Ein Leben lang außer sich. – Kafkas Türhüterlegende: „Vor dem Gesetz“ ist niemand gleich.

Einer der berühmtesten Roman-Anfänge der Weltliteratur lautet:

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Jemand musste Josef K. verraten haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.

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In der Tat wird der Bankprokurist Josef K. an seinem dreißigsten Geburtstag verhaftet. Genau ein Jahr später wird er von Angestellten eines Gerichtes, zu dessen höheren Chargen er nie vordringen konnte, hingerichtet:

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Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm tief ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Mit brechenden Augen sah noch K., wie die Herren, nahe vor seinem Gesicht, Wange an Wange aneinandergelehnt, die Entscheidung beobachteten. „Wie ein Hund!“, sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.

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Kurz vor Ende des Romans – Josef K. hatte über viele Monate vergeblich versucht, Näheres über den Prozess, der ihm gemacht wurde und dessentwegen er verhaftet worden war, aber auf freiem Fuß leben durfte, zu erfahren – spielt sich eine entscheidende Szene ab.

K. hatte aufgrund seines Prozesses mehr und mehr seine Bankgeschäfte vernachlässigt; sein schärfster Konkurrent in der Bank, der Direktorstellvertreter, hatte Punkte um Punkte gesammelt und u.a. die Betreuung von einigen Kunden K.s übernommen, als Letzterer den Auftrag bekam, einem italienischen Geschäftsfreund, einem auch von dem Direktor der Bank als sehr wichtig geschätzten Geschäftspartner, Kunstdenkmäler der Stadt zu zeigen, auch Kirchen. K. war wenig erbaut, verabredete sich aber natürlich mit dem Geschäftsfreund vor dem Dom, um diesen dem italienischen Gast zu zeigen. Doch wer nicht kam, war jener. K. betrat dennoch den Dom, in welchem er in der Folge jene auch unter dem Titel Vor dem Gesetz bekannte Türhüterlegende von einem Geistlichen hören wird, der sich selbst als Gefängniskaplan bezeichnet und verlauten lässt, dass in Wahrheit er Josef K. hierher bestellt habe.

Wie hatte der Maler Titorelli gegen Ende des 7. Kapitels gesagt, „halb im Scherz, halb zur Erklärung: ´Es gehört ja alles zum Gericht.´“

Es wäre gut gewesen, Josef K. hätte diese Bemerkung ernst genommen, sehr ernst.

In dem Dunkel des Domes ist in der Folge alles Geschehen höchst symbolträchtig. So wird Josef K. laut bei seinem Namen gerufen und bevor er jene berühmte Türhütergeschichte – wie Kafka sie selbst nannte; in seinem Tagebuch nennt er sie auch einmal Legende – hören wird, übergibt ihm der Kaplan eine Lampe, so, als ob Josef K. das Licht der Erleuchtung nun selbst für eine kurze Weile in Händen halte. Alle mögliche Erkenntnis aber wird er danach wieder zerreden.

Kafka, der sein Werk – bis auf wenige Ausnahmen, die Türhüterlegende gehört dazu – nach seinem Tod vernichtet sehen wollte (sein Nachlassverwalter und Freund Max Brod hielt sich nicht an diesen Wunsch), hat diesen Text geliebt; in seinem Tagebuch hat er vermerkt, dass er beim Wiederlesen ein Zufriedenheits- und Glücksgefühl empfunden habe. Immer wieder las er ihn Freunden, auch seiner Verlobten Felice Bauer vor. Ja, er veröffentlichte ihn in einem Erzählband ohne den Kontext des Romans. Wohl vermutete er, dass die Legende aus sich heraus verständlich sei. Da Kafka selbst sein schärfster Kritiker war, ist davon auszugehen, dass ihm auch in seinen Augen hier etwas ganz Besonderes gelungen war; diese Ansicht darf man mit Fug und Recht teilen.


Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, dass er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er also später werde eintreten dürfen. „Es ist möglich“, sagt der Türhüter, „jetzt aber nicht.“ Da das Tor zum Gesetz offen steht wie immer und der Türhüter beiseite tritt, bückt sich der Mann, um durch das Tor in das Innere zu sehn. Als der Türhüter das merkt, lacht er und sagt: „Wenn es dich so lockt, versuche es doch trotz meines Verbotes hineinzugehn. Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal stehn aber Türhüter einer mächtiger als der andere. Schon den Anblick des dritten kann nicht einmal ich mehr ertragen.“ Solche Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande nicht erwartet, das Gesetz soll doch jedem und immer zugänglich sein, denkt er, aber als er jetzt den Türhüter in seinem Pelzmantel genauer ansieht, seine große Spitznase, den langen dünnen schwarzen tartarischen Bart, entschließt er sich doch lieber zu warten, bis er die Erlaubnis zum Eintritt bekommt. Der Türhüter gibt ihm einen Schemel und lässt ihn seitwärts von der Tür sich niedersetzen. Dort sitzt er Tage und Jahre. Er macht viele Versuche eingelassen zu werden und ermüdet den Türhüter durch seine Bitten. Der Türhüter stellt öfters kleine Verhöre mit ihm an, fragt ihn über seine Heimat aus und nach vielem andern, es sind aber teilnahmslose Fragen, wie sie große Herren stellen, und zum Schlusse sagt er ihm immer wieder, dass er ihn noch nicht einlassen könne. Der Mann, der sich für seine Reise mit vielem ausgerüstet hat, verwendet alles und sei es noch so wertvoll, um den Türhüter zu bestechen. Dieser nimmt zwar alles an, aber sagt dabei: „Ich nehme es nur an, damit Du nicht glaubst, etwas versäumt zu haben.“ Während der vielen Jahre beobachtet der Mann den Türhüter fast ununterbrochen. Er vergisst die andern Türhüter und dieser erste scheint ihm das einzige Hindernis für den Eintritt in das Gesetz. Er verflucht den unglücklichen Zufall, in den ersten Jahren laut, später, als er alt wird, brummt er nur noch vor sich hin. Er wird kindisch und da er in dem jahrelangen Studium des Türhüters auch die Flöhe in seinem Pelzkragen erkannt hat, bittet er auch die Flöhe, ihm zu helfen und den Türhüter umzustimmen. Schließlich wird sein Augenlicht schwach und er weiß nicht, ob es um ihn wirklich dunkler wird oder ob ihn nur seine Augen täuschen. Wohl aber erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz, der unverlöschlich aus der Türe des Gesetzes bricht. Nun lebt er nicht mehr lange. Vor seinem Tode sammeln sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage die er bisher an den Türhüter noch nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu, da er seinen erstarrenden Körper nicht mehr aufrichten kann. Der Türhüter muss sich tief zu ihm hinunterneigen, denn die Größenunterschiede haben sich sehr zuungunsten des Mannes verändert. „Was willst du denn jetzt noch wissen“, fragt der Türhüter, „Du bist unersättlich.“ „Alle streben doch nach dem Gesetz“, sagt der Mann, „wieso kommt es, dass in den vielen Jahren niemand außer mir Einlass verlangt hat.“ Der Türhüter erkennt, dass der Mann schon am Ende ist und um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: „Hier konnte niemand sonst Einlass erhalten, denn dieser Eingang war nur für Dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.“

aus Franz Kafka, Sämtliche Erzählungen, hg. v. Paul Raabe, Frankfurt/M. 1970

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Kaum eine literarische Sequenz hat die Interpreten zu solch einer Anzahl von Deutungen herausgefordert wie die Türhüterlegende. Natürlich steht im Mittelpunkt der Interpretationen zumeist die Tatsache, dass der Mann vom Lande dem Protagonisten des Romans Josef K. entspricht. Dieser dringt ja ebenfalls nicht zu dem wirklichen Gericht vor, weil er sich ständig in Nebensächlichkeiten verstrickt, von dubiosen Frauengestalten ablenken lässt und nicht auf die Signale achtet, welche die Wirklichkeit ihm spiegelt.

So nimmt er nicht zur Kenntnis, dass er in den Gerichtsräumen des Dachbodens nahezu ohn-mächtig wird, also Macht und Bewusstsein verliert, er nimmt nicht zur Kenntnis, wie verschmutzt die Räumlichkeiten des Gerichtes sind, wie stickig die Luft ist und dass Menschen, die mit dem Gericht zu tun haben, gern aus dem Dunkeln kommen  wie der Kanzleidirektor und die Geliebte des Advokaten Huld, dass fast jeder Helfershelfer des Gerichts betont, die einzig wahre Hilfe zu sein, dass jede Klarheit, die er gewinnen könnte, durch sie wieder in Unklarheit zerfließt, dass das Geschehen im Äußeren inneren Zuständen korrespondiert …

Als Leser kann man es mit Händen greifen, nur Josef K. tut es nicht. Er bemerkt nicht, dass das Gericht im Grunde überall ist, auf jedem Dachboden. Er bemerkt nicht, dass ihm das Leben zum Gericht wird.

Der Kaplan wird ihm sagen:

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Du missverstehst die Tatsachen, das Urteil kommt nicht mit einem Mal, das Verfahren geht allmählich ins Urteil über.

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Der Titel des Romans selbst gibt zwei Möglichkeiten zu leben vor:

Unser Leben kann ein Prozess, einer Prozession vergleichbar sein. Langsam aber stetig schreiten wir nach vorn, vielleicht manchmal wie die Echternacher Springprozession drei Schritte vor, zwei zurück, aber es geht vorwärts. Tun wir das nicht, dann wird uns das Leben zum Prozess.

Und dafür gibt es eindeutige Signale.

Und es gibt Verhaltensweisen, die signalisieren können, dass das Leben auf ein Urteil, wie es der Kaplan formuliert, hinausläuft.

In der Türhüterlegende müssen wir nur das Verhalten des Mannes vom Lande ansehen.

Wie kann er glauben, durch Bestechung ins Innere zu gelangen?

Warum lässt er sich auf die Flöhe im Pelz des Türhüters ein? Wer hat ihm diesen Floh ins Ohr gesetzt?

Warum erkennt er nicht, dass der Türhüter nicht das geringste Mitgefühl mit ihm hat? Dass er ihn hinhält? Ihn im Grunde an der Nase herumführt?

Warum macht er sich glauben, seine Situation sei ein Zufall?

Als er das Licht erkennt, das die ganze Zeit schon aus dem Inneren des Gesetzes leuchtet, ist es zu spät.

Warum hat er jene letzte Frage nicht früher gestellt?

Warum ist ihm nie aufgefallen, dass er im Grunde ganz allein ist?

Dass er in Not ist?

Auch Josef K. im Roman ist im Grunde in höchster Not, ist ganz allein.

Wo ist die wahre Hilfe?

Warum stellt er nie die wichtigen Fragen?

Warum dringt er zu ihnen nicht vor?

Was ist das Gesetz?

Es ist unser Inneres.

Wenn man die Legende so liest, könnte man sich die Frage stellen, warum nicht alle Menschen in das Gesetz eintreten wollen.

Genauso könnte man sich fragen, warum sich Faust auf Mephisto einlässt, der Gralskönig Anfortas hinter der falschen Frau herjagt, ein ganzer Kulturkreis hinter einem Mann ins Verderben zieht, Menschen rauchen und trinken, bis Lunge und Leber ihren Dienst versagen, der Schwerkranke, den Jesus am Teich von Bethesda heilt, seinen Retter zum „Dank“ verrät. Warum jemand glaubt, ein Unfall oder eine Krankheit oder ein Todes-Fall kämen aus dem Nichts.

Ein Unfall, eine Krankheit, ein Tod-Fall sind seltenst ein Geschehen, das in dem Moment, wo die Krankheit diagnostiziert wird, der Unfall geschieht oder jemand zu Tode fällt, entstanden. Die allermeisten Krankheiten, die allermeisten Unfälle oder Todes-Fälle bereiten sich von langer Hand vor. So zufällig es auch ausschauen mag, ist in Wirklichkeit ein Zufall immer ein Zu-Fall. Und wir sind seine Vorbereiter.

Einem finalen Geschehen geht fast immer ein Prozess voraus. Und meist lässt sich der Prozess, der einem gemacht wird, lange lange umwandeln in einen Prozess, in dem man selbst agiert.

Das Jahr, das wir mit Josef K. teilen, steht in Wirklichkeit für sein Leben, für die Leben von Menschen, die sich vor der Tür ihres wahren Lebens gemütlich einrichten, sich Fernseher für Fernseher, Auto für Auto, Urlaub für Urlaub kaufen, auch ab und an mit ihrem Türhüter plauschen, bis sie altersschwach sind und merken: Gott, vor der Tür meines Lebens sitze ich ja ganz allein. Nun bin ich es!

Dann ist auf einmal auch der Türhüter ganz sarkastisch und schließt gnadenlos die Türe.

Wir sollten wissen, dass es, wie es einen dunklen König und einen heiligen König gibt, es auch einen dunklen und strahlenden Türhüter gibt. Beides sind Wesenheiten unseres Innern.

Letzterer ruft uns immer wieder, aber wir neigen dazu, die Flöhe im Pelz des dunklen Türhüters zu zählen.

Es ist zu jeder Zeit unsere Entscheidung, ob wir uns peu à peu selbst den Prozess machen oder unser Leben als heilig und als Prozession ansehen, als Prozession zu unserem wahren Selbst.

Wer ist der Türhüter, der in der Türhüterlegende den Mann vom Lande –  und von niemand anderem als Josef K. ist die Rede – hindert einzutreten ?

Wie Mephisto ein Teil von Faust ist, so ist der Türhüter ein Teil von Josef K.. Niemand anderes als er selbst hindert ihn zu sich selbst einzutreten, um Stufe für Stufe dem wahren Licht, dem wahren Bewusstsein näher zu kommen.

Licht bedeutet auf der symbolischen Ebene immer Bewusstsein. Das „Es werde Licht“ des biblischen Schöpfergottes bedeutet, dass ein Bewusstseinsprozess sich in Gang setzt. In der Bibel heißt es: Und die Erde war wüst und leer. Im Hebräischen steht hier: Tohuwab´ohu. Licht, also Bewusstsein führt diesen Zustand des Chaos, des Tohuwabohu in den des Kosmos- Kosmos nämlich bedeutet im Griechischen Ordnung.

Licht, also Bewusstsein bringt Ordnung in unsere inneren Strukturen. Dazu müssen wir in unser Inneres eintreten. Genau das gelingt Josef K. nicht. Er findet keinen Zugang zu sich selbst, und niemand anderes als er selbst hindert ihn daran. Die Situationen, die er erlebt – die oft diffus beleuchteten Räume des Gerichts, die schlechte Luft in den Räumen, die Menschen, denen er begegnet und die niemandem Wertschätzung entgegenbringen – repräsentieren Teile seiner selbst. Josef K. bringt sich selbst keine Wertschätzung entgegen und die allesamt kaputten Frauengestalten repräsentieren seine weibliche Seite.

Wenn wir das Leben Kafkas anschauen, dann wissen wir, dass dieser Mann nie Vertrauen ins Leben finden konnte, ja nie hatte. Der Brief an den Vater ist ein trauriges Dokument dafür, dass ihm immer in seinem Leben der liebende Vater fehlte. Und seine Mutter, die  unter diesem Mann nur depressiv werden konnte, konnte Kafka auch nie stützen und Hilfe geben. Das Ewig-Weibliche, das uns hinanzieht, wie es Ende des Faust II heißt, muss, wenn es das tun können soll, uns an die Kraft des Weiblichen glauben lassen; sonst lassen wir uns nicht von ihm berühren, führen. Voraussetzung dafür ist, dass ein Mann in seiner Mutter die Liebe und Weisheit des Weiblichen erspüren kann.

Bei Franz Kafka war dies hoffnungslos nicht der Fall. Sein Personal ist allesamt hoffnungslos zum Scheitern verurteilt. In seinem Werk gibt es keine blühende Pflanze, keine wirkliche Zärtlichkeit, keine leuchtenden Farben, keine leuchtenden Sterne … Es ist ein Dokument der Hoffnungslosigkeit. Und weil Franz Kafka das wusste, wollte er es vernichtet sehen.

Max Brod muss verantworten, dass Millionen von Schülern, anstatt hoffnungsvoll auf das Leben eingestimmt zu werden, sich mit dieser depressiven Literatur auseinandersetzen. Dennoch können wir an ihr sehen, wie es ist, wenn jemand ohne Liebe, ohne Wärme, ohne Vertrauen ins Leben lebt.

Die Kurzgeschichte Heimkehr von Franz Kafka ist in nuce ein Abbild des Romans Der Prozess, auch des Lebens von Franz Kafka. Der Zurückkehrende kommt dort nie zu Hause an, er weiß nicht, wer in der Küche ist, er geht nicht in das eigene Innere. Das Vaterhaus entspricht auch im Äußeren seinem Inneren. Alles liegt voller Gerümpel, ist ineinanderverfahren, die Wege nach innen sind verstellt. Dieses Innere will gar nicht erreicht sein.

Wer keinen Vater und keine Mutter hat, wer keinen inneren Vater und keine innere Mutter hat, muss sie auf andere Weise finden. Viele Märchenhelden der großen Gebrüder-Grimm-Märchen leben vor, wie es gehen kann.

Ohne Orientiertung aber scheitert der Mensch und das letzte Kapitel des Prozesses zeigt eine innere Realität, wie sie grausamer nicht sein kann. „Wie ein Hund“ stirbt Josef K.

So enden Leben, die sich selbst den Prozess machen, weil sie nicht den Weg zum Licht finden. Die richtigen Türen aber können nur Menschen selbst öffnen.

Und Hilfe können sie nur bei Menschen finden, die von dem wahren Vater und der wahren Mutter wissen. Doch auch die großen Grimm-Märchen bieten dem, der zu sich eintreten will, eine Hilfe, denn sie aktivieren in uns die Kräfte, die uns erfolgreich eintreten lassen wollen zu uns selbst. Sie erzählen von dem Verlust von Vater und Mutter, der guten Königin oder dem guten König, und lassen den Märchenhelden auf die Reise zu sich gehen.

Vater und Mutter in den Märchen, König und Königin, repräsentieren den Verlust eines Bewusstseinszustandes. Das bezieht sich auf die Menschheit insgesamt – die Bibel erzählt zu Beginn von dem Verlust des Paradieses, dem Sündenfall (der für mich nie einer war, ein übles, angstmachendes Wort) – und es bezieht sich zugleich auf dies eine Leben, das wir momentan leben. Manche Menschen hatten nie Eltern, manche verlieren sie auf natürliche Weise. Doch wie auch immer: Jeder muss selbst zu Vater und Mutter werden, Vater und Mutter sein. Er muss dies sein für sich selbst – es ist sein geistiges Fundament -, er muss es sein für seine Kinder.

Seine Kinder, seine Zukunft.

Im Innern ist ein Universum, sagt Goethe – das hätte der Mann vom Lande dort finden können und der große Romantiker Novalis sagt nicht von ungefähr:

Nach innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten …

Obwohl der Mann vom Land scheitert, deutet die Türhüterlegende aufgrund ihrer Lichtsymbolik an: Ja, das stimmt.

Und während er von ihr hört, hält Josef K. dieses Licht in der Hand …

Ich glaube, es gibt keinen Menschen, der nicht irgendwann im Leben dieses Licht mehrfach in der Hand hält: Es kann eine Blume sein, es kann eine liebende Hand sein, ja, es kann auch die Türhüterlegende und ihre Wahrheit sein. Franz Kafka wusste, warum er sie so liebte …

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Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen, und genieße die Saale, die Wiesen, den so vielfältigen Wald und die bemerkenswerten Veränderungen im Jahresverlauf. – Mein Interesse gilt, wie sich in Mythen und der Literatur die Entwicklung des Menschen spiegelt. Ohne den Prometheus in uns kommen wir nun eben mal nicht zu wahrem Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen; doch wenn es gutgeht, laufen wir mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival; dazu ist es notwendig, sich zu erlauben, wie jener den eigenen Karfreitag zu erleben. Ich glaube, dass Philosophen und Dichter früherer Zeiten ein höheres spirituelles Bewusstsein hatten, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante oder Goethe hießen; viel von ihrem Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet (eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte!). - Vor allem Michael Ende schließt an die Tradition der großen Alten an; seine "Unendliche Geschichte" beleuchtet eine mögliche Reise zu sich selbst durch die Heilung der kindlichen Kaiserin in uns. Sie steht stellvertretend dafür, dass in Menschen unserer Zeit ein entsprechendes Bewusstsein erwacht, wenn auch der Hype vom Wassermannzeitalter einer falsch verstandenen Esoterik viel Unheil angerichtet hat. - Viele der großen Dichter, heißen sie Schiller, Hofmannsthal, Rilke oder Trakl wollen auf dem Hintergrund ihrer Zeit und ihres Lebens verstanden sein und können damit Anregungen geben, uns und unsere Zeit zu verstehen. Gerade gilt mein Interesse Hölderlin und viel von mir finde ich in ihm wieder (was nicht heißt, dass ich glaube, ihm nur annähernd das Wasser reichen zu können). Es dauert noch ein bisschen, bis sich der gute Hölderlin in Posts niederschlägt :-)
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4 Antworten zu Ein Leben lang außer sich. – Kafkas Türhüterlegende: „Vor dem Gesetz“ ist niemand gleich.

  1. Gabriele Fellermann schreibt:

    Danke vielmals für diese Interpretation. Ich habe die letzten zwei Wochen viel über diese Geschichte nachgedacht und wenig verstanden. Die Deutung überzeugt mich.

  2. Berthold Winkler schreibt:

    Lieber Johannes, zu-fällig gerate ich über das „Sterben“ auf Deinen Blog und erinnere mich gerne an unserer Begegnung in den Jahren beim Kath. Bildungswerk Böblingen… gerne auch per Mail wieder … be.winkler@gmx.de … Berthold

  3. Lieber Berthold,

    es ist ja schon viele Jahre her, aber ich erinnere mich noch gut an Dich und Deine Arbeit in Böblingen, obwohl wir uns, glaube ich, nur ein oder zweimal gesehen haben, das eine Mal war auf jeden Fall der Abend mit diesem beeindruckenden Priester.
    Ich melde mich bei Gelegenheit und hoffe, es geht Dir gut!

    Liebe Grüße,
    Johannes

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