Durch das Fenster seiner weiblichen Seite: Rainer Maria Rilke auf den Spuren der Liebe in „Die Liebende“

Wir aber, die wir uns Gott vorgenommen haben,

wir können nicht fertig werden.

Malte Laurids Brigge


Manchem mag die Begrifflichkeit etwas unangemessen erscheinen, aber ich möchte dennoch Rainer Maria Rilkes Lyrik als sehr weiblich bezeichnen: So viel Gefühl, Zartheit, Sanftheit, Einfühlungsvermögen, Melodiöses, Klingendes – nicht von ungefähr wird eine weibliche Reimendung auch als klingender Reim bezeichnet: das trifft man gewiss nur sehr selten an und wenn, dann – ja, das ist mein Ernst – mehrheitlich bei Männern, ich denke an Novalis, Brentano, bisweilen auch Goethe und andere mehr.

Manche Männer zeigen ja auch im realen Leben eine sehr weiche Seite, aber sie ist dann oft verbunden mit Weinerlichkeit, Selbstmitleid und fehlender Männlichkeit; bei Rilke und den oben Genannten ist das nicht der Fall.

Vielleicht ist es so, wie ich schon einmal an anderer Stelle äußerte, dass, wenn Männer zu viel Einfühlungsvermögen und Gefühl in der Lage sind, dies dann besonders wohltuend auffallend ist, weil man es als Leser auch als etwas Besonderes, ja vielleicht auch als etwas besonders Wertvolles empfindet.

Mir geht es bei den oben Genannten jedenfalls so.

Dies alles wird natürlich ganz besonders dann interessant, wenn der Autor auch noch die Rolle einer Frau einnimmt, wie Rilke das hier tut, wie übrigens noch in einem anderen mit Die Liebende überschriebenen Gedicht, auf das ich an anderer Stelle eingegangen bin. Letztendlich ist Rolle natürlich nicht der richtige Begriff, dazu später mehr.

Als Rollengedicht werden ja lyrische Texte bezeichnet, in denen der Verfasser mit Hilfe des lyrischen Ichs die Rolle einer Figur einnimmt; zumeist wird das schon im Gedichttitel deutlich, beispielsweise in Mörikes „Das verlassene Mägdlein“, in Rilkes „Lied eines Bettlers“, in Brentanos „Der Spinnerin Lied“ und anderen mehr; wichtig aber jeweils: Es äußert sich ein Ich, in der Lyrik eben ein so genanntes lyrisches Ich.

So auch hier; wenn Rilke sein Poem Lied der Liebenden genannt hätte, wäre obiger Umstand noch deutlicher. Er aber überschreibt:

Die Liebende

Das ist mein Fenster. Eben

bin ich so sanft erwacht.

Ich dachte, ich würde schweben.

Bis wohin reicht mein Leben,

und wo beginnt die Nacht?

Ich könnte meinen, alles

wäre noch Ich ringsum;

durchsichtig wie eines Kristalles

Tiefe, verdunkelt, stumm.

Ich könnte auch noch die Sterne

fassen in mir; so groß

scheint mir mein Herz; so gerne

ließ es ihn wieder los

den ich vielleicht zu lieben,

vielleicht zu halten begann.

Fremd, wie niebeschrieben

sieht mich mein Schicksal an.

Was bin ich unter diese

Unendlichkeit gelegt,

duftend wie eine Wiese,

hin und her bewegt,

rufend zugleich und bange,

daß einer den Ruf vernimmt,

und zum Untergange

in einem Andern bestimmt.

Beide mit Die Liebende überschriebenen Rilke-Gedichte sind auf ihr Weise ganz anders, beide schöpfen ihre Einzigartigkeit aus ganz unterschiedlichen Quellen. Eine des vorliegenden Gedichtes finden wir gleich zu Beginn: Man kann kaum einen Leser zu mehr Gegenwartsbezug förmlich zwingen, als wenn man beginnt:

Das ist mein Fenster.

Das hört sich eher nach Obi-Baumarkt als nach Rilke an und klingt ziemlich lapidar.

Gleichzeitig kommt man nicht umhin zuzugestehen, dass dieser Beginn etwas Geniales hat; denn welcher Leser blättert nach solch einem Satz und Gedichtbeginn weiter?!

Nur: Spielt das Fenster im weiteren Verlauf überhaupt noch eine Rolle? Oder ist das Ganze nur ein guter Gag, ein geschickter rhetorischer Kniff, gewiefte Lesereinbindung?

Dazu später mehr.

Halten wir also fest: Der Einstieg ist real, realer geht es kaum. Das ist deshalb von Bedeutung, weil Realität im üblichen Sinne im Folgenden überhaupt nicht mehr die Rolle spielt, die der Einstieg vermuten lässt. Nicht nur, dass von des Kristalles Tiefe die Rede ist oder von Abstrakta wie Schicksal, Nacht, Unendlichkeit und Untergang,  nein, noch mehr:

Der Konjunktiv als Form der Nichtwirklichkeit dominiert das ganze Gedicht; ständig  und immer wieder taucht er auf, gleich in der dritten Zeile in ich dachte, ich würde schweben  und weiterhin beispielsweise im anaphorisch am Strophenanfang der dritten Strophe dann wieder aufgenommenen „Ich könnte …“

Damit nicht genug, das zweimalige vielleicht unterstützt den Eindruck der Nichtwirklichkeit und Unsicherheit genauso wie die Fragen, bis wohin das eigene Leben reiche und wo die Nacht beginne?

Ist die Nacht nicht gerade vorbei?

Gewiss, von Morgen ist nicht die Rede, aber doch von Erwachen, so dass der Leser intuitiv annimmt, es sei früher Morgen.

Warum dann aber die rückwärtsgewandte Frage, bis wohin die Nacht reiche?

Wen interessiert am Morgen und beim sanften Erwachen diese Fragestellung?

Tatsächlich scheint alles in der Schwebe und es ist nur natürlich, dass das lyrische Ich, die Liebende also, das Gefühl  hat, sie würde schweben.

Keine Frage, die Liebende befindet sich in einem Zustand, befindet sich an einem Zeitpunkt, den wir als existentiell bezeichnen dürfen. Es gibt Menschen, es sind nur wenige, die in der Lage sind, beim Einschlafen ihr Bewusstsein mit in den Schlaf zu nehmen. Das ist noch eine Bewusstseinsstufe höher als das so genannte Klarträumen. Bei ihm – und in den Kursen in der Schule, in denen ich darüber spreche, sind in aller Regel ein oder zwei Schüler, die klarträumen – hat der Träumende das Bewusstsein davon, dass er träumt; in seiner gesteigerten Form kann der Träumende seinen Traum beeinflussen, wie es Patricia Garfield in ihrem Buch Kreativ träumen im fünften Kapitel für den Stamm der Senoi auf Malaysia beschreibt, wo Kinder zum Klarträumen angehalten werden (in der Tat kann man es üben, ich erinnere mich an einen entsprechenden Artikel in Psychologie heute).

Zurück zu unserem Gedicht: Entsprechend mag es auch Menschen geben, die das Schlafbewusstsein mit in den Tag nehmen; wir alle tun das im Übrigen, wenn uns ein Traum so sehr bewegt, dass wir wie aus seiner Realität beim Aufwachen kommen und einfach nur eine Tür zum Tag aufmachen.

Die Liebende ist sanft erwacht. Und der Übergang ist mehr als fließend.

In seinen Begrifflichkeiten erinnert das Rilke-Gedicht an ein wunderbares Gedicht, in dem dieses Thema genauso, ja sogar mit vergleichbarem Vokabular, angesprochen wird.

Der junge Mörike schreibt in seinem An einem Wintermorgen vor Sonnenaufgang – hier die ersten beiden Strophen:

O flaumenleichte Zeit der dunkeln Frühe!

Welch neue Welt bewegest du in mir?

Was ist´s, da ich auf einmal nun in dir

Von sanfter Wollust meines Daseins glühe?

Einem Kristall gleicht meine Seele nun, 

Den noch kein falscher Strahl des Lichts getroffen;

Zu fluten scheint mein Geist, er scheint zu ruhn,

Dem Eindruck naher Wunderkräfte offen,

Die aus dem klaren Gürtel blauer Luft

Zuletzt ein Zauberwort vor meine Sinne ruft.

Wer seine Seele, wie Mörikes lyrisches Ich, als einem Kristall gleich empfindet, wer, wie Rilkes lyrisches Ich, sich dessen bewusst ist, dass es duftet wie eine Wiese, dass es ein Herz hat, dass alle Sterne umfassen könnte – und vergessen wir nicht, unsere Heimatgalaxie, die Milchstraße umfasst allein mehr als 100 Milliarden Sonnen -, muss es dem nicht außerordentlich gut gehen? In der Tat scheint es der Liebenden doch bestens zu gehen, wenn da nicht von vorneherein die Konjunktive und das vielleicht wären, wenn des Kristalles Tiefe nicht als verdunkelt und stumm bezeichnet würde und wenn da nicht vor allem eine andere Person, wohl der Geliebte ins Spiel käme, den sie, und das ist die erste Aussage zu ihm, am liebsten gleich wieder losließe. Und auch im Fortgang bleibt dieser Geliebte anonym; nach dem Personalpronomen „ihn“, das ihm als Erstes genügen muss, bezieht sich die Liebende als Nächstes mit einem Demonstrativpronomen, einem kurzen, knappen „den“ auf jenen Mann, um den es ihr geht. Ist das nicht ein bisschen wenig, ein bisschen sehr dürftig? Warum bleibt er so unbenannt?

Allerdings gibt es noch andere Bilder bzw. Vorgänge, die auf ihn und die Liebe zu ihm verweisen:

Bevor von ihm die Rede ist, spricht die Liebende von ihrem Herzen, ihrem unfassbar großen Herzen, bevor – nur durch ein Semikolon, nicht einmal durch einen Punkt getrennt – ihr Sinnen zu ihm gleitet. Keine Frage, dieses große Herz, das muss mit ihm, mit der Liebe zu ihm zusammenhängen. Und es wird deutlich, dass das ganze Geschehen zuvor, alle Gefühle wohl mit ihm zu tun haben, das sanfte Erwachen, die Frage, bis wohin ihr Leben reiche – der Eindruck einer neuen Ausdehnung tut sich hier auf – und das Gefühl, alles sei so durchsichtig tief wie ein Kristall – eben aber auch verdunkelt, stumm.

Wir sehen, dieses morgendliche Sein ist nicht auf einer Ebene zu erfassen; da finden wir Andeutungen von großem Glück und großer Weite, neuer Ausdehnung; wir finden aber auf der anderen Seite auch Hinweise auf den Wunsch, ihn, den Geliebten, unmittelbar loszulassen, wir finden Unsicherheit artikuliert und den sicheren Eindruck, dass ihr Schicksal sie Fremd anschaue. Es folgt der wunderbare Vergleich mit einer duftenden Wiese, bevor in der letzten Strophe, diese innere Ungewissheit die Liebende wieder ergreift: Sie ruft, und zugleich ist ihr bange, daß einer den Ruf vernimmt.

Nanu, wer ist einer? Ist  das nicht der Geliebte, von dem vorher mittels Personal- und Demonstrativpronomen in der dritten und vierten Strophe die Rede war?

Hier ist es gerade mal noch einer, von dem die Rede ist. Fast könnte man meinen, es könne auch von irgendeinem die Rede sein. – Ist es derselbe wie oben? Kann der Bezug zu einem Menschen denn  noch indefiniter, unbestimmter sein?

Ein Liebesgedicht kann das vorliegende ja gewiss nicht mehr sein, oder? Denn zum Schluss ist von Untergang / in einem Andern die Rede, gar von einer Bestimmung der Liebenden dazu.

Absichtlich habe ich nicht von einer inneren Zerissenheit gesprochen, sondern von einer inneren Unsicherheit, denn eines steht fest: Die Ehrlichkeit der Liebenden ihrer Gefühls- und Herzenssituation gegenüber ist übergroß. Wenn jemand liebt, dann ist man gewohnt, dass sämtliche Himmelstore geöffnet sein wollen, Engel jubilieren natürlich, die Sterne feiern ein rauschendes Fest und alle Blumen lächeln.

Hier ist es ganz anders und ich möchte diesen Weg, mit der Liebe umzugehen, als einen wichtigen Weg bezeichnen. Hier kann von keiner Flucht in die Liebe die Rede sein, hier wird klar, welches Wagnis mit der Liebe einhergeht. Man mag als Leser dem nicht zustimmen, dass Liebe mit einem Untergang verbunden ist. Aber Rilke sieht es so. Das mag biographisch bedingt sein und auch mit vergangenen Erfahrungen zusammenhängen.

Rilke weiß um die Gefahren der Liebe, denken wir an die Zeilen aus einem Lied, das sich in den Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge findet, jenem Tagebuchroman, den er 1904 in Rom, noch ganz im Banne des ersten Pariser Aufenthalts von 1902/03 begann und dann 1908-1910 in Paris vollendete. Dieser Roman umfasst auch die Erfahrungen jener Zeit, in der die beiden mit „Die Liebende“ überschriebenen Gedichte verfasst sind. Und gerade gegen Ende jener Zeit entstand ja auch unser Gedicht hier.

In den Aufzeichnungen trifft Malte in Venedig eine unbekannte Schöne auf einer Gesellschaft, von der die Anwesenden wissen, dass sie dänische, italienische und deutsche  Lieder singen kann; die schöne Unbekannte lehnt ab, doch „sie war auf einmal neben mir. Ihr Kleid schien mich an, der blumige Geruch ihrer Wärme stand um mich.“ Dann aber – Malte ist enttäuscht – trägt sie doch ein Lied vor, ein italienisches; sie singt es allerdings mit Mühe. Malte will schon gehen. Auf einmal wird es jedoch still.Und nun erhebt sich die Stimme der Unbekannten:


Diesmal war sie stark, voll und doch nicht schwer; aus einem Stück, ohne Bruch, ohne Naht. Es war ein unbekanntes deutsches Lied. Sie sang es merkwürdig einfach, wie etwas Notwendiges.

Sie sang:

Du, der ichs nicht sage, daß ich bei Nacht

weinend liege,

deren Wesen mich müde macht

wie eine Wiege.

Du, die mir nicht sagt, wenn sie wacht

meinetwillen:

wie, wenn wir diese Pracht

ohne zu stillen

in uns ertügen?

                (kurze Pause und zögernd): 

Sieh dir die Liebenden an,

wenn erst das Bekennen begann,

wie bald sie lügen.


Wieder die Stille. Gott weiß, wer sie machte. Dann rührten sich die Leute, stießen aneinander, entschuldigten sich, hüstelten. Schon wollten sie in ein allgemeines verwischendes Geräusch übergehen, da brach plötzlich die Stimme aus, entschlossen, breit und gedrängt:

»Du machst mich allein. Dich einzig kann ich vertauschen. Eine Weile bist dus, dann wieder ist es das Rauschen, oder es ist ein Duft ohne Rest.

Ach in den Armen hab ich sie alle verloren,

du nur, du wirst mir immer wieder geboren:

weil ich niemals dich anhielt, halt ich dich fest.«

Niemand hatte es erwartet. Alle standen gleichsam geduckt unter dieser Stimme. Und zum Schluß war eine solche Sicherheit in ihr, als ob sie seit Jahren gewußt hätte, daß sie in diesem Augenblick würde einzusetzen haben.

Hier singt eine Frau, eine Sängerin, für ihn, für Malte Laurids Brigge, jenen Mann, der die Liebe sucht, gegen Ende der Tagebuchaufzeichnungen immer intensiver auch die Liebe zu Gott, wobei menschliche und göttliche Liebe, die Liebe des Menschen für einen Menschen und die Liebe des Menschen zu Gott ineinander übergehen, eine Weise zu lieben, wie wir sie auch bei Hölderlin, Mörike und bei Goethe – verwiesen sei beispielhaft auf dessen Marienbader Elegie – finden.

Verwandte Motive zwischen umserem Gedicht und der Textstelle aus dem Malte Laurids Brigge sind unverkennbar, ist doch von ihrem blumigen Geruch die Rede und von anhalten, von halten, von dem übergroßen Wunsch nach Liebe und dem Wissen um eine mit ihr verbundene Gefahr.

Fast klingt es wie DIE mögliche Lösung:

weil ich niemals dich anhielt, halt ich dich fest.

In unserem Gedicht ist davon nicht die Rede, zum Schluss bleiben die Worte haften vom Untergang in einem Andern.

Zu Rilkes Zeit wurde – nicht wie in der neuen deutschen Rechtschreibung mittlerweile erlaubt – der Andere nicht unbedingt großgeschrieben. In diesem Gedicht ist von diesem Andern die Rede, in Großschreibung.

Zumindest stellt sich die Frage, ob das Denken und Fühlen der Liebenden nicht hineingleitet in die Liebe zu Gott,  zu unvermittelt ist auf einmal von ihm die Rede, nicht von ihm oder dem, sondern von einem Andern. Wir wissen es nicht, doch das Denken und Fühlen Rilkes zu jener Zeit, seine Gedanken in den Aufzeichungen des Malte Laurids Brigge könnten es vermuten lassen.

Ein Gedicht stellt immer die Frage nach dem Zusammenhang von Form und Inhalt. Zeigt sich die Gefühlssituation der Liebenden, die man kaum auf einen Nenner bekommen kann, die Grenzenlosigkeit ihres Herzens, die Unendlichkeit, unter der sie sich gelegt fühlt (wer eigentlich hat sie dahin gelegt?!) in der äußeren Form wieder?

Ja und nein. Ja, denn ein ganz normaler Kreuzreim kennzeichet die Reimform, es alternieren auch brav männliche und weibliche Endungen; die Einteilung in Strophen zu je vier Versen ist auch keineswegs extravagant ebenso wenig wie die nie unterbrochene Aussage des lyrischen Ichs, auch sind die Reime in der Mehrzahl reine Reime. Doch das ist nur eine Seite. Immerhin finden wir in einer, und zwar gleich der ersten Strophe, fünf Verse, der dritte Vers ist eingefügt, die Reimendung schweben ist eine Waise.  Des Weiteren finden wir recht viele Enjambements, also Zeileninhalte, die über deren Ende hinausdrängen, auffallend sogleich zu Beginn und ganz am Ende des Gedichts; zweimal drängt der Inhalt sogar über das Strophenende hinaus. Ein erkennbares Metrum liegt nicht vor; ja, wir finden Sätze, in Zeilen gebrochen, rhythmische Prosa. Auffallend sind die anaphorischen Ich am Strophen- bzw. Versanfang, weitere parallele Gestaltungen anaphorischer Natur in so groß / (…) so gern, die zum Teil elliptisch verkürzten Formulierungen, u.a. zu Beginn der letzten Strophe, Alliterationen wie so sanft, mich mein Schicksal oder wie eine Wiege; das ist Rilke- Melodik auf der einen Seite, auf der anderen aber gibt es Stellen, die dem Wunsch nach einer einfachen Rezeption zuwiderlaufen, so das hart formulierte unmittelbare verdunkelt, stumm oder die auffallende Schreibung von niebeschrieben und Andern.

Letztendlich enspricht hier Formales durchaus dem Inhalt: Da geht es um etwas, was doch jeder als etwas für sich Vertrautes reklamiert, um die Liebe; dann aber finden wir Gedanken, die mehr oder weniger leise, den ein oder anderen vielleicht sogar laut irritieren. Auch die Abfolge der Gedanken lässt keine innere Liebes-Ruhe aufkommen, ein liebreizendes Liebes-Gedicht liegt eben nicht vor. Schaut man allein die Inhalte der zweiten Hälfte des Gedichtes an, so folgt doch ein ungewöhnlicher Gedanke auf den anderen. 

Nein, „Die Liebende“ macht es uns nicht einfach, weil sie es selbst sich nicht einfach macht.

Nein, auch Rilke macht es sich nicht einfach, kennt er doch den Alltag der so genannten Liebe; wir finden ihn auch in den Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, wenn es über seine Beobachtungen der Menschen in Venedig heißt:

Nicht mehr neue Eheleute , die während der ganzen Reise nur gehässige Repliken für einander hatten, versinken in schweigsame Verträglichkeit; über den Mann kommt die angenehme Müdigkeit seiner Ideale, während sie sich jung fühlt und den trägen Einheimischen aufmunternd zunickt mit einem Lächeln, als hätte sie Zähne aus Zucker, die sich beständig auflösen. Und hört man hin, so ergibt es sich, dasß sie morgen reisen oder übermorgen oder Ende der Woche.

… aber ein zuckersüßes Lächeln kann nie schaden, trotz baldiger Abreise. Man fühlt sich bei Rilkes Zeilen an das Ehepaar Kästners aus der Sachlichen Romanze erinnert, von dem es heißt:

Als sie einander acht Jahre kannten

(und man darf sagen: sie kannten sich gut)

kam ihre Liebe plötzlich abhanden.

Wie anderen Leuten ein Stock oder Hut.

Nein, wie gesagt, „Die Liebende“ macht es uns nicht einfach, weil sie es selbst sich nicht einfach macht.

Es geht ja auch um viel, eigentlich um alles: um die Liebe.

Rilke ist sich dessen bewusst.

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4 Antworten zu Durch das Fenster seiner weiblichen Seite: Rainer Maria Rilke auf den Spuren der Liebe in „Die Liebende“

  1. Gefrorene Zeit schreibt:

    Danke für diesen sehr interessanten Artikel, Rilke bedeutet mir sehr viel! :)

    Ebensosehr würden mich auch Deine Gedanken zur 9. Duineser Elegie interessieren, darf man darauf hoffen? ;)

  2. Danke für Dein Kompliment. Ja, es ist eine Freude, sich mit Rilke beschäftigen zu dürfen. Es gibt selten so viel Innerlichkeit, die so berührt …
    Wenn ich je zur 9. Duineser Elegie kommen sollte und ich dran denke, geb ich Dir gern Bescheid, aber – ehrlich gesagt – stehen die Chancen nicht so gut; ich hab noch so viel Anderes vor :-))
    Aber wer weiß …
    Auf jeden Fall liebe Grüße!

  3. freudefinder schreibt:

    wie schön ein altes Gedicht hier wieder zu finden, das ich mal auswendig konnte…..

  4. Schön, dass ich zum Freudefinden beitragen durfte :-))

    Liebe Grüße,
    Johannes

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