Der visionäre Blick Platons zurück: Die ursprüngliche Verfassung des Menschengeschlechtes und die Bedeutung der Liebe

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Jeder noch so große Philosoph ist auf dem Hintergrund seiner Zeit zu verstehen, wenn auch manche seiner Wahrheiten überzeitlich sein mag.

Was Platon (*um 427 v.Chr. – 349 v.Chr.) über die Entstehung der Menschen und die menschliche Seele schreibt, kommt sicherlich immer wieder der Wahrheit sehr nahe. Immer noch ist sein Wissen Mysterienwissen, mit dem er sorgsam umgehen musste, denn wer dieses Wissen verriet, konnte, wie – wenn ich mich recht entsinne – einer der größten griechischen Dramatiker, Aischylos, erfahren musste, mit dem Tode bestraft werden; Aischylos entging diesem Los nur knapp; schließlich unterlagen die Mysterienstätten und -kulte bei den Griechen zum Teil staatlicher Aufsicht.

Wenn Platon über die Liebe schreibt, so muss man wissen, dass es ihm an dem notwendigen Respekt vor der Frau zu fehlen scheint, schließlich behauptet er, eine Frau zu sein, müsse ein Fluch der Götter sein. Sicherlich denkt er da an die Büchse der Pandora, vielleicht auch an Xanthippe :-)) – wer weiß.

Nicht Sympathie solle einen Mann und eine Frau zusammenführen, sondern die Aufgabe, einen möglichst tüchtigen und wohlgeratenen Nachwuchs hervorzubringen.

Vergessen wir nicht, die Heirat aus Liebe ist eine Errungenschaft des 19. Jahrhunderts, wiewohl es sie Gott sei Dank schon weit früher gibt, denken wir nur an Salomon und Sulamith, nachzulesen im Hohelied der Bibel.

Und vergessen wir ebenfalls nicht, dass die Knabenliebe im damaligen Griechenland hoch im Kurs stand; vielleicht ist es darauf zurückzuführen, dass es für Platon drei Geschlechter gab und der Kreis nicht nur aus Mann-Weib, sondern auch aus Mann-Mann und Weib-Weib bestehen konnte, wie unten nachzulesen ist.

Doch muss man wissen, dass die erotische Liebe für Platon nur der Ausgangspunkt ist für eine weit höhere Form der Liebe, in der die sinnliche Liebe sich transzendiert und erhebt in ein Höheres hinein. Das jedenfalls berichtet Sokrates, der Lehrer Platons, und jener will es von der Seherin Diotima erfahren haben, die ihn belehrte, dass das wahre Wesen des Eros die Sehnsucht nach dem Schönen sei oder genauer: nach dem Verlangen, im Schönen zu zeugen. Das ist nach Diotima das Schöne und Unsterbliche im Menschen.

Das Schöne nun will der Mensch für immer besitzen; deshalb strebt der Liebende nach Dauer, nach Unsterblichkeit und möchte sich aufschwingen zum ewigen Urbild des Schönen.

Wenn heute Menschen von der platonischen Liebe reden, dann wollen sie oft kundtun, dass eben mehr nicht war zwischen Zweien, als dass sie sich sehnten, körperlos.

Doch dieser oft reduzierte Begriff der platonischen Liebe wird Platon nicht gerecht: Er schließt Sinnlichkeit und das Körperliche überhaupt nicht aus, er bezieht nur ein, dass Liebe immer für ihn ein Streben bedeutet, ein Streben nach der höchsten Form der Liebe, dem Urbild des Schönen; das ist in Wahrheit platonische Liebe.

Für diese Form der Liebe steht auch der Kreis, der Kreis als Symbol der Ganzheit und Vollkommenheit.

Im Grunde gleicht das, wovon Platon spricht, dem biblischen Schöpfungsbericht, denn da schafft Gott den Menschen nach seinem Bilde: Mann-Frau (Luther hat hier leider unsauber übersetzt); und noch der aus Lehm geschaffene Adam ist ein männlich-weibliches Wesen, wie sonst sollte Evas als weiblicher Teil aus dieser Ganzheit herausgenommen worden sein?!

Man möchte wünschen, dass mehr Menschen wüssten, wovon Platon spricht und sich seinen Gedankengängen aufschlössen; denn manches Mal scheint Anfang des 21. Jahrhunderts Liebe mehr einer kollateralen Gymnastik zu gleichen als dem, was Eros sein kann und was Paulus mit der Agape meinte; beides schließt sich ja nicht aus – im Gegenteil.

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aus Platons Symposion (Gastmahl)

Die ursprüngliche Verfassung des Menschengeschlechts. Ihr Verlust als Ouelle der Liebe.

Zuerst aber müsst ihr die menschliche Natur und deren Begegnisse recht kennen lernen. Nämlich unsere ehemalige Natur war nicht dieselbige wie jetzt, sondern ganz eine andere. Denn erstlich gab es drei Geschlechter von Menschen, nicht wie jetzt nur zwei männliches und weibliches, sondern es gab noch ein drittes dazu, welches das gemeinschaftliche war von diesen beiden, dessen Name auch noch übrig ist, es selbst aber ist verschwunden. Mannweiblich war nämlich damals das eine, Gestalt und Benennung zusammengesetzt aus jenen beiden, dem männlichen und weiblichen, jetzt aber ist es nur noch ein Name der zum Schimpf gebraucht wird. Ferner war die ganze Gestalt eines jeden Menschen rund, so dass Rücken und Brust im Kreise herumgingen. Und vier Hände hatte jeder und Schenkel ebenso viel als Hände, und zwei Angesichter auf einem kreisrunden Halse einander genau ähnlich, und einen gemeinschaftlichen Kopf für beide einander gegenüberstehende Angesichter, und vier Ohren, auch zweifache Schamteile, und alles übrige wie es sich hieraus ein Jeder weiter ausbilden kann. Er ging aber nicht nur aufrecht wie jetzt, nach welcher Seite er wollte, sondern auch wenn er schnell wohin strebte, so konnte er, wie die Radschlagenden jetzt noch indem sie die Beine gerade im Kreise herumdrehen das Rad schlagen, eben so auf seine acht Gliedmaßen gestützt sich sehr schnell im Kreise fortbewegen. Diese drei Geschlechter gab es aber deshalb weil das männliche ursprünglich der Sonne Ausgeburt war, und das weibliche der Erde, das an beiden teilhabende aber des Mondes, der ja auch selbst an beiden Teil hat. Und kreisförmig waren sie selbst und ihr Gang, um ihren Erzeugern ähnlich zu sein. An Kraft und Stärke nun waren sie gewaltig und hatten auch große Gedanken, und was Homer vom Ephialtes und Otos sagt (Anmerkungen s. Schluss), das ist von ihnen zu verstehen, dass sie sich einen Zugang zum Himmel bahnen wollten um die Götter anzugreifen. Zeus also und die anderen Götter ratschlagten, was sie ihnen tun sollten, und wussten nicht was. Denn es war weder tunlich sie zu töten, und wie die Giganten sie niederdonnernd das ganze Geschlecht wegzuschaffen, denn so wären ihnen auch die Ehrenbezeugung und die Opfer der Menschen mit weggeschafft worden, noch konnten sie sie lassen weiter freveln. Mit Mühe hatte sich Zeus endlich etwas ersonnen und sagte, Ich glaube nun ein Mittel zu haben, wie es noch weiter Menschen geben kann, und sie doch aufhören müssen mit ihrer Ausgelassenheit, wenn sie nämlich schwächer geworden sind. Denn jetzt, sprach er, will ich sie jeden in zwei Hälften zerschneiden, so werden sie schwächer sein, und doch zugleich uns nützlicher, weil ihrer mehr geworden sind, und aufrecht sollen sie gehn auf zwei Beinen. Sollte ich aber merken, dass sie noch weiter freveln und nicht Ruhe halten wollen, so will ich sie, sprach er, noch einmal zerschneiden, und sie mögen dann auf einem Beine fortkommen wie Kreisel. Dies gesagt zerschnitt er die Menschen in zwei Hälften, wie wenn man Früchte zerschneidet um sie einzumachen, oder wenn sie Eier mit Haaren zerschneiden. Sobald er aber einen zerschnitten hatte befahl er dem Apollon ihm das Gesicht und den halben Hals herumzudrehen nach dem Schnitte hin, damit der Mensch, seine Zerschnittenheit vor Augen habend sittsamer würde, und das Übrige befahl er ihm auch zu heilen. Dieser also drehte ihm das Gesicht herum, zog ihm die Haut von allen Seiten über das was wir jetzt den Bauch nennen herüber, und wie wenn man einen Beutel zusammenzieht fasste er es in eine Mündung zusammen, und band sie mitten auf dem Bauche ab, was wir jetzt den Nabel nennen. Die übrigen Runzeln glättete er meistenteils aus und fügte die Brust einpassend zusammen, mit einem solchen Werkzeuge, als womit die Schuster über dem Leisten die Falten aus dem Leder ausglätten, und nur wenige ließ er stehen um den Bauch und Nabel zum Denkzeichen des alten Unfalls. Nachdem nun die Gestalt entzweigeschnitten war, sehnte sich jedes nach seiner andern Hälfte und so kamen sie zusammen, umfassten sich mit den Armen und schlangen sich in einander, und über dem Begehren zusammenzuwachsen, starben sie aus Hunger und sonstiger Fahrlässigkeit, weil sie nichts getrennt voneinander tun wollten. War nun die eine Hälfte tot und die andere blieb übrig, so suchte sich die übrig gebliebene eine andere und umschlang sie, mochte sie nun auf die Hälfte einer ehemaligen ganzen Frau treffen, was wir jetzt eine Frau nennen, oder auf die eines Mannes, und so kamen sie um. Da erbarmte sich Zeus und gab ihnen ein anderes Mittel an die Hand, indem er ihnen die Schamteile nach vorne verlegte, denn vorher trugen sie auch diese nach außen, und erzeugten nicht eines in dem andern sondern in die Erde wie die Zikaden. Nun aber verlegte er sie ihnen nach vorne, und bewirkte vermittelst ihrer das Erzeugen ineinander, in dem weiblichen durch das männliche, deshalb damit in der Umarmung, wenn der Mann eine Frau träfe, sie zugleich erzeugten und Nachkommenschaft entstände, wenn aber ein Mann den andern, sie doch eine Befriedigung hätten durch ihr Zusammensein und erquickt sich zu ihren Geschäften wenden und was sonst zum Leben gehört besorgen könnten. Von so langem her also ist die Liebe zueinander den Menschen angeboren, um die ursprüngliche Natur wiederherzustellen, und versucht aus zweien eins zu machen und die menschliche Natur zu heilen.

Die Formen der Liebe, bestimmt durch das Verlangen nach Rückkehr zur ursprünglichen Einheit. Eros als Führer.

Jeder von uns ist also ein Stück von einem Menschen, da wir ja zerschnitten, wie die Schollen, aus einem zwei geworden sind. Also sucht nun immer jedes sein anderes Stück. Welche Männer nun von einem solchen gemeinschaftlichen ein Schnitt sind, was damals Mannweib hieß, die sind weiberliebend und die meisten Ehebrecher gehören zu diesem Geschlecht, und so auch welche Weiber männerliebend sind und ehebrecherisch, die kommen aus diesem Geschlecht. Welche Weiber aber Abschnitte eines Weibes sind, die kümmern sich nicht viel um die Männer, sondern sind mehr den Weibern zugewendet und die Tribaden kommen aus diesem Geschlecht [. . .]

Wenn aber einmal einer seine wahre eigene Hälfte antrifft, ein Knabenfreund oder jeder andere, dann werden sie wunderbar entzückt zu freundschaftlicher Einigung und Liebe, und wollen, sozusagen, auch nicht die kleinste Zeit voneinander lassen; und die ihr ganzes Leben lang miteinander verbunden  bleiben, diese sind es, welche auch nicht einmal zu sagen wüssten, was sie voneinander wollen. Denn dies kann doch wohl nicht die Gemeinschaft des Liebesgenusses sein, dass um deswillen jeder mit so großem Eifer trachtete mit dem andern zusammen zu sein; sondern offenbar ist, dass die Seele beider etwas anderes wollend was sie aber nicht aussprechen kann es nur andeutet und zu raten gibt.

[. . .] dies Verlangen eben und Trachten nach dem Ganzen heißt Liebe. Und vor diesem wie gesagt waren wir Eins, jetzt aber sind wir der Ungerechtigkeit wegen von dem Gott auseinander gelegt und verteilt worden wie die Arkadier von den Lakedaimoniern. Es steht also zu befürchten, wenn wir uns nicht sittsam betragen gegen die Götter, dass wir nicht noch einmal zerspalten werden und so herumgehn müssen wie die auf den Grabsteinen ausgeschnittenen die mitten durch die Nase gespalten sind, und dass wir dann werden wie die geteilten Würfel von denen die andere Hälfte der andere hat.   [. . .]

Sondern ich meine es von Allen insgesamt Männern und Frauen, dass so unser Geschlecht glückselig würde, wenn es uns in der Liebe gelänge und jeder seinen eigentümlichen Liebling gewönne, um so zur ursprünglichen Natur zurückzukehren.

Platon; Symposion, Phaidon. Insel-Verlag, Frankfurt 1991, S.99ff

Homer: am Anfang der griechischen und damit der europäischen Literatur stehender Dichter, dessen Name mit der ältesten literarischen Gattung der Griechen, dem Heldenepos (Ilias, Odyssee) verbunden ist. Als Lebenszeit nimmt man das 8. Jhdt. v.u.Z. an.

Ephialtes und Otos: Die in der griechischen Sage als Aloaden bezeichneten zwei Söhne des Aloeus und der Iphimedeia; riesenhafte Gestalten, versuchten sie mit 9 Jahren die Berge Ossa und Pelion auf den Olymp zu setzen, um den Himmel zu stürmen. Apollon tötete sie; sie galten im Übrigen auch als Wohltäter und Kulturbringer.

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Wenn Platon am Schluss schreibt, dass Liebe das Verlangen und Trachten nach dem Ganzen sei, so ist das auf dem Hintergrund des zu Beginn Gesagten zu verstehen.

Ich selbst teile diese Definition gewiss nicht. Wenn Gott Liebe ist, dann ist diese Liebe ein Meer, eine Fülle von Liebe; ein Meer aber trachtet nicht nach mehr; es lädt uns ein einzutauchen. In die Liebe.

 

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Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen. Mein Interesse gilt den Mythen und der Literatur, spiegelt sich doch in ihnen die Entwicklung des Menschen: Ohne den Prometheus in uns kommen wir nicht zu einem selbständigen Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen, eher vielleicht ein Bewusstseinsakt als ein Verbrechen, stehen beide doch für eine Weise menschlicher Entwicklung. Manche unter uns mögen mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival unterwegs sein. Philosophen und Dichter früherer Zeiten hatten ein sehr hohes spirituelles Bewusstsein, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante, Goethe, Schiller oder Hölderlin hießen; in neuerer Zeit gilt das u.a. für Nietzsche, Trakl, Hofmannsthal, Rilke und Michael Ende. Viel von deren Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet, sicherlich eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte. Die Auseinandersetzung und Beschäftigung mit den Gedanken der oben Angesprochenen kann uns bereichern und Verschüttetes ins Bewusstsein rufen. Manches kann unseren Lebensweg wesentlich beeinflussen.
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