Von heiterem, hellem Wasser und dem Andrang von Brüsten: Rainer Maria Rilke und ein Augenblick.

An der sonngewohnten Straße, in dem
hohlen halben Baumstamm, der seit lange
Trog ward, eine Oberfläche Wasser
in sich leis erneuernd, still ich meinen
Durst: des Wassers Heiterkeit und Herkunft
in mich nehmend durch die Handgelenke.
Trinken schiene mir zu viel, zu deutlich:
aber diese wartende Gebärde
holt mir helles Wasser ins Bewußtsein.

Also, kämst du, braucht ich, mich zu stillen,
nur ein leichtes Anruhn meiner Hände,
Sei´s an deiner Schulter junge Rundung,
sei es an den Andrang deiner Brüste.

´

Nein, er trinkt nicht, der Rainer Maria Rilke, beim Verfassen des Gedichtes 48 Jahre alt (1875 geboren). Aber wie so oft, macht er einen Augenblick zur Welt.

Das kann uns derzeitigen Weltbürgern nicht schaden, zerrinnen uns doch die Augenblicke zunehmend in ein Nichts.


Hier macht einer den Augenblick wertvoll, lässt uns daran denken, ob wir selbst heute noch so einfach Wasser aus einem Trog trinken würden bei all den Umwelt-Zeigefingern, die uns bedrängen.

Durststillen mittels heiterem, hellem Wasser.

Dessen Herkunft gedenken.

Deutlich wird, warum Literatur, warum Lyrik, warum Worte so wertvoll sein können; sie tauchen fast Verlorenes in ein aufscheindes Licht.

Dann wird deutlich: der 48-Jährige ist verliebt in eine junge Frau und mindestens genauso gern würde er sich stillen, diesen besonderen Durst nach ihr stillen mit einer Sanftheit, die der Weise seines Liebens entspricht – und er erfindet dafür ein Wort: Anruhn.

Und noch ein Wort erfindet er, ein Bild erfindet er, das deutlich macht, dass es schon Wünsche in ihm gibt, wenn er vom „Andrang deiner Brüste“ spricht.


Den Trog gibt es, das Wasser gibt es, die Gebärde gibt es. Nur ob es die Geliebte gibt, das ist, angesichts des Konjunktiv II von „kämst du“ nicht sicher.


Man würde es ihm, dem Rainer Maria, ursprünglich auf René Karl Wilhelm Johann Josef Maria getauft, gönnen, einem, der Zeit seines Lebens der irdischen Liebe hinterherlief, sie nie wirklich fand und sie gern deshalb ins Religiöse stilisierte?

Ich glaube, das wäre angesichts dieser spürbar alten Menschenseele zu einfach.

Doch dieses Kapitel, wie sehr einer unter einer fehlenden männlichen Seite leiden konnte, das schlagen wir hier nicht auf.

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2 Antworten zu Von heiterem, hellem Wasser und dem Andrang von Brüsten: Rainer Maria Rilke und ein Augenblick.

  1. brigwords schreibt:

    Wie schön! Und deine Gedanken dazu auch!

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