Kennst Du das Land, wo die Zitronen blühn? – „Nur wer die Sehnsucht kennt“, wird es erreichen. – Aus den Lehrjahren Wilhelm Meisters.

Eine der tiefgründigsten Gestalten – und da macht es für mich keinen großen Unterschied, ob sie literarischen oder realen Ursprungs sind – ist Mignon, die Tochter des Harfenspielers aus Wilhelm Meisters Lehrjahren. Und eines jener Gedichte, das mich schon immer sehr berührt hat, ist jenes, welches das Mädchen zu Beginn des dritten Kapitels ganz ohne Vorankündigung singt: .

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Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn,

Im dunkeln Laub die Goldorangen glühn,

Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,

Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht,

Kennst du es wohl?

                                Dahin! Dahin

Möcht ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn! 

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Kennst du das Haus, auf Säulen ruht sein Dach,

Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach,

Und Marmorbilder stehn und sehn mich an:

Was hat man dir, du armes Kind, getan?

Kennst du es wohl?

                                Dahin! Dahin

Möcht ich mit dir, o mein Beschützer, ziehn! 

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Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg?

Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg,

In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut,

Es stürzt der Fels und über ihn die Flut:

Kennst du ihn wohl?

                                Dahin! Dahin

Geht unser Weg; o Vater, laß uns ziehn!

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Ein Lied voller Sehnsucht. Einer Sehnsucht nach dem Geliebten, dem Beschützer, dem Vater. Einer Sehnsucht nach Italien, das hier auch für Kanaan steht, dem Land, dem das Volk Israel nach der Flucht aus Ägypten zustrebte, 40 Jahre lang durch die Wüste, wobei die Zahl 40 für jene (Wochen-)Zeit steht, die wir als Menschen vor einer Geburt benötigen, damit etwas Neues entsteht, so dass wir ins Land unserer Sehnsucht gelangen können. Mörike nannte es Orplid, manche nennen es Atlantis, das tief in unsrer aller Seele ruht. Ein Name, der jenen erstrebten Sehnsuchtsort abbildet.

Umso berührender ist dieses Lied, wenn man die Geschichte dieses Mädchens, das sich erst kurz vor seinem Tod zu seiner Weiblichkeit bekannte – zuvor hatte sie immer Jungen-Kleider getragen – kennt; der Medicus erzählt Wilhelm: .

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Sie mag in der Gegend von Mailand zu Hause sein und ist in sehr früher Jugend durch eine Gesellschaft Seiltänzer ihren Eltern entführt worden. Näheres kann man von ihr nicht erfahren, teils weil sie zu jung war, um Ort und Namen genau angeben zu können, besonders aber weil sie einen Schwur getan hat, keinem lebendigen Menschen ihre Wohnung und Herkunft näher zu bezeichnen. Denn eben jene Leute, die sie in der Irre fanden und denen sie ihre Wohnung so genau beschrieb mit so dringenden Bitten, sie nach Hause zu führen, nahmen sie nur desto eiliger mit sich fort und scherzten nachts in der Herberge, da sie glaubten, das Kind schlafe schon, über den guten Fang und beteuerten, daß es den Weg zurück nicht wieder finden sollte. Da überfiel das arme Geschöpf eine gräßliche Verzweiflung, in der ihm zuletzt die Mutter Gottes erschien und es versicherte, daß sie sich seiner annehmen wolle. Es schwur darauf bei sich selbst einen heiligen Eid, daß sie künftig niemand mehr vertrauen, niemand ihre Geschichte erzählen und in der Hoffnung einer unmittelbaren göttlichen Hülfe leben und sterben wolle. Selbst dieses, was ich Ihnen hier erzähle, hat sie Natalien nicht ausdrücklich vertraut; unsere werte Freundin hat es aus einzelnen Äußerungen, aus Liedern und kindlichen Unbesonnenheiten, die gerade das verraten, was sie verschweigen wollen, zusammengereiht.

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Wilhelm Meister kauft dieses Mädchen von dieser Seiltänzertruppe frei. Seitdem ist sie ihm in höchster Zuneigung zugetan. Ihr Schicksal, ihre Bedeutung gehört zu den größten Geheimnissen dieses Romans.

Wie alle Figuren Goethes steht Mignon für eine Wesenheit auch unserer Seele. Der große Weimarer hat – das möchte ich so zu behaupten wagen – nie etwas Belangloses in seine Werke hineingeschrieben.

Mignon stirbt, als sie Wilhelm in den Armen einer anderen Frau, in den Armen Theresens findet. Ihr zu schwaches Herz erträgt diesen Anblick nicht – warum auch immer. Womöglich wäre sie – obwohl das an keiner Stelle thematisiert wird und sie es auch selbst nie anspricht – mit ihrem Geliebtem, ihrem Beschützer, dem, den sie an Vater statt annahm, zu gern in jenes Land gezogen. Ihr seufzendes o, o Geliebter, o Beschützer, o Vater, bleibt wohl in jedes Lesers Ohr zurück.

Erst gegen Ende des Romans erfahren wir durch den Bericht des Markese, den der Abbé aufzeichnete, was sie wohl selbst nicht weiß: Dass sie der Liebe eines Bruders und einer Schwester entstammt, die beide nichts von ihrer Verwandtschaft wussten. Mignons Vater war Geistlicher gewesen, als er Separata, seine ihm unbekannte Schwester, kennenlernte und sein Gelübde zurückgab, um sie heiraten zu können. Das Umfeld der beiden tat alles, um das zu verhindern, was auch gelang, allerdings nicht wissend, dass Separata bereits schwanger war. Separata zog Mignon alleine auf, bis sie eines Tages deren Hut, auf dem See treibend, fand, ohne die sterblichen Überreste ihres Kindes zu finden, das von jener Seiltänzertruppe entführt worden war.

Als Wilhelm es der Truppe abkaufte, fasziniert von dem Besonderen, das dieses Wesen, das über die längste Zeit, die es der Leser begleitet, als Junge verkleidet war, ausstrahlte, wusste er nicht, dass Mignon eine ganz besondere Rolle in seinem Leben spielen würde, versuchte sie doch, ihn von falschen Lebensschritten zurückzuhalten und verdankte er ihr doch, dass er noch rechtzeitig einen Knaben aus einem brennenden Haus retten konnte, der sich später als sein eigener Sohn herausstellte.

Mit ihrem Tod gab sie ihr Leben an das Leben zurück, vielleicht dadurch dazu beitragend, dass Wilhelm von Theresen ablassen konnte und zu seiner wahren Liebe, Nathalie, fand. Dass sie gegen Ende ihres Lebens ein weißes Kleid trug und wohl auch um ihren Tod ahnte, zeigt ein Lied, das sie sang: .

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So laßt mich scheinen, bis ich werde;

Zieht mir das weiße Kleid nicht aus!

Ich eile von der schönen Erde

Hinab in jenes feste Haus. 

.

Dort ruh ich eine kleine Stille,

Dann öffnet sich der frische Blick,

Ich lasse dann die reine Hülle,

Den Gürtel und den Kranz zurück.

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Und jene himmlischen Gestalten,

Sie fragen nicht nach Mann und Weib,

Und keine Kleider, keine Falten

Umgeben den verklärten Leib.

..

Zwar lebt ich ohne Sorg und Mühe,

Doch fühlt ich tiefen Schmerz genung.

Vor Kummer altert ich zu frühe,

Macht mich auf ewig wieder jung!

..

Der Weg Wilhelms ist voller Irrungen, doch sagt er ja zu seinem Schicksal, von dem er nicht immer weiß, ob es nicht doch nur Zufall sei. Erst gegen Ende dieses Werkes erweist sich, in welches Geflecht sein Lebensweg eingebunden ist.

Im Grunde gilt das für unser aller Leben. Als Wilhelm Mignon begegnete, lernt er zugleich einen Harfenspieler kennen. Wie der Leser erst später erfährt, ist es der Vater Mignons, der Bruder Separatas also. Auch hier spielen Lieder eine bedeutende Rolle; beide singen gemeinsam das folgende: .

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Nur wer die Sehnsucht kennt, 

Weiß, was ich leide! 

Allein und abgetrennt 

Von aller Freude, 

Seh´ ich ans Firmament 

Nach jener Seite. 

Ach! der mich liebt und kennt, 

Ist in der Weite. 

Es schwindelt mir, es brennt 

Mein Eingeweide. 

Nur wer die Sehnsucht kennt, 

Weiß, was ich leide!

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Beide sterben kurz nacheinander, wobei der Harfenspieler Selbstmord begeht, weil er glaubt, aus Versehen Felix, den Sohn Wilhelms, vergiftet zu haben, was sich später als Irrtum erweist. Zunächst scheint der Arzt den Harfner gerettet zu haben, doch löst der heimlich seinen Wundverband und verblutet.

Als am Ende Wilhelm zu seiner Natalie findet, ist der Leser mehr als aufgewühlt aufgrund der vielen vorausgehenden Ereignisse, die zum Teil schrecklich erscheinen, doch in Wirklichkeit wie das Leben sind. Gestern noch musste ich daran denken, wie grausam das Leben ist, als ich von dem zweiten schrecklichen Erdbeben in Nepal erfuhr, wieder mit mehr als 7,0 auf der Richterskala. Als ich in den 80er Jahren ein Erdbeben in Tübingen erlebte mit etwas mehr als 4,0 auf der Richterskala, schlief ich wochenlang schlecht und weiß noch, wie ich angesichts der wankenden Lampe aus dem Bett hastete. Was die Menschen nun zum zweiten Mal in Nepal erleben, muss der Horror sein. Und doch ist es so, dass die Kraft von Menschen, ihre Bereitschaft zu leben, unermesslich groß sein muss.

Vielleicht hängt es mit dem in allen Seelen vorhandenen und zumeist unbewussten Wissen zusammen, dass wir Menschen den Weg in jenes Land über Leid und Sehnsucht selbst gewählt haben. Das war nicht Gott oder der große Unbekannte, das war die Entscheidung der Menschen. Es war ihre Entscheidung, den Weg der Erkenntnis, den Weg der Schlange zu gehen. Die Bibel berichtet über diese Wahl und auch der griechischen und anderen Mythologien entnehmen wir Vergleichbares.

Auf diesem Hintergrund ist auch der Wilhelm Meister und all das Tragische, was dort geschieht, zu sehen.

All das jedenfalls, was für Wilhelm und uns alle gilt, formuliert der katholische Landgeistliche, als Ersterer im ersten Kapitel des siebten Buches wieder auf ihn trifft, folgendermaßen: .

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„alles, was uns begegnet, läßt Spuren zurück, alles trägt unmerklich zu unserer Bildung bei.“

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Wobei Therese, die Beinahe-Frau Wilhelms und Zukünftige Lotharios, eines Mitgliedes der Turmgesellschaft, eine ganz wertvolle Methode im Umgang mit Anderen uns mit auf den Weg zu geben weiß: .

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„Wenn wir die Menschen nur nehmen, wie sie sind, so machen wir sie schlechter; wenn wir sie behandeln, als wären sie, was sie sein sollten, so bringen wir sie dahin, wohin sie zu bringen sind.“

 

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Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen, und genieße die Saale, die Wiesen, den so vielfältigen Wald und die bemerkenswerten Veränderungen im Jahresverlauf. – Mein Interesse gilt, wie sich in Mythen und der Literatur die Entwicklung des Menschen spiegelt. Ohne den Prometheus in uns kommen wir nun eben mal nicht zu wahrem Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen; doch wenn es gutgeht, laufen wir mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival; dazu ist es notwendig, sich zu erlauben, wie jener den eigenen Karfreitag zu erleben. Ich glaube, dass Philosophen und Dichter früherer Zeiten ein höheres spirituelles Bewusstsein hatten, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante oder Goethe hießen; viel von ihrem Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet (eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte!). - Vor allem Michael Ende schließt an die Tradition der großen Alten an; seine "Unendliche Geschichte" beleuchtet eine mögliche Reise zu sich selbst durch die Heilung der kindlichen Kaiserin in uns. Sie steht stellvertretend dafür, dass in Menschen unserer Zeit ein entsprechendes Bewusstsein erwacht, wenn auch der Hype vom Wassermannzeitalter einer falsch verstandenen Esoterik viel Unheil angerichtet hat. - Viele der großen Dichter, heißen sie Schiller, Hofmannsthal, Rilke oder Trakl wollen auf dem Hintergrund ihrer Zeit und ihres Lebens verstanden sein und können damit Anregungen geben, uns und unsere Zeit zu verstehen. Gerade gilt mein Interesse Hölderlin und viel von mir finde ich in ihm wieder (was nicht heißt, dass ich glaube, ihm nur annähernd das Wasser reichen zu können). Es dauert noch ein bisschen, bis sich der gute Hölderlin in Posts niederschlägt :-)
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