Rainer Maria Rilkes ´Weltinnenraum´: „Es winkt zur Fühlung fast aus allen Dingen …“

aus gegebenem Anlass:

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Rainer Maria Rilke  (1875-1926)

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Es winkt zu Fühlung fast aus allen Dingen,

aus jeder Wendung weht es her: Gedenk!

Ein Tag, an dem wir fremd vorübergingen,

entschließt im Künftigen sich zum Geschenk.

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Wer rechnet unseren Ertrag? Wer trennt

uns von den alten, den vergangnen Jahren?

Was haben wir seit Anbeginn erfahren,

als das sich eins im Anderen erkennt?

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Als dass an uns Gleichgültiges erwarmt?

O Haus, o Wiesenhang, o Abendlicht,

auf einmal bringst du’s beinah zum Gesicht

und stehst an uns, umarmend und umarmt.

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Durch alle Wesen reicht der eine Raum:

Weltinnenraum. Die Vögel fliegen still

durch uns hindurch. O, der ich wachsen will,

ich seh hinaus, und in mir wächst der Baum.

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Ich sorge mich, und in mir steht das Haus.

Ich hüte mich, und in mir ist die Hut.

Geliebter, der ich wurde: an mir ruht

der schönen Schöpfung Bild und weint sich aus.

Entstehungsjahr 1914 (Aus dem Nachlass)
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Gefühl ist alles, lässt Goethe seinen Faust im so genannten ´Religionsgespräch´ zu Gretchen sagen. Im Grunde sind jedoch, wenn wir uns dazuhin entwickeln können, Fühlen und Denken eins.

Auch Rilke sieht diese Verbindung so, denn in seinem Gedenk des zweiten Verses steckt dieses Denken, das so wertvoll ist, wenn es mit jenem fast aus allen Dingen wahrgenommenen Fühlen verbunden ist, wie wir im ersten Vers lesen.

Selbst was an uns in einer Situation fremd vorübergeht, können wir uns in der Erinnerung anverwandeln, denn in der Erinnerung gehen wir immer jenen Schritt ins Innere, der Voraussetzung für Er-Inne-rung ist.

Nach innen geht der geheimnisvolle Weg, sagt Novalis nicht von ungefähr in den Blütenstaub-Fragmenten, in uns oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten.

Eben das ist jener Weltinnenraum, von dem Rilke spricht, und um den auch Goethe weiß, wenn er schreibt: Im Innern ist ein Universum auch. Und Rilkes Weltinnenraum nähert sich der große Weimarer noch deutlicher in seiner Aussage:


Was wär ein Gott, der nur von außen stieße

Im Kreis das All am Finger laufen ließe!

Ihm ziemt’s, die Welt im Innern zu bewegen,

Natur in sich, sich in Natur zu hegen,

So dass, was in ihm lebt und webt und ist,

Nie seine Kraft, nie seinen Geist vermisst.


Nur, was sich aus dem Inneren heraus bewegt, bewegt sich wirklich, und so ist die Welt in ihrer Wirklichkeit eben ein WeltinnenraumSo eben korrespondiert mehr, als wir es ahnen, das Äußere dem Inneren, denn Ersteres gibt es nicht ohne Letzteres, Materie ist immer eine Offenbarung des Geistes.

Aber es gilt sicherlich dasselbe wie in Bezug auf das Verhältnis von Denken und Fühlen:

Warum beides trennen wollen? Warum Geist und Materie, Denken und Fühlen trennen wollen?

Es ist Rilkes großes Verdienst, uns darauf aufmerksam gemacht zu haben und zu machen, dass jeder Vogel, der fliegt, ein Vogel ist, der sich gleichermaßen durch denWeltaußenraum bewegt wie durch den Weltinnenraum.

Nur wenn wir Letzteren wahr-nehmen, verstehen wir auch Ersteren und verstehen Rilke wirklich, wenn er in der zweiten Strophe oben gerade uns heute auf jene Weisheit hinweist, die seit Anbeginn gilt,

dass sich eins im Anderen erkennt.

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Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen. Mein Interesse gilt den Mythen und der Literatur, spiegelt sich doch in ihnen die Entwicklung des Menschen: Ohne den Prometheus in uns kommen wir nicht zu einem selbständigen Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen, eher vielleicht ein Bewusstseinsakt als ein Verbrechen, stehen beide doch für eine Weise menschlicher Entwicklung. Manche unter uns mögen mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival unterwegs sein. Philosophen und Dichter früherer Zeiten hatten ein sehr hohes spirituelles Bewusstsein, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante, Goethe, Schiller oder Hölderlin hießen; in neuerer Zeit gilt das u.a. für Nietzsche, Trakl, Hofmannsthal, Rilke und Michael Ende. Viel von deren Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet, sicherlich eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte. Die Auseinandersetzung und Beschäftigung mit den Gedanken der oben Angesprochenen kann uns bereichern und Verschüttetes ins Bewusstsein rufen. Manches kann unseren Lebensweg wesentlich beeinflussen.
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2 Antworten zu Rainer Maria Rilkes ´Weltinnenraum´: „Es winkt zur Fühlung fast aus allen Dingen …“

  1. Dagmar Stuchlik schreibt:

    Lieber Johannes Klinkmüller,
    ich wüßte gern, aus welchem Gedicht das Wortgebilde
    „WELTINNENRAUM“ stammt,
    können Sie mir das bitte sagen?
    ganz herzlichen Dank
    und lieben Gruß von

    Dagmar Stuchlik

    • Liebe Dagmar,

      das Gedicht hat meines Wissens keine eigene Überschrift, die erste Zeile lautet
      „Es winkt zur Fühlung fast aus allen Dingen“

      Es findet sich in dem oben abgedruckten Gedicht.

      Liebe Grüße von
      Johannes

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