„Lasst, die ihr eingeht, alle Hoffnung fahren“! – Dantes „Göttliche Komödie“ ist so tief wie jene Tiefe in uns, deren Widerstand wir lösen müssen!

Nur ein Werk, nämlich Goethes Faust – und hier vor allem dessen zweiter Teil – hat mich so beeindruckt, wie Dante Alighieris Göttliche Komödie.

Man darf, wie bei Goethe, auch bei Dante nicht vergessen, dass hinter aller möglichen Tagesaktualität und allem biografischen Bezug sich Menschheitssinn auftut, wie er in dieser Tiefe und zugleich hohen Symbolik sonst ganz selten in literarischen Werken anzutreffen ist.

Nur in den Märchen und Mythen ist das in diesem Ausmaß der Fall, denken wir an die Taten des Herakles: Alle 12 entsprechen einem Tierkreiszeichen (manchmal tut es die Tatbezeichnung deutlicher kund, wie beispielsweise die im Zusammenhang mit dem Nemeischen Löwen natürlich dem Tierkreiszeichen des Löwen entspricht), und genauso spielt bei Dante der Zodiakus schon zu Beginn eine wichtige Rolle.

Wir selbst befinden uns ja zu Beginn des Zeitalters des Wassermanns und es ist wichtig, sich dessen bewusst zu sein, dass das Aufwachen der Menschheit im Zeitalter des Widder, ca. also 2000 Jahre vor Christi Geburt begann – jenem Zeitalter, dem bewusstseinsmäßig noch der erste große Helfer Dantes auf dem Weg durch die Hölle zuzuordnen ist, Vergil; es ist auch das Zeitalter von Laotse, Buddha, Zarathustra, Sokrates, Plato, all denen also, die den Weg bereiteten für das, was wir im Rahmen des folgenden Fische-Zeitalters als das Christus-Bewusstsein bezeichnen können, weil es ja im Grunde keine Religion beinhaltet, sondern eine Entwicklungsstufe menschlichen Bewusstseins, dem der Liebe. Seitdem besteht die Möglichkeit, dass den Menschen grundsätzlich bewusst werden kann, dass es eine Liebe ohne alle Grenzen gibt, deren wir uns nur nähern können, wenn wir endlich unsere eigenen Grenzen auszudehnen beginnen und unser Ego zu Kreuze tragen, nach Golgatha, damit das wahre Bewusstsein auferstehen kann.

Dante (1265-1321) lebte in einer Zeit, in der sich im Bewusstsein der Menschen Entscheidendes zu tun begann. Gerade war in dreifacher Form der Grals-Mythos in Europa aufgetaucht – im Deutschen mittels des Werkes von Wolfram von Eschenbachs Parzival; Hildegard von Bingen hatte nur hundert Jahre zuvor ihre göttlichen Visionen, ihre Musik und ihr medizinisches Wissen der Menschheit geschenkt und es sollte nur noch zwei, drei Jahrhunderte dauern, bis die Europäer beginnen würde, von den Küsten ihrer Länder abzulegen und den Mut zu haben, aufs offene Meer zu segeln. Wasser spiegelt ja nun einmal des Menschen Seele wieder, wie wir seit Goethes Gesang der Geister über den Wassern wissen. Wenn die Menschen also den Mut haben werden, über das Wasser aufs offene Meer zu segeln, dann kündigt das auch eine neue Stufe der seelischen Entwicklung an, genauso, wie es eine tiefe Symbolik beinhaltet, dass auch wir als Menschen in unserer Zeit die Ufer der Erde verlassen haben, um in den Orbit und darüber hinaus zu gelangen.

Wir sehen und wissen ja, dass äußeres Geschehen immer mit dem Bewusstsein in unserem Inneren zu tun hat.

Die Göttliche Komödie nun spiegelt diesen Bewusstseinsweg in unserem Inneren wieder auf eine Weise, die ruhig mehr ins Bewusstsein der Menschen treten darf, denn das Wissen um das, was sie vermittelt, kann unser Inneres sehr erweitern. Genauso wie in Bezug auf Goethes Faust gilt für Dantes Werk, dass seine Schätze noch nicht gehoben sind.

Wir finden Dante – er tritt ja als Ich-Erzähler in Erscheinung – zu Beginn, im ersten Canto also, in einer recht ausweglosen Situation und der Anfang lautet in der Übersetzung Otto Gildemeisters (wobei, wenn ich das ein oder andere im Anschluss erklärt habe, Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, beim zweiten Lesen dieser Textstelle – wenn Sie das tun möchten -, manches verständlicher sein dürfte, denn eins ist klar: ohne Kommentar und Hilfe  hat man einige Schwierigkeiten, Werke wie den Faust oder die Göttliche Komödie zu verstehen):

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Auf halbem Wege dieser Lebensreise

Fand ich in einem dunklen Walde mich,

Weil ich verirrt war von dem rechten Gleise.

Zu sagen, wie er war, ist fürchterlich,

Der wilde Wald, im rauen, dichten Grunde;

Gedenk´ ich sein, erneut der Schrecken sich.

Kaum minder bitter ist die Todesstunde,

Doch um des Guten willen, das ich fand,

Verschweig´ ich auch vom andren nicht die Kunde.

Wie ich hineinkam, ist mir kaum bekannt,

So hatte Schlaf die Sinne mir benommen,

Als ich vom wahren Weg mich abgewandt.

Doch bald, an eines Hügels Fuß gekommen,

Als ich dem Ende jenes Tals genaht,

Das meine Seele hielt von Furcht beklommen,

Blickt´ ich empor und sah des Hügels Grat,

Schon in den Strahlen des Planeten prangen,

Der andre richtig lenkt auf jeden Pfad.

Da war ein wenig von der Furcht vergangen,

Die meines Herzens Tiefe hielt umstrickt

Die Nacht hindurch, die ich verlebt in Bangen.

Und wie am Ufer, wenn er halb erstickt

Der Meeresflut entronnen ist der Schwimmer

Sich umschaut und aufs droh´nde Wasser blickt,

So wandte mein Gemüt, noch flüchtend immer,

Sich um, nach jenem Passe voll Gefahr;

Denn ein Lebendiger verließ ihn nimmer.

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Dante also findet sich, gerade aufgewacht, in einem tiefen Wald, den wir ja u.a. auch aus dem Grimm-Märchen Hänsel und Gretel kennen, in dem beide Kinder im Grunde ja auch – wie es dem Dichter in der Folge widerfährt – der Hölle in Gestalt der Hexe begegnen, weil sie sich im Wald verlaufen

Diesen Wald jedenfalls empfindet der Dichter so bedrückend, so schlimm wie die Todesstunde, also den Tod.

Jedem Menschen begegnet dieses Schicksal. Wir alle müssen durch diesen Wald, wir alle begegnen der Hexe, wir alle benötigen die Fähigkeiten, die Raffinesse und den Mut Hänsel und Gretels, das Zusammenspiel auch unserer männlichen und weiblichen Seite, die sie auf einer anderen Ebene auch repräsentieren, sowie sichtbarer und unsichtbarer Hilfe, um ins Vaterhaus zurückzufinden.

Dieser Wald, in dem sich Hänsel und Gretel  und wir verlaufen, widersetzt sich dem Menschen, widersetzt sich uns; er will nicht enthüllt, er will in seiner Tiefe vor uns verborgen sein.

Manchem kommt das gelegen.

Dann aber siegt der Wald!

Dann siegt die Hexe, ohne dass sie einen Finger krumm machen muss! (Das genau gilt übrigens für jene Pseudo-Heiligen, die sich für erleuchtet halten, in Wirklichkeit aber kaum den Saum des Waldes betreten haben.)

Bemerkenswert ist und eigentlich kaum glaublich, dass Dante nicht weiß, wie er in diesen Wald hineingekommen ist. – Was hat es zudem mit dem Schlaf auf sich, aus dem er gerade erwacht sein muss, und dem wahren Weg, von dem er abgekommen ist, wie er selbst bemerkt hat?

Mit dem Schlaf ist natürlich ein Schlaf des Bewusstseins gemeint und der Verlust des wahren Weges bezieht sich auf den Abschied von uns Menschen aus dem Paradies, den wir nicht als negativ oder sündig bewerten mögen, wie es manche dogmatische Christen tun. Es war schlicht eine Entscheidung von uns Menschen, auf dem Weg der Schlange zu dem Bewusstsein zu finden, das  T.S. Eliot in Four Quartets anspricht wenn er formuliert:

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Und am Ende all unserer Forschungen werden wir da ankommen,
wo wir angefan­gen haben
Und werden den Ort zum ersten Mal erken­nen.

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Oder wenn Novalis schreibt:

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Nach innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft. Die Außenwelt ist die Schattenwelt, sie wirft ihren Schatten in das Lichtreich. Jetzt scheint es uns freylich innerlich so dunkel, einsam, gestaltlos, aber wie anders wird es uns dünken, wenn diese Verfinsterung vorbei, und der Schattenkörper hinweggerückt ist. Wir werden mehr genießen als je, denn unser Geist hat entbehrt.

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Ja, dies ist ein Weg der Entbehrung, das vermittelt auch die Göttliche Komödie. Uns ist bewusst, dass wir wirkliche Liebe und wahres Glück auf dieser Erde immer nur höchstens phasenweise genießen dürfen.

Übrigens ist es meines Erachtens nicht zwangsläufig so, dass wir diesen dornenreichen Weg der Erkenntnis hätten gehen müssen; wir brauchen deshalb nicht Gott fragen, warum er irgendwelche Unglücke zugelassen habe.

Es war die Entscheidung von uns Menschen, diesen Weg zu wählen, uns also aus dem Paradies zu entfernen, um es auf neue Weise sehen zu können.

Allerdings: Dass uns das nunmehr bewusst wird, dass es schon für unser Leben auf der Erde einen Bewusstseinszustand anzustreben gilt, den wir Paradies nennen – das ist ein großer Fortschritt. Ein noch größerer wäre es, wenn zunehmend mehr Menschen akzeptieren könnten, dass alles Unglück menschengemacht ist und dass die Existenz von Hölle und Fegefeuer eine göttliche Reaktion auf unsere menschliche Entscheidung war und ist, das Mutter-Vater-Haus zu verlassen. – Genauso sieht es übrigens auch Dante, wenn man im Folgenden die Worte über der Eingangspforte zur Hölle aufmerksam liest.

Joan Hodgon hat in White Eagle, Das große Astrologie-Buch auf dem Hintergrund des von White Eagle übermittelten Wissens, der wohl in seiner letzten Inkarnation Hiawatha, der legendäre Gründer des Bundes der sechs Irokesenstämme war, ein Bild des Kosmos aufgezeigt, das, strukturiert durch die Tierkreiszeichen, die in ihrer Gesamtheit einem platonischen Jahr, das ca. 26 000 Jahre dauert, entsprechen und mit dem Jungfrau-Zeitalter (12635 -10475 v. Chr.) begannen, transparent werden lassen, dass – wie bereits erwähnt – wir erst mit dem Widder-Zeitalter von einer Bewusstwerdung der menschlichen Seele sprechen können. In obigem Buch heißt es:

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Widder ist ein Feuer-Zeichen, das Symbol der Lebenskraft, die in der Materie zur vollen Entfaltung gelangt und eine Fülle von Energie, Eigenwillen und Enthusiasmus bringt. Widder ist das Zeichen der freudigen Lebenslust, der körperlichen Stärke und Vollkommenheit, das Zeichen, in dem die Sonne erhöht ist. Wenn also der Frühlingspunkt durch Widder zieht, ist nicht nur der Geist des Menschen ganz in die Materie eingetaucht und in ihr gekreuzigt, sondern es findet auch eine gewaltige Kraft-Ausstrahlung aus dem Geistigen statt, die den Geist anregt – wie die Sonnenstrahlen in der Natur der Erde den Frühling entlocken und bei Frühlingsanfang das neue Leben erwecken. Widder regiert Kopf und Gehirn, und im Widder-Zeitalter wurde denn auch das Denken des Menschen äußerst aktiv, wie sich an den Kulturen ablesen läßt, die der Kunst des Denkens größten Respekt zollten: Griechenland, Ägypten, Babylon und Persien, Indien, China und auch die antiken amerikanischen Zivilisationen.

Venus, Regent im Zeichen Waage, das dem Widder gegenübersteht, ist der Planet der Harmonie und Schönheit, und so galt der geistige Impuls jener Zeit einer Idealvorstellung von Schönheit und Vollkommenheit, die sich auch in der physischen Materie ausdrückte. Das beweisen die Werke der griechischen und römischen Kunst, auch das Motto vom gesunden Denken in einem gesunden Körper. Waage ist das Zeichen des Gleichgewichtes, und der spirituelle Hauptgedanke jener Zeit war das innere Verlangen, das Gleichgewicht in der Menschenseele wiederherzustellen. Der Geist, der nun ganz in die Materie eingetaucht ist, bedurfte der Ausstrahlung solarer Kraft, um die Verhältnisse zu verändern und dem Menschen den Impuls zu vermitteln, wieder den Weg zurück ins Himmelreich zu suchen. Die Zeit war gekommen, in der der verlorene Sohn sich auf die lange Reise zurück ins Vaterhaus begeben sollte. In den sechshundert Jahren vor Jesu Geburt kamen eine Reihe großer Lehrer auf die Erde – unter ihnen Buddha, Konfuzius, Lao-Tse und Zarathustra -, um die vollkommene Lebensweise zu zeigen und den Christus-Geist, der im Inneren des Menschen leuchtete, anzurühren und zu wecken.

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Die Menschheit ist im Anschluss an das Widder-Zeitalter in den letzten zweitausend Jahren durch das Fische-Zeitalter hindurchgewandert und ihr Bewusstsein ist weiter aufgewacht, wobei das für die Bewohner unserer Erde in unterschiedlicher Weise gilt. Wir sehen auch heute, dass Menschen sich in sehr unterschiedlichen Bewusstseinszuständen befinden und nur diejenigen, die sich um geistige Zusammenhänge Gedanken machen, aufzuwachen beginnen. – Es wäre allerdings nicht gut, Menschen in irgendeiner Form zu bewerten, zumal wir nicht wissen, welcher Aufgabe sie sich in ihrer jeweiligen Inkarnation widmen.

Alles, was vor dieser Bewusstwerdung liegt, die vermittelt, dass es mehr als eine materielle Ebene gibt, können wir als geistigen Schlaf bezeichnen. Von ihm ist im ersten Gesang die Rede!

Jedenfalls entzieht sich unser Weg bis zu unserem Leben heute und auch die seelische Entwicklung der Menschheit weitgehend unserer Kenntnis und so weiß auch Dante nicht, wie er in jenes Tal kam, das uns natürlich an das Tal des 23. Psalmes denken lässt („Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal . . .“). – Ganz ähnlich und sehr bedrückend sieht ja diese Situation auch Friedrich Nietzsche in Vereinsamt. – Dante jedenfalls weiß nur, er hat sich verirrt; er möchte zu dem Hügel mit Hilfe des Planeten, der Sonne (für den Dichter war sie im Ptolemäischen Weltbild ein Planet; die Erde war bekanntlich der Fixpunkt des Alls); allerdings muss er mit Entsetzen wahrnehmen, dass ihm ein Panther, und in der Folge ein Löwe und ein Wolf den Zugang versperren.

Der lateinische Dichter Vergil bzw. Virgil wird Dante helfen, an ihnen vorbeizukommen und wird ihm ein Begleiter durch die Hölle sein; sie wird zu Recht diesen Namen tragen.

In der Entwicklung unseres Menschseins gibt es keinen Weg daran vorbei, dass wir nicht nur jene Tiere, die übrigens für Wolllust (der Panther), für Hochmut (der Löwe) und für Habsucht (die Wölfin) stehen, überwinden müssen, sondern auch die Hölle kennenzulernen haben, ja auch das Fegefeuer. Davon handeln ja die beiden ersten Teile der Göttlichen Komödie.

In den Worten und der Symbolik zu Beginn der Göttlichen Komödie liegt bereits unendlch viel sich angedeutet, dessen wir uns bewusst werden dürfen, auch, um zu erkennen, dass wir durchaus schon einen langen Weg der Entwicklung hinter uns haben und es sich lohnt, entschlossen weiterzugehen. Zu weit sind wir schon gekommen, um zu resignieren.

Da ist es auch von großer Bedeutung zu wissen, was die Göttliche Komödie vermittelt, dass wir nie, zu keiner Zeit, allein sind:

Dass Dante die Hilfe des Virgil zuteil wird, verdankt er der Gottesmutter Maria, der heiligen Lucia und Beatrix, in deren Gestalt wir die große Liebe Dantes wiederfinden, eine Liebe, die in seinem realen Leben sehr früh starb und der er seine Schrift vita nuova widmete. Womöglich – und ich vermute das – ist sie seine Dual-, seine Schwesternseele.

Dass diese drei geweihten Frauen auftauchen, lässt uns natürlich auch an die marianischen Elemente und das Ewig-Weibliche, auf das Goethe am Ende seines Faust abhebt, denken.

Beatrix jedenfalls alarmiert Virgil und bittet ihn, Dante zu helfen, der ohne diesen Führer wohl verloren gewesen wäre. Nur mit ihm wird er den Durchgang durch die Hölle, den er nehmen muss, um den Tieren auszuweichen, meistern können, bevor ihn dann Beatrix weiterführen wird und schlussendlich der heilige Bernhard (von Clairvaux).

Wir als Menschen dürfen wissen, dass auch um uns immer hohe Wesen besorgt sind; der Weg Dantes ist auch unser Weg.

Vielleicht ist daher die Göttliche Komödie für manchen von uns noch nie so aktuell wie heute.

Ich werde, beginnend in ca. vier Wochen, auf edudip und sofengo eine über mehrere Wochen sich erstreckendes Seminar zu der Göttlichen Komödie anbieten, in dem es um ein grundsätzliches Verständnis gehen wird und darum, welche Hilfen auf unserem Weg sie uns noch heute – und übrigens gerade heute – gibt. Die Termine werden ganz oben in der Seitenleiste angekündigt; wer mir eine Mail schickt, den kann ich auch gern per Mail auf die Termine aufmerksam machen – j.klinkmueller(@)gmail.com

Ich möchte diesen Post abschließen mit Zeilen aus dem zweiten Gesang, bevor also Dante in Begleitung Virgils in die Hölle eintritt, deren Pforte übrigens folgende Inschrift trägt:

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Ich führe zu der Stadt voll Schmerz und Grausen,

Ich führe zu dem wandellosen Leid,

Ich führe hin, wo die Verlornen hausen,

Ihn, der mich schuf, bewog Gerechtigkeit.

Mich gründete die Macht des Unsichtbaren,

Die erste Lieb´ und die Allwissenheit.

Geschöpfe gibt es nicht, die vor mir waren,

Als ewige, die selbst ich ewig bin.

Lasst, die ihr eingeht, alle Hoffnung fahren. –

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Im Verständnis Dantes ist die Existenz der Hölle eine Frage göttlicher Gerechtigkeit. Ihr liegt das Bibelwort zugrunde, dass, was der Mensch sät, er auch erntet. Wir haben sicherlich das ein oder andere Mal schon gedacht, dass ein Mensch in seinem Leben nicht zuteil wird, was er verdient. – Wer Dantes Inferno liest, sieht das anders. Vergessen wir auch nicht, dass es in diesen Bewusstseinszuständen, die wir mit Hölle und Fegefeuer bezeichnen, keinen erlösenden Schlaf gibt, der uns auf der Erde über manches hinweghilft.

Nun also abschließend zu jenen Zeilen, die mich sehr berühren, weil aus ihnen so viel Liebe spricht, die Liebe von Beatrix zu ihrem Dante. Mit den folgenden Worten bittet sie Virgil, den zu seiner Zeit in Mantua geborenen Dichter, sich schleunigst auf den Weg zu machen, um Dante, ihrem verirrten Freund – nicht gerade ein Freund des Glücks zu dieser Zeit, wie sie formulieren wird -, zu helfen; Virgil weiß zu berichten:

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Da rief ein selig Weib mich, schön und licht,

So dass ich bat, Befehle mir zu geben.

Ihr Auge glänzte mehr denn Sternenlicht,

Und sie begann zu reden mit so schlichter

Und sanfter Stimme, wie ein Engel spricht:

“ – O feine Seele, Mantuas holder Dichter,

Des Nam´ auf Erden lebt und leben wird,

Solange droben stehn die Himmelslichter,

Mein Freund, nicht Freund des Glückes, ist verirrt

Im öden Tal und so gehemmt im Wege,

Dass er zurück sich kehrt von Furcht verwirrt.

Schon fürcht ich, dass er fern vom rechten Stege,

Nach dem, was ich vernahm an meinem Ort,

Und dass zu helfen ich zu spät mich rege.

Nun geh, gebrauche dein geschmücktes Wort

Und alles, was Not tut, ihm beizustehen,

Und mir zum Trost sei du sein Schirm und Hort.

Ich bin Beatrix, die dich gemahnt zu gehen.

Ich komm´ aus Höh´n, wohin mich´s wieder zieht.

Liebe bewog mich, hier dich anzuflehen.

Wann meinen Herrn mein Auge wieder sieht,

Will ich vor ihm gedenken dein mit Loben.

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Mit Letzterem meint Beatrix Gott. Sie erklärt dann noch genauer, wie es zu dieser Rettungsaktion kam, die, so erzählt sie, eigentlcih von der Gottesmutter ausging.

Virgil schließt seinen Bericht ab:

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So redete die Himmlische mit mir,

Die weinend dann die Strahlenaugen wandte

Und rasch zu kommen wuchs mir die Begier

Und also kam ich her, wie sie mich sandte,

Und schirmte dich vor jener schlimmen Brut,

Die dir zum Berg den kurzen Weg verrannte.

Nun denn, warum, warum sinkt dir der Mut?

Warum ins Herz lockst du so feiges Grauen?

Warum gebricht Kühnheit und tapfre Glut,

Da drei so hochgebenedeite Frauen

Am Hof des Himmels sorgend dein gedacht

Und auch mein Wort auf Heil dich lässt vertrauen?

.

Dante nun fasst Mut, der ihn zu Virgil sagen und dichten lässt:

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Nun geh; ein einz´ger Will´ ist in uns zwei´n,

Du Führer, du Gebieter, du der Meister.

So sprach ich, und ihm folgend trat ich ein

Auf tiefem Waldesweg ins Reich der Geister.

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