Warum gabst Du uns die tiefen Blicke? – Wenn Liebende sich aus einem anderen Leben kennen: Goethe und Frau von Stein.

Holzplastik auf dem „Pfad der Baumgiganten“ oberhalb von Bad Kissingen

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Aus einer anderen Welt muss ich dich kennen, 
lass uns in dieser Welt nie wieder trennen …
h
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Wenn ich solche Zeilen des unvergessenen Adamo höre, wie es gestern der Fall war, kommen mir wie von selbst der gute Goethe und seine Frau von Stein in den Sinn.
Über sie hat Goethe dem von ihm so geschätzten Christoph Martin Wieland geschrieben:

Ich kann mir die Bedeutsamkeit, die Macht, die diese Frau über mich hat, anders nicht erklären als durch die Seelenwanderung. – Ja, wir waren einst Mann und Weib! – Nun wissen wir von uns – verhüllt, in Geisterduft.
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Ihr hat er die Zeilen, die sich schon in ihren ersten Worten so unvergesslich machen, gewidmet, einer Frau, die ihrem Mann – er war Oberstallmeister in Weimar, sie eine unglaublich sensible, beherrschte, der Idee des Reinen zugetanen Frau – sieben Kinder gebar.

Was wollte sie in Goethe leben? Genoss sie vor allem seine Zuneigung, seine euphorisch sich auf sie zubewegende Liebe? Genoss sie Gefühle, die sie bei ihrem Mann schon immer vermisst hatte? Sieben Jahre älter war sie, aber war sie für Goethe dennoch eine Muttergestalt, weil sie sich in sexueller Hinsicht so rar, so uneinnehmbar machte? Viel ist über die beiden geschrieben worden. Was wirklich stimmt, wissen wir nur andeutungsweise. Goethe hat sich immer wieder in der Annäherung an das scheinbar Unerreichbare geübt.
Am 14. April 1776 schickt der 27-Jährige ihr ein sein Inneres schonungslos preisgebendes Gedicht, das erst 16 Jahre nach seinem Tod veröffentlicht wurde – dadurch ist es wie ein Vermächtnis.
Goethe fragt – vermittelt durch das anaphorische Warum – auf eindringliche Weise fast flehend das Schicksal um eine Antwort bittend, wissend, dass er sie von dort nicht erhält:
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Warum gabst du uns die tiefen Blicke, 
Unsre Zukunft ahndungsvoll zu schaun, 
Unsrer Liebe, unserm Erdenglücke 
Wähnend selig nimmer hinzutraun? 
Warum gabst uns, Schicksal, die Gefühle, 
Uns einander in das Herz zu sehn, 
Um durch all die seltenen Gewühle 
Unser wahr Verhältnis auszuspähn?
k
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Goethe ist voller Fragen, wissend um die Gewissheit seines Herzens, ja, ihrer beider Herzen, sprachlich sich manifestierend in dem wiederholten Possessivpronomen unser und dem Personalpronomen uns.
Zudem ist es von dem Weimarer Meister des Dichtens kunstvoll gestaltet, wie sehr die Versanfänge sich auf sie beide ausrichten, nur ebenfalls zwei Laute finden sich, w und u. Es mag kein Zufall sein, dass diese Ausrichtung wie Zufall aussieht. Goethe wusste um die Tatsache, dass Zufall bedeutet, dass uns etwas zu-fällt, geschickt vom Schick-sal, das unser Höheres Bewusstsein, wenn es gutgeht, gestaltet.
Und doch deutet sich eine leise Resignation an. Ihm fehlt die Erfüllung, die sie nicht zulässt, nicht einmal ein Du im Umgang miteinander lässt sie zu.
Umso bitterer ist das, als er weiß:
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Kanntest jeden Zug in meinem Wesen, 
Spähtest, wie die reinste Nerve klingt, 
Konntest mich mit einem Blicke lesen, 
Den so schwer ein sterblich Aug´ durchdringt; 
Tropftest Mäßigung dem heißen Blute, 
Richtetest den wilden irren Lauf, 
Und in deinen Engelsarmen ruhte 
Die zerstörte Brust sich wieder auf; 
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Hieltest zauberleicht ihn angebunden 
Und vergaukeltest ihm manchen Tag. 
Welche Seligkeit glich jenen Wonnestunden, 
Da er dankbar dir zu Füßen lag, 
Fühlt´ sein Herz an deinem Herzen schwellen, 
Fühlte sich in deinem Auge gut, 
Alle seine Sinne sich erhellen 
und beruhigen sein brausend Blut!
w
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Goethe hätte diese Beruhigung nicht gewollt, auch das nicht, was er als vergaukeln, leicht beschönigt klingend, versteckt.
Da liest sich kein Vorwurf hinein, aber es deutet sich an, warum Goethe nach seiner italienischen Reise so deutlich Abstand von Frau von Stein nehmen wird, ein Abstand, den sie ihm nie so recht verzeihen konnte.
Seine Worte lassen deutlich werden, wie emotional intensiv die Beziehung für ihn war. Er spicht von Seligkeit, von Wonne, mit einem Polyptoton – Herz an Herz – intensiviert er noch den wiederholten Hinweis auf seine Gefühle, sein heißes Blut, seinen irren Lauf. Fühlte er, dass sie es war, die Ordnung in sein Leben brachte, die doch auch für ihn in gewisser Weise in dieser Zeit unverzichtbar war?
Wenige nur vermögen ihn, diesen Goethe zu lesen, sie konnte es! So schreibt er es an Sie.
Goethe wird hier lernen, dass Sehnsucht eine Sucht ist und bleibt und dass sie auf Dauer keiner Seele gut tut. Dazu war Goethe viel zu gesund, als dass er sich verzehren wollte in Nicht-Erfüllung. In seiner Marienbader Elegie, in der er auch Verzicht üben muss, wird er am Ende seines Lebens jedoch wissen, was es mit der Liebe und dem Fromm-Sein auf sich hat, auch wenn Verzicht immer schwer fällt. 
Ich glaube, weder in Frau von Stein noch in seiner Frau Christiane Vulpius hat Goethe die ihm von Urbeginn an zugehörige Seele gefunden, aber Seelen, die ihm in diesem Leben so hilfreich waren. Auch deshalb ist er auf der Leiter des Bewusstseins zu wahrer Liebe unendlich hoch gestiegen.
Er wusste um das Ewig-Weibliche.
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Zum Abschluss noch einmal das Gedicht, im Ganzen zu lesen:
:
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 Warum gabst du uns die tiefen Blicke …
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Warum gabst du uns die tiefen Blicke,
Unsre Zukunft ahnungsvoll zu schaun,
Unsrer Liebe, unserm Erdenglücke
Wähnend selig nimmer hinzutraun?
Warum gabst uns, Schicksal, die Gefühle,
Uns einander in das Herz zu sehn,
Um durch all die seltenen Gewühle
Unser wahr Verhältnis auszuspähn?

Ach, so viele tausend Menschen kennen,
Dumpf sich treibend, kaum ihr eigen Herz,
Schweben zwecklos hin und her und rennen
Hoffnungslos in unversehnem Schmerz;
Jauchzen wieder, wenn der schnellen Freuden
Unerwart’te Morgenröte tagt.
Nur uns armen liebevollen beiden
Ist das wechselseit’ge Glück versagt,
Uns zu lieben, ohn uns zu verstehen,
In dem andern sehn, was er nie war,
Immer frisch auf Traumglück auszugehen
Und zu schwanken auch in Traumgefahr.

Glücklich, den ein leerer Traum beschäftigt!
Glücklich, dem die Ahnung eitel wär!
Jede Gegenwart und jeder Blick bekräftigt
Traum und Ahnung leider uns noch mehr.
Sag, was will das Schicksal uns bereiten?
Sag, wie band es uns so rein genau?
Ach du warst in abgelebten Zeiten
Meine Schwester oder meine Frau.

Kanntest jeden Zug in meinem Wesen,
Spähtest, wie die reinste Nerve klingt,
Konntest mich mit einem Blicke lesen,
Den so schwer ein sterblich Aug durchdringt;
Tropftest Mäßigung dem heißen Blute,
Richtetest den wilden, irren Lauf,
Und in deinen Engelsarmen ruhte
Die zerstörte Brust sich wieder auf;

Hieltest zauberleicht ihn angebunden
Und vergaukeltest ihm manchen Tag.
Welche Seligkeit glich jenen Wonnestunden,
Da er dankbar dir zu Füßen lag,
Fühlt‘ sein Herz an deinem Herzen schwellen,
Fühlte sich in deinem Auge gut,
Alle seine Sinnen sich erhellen
Und beruhigen sein brausend Blut!

Und von allem dem schwebt ein Erinnern
Nur noch um das ungewisse Herz,
Fühlt die alte Wahrheit ewig gleich im Innern,
Und der neue Zustand wird ihm Schmerz.
Und wir scheinen uns nur halb beseelet,
Dämmernd ist um uns der hellste Tag.
Glücklich, dass das Schicksal, das uns quälet,
Uns doch nicht verändern mag!

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Die Skulpturen habe ich auf dem Pfad der Baumgiganten oberhalb von Bad Kissingen aufgenommen. Sobald ich den Künstler erkundet habe, trage ich ihn hier nach.
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