieser Welt wieder:

Aber ich blieb, und harrete dort, ob etwa noch jemand
Von den gestorbenen Helden des Altertumes sich nahte.
Und noch manchen vielleicht, den ich wünschte, hätt‘ ich gesehen:
Theseus und seinen Freund Peirithoos, Söhne der Götter;
Aber es sammelten sich unzählige Scharen von Geistern
Mit graunvollem Getös, und bleiches Entsetzen ergriff mich.
Fürchtend, es sende mir jetzo die strenge Persephoneia
Tief aus der Nacht die Schreckengestalt des gorgonischen Unholds,
Floh ich eilend von dannen zum Schiffe, befahl den Gefährten,
Hurtig zu steigen ins Schiff, und die Seile vom Ufer zu lösen;
Und sie stiegen hinein, und setzten sich hin auf die Bänke.
Also durchschifften wir die Flut des Oceanstromes,
Erst vom Ruder getrieben, und drauf vom günstigen Winde.

Auch Dantes Bild der Hölle als Schau eines Menschen ausgangs des Mittelalters ist ebenso schaurig gezeichnet; man ist im Rahmen seiner Göttlichen Komödie sogar für jene froh, die, nicht in der Hölle, sondern „nur“ im Fegefeuer seiend, leise Hoffnung schöpfen dürfen und atmet auf, wenn Vergil, Dantes Führer durch Hölle und Fegefeuer, ihn an Beatrice übergibt, welche die Führung durch das Paradies übernimmt, ein Leben im Licht und in der Freude.

Ich gehöre zu denen, die annehmen, dass die Tatsache, dass weit entwickelte Menschen bzw. Wesen ihren Fuß auf die Erde gesetzt haben und hier gewirkt haben, heißen sie Zarathustra, Mose, Pythagoras, Buddha, Jesus, Hildegard von Bingen, Franz von Assisi, Gandhi und andere mehr, die Energie der Erde verändert haben (ich vermute fast, es gäbe uns auf ihr sonst nicht mehr). Und ich halte es für keinen Zufall, dass das Glaubensbekenntnis darauf verweist, dass Christus in den drei Tagen seines angeblichen Todes in der Unterwelt war und diese ebenfalls verändert hat. In der Folgezeit würden viele Toten dem Odysseus in anderer Weise begegnen können, zumindest jene, die in ihrem Leben für das Geistige offen waren; für die Anderen bleibt das Jenseits, auch heute noch, so vermute ich, ein großes Dunkel, eine große Orientierungslosigkeit und so trostlos wie zu vorchristlichen Zeiten.

Man muss den Wunsch und Willen eines jeden Menschen, welche Sicht er auf das All und sein Leben nehmen möchte, absolut respektieren. Mögen die, die all diese Berichte für minderwertig, weil mythisch oder literarische Fiktion, halten, ihre Zeit auf der Erde genießen, bevor sie die lang anhaltende Wahrheit erkennen.

Was ich bedaure, ist, dass zunehmend Menschen die Bedeutung ihrer Lebensgestaltung unterschätzen. Die Ablenkungsmöglichkeiten, die es in ihrem Leben gibt, die so gut funktionieren, weil die materielle Existenz so blendend wirkt, gibt es in einem Leben nach dem Leben nicht. Womöglich gibt es keinen Schlaf, der uns auf der Erde noch über manches Leid hinweghilft und den Heilungsprozess mancher Wunde erleichtert. Ich vermute, die Dunkelheit des Bewusstseins quält Nacht für Nacht. Ohne Tag.

Tieropfer manifestierten die Bedeutung der Tiere

Aus der erhellenden Sicht des Anaxagoras und der Schöpfungsgeschichte auf das Leben ergibt sich auch, wie der Mensch mit den Tieren, vor allem denen höherer Ordnung umgehen sollte, denn im Tier tötet er auch immer einen Teil von sich.

Bezeichnenderweise sind in der Schöpfungsgeschichte (1. Mose 1,29) Tiere als Nahrung nicht genannt, nur Pflanzen und Früchte der Bäume.

Dieses Wissen tritt in den Kindern unserer Zeit immer mehr zutage. Viele lehnen es intuitiv ab, Tiere zu essen. Das heißt für mich nicht, dass es ein moralisches oder ethisch minderwertiges Verhalten sei, wenn Menschen Fleisch essen; es war auch nicht vorgesehen, dass sie vom Baum der Erkenntnis essen. Getan haben sie es dennoch – und das bestimmt unser Leben bis heute.

Es war auch kein moralisches oder ethisch minderwertiges Verhalten, dass zu früheren Zeiten den Göttern – oder in der Thora, den Büchern Mose also, dem einen Gott – Tiere geopfert wurden. Ich empfinde es als eine dümmliche Hybris, wenn Juden und Christen vorgehalten wird, im Alten Testament seien Tiere einem Gott zuliebe getötet worden.

Wer wie Precht im Rahmen von Tiere denken in seiner ein Kaptitel umfassenden Phillipika gegen das Verhältnis des alten Judentums zu Tieren, möglichst despektierlich auch die Inhalte der Thora darstellend, damalige Tieropfer an den Pranger stellt, dem spreche ich empathisches Vermögen für historische Prozesse ab und attestiere ihm die Arroganz eines zeitgenössisch Lebenden, der nicht in der Lage ist, historische Bewusstseinszustände vertsehend nachzuvollziehen.

Ich halte dafür, dass den damals lebenden Juden bewusst war, wie wertvoll Tiere waren und es war eine Form der Dankbarkeit gegenüber ihrem Gott und oftmals auch eine Bitte um Versöhnung, dass Sie ihm so Wertvolles opferten. Gerade weil sie den Wert eines Tieres kannten, hatte ihr Opfer für sie diesen Stellenwert. Dass wir Heutigen uns anders verhalten, ist Zeichen unserer Entwicklung. Nur muss man sich schon die Mühe machen, nicht nur von unserem Bewusstseinszustand auszugehen, sondern den der damals lebenden Menschen zu sehen und nicht immer nur aus heutiger Sicht zu werten (noch dazu tun das ja auch Menschen, die beispielsweise kurz zuvor genüsslich ein Frühstücksei geschlabbert hatten, obwohl sie wissen, dass für diesen fragwürdigen Genuss täglich hunderttausende von überflüssigen männlichen Küken geschreddert werden – das ist wahrlich ein bigottes Verhalten).

Anmerken möchte ich, dass auf dem Hintergrund unseres heutigen Bewusstseins das vor allem im Judentum und im Islam gebräuchliche Schächten von Tieren nicht mehr zu rechtfertigen ist. Im Alten Testament ist auch von ihm nie die Rede.

Ohne Tiere keine menschliche Existenz

Ich möchte noch einmal festhalten: Aus Sicht der Bibel ist es so, dass ohne die Tiere es gar keinen Menschen geben könnte. Die Abfolge der Schöpfungstage ist absolut folgerichtig und gibt kund, dass die Existenz des Menschen die der Tiere voraussetzt; ihre Entwicklung ist eine notwendige körperliche und sogar seelische Vorbereitung des Menschseins. Von daher ergibt sich auf dem Hintergrund eines langen gemeinsamen Weges von Tier und Mensch mit vielen Höhen und schrecklichen Tiefen, die in einem völlig unnötigen Ausmaß – man denke an Formen der Tierhaltung und Tierversuche – immer noch anhalten, auf dem Hintergrund also von Millionen gemeinsam verbrachter Jahre eine Sichtweise im Hinblick auf das Verhältnis von Mensch und Tier, wie es für einen bestimmten Bereich Dahlke/Baumgartner in „Das Tier als Spiegel der menschlichen Seele“ aufzeigen, indem sie vermitteln, dass Tiere, wenn wir achtsam mit ihnen umgehen, unsere Entwicklung unterstützen und sich auch auf der seelischen Ebene als Bereicherung unseres Lebens erweisen können, ein Buch, auf das ich ggf. zum Abschluss dieser Reihe eingehe, weil es einen weiteren Bewusstseinsschritt im Rahmen der Schöpfungspartnerschaft von Tier und Mensch signalisiert.

Was seelisch-geistig reifen will, braucht Zeit

Ich zitiere Precht, der sich eigentlich selbst eine Steilvorlage zum Verständnis der Menschwerdung gibt, indem er schreibt:

„Im Gegensatz zum Affenfötus jedoch entwickelt sich der Menschenfötus langsamer und behält einige entscheidende Merkmale seines embryonalen Stadiums bei, etwa die Schädelproportion oder die Nacktheit (…) Weil sich der Menschenfötus im Vergleich zum Affen verzögert heranbildet, hat sein Gehirn eine verlängerte Wachstumsphase (…) Noch der erwachsene Mensch“ – und Precht bezieht sich hier auf die Beobachtungen des niederländischen Arztes Louis Bolk (1866-1930) – „zeige Eigenschaften, die unter Affen nur im Kindesstadium zu finden sind, allen voran sein starkes Spielbedürfnis und seine im Tierreich einzigartige Neugier und Lernbereitschaft.“

Tja, so möchte man sagen, das kommt davon, wenn man nicht nur den Geist vertreibt, sondern auch die Seele außen vorlässt, dann erkennt man nicht:

Was seelisch-geistig reifen will, braucht Zeit.

Und man nimmt nicht zur Kenntnis, dass die embryonale und frühkindliche Entwicklung die Phylogenese des Menschen spiegelt.

Eigentlich hätte es selbst einem Precht trotz seiner Geist-Phobie einleuchten könnten, warum der Mensch erst ziemlich spät das Erdtableau betritt. Dabei sagt er selbst: „Der Clou der menschlichen Entwicklung ist demnach ihre Langsamkeit.“

Gut Ding will Weile haben. Den Menschen wurde diese lange Weile zuteil, den Tieren nicht.

Dass die Menschen nach den Tieren geschaffen wurden, das heißt, in der Urkunde makro- und mikrokosmischen Werdens, der Schöpfungsgeschichte, später auftauchen, liegt daran, dass im Verborgenen reifen muss, was sich zu höchster Stufe entwickelt.

Bemerkenswert ist – und Anaxagoras wusste es: Von Anbeginn ist alles Geschaffene im Ur-Samen enthalten.

Selbst Darwin, man mag es nicht glauben, vertritt eine durchaus vergleichbare Sicht, wenn er am Ende des letzten, des 15. Kapitels in Die Entstehung der Arten (1859) alles Leben auf möglicherweise eine Ur-Form zurückführt:

Es ist wahrlich eine große Ansicht, daß der Schöpfer den Keim alles Lebens, das uns umgibt, nur wenigen oder einer einzigen Form eingehaucht hat (…)

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Zwölf Verse Rilkes über den ungeschaffnen Gang des Schwanes: Mühsal, die sich lohnt!

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Der Schwan

Diese Mühsal, durch noch Ungetanes
schwer und wie gebunden hinzugehn,
gleicht dem ungeschaffnen Gang des Schwanes.

Und das Sterben, dieses Nichtmehrfassen
jenes Grunds, auf dem wir täglich stehn,
seinem ängstlichen Sich-Niederlassen – :

in die Wasser, die ihn sanft empfangen
und die sich, wie glücklich und vergangen,
unter ihm zurückziehen, Flut um Flut;

während er unendlich still und sicher
immer mündiger und königlicher
und gelassener zu ziehn geruht.

Rainer Maria Rilke, 1905/06, Meudon

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Rilke schrieb dieses Gedicht unter dem Einfluss des großen Bildhauers Rhodin just in jener Zeit, als er bei diesem angestellt war, um dessen Buchhaltung zu führen, was allerdings nicht gutgehen sollte; die beiden Männer entzweiten sich. Rilke entwickelte aber durch diesen großen Künstler einen neuen Blick auf Dinge, einen Blick, der ihm erlauben sollte, tief in ihr Wesen zu sehen und zu erkennen, welche Bedeutung sie im Hinblick auf den Menschen haben.

Tiere haben sich ja, wie ich an anderer Stelle noch ausführen werde, über Millionen von Jahren gemeinsam mit dem Menschen entwickelt. Zu einem bestimmten Zeitpunkt aber sind sie noch vor dem Menschen in Erscheinung getreten – es ist der 5. Tag der Schöpfungsgeschichte – und haben sich damit von der menschlichen Entwicklung abgekoppelt. Im Grunde aber ist dieses Geschehen Voraussetzung für die menschliche Existenz. In den Tieren nämlich spiegeln sich menschliche Eigenschaften, Gefühle, Wesensmerkmale. Wie ein Kaleidoskop setzen sich menschliche Ebenen zusammen aus den vielen Facetten von Tieren, auch wenn das menschliche Wesen als Ganzes dadurch bei weitem nicht erfasst ist.

Dies so sehen zu können, ist auch ein Verdienst Rilkes und in gewisser Weise ist er poetischer Wegbereiter für aktuelle Bücher wie Das Tier als Spiegel der menschlichen Seele, auf das ich an anderer Stelle noch eingehen werde (und hier dann verlinke).

Unter diesem Gesichtspunkt stellt sich die Frage, was Rilkes  Gedicht über den Schwan – auch Gedichte über Tiere zählen zu den sogenannten Ding-Gedichten – vermitteln möchte.

Vierstrophig zu jeweils drei Zeilen ist es im Trochäus geschrieben, was so häufig nicht vorkommt, hier aber kein Zufall ist, wird doch dadurch in der ersten Strophe gleich das erste Wort betont, eigentlich kein lexikalisch aufregendes, ist Diese doch ein schlichtes Demonstrativpronomen, doch bekommt sein ohnehin vorhandener Verweisungscharakter an dieser Stelle gleich zu Beginn noch mehr Nachdruck – in ganz besonderem Fokus dadurch: die Mühsal.

Die menschliche Mühsal. Um sie geht es. Mit ihr beginnt dieses Gedicht über den Schwan. Man rechnet aufgrund der Überschrift mit vielem – damit nicht.

Und es ist nicht die Rede von irgendeiner Mühsal, sondern von jener, die vorliegt, wenn man durch noch nie Getanes hindurchgehen muss. Das ist oft mühselig und unserem Tun fehlt dann Leichtigkeit und es wirkt wie der Gang des Schwans, schwerfällig, als ob man gefesselt sei. Keine Spur von Selbstverständlichkeit, von Zielsicherheit. Wie schwankt der Schwan, wie schwer fällt ihm das Gehen. Dafür ist er nicht geschaffen.

Immer, wenn wir einen Weg gehen, der noch nicht geschaffen ist, erleben wir möglicherweise Ähnliches. Doch im Grunde wissen wir: Je ähnlicher unser Erleben diesem Schwanengang ist, je schwerer uns das Gehen fällt, desto wertvoller wird es für unser Inneres. Das ist uns bewusst.

Verständlich wird auf einmal, warum der Kreuzweg Jesu, als er tat, was noch nie einer tat, was bis dahin also ungeschaffen war, solch eine Leistung war, solch eine Mühsal, eine Qual. Auch, weil sie keine nur individuelle, sondern eine übermenschliche war.

Auf dem Hintergrund dieser ersten Strophe wird deutlich, worin die Leistung eines jeden beruht, der einen ungeschaffenen Weg geht.

Der Schwanengang lässt uns das verstehen.

Ging es in der ersten Strophe um die Mühsal ungeschaffenen Gehens, so geht es in der zweiten um das Sterben.

Und wieder vermag Rilke mittels des Schwanes zu verdeutlichen, wie und warum Sterben so angstvoll sein kann, ja ist.

Wir haben vielleicht schon gesehen, wenn ein Schwan nach dem schwerfälligen Gehen über die Erde auf ihr sich niederlässt. Das ist hier nicht angesprochen. Es geschieht auch aus geringer Höhe und gleichsam aus dem Stand. Anders sieht es aus, wenn ein Schwan zur Landung auf dem Wasser ansetzt.

Ich bleibe jedesmal stehen, wenn ein Schwan das tut. Das Bild erinnert mich an die Concorde, die leider nicht mehr fliegt: der Hals des Schwanes ist nach vorne gestreckt und im letzten Moment, kurz vor der Landung schlägt das Körperende samt Federkleid auf das Wasser, jenes laute Klatschen verursachend, das jedem Wasserfassen vorausgeht. Ist er im Wasser, mag man kaum verstehen, warum einem beim Anblick eines niedergehenden Schwanes jede Landung ein hohes Risiko dünkt. In der Tat scheint ein Hauch von Angst dabeizusein; nie wirkt der Schwan verletzlicher, dem Sein ausgeliefert wie unmittelbar vor der Landung.

Und doch wird er so sanft empfangen.

Das ist Rilkesche Meisterschaft: davon zu sprechen, dass Wasser einen sanft empfangen und sich – wie vergangen – unter einem zurückziehen kann. Indem das im Augenblick geschieht und schon vergangen ist, ist diese Sanftheit möglich. Unnachahmlich dieser Vergleich: „wie vergangen“, unnachahmlich, dieses Polyptoton „Flut um Flut“; selbst die u-Laute scheinen von Rilkes Muse herbeigezaubert. Da ist kein Widerstand.

Wir sind gewohnt, Grund unter den Füßen zu haben. Sterben aber ist anders, ein Nichtmehrfassen. Und doch versinken wir nicht. Im Gegenteil.

Die letzte Strophe erinnert mich an Lohengrin, wie er in der Oper Richard Wagners, aufrecht in seinem Nachen stehend, den Fluss herauffährt, gezogen von einem Schwan. Wahrhaft königlich, der Gralssohn, wie er Elsa von Brabant zu Hilfe kommt.

So kann es auch nach dem Sterben sein.

Ich erinnere mich, dass ich vor vielen Jahren im Fernsehen Stefan von Jankovich über sein Sterben reden hörte. Er saß als Beifahrer neben seinem Geschäftspartner auf einer Fahrt nach Lugano, als ihnen auf ihrer Spur ein Lastwagen entgegenkam. Der Aufprall war furchtbar. Jankovich flog durch die Windschutzscheibe, prallte auf, 18 Brüche, der Schädelknochen lag bloß, und ihn rettete die Tatsache, dass zufällig ein deutscher Zahnarzt zur Unfallstelle kam, der ihm sechs Minuten nach dem Unfall eine Adrenalinspritze direkt in den Herzmuskel injizierte. Jankovich aber hatte keine Schmerzen. Er schilderte, wie er über seinem Körper schwebte, die Gespräche der Umstehenden hörte und z.B. mitbekam, wie ein Mann versuchte, ihn wiederzubeleben. Das war Anlass für mich, am nächsten Tag gleich sein Buch zu kaufen und in der Folge dann Raymond A. Moodys Leben nach dem Tod. Was ich dort über Nahtoderlebnisse las, vergesse ich deshalb nicht, weil auch von einem amerikanischen Soldaten berichtet wurde, der in Vietnam, von Kugeln durchsiebt, „starb“, sich bereits von oben sah und keine Schmerzen hatte. Ich erinnere mich, dass mich das in Bezug auf das schreckliche Sterben vieler Soldaten in den Stellungskriegen des Ersten und Zweiten Weltkriegs tröstete. Vielleicht hatten manche, die stundenlang starben, weil sie zwischen den Drahtverhauen lagen und nicht geborgen werden konnten, keine Schmerzen. Vielleicht haben es auch Tiere nicht, wenn sie von einem Raubtier gerissen werden.

Nicht wenige unter denen, die ihr Nahtoderlebnis wiedergaben, berichteten, dass sie gar nicht zurückkommen, sondern lieber sterben wollten aufgrund dessen, was und wer ihnen begegnete, aufgrund der gesamten Atmosphäre des Sterbens. Wie ein sanfter Empfang.

Nur gibt es auch andere Zeugnisse über Sterben und Tod. Ich denke an des Odysseus kurzen Aufenthalt in der Unterwelt, die er aufsuchte, um von Teiresias Weiteres über den Weg nach Hause zu erfahren, und wie schaurig auf ihn die Szenerie im Hades wirkte, in der seine Mutter, vor Troja gefallene große Helden und ihm bekannte Griechen auftauchten. Nichts war da immer mündiger und königlicher  und gelassener. In meinem nächsten Post werde ich ein wenig ausführlicher auf diese wichtige Stelle der Odyssee eingehen,

Woher nimmt Rilke jene Sicherheit, die in diesen drei Komperativen so nachdrücklich zum Ausdruck kommt?

Für die vorchristliche Zeit sieht es in der Tat so aus, wie es Homer uns wissen lässt. Selbst die großen Helden – und es sind ja in den Mythen auch immer Helden des Bewusstseins – darben und wirken gequält.

Wie nun wird es uns gehen?

Ist die Bereitschaft zu mühseligem Gehen Voraussetzung für ein Sterben und eine Folgezeit, wie sie Rilke vermittelt? Eine Bereitschaft, die ein Offensein für geistige Entwicklungen einschließt?

Wenn es so ist, schwant mir, könnte jene Zeit, die Rilke im letzten Terzett anspricht, für nicht wenige Erdenbürger wenig königlich sein.

Was Rilke schreibt, bleibt haften; dazu tragen die zwei Alliterationen bei, die sich allein in der letzten Zeile finden (zu ziehn / gelassener … geruht). Und ist es auch ein konsonantisch unreiner Reim, der Strophe 3 und 4 verbindet (Flut – geruht), so hat doch das letzte Wort, der letzte Reim eine unglaubliche Ausstrahlung. Zu ziehen geruhen – solch eine Wendung schreiben zu können, ist nur wenigen Dichtern vorbehalten.

Rilkes obiges Gedicht gehört zu meinen Rilke-Favoriten und ich bedaure ein wenig, dass, wenn ein Ding-Gedicht abgedruckt wird und es um Tiere geht, meist Der Panther ausgewählt wird. Letzteres ist ganz und gar bemerkenswert, klar. Mir persönlich aber hat es Der Schwan noch mehr angetan und ich wünschte mir, es würden mehr Menschen seine Zeilen lesen und verstehen.

Sie enthalten so viel Hoffnung, wie ich finde. Hoffnung, die auf Mühsal basiert. Wie wichtig in einer Gesellschaft, in der so viele weiß und königlich wie ein Schwan sein möchten und vergessen, dass uns schon die Märchen erzählt haben, wie es um Königstöchter bestellt ist, die nur schön sein wollen.

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