Wenn du da bist, / bin ich immer reich. – Else Lasker Schülers „Mein Liebeslied“

Der letzte Lebensabschnitt der 1869 als jüngstes von sechs in eine Bankierfamilie hineingeborenen Kinder ist – und darin ähnelt sie anderen Autorinnen, ich denke z.B. an Ingeborg Bachmann – bedrückend, ja erdrückend.

Else Lasker Schüler, die ihre geistige Verwandtschaft zum Land ihrer Väter zum Ausdruck brachte, indem sie sich in Kurt Schwitters Expressionismus-Anthologie Menschheitsdämmerung als eine Frau bezeichnete, die „in Theben (Ägypten) geboren (ist), wenn ich auch in Elberfeld zur Welt kam, im Rheinland“, verlor – voraus ging ihre zweite Scheidung, diesmal von Herwarth Walden – im Ersten Weltkrieg viele ihrer Künstlerfreunde wie Franz Marc und Georg Trakl.

1927 verliert sie ebenfalls ihren geliebten Sohn Paul durch Tuberkolose und muss dann 1933 als Kind jüdischer Eltern in die Schweiz fliehen, von der sie bis 1939 drei Reisen nach Palästina unternimmt. Von der letzten konnte sie nicht mehr zurückkehren. Am 22. Januar 1945 ist sie herz- und heimwehkrank in Jersusalem unter bedrängten Verhältnissen gestorben; sie liegt am Ölberg begraben.

Immer lag ihr die Versöhnung zwischen Juden und Arabern am Herzen, so in ihrem 1937 nach der ersten Palästinareise entstandenen Hebräerland.

In ihrer letzten Mein Blaues Klavier genannten Gedichtsammlung, die 1947 erschien, gestaltet sie in einem neuen, starken Formbewusstsein Liebesgedichte voll höchster Intensität, die immer wieder auch von Exiltrauer und Todesahnung geprägt sind.

Aus einer früheren Phase stammt das folgende, das ich als ihr schönstes Liebesgedicht empfinde:


Mein Liebesgedicht

Auf deinen Wangen liegen

Goldene Trauben.

Aber dein Herz ist ein Wirbelwind,

Dein Blut rauscht, wie mein Blut –

Süß

An Himbeersträuchern vorbei.

O, ich denke an dich – –

Die Nacht frage nur.

Niemand kann so schön

Mit deinen Händen spielen,

Schlösser bauen wie ich

Aus Goldfinger;

Burgen mit hohen Türmen!

Strandräuber sind wir dann.

Wenn du da bist,

Bin ich immer reich.

Du nimmst mich so zu dir,

Ich sehe dein Herz sternen.

Schillernde Eidechsen

Sind dein Geweide.

Du bist ganz aus Gold –

Alle Lippen halten den Atem an.


Können sich Liebende ein schöneres Kompliment machen, als wenn einer zum Anderen sagt:

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Wenn Du da bist, bin ich immer reich!

Nein, ich glaube nicht. Das ist eine wunderbare Aussage. Durch die Gegenwart des Geliebten ist die Geliebte reich – oder umgekehrt, der Geliebte durch die Geliebte.

Oder gar beide durch den Anderen!

Was für eine große Liebe.

Da bleibt förmlich die Zeit stehen, die Welt hält den Atem an – nein, nicht die Welt, Alle Lippen, wie es in der letzten Zeile heißt, alle Lippen, die um solch eine Liebe wissen.

Dem anderen zu sagen, er sei ganz aus Gold, da kann die Zeit wohl auch stehen bleiben.

Und wenn dies gilt, in guten wie in schlechten Zeiten, dann gibt es sie nicht mehr, die gute Zeit oder die schlechte Zeit.

Es ist die Zeit der Liebe.

Obiges Gedicht ist übrigens im Untertitel gewidmet Sascha, dem himmlischen Königssohn.

Da die Autorin vielen ihrer Bekannten solche Phantasienamen gab, die nicht mehr mit Sicherheit zugeordnet werden können, ist unklar, auf wen sich Sascha bezieht. Unsympathisch kann er ihr nicht gewesen sein.

Else Lasker-Schülers Worte erinnern mich im Übrigen an das Hohelied der Liebe Salomos.

Die Trauben, die auf den Wangen des Geliebten liegen; das Blut, das an Himbeersträuchern vorbeirauscht – das ist die Sprache Salomos, diese Bildhaftigkeit, in der die Liebe zu spüren ist in allen Gebirgen des Heiligen Landes, die dort genannt werden, in den Tieren, den Früchten, den Pflanzen, den Gewürzen, den Bäumen.

Wie sollte sie nicht auch in den Menschen sein?

Es ist diese Sprache, die auch die Sprache dieser Jüdin ist, die so gern Jüdin war und unter diesem Sein zugleich so leiden musste.

Wenigstens ist sie an würdiger Stätte begraben.

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Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen. Mein Interesse gilt den Mythen und der Literatur, spiegelt sich doch in ihnen die Entwicklung des Menschen: Ohne den Prometheus in uns kommen wir nicht zu einem selbständigen Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen, eher vielleicht ein Bewusstseinsakt als ein Verbrechen, stehen beide doch für eine Weise menschlicher Entwicklung. Manche unter uns mögen mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival unterwegs sein. Philosophen und Dichter früherer Zeiten hatten ein sehr hohes spirituelles Bewusstsein, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante, Goethe, Schiller oder Hölderlin hießen; in neuerer Zeit gilt das u.a. für Nietzsche, Trakl, Hofmannsthal, Rilke und Michael Ende. Viel von deren Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet, sicherlich eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte. Die Auseinandersetzung und Beschäftigung mit den Gedanken der oben Angesprochenen kann uns bereichern und Verschüttetes ins Bewusstsein rufen. Manches kann unseren Lebensweg wesentlich beeinflussen.
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