… war so jung und morgenschön … Goethe muss das Sesenheimer Pfarrerstöchterlein sehr geliebt haben ♡

.

.

Es ist schon einige Zeit her, da hatte ich an anderer Stelle über Volkslieder geschrieben, und dabei muss sich Goethes Lied in mir eingenistet haben; seit dieser Zeit geht es mir nicht mehr aus dem Sinn.

Es strahlt auch etwas Eigenartiges, Einzigartiges aus:

.


   Sah ein Knab‘ ein Röslein stehn,

   Röslein auf der Heiden,

   war so jung und morgenschön,

   lief er schnell, es nah zu sehn,

   sah’s mit vielen Freuden.

   Röslein, Röslein, Röslein rot,

   Röslein auf der Heiden.


   Knabe sprach: „Ich breche dich,

   Röslein auf der Heiden!“

   Röslein sprach: „Ich steche dich,

   dass du ewig denkst an mich,

   und ich will’s nicht leiden.“

   Röslein, Röslein, Röslein rot, 

   Röslein auf der Heiden.


   Und der wilde Knabe brach

   ’s Röslein auf der Heiden;

   Röslein wehrte sich und stach,

   half ihm doch kein Weh und Ach,

   musst‘ es eben leiden.

   Röslein, Röslein, Röslein rot,

   Röslein auf der Heiden.

 

.
Natürlich liegt diese Ausstrahlung an den Diminutiven, den volksliedhaften Koseformen, eben Röslein.

Auch an dem vielfachen Wiederholen dieser Koseform – achtzehnmal im ganzen Lied.

An den Inversionen, den Wortumstellungen, wodurch die Sätze bewusster, erwartungsvoller vorwärtsdrängen; es heißt eben nicht: Er lief schnell, sondern lief er schnell … Es heißt eben nicht, dass ein Knabe ein Röslein sah, sondern:

Sah ein Knab ein Röslein stehn …

Da ist eine Ellipse gleich mit eingebaut; Goethe erspart uns ein pronominales „Es“; möglichst schnell will er zum Wesentlichen:

– zum Wunsch des Knaben, dem Röslein nahe zu sein und

– zum liebevollen Ausdruck, dies Röslein mit vielen Freuden zu sehn.

Alles steht knapp und schlicht da, aber in seiner Form unglaublich verdichtet.

Goethe ist eben auch ein Dichter, der diesen Namen zu Recht trägt.

.

Eigentlich möchte man doch, dass das Lied, das 44 Jahre, nachdem es Goethe geschrieben hatte, von Franz Schubert vertont wurde, mit der ersten Strophe endet. Was für eine Friede. Frieden im Gärtlein.

Warum noch Strophe zwei und drei? – Muss das sein?


In Wikipedia ist zu lesen:

.

Das Gedicht basiert auf einem Lied aus dem 16. Jahrhundert und wurde von Goethe während seines Studienaufenthaltes in Straßburg verfasst. Zu dieser Zeit hatte Goethe eine kurze, aber heftige Liebschaft mit der elsässischen Pfarrerstochter Friederike Brion, an die auch das Gedicht gerichtet war. Gemeinsam mit anderen an Brion gerichtete Gedichte und Lieder wird das „Heidenröslein“ zu den „Sesenheimer Liedern“ gezählt.


Genauer gesagt ist es wohl so, dass Goethe diese Liebe und sein eigenes Verhalten in diesem Lied, das zu einem Volkslied wurde, verarbeitet hat. Denn das siebzehnjährige Sessenheimer Pfarrerstöchtern muss ihn sehr geliebt haben. Es waren wohl seit dem Kennenlernen im Oktober 1770 Wochen und Monate einer beiderseitigen Zuneigung und Liebe. Über sie ist viel geschrieben worden, aber Genaues weiß eigentlich niemand außer den beiden. Fest steht, dass Friederike später alle Heiratsanträge ausschlug und ihre Schwester weiß zu berichten, sie, Friederike, habe später einmal gesagt: „Wer von Goethe geliebt worden ist, kann keinen anderen lieben.“

Goethe hat Friederike 1779 Jahre später noch einmal aufgesucht. Doch nicht aus Liebe.

Ein Briefanfang, den Goethe 1770 allerdings so nicht abgeschickt hat, sondern eine zurückhaltendere Version schrieb, lautet – hier also in der freimütigen Version:


Liebe neue Freundinn,

Ich zweifle nicht Sie so zu nennen; denn wenn ich mich andes nur ein klein wenig auf die Augen verstehe; so fand mein  Aug, im ersten Blick, die Hoffnung zu dieser Freundschafft in Ihrem, und für unsre Herzen wollt ich schwören; Sie, zärtlich und gut wie ich sie kenne, sollten Sie mir, da ich Sie so lieb habe, nicht wieder ein Bissgen günstig seyn?


Keine Frage, der junge Goethe lief schnell, ihr nahe zu sein.

Und man hat viel hineininterpretiert, was Strophe 2 und 3 meinen könnten, bis hin, dass Goethe dem Röslein gewaltsam die Jungfräulichkeit geraubt habe.

Ich glaube das nicht.

Ich glaube vielmehr, dass Goethe, als er die Zeilen schrieb, sich dessen bewusst war, dass er mit seinem Verhalten das Röslein gebrochen hat, denn am 6. August 1771 besucht Goethe Friederike als Geliebter das letzte Mal, ohne ihr zu sagen, dass er nicht zurückkommen werde. Erst in Frankfurt angekommen vollzieht er die Trennung, die er selbst auf seine eigene Unsicherheit zurückführt.

In seiner Lebensdarstellung Dichtung und Wahrheit wird er schreiben:


Die Antwort Friedrikens auf einem schriftlichen Abschied zerriß mir das Herz … Ich fühlte nun erst den Verlust, den sie erlitt …


Wohlgemerkt: den sie erlitt, nicht: den er erlitt!

Es ist, als ob die zweite und dritte Strophe des Liedes die Tragik dieser jungen Frau aufgenommen hätten und auf eine Weise wiedergeben, die der Lesende oder Hörende wahrnimmt, auch wenn er um das Herzeleid Friederikes nicht weiß. Nur ist leider eines sicher: Goethe hat – zumindest gilt dies für dieses Leben – nicht ewig an sie gedacht, das Röslein, also Friedrike, an ihn aber schon. 

Damals mögen schon die ersten Spuren der Leiden des jungen Werther in Goethes Seele heraufgedämmert sein, in dem  es auch um einen jungen Mann geht, der sich in seinem Selbstmitleid und der Unfähigkeit zu handeln, suhlt. Auch Goethe war in der Beziehung zu Friederike nicht Manns genug, ihr von Angesicht zu Angesicht zu sagen, dass er sie nicht mehr sehen wolle; ihr hätte das geholfen. – Ein Brief kann viel eher ein Messer sein.

Von daher wäre es möglicherweise ehrlicher gewesen und es hätte die Rolle Friederikens genauer erfasst, ihr vergebliches Weh und Ach, Goethe hätte geschrieben:


   Und der feige Knabe brach

   ’s Röslein auf der Heiden; (…)


Doch Vorsicht, es mag wie in den Leiden des jungen Werther sein: Dort hat die Liebe Werthers – sie heißt Lotte – einen durchaus bedeutsamen Anteil an seinem Schicksal, auch wenn die junge Frau so hehr erscheint; sie ist es nicht; ihr Egoismus ist nur bestens versteckt.

Allerdings wollte Werther ihn auch nicht sehen. Zu verliebt war er.

Vielleicht auch in seine Liebe.

Wir erinnern uns: Lotte hat neben ihrem etwas spröden Albert diese überaus emotionale Liebe eines Werther sehr genossen. So richtig Nein gesagt hat sie nie. – Bis es zu spät war.

Wir wissen nicht, welchen Anteil Friedrike an dem Verhalten des wilden Knaben Johann Wolfgang hatte.

Deshalb nehmen wir die 3. Strophe so, wie sie ist:

.


   Und der wilde Knabe brach

   ’s Röslein auf der Heiden;

   Röslein wehrte sich und stach,

   half ihm doch kein Weh und Ach,

   musst‘ es eben leiden.

   Röslein, Röslein, Röslein rot,

   Röslein auf der Heiden.

.

Wer noch ein Beispiel von Sesenheimer Lyrik mag: hier

 

Advertisements

Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen, und genieße die Saale, die Wiesen, den so vielfältigen Wald und die bemerkenswerten Veränderungen im Jahresverlauf. – Mein Interesse gilt, wie sich in Mythen und der Literatur die Entwicklung des Menschen spiegelt. Ohne den Prometheus in uns kommen wir nun eben mal nicht zu wahrem Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen; doch wenn es gutgeht, laufen wir mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival; dazu ist es notwendig, sich zu erlauben, wie jener den eigenen Karfreitag zu erleben. Ich glaube, dass Philosophen und Dichter früherer Zeiten ein höheres spirituelles Bewusstsein hatten, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante oder Goethe hießen; viel von ihrem Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet (eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte!). - Vor allem Michael Ende schließt an die Tradition der großen Alten an; seine "Unendliche Geschichte" beleuchtet eine mögliche Reise zu sich selbst durch die Heilung der kindlichen Kaiserin in uns. Sie steht stellvertretend dafür, dass in Menschen unserer Zeit ein entsprechendes Bewusstsein erwacht, wenn auch der Hype vom Wassermannzeitalter einer falsch verstandenen Esoterik viel Unheil angerichtet hat. - Viele der großen Dichter, heißen sie Schiller, Hofmannsthal, Rilke oder Trakl wollen auf dem Hintergrund ihrer Zeit und ihres Lebens verstanden sein und können damit Anregungen geben, uns und unsere Zeit zu verstehen. Gerade gilt mein Interesse Hölderlin und viel von mir finde ich in ihm wieder (was nicht heißt, dass ich glaube, ihm nur annähernd das Wasser reichen zu können). Es dauert noch ein bisschen, bis sich der gute Hölderlin in Posts niederschlägt :-)
Dieser Beitrag wurde unter Fülle des Lebens, Gedicht, Liebe, Literatur, Mann und Frau abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s