Von einem heiligen Raum, der wartet, bis wir eintreten: Georg Trakls „Ein Winterabend“.

12 Zeilen, die eine Welt bedeuten.

Sie finden sich auf einem Briefumschlag, den Trakl am 13. Dezember an Karl Kraus verschickt. In diesem Brief schreibt er in Bezug auf sich von „rasender Betrunkenheit und verbrecherischer Melancholie“.

Wenn man Ein Winterabend liest, mag man nicht vermuten, dass hier sich ein Mensch äußert, der ohne jegliche Hoffnung lebt und, wie es beispielsweise bezeugt ist, nach einem Streitgespräch in die stürmische Winternacht hinaus und weiter stürmt längs des Bahndamms nach seinem Wohnort, nach Insbruck. Unterwegs verliert er vor Trunkenheit die Besinnung, fällt in den Schnee und wird am Morgen gefunden. Er überlebt ohne Krankheit.

Kommt die religiöse Symbolik in „Ein Winterabend“ von ungefähr? Wie kann einer, der so exzessiv Drogen konsumiert, so etwas schreiben? – Oder vielleicht gerade deshalb?

Ein Militärarzt diagnostiziert gegen Ende seines Lebens Schizophrenie. Ein Wunder angesichts der Erlebnisse um die Schlacht von Grodek, die Trakl nie überwand?

Ein Wunder angesichts seines – fast möchte man sagen – lebenslangem Drogenkonsum?

Hat ein liebendes Schicksal diesen Mann in den Tod geholt, in Morpheus´ Arme mit Hilfe einer Überdosis Kokain, einen Mann, der noch kurz vor seinem Tod die Schlacht von Grodek mit Hilfe des gleichnamigen Gedichtes Grodek zu verarbeiten sucht:

Am Abend tönen die herbstlichen Wäder
Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
ihrer zerbrochenen Münder.
(. . .)

Tatsache ist, in vielen Trakl-Gedichten überrascht uns immer wieder ein anderer Ton, manches auch kehrt wieder.

Doch jener in Ein Winterabend ist einmalig. Es gibt nur wenige Gedichte in deutscher Sprache, die in dieser Dichte eine Welt gestalten, ja, ich möchte sagen: den Sinn des Lebens.

Wenn der Schnee ans Fenster fällt,
Lang die Abendglocke läutet,
Vielen ist der Tisch bereitet
Und das Haus ist wohl bestellt.

Mancher auf der Wanderschaft
Kommt ans Tor auf dunklen Pfaden.
Golden blüht der Baum der Gnaden
Aus der Erde kühlem Saft.

Wanderer tritt still herein;
Schmerz versteinerte die Schwelle.
Da erglänzt in reiner Helle
Auf dem Tische Brot und Wein.

In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten.

An diese Worte Jesu, mit denen er seine Jünger im Bewusstsein seines nahenden körperlichen Todes tröstet, denke ich, wenn ich die erste Strophe lese. Wie im Himmel, so auf Erden, so heißt es im Vater unser, und in der Tabula Smaragdina des Hermes Trismegistos lautet ein wichtiger Satz: Wie oben so unten.

Im Himmel und auf der Erde gibt es Vater, Mutter, Sohn, hier wie dort gibt es Wohnungen und Räume.

Und Tische, die bereitet sind.

Für viele.

Nicht für alle.

In der zweiten Strophe ist nur noch von Manche(m) die Rede; in der letzten gar nur noch von einem einzigen Wanderer. Und ihm wird nicht einmal ein Artikel, ein Begleiter beigesellt: Nein, er kommt ganz allein: Wanderer tritt still herein

Seltsam, allerdings folgerichtig und nur zu wahr.

Wir wissen aus der Türhüterlegende Franz Kafkas: Für jeden gibt es eine Tür. Jeder kommt zu seiner Tür. Viele treten nicht ein in ihre Tür, die nur für sie bestimmt ist. Sie sterben, wie Josef K. in Kafkas Prozess. Zu beschwerlich ist der Weg für manchen, zu schmerzlich; mancher weicht lieber dem Weg, also seiner eigenen Realität aus. So groß ist das Elend, der Schmerz, dass sich eine Schwelle – wir lesen davon in der dritten Strophe – versteinert. Dem kann man schon ausweichen wollen.

Doch all das wird den, der auf dunklen Pfaden seinen Weg geht, einmal Vergangenheit sein. Denn das Verb versteinerte – wie wir ebenfalls lesen – ist das einzige des ganzen Gedichtes – kein Zufall -, das in der Vergangenheitsform steht.

Einmal ist aller Schmerz Vergangenheit. Die versteinerte Schwelle ist Symbol eines Schmerzes, der hier seinen Niederschlag gefunden hat und keine Wirkung mehr hat. Einmal ist er überschritten: jetzt!

Noch sind wir in der ersten Strophe; der vierhebige Trochäus nimmt uns auf und geleitet uns sicher durch die erste Strophe. Und das erste Wort, die Konjunktion „Wenn“, weist auf einen Zeitpunkt hin, wenn das Folgende geschieht.

Oder signalisiert dieses Wenn eine Bedingung? Ist, dass Schnee fällt und die Abendglocke lang läutet, eine Bedingung für das folgende Geschehen?

Mir scheint es so; eher ist es eine Bedingung, eine Voraussetzung: Wenn der Schnee an Fensterscheiben fällt, dann erinnert das uns an wohlige Wärme. Und es ist eine festliche Stimmung, denn die Abendglocke läutet.

Wenn ein Wort im Satzbau so verändert gesetzt wird, dass seine Stellung auffällt, nennen Lyrikinterpreten das eine Inversion.

Eigentlich müsste der Satz ja lauten: Wenn der Schnee ans Fenster fällt, läutet die Abendglocke lang. Aber Trakl zieht das Lang vor; so bekommt es ein eigenartiges Gewicht und diese beiden langen A-Vokale in Lang und Abendglocke bewirken zudem eine Stimmung, die diese erste Strophe kennzeichnet:

Dieser Abend mit seinem Glockenläuten und dem Schnee von oben, ist eine gesegnete Zeit: Der Tisch ist bereitet; das Haus ist wohlbestellt.

Und er bereitet vor mir einen Tisch, im Angesicht meiner Feinde.

Das sind Worte aus einem Psalm Davids, dem 23. Psalm, der beginnt: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln …

Wer weiß, in welcher Situation David ihn sang, weiß diese Worte zu schätzen. Dieses Vertrauen darin, dass es eine Wohnung mit einem Tisch in einem Haus gibt, das bereitet ist: Dem dürfen wir vertrauen.

Das ist sicher. Der Trochäus ist ein ganz sicher schreitender Versfuß. Er lässt keine Zweifel aufkommen.

Nun aber blenden wir in die Nacht. Nein, stimmt, es muss nicht Nacht sein, wenn die Pfade dunkel sind; sie können es auch im übertragenen  Sinne sein. Die Pfade jedenfalls, auf denen nur noch Manche kommen – einige müssen doch zurückgeblieben sein – sind unbeleuchtet. Und wir entnehmen erst der dritten Strophe, dass Schmerz im Spiel sein muss – und zwar vermutlich eine ganze Menge, zu sehr weist uns die Härte der Schwelle auf die Härte der Schmerzexistenz.

Diese zweite Strophe besteht aus zwei Sätzen, die jeweils mittels eines Enjambements in ihren zweiten Vers gelangen. Dunkel wirkt alles auf mich im ersten Satz das vermittelt auch das dominante o in Kommt und Tor; die dunklen Pfade tun ihr Übriges.

Umso mehr überrascht der Baum, der blühende Baum – im Winter … ! Und er blüht golden. Ein Baum der Gnaden.

Kunstvoll sind die Alliterationen gesetzt, die Anfangs-G-Laute von Golden und Gnaden und blüht und Baum. Immer, wenn so etwas auftaucht, dann schwingt etwas in uns, resoniert.

Gold war für Goethe ein Symbol der Ganzheitlichkeit: mehr geht nicht. Ein Baum, der golden blüht, der golden blühend uns am Tor begrüßt: Was für ein Empfang! Was für eine Symbolik.

Wenn wir überlegen, was und wie viel uns in den bisherigen acht Zeilen begegnet ist, dann erahnen wir, warum ein Dichter so genannt wird: Wie sehr hat Georg Trakl hier ein bedeutsames Geschehen verdichtet!

Ich finde es überflüssig zu spekulieren, was der Erde kühler Saft und der golden blühende Baum sein könnten. Gelesen habe ich in einer Interpretation, der Erde kühler Saft sei Wein, was plausibel klingt, hat doch Trakl immer wieder ziemlich gezecht. – Aber mit Verlaub, das tut weh, so eine 1=1-Setzung. Der Erde kühler Saft und der golden blühende Baum sind das, was man Chiffren nennt, Bilder, die etwas zum Ausdruck bringen wollen, wofür unsere Sprache keine angemessenen Worte hat. Eine Chiffre ist z.B. die Schwarze Milch der Frühe in Paul Celans Todesfuge, die das namenlose Leid der Juden in Ausschwitz zum Ausdruck bringen soll.

Vielmehr, wenn ich eine Deutung des kühlen Saftes der Erde versuchen will, dann ist damit eine Kühlung für eine Seele, die in ihren Exzessen, in ihrer übergroßen Sensibilät keinen Aggregatzustand der Ruhe finden konnte, gemeint. Und diese Kühlung, diese Linderung kann nur Mutter Erde bringen.

Für Trakls Seele mochte damit die Hoffnung auf einen Heiltrank der Großen Mutter, die unser alles Mutter ist, gemeint sein. Dem, der es braucht, gibt sie eine warme Quelle, Trakl kühlen Saft.

Oft ist ein Baum Symbol des Menschen, in den Upanishaden ist es so, in der Bibel kommt er so vor, bei den Germanen ist Yggdrasil, die Weltenesche, der Ich-Träger, großes Symbol des großen Menschen, des Gottes Anthropos, wie ihn die Griechen nennen, des Urwesen Mensch.

Welcher Mensch hat nicht tief in seinem Inneren ein Sehnen danach, dass er als Baum, dass sein Baum golden blühen möge …

Jedenfalls beginnt nun für den Wanderer die Still-Zeit; still tritt er ein.

Unsere erste stille Zeit ist die Zeit, in der uns unsere Mutter stillt.

Nicht von ungefähr liegt in der stillen Nacht, in der heiligen Nacht eine tiefe Stille über der Erde. Immer wieder bin ich, wenn ich am Weihnachtsabend auf dem Balkon stehe, fasziniert, welche Stille über der Erde liegt. Sie ist förmlich mit Händen zu greifen, sie hat für mich fast physische Substanz.

Es ist jene Zeit der Stille, in der eine liebende Mutter, Gaia, die Große Mutter, ihre Kinder zur Ruhe bringt, stillt.

In der sie dem Vater die Hand gibt, und beide nur einen Wunsch haben: Frieden auf Erden für ihre Kinder.

Dies geschieht in der dritten Strophe. In ihr sitzen unsichtbar sichtbar ein liebender Vater und eine liebende Mutter mit ihrem Kind, das heimgekehrt ist, am Tisch.

Ein Tisch ist Symbol der Familie. Hier hat jeder seinen Platz.

Nun, in der dritten Strophe, sind das Kind, der Sohn, die Tochter heimgekehrt.

Brot und Wein können gar nicht anders: Sie erglänzen in reiner Helle.

In diesem Haus, von dem in der ersten Strophe die Rede war und ist, wartet ein Platz am Tisch auf uns, auf Dich, auf mich.


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2 Antworten zu Von einem heiligen Raum, der wartet, bis wir eintreten: Georg Trakls „Ein Winterabend“.

  1. Ulrich Schönberger schreibt:

    Lieber Herr Klinkmüller,

    bei der Suche nach Reinhold Schneiders „Nur den Betern kann es noch gelingen“ bin ich über Ihren Blog gestolpert.
    Der finstere Trakl, den ich dann gleich an der Seite fand, hat mich immer fasziniert und ist doch so schwer zu verstehen.
    Kann man es aber nicht auch einfacher sehen? Trakl beschreibt den Weihnachtsabend, der so viele ruft die frohe Botschaft anzunehmen, dem so wenige folgen, und an dem sich schließlich nur ein verirrter Wanderer in der Kriche findet. Auf dem Tisch – dem Altar – Brot und Wein als Kern der Wandlung?
    Der Wanderer auf dunklen Pfaden ist auch ein Suchender, wie Trakl, oft verzweifelt. weil er den Weg verloren hat. Die Pfade sind Dunkel, nicht die hell erleuchteten, auf denen die Vielen gehen. Dunkel sind vielleicht auch die Gestalten die sich dort finden, und doch ist es einer von Ihnen, der schließlich den Weg findet.

    Das ist zugegeben eine aus der Hüfte geschossene Interpretation, die Ihrer wissenschaftlichen Tiefe entbehrt.

    Gerne würde ich der Dordogne Grüße ausrichten. Am Wochenende starte ich mit meinem großen Sohn eine Wanderung durch die Auvergne, Wir werden bei Mont-Dore auch die Dordogne überqueren, ich meine sogar, sie entspringt dort.

    Mit den besten Grüßen aus Creglingen

    U. Schönberger

  2. Lieber Herr Schönberger,

    danke für Ihren Kommentar.
    Ich finde, Ihre Sicht unterscheidet sich kaum von der meinen, schließlich ist Weihnachtsabend nicht nur der 24. Dezember, sondern immer dann, wenn man zu jenem Kind in der Krippe einkehrt, ein Kind, das in jedem von uns ist – wir müssen es nur ent-decken.

    Ich hoffe, Sie haben der Dordogne Grüße ausgerichtet und Ihr Urlaub, Ihre Wanderung war schön. Man bringt ja immer einen Rucksack voller Erinnerungen mit zurück, von denen die Seele noch lange zehrt.

    Liebe Grüße und einen schönen Spätsommer wieder zu Hause,
    Johannes Klinkmüller

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