Mit Flammenschrift ins treue Herz geschrieben – Goethes Marienbader Elegie: fromm sein durch Liebe!

Wie kaum ein anderes Werk hat Goethe seine Marienbader Elegie geliebt. Nur wenige enthalten so viel Goethe, so viel seiner tiefsten Überzeugung, die ja zugleich zutiefst religiös war. Wenn irgendwo die Aussage C.G. Jungs – anima naturaliter religiosa, dass also die Seele von Natur aus religiös sei – zutrifft, dann bei dem großen Alten aus Weimar. Für mich war und ist er die Inkarnation der religiösen Seele schlechthin. Immer lebendiger wird er in mir.

Seinem Freund Zelter, der ihn besuchte und um den Zustand Goethes wusste – Goethe litt unter den Nachwehen dieser Marienbader Liebe sehr, der Schluss des Gedichtes ist keineswegs übertrieben -, las er seine ELEGIE mehrfach vor; er hatte sie selbst sorgfältigst ins Reine geschrieben, eingebunden in rotes Maroquin-Papier und später versehen mit einem Einband, auf dem stand: Elegie, Marienbad 1823.

Nur jenes Werk, an dem er nahezu 60 Jahre arbeitete, sein Faust, erfuhr eine vergleichbare Ehre, wie ein Testament behandelt zu werden. In der Tat ist die ELEGIE ein Vermächtnis; es sollte allen Heranwachsenden in der Schule vermittelt werden, weil heute so wenig Bewusstsein über den Wert wahrer Liebe besteht. Inmitten der Marienbader Elegie finden wir ein wahres geistiges Juwel. Dazu am Schluss mehr.

Ihre Entstehung könnte fast tragikkomische Züge haben; manchem mag es scheinen, als ob sich der 72-jährige Goethe, als er sich in die 17-jährige Ulrike von Levetzow verliebte, fast oder wirklich lächerlich gemacht habe. Doch der große Weimarer hat immer mit allen Fasern seines Herzens geliebt, ob mit 18 oder mit 72 Jahren. Liebe nahm er immer ernst, auch damals. Er ließ sich ärztlich untersuchen, sein Großherzog sagte der Schwiegermutter in spe eine Stellung bei Hof und der Familie eine Pension zu; noch dazu sollte der Landesfürst Brautwerber für Goethe sein und schlussendlich schrieb der Dichterfürst einen Brief an die Mutter Ulrikes, der jene allerdings doch sehr verstörte. Kein Wunder, dass es ihr ratsam erschien, mit ihren beiden Töchtern recht überhastet Marienbad Richtung Karlsbad zu verlassen. Doch Goethe, nicht faul, reiste hinterher.

Als er einsah, dass sein Streben und Sehnen keine Erfüllung finden konnte, setzte er sich in die Kutsche nach Weimar, und von Station zu Station entstanden jene Strophen, die Ausdruck einer übergroßen Leidenschaft und Liebe bis heute sind.

Zu Beginn noch kommt sich der Liebende wie im Paradies vor, ja, er ist es; er steht vor der Pforte der Geliebten, die für ihn dem Himmelstor gleichkommt, schließlich vor ihr selbst. Doch bald schon trennt sie der letzte Kuss. Wie bei Adam und Eva findet sich von da an ein Cherub vor dem Paradies. Im Herzen jedoch bleibt die paradiesische Flamme der Liebe erhalten. Und dieses Herz findet zu jenen unvergessenen Worten über die Liebe, die nahezu einzigartig in deutscher Sprache sind.

Vor allem die Strophen 13 und 14 seien wirklich mit Flammenschrift allen Liebenden ins Herz geschrieben.

ELEGIE

Und wenn der Mensch in seiner Qual verstummt,
Gab mir ein Gott zu sagen, was ich leide.
 (aus Torquato Tasso) 

1

Was soll ich nun vom Wiedersehen hoffen,

Von dieses Tages noch geschlossner Blüte?

Das Paradies, die Hölle steht dir offen;

Wie wankelsinnig regt sich´s im Gemüte! –

Kein Zweifeln mehr! Sie tritt ans Himmelstor,

Zu ihren Armen hebt sie dich empor.

2

So warst du denn im Paradies empfangen,

Als wärst du wert des ewig schönen Lebens;

Dir blieb kein Wunsch, kein Hoffen, kein Verlangen,

Hier war das Ziel des innigsten Bestrebens,

Und in dem Anschaun dieses einzig Schönen

Versiegte gleich der Quell sehnsüchtiger Tränen.

3

Wie regte nicht der Tag die raschen Flügel,

Schien die Minuten vor sich her zu treiben!

Der Abendkuss, ein treu verbindlich Siegel:

So wird es auch der nächsten Sonne bleiben.

Die Stunden glichen sich in zartem Wandern

Wie Schwestern zwar, doch keine ganz den andern.

4

Der Kuss, der letzte, grausam süß, zerschneidend

Ein herrliches Geflecht verschlungner Minnen.

Nun eilt, nun stockt der Fuß, die Schwelle meidend,

Als trieb ein Cherub flammend ihn von hinnen;

Das Auge starrt auf düstrem Pfad verdrossen,

Es blickt zurück, die Pforte steht verschlossen.

5

Und nun verschlossen in sich selbst, als hätte

Dies Herz sich nie geöffnet, selige Stunden

Mit jedem Stern des Himmels um die Wette

An ihrer Seite leuchtend nicht empfunden;

Und Missmut, Reue, Vorwurf, Sorgenschwere

Belasten´s nun in schwüler Atmosphäre.

6

Ist denn die Welt nicht übrig? Felsenwände,

Sind sie nicht mehr gekrönt von heiligen Schatten?

Die Ernte, reift sie nicht? Ein grün Gelände,

Zieht sich´s nicht hin am Fluss durch Busch und Matten?

Und wölbt sich nicht das überweltlich Große,

Gestaltenreiche, bald Gestaltenlose?

7

Wie leicht und zierlich, klar und zart gewoben

Schwebt, seraphgleich, aus ernster Wolken Chor,

Als glich es ihr, am blauen Äther droben

Ein schlank Gebild aus lichtem Duft empor;

So sahst du sie in frohem Tanze walten,

Die lieblichste der lieblichsten Gestalten.

8

Doch nur Momente darfst dich unterwinden,

Ein Luftgebild statt ihrer festzuhalten;

Ins Herz zurück, dort wirst du´s besser finden,

Dort regt sie sich in wechselnden Gestalten;

Zu vielen bildet Eine sich hinüber,

So tausendfach und immer, immer lieber.

9

Wie zum Empfang sie an den Pforten weilte

Und mich von dannauf stufenweis beglückte;

Selbst nach dem letzten Kuss mich noch ereilte,

Den letztesten mir auf die Lippen drückte:

So klar beweglich bleibt das Bild der Lieben,

Mit Flammenschrift ins treue Herz geschrieben.

10

Ins Herz, das fest wie zinnenhohe Mauer

Sich ihr bewahrt und sie in sich bewahret,

Für sie sich freut an seiner eignen Dauer,

Nur weiß von sich, wenn sie sich offenbaret,

Sich freier fühlt in so geliebten Schranken

Und nur noch schlägt, für alles ihr zu danken.

11

War Fähigkeit zu lieben, war Bedürfen

Von Gegenliebe weggelöscht, verschwunden,

Ist Hoffnungslust zu freudigen Entwürfen,

Entschlüssen, rascher Tat sogleich gefunden!

Wenn Liebe je den Liebenden begeistet,

Ward es an mir aufs lieblichste geleistet;

12

Und zwar durch sie!- Wie lag ein innres Bangen

Auf Geist und Körper, unwillkommner Schwere:

Von Schauerbildern rings der Blick umfangen

Im wüsten Raum beklommner Herzensleere;

Nun dämmert Hoffnung von bekannter Schwelle,

Sie selbst erscheint in milder Sonnenhelle.

13

Dem Frieden Gottes, welcher euch hinieden

Mehr als Vernunft beseliget – wir lesen´s -,

Vergleich´ ich wohl der Liebe heitern Frieden

In Gegenwart des allgeliebten Wesens;

Da ruht das Herz, und nichts vermag zu stören

Den tiefsten Sinn, den Sinn, ihr zu gehören.

14

In unsers Busens Reine wogt ein Streben,

Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten

Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben,

Enträtselnd sich den ewig Ungenannten;

Wir heißen´s: fromm sein! – Solcher seligen Höhe

Fühl ich mich teilhaft, wenn ich vor ihr stehe.

15

Vor ihrem Blick, wie vor der Sonne Walten,

Vor ihrem Atem, wie vor Frühlingslüften,

Zerschmilzt, so längst sich eisig starr gehalten,

Der Selbstsinn tief in winterlichen Grüften;

Kein Eigennutz, kein Eigenwille dauert,

Vor ihrem Kommen sind sie weggeschauert.

16

Es ist, als wenn sie sagte: „Stund um Stunde

Wird uns das Leben freundlich dargeboten,

Das Gestrige ließ uns geringe Kunde,

Das Morgende, zu wissen ist´s verboten;

Und wenn ich je mich vor dem Abend scheute,

Die Sonne sank und sah noch, was mich freute.

17

Drum tu wie ich und schaue, froh-verständig,

Dem Augenblick ins Auge! Kein Verschieben!

Begegn´ ihm schnell, wohlwollend wie lebendig,

Im Handeln sei´s zur Freude, sei´s dem Lieben.

Nur wo du bist, sei alles, immer kindlich,

So bist du alles, bist unüberwindlich.“

18

Du hast gut reden, dacht ich, zum Geleite

Gab dir ein Gott die Gunst des Augenblickes,

Und jeder fühlt an deiner holden Seite

Sich augenblicks den Günstling des Geschickes;

Mich schreckt der Wink, von dir mich zu entfernen –

Was hilft es mir, so hohe Weisheit lernen!

19

Nun bin ich fern! Der jetzigen Minute,

Was ziemt denn der? Ich wüsst es nicht zu sagen;

Sie bietet mir zum Schönen manches Gute,

Das lastet nur, ich muss mich ihm entschlagen;

Mich treibt umher ein unbezwinglich Sehnen,

Da bleibt kein Rat als grenzenlose Tränen.

20

So quellt denn fort und fließet unaufhaltsam!

Doch nie geläng´s, die innre Glut zu dämpfen!

Schon rast´s und reißt in meiner Brust gewaltsam,

Wo Tod und Leben grausend sich bekämpfen.

Wohl Kräuter gäb´s, des Körpers Qual zu stillen;

Allein dem Geist fehlt´s am Entschluss und Willen,

21

Fehlt´s am Begriff: wie sollt er sie vermissen?

Er wiederholt ihr Bild zu tausendmalen.

Das zaudert bald, bald wird es weggerissen,

Undeutlich jetzt, und jetzt im reinsten Strahlen;

Wie könnte dies geringstem Troste frommen,

Die Ebb und Flut, das Gehen wie das Kommen?

22

Verlasst mich hier, getreue Weggenossen!

Lasst mich allein am Fels, in Moor und Moos;

Nur immer zu! Euch ist die Welt erschlossen,

Die Erde weit, der Himmel hehr und groß;

Betrachtet, forscht, die Einzelheiten sammelt,

Naturgeheimnis werde nachgestammelt.

23

Mir ist das All, ich bin mir selbst verloren,

Der ich noch erst den Göttern Liebling war;

Sie prüften mich, verliehen mir Pandoren,

So reich an Gütern, reicher an Gefahr;

Sie drängten mich zum gabeseligen Munde,

Sie trennen mich – und richten mich zu Grunde.

.

Zunächst nach Jena zurückgekehrt stürzte sich Goethe in Arbeit, um seinen Schmerz zu verarbeiten. Goethes Tränen sind grenzenlos, und doch waren sie bei ihm auch immer ein Zeichen der Verwandlung, ja Verjüngung. So jung wie in der Mitte dieses Gedichtes ist er selten:

.

In unsers Busens Reine wogt ein Streben,

Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten

Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben,

Enträtselnd sich den ewig Ungenannten;

Wir heißen´s: fromm sein! – Solcher seligen Höhe

Fühl ich mich teilhaft, wenn ich vor ihr stehe.

In der Liebe vereinigt sich das Göttliche mit dem Menschlichen.

Die Hochzeit von Himmel und Erde, von Gott und Mensch, ist wahre Frömmigkeit, ist wahre Liebe.

Diese Gewissheit dürfen all die aus diesem Gedicht mitnehmen, die angesichts der Ausuferungen einer sexualisierten Gesellschaft sich unsicher geworden sind und eine Orientierungshilfe brauchen.

Liebe ist mehr als ein genitaler Akt, ist keine Sache nur von Testosteron und Östrogen.

Liebe ist Hinwendung zu Höherem, Reinen, zum ewig  Ungenannten. So heilig ist sie. Ob körperlich oder geistig.

Wenn beides nur Hand in Hand geht.

Zu dieser Thematik, siehe auch den Post
Wenn Sterne Wellen der Liebe lenken:
Über Friedrich Hebbels „Das Heiligste“
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