Dem Weiblichen auf der Spur: Wenn Männer fragen. – Hans Magnus Enzensbergers “befragung zur mitternacht”

Nicht, dass es nur für Männer gälte, das Weibliche, ihre weibliche Seite also in sich zu entdecken. Auch manche Frauen gehen auf die innere Suche nach ihr und manche mögen das so nötig haben wie Männer.

Doch wenn Letztere das angehen, zumal so ehrlich und mit offenem Ausgang und der Bereitschaft, diesen wie auch immer hinzunehmen, wie das Hans Magnus Enzensberger in seinem Gedicht tut, dann ist es etwas Besonderes.

Und wenn das mit einer solchen lyrischen Qualität geschieht wie bei dem folgenden Poem des gebürtigen Kaufbeureners – eines Durch-und-Durch-Intellektuellen (was sich auf dem Hintergrund dieses Gedichtes in ganz positivem Sinne nicht aufrecht erhalten lässt) -, dann erregt es doch Aufsehen, meines jedenfalls – und meine Bewunderung:

.

befragung zur mitternacht

wo, die meine hand hält, gefährtin,
verweilst du, durch welche gewölbe
geht, wenn in den türmen die glocken
träumen, dass sie zerbrochen sind,
dein herz?

wo, welchen kahlschlag durcheilst du,
die ich berühre wangenzart, welch ein
betäubendes nachtkraut streift dich,
träumerin, welch eine furt benetzt
deinen fuß?

wo, wenn der hohle himmel graut, liebste,
rauschst du durch traumschilf, streichelst
türen und grüfte, mit wessen boten
tauscht küsse, der leise bebt,
dein mund?

wo ist die flöte, der du dein ohr neigst,
wo das geheul das lautlos dein haar
bauscht, und ich liege wie ein gelähmter
und horch und wach und wohin
dein gefieder?

wo, in was für wälder verstrickt dich,
die meine hand hält, gefährtin,
dein traum?

.

Liebenden wird alles zur Liebe, lebendig. Und oft finden wir in der Liebeslyrik deshalb Personifikationen, dass also Dinge menschliche Eigenschaften zeigen: Da singen Sterne, da träumen Glocken, da bauscht Geheul Haar; oder wir finden auch Synästhesien, weil mehrere Sinne angesprochen werden, angesprochen sind; nur mit allen Sinnen, indem ich höre, spüre, sehe, rieche, schmecke, ist Liebe zu erfassen.

Liebe ist voller Sinn, voller Sinne, voller Sinnen.

So ist es auch hier; das lyrische Ich spürt die Hand der Gefährtin, es hört in die Nacht hinein, es muss auch die Flöte hören und den Himmel grauen sehen – könnte es sonst nach allem fragen?

Und auch sie nimmt wahr, sieht, hört, wird berührt; er weiß darum.

Dennoch scheint es kein typisches Liebesgedicht, denn von seiner Liebe ist nur in Andeutungen die Rede, auffallender sind die Küsse, die sie mit einem Boten tauscht, wobei sogar ihr Mund bebt, jedoch weiß das lyrische Ich nicht einmal, wessen Bote das ist.

Gewiss, das lyrische Ich nennt die Gefährtin auch Liebste, gewiss, es spricht von ihrem Herzen, aber dies ist eben ja nicht bei ihm, es ist unterwegs durch Gewölbe, die das lyrische Ich nicht kennt – nie hat man den Eindruck, es könne sie finden, auch wenn es von Kahlschlägen und Traumschilf weiß, in denen sie sich befindet, doch: Wo, wo sind diese Orte? Wo ist die Gefährtin?

Und ist nicht wirkungsvoll alliterativ ausgerechnet von hohlem himmel die Rede, wenn er sie als Liebste anspricht?

Verunsicherung auf allen Ebenen.

Unwillkürlich denke ich an Ingeborg Bachmanns einzigartiges Gedicht Erklär mir, Liebe, in welchem die erste Strophe lautet:

Dein Hut lüftet sich leis, grüßt, schwebt im Wind,
dein unbedeckter Kopf hat´s Wolken angetan,
dein Herz hat anderswo zu tun,
dein Mund verleibt sich neue Sprachen ein,
das Zittergras im Land nimmt überhand,
Sternblumen bläst der Sommer an und aus,
von Flocken blind erhebst du dein Gesicht,
du lachst und weinst und gehst an dir zugrund,
was soll dir noch geschehen –

Und doch – wieder zurück zum Gedicht Enzensbergers – ist Liebe da, denn eine solche Verunsicherung kann nur sein, kann man nur aushalten … aus Liebe. Und immerhin berührt er sie – gehen wir davon aus, dass es ein Mann ist – wangenzart. Ja, dieser Neologismus, diese Wortschöpfung vermittelt ein besonders zärtlich-liebendes Gefühl, und es sind eben auch Wortneuschöpfungen, die oft notwendig sind, um etwas zum Ausdruck zu bringen, was der Duden bisher nicht erfasst. Wir treffen auch auf so ungewöhnliche Worte wie Nachtkraut und Traumschilf und auf Geschehnisse wie, dass ein Geheul das Haar der Gefährtin bauscht – und das geschieht lautlos … wie seltsam …

Was nimmt da das lyrische Ich auf vielen Ebenen alles wahr?! Wahr-Nehmungen, die in normalen Zuständen Sterblichen entgehen, nicht zur Verfügung stehen. Sieht er sie oder vielleicht fühlt er auch

  • dass sie Kahlschläge durcheilt,
  • ihr Herz durch Gewölbe geht,
  • sie von einem Nachtkraut gestreift und
  • von einer Furt benetzt wird,
  • dass sie durch Traumschilf rauscht,
  • Türen und Grüfte streichelt (meine Güte, sie streichelt Grüfte – nicht ihn!),
  • ihr bebender Mund Küsse mit einem Boten austauscht (muss ihn das nicht schmerzen?),
  • dass sie ihr Ohr einer Flöte zuneigt,
  • sie ihr Traum in Wälder verstrickt (ob er sich aufmachen sollte, sie zu befreien?)

Was für eine Wahrnehmung hat dieser Mann? – Ganz und gar ungewöhnlich und ich glaube, viele Frauen würden sich freuen, einen Mann an ihrer Seite zu wissen, um Mitternacht an ihrer Seite zu spüren, der all das empfinden kann.

Er hält ihre Hand … und doch, wo ist sie?

Wie oft intoniert er dieses Fragewort „wo?“

Glaubt man nicht gegen Ende des Gedichtes schon Verzweiflung zu spüren?

Zweimal formuliert dies das lyrische Ich, dass seine Hand sie halte, zweimal, am Anfang und am Schluss. Ist das beschwörend, dass er sie noch spüre, dass sie das doch bitte wahrnehme? Vielleicht ist es doch Verzweiflung?

Oder ist es vielmehr so, dass das nur Liebe, wirkliche Liebe ermöglicht, dass man der Geliebten – ich sage Geliebte und nicht Gefährtin – die Hand hält, sie immerzu hält, obwohl man nicht weiß, wo sie ist?

Unglaublich, welches Bild einer Frau das lyrische Ich malt. Welche Faszination zum Ausdruck kommt. Was er in seinen Gedanken und Gefühlen zulässt … was er ihr zutraut … was er ihr gönnt … trotz aller Verunsicherung.

Und sie! Sie ist faszinierend, auf vielen Wegen unterwegs, im Schilf, in Wäldern, in Gewölben, in Grüften. Sie steigt in Tiefen und sie scheint auch fliegen zu können, ist doch von ihrem Gefieder die Rede.

Sie verweilt, sie eilt, tauscht Küsse, rauscht, bebt, sie streichelt, neigt sich, verstrickt sich …

Bleibt da für den Mann nur Lähmumg?

Wir wissen nicht, was sein Morgen bringt. Die Gefährtin ist auf großer Fahrt … und er liegt – fast möchte man den Eindruck haben – unfähig, unterwegs zu sein …

Das ist kein Orpheus, der hinabsteigt in Todesgrüfte, kein Odysseus, der mutiger wird, je größer die Gefahr ist, nein, eher ein Lazarus, einer, der in ihren Traum hinein aufstehen, auferstehen möchte zu seiner Gefährtin hin …

Da ist eine Frau, seine Gefährtin, seine Liebste, die Dinge erlebt, von denen er nur träumen kann.

Doch wir erfahren: Sie träumt alles ja tatsächlich. Alles ist ja nur ein Traum von ihr.

Warum nur müssen ihn ihre Träume lähmen?

Offensichtlich sind Träume für ihn mehr als Schäume und offensichtlich ist er sich dessen bewusst, dass man die Liebste auch in und an Träume verlieren kann.

Selbst in ihren Träumen möchte er doch so gerne bei ihr sein!

Enzensberger eröffnet hier keine Scheinwelt. Es ist eine Welt gefühlter Liebe, einer Liebe unterwegs; deshalb ist sie Gefährtin, auf Fahrt; beide sind sich Gefährten, beide sind auf großer Fahrt, auch er; fragend, suchend,

Und er berührt ihre Wange, hält ihre Hand und bangt und fragt, befragt sie „zur Mitternacht“.

Doch hat dieser Gefährte eine Größe, die mich beeindruckt, denn trotz aller Verunsicherung: Er lässt alles zu.

Es gibt nicht viele Männer, so möchte ich behaupten, welche die Größe haben, der Geliebten so viel Größe, so viel Unterwegssein, so viel Selbständigkeit, soviel Erforschen mit ungewissem Ausgang zuzugestehen.

Dieses Gedicht ist unglaublich melodiös; es hat einen ganz eigenen Rhythmus durch das anaphorische wo zu Beginn jeder Strophe; es hat diesen Rhythmus durch die Körperglieder, die zum Ende jeder Strophe auftauchen – und zählen wir neben Herz, Fuß und Mund auch das Gefieder ruhig dazu. Es ist auch melodiös durch die vielen Alliterationen  (du – durch, wo – wenn, hohler – himmel, der – du – dein u.a.m.), durch die gleitenden Enjambements, die Zeilensprünge also,  und durch die Sätze, die jeweils über eine ganze Strophe gehen, ja zu Beginn sogar über zwei.

Wiewohl die gestellten Fragen den Fragenden existentiell berühren, so ist doch das ganze Gedicht getragen durch seine Seelenmelodie, mit der er die Hand seiner Liebsten fasst, sie loslässt, loslassen muss zu ihrer Reise und zugleich hält; und immer ist diese Melodie der Liebe zu spüren, zu hören, das Interesse am Andern … wobei ich als Leser nicht das Gefühl habe, es, das Interesse, und sie, die Liebe, könnten jemals nachlassen … das erinnert an Rilkes weil ich niemals dich anhielt, halt ich dich fest …

Natürlich ist in allem auch von des Mannes weiblicher Seite die Rede, stellt die Geliebte sie oder zumindest eine wichtige Facette von ihr dar. Wie er aber nicht zurückschreckt vor den Grüften, dem Tod bzw. der Vergänglichkeit in Gestalt der zerbrochenen Glocken, wie er das Dunkel annimmt, das sie beschreitet, den hohlen Himmel, die tiefen Wälder – alles Symbole des Weiblichen -, das zeigt die Tiefe seiner Seele, die ja doch immer weiblich ist und es zeigt, dass da eine Frau sein darf, die Raum hat, diese Tiefe auszufüllen, die er sich und ihr gibt.

Das ist es, was mir so an diesem Gedicht gefällt.

zu Enzensbergers Kopfkissengedicht hier

 

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