Wer selbstlos ist, ist sein Selbst los! – Wie wertvoll dagegen das Bewusstsein von Hildegard, Mechthild, Roswitha und Elisabeth ist!

Es gibt auf den inneren Festplatten der Menschen Viren, die deshalb ungeheuer wirkungsvoll sind, weil man sie gar nicht für Viren hält. Im Gegenteil hält man Selbstlosigkeit für eine wertvolle Datei. 

Dieser Beitrag ist der dritte Teil unter Vier Frauen für ein Hallelujah. – Für den, der nachlesen möchte, hier der Link zu Teil I, hier zu Teil II. Vor allem die Kenntnis des letzteren ist empfehlenswert, um das Folgende angemessen einordnen zu können.

Selbstlosigkeit und Selbstachtung schließen sich aus!

Leicht könnte man auf die Idee kommen zu sagen: Hildegard, Mechthild, Elisabeth – welch selbstlose Frauen!

Genau aber das Gegenteil ist der Fall. Ich habe sie nicht nur deshalb ausgewählt, weil sie Albertus Magnus´ Aussage, Frauen seien missratene Männer, überzeugendst widerlegen und zeigen, wie missraten – zumindest diesbezüglich – dessen innere Disposition ist, sondern weil ich zudem der Überzeugung bin, dass sie aus einem sehr starken Selbst heraus gehandelt haben.

So hart das auch klingen mag: Aus Liebe heraus – und Selbstachtung ist eine ihrer Voraussetzungen – kann wirklich nur der handeln, der aus einem starken Selbst heraus handelt, wobei viele Menschen, die im sozialen oder in anderen Bereichen tätig sind, Bereiche also, die ein Handeln aus einem gesunden Selbst heraus wünschenswert erscheinen lassen, nicht deshalb ohne Liebe sind, weil sie dies „selbstlos“ tun. – Wir sind alle auf dem Weg, uns weiterzuentwickeln, und mancher lernt auch daraus, dass er am Ende seiner Kräfte ist und sagt: Jetzt habe ich mich so um diese Menschen gekümmert – aber glaubst Du, einer sagt mal danke!

Das ist menschlich gesprochen und absolut nachvollziehbar. Nur zeugt es zugleich von dieser nicht empfehlenswerten Selbstlosigkeit. Solche und ähnliche Sätze sind Indikatoren des oben angesprochenen Virus.

Menschen mit einem starken Selbst wissen, dass sie keinen Dank erwarten können. Sie tun, was sie tun, auch nicht für Dank. Sie tun es – so abgegriffen das auch klingen mag – aus Liebe zur Sache oder den Menschen, denen sie helfen.

Wenn sie allerdings ein Danke oder einen Dank erfahren: um so schöner, und ich habe durchaus den Eindruck, dass in unserer Gesellschaft das Bewusstsein dafür gestiegen ist, dass man ein Danke einfach nicht vergessen sollte, weil es Nahrung ist für künftige gute Taten und weil es den Speicher der Menschen, die sich oft verausgabt haben, – zum Teil jedenfalls – wieder füllen kann.

Der Begriff des Selbst ist vor allem in der analytischen Psychologie C.G. Jungs von Bedeutung. Er entspricht dort einem Archetypus, also einem Grundmuster unserer Seele, das dann in Kraft treten kann, wenn ein Mensch existentielle Seiten seines Seins zunehmend zu einigen in der Lage ist; dazu gehören das Bewusste und das Unbewusste, unsere männliche und weibliche Seite, Gefühl und Verstand.

Wir kennen den Begriff der Selbstwerdung. Er verweist darauf, dass wir immer im Werden sind und dass selbst Menschen mit Selbstbewusstsein, die also wirklich ihrer selbst bewusst sind, immer wieder auch aus diesem Zustand fallen und wieder zurückfinden müssen. Dennoch aber entsteht bei jemandem, der auf dem Weg der Selbstwerdung ist, zunehmend ein Bewusstsein, das nicht mehr in einer kleinlichen Ego-Welt gefangen ist, sondern über persönliche Wünsche und Bedürfnisse hinaus mit seiner Umgebung und der Welt in einer konstruktiven Weise in Beziehung steht.

Es wäre also gut, wenn man nicht Leute, die mit aufgeblasenem Ego daherkommen, als selbstbewusst bezeichnen würde. Das glatte Gegenteil ist der Fall: Basis der krähenden Gockel sind nicht integrierte Archetypen wie der Alte Weise oder die Große Mutter, sondern der Mist anderer und ihr eigener, auf dem sie stehen und krähen.

In der Beschäftigung mit den vier in den vorausgegangenen Beiträgen angesprochenen Frauen habe ich jedenfalls den Eindruck gewonnen, dass es sehr starke Frauen waren und dass, sie und ihr Tun als selbstlos zu bezeichnen, völlig falsch wäre.

Die Schöpfungsgeschichte: eine Lernsequenz für Psychologen

Gerade bei Hildegard von Bingen habe ich ihre Stärke wahrnehmen können, wobei ich der Überzeugung bin, dass sie die Bedeutung der Schöpfungstage, auf die ich etwas ausführlicher in Teil II eingegangen bin, auch für sich fruchtbar gemacht hat.

Menschen, die auf dem Weg zur Vollendung im Sinne des 7. Schöpfungstages sind – ein Zustand, von dem die Menschheit insgesamt noch weit entfernt ist -, sind gekennzeichnet durch Eigenschaften und Fähigkeiten, die den 6. und 7. Schöpfungstag ausmachen, und sich dieser Entwicklungsschritte bewusst zu werden, bedeutet zugleich, mit den himmlischen Fähigkeiten und Verantwortlichkeiten der vorausgegangenen Tage, deren der Mensch für sein Leben auf der Erde bedarf, immer angemessener umgehen zu können, bedeutet aber auch, in der Beschäftigung mit solchen Gedanken, den biblischen Hinweisen zu den Schöpfungstagen also, eine Hilfe in Anspruch zu nehmen, um sich immer weiter zu entwickeln. – Unsere Gedanken prägen unsere Wirklichkeit.

Im Rahmen des 6. Schöpfungstages bedeuten beispielsweise die erschaffenen Kriechtiere und wilden Tiere nach Hildegard Lebenszustände und Fähigkeiten des Menschen. Im Grunde ist das, dreieinhalb Jahrtausende vor den Errungenschaften der Traumpsychologie und Psychoanalyse ein seelisches Bewusstsein, das unser Zeitgeist der Bibel gewiss nicht zugesteht, schon gar nicht dem Alten Testament. – Weit gefehlt.

Natürlich muss man berücksichtigen, dass Hildegard vor allem für ihre Zeit schreibt. Heute würde sie nicht mehr Kasteiungen mit einbeziehen oder von fleischlichen Begierden schreiben (wobei diese Frau den Mut haben könnte, gerade weil sie genau das meint, doch so zu formulieren). Zumindest aber würde sie heute sicherlich weitere Inhalte einbringen, denn die Seelen der Menschen haben sich erheblich verändert in dem, was sie wahrnehmen und was sie, gemäß ihrer Entwicklung bedürfen. Das muss man wissen, wenn man Hildegards Hinweise richtig verstehen will, die keineswegs an Aktualität verloren haben:

Die Kriechtiere beziehen sich nach Hildegard auf das Innere jener Menschen, die in der Enthaltsamkeit von fleischlichen Begierden nur dahinkriechen. Wilde Tiere aber, deren Erschaffung den 6. Schöpfungstag mit kennzeichnen, überschreiten, so Hildegard, die ihnen bestimmte Natur nicht und so sollen auch die Menschen sich an die ihnen bestimmte Natur halten. Grundsätzlich aber haben die Tiere, also die entsprechenden Triebe und Begierden und Verhaltensweisen den Menschen untertan zu sein – und nicht umgekehrt, wie wir es zunehmend heute erleben.

Triebe und Begierden haben notwendige Qualitäten für unsere Existenz; im Sinne der Schöpfungsgeschichte eben aber nur dann, wenn der Mensch sie dominiert und nicht, wenn sie den Menschen dominieren – die Exzesse sehen wir. – So ist das Machet euch die Erde untertan zu verstehen.

Für den Menschen, der sich – mit den Worten Hildegards – aller Vorschriften unterwirft, das heißt, sich mit Gott durch die Sehnsucht seiner Seele verbindet, gilt:

So wie das Land lebende Wesen nach ihrer Art hervorbringt, Vieh, Kriechtiere und wilde Tiere, so soll diese Erde, nämlich der Mensch, die lebendigen Tugenden der Seele hervorbringen. Der äußere Mensch soll sich an die Aufgabe der Seele halten und immer zu Gott aufseufzen, Seele und Leib sollen dadurch Gott nach der Art der stärksten Tugend, des Gehorsams gehorchen, der in Gott dem Tod seine Kraft heimlich weggenommen hat (…) Und so bewirkt Gott im Menschen, daß er sich selbst mit seinem eigenen Willen aus Liebe zu Gott in die Unterordnung unter Menschen demütigt. Wie die wilden Tiere sich von den Menschen fangen lassen, von denen sie auch ernährt und eingesetzt werden, wie sie selbst es wollen. Ähnlich werden auch die Menschen in diese Unterordnung unter die Lehrmeister gemäß dem Vorbild der heiligen Demut gerechnet. Sie sind dem Gehorsam unterstellt nach Art der Zugtiere und auch in der Niedrigkeit der Zugtiere.

Wer ein solches Wirken Gottes in sich zulässt, für den gilt die Aussage Johannes des Täufers: Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen. – Abnehmen muss das Ego des Menschen. – Sein Hochmut.

Demut als Voraussetzung für wahre Größe

Demut ist eines der Schlüsselwörter in Mechthilds und Hildegards Werk ebenso wie in Elisabeths Wirken und in der Art, wie Roswitha dichtete. Demut, das ist allen vier Frauen und all den Menschen, die Demut leben, bewusst, ist der Schlüssel zur Größe des Menschen. Ohne Demut ist diese Größe brandgefährlich, ja tödlich; wir wissen es u.a. von Luzifer, von Ikarus, von Faust.

In Demut jedoch ist diese Größe der Schlüssel zum abschließenden Schöpfungs-Geschehen.

So werden Himmel und Erde vollendet und alle ihre Zier, so lauten die biblischen Worte zum 7. Schöpfungstag; Hildegard legt offen, wie sie, bezogen auf den Menschen, zu verstehen sind:

Jene himmlischen und irdischen Tugenden und all ihre Zier werden im Menschen in Gerechtigkeit und Wahrheit mit guten Werken vollendet.

Und mit den letzten Sätzen dieses Abschnittes der 6. Vision des liber divinorum operum, des Buches vom Wirken Gottes, verweist Hildegard noch einmal darauf, was uns Menschen offensteht:

Gott segnete den siebten Tag in der Vollendung der guten Werke, das heißt den Menschen, der in ihm ein Glied seines Sohnes ist (…) Und von der Strenge, in der Er vor der Menschwerdung seines Sohnes niemanden das himmlische Reich betreten ließ, läßt der Vater der Werke von da an ab. Jetzt öffnet Er in diesem seinem Sohn den Zugang zu den ewigen Freuden, indem Er jede Schuld dem Menschen, der sie von Herzen bekennt, durch Seinen Sohn vergibt.
Das soll also der Gläubige im Glauben verstehen, und der soll darum nicht Ihn verachten, der wahrhaftig ist.

Kirche als Kulturträger

In Rahmen meiner Lektüre in Bezug auf diese vier Frauen ist mir noch einmal bewusst geworden , welch zentrale Rolle die Kirche in der Entwicklung dieser Kultur einnimmt. Von den vielen Schattenseiten abgesehen wird deutlich, dass das Engagement vieler Frauen und Männer ohne die Möglichkeiten, die die Kirche bot, nicht realisierbar gewesen wäre.

Es gab ja nicht wenige Frauen, die in der Art und Weise einer Roswitha, einer Hildegard, einer Mechthild und Elisabeth tätig waren. Und Gleiches gilt ja auch für Männer wie Berthold von Regensburg, Meister Eckehart, Johannes Tauler und viele, viele andere, die wir namentlich nicht mehr kennen, denen wir aber viel verdanken.

Die blühenden Landschaften des Ostens

Was aber mehr Aufmerksamkeit finden sollte, bezieht sich auf die Bedeutung des Ostens von Deutschland. Nicht zufällig kommen ja zwei der Frauen aus dem Osten, zwei aus dem Westen, wobei Roswitha, aus sächsischem Adel stammend, fast auch zum Osten Deutschlands gezählt werden kann.

Und wenn man auf die Geistesgeschichte unserer Kultur schaut, wird man schnell gewahr, wo wesentliche Schwerpunkte liegen: In Weimar, in Jena, in Berlin, in den Gegenden um Magdeburg und Erfurt oder auch konzentriert auf einen Fleck Erde: die Wartburg. Sie ist ja nicht nur der Wohnsitz einer Elisabeth oder der Rettungsanker eines Luther gewesen, sondern der Ort, von dem Burschenschaften 1817 gegen restaurative Zöpfe und für politische Bewegungsfreiheit ihr Signal ausgesendet haben.

Seltsam ist, dass angesichts der Wiedervereinigung 1990 dieser Gesichtspunkt auch in der Folge kaum (oder gar keine?) Rolle gespielt hat. Möglich, dass ich das überhört habe – man möge mich bitte auf Beispiele des Gegenteils aufmerksam machen -, aber den Osten Deutschlands begrüßt als goldenen Boden unserer Kultur, was er nun einmal ist, hat das jemand? So klar und vernehmbar , dass es den Menschen, die dort über viele Jahre wohnten und angesichts des einzigen Gradmessers, den damals Kohl und andere zelebrierten, gutgetan hätte, dass mit ihnen und dem Boden, auf dem sie leben, sich mit dem Westen Deutschlands etwas wieder verbindet, was mehr Wert ist als DM-Millionen oder zahllose Lidls, Aldis und Schleckers, die sofort den Osten zu überschwemmen begannen.

Klar waren die geistig blühenden Landschaften des Ostens verschüttet und wurden im Westen in Feuilletons der Zeitungen und an Universitäten wachgehalten. Dass aber kaum ein Augenmerk sich darauf richtete, wie wichtig es ist, dass vom Osten auf das Gebiet unserer Kultur wieder einströmen kann, was so drastisch und lange Zeit abgeschnitten war, das halte ich für einen entscheidenden Mangel der Wiedervereinigung und einen wesentlichen Grund, warum sich Deutschland mit ihr schwertat. Kohl war eben auch einer der führenden Vertreter einer sich immer materialistischer gerierenden CDU, und es war gewiss kein Zufall, aber schicksalhaft, dass dann mit Angela Merkel eine Vertreterin des deutschen Ostens Kanzlerin wurde, mit der man sich gewiss über geistes- und kulturwissenschaftliche Themen recht gut unterhalten kann, in deren Wesen aber nichts davon verankert ist – so empfinde ich es jedenfalls angesichts ihrer plan- und ziellosen und an keinen Idealen unserer Kultur orientierten Politik sowie den standardisierten Sätzen, die sie zu ethischen Fragen abgibt. Kultur spielt, auch wenn sie es energischst abstreiten und sich sofort eine Rede schreiben lassen würde, die natürlich genau das Gegenteil beweist, bei ihr die Rolle eines Epitheton ornans, eines schmückenden Beiworts: man kann es bzw. sie, die Kultur, verwenden – oder eben auch einfach weglassen.

Dem Geist unserer Geschichte und der Grundlage unserer Kultur kam kein Stellenwert zu und er konnte somit auch keine Wirkung entfalten.- Und das ist bis heute so.

Gewiss lassen sich heute aus diesem Scherbenhaufen der Kultur recht hohe Türme bauen, aber gemessen an dem, was unsere Kultur an eigentlich hoher menschlicher Substanz bietet, die im Sinne der Hildegardschen Schöpfungsgeschichte fruchtbar gemacht sein will, haben diese Scherbenhaufentürme eben Merkel-Niveau und nicht das, was sich aus dem Bewusstsein einer Hildegard oder Mechthild, eines Eckehart, eines Tauler, eines Luther, eines Goethe ergibt.

Wer erwartet hatte, dass ein Gauck als Theologe von diesem Geist etwas einbringen könne, wurde darüber belehrt, was für ein grausames geistiges Grau die DDR-Wirklichkeit in Köpfen und Herzen der Menschen erzeugen konnte. Nicht generell, aber mit Merkel und Gauck hat Deutschland Vertreter einer bleiernen Geistlosigkeit erwählt. Ich halte das auch für eine Folge von deren Sozialisation, gerade auch weil beide bei mir den Eindruck erwecken, sich dieses Zustandes nicht im Geringsten bewusst zu sein. Aber es ist nicht nur ein Sozialisationsphänomen, es betrifft auch ihre persönliche Struktur. – Die Frage ist nur, warum eine CDU sich an die innere Substanzlosigkeit einer Merkel ausgeliefert hat.

Wie kann Kultur fruchtbar gemacht werden?

Indem man sich des Geistes bewusst wird, der unseren Vorfahren eigen und wichtig war. Einer Hildegard, einer Mechthild, einem Eckehart, einem von Eschenbach, einem Luther, einem Lessing, einem Goethe, einem  Fichte, einem Hegel – geboren im Westen, verstorben im Osten ist er gleichsam ein Symbol dessen, was zusammengehört – ging es und würde es auch heute nicht um die ständige Steigerung des Bruttosozialprodukts gehen. Bezeichnend, dass es nur um die Sicherung der Renten, die Rettung Griechenlands, die Weiterexistenz der EU geht, aber kaum bis nie um die seelische Gesundheit der Menschen.

Eine EU beispielsweise würde nie in der Form und auf die Art, wie es sie gibt, existieren, wenn wir beachten würden, welche Bedeutung schon immer das Regionale und das Individuelle beispielsweise bei Paracelsus und Goethe gehabt haben. Niemals wäre einem von beiden und vielen anderen Trägern unserer Kultur in den Sinn gekommen, alle Länder in zentralen Kriterien über einen Leisten zu schlagen.

Die derzeitige EU widerspricht diametral unserer Leitkultur

Das aber interessiert nur noch erschreckend wenige Politiker.

Dazu ein andermal mehr.

Wessen wir uns aber sofort bewusst sein könnten:

wieder aktiv zu kämpfen und sich der Bedeutung des Schwertes bewusst zu sein.

Gerade Mechthild und Hildegard, aber auch Elisabeth und auf ihre Art auch Roswitha waren Schwertkämpferinnen in der Tradition eines Dietrich von Bern und seines Eckesachs, eines Artus  und seines Excalibur, eines Siegfried und seines Balmung und eines Parzival, der nicht von ungefähr zwei Schwerter sein eigen nannte, das dem roten Ritter abgenommene Ither-Schwert und das Grals-Schwert, ein geistiges Schwert, ihm früh anvertraut, dessen Bestimmung gerecht zu werden er so kämpfen musste.

Wer meine Posts gelesen hat, weiß, dass ich auf die Bedeutung des Schwertes im Zusammenhang mit dem Wort Jesu – Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert – mehrfach eingegangen bin, unter anderem in meinen Beiträgen zum Islam, weil ich es für einen Fehler hielt und halte, dass die Kirche einer theologischen Auseinandersetzung mit ihm und damit dem Herausstellen einer theologischen Unverbeinbarkeit immer wieder aus dem Weg gegangen ist und geht, daran ändern auch leise herausgegebene Papiere nichts. Man kann mit einer Religion, die 600 Jahre nach Christi Geburt die christliche Lehre negiert, nicht in einen Dialog treten.

Manche mögen über Wahrheiten diskutieren und feilschen. – Das Ergebnis sind  Halbwahrheiten. Die nun finden wir zuhauf.

Etwas anderes ist, dass man mit den Vertretern des Islam zusammensitzen oder auch gemeinsame Veranstaltungen durchführen kann, um zu zeigen, dass unterschiedliche theologische Positionen ein menschliches Miteinander nicht ausschließen. – Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, die durch Lessings Nathan der Weise im Hinblick auf das Verhalten seiner Vertreter der drei großen Religionen in unserer Kultur verankert ist.

Es ist eine klare Tatsache, dass es keinen Frieden geben kann, wenn nicht mit dem Schwert der Wahrheit Dinge geklärt sind. Wenn die Positionen klar sind, dann kann man darüber sprechen, wie man unter den gegebenen Bedingungen miteinander umgeht. Dann ist ehrliche Menschlichkeit unter gegenseitigem Respekt möglich.

Aber das Schwert des Christentums ist zu einem Gummischwertchen degeneriert, das niemand ernst nimmt.

Es gibt keinen Frieden ohne den vorherigen Einsatz des Schwertes – nicht im Sinne des Krieges. Wir brauchen weder das Gemetzel, das Christen auf dem ersten Kreuzzug in Jerusalem veranstalteten, noch die Blutbäder des radikalen Islam. Wir brauchen das Schwert im Sinne der Wahrheit. Es muss dieses Gestrüpp beseitigen, das sich – wie es im Bild des Dornröschen-Märchens dargestellt ist – um die Wahrheit gerankt hat, bis alles Leben zum Erliegen kam. Der Einsatz dieses Schwertes, wenn er mit Herz und Verstand, mit Glauben und Erkenntnis geschieht, kann bewirken, dass Bastionen ohne Blutvergießen fallen. Der Eiserne Vorhang ist ein Beispiel, dass es möglich ist, und unser Märchen auch, denn die Dornen öffnen sich als Rosen zu dem Schwertträger hin, wie von selbst.

Unsere Kultur ist in obigem Sinne eine Kultur des Schwertes.

Gewesen.

Heute kuscht sie.

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Vier Frauen für ein Hallelujah (Teil II)

Link zu Teil I

Zumindest zwei der vier Frauen zeigten hohen Mut, Fehlverhalten auch höchster Kreise anzuprangern.
Sie hätten einem Putin gesagt, wieviel Blut an seinen Händen klebt, indem er einen Vielfach-Mörder am eigenen Volk mordbombend reinthronisiert und in der Ost-Ukraine Unglück und Tod stiftet. Sie hätten Merkel für den unmoralischen Knebelvertrag, das Abkommen von Dublin, und für ihre bekannt lausige Weise, sich um eine klare Verurteilung eines Völkermordes zu drücken, zur Rede gestellt.

Fakt ist, dass es eine für die letzten Jahrzehnte seit Genscher typische Art deutscher Außenpolitik ist, (steinm)eiernd durch die Welt zu reisen, ohne in der Öffentlichkeit sich dezidiert zu Menschenrechtsverbrechen, die die Potentaten diverser Nationen begehen, zu äußern. Das betrifft im Übrigen nicht nur Putin, sondern auch die hehre NATO  und ihe in Aleppo gefangengenommenen Offiziere.

Verbrecherisches und unmenschliches Verhalten muss in einem jeden Fall ans Licht der Öffentlichkeit und es muss vor allem auch beim Namen genannt werden, damit es seiner Energien beraubt wird. Jedem auf der Erde sollte klar sein, dass der Handschlag gewisser Leute immer ein Handschlag mit blutiger Hand ist.

Stattdessen aber beliefert die Bundesrepublik seit langem Staaten mit Waffen, die den Terror unterstützen wie Saudi Arabien (15 der 19 an den Angriffen des 11. September beteiligten Terroristen waren Saudis). Da behindert offensichtlich kein C eine DU oder eine SU, schon gar nicht ein S eine PD.

Nur ist es besonders schändlich, wenn das C sogenannter christlicher Parteien als Tarnkappe für die Unterstützung von Krieg und Terrorismus dient.  – Und sie wissen, was sie tun.

Wer Täterschaft nicht offenlegt, wird zum geistigen Mittäter. Es ist traurig, welch verschwurbelten Politikstil Deutschland mittlerweile zelebriert. Das wird für die Zukunft unseres Landes nicht ohne Folgen bleiben. Nicht nur, was der Mensch, sondern auch, was ein Staat sät, wird er ernten.

Schade, dass es eine Hildegard von Bingen nicht mehr gibt,

die trotz ihres ursprünglich freundschaftlichen Verhältnisses zu Friedrich Barbarossa ihm gegenüber immer schärfere Töne wegen dessen papstfeindlicher Haltung anschlug.

Immer wieder konfrontierte sie die Großen der Politik und Kirche mit deren Verfehlungen. Im Streit zwischen Papsttum und Kaisertum, in dem die deutschen Bischöfe gegen Papst Hadrian IV. und später Alexander III. Stellung bezogen hatten, tadelte sie mehrfach den hohen Klerus und, wie erwähnt, selbst den Kaiser. Auch der Papst musste es sich gefallen lassen, von ihr zu hören, dass er der Gerechtigkeit zu dienen habe.

Vielleicht würde sie heute fordern, dass ein George Bush – mit einem Normalbürger hätte man das schon längst getan – wegen Mordes und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt wird, angeklagt im Gefolge jener Schandtat, den Irak-Krieg mittels bewusst gefälschter Dokumente  auf den Weg gebracht zu haben mit den schrecklichen Konsequenzen, die wir bis heute erleben und die uns – das sind nun einmal die Ergebnisse solchen Tuns – in den teuflischen Ungeheuern des IS entgegentreten und in den nach Geheimdienstinformationen mittlerweile 400 IS-Soldaten, die europaweit unterwegs sein sollen, um diesen Kontinent ins Herz zu treffen .

Warum dürfen sich Politiker erlauben, was Bürger nicht dürfen? Zahlt Bush für ein einziges Terroropfer? Hat er nicht vor allem seiner Familie, die dick in obskuren Geschäften steckt, diesbezügliche Quellen im Irak sichern wollen („der Irak ist zum Tummelplatz des internationalen Terrorismus geworden, nachdem George Bush die Freiheit dorthin brachte.“)?

Hildegard wusste um ihren Auftrag Posaune Gottes zu sein: Tu kund die Wunder, die du erfährst. Schreibe sie auf und sprich!

Sie scheute keine strapaziöse Reise – obwohl sie von Kindheit an eine schwächliche Konstitution hatte – und reiste nach Mainz, Würzburg, Bamberg, Wertheim, Kitzingen, in den Steigerwald und in den Hunsrück, nach Trier, nach Metz, nach Zabern, nach Alzey, nach Maulbronn, Zwiefalten, Hirsau, Andernach und Koblenz, um Äbtissinnen und Äbte, wenn in deren Klöstern einiges aus dem Ruder lief, gemäß ihres inneren Auftrags Verweise zu erteilen. Wiederholt predigte sie auf ihren Reisen öffentlich, auch in den großen Domen, so in Köln, wo sie ihre wohl berühmteste Predigt hielt.

Bekanntlich schrieb sie auch das erste systematische Werk über Naturheilkunde, gründete zwei Klöster und führte sie auf eine Weise, dass sie, so schreibt Rosa Termolen in ihrer lesenswerten Einleitung zu Scivias (Wisse die Wege) „weithin als Mustergüter galten“. Sie dichtete und komponierte und gerade in den letzten Jahrzehnten wurden immer wieder Tonträger mit ihren Liedern und Gesängen veröffentlicht.

Als Papst Eugen III. im Dom zu Trier Teile ihres Buches Scivias den an der Synode zu Trier teilnehmenden Klerikern vorliest, zu denen auch Bernhard von Clairvaux gehörte, ist er so beeindruckt, dass er sie auffordert, weiterhin alles niederzuschreiben, was der Heilige Geist ihr mitteilt.

Das hindert den Klerus von Mainz nicht, gegen Hildegard vorzugehen, weil sie sich der Forderung widersetzt, einen Adligen zu exhumieren, dem die Exkommunikation drohte und der in ihrem Kloster begraben worden war, nachdem er die Sterbesakramente erhalten hatte, und die Leiche aus dem Friedhof zu entfernen. Hildegard verweist darauf, dass er im Frieden mit der Kirche gestorben sei. Über das Kloster jedoch wird das Interdikt verhängt, eine kaum überbietbare Strafe, beinhaltet sie doch das Verbot aller gottesdienstlicher Handlungen. Hildegard wendet sich zwar erfolgreich an den Erzbischof von Mainz, aber die Anstrengungen mögen für sie zu groß gewesen sein. Sie stirbt mit 81 Jahren.

Gehorsam bedeutet zu wissen, zu wem man gehört!

Beeindruckend in ihrem letzten Buch Liber divinorum operum, dem Buch vom Wirken Gottes, an dem sie, wie schon am Liber Scivias über 10 Jahre geschrieben hatte, sind ihre Ausführungen zur biblischen Schöpfungsgeschichte. Ihre Worte lassen deutlich werden, dass für die ihr übermittelte Sicht die Schöpfungsgeschichte nicht abgeschlossen ist, sondern diese sich zugleich auf den Menschen bezieht, der sich also mitten im Schöpfungsvorgang befindet. Viele Theologen, die annehmen, der Anfang der Genesis, des 1. Buches Mose also, gebe die bereits geschehene Erschaffung der Welt wieder, befinden sich aus ihrer Sicht in einem fundamentalen Irrtum. Hildegard – und ich teile ihre Ansicht – vermittelt vielmehr, dass die Schöpfungsgeschichte keinen abgeschlossenen Vorgang darstellt, sondern der Mensch sein Werden hin zu wahrem Menschsein erst am siebten Schöpfungstag vollendet.

Im Rahmen der vorausgehenden Schöpfungs-Weltentage sind die Entwicklungsschritte klar erkennbar und viele Textstellen gewinnen im Rahmen dieser gewaltigen kosmischen Theologie Hildegards eine Dimension des wie oben, so unten (Hermes Trismegistos), des wie im Himmel, so auf Erden.

Kein Zufall, dass Hildegard dem 6. Schöpfungstag die Tugend des Gehorsams zuordnet.

Gehorsam ist so wertvoll wie nie, denn nur wer gehorsam ist, weiß – das beinhaltet übrigens auch die etymologische Urheberschaft des Wortes -, wohin er gehört.

Hildegards inspirierte Worte machen die Verantwortung deutlich, die wir als Menschen uns selbst gegenüber und dem Gesamtgeschehen haben. Die Offenbarung des Johannes, in der ja ebenfalls immer wieder die Siebenzahl eine so große Rolle spielt und die sich zum Teil auch auf ebensolche Zeiträume bezieht, wie das für die Schöpfungsgeschichte, ihre Weltentage also gilt, macht deutlich, dass es nicht folgenlos ist, mal geschwind ein oder mehrere Leben lang wider bessere Erkenntnismöglichkeit die eigene Entwicklung zu blockieren.

Man kann das tun. – Gewiss nicht ohne Folgen. – Im Grunde aber ist man dann nicht einmal des elementarsten Bewusstseins, um menschliches Leben zu verstehen, mächtig.

Das wird gerade auf dem Hintergrund des Schöpfungsverständnisses von Hildegard deutlich, denn dieses Verständnis basiert von seinem ersten Tag an auf dem Bewusstsein von Himmel und Erde, dem Himmel, wie sie schreibt, als der lucida materia, dem Urzustand also, der mit göttlichem Licht durchtränkt ist, und der Erde, der turbulenta materia, dem Tohuwabohu (hebräisch tōhu wā-bōhu), dem verworrenen Urstoff.

Diese Erde also, die wüst und leer ist, wie Luther übersetzt, womit auch ihr Bewusstseinszustand charakterisiert ist und die Hildegard als eine große Leere bezeichnet, ist, so ihre Ausführungen zum ersten Schöpfungstag, die Nacht des Verderbens, die mit dem Teufel, dem Vater des Menschenmordes anbrach. – Auf den Sturz Luzifers und den ungezählter Engel, der dem großen Schöpfungsgeschehen vorausging, geht sie vorab ein.

Wenn jemand meint, himmellos existieren zu können, dann, wie gesagt, hat er nicht einmal das Wissen des ersten Schöpfungstages, mag er sich intellektuell noch so aufplustern und Turbulenzen politischer, intellektueller oder auch medialer Art erzeugen. Diese entsprechen seinem Bewusstseins-Niveau. Kein Wunder also, was wir tagtäglich politisch, intellektuell und medial erleben.

Hildegard von Bingen ist selten als Äbtissin bezeichnet worden, immer wieder aber u.a. als Lehrerin. Das ist sie: eine große Lehrerin auf vielen Gebieten.

Mechthild von Magdeburg schrieb in deutscher Sprache!

Hildegard hat Mechthild von Magdeburg, wenn auch nicht persönlich, gekannt. Wenn Roswitha von Gandersheim die erste deutsche Dichterin war, so ist Mechthild jene Mystikerin, die die erste geistlich-mystische Schrift verfasst hat.

Zu ihrer Zeit war die Landschaft der Bistümer von Halberstadt und Magdeburg übersät von Burgen. Auf einer dieser Burgen, vermutlich in der Nähe Magdeburgs, muss Mechthild 1207/1210 in eine ritterliche Burgmannenfamilie hineingeboren worden sein, zeigt doch ihr Werk immer wieder eine genauere Kenntnis der ritterlichen Welt und von höfischen Sitten und Gebräuchen; so nimmt es nicht Wunder, dass sie das geistliche Leben einem Ritterturnier in vollen Waffen vergleicht.

Mechthild lebte in einer Zeit, in der selbst der katholischen Kirche die Anzahl der Heiligen zu hoch wurde; es gab förmlich Heiligkeitswellen; noch dazu gab es zahlreiche fromme Frauen, die unter dem Namen der Beginen in die Geschichte eingingen. Die solchermaßen Bezeichneten gehörten keinem Orden an, lebten in Gemeinschaften, sogenannten Beginenhöfen zusammen und legten Wert auf ein Leben in der Nachfolge Christi. Oft verdingten sie sich, z.B. als Wollkämmerinnen oder für ähnliche Tätigkeiten, taten Werke der Nächstenliebe, ja, leiteten sogar Schulen wie in Antwerpen und Brüssel. Nicht wenige waren hochgebildet. Bisweilen allerdings wurden sie auch übel verleumdet und es wurde übelst mit ihnen umgegangen. So wurden sie Anfang des 14. Jahrhunderts im Rahmen der Toulouser Inquisition eingemauert oder verbrannt.

Mechthild selbst war über lange Zeit eine Begine.

Wir hätten Das fließende Licht der Gottheit, Mechthilds Werk, vielleicht nie kennengelernt, denn Demut und Bescheidenheit war einer der Wesenszüge vieler dieser Frauen und Mechthild hat 30 Jahre lang  ihre mystischen Erfahrungen verschwiegen. Wir verdanken es ihrem Beichtvater, dem Dominikaner Heinrich von Halle, dass sie sich dazu entschließen konnte, die Geschenke des fließenden Lichtes zu veröffentlichen. Sie zeichnen sich durch eine hohe dichterische Kraft aus und durch eine eindrucksvolle metaphorische Sprache. Immer wieder finden wir das Bild des Adlers, das des Berges oder es wird die mystische Gotteserfahrung im Bild des Taus erfasst. Besonders eindrucksvoll ist gewiss das des Brunnens, auch deshalb, weil Mechthild liebevoll von ihrem Gott als ihrem fließenden Brunnen spricht.

Doch nicht nur ihre Metaphorik, überhaupt die Breite der von ihr verwendeten dichterischen Mittel und unterschiedlichen Stilebenen machen ihr Buch für einen der Mystik Aufgeschlossenen und literarisch Interessierten zu einer eindrucksvollen Lektüre. Immer wieder wechseln Prosaabschnitte mit lyrischen Zeilen, oft voller Inbrunst und gereimt:

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Wird ein Mensch zu einer Stund
von wahrer Liebe gänzlich wund,
so wird er nie mehr recht gesund,
er küsse denn denselben Mund,
der seine Seele machte wund.

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auch sentenzenhaft und ungereimt

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Die Seele ist grundlos im Verlangen,
brennend in der Liebe,
freundlich in der Anwesenheit,
ein Spiegel der Welt,
bescheiden in der Größe,
getreu in der Hilfe,
gesammelt in Gott.

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oder in Prosa, hier aus dem VI. der sieben Büchern des Fließenden Lichtes:

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(…) Wenn die Brüder oder Schwestern deines Konvents dir Ehre bieten, sollst du dich innerlich in scharfer Wachsamkeit deines Herzens fürchten und sollst dich äußerlich in vornehmer Zurückhaltung schämen. Alle Klagen sollst du barmherzig anhören und jeden Rat getreulich erteilen.
Wollen deine Brüder hoch hinausbauen, dann wende dieses in heiliger Weise um und sage: „Eia, vielliebe Brüder, wir wollen der heiligen Dreifaltigkeit  einen wundervollen Palast in unserer Seele  mit dem Holze der Heiligen Schrift und mit den Steinen der edlen Tugenden erbauen.

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Mechthild war sich wohl bewusst, worin die größte Gefahr für ihre zahlreichen Brüder und Schwestern besteht. Sie nennt die folgende Von allen Sünden die schlimmste (…) Der hochmütige Feind hat unwissende Menschen damit betrogen. Sie tun so heilig, dass sie vorgeben, sich in die ewige Gottheit zu erheben und bei der ewigen Menschheit unseres Herrn Jesus Christus zu sein. Wenn sie im Hochmut landen, verfallen sie dem ewigen Fluch. Sie wollen aber die Heiligsten sein und verhöhnen die Worte Gottes, die über die Menschheit unseres Herrn geschrieben sind.

Glauben kann unehrlich sein und Mechthild war sich bewusst, wie sehr es auch ein spirituelles Ego gibt, das sich manche, wenn nicht viele, zu nahezu Heiligen stilisieren lässt.

Wer so schonungslos offen und unbequem mahnend, wie das Mechthild – Hildegard ganz und gar vergleichbar – tut, sich immer wieder zu Wort meldet, Missstände innerhalb des Ordensklerus sehr deutlich anprangert und zudem dichterisch gekonnt zu schreiben vermag, erregt Aufsehen und hat, das lässt sich denken, Neider beiderlei Geschlechts. Verfolgung, Giftpfeile, Gemeinheiten und Bosheiten wie, dass man ihre Aufzeichnungen als Phantastereien verspottet, bleiben nicht aus.

Das mag sie veranlasst haben, sich – mittlerweile ist sie sechzig Jahre – den Schwestern des Zisterzienserklosters Helfta anzuschließen. Gewiss hat sie einen segensreichen Einfluss gehabt; die geistigen Einflüsse des Fließenden Lichtes der Gottheit sind bei der späterhin als Gertrud die Große bekannten Mitschwester wie auch bei Mechthild von Hakeborn deutlich bemerkbar.
Doch auch Mechthild selbst, die sich als ungelehrt und unwissend bezeichnete, mag Gewinn von einer Gemeinschaft von Frauen gehabt haben, die sehr bewusst sich Schriften von Augustinus, Hieronymus, Gregor von Nyssa, Bernhard von Clairvaux und anderen widmeten. Beeindruckend, wie sehr – im Übrigen für die damalige Zeit keineswegs ungewöhnlich – gerade Frauen auf Bildung Wert legten. Nicht von ungefähr war der Wahlspruch der Äbtissin Gertrud von Hakeborn: Wenn der Eifer für die Wissenschaft verlorengeht, so wird auch die Pflege der Wissenschaft aufhören.

In Helfta fügt Mechthild ihren bisherigen sechs Bücher des Fließenden Lichtes noch ein 7.  hinzu und stirbt, von ihren Schwestern und auch Außenstehenden, denen sie oft eine geschätzte Ratgeberin war, hoch verehrt, erblindet und hochbetagt. Über ihr Todesjahr besteht, ähnlich dem Geburtsjahr, Uneinigkeit (1282/1294).

Im ersten Teil meiner Ausführungen habe ich die Redewendung vom dunklen Mittelalter in ihrer Einseitigkeit in Abrede gestellt; natürlich aber ist es so, dass auch diese Zeit wie alle vor ihr und nach ihr viele dunkle Seiten hat; dazu muss man nicht einmal Band 6 und 7 von Karlheinz Deschners Kriminalgeschichte des Christentums studieren. Viel mehr als manchen unserer Zeitgenossen war den Frauen hier bewusst, wie dunkel die Erde und die Seelen der Menschen sein können. Doch mit einem Mut, der nicht aus Aggression, Neid oder Machtgelüste gespeist ist, sondern dessen Basis in Wahrheit Sanftmut ist, zogen sie gegen dieses Dunkel zu Feld. Ihnen wäre eine Art von Politik, die sich Diplomatie nennt und im Grunde mit dem Dunklen gemeine Sache macht, ein Dorn im Auge gewesen.

Mit 4 Jahren zur Ehe versprochen

Gern hätte ich mich der vierten von mir ausgewählten Frau, Elisabeth von Thüringen, ausführlicher noch gewidmet. In meiner den Filmtitel 4 Fäuste für ein Hallelujah glossierenden Überschrift, ist sie die vierte Frau, der ich viel Wertschätzung entgegenbringe.

Es war ja damals keineswegs ungewöhnlich, dass man sie mit ihrem späteren Gatten Ludwig von Thüringen, dem sie mit 14 Jahren vermählt wurde und drei Kinder gebar, ab dem vierten Lebensjahr aufwachsen ließ.

Ihre Leidenszeit beginnt mit 20 Jahren, als ihr geliebter Gatte auf dem fünften Kreuzzug, der unter Friedrich II. zustandekommt und dessentwegen er sich, um die Teilnahme an ihm finanzieren zu können, hoch verschulden musste, stirbt. Man wirft ihr vor, die Schätze der Wartburg an die Armen zu verschleudern.

Elisabeth, Landgräfin von Thüringen und über ihre Familie eng mit dem europäischen Hochadel verbunden, lebte, nachdem Heinrich Raspe IV., der jüngere Bruder ihres Mannes, der nach dessen Tod sein Nachfolger wird, sie für unzurechnungsfähig hielt und ihr die Verfügungsgewalt über ihren Besitz entzogen hatte, vom Geiste des Heiligen Franz von Assisi beseelt, eine Zeitlang in einem ehemaligen Schweinestall.

Über ihr Leben zu lesen, über ihr selbst im Rahmen der damals europaweiten Armutsbewegung ungewöhnlich menschlich-soziales Engagement und ihre so glaubwürdige Religiosität wird kaum jemanden unberührt lassen.

Nicht von ungefähr nimmt Richard Wagner in seiner Oper Tannhäuser Elisabeth als die Gestalt, nach der sich Tannhäuser, nachdem er bei der göttlichen Venus nicht die erhoffte Erfüllung seiner Träume hatte finden können, in einer neuen Weise zu lieben verzehrt.

Richard Wagner unterliegt hier keiner falschen Stilisierung; vielmehr weist er auf diese Weise, den Topos von der Heiligen und der Hure berührend, auf ein Kennzeichen der männlichen Seele hin.

Auch eine Elisabeth mag in sich Anteile gehabt haben, wie sie sich in Roswitha von Gandersheims Schaffen spiegeln. Was letztere in ihrem Drama Abraham gestaltet, sind ja Personen, Kräfte, Energien ihres eigenen Inneren. Maria als Hure ist auch ein Teil Roswithas, mit dem sich diese Frau auf diese Weise auseinandersetzt, so wie die weibliche Seite Tannhäusers eine Venus und eine Elisabeth ausmachen.

Die Frage nur, die sich gerade auf dem Hintergrund der Beschäftigung mit diesen Frauen stellt, ist, wie damit umgehen? Die lucida materia oder die turbulenta materia leben? Im Sinne der Sicht Hildegards auf den ersten Schöpfungstag also, Himmel oder Erde leben?

Nehmen wir das Firmamentum als, wie es übersetzt lautet, Stütze, als Stütze also des Himmels, zugleich Himmel und Erde auseinanderdividierend, weshalb es Hildegard so wichtig ist, in uns in Anspruch?

Kein Mensch kann nur den Himmel leben. Das wissen wir alle. Selbst ein großer König und Dichter wie David konnte und wollte einer Bathseba nicht widerstehen. Leonard Cohen hat das Geschehen, mit einem ganz privaten Timbre versehen, auf faszinierende Weise besungen.

Dennoch mutet es erschreckend an, wie bewusstlos sich zunehmend weite Teile der zivilisierten Menschheit ihren inneren Turbulenzen hingeben und sie im Außen veranstalten.

Mag niemand mehr so selbstlos leben, wie diese Frauen, von denen hier die Rede war?
Oder könnte es schlicht damit zusammenhängen, dass einer der gerissensten Verlogenheiten dieser Turbulenzen und unserer Zeit mit dem Wort selbstlos zusammenhängen?

(es folgt abschließend Teil III)

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Vier Frauen für ein Hallelujah! (Teil I)

Die erste uns bekannte deutsche Dichterin, geboren um 935, ihres Zeichens Kanonisse eines Klosterstifts, lässt in einem ihrer Dramen den Mönch Abraham erleben, wie seine Nichte Maria zur Hure wird, die, wie er erfahren muss, mehrmals täglich Freier bedient, obwohl er ihr doch einst bei sich eine Zelle ohne Türe baute, damit sie erbaulich lebe. – Ein für ein Stiftsfräulein durchaus ungewöhnlicher Stoff, zumal vor mehr als tausend Jahren.

Noch dazu lehnte ihr dramatisches Werk in Stil und Gestaltung sich an den römischen Dichter Terenz an, per Geburtsdatum ein ausgewiesener Heide.

Unsere Kultur hält uns einen Spiegel vor

Ein Blick zurück in frühere Zeiten – und wir sind damals noch nicht einmal an den Wurzeln deutscher und deutschsprachiger Kultur -, lässt uns auf eine seltsame Weise zur Ruhe kommen, hält uns einen Spiegel vor und lässt uns erkennen, dass unser Fundament und Mauerwerk nicht auf Sand gebaut ist, sondern auf dem Denken und Handeln von Menschen mit tief wurzelnden religiösen Überzeugungen und mit einem geistigen Koordinatensystem, das wir heute so vielfach gerade bei unseren politisch tätigen Zeitgenossen vermissen.

Was vielen nicht mehr bewusst ist: Wirkliches strategisches Handeln ergibt sich erst aus solch einem verlässlich gewachsenen Koordinatensystem, weil es zum Handeln auffordern kann, wo der Zeitgeist oder personale Unfähigkeiten noch Untätigkeit zu rechtfertigen scheinen. Es vermag zudem übergroße Härten im Handeln zu vermeiden helfen, die sich oft deshalb ergeben, weil Versäumnisse der Vergangenheit ausgebügelt werden müssen, eben weil zu spät erst gehandelt worden ist.

Ein solches Koordinatensystem gibt zudem Sicherheit im Umgang mit gesellschaftlichen Problemstellungen und Anforderungen, die u.a. auch der wissenschaftliche Fortschritt mit sich bringt.

Wenn man sich mit unserer Kultur beschäftigt, beschleicht einen Wehmut, dass so wenig (un)verantwortlich handelnde Menschen in diesem Land dieses Koordinatensystem noch haben – man glaubt sie an einem Finger abzählen zu können. Auch wenn sie von Ethik und Moral sprechen, so baumelt diese Sittlichkeit ganz offensichtlich in der Luft und dreht sich nach dem jeweiligen Wind des Zeitgeistes.

An die Stelle dieses Koordinatensystems sind die Götter der Börse, des Geldes, des Machtwahns und Konsums, narzisstischer Selbstinszenierung und einer unkontrollierten Libido getreten. Erlaubt ist, was möglich ist.

Dagegen lesen wir im Blick zurück von Lebenswegen, von bewundernswerten Fähigkeiten und Leistungen, von Schicksalsschlägen und Geschicken und ordnen intuitiv auch unser Leben ein in einen geschichtlichen Prozess. Das bringt Gelassenheit.

Kaum einer von uns wird 1000 Jahre später noch benannt werden, aber darum kann es ohnehin nicht gehen. Überzeugend ist unsere Kultur, weil so viele fast wie selbstverständlich ihr Bestes gaben und ihre Lebenszeit nutzten. Bei allen Irrwegen, die unser aller Leben einschließen muss, weil sie zu uns gehören: Ausschlaggebend ist ein geistiges Rüstzeug, das man nicht einfach so hat, sondern für das man sich sehr bewusst entscheiden muss, selbst wenn es einem fürsorgende Eltern mit auf den Weg gegeben haben – was immer seltener vorzukommen scheint, eine Ansicht, die ich nicht ohne Weiteres teile.

Wir leben allerdings in Zeiten, in denen noch nicht so recht ins Bewusstsein vorgedrungen ist, dass eine frei schwebende Moral und Ethik zu wenig Fundament bietet, sonst könnten die westlichen Gesellschaften nicht so sehr abdriften.

Die Wurzeln unserer Kultur und die Folgezeit bis ins keineswegs dunkle Mittelalter könnte man als provinziell bezeichnen, da unser Kulturraum damals keine geistigen Zentren kannte, die einem Oxford vergleichbar gewesen wären oder den blühenden Schulen von Paris, Reims, Chartres oder auch Montpellier.

Aber „provinziell“: das wird dennoch unserer Kultur ganz und gar nicht gerecht, denn wahr ist, dass sie gekennzeichnet ist durch regionale Blüten, die über Deutschland, wie wir es heute kennen, ein Netz geistiger Farben spannte. Nur sind sie kaum mehr bekannt. Oder wer kennt noch den Fuldaer Otfried von Weissenburg, Hermann von Reichenau, den Regensburger Otloh von St. Emmeram, Manegold von Lautenbach oder den aus dem oberbayrischen Polling stammenden Gerhoch von Reichersberg.

Erstaunlich ist die Zahl derer, die Mediavistik-Experten wie dem italienischen Ordinarius Loris Sturlese noch heute bekannt sind.

Die Frau ein missratener Mann

Dass ich vier Frauen ausgewählt habe, von denen wir heute wieder lernen könnten, verdankt sich auch Albertus Magnus, dem in Lauingen an der Donau in eine staufische Ministerialenfamilie, also in niederen staufischen Dienstadel hineingeborenen Philosophen, Theologen und Naturwissenschaftler, der als päpstlicher Legat und Kreuzzugprediger – in späteren Jahren wurde er zum Bischof ernannt – kreuz und quer durch Europa reiste, und das alles, da ihm als Bettelmönch kein Reittier zustand, zu Fuß, was zu damaligen Zeiten selbst für einen Mönch ungleich riskanter war als heutzutage. Er verfasste nicht nur zahlreiche Kommentare zum Werk des Aristoteles, sondern auch Hinweise zur Verwendung von Kräutern oder auch Tipps zur Körperpflege, indem er schreibt:

Die Frau ist ihrer körperlichen Verfassung entsprechend dem Mann gegenüber im Nachteil, ja ein missratener Mann. Aber die Natur lässt sie nicht im Stich. Die Sterne am Himmel, die Pflanzen der Erde, die Tiere des Feldes, Steine und Metalle, auch der Fisch im Wasser ist bereit für sie. Die Frau braucht nur nach diesen Mitteln zu greifen und sie anzuwenden.

Das scheint auch dringend geboten, denn über die Frau gibt er in Von der Glückseligkeit als Ehrenpreis zum Besten:

Für das, was man über die Gorgo und Helena erzählt, genügt es, dass es Frauen waren. Die Frau ist nichts Vollkommenes in der Menschennatur, sondern ein Notbehelf. Das Rechte bei der Frau ist das, was beim Manne verkehrt ist … und darum ist sie nicht imstande zu vollkommenen Tätigkeiten und Verrichtungen.

Erstaunlich ist in jedem Fall, dass ein großer Kirchenmann ein von Gott geschaffenes Wesen als missraten sich zu bezeichnen erlaubt.

Wenn Frauen Mönche unterrichten

Möglich, dass Albertus Magnus auf seinen langen Fußreisen zu viel Staub geschluckt hatte.
Gut wäre es einfach auch gewesen, wenn er sich der Kanonissin Hrotsvit, besser bekannt unter dem Namen Roswitha von Gandersheim zugewandt hätte, einer Frau also, die 150 Jahre vor ihm lebte und die ihm mittels eines Blickes auf ihr Werk – sie ist die erste uns bekannte deutsche Dichterin – hätte vermitteln können, dass seine oben getätigten frauenkundlichen Aussagen schon damals so dumm wie überholt waren.

Als Kanonissin war Roswitha keine Nonne, sondern ein Stiftsfräulein, gehörte also jener adlig-weiblichen Klientel an, die man gern aufgrund fehlender besserer Verwendungsmöglichkeit in ein Kloster abschob, wo sie lebten, ohne sich allerdings wie in ihrem Fall streng an die benediktinischen Ordensregeln halten zu müssen. Roswitha, wohl aus einen sächsischen Adelsgeschlecht stammend, das sich in Gandersheim unweit von Hannover niedergelassen hatte, hat Zeit ihres Lebens das Klosterstift, dem vor allem die Aufgabe zukam, adlige sächsische Frauen aufzunehmen – gegründet war es von Ludolf von Sachsen – wohl nur selten verlassen.

Was aber für sie durchaus zeittypisch ist: Sie war wie viele Frauen hochgebildet. Ihrer Äbtissin Gerberga, die ursprünglich im Kloster St. Emmeran in Regensburg erzogen worden war, wo man nicht von ungefähr dann auch Schriften der Roswitha von Gandersheim fand, verdankt sie die Lektüre der klassischen griechisch-lateinischen Literatur und ihre Ausbildung im Trivium, also in Grammatik, Dialektik und Rhetorik, während den Unterricht im Quadrivium eine Nonne namens Richardis übernahm, also in Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie.

Dafür, wie selbstbewusst Frauen auch zur damaligen Zeit schon waren, mag die Schwester der Äbtissin Gerberga Beleg sein: Jene Hedwig von Bayern wehrte sich nicht nur mit Erfolg gegen eine verordnete Ehe mit dem byzanthinischen Prinzen Romanos II., sondern weigerte sich nach dem Tod ihres Gatten, Herzog Burchard, als Witwe in das Stift einzutreten, wohingegen sie den Mönchen im Kloster St. Gallen freiwillig Unterricht in Griechisch gegeben und für sich selbst dort den lateinischen Dichter Vergil studiert hatte, der, wie wir wissen, wohl an die dreihundert Jahre später Dante Alighieri in dessen Göttlicher Komödie als kundiger und notwendiger Führer durch die Hölle und das Fegefeuer zur Verfügung stand, bevor die bezaubernde Beatrice auf dem Weg in das Paradies die Führung übernehmen sollte.

Roswithas Werk nun ist durchaus umfangreich. Es umfasst eine Sammlung von Legenden u. a. zu Maria, zur Himmelfahrt des Herrn, zum Martyrium des heiligen Dionysos;
des Weiteren schrieb sie sechs Dramen, zum Teil auch im Stile moralisierender Komödien, überschrieben z.B. Calimachus oder auch Abraham, sowie zum dritten epische Gedichte über die Taten Otto I. und zu den Anfängen des Gandersheimer Stifts.

Bemerkenswert ist, dass sie, welche die Werke des lateinischen Dichters Terenz wohl bestens kannte, diese zwar wegen ihrer für sie zu großen Freizügigkeit ablehnte, aber stilistisch als Vorlage für ihr dramatisches Schaffen verwendete.

Die neuere Forschung wies auch in ihrem Werk die Verwendung der dialektischen Lehre des großen, aus Irland stammenden philosophischen und theologischen Schriftstellers Johannes Scottus Eriugena nach, wie u.a. auch Einflüsse seines Denkens in Bezug auf Mikrokosmos und Makrokosmos, also den Zusammenhang des menschlichen Wesens mit dem All.

Erstaunlich ist, wie verflochten damals schon Europa war – nicht durch Geldströme, wie es heute der Fall ist, sondern durch geistige – und wie sehr selbst zunächst unauffällige Stiftfräulein kulturelle Akzente zu setzen vermochten, die noch heute zu unseren Fundamenten zählen.

Von wegen dunkles Mittelalter. Wer so spricht, mag wohl nur von den dunklen Seiten unserer Zeit und vielleicht auch den dunklen der eigenen Seele ablenken wollen.

Abraham im Freudenhaus

Natürlich kann hier nur ein Werkausschnitt Roswithas wiedergegeben werden, um eine Ahnung zu vermitteln, wie diese bemerkenswerte Frau dichtete. Ihr Drama Abraham gilt als ihr bestes:

Der gleichnamige Mönch und männliche Protagonist muss erleben, dass seine Nichte, die er sicher bei sich untergebracht wähnt und die er auch als Pflegetöchterlein bezeichnet, auf einen Heuchler, der, als Mönch verkleidet, sie öfters aufsuchte, hereinfiel und durch das Fenster ihrer türlosen Klause floh. Nachdem sie, so erfährt Abraham, durch das Übermaß der Schmerzen angesichts dessen, was sie getan hat, ganz verzweifelt ist, gibt sie sich vollends dem Abgrund der tiefen Hölle hin und wird eine Prostituierte, wobei der Wirt, bei dem sie arbeitet, Abraham im Verlauf der Fabel wird wissen lassen, dass täglich eine Schar von Freiern zu ihr kommen.

Abraham hat in dieser Zeit ein Gesicht, wie er seinem Mitbruder Effrem erzählt:

Mir war, als stände ich vor meiner Zellentür´, da kam mir eins ein Drache groß und gräulich und ganz abscheulich, in rasendem Flug heran, erspäht ein weißes Täubchen, das an meiner Seite weilt, bezwingt es, verschlingt es und ist plötzlich verschwunden.

Er betet demütig, wie er berichtet, zum Herrn und sieht drei Tage später das Drachentier geborsten zu seinen Füßen liegen, das Täubchen aber kann entfliehen.

Abraham schickt einen Freund, Maria zu suchen, und als er weiß, dass sie sich in einem Wirtshaus aufhält, verkleidet er sich als glaubwürdiger Freier, bereit, für die Rettung Marias sogar Wein und Fleisch zu konsumieren.

Dort angelangt – und ich zitiere aus Bonsen/Glees, Geheimwissen des Mittelalters -, veranlasst er den Wirt, die Schöne, die sein Haus herbergt, zu rufen, worauf sich dieser nicht zurückhalten kann zu sagen: Mich wundert, dass Dir, einem Greis, der abgebrüht im Herzen, noch Liebe zu einer Jungen blüht.
Darauf Abraham nicht faul: Aus keinem andern Grunde kam ich her, nur sie zu sehn ist mein Begehr.
Und nun der Wirt: Herbei, herbei Maria! Ein neuer Verehrer deiner Schönheit ist da!
Maria: Ich komme schon –
Abraham (für sich): Woher nehme ich Selbstvertrauen und Standhaftigkeit, wenn mein Herz nun sie, die ich erzog in mönchischer Einsamkeit, erblickt, nach Dirnenart geschmückt! Doch ist es jetzt nicht Zeit, daß das Antlitz entdeckt, was das Herz versteckt; den Tränenstrom will ich bezwingen mit männlichen Willen, mit falscher Heiterkeit, die bittere Herzenstraurigkeit verhüllen.
Wirt: Maria, freue dich: denn nicht, wie bisher nur Junge allein, jetzt kommen sogar schon Greise herein, von Liebe zu dir entbrannt, liebentbrannt.
Maria: Wer mich mit Liebe beschenkt, gleiche Liebe von mir empfängt.
Abraham: Tritt näher, Maria, und gib mir einen Kuß.
Maria: Du sollst nicht nur an süßen Küssen erwarmen, deinen greisen Nacken umschlinge ich mit weichen Armen.
Abraham: So gefällt es mir.
Maria: Nach diesem Kuß, was fühle ich? Wie seltsam überkommt es mich? Im Duft und in der Leidenschaft ein Ahnen, daß mich an einstige Leidenschaft zu keuschem Leben will gemahnen?
Abraham (für sich): Nun heißt´s Verstellung üben! Nun einem losen Buben gleichend Scherz getrieben! Damit mein würdiger Mensch mich ihr nicht entdecke und sie sich aus Scham vor mir verstecke.
Maria: Weh, unglücklich, wie tief sank ich! In welchen Abgrund des Verderbens stürzt´ ich mich!
Abraham: Dies ist kein Ort zum Jammern, wo sich versammelt frohe Gästeschar.

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Wir verlassen hier die Szenerie. Ich verrate kein allzu großes Geheimnis, indem ich ein glückliches Ende vermelde.

Bemerkenswert ist nicht nur die Thematik, deren sich Roswitha bedient, sondern es sind auch ihre dichterischen Mittel. Die aristotelische Einheiten von Raum, Zeit und Ort, die räumlich-zeitliche Überschaubarkeit zur Folge haben, lässt sie beiseite, wobei allerdings gesagt sein muss, dass erst jener oben erwähnte Albertus Magnus es ist, der seiner Zeit Aristoteles nahebringt, einer seiner großen Verdienste.

Roswitha springt jedenfalls in Brechtscher Manier in ihrem Drama über zwanzig Jahre hinweg und wechselt die Orte, dass Aristoteles nur mit dem Kopf geschüttelt hätte.

Vergessen wir nicht: Theater in Deutschland sollte es noch lange nicht geben, höchstens theatralischer Jahrmarktsklamauk. „Rund um Roswitha gibt es nichts, das dem Theater ähnlich wäre“, so schreibt Cettina Militello in Mütter und Geliebte, Nonnen und Rebellinnen: „Der nächstliegende Anknüpfungspunkt sind die Aufführungen, die einst Radegunde im Kloster von Poitiers inszeniert hat.“ – Interessanterweise auch eine Frau.

Man darf erwähnte Radegunde wie vor allem auch Roswitha durchaus zur dichterischen Avantgarde zählen.

Dies zu sehen war Albertus Magnus, dessen Verdienste ansonsten unbestritten sind, nicht möglich; das verhinderte seine partiell klerikale Verstopfung.

Die Frau als Erzieherin und Bildnerin des Mannes

Auch auf dem Hintergrund, dass wir, wenn Sie mögen, in einem nächsten Post drei weiteren bemerkenswerten Frauen zuwenden, möchte ich den unvergleichlichen Helmut de Boor einen Blick auf die Stellung der Frau werfen lassen, die noch im Rolandslied und anderen früheren Epen keinen Raum hatte und wenn, dann nur in der Rolle eines ruhenden Objekts. Im Verlauf des 12. und 13. Jahrhunderts allerdings ändert sich das:

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Die höfische Gesellschaft und ihre Dichtung gaben der Frau einen neuen, hohen Eigenwert
Sie wird Stern und Mittelpunkt der Gesellschaft; erst die Gegenwart der Frau macht die höfische Gesellschaft zum Fest. Die schöne Frau – und alle höfischen Frauen sind schön – ist die Quelle der höfischen Freude, die Weckerin des hohen Mutes. Die gesellschaftliche, d.h. ästhetische Rolle ist indessen auch bei der Frau noch nicht das Wesentliche. Zu der gesellschaftlichen Überhöhung tritt die sittliche. Die Frau wird ihrem Wesen nach als das reinere und vollkommenere Geschöpf erkannt, darum läßt sich bei Wolfram der Gral nur von einer Frau tragen. Die Frau wird damit fähig, die Erzieherin des Mannes zu höfischer Vollkommenheit zu sein. Um ihretwillen leistet der Ritter seine Waffentaten; Turnier und ernster Kampf, Schlacht und Aventiure werden zur Werbung um die Gunst der Frau. Er unterwirft sich aber um der Frau willen auch der höfischen Zucht, strebt nach Läuterung und sittlicher Vollkommenheit, um ihrer wert zu werden. Die Frau wird  zur Erzieherin und Bildnerin des Mannes; in der höfischen Dichtung ist zuerst und vielstimmig die Erkenntnis ausgesprochen, daß das Ewig-Weibliche uns hinanzieht.
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Schön, das zu lesen. Es tut, finde ich, der Seele gut, gemessen an dem, was wir medial tagtäglich im Hinblick auf feminine Verstümmelungen erleben müssen, es tut gut, dass anderes möglich war und auch sein kann: auf eine neue Weise, mit einem unserer Zeit angemessenen Bewusstsein, aber eben voller Respekt und dem Anderen die Würde gebend, die ihn erst Mensch sein lässt.

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Bergkristall-Weihnachten

Zu einer Zeit, als noch an deutschen Schulen Novellen wie Theodor Storms Schimmelreiter oder sein Pole Poppenspäler, die Judenbuche der Droste und Gottfried Kellers Kleider machen Leute gelesen wurden, war Adalbert Stifters Erzählung Bergkristall der Deutschen liebste Weihnachtsgeschichte.
Obwohl fast vergessen: Sie enthält einen der schönsten Sätze, die je ein Kind über die Christnacht gesagt hat.

Geschrieben hat sie ein Mann, geboren 1805 in Böhmen, dessen Stil unter Germanisten durchaus umstritten war und ist. Unterstellt wurden vor allem seinem Altersstil zu viele Wiederholungen und eine oberflächliche Darstellungsweise. – Wissenschaftler tun sich nun einmal schwer, Leute so sein lassen, wie sie sind.

Gewiss allerdings ist, dass heute die meisten Jugendlichen ein Gutteil seiner Erzählungen, so auch Bergkristall, nach der ersten Seite wegzappen würden – und viele Erwachsene sicherlich auch, zumal die Novelle zunächst, für manchen sicherlich zu langatmig, auf die kirchlichen Festtage wie Ostern und Pfingsten und schließlich auf Weihnachten eingeht und wir unter anderem vernehmen, dass die Kinder nicht eher das Zimmer betreten durften, als bis das Zeichen gegeben wird, dass der heilige Christ zugegen gewesen ist und die Geschenke, die, er mitgebracht, hinterlassen hat. Dann geht die Tür auf, die Kleinen dürfen hinein, und bei dem herrlichen, schimmernden Lichterglanze sehen sie Dinge auf dem Baume hängen oder auf dem Tische herumgebreitet, die alle Vorstellungen ihrer Einbildungskraft weit übertreffen, die sie sich nicht anzurühren getrauen, und die sie endlich, wenn sie sie bekommen haben, den ganzen Abend in ihren Ärmchen herumtragen und mit sich in das Bett nehmen. Wenn sie dann zuweilen in ihre Träume hinein die Glockentöne der Mitternacht hören, durch welche die Großen in die Kirche zur Andacht gerufen werden, dann mag es ihnen sein, als zögen jetzt die Englein durch den Himmel oder als kehre der heilige Christ nach Hause, welcher nunmehr bei allen Kindern gewesen ist und jedem von ihnen ein herrliches Geschenk hinterbracht hat.

Will das heute noch jemand lesen?

Wer es dennoch tut, kann gar nicht anders als innerlich zur Ruhe kommen. Adalbert Stifter ist kein Erzähler, der das Innere seiner Personen bis in den letzten Winkel meint ausleuchten zu müssen wie später ein Thomas Mann. Behutsam bleibt er zuallermeist im Außen und überlässt es dem Leser, sich vorzustellen, wie es den Menschen seiner Erzählung in ihrem Inneren ergeht.

Wenn dies seine Oberflächlichkeit ausmachen sollte, gestehe ich, ist sie mir zutiefst sympathisch, denn, was mir nach einer solchen Lektüre vor allem bleibt, sind ihre Bilder in meinem Inneren. Und Bergkristall ruft viele hervor und hinterlässt ganz und gar eindrückliche.

Nach oben erwähntem ersten Abschnitt nimmt Stifter seinen Leser an die Hand bis zu den hohen Gebirge(n) unseres Vaterlandes und einem Dörfchen mit seiner Schule, seinem Gemeindehaus, den vier Linden und den vielen verstreuten Hütten im weiten Tal, die man zum Teil vom Dorf aus gar nicht sehen kann, weil sie, so formuliert Stifter, tief im Gebirge stecken und deren Bewohner im Winter oft ihre Toten aufbewahren müssen, um sie nach dem Wegschmelzen des Schnees zum Begräbnisse bringen zu können.

Irgendwann stehen wir dann auch mitten in Gschaid und wenden unseren Blick gegen Mittag, also gegen Süden zu einem Schneeberg hin, der mit seinen glänzenden Hörnern fast oberhalb der Hausdächer zu sein scheint, aber in der Tat doch nicht so nahe ist. Er sieht das ganze Jahr, Sommer und Winter, mit seinen vorstehenden Felsen und mit seinen weißen Flächen in das Tal herab. Als das Auffallendste, was sie in ihrer Umgebung haben, ist der Berg der Gegenstand der Betrachtung der Bewohner, und er ist der Mittelpunkt vieler Geschichten geworden. Es lebt kein Mann und Greis in dem Dorfe, der nicht von den Zacken und Spitzen des Berges, von seinen Eisspalten und Höhlen, von seinen Wässern und Geröllströmen etwas zu erzählen wüsste, was er entweder selbst erfahren oder von andern erzählen gehört hat.

Über einen Hals, also einen mäßig hohen Bergrücken, mit seiner Unglückssäule, errichtet zum Gedenken an einen dort verstorbenen Bäcker, gelangt man seitlich des Schneeberges entlang in ein anderes Tal mit einem stattlichen Marktflecken namens Millsdorf, dessen Bewohner viel wohlhabender sind als die von Gschaid. Es vergehen allerdings oft Monate, manchmal ein Jahr, bevor ein Bewohner von Gschaid nach Millsdorf kommt. Umgekehrt ist das so gut wie nie der Fall.

Wer im Übrigen jetzt noch liest, liebt es, ja genießt es vielleicht sogar, sich zu den Beschreibungen des Autors eigene Bilder zu machen oder er genießt, vielleicht, ohne es selbst zu bemerken, dass sich die Seele angesichts solch ungewohnter langen Weile wohlig auf dem inneren Sofa ausstreckt und einfach weiterliest.

Die ersten zehn der 60 Reclam-Seiten sind schlicht Landschaftsbeschreibungen obiger Art und erst nach 12 Seiten wird die erste Person erwähnt, der Schuster von Gschaid, dessen Haus auf dem Platz steht, wo sich die besseren Häuser befinden.

Jener Platzschuster war in seiner Jugend ein Gemsewildschütze gewesen und hatte überhaupt, wie die Gschaider sagen, nicht gutgetan. Er war auf allen Tanzplätzen und Kegelbahnen zu sehen. Wenn ihm jemand eine gute Lehre gab, so pfiff er ein Liedlein. Er ging mit seinem Scheibengewehre zu allen Schießen der Nachbarschaft und brachte manchmal einen Preis nach Hause, was er für einen großen Sieg hielt. Der Preis bestand meistens aus Münzen, die künstlich gefasst waren und zu deren Gewinnung der Schuster mehr gleiche Münzen ausgeben mußte, als der Preis enthielt, besonders da er wenig haushälterisch mit dem Gelde war. Er ging auf alle Jagden, die in der Gegend abgehalten wurden, und hatte sich den Namen eines guten Schützen erworben.

Doch dieses Wesen sollte sich ändern, nachdem er ein Auge auf die schöne Tochter des Färbermeisters von Millsdorf geworfen hatte. Zunehmend wurde er arbeitsam, und nach dem Tod seiner Eltern, durch welchen ihm deren Haus zugefallen war, legte er es darauf an, ein exzellenter Schuster zu werden. Tatsächlich erarbeitete er sich einen Ruf, so dass Leute sogar von weiters herkamen, um sich Schuhe von ihm anfertigen zu lassen, dergestalt dem ziemlich eigenwilligen und vierschrötigen Millsdorfer Färber schließlich nichts anderes übrig blieb, als in die Heirat seiner Tochter mit dem Schuster aus Gschaid einzuwilligen.

Der Ehe entsprossen zwei Kinder, Konrad und Susanne, die nur Sanna gerufen wurde, und weil schon ihre Mutter, die auch Sanna hieß, nie so recht sich als Millsdorfer Färberstochter in das Dorf Gschaid hatte hineinleben können, gelang dies den Kindern auch nicht so recht, zumal sie immer wieder zur Großmutter und zum Großvater nach Millsdorf wanderten und sich dort aufhielten. Oft wanderten sie den mehrstündigen Weg an einem Tag hin und zurück.

So geschah es auch an einem Weihnachtstag. Die Mutter befand das Wetter für annehmbar und sie entließ die Kinder mit dem Auftrag, Mutter und Vater zu grüßen und sagt, sie sollen recht schöne Feiertage haben.

Die Großmutter hatte sie kommen sehen, war ihnen entgegengegangen, fasste Sanna bei den erfrorenen Händchen und führte sie in die Stube.

Sie nahm ihnen die wärmeren Kleider ab, ließ in dem Ofen nachlegen und fragte sie, wie es ihnen im Herübergehen gegangen sei.

Als sie hierauf die Antwort erhalten hatte, sagte sie: »Das ist schon recht, das ist gut, es freut mich gar sehr, dass ihr wieder gekommen seid; aber heute müsst ihr bald fort, der Tag ist kurz, und es wird auch kälter, am Morgen war es in Millsdorf nicht gefroren.«
»In Gschaid auch nicht«, sagte der Knabe.
»Siehst du, darum müsst ihr euch sputen, dass euch gegen Abend nicht zu kalt wird«, antwortete die Großmutter.

Was die Gute nicht wusste: In der kommenden Nacht sollte es den beiden sehr kalt werden und das, obwohl sie die Großmutter rechtzeitig auf den Rückweg schickte.

Zunächst setzte sanfter Schneefall ein und die Kinder genossen es, den Boden immer bedeckter mit dem Weiß des Schnees zu finden. Doch der Schneefall verstärkte sich.

Sie gingen sehr schleunig, und der Weg führte noch stets aufwärts.
Nach langer Zeit war noch immer die Höhe nicht erreicht, auf welcher die Unglücksäule stehen sollte, und von wo der Weg gegen die Gschaider Seite sich hinunterwenden musste.
Endlich kamen die Kinder in eine Gegend, in welcher keine Bäume standen.
»Ich sehe keine Bäume mehr«, sagte Sanna.
»Vielleicht ist nur der Weg so breit, dass wir sie wegen des Schneiens nicht sehen können«, antwortete der Knabe.
»Ja, Konrad«, sagte das Mädchen.
Nach einer Weile blieb der Knabe stehen und sagte: »Ich sehe selber keine Bäume mehr, wir müssen aus dem Walde gekommen sein, auch geht der Weg immer bergan. Wir wollen ein wenig stehen bleiben und herumgehen, vielleicht erblicken wir etwas.«

Keine Frage, die beiden waren im dichten Schneefall vom Weg abgekommen.

Wie im Folgenden der Knabe seine Schwester dick einpackt, ihr einen Teil seiner Kleider gibt. Wie die beiden, ohne es zu wollen, immer tiefer ins Hochgebirge hineinlaufen und vor allem das Mädchen so klaglos dem Bruder folgt, immer tapfer die kleinen Füßchen hebend, ihrem Bruder, der nie verzagt. Wie beiden eigentlich klar wird, dass sie hoffnungslos über Geröllfelder und durch Eisbrocken laufen, die mit Schnee überzogen sind.

Adalbert Stifter liefert hier ein Meisterwerk einer zunehmend existentiellen Steigerung ab, die den Leser zutiefest mitzunehmen vermag, sind es doch Kinder, die hoffnungslos herumirren. Und das an Heiligabend.

Wenigstens hatte der dichte Schneefall aufgehört.

Die Kinder versuchten nun von dem Eiswalle wieder da hinabzukommen, wo sie hinaufgeklettert waren, aber sie kamen nicht hinab. Es war lauter Eis, als hätten sie die Richtung, in der sie gekommen waren, verfehlt. Sie wandten sich hierhin und dorthin und konnten aus dem Eise nicht herauskommen, als wären sie von ihm umschlungen. Sie kletterten abwärts und kamen wieder in Eis. Endlich, da der Knabe die Richtung immer verfolgte, in der sie nach seiner Meinung gekommen waren, gelangten sie in zerstreutere Trümmer, aber sie waren auch größer und furchtbarer, wie sie gerne am Rande des Eises zu sein pflegen, und die Kinder gelangten kriechend und kletternd hinaus. An dem Eisessaume waren ungeheure Steine, sie waren gehäuft, wie sie die Kinder ihr Leben lang nicht gesehen hatten. Viele waren in Weiß gehüllt, viele zeigten die unteren schiefen Wände sehr glatt und feingeschliffen, als wären sie darauf geschoben worden, viele waren wie Hütten und Dächer gegeneinandergestellt, viele lagen aufeinander wie ungeschlachte Knollen.

Eine gütige Hand mag sie zu einem Häuschen geführt haben, einer Hütte aus Stein, nach vorne offen, aber an den Seiten geschützt, die sie auf einmal vor sich sehen. Dort finden sie Unterschlupf, essen, was die Großmutter ihnen so fürsorglich mitgegeben hatte und sprechen sich Mut zu. Doch sind sie keineswegs außer Lebensgefahr:

»Sanna, du musst nicht schlafen; denn weißt du, wie der Vater gesagt hat, wenn man im Gebirge schläft, muss man erfrieren, so wie der alte Eschenjäger auch geschlafen hat und vier Monate tot auf dem Steine gesessen ist, ohne dass jemand gewußt hatte, wo er sei.«
»Nein, ich werde nicht schlafen«, sagte das Mädchen matt.
Konrad hatte es an dem Zipfel des Kleides geschüttelt, um es zu jenen Worten zu erwecken.
Nun war es wieder stille.
Nach einer Zeit empfand der Knabe ein sanftes Drücken gegen seinen Arm, das immer schwerer wurde. Sanna war eingeschlafen und war gegen ihn herübergesunken.
»Sanna, schlafe nicht, ich bitte dich, schlafe nicht«, sagte er.
»Nein«, lallte sie schlaftrunken, »ich schlafe nicht.
Er rückte weiter von ihr, um sie in Bewegung zu bringen, allein sie sank um und hätte auf der Erde liegend fortgeschlafen. Er nahm sie an der Schulter und rüttelte sie. Da er sich dabei selber etwas stärker bewegte, merkte er, dass ihn friere und dass sein Arm schwerer sei. Er erschrak und sprang auf. Er ergriff die Schwester, schüttelte sie stärker und sagte: »Sanna, stehe ein wenig auf, wir wollen eine Zeit stehen, dass es besser wird.«
»Mich friert nicht, Konrad«, antwortete sie.
»Ja, ja, es friert dich, Sanna, stehe auf«, rief er.
»Die Pelzjacke ist warm«, sagte sie.
»Ich werde dir emporhelfen«, sagte er.
»Nein«, erwiderte sie und war stille.

Wie durch ein Wunder überleben die Kinder diese Nacht im Hochgebirge. Doch würden sie den Schlaf nicht haben überwinden können, dessen verführende Süßigkeit alle Gründe überwiegt, wenn nicht die Natur in ihrer Größe ihnen beigestanden wäre und in ihrem Innern eine Kraft aufgerufen hätte, welche imstande war, dem Schlafe zu widerstehen.   

Nicht nur, dass sie das Krachen des Gletschereises wach hält. Es ist auch, dass sich ihre Augen entwickeln, wie Stifter schreibt, und sie  Garben verschiedenen Lichtes wahrnehmen, wie es durch die Himmelsräume fließt.

Am Morgen setzen sie ihren Weg fort, doch führt er sie nicht aus den Eiswüsten hinaus.

Was sie nicht wissen, ist, dass mittlerweile zahlreiche Suchtrupps beider Dörfer am Berg sind und sie suchen. Vergessen ist ihr früheres Sich-Ignorieren. Sie wollen nur eines: die Kinder retten.

Endlich war es dem Knaben, als sähe er auf einem fernen schiefen Schneefelde ein hüpfendes Feuer. Es tauchte auf, es tauchte nieder. Jetzt sahen sie es, jetzt sahen sie es nicht. Sie blieben stehen und blickten unverwandt auf jene Gegend hin. Das Feuer hüpfte immer fort, und es schien, als ob es näher käme; denn sie sahen es größer und sahen das Hüpfen deutlicher. Es verschwand nicht mehr so oft und nicht mehr auf so lange Zeit wie früher. Nach einer Weile vernahmen sie in der stillen, blauen Luft schwach, sehr schwach etwas wie einen lang anhaltenden Ton aus einem Hirtenhorne. Wie aus Instinkt schrieen beide Kinder laut. Nach einer Zeit hörten sie den Ton wieder. Sie schrieen wieder und blieben auf der nämlichen Stelle stehen. Das Feuer näherte sich auch. Der Ton wurde zum dritten Male vernommen, und dieses Mal deutlicher. Die Kinder antworteten wieder durch lautes Schreien. Nach einer geraumen Welle erkannten sie auch das Feuer. Es war kein Feuer, es war eine rote Fahne, die geschwungen wurde. Zugleich ertönte das Hirtenhorn näher, und die Kinder antworteten.

Auch hier bleibt Stifter sich treu. Er überlässt es dem Leser, in die folgenden Szenen einzutauchen, so, wenn die Mutter aufschreit und in den Schnee sinkt, als sie ihre Kinder Konrad und Sanna an den Händen ihrer Retter auf das heimatliche Haus zukommen sieht; wenn mit der Zeit all die anderen Suchenden einschließlich des alten Färbers, der von Millsdorf aus gesucht hatte, eintreffen; wenn das Glöcklein der Kirche von Gschaid läutet, das Hochamt verkündend, mit dem der Pfarrer gewartet hatte, und die Dorfbewohner, die noch unterwegs sind, auf die Knie sinken und beten.

Mich berührt vor allem jener Satz, den Sanna, am Abend, wieder im eigenen Bettchen liegend, zu seiner Mutter sagt:

Mutter, ich habe heute Nacht, als wir auf dem Berge saßen, den Heiligen Christ gesehen.

Einer der schönsten Sätze, die es für mich in Bezug auf Weihnachten gibt. Ein Zeugnis kindlicher Weisheit.

Von Anfang bis Ende liegt über der Erzählung ein tiefer Frieden.

Vor einigen Monaten, ja, vor einigen Tagen hätte ich noch geschrieben, dass sie zu friedlich für zahlreiche Erdenbürger des dritten Jahrtausends sein könnte, weil sie die Fähigkeit zu langer Weile verlernt haben.

Mittlerweile könnte mehr Menschen bewusst werden, dass die Fähigkeit zu langer Weile und Frieden auf der Welt womöglich mehr miteinander zu tun haben, als Computerspiele und Ablenkungsmanover unserer Zeit suggerieren wollen.

Möglich, dass es so viel Unfrieden geben muss, damit Menschen wieder sehr bewusst einen Frieden suchen, wie er sich in der biblischen Weihnachtsgeschichte oder Bergkristall findet; nie ist er ohne Hoffnung.

Der Unfrieden im Inneren von uns Menschen rührt auch daher, dass wir – gerade die Ereignisse der letzten Tage scheinen das zu erzwingen – ein Urteil nach dem anderen fällen.

Die Novelle Stifters ist so wohltuend und deshalb friedlich, weil sie kaum einmal wertet bei aller Tatkraft, die die Menschen zeigen. Mancher mag das auch so empfinden: Sie ist gerade auch deshalb wie Balsam auf die Wunden unserer Seele.

Sie ermöglicht uns als ihren Lesern auf ganz schlichte Weise zu schauen, wie wir nach Hause kommen.

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PS: Wer Bergkristall nicht zu Hause hat, aber lesen möchte, kann dies auf Gutenberg tun.

Ich schicke auch, wem ich damit einen Gefallen tun kann, gern per Mail eine PDF-Version zu; bitte einfach kurz anfordern unter  j-g-k(@)freenet.de   –  Klammern um das @ natürlich weglassen.

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Das Böse ist nicht mehr hässlich und das Gute in uns und auf der Erde: kein Selbstläufer mehr!

In der Vergangenheit konnten sich die Menschen darauf verlassen, dass für sie, eingebettet in das Göttliche  – später dazu mehr -, sich das Gute schon durchsetzt. Doch hat sich im Wesen der Menschen etwas dramatisch verändert:

Mit dem Erstarken ihrer mentalen Autonomie, ihres Intellekts, mit dem Erstarken eines emotionalen Bewusstseins ist das Ich der Menschen mittlerweile so stark, dass sich viele von den geistigen Hintergrundkräften, die ihr Sein bisher bestimmten, lossagen.

Möglich ist dies durch die freie Entscheidungsmöglichkeit, mit diesen Kräften zusammenzuarbeiten, sie außen vorzulassen oder gar bewusst gegen sie zu arbeiten

Die beiden letzteren Möglichkeiten haben gravierende Folgen für das Leben auf diesem Planeten. Tatsächlich spüren das viele Menschen zur Zeit. Auf eine virulente Weise sind sie beunruhigt und führen das auf die Flüchtlingsströme oder auch die vielen Krisenherde zurück. Immerhin ist wieder in den Bereich des Möglichen gerückt, dass Europa sich so sehr entzweit, dass es zu echten Konflikten kommt – und wozu das führen kann, hat uns die Geschichte gezeigt. Jedenfalls liegt ein Gefühl einer allgemeinen Verunsicherung in der Luft.

Dazu tragen auch eine nicht für möglich gehaltene Brutalität, die der IS an den Tag legt und die auf erschreckende Weise zeigt, wozu der Mensch in der Lage ist, bei, wie ebenso weltweite Terror-Anschläge, Hass-Lawinen, die sich aus den sogenannten sozialen Medien in Köpfe und Herzen der Menschen ergießen und auch solch ein Geschehen wie jüngst, als ein junger Mann eine ahnungslose Frau die Treppe im U-Bahnhof Hermannstraße in Berlin hinterrücks hinuntertrat.

Dabei sind solche Konflikte, die der Grund für dieses Gefühl der Verunsicherung sein sollen, nur Symptome, Symptome eines Kampfes, der auf allen Ebenen unseres Seins tobt und in dessen Rahmen es darum geht, ob sich Leben als ein geistlos materielles – mit moralischem Mäntelchen, versteht sich, und wenn es Wählerstimmen bringt, auch christlichen Werten – endgültig etabliert, oder aber, ob sich ein Bewusstsein für eine andere Art des weltweiten Umgangs miteinander in Respekt vor der Individualität des Einzelnen wie der einzelnen Völker durchsetzt, das genauso zunehmend Konturen gewinnt:

Unternehmen, denen es nur um Dividenden geht, mit denen sie sich dem Moloch Börse anbiedern, geraten genauso in die Kritik wie Politiker, die sich ständig und immer wieder bereichern, wie das jüngst von EU-Politikern bekannt wurde, genauso wie zunehmend in den Fokus rückt, dass eine Bundeskanzlerin sich nicht für den Teil der Bevölkerung zu interessieren bereit ist, der verarmt, weil es momentan nicht stimmenentscheidend ist (wenn das der Fall sein wird, oh, wie wird sie dann sozial und christlich daherrreden und gar nicht verstehen können, wie wir diese Menschen so  unbeachtet am Wegrand liegen lassen konnten – in solchen Fällen spricht Frau Merkel dann ja immer von „wir“).

Zunehmend weniger Menschen wollen akzeptieren, dass – wie nie  zuvor – Macht und Geld das Geschehen auf diesem Planeten dominieren und Politiker sich einmal alle vier Jahre wählen lassen, um dann – Dobrindts Maut lässt grüßen – zu tun, was sie wollen. Immer mehr nehmen das nicht mehr klaglos hin, sondern zeigen unkalkulierbares Wahlverhalten, orientieren sich im Netz und tauschen Informationen aus, die in den etablierten Presseorganen oder deren online-Ausgaben nicht zu lesen sind.

Obige Entwicklungen können – ein gewiss auf den ersten Blick überraschender Zusammenhang – dem, der es sehen will, transparent machen, welche Bedeutung dem historischen Weihnachten zukommt, auch wenn viele Zeitgenossen dies nicht wahrhaben möchten, weil sie ein Leben ohne geistigen Hintergrund vorziehen. Allerdings hätten sie wahrscheinlich zu denjenigen gehört, die am lautesten gegreint hätten, wenn ohne das historische Weihnachten dieser Planet sich als moralische Müllhalde schon in die Luft gejagt hätte.

Auch wenn Christus für viele ein abstrakter Name und die Geburt des Christus-Bewusstseins ein abstraktes Geschehen ist: Es hat jene Kräfte entscheidend gestärkt, die die Tendenz zu purer Materialität, purem Egoismus und Narzissmus, das heißt, krankhafter Verliebtheit des Menschen in sich selbst, aufzuhalten vermochten und dies hoffentlich auch noch weiterhin zu tun in der Lage sind, bis sich ein neues Bewusstsein durchzusetzen vermag, welches den derzeitigen Tanz um das Goldene Kalb ablöst.

Bleibt es allerdings bei diesem Tanz, wird die Welt über kurz oder lang in Mord  und Totschlag untergehen (die Bewohner von Atlantis haben Vergleichbares auch nicht für möglich gehalten). Tendenzen sind unübersehbar und es ist, wie oben angesprochen, genau diese Möglichkeit, die in die Menschen diese spürbare Unruhe hineinbringt.

Zu ewigem Kriegführen verdammt?

Je weiter wir in der Menschheitsgeschichte zurückgehen, um so deutlicher wird, dass in früheren Zeiten der Mensch sich in einer sehr großen Abhängigkeit von den Kräften des Jenseits befand.

Gerade die griechische Mythologie, die ja erdnah wie kaum eine andere war – nicht von ungefähr ist ihr Ausgangspunkt Gaia, die große Mutter Erde -, lässt das deutlich werden. Man lese nur bei Homer nach, wie es zum Kampf um Troja kam und welche Rolle zunächst drei Göttinnen und zahlreiche Götter im weiteren Verlauf spielten, indem sie sich auf die ein oder andere Seite, auf die der Trojaner oder die der Griechen schlugen.

Manche halten diese Mythen für reine Phantasieprodukte; das kann man tun. Nur bleibt man, so sehr man sich selbst dann auch als aufgeklärt ausgeben mag, in deren Bann und auf deren Level, weil man ihre Wirkungsweise nicht durchschaut. Schließlich sind es Kräfte, die es gibt.

Mythen sind eben keine Phantasieprodukte, wie jene, die sie in sich blockieren, den Menschen weismachen wollten und das immer noch tun.

Alternativ löst man solche Probleme à la  Camus in seinem Mythos von Sisyphos, indem jener das Problem des Sisyphos, permanent einen Stein nach oben schieben zu müssen, der prompt wieder zurückdonnert, löste, indem er ihn einfach am Schluss seines Essays zu einem glücklichen Menschen erklärte. Und das – mit den Worten Camus´ aus seinem Essay – als ein ewiger „rebellischer Prolet“.

Offensichtlich hat Camus nicht erkannt, wozu er sich mit dieser Wortwahl bekannte: Als Rebell nämlich führt man immer wieder Krieg. Und das Vertrackte dabei ist: Man führt ihn immer gegen sich.
Das Lateinische re bedeutet zurück bzw. immer wieder und bellum bedeutet schlicht Krieg.

Wer so denkt wie Camus ist als Re-bell zu ewigem Kriegführen verdammt. Immer wieder nur Krieg! Angeblich immer glücklich! Ein Wahnsinns-Selbstbetrug!

Die Mission des jüdischen Volkes

In solch einer Selbsttäuschung kann der Weg des Menschen nicht bestehen, nicht darin, sich wie Faust anstelle Gottes setzen zu wollen. Mehr Menschen jedoch, als uns recht sein kann, wollen diesen Weg gehen, indem sie sich für intellektuell, mental und emotional autark erklären, das aber leider auf eine Weise tun, indem sie alle geistig-seelische Verbindung und damit ihre geistig-seelische Vergangenheit kappen wollen. Das ist, wie wenn man auf einer Leiter aufsteigen will und unterhalb der Sprosse, auf der man steht, alles absägt.

Den Sturz ins Bodenlose nimmt man wahr, wenn man im Jenseits aufschlägt, das es doch eigentlich gar nicht geben darf.

Der menschliche Weg kann nur sein, auf dem Hintergrund einer vergangenen gewaltigen Entwicklung vorwärtszugehen in Respekt und Dankbarkeit vor dem, was bisher geschah.

Einer der Marksteine dieser Entwicklung war zweifelsohne die Mission des jüdischen Volkes. So, wie auch das deutsche Volk – wie übrigens auf ganz unterschiedliche Weise alle anderen Völker – eine Mission hat, die es gerade meint, mit aller Gewalt mittels einer seit vielen Jahren anhaltenden geistlosen Politik in den Sand setzen zu müssen, so hatte das Judentum eine historische Mission, die sich in seinem Gott Jahwe zeigt und dessen Aussage: Ich bin, der Ich-Bin. Nirgends zuvor und auch nicht danach hat eine Gottheit das ICH auf diese Weise so markant thematisiert.

Mit Jahwe begann die große Entfaltung des Ich-Bin, des Ich, des sich seines Selbst bewusst werdenden Menschen. Unnachahmlich, wie wirkungsvoll das jüdische Volk diese Stufe menschlicher Entwicklung der Welt vermittelt hat. Das macht zu Recht seine vielen unerklärliche Bedeutung aus. Dieser Weg ist auch mit dem Namen des Mose verbunden.

Mittlerweile ist die Menschheit auf diesem Weg, wie oben bereits angesprochen, weit gediehen, momentan sich vor der Weiche befindend, welche die Menschen in zwei grundverschiedene Richtungen, wie ich oben andeutete, führen kann.

Man ordnet diese Mission des Judentums allerdings nur richtig ein, wenn man wahrnimmt, dass mit ihr verbunden war, auf deren Fortsetzung hinzuweisen, mehrfach unter anderem durch  einen ihrer Größten, den Propheten Jesaja, zum Beispiel mit seiner Aussage: Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.

Nicht von ungefähr hat dieses Licht jene Jahwe-Formulierung des Ich Bin vielfach in seinen zentralen Aussagen wieder aufgenommen: Ich bin das Licht der Welt. – Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. – Ich bin die Auferstehung und das Leben

Dies alles unterstreicht die welthistorische Bedeutung Jahwes und dessen Verbundenheit mit dem weihnachtlichen Geschehen. Das eine ist ohne das andere nicht denkbar.

Eine gewisse Tragik besteht für mich darin, dass das historische Judentum diesen Weg nicht weitergegangen ist und den Sohn nicht als Sohn, als Messias erkannt hat.

Hinsichtlich der spirituellen Konsequenzen geht es damit in diesem Punkt einen dem Islam vergleichbaren Weg, denn der Messias kann  nach christlichem Verständnis nicht mehr kommen; im Sohn ist er da, auf ihn warten zu wollen sinnlos.

Wiederholt habe ich in der Vergangenheit darauf verwiesen, warum der Islam aus christlicher Sicht ein spiritueller Irrweg ist. Allah negiert expressis verbis mehrfach im Koran den Sohn. Ohne Sohn aber gibt es keine Entwicklung.

Das aber ist das große überkonfessionelle Geschenk des Christentums an die Menschheit: Seht die Bedeutung des Sohnes und die mit ihm verbundenen Möglichkeiten der Entfaltung!

Die Entfaltung der Persönlichkeit ist ein Jahwe-initiierter Prozess

Ohne diesen Sohn gibt es keine freie Entfaltung der Persönlichkeit, keine wirkliche Individualität. Auch dies macht einen der zentralen Unterschiede zwischen Islam und Christentum aus: Der Islam kennt diese Möglichkeit zur Freiheit nicht. Deshalb ist der Koran in meinen Augen auch stilistisch wie inhaltlich so doktrinär und obsessiv in seinen Formulierungen. Hier gibt es keine Freiheit, die ein Sohn vermittelt.

Das Wesen des Christentums aber liegt darin, dass sich der Sohn mit dem Ich, jenem sich über viele Jahrhunderte entwickelten Selbstbewusstsein des Menschen, das von Jahwe ausging, verbinden will. Im christlichen Verständnis gipfelt diese Verbindung im Geist, im Heiligen Geist. Heute allerdings wagt kaum jemand noch öffentlich von heilig zu sprechen, sieht man von Kirchenleuten ab, denen man das von Berufs wegen nachsieht.

Dennoch möchte ich darauf verweisen, dass der Grund für die christliche Trinität und den dort angesprochenen Heiligen Geist ist, dass dieser dem selbstbewussten Menschen mit Hilfe des Sohnes es ermöglicht, eine Verbindung zu jenen Kräften aufrecht zu erhalten, selbsstbewusst und zugleich gottesbewusst, die ihn dahin geführt haben, wo er sich nun befindet.

Nun allerdings, wird er nicht mehr geführt. Er entscheidet selbst, was er will!

Diese Tatsache markiert die neue Entwicklungsstufe der Menschheit.

Wichtig ist mir anzumerken, dass sowohl Muslime als auch Juden, auch ohne dass sich ihre Religion zum Sohn bekennt, ein Bewusstsein haben können, das diesem christlichen entspricht. Ich glaube sogar, dass das vielfach der Fall ist und es könnte, wenn sich das einstmals Christliche Abendland so weiterentwickelt, der Fall eintreten, dass dieses eben angesprochene Bewusstsein in seinem Gebiet weltweit am wenigsten vorhanden ist.

Dieses von jenem kleinen Volk initiierte Bewusstsein des Ich-Bin ist an keine Konfession gebunden – »Mein Haus wird ein Bethaus heißen für alle Völker« -, auch wenn die Kirchen es – keineswegs immer zu dessen Vorteil – in ihre Obhut genommen haben.

Es gehört im Übrigen zur Tragik Europas, dass es, wenn kein Bewusstseinswandel eintritt, in das eigene, sich so selbstherrlich wetzende Messer seines angeblichen Aufgeklärtseins läuft.

Heute kann jeder das oben angesprochene spirituelle Geschenk annehmen oder das Geschenk als Paket versenken, ohne es jemals aufgeschnürt zu haben. Manche tun Letzteres, weil sie grundsätzlich gegen Kirchen sind.

Es ist dies auf oben angesprochenem Hintergrund eine engstirnige Dummheit, denn, wie auch immer man das bezeichnen mag, den Jahwe-offenbarten Prozess des Ich bin, der Ich-Bin hat jeder von uns durchlaufen, auch wenn er sich partout als Atheist gerieren möchte.

Wer genau hinhört, muss bemerken, dass die Kirchen in vielen Aussagen ihrer Vertreter diesen Entwicklungsschritt nicht unterstützen. Was sie mehr denn je fürchten, ist, dass eine sich spirituell entfaltende Persönlichkeit die Enge der real existierenden Kirche sprengt.

Zu Teilen ist eine sich öffnende Kirche allerdings wahrnehmbar, weil es auch in ihr Menschen gibt, die verstehen und nicht nur davon reden, dass Liebe keine Grenzen auch im Hinblick auf eine sich entfaltende Persönlichkeit kennt.

Erynien konnte man nicht verstummen machen!

Es gibt diesen Punkt, an dem, ihn zu erkennen nichts vorbeiführt: Mit dem zunehmenden Bewusstsein seiner selbst, seines Selbst, mit der Übernahme des Ich Bin, ist jeder Mensch  verantwortlich für Maß und Qualität seiner Zusammenarbeit mit dem Sohn und dem, was sich in seiner eigenen Welt durchsetzt. Es gibt keine Erynien mehr, die ihn gegebenfalls bis  zum Bewusstsein eigener Schuld jagen; es regieren keine Götter mehr im Hintergrund, die so mächtig sind, dass sie im Zweifel einen Odysseus noch nach Hause bringen.

Wo in unseren Tagen tausende Menschen ertrinken, würde heute tatsächlich auch ein Odysseus ertrinken, wenn er nicht das tut, was Menschen heute tun müssen:

sich bewusst für das Gute, das Wahre in ihrer Seele zu entscheiden und sich kompromisslos dafür einzusetzen.

Die Erynien sind mittlerweile in uns; sie sind unser Gewissen.

Erynien konnte man nicht ignorieren. Gewissen kann man abtöten.

Auch das steht unserem Ich Bin, der Ich-Bin frei.

Das höchste Gut unserer Kultur

Wir, unsere Erde braucht Menschen, die Gutes um des Gutes willen tun, sich zur Wahrheit bekennen um der Wahrheit willen. Es beginnt im Kleinen, im Ungang mit den eigenen Kindern, setzt sich in der Steuererklärung fort und gipfelt im Umgang mit den Steinen des eigenen Inneren, die eben kein Glück bedeuten, sondern durchschaut werden wollen. Dann können Sie zum inneren Gral werden – nicht von ungefähr ist bei Wolfram von Eschenbach der Gral ein Stein.

Es gibt sie tatsächlich, diese in der Bibel apostrophierte Verwandlung vom Stein des Anstoßes (Matth. 21,42) zum Stein der Weisen, dem so genannten lapis philosophorum der Alchemie. Er versinnbildlicht das höchste Gut unserer Kultur.

Diese Kultur, in der leben zu dürfen ich als ein Privileg erachte und so dankbar dafür bin, kennt noch andere Symbole der Wandlung, beispielsweise die Blaue Blume des Novalis oder das in einem Volkslied besungene Brünnlein im Schneegebirge, dessen Wasser zu trinken den Tod überwindet. – Unsere Kultur ist unfassbar reich.

Auf diesem Hintergrund ist verständlich, warum wir die Verbindung zur Vergangenheit nicht kappen dürfen, zu Weihnachten, zur Blauen Blume, zum Stein der Weisen.
Unser Ich bin stünde auf tönernen Füßen.

Leider ist dies bei so vielen, die in diesem Land so gelehrt daherreden, der Fall, weil sie von oben Angesprochenen keine Ahnung haben, keine Ahnung haben wollen.

Das Böse ist nicht mehr hässlich!

Früher war es so, dass das Böse hässlich war und deshalb als solches auch erkennbar. So tritt Satan alias Mephistopheles im Faust II auf der griechischen Ebene als Phorkyade auf, als Ausbund der Hässlichkeit. Noch vor wenigen Jahrhunderten war es möglich, Satan zu riechen. Margarethe in Faust I riecht sofort, dass Mephistopheles in ihrem Zimmer war.
Im Zeitalter betörender Odeure und all den Möglichkeiten der Schönheitschirurgie ist das Böse als Hässlichkeit nicht mehr entlarvbar. Ohnehin ist es im Rahmen des derzeitigen Entwicklungsabschnittes der Menschheit so, dass sich kaum mehr von dem Äußeren auf das Innere schließen lässt.

Auch die Dummheit ist kaum noch zu entlarven. Sie kostümiert sich mit gelehrtem Gerede, mit einer aufgeblasenen Wortartikstik und Begrifflichkeiten, die keiner mehr hinterfragt, mit Begriffen eben, die keinen Inhalt mehr haben. Dummheit, die um das wirklich Wesentliche nicht mehr weiß, kaschiert sich bestens, weil sie gekonnt Nebensächlichkeiten zu Hauptsächlichkeiten aufbauscht.

Im Angebot: Selbstentfaltung oder Selbstverdummung

Deshalb ist es so schwierig, für den Menschen unserer Zeit, das Böse und das Dumme zu entlarven, das abgrundtief Böse, das absichtsvoll Dumme. Klar trägt jeder Mensch beide Seiten, Gutes und Böses in sich. Worum es aber geht ist, zu erkennen, ob man sich womöglich einem Menschen anvertraut oder mit ihm solidarisiert, der kein Bewusstsein für den Weg des Menschen hat, kein Bewusstsein also für die Gefahren, die von dem abgrundtief Bösen ausgehen.

Um dies zu erkennen, muss der Mensch entsprechende Realitäten in seinem Inneren anerkennen; genau diese sind es, die immer rechtzeitig klingeln können, wenn sie ihresgleichen in einem Anderen begegnen.

Traurigerweise aber ist es so, dass zum Beispiel ein Politiker bzw. Machthaber, einen Menschen umbringen lassen kann oder auch dutzende, ja, mit seinen Entscheidungen tausende von Menschen (auf ein paar tausend kommt es heute nicht mehr an); aber man sieht darüber hinweg, als sei nichts geschehen.

Er kann lügen bis zum Anschlag; man sieht darüber hinweg (sieh nur, der Schauspieler Reagan war schlussendlich auch ein recht guter Präsident!).

Töricht zu glauben, das sei ohne Konsequenzen und man sei auch nur annähernd auf einem gangbaren Weg.

Auf dem Hintergrund des sich entwickelt habenden menschlichen Bewusstseins kann niemand mehr sagen, er habe nicht gewusst, dass die Notwendigkeit zu einer definitiven Entscheidung vorliegt. Wer nicht für mich ist, ist gegen mich. (Matth. 12, 30)

Folgenlos indefinites, undifferenziertes Herumlabern und Herumeiern ist mehr denn je passé.

Die Summe aus allem ist: Wir haben uns bewusst zu entscheiden.

Glaube ist nicht mehr der Schnuller des Göttlichen!

An dem man einfach nuckelt.

Um in Wirklichkeit so zu bleiben, wie man ist.

Glauben bedeutet Entwicklung in zunehmendem Erkennen.

Niemand kann, das sei zum Abschluss noch angemerkt, erwarten, dass jemand, der sich für das Gute entscheidet, ein Heiliger ist und dass generell Menschen, die sich für diesen Weg entscheiden, Heilige sind. Nein, sie machen Fehler. Aber wir können sie erkennen in ihrem Bestreben, Lügen zu vermeiden und Entscheidungen, die Menschen sterben lassen, unglücklich machen oder abhängig.

Dem ein oder anderen mag dämmern, wieviel wir Menschen verdanken, die zu Entscheidungen standen, auch wenn sie ihren Tod zur Folge hatten. Ihnen verdanken wir, dass wir heute anlässlich entsprechender Entscheidungen nicht mehr sterben müssen.

Dennoch entscheiden wir in Wahrheit über Tod oder Leben in uns.

 

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„In meinem Herzen ist eine Stelle, / Da blüht nichts mehr.“ – Zeit heilt nicht alle Wunden.

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Nicht alle Schmerzen sind heilbar, denn manche schleichen
Sich tiefer und tiefer ins Herz hinein,
Und während Tage und Jahre verstreichen,
Werden sie Stein.

Du sprichst und lachst, wie wenn nichts wäre,
Sie scheinen zerronnen wie Schaum.
Doch du spürst ihre lastende Schwere
Bis in den Traum.

Der Frühling kommt wieder mit Wärme und Helle,
Die Welt wird ein Blütenmeer.
Aber in meinem Herzen ist eine Stelle,
Da blüht nichts mehr.
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So schreibt jemand, der weiß, wovon er spricht. Es ist Ricarda Huch, eine Frau, in deren Zeilen hineinzulauschen sich immer lohnt.

Da ist keine Verbitterung, da ist Feststellung.

Sie beginnt mit einem Satz, der kein Metrum kennt, keinen Rhythmus will. Ein ganz und gar prosaischer Satz.

Er passt eigentlich nicht in ein Gedicht.

Eigentlich. 

Und er setzt sich fort per Enjambement.
Eine Zeile reicht nicht.

Sie mündet in einen Komparativ, der sich wiederholt.

Tiefer und tiefer. Da könnte von Liebe die Rede sein. Aber es ist von den Schmerzen die Rede, die nicht heilbar sind.

Es gibt sie.

Sie werden Stein.

Der letzte Vers der ersten Strophe ist lapidar. Das Wort kommt von dem lateinischen lapis, übersetzt: Stein.

Man ahnt seinen Ursprung, dass nämlich römische Soldaten Nachrichten in Stein meißelten. Notgedrungen knapp, lapidar.

Hier ist von den Schmerzen die Rede.

Nicht von vornherein waren sie Stein.

Nicht immer heilt Zeit Wunden.

Manchmal lässt Zeit Schmerzen versteinern.

Schwer genug dann, um im Herzen zu versinken.
Fast lautlos.

Wieder, auch zu Beginn der zweiten Strophe, ein längerer Satz, diesmal hat er sogar ein Metrum, einen Jambus, vierhebig.

Das lyrische Ich spricht mit sich, es spricht sich an. Ein gutes Zeichen. Mag man meinen.

Tatsächlich, es spricht und lacht.

Die Schmerzen werden auch gar nicht benannt, sie werden pronominal ersetzt, und das im zweiten Vers der zweiten Strophe (Sie) und im dritten Vers, dort durch ein Possessivpronomen (ihre).

Tagsüber lassen sie, die Schmerzen, sich durch Sprechen und Lachen verdrängen. Doch dies Verdrängen ist Illusion.
Da, wo solches Verdrängen keinen Zugriff hat, zeigen sie sich unnachgiebig, auch nach vielen verstrichenen Jahren: im Traum.

Wieder ein längerer Satz zu Strophenbeginn. Ein wenig klingt er nach Kitsch. Zu abgegriffen hört sich das an: Frühling, Wärme, Helle, Blütenmeer.

Aber Letzteres ist nur Steigbügelhalter für ein Stilmittel, das, wie so oft mehr ist als Ornamentalik. Das Substantiv wird in seinem Verb wieder aufgenommen und damit verstärkt. Von Blühen ist die Rede.

Umso stärker wirkt die umgehende Verneinung.

Statt Ornamentalik bittere Realität.

Denn was für andere gelten mag, gilt nicht für das lyrische Ich, das sich hier nicht mehr distanziert ansprechen mag, sondern sich zu sich bekennt und von „meinem Herzen“ spricht.

Dort gibt es eine Stelle. Vielleicht ist sie nicht tot.

Aber sie kann nicht mehr blühen.

Bisweilen ist, das zu wissen, schlimmer als der Tod.

Die letzten vier Worte dieses Gedichtes klingen unmissverständlich.
Endgültig.
Ohne Illusion.

Manchmal ist es gut, einer solchen Wirklichkeit ins Auge zu sehen.
Ricarda Huch tut es.

Sie war eine tiefgläubige Frau. Ihr Buch, Luthers Glaube, ist voll von tiefen Erkenntnissen.

Man wollte ihr wünschen, dass, was auf den Wanderer, der in der dritten Strophe von Trakls Ein Winberabend unterwegs nach einem Zuhause ist, auch auf sie und diese Schmerzen zuträfen:
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Wanderer, tritt still herein.
Schmerz versteinerte die Schwelle.
Da erglänzt in reiner Helle
auf dem Tische Brot und Wein.

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Versteinerung ist überwindbar.

So sehr man das auch der großen Schriftstellerin wünschen mag: Ihr ist ein anderes Los beschieden. Ganz offensichtlich nimmt sie es an.

Nicht, dass sie dadurch Frieden gefunden hätte. Darum geht es nicht. Eher geht es meinem Gefühl nach um Ehrlichkeit. Um eine ehrliche Wirklichkeit.

Das Gedicht erschien 1944, drei Jahre vor Ricarda Huchs Tod. Geschrieben worden sein mag es vielleicht um einiges früher, vielleicht Bezug nehmend auf eine der beiden gescheiterten Ehen; wir wissen es nicht.

Es beschönigt nichts.

Das tut in einer Welt, die oft nur aufgeschlossen und ehrlich tut, aufrichtig gut.

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Diktatur der hohlen Begriffe. – Eine Strategie.

Es ist keineswegs nur ein ärgerliches, im Grunde aber doch belangloses Phänomen, dass Menschen, vor allem Politiker, Begriffe, die sich aufgrund politischer Gegebenheiten an die Oberfläche geschwemmt haben, bevorzugt benutzen, um mit deren Hilfe indifferente, schwammige Inhalte zu vermitteln.

Die ständige Verwendung dieser Begriffe dokumentiert vielmehr eine zunehmende Erosion des Bewusstseins unserer Gesellschaft und gibt zugleich Zeugnis eines zunehmenden Desinteresses daran, verstanden werden und schwierige Zusammenhänge verstehen zu wollen.

Dieses Verwenden unklarer Begrifflichkeiten geschieht auch nicht nur aus Bequemlichkeit, weil man sich dadurch nicht um Präzision bemühen muss, sondern es verbirgt sich dahinter eine Strategie. Die Strategen sind gar nicht jene, die diese Begriffe verwenden, sie sind nur in Dienst gestellt. Oder sagen wir: Ihre geistige Veranlagung macht sie zu willigen Organen, ohne dass sie – zumeist jedenfalls – das geringste Bewusstsein davon haben, wie manipuliert sie selbst sind.

Ursprünglich wollte ich mich im Rahmen meiner Ausführungen dem Begriffspaar von links und rechts widmen, mit Hilfe dessen in unserer Republik seit Jahren das Wahrnehmen von Wirklichkeit erschlagen wird. Doch niemand kommt momentan an dem Wort Populismus vorbei. Mittlerweile ein Totschlagwort.

Modernes Brandmarken

Es gibt bekanntlich diese Worte, aufgrund deren, wenn man den Gegenüber beispielsweise in einer Diskussion mit ihnen belegt, er für den Rest der Zeit gebrandmarkt ist. Ein Beispiel ist ein Totschlagwort wie Gutmensch bzw. Gutmenschentum. Wer damit belegt wird, der ist gebrandmarkt als einer, der naiv Gutes tun will und es nicht blickt, dass er es im Dienst einer falschen Sache oder Einstellung tut.

Die meisten, denen das widerfährt, unterziehen sich meiner Beobachtung nach mittlerweile nicht einmal mehr der Mühe, sich zu wehren.

Das Peinliche für die Etikettenvergeber ist nur, dass sie es sind, die das eigene Verhalten nicht blicken, sonst würden sie, wenn sie noch einigermaßen wüssten, was Anstand ist, sich nicht an der Etikettenvergabe so eifrig beteiligen.

Populismus pur

Erst letzte Woche Donnerstag habe ich den Worthülsenexperten Oppermann, seines Zeichens Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, in den Nachrichten, wenn ich es recht wahrgenommen habe, dreimal innerhalb von zwei Sätzen das Wortfeld Populismus verwenden hören. Und es war traurig und faszinierend zugleich, wie der Chefredakteur der WeltN24, Ulf Poschardt, bei Markus Lanz in der Sendung vom 15.11. den Grünen Anton Hofreiter in Populismus-Vorwürfen förmlich ertränken wollte: von der klassischen Form des Populismus (was ist das eigentlich?) war da die Rede, von blankem Populismus oder auch von Populismus pur, um einige Variationen zu nennen.

Wenn da nicht Marianne Koch gewesen wäre. Mit einem Satz, einem Nadelstich gleich, mit dem sich die 85-jährige Ärztin, Buchautorin und Ex-Schauspielerin kurz in die Diskussion einschaltete, stellte sie dem Experten für populistische Angelegenheiten Poschardt die Luft für sein Wortgebläse ab; sie sagte schlicht: Wenn etwas stimmt, ist es doch nicht automatisch Populismus, Herr Poschardt!

Ab da verwendete dieser Meister aufgeblasener Wortballone besagtes Wort kein einziges Mal mehr. – In dieser Sendung zumindest. Denn wer so intensiv Etikette wie Populismus, Neoliberalismus, Gutmenschentum, Obergrenze, Globalisierung, Naroder das Adjektiv christlich in CDU und CSU verwendet, der bemerkt den Schwindel des eigenen Geistes nicht mehr und dass sein Denken die Wirklichkeit erschwindelt. – Christlich halte ich übrigens, vor allem auch dank dieser sich so etikettierenden Parteien, mittlerweile für eines der desavouiertesten Worte weit über Deutschland hinaus.

Die sagenhafte „europäische Lösung“

Dieses Phänomen betrifft auch Wortzusammenstellungen wie „europäische Lösung“. Als schon längst jeder wusste, dass es in Bezug auf die Flüchtlingsströme in Europa nie zu einer solchen kommen würde, verwendeten Frau Merkel und demzufolge auch alle anderen CDU- und SPD-Granden mit einer unglaublichen Penetranz diese Formel, um auf billig-primitive Weise zu kaschieren, dass sie nicht wirklich ein Konzept hatten.

Ehrlich gesagt wundere ich mich nicht, wenn es Bürger gibt, die gegenüber der Penetranz solcher ach so demokratischen Etikettenschwindler – Demokratie ist übrigens auch solch ein schwindelerregendes und leider mittlerweile verkommenes Wort – ausrasten und zu Worten greifen, die unflätig sind – man denke an den Tag der Deutschen Einheit -, weil sie mit unglaublicher Dreistigkeit wider besseres Wissen belogen werden.

Ohne sich wehren zu können.

Die Statements von Politikern sind nun einmal Einbahnkommunikation.

Bürger spüren sehr genau, dass Politiker nicht besser sind als die von ihnen eingesetzten Begriffe, die die Wirklichkeit nur verschleiern, nicht ehrlich beschreiben.

Dass sie ihre Volksvertreter bei passender Gelegenheit vom Acker jagen wollen oder sie zumindest nicht mehr ernst nehmen können, leider auch unflätig beschimpfen: Ich verstehe das und halte Letzteres für deutlich weniger schlimm als die penetrante Wirklichkeitsverschleierung durch die politischen „Eliten“.

Schwindel in wessen Dienst?

Eine Welt, die politisch aus den Fugen zu geraten droht, will sich nicht auch noch mit philosophischen, religiösen und kulturellen Problemen herumschlagen. Doch genau dort finden wir Aufschluss für die Ursachen. Gewiss ist es im Rahmen eines solchen Beitrages nur möglich, schlaglichtartig auf diese einzugehen. Aber gesagt sei zunächst, dass der Grund für die zunehmende Begriffsverwahrlosung eine geistige Verwahrlosung ist.

Sie ist eine der Ursachen dafür, dass die Länder dieser Erde von einer Krise in die andere schlittern, und es ist unschwer zu prognostizieren, dass sich das verstärken wird, wenn nicht ein Bewusstseinswandel eintritt.

Dem Agieren der Menschen und ihrer Politiker fehlt die geistige Substanz, wobei diese Substanz, dieser Geist, nicht, wie uns Zeitgenossen vermitteln wollen, der Intellekt des Menschen ist, sondern jener, der in der trinitarischen Formel von Vater, Sohn und Geist enthalten ist.

Im einstmals Christlichen Abendland muss jemand, der darauf verweist, mittlerweile mit Hohn und Spott rechnen.

Bedauerlich allerdings ist, dass nicht einmal mehr die christlichen Konfessionen in der Lage sind, darauf zu verweisen, dass mit dem Islam und seinem Gott Allah, der im Koran, von einem Sohn zu sprechen, sich strengstens verbittet, ein Gegenentwurf zu jenem geistigen Geschehen vorliegt, das zunächst wenigstens einige wenige Jahrhunderte auch gegen den Widerstand des römischen Reiches seine Wirkung entfalten konnte: dass nämlich mit dem Bewusstsein für den Sohn ein Bewusstsein für eine große menschliche Entwicklung in Gang gesetzt worden ist.

Es ist eben kein Märchen, dass in den großen Grimm-Märchen immer ein Sohn oder eine Tochter unterwegs sind. Immer setzen ein Kind, ein Sohn, eine Tochter Entwicklung in Gang, bringt sich Bewusstsein ein; auch in unserem Leben ist das schließlich so.

Nicht deutlich genug kann von meiner Seite aus gesagt werden, wenn es die Kirchen schon nicht tun, dass es kein Zufall ist, dass der Koran dieses Bewusstsein negiert, ja sogar, davon zu sprechen unter Strafe stellt, und dass es Aufgabe der christlichen Konfessionen gewesen wäre, den Menschen überzeugend zu vermitteln, dass und warum der christliche Gott keine auf ewig stagnierende Weisheit sein will.

Leider gehört es neben außerordentlich positiven zu den Hauptmerkmalen einer deutschen Kultur, dass ihre Protagonisten zu klaren und mutigen Worten in wichtigen Fragen nicht in der Lage sind, man sehe nur aktuell auf steinmeiersches und merkelsches Herumeiern in bestimmten politischen Fragen; Ausnahmen wie Luther bestätigen leider nur diesen Sachverhalt, weil sie erkennen lassen, was an klarem Verhalten möglich wäre.

Es waren bedauerlicherweise die Kirchen selbst, die das in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten noch vorhandene lebendige spirituelle Bewusstsein in abstrakte Dogmen und Formeln, die sich von der Wirklichkeit des Menschen beschleunigt entfernen, gossen; Menschen quittieren das mittlerweile mit ihrem Austritt.

Mit all dem einher geht der Verlust eines Bewusstseins für die geistigen Realitäten des Mikrokosmos Mensch und des Makrokosmos.

Wie oben, so unten

So lautet die Formel des ach so schrecklich heidnischen Hermes Trismegistos in seiner Tabula Smaragdina.

Wie im Himmel so auf Erden, so lautet die entsprechende Formulierung der Bibel.

Will heißen: der Mikrokosmos Mensch findet seine Entsprechungen im Makrokosmos – und umgekehrt. Dieses Bewusstsein ist ein zentrales Vermächtnis unserer Kultur.

Für unseren Kosmos gilt, dass wir der Ansicht unserer Astrophysiker nach gerade mal 5 Prozent der Materie des Alls kennen und verstehen, alles übrige, nämlich 95 Prozent sind dunkle Materie und dunkle Energie; von letzterer haben wir auch nicht die Spur einer Ahnung, wir sehen nur, dass das uns bekannte All auseinandertreibt.

Für uns als Mikrokosmos nimmt man gern das Eisbergmodell: Was sich an Masse unter der Wasseroberfläche befindet, entspricht dem Umfang des seelisch Unbewussten.

Vielleicht entspricht das Ausmaß unseres Bewusstseins aber auch nur der Kenntnis des Weltalls, den besagten fünf Prozent. Vielleicht wissen wir in Wahrheit auch nicht mehr über den Kosmos Mensch, den die Griechen als Gott Anthropos, als Gott Mensch bezeichnet haben.

Aus all dem ergibt sich, dass wir auch auf der Erde weit weniger Herren des Verfahrens sein könnten, nach meiner Meinung auch sind, als wir uns glauben machen möchten. Wir tun nur so.

Das spirituelle Gewissen der Menschheit hat uns schon immer darauf aufmerksam machen wollen, dass es etwas gibt, was wir Geist nennen, aus dem alles entsteht, eine Wirklichkeit, die die Weiterentwicklung des menschlichen Bewusstseins möchte, wenn man überlieferten Dokumenten wie der Bhagavadgita, dem Dhammapada, dem Sohar oder der Bibel glauben mag.

Allerdings gibt es ebenfalls eine gewaltige Gegengewalt, die den Menschen und sein Ziel der Menschlichkeit destabilisieren, ja zugrunde richten möchte.

Wir haben vieles, was uns unklar über uns selbst ist, mit Hilfe der Psychologie und Psychoanalyse in den Bereich des Unbewussten verlagert. Dort ruht es und wir geben uns gern der Annahme hin, es ruhe dort so einigermaßen in Frieden.

Mit dieser Annahme allerdings machen wir den destruktiven Teil des Unbewussten in Wahrheit so stark, dass dessen Kräfte uns bisweilen wie ein Tsunami überrollen. Nur lassen sich jene negativen Kräfte nicht immer so deutlich wahrnehmen wie am 26. Dezember 2004. – Oft sind sie höchst wirkungsvoll ein schleichendes Gift.

Das schleichende Gift hohler Begriffe

Die Begriffe, deren wir uns heute bedienen, wirken wie ein schleichendes Gift. Sie sind eingesetzt, damit Menschen sich daran gewöhnen, etwas nicht wirklich zu verstehen. Das betrifft die Wirklichkeit, das betrifft den Mitmenschen, das betrifft das eigene Selbst.

Man kann nicht deutlich genug darauf verweisen, dass mittels dieser Begriffe und der Art, wie bei uns Politik gemacht wird, menschliches Bewusstsein erodiert, und damit auch die menschliche Wirklichkeit. Irgendwann, ich hoffe bald, werden Menschen, gerade auch Politiker und Journalisten, erkennen müssen, dass sie mit einer Sprache, die Wirklichkeit verschleiert, nicht nur die Wirklichkeit ihrer Adressaten, sprich Opfer crashen, sondern letztendlich auch ihre eigene.

Vielleicht werden manche sogar erkennen, dass sie mit einem solchen Verhalten, ob sie es wollen oder nicht, im Dienste dieser Gegenkräfte arbeiten.

Gerne macht sich unsere politische und geistige „Elite“ glauben, soweit sie diese Gegenkräfte überhaupt als Realität akzeptiert, sie seien harmlos, weil diffus. – Ein fataler Irrtum. Im Gegenteil haben diese aus dem Off des Unbewussten arbeitenden Kräfte ein messerscharfes Bewusstsein, wenn erforderlich auf die Tausendstelsekunde präzise.

Der derzeitige Status quo wird sich zwangsläufig solange negativ verstärken, solange Menschen diesen seit uralten Zeiten vorliegenden Kampf zwischen Dunkel und Licht nicht zur Kenntnis  nehmen. Wer ihn nicht oben genannten Schriften entnehmen mag, der lese einfach Astrid Lindgrens Brüder Löwenherz oder Tolkiens Herrn der Ringe und meinetwegen auch Marc Levys Sieben Tage für die Ewigkeit; all diese mythologisch-literarischen Zeugnisse sind wohl kaum nur Fiktion, wobei ich den Faust, den Parzival oder Platons Höhlengleichnis nicht einmal genannt habe. Diese Werke geben Zeugnis, dass ohne den bewussten Kampf gegen jene Kräfte, die den Menschen festgezurrt sein lassen wollen in der dunklen Höhle des Bewusstseins, das Beschreiten des Parzivalweges nicht möglich ist. – Notwendig ist, das eigene alte Bewusstsein, den zu Tode erkrankten Gralskönig Anfortas zu erlösen.

Unserer Kultur ist ein trinitarisches Bewusstsein von Vater, Sohn und Geist und von Leib, Seele und Geist in die Wiege gelegt. Immer mehr Menschen schütten diese Wiege wie das Kind mit dem Bad aus.

In der Weihnachtszeit aber mag manchem aus den Tiefen seiner Seele sich in Erinnerung bringen, dass ohne Wahrnehmen der Wirklichkeit des wahren Geistes die menschliche Seele verdorrt und dass die großen kosmischen Gegenkräfte, die in letzter Zeit sich erneut so vehement auf der Erde zeigen, zu ignorieren genauso wenig hilft, wie wenn man die Sehnsucht nach Sinn durch Entfernen des menschlichen Herzens zu beheben sucht.

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Ein Bewusstseinsfossil als Präsident!

Die Kernschmelze mühsam errungener zivilisatorischer Werte ist in vollem Gange und vielleicht wird man sich einmal darin einig sein, dass dieser US-Wahlkampf weniger ein politischer war als einer, der Abgründe der menschlichen Seele offenbarte, ein zutiefst menschlicher, besser gesagt: ein menschelnder, um dem Wort Mensch seine wahre Bedeutung zu belassen, zumal erst am Ende der sieben biblischen Schöpfungstage es sich zeigen wird, dass, Mensch zu sein, ein Prädikat sein will.

Inmitten dieser gewaltigen Entwicklungsspanne zu diesem Ziel hin hat Trump Amerika vieles über die amerikanische Seele vor Augen geführt. Er – und Hillary Clinton auf ihre Weise – haben dieser Nation einen Spiegel vorgehalten, und es war doch für manchen eine erschreckende Offenbarung, mit welcher Bereitschaft, ja Begeisterung sich viele in ihm gespiegelt haben und nichts anderes wollten, als sich darin zu spiegeln.

Personale Sterilität ohnegleichen

Lasst mich aber zunächst noch einmal auf Hillary Clinton und ihren Abschiedsauftritt am vergangenen Mittwoch eingehen, zeigte er doch genau die Frau, die viele Amerikaner nur schwer ertrugen, zeigte ihre arrangierte Emotionalität, dieses maskenhafte Smiling, das vielleicht noch nie ein ehrliches war und genauso unehrlich wie die Ergriffenheit ihres „Ehemannes“, der gerade noch seine Krokodilstränen zurückhalten konnte. Jeder ihrer Sätze war – wie immer – kalkuliert, vor allem die Ansprache an die jungen Frauen der Nation und die jungen Mädchen, denen sie pädagogisch wertvoll ins Stammbuch schreiben wollte, dass für sie nun (wie sie es wohl bewiesen haben wollte) alles möglich sei.

Was sie dabei nur vergessen hat: dass womöglich sehr wenige nur werden wollen wie sie, eine maskenhafte Marionette der Macht, austauschbar, ohne wirkliche Identität.

Selten hat die Sprache eines Menschen so sehr wie bei Hillary Clinton eine personale Sterilität vermittelt, ein Phänomen, das wir bedauerlicherweise schon seit einiger Zeit auch bei deutschen Politikern wahrnehmen müssen. Wer könnte nicht, wenn Steinmeier, Merkel, Kauder, Oppermann oder Göhring-Eckhardt ans Mikrophon treten, die zu erwartenden Worte ziemlich genau vorab niederschreiben.

Zurück zu Clinton: Kein Wort darüber, dass sie ihre Anhänger in der Wahlnacht auf höchst unwürdige Weise im Regen stehen ließ, zudem dilletantischst abgespeist von ihrem Wahlkampfmanager, abgespeist auf eine Art, die gefühlloser kaum möglich ist: Geht nach Hause, hier gibt es nichts mehr zu tun! – Eine Erklärung für diese Abspeisung am Folgetag wäre zwingend gewesen.

Wenn sie wenigstens gesagt hätte: Ich konnte einfach nicht mehr, in mir ist eine Welt zusammengebrochen!
Oder: Entschuldigt, aber ich habe einfach nur allein sein und weinen wollen!

Solche Sätze hätten eine halbe Nation erlösen können. Es wären endlich einmal menschliche Töne dieser Frau gewesen.
Und jeder hätte sie verstehen können, sie gern verstehen wollen.
Nun aber möchte man spekulieren, dass sie womöglich einfach keine Rede für den Fall einer Niederlage geschrieben oder sich hatte schreiben lassen.
Oder dass sie gar nicht weinen kann.

Was man im Übrigen nicht übersehen sollte: Hillary Clinton hat dieses exzessive Ausleben übelriechendster Seiten menschlichen Seins im Rahmen des amerikanischen Wahlkampfs erst möglich gemacht.

Denkbar wäre ja gewesen, dass eine Frau, die als Präsidentschaftskandidatin so behandelt wird, wie ihr das widerfuhr, die Seiten ihres Gegenüber so offen- und bloßlegt, dass seinen Hass-Tiraden die Luft genommen wird. Dazu aber war sie nicht in der Lage, weil sich hinter ihrer Fassade zu viel verbirgt, was mit Trump auf bestimmte Weise affin ging.

Donald Trump wird sich neu erfinden

Bei jenem aber wird man staunen, was für ein Chamäleon er ist. Es bleibt nur zu hoffen, dass jeder in Erinnerung behält, dass für diesen Mann Lügen selbstverständlicher sind als Wahrheiten, ja, dass er zwischen beiden nicht unterscheidet. Und wenn er gerade niemand beleidigt, es einfach nur besser ist, dass man nicht hört, was er denkt.

Unnachahmlich, wie er den Menschen weismachen konnte, gegen das korrupte Establishment dieses Landes vorgehen zu wollen, wo er doch selbst zu ihm gehört. Wer war nicht alles bei seiner dritten Hochzeit zugegen? – Dass er jedoch auch Hochzeitsgäste, wenn es notwendig ist, als Prellbock benutzt, um sich mit Hilfe von deren Diffamierung in die Höhe zu katapultieren, gehört zu den Charakteristika der Trump-Trümpfe.

Eines ist leider sicher: Das, was er getan hat, nämlich ausländische Regierungschefs zu beleidigen, ja ganze Staaten, Minderheiten und in den Frauen die Hälfte der Menschheit, ist nicht rückholbar. Er hat damit etwas losgetreten, was Fahrt aufnehmen bzw. vorhandene Tendenzen maßgeblich mit Nahrung versorgen könnte.

Und was man nie vergessen sollte: Immer, wenn es um Macht geht, wenn er ein Ziel erreichen möchte, das nur schwer erreichbar erscheint, dann greift dieser Mann zu Methoden, die die Menschheit um Epochen zurückzuwerfen vermag.

Die Diffamierungen Trumps sind die zeitgenössischen Foltermethoden einer vergangenen Inquisition. Sie schrecken vor keiner noch so schäbigen Qualität zurück.

Mancher von uns wird denken, dass er keine Anteile in sich habe, die denen von Trump vergleichbar seien.
Die Wahrheit ist: Diese Anteile zeigen sich nur in bestimmten Situationen, in existentiellen oder solchen, die das Ego zu existentiellen erklärt. In solchen Situationen zeigt sich die Wahrheit über jemanden. Auf einmal äußert er Worte und zeigt Verhaltensweisen, die er später wird gerne zurückholen wollen. Es sei denn, er ist ein Trump. Dann sind diese Seiten so dominant, dass er nicht im entferntesten zu wissen scheint, was er tut. Es fehlt diesem Mann das Kreuz. Das Koordinatenkreuz von Werten, die sich in der Menschheit seit Buddha, Lao-Tse, Salomon, Sokrates, Jesus, Franz von Assisi und anderen entwickelt haben. – Wer mit Trump zu tun hat, vergisst sie zwangsläufig. Oder er wird aus dem Weg gelogen.

Trumps seelisches Alter

Mit seinem Verhalten und seinen Aussagen tritt Trump auf eine Art und Weise menschliches Bewusstsein in die Gosse, wie niemand es zu Beginn des dritten Jahrtausends im Rahmen eines Wahlkampfs einer Nation für möglich gehalten hätte, die zu den entwickeltsten der Menschheit gehört.

Nach unterschiedlichen Schätzungen liegt Trumps seelisches Alter zwischen vier und 16 Jahren. Ob er deshalb gern Menschen wie Putin zu Vatergestalten macht oder ob in seinem Umfeld gute Bekannte wirtschaftliches Interesse an einer engen Verbindung zu Russland haben: Es wird sich zeigen. Kein Wunder aber ist, dass ihm Menschen wie Viktor Orban applaudieren: „Was für großartige Nachrichten. Die Demokratie ist immer noch am Leben.“ – Genau das muss es sein: Trumps Wahl als lebender Beweis für Demokratie.

Dabei war es womöglich einfach so: Gewisse Seelenanteile, die jeder in sich hat und die sich immer einmal wieder zu Wort melden oder melden wollen, hat Trump in vielen Amerikanern aktiviert und zwar auf eine Weise, dass sie sich auch dem Gedächtnis der Welt einprägen. Er hat seine Art des Umgangs mit Anderen salonfähig gemacht. Sein So bin ich, ich will nicht anders steht für lange Zeit taghell im Raum.

Wie der kleine Böhmermann in seiner Welt, so geht der große Trump in der seinen vor: Niemand ist für Diffamierungen zu schade oder vor ihnen sicher. Und wenn ich auch Erdogan auf der mentalen Ebene zu diesem Trumpbereich zähle, so hat er doch wie jeder Mensch eine grundsätzliche Würde, die wir zu achten haben, auch wenn er sich noch so würdelos despotisch verhält. Und auch wenn ich die Versäumnisse einer Politik a là Merkel zutiefst bedaure und bedaure, dass sie Bundeskanzlerin Deutschlands ist, so hat kein zukünftiger Präsident das Recht, die Regierungschefin eines Landes als krank zu bezeichnen, es sei denn, er begründet vorhandene pathologische Formen.

Dazu müsste er allerdings selbst gesund sein.

Gib uns Barabbas!

Donald Trump hat offengelegt, wie dünn die Bewusstseinsschicht wertebewussten Menschseins in Wahrheit noch ist. Und wie relativ leicht die Schattenformen zu aktivieren sind. Gib uns Barabbas! Was die Menschen vor knapp zweitausend Jahren angesichts der Frage des Pilatus grölten, grölen sie auch im Zweifel noch heute, wobei sie in den USA nicht wirklich eine Alternative hatten, denn diese war in der Tat nur, dass das wirklich korrupte Establishment in Form Hillary Clintons sich weiter perpetuiert und dass, so wie es Angela Merkel bei uns in Bezug auf die 5 Millionen an der Armutsgrenze Lebenden auch nicht tut, Hillary Clinton sich gewiss nicht wirklich interessiert für eine Mittelschicht, die Angst vor der Zukunft hat, weil Millionen von Menschen in einem Jahr nicht annähernd das verdienen, was Hillary Clinton für eine einstündige Rede bekommt, bis zu 350 000 US-Dollar, ein Minutenverdienst von 5800 Dollar.

Fest steht für mich, dass der Wahlsieg Trumps, wiewohl er bekanntlich nicht die Mehrheit aller Stimmen erhielt, dadurch zustandekam, dass er ein Verhalten zeigte, das in zumindest vielen schlummert, was sie aber auszuleben sich nicht erlaubten oder keine Mittel fanden. Trump tat das stellvertretend für alle. Er war unheiliger Messias und Sprachrohr all derer, die keine Worte fanden und finden, die das Gefühl haben, nicht gehört zu werden. Und er tat das auf einem Niveau und mit einer Selbstverständlichkeit, die Nachahmer finden wird.

Er brachte eine scheinbar persönliche, weil hemdsärmelige Note in die Politik, die Menschen bei anderen Politikern nicht mehr wahrnehmen, aber cool finden. Mit seinen rüden Attacken war Trump wie selbstverständlich ein Teil des eigenen Inneren, spricht er doch aus, was am inneren Stammtisch zu hören ist.

Für das Niveau breiter gesellschaftlicher Schichten kann das gravierende Folgen haben, ist nämlich das Mühlrad der Verrohung in Gang gesetzt, bricht sich diese verbale Gülle Bahn und findet ein gesellschaftliches Bett.

Wir sind als Menschen gehalten, niedere Instinkte und Verhaltensweisen wahrzunehmen und mit ihnen in der richtigen Weise umzugehen. Im Grunde betrifft das immer wieder unseren Alltag, die Frage, ob wir in der Steuererklärung einen Kilometer zum Arbeitsweg hinzuschummeln, jemanden schwarzarbeiten lassen oder uns Zeit nehmen, unser Kind und seine Sorgen wirklich zu verstehen, vor dem Fernseher sitzen bleiben oder doch noch ans Bett gehen und Gute Nacht sagen, ob wir den Mut und die Kraft finden, eine Auseinandersetzung anzunehmen oder doch lieber „großmütig“ verzichten, ob wir negative Gedanken weiterspinnen oder ihnen ein Stopp geben, über einen anderen herziehen, gar gegen ihn hetzen – oder eben nicht.

Rüpel verbreiten Angst!

Wobei sicherlich viele auch schon dem Umstand begegnet sind, dass die größten Rüpel sich alles Mögliche erlauben dürfen, ohne dass sich jemand beschwert; macht aber mal jemand, der immer korrekt ist, ein einziges Mal Vergleichbares, gibt es einen Aufstand und alle möglichen Leute sind empört.

Vor dem Rüpel haben sie Angst, stattdessen wird ein anderer stellvertretend abgestraft.

Wird irgendwann allerdings der Rüpel pflegeleichter, aus welchen Gründen auch immer, dann sind die Leute ihm so richtig dankbar. Wer aber schon immer pflegeleicht war, hat selbstverständlich ohne Dank weiterhin so zu sein. Er wird nicht erwähnt, der Rüpel aber wird als vorbildhaft hingestellt.

Ich bin sehr gespannt, ob sich genau dieses Phänomen bei Trump zeigt. Natürlich kann Trump sich anders benehmen. Dann wird ihm alles verziehen werden und viele werden ihm zu Füßen liegen und großmütig verzeihen, wie er Amerika verschmutzt hat.

Trump könnte sich für die Vereinigten Staaten dennoch als hilfreich erweisen.

Von beiden Übeln – über Clintons zwielichtige Seiten ist genug geschrieben worden – sehe ich das Trump-Übel als für Amerika günstiger an.

Clinton hätte es verstanden, die Konflikte ihres Landes unter der Decke zu halten, ihre Nähe zur Wall Street und den Großbanken weiter gepflegt und an diesem versumpften System nichts verändert.

Die Wahl Trumps aber wird die Nation zwingen, Dinge wirklich zu klären, zu klären,
ob sie wirklich nach innen aufrüstet und das sogar verstärkt, Minderheiten nicht integriert, sondern desavouiert, tatsächlich Millionen wieder ohne Krankenversicherung sein lässt, nichts fundamental tut für eine zunehmend verarmende Mittelschicht und außenpolitisch z.B. wirklich aus dem Klimaabkommen aussteigen will, zurück zu bewährter innerer und äußerer Fossilität.

Viele Menschen, die von Trump beleidigt worden sind, werden das nicht vergessen und sie werden nicht in Angst leben wollen, dass hier ein Mann, der nicht nur von gestern, sondern von vorgestern ist, das Rad der Entwicklung und des Bewusstseins zurückdreht, der sich nicht unter Kontrolle hat, wenn er wieder einmal es für nötig hält, außer Kontrolle zu geraten.

Möglicherweise kommt Amerika nicht mehr zur Ruhe und geht durch ein Tal der Tränen. Möglich auch, dass dadurch die Welt noch mehr Kopf steht, als sie das im Moment schon tut. Das Gute aber wird sein, dass Dinge sich klären werden, sich klären müssen.

Das gilt auch für Europa, für das einstmals Christliche Abendland, das einen Vorgeschmack dafür bekommen hat, dass ein Wertesystem sich über viele Jahrhunderte mit Mühe entwickelt, aber in wenigen Jahren zerschlagen sein kann, vor allem, wenn man nur einen Wert noch kennt wie gerade auch in der EU, ein Wert wie ein Tier: das goldene Kalb.

Jedes Land wird in diesen Klärungsprozess involviert sein, in gewisser Weise auch jeder von uns.

Mit Trump kommt das auf uns zu!

Es ist wohl notwendig – damit die Not auf der Erde sich wendet.

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„Du bist doch nur für uns bemüht“! – Die Botschaft des Mephistopheles an alle Trumps und Hillary Clintons dieser Erde.

„Du bist doch nur für uns bemüht“! – Das ist die ernüchternde und teuflisch wahre Botschaft des Geistes, der stets verneint, an all die Trumps und Hillary Clintons und Wall-Street-Fixierten dieser Erde. Es könnte aber auch eine nachdenklich stimmende für all jene sein, die sich mittlerweile irritiert fragen, ob es nicht doch geratener sein mag, sich ein trampliges Trump-Verhalten oder eine cleane Clinton-Fassade zuzulegen. Ob sich nicht doch der Schein lohne und ein ständiges Zünden von Nebelkerzen, um die Wahrheit wirkungsvoll zu verschleiern.

Wozu noch Wahrheit? Warum nicht maximal leben, was das Leben hergibt? Auch wenn das aus seelischer Sicht ganz und gar nicht optimal sein mag!

Ganz offen sagt der Vertreter des Dunkels, des Bösen, Mephistopheles also, angesichts des sterbenden Faust über dessen Leben:„Es ist so gut, als wär´ es nicht gewesen“.

Und die Golgatha-Worte (Golgatha ist übrigens keine Zahnpasta) verspottend, meint er: „Er fällt, es ist vollbracht.“

Die Ernte des Lebens, geht es nach ihm, lässt sich in die Worte gießen: „das Ewig-Leere“.
Alles Tun also ist für den Teufel.
Der entsorgt es auf seine Weise.

Ist das der gesellschaftliche Fortschritt, auf den wir stolz sind?

Ist darin auch der Grund zu sehen, warum Menschen in doch recht großer Zahl sich dem Religiösen bzw. dem ethisch verantwortlichen Handeln entziehen, ja es negieren, sich auf diese Weise davonschleichend, um dem sich immer mehr ausbreitenden Nichts, wie es Michael Ende so überzeugend in seiner Unendlichen Geschichte zur Darstellung brachte, zu entgehen?

Gibt es nicht bereits, wie dort zu lesen, diese Gestalten, die sich zu unvorsichtig dem Nichts näherten und nun ohne Arm herumlaufen oder andere Gliedmaßen bzw. gar fast halbiert sind?

Transponiert man diese Gestalten ganz im Sinne Michael Endes auf eine seelische Ebene, gibt es sie zuhauf! Ein womöglich gütiges Schicksal verhindert, dass wir das sehen können.

Nicht jeden zieht das Ewig-Weibliche hinan!

Du bist doch nur für uns bemüht! – Wir finden diese Worte in der drittletzten Szene des Faust, 2. Teil, in der den erblindeten Faust das Geklirr der Spaten ergötzt, weil er annimmt, dass seine Knechte einen weiterer Graben ausheben und sein letztes großes Werk, dem Meere Land abzugewinnen, weiter perfektionieren, nicht wissend, dass es Lemuren, also Geister bereits Verstorbener sind, die nicht einen Graben, sondern sein Grab ausheben.

In der folgenden, also vorletzten Szene zeigt sich, dass noch im Tode von Faust es des Einsatzes von Engelchören bedarf, um seine Seele den Lemuren und Mephistopheles zu entreißen. Selbstverständlich ist es nicht, dass es mit ihm, wie in der Schluss-Szene Bergschluchten nachzulesen, nach oben geht und das Ewig-Weibliche ihn hinanzieht. Nur wer wahrnimmt, dass Faust bei allen Rückschlägen Zeit seines Lebens um Erkenntnis gerungen hat, kann das als gerechtfertigt ansehen.

Ob sich Engel dereinst um Donald Trumps oder Hillary Clintons Seele bemühen? Oder um unsere?

Da scheint es doch nicht wenigen ratsam, diese Wesen zu negieren.

Trump korrumpiert Gefühle!

Was wir bei einem Donald Trump erkennen können, ist, dass seine Trump-Tower an den Turm zu Babel erinnern. Selten haben sich weite Teile einer Gesellschaft so demaskiert, weil sie sich für einen Mann engagieren, der Schamgrenzen außer Kraft setzt und Emotionen auf eine Weise benutzt und vergewaltigt, dass außer Acht zu geraten droht, welche wertvolle Rolle sie im Leben der Menschen übernehmen sollten. Wie lange Republikaner brauchten, um sich von ihm zu distanzieren und wie sehr weite Teile Amerikas auf den wohl unverfrorensten notorischen Lügner der Neuzeit abfuhren und das immer noch tun, ist bezeichnend für ein Land, das nicht nur in seinem Ansehen, sondern auch in seiner moralisch-ethischen Substanz bis in seine Grundfesten erschüttert, ja womöglich morbider ist, als wir wahrnehmen konnten.

Über Hillary Clintons zwielichtiges Wesen ist gerade in der letzten Zeit genug geschrieben worden. Die Frage nur ist, welch hohen Aufwand diese Frau betreiben muss, ihr Gesicht zu wahren, überhaupt ihr Gesicht zu zeigen, wo sie es doch schon mehrfach verloren hat (auffallend in diesem Zusammenhang ist, wie sehr auf Fotos und Abbildungen es immer wieder flächig nach vorne geschoben wirkt).

Griechenlands Helena, Roms Venus, Thüringens Elisabeth

Kaum möglich erscheint mir, dass es bei einem Donald Trump oder einer Hillary Clinton eine Seite gibt, wie wir sie bei Faust und Gott sei Dank auch dem ein oder anderen unserer Zeitgenossen finden, der sich im Grunde ein Leben lang um Selbst- und Welterkenntnis bemüht, wenn auch ethisch oft wenig erfolgreich. Gerade im zweiten Teil des Faust wird angesichts seines Bemühens um Helena und dem damit verbundenen Abstieg ins Reich der Mütter deutlich, welchen Einsatz er zu wagen bereit ist. Sein Bemühen um Helena, die ja bereits in Faust I in der Hexenküche mittels eines magisch-visionären Bildes auftauchte (Du siehst, mit diesem Trank im Leibe, / Bald Helenen in jedem Weibe) und mit der er inmitten des zweiten Teils einen Sohn, Euphorion nämlich, zeugt, vermittelt, dass Goethe hier seinen Faust in Tiefen menschlichen Seins – bis eben ins Reich der Mütter, wie der große Weimarer diese Region nennt, also in Urtiefen der menschlichen Seele – absteigen lässt, die sich um Dinge ranken, an die unsere Psychologie noch nicht ansatzweise heranreicht und in ihrer teilweise begrifflichen Erstarrung es auch vermutlich nie tun wird, und die zu tun haben mit der zentralen Bedeutung des Weiblichen, das eben nicht nur die Seite des Ewig-Weiblichen kennt, sondern auch ein sozusagen zeitlich Weibliches, was sich gerade in Helena darstellt, im Altertum auch Selene genannt, die man unter anderem in Sparta nicht von ungefähr im Rahmen des orgiastischen Festes Helenephoria verehrte.
Richard Wagner hat im Übrigen diese beiden Seiten des Weiblichen in seiner Tannhäuser-Oper in den Gestalten der Venus und Elisabeth genial einander gegenübergestellt.
Mehr denn je würde es sich für unsere Kultur lohnen, wenn Goethes Werk und den darin angesprochenen Aspekten des Seins wieder mehr an den Schulen Beachtung geschenkt würde, damit Jugendliche die Riesenschritte, die die Menschheit momentan in ihrer Entwicklung geht, einzuordnen vermögen und vor allem um die Bedeutung des Dunklen wissen, um nicht einer Verflachung anheimfallen, wie wir sie im Grunde fast weltweit erleben.

Frau Merkel und die Männer der CDU

Es gibt keine Vorwärtsentwicklung ohne Gegenbewegungen, ohne Verfallserscheinungen, zumal diese uns zwingen, bewusster zu werden. Vielleicht mag das der tiefere Sinn sein, der hinter all dem, was wir momentan erleben müssen, nicht nur in Syrien, sondern eben auch auf der moralischen Ebene in Amerika, steht. In Europa erleben wir eine ethische Verflachung in der Weise, wie Juncker, Merkel, Hollande und andere Politik betreiben, fixiert auf Ökonomisch-Materielles, Werte und Tugenden nur als Feigenblatt, um diese Tatsache zu kaschieren, benutzend; für mich haben sie auch ganz offensichtlich wirklich keinen entsprechenden Tiefgang. Doch noch scheint ein Absturz wie in Amerika nicht denkbar.

Anmerken möchte ich, dass meines Erachtens die ethisch-religiöse Verflachung der politischen Kultur Merkel-Gauckscher Provenienz mit deren Sozialisation zusammenhängen mag (was nicht zwangsläufig hätte sein müssen), eine Provenienz, die ethisch anspruchsloser – entgegen mancher hehren Worte, die beide bei passenden Gelegenheiten von sich geben – und kaum hohler sein könnte. Es mutet seltsam an und mag doch kein Zufall sein, dass beide aus einer Region kommen, der Deutschland eine geistige Blüte verdankt (Weimar, Jena), wie wir sie weltweit nur ganz, ganz selten finden. Zu dieser Blüte müssten wir zurück, um die Zukunft meistern zu können. Das allerdings geht nur ohne Gauck und Merkel. Die aber nun hat seit vielen Jahren die Männer der CDU unfassbar fest im Griff. Auch das ist im Übrigen eine Facette des Weiblichen, eine nicht unbedeutende.

Wenn die Spitzmaus wichtiger als der Geist ist.

Es gibt eine seelische Gravitation ebenso wie eine physische, die uns als irdische Lebensbedingung zwingt, möglichst aufgerichtet zu bleiben, körperlich und vor allem auch seelisch, nötigenfalls sehr bewusst. Erlahmen diese Kräfte, dann geht es gegebenenfalls rapide abwärts – sieht man einmal von den Trumps dieser Erde ab, die wohl schon immer nur körperlich aufgerichtet waren -, oder es geschieht verkappt, versteckt, verhohlen, wofür Hillary Clinton steht.

Alternativ muss es ein Bemühen geben, dem Mephistophelischen überlegen, das heißt, möglichst immer einen Schritt voraus zu sein. In diesem Bemühen erlahmt Deutschland seit geraumer Zeit in für mich erschreckendem Ausmaß, auf der politischen Ebene – abfärbend auf die gesamtgesellschaftliche – maßgeblich verstärkt durch Merkels abwartend lethargisches und konzeptionsloses Regieren, was gravierende Folgen haben wird, wenn nicht endlich wieder Menschen politisch und geisteswissenschaftlich-philosophisch das Sagen haben, denen innere Substanz zueigen und Richtschnur ist und nicht auch noch, wie der so philosophisch bestsellernde R.D. Precht bei Markus Lanz die Ähnlichkeit des Menschengeschlechts mit der Spitzmaus herausheben, sondern um das wissen und es bezeugen, wofür u.a. Goethe, Schiller, Fichte und Schelling stehen, späterhin auch ein C. F. Meyer, ein Rilke, ein Horvath, ein Böll und ein Max Frisch, um auch Dichter des deutschsprachigen Kulturkreises mit einzubeziehen.

Wenn ich das geahnt hätte . . .

Fast etwas großspurig scheint Faust angesichts seines Lebenswerkes, dem ihm vom Kaiser vermachten Meeresstrand Land abgewonnen zu haben, wodurch nun Handel und Wandel entstanden ist, zu tönen:

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Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,
Der täglich sie erobern muß.
Und so verbringt, umrungen von Gefahr,
Hier Kindheit, Mann und Greis sein tüchtig Jahr.
Solch ein Gewimmel möcht‘ ich sehn,
Auf freiem Grund mit freiem Volke stehn.
Zum Augenblicke dürft‘ ich sagen:
Verweile doch, du bist so schön!
Es kann die Spur von meinen Erdetagen
Nicht in Äonen untergehn.–
Im Vorgefühl von solchem hohen Glück
Genieß‘ ich jetzt den höchsten Augenblick.

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Es sind die letzten Worte Faustens und das Leben kommentiert sie mit seinem Tod.

Erinnern wir uns, dass unser Protagonist noch kurz zuvor an Mephistopheles das Ansinnen gerichtet hatte, Philemon und Baucis, deren Hütte ihm angesichts seines neu gebauten Palastes ein absoluter Dorn im Auge war, aus dem Weg zu räumen.
Mephistopheles tat es auf seine Weise und ließ die beiden Alten samt ihrer Hütte kurzerhand abfackeln.
Wie bigott klingen angesichts dieses Geschehens Faustens Worte zu Mephistopheles und seinen Schergen:

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Ward ihr für meine Worte taub?
Tausch wollt‘ ich, wollte keinen Raub.
Dem unbesonnenen wilden Streich,
Ihm fluch‘ ich; teilt es unter euch!

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So einfach allerdings lässt sich Verantwortung nicht entsorgen.

Das wollte ich nicht! So war das nicht gemeint . . .

Das könnten auch ein George Bush angesichts dessen, was er auslöste, sagen, desgleichen ein Assad, ein Putin – allerdings, bei Lichte besehen kommt letzteren beiden nicht einmal in den Sinn, verstört zu sein, wie es Faust wenigstens war.

Ein erster wichtiger Schritt:

Was Goethes großes Werk uns lehrt, ist, dass wir grundsätzlich Fehler machen und jedem von uns Mephistopheles auf Schritt und Tritt folgt, ja, unserem Inneren angehört.

Wie wir mit ihm und dem Bösen, das es auf der Erde nun einmal gibt, umgehen, ist entscheidend für unsere Gegenwart und die Zukunft unserer Kinder.

Was als erster Schritt zwingend Not tut, ist, dass Deutschland sich unabhängig macht von den politischen Eliten Amerikas und Russlands, auch eines dekadenten Europas, wie es für mich z.B. ein Juncker verkörpert oder auch gewisse Machthaber, die die Macho-Modelle vergangener Jahrhunderte zwanghaft perpetuieren. Ich halte auch nichts von einem Politik-Stil à la Steinmeier, der aus taktischen Gründen (um immer im Gespräch zu bleiben – wie ihn das ehrt!) den Genozid der Türkei an den Armeniern nicht Völkermord nannte und vermutlich Putin nicht einen Kriegsverbrecher nennt. Damit mag er vorläufige Erfolge erzielen, wenn z.B. just soeben Putin Berlin die Ehre gibt, aber es sind Pyrrhus-Siege auf Kosten der Wahrheit. Einem Putin ist ein Steinmeier nicht ansatzweise gewachsen; auch eine mit mehr Wassern, als viele vermuten, gewaschene Merkel nicht.

Für diese notwendige Unabhängigkeit ist ein Bewusstsein unserer Leitkultur notwendig, das nicht mehr mit den oft genannten und mittlerweile so hohl klingenden Werten erfasst werden kann, sondern allein mit einem lebendigen Bewusstsein vom Menschen, der zu sein eigentlich ein Prädikat ist, nichts Selbstverständliches.

Man muss es sich mit dem Leben verdienen.
Verdienen wollen.

Sinnlehre statt Sinnleere!

Unsere Leitkultur jedoch droht zu einer Leidkultur zu verkommen. Dringlicher denn je sollte die Mahnung Viktor Frankls Gehör finden, der Sinnleere mit Sinnlehre zu begegnen.

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veröffentlicht auch auf NEOPresse

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