⎈ ´Geh Deinem dunklen Gott entgegen!´ – Das war es nicht, was Rilke von seiner Lou hatte hören wollen.

Vielmehr zerriss es ihn schier, als er den am 16. Februar 1901 verfassten Abschiedsbrief in Händen hielt. Das machen die letzten Zeilen seines Abschiedsgedichtes an Lou Andreas- Salomé deutlich:

.

Warst mir die mütterlichste der Frauen,
ein Freund warst Du, wie Männer sind,
ein Weib, so warst Du anzuschauen,
und öfter noch warst Du ein Kind.
Du warst das Zarteste, das mir begegnet,
das Härteste warst Du, damit ich rang.
Du warst das Hohe, das mich gesegnet –
und wurdest der Abgrund, der mich verschlang.

.

Doch Lou schrieb nicht nur:„gehe denselben Weg Deinem dunklen Gott entgegen! Er kann, was ich nicht mehr thun kann an Dir, – und so lange schon nicht mehr mit voller Drangabe thun konnte“; sie schrieb auch: „er kann Dich zur Sonne und Reife segnen.“

In der Tat ging Rilke bis zu seinem Tod auf eine kompromisslose Art und Weise dem dunklen Gott entgegen, die Menschen, welche nicht nur die in Grußkarten und Kalenderkarten sattsam bekannten Zeilen von ihm kennen, immer wieder verunsichert hat.
Die ganze Bandbreite seines Verhältnisses zum Göttlichen reicht von ihm als lyrischem Ich in Christus am Kreuz vor selbigem stehend und jenen am Schluss verlauten lassend

.

Nun ist mirs klar, warum ich ihn nicht lieben
noch achten kann und kein Gebet ihm weihn:
Er wär als Mensch so göttlich groß geblieben
und nun als Gott erscheint er menschlich klein!

,

bis zu jenen, wohl nur wenige Monate später geschriebenen Worten aus dem Stundenbuch:

,

Gott, Du bist groß.

,

In all dieser Ehrlichkeit – und mehr von ihr im Folgenden – liegt das Geheimnis Rilkescher Faszination und Anziehungskraft für viele Menschen: Rilke machte sich selbst nie etwas vor, betete nie ein Vater unser, weil es in einer Kirche gebetet sein will, oder floskelte religiös bramarbarsierend etwas vor sich hin.

Rilke geht auf diesem Weg, an eine unglaublich ehrliche und kompromisslose Weise hoffnungslos hingegeben, voran. – Sein Leben lang, bis zu seinem Tod.

ich zweifle nicht daran, dass dieser dunkle Gott ihm lichter und lichter wurde, nicht aber auf lineare Weise, denn Gott kann man sich nie auf direktem Wege nähern. Manche Christen wollen glauben machen, sie säßen auf einem Strahl der Sonne und rutschten ständig himmelan. Das ist Hokuspokus oder sagen wir: Wunschdenken.

Die Wahrheit liegt viel eher in jenen Rilke-Worten, die den ersten Teil des Stundenbuchs, überschrieben Vom mönchischen Leben, gleichsam einleiten:

,

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht, bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

,

Das Kreisen Rilkes mag vor allem orthodoxen Christen zu ungeheuerlich erscheinen.
Ihnen mag auch unerklärlich sein, warum sich Rilke auf relativ niedere okkultistische Ebenen einließ.

Es mag damit zusammenhängen, dass diese andere Seite der Natur, wie er sie nannte, ihn anzog, da er – gerade in jungen Jahren – Antworten auf so viele offene Fragen erhoffte.

Rilke war zudem in einen Kreis vergleichbarer Sucher zumindest gedanklich schon sehr früh eingebunden, und zu diesem Kreis zählten viele Künstlerkollegen wie Wassily Kandinsky, Johannes Schlaf, Thomas Mann, Fanz Kafka, Stefan George, Richard Dehmel, Honoré de Balzac, Arthur Schopenhauer, Hermann Graf Keyserling, Maurice Maeterlinck, Theodor Däubler, Wilhelm Busch, Christian Morgenstern und andere mehr, die jener geistigen Welt, in der es nicht nur Gott und Christus gibt, sondern alle sogenannten Toten, offen gegenüber waren.

Erstaunlich ist, dass erst in den letzten Jahrzehnten die Literaturwissenschaft sich diesen Einflüssen auf Rilke geöffnet hat. Mittlerweile allerdings finden sich höchst interessante Promotions– und Habilitationsschriften, die die Einflüsse von Okkultismus, Spiritismus und Esoterik auf die Literatur vor allem der Wende zum 20. Jahrhundert aufzuarbeiten begannen.

Für Leser, die jenen Rilke, der sich beidseits jener Trennlinie, die wir zwischen dem Leben und dem Leben nach dem Leben überwiegend errichten, aufhielt, nicht kennen, sei gesagt, dass er spiritistisch-okkult aktiv war und sich damit übrigens unter den Künstlern und Philosophen seiner Zeit in erlesener Gesellschaft befand. Rilke nahm in seiner Sensibilität verstorbene Tote wahr und kommunizierte mit ihnen. Er unternahm telepathische Versuche (mit überraschendem Erfolg), versuchte sich in automatischem Schreiben mit der Planchette, einem zu diesem Zweck wenig zuvor in Frankreich erfundenen Gerät, und nahm an Séancen teil, unter denen vor allen jene der Gräfin von Thurn und Taxis auf Schloss Duino einen nachhaltigen Eindruck bei ihm hinterließen, weil er hier in deren Rahmen mehrfach jener Unbekannten „begegnete“, die ihm in den Sitzungen eindrückliche Nachrichten zukommen ließ und ihm Spanien empfahl, wo er dann auch auf ihm bisher unbekannte Orte traf, die ihm Zugang zu Inhalten ermöglichten, welche ihm von jener Unbekannten angekündigt worden waren. In mancher Arbeit ist darauf verwiesen worden, es könnte das Unbewusste Rilkes selbst oder das der Gräfin bzw. jeweils anderer anwesenden Personen gewesen sein, das sich hier zu Wort meldete.
Wie dem auch immer sei, hat mich eine Zeitlang doch verwundert, dass Rilke sich auf diese relativ niedere okkulte Ebene begab.

Wer an Séancen teilnimmt, weiß nun einmal nicht, welcher Geist am anderen Ende anwesend ist; und wer gar am Tischrücken – was Rilke, wenn ich mich recht entsinne, höchstens einmal tat – teilnimmt, trifft mit Sicherheit auf eine geistige Ebene, die ihm niemals – so möchte ich behaupten – guttun kann. Damals waren solche Sitzungen sehr im Schwange und galten in manchen Kreisen gewissermaßen als Gesellschaftsspiel.
Rainer Maria Rilke hatte insofern Glück, als dass er mit der Gräfin von Thurn und Taxis und der ein oder anderen weiteren Person auf Menschen traf, die sich der Gefahren dieser Ebenen bewusst waren. Die Gräfin selbst äußerte sich in einem Buch, in dem sie ihre Begegnungen mit Rilke aufzeichnete, sehr ausführlich zu all dem.

Rllke wurde gegenüber spiritistischen Aktivitäten mit der Zeit zunehmend kritischer, vielleicht, weil er erkannte, dass solche recht niederen Ebenen das Innere sehr leer zurücklassen können (einmal davon abgesehen, dass sie jeder Seele sehr gefährlich zu werden vermögen). In seinen Werken aber sind seine Erfahrungen eingearbeitet, vor allem in seinem Malte-Roman oder auch in der Prosaskizze Erlebnis I, in der er ein Doppelgänger-Erlebnis verarbeitet.

Für mich ganz offensichtlich ist, dass in seinem Werden – und wir wachsen ja, bis wir die Seiten wechseln, wenn es gutgeht – sich eine Linie abzeichnet, die erkennen lässt, dass er nichts anderes wollte, als immer mehr Klarheit über sich und über jene jenseitige Welt zu erlangen, von der er spürte, dass sie ihn ständig umgab. Rilke hat immer darauf bestanden, sie als ein zusammenhängendes Feld zu sehen; seine Sicht ist nie eine wirklich duale, immer eher eine monistische gewesen, die also den gemeinsamen Ursprung allen Seins betont.

Materialistisch geprägte Menschen wenden sich mit leiser Missbilligung, Nase rümpfend oder angewidert ab; manche allerdings erinnern sich auch ähnlicher Erfahrungen in ihrem eigenen Leben, wenn sie von denen Rilkes lesen. Manche mögen in ihrem Umfeld Menschen kennen, die sich mit Verstorbenen noch unterhalten oder gar, wie mir das eine polnische Schülerin erzählte, für die verstorbene Oma einen Platz am Tisch freilassen, ein Brauch, den es bei uns kaum mehr gibt, der jedoch in manchen Regionen Europas noch gang und gäbe ist. Ich erinnere mich auch, von Joachim Fuchsberger, der sich ja als Atheisten einstufte, selbst mehrfach gehört zu haben, dass er sich mit seinem so früh verstorbenen Sohn immer wieder unterhielt – obwohl er doch ein Leben nach dem Tod kategorisch ausschloss.

Die Geisterwelt ist nicht verschlossen, so tönte Faust, bevor er an jenem Geist, den er rief, dem Erdgeist nämlich, kläglich scheiterte und von jenem hören musste:

,Du gleichst dem Geist, den du begreifst, / Nicht mir!

,Faust echot:

,Nicht dir? / Wem denn? / Ich Ebenbild der Gottheit! / Und nicht einmal dir?

,Er mag nie begriffen haben, wie wenig es Zufall war, dass unmittelbar darauf sein Famulus Wagner auftauchte, von dem er wahrlich nicht viel hielt und den er nicht von  ungefähr als trockenen Schleicher bezeichnete. Doch er hätte verstehen können, was der Erdgeist ihm sagen wollte: Das genau ist der Geist, den Du begreifst! Bilde dir nicht ein, du verstündest mehr.

Man muss in Goethes Werken sehr genau lesen, um solche immer wieder auftauchenden Zusammenhänge zu erkennen, hinter denen sich sein Rosenkreuzer-Wissen verbirgt.

Weil Fausts Hybris ihn das nicht einsehen lassen wollte, erlag er dem mephistophelischen Zugriff, in dessen Bann mehr denn je Menschen sich heute befinden. Traurig ist nur, dass wir eigentlich Voraussetzungen haben, uns wissend diesem Zugriff zu entziehen, weil mittlerweile so deutlich ist, dass das Unbewusste uns in unabsehbare Tiefen führen kann, in denen es von Salamandern, Molchen, Drachen und Haien, wie uns Schiller im Rahmen seines Taucher wissen lässt, wimmelt, dass aber dort zugleich auch unser höchster Schatz verborgen ist. Wer das nicht sehen will, kann nicht differenzieren, weshalb die Bedeutung des Schwertes, auf die ich in meinem Ausführungen zum Islam hinwies, so wichtig ist. Gerade in unserem Leben. Gerade in unserer Zeit. Mit einem materialistischen oder religiösen Einheitsbrei ist da nichts getan. Im Gegenteil.

Natürlich ist es nicht jedem gegeben, sich dieser Seite, die auch ein Rilke spürte, so zu nähern wie C.G. Jung es tat, der sehr drastisch jener Realität konfrontiert wurde, die sich im Unbewussten verbirgt und ihn in jener Zeit, als er sich von Freud getrennt hatte, zwingen wollte, aufzuschreiben, was in ihm klarer und klarer wurde. Dezidiert betont er, wie wichtig es gewesen sei, dass er in seine Familie eingebunden gewesen und durch sie geerdet war, wobei diese allerdings auch ungewollt in des Vaters Forschungen einbezogen wurde. Er schreibt in Erinnerungen, Träume, Gedanken:

,

Es begann damit, daß eine Unruhe in mir war, aber ich wußte nicht, was sie bedeutete oder was «man» von mir wollte. Es war eine seltsam geladene Atmosphäre um mich herum, und ich hatte das Gefühl, als sei die Luft erfüllt von gespenstischen Entitäten. Dann fing es an, im Haus zu spuken: meine älteste Tochter sah in der Nacht eine weiße Gestalt durchs Zimmer gehen. Die andere Tochter erzählte – unabhängig von der ersten – es sei ihr zweimal in der Nacht die Decke weggerissen worden, und mein neunjähriger Sohn hatte einen Angsttraum, und er, der sonst nie ein Bild gemacht hatte, zeichnete den Traum (. . .)
Am Sonntag gegen fünf Uhr nachmittags läutete es an der Haustür Sturm. Es war ein heller Sommertag, und die zwei Mädchen waren in der Küche, von der man den offenen Platz vor der Haustür übersehen kann. Ich befand mich in der Nähe der Glocke, hörte sie und sah, wie der Klöppel sich bewegte. Alle liefen sofort an die Tür, um nachzuschauen, wer da sei, aber es war niemand da (. . .) Da wußte ich: jetzt muß etwas geschehen. Das ganze Haus war angefüllt wie von einer Volksmenge, dicht voll von Geistern. Sie standen bis unter die Tür, und man hatte das Gefühl, kaum atmen zu können. Natürlich brannte in mir die Frage: «Um Gottes willen, was ist denn das?» Da riefen sie laut im Chor: «Wir kommen zurück von Jerusalem, wo wir nicht fanden, was wir suchten.» Diese Worte entsprechen den ersten Zeilen der «Septem Sermones ad Mortuos».
Dann fing es an, aus mir herauszufließen und in drei Abenden war die Sache geschrieben. Kaum hatte ich die Feder angesetzt, fiel die ganze Geisterschar zusammen. Der Spuk war beendet. Das Zimmer wurde ruhig und die Atmosphäre rein. Bis zum nächsten Abend hatte sich wieder etwas angesammelt, und dann ging es von neuem so. Das war 1916.
Dieses Erlebnis muß man nehmen, wie es ist oder zu sein scheint. Wahrscheinlich hing es mit dem Zustand der Emotion zusammen, in der ich mich damals befand und in dem sich parapsychologische Phänomene einstellen können. (. . .) Der Intellekt möchte sich natürlich eine naturwissenschaftliche Erkenntnis darüber anmaßen oder noch lieber das ganze Erlebnis als Regelwidrigkeit totschlagen. Was für eine Trostlosigkeit wäre eine Welt ohne Regelwidrigkeiten!
(. . .) Damals und von da an sind mir die Toten immer deutlicher geworden als Stimmen des Unbeantworteten, des Nicht-Gelösten und Nicht-Erlösten . . .

,

Wer Goethes Werk aufmerksam liest, weiß, dass der große Alte aus Weimar viel mehr hinsichtlich dieser Bereiche wusste, als viele Literaturwissenschaftler verstehen, weshalb sie seinem Reich der Mütter, das im Faust II eine bedeutsame Rolle spielt, recht blind gegenüberstehen.

Wer sich per Drogen oder auf andere Weise Zugang verschafft zu diesen Bereichen, kann hoffnungslos verloren sein.

Bei aller gebotenen Vorsicht aber könnte die Menschheit gegenüber jenen mephistophelischen Einflussen nicht so hoffnungslos unterlegen sein. Auch wir in Deutschland sollten uns durchaus darüber im Klaren sein, dass die Toten von Nizza, Paris und Brüssel nicht nur mit Frankreich bzw. Belgien und seiner spirituellen Orientierungslosgkeit, sondern auch mit unserer in Deutschland zusammenhängen.

Was unerlöst ist, treibt sein Unwesen, auch und gerade mittels Menschen, wie sie sich im IS zusammenscharen.

Wobei die Suche nach dem richtigen Weg sich in vielen Menschen intensiviert. Wir beobachten in unserer Gesellschaft, dass Menschen zunehmend feste organisatorische Gefüge verlassen. Das Interesse an kirchlich gebundener Religiosität schwindet zunehmend, ebenso das parteigebundene, wie fast alle etablierten Parteien, vor allem die SPD, wahrnehmen müssen.

Menschen suchen zunehmend Orientierungen, die ihnen und ihrer Vorstellung von Leben entsprechen. In diesem Rahmen gewinnt das eigene Selbst einen hohen Stellenwert, ohne dass diese Menschen egoistisch werden, im Gegenteil. Mehr und mehr  werden sich ihrer Verantwortung für das Ganze der Erde und des Lebens bewusst. Mir scheint, es sind vor allem Jugendliche, wobei es erfreulicherweise neben den alternden Grantlern ältere Menschen gibt, die der Aufgabe ihrer Altersstufe gerecht werden und ihren Kindern und Jugendlichen überhaupt gedankliche oder tatkräftige Leit-Planken sind. Ich empfinde, bei aller Schimpfe auf die Parteien, dass beispielsweise ein Gerhart Baum oder auch die Vogel-Brüder – mir keineswegs immer sympathisch -, ebenso wie ein Heiner Geißler dennoch zu denen gehören, die auch im Alter noch bereit sind, konstruktiv zu denken und sich nicht gehen lassen, wie leider so viele, wobei jeder Einzelne dieser Destruktiven der Zukunft schadet.

Auch wenn manche Häme über jene Welt verschütten, der sich Rilke und mit ihm andere gewidmet haben: In Wahrheit scheint es mir so zu sein, dass zunehmend mehr Menschen sich der Position nähern, dass Leben grundsätzlich spirituell ist. Wenn dies nicht klarer zutage tritt, liegt es auch daran, dass Materialisten meist sofort aus allen Rohren Häme kübeln, falls sie Anzeichen eines spirituellen Gedankengutes gewahr werden, um mit ihr zu ersticken, was nicht sein darf, vor allem deshalb, weil sie davon keine Ahnung haben.

Eine weitere Ursache aber liegt auch in jener hochgradigen Intoleranz sogenannter Christen, für die alles Religiöse genau so auszusehen hat, wie es für sie aussieht. Tut es das nicht, dann gehen sie mit Andersgläubigen, also auf andere Weise Glaubenden – zumindest gedanklich – so um, wie manche Sunniten mit Schiiten.

Viele jedoch erkennen sich als Suchende, und es ist auch genau deshalb, warum Dichter wie Rilke, bildende Künstler wie Gauguin und Kandinsky oder auch Musiker wie Olivier Messiaen an Aktualität nichts verloren haben, im Gegenteil. Menschen erkennen die Affinität des Suchens, sie spüren zum Beispiel bei Rilke, dass es oft eben nicht superklare, taghell beleuchtete Worte in Form von festgefahrenen Bildern und Gebärden sind, die in uns affine seelische Felder wachrufen, sondern manches Mal fast verschwommen anmutende:

.

Alle, welche dich suchen, versuchen dich.
Und die, die dich finden, binden dich
An Bild und Gebärde.
Ich aber will dich begreifen
Wie dich die Erde begreift,
Mit meinem Reifen
Reift dein Reich.

.

Wie begreift die Erde? – Nur wenige schreiben in solchen Bildern!

Der ein oder andere mag die 11 Christus-Visionen Rilkes kennen, die zeitlich vor dem Stundenbuch liegen, und die Rilke zu Lebzeiten nie veröffentlicht hat. Einige wenige finde ich ungeheuer eindrücklich, einige aber haben mich doch ziemlich erschüttert, so, wenn das lyrische Ich im Rahmen jener Jahrmarkt überschriebenen Vision in eine Bude gelangt, wo Das Leben Jesu Christi und sein Leiden gezeigt werden und schlussendlich der sterbende Jesus als gelber Wachsgott am Kreuz hängt, zu erkennen gebend:

.

Ich selbst bin jener alte Ahasver,
der täglich stirbt, um täglich neu zu leben;
mein Sehnen ist ein mächtig-weites Meer,
ich kann ihm Marken nicht noch Morgen geben.
Das ist die Rache derer, die verdarben
an meinem Wort. Die opfernd für mich starben,
sie drängen hinter mir in weiten Reihn.
Horch! Ihre Schritte! – Horch! Ihr kreischend Schrein . . .

Doch eine große Rache nenn ich mein:
Ich weiß, bei jedem neuen Herbste warben
die Menschen um den Saft, den feuerfarben
die roten Reben ihrer Freude leihn.
Mein Blut fließt ewig aus den Nagelnarben,
und alle glauben es: mein Blut ist Wein,
und trinken Gift und Glut in sich hinein . . .

.

Das ist schon herb, gemessen an dem, was Christen dem Abendmahl zumessen.
Oder wenn wir Christus im Rahmen einer weiteren Vision auf dem Prager Judenfriedhof finden, ebenfalls unerlöst. Auch keine leichte Kost.

Manches in diesen Visionen mag aus christlicher Sicht frivol-grenzwertig sein, wenn aber man sieht, wie Rilke weiter gesucht und zu welchem religiösen Ernst es ihn in den Jahren vor und in seinem Sterben geführt hat, dann mag man nur wünschen, dass vergleichbare Wege so überaus ernsthaften Suchens mehr Menschen gehen mögen, Wege, die frei von einer normierten Religiosität sich der Wahrheit nähern, ohne Angst vor einen Blitze zürnenden Zeus, der nirgends anders als in ihnen selbst ist.

Es gibt die Ahnung, dass – um auf obiges Gedicht Rilkes Bezug zu nehmen – unser Reifen ein Reifen Gottes in uns sein könnte, das man nur, weil einem dieses Wort Gott zu abgegriffen ist, nicht so benennen möchte.

Und damit wird auch klar, warum Menschen immer mehr Probleme mit der Kirche haben. Das ist nicht ihr Gott, von dem dort gesprochen wird, den kennen Sie nicht.
Das ist nicht ihr Inneres, von dem dort gesprochen wird. Dieses Innere kennen sie nicht.

Gleiches geschieht übrigens auf politischen Feld, wenn SPD-Mitglieder erkennen: Das, was dieser Gabriel ablässt und was die Parteispitze initiiert oder in der Regierung mitmacht, das ist nicht das, was ich als sozialdemokratisch und sozial empfinde, und vielleicht ist die Zeit auch nicht mehr fern, dass Menschen in der CDU die Kanzlerin vom Acker jagen, weil sie merken: das ist nicht die Politik, die wir uns vorstellen. (Ich vermute, dass es in der CDU Frauen sein müssen, die das in Angriff nehmen, denn Männer hat die CDU keine mehr. Allerdings bitte nicht Frauen vom Schlage einer von der Leyen: das nämlich ist eine Merkel light, weil noch jünger, womöglich noch raffinierter, aber genauso machtversessen, alles mit ihrem maskenhaft sonnigen Lächeln kaschierend, so wie viele auf eine scheinbar naive Unbedarftheit einer Merkel hereinfielen, die nunmehr schon lange völlig abgehoben von den Bürgern regiert).

Zurück zu unserer Entwicklung (wenn wir denn wollen, dass es eine solche gibt), wie wir sie auch in einem Rilke finden:

Zwei Jahrzehnte, bevor er Anfang der 1920er Jahre den schrecklichen Engel der Duineser Elegien auftauchen lässt, der vor allem deshalb schrecklich ist, weil Rilke nun dessen Größe wahrzunehmen imstande und dazu bereit ist und er uns fast zeitgleich eine immer wieder auch versöhnte überkonfessionelle Religiosität in den Sonetten an Orpheus anbietet, finden wir ihn noch ganz anders, sich im Stundenbuch, seiner dreiteiligen Gedichtsammlung, fast auf eine Stufe mit Gott stellend:

.

    Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manches Mal
    in langer Nacht mit hartem Klopfen störe, –
    so ists, weil ich dich selten atmen höre
    und weiß: Du bist allein im Saal.
    Und wenn du etwas brauchst, ist keiner da,
    um deinem Tasten einen Trank zu reichen:
    ich horche immer. Gib ein kleines Zeichen.
    Ich bin ganz nah.

    Nur eine schmale Wand ist zwischen uns,
    durch Zufall; denn es könnte sein:
    ein Rufen deines oder meines Munds –
    und sie bricht ein
    ganz ohne Lärm und Laut.

    Aus deinen Bildern ist sie aufgebaut.

    Und deine Bilder stehn vor dir wie Namen.
    Und wenn einmal in mir das Licht entbrennt,
    mit welchem meine Tiefe dich erkennt,
    vergeudet sichs als Glanz auf ihren Rahmen

    Und meine Sinne, welche schnell erlahmen,
    sind ohne Heimat und von dir getrennt.

.

Viele Rilke-Leser fühlen sich von den Gedichten des 1899 bis 1902 verfassten Stundenbuches – geboren wurde Rilke übrigens 1875 – so angezogen, weil mit den Zeilen Rilkes Gott so nah an uns heranrückt, genauer gesagt: jenes Wesen, das Rilke als Gott bezeichnet.

Wer hier liest und nicht, nur weil er das Wort Gott liest, gleich blockieren muss, liest womöglich ganz viel von und über sich: Manchmal ist man sich so nah und kommt sich doch so entfernt vor und spürt womöglich mit Rilke, dass es da eine Wand gibt aus deinen Bildern, was suggeriert, es könnten Bilder Gottes sein. Das aber sind sie nunmal gewiss nicht! Es sind die eigenen! Und es ist ein religiöses alter ego, was da jenseits der Wand sich befindet, ein Teil von  uns. – Genau deshalb eben bleibt der mit Gott Sprechende heimatlos zurück.

Jeder Mensch, der Gott sagt – und mögen es 7 Milliarden sein – meint etwas Anderes.
Nicht ein einziger Gott gleicht dem Anderen.

Wie oft sprechen wir von uns als «Ich», ohne uns bewusst zu sein, dass es immer wieder ein anderes, ein sich veränderndes ist.

Niemand möchte in Wahrheit einem Anderen das berühmte Bleib so, wie du bist wünschen.

Es wäre der Tod im Leben.

Rilke war sich wohl von Beginn an der Wandlung Gottes in sich bewusst.

Und er hat sich erlaubt, dieser Wandlung Ausdruck zu verleihen. Das macht Rilke aus und seine zeitlose Aktualität, dass er seinen Lesern den Weg eines Suchenden bahnt.

Ohne dass vielen das bewusst werden mag, spüren sie es und lassen sich auf seine Worte ein, die auch den notwendigen Raum geben.

Rilkes Suchen überträgt sich auf seine suchenden Leser.

Und was sie auf jeden Fall mitnehmen: ein Gefühl der Offenheit, der Offenheit eines an sich selbst orientierten Orientieren-Wollens.

Wer sich mit Rilke beschäftigt hat, weiß, dass er sich nicht hat festlegen lassen.

Das war keine Beliebigkeit, die sich dahinter verbarg, sondern sein Ausgesetzt auf den Bergen des Herzens, ohne das keine Entwicklung möglich ist.

Gleiches geschieht mit Menschen, die mit Faust bis zum Ende von Faust II gehen oder Goethes Märchen lesen, Horvaths Jugend ohne Gott, die großen Grimm-Märchen, mit Novalis die blaue Blume suchen und mit Wolfram von Eschenbach den Gral oder mit Ed Kennedy in Markus Zusaks Der Joker jenen ominösen Fremden, der ihm die Karten schickt, die sein Leben so verändern.

Rilke hat sich später übrigens von der Sicht des Stundenbuchs auf Gott distanziert, wie sie auch in jenem Gedicht zum Ausdruck kommt:

.

Was wirst du tun, Gott, wenn ich sterbe?
Ich bin dein Krug (wenn ich zerscherbe?)
Ich bin dein Trank (wenn ich verderbe?)

Bin dein Gewand und dein Gewerbe,
mit mir verlierst du deinen Sinn.

Nach mir hast du kein Haus, darin
dich Worte, nah und warm, begrüßen.
Es fällt von deinen müden Füßen
die Samtsandale, die ich bin.

Dein großer Mantel lässt dich los.
Dein Blick, den ich mit meiner Wange
warm, wie mit einem Pfühl, empfange,
wird kommen, wird mich suchen, lange –
und legt beim Sonnenuntergange
sich fremden Steinen in den Schoß.

Was wirst du tun, Gott? Ich bin bange.

.

Ich vermute, er hat wahrgenommen, wie viel Selbstüberschätzung in seinen Worten mitgeklungen haben mag, wenn er, durchaus an der ein oder anderen Stelle sehr bescheiden klingend, doch auch wiederum meint, dass Gott etwas brauche und jener ohne ihn seinen Sinn verliere.
Der Rilke der Duineser Elegien oder der Sonette an Orpheus wird ganz andere Töne finden. Dazu ein andermal mehr.

Vergessen wir nicht:

Wir stehen am Strand des Meeres und hören sein Rauschen und sagen: Das ist das Meer!
Aber was wir hören, ist nicht das Meer. Es ist ein klitzekleiner Ausschnitt des Meeres an einem belanglosen Strand und was wir hören, ist ein Rauschen an der Oberfläche im Rahmen dieses Ausschnittes.
Das Meer bis in seine Tiefen, die Weltmeere bis in ihre Tiefen hinein zu vernehmen, ist uns unmöglich.

Von Gott zu reden, gleichsam wie mit einem Vertrauten, entspricht oben angesprochenen Verhältnis zum Meer.
Was wissen wir vom Meer, seinem Rauschen in allen Tiefen?
Was wissen wir von Gott?

Wie also mit ihm umgehen?

Ein ehrliches Suchen würde uns zu richtigen Antworten auch in Bezug auf gesellschaftlich aktuelle Fragen und Probleme führen können. Es würde uns ein zutreffenderes Gespür für die Substanzlosigkeit vieler Politiker geben können und  uns intensiv suchen lassen nach jenen Menschen, die die Krisen der Zeit zu lösen vermögen. Merkel, Hollande und andere gehören meines Erachtens gewiss nicht dazu.

Wir finden sie, wenn wir suchen.

Suchen in einem umfassenden Sinn.

Wir sollten zudem begreifen, dass Menschen auf unserem Planeten sehr unterschiedlich sind und dass der primäre Unterschied nicht in ihrer unterschiedlichen Kaufkraft zu suchen ist oder, was die Länder betrifft, in deren unterschiedlichem Bruttosozialprodukt.

Menschen und Länder unterscheiden sich vor allem aufgrund der unterschiedlichen seelischen Entwicklung ihrer Bewohner. Wer das versteht, nutzt das zu keinem hybriden Überlegenheitsgefühl. Aber er schätzt die Realität angemessen ein und dringt auch nicht auf eine falsche Form der Vereinheitlichung.

Wir in Deutschland haben die Gnade der Geburt, an einem Fundus teilhaben zu dürfen, der die Grundlage, sprich Größe – und das ist nicht chauvinistisch gemeint – der Situation Deutschlands unter den Völkern der Welt ausmacht. Zu diesem Fundus gehören ein Rainer Maria Rilke und viele andere, deren Werte in unseren Schulen zunehmend nicht mehr vermittelt werden, weil für ständige Klausuren und Prüfungen vor allem abfragbares Wissen vermittelt wird – oft ist es aber nicht das, was junge Menschen wirklich brauchen, um ein Fundament für ihr Leben zu erhalten (man schaue sich mal den Klausurenplan der letzten beiden Schuljahre vor dem Abitur in Baden Württemberg an – Horror!).

Bislang ist es unseren Politikern – allen voran Angela Merkel (man kann ein Land nicht wie eine Finanzbehörde führen) – nicht gelungen, ihre eigene seelische Farblosigkeit und Indifferenz Deutschland erfolgreich überzustülpen.

Tragen wir Sorge, um es mit einem Bild Platons zu formulieren, dass jene bald unser Land führen, die dieser Höhle von Farblosigkeit und Indifferenz entkommen sind.

Seien wir Suchende!

Und tragen wir Sorge, dass in diesem Land weiterhin gesucht werden darf und kann.
Wenn in Asylunterkünften Menschen nicht mehr auf ihre christliche Weise Suchende sein dürfen und um ihre Gesundheit fürchten müssen, was mich doch ziemlich erschüttert hat, dann sollten wir schleunigst uns wieder bewusst sein, dass wirkliches Suchen immer auch ein Handeln einschließt. Gleichermaßen wäre es schrecklich für Muslime, wenn in ihnen potentielle Mörder gesehen würden.

Rilke war gewiss kein traditioneller Christ; ich bin mir nicht einmal sicher, ihn als solchen bezeichnen zu können. Immer wieder spricht er von Gott und Engeln, das aber, was ich als eine  Bewusstseinstufe bezeichne, die sich mir mit Christus verbindet, finde ich bei ihm nicht wirklich und wenn, dann in seinem Umkreisen der Liebe, wobei man wissen muss, dass er Glauben skeptisch gegenübersteht, weil, wie er schreibt, „(d)ieses Wort einen Nebensinn von Zwang, von Anstrengung angenommen hat, daß man fast nur noch die langen Mühen einer Bekehrung darin erkennt und vergißt, daß Glaube nur eine leise Färbung der Liebe ist, auf dejenigen Seite, mit der sie sich dem Unsichtbaren zukehrt“, weshalb er formuliert

.

Erst muß man Gott irgendwo finden, ihn erfahren, als so unendlich, so überaus, so ungeheuer vorhanden –, dann sei’s Furcht, sei’s Staunen, sei’s Atemlosigkeit, sei’s am Ende – Liebe, was man dann zu ihm fasst, darauf kommt es kaum noch an (…)

.

und zu dem Ergebnis kommt:

.

[Das] Entscheidende ist nicht die barmherzige, milde Absicht, es ist das Sichfügen unter ein gebieterisches Diktat, das weder das Gute noch das Böse will (von dem wir so wenig wissen), sondern das uns ganz einfach befiehlt, unsere Gefühle, unsere Gedanken, all dieses Aufwallen unseres Daseins nach jener höheren Ordnung auszurichten, die uns so sehr übersteigt, daß sie niemals ein Gegenstand unseres Verstehens werden kann.

.

Auf dem Hintergrund solcher Aussagen – nicht jeden Satz muss man teilen, das hätte Rilke gewiss nicht gewollt – sind er und seine Spiritualität mir so wertvoll. Sein suchendes Kreisen um den uralten Turm, sein Begreifen-Wollen, wie die Erde begreift, sein Sichfügen-Wollen unter einen Willen, der, wie Paulus es formulierte, höher ist denn alle Vernunft.

 

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3 Antworten zu ⎈ ´Geh Deinem dunklen Gott entgegen!´ – Das war es nicht, was Rilke von seiner Lou hatte hören wollen.

  1. Sylvia Kling schreibt:

    Den ersten Teil habe ich schon geschafft zu lesen. Den zweiten nehme ich mir für morgen vor und bin über Deine Ausarbeitungen begeistert, lieber Johannes. Leider verzeitet sich die Zeit zu oft.
    Doch ich möchte Deine Beiträge genießen und freue mich auf Neues.

    Herzliche Grüße

    Sylvia

    • Och, das ist aber lieb geschrieben.
      Manchmal wundere ich mich selbst, was ich da so schreibe und wie sich das eine zum anderen fügt. Wenn ich frühere Posts lese, stelle ich fest, dass ich sie zum Teil ganz anders schreiben würde. Man sieht an dem, was und wie man schreibt, wie man sich verändert. – Das wird Dir auch so gehen.
      Und niemals möchte ich, dass jemand 1:1 übernimmt, was ich schreibe – das wirst Du für Dich auch so sehen. Wenn das ein oder andere informativ und/oder Anregung ist fürs eigene Nachsinnen, dann ist schon viel getan.

      Liebe Grüße,
      Johannes

      • Sylvia Kling schreibt:

        Oh ja, so geht es mir auch. Vor einigen Tagen „räumte“ ich meine Gedichte aus den Jahren 2008/2009 auf. Ich schüttelte dabei nur mit dem Kopf. …
        Deine Beiträge sind für mich nicht nur rein informativ wertvoll, sondern auch als eine Art Lehrstück.
        In früherer Zeit beschäftigte ich mich eher mit Goethe und Schiller, wenig oder kaum mit Rilke.
        Fein, wie mich das freut, bei Dir zu lernen. 😊

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