Heilung durch Liebe. – Die ganze Wahrheit über das Rapunzel-Märchen.

Du weißt, liebe Leserin, lieber Leser, wie es Rapunzel ergangen ist: Sein Herz war voller Liebe zu dem Königssohn, und weil es vor Liebe überfloss, ließ es alle Vorsicht fahren und plauderte der Hexe sein zärtliches Geheimnis aus: sein Geliebter besuche sie jeden Abend, und er sei leicht wie eine Feder, sie aber, die Hexe, so schwer wie zwei Kartoffelsäcke; über den Geliebten würden sich seine Haare freuen; er dürfe gern an ihnen aufsteigen; über sie und ihre grässlichen Klammergriffe aber würden sie nichts als jammern.

Die Hexe aber war weniger zornig über die Tatsache, dass hinter ihrem Rücken ein Königssohn dieselbe Leiter benutzt hatte wie sie; in Wirklichkeit ärgerte sie sich maßlos über den Vergleich mit den Kartoffelsäcken: „Warte nur, Rapunzel, das zahle ich Dir heim!“

Als nun der Königssohn an den Haaren Rapunzels wieder zum Turmfenster hinaufgelangt war, brauchte sie ihn einfach nur anzusehen, war doch schon ihr normales Gesicht voller schrecklichem Hass. Der Königssohn, der geglaubt hatte, nun das liebe Gesicht seines Rapunzel zu sehen, erschrak fürchterlich, so dass er vor Schreck aus dem hohen Turmfesterchen sprang, mitten in eine Dornenhecke hinein, wobei er sich so sehr die Augen verletzte, dass er auf der Stelle erblindete.

Die Hexe aber konnte nun mit Rapunzel tun und lassen, was sie wollte. So rollte sie das Mädchen in ihren Zauberteppich ein und schickte alle Drei auf die Reise in die Einöde einer Wüstenei am Ende der Welt.

Alle Drei, fragt ihr?

Ja, die Liebe der beiden, von Rapunzel und dem Königssohn hatte schon Früchte getragen. Im Schoß Rapunzels wuchsen zwei kleine Zwillinge heran, Röschen und Rosenrot.

Rapunzel aber wusste, dass es seine Kinder – es ahnte schon um die zwei – allein würde erziehen müssen. Keinen Laut mehr hatte es von seinem Geliebten vernommen; so dachte es, er sei tot.

Das dachte die Hexe auch. Wie erstaunt aber war sie, als sie die Stimme des Königssohnes unter einem Dornengestrüpp vernahm. Noch viel erstaunter aber war sie, dass dieser nicht über seinen schmerzenden Körper oder sein verlorenes Augenlicht jammerte, auch nicht, dass er fortan blind durch die Gegend tappen musste; nein, der Königssohn weinte und klagte allein um den Verlust seines geliebten Rapunzels. Um das Gestrüpp herum sah die Hexe die Rehe des Waldes stehen, die mit dem Königssohn weinten; die Bäume bogen ihre Kronen zu ihm hin; Eulen, Tauben und Rotkehlchen saßen auf Büschen und Baumästen und alle weinten leise mit. Nur eine Nachtigall erhob des Nachts ihre Stimme und wollte nicht aufhören davon zu singen, dass alles gut würde. So blieb dem Königssohn ein kleiner Hoffnungsschimmer.

Die Hexe aber war fassungslos über so viel Liebe. Wie konnte ein Mensch so lieben, dass er sein eigenes Leid vergaß und nur an die Geliebte dachte! Sie beauftragte einen Kobold, den Königssohn zu einer Schlucht zu locken; das tat dieser auch. Alle Tiere, die ihn umgaben, versuchten vergeblich ihn zu warnen, glaubte der Königssohn doch, in der Nähe seines Rapunzels zu sein. So stürzte er eine steile Wand hinunter. Furchtbar schlug er in der Schlucht auf. Sein Blut floss aus einer Kopfwunde. Doch was die Hexe noch fassungsloser machte, war, dass jeder Tropfen Blut von der Liebe zu Rapunzel sang. So kam es, dass der Strom von Blut der Hexe wie ein gellender Gesang vorkam. Flugs sann sie auf einen ganz und gar tödlichen Anschlag. Als sie aber fort war, kamen Zwerge aus den Felsen der Schlucht und verbanden den Königssohn. Ein Bär schulterte ihn vorsichtig und trug ihn nach oben und ein Einhorn berührte ihn, so dass sich seine Wunde schloss; sehen aber konnte er nicht, nur singen und rufen nach seinem Rapunzel.

Die Hexe aber rief die giftigste Natter, die sie kannte, herbei und beauftragte sie, ihr ganzes Gift mit einem Biss in die Ferse des Königssohnes zu entladen. Das wollte die giftige Schlange auch tun. Als sie sich aber dem Königssohn näherte, kam sie kaum mehr vorwärts. Denn diesen umgab seine Liebe zu Rapunzel, durch diese aber kam die giftige Schlange nicht hindurch. Die Hexe aber schalt sie furchtbar. “Dann“, so sprach sie, „muss ich ihn eben selbst umbringen. Wenn ich ihn berühre, bleibt sein Herz für immer stehen.“

Das tat sie auch; doch kaum hatte sie den Königssohn berührt, da schlug ihr eigenes Herz wie rasend und es bat sie: „Berühre den Prinzen noch einmal, dann wird es geschehen.“ „Gut“, dachte die Hexe, „dann soll er also erst bei der zweiten Berührung sterben, mir auch recht.“ Und sie berührte den Prinzen noch einmal.

Mit einem Mal aber war es ihr, als falle ein Felsbrocken von ihrem Herzen und als fließe zum ersten Mal Blut durch dessen Kammern hindurch. Sie erkannte auf einmal die Schönheit des Prinzen und die Liebe, die ihn umfloss. Sie hörte, wie sein Herz mit dem Herzen von Rapunzel sprach und sie wusste, dass diese beiden Herzen niemals aufhören würden, miteinander zu sprechen. Sie spürte, dass die beiden trotz ihres Getrenntseins glücklich waren. Und auf einmal wusste sie dank ihres neuen Herzens, dass auch sie das größte Glück der beiden wollte. Sie rief ihren Zauberdrachen, heilte ihn von seinem todbringenden Hass durch die Liebe, die ja nun auch durch sie floss, so dass es ein Glücksdrachen wurde, und sie bat ihn: „Hole Rapunzel.“

Und ehe sie sich’s versehen hatte, stand Rapunzel vor ihr, an der linken Hand hielt es Rosenrot, an der rechten Röschen. Alle drei aber beugten sich über ihren Mann und Vater und mit ihren Tränen netzten sie seine Augen, die auf einmal all ihr Glück sehen konnten. Dazu aber sang leise eine Nachtigall.

Die Hexe aber konnte dieses neue Glück kaum fassen, das doch auch ihr Glück war, und sie dankte mit heißem Herzen dem Königssohn, dass seine Liebe ihr Herz geheilt hatte.

Alle Fünf und alle ihre lieben Begleiter, Tiere, Pflanzen, und Bäume leben noch heute und gerade heute und heilen Menschen, die heilen Herzens sein wollen. 

ursprünglich veröffentlicht in Ethikpost

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Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen. Mein Interesse gilt den Mythen und der Literatur, spiegelt sich doch in ihnen die Entwicklung des Menschen: Ohne den Prometheus in uns kommen wir nicht zu einem selbständigen Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen, eher vielleicht ein Bewusstseinsakt als ein Verbrechen, stehen beide doch für eine Weise menschlicher Entwicklung. Manche unter uns mögen mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival unterwegs sein. Philosophen und Dichter früherer Zeiten hatten ein sehr hohes spirituelles Bewusstsein, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante, Goethe, Schiller oder Hölderlin hießen; in neuerer Zeit gilt das u.a. für Nietzsche, Trakl, Hofmannsthal, Rilke und Michael Ende. Viel von deren Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet, sicherlich eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte. Die Auseinandersetzung und Beschäftigung mit den Gedanken der oben Angesprochenen kann uns bereichern und Verschüttetes ins Bewusstsein rufen. Manches kann unseren Lebensweg wesentlich beeinflussen.
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