Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden, / in welchen meine Sinne sich vertiefen – Rainer Maria Rilke wagt einen Blick, den viele leider nicht wagen.

Manche Gedichte Rilkes haben eine ungeheure Tiefe. So wie das folgende, geschrieben in Berlin-Schmargendorf am 22.9. 1899.
Rilke weiß, dass aus dem Dunkel unseres Inneren uns ein Wissen über uns zukommen kann, das im Grunde unerschöpflich ist. In vielen frühen Gedichten deutet sich an, dass er sich dieses unerschöpflichen Reservoirs, das wir psychologisch das Unbewusste nennen – eine Begrifflichkeit, die heute, weil viel zu abstrakt geworden, eher den Zugang zu ihm verstellt -, bewusst ist. Aufschlussreich jedenfalls ist, dass Rilke sein Dunkles in sich liebt – und das ist sicherlich gut so, sonst hätte er schon früh den Zugang zu seinem Inneren verstellt:

Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden,
in welchen meine Sinne sich vertiefen;
in ihnen hab ich, wie in alten Briefen,
mein täglich Leben schon gelebt gefunden
und wie Legende weit und überwunden.

Aus ihnen kommt mir Wissen, dass ich Raum
zu einem zweiten zeitlos breiten Leben habe.
Und manchmal bin ich wie der Baum,
der, reif und rauschend, über einem Grabe
den Traum erfüllt, den der vergangne Knabe
(um den sich seine warmen Wurzeln drängen)
verlor in Traurigkeiten und Gesängen.

Ebenfalls im Buch vom mönchischen Leben finden wir die Zeilen:

Du Dunkelheit, aus der ich stamme
ich liebe dich mehr als die Flamme,
welche die Welt begrenzt,
indem sie glänzt
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen –:
für irgend einen Kreis,
aus dem heraus kein Wesen von ihr weiß.

Aber die Dunkelheit hält alles an sich:
Gestalten und Flammen, Tiere und mich, wie sie’s errafft,
Menschen und Mächte –

Und es kann sein: eine große Kraft
rührt sich in meiner Nachbarschaft.

Ich glaube an Nächte.

Gewiss hält die Dunkelheit nicht alles an sich – wir sollten uns jedenfalls darum bemühen, dass das nicht so ist. Aber es ist ein Vorrecht eines jugendlichen Dichters, nicht immer ständig ausgewogen sein und schreiben zu müssen.

Zu wünschen wäre, dass Menschen sich dem Dunkel in sich zuwendeten; dann wären wir vor mehr Zeitgenossen, die sich so gern so fehlerlos und blütenrein präsentieren, verschont.

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Eine Antwort zu Ich liebe meines Wesens Dunkelstunden, / in welchen meine Sinne sich vertiefen – Rainer Maria Rilke wagt einen Blick, den viele leider nicht wagen.

  1. hannahbuchholz schreibt:

    Sehr schön… !
    Allein dieser Schluß-Vers: „Ich glaube an Nächte!“
    Ohne Worte!

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