Welch zärtlich melancholischer Ton voller Liebe in C.F. Meyers Gedicht „Stapfen“

Conrad Ferdinand Meyers Gedicht Stapfen ist eines meiner Lieblingsgedichte. Es ist mit solch zarter Hand, so aus Liebe und innerem Bedürfnis fließend geschrieben, dass man ihm nicht anspürt, dass es fünf Stufen der Veränderung durchlaufen hat, bis es Meyer 1882 in seiner sechsten Fassung veröffentlicht. Es steht in seiner Gedichtsammlung, die er nach der Anzahl der Musen in neun Abschnitte gegliedert hat, im fünften Abschnitt und damit genau in der Mitte der Sammlung.

Wie im Gedicht selbst ist in der Gedichtsammlung der Hinweg zur Hälfte gegangen, nun, mit dem Gedicht Stapfen beginnt sozusagen der Rückweg; das Gedicht wird deutlich machen, was ich meine.

Übrigens ist jener fünfte Abschnitt der Gedichtsammlung überschrieben mit Liebe, und von einer wunderbar zärtlichen handelt

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Stapfen

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In jungen Jahren war’s. Ich brachte dich

Zurück ins Nachbarhaus, wo du zu Gast,

Durch das Gehölz. Der Nebel rieselte,

Du zogst des Reisekleids Kapuze vor

Und blicktest traulich mit verhüllter Stirn.

Nass ward der Pfad. Die Sohlen prägten sich

Dem feuchten Waldesboden deutlich ein,

Die wandernden. Du schrittest auf dem Bord,

Von deiner Reise sprechend. Eine noch,

Die längre, folge drauf, so sagtest du.

Dann scherzten wir, der nahen Trennung klug

Das Angesicht verhüllend, und du schiedst,

Dort wo der First sich über Ulmen hebt.

Ich ging denselben Pfad gemach zurück,

Leis schwelgend noch in deiner Lieblichkeit,

In deiner wilden Scheu, und wohlgemut

Vertrauend auf ein baldig Wiedersehn.

Vergnüglich schlendernd, sah ich auf dem Rain

Den Umriss deiner Sohlen deutlich noch

Dem feuchten Waldesboden eingeprägt,

Die kleinste Spur von dir, die flüchtigste,

Und doch dein Wesen: wandernd, reisehaft,

Schlank, rein, walddunkel, aber o wie süß!

Die Stapfen schritten jetzt entgegen dem

Zurück dieselbe Strecke Wandernden:

Aus deinen Stapfen hobst du dich empor

Vor meinem innern Auge. Deinen Wuchs

Erblickt ich mit des Busens zartem Bug.

Vorüber gingst du, eine Traumgestalt.

Die Stapfen wurden jetzt undeutlicher,

Vom Regen halb gelöscht, der stärker fiel.

Da überschlich mich eine Traurigkeit:

Fast unter meinem Blick verwischten sich

Die Spuren deines letzten Gangs mit mir.

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Seltsam zeitlos, wie in einer eigenen Welt geschehend, wirkt das Gedicht; da ist von keinem Tag, keinem Monat, keinem Jahr die Rede, selbst Orte sind nicht benannt, nur jenes Nachbarhaus ist erwähnt, zu dem das lyrische Ich seine wohl junge Begleiterin bringt. Es ist, als ob das Gedicht und sein Geschehen im Verborgenen bleiben möchten, nicht einer Realität ausgesetzt, die sich an Fakten misst. Als ob der Leser gebeten wird, es ganz zärtlich zu behandeln, als einen kostbaren Schatz der Erinnerung.

Natur ist hier weit mehr als Kulisse; sie hüllt das Geschehen und das gemeinsame Gehen der beiden ein, als ob es nur diesen Wald mit seinem feuchten Waldboden gäbe; eine Welt für sich.

Sie, von deren Lieblichkeit er wohl nicht genug bekommen kann, spricht von einer Reise und einer längeren noch. Und hier – ich erinnere mich, dass es mir schon beim ersten Lesen so ging – kommt ein seltsames Ahnen auf.

Wie Conrad Ferdinand Meyer den Rückweg gestaltet hat, das finde ich unnachahmlich gemacht. Die Stimmung verändert sich vom leisen Schwelgen zur Traurigkeit, die den Mann überkommt; die Stapfen auf dem Rückweg wirken wesenhaft in ihrem Entgegenkommen, das geliebte Wesen erhebt sich aus ihnen empor, so sanft ersteht die junge Frau vor dem inneren Auge des Mannes mit ihres Busens zartem Bug, so hingebungsvoll einfühlsam, wie er sie und ihr Wesen beschreibt, wandernd, reisehaft, schlank, rein, walddunkel.

Eine Begegnung mit ihrer Traumgestalt. – Es wird die letzte sein.

Wie dann die Stapfen undeutlicher werden, wie der Regen – und auch das ist voller Symbolik – stärker fällt und sich – und der Leser sieht es mit den Augen des Schreibenden und Schreitenden – die Spuren verwischen, so dass klar wird, diese letzte große Reise der Gefährtin, von der sie sprach, ermöglicht kein Wiedersehen: Das ist unnachahmlich gestaltet. Unendlich fein ziseliert in den Stimmungen und auch in der Form so kunstvoll:  

Der fünfhebige Jambus als Blankvers, als reimloser Zeilenstil, die zahlreichen Enjambements, also Zeilensprünge, die mitsamt den Inversionen einen fließenden und doch immer wieder leise Einhalt gebietenden Fluss gewähren – das ist hohe dichterische Kunst, wie sie so eindrücklich Conrad Ferdinand Meyer in seinen Gedichten bisweilen gelungen ist; diesen seinen Ton findet man selten in der deutschsprachigen Lyrik.

Wer um Conrad Ferdinand Meyers Leben – er lebte von 1825 bis 1898 – weiß, mag vermuten, dass in dieser leisen Melancholie auf das Ende hin auch ein wenig das Leben dieses Schweizer Autors durchschimmert, ist doch sein Werk ein Stück weit – und kein zu kleines Stück – Selbsttherapie, Auseinandersetzung mit seiner Krankheit, seiner Depression, die mit seinem Elternhaus, den Zwängen seiner Kindheit und der verzwungenen Religiosität der Mutter zusammenhängen mag, ja, es ganz sicher für mich tut. In manches Menschen Leben existiert die Liebe nur in der Vorstellung, in der Begegnung, die vorübergeht. Und doch spürt man auf Schritt und Tritt die Sehnsucht nach Liebe, die Sehnsucht, mit dem Anderen Schulter an Schulter gehen zu wollen, den ganzen Weg, nicht die Hälfte allein. Doch wird uns, wenn wir einen solchen Rück- und Heimweg allein gehen, etwas bewusst von dem Wert der Liebe, von traulicher Gemeinsamkeit, von einer Trauung, wie sie sich jede Seele wünscht.

Ich glaube, manche Seele wünscht sich diese Erfahrung, um in einem anderen Leben das Miteinander, Vertrauen, Trauung noch bewusster leben zu können, in einer Weise also, von der Andere nur erst träumen.

Auch davon erzählt mir Conrad Ferdinand Meyers Stapfen.

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Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen. Mein Interesse gilt den Mythen und der Literatur, spiegelt sich doch in ihnen die Entwicklung des Menschen: Ohne den Prometheus in uns kommen wir nicht zu einem selbständigen Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen, eher vielleicht ein Bewusstseinsakt als ein Verbrechen, stehen beide doch für eine Weise menschlicher Entwicklung. Manche unter uns mögen mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival unterwegs sein. Philosophen und Dichter früherer Zeiten hatten ein sehr hohes spirituelles Bewusstsein, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante, Goethe, Schiller oder Hölderlin hießen; in neuerer Zeit gilt das u.a. für Nietzsche, Trakl, Hofmannsthal, Rilke und Michael Ende. Viel von deren Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet, sicherlich eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte. Die Auseinandersetzung und Beschäftigung mit den Gedanken der oben Angesprochenen kann uns bereichern und Verschüttetes ins Bewusstsein rufen. Manches kann unseren Lebensweg wesentlich beeinflussen.
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2 Antworten zu Welch zärtlich melancholischer Ton voller Liebe in C.F. Meyers Gedicht „Stapfen“

  1. gauting90 schreibt:

    In manches Menschen Leben existiert die Liebe nur in der Vorstellung, in der Begegnung, die vorübergeht. Und doch spürt man auf Schritt und Tritt die Sehnsucht nach Liebe, die Sehnsucht, mit dem Anderen Schulter an Schulter gehen zu wollen, den ganzen Weg, nicht die Hälfte allein. -Toll gesagt! Sie fuehlen das Wort Wunderllich!.Besten Dank, Schoene Interpretation!

  2. Herzlichen Dank für Dein liebes Kompliment!

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