„Schaut auf! Nehmt wahr! // Er ist’s, er ist’s; die Flamme zuckt“ – Annette von Droste-Hülshoffs „Am Pfingstsonntage“

Annette von Droste-Hülshoffs Gedichtzyklus über das „Geistliche Jahr in Liedern“ umfasst in seiner Entstehung einen Zeitraum von etwas über zwanzig Jahren. Sein Beginn steht im Zusammenhang mit jener unsäglichen, fast entehrend zu nennenden Erfahrung Annettes mit zwei Männern, zu denen beiden sie sich hingezogen fühlte und die diesen Tatbestand schamlos ausnutzten, indem sie sie kompromittierend auflaufen ließen und sie zum Gesprächsobjekt, ja Gespött verwandtschaftlichen Geredes machten.19 Jahre später bringt sie den Zyklus zu Ende und wir begegnen einer seelisch tief gereiften Frau, die in dieser abschließenden Phase unter anderem ein Gedicht zu Pfingsten schreibt, das nicht mein Pfingsten wiederspiegelt, das mir aber in ihrer Sicht sehr nahe geht:


Still war der Tag, die Sonne stand

So klar an unbefleckten Domeshallen;
Die Luft, von Orientes Brand
Wie ausgedörrt, ließ matt die Flügel fallen.
Ein Häuflein sieh, so Mann als Greis,
Auch Frauen knieend; keine Worte hallen,
Sie beten leis!

Wo bleibt der Tröster, treuer Hort,
Den scheidend doch verheißen du den Deinen?
Nicht zagen sie, fest steht dein Wort,
Doch bang und trübe muß die Zeit uns scheinen.
Die Stunde schleicht; schon vierzig Tag
Und Nächte harrten wir in stillem Weinen
Und sahn dir nach.

Wo bleibt er nur, wo? Stund‘ an Stund‘,
Minute will sich reihen an Minuten.
Wo bleibt er denn? Und schweigt der Mund,
Die Seele spricht es unter leisem Bluten.
Der Wirbel stäubt, der Tiger ächzt
Und wälzt sich keuchend durch die sand’gen Fluten,
Die Schlange lechzt.

Da, horch, ein Säuseln hebt sich leicht!
Es schwillt und schwillt und steigt zu Sturmes Rauschen.
Die Gräser stehen ungebeugt;
Die Palme starr und staunend scheint zu lauschen.
Was zittert durch die fromme Schar,
Was läßt sie bang‘ und glühe Blicke tauschen?
Schaut auf! Nehmt wahr!

Er ist’s, er ist’s; die Flamme zuckt
Ob jedem Haupt; welch wunderbares Kreisen,
Was durch die Adern quillt und ruckt!
Die Zukunft bricht; es öffnen sich die Schleusen,
Und unaufhaltsam strömt das Wort
Bald Heroldsruf und bald im flehend leisen
Geflüster fort.

O Licht, o Tröster, bist du, ach,
Nur jener Zeit, nur jener Schar verkündet?
Nicht uns, nicht überall, wo wach
Und Trostes bar sich eine Seele findet?
Ich schmachte in der schwülen Nacht;
O leuchte, eh‘ das Auge ganz erblindet!
Es weint und wacht.


Das Gedicht zeigt uns eine Meisterin der deutschen Sprache.

Warum es uns kaum unberührt lassen kann, erschließt sich allein schon aufgrund seiner formalen Struktur: Es alternieren regelmäßig vier- und fünfhebige jambische Verse. Nur der letzte jeder Strophe, der siebte, ist jeweils zweihebig, und diese sechs letzten Zeilen lesen sich, als ob Inhaltliches der vorausgehenden Strophe noch einmal erfasst und auf den Punkt gebracht sein wollte.
Gerade der letzte Vers ist hier so nachdrücklich durch seine W-Alliteration und keine Frage, das Auge steht hier, pars pro toto, für die Seele der Dichterin.

Dieser letzte Vier-Wort-Satz: was für ein Bekenntnis.

Da ist allerdings keine Pfingstfreude und es ist wahrlich keine Stimmung, wie wir sie der Apostelgeschichte entnehmen.

Wir erinnern uns: Noch anlässlich der Kreuzigung hatte zwar die Besatzungsmacht, Jesu Ankündigung, dass er in drei Tagen wieder auferstehen werde, ernst genommen und Vorsorge getroffen, doch seine Jünger glaubten ihm nicht. Die saßen verschreckt beisammen und trauten sich nicht aus dem Haus. Wären nicht Frauen so mutig gewesen – in einem der Evangelien ist es allein Maria Magdalena (für mich eine der schönsten Szenen der Bibel, als sie dem „Gärtner“ begegnet) – dann hätte der Auferstandene gar niemanden vorgefunden.

Die Zwölf – Matthias war für Judas hinzugekommen – harrten diesmal zuversichtlich. Jesus hatte den Tröster angekündigt, den Heiligen Geist; sie hatten gelernt zu glauben.
Glauben hängt mit Vertrauen zusammen.

Von diesem Glauben wird Annette von Droste-Hülshoff, wie wir oben lesen konnten, sagen: „Ich hab ihn nicht.“

Diese Ehrlichkeit ist es, die mich so überzeugt. Sie ist Voraussetzung für Weiterentwicklung.

Wer sich gerade im spirituellen Bereich das Geringste vormacht, kann nicht zur Wahrheit vordringen, die eine Vorstufe der Freiheit ist, wie sie auf der Erde als wirkliche Freiheit kaum jemand kennt. Obwohl doch so viele ständig über Freiheit reden.

Auch über Liebe.

Ich hoffe, die meisten Menschen wissen über die wahre mehr als ich.

Georg Trakl, der mir mit seinem Ringen um ein inneres Christentum, das in der Literatur viel zu wenig wahrgenommen wurde und wird, so nahegeht, schrieb ein Gedicht „De profundis“. Aus der Tiefe. Aus der Tiefe rufe, nein schreie ich, Herr, zu Dir, so der Psalmist, so Trakl, so Annette von Droste Hülshoff, deren Schreien ein Weinen ist:

Ich schmachte in der schwülen Nacht;
O leuchte, eh‘ das Auge ganz erblindet!
Es weint und wacht.

Es gibt Menschen, denen spürbar dieser Schritt nicht gelungen ist, Auferstehung als Erlösung zu begreifen, weil es für sie (noch) nicht möglich ist, sich jenem Auferstehungsleib, der das Ziel des Weges von Jesus ist, zu nähern, der jedem von uns zuteil werden mag, wenn er ihn denn in seine Lebensoptionen integrieren wollte – was nicht einmal, wenn es geschähe, genügen würde, denn er müsste schon Ziel vor allen anderen sein; um nicht zu sagen: alleiniges Ziel

Nur so ist es möglich, dass der Mensch der luziferischen Umklammerung, die im Allgemeinen Tod genannt und so auch empfunden wird, entkommt.

Noch hat sich das Bewusstsein nicht durchgesetzt, dass die Lehre Jesus, wie wir sie beispielsweise in der Bergpredigt und ihren Seligpreisungen finden, aller Ehren wert, aber nicht das Entscheidende ist, weil wir im Grunde deren geistige Essenz auch im Achtfachen Pfad des Buddhismus finden.

Noch hat sich jedoch ebenfalls nicht durchgesetzt, dass es, so sehr ich das Dhammapada und den Achtfachen Pfad schätze, nicht Ziel sein kann, aus dem Rad der Wiedergeburten dringendst ausscheiden und den Durst nach Leben im Fleisch des physischen Körpers überwinden zu wollen – Hauptanliegen buddhistischer Religiosität -, weil es zu erkennen gilt, dass unsere physisch-materielle Existenz Voraussetzung einer Entwicklung ist, gipfelnd in Pfingsten, die nur so – im Rahmen einer physischen Existenz – und vermutlich nicht anders möglich ist (sieht man einmal davon ab, dass die Menschheit wohl tiefer in die Materie abzusteigen scheint als notwendig).

Ein Bewusstsein der Bedeutung von Kreuzigung, Ostern und Pfingsten ist Voraussetzung, um über dieses Stadium hinauszukommen, in dem ein Rilke, Christus verschmähend, steckenblieb, ein Trakl aufgrund seiner Süchte und schwesterlich-karmischen Belastung, ein Nietzsche in falscher Selbstüberschätzung, ein Karl May, so tief religiös ja theosophisch orientiert er nach seiner Orient-Reise auch war (vielleicht auch gerade deshalb), und auch eine Annette von Droste-Hülshoff, die sich so mutig ihrer inneren Realität stellte.

Ich schreibe „steckenbleiben“. Ich verwende dieses Wort, um ansprechen zu können, dass es das nur ausgesprochen vordergründig ist, wissen wir doch nicht, dass jede der Inkarnationen der oben Genannten Vorbereitung sein kann für einen entscheidenden Durchbruch in einer nächsten, die vielleicht gerade schon stattfindet.

Ich wünsche mir jedenfalls, dass sie möglicht in ihrer nächsten Inkarnation schon bewusst wahrnehmen können, warum noch in der Jordan-Taufe von Jesus, wie wir dem Johannes-Evangelium entnehmen können, der Geist vom Himmel herabfährt als eine Taube. Und warum es zu Pfingsten nicht mehr eine Taube ist, sondern der Geist als Zungen, als Geistesflammen niederkommt, nicht mehr für Einen, sondern für Zwölf – und in Zukunft, wenn es nach jenem Einen geht, für unbegrenzt viele.

Vielleicht auch für uns.Es kann kaum etwas Erfreulicheres geben, als dass wir selbst dafür verantwortlich sind, dass es so sein kann.

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„Zwei Särge, doch ein Grab, so soll es sein“ – Karl May für seine Klara zur Verlobung und Hochzeit: zwei Gedichte.

Das erste Gedicht schrieb der 41-jährige Karl May 1903 seiner zweiten Frau Klara zur Verlobung:

Wir strebten beide Hand in Hand
Zum Himmel auf und seinen Sternen,
Doch ist’s nicht leicht, nach jenem Land
Die rechte Wanderschaft zu lernen.
Es gibt der Wege allzuviel,
Doch welcher ist der rechte Pfad?
Zeig meinem Auge stets das Ziel
Und sei mein guter Kamerad!

Ragt eine Klippe hier und dort,
Will mich ein Trug zum Abgrund leiten,
So sage mir ein warnend Wort,
Den Sturz, den schweren, zu vermeiden!
Und wenn es uns beschieden ist,
Daß sich ein Feind verborgen naht,
So warne mich vor seiner List
Und sei mein guter Kamerad!

Und wenn ich schwach und müde bin,
Die schwere Wandrung zu beenden,
So knie freundlich zu mir hin
Und stärke mich mit sanften Händen!
So folgen beide wir der Bahn
,Du durch den Rat, ich durch die Tat,
Und kommen froh und glücklich an,
Ich und mein guter Kamerad.

Das zweite Gedicht schrieb er zu Ehren ihrer beider Hochzeitstag und überschrieb es:

AM HOCHZEITSTAG

Komm, Liebling, komm, wir wollen scheiden gehen;
Die Erde hat es uns so leicht gemacht.
Ich kann nicht traurig vor dem Abschied stehen,
Wenn er so froh in deinen Augen lacht.
Wir wollen Hand in Hand uns niederlegen;
Zwei Särge, doch ein Grab, so soll es sein.
Und über uns des ew’gen Vaters Segen,
Doch nie und nimmermehr ein Leichenstein!

Und rollt die Erde auf die Särge nieder,
So lächeln wir beglückt einander zu,
Man singt uns zwar vielleicht dann Sterbelieder,
Doch die Gestorbnen sind nicht ich und du.
Wir haben ja nur das zurückgegeben,
Was von der Erde uns geliehen war,
Und stehen beide als vereintes Leben
Bei unsern Särgen, wenn auch unsichtbar.

Die letzte Stunde naht, am Firmamente 
Wird Licht um Licht vom Vater aufgestellt, 
Er ladet uns zur stillen Jahreswende,
Zum neuen Sein dort in der andern Welt,
Schau auf! Du sollst in meinen Sternen lesen,
Was in den deinen längst geschrieben lag:
Wir sind auf Erden  n u r  v e r l o b t  gewesen;
Der Todestag ist unser  H o c h z e i t s t a g !

Gewiss war Karl May auch ein Schwerenöter.
Doch wer denkt, solch eine Klassifizierung beinhalte einen Vorwurf, der irrt (zumal er ein liebenswerter Schwerenöter war – und doch noch so viel mehr!).

Denn wer von uns ist nicht irgendetwas, worüber der Spießbürger von nebenan die Nase rümpft.

Auffallend ist, eine Frau, die man liebt und heiratet, im Rahmen eines Gedichtes zur Verlobung in erster Linie als Kamerad zu bezeichnen. Sicherlich hängt es damit zusammen, dass seine so intensiven Lebenserfahrungen ihn die Ehe in einem anderem Licht haben sehen lassen, als das jung Vermählte gewöhnlich tun, was sich auch darin zeigt, dass er den Lebensabschnitt, den beide nun beginnen, als Wanderung begreift. Darin zeigt sich auch jene große Wandlung, die nicht allein nur sein Zuchthausaufenthalt bewirkt haben mag.

Er begreift, dass er für die Menschenseele schreiben will, wie er selbst sagt.

Vergleichbares gilt für das Hochzeitsgedicht: Unglaublich, zu Beginn von Scheiden und Abschied zu schreiben, von Särgen und dem gemeinsamen Grab. Doch zeigt sich, wie ernst es Karl May einerseits mit seiner Spiritualität und andererseits mit seiner Liebe gewesen sein muss, spricht er doch von einem vereinten Leben, das daran erinnern mag, dass er – übrigens ja nicht nur Karl May, sondern wie auch Tucholsky, Schiller und viele andere – glaubte, seine Schwesterseele gefunden zu haben. Und dass für beide vor allem auch das geistige Leben zählt, weil unser irdisches nur geliehen ist, wie er in fast pietistischem Tonfall intoniert. 
Jedenfalls: Selten hat jemand Goethes Stirb und Werde aus Selige Sehnsucht ernster genommen. Und ich wüsste nicht, dass es jemand jemals ausgerechnet für den Hochzeitstag tat. – Karl May muss sich Klaras Verständnis zutiefst sicher gewesen sein. 

Im Übrigen finde ich es ein wunderschönes Bild, wenn er schreibt, dass zur letzten Stunde Licht um Licht vom Vater aufgestellt wird.

Zahlreichen Lesern könnte unbehaglich sein, wie sehr sich Karl May zu seinem Christsein bekannte, ich erinnere in diesem Zusammenhang an einige Gedichte aus seinem Gedichtband Himmelsgedanken.

Wer will davon heute noch etwas wissen. Nur noch wenige.

Aber für Karl May lässt sich nichts daran deuteln. Der ein oder andere seiner atheistischen Fans – es werden unter den weltweit vielen Millionen Lesern Millionen sein – mag vergessen haben, dass Winnetou noch in seiner Todesstunde sich zum Christsein bekennt.

(Wobei angemerkt sein mag, dass kaum ein Schriftsteller sein Personal so ohn Ansehen von Stand, Nation und Religion Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe zeigen ließ.)

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„Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt, / daß der Unrast ein Herz schlägt.“ – Paul Celan, „Corona“.

 

Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde.
Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehn:
die Zeit kehrt zurück in die Schale.

Im Spiegel ist Sonntag,
im Traum wird geschlafen,
der Mund redet wahr.

Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:
wir sehen uns an,
wir sagen uns Dunkles,
wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,
wir schlafen wie Wein in den Muscheln,
wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.

Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der
Straße:
es ist Zeit, daß man weiß!
Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,
daß der Unrast ein Herz schlägt.
Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

Es ist Zeit.


Fast scheinen die Worte am Schluss des Gedichtes von Paul Celan, der um diese Jahreszeit vor 50 Jahren in Paris Selbstmord beging, prophetisch zu sein.


Biografisch gesehen mag das Gedicht so betitelt sein, weil es in der Zeit geschrieben wurde, als Celan mit Ingeborg Bachmann liiert war, die im Übrigen Corona sein schönstes Gedicht nannte und in einer Antwort auf Zeilen von ihm, in der er auf ihren Geburtstag Bezug nahm und äußerte, „daß niemand außer Dir dabei sei, wenn ich Mohn, sehr viel Mohn, und Gedächtnis, ebenso viel Gedächtnis, zwei große leuchtende Sträuße auf deinen Geburtstagstisch stelle“, schrieb:
„Ich habe oft nachgedacht, ‚Corona’ ist Dein schönstes Gedicht, es ist die vollkommene Vorwegnahme eines Augenblicks, wo alles Marmor wird und für immer ist. Aber mir hier wird es nicht ‚Zeit’. Ich hungere nach etwas, das ich nicht bekommen werde…“


Ingeborg Bachmann mag Ariadne durch den Kopf, nein, im Herzen gewesen sein, die nach ihrem Tod von Dionysos, der sich in sie verliebt hatte, als Sternbild Corona an den Nachthimmel versetzt worden war; Ariadne aber hat wohl nie aufgehört, Theseus zu lieben, der ihr seine Rettung aus dem Labyrinth verdankte und sie dennoch verließ.
Natürlich spielt mitten in das Gedicht hinein die Beziehung der beiden, von Celan und der Bachmann, eine wesentliche, ja DIE wesentliche Rolle, aber den Rahmen bilden Worte, die so überraschend aktuell sind:


Klar kann man mit dem Herbst und damit dem, wofür er steht, dem Wandel, der Vergänglichkeit auf Du und Du sein; man kann sich sogar einbilden, dass er uns aus der Hand frisst; ja, wir können uns sogar einbilden, die Zeit gehn zu lehren. 

Aber Fakt ist: Sie, die Zeit, kehrt in die Schale zurück und was dann folgt, ist doch recht obskur für uns Menschlein: Im Spiegel nur ist Sonntag, nicht im Schlaf wird geträumt, sondern im Traum wird geschlafen und der Mund redet wahr. – Seit wann das?
In Wirklichkeit weiß Celan, womit er eines seiner Gedichte beginnt:

DAS FREMDE
hat uns im Netz,
die Vergänglichkeit greift
ratlos durch uns hindurch
(…)


Wer redet auf unserer Erde zur Zeit wahr?

Mir scheinen Celans Zeilen deshalb so bedeutsam, weil mir bewusst wurde, wie sehr alle unsere Gewissheiten über Bord unserer Lebensschiffe gehen. Wer weiß denn wirklich, ob ein Rüdiger Dahlke mit seinen Philippikas gegen die Corona-Maßnahmen oder die nicht enden wollenden Ausführungen eines Axel Burkart zu Corona Recht haben oder nicht doch die zumindest anfänglichen Maßnahmen der Bundesregierung tatsächlich Deutschland vor Ähnlichem bewahrt haben, wie es im Vergleich in den USA, Spanien, Italien und nun auch in Russland schrecklich tod- und leidbringend geschah und geschieht . . .
Wer weiß wirklich, wie lange noch ein Virus das Leben dominieren muss, bis gesichert ist, dass es ein Zurück zu alten Strukturen nicht mehr geben kann?


Wenn wir ehrlich sind, weiß doch wirklich keiner, warum gerade etwas wie geschieht, selbst jene nicht, die – wie ich das auch tue – nicht am äußeren Geschehen hängenbleiben. Wie witzlos ist es darüber zu spekulieren, woher denn der Virus stamme, wo er doch auf jeden Fall gekommen wäre, woher auch immer. Und wir wissen, dass es not-wendig ist, damit sich die seelische Not auf der Erde wende. Wieviel Leid gab es wirklich auf der Erde, auch ohne den Virus, das niemand zur Kenntnis nahm, weil die Leid-Tragenden nun einmal keine Lobby haben, kein Sprachrohr und nach wie vor, wie schon vor 2000 Jahren in ihren Ohren dröhnte: Gebt uns Barrabas frei!


Ob sich das nun ändert?

Die Corona-Krise ist eine Krise unserer so lieb gewordenen Gewissheiten. Und dazu dürfen auch spirituelle Gewissheiten zählen.


Zum Raum wird hier die Zeit, heißt es in Richard Wagners Parzival-Oper.
Erst wenn wir, wenn Menschen aus der Zeit in den Raum vor das Kreuz und damit vor den Gral treten, dann mag wirklich Raum werden für das, was zu geschehen hat.

Unglaublich eigentlich, wieviel Zeit die Menschen hatten – und da mag kaum jemand ausgenommen sein -, um sich mit einem kleinen Virus auseinanderzusetzen.
Zeit, die ansonsten für das Wesentliche unserer Lebens kaum einmal da war.
Für einen Virus bringt die Menschheit diese Zeit auf, wie das niemand für möglich gehalten hätte.

Ich hungere nach etwas, das ich nicht bekommen werde…“, schrieb Ingeborg Bachmann.
Solange wir uns vorwiegend Dunkles sagen und das Meer in den Blutstrahl des Mondes getaucht sein lassen, wird sich daran nicht viel ändern.


In seinem Gedicht Anabasis spricht Celan in durchaus kryptischem Wortumfeld, wie es zunehmend seine Weise war, Wahrheit dem Unsagbaren abzuringen, von der „herzhelle(n) Zukunft“ und die letzte Zeile der 2. Strophe lautet: „Ins Unbefahrne hinaus“.

Ja, ich glaube, gerade der letzte Satz gibt die Richtung vor: Es geht darum, dass wir als Menschen gemeinsam in eine Richtung fahren, die unbefahren ist,  gleichsam, wie wir es aus Goethes Märchen kennen, über die Brücke ins Land der Lilie.

Und da muss niemand eines anderen Lehrmeister sein wollen. Es geht nur entsprechend dem letzten Wort aus Paul Celans eben zitiertem Gedicht, das lautet: „Mitsammen“.
Es geht nur, wenn wir ein Herz haben für unsere Unrast. Für die Unrast dieser Erde, die so sehr der Ruhe bedarf.

Was für ein unfassbar Ruhe bringendes Wort ruhen ist. – Vielleicht müssen wir auch solche Kostbarkeiten wieder entdecken.

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Wir alle sind Elis. – Selten hat ein Autor solche Tiefendimensionen menschlicher Existenz angesprochen.

Man sieht dem 1913 geschriebenen Gedicht An den Knaben Elis nicht unbedingt an, dass es zu den Perlen deutschsprachiger Lyrik zählt, man sieht ihm auch nicht von vornherein an, dass es eine spirituelle Tiefe aufweist, die ihresgleichen sucht.
Seine Zeilen erzählen auf lyrische Weise von dem Untergang der Menschheit, dem diese u.a. auch mit Hilfe eines Virus namens Corona in diesen Tagen zu entkommen sucht.
Zugleich sind sie verfasst von einem Mann, der wie kein anderer weiß, wie Untergang geht:

 

An den Knaben Elis

Elis, wenn die Amsel im schwarzen Wald ruft,
Dieses ist dein Untergang.
Deine Lippen trinken die Kühle des blauen Felsenquells.

Laß, wenn deine Stirne leise blutet
Uralte Legenden
Und dunkle Deutung des Vogelflugs.

Du aber gehst mit weichen Schritten in die Nacht,
Die voll purpurner Trauben hängt,
Und du regst die Arme schöner im Blau.

Ein Dornenbusch tönt,
Wo deine mondenen Augen sind.
O, wie lange bist, Elis, du verstorben.

Dein Leib ist eine Hyazinthe,
In die ein Mönch die wächsernen Finger taucht.
Eine schwarze Höhle ist unser Schweigen,

Daraus bisweilen ein sanftes Tier tritt
Und langsam die schweren Lider senkt.
Auf deine Schläfen tropft schwarzer Tau,

Das letzte Gold verfallener Sterne.


Im September 1905 schreibt der damals 18-jährige Georg Trakl, kurz bevor er ein Jahr vor dem Abitur die Schule wegen ungenügender Leistungen in den Kernfächern Latein, Griechisch und Mathematik verlassen muss, an seinen Freund Karl von Kalmár:

Die Ferien haben für mich so schlecht als es nur möglich ist, begonnen. Seit acht Tagen bin ich krank – in verzweifelter Stimmung. Ich habe anfangs viel, ja sehr viel gearbeitet. Um über die nachträgliche Abspannung der Nerven hinwegzukommen habe ich leider wieder zum Chloroform meine Zuflucht genommen. Die Wirkung war furchtbar. Seit acht Tagen leide ich daran – meine Nerven sind zum Zerreißen. Aber ich widerstehe der Versuchung, mich durch solche Mittel wieder zu beruhigen, denn ich sehe die Katastrophe zu nahe.

Dass er anschließend ausgerechnet eine Lehre in der Apotheke Zum weißen Engel in Salzburgs Linzergasse beginnt, ist insofern tragisch, als ihm somit die Drogentöpfe frei zugänglich waren, die er schon über die Mutter kennengelernt hatte; nicht von ungefähr nannte er sie später eine „Opiumesserin“ und „nervenkrank“ und eine Frau, die er mit „eigenen Händen hätte ermorden können“.

Seine Drogenkarriere begann wohl bereits mit 15 Jahren und jene ihre sechs Kinder emotional total vernachlässigende Mutter war maßgeblich beteiligt. Der Bruder Fritz wird sich erinnern, daß Georg seine Zigaretten mit Opiumlösung bestrich.
Man möchte fast sagen, Trakl ließ nichts aus:
Depressionsschübe, Vergiftungen durch Überdosen, Alkohol-, und  Kokainexzesse pflastern den Lebensweg eines Mannes, der wie kaum ein anderer die Spannweite einer möglichen Zerrissenheit zwischen Himmel und Hölle  – auch ersteren hatte er in sich – lebte.
In einem Brief an den väterlichen Freund der letzten drei Jahre, Ludwig von Ficker, der in dem von ihm herausgegebenen und überregional gelesenen Journal Der Brenner nicht wenige Trakl-Gedichte veröffentlichte, wird er 1913 schreiben:

Ich weiß nicht mehr ein und aus. Es [ist] ein so namenloses Unglück, wenn einem die Welt entzweibricht. O mein Gott, welch ein Gericht ist über mich hereingebrochen. Sagen Sie mir, daß ich die Kraft haben muß, noch zu leben und das Wahre zu tun. Sagen Sie mir, daß ich nicht irre bin. Es ist steinernes Dunkel hereingebrochen. O mein Freund, wie klein und unglücklich bin ich geworden.“
[ich habe einige weitere Briefe, die Trakls Lebensdramatik widerspiegeln, auf Wortbrunnen (Punkt 10) zusammengestellt]

Mit einer Überdosis Kokain beendet er sein Leben; nachvollziehbar, wenn man weiß, was er im Rahmen der Schlacht von Grodek als Medizinalakzissent mitmachen musste, als man ihm zwei Tage lang, ohne dass ein Arzt zugegen gewesen wäre, bis zu 100 Schwerstverletzte in eine Scheune brachte, von denen sich u.a. einer, weil er die Schmerzen nicht mehr ertrug, vor seinen Augen erschoss. 

Trakl kam ja nicht nur mit seiner Mutter nicht klar  – wenn auch immer wieder das Märchen seiner glücklichen Kindheit in der Zehnzimmerwohnung inmitten der Altstadt Salzburgs, auf die Kaiseite der Salzach zeigend (wenn auch im Innenhof die Ratten herumliefen), erzählt wird -, sondern auch nicht mit der inzestuösen Beziehung zu seiner Schwester und dass er sie zum Drogenkonsum verführte, was er sich nie verziehen hat. Ich habe zum Schwesterthema in meinem letzten Post einiges mehr geschrieben und ebenfalls auf Wortbrunnen. Dass Margarethe an ihrer Ausbildung scheiterte, wie das ebenso auf Trakls Versuche, beruflich Fuß zu fassen, zutrifft, und dass sie ihm freiwillig drei Jahre später in den Tod folgte, kommt nicht von ungefähr.

Apokalyptische Leben mögen die beider gewesen sein, aber, soweit ich das für Trakl beurteilen kann, in diesem ständigen Untergang, von dem er ja auch immer wieder in seinen Gedichten spricht, groß. Ich vermute auch: als Erfahrung vielleicht gewollt und notwendig und, wenn es denn so sein darf, hilfreich für künftige Leben.

Trakl mag, wie Germanisten ihm attestieren (Punkt 11), Gedichte im Rausch geschrieben haben, aber fundamental wichtige zählen gewiss nicht dazu, weder die Elis-Gedichte noch Ein Winterabend, bei dem jedes Wort an der Stelle sich befindet, wo es sich auf eine Weise entfalten kann, dass ein tiefes, religiöses Bewusstsein und eine tiefe religiöse Wahrheit und Wahrhaftigkeit zum Ausdruck kommen können, die in dieser Dichte nur noch in ganz wenigen Gedichten deutscher Sprache zu finden ist (auch als Video vorhanden)

Rilke attestieren viele Leser ein hohes, ja höchstes religiöses Bewusstsein. Mehr Engel kann man kaum in einem Werk unterbringen und intensiver kann man sich als Dichter  kaum mit Gott auseinandersetzen, als dieser so oft für Poesiealben herhalten müssende Autor das tat. Aber für mich, wenn ich mir das zu sagen erlauben darf, war Trakl in seinem religiösen Bewusstsein trotz seiner Exzesse der Wahrheit näher.

Früh hat sich der damals 22-Jährige von einer bigotten Religiosität distanziert, und zwar auf messerscharfe Art und Weise in seinem Gedicht Die tote Kirche:

Auf dunklen Bänken sitzen sie gedrängt
Und heben die erloschnen Blicke auf
Zum Kreuz. Die Lichter schimmern wie verhängt,
Und trüb und wie verhängt das Wundenhaupt.
Der Weihrauch steigt aus güldenem Gefäß
Zur Höhe auf, hinsterbender Gesang
Verhaucht, und ungewiss und süß verdämmert
Wie heimgesucht der Raum. Der Priester schreitet
Vor den Altar; doch übt mit müdem Geist er
Die frommen Bräuche – ein jämmerlicher Spieler,
Vor schlechten Betern mit erstarrten Herzen,
In seelenlosem Spiel mit Brot und Wein.
Die Glocke klingt! Die Lichter flackern trüber –
Und bleicher, wie verhängt das Wundenhaupt!
Die Orgel rauscht! In toten Herzen schauert
Erinnerung auf! ein blutend Schmerzensantlitz
Hüllt sich in Dunkelheit und die Verzweiflung
Starrt ihm aus vielen Augen nach ins Leere.
Und eine, die wie aller Stimmen klang,
Schluchzt auf – indes das Grauen wuchs im Raum,
Das Todesgrauen wuchs: Erbarme dich unser –
Herr!

Vor allem seit 1912 finden sich zunehmend mythologische, religiöse und Christus-Bezüge; Hinweise zu letzteren würden diesen Beitrag sprengen; ich habe einige auf Wortbrunnen zusammengestellt (Punkt 8).

Rilke hat zwar immer wieder Engel und Gott in sein Denken und Schreiben einbezogen, aber unter dem Gesichtspunkt, dass wir das Jesus-Wort Niemand kommt zum Vater denn durch mich ernst nehmen, drang Rilke in Wahrheit vermutlich nur zu seinem sehr privaten Vater bzw. zu Gott vor, denn er verleugnet, ja verspottet in seinen Christus-Visionen Jesus und Christus und mit einem Gedicht wie Leichen-Wäsche habe ich echte Schwierigkeiten. – Wie ernsthaft dagegen ist die Auseinandersetzung von Trakl mit Gott und Christus – O, daß frömmer die Nacht käme, Kristus, heißt es in der ersten Fassung von Passion (Punkt 8) – , wie ehrlich ist seine Auseinandersetzung mit ihm, eine Auseinandersetzung, die viele, die seine Gedichte lesen, deshalb übersehen, weil die Bezugnahme auf dieses göttliche Wesen oft recht verschlüsselt geschieht; heutzutage nehmen nun mal, da die Bibel-Kenntnis abnimmt, wahrscheinlich nur noch wenige Leser wahr, wie Trakl die Paulus-Trias von Glaube, Hoffnung und Liebe aus dem 1. Korintherbrief in seinem Gedicht Heimkehr (Punkt 6) verarbeitet, einem Gedicht, das schon durch seine Überschrift das neu-testamentarische Motiv des verlorenen Sohnes intoniert.
Bemerkenswert, das nur nebenbei, wie wichtig in diesem Gedicht Trakl das Wesen der Reinheit war [siehe auch Frühling der Seele (II) (Punkt 4)] und unwillkürlich denke ich an Kaftkas Roman Der Prozess, als dessen Protagonist Josef K. ziemlich zu Beginn seiner Vermieterin zuruft: Die Reinheit, (…), wenn Sie die Pension rein erhalten wollen, müssen Sie zuerst mir kündigen.

Trakl ist Elis, ist der Mönch . . . wir alle sind Elis

Trakl hat drei Elis-Gedichte geschrieben, die er ursprünglich in linearer Abfolge gereiht sehen wollte. Erst später hat er obiges Gedicht von den beiden wohl etwa einen Monat später entstandenen getrennt (wer möchte, mag Elis hier einsehen, auch die zweite Fassung von Ein Abendland, in der er die Elis-Wesenheit noch einmal aufgreift).

Im Folgenden wende ich mich dem ersten und mich am meisten ansprechenden Elis-Gedicht zu; mehr würde den Rahmen sprengen.
Auch für dieses Gedicht trifft zu, was meines Erachtens zunehmend für das Schaffen Trakls gilt: Vor allem wollte dieser Mann sich selbst verstehen und mit Worten und insbesondere mit Bildern etwas erfassen, was in seinem Inneren tönt. Deshalb finden sich immer wieder die in der entsprechenden Fachliteratur so oft besprochenen Trakl-Farben, Trakl-Worte und -Bilder, die, wie übrigens auch in Heimkehr, oft einfach nur aneinandergereiht scheinen und sich dann einem tieferen Verständnis fast entziehen, beispielhaft sei auch auf die hier verlinkten Frühling II oder Trübsinn verwiesen.

In manchen Gedichten – es sind jene, die meistens in Gedicht-Anthologien abgedruckt sind – ist für mich offensichtlich, dass Trakl von seinen Lesern verstanden sein wollte. Das betrifft Gedichte wie Verklärter Herbst, Verfall, Der Herbst des Einsamen, Gesang des Abgeschiedenen, Trübsinn oder auch In den Nachmittag geflüstert (alle hier unter Punkt 9 wiedergegeben).

Was An den Knaben Elis so besonders macht, ist, dass seine sieben Strophen menschliche Existenzweisen ansprechen, die den meisten Lesern, ja selbst Germanisten – die deshalb meines Erachtens dann kläglich und zwangsläufig in irgendwelchen Erklärungsmustern herumstochern (Punkt 11) – unbekannt sind.
´Zufällig´ habe ich mich zu jener Zeit, als ich dieses Gedicht zum ersten Mal las, mit diesen Existenzweisen beschäftigt, weil mir der Phantombegriff Rudolf Steiners über den Weg gelaufen war und ich wissen wollte, was es für ihn mit dem, was er als Phantom bezeichnet, auf sich hat. Es ist, wenn ich es resümiere, mit das Kostbarste, was es im Kosmos gibt: der von mehreren unterschiedlichen, aber sehr hohen Engelhierarchien geschaffene Urgeistleib des Menschen. [ich habe hier Steiner-Auszüge dazu zusammengestellt]
Es würde zu weit führen, die sieben Erdentwicklungsphasen, die Steiner recht ausführlich bespricht und in deren Rahmen wir uns in der vierten befinden, darzulegen, denn sie beinhalten ein über Millionen von Jahren andauerndes, sehr komplexes Entwicklungs-Geschehen, im Rahmen dessen viele Engelhierarchien mitwirkten, beginnend auf der ersten Erd-Entwicklungsstufe mit den Thronen, die maßgeblich die Anfänge des menschlichen Körpers gestalten, bis hin zur Entstehung unseres Ich mittels der Elohim/Exusiai im Rahmen der derzeitigen Erdentwicklungsphase.
Ziel der menschlichen Entwicklung ist nach Steiner nicht nur das ICH, sondern ein I-CH, das nicht von ungefähr die Initialen von Jesus Christus trägt und – Jesus war kein Religionsstifter – ein Bewusstsein repräsentiert, das man mit von Liebe durchtränkter Weisheit zu erfassen suchen kann. Es darf – das nur als Hinweis nebenbei – für uns eine besondere Ehre sein, dass wir in einer Sprache sprechen und denken und träumen, die als einzige der Welt in der ersten Person des Personalpronomens die Initialen von Jesus Christus aufweist – kein Zufall. Für uns besteht die Möglichkeit, uns, ICH sagend, als I-CH zu erkennen.

Elis, wer ist diese Trakl-Gestalt und wo haben wir ihn zu suchen?

Zunächst muss man wissen, dass Elis über lange Zeit seiner Existenz eine geistige Gestalt ist. Auch Adam und Eva, als sie das Paradies verlassen müssen, sind noch keine physischen Wesen. Ein physisches Wesen werden wir erst im Verlaufe der luziferischen Zeit, die mit dem Schlangengeschehen der Schöpfungsgeschichte beginnt. Nach Steiner geschieht das in der sogenannten hyperboräischen Phase, einer Erdepoche, die Lemurien und Atlantis vorausgeht, als der Mensch zunehmend dem Einfluss Luzifers und dessen Scharen ausgesetzt ist. Auch die Erde ist bis dahin ein Himmelskörper, den wir mit physischen Augen nicht hätten sehen können. Vergessen wir nicht: Der Bibel zufolge hat Gott den Menschen nach seinem Bilde geschaffen. – Und Gott ist Geist, wie nicht nur das Johannes-Evangelium, sondern auch das Dhammapada wissen.
Die Lippen aber, die in der dritten Zeile der ersten Strophe genau genommen nicht das Wasser, sondern die Kühle des blauen Felsenquells trinken – Deine Lippen trinken die Kühle des blauen Felsenquells – deuten an, dass wir Elis als physische Gestalt annehmen können. Die Zeit des GottMenschen Elis – El bedeutet Gott, isch ist der Mensch – ist, jedenfalls in ihrer geistigen Existenzform, Geschichte. Vorbei ist es mit jenem Zustand, den die jüdische Kabbala mit Adam Kadmon erfasst, jenem Riesen Ymir der germanischen Mythologie oder auch dem GottMenschen Purusha der Veden, die als Gestalt über die Himmel gebreitet waren, für  uns heute unvorstellbar groß.

Als der Mensch durch den Einfluss Luzifers eine physische Gestalt annimmt, schrumpft er gewaltig, wenn man es salopp, aber durchaus der Realität angemessen formuliert. Aus ist es mit der ursprünglichen Größe (wie es um jene wiederum aussieht, wenn die Seele nachts den Körper verlässt oder wenn sie nach dem Ende des irdischen Lebens sich in das Jenseits ergießt, ist ein anderes Thema). Mit Luzifer geht nicht nur die menschliche Physis, sondern im Lauf der Zeit auch die Zweigeschlechtlichkeit des Menschen einher; die körperliche Liebe, wie wir sie kennen, ist eine Folge des luziferischen Einschlags. Ihr Ziel ist, dass Menschen sich dessen, was sie als Liebe zu erfassen meinen, bewusst werden und über sie zu ihrem wahren Wesen finden (auch Platon sieht das am Ende der hier zitierten Symposion-Stelle so).

Elis, wenn die Amsel im schwarzen Wald ruft,
Dieses ist dein Untergang.

Gleich zu Beginn, ohne alle Umschweife, spricht der Dichter diese Gestalt an, deren Namen manche Germanisten in Zusammenhang mit der Elis-Figur aus Hofmannsthals Das Bergwerk zu Falun oder der mythischen Gestalt des Endymion gebracht sehen wollen; meines Erachtens hat sie mit beiden wenig bis nichts zu tun.
Als ich den Namen Elis zum ersten Mal hörte, dachte ich spontan an Elias und Elisa, die Propheten des Alten Testaments und daran, dass El – wie wir das aus den Erzengelnamen von z.B. Micha-el und Gabri-el kennen – Gott bedeutet. Nicht von ungefähr hat der große Engel Satanael bei seinem Absturz diese Silbe verloren und ist zu Satan geworden. – isch nun bedeutet Mensch, so dass Elis GottMensch bedeuten könnte. Es würde dem, was er als Geistform ist, gerecht werden. Genau genommen muss ich formulieren: was er war, denn Trakl spricht ihn an, als jene göttliche Zeit vorbei ist.

Er tut dies auf eine für ihn typische und eigentlich grammatikalisch falsche Weise, denn syntaktisch korrekt müsste es heißen:

Elis, wenn die Amsel im schwarzen Wald ruft,
Ist dieses dein Untergang.

Schon in Ein Winterabend beginnt er mit dieser grammatikalischen Auffälligkeit (Wenn der Schnee ans Fenster fällt, / Lang die Abendglocke läutet)
Als Leser stolpert man eigentlich fast notgedrungen, es sei denn, man gehört zu jenen Lesern, die Lyrikern fast alles genehmigen.

Luzifer: eine neue kosmische Qualität beginnt

Untergang bedeutet nichts anderes, als dass die Zeit Luzifers beginnt. Ich nenne diese Phase der Erd- und Menschheitsentwicklung im Folgenden Luzifer-Zeit, eine für die Entwicklung des Menschen höchst wertvolle Phase. Zugleich trägt sie auch grausame Züge.
Es gibt Dichterkollegen, die haben dieses beginnende Untergangs-Geschehen ähnlich und sogar drastischer formuliert. Wilhelm Busch deutet sein spirituelles Verständnis an, wenn er in Bös und gut formuliert:

Wie kam ich nur aus jenem Frieden
Ins Weltgetös?
Was einst vereint, hat sich geschieden,
Und das ist bös.

Jener Frieden, das war die Zeit, die Christen als Paradies bezeichnen, die Zeit Adam Kadmons und wie jene GottMenschen auch immer in unterschiedlichen Kulturen genannt werden. So wie es für den die ganze Erde tangierenden Untergang von Atlantis unterschiedlich bezeichnete Flutmythen in vielen Kulturen gibt, so gilt dies eben auch für das Paradies und für den damals lebenden GottMenschen.
Und auch Friedrich Nietzsche ist sich in Vereinsamt dessen bewusst, was Elis – und damit wir alle – verloren haben und er – bzw. genauer gesagt, das lyrische Ich seines Gedichtes – bedauern offensichtlich jenen Schritt, der der Menschheit mehr Eigenständigkeit und Freiheit bescherte, aber auch mehr Wüste, mehr Kälte, mehr Zerrüttung und Corona:

Die Krähen schrein
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein. –
Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts, ach! wie lange schon!
Was bist du Narr
Vor Winters in die Welt – entflohn?

Die Welt – ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends halt.

Trakl war sich dieses Geschehens und seiner Ursache voll bewusst, sein Gedicht An Luzifer macht es deutlich.
Indem er die dunkel-blau-schwarze Farbe der Amsel sich auf den Wald abfärben lässt – wenn die Amsel im schwarzen Wald ruft -, durch den schon immer vor allem in den Märchen nach ihrem Zuhause suchende Menschenkinder irren (wir wissen nun, Wald ist im Grunde der Lustgarten Luzifers), offenbart Trakl an anderer Stelle, nämlich in Gesang einer gefangenen Amsel, dass in dieser – sie taucht vielfach in seinen Gedichten auf – , einmal mehr sich weit mehr verbirgt als ein singender Vogel:

Dunkler Odem im grünen Gezweig.
Blaue Blümchen umschweben das Antlitz
Des Einsamen, den goldnen Schritt
Ersterbend unter dem Ölbaum.
Aufflattert mit trunknem Flügel die Nacht.
So leise blutet Demut,
Tau, der langsam tropft vom blühenden Dorn.
Strahlender Arme Erbarmen
Umfängt ein brechendes Herz.

Es ist eines jener Gedichte, die den Weg des Christus – der Ölbaum Gethsemanes (das Wort bedeutet ja Olivenkelter) und der noch blühende Dorn verweisen darauf – ansprechen. Aufflattern die Nacht und die sterbende Amsel und es mutet fast beklemmend an, dass Trakl dieses Gedicht wohl im Juni 1914, nur wenige Monate vor seinem Tod im November, als eines seiner letzten schrieb. Im Jahr zuvor schon war An einen Frühverstorbenen erschienen, ein Gedicht, mit dem er, der unweit des Mönchsberges in Salzburg aufgewachsen war, sich ebenfalls auf sich bezieht (hier die ersten drei Strophen – zur Gänze in Wortbrunnen (Punkt 5):

O, der schwarze Engel, der leise aus dem Innern des
Baums trat, Da wir sanfte Gespielen am Abend waren
Am Rand des bläulichen Brunnens.
Ruhig war unser Schritt, die runden Augen in der braunen Kühle des Herbstes,

O, die purpurne Süße der Sterne.

Jener aber ging die steinernen Stufen des Mönchsbergs hinab,
Ein blaues Lächeln im Antlitz und seltsam verpuppt
In seine stillere Kindheit und starb;
Und im Garten blieb das silberne Antlitz des Freundes zurück,

Lauschend im Laub oder im alten Gestein.


Selten, dass Trakl in seinem Werk als lyrisches Ich auftaucht, als Ich also von sich spricht; dafür zeigt er sich in verschiedenen Gestalten, als ein Frühverstorbener und Kaspar Hauser, als Mönch und Fremdling, als ein Wanderer und der Einsame, als Schläfer, Bruder und Novize und gern in Knabengestalten wie Elis und Helian; allesamt sind sie, wie er im Juni 1913 an Ludwig von Ficker in einem Brief zum Ausdruck bringt, „ein nur allzugetreues Spiegelbild eines gottlosen, verfluchten Jahrhunderts“. – Trakl hat sich als lyrisches Ich selten auf sich selbst bezogen, dagegen in vielen seiner Gestalten gespiegelt, auch weiblichen.

Fast bedrückend mutet es an, dass er in letzterem Gedicht seinen frühen Tod vorwegnimmt, früh, zu früh, jedenfalls verstorben wie Elis: O, wie lange bist, Elis, du verstorben.

Für die wunderbare  einstig große Gestalt des Elis mag die beginnende Luziferzeit ein Untergang sein. Doch noch die frühen Christen haben Luzifer nicht annähernd zu dem gemacht, zu den ihn die christlichen Kirchen werden ließen. Ohne ihn, ohne Luzifer, wären die Menschen in der Abhängigkeit der Elohim geblieben, die sie geschaffen hatten (man sollte sich nicht irritieren lassen, dass Luther in der Schöpfungsgeschichte penetrant Gott übersetzt, wo im Original elohim steht). Ohne ihn, ohne Luzifer, hätten wir auf ewig den Göttern Nektar und Ambrosia serviert,  wir wären immer in ihrer Abhängigkeit geblieben. Nicht von ungefähr ist Zeus richtig sauer, dass Prometheus den Göttern das Feuer entwendet und jene große Unabhängigkeit einleitet, die wir als Hinwegdämmern der Götter in der Eddha mit dem Begriff der Götterdämmerung (ragna rök, eigentlich „Götterschicksal“) erfasst sehen und die Richard Wagner in seiner gleichnamigen Oper im Rahmen des Ring der Nibelungen so genial gestaltet hat. Ohne Kains Tat hätte sich der Abelweg auf der Erde durchgesetzt, aber er hätte nicht zu jener Freiheit geführt, zu der wir unterwegs sind. Das gilt, auch wenn Trakl in Das Grauen Kain als seinen Mörder bezeichnet. Gewiss ist Kain der Mörder des Abel in uns, aber Abel bleibt zum Nachteil seiner Selbstständigkeit den Göttern verbunden; aus gutem Grund taten wir das nicht: Wir wären alle ein Epimetheus geblieben, ein – überspitzt formuliert – Anhängsel der Götter und die Errungenschaften des Prometheus und sein Weg zum Bewusstsein seiner selbst wären uns fremd geblieben. Gewiss ist der Preis hoch und es gibt in meinem Leben Phasen, in denen ich denke, ob das Experiment Mensch, durchgeführt, wie wir der Schöpfungsgeschichte entnehmen, durch die Elohim, wirklich das Leid wert ist, das es seit Jahrtausenden auf der Erde gibt. Ich zögere, spirituell eilfertig vorauseilend, so einfach zu sagen: Ja, es ist es wert. Wenn ich daran denke, wie viele Kinder in diesen Minuten Hungers sterben, wieviele Frauen in diesem Moment vergewaltigt werden oder Menschen hinterrücks ermordet, dann fällt mir der Glaube daran, dass das Neue Jerusalem, das nach Kapitel 21 der Offenbarung des Johannes der nächste Schritt in der Entwicklung der Menschheit sein wird, das alles wert ist, verdammt schwer.

Es ist Christus-Zeit, nur: kaum einer merkt es

Dem entgegensteht, dass wir Tag für Tag von wunderbaren Beispielen menschlichen Miteinanders wüssten, wenn uns die Medien nicht zugleich Tag für Tag und Spielfilm für Spielfilm vorwiegend Mord und Totschlag ins Haus lieferten. Tag für Tag helfen Menschen einander und kreieren Dinge, die vielen das Leben erleichtern.
Schon längst, genau genommen seit annähernd 2000 Jahren, sind zudem die Voraussetzungen geschaffen, dass die Luziferzeit überwunden sein könnte, dass ein Leib, ein geistiger Leib zur Verfügung steht, der den Blick des Menschen über den physischen Leib hinaus öffnet. So sehr der Körper des Menschen ein erschaffenes Wunder ist, so sehr ist er den Menschen ein Gefängnis, weil die wenigsten den Blick dahingehend zu weiten vermögen, dass in ihm sich seelische Körper verbergen, die den Weg zur Bestimmung des Menschen weisen. Der Auferstehungsleib Jesu ist solch ein geistiger Leib, dem unsere seelischen Körper/Leiber allerdings nur sich vorsichtig vortastend annähern können.
Es ist falsch, wie die allermeisten Christen das Apostolische Glaubensbekenntnis verstehen, wenn es wörtlich von der Auferstehung des Fleisches (carnis resurrectionem) spricht und dieses Problem mit der Übersetzung Auferstehung der Toten kirchlicherseits elegant umschifft wird. Jesus ist im Rahmen seiner Auferstehung nicht in-karn-iert, nicht in carne, im Fleisch erschienen. Das Fleisch, die Physis kennt kein ewiges Leben. Physisch ist und bleibt dieser luzifer-bedingte Leib, der unverzichtbar war, weil so viele Bewusstseinsschritte, die der Mensch zu gehen hatte, mit der Materie, mit der Physis und mit dieser Körperlichkeit verbunden sind, verweslich. Aber der vorluziferische Leib des Elis sowie sein zukünftiger sind Geist-Körper, die man nur wahrnimmt, wenn man sich dem Wesen des Christus nähert. Mit der Auferstehung des Christus in dem zweiten Adam, wie ihn Paulus nennt, ist die Überwindung des Todes möglich zu einem ewigen Leben.
Die Bruderschaft der Rosenkreuzer imaginiert in ihren Meditationen diesen Auferstehungsleib und es ist möglich, in dem physischen Körper, in dem wir sind, ihm  sehr nahe zu kommen. Die Regel ist dies momentan nicht und ohnehin wäre eine notwendige Vorstufe, dass mehr Menschen wie der ungläubige Thomas ihre Hand in die Seite des Christus legen und sein Vorhandensein wahrnehmen:

Dein Leib ist eine Hyazinthe,
In die ein Mönch die wächsernen Finger taucht.

Der Dichter ist jener Mönch – vielfach ist Trakl in seinen Gedichten ein Mönch – und er ist sich dessen bewusst, dass Elis um diesen Leib weiß, auch weiß, dass er ihm als GottMensch zur Verfügung stünde. Aber im nächsten Satz, der lautet

Eine schwarze Höhle ist unser Schweigen

konfrontiert er dieses Bewusstsein mit der Realität der eigentlich überholten Luzifer-Zeit.

Ja, wir Menschen schweigen in der Regel kollektiv von jenem kosmischen Mittelpunktsgeschehen, das also für einen Tag einen Ort namens Golgatha – nicht wenige Menschen halten ihn mittlerweile für eine Zahnpasta – Nabel der Welt sein ließ. Gut, die Priester und Pfarrer reden viel darüber, aber bei den Menschen kommt wenig bis nichts mehr an. Es ist das seelenlose Spiel von Brot und Wein, das in erstarrten Herzen nicht resoniert, wie wir in Trakls Die tote Kirche lasen. Und es resoniert nicht, weil es nicht als lebendiges Wissen aus dem Mund der Priester und Pfarrer kommt – meistens jedenfalls nicht.

Eine schwarze Höhle ist unser Schweigen

Im Gedicht ist es das erste Mal, dass in dem unser des Schweigens von beiden, dem Dichter und Elis, geschrieben steht, dass also sich der Dichter gleichsam in Schulterschluss mit Elis befindet. – Auch der Dichter schweigt. – Ausgerechnet ein Dichter hat keine Worte.

Er spricht auch in der Folge nicht von dem hyazinthenen Leib, der eigentlichen Bedeutung des Geschehens um Golgatha. Übrigens tut das auch Nietzsche in obigem Gedicht nicht, auch nicht – obwohl es durchaus angebracht wäre – ein Hugo von Hofmannsthal in Weltgeheimnis.

Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan, heißt es zu Ende des Faust. Doch wenn es so weitergeht, zieht und zieht es ewig, ohne dass Entscheidendes geschieht.
Es ist der Mensch, der sich bewegen muss, der sprechen muss; Goethe würde heute, so denke ich, den Faust-Schluss anders formulieren. Schon Dante wird in der Divina Comedia nicht in und durch die Himmel gezogen; er geht – in Begleitung von Beatrice, seiner Schwesterseele – selbst. – Selbst! – (Auch durch die Hölle – da noch in Begleitung Vergils.)
Der Mensch muss sich von sich aus bewegen, sich ziehen zu lassen ist zu wenig.

Zu viele legen sich auf den Rücken und warten auf Gott.

Oder sie warten überhaupt nicht. Das würde das Ende der Erde bedeuten. – Gut, dass es einen Virus namens Corona gibt . . .

Wovon müssten der Dichter, der Mönch, wir und Elis denn sprechen? Wir müssten sprechen davon, dass Elis einstmals diesen hyazinthenen Leib besaß, den alle Interpreten mit dem Hyazinth der griechischen Mythologie in Beziehung gesetzt sehen wollen, der aber in Wirklichkeit mit Hyazinth aus des Novalis unvollendet gebliebenem Roman Die Lehrlinge zu Sais zu tun hat – Trakl liebte und verehrte Novalis -, der nichts anderes als die Wahrheit sucht und in seinem Rosenblütchen findet, so wie der Mönch, der ungläubige Thomas, Du und ich der Wahrheit näher kommen, wenn wir diesen heiligen hyazinthenen Leib ernst nehmen, der einst Realität war, nur:

O, wie lange bist, Elis, du verstorben. –

Diese geistige Gestalt des Elis, die in ständiger Verbindung mit den Göttern war, den Engelhierarchien, lebt nicht mehr. Sie und dieses Bewusstsein sind im Grunde durch den Luzifer-Einfluss und all die dunklen Kräfte in seinem Gefolge tot, auch wenn Elis noch so schwungvoll losging, als sein Untergang begann, Trauben verspeisend und Vino trinkend. In der Bibel prophezeit Gott Adam und Eva, dass Schmerzen und Leid auf sie zukommen, wie also kann Elis so schwungvoll gehen?

Die Antwort ist einfach: Ob Ballermann, Las Vegas, Berliner Szenekneipen, Baden Badener Casino, Las Vegas, Netflix, Fernseh-Flat bis zum Geht-nicht-mehr und wie die Ablenkungsmanöver alle heißen: Sie alle entspringen der großen Trickkiste Luzifers und jener Kräfte, die den Menschen ablenken von dem, was ihn mehr als nur vordergründig glücklich macht. Der Elis der Luzifer-Zeit geht keineswegs in Sack und Asche, er genießt die Früchte, die ihm Dionysos reicht, genießt die Trauben, den Saft der Reben, den Wein. Alles, was vernebelt, ist gut. Den meisten Menschen gelingt es relativ lange und erfolgreich, zu betäuben, dass sie sterben müssen und dass im Anschluss eine Zeit kommt, die die indische Weisheit Kamaloka nennt und Dante in seiner Divina Comedia mit dem Läuterungsberg erfasst. Homer hat anhand der Gestalt des Tantalus beispielhaft geschildert, was dann abgeht.

Wir kennen dieses schwungvolle Gehen der Menschen, das so oft kaschiert, dass es einen Tod im Leben gibt.

Es gibt es aber auch durchaus als zielstrebiges Vorwärtsgehen. Es ist dieses Gehen kein Privileg verkommener Moral. Es gibt Menschen, die gehen auf einem spirituellen Weg voller Freude und schwungvoll vorwärts, durchaus auch Trauben genießend und Traubensaft oder einen Wein. Lebensfreude ist auch Teil des spirituellen Weges. Vorbei sind die Zeiten, da alles Materielle teuflisch war. Mittlerweile haben mehr und mehr Menschen verstanden, dass Materie auch eine göttliche Schöpfung ist. Verdichteter Geist. Kein Selbstzweck, sondern ein Formzustand des göttlichen Weges.

Wir kennen diesen schwungvollen und zielstrebigen Weg aus den Märchen: Mit dem Sterben des guten alten Königs oder der Eltern sprechen die Märchen das Zuende-Gehen eines alten Bewusstseinszustandes an. Manchmal freiwillig, manchmal gezwungenermaßen geht der Märchenheld auf Wanderschaft. Oft will er den alten Zustand wiederherstellen. Doch das geschieht nie. Wenn es gutgeht, nimmt er seine Prüfungen an und besteht sie.
Wir wissen, dass  dieser Weg durchaus immer wieder auch hart ist, entbehrungsreich, Rückschläge beinhaltend, wissen es aus den Irrfahrten des Odysseus – seine Erlebnisse sind nichts anderes als seelische Prüfungen -, wissen es aus dem Faust, dem Parzival, aus Michael Endes Unendlicher Geschichte oder aus hervorragenden Jugendbüchern wie Markus Zusaks Der Joker, wir wissen es auch ex negativo aus Kafkas Prozess.

Vielfach lesen wir über Etappen dieser Wanderschaft in den Mythen und in der Literatur. In An den Knaben Elis lesen wir von dem tönenden Dornbusch, aus dem, wie wir wissen, Jahve spricht:

Ein Dornenbusch tönt,
Wo deine mondenen Augen sind.
O, wie lange bist, Elis, du verstorben.

Eigentlich aber ist die Zeit der Dornbüsche und der Götter, die aus ihnen sprechen, vorbei. Gottheiten sprechen nicht mehr auf diese Weise elementar wie zu Zeiten des Mose. Sie verstecken sich auch nicht mehr. Sie hängen ganz offen am Kreuz und die Dornen des Busches sind zu Dornen einer Krone geworden, mit der das für jeden sichtbare Antlitz der Gottheit, das sich nicht mehr hinter einen Dornbusch zurückzieht, zu einem Haupt voll Blut und Wunden geworden ist.
Leitmotivartig durchziehen Dornen das Werk von Trakl. Doch nicht als Krone, viel eher als Gestrüpp

Ein blaues Wild
Blutet leise im Dornengestrüpp.

so lesen wir in der 2. Strophe von Elis, der Fortsetzung von An den Knaben Elis oder wir lesen von Des Heilands schwarzes Haupt im Dornenstrauch in dem so eindrücklichen Trakl-Gedicht Im Dorf (Punkt 7) : Tod im Dornstrauch statt Todesüberwindung unter der Dornenkrone.

Der tönende Dornbusch erinnert eben nur, wenn man es ausgesprochen oberflächlich sieht, wie dies der Germanistikprofessor Hans Esselborn tut – (Punkt 11) an Christi Dornenkrone und Elis befindet sich nicht im Einklang mit den göttlichen Mächten, sonst könnte es nicht fast unmittelbar darauf heißen: O, wie lange, bist, Elis, du verstorben.

Es ist in Trakls Gedicht Luzifer-Zeit und keine Christus-Zeit. Und selbst wenn es jene Christus-Zeit wäre, in der wir leben, dann ist nicht gesagt, dass jener für die meisten Menschen nicht doch nach wie vor tot am Kreuz hängt – abgesehen davon, dass das ohnehin die meisten nicht mehr interessiert. Es ist in dieser Zeit nicht selbstverständlich und nicht die Regel, dass Menschen schwungvoll und spirituell zugleich unterwegs sind. Doch es gibt sie, die das tun; sie müssten sich nur noch viel mehr in Liebe finden und sich nicht mittels angeblich spiritueller Wahrheiten aneinander (auf)reiben.

Trakl ist auf diese Weise nicht unterwegs: Wiederholt finden wir bei ihm runde Augen und mondene angesprochen.
Rund ist durchaus auch die Sonne und wir erinnern uns der Goethe-Zeilen aus dem dritten Kapitel der Zahmen Xenien

Wär nicht das Auge sonnenhaft,
die Sonne könnt es nie erblicken.
Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
wie könnt uns Göttliches entzücken?

Von Christus  und der Sonne aber spricht Trakl im Zusammenhang mit der Elis-Gestalt nicht. Es mag kein Zufall sein, dass unser Dichter wiederholt mittels mondener Augen auf Jahve verweist, obwohl wir eigentlich in einer Zeit leben, in der Christus und die Sonne im Mittelpunkt stehen könnten.

In Jahve spiegelte sich Christus, weil die Menschen vor dessen Kommen diesen auf direkte Weise nicht hätten ertragen können, ähnlich jenen Menschen, die aus Platons Höhle kommen und nicht unmittelbar in die Sonne sehen können, sondern erst in deren gespiegelten Glanz.

Damals sprach Jahve aus dem brennenden Dornbusch zu Mose; das war anders nicht möglich. Heute spricht kein Gott mehr auf diese Weise zu uns. Die Qualität des göttlichen Sprechens hat sich mit Golgatha entscheidend verändert. Der Vorhang im Tempel zerriss beim Tod Jesu. Der Weg zum Allerheiligsten steht jedem Menschen offen.

Aber die Menschen haben das Interesse an Gott, an Christus verloren.
Ohne dass sie es wahrnehmen, haben sie damit das Interesse an sich selbst verloren. Mehr Menschen könnten wie Märchenhelden unterwegs sein. Zielstrebig. Märchenhelden nahmen in den Märchen ihre Prüfungen an. Menschen aber, jedenfalls (zu) viele,  erkennen nicht einmal mehr Prüfungen als solche.

Verstorben ist Elis, seitdem des Menschen wahres Bewusstsein tot ist. Unsere Tage sind in Wirklichkeit eine Nacht des Bewusstseins, eine – um es mit C.G. Jung zu formulieren – Nachtmeerfahrt der Seele. Eigentlich sind in der Nacht alle Katzen grau, aber Elis geht weichen Schrittes in die Nacht und sieht purpurne Trauben und er regt die Arme schön, ja immer schöner im Blau.

So wie ein Rilke Jesus und Christus im Grunde in seinen zu Lebzeiten nicht veröffentlichten Christusvisionen verhöhnt und ihn als innere Realität verleugnet – siehe auch Rilkes „Leichen-Wäsche“ und „Der blinde Knabe“ -, weshalb er so unglaublich um und mit Gott in seinem Werk ringt, ringen muss –  Lou Andreas- Salomé schreibt ihm nicht von ungefähr zum Abschied: „gehe (…) Deinem dunklen Gott entgegen“ – , so ist es eine Realität der Traklschen Seele, dass er vielfach Gott und Christus in seinem Werk anspricht, aber zu der erlösenden Wirkung von Christus nicht vordringt, wobei er sich ihr in dem immer wieder auftauchenden Bild von Brot und Wein annähert, unter anderem in Ein Winterabend, und dort, wie ich finde, so überzeugend, ehrlich, zu Herzen gehend.

Du aber gehst mit weichen Schritten in die Nacht,
Die voll purpurner Trauben hängt,
Und du regst die Arme schöner im Blau.

Nahezu uneingeschränkt positiv kann dieses Geschehen nur für jenen Professor der Germanistik sein, der sich intellektuell komfortabel in der Luzifer-Zeit eingenistet hat (Punkt 11).

Überrascht und erfreut war ich, als ich entdeckte, dass zwei Germanisten die Elis-Gestalt ähnlich wie ich sahen. Zum einen war es der 1966 verstorbene Eduard Lachmann, der Dozent für deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Innsbruck war und zahlreiche literarhistorische Arbeiten u.a. über Stefan George, Hölderlin, Hofmannsthal, Rilke und Trakl schrieb; er verglich Elis mit dem frühen, noch unversuchten Adam. Und der Germanist Werner Meyknecht, der in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts seine Doktorarbeit über Trakl, schrieb, sah in Elis den paradiesischen Seinszustand. 
Beider Sichtweise treffen auch aus meiner Sicht zu, allerdings beginnt Trakls Gedicht meines Erachtens just eben in dem Moment, in dem jener in die Luzifer-Zeit hineingleitet.

Christen stellen sich, vermute ich, oft vor, der Verlust des paradiesischen Zustandes sei ein recht abruptes Geschehen gewesen. Nein, so wie jenes biblische Bild vom Einsturz des Turmes zu Babel nicht dem Geschehen weniger Minuten entsprach und die babylonische Sprachenverwirrung nicht an einem Tag eintrat, sondern die unterschiedlichen Sprachen der Menschen im Laufe eines größeren Zeitraumes sich entwickelten, so verließen die Menschen diesen Zustand des Eins-Seins mit Gott nicht abrupt, sondern nach und nach und zunehmend, die einen vielleicht schneller, die anderen langsamer, so wie heute manche sich intensiv um ein Verständnis des Geschehens um Golgatha bemühen, manche ab und an, viele überhaupt nicht. 
- Die Möglichkeit zu einem wahren Gottesverständnis gibt es jedenfalls seit vielen Jahrhunderten.

Sowohl der Turmbau zu Babel und dessen Einsturz sowie der Verlust des Paradieses und dessen Sicherung durch einen Cherub, der jenes nun bewacht, sind Bilder für ein in der Zeit sich entwickelndes Geschehen. Gleiches gilt ja, wie wir wissen, für die Schöpfungstage. Es wird auch gelten für ein Neues Jerusalem, den neuen Erdzustand, von dem in der Offenbarung des Johannes gesprochen ist, für das manche Menschen schon heute arbeiten.

Lasst uns die Zeit des schwarzen Taus beenden

Dieses Neue Jerusalem bedeutet ein Leben in diesem Auferstehungsleib. Und dieser bedeutet zugleich das Ende der Luziferzeit und ermöglicht, dass der Mensch zurückfindet zum Baum des Lebens, zur Überwindung des Todes. 2000 Jahre haben allerdings nicht gereicht, um ein Bewusstsein dafür herzustellen. Zu wenige noch haben erkannt, dass die einzigartige Tat des Jesus war, mit dem Auferstehungsleib eine Möglichkeit zur Verfügung zu stellen, die Verderbnis des Luzifer und all jener dunklen Kräfte, die sich des Weiteren entwickelt haben, außer Kraft setzen zu können – nur muss das jeder selbst tun.
Georg Trakl spricht in An den Knaben Elis den Tatbestand dieses fehlenden Bewusstseins an. Immer noch gilt: Auf deine Schläfen tropft schwarzer Tau,  und die Menschheit erkennt nicht, dass in ihm, in diesem Tau sich das letzte Gold vergangener Sterne verbirgt.
Schwarzer Tau, der auf des Elis Schläfen tropft – das erinnert an die Schwarze Milch der Frühe.
Paul Celan spricht angesichts der Grässlichkeiten der Konzentrationslager von ihr. Es ist keine Metapher, denn letztere können wir sofort als Bild erkennen, wenn wir zum Beispiel von einem Kamel als Wüstenschiff sprechen oder einem Flussknie als einem entsprechendem Flussverlauf. Aber Schwarze Milch ist eine Chiffre, niemand weiß normalerweise, wofür sie stehen soll.
Dieses Bild Celans vermittelt Unsagbares, unausdrückbares Leid. In den Konzentrationslagern war alle menschliche Ordnung aus den Fugen, ja aus den Fugen war selbst das eigentlich Verlässlichste, die Abfolge der Tageszeiten – in Celans Todesfuge und in den Konzentrationslagern folgen auf den Abend der Mittag, der Morgen, die Nacht:

Schwarze Milch der Frühe wir trinken sie abends
wir trinken sie mittags und morgens wir trinken sie nachts
wir trinken und trinken
wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng

Schwarzer Tau ist eine ähnlich erschütternde Chiffre. Stellen Sie sich schwarzen Tau auf den Wiesen eines friedlichen Morgens vor; er lässt auch im Kontrast dazu deutlich werden, welche Bedeutung dem Morgentau zukommt als einer Erscheinung des Göttlichen)

Noch leben zu viele in der Zeit des schwarzen Taus.

Trakl fand in seinem Gedicht und auch in seinem Leben nicht zu jenem Christusverständnis, das für sein Inneres einer Erlösung gleichgekommen wäre. Deutlich wird das auch durch die zweite Strophe des sich unserem Gedicht anschließenden, schlicht Elis überschriebenen Gedichtes, das Trakl, wie angesprochen von dem oben besprochenen abtrennte; da heißt es:


Ein sanftes Glockenspiel tönt in Elis‘ Brust

Am Abend,
Da sein Haupt ins schwarze Kissen sinkt.

Ein blaues Wild

Blutet leise im Dornengestrüpp.

Ein brauner Baum steht abgeschieden da;
Seine blauen Früchte fielen von ihm.

Zeichen und Sterne
Versinken leise im Abendweiher.

Hinter dem Hügel ist es Winter geworden.

Blaue Tauben
Trinken nachts den eisigen Schweiß,
Der von Elis‘ kristallener Stirne rinnt.

Immer tönt
An schwarzen Mauern Gottes einsamer Wind.


Man würde gerne von der ganzen Meisterschaft Trakls sprechen, die sich in der letzten Zeile zeigt, wenn der Tatbestand nicht so schwarz wäre, einer Farbe, die zu den Worten zählt, die Trakl mit am meisten verwendet hat; selbst das Blau des Wildes kann hier nicht helfen, zumal es leise im Dornengestrüpp verblutet. Seine Farbe blau mag vermitteln – Trakl verwendet diese Farbe gern in dieser Richtung -, dass es ein heiliges Tier ist, vielleicht ein Lamm, jenes Tier, das in Trakl im Grunde erlöst sein will.

Trakl allerdings findet nicht zu jener Möglichkeit, die Paulus im 1. Korintherbrief, wenn jener vom unverweslichen Leib und dem zweiten Adam spricht, überdeutlich intoniert, eine Intonation, die m. E. allerdings selbst Christen kaum in ihrer wahren Bedeutung verstehen. Es ist dieser Leib Christi, der allen Menschen zur Verfügung steht, die den Weg Jesu gehen wollen. Es ist dieser Auferstehungsleib Jesu ein neuer Geistleib  – für Elis, das heißt auch für uns, ob Mann oder Frau. Deshalb greifen Dichter gern auf knabenhafte oder mädchenhafte Gestalten zurück, nicht nur Trakl, auch Hesse im Steppenwolf oder Goethe in seiner Novelle oder im Wilhelm Meister: In einzelnen Gestalten dort sind die Geschlechter eher in pflanzenhafter Reinheit vorhanden und nicht so vulgär, wie sie gerade in den letzten Jahren extrem und immer extremer nahezu weltweit gelebt werden. Zu spüren ist allerdings, dass diese Form der menschlichen Sexualität, – so schön sie sein mag, wenn sie beispielsweise in der Form, wie Hebbel sie in Das Heiligste anspricht, gelebt wird – in ihrer exzessiven und geistlosen, das heißt, Körper und Geist trennenden Entwicklung, sich einem Ende zuneigt; für die Seele des Menschen gibt es kaum etwas Schädlicheres als Sexualität, die ohne seelischen Bezug gelebt wird.
Eine neue Form der Liebe zwischen Mann und Frau wird sich entwickeln.

Wenn man sich intensiv mit einem Dichter auseinandersetzt, dann ist es einem manchmal, als stünde er hinter einem oder an der Seite und nähme teil an dem, was man über ihn schreibt. Es ist dann, als ob er manchmal mit dem Zeigefinger wackelt und sagen will: oh oh, ne, ne, schreib das mal nicht, und manchmal ist es einem, als ob er sich freue, dass etwas über ihn geschrieben wird, was seinem Inneren nahekommt.

Trakls Elis-Gestalt erinnert mich an Bilder meiner früheren Kollegin und Lindauer Künstlerin Sigrid Jupitz; ihren Knaben, den sie in einer Serie verewigt hat – hier mehr -, würde ich, wie er unwiderstehlich nach vorne geht, unbedingt Elis nennen.

 

Liebe macht sich auf den Weg – Version 2


Und ich wünschte, dass zu dem Wild, das immer wieder in den Gedichten Georg Trakls angesprochen wird, auch ihr Einhorn (siehe ihre Einhorn-Serie) gehört, das in der Kunst und den Mythen schon immer ein Symbol des Christus war.

 

Einhorn - Fels – Version 2


Abschließend möchte ich noch anmerken, dass Else Lasker-Schüler, die ich ja bereits in meinem letzten Post mit einem Gedicht über Trakl zitiert habe, mit ihren zwei Zeilen

Georg Trakl erlag im Krieg von eigener Hand gefällt.
So einsam war es in der Welt. Ich hatt ihn lieb.

mein Inneres sehr bewegt hat.
Für sie, die sich ja selbst gern Namen wie Räuber, Vagabund, der über die Bürger lacht, Herumtreiber oder auch Jussuf gab und die ihre Männerbekanntschaften (die ein oder andere Liebschaft war gewiss dabei) Gieselheer oder auch Barbar bzw. Heide (Gottfried Benn), Dalai Lama oder auch Kardinal (Karl Kraus), Troubadour oder auch Riese (Oskar Kokoschka), Prinz von Prag (Franz Werfel), Ruben oder auch blauer Reiter (Franz Marc) nannte, war Georg Trakl ihr Ritter aus Gold.
Beschäftigt man sich mit dessen Leben, ist es so ziemlich das Letzte, auf was man kommen könnte, nämlich, ihn als einen Ritter aus Gold zu bezeichnen. Aber Else Lasker-Schüler mag wahrgenommen haben, was in ihm schlummert und was ich mir so für ihn wünsche: dass in zukünftigen Leben er diesen Ritter aus Gold in viel stärkerem Maße leben kann.

 

Einhorn – Version 2

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Ein Leben, fast wie ein Karfreitag: Georg Trakl

 

Seine Augen standen ganz fern.
Er war als Knabe einmal schon im Himmel.

Darum kamen seine Worte hervor
Auf blauen und weißen Wolken.

Wir stritten über Religion,
Aber immer wie zwei Spielgefährten,

Und bereiteten Gott von Mund zu Mund.
Im Anfang war das Wort.

Des Dichters Herz, eine feste Burg,
Seine Gedichte: Singende Thesen.

Er war wohl Martin Luther.

Seine dreifaltige Seele trug er in der Hand,
Als er in den heiligen Krieg zog.

– Dann wußte ich, er war gestorben –

Sein Schatten weilte unbegreiflich
Auf dem Abend meines Zimmers.

 

Das sind Zeilen der Else Lasker-Schüler (1869-1945), die sie über Georg Trakl schrieb, untröstlich darüber, dass die Karte, mit der er sie neun Tage vor seinem selbstgewählten Tod um Hilfe gerufen hatte, bevor er sich im Hospital zu Krakau mit einer Überdosis Kokain das Leben nahm, sie viel zu spät erreichte. Sie wäre, so schrieb sie, sofort zu ihm gereist. Wir wissen, Trakl vermochte die unbeschreibbaren Erlebnisse im Rahmen der Schlacht von Grodek, als er als Sanitäter an die 100 Schwerverletzte und Sterbende in einer Scheune zu betreuen hatte und kein Arzt da war, nicht zu verarbeiten.

Kein Zweifel, diese Frau, die Männer so liebte und viel Lebenskraft ausgestrahlt haben muss, hätte ihm helfen können, obwohl sich beide nur zweimal sahen, einmal in Berlin, einmal in Insbruck. Wir wissen um ihre Männerbekanntschaften, so dass sie einmal schrieb: „Ich kenne jetzt so viele Leute, ich mache schon für 6 Leute zusammen ein Liebesgedicht.“

Auf die Todesnachricht hin schrieb sie: Bin trostlos wäre nach Krakau gekommen aber Karte nicht erhalten. Depesche entsetzt mich wo die Beerdigung ich weine Jussuf.

Ja, Jussuf nannte sie sich selbst, ihren Geliebten, den Arzt, Dichter und Essayisten Gottfried Benn nannte sie Gieselheer oder auch Barbar bzw. Heide, der Schriftsteller Karl Kraus war für sie der Dalai Lama oder auch der Kardinal, den Maler Oskar Kokoschka nannte sie Troubadour oder auch Riese, Franz Werfel war der Prinz von Prag, Franz Marc rief sie Ruben oder auch den blauen Reiter – die Liste ließe sich fortsetzen – ach ja: der Ritter aus Gold war Georg Trakl.

Wie wahr ist, was sie in ihrem Gedicht über ihn schrieb: Als Knabe war Georg Trakl einmal schon im Himmel. Davon berichtet er ja selbst in seinem Gedicht An den Knaben Elis, auf das ich in meinem nächsten Beitrag eingehen möchte, denn es erzählt in nuce die Geschichte der Menschheit von jener Phase an, als wir alle Adam Kadmon waren oder auch jene Gestalt, die die Veden Purusha nennen – bis zu jenem so entscheidenden Punkt, als uns die Schlange, Luzifer, heimsuchte und unsere einst himmelweite Gestalt gewaltig schrumpfte zu jenem Erdenrest, der wir nun sind, nur um der Tatsache willen, das Schicksal all der Engel und Engelhierarchien nicht teilen zu müssen, nichts anderes, als den Willen Gottes tun zu dürfen/müssen. Weshalb es das Wort Freiheit gibt – ein durchaus sehr schätzenswertes Wort, dem wir allerdings auch unter anderem Corona verdanken und eben die Tatsache, von der Menschen eifrig Gebrauch machen, nein zu Gott sagen zu können.

Ja, heute ist Karfreitag, und dieser Tag umfasst die göttliche Antwort auf dieses einstige Geschehen – und will es bis heute sein, nur dass das die meisten Menschen nicht mehr – oder noch nicht – verstehen, wie ernst die Lage ist. Mit ein bisschen Krankheit ist der Mehrheit unserer Zeitgenossen nicht mehr zu helfen (ich will mich da gar nicht ausnehmen, was sich bezieht auf die Tatsache, dass wir tief ins Leid zu tauchen haben, bevor wir wirklich zu lernen vermögen). Auch deshalb: Corona.

Wie dick das Fell ist, dass die Menschen von einer wirklicheren Wirklichkeit trennt, wurde mir bewusst, als ich mich dem Verhältnis von Georg Trakl zu seiner Schwester Margarethe widmete. Das Lager der Germanisten und diverser Buchrezensenten und wie auch immer sich das bunte Völkchen literarisch Ambitionierter noch nennt ist ja in zwei Lager gespalten: Die einen halten Trakls inzestuöses Verhältnis zu seiner Schwester für nicht vollzogen und eher literarisch, wenn auch durchaus zutiefst libidinös besetzt, andere – zu ihnen zählt übrigens auch der vielleicht unserem Dichter vertrauteste Freund der letzten Jahre, Ludwig von Ficker, Herausgeber des Brenner, eines überregional gelesenen literarischen Journals – glauben, dass Trakl tatsächlich entsprechend seinem Gedicht Blutschuld jene so schamvoll besetzte Tat vollzogen hat:

Es dräut die Nacht am Lager unsrer Küsse.
Es flüstert wo: Wer nimmt von euch die Schuld?
Noch bebend von verruchter Wollust Süße
Wir beten: Verzeih uns, Maria, in deiner Huld!

Aus Blumenschalen steigen gierige Düfte,
Umschmeicheln unsere Stirnen bleich von Schuld.
Ermattend unterm Hauch der schwülen Lüfte
Wir träumen: Verzeih uns, Maria, in deiner Huld!

Doch lauter rauscht der Brunnen der Sirenen
Und dunkler ragt die Sphinx vor unsrer Schuld,
Daß unsre Herzen sündiger wieder tönen,
Wir schluchzen: Verzeih uns, Maria, in deiner Huld!

Trakl selbst wollte es nicht veröffentlichen, es findet sich – 1909 geschrieben, da war er 22 Jahre alt – im Nachlass.

So schreibt niemand, der ein nur fiktionales Geschehen beschreibt. Gleiches empfinde ich vor allem angesichts seiner Prosaskizze Traum und Umnachtung, in deren Rahmen es mehrere Stellen gibt, deren Eindringlichkeit mir nachgerade unheimlich sind, wobei für mich die Tatsache nicht unerheblich ist, dass, ohne dass ein nach außen hin ersichtlicher Grund vorgelegen hätte, die zehnjährige Margarethe von den Eltern aus ihrer Schule in Salzburg herausgenommen und in das Mädchenheim der „Englischen Fräulein“ nach St. Pölten geschickt wurde, später dann in die Schule des Erziehungsheims Notre Dame de Sion in Wien. – Das mutet merkwürdig an, zumal die Kinder eine Gouvernante hatten.

Hier nun die Textauszüge aus der Prosaskizze:

Am Abend ward zum Greis der Vater; in dunklen Zimmern versteinerte das Antlitz der Mutter und auf dem Knaben lastete der Fluch des entarteten Geschlechts. Manchmal erinnerte er sich seiner Kindheit, erfüllt von Krankheit, Schrecken und Finsternis, verschwiegener Spiele im Sternengarten, oder daß er die Ratten fütterte im dämmernden Hof. Aus blauem Spiegel trat die schmale Gestalt der Schwester und er stürzte wie tot ins Dunkel  (…) in dunklen Höhle verbrachte er seine Tage, log und stahl und verbarg sich, ein flammender Wolf, vor dem weißen Antlitz der Mutter. O, die Stunde, da er mit steinernem Munde im Sternengarten hinsank, der Schatten des Mörders über ihn kam. Mit purpurner Stirne ging er ins Moor und Gottes Zorn züchtigte seine metallenen Schultern; o, die Birken im Sturm, das dunkle Getier, das seine umnachteten Pfade mied. Haß verbrannte sein Herz, Wollust, da er im grünenden Sommergarten dem schweigenden Kind Gewalt tat, in dem strahlenden sein umnachtetes Antlitz erkannte. Weh, des Abends am Fenster, da aus purpurnen Blumen, ein gräulich Gerippe, der Tod trat. O, ihr Türme und Glocken; und die Schatten der Nacht fielen steinern auf ihn (…) Aber da er Glühendes sinnend den herbstlichen Fluß hinabing unter kahlen Bäumen hin, erschien in härenem Mantel ihm, ein flammender Dämon, die Schwester. Beim Erwachen erloschen zu ihren Häuptern die Sterne. O des verfluchten Geschlechts. Wenn in befleckten Zimmern jegliches Schicksal vollendet ist, tritt mit modernden Schritten der Tod in das Haus. O, daß draußen Frühling wäre und im blühenden Baum ein lieblicher Vogel singe. Aber gräulich verdorrt das spärliche Grün an den Fenstern der Nächtlichen und es sinnen die blutenden Herzen noch Böses (…) Purpurne Wolke umwölkte sein Haupt, daß er schweigend über sein eigenes Blut und Bildnis herfiel, ein mondenes Antlitz, steinern ins Leere hinsank, da in zerbrochenem Spiegel, ein sterbender Jüngling, die Schwester erschien, die Nacht das verfluchte Geschlecht verschlang.

Allein der erste Satz lässt sich meinem Gefühl nach kaum erfinden und er scheint mir zu belegen, dass im Hause Trakl etwas vorgefallen sein muss, was den Vater in der Tat zum Greis machte, die Mutter versteinern und beide die Schwester weggeben ließ. Genaueres aber lässt sich wohl nie feststellen, da es vermutlich die Familie war, die den Schriftverkehr zwischen ihren Kindern vernichtet hat, nachdem auch die Schwester drei Jahre nach ihrem Bruder den Tod wählte. – Für jemanden, der sich mit Familienaufstellungen auseinandersetzt, mag das gewiss kein Zufall sein.

Noch in den letzten beiden Gedichten, die Trakl im Garnisonshospital Krakau im September 1914 schrieb, taucht die Schwester auf – insgesamt findet sie sich in seinen Gedichten ungefähr sechzigmal angesprochen -, ja, in Klage, das man, mehr noch als sein letztes Gedicht Grodek als ein Vermächtnis ansehen mag, spricht er die Schwester – ganz und gar ungewöhnlich – direkt an:

Schlaf und Tod, die düstern Adler
Umrauschen nachtlang dieses Haupt:
Des Menschen goldnes Bildnis
Verschlänge die eisige Woge
Der Ewigkeit. An schaurigen Riffen
Zerschellt der purpurne Leib
Und es klagt die dunkle Stimme
Über dem Meer.
Schwester stürmischer Schwermut
Sieh ein ängstlicher Kahn versinkt
Unter Sternen,
Dem schweigenden Antlitz der Nacht.

Auf das Motiv des Kahns trifft man im Werk Trakls immer wieder; es ist sein Lebensschiff, das untergeht – Mein Wandel auf der Welt ist einer Schifffahrt gleich. heißt es in der Bach-Kantate „Ich will den Kreuzstab gerne tragen“ – und es ist deshalb kein Wunder, dass noch in seinem letzten Gedicht zu lesen ist:

Es schwankt der Schwester Schatten
durch den schweigenden Hain,
Zu grüßen die Geister der Helden, die
blutenden Häupter;

Zu diesen Häuptern zählt auch der Bruder.

Ihn verschlingt, wie wir in Klage lesen, die eisige Woge – wenn da nicht der Konjunktiv II stünde („verschlänge“) – und deshalb nur versinkt der Kahn Unter Sternen / Dem schweigenden Antlitz der Nacht, einer Nacht, die immer ein Morgen kennt. Das weiß auch unser Dichter; nicht von ungefähr findet sich bei ihm in seinen Gedichten das Motiv der Wiedergeburt und Wiederkehr. – Er weiß wohl, dass er wiederkehrt.

Damit nun bin ich bei meinem letzten und mir besonders wichtigen Punkt:

Es ist schon fast atemberaubend, wie jene, die über das Verhältnis der Geschwister schrieben, eine karmische Beziehung der beiden außer Acht lassen, obwohl es eigentlich nicht zu übersehen ist, dass dieses so unglaublich intensive Aufeinanderbezogen-Sein – es gibt ja noch weitere hier nicht weiter aufgeführte Hinweise im Leben beider – kaum anders erklärbar ist. Klar, wenn man an ein einziges Leben glaubt, dann ist es halt mal dumm gelaufen – kann ja passieren, dass man auf die eigene Schwester triebtechnisch so abfährt. Zudem tut der viele Jahrhunderte wirksame Fluch der Kirche gegen die Seelenwanderung nach wie vor seine Wirkung, auch – und vielleicht gerade – in so ganz klugen Köpfen. Eigentlich aber haben jeder dieser Schreibenden so wie Du und ich die Erfahrung gemacht, dass wir Menschen begegnen, mit denen man so vertraut ist, dass man sich einfach nur wundern muss, wenn es nicht eben die Erklärung gäbe. dass man andere, denen man begegnet, aus früheren und wahrscheinlich mehreren Leben kennt. Man bemerkt das vor allem bei jenen, die man schon nach fünf Minuten einfach mit DU anreden könnte – und von ihnen hat jeder Mensch mittleren und älteren Alters schon einige getroffen -, aber es trifft natürlich auch auf Menschen zu, mit denen man sich auf heftige und intensive Weise auseinandersetzt.

Es gibt allerdings noch eine weitere Erklärung, die über die karmische hinausgeht: Margarethe könnte Georg Trakls Schwesterseele sein. Das würde insbesondere erklären, warum sie mit ihm im Grunde ein Herz und eine Seele war (und dann auch noch ist). Wir kennen dies ja von Hölderlin und seiner Diotima, von Mörike und seiner Peregrina, von Romeo und Julia, von den Königskindern, die einander so lieb hatten, von Tristan und Isolde, Novalis und seiner Sophie, von Siegfried und seiner wahren Liebe Brünhilde (wie wir aus der Eddha wissen), von Salomon und Sulamith und und und

Wenn sich Geschwister auf dieser Ebene begegnen – sie können dabei durchaus auch gleichen Geschlechts sein -, dann lieben sie sich zumeist einfach sehr und mögen nicht voneinander lassen und solche Geschwisterpaare kennt  man auch aus den Medien, gerade auch aus dem Show-Business; manchmal sind es ja Zwillinge.

Zu diesem Thema habe ich schon einige Beiträge geschrieben. letztendlich liefern ja die Bibel, Platons Symposion und Aivanhov in Liebe und Sexualität entscheidende Hinweise aus spiritueller Sicht.

Georg Trakl konnte die Macht des Blutes nicht überwinden. Sein Ende war grausam, auch das seiner Schwester. Trakl hat sich Zeit seines Lebens Vorwürfe gemacht, auch, dass er seine Schwester zum Drogenkonsum verführte.

Was ich aber eben ansprechen wollte, ist, dass es Zeit wird, dass die Frau- und Herrschaften der schreibenden Zunft langsam mal offener werden für geistige Ebenen. Wenn ich an eine Arbeit denke, die ich anlas, ganz noch in freudianischem Geist geschrieben und mit Es, Ich und Über-Ich agierend, mit Trakls Real-Ich, das mit seinem Ideal-Ich nicht zusammenfand und wo dann noch die Schwester eingebettet bzw. hineinverstrickt werden muss: Meine Güte, da rascheln die Gehirnstrohsäcke, mit Leben und den vielen seelisch-geistigen Ebenen aber hat das wenig zu tun – jedenfalls ist das meine Sicht.

Ich wünschte mir nur, dass dieser Georg Trakl das, was er aufgrund seiner vielen Süchte, mit denen ihn möglicherweise – wenn nicht ziemlich sicher – seine Mutter vertraut machte (sie war wohl dem Kokain zugetan und verwendete ihren Arzneimittelschrank nicht nur zur Bekämpfung von Krankheiten, was Trakls Chloroform- und Veronal-Excesse ansatzweise erklärt), nicht leben konnte, was aber in so reichem Maße in ihm vorhanden war und was er, wenn er wiederkehrt, möge leben können: seine geistige Seite, die immer wieder so offen zutage tritt; selten zwar, dass Christus benannt wird oder wie einmal auch der Nazarener, des Öfteren aber Gott und wie oft lesen wir bei ihm von Brot und Wein und dem Hirten und seinen Schafen wie auch von der paulinischen Trias von Glaube, Liebe und Hoffnung. Möge er dann ein Leben leben, das ihm zum Karfreitag wird, er also nicht sich selbst das Leben nimmt, sondern jenes Ich sterben kann, dessentwegen Jesus Christus, dessen Initialen I-CH lauten, den Karfreitagsweg auf sich nahm.

Abschließen möchte ich mit einem Gedicht, in dem unser Dichter die Liebenden als schuldig empfindet aber doch von ihr als seiner süßen Braut spricht, die ja ihm, dem Fremdling, in seinen Gedichten und Texten eine Fremdlingin war, ihm dem Jüngling eine Jünglingin und ihm, dem Mönch nicht etwa eine Nonne, sondern eine Mönchin:

Die blaue Nacht ist sanft auf unsren Stirnen aufgegangen.
Leise berühren sich unsre verwesten Hände
Süße Braut!

Bleich ward unser Antlitz, mondene Perlen
Verschmolzen in grünem Weihergrund.
Versteinerte schauen wir unsre Sterne.

O Schmerzliches! Schuldige wandeln im Garten
In wilder Umarmung die Schatten,
Daß in gewaltigem Zorn Baum und Tier über sie sank.

Sanfte Harmonien, da wir in kristallnen Wogen
Fahren durch die stille Nacht
Ein rosiger Engel aus den Gräbern der Liebenden tritt.

 

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„Jedwedes lichtgeborne Wort / Wirkt durch das Dunkel fort und fort.“ – Apropos *corona*

Die oben zitierten zwei Verse sind bekannt als „Leitspruch“ und verfasst von einem Mann, dem die Nazidiktatur das Herz gebrochen hat. Ohnehin herzleidend und 1933 aus dem Amt des Sekretärs der Preußischen Akademie entfernt, unterschrieb Oskar Loerke auf Wunsch Samuel Fischers, der um die Existenz seines Verlags Sorge trug, das sogenannte „Treuegelöbnis vor dem Führer“. Das getan zu haben, verwand dieser Dichter, der leider in Vergessenheit geraten ist, im Übrigen aber hochspirituell war [ich denke an seine Atlantis-Gedichte; https://bit.ly/38QZcoz] im Grunde nie und schämte sich zutiefst. Seine Freunde bat er in seinem Testament, jeder Behauptung entgegenzutreten, er sei an einer Krankheit und nicht an den politischen Zuständen gestorben. In einer testamentarischen Verfügung verwies er darauf, dass die „feindlichen Handlungen“ der Machthaber seinen baldigen Tod herbeiführen würden. Am 24. Februar 1941 starb Oskar Loerke im Alter von 56 Jahren in Berlin und hielt seine Poetik des lichtvollen Wortes zwei Monate vor seinem Tod, im Dezember 1940 in diesen vier Versen fest:

Jedwedes blutgefügte Reich
Sinkt ein, dem Maulwurfshügel gleich.
Jedwedes lichtgeborne Wort
Wirkt durch das Dunkel fort und fort.

Nur die letzten Verse des berühmten Novalis-Gedichtes (Dann fliegt von Einem geheimen Wort / Das ganze verkehrte Wesen fort.) vermögen so eindringlich uns nahezulegen, wie bedeutsam für unser Leben das Wort ist, dessen größte Gefährdung, wie wir aus dem „Faust“ wissen, darin besteht, dass aus seinen Buchstaben der Geist vertrieben wird. Das aber genau geschieht, wenn dieses bedeutsame Wort *C*o*r*o*n*a*, griechisch stephanos – Στέφανος, für einen Virus in Beschlag genommen wird. – Dazu später mehr.

Mir ist vor kurzer Zeit ein Text begegnet, der  meinen Blick auf diesen Virus wesentlich beeinflusst hat und das, obwohl er schon 106 Jahre alt ist, was man daran merkt, dass von Bazillen die Rede ist, weil man die sogenannten Viren damals noch nicht entdeckt hatte; seiner Aktualität aber tut das keinen Abbruch:

In unserer Zeit gibt es bekanntlich eine Furcht, die sich ganz sinngemäß vergleichen läßt mit der mittelalterlichen Furcht vor Gespenstern. Das ist die heutige Furcht vor den Bazillen. Die beiden Furchtzustände sind sachlich ganz dasselbe. Sie sind auch insofern ganz dasselbe, als ein jedes der beiden Zeitalter, das Mittelalter und die Neuzeit sich so verhalten, wie es sich für sie schickt. Das Mittelalter hat einen gewissen Glauben an die geistige Welt; es fürchtet sich selbstverständlich dann vor geistigen Wesenheiten. Die neuere Zeit hat diesen Glauben an die geistige Welt verloren, sie glaubt an das Materielle, sie fürchtet sich also vor materiellen Wesenheiten, wenn diese auch noch so klein sind. Ein Unterschied könnte, nicht wahr, sachlich höchstens darin gefunden werden, daß die Gespenster doch wenigstens gewissermaßen anständige Wesen sind gegenüber den kleinwinzigen Bazillen, die keineswegs eigentlich, ich möchte sagen, wirklich Staat machen können mit ihrem Wesen, so daß man sich wirklich so ernsthaftig fürchten könnte vor ihnen wie vor einem anständigen Gespenst. (…) Für diejenigen, die an die geistige Welt wirklich glauben konnten, ist nicht einmal in bezug auf Realität ein Unterschied in dieser Beziehung.
Nun handelt es sich darum, und das ist das Wesentliche, was heute hervorgehoben werden soll, daß Bazillen nur dann gefährlich werden können, wenn sie gepflegt werden. Pflegen soll man die Bazillen nicht. Gewiß, da werden uns auch die Materialisten recht geben, wenn wir die Forderung aufstellen, Bazillen soll man nicht pflegen. Aber wenn wir weitergehen und vom Standpunkt einer richtigen Geisteswissenschaft davon sprechen, wodurch sie am meisten gepflegt werden, dann werden sie nicht mehr mitgehen, die Materialisten. Bazillen werden am intensivsten gepflegt, wenn der Mensch in den Schlafzustand hineinnimmt nichts anderes als materialistische Gesinnung. Es gibt kein besseres Mittel für diese Pflege, als mit nur materialistischen Vorstellungen in den Schlaf hineinzugehen und von da, von der geistigen Welt, von seinem Ich und Astralleib aus zurückzuwirken auf die Organe des physischen Leibes, die nicht Blut und Nervensystem sind. Es gibt kein besseres Mittel, Bazillen zu hegen, als mit nur materialistischer Gesinnung zu schlafen. Das heißt, es gibt noch wenigstens ein Mittel, das ebensogut ist wie dieses. Das ist, in einem Herd von epidemischen oder endemischen Krankheiten zu leben und nichts anderes aufzunehmen als die Krankheitsbilder um sich herum, indem man einzig und allein angefüllt ist mit der Empfindung der Furcht vor dieser Krankheit. Das ist allerdings ebensogut. Wenn man nichts anderes vorbringen kann vor sich selber als Furcht vor den Krankheiten, die sich rundherum abspielen in einem epidemischen Krankheitsherd und mit dem Gedanken der Furcht hineinschläft in die Nacht, so erzeugen sich in der Seele die unbewußten Nachbilder, Imaginationen, die durchsetzt sind von Furcht. Und das ist ein gutes Mittel, um Bazillen zu hegen und zu pflegen. Kann man nur ein wenig mildern diese Furcht durch werktätige Liebe zum Beispiel, wo man unter den Verrichtungen der Pflege für die Kranken etwas vergessen kann, daß man auch angesteckt werden könnte, so mildert man auch durchaus die Pflegekräfte für die Bazillen. {. . .} Es gibt kein besseres Mittel, Bazillen zu hegen, als mit nur materialistischer Gesinnung zu schlafen. Das heißt, es gibt noch wenigstens ein Mittel, das ebensogut ist wie dieses. Das ist, in einem Herd von epidemischen oder endemischen Krankheiten zu leben und nichts anderes aufzunehmen als die Krankheitsbilder um sich herum, indem man einzig und allein angefüllt ist mit der Empfindung der Furcht vor dieser Krankheit. Das ist allerdings ebensogut. Wenn man nichts anderes vorbringen kann vor sich selber als Furcht vor den Krankheiten, die sich rundherum abspielen in einem epidemischen Krankheitsherd und mit dem Gedanken der Furcht hineinschläft in die Nacht, so erzeugen sich in der Seele die unbewußten Nachbilder, Imaginationen, die durchsetzt sind von Furcht. Und das ist ein gutes Mittel, um Bazillen zu hegen und zu pflegen.
Kann man nur ein wenig mildern diese Furcht durch werktätige Liebe zum Beispiel, wo man unter den Verrichtungen der Pflege für die Kranken etwas vergessen kann, daß man auch angesteckt werden könnte, so mildert man auch durchaus die Pflegekräfte für die Bazillen. {. . .} {. . .} wahrhaftig mehr als durch alle Mittel, die jetzt von der materialistischen Wissenschaft vorgebracht werden gegen all das, was Bazillen heißt, wahrhaftig mehr, unsäglich reicher für die Menschheitszukunft könnte man wirken, wenn man den Menschen Vorstellungen überlieferte, durch die sie vom Materialismus weggebracht werden und zu werktätiger Liebe vom Geiste aus angespornt werden könnten. Immer mehr und mehr muß sich im Laufe dieses Jahrhunderts die Erkenntnis verbreiten, wie die geistige Welt auch für unser physisches Leben absolut nicht
gleichgültig ist.

Gewiss ist das eine Sicht, die sich nicht jeder zu eigen machen wird und geäußert hat sie Rudolf Steiner im Rahmen eines Vortrags 1914 in Basel [zu finden in der GA 154 – mittels pdf bzw. pdf(2)]; für mich fühlt sie sich absolut zutreffend an. Wir werden im Moment Zeuge eines Schauspiels, dass uns vor Augen führt, wie wenig frei Menschen sind. Selten demonstriert ein winziges Wesen, das unseren physischen Augen sich entzieht, so sehr, wie wenig frei wir Menschen in Wirklichkeit sind. Sicherlich lautet im Moment jedes hundertste gesprochene Wort weltweit Corona. Nicht wir bestimmen, was in uns und mit uns geschieht, sondern ein Virus. Gewiss könnten wir Menschen zu normalen Zeiten auch bestimmen, was uns zu bewegen sich lohnt. Da aber finden Menschen keinen Konsens und die meisten auch kein wirkliches Ziel. Für die einen ist ein Scheinziel der Fußball, für den anderen das Essen, die Abendgestaltung oder der nächste Groß-Einkauf. Selten, dass den Menschen Geistiges ein Anliegen ist.

Schlagartig aber sind wir nun gezwungen, uns auf etwas einzulassen, was uns aufoktroyiert worden ist – von wem auch immer (mal ganz abgesehen von dem Video am Schluss, das total aufschlussreich ist). Niemand stellt die Frage, wer hinter dem Virus stecken könnte, es sei denn, jemand schwadroniert in Verschörungstheorien. Wenn man den Gedankengängen eines Steiner folgt, dann hängt das Geschehen zusammen mit der Tatsache, dass den Menschen vor allem Materialistisches ihren Sinn zunebelt und sie anfällig macht für Infektionen, die sich auf einmal körperlich outen, in Wirklichkeit aber schon lange auf der seelischen Ebene da sind. Möglicherweise, wenn man Steiner Glauben schenken mag, hätten Bazillen/Viren keine Angriffspunkte, wenn die Seele geistig – wenn man so sagen möchte – geimpft wäre. Nun wird sie es irgendwann auf der körperlichen Ebene sein mit dem Effekt, dass das, was sie wirklich freimachen könnte, eine Beschäftigung mit Geistigem nämlich, weiter zurückgedrängt wird – insbesondere, wenn es einen physisch-materiellen Impfstoff gibt.

Doch gilt dieses eingeschränkte Bewusstsein meines Erachtens nicht für alle Menschen. Diese weltweite Infektion könnte bei einigen eine Art Schwellenerlebnis sein, das sie bewusst zu einer höheren Stufe ihres Seins führt. Ich bin da weit weniger pessimistisch als viele, die dem Virus all ihr Denken opfern.

Mich haben diese Gedanken – auch auf dem Hintergrund der Verse Loerkes, die mir in den Sinn gekommen waren – dazu veranlasst, mir über das aus dem Lateinischen kommende Wort Corona, zu Deutsch Krone, griechisch stéphanos, Gedanken zu machen, weil mir irgendwann durch den Kopf ging: Wie kann ein Virus ein solch bemerkenswertes und im Grunde schönes Wort bekommen und regelrecht besetzen. Klar hängt es mit seiner äußeren Gestalt zusammen, wie wir wissen; er sieht mit viel Phantasie aus wie eine Krone. Hinter diesem Bild aber steckt viel mehr eben auch die ruinöse Kraft dieses Virus, die Schönes und Gesundes besetzt und für sich vereinnahmt, so wie dieser Virus auf eine unglaublich intensive Weise die Gedanken der Menschheit vereinnahmt.

Jener Rudolf Steiner sagt im Bezug auf die Bedeutung eines Wortes und der Buchstaben, wenn sie nicht, wie das Mephistopheles im Faust erfolgreich tut, von Geist entleert sind, sondern diesen behalten und den Menschen über den Sinn seines Seins übermitteln, etwas sehr Bemerkenswertes:

Das Alpha α (hebräisch Aleph א) ist immer der Mensch. [Die Griechen] stellten sich etwas Menschenähnliches vor. Und bei Beta β (hebräisch Beth ב), da stellten sie sich etwas vor, was um den Menschen herum ist. Und nun reden wir vom Alphabet – das heißt aber für den Griechen: «der Mensch in seinem Haus», oder auch: «der Mensch in seinem Körper», in seiner Umhüllung. [1] Alpha ist eigentlich, wenn man es annähernd mit einem heutigen Worte ausdrücken will, «der sein Atmen Empfindende». In dieser Benennung liegt direkt die Hindeutung auf das Wort des Alten Testamentes: der Erdenmensch wurde dadurch geschaffen, daß ihm der lebendige Odem eingehaucht wurde. So könnte man das ganze Alphabet durchgehen und würde einen Begriff, einen Sinn, eine Wahrheit über den Menschen aussprechen, indem man einfach die Benennungen für das Alphabet hintereinander sagt. Wenn heute in allerlei Gesellschaften gesprochen wird von dem verlorengegangenen Urwort, so ist das eben das, was in einem solchen, das Alphabet in seinen Benennungen umfassenden Satze liegt. [2] 

Nur die letzten Verse des berühmten Novalis-Gedichtes (Dann fliegt von Einem geheimen Wort / Das ganze verkehrte Wesen fort.) vermögen so eindringlich uns nahezulegen, wie bedeutsam für unser Leben das Wort ist, dessen größte Gefährdung, wie wir, wie angesprochen, aus dem Faust wissen, darin besteht, dass aus seinen Buchstaben der Geist vertrieben wird. Das aber genau geschieht, wenn dieses bedeutsame Wort *C*o*r*o*n*a*, griechisch Στέφανος, für einen Virus in Beschlag genommen wird. Und wie sehr seine Bedeutung pervertiert wird, vermittelt uns, was Rudolf Steiner, über die Bedeutung der Buchstaben sagt:
Ausgerechnet gleich der erste Buchstabe des Wortes *C*o*r*o*n*a*, das „C“ also, ist seiner Auffassung zufolge „in dem Urworte der Regent für die Gesundheit“ und der tiefe Sinn des in diesem Wort so bedeutungsvollen „O“ besteht darin, dass der Mensch sich nicht nur selbst empfindet, sondern von sich aus ausgehend ein anderes Wesen empfindet, das er liebend umfassen will. – Genau aber das unterbindet der Virus.
Das „R“ dagegen ist aus der Sicht Steiners [hier alles ausführlicher] das Drehende, das der ganzheitlichen Form von Corona, von Krone, von Kranz entspricht.
Es folgt wieder ein „O“, in unserem Leben also eine Manifestation gelebter Liebe, und dann als Gegenbewegung ein „N“, das in dem Grundgehalt seiner Aussage den Charakter des Infragestellens aufweist, doch abschließend in dem „A“ auf eine sich verwundernde Grundhaltung trifft, die selbst entscheiden mag und muss, welche Bedeutung der Mensch jener Krone, die Sinn und Ziel seiner Erdenreisen ist und von der schon der  Prophet Jeremia (Kap. 13, V.18) wusste, dass deren Verlust Licht in Dunkel verkehrt, gibt.
Dem biblischen Briefeschreiber Jakobus, möglicherweise der Bruder Jesu, ist bewusst: „Selig ist, wer Anfechtung erduldet; denn nachdem er bewährt ist, wird er die Krone [stephanos] des Lebens empfangen, die Gott verheißen hat denen, die ihn lieb haben.“ Und der Apokalyptiker übermittelt der Gemeinde in Ephesus im Rahmen des zweiten Sendschreibens den großen Lohn, der dem Überstehen der Anfechtungen folgt: „Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“

Es gilt, dem Virus die wahre Bedeutung der Corona, des Kranzes, der Krone entgegenhalten und dieses Wort und seinen geistigen Gehalt nicht diesem Virus preiszugeben. – Wie wir das zu leisten vermögen?
Weiter helfen u.a. obige Steiner-Aussagen, dass das wahre Mittel gegen jedwede virale oder bakterielle Infektion das geistige Wort ist, gerade auch vor dem Einschlafen.
Dass die Kirchen keine Gottesdienste mehr abhalten, mag niemanden verwundern, denn dass ein Vertrauen in das geistige Wort, das bisher nicht gelebt wurde, nun auf einmal die Kraft haben soll, einen Virus auf Distanz zu halten, das glaubt natürlich auch die Kirchenführung selbst nicht (wobei ich letztere grundsätzlich nicht in einen Topf werfe mit manchen, vielleicht sogar vielen Pfarrerinnen und Pfarrern).
Wir aber können uns täglich darin üben, der aus dunklen Geistebenen kommenden bewussten Infektion wertvoller Worte uns entgegenzustemmen, der viralen Infektion das Wissen um die Krone des Lebens entgegenzuhalten und bewusst wertvollen Worten in unserem Geist den wahren Sinn zuzuweisen – kein leichtes Unterfangen; wir tun es, wenn wir es tun, dem Logos , dem Wort, das Fleisch ward, zuliebe – und damit uns.

PS

Der folgende Beitrag hat zwar auch schwächere Passagen, ist aber insgesamt absolut bemerkenswert und er stimmt auch damit überein, dass unter den Toten in jedem Land viele sind, die handfeste Vorerkrankungen hatten und ziemlich sicher auch anlässlich einer normalen Grippe gestorben wären . . . Interessant ist ja auch die Meinung dieses Arztes, dass die Kranken in den Krankenhäusern am meisten gefährdet sind . . .

 

Leider wurde das Video entfernt, weil es, wie zu lesen war, gegen die YouTube-Nutzungsbedingungen verstieß.

 

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Als man noch, ohne unter Rassismusverdacht zu geraten, „Zigeuner“ sagen durfte. – Georg Trakl schrieb ein Zigeuner-Gedicht. Dieser Zigeuner war er.

„Ihr Linken habt immer Probleme mit dem Wort Zigeuner“, zitierte (..) das
sozialistische „Neue Deutschland“ den Violinisten Markus Reinhardt, der die
Wortakrobatik „Sinti und Roma“ zu „Quatsch“ erklärte. Auf der Webseite des Musikers steht ein Liedtext: „Wir gehen unseren Weg und bleiben auf der Welt, weil wir immer wieder anders erscheinen. Weil wir Zigeuner sind.“ (aus Die Welt, Link s. unten)

Heute allerdings ist es so, dass, wenn man Pech hat, noch eine Anzeige wegen Volksverhetzung hinzukommt.

Da tut richtig gut, was Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller zu dem Thema sagt:

„Ich bin mit dem Wort ‚Roma‘ nach Rumänien gefahren, habe es in den Gesprächen anfangs benutzt und bin damit überall auf Unverständnis gestoßen. ‚Das Wort ist scheinheilig‘, hat man mir gesagt, ‚wir sind Zigeuner, und das Wort ist gut, wenn man uns gut behandelt.'“

Vielleicht kann eine solche Aussage uns darauf besinnen lassen, dass entscheidend ist, was Menschen über Menschen denken und dass es tatsächlich noch Menschen gibt, für die jeder Andere Würde hat, ob er nun HIV hat, aussätzig ist, von Corona befallen oder dem Schicksal, ein Jude oder Zigeuner zu sein. 

Wir sollten nur darauf achten, dass es in Deutschland tatsächlich wieder eine AfD gibt, die Gräben aushebt zwischen Deutschen und Untermenschen Nicht-Deutschen.

Für Georg Trakl ist ein Zigeuner wie Ahasver, der Ewige Jude.

Und auch hier gilt Vergleichbares. Erwin Leiser schrieb dazu:

Der ewige Jude gehört mit Jud Süß und Die Rothschilds zu den drei 1940 in Deutschland uraufgeführten Filmen, die Juden nicht mehr, wie bis dahin gemäß nationalsozialistischer Filmpolitik üblich, als komische Figuren, sondern als gefährliche „Untermenschen“ darstellen

Tatsächlich war die Gestalt des Ewigen Juden ursprünglich gar kein Jude und jene, die ihren Juden brauchen, weil sie einen haben müssen, den sie fertig machen können, haben aus ihm einen Juden gemacht. – Gut, dass manche nicht vergessen, dass die vielleicht wertvollste Gestalt unserer Erdengeschichte ein Jude war und ist.

Georg Trakl (1887-1914)

Zigeuner

        Die Sehnsucht glüht in ihrem nächtigen Blick
        Nach jener Heimat, die sie niemals finden.
        So treibt sie ein unseliges Geschick,
        Das nur Melancholie mag ganz ergründen. 

        Die Wolken wandeln ihren Wegen vor,
        Ein Vogelzug mag manchmal sie geleiten,
        Bis er am Abend ihre Spur verlor,
        Und manchmal trägt der Wind ein Aveläuten       

        In ihres Lagers Sterneneinsamkeit,
        Daß sehnsuchtsvoller ihre Lieder schwellen
        Und schluchzen von ererbtem Fluch und Leid,
        Das keiner Hoffnung Sterne sanft erhellen.

……………………………………………….(aus Gedichte 1909)

Wer die Gedichte Trakls kennt, weiß, dass er selbst dieser Zigeuner ist, der keine Heimat findet, keine Ruhe für seine Seele. Er hat ja durchaus immer wieder über Gott und Christus geschrieben, aber nie von Auferstehung, immer von des Letzteren Verwesung und Tod. Und Gott hat ihm nie geantwortet.

Gut, wer erkennt, dass dieser ererbte Fluch, von dem Trakl schreibt, weder ein ewiges Erbe ist noch ein Fluch. Alles hängt davon ab, ob man gewillt ist, den Sinn des Menschseins zu ergründen. Denn dessen Ziel ist nicht – mal einfach so kitschig-christlich-kirchlich dahingesagt – der Himmel oder alternativ, die Ewige Verdamnis, sondern ein Weg zu einer Freiheit, die viele meinen zu haben, dabei aber einem großen Irrtum erliegen. Frei ist der Mensch ansatzweise – für mich jedenfalls – frühestens vielleicht im Rahmen der fünften Erdinkarnation – in der Bibel heißen diese Inkarnationen der Erde Schöpfungstage -, eher im Rahmen des sechsten oder siebten. – Solange wir sterben wie im Rahmen des vierten, in dem wir leben, sind wir nicht wirklich frei. (Ich bin da ganz auf der Seite Hildegard von Bingens, die das so sieht, dass wir mitten in der Schöpfung sind und auch nicht glaubt, was die heilige christliche Kirche so erzählt von wegen, die Schöpfung sei vorbei und das Ebenbild Gottes vollendet erschaffen).

Auch wenn jemand sagen mag, wir sterben ja nicht wirklich, wir nennen eben Tod, wenn wir von einem momentan beleuchteten in einen unbeleuchteten Raum eintreten, so ist doch der Einfluss von Kräften, die auf uns einwirken, noch so groß, dass wir – auch das ist natürlich meine persönliche Meinung – nicht wirklich selbstbestimmt sind. Selbstbestimmt sind wir, wenn wir die Glocken des Aveläutens, von dem Trakl am Ende der zweiten Strophe schreibt, sehen.

Melancholie vermag das Geschick des Menschen nicht ergründen, auch Sehnsucht nicht. Trakl hat immer wieder diese Sehnsucht abgebildet, in seinem Gedicht über den Knaben Elis zum Beispiel, der den Menschen vor der luziferischen Verführung darstellt (dazu in meinem nächsten Beitrag mehr). Aber es ist die Sehnsucht dennoch notwendig, denn nur sie treibt den ein oder anderen dazu, danach zu forschen, was es mit unserem Geschick auf sich hat. Dazu muss man die Angst vor Luzifer – Goethe nennt ihn Mephistopheles, er ist der ständige Begleiter des Faust und von uns – ablegen. Sonst ist man ständig sein Opfer.

Nur wer jenes Geschick erforscht, ist einem Hauch von Freiheit begegnet.

Wolken und Vogelzüge spielen bei Trakl immer wieder eine Rolle. Der Vogelzug verliert bei unserem Dichter die Spur der Zigeuner. Es ist das tragische Gefühl des Verloren-Seins dieses Menschen, dieser großen Seele, ein Gefühl, das ihn im Grunde sein Leben lang begleitet. Auch ein Nietzsche war zutiefst von diesem Gefühl ergriffen. Es ist ein Gefühl, das mit dem Schicksal der Menschen tief in seinem Inneren verbunden ist. Ich fürchte fast, man muss es in irgendeinem Leben mit aller Intensität erfahren haben, um als verlorener Sohn oder verlorene Tochter bedingungslos wieder ins Vaterhaus zurückkehren zu wollen.

PS: Zu dem Thema „Zigeuner“ gibt es, finde ich, zwei bemerkenswerte Zeitungsartikel:

Welt/Kultur: „Wir sind Zigeuner,  und das Wort ist gut“
stern.de: Darf man neute noch Zigeuner sagen?

Und auch die Wikipedia-Artikel zum Ewigen Juden sind aufschlussreich:

https://de.wikipedia.org/wiki/Ewiger_Jude
https://de.wikipedia.org/wiki/Der_ewige_Jude

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Seine Wunde voller Gnaden / Pflegt der Liebe sanfte Kraft. – Was mancher sich wünscht! – Georg Trakls „Im Winter“.

Die folgenden Zeilen gingen dem wesentlich bekannteren Gedicht > Ein Winterabend < voraus, waren gleichsam dessen erste Fassung. Sie enthalten jedoch jene zwei oben zitierten und im Folgenden hervorgehobenen Verse, die sich in Ein Winterabend nicht mehr finden, die für mich aber unnachahmlich sind in dem, was sich Menschen, die eine tiefe Wunde in sich tragen, nur wünschen mögen:

Wenn der Schnee ans Fenster fällt,
Lang die Abendglocke läutet,
Vielen ist der Tisch bereitet
Und das Haus ist wohlbestellt.

Mancher auf der Wanderschaft
Kommt ans Tor auf dunklen Pfaden.
Seine Wunde voller Gnaden
Pflegt der Liebe sanfte Kraft.

O! des Menschen bloße Pein.
Der mit Engeln stumm gerungen,
Langt von heiligem Schmerz bezwungen
Still nach Gottes Brot und Wein. 

Letztendlich ist es so, dass jeder Mensch eine tiefe Wunde in sich trägt. Es ist die Wunde des Mensch-Seins in der Art, wie wir alle es zu leben haben, seitdem sich das einstmals geschaffene Wesen, das im Hebräischen Adam Kadmon genannt wird oder welches die Germanen Yggdrasil nannten, jene Weltenesche, die über alle Himmel reichte – so groß war einst das Wesen des Menschen -, durch die luziferische Verführung, die wir aus der Genesis, dem 1. Buch Mose also, als Schlange kennen, gewaltig veränderte hin zu einer Existenz, wie wir sie in milliardenfacher Ausprägung auf unserer Erde finden. 

Gewiss will uns diese luziferische Verführung eine Freiheit bringen (manche bilden sich schon ein, frei zu sein), die uns auszeichnen wird vor allen kosmisch-hierarchischen Stufen, seien es Engel, Erzengel oder Throne (sie können „nur“ den Willen Gottes tun, wir können ihn ignorieren). Aber der Weg dorthin ist schwer erkauft, und in Georg Trakl (1887-1914) wird die Zerrissenheit des Menschen, wie sie in jenem vorhanden war so wie in uns (manchen nur ist sie noch nicht bewusst, manche auch kaschieren sie bestens, weil sie Angst haben, ihr ins Auge zu schauen) so deutlich.

Viele Gedichte Trakls zeugen von dieser Zerrissenheit, manche Passagen aus seinen Briefen muten fast herzzerreißend an, wenn er förmlich um Hilfe wimmert, indem er beispielsweise an seinen Freund Ludwig von Ficker, den Herausgeber des Journals Der Brenner, in dem jener immer wieder Trakls Gedichte veröffentlichte, Ende November 1913, nur wenige Monate vor seinem selbst gewählten Tod, schreibt:

Vielleicht schreiben Sie mir zwei Worte; ich weiß nicht mehr ein und aus. Es ist ein so namenloses Unglück, wenn einem die Welt entzweibricht. Oh mein Gott, welch ein Gericht ist über mich hereingebrochen. Sagen Sie mir, daß ich die Kraft haben muß noch zu leben und das Wahre zu tun. Sagen Sie mir, daß ich nicht irre bin. Es ist steinernes Dunkel hereingebrochen. O mein Freund, wie klein und unglücklich bin ich geworden.

Es umarmt Sie innig

                              Ihr Georg Trakl

Womöglich bestünde das Wahre in der Erkenntnis, dass dieser Gott, den wir anflehen, wir selbst sind, in den wir selbst alles Mögliche hineinprojizieren, etwas, was schon Rilke immer wieder tat („Du Nachbar Gott …“), nicht nur mit Gott, sondern auch den schrecklichen Engeln, die er auftauchen lässt. 

Ich will damit nicht sagen, dass es nicht etwas, das wir mit dem Wort Gott zu erfassen suchen, gibt, aber sich zu dieser Instanz zu erheben, setzt ein Bewusstsein dafür voraus, dass wir immer auch in Gefahr sind, uns selbst anzurufen, weil wir in Wahrheit bisher nicht über uns hinauskommen. Manchmal mag das auch besser sein und Schiller hat dieser Tatsache > Das verschleierte Bild zu Saïs < gewidmet, ebenso Kafka, als er seine > Türhüterlegende < schrieb. Schiller wusste wohl, um was es ging, Kafka mag eher unbewusst jene Tatsache beschrieben haben, warum es gut ist, dass es einen Türhüter vor dem Gesetz gibt (Drogen setzen zumeist jenen außer Kraft, weshalb es diesen Abhängigen so schlecht geht (sie verkraften nicht, was zumeist unbewusst, wenn sie eintreten – Kafka nennt, was da kommt, Gesetz –  auf sie einströmt).


Wir haben wohl beides in uns: den Glanz des Himmels und tiefste Finsternis.         

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Achtsam gegenüber Mascha Kaléko: so anrührend, so gefährlich! – Zu ihrem Gedicht „Rezept“.

 

Jage die Ängste fort
und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muss, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
geht es um dich oder ihn.
Dein eignen Schatten nimm
zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruss mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiss deine Pläne. Sei klug
und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
im grossen Plan.
Jage die Ängste fort
und die Angst vor den Ängsten.

 

In einem Facebook-Forum zur Weltliteratur, in dem ich Mitglied bin, ist es Usus, immer wieder Sinnsprüche berühmter Schriftsteller, Essayisten und Philosophen zu veröffentlichen, bestehend aus ein, zwei oder drei Sätzen – möglichst jedenfalls kurz und in Instant-Form, sozusagen Sinn-Burger.

Oft sind sie aus dem Zusammenhang gerissen. Und selbst wenn dem ein oder anderen das auffällt und es auch erfreulicherweise stellenweise moniert wird: Ihr Inhalt klingt ja doch immer wieder total überzeugend. Schaut man jedoch genauer hin, fällt einem auf, wie pauschal und undifferenziert diese aus dem Zusammenhang gerissenen Sentenzen oft formuliert sind. Wohlklingend werden Inhalte transportiert, die man besser hinterfragte.

Das gilt übrigens ebenso für mehrstrophige Gedichte, auch eines Rilke (dazu ein andermal mehr). Und mit Gedichten einer Mascha Kaléko verhält es sich nicht anders, wobei Souvenir à Kladow zu meinem Lieblingsgedichten gehört ebenso wie An mein Kind und An meinen Schutzengel. Niemand unterstelle mir also, ich hätte grundsätzlich etwas gegen sie. Aber manche verehren einen Rilke oder eine Kaléko – und das gilt für andere Dichter ebenso -, ohne zu beachten, dass beide auch gefährliche seelische Unklarheiten transportieren. Man liest sie und nickt sie ab. Alles Unklare, das wir klaglos aufnehmen, aber trübt unsere Seele ein.

In den obigen Zeilen Mascha Kalékos nun finden sich Gehalte, die ich unterschreiben würde. Den Koffer bereitzuhalten – zumal, wenn es nur noch um einige Jahre einer Koffer-Zeit geht – korrespondiert beispielsweise einem wertvollen Gleichnis der Bibel, dem, das von den zehn Jungfrauen berichtet, von denen gerade mal die Hälfte auf den Bräutigam auf eine seelisch angemessene Weise wartet; die anderen sind nicht vorbereitet auf sein Kommen. Ob das Koffer-Bereithalten sich auf eine grundsätzliche Haltung in Bezug auf unsere Leben bezieht oder auf eine spezifische im Leben eines Einzelnen – dieses Bild finde ich bedenkenswert. Allemal ist unsere Reise auf der Erde nicht zu Ende.

Anders ist es mit den Zeilen

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muss, kommt.

Was kommen muss, muss eben nicht kommen. Gewiss haben wir in der Zeit vor unserem Leben – die indisch-spirituelle Tradition nennt sie Devachan – maßgebliche Konstellationen unseres Lebens in gewisser Weise programmiert (womit zusammenhängt, dass wir auf Menschen treffen, von denen wir das Gefühl haben, sie seien uns vollkommen vertraut); aber es ist falsch anzunehmen, ein Programm könne nicht umgeschrieben werden.

Viele Menschen leben zudem ein Leben, das nicht ihren Vorstellungen entspricht und den Möglichkeiten, die sie vor ihrem Leben im Devachan gesehen und sich zu leben vorgenommen hatten. Wenn das so ist – und ich gehe davon aus -, dann muss es genauso die Möglichkeit geben, die Grenzen des Vorstellbaren in eine positive Richtung zu überschreiten.
Ganz davon abgesehen, dass eine innere Haltung, die nicht unserem wahren Wesen entspricht, dazu führen kann, dass wir fälschlich annehmen, dem Schicksal Genüge tun zu müssen oder ihm ausgeliefert zu sein. Solch eine Haltung kann zusammenhängen mit Kindheitserlebnissen, die uns geprägt haben und die wir nicht in der Lage waren aufzuarbeiten. Wir folgen dann einem Schicksal, das in Wirklichkeit dieses große Wort nicht verdient, sondern auf ein Trauma unseres Lebens zurückzuführen ist. Wenn wir dieses Trauma Schicksal nennen, akzeptieren wir seine Nicht-Aufarbeitung womöglich auf eine fatale Weise und verpassen eine wichtige Möglichkeit, die unser Leben eigentlich bereithält.

Was „sie“ sagen, wie Kaleko in oben zitierter Stelle ebenfalls formuliert, ist eine Aussage, die sie, die Sagenden betrifft: noch lange nicht mich.
Ich muss nicht alles glauben, was „sie“ sagen. Und ich finde es schade, dass Mascha Kaléko per Rezept rät, von diesen doch recht diffusen Anonymen sich so beeinflussen zu lassen.

Gewiss verraten uns Brüder der eigenen Familie, wie in der folgenden, der vierten Strophe angesprochen wird. Das kommt immer wieder vor. Es muss nicht sein, aber die Familie ist ein Lernfeld, kein seelisch-geistiges Zielfeld.
Es gibt aber einen Bruder und eine Schwester im Geiste. Ich wünsche jedem, dass er einen solchen Bruder und eine solche Schwester um sich weiß. Meist braucht man nicht einmal die Finger einer Hand, um ihre Zahl zu zählen. Aber eine schon, nur einer ist so wertvoll!

„der Bruder verrät“? – Mein Bruder, meine Schwester, die mit mir auf einem Weg unterwegs sind, über dessen Ziel ich mir im Klaren bin, verraten weder sich noch mich. Sie machen Fehler, wie jeder auf der Erde. Aber ich bin voller Vertrauen. – Mascha Kaléko übergeht, dass uns jenes unsere Kultur prägende Buch, das sowohl ein Brecht als auch ein Rilke ebenso wie viele andere schätzten, lehrt, auf unserem spirituellen Weg uns von den Familienbanden, in die wir hineingeboren wurden, zu entwickeln hin zu unserer geistigen Familie (was nicht bedeutet, dass wir erstere nicht weiterhin wertschätzen und achten).

Ich nehme auch nicht den eigenen Schatten zum Weggefährten.
Meine Schatten begleiten mich, ob ich will oder nicht. In Goethes Faust heißt des gleichnamigen Protagonisten Schatten Mephistopheles. In ihm vereinen sich all unsere seelischen Konstellationen, die wir mit dem Fall Luzifers in uns angehäuft haben und die uns zwingen, zu wahrer Freiheit zu gelangen, durch viele Kämpfe hindurch. Keine unserer geistigen Vorgänger auf diesem Weg, kein Engel, Erzengel oder Cherubim besitzt das, was am Ende des menschlichen Weges steht: eine Form des Bewusstseins, die Menschen erstmalig im Kosmos erreichen können. Und dieses Bewusstsein hat zu tun mit einer Freiheit, wie sie sich in Kain und in Prometheus in den Mythen beispielhaft abbilden.
Ich nenne diese Schatten nicht Gefährten, Weggefährten. So dahingesagt klingt das, als ob sie mir gar willkommen seien. Sie sind es höchstens, um aufgelöst zu werden; davon aber schreibt Mascha Kaléko leider nichts.

Einen Schatten nach dem anderen will ich durchschauen wie den Stein, den Sisyphos vor sich herschiebt und dessen Sinn er nicht durchschaut, weshalb Camus seinen Sisyphus in seinem berühmten Essay glücklich nennt und einen Rebellen. Dieser große Schriftsteller und Existentialist erkennt nicht, dass ein Rebell, nimmt man seine Übersetzung aus dem Lateinischen wörtlich (re-bellum), immer wieder Krieg führt, und zwar gegen sich selbst. Das aber kann kein Ziel sein.
Nein, ich bemühe mich, einen dieser Schatten nach dem anderen aufzulösen. Insofern hoffe ich mein Leben in wachsenden Ringen zu leben, wie Rilke es formuliert.
Solange ich jene Hilfe, die jedem Menschen zuteil wird, Wunder nenne (Str. 6), so lange bin ich auch vom Schicksal auf ziemlich fatale Weise abhängig. Ich will nicht sagen, dass ich mein Leben bis zum letzten der Ringe – es sind Ringe unseres Bewusstseins – lebe; das glaube ich, wie auch Rilke, nicht; zu viel an Bewusstsein fehlt mir noch. Deshalb bleibe ich auch immer noch ein Stückweit – bei dem einen ist dieses Stück größer, bei dem anderen schon kleiner (keiner ist deshalb besser oder schlechter) – dem Schicksal ausgeliefert.

Mascha Kaléko spricht in der vorletzten Strophe von einer Wunde, die es wach zu halten gilt, und es sind Wunder, von denen sie in der letzten spricht. Beide Worte trennt nur ein Buchstabe und in der Tat sind auch beide aufs Engste miteinander verzahnt. Solange wir an jener luziferischen Wunde leiden, die sich im Verlaufe der Menschheitsgeschichte weit mehr ausgedehnt haben mag, als es jene Elohim, die uns geschaffen haben (Luther übersetzte Gott statt wie es dasteht: elohim), vorausschauend sich ausdachten, solange glauben wir an Wunder.
Wenn wir diese oben angesprochene Wunde heilen, wird das auch das Ende von Wundern bedeuten, denn in dem dann vorhandenen Weltinnenraum alles Geschaffenen gibt es kein Schicksal mehr, keine Wunder, keine Wunden.
In diesem Raum – einem Weltinnenraum eben, wie ihn Rilke nennt – mag alles wunderbar sein und wir werden das sogenannte Böse auf neue Weise sehen können.

Es ist gut, wenn wir die Ängste auflösen können und zu guter Letzt die Angst vor den Ängsten. Aber wenn dies nicht nur eine Floskel sein soll, dann müssen mir mit den Worten sorgfältiger umgehen und nicht so sehr, wie es Mascha Kaléko in ihren oft so berührenden Gedichten gut, uns Gefühlen hingeben, die uns auf eine unklare, neblige Seite des Lebens ziehen. Mascha Kalékos Wirkung beruht sehr oft darauf, dass sie an diese Gefühle appelliert. So verständlich ich das finde, so sehr auch möchte ich raten, genau hinzuschauen, ob man sich ihnen wirklich hingeben möchte. Solches Hinschauen kann eine wertvolle Übung zu mehr Klarheit hin sein.

PS

Nachtrag zu obiger Interpretation am 24. Dezember, genau zwei Tage, also 48 Stunden nach ihrer Veröffentlichung:

Normalerweise kann ich mich nach Veröffentlichung eines Post gedanklich neuen Dingen zuwenden. Aber hier war es anders und mich hat sehr bald ein erhebliches Unwohlsein in Bezug auf obigen Beitrag beschlichen. Mittlerweile ist mir klar, woran das liegt:

Menschen wie Mascha Kaléko entwickeln sich in ihrem Leben zwischen den Leben weiter und das bringt es mit sich, dass, wenn sie Dichter waren, sie ihre Werke auch anders wahrnehmen. Franz Kafka wollte bemerkenswerterweise schon zu Lebzeiten nicht, dass der überwiegende Teil seines Werkes veröffentlicht wird – was ich nachvollziehen kann und zu respektieren m. E. sinnvoll gewesen wäre, was hier aber auszuführen zu weit führen würde. Dichterinnen wie Mascha Kaléko möchten möglicherweise über vierzig Jahre nach ihrem Tod nicht, dass Gedichte wie „Rezept“ weiterverbreitet werden. Gewiss sind sie Dokumente ihrer Zeit und Dokumente eines Bewusstseinszustandes eines Menschen namens Kaléko zur Zeit ihrer Veröffentlichung, falls diese zeitnah mit dem Schreiben geschah. Aber viele unserer Zeitgenossen lesen sie nicht so. Sie nehmen sie als bare Münze und übernehmen auch die Gefühlsebenen der Mascha Kaléko, die nun wahrlich nicht immer vorwärtstreibend sind, sondern sich auch gern in überholten und melancholischen Gefühlen suhlen. Genau diese Ebene aber suchen oft auch jene, die sie so gern rezipieren. Gefühle an sich können wertvoll sein, nicht aber jene, die eine klebrige Masse bilden, die an Vergangenes bindet, an Nostalgisches, in dem man nunmal gern steckenbleibt (was viele, die mit diesen Gefühlen bestens vertraut sind, vermutlich abstreiten würden). Damit will ich nicht sagen, dass das bei unserer Autorin immer so ist, aber dennoch immer wieder.

Es ist meine subjektive Sicht, dass ich glaube, dass Mascha Kaléko heute sieht, dass nicht wenige ihrer Gedichte der menschlichen Entwicklung nicht unbedingt förderlich sind, auch, weil sie Geschehen zwar durchaus gekonnt auf den Punkt bringt, gern aber auch zu simplifizierend.

Auf dem Forum Weltliteratur hat eine Leserin geschildert, wie sie sich aus ihren Kindheitstraumen in jahrelanger Arbeit an und mit sich selbst herausgearbeitet hat. Ich fand den Mut, dass diese Frau uns teilhaben lässt an ihrem Weg, bemerkenswert und wichtig, denn ihre Worte haben gezeigt, dass Arbeit an sich selbt notwendig ist, verbunden mit viel Beharrlichkeit und Durchhaltevermögen

Auf ihre Erfahrungen eingehend, habe ich ihr geschrieben: Aus meiner Sicht sind solche Erfahrungen besonders wertvoll, weil sie in das große Arsenal all unserer Erfahrungen eingehen und unsere weitere Zukunft – und sie ist für mich mit diesem Leben nicht abgeschlossen – formen. Sie haben – und das ist ein Aspekt, der Mascha Kaléko nicht zu sehen vergönnt war – ihr eigenes Wunder geschaffen, wenn man das mit den Worten der Dichterin formulieren will. Hätten Sie auf die Wunder gewartet, die im großen Plan verzeichnet sind, würden Sie vielleicht heute noch warten. Gut, dass Sie der Rezeptur Mascha Kalékos nicht gefolgt sind.

Ich bin damit auf die letzte Kaléko-Strophe eingegangen. Ihr Inhalt ist, wie mancher andere, fragwürdig, finde ich. Und ich vermute deshalb, Mascha Kaléko hat heute kein Interesse mehr, dass ihr Gedicht noch unnötig viele Leser findet. Durch meinen Beitrag aber habe ich das Gegenteil lanciert.

Was mir zudem an meinem Beitrag nach einigem Nachdenken missfällt:

Einerlei, ob ich die Ansichten Kalekos teile oder nicht: Als menschliche Erfahrungen sind sie es in ihrer Ernsthaftigkeit, in der die Frau doch fast durchgehend schrieb, wert, so genommen zu werden, wie sie sind. Zu wenig habe ich, abgesehen von der Kofferstelle, gewürdigt, was Kaléko an Wertvollem anspricht; zum Beispiel ist der Umgang mit Leid, ihm also still ins Gesicht zu sehen, eine wirklich beachtenswerte Aussage.

Zusammenfassend möchte ich sagen, dass ich mir hätte überlegen sollen, ob Mascha Kaléko einverstanden ist mit einem Beitrag zu ihrem Gedicht. Aus meiner Sicht heute bin ich fest überzeugt, dass sie ihn nicht gewollt hätte. Zum anderen möchte ich einen Interpretationsgestus, den man auch als überheblich bezeichnen kann, in Zukunft meiden, nämlich die Sicht eines Autors, wie sie in „Rezept“ vorliegt, einer eigenen gegenüberzustellen, ohne zumindest immer wieder darauf zu verweisen, dass ein Mensch ein Recht auf diese Sicht hat und dass sie auch in gewisser Weise aus der der damaligen Zeit heraus zu verstehen ist.

 

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