„Ich sehne oft nach einer Mutter mich!“ – Gedanken zu unseren Muttertagen.

Wie sehr ein Mutterbild zerrissen sein kann, zeigen obige Worte auf dem Hintergrund jener, die einer unserer größten Dichter in Bezug auf seine Mutter, die diese Worte nach dem Tod ihres Sohnes gelesen haben wird, ebenfalls äußerte: „Sie liegt in einem hohen Herz-Verschlag / und Christus kommt und wäscht sie jeden Tag.“

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Rainer Maria Rilke hat in seinen Ersten Gedichten immer wieder manchmal fast zusammenhanglos wirkende Gedanken – oft sind es nur wenige Zeilen – in Reimen auf Papier geworfen, die einen dennoch nicht so schnell wieder freigeben, beispielsweise jene zwei folgenden knappen Strophen, die sich auf ein Gretchenschicksal zu beziehen scheinen, jener jungen Mutter also, die so schmählich von Faust im Stich gelassen worden war.

Wie zum Trost vermag der damals so junge Dichter, der immer wieder Zeit seines Lebens ein Seher war, dennoch in seinen Zeilen dem werdenden Muttersein ein Glück abzugewinnen, wissend, dass jedes im Mutterleib heranwachsende Kind – was kann uns auf Erden Wertvolleres widerfahren – sie, die Mutter, mit der Ewigkeit verbindet:

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.Und reden sie dir jetzt von Schande,

da Schmerz und Sorge dich durchirrt, –

oh, lächle Weib! Du stehst am Rande

des Wunders, das dich weihen wird.

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Fühlst du in dir das neue Schwellen,

und Leib und Seele wird dir weit –

oh, bete, Weib! Das sind die Wellen

der Ewigkeit.

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Diese Wellen der Ewigkeit haben auch Rilke Zeit seines Lebens berührt, vermittelt vielleicht auch durch die – wenn auch bigotte – Religiosität seiner Mutter, mittels deren er sicherlich dennoch viel Biblisch-Religiöses und für sein Leben und Schaffen Wertvolles lernte, die aber seine Seele vielleicht auch ausgesucht haben mag, sich von ihr abzugrenzen, um dann nur um so weiter ausgreifend nach dem Göttlichen in sich suchen zu können. Seine vielen Gedichte, die um Engel und Gott kreisen, bezeugen dies.

Rilkes Mutterbild war mehr als zerrissen. Sein 1915 verfasstes Gedicht bezeugt eine der beiden möglichen Seiten und tut noch beim Lesen weh:

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Ach wehe, meine Mutter reißt mich ein.

Da hab ich Stein auf Stein zu mir gelegt,

und stand schon wie ein kleines Haus, um das sich groß der Tag bewegt,

sogar allein.

Nun kommt die Mutter, kommt und reißt mich ein.

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Sie reißt mich ein, indem sie kommt und schaut.

Sie sieht es nicht, dass einer baut.

Sie geht mir mitten durch die Wand von Stein.

Ach wehe, meine Mutter reißt mich ein.

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Die Vögel fliegen leichter um mich her.

Die fremden Hunde wissen: das ist der.

Nur einzig meine Mutter kennt es nicht,

mein langsam mehr gewordenes Gesicht.

Von ihr zu mir war nie ein warmer Wind.

Sie lebt nicht dorten, wo die Lüfte sind.

Sie liegt in einem hohen Herz-Verschlag

und Christus kommt und wäscht sie jeden Tag.

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Sophie Rilke wird diese Sohnes-Worte vor ihrem Tod gelesen haben, denn sie überlebte ihn um fast fünf Jahre. Vielleicht mögen seine Verse heilsam für ihre Seele gewesen sein, die in ihrem Leben wohl nicht glücklich war, trennte sie sich doch nach kaum 11 Jahren Ehe von einem Mann, der ihren Ansprüchen nicht genügte, versah er doch nur eine bescheidene Beamtenstelle bei der Turnau-Kralup-Prager Eisenbahn, nachdem seine Versuche, mittels einer militärischen Laufbahn, im Rahmen deren er sogar für kurze Zeit Kommandant des Kastells von Brescia  gewesen war, gesellschaftlich zu arrivieren, gescheitert waren, weil er wegen eines Halsleidens seinen Abschied nehmen musste. 

Seine Frau, aufgewachsen in einer angesehenen Prager Kaufmannsfamilie – ihr Vater war gar Kaiserlicher Rat – trennte sich jedenfalls von ihm und zog nach Wien, um dem kaiserlichen Hofe nahe zu sein. Wer weiß, ob damit nicht auch zusammenhängt, dass ihr Sohn späterhin Kontakte zu den vornehmsten Adelsgeschlechtern Europas pflegte, gewiss nicht zu deren seelisch-geistigem Nachteil. 

Obwohl so oft von der Mutter enttäuscht, stand er allem Weiblichen – fast möchte man sagen – zu offen gegenüber, zumal auch seine Ehe scheiterte, er dennoch aber Zeit seines Lebens seiner Ehegattin verbunden blieb, vor allem aber jener Frau, die wie eine Sonne ihr Umfeld überstrahlte – zu dem auch Nietzsche gehörte: Lou Andreas-Salomé.

Mit der Bedeutung des Mütterlichen hat Rilke sich Zeit seines Lebens auseinandergesetzt, und es mag uns darauf verweisen, wie wichtig es ist zu erkennen, wie sehr auch in dem Mütterlichen sich zwei Seiten des Weiblichen spiegeln, die auch in unserer Seele enthalten sind.

Eine, die eher dunkle Seite, dokumentiert sich in einem Brief Rilkes, im April 1904 aus Rom an Lou geschrieben, in dem es heißt:

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Meine Mutter kam nach Rom und ist noch hier. Ich sehe sie nur selten, aber – Du weißt es – jede Begegnung mit ihr ist eine Art Rückfall (…) Wenn ich diese verlorene, unwirkliche, mit nichts zusammenhängende Frau, die nicht alt werden kann, sehen muss, dann fühle ich, wie ich schon als Kind von ihr fortgestrebt habe, und fürchte tief in mir, dass ich, nach Jahren und Jahren Laufens und Gehens, immer noch nicht fern genug von ihr bin, dass ich innerlich irgendwo noch Bewegungen habe, die die andere Hälfte ihrer verkümmerten Gebärden sind, Stücke von Erinnerungen, die sie zerschlagen in sich herumträgt; dann graut mir vor ihrer zerstreuten Frömmigkeit, vor ihrem eigensinnigen Glauben, vor allem diesem Verzerrten und Entstellten, daran sie sich gehängt hat, selber leer wie ein Kleid, gespenstisch und schrecklich. Und dass ich doch ihr Kind bin (…)

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Zuallermeist, auch bei aller Enttäuschung, trägt ein Kind die Liebe zu Vater und Mutter in sich, weil sie, ohne dass es das weiß, für eine archetypische, weit größere und uranfängliche steht; deshalb möchte sie doch gelebt und alle Tage möchten so gerne Vatertage und Muttertage sein. Man spürt es jenen Worten an, die Rilke seinen Malte in dessen Aufzeichnungen formulieren lässt – und ich denke, da wird auch Autobiographisches mitgeschwungen haben:

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Maman kam nie in der Nacht -, oder doch, einmal kam sie. Ich hatte geschrien und geschrien, und Mademoiselle war gekommen und Sieversen, die Haushälterin, und Georg, der Kutscher; aber das hatte nichts genutzt. Und da hatten sie endlich den Wagen nach den Eltern geschickt, die auf einem großen Balle waren, ich glaube, beim Kronprinzen. Und auf einmal hörte ich ihn hereinfahren in den Hof, und ich wurde still, saß und sah nach der Tür. Und da rauschte es ein wenig in den anderen Zimmern, und Maman kam herein in der großen Hofrobe, die sie gar nicht in acht nahm, und lief beinah und ließ ihren weißen Pelz hinter sich fallen und nahm mich in die bloßen Arme. Und ich befühlte, erstaunt und entzückt wie nie, ihr Haar und ihr kleines gepflegtes Gesicht und die kalten Steine an ihren Ohren und die Seite am Rand ihrer Schultern, die nach Blumen dufteten. Und wir blieben so und weinten zärtlich und küßten uns, bis wir fühlten, daß der Vater da war und daß wir uns trennen mußten. (…) „Was für ein Unsinn uns zu rufen“, sagte er ins Zimmer hinein, ohne mich anzusehen (…)

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Ja gewiss, es gibt Kinder, die nie wirklich von ihren Eltern angeschaut worden sind. Aber die Sehnsucht ist dennoch da und unser Dichter hat es so formuliert:

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Ich sehne oft nach einer Mutter mich,

nach einer stillen Frau mit weißen Scheiteln.

In ihrer Liebe blühte erst mein Ich;

sie könnte jenen wilden Hass vereiteln,

der eisig sich in meine Seele schlich.

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Dann säßen wir wohl beieinander dicht,

ein Feuer surrte leise im Kamine.

Ich lauschte, was die liebe Lippe spricht,

und Frieden schwebte ob der Teeterrine

so wie ein Falter um das Lampenlicht..

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Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen, und genieße die Saale, die Wiesen, den so vielfältigen Wald und die bemerkenswerten Veränderungen im Jahresverlauf. – Mein Interesse gilt, wie sich in Mythen und der Literatur die Entwicklung des Menschen spiegelt. Ohne den Prometheus in uns kommen wir nun eben mal nicht zu wahrem Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen; doch wenn es gutgeht, laufen wir mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival; dazu ist es notwendig, sich zu erlauben, wie jener den eigenen Karfreitag zu erleben. Ich glaube, dass Philosophen und Dichter früherer Zeiten ein höheres spirituelles Bewusstsein hatten, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante oder Goethe hießen; viel von ihrem Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet (eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte!). - Vor allem Michael Ende schließt an die Tradition der großen Alten an; seine "Unendliche Geschichte" beleuchtet eine mögliche Reise zu sich selbst durch die Heilung der kindlichen Kaiserin in uns. Sie steht stellvertretend dafür, dass in Menschen unserer Zeit ein entsprechendes Bewusstsein erwacht, wenn auch der Hype vom Wassermannzeitalter einer falsch verstandenen Esoterik viel Unheil angerichtet hat. - Viele der großen Dichter, heißen sie Schiller, Hofmannsthal, Rilke oder Trakl wollen auf dem Hintergrund ihrer Zeit und ihres Lebens verstanden sein und können damit Anregungen geben, uns und unsere Zeit zu verstehen. Gerade gilt mein Interesse Hölderlin und viel von mir finde ich in ihm wieder (was nicht heißt, dass ich glaube, ihm nur annähernd das Wasser reichen zu können). Es dauert noch ein bisschen, bis sich der gute Hölderlin in Posts niederschlägt :-)
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9 Antworten zu „Ich sehne oft nach einer Mutter mich!“ – Gedanken zu unseren Muttertagen.

  1. Mion schreibt:

    Hallo Johannes,

    irgendetwas lief in meinem Reader falsch. War ich doch der Ansicht dir zu folgen. Denn du bist denjenigen, der mir einen wunderbaren Namen für meinen Blog vorschlug. Heuer habe ich nach dir gesucht. Bin fündig geworden und fast sprachlos.
    Ich kenne lediglich ein Gedicht von Rilke, über den Vorfrühling, wie es mit allgemeiner Bildung üblich ist. Dennoch muss ich sagen, ich habe bisher etwas verpasst. Rilke ist eine gute Seele, die die Welt mit anderen Augen gesehen hat.
    Vielleicht war ich gezwungen zu reifen, um ihn zu verstehen.

    Eine wirklich tolle Interpretation, die wie ich finde, jeder Verstehen kann.
    Ich danke dir vielmals, dass du mich entdeckt hast und ich nun lernen und weiter wachsen darf.

    Chapeau!

    Mion

    • Hallo Mion,

      wie schön, wenn man morgens den Computer anmacht und so liebe Worte vorfindet. Man spürt auch Deine Liebe auf Deinem Blog, wie Du von und über Pflanzen sprichst. Bestimmt bist Du auch eine heimliche Verbündete aller Naturwesen, die Deinen Garten bevölkern. In unserer Zeit hat ja Marko Pogăcnik über diese Gefühlsebene von Mutter Erde geschrieben, ich schätze sein Buch „Elementarwesen. Die Gefühlsebene der Erde“.

      LIebe Grüße, es freut mich, wenn wir wieder voneinander hören,
      Johannes

      • Mion schreibt:

        Lieber Johannes,
        es ehrt mich, dass ich zu einem guten Morgen beitragen konnte. Danke, dass du mir ebenfalls meinen Morgen noch schöner machst. Waren gerade im Garten. Es ist ein wenig ungemütlich kalt und windig gewesen, aber trotzdem erfrischend.
        Ich bin gerne die Verbündete von Mutternatur und deren Übersetzer. Danke für die Buchempfehlung.

        Nicht jeder versteht, was sie uns versucht mitzuteilen. Ob sie überhaupt eine tiefgründige Aussage machen möchte sei dahingestellt. Aber sie teilt sich mit.
        Brennsessel brennen, Disteln picken und Stechapfel stinkt. Heißt: ‚Lass mich in Ruhe.‘
        Hier in unseren Gefilden spricht sie dennoch noch sehr sanft zu uns. In anderen Regionen, gibt es genug Pflanzen die härtere Worte sprechen und sich mit Giften rigoros Verteidigen. Lese gerade das Buch „Gemeine Gewächse“ von Amy Steward, indessen bin ich überrascht, welch einen rigorosen Verteidigungsmodus, Mutter Natur, z.B. in tropischen Regionen verwendet. Mein Buchtipp zurück an dich. Hier noch ein Link zur Ulrike Sokul, die es so toll vorstellte: https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/04/07/gemeine-gewaechse/

        Wir sollten uns alle glücklich Schätzen, in so einer sanften Naturwiege, geschaukelt zu werden.
        Du bist ein solcher Wertschätzer!
        Danke!

        Schönes Pfingstwochenende wünscht
        Mion

      • Mion schreibt:

        Lieber Johannes, lang habe ich über deinen Vorschlag, meinen Blog umzutaufen nachgedacht. Lies nach, in meinem neuen Beitrag, zu welchem Fazit ich kam.
        Auch war ich so frei und habe deinen Kommentar darin integriert und dich fleißig verlinkt, damit noch mehr Menschen auf dich, deine Beiträge und deinen tollen Blog aufmerksam werden!

        Grüne Grüße
        Mion

      • Danke, Du Liebe, und alles Grüne!

  2. Liebe Mion,

    sorry, ich habe gar nicht nachgeschaut, ob das Buch überhaupt noch aufgelegt wird, es ist nämlich uralt; aber den Titel schreibe ich einfach gern, diese Vorstellung von einer Gefühlsebene der Erde, wobei die Erde für mich durchaus Gefühle hat, aber nicht so unbedingt, wie wir uns das vorstellen: Eine blühende Taubnessel mag für sie wie ein wunderschönes Gefühl sein.
    Apropos Taubnessel: Kürzlich habe ich gelesen, dass, wenn man Brennesseln sammelt (wie ich z.B.), man Taubnesseln dazu nehmen solle, denn sie seien wie ein weibliches Pendant zu den Brennesseln.
    Da mag etwas Wahres dran sein, bei mir jedenfalls kam der Gedanke sofort an – und so mache ich das dann auch :-)
    Das von Dir empfohlene Buch klingt echt interessant. Oft bereichern neue Gedanken und Sichtweisen, und schön, wenn man sich darüber austauschen kann.
    Hab noch ganz viele schöne Tage in Deinem Garten, bzw.: Habt noch … für Deinen Mann gilt ja das Gleiche :-)

    Liebe Grüße,
    Johannes

    • Mion schreibt:

      Danke Johannes, dass Buch gibt es noch.
      Ich bin nicht sehr spontan. Ich lass es mir durch den Kopf gehen, ob es was für mich zur Zeit ist oder nicht. Bücher müssen mich erreichen.
      Die Erde fühlt mit Sicherheit, vielleicht nicht so emotional, wie wir Menschen, aber sie lenkt weise und hält die Balance zwischen den Dingen, dabei ist sie langezeit gütig und großzügig.

      Das Austauschen macht mir Spaß.

      Hast du auch einen Garten?

      Grüne Grüße
      Mion

      • Ich habe keinen Garten, aber ich gucke sie einfach gern an. Mir kommt es so vor, als ob Menschen besonders über ihren Garten ihre Liebe zum Ausdruck bringen; vielleicht ziehen sie deshalb so sehr die Augen an. Von mir aus könnte es noch viel mehr Gärten geben, vor allem in Städten. Sie bringen so viel Ruhe und Frieden, wo immer sie sind.

      • Mion schreibt:

        Das stimmt, meistens stimmen Sie die Menschen friedlich…

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