Zwölf Verse Rilkes über den ungeschaffnen Gang des Schwanes: Mühsal, die sich lohnt!

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Der Schwan

Diese Mühsal, durch noch Ungetanes
schwer und wie gebunden hinzugehn,
gleicht dem ungeschaffnen Gang des Schwanes.

Und das Sterben, dieses Nichtmehrfassen
jenes Grunds, auf dem wir täglich stehn,
seinem ängstlichen Sich-Niederlassen – :

in die Wasser, die ihn sanft empfangen
und die sich, wie glücklich und vergangen,
unter ihm zurückziehen, Flut um Flut;

während er unendlich still und sicher
immer mündiger und königlicher
und gelassener zu ziehn geruht.

Rainer Maria Rilke, 1905/06, Meudon

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Rilke schrieb dieses Gedicht unter dem Einfluss des großen Bildhauers Rhodin just in jener Zeit, als er bei diesem angestellt war, um dessen Buchhaltung zu führen, was allerdings nicht gutgehen sollte; die beiden Männer entzweiten sich. Rilke entwickelte aber durch diesen großen Künstler einen neuen Blick auf Dinge, einen Blick, der ihm erlauben sollte, tief in ihr Wesen zu sehen und zu erkennen, welche Bedeutung sie im Hinblick auf den Menschen haben.

Tiere haben sich ja, wie ich an anderer Stelle noch ausführen werde, über Millionen von Jahren gemeinsam mit dem Menschen entwickelt. Zu einem bestimmten Zeitpunkt aber sind sie noch vor dem Menschen in Erscheinung getreten – es ist der 5. Tag der Schöpfungsgeschichte – und haben sich damit von der menschlichen Entwicklung abgekoppelt. Im Grunde aber ist dieses Geschehen Voraussetzung für die menschliche Existenz. In den Tieren nämlich spiegeln sich menschliche Eigenschaften, Gefühle, Wesensmerkmale. Wie ein Kaleidoskop setzen sich menschliche Ebenen zusammen aus den vielen Facetten von Tieren, auch wenn das menschliche Wesen als Ganzes dadurch bei weitem nicht erfasst ist.

Dies so sehen zu können, ist auch ein Verdienst Rilkes und in gewisser Weise ist er poetischer Wegbereiter für aktuelle Bücher wie Das Tier als Spiegel der menschlichen Seele, auf das ich an anderer Stelle noch eingehen werde (und hier dann verlinke).

Unter diesem Gesichtspunkt stellt sich die Frage, was Rilkes  Gedicht über den Schwan – auch Gedichte über Tiere zählen zu den sogenannten Ding-Gedichten – vermitteln möchte.

Vierstrophig zu jeweils drei Zeilen ist es im Trochäus geschrieben, was so häufig nicht vorkommt, hier aber kein Zufall ist, wird doch dadurch in der ersten Strophe gleich das erste Wort betont, eigentlich kein lexikalisch aufregendes, ist Diese doch ein schlichtes Demonstrativpronomen, doch bekommt sein ohnehin vorhandener Verweisungscharakter an dieser Stelle gleich zu Beginn noch mehr Nachdruck – in ganz besonderem Fokus dadurch: die Mühsal.

Die menschliche Mühsal. Um sie geht es. Mit ihr beginnt dieses Gedicht über den Schwan. Man rechnet aufgrund der Überschrift mit vielem – damit nicht.

Und es ist nicht die Rede von irgendeiner Mühsal, sondern von jener, die vorliegt, wenn man durch noch nie Getanes hindurchgehen muss. Das ist oft mühselig und unserem Tun fehlt dann Leichtigkeit und es wirkt wie der Gang des Schwans, schwerfällig, als ob man gefesselt sei. Keine Spur von Selbstverständlichkeit, von Zielsicherheit. Wie schwankt der Schwan, wie schwer fällt ihm das Gehen. Dafür ist er nicht geschaffen.

Immer, wenn wir einen Weg gehen, der noch nicht geschaffen ist, erleben wir möglicherweise Ähnliches. Doch im Grunde wissen wir: Je ähnlicher unser Erleben diesem Schwanengang ist, je schwerer uns das Gehen fällt, desto wertvoller wird es für unser Inneres. Das ist uns bewusst.

Verständlich wird auf einmal, warum der Kreuzweg Jesu, als er tat, was noch nie einer tat, was bis dahin also ungeschaffen war, solch eine Leistung war, solch eine Mühsal, eine Qual. Auch, weil sie keine nur individuelle, sondern eine übermenschliche war.

Auf dem Hintergrund dieser ersten Strophe wird deutlich, worin die Leistung eines jeden beruht, der einen ungeschaffenen Weg geht.

Der Schwanengang lässt uns das verstehen.

Ging es in der ersten Strophe um die Mühsal ungeschaffenen Gehens, so geht es in der zweiten um das Sterben.

Und wieder vermag Rilke mittels des Schwanes zu verdeutlichen, wie und warum Sterben so angstvoll sein kann, ja ist.

Wir haben vielleicht schon gesehen, wenn ein Schwan nach dem schwerfälligen Gehen über die Erde auf ihr sich niederlässt. Das ist hier nicht angesprochen. Es geschieht auch aus geringer Höhe und gleichsam aus dem Stand. Anders sieht es aus, wenn ein Schwan zur Landung auf dem Wasser ansetzt.

Ich bleibe jedesmal stehen, wenn ein Schwan das tut. Das Bild erinnert mich an die Concorde, die leider nicht mehr fliegt: der Hals des Schwanes ist nach vorne gestreckt und im letzten Moment, kurz vor der Landung schlägt das Körperende samt Federkleid auf das Wasser, jenes laute Klatschen verursachend, das jedem Wasserfassen vorausgeht. Ist er im Wasser, mag man kaum verstehen, warum einem beim Anblick eines niedergehenden Schwanes jede Landung ein hohes Risiko dünkt. In der Tat scheint ein Hauch von Angst dabeizusein; nie wirkt der Schwan verletzlicher, dem Sein ausgeliefert wie unmittelbar vor der Landung.

Und doch wird er so sanft empfangen.

Das ist Rilkesche Meisterschaft: davon zu sprechen, dass Wasser einen sanft empfangen und sich – wie vergangen – unter einem zurückziehen kann. Indem das im Augenblick geschieht und schon vergangen ist, ist diese Sanftheit möglich. Unnachahmlich dieser Vergleich: „wie vergangen“, unnachahmlich, dieses Polyptoton „Flut um Flut“; selbst die u-Laute scheinen von Rilkes Muse herbeigezaubert. Da ist kein Widerstand.

Wir sind gewohnt, Grund unter den Füßen zu haben. Sterben aber ist anders, ein Nichtmehrfassen. Und doch versinken wir nicht. Im Gegenteil.

Die letzte Strophe erinnert mich an Lohengrin, wie er in der Oper Richard Wagners, aufrecht in seinem Nachen stehend, den Fluss herauffährt, gezogen von einem Schwan. Wahrhaft königlich, der Gralssohn, wie er Elsa von Brabant zu Hilfe kommt.

So kann es auch nach dem Sterben sein.

Ich erinnere mich, dass ich vor vielen Jahren im Fernsehen Stefan von Jankovich über sein Sterben reden hörte. Er saß als Beifahrer neben seinem Geschäftspartner auf einer Fahrt nach Lugano, als ihnen auf ihrer Spur ein Lastwagen entgegenkam. Der Aufprall war furchtbar. Jankovich flog durch die Windschutzscheibe, prallte auf, 18 Brüche, der Schädelknochen lag bloß, und ihn rettete die Tatsache, dass zufällig ein deutscher Zahnarzt zur Unfallstelle kam, der ihm sechs Minuten nach dem Unfall eine Adrenalinspritze direkt in den Herzmuskel injizierte. Jankovich aber hatte keine Schmerzen. Er schilderte, wie er über seinem Körper schwebte, die Gespräche der Umstehenden hörte und z.B. mitbekam, wie ein Mann versuchte, ihn wiederzubeleben. Das war Anlass für mich, am nächsten Tag gleich sein Buch zu kaufen und in der Folge dann Raymond A. Moodys Leben nach dem Tod. Was ich dort über Nahtoderlebnisse las, vergesse ich deshalb nicht, weil auch von einem amerikanischen Soldaten berichtet wurde, der in Vietnam, von Kugeln durchsiebt, „starb“, sich bereits von oben sah und keine Schmerzen hatte. Ich erinnere mich, dass mich das in Bezug auf das schreckliche Sterben vieler Soldaten in den Stellungskriegen des Ersten und Zweiten Weltkriegs tröstete. Vielleicht hatten manche, die stundenlang starben, weil sie zwischen den Drahtverhauen lagen und nicht geborgen werden konnten, keine Schmerzen. Vielleicht haben es auch Tiere nicht, wenn sie von einem Raubtier gerissen werden.

Nicht wenige unter denen, die ihr Nahtoderlebnis wiedergaben, berichteten, dass sie gar nicht zurückkommen, sondern lieber sterben wollten aufgrund dessen, was und wer ihnen begegnete, aufgrund der gesamten Atmosphäre des Sterbens. Wie ein sanfter Empfang.

Nur gibt es auch andere Zeugnisse über Sterben und Tod. Ich denke an des Odysseus kurzen Aufenthalt in der Unterwelt, die er aufsuchte, um von Teiresias Weiteres über den Weg nach Hause zu erfahren, und wie schaurig auf ihn die Szenerie im Hades wirkte, in der seine Mutter, vor Troja gefallene große Helden und ihm bekannte Griechen auftauchten. Nichts war da immer mündiger und königlicher  und gelassener. In meinem nächsten Post werde ich ein wenig ausführlicher auf diese wichtige Stelle der Odyssee eingehen,

Woher nimmt Rilke jene Sicherheit, die in diesen drei Komperativen so nachdrücklich zum Ausdruck kommt?

Für die vorchristliche Zeit sieht es in der Tat so aus, wie es Homer uns wissen lässt. Selbst die großen Helden – und es sind ja in den Mythen auch immer Helden des Bewusstseins – darben und wirken gequält.

Wie nun wird es uns gehen?

Ist die Bereitschaft zu mühseligem Gehen Voraussetzung für ein Sterben und eine Folgezeit, wie sie Rilke vermittelt? Eine Bereitschaft, die ein Offensein für geistige Entwicklungen einschließt?

Wenn es so ist, schwant mir, könnte jene Zeit, die Rilke im letzten Terzett anspricht, für nicht wenige Erdenbürger wenig königlich sein.

Was Rilke schreibt, bleibt haften; dazu tragen die zwei Alliterationen bei, die sich allein in der letzten Zeile finden (zu ziehn / gelassener … geruht). Und ist es auch ein konsonantisch unreiner Reim, der Strophe 3 und 4 verbindet (Flut – geruht), so hat doch das letzte Wort, der letzte Reim eine unglaubliche Ausstrahlung. Zu ziehen geruhen – solch eine Wendung schreiben zu können, ist nur wenigen Dichtern vorbehalten.

Rilkes obiges Gedicht gehört zu meinen Rilke-Favoriten und ich bedaure ein wenig, dass, wenn ein Ding-Gedicht abgedruckt wird und es um Tiere geht, meist Der Panther ausgewählt wird. Letzteres ist ganz und gar bemerkenswert, klar. Mir persönlich aber hat es Der Schwan noch mehr angetan und ich wünschte mir, es würden mehr Menschen seine Zeilen lesen und verstehen.

Sie enthalten so viel Hoffnung, wie ich finde. Hoffnung, die auf Mühsal basiert. Wie wichtig in einer Gesellschaft, in der so viele weiß und königlich wie ein Schwan sein möchten und vergessen, dass uns schon die Märchen erzählt haben, wie es um Königstöchter bestellt ist, die nur schön sein wollen.

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Sonne oder Halbmond? – Ostern und das Weib der Apokalypse!

Mancher mag sie noch kennen, eine Monstranz, auch etwas weniger monströs Tabernaculum genannt, wie sie in manchen Darstellungen Sonne und Mond vereint, eine wohl erst ausgangs des Mittelalters kreierte plastische Ikone und köstlich, doch auch aufrüttelnd zugleich finde ich, was Jakob Lorber, der österreichische Mystiker des 19. Jahrhunderts in seinem Buch Himmelsgaben Jesus dazu sagen lässt:

Ich muß gewisserart die sonderbare Ehre haben, als ein immerwährender Arrestant in irgendeinem vergoldeten Tabernaculum zu sitzen und zu warten, bis der Priester, entweder durch seine Ordnung oder manchmal auch durch einen klingenden Beutel genötigt, Mich dem armen, halb und oft auch gar nichts glaubenden Volke zur meistens sehr uninteressanten Anschauung, Anmurmelung und Anrufung ausstellt. Nach einem ein- oder zweimaligen metallenen Segen mit Begleitung des Metallgeklingels und Chorgeplärrs aber muß Ich Mich dann von neuem wieder untätigermaßen einsperren lassen.
Daß solches ein allerbarster Unsinn ist, welchen die spätere Glanzsucht ausgeheckt hat, mögt ihr wohl ohne Fernrohr auf den ersten Blick aus Meinen Evangelien ersehen und an den ersten echtkirchlichen Gebräuchen zu den Zeiten der Apostel und ihrer Nachfolger durch mehrere Jahrhunderte hin.“

Auch jene, die dem medialen Vermögen des Schreibknechtes Gottes, wie sich Lorber selbst nannte, skeptisch gegenüberstehen, werden um die Erstarrung der ursprünglichen christlichen Religiosität wissen und werden ahnen, wie viele am Ende eines Gottesdienstes achtlos geplapperte Vater-Unser den Vater, um den es doch ging, mittels solcher Gebetshülsen aus der Kirche gejagt haben, während die Plappermäuler selbst, denen doch alle Sünden vergeben sind, noch frömmelnd in den Kirchenbänken saßen. – Von anderen achtlosen Frömmeleien abgesehen.

Zudem gibt die Geschichte des Christentums dem Tonfall von Jesus, alias Lorber Recht, denkt man an den Streit zwischen Arianern und Nicänern um die Existenz der Trinität oder jenen Krampf darum, ob eine Hostie nun der tatsächliche Leib Christi sei oder nur der symbolische, wie gleichermaßen, dass katholische und evangelische Christen nicht gemeinsam das Abendmahl feiern dürfen und ähnliche geistlosen Hirnverrenkungen mehr.

Die Geschichte des Christentums ist auch die Geschichte – eigentlich müsste man sagen: primär die Geschichte – einer Entfremdung von dessen ursprünglicher Wahrheit und auf diesem Hintergrund ist die Tatsache, dass so viele der christlichen Religiosität Lebewohl sagen, in Wahrheit eine absolut nachvollziehbare Konsequenz (wenn ich auch glaube, dass, sich vom Niedergang des Religiösen durch Menschenhand blenden zu lassen, letztendlich zur Folge  hat, zum eigenen Nachteil das Kind mit dem Bade auszuschütten, mithin sich selbst).

Zu ihr, der Geschichte des Christentums, gehört im Übrigen auch, dass das institutionelle Monster namens Kirche in seiner Gestaltung eine eigenmächtige Kreation von Menschen war, die das berühmte Jesuswort Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Gemeinde bauen vor allem materialistisch-organisatorisch hatten verstehen wollen und nicht so, wie es gemeint war: als Bestätigung der großen Erkenntnis des Petrus und damit als Losung für all jene, die gemeinsam unerschütterlich – als Gemeinde vereint – an Christus glauben.

Nicht ein zukünftiger Peters-Dom, nicht ein zukünftiger Vatikan, nicht die Katholische Kirche waren damit gemeint, sondern die Gemeinschaft Gläubiger, die wahre Kirche, wobei eine organisatorische Struktur hätte durchaus sinnvoll sein können, wenn sie sich nicht verselbständigt und über den Glauben gestellt hätte.

Auch wenn ich selbst Lorbers obige Worte nur zu gut nachvollziehen kann, finde ich, enthalten sie allerdings höchstens die halbe Wahrheit, weil eine bestimmte Darstellung der Monstranz eine meines Erachtens viel umfassendere enthält:

Monstranz

mit freundl. Genehmigung:  http://www.kirchenausstattung.at  –  M. Gradinger, A-3110 Neidling, Bachstraße 12

Zu dieser Monstranz gehören wesentlich der Mond, der in dieser Form auch als Lunula bezeichnet wird und mehr ist als nur eine Halterung für das Allerheiligste, das Sanctissimium, die Hostie also, die für die Sonne steht und von der deshalb auch in vielen Monstranz-Gestaltungen Strahlen ausgehen.

Der Wahrheit und Bedeutung der Monstranz wird man nur gerecht, wenn man das Sonnenweib aus dem Fünften Siegel der Offenbarung des Johannes einbezieht:

Und es erschien ein großes Zeichen im Himmel: eine Frau, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen.

Diese Frau ist meines Erachtens das, was Goethe als das Ewig-Weibliche bezeichnet, die mit 12 Sternen gekrönte menschliche Seele. In der Bibel finden wir sie im Gleichnis von den zehn Jungfrauen in den Gestalten jener fünf, die sich auf das Kommen des Bräutigams vorbereitet hatten, oder wir finden sie – wie ich auch glaube – im Hohen Lied Salomos in Sulamith, der Geliebten des Bräutigams, der sein ganzes Sehnen gilt.

Dieses Weib, das die Sonne gebiert – ein Vorgang voller Schmerzen und eines Lebens in der Wüste – steht auf dem Mond.

Für manchen mag das zu vereinfacht klingen, aber für mich repräsentiert die Unterteilung der Bibel in Altes und Neues Testament die Bedeutung von Mond und Sonne.

Der Mond, das ist die Basis. Ohne sie hätte das Weib keinen Stand. Er ist Voraussetzung für die Geburt des Sonnenbewusstseins.

Immer wieder weist die Bibel darauf hin, dass dieses kein Honigschlecken ist, wir denken an Noah und die Sintflut, wir denken an Hiob, an Jonas, an all das, was sich um die Kreuzigung Jesu ereignet, sei es das Schlafen der Jünger in Gethsemane, die Verleugnung des Petrus, der Verrat des Judas. Es sind ja Stationen, wie sie jede Seele auf ihre Weise mitmacht. Kein Mensch, der nicht auf seinem Weg durch die Welten-Tage der Schöpfungsgeschichte Christus verraten und verleugnet hat oder es noch tut und selbst ans Kreuz muss, um sein Ego zu kreuzigen.

ROLLEI

Golgatha. 12. Station des Kreuzweges Jesu, Bad Kissingen

Jesus ist nicht ersatzweise für alle gestorben, damit es allen Folgenden erspart bleibe, sondern er hat mit seinem Weg den Weg für alle Menschen gezeigt, gebahnt. Auch auf diesen Weg verweist – nicht von ungefähr bedeutet lat. monstrare zu deutsch zeigen – in verdichteter, bildlicher Form die Monstranz.

Zu jener Zeit des Alten Testaments – repräsentiert durch den Mond – gibt es nur ein Ahnen, ein wiederholtes Verweisen der Propheten auf etwas, was kommen wird. Und es wäre falsch anzunehmen, dass das, was da kommen soll, im Bewusstsein der Menschen heute da ist – meistens ist es nur als Zip-Datei vorhanden.

Menschen selbst und ihre Religionen blockieren Weiterentwicklungen: Weder erkennt das orthodoxe Judentum die Ankunft des Messias an, noch lässt der Islam den Sohn zu, ja er stellt sogar das Reden über und den Glauben an einen Sohn Allahs unter Strafe.

Es ist kein Zufall, dass das Symbol der Mondsichel zu dem bedeutendsten des Islam geworden ist und der sogenannte Halbmond Flaggen und Moscheenkuppeln ziert.

Es fehlt die Sonne.

Es ist ebenso kein Zufall, dass sich Juden und Palestinenser im ehemals Heiligen Land bis aufs Messer bekriegen. In oben angesprochenem Sinn ist es ein Kampf um den Mond.

Der Mond ohne Sonne ist gefrorenes Bewusstsein.

Niemand möge allerdings annehmen, dass die Kirche inclusive der Kirchensteuerzahler um ein Haar besser seien und sich im Besitz der Sonne wähnen sollten. Wer angesichts der weltweiten Not der Menschen wie die Kirche ein riesiges Vermögen hortet und zusieht, wie jährlich Tausende von Menschen verhungern, hat nichts begriffen, auch wenn angeblich sogenannten Christen die Sünden vergeben sind. Mancher mag die Geschichte des Kranken am Teich Bethesda kennen, der wohl fast ein Leben lang, 38 Jahre, krank war, und, geheilt von Jesus, nichts Besseres zu tun hatte, als diesen ohne Not bei den Juden zu verpfeifen, die hatten wissen wollen, wer ihn angewiesen habe, am Sabbat sein Bett nach Hause zu tragen.

Nicht einmal 38 Jahre Leidens vermögen verhindern, dass ein Geheilter dem, der ihn heilte, in den Rücken fällt.

Der Kirche haben zweitausend Jahre nicht gereicht.

Das Schreien des Weibes, von dem in der Offenbarung des Johannes Zeugnis gegeben wird, sollte den Kirchen und allen selbstsicher Gläubigen in den Ohren dröhnen:

2 Und sie war schwanger und schrie in Kindsnöten und hatte große Qual bei der Geburt.
3 Und es erschien ein anderes Zeichen im Himmel, und siehe, ein großer, roter Drache, der hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinen Häuptern sieben Kronen,
4 und sein Schwanz fegte den dritten Teil der Sterne des Himmels hinweg und warf sie auf die Erde. Und der Drache trat vor die Frau, die gebären sollte, damit er, wenn sie geboren hätte, ihr Kind fräße.
5 Und sie gebar einen Sohn, einen Knaben, der alle Völker weiden sollte mit eisernem Stabe. Und ihr Kind wurde entrückt zu Gott und seinem Thron.
6 Und die Frau entfloh in die Wüste, wo sie einen Ort hatte, bereitet von Gott, dass sie dort ernährt werde tausendzweihundertsechzig Tage.

Was der Apokalyptiker in einem Bild erfasst, erfasst auch die Monstranz ohne Worte in einem Bild. Allerdings mit jener großen Gefahr, auf die der Sinn der Worte Jakob Lorbers – man mag stehen zu ihm, wie man will – verweist: Alles sieht so schön vergoldet aus.

Das Gold wird der Bedeutung des Bildes gerecht, aber birgt zugleich große Gefahr, denn:

Die Monstranz anzuschauen muss auch heißen, das Blut zu sehen, mit dem jenes Gold erkauft ist. Es ist nicht nur das Blut Jesu, sondern das so vieler Menschen, die auf ihrem Weg über die Erde bluten wegen ihres falschen Bewusstseins oder leider auch, weil sie sich zu dem wahren Bewusstsein bekennen. Jüngstes Beispiel ist das schreckliche Sterben vieler Kopten. – Jedesmal schreit das Weib.

Ostern ist ein kosmisches Ereignis, weil sein Zeitpunkt durch den ersten Vollmond nach dem Frühlingseintritt bestimmt wird. Ostern aber verbinden wir auch mit den Sonnenstrahlen des Frühlings.

Leben erwacht. Nie ist die Erde so voller Energie.

Wir sollten um Sonne und Mond wissen, um deren beider Bedeutung, wenn wir eine Monstranz sehen, wenn wir an Ostern denken, an unser Leben.

So gesehen stellt sich nicht die Frage nach Sonne oder Mond. Beide sind ohne einander nicht denkbar und beide sind nicht nur physische Körper. Nach Hildegard von Bingen, Paracelsus und anderen, die davon wussten, hat eine falsch verstandene Aufklärung ein entsprechendes Bewusstsein verdunkelt. Daran konnten auch ein Goethe, ein Novalis, ein Michael Ende nichts ändern.

Für das 5. Siegel, für jenes Bewusstsein, das sich auch in der Monstranz zeigt, sind Sonne und Mond gleichermaßen notwendig. Ohne Sonne ist Erstarrung vorprogrammiert, ohne Mond gäbe es nicht die Erde, den Raum für uns Menschen, der nicht wie Ikarus an der Sonne scheitern oder sie sich per Lichtschutzfaktor vom Leib halten, sondern sie, fußend auf dem Mond, in sich gebären soll.

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„Das macht man nicht!“ – Religion und Moral, Ägyptisches Totenbuch und ein Krakenversteher namens Richard David Precht.

Dieser Post setzt die Beitrage zum Thema des Verhältnisses von Tier und Mensch fort, wie sie hier begannen

Anlässlich der Lektüre von Tiere denken mag manchem bewusst werden, wie notwendig die Urkunden der Menschheit sind, seien es die Ägyptischen Totenbücher, der Hymnus Echnatons oder die Zehn Gebote, und wie sehr die Degeneration der Werte in unserem Alltag mit einem Niedergang der Kultur des Religiösen zusammenhängt, einer Ebene, zu der Richard David Precht keinen Zugang hat. Für seine Haltung macht er sich und die Menschheit lieber zum Affen.

Natürlich stellt sich die Frage, warum es Precht solch ein Herzensanliegen ist, dass, wie er schreibt, der Mensch, „ein besonderes Tier unter vielen auf andere Weise besonderen Tieren“ ist. Immerhin lässt Precht den Menschen sogar das „optimalste aller Tiere“ sein, ein „Allesfresser mit einer großen Nahrungsbandbreite“, wobei „Nüchtern betrachtet (..) sich aber sowohl ´Tier´ als auch ´Mensch´ nicht eindeutig definieren“ lassen und zudem die Molekulargenetik zeige, dass Menschen biologisch Schimpansen seien.

Es fällt in diesem Zusammenhang – übrigens nicht nur bei Precht, sondern auch bei Bräuer, Wohlleben (siehe vorausgegangene Posts) und anderen – auf, wie sehr immer wieder betont wird, dass etwas biologisch so sei, z.B. eben der Mensch ein Affe.

Biologie ist in ihrem Ursprung die Lehre vom Leben (griechisch bíos = Leben) und man kommt nicht umhin wahrzunehmen, wie sehr ein ganz und gar reduzierter Begriff von Leben erwünscht ist.

Wenn man Leben, biologisch gesehen, von Leben, wie auch immer gesehen, trennt, lässt sich beides bestens entzaubern. Das ist die Strategie derer, die den Menschen – ob bewusst oder unbewusst – seines wahren Wesens berauben wollen, was leider zunehmend zu gelingen scheint.

Solche Reduktionen sollen den Menschen von religiösen Wahnvorstellungen trennen, wie der, er sei die Krone der Schöpfung. Zwar gesteht Precht zu, dass der Prozess, die Natur unserer Natur zu erkennen, noch lange nicht abgeschlossen sei, zugleich aber weiß er trotz aller selbst eingestandener Unklarheiten im Hinblick auf die Ergebnisse der Evolutionsforschung mit größter Selbstverständlichkeit, dass man den aufrechten Gang und damit auch den Menschen im Grunde nur als Zufallsprodukt der Evolution sehen kann.

Keine Grenze sei zu erkennen zwischen Mensch und Tier, Evolution sei Zweckmäßigkeit ohne Zweck und es würde auch ausreichen zu sagen, „dass alles in der Natur überleben kann, das für eine Art keinen tödlichen Nachteil hatte. Vermutlich überlebt in der Evolution nicht nur Zweckmäßiges, sondern jede Veränderung, die zumindest nicht zum Aussterben führt, und möglicherweise liegt gerade hierin der Grund für eine große Artenvielfalt.“

Trivialer und reduzierter kann man den kleinsten gemeinsamen Teiler alles Lebens auch des menschlichen, kaum formulieren und den Menschen zum Affen des Zufalls machen.
Keine Rede also von einer Weltenvernunft oder einem Geist, der allem zugrunde liegt. Stattdessen gibt Precht lieber die, welche einen Sinn sehen in all dem heterogenen Geschehen des Schöpfungsprozesses in einer für ihn typischen Formulierung der Lächerlichkeit preis: „Am Anfang steht ein Plattenbau, eilig hochgezogen in sechs Tagen für einen einzigen Bewohner – den Menschen.“

Precht setzt dem Menschen sein „vollendetste(s) Lebewesen der Natur“, wie er formuliert, entgegen und das ist die Krake, die neben vielen anderen von ihm aufgezählten herausragenden Fähigkeiten vor allem dadurch beeindruckt, dass ihr „Liebesspiel (..) alles in den Schatten (stellt), was die Evolution ansonsten hervorgebracht hat. Mit drei Penissen stimuliert und massiert das Männchen die drei Klitoris des Weibchens und begattet es in kunstvollster Weise. Die Paarung ist ein nicht endendes Spiel aus Taumeln und Tanzen, schillerndsten Verfärbungen und zärtlichsten Ritualen. Und sie erstreckt sich uferlos in die Zeit, so lange, bis die Jungen geboren und vom Vater liebevoll betreut werden. Ein halbes Leben verbringt dieses bezaubernde Wesen ausschließlich mit Sex.“

Nirgendwo im Rahmen der 500 Buchseiten wird der Mensch auch nur annähernd so euphorisch dargestellt. Dafür krakeelt Precht mit bemüht aufsehenerregenden Formulierungen:

Wer hat uns auf die Hinterläufe gestellt?

Der Leser versteht, warum Precht so gern Tiere, bevorzugt Kraken denkt, eine Herangehensweise, die im Buchtitel – Tiere denken – angesprochen ist und man mag durchaus ahnen, welches Opfer es für den Autor bedeutet, statt Krakensex zu betreiben oder zumindest diesen zu denken, Bücher über Tiere zu schreiben und das, obwohl er als Mensch, verglichen mit der „größtmögliche(n) Komplexität“ einer Krake, evolutionär einen vergleichsweise „einfachen und simplen Weg“ ging. „Im Wesentlichen unverändert, ist er gefangen in dem Bauplan jener spitzmausähnlichen Wesen aus der Zeit der Dinosaurier, die zweiäugig, zweiohrig und vierbeinig durchs Dickicht huschten (…) In ihren kleinen, schwachen Körpern schlummerten ungenutzt die potenziellen genetischen Voraussetzungen zur Weltherrschaft.“

Wie hart muss das für einen ausgewiesener Philosophen sein, der Spitzmaus viel näher zu sein als einer Krake.

Mit dem aufrechten Gang ist es auch so eine Sache, denn ganz und gar unklar ist, ob „eine weise Voraussicht der Natur – oder etwas anderes – den Menschen auf die Hinterläufe gestellt“ hat.

„Aus Sicht der Wissenschaft“, so lässt uns Precht wissen, „war es weniger eine Sache der Seele als eine der Anpassung an die veränderte Umwelt“, zumal es sein könne, „dass die anatomische Fähigkeit zum aufrechten Gang nicht zweckhaft durch einen evolutionären Druck entstand. Vielleicht war sie nur eine Möglichkeit, von der sich allenfalls sagen lässt, dass sie nicht tödlich war und zum Aussterben führte. Gut denkbar, dass das Aufrechtgehen gar nicht dem Überleben diente“, zumal, so lesen wir, der aufrechte Gang den Menschen deutlich langsamer und nicht schneller machte und man nun auch noch die Ansicht mancher Paläoanthropologen, dass der aufrechte Gang wenigstens das Gehirn vor Überhitzung geschützt habe, nach neueren Erkenntnissen zu den Akten legen muss.

Letztendlich wissen wir bis heute nicht, „aus welchen Wurzeln und über welchen Weg der heutige Mensch entstand. Der entscheidende Zeitraum der Trennung von Menschenaffen und Urmenschen soll vor etwa sechs bis sieben Millionen Jahren gewesen sein.“

Danke jedenfalls, Richard David Precht, für die hundert Seiten umfassenden Ausführungen zum aufrechten Affen, die in der Erkenntnis gipfeln, dass unser Gang womöglich nicht einmal dem Überleben diente (geschweige denn dem Leben), danke für Krake, Spitzmaus, Gregoryspalten-Vulva, Homo rudolfensis, Homo ergaster oder auch Homo naledi, dessen Gehirn leider nur unwesentlich größer war als das der Australopithecinen – oder über was auch immer Sie geschrieben haben.

Kultur des Religiösen: endlich ist das Bashing erfolgreich

So wird auch dem letzten Leser klar: Wir wissen eigentlich nicht, warum wir so existieren, wie wir existieren. Es hätte im Grunde auch sein können, dass wir 2017 noch auf vier Extremitäten laufen. Und dass sogenannte Menschen sich heute per Handschlag zu begrüßen vermögen, ist eher Zufall und Laune der Evolution.

Wer Prechts Ausführungen zu dem Tier bei den Ägyptern, im Judentum, im Islam und im Christentum liest, dem wird schnell klar, dass diese Sicht Mittel zum Zweck ist, denn ich habe kaum ein Buch gelesen, dass so spitzzüngig, ohne wirklich die eigene Postion offen und ehrlich freizulegen, alles Religiöse lächerlich zu machen versucht, und zwar auf eine meist versteckt diskriminierende Weise; immer wieder finden sich mal offen, mal sublim diffamierende Formulierungen.

Precht fehlt die menschliche Größe, eine andere Position als vollwertig anzuerkennen.

Damit liegt er im Trend, denn das Religions-Bashing ist in.

Und das, obwohl auch dem Letzten heute langsam klar werden könnte, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Niedergang der Moral, dem Niedergang der Werte und dem Untergang der Kultur des Religiösen, wobei man sich im einstmals Christlichen Abendland dem Islam das noch nicht so recht traut, ins Gesicht zu sagen – zu vielen Islamisten sitzen die Bomben noch zu locker. Dafür kriegt das Christentum zusätzlich sein Fett ab. – So wird man Unbehagen los.

Für unseren Kulturbereich wird der angesprochene Niedergang an solch scheinbaren Nebensächlichkeiten deutlich, wie, dass eine zunehmend früher selbstverständliche Hilfsbereitschaft abnimmt und beispielsweise auf unseren Autobahnen keine Rettungsgassen mehr freigelassen werden, Jugendliche, aber auch Erwachsene sich zunehmend zu pöbelnden Scharen zusammenrotten, dreiste Verlogenheit binnen kürzester Zeit eine akzeptierte Kulturerrungenschaft geworden ist und wer einen Ladendiebstahl begeht, wie ein Krimineller behandelt wird, aber Hass-Postings kaum geahndet werden (wie lange hat es gedauert, wieviele Menschen sind geschmäht worden, bis nun endlich ein Gesetzgebungsverfahren anläuft) oder auch, dass den Fußball-Landesverbänden die Schiedsrichter ausgehen, weil zunehmend weniger eigentlich Sportengagierte sich den Aggressionen der Zuschauer auszusetzen bereit sind. Viele angehende Schiedsrichter kapitulieren bereits nach einem Jahr und berichtet wurde von einer 15-Jährigen Schiedsrichterin, die ein Spiel zweier Mädchenmannschaften pfiff und sich nach Spielschluss heftigsten Attacken von Eltern der Spielerinnen ausgesetzt sah, u.a. zwei Vätern, die sich vor ihr aufbauten und sie beschimpften – kein Einzelfall mehr, wie ich im Rahmen einer Reportage des Hessischen Rundfunks unlängst hörte.

Das gehört sich nicht!

Viele Kinder haben schon lange kein Verhältnis mehr zu fremdem Eigentum, und es sind deren Eltern, die die richtige Einstellung nicht vermitteln. Ich erinnere mich, dass meine Mutter mir nach zwei Stunden das Kicken auf der Straße untersagte mit dem Hinweis: Jetzt ist Schluss, ihr habt genug gelärmt!

Welche Eltern unterbinden heute nach vier oder fünf Stunden Kindergeschrei im Garten, das in vielen Dutzend Wohnungen zu hören ist, selbiges mit diesem schrecklich kinderunfreundlichen Hinweis, dass Anwohner auch mal Ruhe wollen? Heute treffen viele Lehrer, die sich noch der Aufgabe unterziehen, Kinder zu erziehen, auf das Phänomen, dass Letztere sie gar nicht verstehen, wenn sie Selbstverständliches anmahnen.

Das muss man sich einfach klarmachen: zu viele Kinder verstehen die Anforderungen von Lehrern nicht mehr, weil ihnen zu Hause der Unterschied zwischen Erwachsenen und ihnen selbst nicht mehr klargemacht wird – kein Wunder haben Lehrerinnen und Lehrer schlechte Karten -, wobei Letztere sich dennoch weiter bemühen und das tun, obwohl Precht via Fernsehen die Bürger dieses Land wissen ließ, dass an unseren Schulen die Kinder von den falschen Leuten nach den falschen Methoden in den falschen Dingen unterrichtet werden. – Gut, möchte ich sagen, dass es noch einige falsche Leute gibt, die mit falschen Methoden ihren Beruf betreiben. Ich finde im Übrigen – gerade auch in dieser pauschalen Verunglimpfung – Prechts Aussage eine der dümmsten und arrogantesten, die je im Deutschen Fernsehen gesprochen worden sind.

Klar dienten – und das wahrlich nicht zu knapp – moralische Forderungen auch der Gängelung und es wurden mit ihrer Hilfe Normen durchgesetzt, die heute ernsthaft niemand mehr möchte. Wer meiner Generation hat nicht mit dem Zeigefinger Lehrer Lämpels unliebsame Erfahrungen gemacht?

Aber eben nicht nur: Moral und moralische Forderungen standen auch für die Forderung nach Ehrlichkeit, nach Respekt vor dem Eigentum der Anderen, der Fähigkeit, Vater und Mutter zu ehren und für ältere Menschen in der Straßenbahn aufzustehen.

Es ist nicht nur die Zunahme der großen Konflikte auf der Erde, sondern betrifft auch die Tatsache, dass sich die Werte, die das Zusammenleben in einer Gesellschaft garantieren, zersetzen, und zwar so offensichtlich und unaufhaltsam, dass zunehmend mehr Menschen beunruhigt sind.

Was, wenn sich elementare Tugenden weiter so rasant abbauen?

Wie sehr haben wir alle unter dem Missbrauch eines Satzes gelitten, der da lautete: Das gehört sich nicht!
Und dennoch sehnen sich zunehmend Menschen wieder nach der Selbstverständlichkeit moralischer Anforderungen.

Es wird allerhöchste Zeit, dass sich diese Kultur wieder auf einen Moralbegriff besinnt, der – bei aller berechtigten Kritik und unheilvollen Entwicklungen – insgesamt von seinen Ursprüngen her ein Segen für die Menschheit war, den Bestand der menschlichen Kultur ermöglichte und in engster Verbindung mit dem Religiösen stand und steht. Dieses Religiöse verlieh der Moral ihr Herz. Mittlerweile ist sie nur noch ein vertrockneter Strohsack.

Ich halte es für eine ganz faule Ausrede, Moral und Religiöses mit dem Verweis auf Exzesse oder den Hinweis auf Inquisition und Co. beiseitezuschieben, weil jeder einigermaßen denkfähige Mensch im Grunde genau weiß, dass Religion und Moral Entwicklungsprozessen der menschlichen Seele unterworfen sind und immer nur die inneren Fähigkeiten der Menschen spiegeln können – bestes Beispiel ist nun einmal die katholische Kirche, die schon wenige Jahrhunderte nach Christi Geburt zu einem Machtinstrument degenerierte (das ist allerdings nur eine Seite ihrer Existenz!).

Doch der natürlichen Religiosität der menschlichen Seele und ihrer Moral ist es zu zu verdanken, dass trotz aller negativen Verformungen Menschen noch unterwegs zum siebten Schöpfungstag und der Krone der Entwicklung sind. Gerade in unserer Zeit sollten wir die Dokumente wieder ernst nehmen, die mit zu den ersten Ausgangspunkten moralischen Denkens, die uns überliefert sind, gehören. Auch deshalb ist es mir ein Anliegen, im Rahmen der Besprechung des Precht-Buches auf sie einzugehen:

Ägyyptische Totenbücher – Dokumente der Moral

Precht hat in seine Ausführungen zum Tier in Ägypten seltsamerweise die Ägyptischen Totenbücher, die den Toten Ägyptens als Wegweiser für das Leben nach dem Leben mit ins Grab gegeben wurden und von denen bisher mehr als 2000 gefunden worden sind, nicht einbezogen, nur an einer Stelle geht er kurz auf Pyramideninschriften ein. Das ist angesichts von deren Bedeutung Dilettantismus pur, zumal sie über das Verhältnis der Ägypter zur Natur und zum Tier auf fundamentale Weise Aufschluss geben. Die ägyptische Religiosität ist ohne sie in ihrer Tiefe gar nicht verstehbar.
Sie lassen offensichtlich werden, wie sehr den Ägyptern Moral wichtig war, gerade auch in Bezug auf Tiere.

Wenn Precht nicht so fürchterlich voreingenommen gegenüber allem Religiösen wäre, vor allem, wenn es auch nur den leisesten Ansatz von Anthropozentrismus, also dass nicht das Tier gleichwertig ist, sondern der Mensch im Mittelpunkt steht, hätte er vielleicht die drei wesentlichsten Aspekte ägyptischer Religiosität nicht außer acht gelassen: die Bedeutung der Isis als Großer Mutter, Mutter Natur, die ägyptischen Totenbücher und die überragende Bedeutung der Mysterien, eben der Isis-Mysterien für die ägyptische Religiosität.

Gewiss war – und darauf verweist Precht – die gelebte Religiosität (wie es heute nicht anders ist) von Ort zu Ort und von Zeit zu Zeit verschieden und nicht nur in Ägypten z. B. abhängig von den Interessen einer immer wieder auch korrupten Priesterschaft.
Und gewiss spricht Precht eine Fülle von Fakten an, aber er kommt dem eigentlichen Wesen nicht auf die Spur. Er summiert Quellen, erwähnt die Uräusschlange, die die Stirn eines Pharaos zierte, aber erläutert nicht, warum sie so wichtig ist.

Gleich zu Beginn weist er darauf hin, dass uns überall Tiere begegnen, in Inschriften, auf Reliefs, als Statuen und als Mumien. „Sie sind Götter, Vermittler zwischen den Sphären, oder Götterboten“. Von den heiligen Tieren der Ägypter spricht er als „Dolmetscher und Herold göttlicher Energien. Symbolisch transportiert es {das heilige Tier} das Wissen von der Evolution, die naturwissenschaftlich zwar nicht bekannt, aber religiös geahnt ist: als Erinnerung an den gemeinsamen transzendenten, das heißt: der menschlichen Erfahrung entzogenen Ursprung der Natur.“

Wenig später fragt er, nachdem er über heilige Tiere geschrieben hat, was überhaupt ein „heiliges“ Tier sei, ein Gott oder nur ein Symbol. Seine Antwort: „Zumeist dienen die Tiere im oben genannten Sinne als Medien, Manchmal aber sind sie zwischenzeitlicher Sitz eines göttlichen Prinzips.“

Symbolischer Transport des heiligen Wissens? – Tiere als Medien? – Zwischenzeitlich Sitz eines göttlichen Prinzips?

Alles klar?

Mich erinnern die Prechtschen Worthülsen an manche Kant-Stellen aus Grundlegung zur Metaphysik der Sitten oder auch Sartre-Stellen aus Das Sein und das Nichts, die keiner wirklich versteht, aber alles klingt so gelehrt. – Tiere als Medien? – Ja klar! – Tiere als Sitz eines göttlichen Prinzips? – Ja klar! – Zwischenzeitlich? – Wie denn sonst!

Wenn man weiß, wie Precht ansonsten mit spirituellen Zeugnissen von Völkern umgeht, wenn er z.B. von den extra für den Leser inszenierten Showdowns der Thora spricht, mit denen er vor allem das Judentum diskreditiert, und man um seine elternhäuslichen atheistischen Infusionen weiß, die dieser Mann, so entnehme ich all dem, was er schreibt, nie wirklich verarbeitet hat, dann kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er auch nicht die Spur einer Ahnung hat, was Religion bedeutet, wie sie für die Griechen z.B. in den samothrakischen Mysterien ihren Ausdruck fanden (über die Schelling recht ausführlich geschrieben hat und auf die Goethe im Faust II Bezug genommen hat) und für die Ägypter in den Isis-Mysterien.

Nicht von ungefähr war es noch Pythagoras so ein großes Anliegen, nicht nur in die griechischen Mysterien, sondern in die ägyptischen eingeweiht zu werden, und das zu einer Zeit, als deren Hochblüte doch eigentlich schon lange vorbei war; so wichtig waren sie ihm dennoch.

Tiere waren für die Ägypter Kräfte der Natur, waren Gestaltungen der Großen Mutter, von Isis; nur nach dem Tod oder im Rahmen der Mysterien waren sie dem Menschen bzw. dem Eingeweihten zugänglich.

Auf seinem Weg zu Osiris, dem Gemahl der Isis, der die Unterwelt regierte, begegnete Ka, die Seele des Menschen, allen Schattierungen des Tierischen, so, wenn wir lesen:

Weiche von dannen, krokodilfratziger Dämon Suil
Wahrlich, du hast keine Macht über mich!

Auch Schlangendämonen und Haidämonen muss die Seele überwinden – Hieronymus Bosch und jene Untiere, die der Taucher in Schillers gleichnamiger Ballade in den Untiefen der Wasser, die für die Untiefen der Seele stehen, erblickt, lassen grüßen.

Auf ihrem durchaus beschwerlichen Weg zum lichtvollen Raum wird schlussendlich die Seele zum Phönix, zu jenem königlichen Vogel, der schon immer die Menschen in und außerhalb dieser Kultur faszinierte. Dabei spielt übrigens auch ein anderes Tier, der Mistkäfer, der Scarabäus, eine bedeutsame Rolle. Seltsam, dass von all dem Precht nichts schreibt.

Die alte ägyptische Seele versteht man nur, wenn man weiß, dass sie dem Leben solch eine eminente Bedeutung zumaß, weil sie dem Tod eine so große Bedeutung gab. Denn im Leben wollte sie auf den Spuren wandeln, die es im Reich des Todes fortzusetzen galt. Davon hatten die Menschen Ägyptens ein tiefes Bewusstsein.

Leben war nicht deshalb Gefängnis, weil es keine Schönheiten ermöglichte, sondern weil erst der Tod die Sicht auf das eigentliche Sein eröffnete. Wer diese Sicht im realen Leben haben wollte, musste den Weg der Mysterien gehen; dieser Weg stand – von den Pharaonen abgesehen, die vermutlich allesamt initiiert waren – nur wenigen Auserwählten, sogenannten Eingeweihten offen, die im Rahmen ihrer Ausbildung immer auch scheitern konnten, wenn sie nicht charakterstark genug waren. Schiller hat genau diese Thematik in den Rahmen der Isis-Mysterien gestellt und in seiner Ballade Das verschleierte Bildnis zu Sais gestaltet.

Precht dagegen hat nicht verstanden und nicht einmal erwähnt, dass das Verhältnis der Ägypter zu den Tieren überhaupt nicht nachvollziehbar ist, wenn man nicht um deren Verhältnis zu Isis weiß (die er nicht ein einziges Mal erwähnt), der Großen Mutter, der Mutter Natur. Sein Naturbegriff bleibt ganz und gar abstrakt.

Man kann eigentlich nicht über Tiere schreiben, wenn man nicht versteht, dass Völker in ihrer Entwicklung dieser Mutter höchst unterschiedlich entgegentraten, weshalb es falsch ist, Isis mit der griechischen Gaia in einem Topf werfen zu wollen oder nur deshalb, weil das Judentum nur scheinbar einen männlichen Gott, nämlich Jahwe kennt, zu vermuten, dass das Weibliche dieser Religion fehle; schließlich wird auch im Judentum der Mensch erst zum Menschen mittels des mütterlichen Lehmbodens.

Jedes Volk wählt einen anderen Zugang zum Jenseits, abhängig von den geographischen Breiten und Gegebenheiten und somit dem Einfluss der Sonne.

Dem Judentum ging es in seiner geistigen Ausrichtung primär um die Entwicklung zum bewussten Ich Bin – zum seiner selbst bewussten Sein des Menschen; ich habe darauf in einem der vorangegangenen Posts ausführlicher hingewiesen.

Übrigens deutet sich die Entwicklung der Menschheit zu diesem die Mission des geistigen Judentums kennzeichnenden Ich bin – eine Entwicklung, die man mit dem Begriff des Monotheismus zu erfassen sucht und bis heute nicht wirklich verstanden hat – schon in Ägypten an, wie wir den Zeilen eines Totenbuches entnehmen:

,

Fortsetzend mein irdisches Dasein lebe ich.
Ich bin. Ich lebe. Ich nehme wieder den Faden
meines unterbrochenen Daseins auf.

.

Hier finden sich erste Anklänge hin zu einer ihrer selbst bewusst werdenden  Seele, einen Schritt, den erst das geistige Judentum vollzieht und der gar nicht möglich ist, ohne diesen sogenannten Monotheismus Jahvescher Ausprägung, der nicht von ungefähr darauf pocht, dass nur er existiere und dass er keine anderen Götter neben sich haben wolle:

Die Existenz des Ich Bin, den Weg, als individuelle Seele seiner selbst bewusst zu werden und zu sein, ist nur möglich, wenn man kompromisslos diesen Weg zu sich geht. Andere Götter destabilisieren den Weg zum Ich-Bin-Bewusstsein, das hinauswachsen will über ein pures Eingebundensein in Großfamilie und Stamm.

Deshalb die Rigidität des Ersten Gebots: Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

Der Schritt zu einer ihrer selbst werdenden bewussten Seele ist nur in großer Konsequenz möglich. Als Menschheit haben wir zumeist diesen Schritt vollzogen und die Tatsache, dass viele ihn in atheistischer Manier ignorieren oder gar Jahve als Despoten ansehen, der andere angeblich meint ausgrenzen zu müssen, zeigt, wie wenig verstanden worden ist, wie sich Entwicklung der Menschheit ereignet.

Entsprechend ist auch das ganze Monotheismus-Bashing einzuordnen, wobei das trinitarische Bewusstsein des Christentums eine entscheidende Bewusstseinserweiterung erst ermöglicht und, den spirituellen Gegebenheiten der Erde entsprechend, nicht von ungefähr eine manifeste Gegenbewegung gezeitigt hat: den Islam, das sich verabsolutierende Vater-Prinzip.

Übrigens zeigen sich auch im alten Ägypten erste Hinweise auf das heraufdämmernde Ich-Bin-Bewusstsein in dem Versuch Echnatons – er wird allerdings mit diesem Versuch noch scheitern -, mittels der Verehrung von Aton dieses sogenannte monotheistische Bewusstsein zu installieren, nachzulesen im Hymnus des Echnaton an den einen, den einzigen Gott, in seiner lyrischen Diktion wunderschön (ich zitiere im Folgenden nach Paul Frischauer, Es steht geschrieben):

.

Wenn es tagt und du aufgehst im Horizonte und leuchtest als Sonne am Tage, so vertreibst du das Dunkel und schenkst deine Strahlen (…)
Alles Vieh ist zufrieden mit seinem Kraute, die Bäume und Kräuter grünen.
Die Vögel fliegen aus ihren Nestern, und ihre Flügel preisen deinen Ka.
Alles Wild springt auf den Füßen. Alles, was fliegt und flattert, lebt, wenn du für sie aufgehst.
Die Schiffe fahren herab und fahren wieder hinauf, und jeder Weg ist offen, weil du aufgehst. Die Fische im Strom springen vor deinem Antlitz, deine Strahlen sind innen im Meere (…)
Wieviel gibt es (noch), was du machtest und was vor (mir) verborgen ist, du einziger Gott, dem keiner gleichkommt.
Du hast die Erde nach deinem Wunsche geschaffen, du allein, mit Menschen, Herden und allem Wild, alles, was auf Erden ist und auf den Füßen geht und alles, was oben schwebt und mit seinen Flügeln fliegt (…)

.

Schachspielen als Erkenntnishilfe

Interessant und wichtig wäre es gewesen, dass Precht Religion nicht wie Geschichte abhandelt, und zwar auch noch auf solch oberflächliche Weise. Warum ich so ausführlich darauf verweise, wiewohl Precht „nur“ von ca. 500 Seiten auf ca 52 Seiten das Tier im Rahmen der unterschiedlichen Religionen thematisiert – nicht einberechnet ist der vorausgehende Teil, der sich mit der menschlichen Phylogenese beschäftigt -, geschieht deshalb, weil, wer so blutleer und verständnislos Religionen betrachtet, nicht die Entwicklung der Menschen versteht, nicht das Wesen und die Bedeutung von Tieren begreifen und auch damit nicht verstehen kann, wie der augenblickliche Bewusstseinszustand der Menschheit einzuordnen ist, so grausam der nicht nur im Umgang der Menschen mit den Tieren, sondern – und das hängt eng damit zusammen – der Menschen untereinander viel zu oft noch ist.

Wer im Übrigen – und diese Fraktion gibt es ja auch – dabei Gott für Exzesse der Menschen verantwortlich machen will, hängt in einem logisch eindimensionalen Weltbild fest, das nie der Realität entsprach. Es ist immer eine dumme Ausrede und es hilft, Schach zu spielen, um zu erkennen, dass Weiß und Schwarz immer abwechselnd ziehen.

Man darf nicht glauben, dass nicht Schwarz eine ungeheure Macht besitze.

Schließlich tragen ihr tagtäglich Millionen, wenn nicht Milliarden von Menschen Energien zu (man muss nur das Ägyptische Totenbuch lesen, um zu verstehen, wie hoch die Gefährdung einzuschätzen ist)!

Es waren in der Vergangenheit Menschen wie Rene Descartes, der mit seinem Gebt mir Materie und ich werde das Universum erschaffen! eine cartesianisch-materialistische Sicht auf das Leben einläutete, die in geistlosen Rattenfängern wie Precht heute einen Höhepunkt findet, der mit intellektuellen Pfauenrädern nur die blenden kann, die nicht hören, wie hässlich der Pfau in Wahrheit schreit.

Dieser Rattenfängerei dienen auch all jene, die Bücher über Tiere schreiben, was an sich wertvoll ist, aber in dem Dienste jener geistigen Macht stehen, die dem Menschen die Krone nehmen will und damit zugleich den Tieren schadet. Denn auf diese prechtige Weise Tiere denken kann man nur, wenn man ignoriert, dass sie Bausteine eines zusammenhängenden schöpferischen Seins sind und ihren wahren Wert im Rahmen der Genesis einzuordnen weiß.

Mit einer offenen Sicht auf das Christentum hätte Precht erkennen können, dass die christliche Praxis bisher den eigenen Anforderungen nicht gerecht werden konnte, weil sie u.a. nicht verstanden hat, warum ein Evangelist wie Markus die Versuchung Jesu durch den Teufel so zutreffend mit einem Satz markiert, der unendlich viel über die Bedeutung der Tiere und die Entwicklung des Menschen aussagt. Dort heißt es anlässlich der Versuchung Jesu in der Wüste durch den Satan: Und er war bei den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm.

Diese wenigen Worte enthalten in nuce eine Weisheit, wie sie Precht, der naturgemäß kein gutes Haar am Christentum lässt – Franz von Assisi und Albert Schweizer muss er notgedrungen ausnehmen -, nicht erfassen könnte, würde er auch 5000 Seiten schreiben. Zu den Markus-Worten ein andermal mehr.

Precht verlässt sich auf eine Wissenschaft, die sich eigentlich dessen bewusst ist, dass sie fünf Prozent der materiellen Wirklichkeit des Kosmos kennt. Vom Umfang des seelischen und geistigen Bewusstseins ganz zu schweigen.

Ich schließe diesen Beitrag mit Worten aus dem Totenbuch des Nu, des Oberaufsehers über die Oberaufseher des Siegelbewahrungshauses, ab. Trotz seines hochtrabenden Namens war Nu kein bedeutender Mann und sein Papyrus gilt als die allgemeingültige Fassung des ägyptischen Totenbuchs. Dort heißt es u.a.:

.

Siehe, ich bringe in meinem Herzen Wahrheit-Gerechtigkeit,
Denn ausgerissen habe ich daraus das Böse (…)
Nicht habe ich das Unrecht an die Stelle des Rechts gesetzt
noch Verkehr gepflegt mit den Bösen.
Ich habe kein Verbrechen begangen,
ließ nicht die anderen sich abmühen über Gebühr.
Nicht habe ich Ränke aus Ehrgeiz geschmiedet.
Meine Diener habe ich nicht misshandelt (…)
Dem Bedürftigen habe ich nicht Nahrung entzogen (…)
Durch den Gebrauch verwerflicher Mittel
habe ich nicht versucht, mein Eigentum zu vergrößern (…)
Weder habe ich die Gewichte der Waage gefälscht
noch den Waagebalken verschoben (…)
Nicht habe ich Fallen gestellt noch Schlingen gelegt für das den Göttern bestimmte Geflügel.
Mit Fischleichnamen habe ich nicht die Fische gefangen
und die Gewässer habe ich nicht versperrt zur Zeit ihres Fließens (…)
Die Eingeweihten versorg ich mit dem Leben
an den Tagen der Feier, da vor dem göttlichen Herrn dieser Erde
über Heliopolis kulminiert das göttliche Auge des Horus (…)

.

Massenhafte Steuerhinterziehung, Säen von Hass oder auch das politisch gebilligte Zuschauen, wie bei uns Rentner buchstäblich vor die Hunde gehen (ich denke an jene Frau, die ich im Fernsehen kürzlich sah, die ein Leben lang gearbeitet hat und der nun zwischen vier und fünf Euro pro Tag  als Lebensunterhalt zur Verfügung stehen und die anlässlich einer Nebenkostennachzahlung nur noch weinen konnte):

Es wäre gut, wenn Menschen – gerade auch unsere Politiker – wieder Totenbücher im Voraus schreiben müssten!

Unter anderem Sätze wie: Dem Bedürftigen habe ich nicht Nahrung entzogen!

Das ehrlich zu schreiben, würde allerdings voraussetzen, dass man an eine Instanz glaubt, die es gibt, weil man, um Worte Michael Endes aufzugreifen, sie nicht beweisen kann.

Ein Tier namens Mensch muss das allerdings nicht verstehen . . . deshalb ist diese Ebene von Leuten wie Precht so erwünscht!

Bedauerlich, dass so vielen Menschen Rattenfänger dieser Art so imponieren.

Ohne Kether, ohne Krone, lebt sich´s einfach halt gut, tierisch gut!

Nicht wenige Menschen dieses Planeten laufen auf allen Vieren – nur leider sieht man die seelische Verfassung nicht. – Vielleicht ist es auch gut so.

.

PS: Bitte beteiligt Euch an ÄRZTE GEGEN TIERVERSUCHE

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https://epetitionen.bundestag.de/content/petitionen/_2017/_01/_09//epetitionen.bundestag.de/content/petitionen/_2017/_01/_09/Petition_69364.htmlion_69364.html.

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Endstation Herz: Leben wir die Stäbe in uns oder das Hohe unseres Willens? Noch einmal zu Rilkes „Der Panther“.

Dies ist ein Beitrag im Rahmen der Posts zum Thema Tier und Mensch, hier beginnend.

Zu den berühmtesten Zeilen, die je über Tiere geschrieben wurden, gehört Rilkes Gedicht Der Panther und wir verdanken dessen so eindrucksvolle Verse nicht nur Rilkes Begegnung mit Auguste Rodin und der Tatsache, dass er in der Folge tief in das Wesen der Dinge – belebter und unbelebter – eintaucht, sondern auch der französischen Revolution, so befremdlich das auf den ersten Blick klingen mag.

Anfang der 1790er Jahre wussten die Revolutionäre nicht, wohin mit den im Besitz privater Schausteller befindlichen Tieren, und so beschloss die Nationalversammlung 1793, sie entweder der Ménagerie royale in Versailles zu übergeben oder den Naturforschern des Jardin des Plantes, eines am südlichen Seineufer gelegenen über zwanzig Hektar großen botanischen Gartens, damit sie dort ausgestopft und ausgestellt würden. Doch die Naturforscher ließen die Tiere leben, ja, als die Königliche Menagerie aufgelöst wurde, kamen auch deren Tiere in den Jardin des Plantes, wo mittlerweile die Ménagerie du Jardin des Plantes gegründet worden war, ein Drittel des Jardin des Plantes umfassend. Ihr Gründer, Jaques Henri Bernardin de Saint-Pierre, eine sehr extravagante Persönlichkeit, Rousseau-Freund und u. a. auch Schriftsteller, sah eine naturnahe Haltung der Tiere unter Berücksichtigung ihrer Lebensbedürfnisse vor. Begünstigt dadurch, dass die Ménagerie dem Muséum national d’histoire naturelle angeschlossen war, wurde sie zum ersten wissenschaftlich geleiteten Zoo der Welt, der Öffentlichkeit zugänglich.

So auch Rilke.

Der war nach seiner Heirat mit Clara Westhoff angesichts ihrer beider finanziellen Situation nach Paris gereist, um eine gewinnbringende Studie über Rodin zu schreiben. Die Begegnung mit dem verehrten Meister – über die erste schreibt er: „Bin auf der Seine hingefahren. Er hatte Modell. Ein Mädchen hatte ein kleines Gipsding in der Hand, an dem er herumkratzte“ – veränderte ihn von Grund auf. Er nahm wahr, wie viel in den vielen Gegenständen, kleinen und großen, die im Atelier Rodins herumstanden und -lagen, zum Ausdruck kam, was alles der große Alte in solchen Dingen gestaltete und herausarbeitete und war u.a. fasziniert von den „Tieren, die auf den Kathedralen standen und saßen oder unter den Konsolen kauerten (…) Hunde und Eichhörnchen, Spechte und Eidechsen, Schildkröten, Ratten und Schlangen.“

Dort muss er auch die Plastik eines Panthers gesehen haben, und so mag diese im Verein mit einem schwarzen Panther des Jardin des Plantes die Zeilen ausgelöst haben, die zu jenem Gedicht führten:

.
Der Panther
…………Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.-

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille –
und hört im Herzen auf zu sein.

.
Zwar kommt es später zum Zerwürfnis mit Rodin, der ihn im Herbst 1905 in sein Haus nach Meudon einladen wird, damit er nebenamtlich gegen eine Vergütung die Korrespondenz des Maitre bearbeite. Doch die Arbeit übersteigt das Maß des vorgesehenen Umfangs bei weitem. Nach acht Monaten kommt es zu einem heftigen Auftritt; die Beziehung bricht. Rilke wird Rodin weiter verehren, durchaus aber auch kritisch sehen.

Was jedoch bleibt und sich seit 1902/1903 abzeichnet, ist, dass Rilke durch Rodin Abstand nimmt von den Themen seines Stundenbuchs, vom mönchischen Blick auf das Leben, vom oft schwärmerischen Kreisen um Gott, um Liebe und Tod (Ich kreise um Gott, um den uralten Turm, / und ich kreise jahrtausendelang) und sich den Dingen (Das Karussell, Römische Sarkophage) zuwendet, einzelnen Figuren und Typen (Die Erblindende, Die Kurtisane), Orten (Die Kathedrale, Im Saal), Pflanzen (Die Fensterrose, Blaue Hortensie), Tieren (Der Schwan, Das Einhorn) oder auch Gestalten der Geschichte (Buddha, Früher Apoll, David singt vor Saul), um beispielhafte zu nennen.

Indem er sich in sie versenkt, sucht er Zugang zu ihrem Wesen, sucht, was hinter aller Materie ist, das Wesentliche.

Das gilt auch für obiges Gedicht, wobei ich jene im Titel zitierte Zeile nicht diesem, sondern dem Gedicht Eros entnommen habe, welches das Schicksal von Liebenden mit dieser Aussage enden lässt. Es ist eine Zeile, die zutiefst berührt und, wie ich finde, auch das Schicksal des Panthers zutreffend erfasst, von den Tränen seines Herzens sprechend – wenn es sie gibt.

Wie ist es, wenn das eigene Bewegen nicht mehr empfunden wird, wenn die Begrenzung des eigenen Seins soviel Macht über uns hat, dass diese Begrenzung sich bewegt, nicht mehr wir? Wenn Bewusstsein sich auflöst, man die Gitterstäbe nicht mehr erfassen kann und sie zu Hunderten verschwimmen? Und wenn hinter ihnen sich ein Nichts ausdehnt?

Stäbe: dreimal wiederholt Rilke in der ersten Strophe dieses Wort und wie sehr prägt die Assonanz von Stäbe und gäbe sich ein. Der Konjunktiv II ist längst Indikativ des seelischen Seins.

Es gibt sie nicht, diese tausend Stäbe; und es gibt sie, die Welt. Realität ist das nicht, was wir aus der Perspektive des Panthers zu sehen bzw. nicht zu sehen glauben. Und doch ist es seine Wirklichkeit: Es gibt sie eben doch, die tausend Stäbe, es gibt sie eben nicht, die Welt.

Haben Tiere einen Willen? Haben sie im Zentrum ihres Seins gar einen großen Willen?

Wie mag es einem großen Willen gehen, der sich im allerkleinsten Kreise drehen muss?

In diesen Zeilen spielt Rilke nicht mehr wie im Stundenbuch mit der Musikalität der Sprache und dem Klang von z.B. i- und ei-Vokalen (Ich aber will dich begreifen / Wie dich die Erde begreift, / Mit meinem Reifen / Reift dein Reich.). Ihm geht es nicht um Ästhetik, sondern um Kennzeichnendes, Zutreffendes, so wie er mit ein Tanz von Kraft um eine Mitte die dissoziierte Wirklichkeit des Panthers zu erfassen sucht mittels eines kleinen vorausgehenden Vergleichspartikels: wie ein Tanz.

Wie weit klaffen Möglichkeit und Wirklichkeit auseinander!

Und was für eine Metapher in der dritten Strophe: Das Lid als Vorhang der Pupille! Er, der Vorhang, hat sein Eigenleben: Er schiebt sich, schiebt sich auf, lautlos.

Fast numinos erscheint diese Bewegung. Wie weit weist sie über einen rein physischen Akt hinaus!

Unwillkürlich denke ich an den Menschen unserer Zeit, versinnbildlicht in dem kranken Gralskönig Anfortas, der, obwohl zu Tode erkrankt, nur deshalb nicht stirbt, weil er einmal im Jahr eines Bildes ansichtig wird. Einmal im Jahr, an Karfreitag, tragen seine Knechte den Gral an ihm vorbei.

Nicht von ungefähr hat auch das Bild sein Eigenleben: Es geht. Fast wie von selbst bewegt es sich. Bis zum Ziel: der Endstation Herz.

Meisterhaft, wie Rilke jedem Wort Bedeutung gibt.

Wie verschwenderisch hat Rilke früher mit stilistischen Mitteln gearbeitet. Hier, in der dritten Strophe, findet sich einmal eine Epanalepse – das geht wird wieder aufgenommen -, finden sich zwei Alliterationen (geht – Glieder, hört – Herz) und eine leise Tonversetzung: in der vorletzten Zeile wird die erste Hebung nach vorn auf das geht gezogen, statt, wie im Rahmen dieses Metrums an zweiter Stelle zu stehen. – Rilke braucht keinen Schnickschnack mehr.

Der fünfhebige Jambus ist durchgehend kreuzgereimt, alle Endreime brav männlich-weiblich alternierend und bis auf eine Ausnahme rein. Unaufgeregtes, lautloses Sein.

Am Ende soll Wesentliches in Rilke und im Leser sein.

Beispielsweise eben die Frage, ob es die Bilder sind, die den Panther noch am Leben erhalten.

Warum Panther keinen Suizid begehen.

Ob wir um den Panther in uns wissen.

Ob wir unsere Stäbe kennen und glaubten, wenn wir sie nicht kennen, wären sie nicht da.

Und was will unser hoher Wille?

Was macht das Hohe des Willens aus?

Wollen wir dieses Hohe leben?

Ja, es ist wahr:

Tiere – und sei es ein Panther – können uns den Zugang zum Wesentlichen öffnen.

∗ ∗ ∗ ∗ ∗ ∗ ∗
Beginn der Posts zum Thema Mensch und Tier hier

 

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Und im Innern weint ein Quell! – Schicksalhaft verloren durch die Liebe. Rainer Maria Rilkes Gedicht „Eros“.

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Selten hat mich eine Gedichtzeile sofort so angesprochen wie die letzte aus Rainer Maria Rilkes im Februar 1924 verfasstes Gedicht Eros, gestaltet in durchgehend reinen Kreuzreimen und fünfhebigem Trochäus, der keine Wahl lässt:

.

Masken! Masken! Dass man Eros blende.
Wer erträgt sein strahlendes Gesicht,
wenn er wie die Sommersonnenwende
frühlingliches Vorspiel unterbricht.

Wie es unversehens im Geplauder
anders wird und ernsthaft…Etwas schrie…
Und er wirft den namenlosen Schauder
wie ein Tempelinnres über sie.

Oh verloren, plötzlich, oh verloren!
Göttliche umarmen schnell.
Leben wand sich, Schicksal ward geboren.
Und im Innern weint ein Quell.

.

Es ist, als ob da einer stünde, der, selbst aus Erfahrung wissend, Zeuge wird, wie Eros wieder einmal zwei Liebenden zum Schicksal wird, die beide anonym bleiben, weil es nicht um eine konkrete Beziehung zweier Liebender geht, sondern um ein Geschehen, wie es immer und immer wieder zum Ereignis wird.

Wie dringlich, fast wie ein Hilferuf: Masken! Masken!

Nicht einmal Zeit für einen Hauptsatz. Ein Nebensatz, nur die Absicht vermittelnd: Dass man Eros blende!

Zu spät. –  Der Dichter weiß: Dieses strahlende Gesicht des Gottes, sein Eingreifen, der Macht der Sommersonnenwende gleich, die ein magischer Moment im Jahresablauf ist, Menschen schon immer fasziniert hat und sie diesen Moment feiern, die Johannisfeuer lodern ließ, lässt Geplauder unversehens anders und ernsthaft werden.

Masken hätten vielleicht vor den Blicken von Eros schützen können. 

Nun schreit etwas von ferne. 

Ist es das Schicksal, just in diesem Moment geboren, wo Eros den namenlosen Schauder über die Liebenden wirft?

Vor dem Tempel, da ist frühlingliches Vorspiel. 

Doch wenn Eros wirkt, dann befindet man sich in einem Inneren, das einen Raum entfaltet, dem man nicht mehr entweicht.

Tempelinnres hat Unausweichliches.

Oh verloren – und noch einmal betont: oh verloren!

Was fehlt, ist das Objekt. Wer oder was ist verloren?

Was grammatikalisch fehlt, fehlt auch existentiell.

Vielleicht aber fehlt auch nicht etwas Bestimmtes, sondern der, der so dringlich nach Masken rief, empfindet den Zustand als ein großes Verloren-Sein.

Die letzten beiden Verse: schon im Präteritum.

Erinnern wir uns an das Präsens des Beginns. Präsenter kann ein Augenblick kaum sein: ausgesetzt dem strahlenden Gesicht von Eros.

Plötzlich aber gilt: verloren.

War da ein Moment der Entscheidung?

Eher nicht, denn: Göttliche – Eros ist einer von ihnen – umarmen schnell!

Im Inneren: eine Quelle.

Auf einmal ist sie da, ganz am Schluss, und doch so im Zentrum.

Mit einem schlichten Und angeschlossen. 

Zugleich ist diese letzte Zeile als einziger Vers vierhebig. 

Fast wie ein Ausrufezeichen.

Weil ihr Sein, das Sein der Quelle, so wichtig ist?

Weil sie das Wesen der Liebe ist?

Vielleicht sind ihre Tränen heilsam.

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Je animalischer, desto seelischer. – Wozu Tiere und Tierbücher herhalten müssen.

 

Dieser Post setzt den vorausgegangenen – Lieber Tier als Krone der Schöpfung – fort.

Den Menschen als Krone der Schöpfung bezeichnet zu haben, beinhaltete keine arrogante Abgrenzung gegenüber der umfassenden Natur, sondern wollte eine ständige Erinnerung an Anspruch, Weg und Ziel sein. Es gibt ein exoterisches und ein esoterisches Christentum. Nicht Ersteres, die Amtskirche also, sondern Letzteres, die Frömmigkeit der einfachen Menschen, war das Bindeglied unserer Gesellschaft. Dass dieses sich auflöst, läutet, das spüren momentan viele, das Ende von deren Wertegerüst ein.

Klar, dass die angesprochene Frömmigkeit dem Bewusstsein der Menschen entsprach und immer wieder hinterfragbar war. Doch für eine miteinander kommunizierende, aufwärtsstrebende Gesellschaft war sie unverzichtbar.

Mehr und mehr Mitbürger nehmen Abstand von ihr, wenn sie überhaupt noch wissen, was gemeint ist, profitieren aber gleichzeitig noch von ihr. Wenn sie einmal fehlen wird, werden diejenigen, die sie passiv oder aktiv ablehnten, die sein, die am lautesten greinen. – Ich kenne übrigens keine bessere Sicht darauf, was fromm sein bedeutet, als die Goethes in seiner Marienbader Elegie.

Mit dem Verschwinden dieser ethischen Grundlage schwindet auch rasant die Zahl derer, die Kindern und Jugendlichen vermitteln, wie sinnvoll es sein kann, auf etwas zu verzichten, um ein höheres Ziel zu erreichen. Anspruchsdenken muss bekanntlich nicht zwanghaft sein, sondern es ist, richtig verstanden, unersetzbar sinnvoll bezüglich der religiösen Einstellung (Kether lässt grüßen), bezüglich der beruflichen Arbeit oder in der Gestaltung einer Beziehung. Dass zunehmend in der Vergangenheit Anspruch und Krone gleich in einem Aufwasch recycelt wurden, kennzeichnet den sich breitmachenden inneren Phlegmatismus. – Der Mensch als Krone der Schöpfung: abgelehnt.

Seelisch wird gedümpelt, gerast wird stattdessen durch das Netz und auf den Straßen.

Der Weg der Tiere: Abspaltung und Stagnation

Es ist auch nicht mehr in, sich mit der eigenen Seele zu beschäftigen. Dafür beschäftigen sich manche mit der von Tieren, schließlich kommt animalisch von lat. anima, und das bedeutet Seele. – Je animalischer, desto seelischer.

Widerspruch ernten Bräuer, Wohlleben, Precht und Co kaum, wenn sie offen oder versteckt suggerieren, dass der Mensch ein Tier sei. Das ist eine kaum mehr diskutierte Grundannahme; manche drücken es nur vorsichtiger aus.

Für mich gingen die sich entwickelnden Wesen der Erde von Beginn an, also vor über 3 Milliarden Jahren, den gleichen Entwicklungsweg. Das änderte sich, aus welchen Gründen auch immer. In der Entwicklung zweigten die so bezeichneten Tiere sich ab. In der Schöpfungsgeschichte der Bibel treten sie vor dem Menschen in Erscheinung. – Zu früh, um Mensch zu werden.

Womöglich allerdings gäbe es den Menschen nicht ohne die Existenz von Tieren. Und wer wollte zudem auf das Singen einer Amsel, das Aufschwingen der Lerche, das warnende Zetern des Eichhörnchens im Wald oder das Spiel der Delphine leben!

Obwohl zuerst präsent, ist es jedenfalls aus meiner Sicht ganz und gar unangemessen zu sagen, der Mensch stamme vom Tier ab. Gewiss mag dessen Entwicklung nicht linear gewesen sein, wie ebenso das der Tiere nicht, aber wir sehen das Ergebnis des Menschseins. Es ist eine schöpferische Entwicklung, nicht eine, die sich aus dem Tier entwickelte, sondern von der das Tier sich abspaltete.

Wir sehen die Tiere, ihre vielfältigen Formen. Auf ganz unterschiedlichen Stufen stagnierte ihre Entwicklung. Das beinhaltet keine Wertung; eindeutig ist, sie haben einen physischen Körper, wie wir Menschen, sie können sich bewegen, sie haben Gefühle und sind zu Lautäußerungen fähig. Aber das Selbstbewusstsein ist ein Wesensmerkmal des Menschen, seine differenzierte Sprache, seine Vernunft, sein aufrechter Gang.

Auf die Stufen dieser Entwicklung weist in unnachahmlich prägnanter Weise die Schöpfungsgeschichte hin. Sie will keine Doktorarbeit sein, sondern ein Dokument, das in prägnanter Form uns auf unseren Ursprung, unseren Weg und unser Ziel, angesprochen in der Bibel unter anderem in der Offenbarung des Johannes.

„Der Mensch ist, rein biologisch gesehen, ein Tier“ (Wohlleben)

Die Tatsache, dass die mehrfach genannten Autoren der Tierbücher, vor allem Bräuer, Wohlleben und Precht also, den Menschen als Tier bezeichnen bzw. ihn zumindest von ihm abstammen lassen, halte ich für einen Virus, einen, der in diesem Ausmaß intensiv seit annähernd 200 Jahren wirkt und diese Wirkung verstärken die Bücher, die ich hier anspreche. Dieser Virus kommt aus der elementaren Gegenbewegung zu allem zielgerichteten Leben, einem letztendlich lebensfeindlichen. Kulturen und Religionen haben für diese die unterschiedlichsten Begrifflichkeiten gefunden.

Natürlich benötigt jede Seite, die der Lebensbejahung und die der Lebensverneinung, sozusagen Handlanger, um ihr Ziel umzusetzen.

Die Frage mag sich jeder stellen, welcher Seite er die Hand reicht.

Natürlich ist es ein Teil der lebensverneinenden Strategie, den Menschen als Krone der Schöpfung abzulehnen, indem man vermittelt, das sei anmaßend und arrogant und – das ist der aktuelle Tenor – religiöser Schwachsinn (aufschlussreich ist, wie diffamierend Precht in seinem Buch vorgeht); zugleich werden die Ergebnisse der Forschung als Dokumente präsentiert, die die Abstammung vom Tier belegen sollen. Welche Zeitspanne und welches Spektrum der Entwicklung aber überblicken wir bei einem Zeitraum von über drei Milliarden Jahren der Erdgeschichte, bei über 13 Milliarden kosmischer Geschichte? Und welchen Einblick haben wir in die Entwicklung der Seele sowohl des Menschen als auch des Tieres?

Auf einer viel oberflächlicheren Ebene mag mancher, den Menschen als Krone der Schöpfung zu bezeichnen, abgelehnt haben, weil er den Zusammenhang mit dem Baum der Sephirot (siehe dazu der Beginn des letzten Posts), der biblischen Schöpfungsgeschichte und den weltweiten Schöpfungsmythen nicht sehen konnte oder sehen wollte.

Mancher aber mag diese Charakterisierung deshalb ablehnen, weil er sich – das kann bewusst, das kann unbewusst sein – einer ständigen Entwicklung verweigert.

Das spielt der Strategie der Lebensverneinung in die Hände, den Menschen evolutionär den Tieren zuzuordnen. Bei Letzteren bewegt sich evolutionär wenig. In Zeiten wie diesen offensichtlich für viele genau das Richtige. Möglich, dass sich gerade eine Entwicklung hin zu „Tiere II“  andeutet. Zu erkennen ist jedenfalls, dass Teile der Menschheit sich fast rasend schnell voneinander entfernen. Auch im sogenannten Christlichen Abendland gibt es im Übrigen massive Bewusstseins-Vergreisungen und Verhärtungen des Menschlichen. Niemand möge annehmen, dass der Abstieg in den puren Materialismus ohne Konsequenzen für die Seele der solchermaßen reduziert lebenden Menschen sein werde.

Wenn wir die augenblickliche Zerrissenheit der Menschheit wahrnehmen, die unterschiedlichen Entwicklungsstufen der Einzelnen und wie sich Strömungen des Bewusstseins auf der Erde in einer verwirrenden Vielfalt zeigen, spüren wir, wie ungeheuer komplex das ganze Schöpfungsgeschehen ist. Da kommen einer Mehrheit Tiere als Mauer gegen Entwicklungsansprüche gerade recht.

Manchem ist die ständige Metamorphose zuviel, ein gutes Tierbuch tut´s auch, vor allem eines wie das von Peter Wohlleben über Das Seelenleben von Tieren. Da steht so wunderbar W/Richtiges auch für den Menschen drin, Sie werden gleich Kostproben lesen können.

Wie Tiere uns wohl sehen?

Im Rahmen des vorausgehenden Posts habe ich die Tatsache angesprochen, dass die Beschäftigung mit Tieren und die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Tierreich momentan einen sehr hohen Stellenwert einnehmen und dass dies darauf zurückzuführen sein könnte, dass der Mensch insgeheim oder bewusst danach trachtet, über die Zuwendung zum Reich der Tiere, sei sie privater oder wissenschaftlicher Natur, mehr über sich selbst zu erfahren, weil bis zu einer bestimmten Zeit die Entwicklung aller Wesenheiten auf der Erde gemeinsam vonstatten ging, bevor sich, wie oben erwähnt, das Tierreich abtrennte und in gewisser Weise stehenblieb. Angesprochen habe ich im letzten Post, wie sehr Eigenschaften und Verhaltensweisen von Tieren immer wieder mit dem Verhalten und Vermögen von Kleinkindern verglichen werden; vor allem im Buch Juliane Bräuers finden sich zahlreiche Vergleiche. Mittels der Versuchsergebnisse meinen wir, Tiere immer besser zu verstehen. In Wirklichkeit aber, so glaube ich, sind wir meilenweit davon entfernt zu ahnen, wie Tiere uns sehen. Erst wenn wir das könnten, könnten wir Aussagen treffen, was Tiere und Menschen verbindet  und trennt, über alles bisher Erforschte hinaus.

Durchaus für möglich halte ich, dass jene indische Lebensweisheit – Gott schläft im Stein, atmet in der Pflanze, träumt im Tier und erwacht im Menschen – die Wahrheit über Tiere angemessen zum Ausdruck bringt. Vielleicht entspricht das Bewusstsein gerade der höheren Tiere einer Art Traumbewusstsein. Welches Grundgefühl aber muss dann in der Seele der Tiere sein, wenn sie dumpf wahrnehmen, dass es einen Bewusstseinszustand gibt, der ihnen verschlossen bleibt? Welches Grundgefühl löst das in ihnen aus?
Eine immanente Angst? Oder Traurigkeit? – Sehen wir sie in den Blicken von Tieren?

Ich möchte mit zwei Bemerkungen meine Ausführungen zu Juliane Bräuers Buch abschließen.

Zum einen fällt auf, wie sehr das Verhalten von Tieren aufgewertet wird. Bräuers Buchtitel lautet Klüger als wir denken. Ehrlich gesagt, ich war von keinem Versuch, von keinem Ergebnis wirklich überrascht, ja, ich könnte mir vorstellen, irgendwann findet sich ein Papagei, der laut bis 7 oder 8 zählen kann, oder ein Yorkshire Terrier, der 140 Spielzeuge zu unterscheiden vermag.

Tiere übernehmen von Menschen unglaublich viel, wie das Buch von Dahlke/Baumgärtner hinreichend belegen wird. Tier und Mensch, das gilt auch für Wissenschaftler, können eine Verbindung eingehen, die fallweise Tiere noch Erstaunlicheres leisten lässt. Aus welchen Gründen auch immer, es ist nur eine Frage der Zeit, dass das eintritt.

Was aber auffällt, ist, dass im Umgang mit Tieren, gerade von Seiten der Wissenschaftler auch von Juliane Bräuer, Begrifflichkeiten gewählt werden, die das Verhalten der Tiere auf Ebenen hebt und ein Niveau suggeriert, das absolut nicht der Realität entspricht. So wird in Studien das Kausalverständnis von Tieren getestet und ob sie arbiträre Hinweise nutzen oder kausale Zusammenhänge verstehen. An anderer Stelle fasst Bräuer Versuchsergebnisse zusammen, nachdem es zuvor darum ging, ob Tiere intentional und referentiell kommunizieren, indem sie darauf verweist, dass es „bei verschiedenen Tierarten komplexe Kommunikationssysteme“ gibt. Auch geht es darum, dem Rätsel reziproken Verhaltens auf die Spur zu kommen und um Reaktionen auf mangelnde Kooperationsbereitschaft des Partners.

Bienen wissen, so Wohlleben, wer sie sind

Ein eigenständiges Kapitel widmet sich der Frage: Haben Tiere eine Kultur?, wobei der Wikipedia-Definition, die sich nur auf den Menschen bezieht (wie diffamierend gegenüber Tieren, schrecklichschrecklich!), notgedrungen die von Biologen gegenübergestellt wird, die unter Kultur die langfristige Übertragung von Informationen von einer Generation zur nächsten auf nichtgenetischem Weg verstehen.

Am Ende des Buches denken Sie nicht mehr an ägyptische oder griechische Hochkulturen oder die des Christlichen Abendlandes, sondern haben sich einfach daran gewöhnt, dass Tiere Kultur haben, ja, auch eine Theory of Mind. – Sie wissen nicht, was das ist? Dann wissen Sie auch nicht, dass zu einer Theory of Mind gehört, dass man sich seiner selbst bewusst ist und eine Annahme von den Bewusstseinsvorgängen anderer haben kann. Dass man dem Blick anderer folgen und wissen kann, was andere sehen oder hören. All das vermögen manche Tiere bzw. Tierarten; sowohl Bräuer als auch Wohlleben führen Versuche an.

Letzterer weiß: Hunde können zählen und „Bienen wissen, wer sie sind.“ – Bienen hatten wohl einen Gott wie Jahwe nicht nötig, der dem Menschen das Bewusstsein seiner selbst, das ICH BIN brachte.

Irgendwie fehlt nur noch, dass Tieren ein hohes Maß an Empathie bescheinigt wird.
Vielleicht sehen Sie in Gedanken auch schon einen Bonobo einen Vortrag zum Achtfachen Pfad des Buddhismus und der Bedeutung von Achtsamkeit halten. Und wenn Sie all das Angesprochene gelesen haben, wundern sie sich auch nicht mehr, wenn Sie einen Konzertsaal betreten und einen Orang-Utan an der Harfe sehen oder im Theater ein Papagei als Souffleur agiert.

Fakt ist, am Schluss des Bräuer-Buches fällt Ihnen nicht mehr auf, wie reduziert doch der Kulturbegriff ist, der hier Verwendung findet, oder dass es nicht so wirklich viele Belege gibt, die über vereinzelte Tierarten hinaus Tieren eine Eigenschaft zugesteht, die man ansatzweise mit Theory of Mind, der Fähigkeit also, sich in andere hineinzuversetzen, bezeichnen kann.

Am Ende hat – so ging es mir jedenfalls – der Leser alle Ansprüche reduziert und ist ganz eingelullt von diesen unglaublichen menschlichen Eigenschaften von Tieren und ihrem hohen Niveau und nickt einfach nur noch mit dem Kopf, wenn Juliane Bräuer im abschließenden Kapitel Resümee: Wer ist klüger? schreibt:

Selbst wenn es darum geht, in die Zukunft zu blicken, scheinen Mensch und Tier sich nicht grundsätzlich zu unterscheiden. Und nicht nur Menschenaffen, sondern auch bislang weitgehend unbekannte Vogelarten bereiten sich flexibel auf die Zukunft vor.

Ach, also auch da: gar kein großer grundsätzlicher Unterschied!

Wenn Sie das Buch zuschlagen, haben Sie zwar noch im Ohr, dass die Leipziger Biologin Ihnen abschließend augenzwinkernd vermittelt: „In Wirklichkeit wird sicher kein Tier – auch keine Fledermaus – ein Buch wie dieses schreiben.“ Aber Sie trauen dem Frieden nicht mehr so ganz. Wer weiß. Und wenn Wissenschaftler eines Tages mittels eines Versuches ermitteln werden, dass Schimpansen unter vier Möglichkeiten ein Kreuz in jener Spalte machen, mittels dem sie wünschen, ein Buch schreiben zu können, anstatt Leckerli zu fressen, dann wird Sie das auch nicht mehr wundern.

Wenn der Mensch den Menschen abschafft

Irgendwie habe ich mich nach der Lektüre des Bräuer-Buches nach der Welt von Dr. Dolittle zurückgesehnt, die so schön wirklich unwirklich war und niemand Röhren auswählen, Tasten drücken oder Werkzeuge ineinanderstecken musste, um zu beweisen, wie klug er war.

Seltsam ist jedenfalls, wie sehr in diesen Tierbüchern die Ebenen von Mensch und Tier miteinander verschmolzen werden. Und wie reduziert alle Begrifflichkeit ist. Für mich ein Gefühl wie nach der Lektüre von Kafkas Prozess: Leben im Halbdunkel; alles ist auf seltsame Weise diffus, gelähmt.

Als ob es nicht einen Riesenunterschied gäbe zwischen dem Kulturbegriff, auf den sich Bräuer bezieht, und dem, den wir Menschen verwenden, wenn wir uns auf die alte ägyptische, babylonische oder griechische Hochkultur oder die des Christlichen Abendlandes beziehen und als ob die Theory of Mind beim Menschen nicht ganz andere Aspekte erfasst als beim Tier und es nicht angemessen wäre, für Tiere – bei allem Respekt – einen anderen Begriff zu wählen.

Warum forschen Wissenschaftler so zwanghaft, nur um immer wieder auf die Tatsache zu stoßen, dass Tiere Fähigkeiten aufweisen, die wir bei Kleinkindern auch finden?

Mit all diesen Versuchen geht zugleich eine Verflachung des Menschseins einher. Und der große Abstand zwischen Tier und Mensch wird höchstens an der ein oder anderen Stelle am Rande erwähnt.

Kein Rabe wird den Hamlet auf dem Theater geben können, kein Schwein wird je ein Müllauto durch die Straßen Münchens fahren, kein Storch einen Computer programmieren oder ein Schimpanse eine Predigt halten. Und das, obwohl doch das Genmaterial des Letzteren zu 98 Prozent mit dem des Menschen identisch ist.

Sie finden, dass ich zu allergisch reagiere und vielleicht ein verkappter Tierfeind bin?

Im Gegenteil, in zweiter Linie habe ich mit den vielen Tierversuchen echt ein Problem. Was kommt dabei wirklich heraus? Ich fände es sinnvoller, mit dem Geld verrottete Menschenschulen zu sanieren oder Wilderern und Walfängern intensiver das Handwerk zu legen.

Für mich aber am deprimierendsten ist, dass diese Tierbücher eine Tendenz verstärken, die momentan in vollem Gange ist: die bereits angesprochene Verflachung des Menschseins.

Manche Menschen wollen mit Teufelsgewalt den Menschen abschaffen.

Die angesprochene Verflachung ist ja nicht nur auf der moralischen Ebene zu beobachten oder auf der der politischen Kultur.

So oft wie in Tierbüchern von der Seele der Tiere gesprochen wird, so oft sprechen Menschen nicht mehr von ihrer eigenen.

Für Seelisches interessiert sich die Menschheit zunehmend weniger. Sonst müsste sie doch langsam artikulieren können, wie sehr gerade momentan seelisch kranke Männer das Weltgeschehen dominieren.

Und von Geist wird schon gar nicht mehr geredet.

Geist, was ist damit eigentlich gemeint?

Intelligenz?

Wirklich nicht. Aber wen interessiert das noch?

Mir scheint, als ob der Anspruch an Menschsein in einem erschreckenden Ausmaß sinkt, das aber das kaum noch jemand auffällt.

In den letzten Jahrzehnten ist weder die politische Kultur noch die Diskussionskultur so in sich zusammengebrochen wie zur Zeit.

Entweder gilt die Merkel-Devise, immer im Gespräch zu bleiben, um die Unfähigkeit, die zugleich eine spezifisch deutsche Schattenseite ist, zu kaschieren, dass man nicht zu klaren Worten in der Lage ist – Leute wie Erdogan baut das bekanntlich auf -, oder es gibt sofort eine Front, unerbittlich wie der Eiserne Vorhang. Wer einen einzigen falschen Satz sagt oder schreibt, wird sofort dem Feindeslager zugeordnet. Die Fronten laufen für viele absolut klar und dazwischen ist Niemandsland.

Eine handlungsorientierte Gesprächskultur gibt es nicht mehr: entweder es wird gelabert oder abrupt eine Mauer installiert.

Wir kennen dieses Verfahren. Es ist das, mit dem die Menschen den Raum zwischen Himmel und Erde bereinigten. Seitdem ist dort Platz für Zigarettenrauch, Abgasqualm und menschengemachten Orbitmüll. Für sonst nichts mehr. Eigentlich ist schon, seit Galilei, ins All linsend, die Jupitermonde fand, aber keinen Gott, eh alles klar.

Wie sollte das sich auch ändern bei Büchern, die angesichts des inneren Lebens der Tiere nicht die Frage nach dem Geist des Menschen und seiner Vernunft stellen, immer wieder aber auf die Verwandtschaft von Mensch und Tier verweisen. Peter Wohlleben gibt seinem Buch den stolzen Titel Das Seelenleben der Tiere; von Seele hat er allerdings so viel Ahnung wie vom Leben nach dem Tod, zu dem er sich wie folgt outet:

Ganz davon abgesehen glaube ich persönlich nicht an ein Leben nach dem Tod. Ich beneide jeden, der das kann, aber mein Vorstellungsvermögen reicht dazu nicht aus.

Warum er dann ausgerechnet seelisches Leben thematisch in den Mittelpunkt rücken will (im Buch selbst schreibt er des Öfteren zu allem Möglichen, nur nicht zum Seelenleben), bleibt wohl ein Rätsel, wenn man nicht anlässlich seiner zahlreichen Bücher den Verdacht haben könnte, dass er dem Verkaufserfolg auch ein gewisses Maß an Seriosität opfert.

Wo sitzt die Seele?, lautet die letzte Kapitelüberschrift seines Buches und Wohlleben fragt dann: Haben Tiere auch eine Seele im Sinne eines immateriellen Organs?

Er schließt sich zwei Definitionen, die der Duden anbietet, an, und weil dort das Denken zur Seele gehört, folgert Wohlleben, dass Denken eine Grundvoraussetzung für eine Seele ist. Denken, so lässt er uns wissen, ist Problemlösen.

Das aber genügt unserem sellernden Förster nicht, er möchte ein Plädoyer für die tierische Seele im religiösen Sinne halten und schreibt:

Eine Seele ist Grundvoraussetzung für ein Leben nach dem Tod, sofern man nicht an die körperliche Wiederauferstehung glaubt. Und wenn es in diesem Sinne beim Menschen eine Seele gibt, dann muss diese geradezu zwingend ebenfalls bei Tieren vorhanden sein. Warum? Weil sich die Frage stellt, ab wann Menschen in den Himmel kommen.

Hoffentlich hat sich Ihnen die Logik der Gedankenführung erschlossen, mir nicht.

Wohleben rätselt dann auf die gestellte Frage, ab wann also Menschen in den Himmel kommen, ob das seit 2000 Jahren der Fall gewesen sei oder seit 4000 Jahren oder seit es Menschen gibt und wer dann wohl im Rückblick nicht mehr als Individuum bezeichnet werden könne, irgendeine Vorfahrin oder ein Vorfahr, der vor 200197 Jahren gelebt hat, von der ganzen Reihe, die man über die primitiveren Vorfahren bis zu den Bakterien zurückgehen kann, ganz zu schweigen. (Ich habe es nicht verworrener dargestellt, als es ist.)
Bei so viel offenen Fragen weiß Wohlleben:

Wenn es keinen festen Zeitpunkt X gibt, ab dem Wesen der Art Homo sapiens hinzugerechnet werden können, dann gibt es auch keinen festen Zeitpunkt, ab dem eine Seele auftritt. Und wenn es eine höhere Gerechtigkeit im religiösen Sinne gibt, dann wird bei der Frage nach dem ewigen Leben wohl kaum eine scharfe Grenze zwischen zwei Generationen gezogen werden, bei der die Älteren außen vor bleiben und die Jüngeren Einlass finden. Ist es nicht eine schöne Vorstellung, dass im Himmel ein großes Getümmel an Tieren aller Art herrscht, die zwischen den unzähligen Menschen leben?

Und das, auch wenn es kein Leben nach dem Tod gibt! – Alles klar?

Ehrlich gesagt vermute ich, dass Wohlleben den Lektor des Verlags bestochen hat, damit dieser das Kapitel Wo sitzt die Seele? durchwinkt.

Mein Buch-Exemplar entstammt übrigens der 8. Auflage; recht viele Menschen haben also Wohlleben gelesen und ich gehöre zu denen, die glauben, dass solch ein Niveau abfärbt.

Mir ist nicht wohl bei diesem Gedanken und Wohllebens Gedankenleben.

Im Grunde ist Das Seelenleben der Tiere ein Dokument unserer Zeit und ihres Zustandes, sich mit unserer unersetzlichen Seele auseinanderzusetzen.

Tiere haben Gefühle, und diese machen eine Ebene einer jeden Seele aus, auch der menschlichen.

Man muss dazu nicht Jüttemann/Sonntag/Wulfs Die Seele. Ihre Geschichte im Abendland gelesen haben oder C.G. Jungs Der Mensch und seine Symbole (schaden hätte es Wohlleben nicht können, schon ein paar Seiten dort hätten ihn einiges erkennen und einiges nicht schreiben lassen).

Aber Wohlleben kommt wohl nicht der Hauch einer Ahnung an, dass er auf der derzeitigen Welle reduzierten Menschseins mitschwimmt und sie verstärkt.

Das Buch hat – das möchte ich keineswegs verschweigen – durchaus auch seine Stärken. Sie liegen, selbst wenn mancher nicht immer dem, was Wohlleben in seinen Auswertungen bezüglich der Fähigkeiten und Gefühlen von Tieren schreibt, folgen mag, in den mitgeteilten Erlebnissen und Erfahrungen, die insgesamt authentisch wirken und dem Buch über einige Passagen seine erfrischende und lebendige Note geben. Da ist einfach ein Mann, der mit wachen Augen durch die Natur geht, immer bereit, etwas ihm bisher Unbekanntes wahrzunehmen und auch die eigenen Tiere entsprechend beobachtet, Hunde, Ziegen, Bienen und Pferde. Man kann sich nur für seine Kinder freuen, die unter diesen Bedingungen aufwachsen konnten.

Eine Vorzeigefamilie, ein Vorzeigeförster, und so nimmt man in Kauf, dass einige Kapitel wenig bis nichts mit dem Thema zu tun haben (u.a. „Bequemlichkeit“, „Schlechtes Wetter“), auch ziemlich trocken sind und dass man manchmal wünschte, er hätte etwas mehr von der wissenschaftlichen Gewissenhaftigkeit und dem Fundus Juliane Bräuers.

Wir geben dem Macht, dem wir uns zuwenden!

Natürlich werden einige die Abnahme der Moral und die Zunahme von Gewalt nicht mit solchen Büchern in Zusammenhang bringen, aber sie sind im Rahmen einer Gesamtentwicklung zu sehen, und da ist zu beobachten, dass die Abnahme einer Anspruchshaltung an das Menschsein Lücken hinterlässt, in die nichts Gutes nachfließt.

Viel zu sehr lassen sich weite Teile unserer Gesellschaft gehen.

Und diese Tendenz nimmt zu (ich hoffe, das ist nur ein vorübergehendes Phänomen).

Dazu tragen auch philosophische Rattenfänger wie Richard David Precht bei, die sich viel Mühe damit geben, den letzten Rest der in der Gesellschaft noch vorhandenen Spiritualität und Religiosität in die Tonne zu treten.

Wie jener das macht, davon im nächsten Post.

 

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Fortsetzung der Posts zum Thema Mensch und Tier hier

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Lieber Tier statt Krone der Schöpfung?

Bücher über Tiere haben Hochkonjunktur: Richard David Precht lässt sie denken, Peter Wohlleben befasst sich mit ihrem Seelenleben und für Baumgartner/Dahlke sind sie ein Spiegel unserer Seele. – Je komplexer die Welt, desto mehr wächst das Bedürfnis nach Einfachheit und schlichtem Abdrücken der elementaren Bedürfnisse. Vorgaben und Schablonen sind erwünscht. Tiere überlegen auch nicht lange.
Der Mensch als Krone der Schöpfung: ein endlich überwundenes Hirngespinst der Kabbala?

Doch so einfach ist es nicht. Es könnte sein, dass sich hinter dem Trend Überraschendes verbirgt.

Dem ein oder anderen mag bekannt sein, dass die Krone, von der gerade die Rede war, nicht irgendeine Königskrone ist oder die eines Faschingsprinzen, sondern Kether, jene Krone, die Ziel menschlichen Strebens und höchste Vollendung zum Ausdruck bringt und uns ein ewig wertvolles Geschenk der jüdischen Mystik ist als Krönung des Baumes der Sephirot.

Ein Philosoph als geistiger Nebelkerzenwerfer

Auch wenn ein richtiges Verständnis der menschlichen Schöpfungsgeschichte – ich habe jüngst darauf verwiesen, wie Hildegard von Bingen diese sieht – wissen lässt, dass der Schöpfungsprozess nicht vorbei ist, sondern der Mensch sich mitten darin befindet und er wohl noch weit von der Verinnerlichung der zehn Sephirot entfernt ist, wird so getan, als sei er bereits jene Krone der Schöpfung. Wer auch immer  verhindern möchte zu sehen, dasss der Mensch ständig in einer Entwicklung ist: die dienstbaren Geister der entsrechenden  Vernebelungstaktik sind zum einen nur auf ihr Spezialgebiet fixierte Wissenschaftler, zum anderen sympathisch-tierfreundlichste Förster wie auch Philosophen, von denen ich allerdings nicht annehmen kann, dass sie nicht wissen, was sie tun.

Als ich mich Prechts Buch Tiere denken widmete, wollte ich mehr über das Denken und die Einstellung dieses Mannes finden, der mir mittels einiger Aussagen als Möchtegern-Saulus und mit Halbwissen glänzender Philosoph auffiel, und traf auf Äußerungen in einer Lanz-Sendung, in der er sagte (manche syntaktische Unstimmigkeit ist natürlich der mündlichen Rede geschuldet):

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Das ist ja Zentrum von Jesu Lehre, so wie die Evangelien sie berichten, ist ja die Ankündigung eines nahen Reiches Gottes, vor dem dann all diese Qualitäten wie Liebe, Barmherzigkeit und Nächstenliebe usw. zählen. Das ist die ursprüngliche Idee, aber Jesus hat ja das Christentum nicht erfunden (…), sondern das Christentum wird ja dann einige Jahrzehnte später von Paulus erfunden. Und es wird von Paulus erfunden ja nicht dadurch, dass er sich auf alles das berufen hat, was Jesus gesagt hat, sondern dass er sich einige Rosinen dessen herausgezogen hat und dann gewildert hat in allen erdenklichen anderen Religionen der damaligen Zeit.
Also Paulus hat, um das Christentum zu einer schlagkräftigen Religion oder Ideologie zu machen, für all die Länder, wo er sich hin ausbreiten wollte, für Persien, für Griechenland usw., ist er hingegangen und hat geguckt, was finde ich hier vor. Er findet in Persien den Zoroastrismus vor. Der Zoroastrismus ist die Lehre vom ewigen Kampf von Gut und Böse. Der wird ins Christentum hineinmontiert.
Dann muss er eine ganz ganz große eigene Erfindung machen: Der Tod Jesu war ja für die Anhänger von Jesus erstmal eine große Katastrophe. Der war ja nicht vorgesehen. Also vorgesehen war, dass das Reich Gottes anbricht und nicht, dass der Wanderprediger, dem man gefolgt ist, ans Kreuz geschlagen wird. Und jetzt deutet Paulus das Ganze um und sagt, Jesus stirbt, weil er für die Sünde Adams, den Apfel gegessen zu haben, stellvertretend für die Menschheit büßt.
Das ist ja eine Idee, die nicht von Jesus kommt, sondern eine Idee, die von Paulus kommt und diese Idee, dass es so etwas wie eine Erbsünde gibt, das ist eine zoroastristische, eine persische Idee.
Im griechischen Kulturkreis greift er den Logos auf. Das, was schon vor Platon Heraklit und dann seit Platon das griechische Denken bestimmt, der Logos … der Geist. Das Johannes-Evangelium, das für den griechischen Raum geschrieben ist, fängt an mit Im Anfang war der Logos. Das heißt, das Christentum ist ein Synkretismus {Vermischung, Mischmasch} aus allen erdenklichen Dingen von Anfang an. Es ist also nicht irgendwann missbraucht worden, sondern es ist als eine Herrschaftsideologie von Anfang an geformt worden und nicht als eine wirkliche spirituelle Beseelungslehre.

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Wer ihn gesehen hat, weiß, dass dieser Mann seine Ansichten mit einer Selbstsicherheit vorträgt, die niemanden daran zweifeln lässt, dass das alles richtig sei, was er sagt. Tatsache ist, dass man der Wahrheit nur nahekommt, wenn man die Aussagen Prechts in ihr Gegenteil verkehrt.

Ich will zumindest zwei Punkte ansprechen, weil er in seinem Tiere denken zu diesbezüglichen Themen einen ähnlichen Unsinn vertritt und weil wir für unsere Schlussfolgerungen eine korrekte Basis brauchen.

Der Tod Jesu war Precht zufolge nicht vorgesehen und für seine Anhänger eine große Katastrophe?

Jesus hat seine Anhänger, vor allem seine Jünger, mehrfach auf seinen nahenden Tod aufmerksam gemacht, und wenn etwas eine Katastrophe war, dann, dass die eigenen Jünger an seine von ihm vorausgesagte Auferstehung nicht glaubten, wohl aber die Besatzungsmacht, die sein Grab auf Befehl des Pilatus bewachte. Nicht von ungefähr ist es eine Frau, die mutige Maria Magdalena, der sich der Auferstandene als Erstes am Grab zeigt.

Und was Precht schwungvoll übergeht – vielleicht auch gar nicht weiß:

Schon in den Büchern des Alten Testaments, deren Inhalte mittels der Pharisäer und Schriftgelehrten Jesu Mitbürgern zum Teil bekannt waren, ist sein Tod mehrfach angekündigt, nämlich beim Propheten Jeremia (31.15), mehrfach bei Jesaja, unter anderem in 53.12, bei Sacharja (12.10) oder auch im Buch des Propheten Daniel (9.25f):

Von der Zeit an, als das Wort erging, Jerusalem werde wiederaufgebaut werden, bis ein Gesalbter, ein Fürst, kommt, sind es sieben Wochen; und zweiundsechzig Wochen lang wird es wieder aufgebaut sein mit Plätzen und Gräben, wiewohl in kummervoller Zeit. Und nach den zweiundsechzig Wochen wird ein Gesalbter ausgerottet werden und nicht mehr sein.

Selbst in den Psalmen wird auf den in den Evangelien erwähnten Durst Jesu am Kreuz verwiesen (69.22) und dass, wie in den Evangelien bestätigt, Soldaten um seine Kleider würfeln (22.19).

Kann man das ernsthaft einen überraschenden Tod nennen?

Prechtige Rundumschläge

Im Zusammenhang mit der vielfach im Alten Testament angesprochenen Gestalt Jesu sind dort bereits christologische Aspekte zu finden, und Jesus selbst hat über die Bedeutung seines Todes und seiner Auferstehung niemanden im Unklaren gelassen, genauso wie über die Tatsache, dass in der Tat das Reich Gottes nahe ist, in dem Augenblick nämlich, wenn anlässlich seiner Kreuzigung sein Blut auf Golgatha die Erde berühren und im Tempel der Vorhang zum Allerheiligsten zerreißen wird. Dass die damit einhergehenden Veränderungen und Möglichkeiten in der Folge von nur wenigen wahrgenommen worden sind und werden, liegt an dem nach dem 1. und 2. Jahrhundert zunehmenden Unverständnis und bewussten Verfälschungen von Jesu Aussagen.

In diesem eben angesprochenen Geschehen und den erwähnten Aussagen finden wir die Grundlagen paulinischen Denkens, und wie man angesichts seiner Aussagen in ingesamt 13 Briefen des Neuen Testaments, in denen es auch um Agape, die wahre Liebe geht, von einer Herrschaftsideologie von Anfang an sprechen kann und dass Paulus das Christentum erfunden habe: Das sind schon abenteuerliche und dunkle Verfälschungen.

Eine religiöse Lehre hat zudem für Precht offensichtlich auf einen Kulturbereich fixiert, linear und eindimensional zu sein. Ist sie das nicht, ist sie synkretistisch.

Leider können solch prechtige Rundumschläge uninformierten Gemütern imponieren.

Warum sollte ein Gott, der seit Ewigkeiten existiert, nicht im Bewusstsein anderer Kulturen vorhanden sein, zumindest in deren Mysterien?

In Kether, jener obersten Sephirot, zeigt sich jedenfalls jene Krone, die höchstes schöpferisches Sein bedeutet. Darauf also bezieht es sich, wenn der Mensch als Krone der Schöpfung bezeichnet wird.

Auf dieser Stufe wird der Mensch selbst zum Schöpfer.

Die damit verbundene wirkliche Freiheit und ein entsprechendes Bewusstsein sind weit von dem entfernt, was wir momentan verwirklichen können und was noch dazu zunehmend mit transhumanistischen Versatzstücken zugeschüttet wird.

Im Sinne dieser überkonfessionellen Christologie allein wird Freiheit realisierbar, eine Freiheit, die es erfordert, dass der Mensch die zehn Sephirot verinnerlicht, also Malkuth (das Königreich der Erde und damit auch des menschlichen Körpers), Jesod (Fundament), Hod (Mitgefühl), Nezach (Überwindung), Tiferet (Schönheit), Geburah (Stärke), Chesed (Güte), Binah (Intelligenz), Chochmah (Weisheit) und eben die Krone, Kether, mithin also 10 Wesenheiten des Kosmos, Emanationen des Ur-Göttlichen. Gewiss noch ein langer Weg, bedenkt man, dass zum Beispiel Schönheit im Sinne von Tiferet nicht unseren Ideal entspricht, sondern, dass der Geist durch alle Materie leuchtet.

Das ist eine ewige Wahrheit aus der Mitte des geistigen Judentums.

Auf diesem Weg der Verinnerlichung gibt es Gegenkräfte, die in Luzifer und Satan kulminieren und auf unterschiedliche Weise dem menschlichen Bewusstsein den Weg versperren wollen, es damit zu ständiger Wandlung und Entwicklung zwingend.

Ich hätte nicht gedacht und mir war lange nicht bewusst, dass die Veröffentlichungen zu Tieren – auch in Zeitschriften gibt es viele – eine Form der Strategie des sogenannten Bösen manifestieren, so gut sie im Einzelnen gemeint sein mögen. Doch es ist so, und es geschieht auf sehr subtile Weise.

Darüber möchte ich in meinen Beiträgen zu diesem Thema schreiben.

Bevor ich auf die oben genannten aktuellen und auf ihre Weise Interessantes offenbarenden Bücher eingehe, die, ob bewusst oder unbewusst auf die angesprochenen Gefahren hereinfallen, widme ich mich einem, das erste wichtige Einblicke in die Thematik vermittelt; ich meine das 2014 bei Springer Spektrum erschienene Klüger als wir denken von Juliane Bräuer, die im Vorwort bereits eine inhaltliche Richtung erkennen lässt, wenn sie formuliert: „(..) seit einiger Zeit wissen wir, dass Menschen sich weniger von den Tieren unterscheiden, als wir angenommen haben.“

Tier und Mensch: nur graduell, nicht prinzipiell unterschiedlich

Immerhin lässt die Autorin graduell den Menschen eine eigene Spezies sein, doch sind ihre diesbezüglichen Ausführungen sehr flach. Precht stellt Mensch und Tier auf eine Stufe; Wohlleben bleibt hier diffus – dazu im nächten Post mehr.

Ich möchte Bräuers Buch nur jenen empfehlen, die wirklich großes Interesse an Labor- und Freilandversuchen von Tieren haben und deshalb auch ein gewisses Durchhaltevermögen mitbringen, denn das Vorgehen der Leipziger Biologin in den einzelnen Kapiteln – bedingt durch die Thematik – wiederholt sich zunehmend und ermüdet; dafür ist das Buch allerdings übersichtlich gestaltet und informativ.

Dass der ganze wissenschaftliche Impetus Juliane Bräuers dem, was Tiere zu leisten in der Lage sind, gilt, ist verständlich; er hält sie aber nicht davon ab, an einigen Stellen darauf zu verweisen, was Tiere nicht vermögen:

So können Ratten zwar lernen, einen Hebel viermal zu drücken, bevor sie eine Belohnung erhalten; sie können darauf trainiert werden, nach zwei Tönen den rechten Hebel, nach vier Tönen den linken zu drücken und Rhesusaffen vermögen mit arabischen Ziffern umzugehen und sie verstehen, dass arabische Ziffern bestimmte Anzahlen repräsentieren und man sie vergleichen kann; allerdings entwickeln sie, so lässt uns Bräuer wissen, nur eine ungefähre Vorstellung davon, was Zahlen bedeuten und im Rahmen des Kapitels Zählen und Zahlen schreibt sie:

„Die meisten können Mengen gut ordnen, aber sie haben keine ganz exakte Vorstellung von der Anzahl. Generell gilt: Tieren fehlen die Zahlwörter, um ganz genau und sehr weit zählen zu können.“

Desgleichen scheinen Versuche zu untermauern, so lässt uns Bräuer wissen, dass Tiere keine Fairness kennen, weil sie keinen Sinn für Gerechtigkeit haben.

Um das und einiges andere zu erkennen, mussten allerdings zig Tiere durch die Mühlen zahlreicher Versuche.

Zahlreich sind auch die Versuche im Zusammenhang mit dem Werkzeuggebrauch von Affen. In acht gut untersuchten Schimpansengruppen beispielsweise waren diese in der Lage, bis zu 20 verschiedene Werkzeuge zu verwenden. Schimpansen stellen zudem komplizierte Werkzeuge selbst her; ja, sie benutzen ganze Werkzeugsätze und sind in der Lage, fünf verschiedene Werkzeuge in der richtigen Reihenfolge zu verwenden. Sie produzieren Stöckchen sogar im Voraus, allerdings – diesen Wermutstropfen erspart Bräuer dem Leser nicht – produzieren sie nicht genug: statt acht nur zwei. Immerhin entwickelten einige Schimpansen großes Geschick bei der schnellen Nachproduktion. Was sie allerdings nicht vermögen: unter fünf Flaschen diejenige mit einer weißen Markierung als jene zu ermitteln, die Fruchtsaft und nicht Wasser enthält. Sie scheiterten in 15 Versuchen.

Können Tiere mental durch die Zeit reisen?

Schon anlässlich dieser Beispiele – im Buch sind ja noch gefühlt unendlich mehr angeführt – , denen sich Bonobos, Wellensittiche, Stare, Japanische Wachteln, Neuseeländische Langbeinschnäpper, Hyänen, Saatkrähen, Moskitofische und andere Tiere unterziehen müssen, wird es manchem Leser gegangen sein wie mir, der beispielsweise lesen musste, dass es noch weiterer Versuche bedürfe – beteiligt waren hier unter anderem Totenkopfäffchen und Buschhäher -, um festzustellen, ob Tiere mental durch die Zeit reisen können oder um verifizieren zu können, dass Schimpansen möglicherweise Futtersorten zu benennen vermögen.

Wenn Bräuer schreibt, die Vergleichende Kognitionsforschung stehe ziemlich am Anfang, dann mag man erahnen, was für ein Schwall von Versuchen auf Krähen, Schweine, Papageien, Gorillas und Orang-Utans, Ratten, Zackenbarsche, Moskitofische und Weißnasenmeerkatzen noch zukommt.
Absolut fragwürdig empfinde ich es, wenn, wie im Fall von Blaukopfjunkern, die in Korallenriffen leben, zwei Fischpopulation verpflanzt werden, um zu klären, ob Tierpopulationen eine eigene Kultur und kulturelle Traditionen entwickeln.

„In dem Versuch wurden die erwachsenen Tiere einer Population A in das Gebiet einer Population B umgesiedelt. Die Fische der Population B waren vorher ausgesiedelt worden. Die Frage war: Würden die A-Fische die angestammten Paarungsplätze der B-Fische nutzen? Nein, das taten sie nicht.“

Damit war laut Bräuer relativ sicher, dass es keine ökologischen bzw. lokalen Gründe für dieses Verhalten gab, sondern dass sie eigene kulturelle Traditionen mitbrachten.

Ehrlich gesagt gehen mir solche Versuche zu weit, und ich frage mich ohnehin, was es bringt zu wissen, dass Tiere Symbole verstehen oder eine Kultur haben, wobei immer wieder betont wird, dass dieses Vermögen auch bei Kleinkindern vorliegt.

Dass Tiere auf einer bestimmten Stufe ihrer Entwicklung, die von Beginn an eine Zeitlang gleich der menschlichen verlief, um sich dann von der unseren abzukoppeln – die Zahlen klaffen zwischen hunderttausenden und wenigen Millionen Jahren auseinander -, erscheint mir ziemlich sicher und widerspricht auch nicht der . Die weiteren Entwicklungsschritte sind sie nicht mitgegangen. Dass sie also Fähigkeiten wie Kleinkinder haben – über vierzigmal wird der Vergleich mit Menschen, vor allem Kleinkindern im Buch bemüht – ist meines Erachtens klar, denn Kinder vollziehen nun einmal die Stufen unserer Phylogenese, unserer stammesgeschichtlichen Entwicklung in ihrem Aufwachsen nach.

Wozu müssen, um das zu erkennen, weltweit so viele Tiere drangsaliert werden, denn, vergessen wir nicht: Es sind ja nicht nur die zahlreichen bei Bräuer aufgelisteten Versuche, sondern noch viel, viel mehr, von den nicht „erfolgreichen“, die meist gar keine Erwähnung finden, mal ganz abgesehen.
Generell bemühe ich mich, Versuche, die nicht zu viel Aufwand beinhalten, artgerecht sind und nur eine begrenzte Anzahl von Versuchen bezüglich derselben Tiere umfassen (170, wie ich an einer Stelle gelesen habe, sind m.E. eine Quälerei), zu akzeptieren, vor allem, wenn sie eine Abwechslung für die Tiere bedeuten. Bei vielen in dem Buch beschriebenen Versuchen aber war das meinem Dafürhalten nach nicht gegeben (Wohlleben berichtet von Versuchen an der kanadischen Universiät von Montreal, in deren Rahmen Mäusen empfindliche Körperteile auf heiße Platten gedrückt wurden). Juliane Bräuer steht wenigstens nicht artgerechten Versuchen selbst kritisch gegenüber, wobei mir allerdings ihre wissenschaftliche Heimat Leipzig nicht gerade zurückhaltend mit Tierversuchen zu sein scheint.

Wenn Orcas absichtlich stranden

Was sie nicht anspricht und was ohnehin unter Wissenschaftlern, die Versuche betreiben und darüber berichten, nicht thematisiert wird – ich habe jedenfalls in dieser Richtung nichts bisher gelesen -, ist, inwieweit nicht die Fixierung auf ein Ziel und der Einsatz gewaltiger innerer Energien der Versuchsbeteiligten ein Gutteil dazu beiträgt, dass Tiere auch das tun, was man erhofft. Durch die Quantenphysik wissen wir hinlänglich, dass eine Versuchsanordnung immer das Ergebnis beeinflusst. Das mag auch Tieren immanente Elementarteilchen betreffen, vor allem, wenn sie – man erlaube mir den Sprung aus der Physik – emotional aufgeladen sind.

Natürlich gibt es einzelne Tiere, die einfach Beeindruckendes zeigen, so der Border-Collie Rico, der die Namen von über 200 Gegenständen unterscheiden konnte, die Border-Collie-Hündin Chaser, die über 1000 Namen für verschiedene Gegenstände lernte oder der Yorkshire Terrier Baley, der 120 Spielzeuge erkannte. Auch der Graupapagei Alex beeindruckte, kannte er doch die Vokabeln für 50 verschiedene Objekte, sieben Farben und fünf Formen, zählte bis zur Sechs und konnte kurze Sätze sagen. Er benutzte sogar das Wort „nichts“, wenn beide Gegenstände weder in Farbe noch in Form noch in Material übereinstimmten. Zugleich hatte er die Zahlen von eins bis 8 drauf und konnte sie ordnen (das lernen bei uns Kinder in der ersten Klasse, wie Bräuer betont).

Mir persönlich imponierten noch Affenmütter, die ihre Gesten dem Alter ihres Nachwuchses anzupassen vermögen und an Argentiniens Küsten lebende Orcas, die ihren Nachwuchs das Jagen lehren – sie lassen sich im Rahmen ihrer Jagdtechnik an Land spülen, um dort liegende Robben an den Hinterflossen zu packen und ins Wasser zu ziehen. Ihre Jungen nun drängen sie in Richtung auf den Strand liegende Robben und erzeugen mit ihren Flossen einen Wellenschlag, wenn ihr Walenkind nicht mehr ins Meer zurückgelangt (Tiere lehren immer dann ihren Nachwuchs, wenn die notwendige Fähigkeit nicht genetisch vorprogrammiert ist oder diese Vorprogrammierung nicht ausreicht). Immerhin ist das Lehren der Orcas mit eigener Lebensgefahr verbunden, schließlich kann es geschehen,  dass auch sie dabei stranden.

Keine Frage, manche Informationen und Ergebnisse sind beeindruckend, aber wer Interesse an dem Thema hat – vor allem, wenn man ein entsprechendes Buch Jugendlichen schenken möchte – dem empfehle ich eher Peter Wohllebens Buch, verbunden mit den Einschränkungen, die gerade für Jugendliche nicht ohne Bedeutung sind (siehe den folgenden Post).

Auf dem Hintergrund von Bräuers Buch stellt sich jedoch die Frage, warum auf diesem Gebiet so intensiv geforscht wird.

Tierforschung als verkapptes Gnothi seauton!

Ich wurde und werde den Eindruck nicht los, dass es zum Teil, vielleicht sogar relativ häufig, um ein großes verstecktes Eigeninteresse am Erforschen von uns Menschen selbst geht, das uns ja mit seinem Gnothi seauton der delphische Apollotempel mittels seiner Inschrift auf den Weg gegeben hat; schließlich schaut der Mensch mit dem Blick auf Tiere in seine eigene Vergangenheit und es gibt zudem Exemplare der Spezies Mensch, die ein großes Interesse an Vergangenheitsaspekten der Menschheit haben (ohne sie wüssten wir vieles nicht über vergangene Kulturen und den Weg der Menschheit; ihr Interesse ist absolut wertvoll für ein Bewusstsein von uns).

Tiere lassen uns einen Blick werfen in unsere phylogenetische Vergangenheit, gleichzeitig aber vermitteln sie eine nicht zu unterschätzende Bandbreite von Gefühlen und Verhaltensweisen, die uns Menschliches spiegeln (Aspekte, denen sich Baumgärtner/Dahlke in ihrem Buch auf besondere Weise gewidmet haben) und über die, wenn wir uns mit ihnen auseinandersetzen, wir uns mit unseren eigenen Gefühlen beschäftigen (vgl., wie zärtlich ein Löwe seine Retterin umarmt und wie sich ein Schimpanse verabschiedet). Vergessen wir nicht, dass nicht wenige Menschen mittels Tieren Gefühle ausleben, wozu sie aus verschiedenen Gründen mit Menschen keine Gelegenheit haben oder es nur auf der Tier-Mensch-Ebene vermögen.

Vergessen wir auch nicht, dass die literarische Kleinform der Fabel aufzeigt, welche Eigenschaften sich in uns zeigen und was sie uns spiegeln; Vergleichbares gilt für Rilkes Gedicht Der Panther oder Kafkas Käfer-Mensch Gregor (Die Verwandlung). Und vergegenwärtigen wir uns, dass in früheren Zeiten die Evangelisten nicht von ungefähr Tieren und Sternzeichen zugeordnet waren und welch große Bedeutung dem Drachen in der Apokalypse zukommt, Drachen in Mythen überhaupt (noch heute sprechen wir von manchem (Mutter-)Typ Frau als einem Drachen) und Schlangen, ja dem Zodiakus, dem Tierkreis, der sich in den Taten des Herakles spiegelt – hinsichtlich einiger Taten ist es offensichtlich: der Kampf mit dem Nemäischen Löwen entspricht dem Tierkreiszeichen des Löwen, die Überwindung der Stymphalischen Vögel mit Pfeil und Bogen entspricht dem des Schützen oder die Bändigung des Stieres von Kreta verweist auf das Tierkreiszeichen des Stieres.

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Liebe Leserin, lieber Leser, auch wenn hinsichtlich Klüger als wir denken noch zwei – darunter der mir wichtigste Punkt im Hinblick auf eine gefährliche Entwicklung für unsere Seele – ausstehen, so möchte ich doch hier diesen Post beenden; er ist für dieses Genre eh schon sehr lang und ich freue mich, wenn Sie ihn bis hierher – womöglich interessiert – gelesen haben.

Im nächsten Post schließe ich also die Betrachtungen zu Juliane Bräuers Buch ab und widme mich dem Buch des Bestsellerautors Peter Wohlleben (wobei übrigens die e-book-Version von Klüger als wir denken immerhin bis 8. März 28 214 Downloads vorwies, durchaus eine stolze Zahl). Auch Wohllebens Buch gibt Aufschluss über Gründe für eine gefährliche Entwicklung, die momentan stattfindet, weil sie uns den Sephirot entfremdet und abkoppeln will von dem Gedanken, dass wir als Menschen uns in einer immerwährenden Entwicklung befinden, unabhängig davon, wie wertvoll das zunehmende Bewusstsein hinsichtlich eines angemessenen Umgangs mit Tieren ist.

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Wer selbstlos ist, ist sein Selbst los! – Wie wertvoll dagegen das Bewusstsein von Hildegard, Mechthild, Roswitha und Elisabeth ist!

Es gibt auf den inneren Festplatten der Menschen Viren, die deshalb ungeheuer wirkungsvoll sind, weil man sie gar nicht für Viren hält. Im Gegenteil hält man Selbstlosigkeit für eine wertvolle Datei. 

Dieser Beitrag ist der dritte Teil unter Vier Frauen für ein Hallelujah. – Für den, der nachlesen möchte, hier der Link zu Teil I, hier zu Teil II. Vor allem die Kenntnis des letzteren ist empfehlenswert, um das Folgende angemessen einordnen zu können.

Selbstlosigkeit und Selbstachtung schließen sich aus!

Leicht könnte man auf die Idee kommen zu sagen: Hildegard, Mechthild, Elisabeth – welch selbstlose Frauen!

Genau aber das Gegenteil ist der Fall. Ich habe sie nicht nur deshalb ausgewählt, weil sie Albertus Magnus´ Aussage, Frauen seien missratene Männer, überzeugendst widerlegen und zeigen, wie missraten – zumindest diesbezüglich – dessen innere Disposition ist, sondern weil ich zudem der Überzeugung bin, dass sie aus einem sehr starken Selbst heraus gehandelt haben.

So hart das auch klingen mag: Aus Liebe heraus – und Selbstachtung ist eine ihrer Voraussetzungen – kann wirklich nur der handeln, der aus einem starken Selbst heraus handelt, wobei viele Menschen, die im sozialen oder in anderen Bereichen tätig sind, Bereiche also, die ein Handeln aus einem gesunden Selbst heraus wünschenswert erscheinen lassen, nicht deshalb ohne Liebe sind, weil sie dies „selbstlos“ tun. – Wir sind alle auf dem Weg, uns weiterzuentwickeln, und mancher lernt auch daraus, dass er am Ende seiner Kräfte ist und sagt: Jetzt habe ich mich so um diese Menschen gekümmert – aber glaubst Du, einer sagt mal danke!

Das ist menschlich gesprochen und absolut nachvollziehbar. Nur zeugt es zugleich von dieser nicht empfehlenswerten Selbstlosigkeit. Solche und ähnliche Sätze sind Indikatoren des oben angesprochenen Virus.

Menschen mit einem starken Selbst wissen, dass sie keinen Dank erwarten können. Sie tun, was sie tun, auch nicht für Dank. Sie tun es – so abgegriffen das auch klingen mag – aus Liebe zur Sache oder den Menschen, denen sie helfen.

Wenn sie allerdings ein Danke oder einen Dank erfahren: um so schöner, und ich habe durchaus den Eindruck, dass in unserer Gesellschaft das Bewusstsein dafür gestiegen ist, dass man ein Danke einfach nicht vergessen sollte, weil es Nahrung ist für künftige gute Taten und weil es den Speicher der Menschen, die sich oft verausgabt haben, – zum Teil jedenfalls – wieder füllen kann.

Der Begriff des Selbst ist vor allem in der analytischen Psychologie C.G. Jungs von Bedeutung. Er entspricht dort einem Archetypus, also einem Grundmuster unserer Seele, das dann in Kraft treten kann, wenn ein Mensch existentielle Seiten seines Seins zunehmend zu einigen in der Lage ist; dazu gehören das Bewusste und das Unbewusste, unsere männliche und weibliche Seite, Gefühl und Verstand.

Wir kennen den Begriff der Selbstwerdung. Er verweist darauf, dass wir immer im Werden sind und dass selbst Menschen mit Selbstbewusstsein, die also wirklich ihrer selbst bewusst sind, immer wieder auch aus diesem Zustand fallen und wieder zurückfinden müssen. Dennoch aber entsteht bei jemandem, der auf dem Weg der Selbstwerdung ist, zunehmend ein Bewusstsein, das nicht mehr in einer kleinlichen Ego-Welt gefangen ist, sondern über persönliche Wünsche und Bedürfnisse hinaus mit seiner Umgebung und der Welt in einer konstruktiven Weise in Beziehung steht.

Es wäre also gut, wenn man nicht Leute, die mit aufgeblasenem Ego daherkommen, als selbstbewusst bezeichnen würde. Das glatte Gegenteil ist der Fall: Basis der krähenden Gockel sind nicht integrierte Archetypen wie der Alte Weise oder die Große Mutter, sondern der Mist anderer und ihr eigener, auf dem sie stehen und krähen.

In der Beschäftigung mit den vier in den vorausgegangenen Beiträgen angesprochenen Frauen habe ich jedenfalls den Eindruck gewonnen, dass es sehr starke Frauen waren und dass, sie und ihr Tun als selbstlos zu bezeichnen, völlig falsch wäre.

Die Schöpfungsgeschichte: eine Lernsequenz für Psychologen

Gerade bei Hildegard von Bingen habe ich ihre Stärke wahrnehmen können, wobei ich der Überzeugung bin, dass sie die Bedeutung der Schöpfungstage, auf die ich etwas ausführlicher in Teil II eingegangen bin, auch für sich fruchtbar gemacht hat.

Menschen, die auf dem Weg zur Vollendung im Sinne Hildegards und ihres Verständnisses vom 7. Schöpfungstag sind – ein Zustand, von dem die Menschheit insgesamt, schließt man sich der Sicht Hildegards an, noch weit entfernt ist -, sind gekennzeichnet durch Eigenschaften und Fähigkeiten, die den 6. und 7. Schöpfungstag ausmachen und sich dieser Entwicklungsschritte bewusst sind, was zugleich bedeutet, mit den himmlischen Fähigkeiten und Verantwortlichkeiten der vorausgegangenen Tage, deren der Mensch für sein Leben auf der Erde bedarf, immer angemessener umgehen zu können, bedeutet aber auch, in der Beschäftigung mit solchen Gedanken, den biblischen Hinweisen zu den Schöpfungstagen also, eine Hilfe in Anspruch zu nehmen, um sich immer weiter zu entwickeln. – Schließlich prägen unsere Gedanken unsere Wirklichkeit.

Im Rahmen des 6. Schöpfungstages bedeuten beispielsweise die erschaffenen Kriechtiere und wilden Tiere nach Hildegard Lebenszustände und Fähigkeiten des Menschen. Im Grunde ist das, dreieinhalb Jahrtausende vor den Errungenschaften der Traumpsychologie und Psychoanalyse ein seelisches Bewusstsein, das unser Zeitgeist der Bibel gewiss nicht zugesteht, schon gar nicht dem Alten Testament. – Weit gefehlt.

Natürlich muss man berücksichtigen, dass Hildegard vor allem für ihre Zeit schreibt. Heute würde sie nicht mehr Kasteiungen mit einbeziehen oder von fleischlichen Begierden schreiben (wobei diese Frau den Mut haben könnte, gerade weil sie genau das meint, doch so zu formulieren). Zumindest aber würde sie heute sicherlich weitere Inhalte einbringen, denn die Seelen der Menschen haben sich erheblich verändert in dem, was sie wahrnehmen und was sie, gemäß ihrer Entwicklung bedürfen. Das muss man wissen, wenn man Hildegards Hinweise richtig verstehen will, die keineswegs an Aktualität verloren haben:

Die Kriechtiere beziehen sich nach Hildegard auf das Innere jener Menschen, die in der Enthaltsamkeit von fleischlichen Begierden nur dahinkriechen. Wilde Tiere aber, deren Erschaffung den 6. Schöpfungstag mit kennzeichnen, überschreiten, so Hildegard, die ihnen bestimmte Natur nicht und so sollen auch die Menschen sich an die ihnen bestimmte Natur halten. Grundsätzlich aber haben die Tiere, also die entsprechenden Triebe und Begierden und Verhaltensweisen, den Menschen untertan zu sein – und nicht umgekehrt, wie wir es zunehmend heute erleben.

Triebe und Begierden haben notwendige Qualitäten für unsere Existenz; im Sinne der Schöpfungsgeschichte eben aber nur dann, wenn der Mensch sie dominiert und nicht, wenn sie den Menschen dominieren – die Exzesse sehen wir. – So ist das Machet euch die Erde untertan zu verstehen.

Für den Menschen, der sich – mit den Worten Hildegards – allen Vorschriften unterwirft, das heißt, sich mit Gott durch die Sehnsucht seiner Seele verbindet, gilt:

So wie das Land lebende Wesen nach ihrer Art hervorbringt, Vieh, Kriechtiere und wilde Tiere, so soll diese Erde, nämlich der Mensch, die lebendigen Tugenden der Seele hervorbringen. Der äußere Mensch soll sich an die Aufgabe der Seele halten und immer zu Gott aufseufzen, Seele und Leib sollen dadurch Gott nach der Art der stärksten Tugend, des Gehorsams gehorchen, der in Gott dem Tod seine Kraft heimlich weggenommen hat (…) Und so bewirkt Gott im Menschen, daß er sich selbst mit seinem eigenen Willen aus Liebe zu Gott in die Unterordnung unter Menschen demütigt. Wie die wilden Tiere sich von den Menschen fangen lassen, von denen sie auch ernährt und eingesetzt werden, wie sie selbst es wollen. Ähnlich werden auch die Menschen in diese Unterordnung unter die Lehrmeister gemäß dem Vorbild der heiligen Demut gerechnet. Sie sind dem Gehorsam unterstellt nach Art der Zugtiere und auch in der Niedrigkeit der Zugtiere.

Wer ein solches Wirken Gottes in sich zulässt, für den gilt die Aussage Johannes des Täufers: Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen. – Abnehmen muss das Ego des Menschen. – Sein Hochmut.

Demut als Voraussetzung für wahre Größe

Demut ist eines der Schlüsselwörter in Mechthilds und Hildegards Werk ebenso wie in Elisabeths Wirken und in der Art, wie Roswitha dichtete. Demut, das ist allen vier Frauen und all den Menschen, die Demut leben, bewusst, ist der Schlüssel zur Größe des Menschen. Ohne Demut ist diese Größe brandgefährlich, ja tödlich; wir wissen es u.a. von Luzifer, von Ikarus, von Faust.

In Demut jedoch ist diese Größe der Schlüssel zum abschließenden Schöpfungs-Geschehen.

So werden Himmel und Erde vollendet und alle ihre Zier, so lauten die biblischen Worte zum 7. Schöpfungstag; Hildegard legt offen, wie sie, bezogen auf den Menschen, zu verstehen sind:

Jene himmlischen und irdischen Tugenden und all ihre Zier werden im Menschen in Gerechtigkeit und Wahrheit mit guten Werken vollendet.

Und mit den letzten Sätzen dieses Abschnittes der 6. Vision des liber divinorum operum, des Buches vom Wirken Gottes, verweist Hildegard noch einmal darauf, was uns Menschen offensteht:

Gott segnete den siebten Tag in der Vollendung der guten Werke, das heißt den Menschen, der in ihm ein Glied seines Sohnes ist (…) Und von der Strenge, in der Er vor der Menschwerdung seines Sohnes niemanden das himmlische Reich betreten ließ, läßt der Vater der Werke von da an ab. Jetzt öffnet Er in diesem seinem Sohn den Zugang zu den ewigen Freuden, indem Er jede Schuld dem Menschen, der sie von Herzen bekennt, durch Seinen Sohn vergibt.
Das soll also der Gläubige im Glauben verstehen, und der soll darum nicht Ihn verachten, der wahrhaftig ist.

Kirche als Kulturträger

In Rahmen meiner Lektüre in Bezug auf diese vier Frauen ist mir noch einmal bewusst geworden , welch zentrale Rolle die Kirche in der Entwicklung dieser Kultur einnimmt. Von den vielen Schattenseiten abgesehen wird deutlich, dass das Engagement vieler Frauen und Männer ohne die Möglichkeiten, die die Kirche bot, nicht realisierbar gewesen wäre.

Es gab ja nicht wenige Frauen, die in der Art und Weise einer Roswitha, einer Hildegard, einer Mechthild und Elisabeth tätig waren. Und Gleiches gilt ja auch für Männer wie Berthold von Regensburg, Meister Eckehart, Johannes Tauler und viele, viele andere, die wir namentlich nicht mehr kennen, denen wir aber viel verdanken.

Die blühenden Landschaften des Ostens

Was aber mehr Aufmerksamkeit finden sollte, bezieht sich auf die Bedeutung des Ostens von Deutschland. Nicht zufällig kommen ja zwei der Frauen aus dem Osten, zwei aus dem Westen, wobei Roswitha, aus sächsischem Adel stammend, fast auch zum Osten Deutschlands gezählt werden kann.

Und wenn man auf die Geistesgeschichte unserer Kultur schaut, wird man schnell gewahr, wo wesentliche Schwerpunkte liegen: In Weimar, in Jena, in Berlin, in den Gegenden um Magdeburg und Erfurt oder auch konzentriert auf einen Fleck Erde: die Wartburg. Sie ist ja nicht nur der Wohnsitz einer Elisabeth oder der Rettungsanker eines Luther gewesen, sondern der Ort, von dem Burschenschaften 1817 gegen restaurative Zöpfe und für politische Bewegungsfreiheit ihr Signal ausgesendet haben.

Seltsam ist, dass angesichts der Wiedervereinigung 1990 dieser Gesichtspunkt auch in der Folge kaum (oder gar keine?) Rolle gespielt hat. Möglich, dass ich das überhört habe – man möge mich bitte auf Beispiele des Gegenteils aufmerksam machen -, aber den Osten Deutschlands begrüßt als goldenen Boden unserer Kultur, was er nun einmal ist, hat das jemand? So klar und vernehmbar, dass es den Menschen, die dort über viele Jahre wohnten und angesichts des einzigen Gradmessers, den damals Kohl und andere zelebrierten, gutgetan hätte, dass mit ihnen und dem Boden, auf dem sie leben, sich mit dem Westen Deutschlands etwas wieder verbindet, was mehr Wert ist als DM-Millionen oder zahllose Lidls, Aldis und Schleckers, die sofort den Osten zu überschwemmen begannen.

Klar waren die geistig blühenden Landschaften des Ostens verschüttet und wurden im Westen in Feuilletons der Zeitungen und an Universitäten wachgehalten. Dass aber kaum ein Augenmerk sich darauf richtete, wie wichtig es ist, dass vom Osten auf das Gebiet unserer Kultur wieder einströmen kann, was so drastisch und lange Zeit abgeschnitten war, das halte ich für einen entscheidenden Mangel der Wiedervereinigung und einen wesentlichen Grund, warum sich Deutschland mit ihr schwertat. Kohl war eben auch einer der führenden Vertreter einer sich immer materialistischer gerierenden CDU, und es war gewiss kein Zufall, aber schicksalhaft, dass dann mit Angela Merkel eine Vertreterin des deutschen Ostens Kanzlerin wurde, mit der man sich gewiss über geistes- und kulturwissenschaftliche Themen recht gut unterhalten kann, in deren Wesen aber nichts davon verankert ist – so empfinde ich es jedenfalls angesichts ihrer plan- und ziellosen und an keinen Idealen unserer Kultur orientierten Politik sowie den standardisierten Sätzen, die sie zu ethischen Fragen abgibt. Kultur spielt, auch wenn sie es energischst abstreiten und sich sofort eine Rede schreiben lassen würde, die natürlich genau das Gegenteil beweist, bei ihr die Rolle eines Epitheton ornans, eines schmückenden Beiworts: man kann es bzw. sie, die Kultur, verwenden – oder eben auch einfach weglassen.

Dem Geist unserer Geschichte und der Grundlage unserer Kultur kam kein Stellenwert zu und er konnte somit auch keine Wirkung entfalten. – Und das ist bis heute so.

Gewiss lassen sich heute aus diesem Scherbenhaufen der Kultur recht hohe Türme bauen, aber gemessen an dem, was unsere Kultur an eigentlich hoher menschlicher Substanz bietet, die im Sinne der Hildegardschen Schöpfungsgeschichte fruchtbar gemacht sein will, haben diese Scherbenhaufentürme eben Merkel-Niveau und nicht das, was sich aus dem Bewusstsein einer Hildegard oder Mechthild, eines Eckehart, eines Tauler, eines Luther, eines Goethe ergibt.

Wer erwartet hatte, dass ein Gauck als Theologe von diesem Geist etwas einbringen könne, wurde darüber belehrt, was für ein grausames geistiges Grau die DDR-Wirklichkeit in Köpfen und Herzen der Menschen erzeugen konnte. Nicht generell, aber mit Merkel und Gauck hat Deutschland Vertreter einer bleiernen Geistlosigkeit erwählt. Ich halte das auch für eine Folge von deren Sozialisation, gerade auch weil beide bei mir den Eindruck erwecken, sich dieses Zustandes nicht im Geringsten bewusst zu sein. Aber es ist nicht nur ein Sozialisationsphänomen, es betrifft auch ihre persönliche Struktur. – Die Frage ist nur, warum eine CDU sich an die innere Substanzlosigkeit einer Merkel ausgeliefert hat.

Wie kann Kultur fruchtbar gemacht werden?

Indem man sich des Geistes bewusst wird, der unseren Vorfahren eigen und wichtig war. Einer Hildegard, einer Mechthild, einem Eckehart, einem von Eschenbach, einem Luther, einem Lessing, einem Goethe, einem  Fichte, einem Hegel – geboren im Westen, verstorben im Osten ist er gleichsam ein Symbol dessen, was zusammengehört – ging es und würde es auch heute nicht um die ständige Steigerung des Bruttosozialprodukts gehen. Bezeichnend, dass es nur um die Sicherung der Renten, die Rettung Griechenlands, die Weiterexistenz der EU geht, aber kaum bis nie um die seelische Gesundheit der Menschen.

Eine EU beispielsweise würde nie in der Form und auf die Art, wie es sie gibt, existieren, wenn wir beachten würden, welche Bedeutung schon immer das Regionale und das Individuelle beispielsweise bei Paracelsus und Goethe gehabt haben. Niemals wäre einem von beiden und vielen anderen Trägern unserer Kultur in den Sinn gekommen, alle Länder in zentralen Kriterien über einen Leisten zu schlagen.

Die derzeitige EU widerspricht diametral unserer Leitkultur

Das aber interessiert nur noch erschreckend wenige Politiker.

Dazu ein andermal mehr.

Wessen wir uns aber sofort bewusst sein könnten:

wieder aktiv zu kämpfen und sich der geistigen Bedeutung des Schwertes bewusst zu sein.

Gerade Mechthild und Hildegard, aber auch Elisabeth und auf ihre Art auch Roswitha waren Schwertkämpferinnen in der Tradition eines Dietrich von Bern und seines Eckesachs, eines Artus  und seines Excalibur, eines Siegfried und seines Balmung und eines Parzival, der nicht von ungefähr zwei Schwerter sein eigen nannte, das dem roten Ritter abgenommene Ither-Schwert und das Grals-Schwert, ein geistiges Schwert, ihm früh anvertraut, dessen Bestimmung gerecht zu werden er so kämpfen musste.

Wer meine Posts gelesen hat, weiß, dass ich auf die Bedeutung des Schwertes im Zusammenhang mit dem Wort Jesu – Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert – mehrfach eingegangen bin, unter anderem in meinen Beiträgen zum Islam, weil ich es für einen Fehler hielt und halte, dass die Kirche einer theologischen Auseinandersetzung mit ihm und damit dem Herausstellen einer theologischen Unverbeinbarkeit immer wieder aus dem Weg gegangen ist und geht, daran ändern auch leise herausgegebene Papiere nichts. Man kann mit einer Religion, die 600 Jahre nach Christi Geburt die christliche Lehre negiert, nicht in einen Dialog treten.

Manche mögen über Wahrheiten diskutieren und feilschen. – Das Ergebnis sind  Halbwahrheiten. Die nun finden wir zuhauf.

Etwas anderes ist, dass man mit den Vertretern des Islam zusammensitzen oder auch gemeinsame Veranstaltungen durchführen kann, um zu zeigen, dass unterschiedliche theologische Positionen ein menschliches Miteinander nicht ausschließen. – Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, die durch Lessings Nathan der Weise im Hinblick auf das Verhalten seiner Vertreter der drei großen Religionen in unserer Kultur verankert ist.

Es ist eine klare Tatsache, dass es keinen Frieden geben kann, wenn nicht mit dem Schwert der Wahrheit Dinge geklärt sind. Wenn die Positionen klar sind, dann kann man darüber sprechen, wie man unter den gegebenen Bedingungen miteinander umgeht. Dann ist ehrliche Menschlichkeit unter gegenseitigem Respekt möglich.

Aber das Schwert des Christentums ist zu einem Gummischwertchen degeneriert, das niemand ernst nimmt.

Es gibt keinen Frieden ohne den vorherigen Einsatz des Schwertes – nicht im Sinne des Krieges. Wir brauchen weder das Gemetzel, das Christen auf dem ersten Kreuzzug in Jerusalem veranstalteten, noch die Blutbäder des radikalen Islam. Wir brauchen das Schwert im Sinne der Wahrheit. Es muss dieses Gestrüpp beseitigen, das sich – wie es im Bild des Dornröschen-Märchens dargestellt ist – um die Wahrheit gerankt hat, bis alles Leben zum Erliegen kam. Der Einsatz dieses Schwertes, wenn er mit Herz und Verstand, mit Glauben und Erkenntnis geschieht, kann bewirken, dass Bastionen ohne Blutvergießen fallen. Der Eiserne Vorhang ist ein Beispiel, dass es möglich ist, und unser Märchen auch, denn die Dornen öffnen sich als Rosen zu dem Schwertträger hin, wie von selbst.

Unsere Kultur ist in obigem Sinne eine Kultur des Schwertes.

Gewesen.

Heute kuscht sie.

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Vier Frauen für ein Hallelujah (Teil II)

Link zu Teil I

Zumindest zwei der vier Frauen zeigten hohen Mut, Fehlverhalten auch höchster Kreise anzuprangern.
Sie hätten einem Putin gesagt, wieviel Blut an seinen Händen klebt, indem er einen Vielfach-Mörder am eigenen Volk mordbombend reinthronisiert und in der Ost-Ukraine Unglück und Tod stiftet. Sie hätten Merkel für den unmoralischen Knebelvertrag, das Abkommen von Dublin, und für ihre bekannt lausige Weise, sich um eine klare Verurteilung eines Völkermordes zu drücken, zur Rede gestellt.

Fakt ist, dass es eine für die letzten Jahrzehnte seit Genscher typische Art deutscher Außenpolitik ist, (steinm)eiernd durch die Welt zu reisen, ohne in der Öffentlichkeit sich dezidiert zu Menschenrechtsverbrechen, die die Potentaten diverser Nationen begehen, zu äußern. Das betrifft im Übrigen nicht nur Putin, sondern auch die hehre NATO  und ihe in Aleppo gefangengenommenen Offiziere.

Verbrecherisches und unmenschliches Verhalten muss in einem jeden Fall ans Licht der Öffentlichkeit und es muss vor allem auch beim Namen genannt werden, damit es seiner Energien beraubt wird. Jedem auf der Erde sollte klar sein, dass der Handschlag gewisser Leute immer ein Handschlag mit blutiger Hand ist.

Stattdessen aber beliefert die Bundesrepublik seit langem Staaten mit Waffen, die den Terror unterstützen wie Saudi Arabien (15 der 19 an den Angriffen des 11. September beteiligten Terroristen waren Saudis). Da behindert offensichtlich kein C eine DU oder eine SU, schon gar nicht ein S eine PD.

Nur ist es besonders schändlich, wenn das C sogenannter christlicher Parteien als Tarnkappe für die Unterstützung von Krieg und Terrorismus dient.  – Und sie wissen, was sie tun.

Wer Täterschaft nicht offenlegt, wird zum geistigen Mittäter. Es ist traurig, welch verschwurbelten Politikstil Deutschland mittlerweile zelebriert. Das wird für die Zukunft unseres Landes nicht ohne Folgen bleiben. Nicht nur, was der Mensch, sondern auch, was ein Staat sät, wird er ernten.

Schade, dass es eine Hildegard von Bingen nicht mehr gibt,

die trotz ihres ursprünglich freundschaftlichen Verhältnisses zu Friedrich Barbarossa ihm gegenüber immer schärfere Töne wegen dessen papstfeindlicher Haltung anschlug.

Immer wieder konfrontierte sie die Großen der Politik und Kirche mit deren Verfehlungen. Im Streit zwischen Papsttum und Kaisertum, in dem die deutschen Bischöfe gegen Papst Hadrian IV. und später Alexander III. Stellung bezogen hatten, tadelte sie mehrfach den hohen Klerus und, wie erwähnt, selbst den Kaiser. Auch der Papst musste es sich gefallen lassen, von ihr zu hören, dass er der Gerechtigkeit zu dienen habe.

Vielleicht würde sie heute fordern, dass ein George Bush – mit einem Normalbürger hätte man das schon längst getan – wegen Mordes und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt wird, angeklagt im Gefolge jener Schandtat, den Irak-Krieg mittels bewusst gefälschter Dokumente  auf den Weg gebracht zu haben mit den schrecklichen Konsequenzen, die wir bis heute erleben und die uns – das sind nun einmal die Ergebnisse solchen Tuns – in den teuflischen Ungeheuern des IS entgegentreten und in den nach Geheimdienstinformationen mittlerweile 400 IS-Soldaten, die europaweit unterwegs sein sollen, um diesen Kontinent ins Herz zu treffen .

Warum dürfen sich Politiker erlauben, was Bürger nicht dürfen? Zahlt Bush für ein einziges Terroropfer? Hat er nicht vor allem seiner Familie, die dick in obskuren Geschäften steckt, diesbezügliche Quellen im Irak sichern wollen („der Irak ist zum Tummelplatz des internationalen Terrorismus geworden, nachdem George Bush die Freiheit dorthin brachte.“)?

Hildegard wusste um ihren Auftrag Posaune Gottes zu sein: Tu kund die Wunder, die du erfährst. Schreibe sie auf und sprich!

Sie scheute keine strapaziöse Reise – obwohl sie von Kindheit an eine schwächliche Konstitution hatte – und reiste nach Mainz, Würzburg, Bamberg, Wertheim, Kitzingen, in den Steigerwald und in den Hunsrück, nach Trier, nach Metz, nach Zabern, nach Alzey, nach Maulbronn, Zwiefalten, Hirsau, Andernach und Koblenz, um Äbtissinnen und Äbte, wenn in deren Klöstern einiges aus dem Ruder lief, gemäß ihres inneren Auftrags Verweise zu erteilen. Wiederholt predigte sie auf ihren Reisen öffentlich, auch in den großen Domen, so in Köln, wo sie ihre wohl berühmteste Predigt hielt.

Bekanntlich schrieb sie auch das erste systematische Werk über Naturheilkunde, gründete zwei Klöster und führte sie auf eine Weise, dass sie, so schreibt Rosa Termolen in ihrer lesenswerten Einleitung zu Scivias (Wisse die Wege) „weithin als Mustergüter galten“. Sie dichtete und komponierte und gerade in den letzten Jahrzehnten wurden immer wieder Tonträger mit ihren Liedern und Gesängen veröffentlicht.

Als Papst Eugen III. im Dom zu Trier Teile ihres Buches Scivias den an der Synode zu Trier teilnehmenden Klerikern vorliest, zu denen auch Bernhard von Clairvaux gehörte, ist er so beeindruckt, dass er sie auffordert, weiterhin alles niederzuschreiben, was der Heilige Geist ihr mitteilt.

Das hindert den Klerus von Mainz nicht, gegen Hildegard vorzugehen, weil sie sich der Forderung widersetzt, einen Adligen zu exhumieren, dem die Exkommunikation drohte und der in ihrem Kloster begraben worden war, nachdem er die Sterbesakramente erhalten hatte, und die Leiche aus dem Friedhof zu entfernen. Hildegard verweist darauf, dass er im Frieden mit der Kirche gestorben sei. Über das Kloster jedoch wird das Interdikt verhängt, eine kaum überbietbare Strafe, beinhaltet sie doch das Verbot aller gottesdienstlicher Handlungen. Hildegard wendet sich zwar erfolgreich an den Erzbischof von Mainz, aber die Anstrengungen mögen für sie zu groß gewesen sein. Sie stirbt mit 81 Jahren.

Gehorsam bedeutet zu wissen, zu wem man gehört!

Beeindruckend in ihrem letzten Buch Liber divinorum operum, dem Buch vom Wirken Gottes, an dem sie, wie schon am Liber Scivias über 10 Jahre geschrieben hatte, sind ihre Ausführungen zur biblischen Schöpfungsgeschichte. Ihre Worte lassen deutlich werden, dass für die ihr übermittelte Sicht die Schöpfungsgeschichte nicht abgeschlossen ist, sondern diese sich zugleich auf den Menschen bezieht, der sich also mitten im Schöpfungsvorgang, im Vorgang der Entwicklung hin zu vollkommener Tugendhaftigkeit befindet. Hildegard vermittelt, dass die Schöpfungsgeschichte keinen abgeschlossenen Vorgang darstellt, sondern der Mensch sein Werden hin zu wahrem Menschsein erst zu vollenden hat.

Im Rahmen der vorausgehenden Schöpfungs-Weltentage sind die Entwicklungsschritte klar erkennbar und viele Textstellen gewinnen im Rahmen dieser gewaltigen kosmischen Theologie Hildegards eine Dimension des wie oben, so unten (Hermes Trismegistos), des wie im Himmel, so auf Erden.

Kein Zufall, dass Hildegard dem 6. Schöpfungstag die Tugend des Gehorsams zuordnet.

Gehorsam ist so wertvoll wie nie, denn nur wer gehorsam ist, weiß – das beinhaltet übrigens auch die etymologische Urheberschaft des Wortes -, wohin er gehört.

Hildegards inspirierte Worte machen die Verantwortung deutlich, die wir als Menschen uns selbst gegenüber und dem Gesamtgeschehen haben. Die Offenbarung des Johannes, in der ja ebenfalls immer wieder die Siebenzahl eine so große Rolle spielt und die sich zum Teil auch auf ebensolche Zeiträume bezieht, wie das für die Schöpfungsgeschichte, ihre Weltentage also gilt, macht deutlich, dass es nicht folgenlos ist, mal geschwind ein oder mehrere Leben lang wider bessere Erkenntnismöglichkeit die eigene Entwicklung zu blockieren.

Man kann das tun. – Gewiss nicht ohne Folgen. – Im Grunde aber ist man dann nicht einmal des elementarsten Bewusstseins, um menschliches Leben zu verstehen, mächtig.

Das wird gerade auf dem Hintergrund des Schöpfungsverständnisses von Hildegard deutlich, denn dieses Verständnis basiert von seinem ersten Tag an auf dem Bewusstsein von Himmel und Erde, dem Himmel, wie sie schreibt, als der lucida materia, dem Urzustand also, der mit göttlichem Licht durchtränkt ist, und der Erde, der turbulenta materia, dem Tohuwabohu (hebräisch tōhu wā-bōhu), dem verworrenen Urstoff.

Diese Erde also, die wüst und leer ist, wie Luther übersetzt, womit auch ihr Bewusstseinszustand charakterisiert ist und die Hildegard als eine große Leere bezeichnet, ist, so ihre Ausführungen zum ersten Schöpfungstag, die Nacht des Verderbens, die mit dem Teufel, dem Vater des Menschenmordes anbrach. – Auf den Sturz Luzifers und den ungezählter Engel, der dem großen Schöpfungsgeschehen vorausging, geht sie vorab ein.

Wenn jemand meint, himmellos existieren zu können, dann, wie gesagt, hat er nicht einmal das Wissen des ersten Schöpfungstages, mag er sich intellektuell noch so aufplustern und Turbulenzen politischer, intellektueller oder auch medialer Art erzeugen. Diese entsprechen seinem Bewusstseins-Niveau. Kein Wunder also, was wir tagtäglich politisch, intellektuell und medial erleben.

Hildegard von Bingen ist selten als Äbtissin bezeichnet worden, immer wieder aber u.a. als Lehrerin. Das ist sie: eine große Lehrerin auf vielen Gebieten.

Mechthild von Magdeburg schrieb in deutscher Sprache!

Hildegard hat Mechthild von Magdeburg, wenn auch nicht persönlich, gekannt. Wenn Roswitha von Gandersheim die erste deutsche Dichterin war, so ist Mechthild jene Mystikerin, die die erste geistlich-mystische Schrift verfasst hat.

Zu ihrer Zeit war die Landschaft der Bistümer von Halberstadt und Magdeburg übersät von Burgen. Auf einer dieser Burgen, vermutlich in der Nähe Magdeburgs, muss Mechthild 1207/1210 in eine ritterliche Burgmannenfamilie hineingeboren worden sein, zeigt doch ihr Werk immer wieder eine genauere Kenntnis der ritterlichen Welt und von höfischen Sitten und Gebräuchen; so nimmt es nicht Wunder, dass sie das geistliche Leben einem Ritterturnier in vollen Waffen vergleicht.

Mechthild lebte in einer Zeit, in der selbst der katholischen Kirche die Anzahl der Heiligen zu hoch wurde; es gab förmlich Heiligkeitswellen; noch dazu gab es zahlreiche fromme Frauen, die unter dem Namen der Beginen in die Geschichte eingingen. Die solchermaßen Bezeichneten gehörten keinem Orden an, lebten in Gemeinschaften, sogenannten Beginenhöfen zusammen und legten Wert auf ein Leben in der Nachfolge Christi. Oft verdingten sie sich, z.B. als Wollkämmerinnen oder für ähnliche Tätigkeiten, taten Werke der Nächstenliebe, ja, leiteten sogar Schulen wie in Antwerpen und Brüssel. Nicht wenige waren hochgebildet. Bisweilen allerdings wurden sie auch übel verleumdet und es wurde übelst mit ihnen umgegangen. So wurden sie Anfang des 14. Jahrhunderts im Rahmen der Toulouser Inquisition eingemauert oder verbrannt.

Mechthild selbst war über lange Zeit eine Begine.

Wir hätten Das fließende Licht der Gottheit, Mechthilds Werk, vielleicht nie kennengelernt, denn Demut und Bescheidenheit war einer der Wesenszüge vieler dieser Frauen und Mechthild hat 30 Jahre lang  ihre mystischen Erfahrungen verschwiegen. Wir verdanken es ihrem Beichtvater, dem Dominikaner Heinrich von Halle, dass sie sich dazu entschließen konnte, die Geschenke des fließenden Lichtes zu veröffentlichen. Sie zeichnen sich durch eine hohe dichterische Kraft aus und durch eine eindrucksvolle metaphorische Sprache. Immer wieder finden wir das Bild des Adlers, das des Berges oder es wird die mystische Gotteserfahrung im Bild des Taus erfasst. Besonders eindrucksvoll ist gewiss das des Brunnens, auch deshalb, weil Mechthild liebevoll von ihrem Gott als ihrem fließenden Brunnen spricht.

Doch nicht nur ihre Metaphorik, überhaupt die Breite der von ihr verwendeten dichterischen Mittel und unterschiedlichen Stilebenen machen ihr Buch für einen der Mystik Aufgeschlossenen und literarisch Interessierten zu einer eindrucksvollen Lektüre. Immer wieder wechseln Prosaabschnitte mit lyrischen Zeilen, oft voller Inbrunst und gereimt:.

Wird ein Mensch zu einer Stund
von wahrer Liebe gänzlich wund,
so wird er nie mehr recht gesund,
er küsse denn denselben Mund,
der seine Seele machte wund.

auch sentenzenhaft und ungereimt.

Die Seele ist grundlos im Verlangen,
brennend in der Liebe,
freundlich in der Anwesenheit,
ein Spiegel der Welt,
bescheiden in der Größe,
getreu in der Hilfe,
gesammelt in Gott.

oder in Prosa, hier aus dem VI. der sieben Büchern des Fließenden Lichtes:

(…) Wenn die Brüder oder Schwestern deines Konvents dir Ehre bieten, sollst du dich innerlich in scharfer Wachsamkeit deines Herzens fürchten und sollst dich äußerlich in vornehmer Zurückhaltung schämen. Alle Klagen sollst du barmherzig anhören und jeden Rat getreulich erteilen.
Wollen deine Brüder hoch hinausbauen, dann wende dieses in heiliger Weise um und sage: „Eia, vielliebe Brüder, wir wollen der heiligen Dreifaltigkeit einen wundervollen Palast in unserer Seele  mit dem Holze der Heiligen Schrift und mit den Steinen der edlen Tugenden erbauen.

Mechthild war sich wohl bewusst, worin die größte Gefahr für ihre zahlreichen Brüder und Schwestern besteht. Sie nennt die folgende Von allen Sünden die schlimmste (…) Der hochmütige Feind hat unwissende Menschen damit betrogen. Sie tun so heilig, dass sie vorgeben, sich in die ewige Gottheit zu erheben und bei der ewigen Menschheit unseres Herrn Jesus Christus zu sein. Wenn sie im Hochmut landen, verfallen sie dem ewigen Fluch. Sie wollen aber die Heiligsten sein und verhöhnen die Worte Gottes, die über die Menschheit unseres Herrn geschrieben sind.

Glauben kann unehrlich sein und Mechthild war sich bewusst, wie sehr es auch ein spirituelles Ego gibt, das sich manche, wenn nicht viele, zu nahezu Heiligen stilisieren lässt.

Wer so schonungslos offen und unbequem mahnend, wie das Mechthild – Hildegard ganz und gar vergleichbar – tut, sich immer wieder zu Wort meldet, Missstände innerhalb des Ordensklerus sehr deutlich anprangert und zudem dichterisch gekonnt zu schreiben vermag, erregt Aufsehen und hat, das lässt sich denken, Neider beiderlei Geschlechts. Verfolgung, Giftpfeile, Gemeinheiten und Bosheiten wie, dass man ihre Aufzeichnungen als Phantastereien verspottet, bleiben nicht aus.

Das mag sie veranlasst haben, sich – mittlerweile ist sie sechzig Jahre – den Schwestern des Zisterzienserklosters Helfta anzuschließen. Gewiss hat sie einen segensreichen Einfluss gehabt; die geistigen Einflüsse des Fließenden Lichtes der Gottheit sind bei der späterhin als Gertrud die Große bekannten Mitschwester wie auch bei Mechthild von Hakeborn deutlich bemerkbar.

Doch auch Mechthild selbst, die sich als ungelehrt und unwissend bezeichnete, mag Gewinn von einer Gemeinschaft von Frauen gehabt haben, die sehr bewusst sich Schriften von Augustinus, Hieronymus, Gregor von Nyssa, Bernhard von Clairvaux und anderen widmeten. Beeindruckend, wie sehr – im Übrigen für die damalige Zeit keineswegs ungewöhnlich – gerade Frauen auf Bildung Wert legten. Nicht von ungefähr war der Wahlspruch der Äbtissin Gertrud von Hakeborn: Wenn der Eifer für die Wissenschaft verlorengeht, so wird auch die Pflege der Wissenschaft aufhören.

In Helfta fügt Mechthild ihren bisherigen sechs Bücher des Fließenden Lichtes noch ein 7.  hinzu und stirbt, von ihren Schwestern und auch Außenstehenden, denen sie oft eine geschätzte Ratgeberin war, hoch verehrt, erblindet und hochbetagt. Über ihr Todesjahr besteht, ähnlich dem Geburtsjahr, Uneinigkeit (1282/1294).

Im ersten Teil meiner Ausführungen habe ich die Redewendung vom dunklen Mittelalter in ihrer Einseitigkeit in Abrede gestellt; natürlich aber ist es so, dass auch diese Zeit wie alle vor ihr und nach ihr viele dunkle Seiten hat; dazu muss man nicht einmal Band 6 und 7 von Karlheinz Deschners Kriminalgeschichte des Christentums studieren. Viel mehr als manchen unserer Zeitgenossen war den Frauen hier bewusst, wie dunkel die Erde und die Seelen der Menschen sein können. Doch mit einem Mut, der nicht aus Aggression, Neid oder Machtgelüste gespeist ist, sondern dessen Basis in Wahrheit Sanftmut ist, zogen sie gegen dieses Dunkel zu Feld. Ihnen wäre eine Art von Politik, die sich Diplomatie nennt und im Grunde mit dem Dunklen gemeine Sache macht, ein Dorn im Auge gewesen.

Mit 4 Jahren zur Ehe versprochen

Gern hätte ich mich der vierten von mir ausgewählten Frau, Elisabeth von Thüringen, ausführlicher noch gewidmet. In meiner den Filmtitel 4 Fäuste für ein Hallelujah glossierenden Überschrift, ist sie die vierte Frau, der ich viel Wertschätzung entgegenbringe.

Es war ja damals keineswegs ungewöhnlich, dass man sie mit ihrem späteren Gatten Ludwig von Thüringen, dem sie mit 14 Jahren vermählt wurde und drei Kinder gebar, ab dem vierten Lebensjahr aufwachsen ließ.

Ihre Leidenszeit beginnt mit 20 Jahren, als ihr geliebter Gatte auf dem fünften Kreuzzug, der unter Friedrich II. zustandekommt und dessentwegen er sich, um die Teilnahme an ihm finanzieren zu können, hoch verschulden musste, stirbt. Man wirft ihr vor, die Schätze der Wartburg an die Armen zu verschleudern.

Elisabeth, Landgräfin von Thüringen und über ihre Familie eng mit dem europäischen Hochadel verbunden, lebte, nachdem Heinrich Raspe IV., der jüngere Bruder ihres Mannes, der nach dessen Tod sein Nachfolger wird, sie für unzurechnungsfähig hielt und ihr die Verfügungsgewalt über ihren Besitz entzogen hatte, vom Geiste des Heiligen Franz von Assisi beseelt, eine Zeitlang in einem ehemaligen Schweinestall.

Über ihr Leben zu lesen, über ihr selbst im Rahmen der damals europaweiten Armutsbewegung ungewöhnlich menschlich-soziales Engagement und ihre so glaubwürdige Religiosität wird kaum jemanden unberührt lassen.

Nicht von ungefähr nimmt Richard Wagner in seiner Oper Tannhäuser Elisabeth als die Gestalt, nach der sich Tannhäuser, nachdem er bei der göttlichen Venus nicht die erhoffte Erfüllung seiner Träume hatte finden können, in einer neuen Weise zu lieben verzehrt.

Richard Wagner unterliegt hier keiner falschen Stilisierung; vielmehr weist er auf diese Weise, den Topos von der Heiligen und der Hure berührend, auf ein Kennzeichen der männlichen Seele hin.

Auch eine Elisabeth mag in sich Anteile gehabt haben, wie sie sich in Roswitha von Gandersheims Schaffen spiegeln. Was letztere in ihrem Drama Abraham gestaltet, sind ja Personen, Kräfte, Energien ihres eigenen Inneren. Maria als Hure ist auch ein Teil Roswithas, mit dem sich diese Frau auf diese Weise auseinandersetzt, so wie die weibliche Seite Tannhäusers eine Venus und eine Elisabeth ausmachen.

Die Frage nur, die sich gerade auf dem Hintergrund der Beschäftigung mit diesen Frauen stellt, ist, wie damit umgehen? Die lucida materia oder die turbulenta materia leben? Im Sinne der Sicht Hildegards auf den ersten Schöpfungstag also, Himmel oder Erde leben?

Nehmen wir das Firmamentum als, wie es übersetzt lautet, Stütze, als Stütze also des Himmels, zugleich Himmel und Erde auseinanderdividierend, weshalb es Hildegard so wichtig ist, in uns in Anspruch?

Kein Mensch kann nur den Himmel leben. Das wissen wir alle. Selbst ein großer König und Dichter wie David konnte und wollte einer Bathseba nicht widerstehen. Leonard Cohen hat das Geschehen, mit einem ganz privaten Timbre versehen, auf faszinierende Weise besungen.

Dennoch mutet es erschreckend an, wie bewusstlos sich zunehmend weite Teile der zivilisierten Menschheit ihren inneren Turbulenzen hingeben und sie im Außen veranstalten.

Mag niemand mehr so selbstlos leben, wie diese Frauen, von denen hier die Rede war?
Oder könnte es schlicht damit zusammenhängen, dass einer der gerissensten Verlogenheiten dieser Turbulenzen und unserer Zeit mit dem Wort selbstlos zusammenhängen?

(es folgt abschließend Teil III)

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