Und im Innern weint ein Quell! – Schicksalhaft verloren durch die Liebe. Rainer Maria Rilkes Gedicht „Eros“.

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Selten hat mich eine Gedichtzeile sofort so angesprochen wie die letzte aus Rainer Maria Rilkes im Februar 1924 verfasstes Gedicht Eros, gestaltet in durchgehend reinen Kreuzreimen und fünfhebigem Trochäus, der keine Wahl lässt:

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Masken! Masken! Dass man Eros blende.
Wer erträgt sein strahlendes Gesicht,
wenn er wie die Sommersonnenwende
frühlingliches Vorspiel unterbricht.

Wie es unversehens im Geplauder
anders wird und ernsthaft…Etwas schrie…
Und er wirft den namenlosen Schauder
wie ein Tempelinnres über sie.

Oh verloren, plötzlich, oh verloren!
Göttliche umarmen schnell.
Leben wand sich, Schicksal ward geboren.
Und im Innern weint ein Quell.

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Es ist, als ob da einer stünde, der, selbst aus Erfahrung wissend, Zeuge wird, wie Eros wieder einmal zwei Liebenden zum Schicksal wird, die beide anonym bleiben, weil es nicht um eine konkrete Beziehung zweier Liebender geht, sondern um ein Geschehen, wie es immer und immer wieder zum Ereignis wird.

Wie dringlich, fast wie ein Hilferuf: Masken! Masken!

Nicht einmal Zeit für einen Hauptsatz. Ein Nebensatz, nur die Absicht vermittelnd: Dass man Eros blende!

Zu spät. –  Der Dichter weiß: Dieses strahlende Gesicht des Gottes, sein Eingreifen, der Macht der Sommersonnenwende gleich, die ein magischer Moment im Jahresablauf ist, Menschen schon immer fasziniert hat und sie diesen Moment feiern, die Johannisfeuer lodern ließ, lässt Geplauder unversehens anders und ernsthaft werden.

Masken hätten vielleicht vor den Blicken von Eros schützen können. 

Nun schreit etwas von ferne. 

Ist es das Schicksal, just in diesem Moment geboren, wo Eros den namenlosen Schauder über die Liebenden wirft?

Vor dem Tempel, da ist frühlingliches Vorspiel. 

Doch wenn Eros wirkt, dann befindet man sich in einem Inneren, das einen Raum entfaltet, dem man nicht mehr entweicht.

Tempelinnres hat Unausweichliches.

Oh verloren – und noch einmal betont: oh verloren!

Was fehlt, ist das Objekt. Wer oder was ist verloren?

Was grammatikalisch fehlt, fehlt auch existentiell.

Vielleicht aber fehlt auch nicht etwas Bestimmtes, sondern der, der so dringlich nach Masken rief, empfindet den Zustand als ein großes Verloren-Sein.

Die letzten beiden Verse: schon im Präteritum.

Erinnern wir uns an das Präsens des Beginns. Präsenter kann ein Augenblick kaum sein: ausgesetzt dem strahlenden Gesicht von Eros.

Plötzlich aber gilt: verloren.

War da ein Moment der Entscheidung?

Eher nicht, denn: Göttliche – Eros ist einer von ihnen – umarmen schnell!

Im Inneren: eine Quelle.

Auf einmal ist sie da, ganz am Schluss, und doch so im Zentrum.

Mit einem schlichten Und angeschlossen. 

Zugleich ist diese letzte Zeile als einziger Vers vierhebig. 

Fast wie ein Ausrufezeichen.

Weil ihr Sein, das Sein der Quelle, so wichtig ist?

Weil sie das Wesen der Liebe ist?

Vielleicht sind ihre Tränen heilsam.

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