„Die Leidenschaft bringt Leiden!“ – Lebenserfahrungen als Zugangsmöglichkeit zu geistigen Realitäten.

Goethes Gedicht „Aussöhnung“ zeigt einen möglichen Zusammenhang auf überzeugende Weise auf..

In Marienbad hatte Goethe in der Musik Trost gefunden. Anna Milder-Hauptmann hatte gesungen, vor allem aber hatte es ihm eine 28-jährige polnische Pianistin angetan, Maria Szymanowska, berühmt aufgrund der Virtuosität ihres Spiels – und ihrer Schönheit. Dann für 10 Tage zu Gast in Goethes Haus, speisen sie jeden Tag zusammen und sie spielt für ihn. Sie faltet ihn auseinander, wie man eine geballte Faust freundlich flach lässt, so gesteht er seinem Freund Zelter. Der Abschied ist herzzereißend. Die Szymanowska erscheint in schwarzem Kleid. Goethe bricht in Tränen aus, kann kaum an sich halten, blickt ihr fassungslos nach. Was sich in dem über 70-Jährigen abgespielt haben mag, bringen die folgenden Zeilen zum Ausdruck, die er der jungen Frau ins Poesiealbum geschrieben hatte:

Die Leidenschaft bringt Leiden! — Wer beschwichtigt
Beklommnes Herz, das allzuviel verloren?
Wo sind die Stunden, überschnell verflüchtigt?
Vergebens war das Schönste dir erkoren!
Trüb‘ ist der Geist, verworren das Beginnen;
Die hehre Welt wie schwindet sie den Sinnen!

Da schwebt hervor Musik mit Engelschwingen,
Verflicht zu Millionen Tön‘ um Töne,
Des Menschen Wesen durch und durch zu dringen,
Zu überfüllen ihn mit ew’ger Schöne:
Das Auge netzt sich, fühlt im höhern Sehnen
Den Götter-Werth der Töne wie der Thränen.

Und so das Herz erleichtert merkt behende,
Daß es noch lebt und schlägt und möchte schlagen,
Zum reinsten Dank der überreichen Spende
Sich selbst erwidernd willig darzutragen.
Da fühlte sich — o daß es ewig bliebe! —
Das Doppel-Glück der Töne wie der Liebe.

Wenige Tage später wird er auf den Tod krank. Zelter diagnostiziert die Krankheit:„Lieb im Leib“. Eine Zeitlang muss er dem Patienten jeden Tag die Marienbader Elegie vorlesen. Goethe muss seine Liebe zu Ulrike Levetzow verarbeiten. Über Maria Symanowska aber sagt er später zu Kanzler Müller, dass diese Frau ihn sich selbst wiedergegeben habe.

Selig, wer Gefühle so leben darf und kann!

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