Am Tag meiner Geburt war Gott krank!

Ein sehr ehrliches Gedicht von César Vallejo, das allerdings nichts über Gott, viel aber über den Verfasser selbst aussagt, genauer gesagt, über das lyrische Ich, das sich hier äußert; keineswegs immer möchte ja der Verfasser mit dem Ich identifiziert werden, das hier Kunde von sich gibt – wenn es auch gewiss kein Zufall ist, dass César Vallejo diese Zeilen geschrieben hat. 

Letztendlich kann das lyrische Ich nur sehr bedingt etwas über den Tag der Geburt aussagen, spiegeln doch die folgenden Zeilen allein sein Bewusstsein in Bezug auf diesen Tag der Geburt zu dem Zeitpunkt wieder, als es die folgenden Worte schrieb:

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Am Tage meiner Geburt

war Gott krank …

Alle wissen es, dass ich lebe,

dass ich kaue … Und wissen nicht,

warum durch meine Verse,

als dunkler Abgeschmack des Sarges,

die verschlissenen Winde pfeifen,

entrollt von der Sphinx,

der ewigen Fragerin in der Wüste …

.

Am Tage meiner Geburt

war Gott krank, 

schwer krank. 

m

Ein Gedicht, mit dem das  lyrische Ich einen zentralen dunklen Schatten in sich berührt, vielleicht sogar einholt.

Mit der eigentlichen Realität Gottes hat das, wie gesagt, nichts zu tun, es sei denn insofern, als jener jetzt immerhin nicht mehr tot ist, wie bei Nietzsche . . . nur noch krank. 

Das lässt für die Menschheit hoffen, dass sie irgendwann den gesunden Gott in sich entdeckt, wenn es so weiter geht.

Ich meine das im Übrigen gar nicht bissig oder ironisch.

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Wenn Vallejo von verschlissenen Winden schreibt, meint er das ja auch nicht ironisch. Wenn er solche Worte wählt, gibt er im Grunde selbst preis, wie subjektiv das ist, was er empfindet, was er sieht. Mit dieser Wortwahl, diesem Bild der verschlissenen Winde verheimlicht er das nicht, will es auch offensichtlich nicht. 

Im Grunde äußert sich seine Seele, äußert sich die Seele des lyrischen Ichs über den eigenen Zustand.

So subjektiv, wie sie das tut, erhebt das Gedicht nicht wirklich den Anspruch, eine Aussage über Gott machen zu wollen. 

Oder doch?

.
Bei Nietzsche war klar, dass die Menschen Gott getötet haben; warum er in obigen Zeilen krank ist, bleibt allerdings unklar. Je länger ich darüber nachsinne, kommt es mir allerdings vor, als ob das lyrische Ich zum Ausdruck bringen wolle, dass, wenn so ein Wesen wie er auf die Welt kommt, Gott wirklich krank sein muss . . .

Das allerdings wäre eine Aussage, die bis ins Mark der Welt geht, vor allem, wenn dort für Vallejo die Sphinx residiert.

Als ewige Institution.

Das erinnert an Sisyphus, den Camus in seinem Mythos vom Sisyphos zu einem glücklichen Menschen deklariert, um der Wahrheit nicht ins Auge zu schauen, dass jemand, der Ewigkeiten einen Stein vergeblich rollt, zutiefst unglücklich ist, dass er alle Sinne abstellen muss, um nicht festzustellen, wie sinnen-los, wie sinnlos seine Existenz ist.

Man würde beiden, Camus und Vallejo, wünschen, einen Blick in die Unendliche Geschichte Michael Endes geworfen haben zu können.

Dort geht Atréju durch die beiden Sphinxen hindurch, die ihn auch hätten töten können.

Sie konnten es nicht, weil Atréju auf dem Weg des Herzens war, auf dem Weg zur kindlichen Kaiserin.

Auf diesem Weg verliert die Sphinx ihre Macht.

Auch in uns!

Eigentlich will sie doch selbst nur erlöst sein!

.
Wenn Menschen über Gott sprechen, sprechen sie oft in Wirklichkeit über sich selbst, über die Dimensionen ihrer Erkrankung und das krank machende Bild, das sich ihre Seele von Gott macht.

Das ist es, was im Übrigen das Christentum für mich so krank sein lässt:

Christen, wenn sie über Gott sprechen, glauben meist wirklich, sie sprächen über Gott. In Wirklichkeit aber sprechen sie nur über das Bild, das SIE von ihm haben. Und das ist oft sehr kleinkariert und eng.

Und entspricht ihrem Inneren.

So eng und intolerant ist dieses Bild, dass viele Menschen von diesem Gott nichts wissen wollen.

Verständlich.

Verständlich auch, dass nicht nur eine, sondern mehrere Religionen nicht möchten, dass man sich kein Bild von ihm macht.

Aber noch haben zu viele Menschen nicht die Größe, diese unendliche Größe zulassen zu können.

Vielleicht ist es auch am besten, man unterlässt es, über sie sprechen zu wollen.

Letztendlich ist Gott ein Symbol dafür, ein Maßstab, welche Größe man in sich zulassen kann.

Fernab jeder religiösen Diktion!

 

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Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen, und genieße die Saale, die Wiesen, den so vielfältigen Wald und die bemerkenswerten Veränderungen im Jahresverlauf. – Mein Interesse gilt, wie sich in Mythen und der Literatur die Entwicklung des Menschen spiegelt. Ohne den Prometheus in uns kommen wir nun eben mal nicht zu wahrem Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen; doch wenn es gutgeht, laufen wir mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival; dazu ist es notwendig, sich zu erlauben, wie jener den eigenen Karfreitag zu erleben. Ich glaube, dass Philosophen und Dichter früherer Zeiten ein höheres spirituelles Bewusstsein hatten, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante oder Goethe hießen; viel von ihrem Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet (eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte!). - Vor allem Michael Ende schließt an die Tradition der großen Alten an; seine "Unendliche Geschichte" beleuchtet eine mögliche Reise zu sich selbst durch die Heilung der kindlichen Kaiserin in uns. Sie steht stellvertretend dafür, dass in Menschen unserer Zeit ein entsprechendes Bewusstsein erwacht, wenn auch der Hype vom Wassermannzeitalter einer falsch verstandenen Esoterik viel Unheil angerichtet hat. - Viele der großen Dichter, heißen sie Schiller, Hofmannsthal, Rilke oder Trakl wollen auf dem Hintergrund ihrer Zeit und ihres Lebens verstanden sein und können damit Anregungen geben, uns und unsere Zeit zu verstehen. Gerade gilt mein Interesse Hölderlin und viel von mir finde ich in ihm wieder (was nicht heißt, dass ich glaube, ihm nur annähernd das Wasser reichen zu können). Es dauert noch ein bisschen, bis sich der gute Hölderlin in Posts niederschlägt :-)
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