Mit dem Tod umgehen lernen. – Eduard Mörikes „Denk es, o Seele!“

Das Gedicht, das manche für das wertvollste unter den Gedichten Mörikes halten, weil formal und inhaltlich so bewusst gestaltet, findet sich am Ende der Novelle, die den schwäbischen Dichter, der übrigens mitnichten ein biedermeierlicher Heimatdichter war, letztendlich deutschlandweit hat bekannt werden lassen:
„Mozart auf der Reise nach Prag“.

Sie handelt von einem Tag im Leben des Musik-Genies im Schloss eines Grafen, als gerade die Hochzeit von dessen Nichte gefeiert wird und Mozart und seine Frau aufgrund eines ungewöhnlichen Zufalls mitten in die adlige und durchaus kultivierte Schlossgesellschaft geraten. Der junge Maestro, gebeten, etwas zur Darbietung zu bringen, spielt der heiteren Runde aus seinem fast fertiggestellten Werk „Don Giovanni“, das er ja eben auch in Prag – deshalb seine Reise! – zur Uraufführung bringen will, etwas vor.
Als der Choral Dein Lachen endet vor der Morgenröte erklingt, den Mozart vorab selbst mit den Worten kommentiert: „Ich sagte zu mir selbst: wenn du noch diese Nacht wegstürbest und müßtest deine Partitur an diesem Punkt verlassen: ob dirs auch Ruh im Grabe ließ’?“, ist die Braut von dem unschätzbaren Erlebnis, wie Mörike es formuliert, tiefer als alle ergriffen, auch, weil sie der Zusammenhang von Leben und Tod nicht nur im Werk Mozarts, sondern auch in dessen Leben, das so früh sich auslöscht, erahnend, tief erschüttert:

„Es ward ihr so gewiß, so ganz gewiß, daß dieser Mann sich schnell und unauf-haltsam in seiner eigenen Glut verzehre, daß er nur eine flüchtige Erscheinung auf der Erde sein könne, weil sie den Überfluß, den er verströmen würde, in Wahrheit nicht ertrüge.“

Wir wissen, dass Rudolf Steiner hinsichtlich Friedrich Schiller thematisiert, „daß sein Organismus verbrannt wurde durch seine mächtige seelische Lebenskraft“ (die Obduktionsergebnisse des Arztes machen fassungslos, wie es in seinem Inneren aussah).
Mörike könnte erahnt haben, dass Vergleichbares auch auf Mozart zugetroffen haben mag und er seine Lebenskräfte auf dem Altar seiner großen Kunst opferte.


Der Dichter des „Maler Nolten“ hat dieses Gedicht 1852 geschrieben, just, als die letzten zwanzig Jahre umfassende Phase seines Lebens begann, in der er nur noch wenig schreiben sollte; umso mehr sind die folgenden Verse ein Kleinod unserer Kultur:

Ein Tännlein grünet wo,
Wer weiß, im Walde;
Ein Rosenstrauch, wer sagt,
In welchem Garten?
Sie sind erlesen schon,
Denk es, o Seele,
Auf deinem Grab zu wurzeln
Und zu wachsen.


Zwei schwarze Rößlein weiden
Auf der Wiese,
Sie kehren heim zur Stadt
In muntern Sprüngen.
Sie werden schrittweis gehn
Mit deiner Leiche;
Vielleicht, vielleicht noch eh
An ihren Hufen
Das Eisen los wird,
Das ich blitzen sehe!

Es zeugt von höchster künstlerischen Fertigkeit, die oft bei Mörike so unscheinbar daherkommt, dass mancher geneigt ist zu glauben, hier dilettiere einer ganz ordentlich, muss doch der erste Satz eigentlich lauten: Wo grünet ein Tännlein?
Mörike ist jedoch nicht nur ein Meister ungewöhnlicher Satz-, sondern auch der Augenblicksgestaltung, das zeigt sich beispielsweise in einem Gedicht, das ebenfalls so unscheinbar wirkt und doch so sehr zu berühren weiß, handelnd von einem einfachen Mädchen, dem sich angesichts des frühmorgendlichen Feuer-Funkenflugs sein Leid zutiefst offenbart:

Früh, wenn die Hähne krähn,
Eh’ die Sternlein verschwinden,
Muß ich am Herde stehn.
Muß Feuer zünden.

Schön ist der Flammen Schein,
Es springen die Funken,
Ich schaue so drein,
In Leid versunken.

Plötzlich da kommt es mir,
Treuloser Knabe!
Daß ich die Nacht von dir
Geträumet habe.

Träne auf Träne dann
Stürzet hernieder,
So kommt der Tag heran –
O ging’ er wieder!

Auch dieses Gedicht beginnt mit einem Diminutiv, den „Sternlein“, einem Bedürfnis der Seele Mörikes entsprechend, seinen Leser auf eine Ebene fernab aller Erwachsenen-Eitelkeiten zu bitten: Lass uns mit den Augen eines Kindes schauen! Lass den verkopften Erwachsenen für eine Weile ruhen! Sieh das Sternlein! Sieh das Tännlein!

Und wie im Gedicht „Das verlassene Mägdlein“ ein anaphorisches „Muß“ folgt, folgt in unserem ein wiederaufgenommenes „wer“: wer weiß, wer sagt, und ebenfalls mit Fragepronomen: wo grünt.

Noch ist alles so unverbindlich, aber klammheimlich wirken die W-Alliterationen und öffnen die Seele des Lesers weit. So wie der Konsonant M das Weltenwort AUM abschließt, so öffnet ein W Welten des Inneren und es ist kein Zufall, dass dieser Buchstabe von 15 Wörtern der ersten vier Zeilen mehr als ein Drittel von ihnen eröffnet.
W fragt nach, öffnet und kann auf innere Ebenen führen.
Und Alliterationen, wenn sich also gleiche Buchstaben zu Beginn nachfolgender Wörter finden, hallen im Falle von Konsonanten, wie es das W einer ist, nach, vertiefen den Resonanzraum der Seele.

Die Braut Eugenie hatte, nachdem die Gäste vom Schlosse abgefahren waren, im engeren Familienkreis ihre Befürchtungen in Bezug auf Mozart nicht verschwiegen, doch lenkt man sie nach Kräften ab. – Die abschließenden Sätze der Novelle lauten:

„Einige Augenblicke später, als sie durchs große Zimmer oben ging, das eben gereinigt und wieder in Ordnung gebracht worden war und dessen vorgezogene, gründamastene Fenstergardinen nur ein sanftes Dämmerlicht zuließen, stand sie wehmütig vor dem Klaviere still. Durchaus war es ihr wie ein Traum, zu denken, wer noch vor wenigen Stunden davorgesessen habe. Lang blickte sie gedankenvoll die Tasten an, die er zuletzt berührt, dann drückte sie leise den Deckel zu und zog den Schlüssel ab, in eifersüchtiger Sorge, daß so bald keine andere Hand wieder öffne. Im Weggehn stellte sie beiläufig einige Liederhefte an ihren Ort zurück; es fiel ein älteres Blatt heraus, die Abschrift eines böhmischen Volksliedchens, das Franziska früher, auch wohl sie selbst, manchmal gesungen. Sie nahm es auf, nicht ohne darüber betreten zu sein. In einer Stimmung wie die ihrige wird der natürlichste Zufall leicht zum Orakel. Wie sie es aber auch verstehen wollte, der Inhalt war derart, daß ihr, indem sie die einfachen Verse wieder durchlas, heiße Tränen entfielen.

Ein Tännlein grünet wo,
Wer weiß, im Walde;
Ein Rosenstrauch, wer sagt,
In welchem Garten?
Sie sind erlesen schon,
Denk es, o Seele,
Auf deinem Grab zu wurzeln
Und zu wachsen.

Zwei schwarze Rößlein weiden
Auf der Wiese,
Sie kehren heim zur Stadt
In muntern Sprüngen.
Sie werden schrittweis gehn
Mit deiner Leiche;
Vielleicht, vielleicht noch eh
An ihren Hufen
Das Eisen los wird,
Das ich blitzen sehe!


Mit diesen zwei Strophen also endet die Novelle, und je öfter man deren Verse liest, desto nachdrücklicher wirken sie.

Gesetzt den Fall, Menschen wüssten um ihren Todestag, ihre Todesstunde und
nehmen wir an, ich weiß, ich sterbe am 22. März 2022 um 9.23 Uhr.
In also 507 Tagen.
Dann verrinnt die gern von uns unbeachtete Zeit auf einmal wie der Sand in der Sanduhr. Zügig. Unaufhaltsam rieselt der Sand der Zeit dahin.
Gerade eben wieder nimmt mir die Zeit eine Lebensgegenwart aus der Hand.
Und immer wieder.
Irgendwo grünt das Tännlein, das einmal auf meinem Grab wächst; in irgendeinem Garten wartet ein Rosenstrauch auf mein Grab, will dort – und wieder finden sich die W-Alliterationen – wurzeln und wachsen.
Und das Heimkehren der Rösslein, der schwarzen Rösslein, erinnert nicht an deren Stall und anstehendes Futter, sondern an die Heimkehr der Seele.

Mörike gestaltet das Gedicht metrisch alternierend mit drei- und zweihebigen Jamben. –

Auch ein Gedicht lebt von seiner Form. Und Kunst-Formen zu verstehen, sich um ihr Verständnis, ihre Bedeutung zu bemühen, bildet den inneren Menschen. Die Schönheit des eigenen Inneren will modelliert sein.
Zwei Verse der insgesamt 18 gehören metrisch jeweils zusammen, der erste umfasst drei Hebungen (unbetont-betont / unbetont – betont / unbetont – betont), dann folgt der zweihebige.
Das ist, als ob in der dreihebigen Gestaltung etwas angesprochen wird (Ein Tännlein grünet wo); das Vollenden erfolgt zweihebig und bündig (Wer weiß, im Walde).
Neben den beiden Strophen sind es diese Paare, die das Gedicht gliedern und seine Aufnahme durch den Leser prägen.

Nur an einer Stelle ist alles anders:

am Schluss, und damit an jener, wo das Eisen sich vom Hufe löst, wo das Glück den nach vorne trabenden Huf verlässt, wo das Eisen zu Boden fällt.

„Das Eísen lós wird“.

Zwei Hebungen. Und was für eine Weise, Zeit als begrenzt auszuweisen!
Eigentlich, der bisherigen Reihenfolge entsprechend, müsste hier ein Vers mit drei Hebungen stehen. Doch werden hier nicht nur die Hebungen verkehrt, indem zunächst ein zweihebiger Vers steht und dann erst der dreihebige folgt („Dás ich blítzen séhe).

Zugleich ändert sich das Metrum, die letzte Zeile ist ein Trochäus, dreihebig: betont-unbetont / betont – unbetont / betont unbetont.

Der Trochäus wirkt, als ob ein Tor sich schließt.

Ein Leser, der nicht detaillierte Lyrik-Kenntnisse besitzt, bekommt von dieser bis in feines Detail reichenden Kunst wenig bis nichts mit.

Aber wir wissen: das Metrum, der Rhythmus teilen sich der Seele mit, die Allite-rationen wirken weitend, die Doppelung des „Vielleicht“ steigert die Spannung, Assonanzen wie „deine Leiche“ drücken sich tief in eine lauschende Seele und die vielen Zeilensprünge treiben vorwärts auf eine Ende zu, von dem man doch gar nicht hören möchte. – Das alles wirkt auch auf der unbewussten Ebene.

Von dieser feinen Kunst im Detail ist auch das Zentrum des Gedichtes betroffen, das „Denk es, o Seele.“

Das ist eine Aufforderung, die wir in dieser Nachdrücklichkeit aus dem 13. von Rilkes Sonetten an Orpheus kennen, wenn der Leser in der ersten Strophe sich aufgefordert sieht:

Sei allem Abschied voran, als wäre er hinter
dir, wie der Winter, der eben geht.
Denn unter Wintern ist einer so endlos Winter,
dass, überwinternd, dein Herz überhaupt übersteht.

So weit geht Eduard Mörikes Formulierung nicht. Es geht ihm nicht um Voran-Sein, es geht ihm allein um den heiligen Akt des Denkens.
Weder geht es darum, Prometheus zu sein, also ein – die Bedeutung des Namens widerspiegelnd – Vorausdenkender, noch ein Epimetheus, dessen Nachdenklichkeit wir den unschönen Inhalt der Büchse der Pandora verdanken.
Wie wichtig Mörike das schlichte, klare Denken ist, wird erkenntlich daran, dass eigentlich ein jambisches Metrum immer unbetont beginnt, bis eben auf jene Ausnahme, die man Tonversetzung nennt, wenn die betonte Silbe, die eigentlich doch der unbetonten folgt, nach vorn gezogen wird und die entsprechende Silbe eine ganz besondere Note erhält. 
Wir betonen nicht: Denk és, o Seéle, sondern Mörikes lyrisches Ich bittet:
………………….
………………Dénk es, o Seéle!

Diese Aufforderung ist dadurch in ihrer inneren Dringlichkeit kaum überbietbar.
Es ist für alle Zeiten eine zeitlose Forderung, die besagt: Warte nicht auf Geistesblitze. Warte nicht auf Erleuchtung.
Kümmere dich, Mensch, mit deinen wertvollen urmenschlichen Mitteln um dich! Um deinen Tod.

Denke deinen Tod.

Gerade jene Menschen, die sich Spirituellem und damit geistigen Ebenen zuwenden, sie als real vorhanden in ihr Leben mit einbeziehen, müssen klar und rein denken und sich nicht auf nebulöse Gefilde ziehen lassen, auf eine diffuse Mystik einlassen, wo alles licht  und Licht sein will, nur damit sie selbst in diesem Lichte hell strahlen.

Pantheismus und Erkenntnis schließen sich aus. Ersteren gibt es nur in den Köpfen von Menschen, die sich von der Wirklichkeit verabschiedet haben.

Denken im Sinne Mörikes ist allerdings auch mehr als intellektualisieren, das nur den Gehirnstrohsack trocken rascheln lässt.

Es ist, als wisse Mörike, dass das Vermögen zu denken ein göttliches Geschenk ist.


Gerade im Zusammenhang mit dem Tod kann es seiner Göttlichkeit gerecht werden.


Ein Tännlein grünet wo,

Wer weiß, im Walde;
Ein Rosenstrauch, wer sagt,
In welchem Garten?
Sie sind erlesen schon,
Denk es, o Seele,
Auf deinem Grab zu wurzeln
Und zu wachsen.

Zwei schwarze Rößlein weiden
Auf der Wiese,
Sie kehren heim zur Stadt
In muntern Sprüngen.
Sie werden schrittweis gehn
Mit deiner Leiche;
Vielleicht, vielleicht noch eh
An ihren Hufen
Das Eisen los wird,
Das ich blitzen sehe!

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