„alle Zeit, die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird, ist so verloren wie die Farben des Regenbogens für einen Blinden“ (Michael Ende)

Im 12. Kapitel von Michael Endes Momo, überschrieben „Momo kommt hin, wo die Zeit herkommt“, findet sich die folgende Stelle, in der Meister Hora Momo sagt: 

»(…) was die Menschen mit ihrer Zeit machen, darüber müssen sie selbst bestimmen. Sie müssen sie auch selbst verteidigen. Ich kann sie ihnen nur zuteilen.
«Momo blickte sich im Saal um, dann fragte sie: »Hast du dazu die vielen Uhren? Für jeden Menschen eine, ja?«
»Nein, Momo«, erwiderte Meister Hora, »diese Uhren sind nur eine Liebhaberei von mir. Sie sind nur höchst unvollkommene Nachbildungen von etwas, das jeder Mensch in seiner Brust hat. Denn so wie ihr Augen habt, um das Licht zu sehen und Ohren, um Klänge zu hören, so habt ihr ein Herz, um damit die Zeit wahrzunehmen. Und alle Zeit, die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird, ist so verloren wie die Farben des Regenbogens für einen Blinden oder das Lied eines Vogels für einen Tauben. Aber es gibt leider blinde und taube Herzen, die nichts wahrnehmen, obwohl sie schlagen.«
»Und wenn mein Herz einmal aufhört zu schlagen?«, fragte Momo.
»Dann«, erwiderte Meister Hora, »hört auch die Zeit für dich auf, mein Kind. Man könnte auch sagen, du selbst bist es, die durch die Zeit zurückgeht, durch alle deine Tage und Nächte, Monate und Jahre. Du wanderst durch dein Leben zurück, bis du zu dem großen runden Silbertor kommst, durch das du einst hereinkamst. Dort gehst du wieder hinaus.«
»Und was ist auf der anderen Seite?«
»Dann bist du dort, wo die Musik herkommt, die du manchmal schon ganz leise gehört hast. Aber dann gehörst du dazu, du bist selbst ein Ton darin.«
Er blickte Momo prüfend an. »Aber das kannst du wohl noch nicht verstehen?«
»Doch«, sagte Momo leise, »ich glaube schon.«
Sie erinnerte sich an ihren Weg durch die Niemals-Gasse, in der sie alles rückwärts erlebt hatte und sie fragte: »Bist du der Tod?«
Meister Hora lächelte und schwieg eine Weile, ehe er antwortete: »Wenn die Menschen wüssten, was der Tod ist, dann hätten sie keine Angst mehr vor ihm. Und wenn sie keine Angst mehr vor ihm hätten, dann könnte niemand ihnen mehr die Lebenszeit stehlen.«
»Dann braucht man es ihnen doch bloß zu sagen«, schlug Momo vor.
»Meinst du?«, fragte Meister Hora. »Ich sage es ihnen mit jeder Stunde, die ich ihnen zuteile. Aber ich fürchte, sie wollen es gar nicht hören. Sie wollen lieber denen glauben, die ihnen Angst machen. Das ist auch ein Rätsel.«

Es ist eine der schönsten und wahrhaftigsten Stellen in der Deutschen Literatur, die ich kenne, diese Aussage Meister Horas, dass alle Zeit, die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird, verlorene Zeit ist.
Ohnehin ist dieser Textauszug geprägt von einem spirituellen Wissen, das Michael Ende in diesem Ausmaß – auch seine „Unendliche Geschichte“ weist das aus – wie nur wenigen Schriftstellern zur Verfügung stand. Denn dass wir in der Phase des „Kamaloka“ – die Kirchen nennen sie „Fegefeuer“ – von unserem Sterbezeitpunkt an zurück bis zu unserer Geburt gehen, ist so vielen Menschen nicht unbedingt bekannt; aber Michael Ende hat diese Tatsache bereits dadurch angedeutet, dass Momo nur rückwärts gehend zum Niemals-Haus Meister Horas in der Niemals-Gasse gelangen konnte, zu jenem Mann, der sozusagen triadische Wesenheiten in sich vereint, welche die Römer Parzen, die Griechen Moiren, die Germanen Nornen und die Kelten Bethen, ihre „saligen Frauen“ nannten.

Jede Nacht gehen wir ja ebenfalls rückwärts den Tag durch; und die Summe dieser Nächte, die eben unsere Tagesabläufe widerspiegeln, ergibt jene Zeit, die der Mensch im Kamaloka zurückzulegen hat, aufarbeitend, was er im Leben gewollt, getan und gedacht hat, bis er bei seiner Geburt anlangt, um dann endlich durch jenes Silbertor gehen zu können, das den Eingang in das „Devachan“, den Himmel bedeutet, in Ebenen, die allerdings höchst vielschichtig sind und womöglich nicht allen gleichermaßen zur Verfügung stehen.
Mit diesem Rückweg bis zur eigenen Kindheit entschlüsselt sich einer der Sinnebenen der Christus-Aussage: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Reich der Himmel gelangen.“ – Er hätte auch mit Michael Endes Worten sagen können: … werdet ihr nicht durch das Silbertor eintreten dürfen.
Menschen allerdings, die kein geistiges Bewusstsein mit hinübernehmen und nur materialistisch orientiert waren, werden ihren Jenseitsaufenthalt ziemlich sicher als sehr unschön, weil in einem sehr reduzierten Bewusstseinszustand erleben, in hohem Maße zudem abhängig von satanischen Wesenheiten, bevor sie wieder zurückkehren auf die Erde, einem weiteren Aufenthalt, den sie nur sehr unvollständig vorbereiten konnten, mit entsprechenden Folgen.

Erwähnt werden sollte, dass es die „Hölle“ im christlichen Sinne nicht gibt, auch wenn sie Dante – in gewisser Weise Opfer seiner katholischen Religiosität – in seiner „Divina Comedia“ ausführlichst gestaltet hat. Es gibt allerdings etwas wie einen Geistigen Tod und eine sogenannte „Achte Sphäre“, die jenen droht, die auf ihrer pur materialistischen Sicht beharren, noch über eine lange Zeit, bis zu einem Zeitpunkt, der mit der Zahl 666 erfasst ist. Der wird dann in der Tat das Tor zur Hölle öffnen.
Bleibt noch anzumerken, wie sehr es dem Anthroposophen Rudolf Steiner ein Anliegen war zu betonen, dass die Sicht auf den eigenen Tod das schönste Erlebnis sein wird, das einem Menschen im Leben nach dem Leben zuteil wird, zugleich Voraussetzung dafür, dass ihm im Jenseits das Bewusstsein seiner Individualität erhalten bleibt.

Jene Musik, die Momo zu Beginn des Romans nachts immer wieder im Amphitheater gehört hatte, wenn es in die Sterne hineinlauschte, hört sie im Sternensaal Meister Horas, in dem die Stunden-Blumen sich ihr so wunderbar zeigen. Dieses Kind war auch in seinem Alltag immer wieder verbunden gewesen mit dem Himmel und es begreift,

„ dass alle diese Worte an sie gerichtet waren! Die ganze Welt bis hinaus zu den fernsten Sternen war ihr zugewandt wie ein einziges, unausdenkbar großes Gesicht, das sie anblickte und zu ihr redete!
Und es überkam sie etwas, das größer war als Angst.
In diesem Augenblick sah sie Meister Hora, der ihr schweigend mit der Hand winkte. Sie stürzte auf ihn zu, er nahm sie auf den Arm und sie verbarg ihr Gesicht an seiner Brust. Wieder legten sich seine Hände schneeleise auf ihre Augen und es wurde dunkel und still und sie fühlte sich geborgen. Er ging mit ihr den langen Gang zurück.
Als sie wieder in dem kleinen Zimmer zwischen den Uhren waren, bettete er sie auf das zierliche Sofa.
»Meister Hora«, flüsterte Momo, »ich hab nie gewusst, dass die Zeit aller Menschen so …« – sie suchte nach dem richtigen Wort und konnte es nicht finden – »so groß ist«, sagte sie schließlich.
»Was du gesehen und gehört hast, Momo«, antwortete Meister Hora, »das war nicht die Zeit aller Menschen. Es war nur deine eigene Zeit. In jedem Menschen gibt es diesen Ort, an dem du eben warst. Aber dort hinkommen kann nur, wer sich von mir tragen lässt. Und mit gewöhnlichen Augen kann man ihn nicht sehen.«
»Aber wo war ich denn?«
»In deinem eigenen Herzen«, sagte Meister Hora und strich ihr sanft über ihr struppiges Haar.
»Meister Hora«, flüsterte Momo wieder, »darf ich meine Freunde auch zu dir bringen?«
»Nein«, antwortete er, »das kann jetzt noch nicht sein.«

Dass die ganze Welt uns zugewandt sein wird, ist etwas, was wir im Devachan erleben können, ja, wir werden möglicherweise, wie einst Adam Kadmon, wie die Jüdische Kabbala den ursprünglichen Geistesmenschen, noch nicht infiziert von Luzifer, nannte, die ganze Welt sein, und der ein oder andere mag glauben, was man von Georg Friedrich Händel erzählt – die Entstehung seines „Messias“ hat Stefan Zweig im 4. Kapitel seines Buches „Sternstunden der Menschheit“ dargelegt -, dass er, als er das Hallelujah komponierte, den Himmel offen gesehen habe.
Und immer, wenn dieses Werk auf Erden ertönt, singt ein Engelchor mit.  

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Inhalt:
– Fragen zum Sterben und Tod
– Was nach dem Tod geschieht:
3 bemerkenswerte Phasen: Lebenstableau – Fegefeuer – Devachan
– Mörikes Gedicht „Denk es, o Seele!“ – den Tod zu denken führt zu wirklicher Freiheit – Denken, ein Geschenk der Götter – Unser Verhältnis zu den sogenannten Toten – eine ungenutzte Ressource  ⤵

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4 Antworten zu „alle Zeit, die nicht mit dem Herzen wahrgenommen wird, ist so verloren wie die Farben des Regenbogens für einen Blinden“ (Michael Ende)

  1. wolkenbeobachterin schreibt:

    lieber johannes, danke für den wieder sehr interessanten text. es ist schon sehr lange her, dass ich das buch mit begeisterung las. danke fürs dran erinnern. ein schönes neues jahr wünsche ich dir. liebe grüße m

    • Das möchte ich Dir auch wünschen, ein gesundes neues Jahr mit immer wieder schönen Augenblicken.
      Im Gegensatz zu anderen fand ich das alte Jahr ja bereits vielversprechend, denn so bedauernswert auch ist, dass Menschen unter der Pandemie zu leiden hatten, es wird eine Wende eingeläutet haben, die dringend notwendig ist, damit sich die Not so vieler Menschen und Tiere, die auf unserer Erde so unnötig leiden, wendet.
      Liebe Grüße!

  2. Gisela Benseler schreibt:

    Vor allem freue ich mich über die Worte von Meister Hora aus dem Kinder-Roman „Momo“. Was es sonst gibt oder nicht gibt, darüber kann ich nicht streiten, weil mein Wissen darüber Stückwerk ist. Ich kann nur versuchen, in ganz kleinen Erkenntnisschritten voranzukommen. Den großen Überblick habe ich nicht, nur ab und zu Ahnungen. Manchmal leuchtet uns Wahrheit auf wie ein Lichtstrahl. Dann wird uns Wissen neu geschenkt.

  3. Thomas schreibt:

    Herzlichen Dank für dieses Zitat aus „Momo“. Werden wie die Kinder – so oft falsch verstanden. Kindlich und nicht kindisch sein, d.h. zeitlos durchs Leben gehen wie ein spielendes Kind. Dethlefsen hat einmal gesagt, dass nur rituelles und bewusstes Handeln uns mit unserem wahren Wesen verbindet. Dann wird unser Tun heilig und Gottesdienst. Und die Zeit verschwindet. Ich habe hierfür einen Aphorismus gefunden: Zeit ist das Einzige, was besteht, indem es vergeht. Wenn wir mehr über „Zeit“ und unser „Ich“ meditieren kommen wir näher an unser Wesen als durch angestrengtes Denken und unbewusstes Handeln. Und Klotho, Lachesis und Atropos können uns nichts mehr anhaben. Lyrische Gedanken dazu von mir:

    Epitaph

    Den Faden spinnen
    nie verlieren
    nur dazugewinnen

    Sein Los ertragen
    im Verlieren
    stets den Sinn erfragen

    Ans Ziel gelangen
    sich verlieren
    um neu anzufangen

    (C) TM 2019

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