Der einfältige Weg zur Erleuchtung: Vom Licht in der Nacht in Richard Dehmels „Manche Nacht“

Vom einfältigen Weg ist – darauf möchte ich vorab Bezug nehmen – auf wunderbare Weise in Matthias Claudius´ Abendlied die Rede. Dort heißt es in Strophe 5:

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Gott, lass dein Reich uns schauen,

auf nichts Vergänglichs trauen,

nicht Eitelkeit und freun.

Lass uns einfältig werden!

Und vor Dir hier auf Erden

wie Kinder fromm und fröhlich sein.

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Solange der Mensch zweifelt, kann er Gott nicht schauen.

Zweifel: Das Wort geht auf mittelhochdeutsch zwi = zwei und falten zurück. Wer zweifelt, ist gespalten, zweigefaltet.

Wer Gott vertraut, ist in eins gefaltet, in Eins, in Gott! – Er ist ein-fältig!

Einfältig zu sein ist also in Wahrheit ein höchster seelischer Zustand!

Lass uns einfältig werden!.

In diesem Sinne birgt diese Strophe von Matthias Claudius in ihrer Schlichtheit eine große Weisheit.

Oft zieht Weisheit keine strahlenden Kleider an. Dann würde sie jeder sehen und Jedermann urteilt gern.

Wie eine Perle sich in einer Muschel schützt, so schützt sich Weisheit und sie kommt oft eben einfach, schlicht, einfältig daher; nur der Verstehende wertschätzt sie, der Urteilende nicht.

So verhält es sich auch mit Richard Dehmels „Manche Nacht“:

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Manche Nacht

Wenn die Felder sich verdunkeln,

fühl ich, wird mein Auge heller;

schon versucht ein Stern zu funkeln,

und die Grillen wispern schneller.


Jeder Laut wird bilderreicher,

das Gewohnte sonderbarer,

hinterm Wald der Himmel bleicher,

jeder Wipfel hebt sich klarer.


Und du merkst es nicht im Schreiten,

wie das Licht verhundertfältigt

sich entringt den Dunkelheiten.

Plötzlich stehst du überwältigt.

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Schon die Überschrift des Gedichtes weist uns darauf hin, dass wir es nicht mit einem all-täglichen bzw., besser gesagt, all-nächtlichen Ereig­nis oder Geschehen zu tun haben; was uns in den drei Strophen, die das Gedicht umfasst, begegnet, geschieht nur manchmal – und zwar nachts.

Manche Nacht – bereits die Überschrift also weist uns darauf hin, dass hier nicht unbedingt Selbstverständliches geschieht, aber auch nicht etwas, was sich nur einmal im Leben ereignen könnte.

Die ersten Verse führen uns zunächst in die Zeit der Dämmerung, den Mi­nuten des Tages, in denen die ersten Sterne sich am Himmel gegen die noch vor­handene Helligkeit durchzusetzen vermögen [vgl. I,3] und unserem Auge sichtbar wer­den, der Zeit also, in wel­cher der Herzschlag der Natur sich deutlich zu verändern beginnt [vgl. Strophe I, Zeile 4].

Die Eindrücklichkeit des Geschehens wird auch erreicht durch die Personifikation der Sterne und der Felder, dass diesen also Eigenschaften wie menschlichen Wesen zuerkannt werden.

Jeder kennt das, wenn in der Dämmerung der erste Stern funkelt; wie von selbst schaut man, ob schon mehr funkeln, und man wird sich bewusst, dass man in einer Zeit des Übergangs sich befindet; etwas ist noch da,  aber vergeht, etwas will kommen.

Mit diesem so unauffälligen Sätzchen, dass nämlich „ein Stern zu funkeln (versucht)“ [I,3], bringt Richard Dehmel die Dramatik des Kampfes zwischen Licht und Dunkel, zwischen Tag und Nacht zum Ausdruck. Oder ist es kein Kampf? Ist es natürlich und zugleich unwiderruflich?

Wir begegnen dem lyrischen Ich auf Feldern, in der freien Natur also, die eine notwendige Voraussetzung für das Folgende sein mag und ermöglicht, dass sozusagen auch der Herzschlag der Sinne sich verändert, denn das lyrische Ich fühlt, wie auch sein Auge heller wird [vgl. I,2].

Verwundert etwas, dass Richard Dehmel hier nur von einem Auge spricht, welches – auch das erscheint etwas ungewöhnlich – fühlend wahrgenommen wird, so sind auch zu Beginn der zweiten Strophe zwei Sinne miteinander tätig, Hören und Sehen. Es ist offensichtlich, dass dieses synästhetische Wahrnehmen Zeugnis ablegt von einem Menschen, der in dieser Umgebung umfassend wahrzunehmen beginnt, u.a. mit seinem inneren Auge.

Benennt die erste Strophe Zeit und Ort des Geschehens und bereitet uns auf eine innerlich-sinn­liche Ebene vor, so erfahren wir in der zweiten Strophe von den Dimensio­nen der Erfahrungen:„Jeder Laut“ [II,1], „jeder Wipfel“ [II,4] konturiert sich; unüberhörbar weist die Anapher auf die umfassende Qualität des Geschehens hin. Übrigens finden wir bemerkenswerterweise kein einziges Adjektiv dieses Gedichtes in seiner Grundform; jedes steht im Komparativ.

Steigerung ist mithin ein Merkmal dieses abendlich-nächtlichen Erlebens. Sechs – und damit die Hälfte aller Verse dieses Gedichtes – enden mit Komparativen. Und diese Steigerungsform steht ja nicht isoliert da. Alle Adjektive sind verbunden mit Verben, die entweder Aktion (substantiviertes Verb „Schreiten“ [III,1]) oder intensives Geschehen auf einer inneren oder äußeren Ebene suggerieren. So ist von „verdunkeln“ [I,1] die Rede, von ´sich entringen´,´ fühlen´ und ´versuchen´.

Steigerung ist kennzeichnend, aber auch Ver­fremdung, denn selbst „das Gewohnte (wird) sonderbarer““ [I,2]. Damit hängt zusammen, dass der uns vertraute Gebrauch der Sinne hier nicht mehr gilt; es findet nämlich gleichsam eine Sinnenverschmelzung statt, das Auge fühlt [vgl. I,2] und Laute finden ihren Niederschlag in Bildern [vgl. II,1].

Die dritte und letzte Strophe schließt an die vorhergehende an mit einem „Und“, was uns einen ganz unaufgeregten Abschluss des Gedichtes suggeriert; noch dazu wird dem Leser bzw. Hörer ver­mittelt, dass er gar nicht merke, was geschehe. „..du merkst es nicht“ [III,1] – doch diese Aussage irritiert leise. Erstmals – und so kurz vor Schluss doch etwas überraschend – wird der Leser bzw. Hörer angespro­chen, wird einbezogen in den Vorwärts-Rhythmus des Schreitens, der schon seit Be­ginn des Gedichtes durch den Trochäus unterstützt wird, der unauffällig-wirkungsvoll zugleich auch die Bewegung, die durch die Komparative entsteht, verstärkt.

Der Trochäus, die Komparative, die Bewegung des Schreitens: Wer Erfahrungen ma­chen will, muss (er-)fahren, sich bewegen. Vorwärtsbewegung scheint Voraussetzung dafür zu sein, dass die Kompa­rative gipfeln in einen Hochpunkt menschlichen Seins. Das „Licht verhundertfältigt“ [II,2] sich, und „Plötzlich stehst du über­wäl­tigt.“ [III,4]

Das Gedicht Manche Nacht endet in einer Lichtflut, die den Schreitenden völlig überrascht und wohl höchstens erahnen lässt, dass sie sich der Dunkelheit entringen musste – ein leises Kampfgeschehen wird hier angedeutet. Sie kann sich demjenigen auf diese Weise offenbaren, der Bereitschaft zu Veränderung, Steigerung, Verwandlung be­sitzt, der bereit ist zu erfahren, zu schreiten; so kann die Nacht zum Tag werden.

Das Motiv der Verwandlung kennen wir aus manchem anderen Gedicht, aus Kunerts Wie ich ein Fisch wurde oder aus Hesses Stufen beispielsweise. Verwandlung ist ein wesentliches Element menschlichen Lebens; kein Wunder, dass für Goethe der Begriff der Metamorphose so zentral in seinem Leben und Denken war. Deshalb hat er sich ausführlich dem Studium der Pflanzen gewidmet und den Aufsatz Zur Metamorphose der Pflanzen geschrieben, deshalb ist er nach Italien für über ein Jahr gereist und kam als verwandelter Mensch zurück. – Wer gönnt sich heute solche „Aus-Zeiten“, wer kann sie sich gönnen?

Nacht und Tag: Diese Gegensätzlichkeit ist nur eine unter mehreren, die sich finden lassen. Wir erinnern uns an den Hell-Dunkel-Gegensatz der ersten ebenso wie an den Kontrast zwischen Klarem und Sonderbarem der zweiten Strophe. Doch Gegensätze müssen sich nicht schroff gegenüberstehen, es gibt immer auch Momente der Vereinigung.

Mag zu Beginn Richard Dehmel über das lyrische Ich sich selbst ins Spiel gebracht haben, so ist doch offensichtlich, dass er ganz bewusst am Schluss seinen lesenden Gegenüber anspricht und ihm sagt: Unter den Bedingungen und zu dem Zeitpunkt, den ich in den Strophen 1 und 2 angesprochen habe, geschieht etwas, was sich zunächst in dir unbewusst abspielen mag: „Du merkst es nicht […]“ [III,1]. Doch dann erlebst du etwas, was diese Nacht heraushebt unter vielen anderen. Schließlich lässt das Adverb „Plötzlich“ vor allem an dieser prononcierten Stelle in der Zeile – und auch noch in der letzten – keinen Zweifel an dem machtvollen Geschehen.

Wer, wie oben beschrieben, vorwärtsgehen, leben und erleben kann, dem mag geschehen, was die letzte Strophe anspricht. So wenig Aufhebens das Gedicht von sich selbst macht – die äußere Form ist schlicht und unauffällig, der vierhebige Trochäus, die drei Strophen zu vier Zeilen, die konsequent durchgehaltenen Kreuzreime weiblicher Endung zeugen davon-, so wenig Aufhebens scheint notwendig zu sein, um die Licht-Erfahrung machen zu dürfen.

Es könnte eine zutiefst religiöse Erfahrung sein, denn das biblische „Es werde Licht“ der Schöpfungsgeschichte hat ja nicht nur mit einer äußerlichen Illumination des Universums zu tun, vielmehr setzte es einen gewaltigen Bewusstseinsprozess in Gang. Dieser Vorgang mag nur scheinbar einmalig gewesen sein; im Grunde wiederholt er sich immer dann, wenn Erleuchtung stattfindet. Dann gilt, was in einem alten Waldenser-Lied so formuliert ist:

Lux lucet in tenebris – Licht leuchtet in der Finsternis..

In einer Literaturgeschichte finden wir über Richard Dehmel, dass seine Arbeiten Zeugnisse seien einer gärenden Zeit, dass er aber gegen Ende seines Schaffens im­mer stärker geneigt habe zu einem mystisch-phantastischen, zugleich propheti­schen Suchertum. Für manchen mag das verdächtig esoterisch-subversiv klingen. Doch es geht nicht um Etikettierungen bzw. um ein plakatives In-eine-Schublade-Stecken, sondern es geht um die Frage: Weiß Dehmel um eine Wahrheit unseres Seins?

Wer unsere menschliche Existenz verstehen will, der akzeptiert, dass wir unter den Bedingungen von Gegensätzen leben, ja, dass sie Voraussetzung unserer Erkenntnis sind, denn nur derjenige, der krank war, weiß, wie wertvoll Gesundheit ist, nur, wer lange in der Kälte war, weiß mollige Wärme zu schätzen. Traurig, wer blind ist und das Licht nicht kennt, um das die meisten Menschen zu wissen glauben.

Doch es gibt auch ein inneres Licht, das Licht der Gottheit, um das viele nicht wissen, weil sie annehmen, das äußere Licht sei alles. Die innerliche Lichtlosigkeit des Bewusstseins aber ist die eigentliche Hölle; der griechische Philosoph Platon vergleicht sie in seinem berühmten Höhlen-Gleichnis mit einer Höhle. Nur jenes innere Licht eines sich erweiternden Bewusstseins kann Licht ins Dunkel bringen.

Davon weiß Dehmel zwar nicht ein Lied zu singen, aber ein Gedicht zu schreiben. Er durfte das Licht erleben: „Manche Nacht“.  Diese Wahrheit ist so einfach, dass viele sie nicht begreifen. Mystisch-phantastisch – die negative Konnotation ist unüberhörbar – müssen demjenigen die Erfahrungen des lyrischen Ichs sein, der am Tag nur den Tag, in der Nacht nur die Nacht wahrnehmen kann, weil er immer bieder in gewohnten Gleisen wahr-nimmt, was er für wahr hält.

Wer Mut hat zu Ungewohntem, zum Sonderbaren, dem erschließt sich auch im Dunkel der Nacht ein Licht, das hinweist darauf, dass auch Gegensätze sich vereinen können – manche Nacht..

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2 Antworten zu Der einfältige Weg zur Erleuchtung: Vom Licht in der Nacht in Richard Dehmels „Manche Nacht“

  1. wildganss schreibt:

    In meinem „Suchertum“ bin ich auf Ihre ausführliche Interpretation des Dehmel-Gedichtes gestoßen- und habe in der Kommentarfunktion einen Link zu Ihrem Blog gestellt. Immer wieder ist es für mich ein Wunder, wie viel Worte man zu Texten anderer sagen kann, und schreiben…
    Gruß von Sonja

  2. Hallo Sonja,

    ja, suchend sind wir alle unterwegs, die wir so gern erleben, an was Dehmel uns teilhaben lässt.
    Das, was ich geschrieben habe, ist in Jahren gewachsen – ich hab ja auch den Vorteil, dass ich als Lehrer solche Gedichte interpretieren darf … -, und wenn man sich in der Literatur bewegt, erkennt man so viele spirituelle Verbindungslinien, auch zwischen Gedichten, Märchen, Sagen … Auf ihren Spuren mich zu bewegen ist sozusagen eines meiner Hobbys :-)

    Liebe Grüße und viel Freude beim Bloggen!
    Johannes

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