Über wahre Liebe, gegen allen Gender-Trend und ein göttlicher One-Night-Stand: Goethes Ballade „Der Gott und die Bajadere“. Hinreißend.

Ja, ich finde diese Ballade hinreißend, obwohl die Kritik an ihr wahrlich laut war und ist, ist der Gott Shiva – hier Mahadöh genannt – doch scheinbar der reine Macho, eine Frau wieder einmal von einem Mann abhängig und so dumm, für ihn noch in die Flammen zu springen. Dass dann der Mann noch als der große Retter auftritt: passt! – Wenn man die Ballade so sieht, was nicht wenige tun, versteht man ihren tieferen Sinn nicht und kann vor allem eine große Liebe, nur weil man auf das Gender-Streaming abfährt, nicht  annehmen [wenn ein Mann ins Feuer spränge und eine Göttin ihn rettete, wäre alles, logisch, ganz anders und völlig in Ordnung … wirklich doof, diese Gender-Klischees].

HIer zunächst die Ballade, wobei vorab auf ihre auffallende und, wie ich finde, geniale metrische Gestaltung aufmerksam gemacht sein soll. Goethe hat jede Strophe nämlich zweigeteilt, in einen vierhebig-trochäisch gestalteten Teil mit alternierend männlich und weiblicher Reimendung, und einen dreihebig-daktylisch (bis auf Strophe 4 mit Auftakt) gestalteten, was bewirkt, dass beide Teile, fast möchte man sagen, gegeneinanderlaufen; der Rhythmuswechsel bewirkt ein Aufmerken durch ein kurzes Innehalten; es ist, als ob Mann und Frau sich begegnen, die doch gar nicht zueinander passen wollen, ein Gott und eine Tempeltänzerin, eine Bajadere. Deren Berufsauffassungen waren breit gefächert – die Goethes allerdings wird nicht von ungefähr als verloren bezeichnet:

Der Gott und die Bajadere.
Eine indische Legende.

Mahadöh, der Herr der Erde,
Kómmt heráb zum séchstenmál,
Daß er unsers gleichen werde,
Mit zu fühlen Freud und Quaal.
Er bequemt sich hier zu wohnen,
Läßt sich alles selbst geschehn,
Soll er strafen oder schonen,
Muß er Menschen menschlich sehn.
   Und hát er die Stádt sich als Wándrer betráchtet,
   Die Großen belauert, auf Kleine geachtet,
   Verläßt er sie Abends um weiter zu gehn.

Als er nun hinausgegangen
Wo die letzten Häuser sind,
Sieht er, mit gemahlten Wangen,
Ein verlohrnes schönes Kind:
Grüß dich Jungfrau! – dank der Ehre
Wart, ich komme gleich hinaus –
Und wer bist du? – Bajadere!
Und dies ist der Liebe Haus.
   Sie rührt sich die Cymbeln zum Tanze zu schlagen,
   Sie weiß sich so lieblich im Kreise zu tragen,
   Sie neigt sich und biegt sich und reicht ihm den Strauß.

Schmeichelnd zieht sie ihn zur Schwelle,
Lebhaft ihn ins Haus hinein.
Schöner Fremdling, lampenhelle
Soll sogleich die Hütte seyn,
Bist du müd’, ich will dich laben,
Lindern deiner Füße Schmerz;
Was du willst das sollst du haben
Ruhe, Freuden oder Scherz.
   Sie lindert geschäftig geheuchelte Leiden,
   Der Göttliche lächelt, er siehet, mit Freuden,
   Durch tiefes Verderben ein menschliches Herz.

Und er fordert Sclavendienste
Immer heitrer wird sie nur,
Und des Mädchens frühe Künste
Werden nach und nach Natur.
Und so stellet nach der Blüthe
Bald und bald die Frucht sich ein,
Ist Gehorsam im Gemüthe
Wird nicht fern die Liebe seyn.
   Aber sie schärfer und schärfer zu prüfen
   Wählet der Kenner der Höhen und Tiefen
   Lust und Entsetzen und grimmige Pein.

Und er küßt die bunten Wangen
Und sie fühlt der Liebe Quaal,
Und das Mädchen steht gefangen,
Und sie weint zum erstenmal,
Sinkt zu seinen Füßen nieder
Nicht um Wollust noch Gewinnst,
Ach und die gelenken Glieder
Sie versagen allen Dienst.
   Und so zu des Lagers vergnüglicher Feyer,
   Bereiten den dunklen behaglichen Schleyer
   Die nächtlichen Stunden das schönste Gespinnst.

Spat entschlummert unter Scherzen,
Früh erwacht nach kurzer Rast,
Findet sie an ihrem Herzen
Todt den vielgeliebten Gast,
Schreyend stürzt sie auf ihn nieder,
Aber nicht erweckt sie ihn,
Und man trägt die starren Glieder
Bald zur Flammengrube hin.
   Sie höret die Priester, die Todtengesänge
   Sie raset und rennet und theilet die Menge.
   Wer bist du? was drängst du zur Grube dich hin?

Bey der Bare stürzt sie nieder,
Ihr Geschrey durchdringt die Luft:
Meinen Gatten will ich wieder!
Und ich such ihn in der Gruft.
Soll zu Asche mir zerfallen
Dieser Glieder Götterpracht?
Mein! er war es, mein vor allen!
Ach! nur eine süße Nacht!
   Es singen die Priester: wir tragen die Alten,
   Nach langem Ermatten und spätem Erkalten,
   Wir tragen die Jugend, noch eh sies gedacht.

Höre deiner Priester Lehre:
Dieser war dein Gatte nicht,
Lebst du doch als Bajadere,
Und so hast du keine Pflicht.
Nur dem Körper folgt der Schatten
In das stille Todenreich
Nur die Gattin folgt dem Gatten
Das ist Pflicht und Ruhm zugleich.
   Ertöne Trommete zu heiliger Klage
   O! nehmet ihr Götter die Zierde der Tage,
   O! nehmet den Jüngling in Flammen zu euch.

So das Chor, das ohn Erbarmen
Mehret ihres Herzens Noth,
Und mit ausgestreckten Armen
Springt sie in den heißen Tod,
Doch der Götter-Jüngling hebet
Aus der Flamme sich empor,
Die Geliebte mit hervor,
   Es freut sich die Gottheit der reuigen Sünder,
   Unsterbliche heben verlohrene Kinder
   Mit feurigen Armen zum Himmel empor.

Goethes Strophen haben interessante literarische Bezüge: Wie das Hohelied Salomos, das eine unsterbliche Liebe zwischen Salomo und Sulamith besingt, sind die großen Liebenden dieser Ballade fern jeglicher Ehe, also unverheiratet und passen sehr wenig in eine bürgerlich-kirchliche Norm von Liebe. Noch dazu weiß der Gott ja, dass er sich auf nur eine Liebesnacht einlässt – halt ein Heide, was kann man da schon erwarten :-)

Ich weiß nicht, ob der einstmals so große Brecht – seltsam, wie er nach dem Mauerfall in der Senke germanistischer Aufmerksamkeit verschwunden ist; es ist, als ob die Germanistik und die literarisch interessierte Öffentlichkeit sich schäme, ihm einstmals so viel Aufmerksamkeit geschenkt zu haben – für sein Theaterstück Der gute Mensch von Sezuan durch Goethe angeregt worden ist, denn auch in  jenem kommt das Göttliche – bei Brecht sind es drei Götter – auf die Erde, um einen guten Menschen zu suchen. Dass sie schon nach oben abhebend und regnieren wollend  doch noch einen finden, das Freudenmächen Shen Te, macht in gewisser Weise den Reiz der Handlung aus, die natürlich Brechts Klischee transportieren muss, dass Shen Te eben ohne Geld nicht gut sein kann, sonst wäre sie es natürlich. Obwohl ich Brechts Auffassung – Gutsein geht eben nur mit Geld – trivial und trivial-marxistisch finde – wobei Marx gewiss auch Bemerkenswertes erkannt hat -, ist dieses Stück in seiner ideenreichen Gestaltung meines Erachtens durchaus ein Höhepunkt deutschsprachigen Theaters. Jedenfalls lehnt es sich inhaltlich an Goethes Ballade an, die ja ebenfalls dramatische Züge enthält, denkt man nur an die Wechselrede in der zweiten Strophe zwischen Mahadöh und der namenlosen Tempeltänzerin, die er mit „Grüß dich, Jungfrau“ anspricht, worauf sie in ihren ersten beiden Worten fast gretchenhaft antwortet:“Dank der Ehre / Wart, ich komme gleich hinaus“ . . . 

Auch hier, wie schon in der ersten Strophe und in den folgenden, nimmt der daktylische Teil einen distanzierten Blick auf das Geschehen. Seine Bedeutung gewinnt er vor allem in der vorletzten und letzten Strophe, indem die Einstellung der bigotten Priesterschaft als lieblos und normiert gekennzeichnet wird und die abschließenden Zeilen mitteilen: Es geht nicht um religiöse Gesetzlichkeiten und Normerfüllungen – das Tempelmächen kann dem Mann nicht in die Flammen folgen, ist sie doch nicht seine Gattin -, sondern um des Menschen Bewährung in Liebe. Die Bajadere, die aufgrund ihres Berufes, eben ihres Dirnendaseins als Sünderin bezeichnet wird, zeigt, dass sie zu wahrer Liebe fähig ist. Oberflächlich gesehen hat sie offensichtlich ihren Berufsstand sehr großzügig und wenig moralisch ausgelegt, biederte sie sich doch sogleich dem Fremden zu Beginn der Ballade an; doch zeigt ihr Herz eine Tiefe, die vielen Moralaposteln und priesterlichen Pharisäern fehlt: Sie ist zu wahrer Liebe fähig, wohl auch, weil ihr Herz sich an der göttlichen Liebe entzünden kann.

Sich an der Liebe entzünden und an der Größe einer Seele, das konnte Goethe, weshalb er sich so oft verliebte. Liebe war, auch wenn er seine Frau wahrlich liebte, wiewohl er sie zum Teil nach außen hin etwas bis ziemlich schoflig behandelte, für Goethe kein einmaliges Geschehen; in wieviel Frauen hat er sich nicht verliebt und wie vielen jungen Damen und Frauen verdanken wir nicht die schönsten Liebesgedichte, man denke nur an Friedrike Brion, an Frau von Stein oder an die 17-jährige Ulrike von Levetzov; man möchte fast sagen, es ist ein Kennzeichen von Liebe, dass sie immer wieder hoch auflodert, was ja nicht ausschließt, dass sie einem Menschen treu ist. Wie schon das Hohelied Salomos einer bigotten Moral eine Absage erteilt, so tut es Goethe auch in seiner letzten Strophe, indem der Gott sich zu der Liebe des Freudenmädchens, sie aus den Flammen rettend, bekennt. Freunde hat sich Goethe mit diesem Finale furioso nicht unbedingt gemacht, aber da stand bereits in jungen Jahren der große Alte schon immer drüber; er wusste um seine Größe, er wusste auch, dass der Mensch zwei Seiten hat, weshalb er mit seiner mephistophelischen, die manche so sehr in sich leugnen, recht gut umgehen konnte. Sicherlich war auch nicht wenigen der ausführliche amouröse Mittelteil der Ballade ein Dorn im Auge und die Tatsache, dass die beiden sich doch offensichtlich einiges mitzuteilen hatten, weshalb sie spät entschlummerten.

Fest steht, dass dieses Mädchen in dieser Nacht ein Stück Ewigkeit erlebte, indem sie (bereits in Strophe 5) zusammensinkend erahnt, was in ihr vorgeht und dass sie es – was Liebe in ihrer wahren Form immer ist – mit einer höheren Macht zu tun hat, einer göttlichen Liebe. Bereits hier geht es ihr Nicht um Wollust noch Gewinnst. Mehrfach wird sie, wie wir lesen, im Verlauf der Nacht weinen.

Gerade jene, die unbarmherzige Urteile fällen, wären wohl nie, wozu das Mädchen aufgrund ihres Herzens fähig war, in der Lage gewesen, Göttliches zu erkennen. Es ist ja leider ein Kennzeichen der Menschheit, dass sie Göttliches, auch wo es in einfachen, schlichten Gestalten und Formen auftritt, nicht (mehr) erkennt. Deshalb ist es so wertvoll, wenn uns ein Mädchen wie diese namenlose Bajadere und ihr Schicksal berührt. Sie ist Gott näher als wohl die meisten berufsbedingten Liebesexperten, auch Priester genannt, und Vielwisser dieser Erde.

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6 Antworten zu Über wahre Liebe, gegen allen Gender-Trend und ein göttlicher One-Night-Stand: Goethes Ballade „Der Gott und die Bajadere“. Hinreißend.

  1. Gerry Huster schreibt:

    Das ist wirklich eine schöne Ballade. Die kannte ich noch nicht. Danke dir :)

    • Gern!
      Ja, leider ist sie ziemlich unbekannt. Zu Unrecht, wie ich finde. Es liegt wohl auch an dem Wort „Bajadere“. Wenn da „Tempeltänzerin“ oder „Freudenmädchen“ stünde, wäre die Ballade womöglich der Renner :-)

  2. Karin schreibt:

    Ist hier nicht die Paralelle zu Goethes Gedicht zu finden, wenn auch in etwas anderem Zusammenhang

    Ich will mit dem gehen, den ich liebe.
    Ich will nicht ausrechnen, was es kostet.
    Ich will nicht nachdenken, ob es gut ist.
    Ich will nicht wissen, ob er mich liebt.
    Ich will mit ihm gehen, den ich liebe.

    aus Der gute Mensch von Sezuan

    Ich stoße mich an Deinem heutigen Jargonausdruck One night stand, musstest Du ihn unbedingt für die Überschrift verwenden?
    Ansonsten herzliche Grüße mit Wünschen für einen wunderbaren Sonntag, Karin vom Dach in Hanau

  3. Ja, das ist eine echt schöne Aussage von Shen Te, die Brecht ja, wenn ich mich recht entsinne, überzeugend gezeichnet hat. Seine Aufspaltung ihrer Person in das Freuenmächen und den Vetter ist ja auch ein genialer Kunstgriff (wobei man genau so nicht Probleme lösen sollte … aber das ist ein anderes Thema, das Brecht, glaub ich, nur ansatzweise thematisiert),

    Dass Du Dich an dem Ausdruck stößt, kann ich gut nachvollziehen, ich kenne solch ein Empfinden; hier hat mich die Verwendung nicht gestört, ich setze auf der Ebene ja auch in meinen Ausführungen ein; das ganze Gender-Gedönse ist für mich nicht weit davon entfernt.
    Inhaltlich, da hast Du wirklich recht, passt die Wendung wie die Faust aufs Auge, was meint, dass das Auge sich dabei gewiss nicht wohl fühlt. – Jedenfalls gibt mir das für die Zukunft zu denken, dass Du das ansprichst und es freut mich auch irgendwie, weil es viel über Dein authentisches Empfinden erzählt.

    Grüße in die gemütliche Stube – auf dem Dach wirst Du hoffentlich nicht mehr sein, wer weiß aber, vielleicht wartest Du noch die ersten Sterne ab :-)

    Liebe Grüße vom dunkel werdenden Fuß der Rhön!
    Johannes

  4. Gegen Goethes „Der Gott und die Bajadere“, das Brecht aus dem Indien der Goethezeit in die Sphäre westlicher Prostitution versetzt, richtet sich seine bitter-ironische Kritik:

    Über Goethes Gedicht „Der Gott und die Bajadere“
    „O bittrer Argwohn unsrer Mahadöhs
    Die Huren möchten in den Freudenhäusern
    Wenn sie die vorgeschriebne Wonne äußern
    Nicht ehrlich sein. Das wäre aber bös.

    Wie schön singt jener, der das alles weiß
    Von jener einzigen, um die‘s ihm leid war
    Die für ihn auch zu sterben noch bereit war
    Um den von Anfang ausgemachten Preis.

    Wie streng er prüfte, ob sie ihn auch liebte!
    Ausdrücklich heißt’s, er hab ihr Pein bereitet …!
    Sechs waren schon geprüft, doch erst die siebte

    Vergoß die Tränen, als sie ihn verlor!
    Doch wie belohnte er sie auch: beneidet
    Von allen hob er sie am Schluß zu sich empor!“

    Diese Goetheballade hat Brecht jedoch ungenau gelesen; nicht die siebte war es, sondern die sechste („Mahadöh, der Herr der Erde, / Kommt herab zum sechsten Mal,“) und sie weint nicht erst, als der Gast sie verlässt, sondern schon während der quälenden „Prüfung“. Dennoch sind Brechts Vorbehalte gegen diese Ballade ein wichtiger Impuls, der eine gründliche Lektüre anregt, eine Lektüre allerdings, die nicht nur auf eine andere Interpretation zielt, sondern darauf, schon bei der Analyse Passagen bzw. Formulierungen zu beachten, die die Goetherezeption bisher nicht wahrnehmen wollte oder konnte, indem sie über anstößige Teile des Textes hinweggelesen hat, um den Text als „Mysterium“ und “Kern aller großen Erlösungs-Religionen“ zu feiern – „Schöner hat Goethe kaum je in Versen erzählt“ (Karl Vietor, 1949) – alles nach Trunz, Hamburger Goethe- Ausgabe Bd. 1, S. 627.

    Als „Herr der Erde“ wird der Protagonist vorgestellt (Mahadöh ist ein Beiname Shivas, des höchsten Hindu-Gottes, kann aber auch ohne diesen Bezug verstanden werden, zumal – wie es bei Trunz steht (S. 627) – „indischen Gelehrten“ es als „ein Werk aus christlichem und abendländischen Geist“ erscheint, E. M. Butler, 1952). Der fremde Herr veralbert schon in der ersten Begegnung die Prostituierte, die vom Erzähler aus der Perspektive des „Gottes“ in der Vorstadt als „Ein verlornes schönes Kind“ bezeichnet wird, indem er sie mit „Grüß‘ dich, Jungfrau“ anredet, bevor diese ihn darüber aufklärt, dass sie „Bajadere“ und das Haus „der Liebe Haus“ sei. Der alles bereits wissende herabgekommene „Göttliche“, dessen „geschäftig geheuchelte Leiden“ gelindert werden, durchschaut sie selbstverständlich mit überlegenem Lächeln und sieht „Durch tiefes Verderben ein menschliches Herz“.
    Das unaufrichtige Verhältnis des zahlungsmächtigen Freiers zur gekauften Dirne wird in widerlicher Weise zur Begegnung eines Gottes mit einem minderwertigen Wesen hochstilisiert, ohne dass – in indischer Lesart – die Rolle der Tempeltänzerin im Kastensystem als eine der religiösen Auffassung angemessene und keineswegs herabgewürdigte gesehen wird. So wenig kann der Autor Goethe nicht über einen Stoff nachgedacht haben, den er einer Reisebeschreibung entnommen und der „Goethes Phantasie lange beschäftigt hat“ (Vietor nach Trunz, siehe oben). So wenig war er in seinem eigenen Leben – man denke an sein Liebesverhältnis zu Christiane Vulpius – und in seiner Dichtung (z. B. „Römische Elegien“) gegen Frauen herablassend oder männlich-chauvinistisch.
    Zu einer Figur der aktuellen Politik, zum früheren IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn, einem „Mahadöh“ unserer Zeit, würde der göttliche Bordellbesucher wohl passen, wenn man beispielsweise einem Artikel der Stuttgarter Zeitung vom 13. Juni 2015 glauben darf (Axel Veiel, S. 9), in dem über seinen Freispruch vom Vorwurf der Zuhälterei berichtet und kommentiert wird. Veiel schreibt:

    „Denn auch wenn sich Strauss-Kahn strafrechtlich nichts hat zuschulden kommen lassen, ist in dem Prozess doch deutlich geworden, dass da ein Mann selbstherrlich, wenn nicht frauenverachtend sein sexuelles Vergnügen gesucht hat. (…) Im Gedächtnis bleiben die in leisem Ton vorgetragenen Schilderungen von zwei zierlichen, je zerbrechlich wirkenden früheren Prostituierten, die als Jade und Mounia ihre Dienste angeboten hatten. Die Frauen haben geschildert, wie sie erlebten, was dem Angeklagten ‚festliche, spielerische Momente‘ und ‚lustvolle Erholungsaufenthalte‘ waren.
    ‚Ich habe beim von DSK geforderten Verkehr Schmerzen gehabt‘, hatte Mounia erzählt. ‚Ich habe meinen Widerwillen mit Gesten verdeutlicht, ich habe geheult, ich habe ihm gesagt, dass es mir sehr wehtut.‘ Jade war es in einem Brüsseler Nobelhotel mit Strauss-Kahn nicht besser gegangen. Auch sie fügte sich unter Schmerzen, weil sie das Geld gebraucht habe, wie sie sagte.“

    Die Fortsetzung des Bordellbesuchs in Goethes Legende erfüllt oder übertrifft alle Erwartungen, zumindest eines zeitgenössischen Lesers, an erotische Literatur:

    „Und er fordert Sklavendienste;
    Immer heitrer wird sie nur,
    Und des Mädchens frühe Künste
    Werden nach und nach Natur.
    Und so stellet auf die Blüte
    Bald und bald die Frucht sich ein;
    Ist Gehorsam im Gemüte,
    Wird nicht fern die Liebe sein.“

    Dem noch metaphorisch angedeuteten Vorspiel folgen Formulierungen, die der Phantasie eines Marquis de Sade entnommen sein könnten:

    „Aber sie schärfer und schärfer zu prüfen,
    Wählet der Kenner der Höhen und Tiefen
    Lust und Entsetzen und grimmige Pein.“

    Wenn im weiteren Text von „der Liebe Qual“ die Rede ist, die sie fühle, auch von ihrem Weinen, und wenn es heißt: „Die gelenken Glieder, / Sie versagen allen Dienst“, dann ist das Ergebnis des sexuellen „Spiels“ deutlich gemacht, auch wenn es sprachlich überhöht und mit Hilfe des lyrischen Gestus überdeckt wird. Der regelmäßige Wechsel des Versmaßes vom trochäischen (8 Verse) zum daktylischen (3 Verse) Vierheber ermöglicht sehr kunstvoll die Verbindung eines pathetischen Erzähltempos mit einem tänzerischen Schwung und erzeugt eine musikalisch hochgestimmte Atmosphäre, wie sie dem Singsang einer Legende gemäß ist; Trunz (s.o.) betont „das seltsame, erregende Versmaß (…).“ Es gebe „keinen größeren Gegensatz als den fest schreitenden Trochäus und den tanzenden Daktylus. Es ist ein Umschlagen in das ganz andere. (…) Der Wechsel des Rhythmus bringt vielmehr eine ganz allgemeine Spannung und Bewegung in das Gedicht.“ Und er bemerkt „dieses Überraschende.“
    Ich meine, dass der Erzähler durch seinen lyrischen Gestus im Empfinden des Lesers, mehr noch des Zuhörers, die Peinlichkeit des erotischen Inhalts überspielt.
    Wenn Vietor schreibt: „Die Vereinigung mit dem Gott weckt in der Verlorenen den verborgenen Funken, die Fähigkeit zu wahrer Liebe“ (s.o.) und damit belegen will, dass die Geschichte „zum herrlichen Beispiel des Glaubens an das dem Menschen eingeborene Verlangen zum Guten und Echten“ (ebda.) wird, dann kann ein derartiges Lesen vielleicht dem zeitgenössischen Goethebild entsprechen, wie es auch bei Schiller angekommen sein mag, dem Goethe die Legende am Abend nach seiner Entstehung (7. Juni 1797) vorgelesen hat. Man suchte wohl nach einem Ideal, das der Dichter – und in Derartigem erschöpfen sich Schillers berühmte Balladen – zu vermitteln hat, liest aber an den Bildern, die der Text im Leser erzeugt, vorbei.
    Diese Ballade ist Legende, also eine Gattung, die für Luther schon als „Lügende“ zu übersetzen ist und die im letzten Teil der Geschichte dementsprechend aus der Hure die Heilige werden lässt. Der göttliche Mann ist verschwunden und hat seine sterbliche Hülle zurückgelassen; die nach „vergnüglicher Feier“ (!) eingeschlafene Frau erwacht und will ihren „Gatten“ und „Dieser Glieder Götterpracht“ nicht hergeben, was ihr – den geltenden religiösen Regelungen der Witwenverbrennung folgend – von den Priestern nicht gewährt wird. Und so bleibt ihr nur der freiwillige Sprung ins Feuer und der Aufstieg als „Geliebte“ in den Armen des „Götterjünglings“ in die Götterwelt.
    Die letzten Verse fassen die (allerdings eher christliche als hinduistische) Lehre der Legende zusammen:

    „Es freut sich die Gottheit der reuigen Sünder;
    Unsterbliche heben verlorene Kinder
    Mit feurigen Armen zu Himmel empor.“

    Was Goethe zur Legende erhöht, ist nichts anderes als die Verklärung eines vielleicht kolonialistisch, vielleicht auch nur chauvinistisch dargestellten Bordellbesuchs, wie er einem Indienreisenden seiner Zeit entsprochen haben mag, um die Würdelosigkeit des tatsächlich demütigenden Geschehens zu verdecken.

  5. Sehr geehrter Herr Landwehr,

    Sie haben ausgewählt, was Sie für Ihre Version einer Deutung gebrauchen konnten.

    in einigen Ihrer Passagen kommt mehr die eigene – kein Widerspruch – intellektuelle Phantasie zum Tragen als das, was Goethe vermitteln wollte.
    Als Vergleich Strauss-Kahn und die Schmerzen, die er zwei Prostituierten bereitet hat, beizuzitieren, kann man machen – mir wird dabei allerdings übel angesichts dieses Mannes und angesichts der Tatsache, wie hier der Inhalt der Ballade verbogen wird auf dem Hintergrund der Aussage des Tempelmädchens:

    Soll zu Asche mir zerfallen
    Dieser Glieder Götterpracht?
    Mein! er war es, mein vor allen!

    Hätte eine der Huren Strauss-Kahns den letzten Satz gesagt ??

    Allein dieser letzte Satz setzt eigentlich alles außer Kraft, was Sie der Ballade andichten wollen.
    Und klar kann man schreiben:

    „Was Goethe zur Legende erhöht, ist nichts anderes als die Verklärung eines vielleicht kolonialistisch, vielleicht auch nur chauvinistisch dargestellten Bordellbesuchs”.

    Der ein oder andere, z.B. ich, mag da – je nach Ansicht zu Recht oder zu Unrecht – denken, dass es noch lange dauern könnte, bis rein intellektualistisch gefärbtes Denken den Kern Goetheschen Denkens berührt, der in seinem „Faust“ und anderen Schriften immer wieder anklingen lässt, wie diffizil das Verständnis vom Verhältnis der Menschen zu Gottheiten ist, wie schwierig es ist, zu dem Wissen der Mütter herabzusteigen, und wie erfolgreich Mephisto weiterhin den Zugang dazu – Gott sei Dank! – verstellt, indem er partout manchen – bei Faust machte er nicht von ungefähr eine Ausnahme – den Schlüssel nicht übergibt.

    Wenn Goethe sich auf eine sexuelle Ebene beziehen mag, mag die berührt sein, warum nicht; und warum nimmt man nicht die Liebesfreuden der Bajadere zur Kenntnis, die offensichtlich im Liebesakt nicht meinte, an ihre Kaste denken zu müssen – und beruft sich darauf, dass sie sexuell kolonialistisch ausgebeutet wird ?

    In der Tat sehe ich auch Ebenen berührt, die allerdings an den Universitäten und Schulen nicht gelehrt werden, weil sie wenigstens erahnt, wenn nicht erfahren sein wollen als Sprache der Mythen und Heiliger Schriften. In den Mythen der Völker bezieht sich das Weibliche nunmal auf die menschliche Seele – auch in Legenden -, und wenn sich das Weibliche in Gestalt einer Bajadere im Liebestaumel rekelt, so ist damit eben noch anderes gemeint – was man sehen mag oder nicht (durchaus inklusive der körperlichen Ebene), so wie man auch das „Hohelied Salomos“ ganz einseitig verstehen kann als Hochzeit des Lammes mit der Braut oder als heilige Schmonzette von über Berg und Tal liebestaumelnden Verliebten.

    Solange seelisch-geistige Prozesse dem reinen Intellekt unterworfen werden, kann obige Ballade vielleicht nicht anders gesehen sein, als Sie es tun. Da übergeht man dann auch den Schluss, der ein Verhalten der Bajadere aufzeigt, das keine der Prostituierten Strauss-Kahns gezeigt hätte, übergeht auch, dass es in der Ballade ausdrücklich heißt, dass sie, was sie tut, nicht um Wollust noch Gewinst tut – weil sie in der Begegnung mehr wahrnimmt, als Sie es tun (ich möchte es Ihnen nicht zumuten, hier noch Brecht anzureihen).

    Auch wenn ich Ihnen in keiner Weise zustimme, weil alles rechtschaffen intellektuell ist (leider viel zu wenig in Richtung „anders-lesen” gelesen), und für mich eben nicht ansatzweise der Wahrheit nahekommt, bedanke ich mich für Ihren Kommentar. Es ist ja gut, dass es andere Sichtweisen gibt, und alle haben Ihre Berechtigung.

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