Polarität, Trinitität, Quaternität: Wer zu heilig sein will, verkennt vielleicht, dass das Böse auch sein Gutes haben könnte.

Eine unserer wichtigsten Fähigkeiten ist, wahrnehmen zu können, ob wir uns gerade auf der Sonnenseite des Lebens befinden, unsere helle Seite leben, oder ob wir uns auf der Seite unseres dunklen Bruders oder unserer dunklen Schwester befinden, im Reich unseres Schattens, jenem inferioren Teilen unserer Persönlichkeit, der in unseren Träumen als gleichgeschlechtliches Wesen auftritt und dem durch Aufwachen entkommen zu sein wir manches Mal höchst dankbar sind.

Oh Gott, bin das wirklich ich? Oft mag man, aufgewacht, diese Seite von sich nicht ansehen. – Wer bist Du, fragt man seinen dunklen Bruder, und der antwortet: Der du nicht sein willst.

Wer allerdings meint, er sei, wenn es  ihm gutgeht, unbedingt auf der Sonnenseite, und wenn es ihm schlecht geht, auf der dunklen, der Schattenseite des Lebens, der könnte sich gewaltig irren. Mancher mag wissen, wie sehr wir, wenn wir nicht mehr weiter wissen oder verzagt sind, bisweilen spüren – manchmal nimmt man das auch erst im Nachhinein wahr -, wie nah wir uns sind, wie sehr bei uns, viel tiefer in uns als sonst.

Und ist es nicht so, dass, wenn es uns gutgeht, es manches Mal so ist, als sei eine Watte zwischen unserem augenblicklichen Bewusstseinspunkt und jener Tiefe unserer Seele, die wir bereits kennen? – Wenn das Leben so locker dahinplätschert, plätschert es dann auch nicht locker an uns vorbei?

Wie geht das, dass man eine positive Phase hat und nah bei sich ist?

Gut jedenfalls, wenn wir um den dunklen Bruder, die dunkle Schwester in uns wissen.

Existent sind, wenn wir ein Mann sind, der dunkle Bruder, wenn wir eine Frau sind, die dunkle Schwester auf jeden Fall. Ich zitiere C.G. Jung aus seinem Vorwort des von ihm verfassten Kommentars zum Tibetischen Buch der Großen Befreiung, wenn er schreibt und dabei auf LAO-TSEs Tao Te King Bezug nimmt

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dass es nämlich keine Position ohne ihre Negation gibt. Wo Glaube ist, ist auch Zweifel; wo Zweifel ist, ist auch Gläubigkeit; wo Sittlichkeit ist, ist auch Versuchung. Nur Heilige haben Teufelsvisionen (…) Wenn wir unseren eigenen Charakter sorgfältig prüfen, werden wir unweigerlich finden, dass „Hoch auf Tief“ steht, wie LAO-TSE sagt. Das will heißen, daß die Gegensätze einander bedingen und daß sie eigentlich ein und dasselbe sind. Das sieht man gut bei Menschen mit einem Minderwertigkeitskomplex; sie hegen irgendwo noch einen kleinen Größenwahn. Die Tatsache, daß die Gegensätze als Götter erscheinen, kommt von der einfachen Erkenntnis, daß sie sehr mächtig sind. Die chinesische Philosophie erklärte daher, es seien kosmische Prinzipien und nannte sie yang und yin. Je mehr man die Gegensätze trennen will, um so größer wird ihre Macht. Wenn ein Baum in den Himmel wächst, reichen seine Wurzeln bis in die Hölle hinunter, sagt NIETZSCHE. Und doch ist es oben und unten derselbe Baum. Für unsere westliche Mentalität ist es charakteristisch, daß wir die zwei Aspekte in antagonistische Personifikationen trennen: Gott und Teufel. Und es ist gleicherweise charakteristisch für den fröhlichen Optimismus der Protestanten, dass der Teufel taktvoll vertuscht wird, jedenfalls in der jüngsten Vergangenheit (…) je mehr Gewicht wir den  unbewussten Prozessen zumessen, umso mehr lösen wir uns von der Welt der Begehrlichkeit und der getrennten Gegensätze, und umso mehr nähern wir uns dem Zustand der Unbewußtheit, der durch Einheit, Unbestimmbarkeit und Zeitlosigkeit charakterisiert ist. Das ist wahrscheinlich eine Befreiung des Selbst aus seiner Verstrickung in Leiden und Kämpfe (…)

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Zugang zu dem Unbewussten, den Grundlagen des wahren Geistes also, zu finden, gehört zu dem Schwierigsten, was es gibt. Allein es zu versuchen, hat schon heilende Kraft, weiß C.G. Jung. Voraus allerdings setzt das erst einmal, dass wir um das Dunkle in uns wissen, auch wissen, dass es immer auf dem Sprung steht, uns zu dominieren. Niemand ist so dem Dunkel verfallen wie der, der glaubt, dass es für ihn keine Gefahr bedeute oder nicht existiere.

Was und wie das EINE, dass C.G. Jung psychologisch das Unbewusste nennt, ist, wissen wir nicht. Wir nähern uns, wenn wir wollen ihm an. Zu glauben aber, dass, indem wir die Gegensätze in uns negieren, dem EINEN nahe sind, wie viele, die nur Licht und Liebe für sich kennen wollen oder sich als Engel präsentieren, ist ein Irrtum, der uns unsere Lebenszeit kosten kann.

Als Gott die Welt schuf – in Wahrheit mögen es sieben verschiedene Elohim gewesen sein, was als Übersetzung auch möglich ist – versagte er ausgerechnet dem zweiten Tag die bedeutsame Formulierung: Und Gott sah, dass es gut war. An allen anderen Tagen findet sich diese Formulierung. Kein ernsthaft Suchender wird glauben, dass das ein Zufall sei.

Die Zahl 2 des zweiten Tages ist die Zahl der Polarität, des Zweiten, des Anderen. Seitdem gibt es die unteren Wasser und die oberen, gibt es ganz offensichtlich die Welt der Gegensätze.

Ob Gott, ob die Elohim das selbst nicht gut finden wollten? Oder ob sie nur ahnten, was diese Zwei mit sich bringen würde und dem das Prädikat gut versagten?

Margarete, Fausts Flamme, hat es, so lesen wir, gerochen, wenn Mephistopheles in einem Zimmer gewesen war. Und sie sagte ihrem Heinrich sehr deutlich, dass sie es gar nicht gern sähe, wenn er in Gesellschaft dieses Gesellen sei. Sie spürte die Bedeutung des dunklen Bruders und dessen Sucht nach totaler Vernichtung.

Faust, so kann man sagen, erkannte nicht, dass Mephisto ein Teil von ihm war und im Grunde seine Gegenwart bedeutete, dass er seinem Schatten verfallen war.

Solange wir in der Zeit leben – und das wird noch unendlich viele Leben der Fall sein -, wird uns dieser Schatten begleiten. Vielleicht strebt er genauso nach Erlösung wie das Luzifer tun mag und all das, was wir als Böses bezeichnen.

Das sogenannte Böse von Kirchentagen wie dem derzeitigen katholischen auszuschließen, ist gewiss kein Weg.

Und nur den Segen für jene zu erbitten, die am Kirchentagsgottesdienst teilnehmen und ihn an der Fernsehern verfolgen, auch nicht.

Wie wir mit dem Dunklen in uns und um uns umgehen – es mag beides in Wahrheit ein und dasselbe sein -, mag wohl entscheidend sein, wie es mit uns als Menschen weitergeht.

Nie kann es darum gehen, mit dem Bösen einen Schmusekurs fahren zu wollen – das würde sich bitter rächen.

Aber vielleicht hat das Böse auch sein Gutes.

In Psychologische Deutung des Trintitätsdogmas erzählt JUNG von einem bezeichnenden Erlebnis bei einem Negerstamm am Mont Elgon, an der Grenze also von Uganda und Kenia:

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Diese Leute bekannten sich zu der Überzeugung, daß der Schöpfer alles gut und schön gemacht habe. Als ich fragte: „Aber die  bösen Tiere, die euch das Vieh töten?“ Da sagten sie:“Der Löwe ist gut und schön.“ „Und eure scheußlichen Krankheiten?“ Sie sagten: „Du liegst in der Sonne, und es ist schön.“ Ich war von diesem Optimismus beeindruckt. Aber – abends um sechs Uhr hörte dieses Philosophie plötzlich auf, wie ich bald entdeckte. Von Sonnenuntergang an herrscht eine andere Welt, die dunkle Welt, die Welt des ayik, das ist das Böse, Gefährliche, Angstverursachende. Die optimistische Philosophie hört auf, und es beginnt die Philosophie der Gespensterfurcht und der magischen Gebräuche, die gegen das Übel schützen sollen. Mit Sonnenaufgang kehrt dann, ohne inneren Widerspruch, der Optimismus wieder.

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Wer von uns heute so noch leben will, stellt diese heile Welt künstlich her. Denn dieser Glaube an die Welt des schützenden Vaters, der alles behütet, ist für unser Bewusstsein vorbei. Mit dem Christentum – und eigentlich gab es sie schon vorher in der Purusha-Philosophie Indiens und den gnostischen Erlöserfiguren – hat die Welt des Sohnes, des Erlösers Einzug gehalten, so vermittelt es der berühmte Schweizer Psychologe.

Einen Erlöser brauchen wie nur, wenn etwas erlöst werden muss.

Nicht verdrängt will es sein. Erlöst werden will es:

Das Dunkle, das Gott meines Erachtens nicht in die Welt gebracht hat, aber durch die polare Struktur alles Seins als Möglichkeit zuließ, wenn er nicht selbst dadurch gekennzeichnet ist – ich weiß es nicht.

Man kann dieses „es“ viele Leben verdrängen und seelisch und selbstmitleidig den Fliegenden Holländer spielen. Aber irgendwann kommt auch für diesen die Erlösung in Gestalt einer Frau, die ihn liebt und durch ihre Liebe erlöst. Doch diese Möglichkeit gibt es eben nur alle sieben Jahre. Oder alle sieben Leben. Vielleicht ist das Ganze deshalb gar nicht so lustig . . .

Und vielleicht muss in unserem Denken sich die Trinität von Vater, Sohn und Heiligem Geist erst zu einer Quaternität erweitern und die Mutter, das Weibliche mit einbezogen werden, damit die harten männlichen Herzen von Männern und Frauen sich der Erlösung öffnen.

Ich habe es nie verstanden, warum dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist die Mutter fehlt und vermute, Goethe dachte ähnlich, wenn er nicht das Ewig-Männliche, sondern am Schluss seines Faust das Ewig-Weibliche dem bereits verstorbenen Faust als Hoffnung mitgibt. Gewiss, göttlich-trinitarische Strukturen gab es bereits eindeutig in Babylonien, Ägypten und Griechenland; sie sind keine Erfindung des Christentums, wenn uns das auch manche Christen weismachen wollen, viel eher scheint Trintität ein Archetypus, ein Grundmuster menschlichen Lebens zu sein, wenn diese auch durch den Sohn Gottes erst wirkmächtig und für alle offensichtlich mit dem Christentum auf und in die Erde und ihr Bewusstsein einzog. Man kann das leugnen, aber das ist zwecklos.

Es könnte so sein, dass das Mütterliche von uns bewusst entdeckt sein will. Nicht von ungefähr spielt das Sonnenweib im letzten Buch der Bibel, der Apokalypse, eine nicht zu übersehende Rolle. Und nicht von ungefähr begann in der griechischen Mythologie das Leben nicht als das des Vaters, sondern als das einer Mutter, Gaia; erst sie, Gaia, erschuf den Himmel, die männliche Gottheit, Uranos.

Gewiss ist Gaia weit mehr als der Planet Erde. Dennoch aber leben wir auch auf ihr.

Möglicherweise ist uns das noch zu selbstverständlich und zu wenig bewusst.

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Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen. Mein Interesse gilt den Mythen und der Literatur, spiegelt sich doch in ihnen die Entwicklung des Menschen: Ohne den Prometheus in uns kommen wir nicht zu einem selbständigen Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen, eher vielleicht ein Bewusstseinsakt als ein Verbrechen, stehen beide doch für eine Weise menschlicher Entwicklung. Manche unter uns mögen mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival unterwegs sein. Philosophen und Dichter früherer Zeiten hatten ein sehr hohes spirituelles Bewusstsein, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante, Goethe, Schiller oder Hölderlin hießen; in neuerer Zeit gilt das u.a. für Nietzsche, Trakl, Hofmannsthal, Rilke und Michael Ende. Viel von deren Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet, sicherlich eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte. Die Auseinandersetzung und Beschäftigung mit den Gedanken der oben Angesprochenen kann uns bereichern und Verschüttetes ins Bewusstsein rufen. Manches kann unseren Lebensweg wesentlich beeinflussen.
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5 Antworten zu Polarität, Trinitität, Quaternität: Wer zu heilig sein will, verkennt vielleicht, dass das Böse auch sein Gutes haben könnte.

  1. gertrudtrenkelbach schreibt:

    Schatten ist ein Thema, das mit immer wieder folgt und so auch Schatten wirft….

    • Ja, so geht es mir auch. Die Frage ist nur, wie man mit ihm umgeht. Wer hätte gedacht, dass auch der „Teufel“ respektiert sein will . . .
      In manchen Gegenden Afrikas wird streng darauf geachtet, nicht auf den Schatten des Anderen zu treten. Intuitiv wissen die Menschen: Träte man auf ihn, träte man den Menschen.
      Liebe Grüße!

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