Suleika:“Liebe gibt der Liebe Kraft“ – Hatem:“In tausend Formen magst du dich verstecken“

Im West-Östlichen Divan, der großen Gedichtsammlung Goethes, in welcher dieser sich und seinem Lesepublikum, das eher auf die Antike fixiert war, den Osten und unter anderem die Religiosität des Zarathustra im Buch der Parsen erschließt, findet sich ein wenig bekanntes Liebes-Gedicht – es ist das letzte aus dem Buch Suleika -, das mich zu diesem Post anregte.

Es bringt die Liebe Hatems zu Suleika überzeugend und herzinnig zum Ausdruck.

Niemand anderes als Goethe ist Hatem, daraus hat Letzterer auch nicht den geringsten Hehl gemacht, schreibt er doch als eben jener:

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Locken! Haltet mich gefangen

In dem Kreise des Gesichts!

Euch geliebten braunen Schlangen

Zu erwidern hab ich nichts.

.

Nur dies Herz es ist von Dauer,

Schwillt in jugendlichem Flor;

Unter Schnee und Nebelschauer

Rast ein Ätna dir hervor.

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Du beschämst wie Morgenröte

Jener Gipfel ernste Wand,

Und noch einmal fühlet Hatem

Frühlingshauch und Sommerbrand.

.

Im dritten Vers der dritten Strophe reimt sich nun einmal auf röte eigentlich Goethe, auch wenn Letzterer Hatem schreibt :-))

Suleika – wer sich hinter ihr verbarg, darauf komme ich gleich zu sprechen – wusste eh um ihren Hatem-Goethe.

Der feuerspeiende Ätna als Metapher für Hatems Leidenschaft, das ist mehr als real, denn Suleika, das ist niemand anderes als Marianne Jung, die – ihre Hochzeit ist noch nicht lange her – Johann Jacob von Willemer, Bankier und Musenfreund, geheiratet hatte, er, 24 Jahre älter als seine junge Gemahlin, allerdings nochmals 11 Jahre jünger als der damals 65-jährige Goethe. Doch Alter hielt auch zukünftig, wie wir im Zusammenhang mit der Marienbader Elegie wissen, den großen Weimarer nicht ab, sich unsterblich zu verlieben; später sollte die Angebetete Ulrike von Levetzow heißen und um 55 Jahre jünger als Goethe sein; hier nun hieß sie bürgerlicherweise seit kurzem also Marianne von Willemer (und war „nur“ 35 Jahre jünger als Goethe).

Dennoch: Beider Liebe muss sehr tief und ernst gewesen sein, wie wir aus den wenigen Zeugnissen wissen, so tief, dass Goethe späterhin weitere Besuche vermied. Immerhin aber ist Marianne die einzige Mitautorin in Goethes Werk, denn das ein oder andere Gedicht Suleikas stammt aus der Feder Marianne von Willemers; auch das mag zum Ausdruck bringen, wie sehr Goethe sie verehrte und liebte, leidenschaftlich liebte.

Übrigens kommt in der letzten Strophe des eben zitierten Gedichtes zum Ausdruck, was den West-Östlichen Divan auszeichnet und warum ihn Goethe immer auch ein Stück weit augenzwinkernd schrieb, wendet er sich in dessen Gedichten doch gegen alle verstaubte Geistigkeit, gegen alles dogmatische Christentum und spricht sich mit der hier sich zeigenden Lebenseinstellung für ein religions-, länder- und Kontinente übergreifendes Bewusstsein aus, er wendet sich der lebensvollen Liebe zu; und da darf ruhig auch gebechert werden, wie insbesondere im Schenkenbuch, dem Buch, das sich dem Buch Suleika anschließt, deutlich wird.

So lautet die vierte und letzte Strophe obigen Gedichtes nicht von ungefähr:

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Schenke her! Noch eine Flasche!

Diesen Becher bring ich Ihr!

Findet sie ein Häufchen Asche,

Sagt sie: Der verbrannte mir.

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Das aber will Suleika gar nicht hören, antwortet doch umgehend im folgenden Gedicht

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Suleika

Nimmer will ich dich verlieren!

Liebe gibt der Liebe Kraft.

Magst du meine Jugend zieren

Mit gewaltger Leidenschaft.

Ach! Wie schmeichelts meinem Triebe

Wenn man meinen Dichter preist:

Denn das Leben ist die Liebe,

Und des Lebens Leben Geists.

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Das finde ich einfach umwerfend gesagt: Liebe gibt der Liebe Kraft.

Und glücklich, wer sagen kann, dass das Leben die Liebe, sein Leben Liebe ist  …

Solche Worte findet Goethe immer wieder, wenn er verliebt ist. Goethe ohne Liebe, ohne Verliebt-Sein, ohne Leidenschaft, das ist nicht denkbar. Zeugnisse finden wir schon vor mehr als 40 Jahren in seiner Sesenheimer Lyrik seit Sah ein Knab ein Röslein stehen bis über die Marienbader Elegie hinaus.

Goethe war kein sexbesessener Alter, sondern sein großes Herz suchte Liebe, und wenn er eine seelenverwandte Seele fand, dann loderte das Feuer seiner Liebe; sein Herz und er konnten gar nicht anders. Kein Wunder konnte das Herz einer seelenverwandten Frau nicht anders als mit zu entflammen. Wenn wir die Gedichte, die er seinen Lieben zukommen ließ, lesen, wissen wir auch recht schnell um einen Grund: in ihnen kommt eine so große Wertschätzung der Geliebten gegenüber zum Ausdruck, wie es sich nur jede Frau in ihrer Beziehung zu einem Mann erträumen mag.

Auch in Hatems Worten findet sich diese liebende Wertschätzung seiner Suleika gegenüber – und damit komme ich zum eigentlichen Anlass dieses Posts:

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In Tausend Formen magst du dich verstecken,

Doch, Allerliebste, gleich erkenn ich dich;

Du magst mit Zauberschleiern dich bedecken,

Allgegenwärtge, gleich erkenn ich dich.

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An der Zypresse reinstem, jungem Streben,

Allschöngewachsne, gleich erkenn ich dich;

In des Kanales reinem Wellenleben,

Allschmeichelhafte, wohl erkenn ich dich.

.

Wenn steigend sich der Wasserstrahl entfaltet,

Allspielende, wie froh erkenn ich dich;

Wenn Wolke sich gestaltend umgestaltet,

Allmannigfaltge, dort erkenn ich dich.

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An des geblümten Schleiers Wiesenteppich,

Allbuntbesternte, schön erkenn ich dich;

Und greift umher ein tausendarmger Eppich.

O! Allumklammernde, da kenn ich dich.

.

Wenn am Gebirg der Morgen sich entzündet,

Gleich, Allerheiternde, begrüß ich dich,

Dann über mir der Himmel rein sich ründet,

Allherzerweiternde, dann atm ich dich.

.

Was ich mit äußerm Sinn, mit innerm kenne,

Du Allbelehrende, kenn ich durch dich.

Und wenn ich Allahs Namenhundert nenne,

Mit jedem klingt ein Name nach für dich.

.

Ich stelle mir vor, Suleika-Marianne las dieses Gedicht mit bebendem Herzen. Alle zwei Verse findet sie ein neues Attribut, immer mit All- beginnend, das ihr Dichter ihr widmet, vergleichbar dem mahometanischen Rosenkranz, in welchem Allah mit 99 Eigenschaften verherrlicht wird, worauf Allahs Namenhundert anspielt.

In vielen Liebesgedichten Goethes findet man den Ausdruck der Liebe so gestaltet, dass man sich manches Mal fragt: Meint er jetzt wirklich die Frau, oder meint er nicht DIE LIEBE ?

Und immer wieder finden wir auch, dass diese Liebe den Dichter zu Wortschöpfungen und kosmischen Dimensionen greifen lässt, ja, lassen muss, um deren Größe zum Ausdruck bringen zu können. Vom Himmel und den Sternen ist in Allbuntbesternte die Rede und ohnehin: All, das ist der Wohnraum Gottes.

Wenn beides, persönliche und überpersönliche Liebe ineinander überfließen, dann mag man gar nicht weiterschreiben, sondern einfach die Worte lesen und die Liebe trinken.

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Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen. Mein Interesse gilt den Mythen und der Literatur, spiegelt sich doch in ihnen die Entwicklung des Menschen: Ohne den Prometheus in uns kommen wir nicht zu einem selbständigen Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen, eher vielleicht ein Bewusstseinsakt als ein Verbrechen, stehen beide doch für eine Weise menschlicher Entwicklung. Manche unter uns mögen mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival unterwegs sein. Philosophen und Dichter früherer Zeiten hatten ein sehr hohes spirituelles Bewusstsein, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante, Goethe, Schiller oder Hölderlin hießen; in neuerer Zeit gilt das u.a. für Nietzsche, Trakl, Hofmannsthal, Rilke und Michael Ende. Viel von deren Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet, sicherlich eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte. Die Auseinandersetzung und Beschäftigung mit den Gedanken der oben Angesprochenen kann uns bereichern und Verschüttetes ins Bewusstsein rufen. Manches kann unseren Lebensweg wesentlich beeinflussen.
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