Du gleichst dem Geist, den du begreifst, / Nicht mir! – Über die Magie der Realität in Goethes „Faust“.

Eine wahrlich magische Stelle in der Weltliteratur findet sich – wie sollte es anders sein – in Goethes Faust I.

Jener berühmte Dr. Faustus, der so die Nase voll hat von dem ganzen trockenen universitären Kathederwissen, ist gerade dabei, den Erdgeist zu beschwören, um mit Magie herauszufinden, was die „Welt im Innersten zusammenhält.“ Vor sich ein geheimnisvolles Buch des Nostradamus (1503-1566) will er anstelle trockener Sinne seine Seelenkräfte so aktivieren, dass er – wie er selbst es formuliert – an die „Brüste der Natur“, die „Quellen allen Lebens“ herankommt. Fast übermütig fragt er sich angesichts des Zeichens des Makrokosmos, des Hexagramms, das ihn inspiriert und belebt: „Bin ich ein Gott? Mir wird so licht.“ – Kurze Zeit später wird er von sich als „Ebenbild der Gottheit“ sprechen.
Als das magische Ritual und damit die Beschwörung des Erdgeistes gelingt und jener auftaucht, ist Faust durch dessen Ausstrahlung und Intensität völlig überfordert: „Weh! Ich ertrag dich nicht!“
Jener Erdgeist ist uns kein Unbekannter. Im Werk von Giordano Bruno (1548-1600) taucht er als anima terrae, als Seele der Erde auf, und bei Paracelsus (1493-1541) finden wir einen archeus terrae, also einen (Welt-)Geist der Erde.
Gerade will Faust – der Erdgeist hat soeben beruhigend gesprochen – sich diesem Wesen anbiedernd nahen, da spricht jener – und daraufhin wird er sofort entschwinden – obige Worte:

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 Du gleichst dem Geist, den du begreifst,

Nicht mir!

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Was später Faust zum Verhängnis werden wird, dass nämlich sein Streben nach Erkenntnis kein Maß und Ziel kennt, deutet sich hier schon an, wenn er dem Erdgeist nachruft: „Und nicht einmal dir!“

Welch eine Hybris – welch ein geistiger Übermut!

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Da klopft es.
Und herein durch die Türe tritt Wagner, ein alternder wissenschaftlicher Assistent des Universitätswissenschaftlers Faust, den dieser gar nicht sonderlich mag, geht er ihm doch mit seiner devoten Haltung auf den Keks, und nicht zufällig bezeichnet ihn Faust als trockenen Schleicher. Angetan ist jener zudem mit einer Schlafmütze, noch eine Lampe in der Hand … der Biedermann in Person, ein deutscher Michel.

Faust ist stinkesauer, dass dieser trockene Schleicher ihn stören muss mitten in der Fülle seiner so hehren Gesichte.

Ziemlich überheblich wirkt Herr Doktor Faustus, und vielleicht gerade deshalb hat er seine Lektion nicht gelernt, die ihm der Erdgeist mit auf den Weg gab, ja, in Wirklichkeit hat er nicht einmal erkannt dass es FÜR IHN etwas zu lernen gab. 

Just in dem Moment, als dieses hohe Wesen, der Erdgeist also, unseren Faust in die Schranken verweist durch eben jenen oben angeführten Satz – Du gleichst dem Geist, den begreifst, / Nicht mir! … – taucht sein biederer Famulus auf.

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Das ist in Wahrheit jener Geist, den Faust begreift.
Dies wollte ihm der Erdgeist vermitteln:
Diesen, deinen Famulus begreifst Du, mich nicht!

In Wirklichkeit bist Du nicht weiter als er, obwohl du dich auf eine Stufe mit mir stellst!
Kapier das, Du bist nicht der, für den Du Dich hältst!
Ein bisschen mehr Bescheidenheit, also Demut bitte!

Am besten hätte Faust die Lampe seines Famulus, seines Dieners übernommen, damit sie ihn erleuchte.

So, ohne Selbsterkenntnis, schlafmützig selbstgefällig, wie er war, wäre ihm auch dessen Schlafmütze gut zu Gesicht gestanden.

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Manches Mal kommt die Lernlektion einfach durch die Tür.

Das ist die wahre Magie, die Magie der Realität.

Wenn wir sie entschleiern, sehen wir Wahres über uns.

Dann können wir uns abwenden oder auf uns zugehen.

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* Die Bilder enthalten magische Hexagramme von Eliphas Levi,
auch Siegel Salomos genannt oder Davidsstern.

** Das Motiv der Lampe, die man selbst in die Hand nimmt, findet sich auch 

in Kafkas Prozess im Rahmen der Türhüterlegende

*** Mehr zu Goethes Symbolsprache hier.

 
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Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen. Mein Interesse gilt den Mythen und der Literatur, spiegelt sich doch in ihnen die Entwicklung des Menschen: Ohne den Prometheus in uns kommen wir nicht zu einem selbständigen Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen, eher vielleicht ein Bewusstseinsakt als ein Verbrechen, stehen beide doch für eine Weise menschlicher Entwicklung. Manche unter uns mögen mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival unterwegs sein. Philosophen und Dichter früherer Zeiten hatten ein sehr hohes spirituelles Bewusstsein, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante, Goethe, Schiller oder Hölderlin hießen; in neuerer Zeit gilt das u.a. für Nietzsche, Trakl, Hofmannsthal, Rilke und Michael Ende. Viel von deren Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet, sicherlich eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte. Die Auseinandersetzung und Beschäftigung mit den Gedanken der oben Angesprochenen kann uns bereichern und Verschüttetes ins Bewusstsein rufen. Manches kann unseren Lebensweg wesentlich beeinflussen.
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Eine Antwort zu Du gleichst dem Geist, den du begreifst, / Nicht mir! – Über die Magie der Realität in Goethes „Faust“.

  1. Ron schreibt:

    Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles,
    Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
    Dein Angesicht im Feuer zugewendet.
    Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
    Kraft, sie zu fühlen, zu genießen. Nicht
    Kalt staunenden Besuch erlaubst du nur,
    Vergönnest mir, in ihre tiefe Brust,
    Wie in den Busen eines Freunds, zu schauen…

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