„Liebster von allen Gottes-Gedanken“! – Auf diese Liebesbekundung muss man erst einmal kommen!

Welche Frau möchte nicht nach 27 Jahren gemeinsam verbrachter Lebenszeit diese Worte von ihrem Mann hören?

Goethe schrieb sie am 24. Mai 1815 auf der Fahrt nach Wiesbaden seiner Christiane, wohl wissend um deren Gesundheitszustand und vielleicht auch schon ahnend, dass er sie bald – in wenig mehr als zwölf Monaten – würde endgültig loslassen müssen.

Kaum ein Liebesgedicht ist unbekannter als jenes, an dessen Ende sich obige Worte finden, und das, obwohl es sich in einer der weltweit bekanntesten Gedichtsammlungen, dem West-Östlichen Divan, und dort im Buch der Parabeln findet. Vielleicht findest Du, lieber Leser, auch, dass es wert wäre, bekannter zu sein:

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Bei Mondeschein im Paradeis
Fand Jehova im Schlafe tief
Adam versunken, legte leis
Zur Seit ein Evchen, das auch entschlief.

Da lagen nun, in Erdeschranken,
Gottes zwei lieblichste Gedanken. –
Gut !!! rief er sich zum Meisterlohn,
Er ging sogar nicht gern davon.

Kein Wunder, daß es uns berückt,
Wenn Auge frisch in Auge blickt,
Als hätten wirs so weit gebracht,
Bei dem zu sein, der uns gedacht.
Und ruft er uns, wohlan, es sei!
Nur, das beding ich, alle zwei.
Dich halten dieser Arme Schranken,
Liebster von allen Gottes-Gedanken.

 .

Vielleicht liegt es daran, dass die Zeilen wie hingeworfen wirken, gleichsam mit lockerer Hand unterwegs in der holpernden Kutsche verfasst. Man höre und lese nur, wie es den Jambus immer wieder durchrüttelt und ist es nicht ein gar kindlicher Zugriff, den der damals 65-Jährige auf das göttliche Schöpfungswerk nimmt, wenn er von Eva im Diminutiv spricht, den gerade eben erst erschaffenen Mond scheinen lässt und mit Paradeis das Ganze ein wenig weihnachtlich überzuckert! Wie köstlich nah und menschlich wirkt Gott auf uns, wenn er, sich gleichsam selbst auf die Schultern klopfend, meisterlich findet und sich ganz offensichtlich angesichts der beiden Schlafenden kaum von ihnen trennen mag.

Nur wer sich dem Gedicht so zuwendet wie Gott seinen zwei lieblichsten Gedanken – wie goldig müssen Adam und sein Evchen auch dagelegen sein -, wird gewahr, wie sehr es um Liebe weiß und was es bedeutet, wenn sich Liebende ansehen, dass sie nämlich gleichsam bei Gott und in dieser Liebe göttlich sind, in ihrer Liebe und in dieser Blickverbindung bei dem seiend, der sie geschaffen hat.

Der mag wohl auch dessen gewahr werden, wie sehr Goethe es versteht, Leben in seine Zeilen hineinzubringen, indem er erst Gott sprechen lässt, dann auch die Sicht von Liebenden einblendet, indem er von uns und wirs spricht und die des lyrischen Ichs, dem Gott sicherlich nachsehen wird, dass es wagt, eine Bedingung zu stellen, nämlich, dass ab sofort alles nur für beide Liebenden gelten mag.

Schlussendlich aber wendet sich Wolfgang seiner Christiane zu. Und seine Worte sind einfach umwerfend, umwerfend zärtlich und liebevoll, wenn er schlicht die Tatsache benennt, dass seine Arme die Geliebte halten, die für ihn der liebste aller Gottes-Gedanken ist.

Welch eine Wertschätzung:

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Dich halten dieser Arme Schranken,
Liebster von allen Gottes-Gedanken.

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Wer um den biographischen Hintergrund weiß, liest mit den Augen Christianes, die diesen Mann, wie das vielleicht keine andere vermocht hätte, erden konnte und mit der er wahrlich liebte, Liebe genoss und lebte und auch bisweilen in ihren Armen dichtete, wie er selbst schreibt.

Und Gott sah an alles, was er geschaffen hatte, und siehe, es war sehr gut, so heißt es in der Bibel. Das mag auch der Grund sein, warum Goethe, ursprünglich Gottesgedanken titelnddem Gedicht die Überschrift Es ist gut gab.
Es ist wirklich gut. Das wollte Goethe seiner Christiane schreiben und das zu vermitteln mag ihm wirklich gelungen sein.
Er sandte diese Zeilen wohl in einem Brief mit, in dem er ihr vom Fortgang der Reise berichtet, dass er in Erfurt um halb 7 eingetroffen sei, in Gotha um 11, in Eisenach um drei Uhr.
Gewiss mag es auf diesem Hintergrund rätselhaft und hartherzig erscheinen, dass Goethe Christiane allein sterben ließ und nicht einmal zu ihrem Begräbnis ging. Johanna Schopenhauers Worte über das Sterben Christianes sind so erschütternd, dass ich sie hier nicht wiedergeben mag.

Aber wir wissen, wie wenig Goethe mit dem Sterben klarkam und wissen auch um seine erschütternden vier Zeilen angesichts des Todes von Christiane, die sich auch auf ihrem Grab finden:

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Du versuchst, o Sonne, vergebens
Durch die düstren Wolken zu scheinen:
Der ganze Gewinn meines Lebens
Ist, ihren Verlust zu beweinen.

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Ihren Verlust: der grammatikalisch mögliche Bezug mag Sonne sein. Goethe aber verschlüsselt auf diese Weise nur seinen Schmerz darüber: Meine Sonne war Christiane.

Wer mit dem Weimarer Geheimen Rat in der Folge zusammenkam, hat die tiefe Erschütterung und Ratlosigkeit, die Goethe ergriffen hatte, wahrgenommen und bestätigt.

Vergessen wir auch nicht, wie sehr er ein Leben lang zu Christiane stand, die ob ihrer Herkunft von der Weimarer Gesellschaft selbst nach ihrer Heirat mit Goethe zwar dann nicht mehr naserümpfend, aber dennoch wie eine nur widerwillig Akzeptierte aufgenommen wurde. Nie ist Goethe auch nur einen Schritt von ihrer Seite gewichen. Sicherlich gab es Frauen in seinem Leben – ich denke an Marianne von Willemer oder Frau von Stein – die ihm seelenverwandter zu sein schienen, aber das war es nicht allein, was Goethes Lieben ausmachte, sonst hätte er nicht noch 72-jährig seinen Herzog eingespannt, um der 17-jährigen Ulrike in Marienbad einen Heiratsantrag machen zu wollen, ein Ansinnen, das deren Mutter mit ihren beiden Töchtern nach Karlsbad fliehen ließ, was Goethe dazu bewog, den Dreien nachzureisen – bevor er dann zur Einsicht kam. Wir verdanken dieser Liebe die Marienbader Elegie – die er übrigens auch in einer Kutsche, nämlich auf der Fahrt von Karlsbad nach Hause, schrieb – und jene fast überirdisch schönen und wahren Zeilen, wie sehr Frommsein und Liebe Hand in Hand gehen, ein Umstand, der uns heutzutage ganz besonders berühren mag, wenn wir sehen, in welch heruntergekommener Verfassung „Liebe“ in unserer Zeit daherkommt.

Inmitten der Marienbader Elegie jedenfalls heißt es, zu Beginn auf eine Bibelstelle aus dem Brief des Paulus an die Philipper anspielend:

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Dem Frieden Gottes, welcher euch hienieden
Mehr als Vernunft beseliget — wir lesen’s —,
Vergleich ich wohl der Liebe heitern Frieden
In Gegenwart des allgeliebten Wesens;
Da ruht das Herz, und nichts vermag zu stören
Den tiefsten Sinn, den Sinn, ihr zu gehören.

In unsers Busens Reine wogt ein Streben,
Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten
Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben,
Enträtselnd sich den ewig Ungenannten;
Wir heißen’s: fromm sein! — Solcher seligen Höhe
Fühl ich mich teilhaft, wenn ich vor ihr stehe.

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Goethes Lieben kommen sehr oft schlicht und einfach gehalten daher und man muss ihre Größe in den einfachen Worten entdecken. So wie man Liebe auch in Anderen entdecken muss, denn nie ist Liebe von vornherein in ganzer Fülle da. – Wie sollte das möglich sein?

Dieses Schlicht-und-einfach-gehalten-Sein gilt für das Heideröslein, für Margaretes Thule-Lied oder für Klärchens Lied, das sie ihrem Egmont singt, das wir im gleichnamigen Trauerspiel finden, bekannt durch Beethovens Vertonung, im Grunde gar kein eigenständiges Gedicht, und doch so einfach wie wahr, so einfach und wahr und in allen Gegensätzen so natürlich, wie Liebe ist. Es mag uns deutlich machen, wie sehr unserer Zeit das Bewusstsein für den Wert des Einfachen, Schlichten verloren gegangen ist und wie groß dieser Verlust ist:

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Freudvoll
und leidvoll,
Gedankenvoll sein,
Langen
Und bangen
In schwebender Pein,
Himmelhoch jauchzend,
Zum Tode betrübt;
Glücklich allein
Ist die Seele, die liebt.

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