An der Kante zum Kitsch lang: Rainer Maria Rilkes „Die Flamingos“

Zum Verständnis voraus:

  • V. 1 Jean-Honoré Fragonard (1732 – 1806) war ein französischer Maler, Zeichner und Radierer des Rokoko zur Zeit des Ancien Régime. (Wikipedia)
  • V. 8 Phryne war eine berühmte griechische Hetäre aus Thespiai, sie lebte im 4. Jahrhundert v. Chr. „Sie galt in ihrer Blütezeit als die Repräsentantin der Liebesgöttin Aphrodite und diente Apelles als Modell für seine Anadyomene und Praxiteles für seine Aphrodite von Knidos. In einem Tempel zu Thespiai stand neben einer Statue der Aphrodite von Praxiteles auch eine Statue der Phryne vom selben Künstler.“ (Wikipedia)
  • V. 12 Volière: großerVogelkäfig mit Freiflugraum.

Nun aber zu dem, worum es im Eigentlichen geht:

Die Flamingos

………….Jardin de Plantes, Paris

In Spiegelbildern wie von Fragonard
ist doch von ihrem Weiß und ihrer Röte
nicht mehr gegeben, als dir einer böte,
wenn er von seiner Freundin sagt: sie war

noch sanft von Schlaf. Denn steigen sie ins Grüne
und stehn, auf rosa Stielen leicht gedreht,
beisammen, blühend, wie in einem Beet,
verführen sie verführender als Phryne

sich selber; bis sie ihres Auges Bleiche
hinhalsend bergen in der eignen Weiche,
in welcher Schwarz und Fruchtrot sich versteckt.

Auf einmal kreischt ein Neid durch die Volière;
sie aber haben sich erstaunt gestreckt
und schreiten einzeln ins Imaginäre.


Sie schreiten ins Imaginäre?
Was heißt das?
Vermutlich kommen Flamingos ja dann auch von dort, also aus dem Imaginären?
Oder machen wir uns darüber deshalb Gedanken, weil Rilke einen Reim auf Volière finden musste?
Chimäre wäre auch gegangen . . .

Ich sehe sie vor mir, jene Flamingos, die man kaum übersehen kann, wenn man die Stuttgarter Wilhelma über den Haupteingang betritt und nicht gleich ins Pflanzengewächshaus geht.
Selten habe ich Leben gesehen, dass allein durch Haltung und Aussehen einen nie auf die Idee hätte kommen lassen, ihm näher zu treten. Flamingos standen und stehen da, als hätten sie sich selbst vergessen. Relativ nah beieinander und doch so weit voneinander weg. Kaum vorstellbar, dass sie Laute austauschen.
Wenn es im zweiten Quartett heißt, dass sie sich selbst verführen, unendlich gekonnt, eben wie Phryne, dann kann das meinen, dass sie sich gegenseitig verführen, es kann aber genauso auch vermitteln wollen, dass ihr Begehren sich allein auf sich selbst richtet.

Neid, der aufkreischt, aber worauf? Auf diese totale Stilisierung des Lebens?

Jedenfalls ist es Leben, das von sich selbst kaum weiter entfernt sein kann:

Spiegelbilder beinhalten schon, dass sie nur indirekt etwas wiedergeben. Um einen Eindruck von ihnen zu bekommen, ist in unserem Fall ein Vergleich zu Fragonard notwendig, dessen leicht hingemalte, ebenfalls ans Kitschige grenzenden und oft verführerisch sein wollenden Darstellungen (es entsprach wohl damals dem Zeitgeschmack) offensichtlich – und hoffentlich – nicht sehr viel Realität bieten, und, um die offensichtlich doch erhoffte zu unterstreichen, wird – auch noch im Konjunktiv des Irrealis („böte“) – ein Mann bemüht, der sich dann nicht einmal auf sich, sondern auf seine Freundin bezieht, und das Geschehen, auf das er sich bezieht, liegt auch noch in der Vergangenheit.

Dieses Wirklichkeitsversteckspiel ist auf viereinhalb Verse komprimiert – gewiss eine große Meisterleistung des Gedichtes.
Davon abgesehen finde ich die ein oder andere Stelle („sie war noch sanft von Schlaf“) an der Kitsch-Grenze, allerdings ist es gleichzeitig so, dass man nie das Gefühl hat, Rilke könne sie übertreten.
Woran das liegt?
Daran, dass dieser Mann – wohl im Herbst 1907 – meisterlich mit Mitteln wie Zeilensprüngen, Alliterationen und Buchstabenfolgen überhaupt umgeht. Man schaue nur, wie gekonnt er den Diphtong „ei“ zu Beginn des zweiten Terzetts einsetzt: viermal in vier Wörtern, mehr geht kaum. Überhaupt dominiert das >ei< das ganze Gedicht, ohne dass das auffallen mag, aber es findet sich u.a. auch in Weiß, in einer, in seiner, in steigen, in leicht . . .
Wer dieses Gedicht liest, ist geprägt von diesem >ei<, wie immer es auch auf den Einzelnen wirken mag.

Von dem E wird an anderer Stelle gesagt:
– Überall, wo ein E auftritt, hat man dasjenige, was ich etwa bezeichnen möchte: Das hat mir etwas getan, das ich spüre.
– Man läßt sich nicht anfechten durch etwas, was einem geschieht.
– Haben wir das Gefühl, daß wir einen äußeren Eindruck abzuwehren haben, gewissermaßen uns wegwenden müssen von ihm, um uns selbst zu schützen, haben wir also das Gefühl des Widerstandleistens, dann drückt sich das aus in dem «E».

Über ein >I< heißt es:
– I-Laut ist leicht zu empfinden als die Selbstbehauptung. I stellt immer dar eine sich verteidigende Selbstbehauptung.
– Ein wahrhaftes Eindringen in die geistigen Welten ist gar nicht möglich, ohne gewisse Gefühle mit sich zu bringen, die man religiös-fromme Gefühle nennen kann, Gefühle des Hingegebenseins an die höhere geistige Welt. Diese Seelenstimmung braucht man für das wirkliche Erleben der geistigen Welten so, wie man in der physischen Menschenwelt, damit man sich mit den anderen verständigen kann, in die Notwendigkeit versetzt ist, durch seinen Kehlkopf und die anderen Sprachwerkzeuge ein I hervorzubringen. Was in der gewöhnlichen Menschensprache möglich macht, ein I hervorzubringen, das macht in den höheren Welten die Seelenempfindung, die aus der Hingegebenheit fließt.

Der Diphtong >ei< ist sicherlich mehr als die Summe seiner Teile, aber gewiss ist in dem gesamten Gedicht etwas enthalten, was in der Bedeutungsebene der Buchstaben zum Ausdruck kommt, zumal Rilkes Schreiben in aller Regel eine religiöse Ebene mit sich führt, was sich im Wesen des >I< spiegelt.

Der Jardin de Plantes hat ja Rilke zu noch anderen Gedichten angeregt, und Der Panther ist unter ihnen ein wahres Meisterwerk.
In jenem Sonett finde ich tatsächlich tiefen Sinn.
In diesem hier finde ich viel l´art pour l´art, Kunst um der Fingerübung willen, um des schönen Scheins.
Und der Schein trügt schön. Die Zeilen- und Strophensprünge haben einen Anflug von Genialität, so wie das beisammen am Anfang von Zeile 7 überraschend den durch eine zweifach durch Adverbiale erweiterte Partizipialkonstruktion schon fast verloren geglaubten Satz aufnimmt und fortführt. Und vergleichbar kunstvoll gelingt Sie war // noch sanft von Schlaf.
Die viermaligen Vergleiche heben den Inhalt etwas ins Überirdische und die mehrfachen b-, st- und s-Alliterationen, das Spiel mit dem Wortstamm (verführen verführender), der unglaubliche Neologismus hinhalsend und so ungewöhnliche Wendungen wie, wenn er vom Bergen in der eigenen Weiche spricht: das kann kaum jemand so wie Rilke. Das ist höchste Wortschnörkelkunst.
Ich sage etwas abwertend Wortschnörkelkunst.
Weil es den ein oder anderen verführen mag zu: Oh ja, dieser Rilke, mein Gott, so schreibt nur einer, so gottvoll. Wie tief er wieder ins Wesen der Vorstellung geht . . .
Wenn jemand mit seinem Posiealbum ein wenig oder ein wenig mehr angeben will, dann findet sich doch in der Regel ein Rilke, ein Hesse, eine Mascha Kaléko . . .

Das zweite Terzett zieht etwas Sinn ans Ufer: Oh, auch in der Wilhelma gibt es Neid . . .

Mich erinnern Die Flamingos an das ein oder andere Rilke-Gedicht, das genauso sinnlos sinnvoll ist.

Ich wüsste allerdings nicht, warum Rilke Obiges nicht geschrieben haben sollte.

Ich meine, er muss sich vor niemandem rechtfertigen, solch ein Gedicht geschrieben zu haben.
Welcher Schumacher hat nicht schon Schuhe produziert, die man ja nicht unbedingt angezogen haben muss, die aber einfach so schön daherkommen, so betörend gekonnt, so hinhalsend schön . . .
Und wie oft habe ich nicht schon etwas geschrieben, was höchstens gerade mal ich toll fand – womöglich findet das mancher bei eben Geschriebenem auch.
Und der ein oder andere dachte/denkt: Mein Gott, Klinkmüller, lass es doch einfach!

Wobei ich noch eines zum Schluss ansprechen möchte, was vielleicht unabsichtlich absichtlich von Rilke auf diese Weise unterschwellig intoniert ist:

* Da bietet einer – wenn auch entschärft durch den Alibi-Konjunktiv II („böte“) – ein Detail über seine Freundin an, das eigentlich niemanden etwas angeht;
* da verführen Tiere sich selbst;
* und es ist von ihrer fruchtroten Weiche die Rede;
* da dient als Vergleichsobjekt die vielleicht berühmteste Hetäre des Altertums;
* und Fragonards Bilder hatten durchaus auch einen schlüpfrigen Touch.

Möglich, dass Rilke auf die Damen anspielt, die auf ihren sonntäglichen Selbst-Präsentierspaziergängen durch den Park mit der Umgebung und sich kokettierten; möglich aber auch, dass da ein Großer seiner Zunft etwas von seinem Inneren zeigt, was sich in Tieren spiegelt; verwunderlich wäre es nicht und es wäre genau das, was sich im Astralbereich unserer Seelen spiegelt.
Und in Bezug auf Rilke und die Frauen mag da das ein oder andere flamingohaft sein . . .

Vorhin habe ich zur Erholung ein Venedig-Gedicht von Rilke gelesen, jedenfalls war´s zur Erholung gedacht. In ihm hat er Venedig zur Kurtisane gemacht. Na ja, irgendwie ist es auch so ein versteckter Rilke; jedenfalls: begeistert war ich auch nicht davon (aber es gibt ja Rilkes „Spätherbst in Venedig“).
Mein Lieblings-Venedig-Gedicht schrieb allerdings nicht Rilke, sondern ein schwuler Dichter des beginnenden 19. Jahrhunderts, der sich nicht einmal selbst outen durfte (was er zu seiner Zeit tunlichst eh unterlassen hätte), weil das – es mag wohl ziemlich gehässig gewesen sein – Heine, stellvertretend für ihn, deutschlandweit übernahm: ich spreche von August von Platen.
Aber davon und von noch anderen Venedig-Gedichten ein andermal mehr.

Dieser Beitrag wurde unter Fülle des Lebens veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s