Platons Höhlengleichnis: ohne Fesseln in Freiheit leben? – Ein möglicher Weg zum Licht

Vor mehr als 2000 Jahren in Form eines Dialogs geschrieben und noch immer brandaktuell: Platons Höhlengleichnis.

Und es beginnt höchst symbolisch. Denn dass die Menschen nicht von Geburt an, sondern von Kind auf gefesselt sind, hat seine Bedeutung wie ebenfalls, dass sie nur in eine Richtung, nämlich geradeaus gucken – und nicht einmal zum Licht.

Natürlich steht die Höhle für das Bewusstsein der Menschen. Nur indirekt nehmen sie das Licht wahr, ja, sie können durch ihre Fesselung nicht einmal mit dem Anderen von Angesicht zu Angesicht kommunizieren. Sie schauen sich nicht einmal ins Gesicht, wenn sie etwas sagen; sie schauen stur geradeaus. Wenn sie reden, reden sie gegen eine Wand!

Sturheit und geistige Enge kennzeichnen das Bewusstsein und das Gesichtsfeld der Menschen. Von Kind auf werden viele erzogen, nicht ins Gesicht des Nächsten zu schauen, vor allem aber, sich selbst nicht wirklich anzuschauen.

In manchen Klassen in der Schule habe ich höchste Schwierigkeiten, Jugendliche davon zu überzeugen, wie sinnvoll es ist, im Kreis zu sitzen und sich anzuschauen. Die Mehrheit möchte lieber wie in einem Eisenbahnwagon hintereinander sitzen, lieber dem Nächsten in den Nacken schauen und lieber brav von der Tafel abschreiben, als zu lernen, miteinander von Angesicht zu Angesicht zu sprechen. Es ist doch so bequem, stur geradeaus zu schauen … Wenn wir es dann einmal begonnen haben, kann sehr oft eine neue Qualität des Miteinander-Seins beginnen.

So gefesselt sind die Menschen von Kind auf! Unser Schulunterricht verstärkt diese Fesselung oft; unter anderem sagt eben die Weise, wie man im Klassenraum sitzt, viel aus. 

So gefesselt halten die Gefesselten die Schatten, die sie an der Wand wahrnehmen und für wahr halten, für die Wirklichkeit.

Die Wirklichkeit ist allerdings blutleeres Schattenspiel.

Wie viele Millionen und Abermillionen Menschen glotzen nicht Tag für Tag auf die Wand, die wir Fernseher nennen, und halten, was sie sehen, für die Wirklichkeit, für ihre Wirklichkeit! Sie machen sich zu eigen, was andere für sie sehen.

Für den eigenen Weg zum Licht jedoch gibt es keinen Ersatz; man muss – und Richard Dehmel hat das in seinem Gedicht Manche Nacht überzeugend dargelegt – selbst vorwärts schreiten, um zum Licht zu gelangen, selbst etwas für die Einsicht tun, dass unser Leben von Stäben geprägt sein könnte; andernfalls bleibt man, wie der Mann vom Land in Kafkas Türhüterlegende abgeschnitten vom Licht, bleibt ein Höhlenmensch:

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Stelle dir Menschen vor in einer unterirdischen, höhlenartigen Behausung; diese hat einen Zugang, der zum Tageslicht hinaufführt, so groß wie die ganze Höhle. In dieser Höhle sind sie von Kind auf, gefesselt an Schenkeln und Nacken, so dass sie an Ort und Stelle bleiben und immer nur geradeaus schauen; ihrer Fesseln wegenkönnen sie den Kopf nicht herumdrehen. Licht aber erhalten sie von einem Feuer, das hinter ihnen weit oben in der Ferne brennt. Zwischen dem Feuer und den Gefesselten aber führt oben ein Weg hin; dem entlang denke dir eine kleine Mauer errichtet, wie die Schranken, welche die Gaukler vor den Zuschauern aufbauen und über die hinweg sie ihre Kunststücke zeigen.

»Ich sehe es vor mir«, sagte er.

Stelle dir nun längs der kleinen Mauer Menschen vor, die allerhand Geräte vorübertragen, so dass diese über die Mauer hinausragen, Statuen von Menschen und anderen Lebewesen aus Stein und aus Holz in mannigfacher Ausführung. Wie natürlich, redet ein Teil dieser Träger, ein anderer schweigt still.

»Ein seltsames Bild führst du da vor, und seltsame Gefesselte«, sagte er.

Sie sind uns ähnlich, erwiderte ich. Denn erstens: Glaubst du, diese Menschenhätten von sich selbst und voneinander je etwas anderes zu sehen bekommen als die Schatten, die das Feuer auf die ihnen gegenüberliegende Seite der Höhle wirft?

»Wie sollten sie«, sagte er, »wenn sie zeitlebens gezwungen sind, den Kopf unbeweglich zu halten?«

Was sehen sie aber von den Dingen, die vorübergetragen werden? Doch eben dasselbe?

»Zweifellos.«

Wenn sie nun miteinander reden könnten, glaubst du nicht, sie würden das als das Seiende bezeichnen, was sie sehen?

»Notwendig.«

Und wenn das Gefängnis von der gegenüberliegenden Wand her auch ein Echo hätte und wenn dann einer der Vorübergehenden spräche – glaubst du, sie würden etwas anderes für den Sprechenden halten als den vorbeiziehenden Schatten?

»Nein, beim Zeus«, sagte er.

Auf keinen Fall, fuhr ich fort, könnten solche Menschen irgend etwas anderes für das Wahre halten als die Schatten jener künstlichen Gegenstände.

»Das wäre ganz unvermeidlich«, sagte er.

Überlege dir nun, fuhr ich fort, wie es wäre, wenn sie von ihren Fesseln befreit und damit auch von ihrer Torheit geheilt würden; da müsste ihnen doch natur­gemäß folgendes widerfahren: Wenn einer aus den Fesseln gelöst und genötigt würde, plötzlich aufzustehen, den Hals zu wenden, zu gehen und gegen das Licht zu schauen, und wenn er bei all diesem Tun Schmerzen empfände und wegen des blendenden Glanzes jene Dinge nicht recht erkennen könnte, deren Schatten er vorher gesehen hat – was meinst du wohl, dass er antworten würde, wenn ihm jemand erklärte, er hätte vorher nur Nichtigkeiten gesehen, jetzt aber sei er dem Seienden näher und so, dem eigentlichen Seienden zugewendet, sehe er richtiger? Und wenn der ihm dann ein jedes von dem Vorüberziehenden zeigte und ihn fragte und zu sagen nötigte, was das sei? Meinst du nicht, er wäre in Verlegenheit und würde das, was er vorher gesehen hat, für wahrer (wirklicher) halten als das, was man ihm jetzt zeigt?

»Für viel wahrer (wirklicher)«, erwiderte er.

Und wenn man ihn gar nötigte, das Licht selbst anzublicken, dann schmerzten ihn doch wohl die Augen, und er wendete sich ab und flöhe zu den Dingen, die er anzuschauen vermag, und glaubte, diese seien tatsächlich klarer als das, was man ihm jetzt zeigt?

»Es ist so«, sagte er.

Schleppte man ihn aber von dort mit Gewalt den rauen und steilen Aufgang hinauf, fuhr ich fort, und ließe ihn nicht los, bis man ihn an das Licht der Sonne hinausgezogen hätte – würde er da nicht Schmerzen empfinden und sich nur wider­willig so schleppen lassen? Und wenn er ans Licht käme, hätte er doch die Augen voll Glanz und vermöchte auch rein gar nichts von dem zu sehen, was man ihm nun als das Wahre bezeichnete?

»Nein«, erwiderte er, »wenigstens nicht im ersten Augenblick.“

Er müsste sich also daran gewöhnen, denke ich, wenn er die Dinge dort oben sehen wollte. Zuerst würde er wohl am leichtesten die Schatten erkennen, dann die Spiegelbilder der Menschen und der andern Gegenstände im Wasser und dann erst sie selbst. Und daraufhin könnte er dann das betrachten, was am Himmel ist, und den Himmel selbst, und zwar leichter bei Nacht, indem er zum Licht der Sterne und des Mondes aufblickte, als am Tage zur Sonne und zum Licht der Sonne.

»Ohne Zweifel.«

Zuletzt aber, denke ich, würde er die Sonne, nicht ihre Spiegelbilder im Wasser oder anderswo, sondern sie selbst, an sich, an ihrem eigenen Platz ansehen und sie so betrachten können, wie sie wirklich ist.

»Ja, notwendig«, sagte er.

Und dann würde er wohl die zusammenfassende Überlegung über sie anstellen, dass sie es ist, die die Jahreszeiten und Jahre herbeiführt und über allem waltet in dem sichtbaren Raume, und dass sie in gewissem Sinne auch von allem, was sie früher gesehen haben, die Ursache ist.

»Offenbar“, sagte er, »würde er nach alledem so weit kommen.“

Wenn er nun aber an seine erste Behausung zurückdenkt und an die Weisheit, die dort galt, und an seine damaligen Mitgefangenen, dann wird er sich wohl zu der Veränderung glücklich preisen und jene bedauern – meinst du nicht?

»Ja, gewiss.«

Die Ehren aber und das Lob, das sie einander dort spendeten, und die Belohnun­gen für den, der die vorüberziehenden Schatten am schärfsten erkannte und der sich am besten einprägte, welche von ihnen zuerst, und welche danach, und welche gleichzeitig vorbeizukommen pflegten, und daraus am besten vorauszusagen wusste, was jetzt kommen werde – glaubst du, er sei noch auf dieses Lob erpicht und beneide die, die bei jenen dort in Ehre und Macht stellen? Oder wird es ihm so gehen, wie Homer sagt, dass er viel lieber auf dem Acker bei einem armen Mann im Taglohn arbeiten und lieber alles Mögliche erdulden will, als wieder in jenen Meinungen befangen sein und jenes Leben führen?

»Ja, das glaube ich«, sagte er. »Lieber wird er alles andere ertragen als jenes Leben.«

Denke dir nun auch Folgendes, fuhr ich fort: Wenn so ein Mensch wieder hinunterstiege und sich an seinen alten Platz setzte, dann bekäme er doch seine Augen voll Finsternis, wenn er so plötzlich aus der Sonne käme?

»Ja, gewiss«, erwiderte er.

Wenn er dann aber wieder versuchen müsste, im Wettstreit mit denen, die immer dort gefesselt waren, jene Schatten zu beurteilen, während seine Augen noch geblen­det sind und sich noch nicht wieder umgestellt haben (und diese Zeit der Um­gewöhnung dürfte ziemlich lange dauern), so würde man ihn gewiss auslachen und von ihm sagen, er komme von seinem Aufstieg mit verdorbenen Augen zurück und es lohne sich nicht, auch nur versuchsweise dort hinaufzugehen. Wer aber Hand anlegte, um sie zu befreien und hinaufzuführen, den würden sie wohl umbringen, wenn sie nur seiner habhaft werden und ihn töten könnten.

»Ja, gewiss«, sagte er.

Dieses ganze Gleichnis, mein lieber Glaukon, fuhr ich fort, musst du nun an das anknüpfen, was wir vorhin besprochen haben. Die durch das Gesicht uns erscheinende Region setze dem Wohnen im Gefängnis und das Licht des Feuers in ihr der Kraft der Sonne gleich. Und wenn du nun den Aufstieg und die Betrachtung der Dinge dort oben für den Aufstieg der Seele in den Raum des Einsehbaren nimmst, so wirst du meine Ahnung nicht verfehlen, die du doch zu hören wün­schest. Gott aber mag wissen, ob sie richtig ist. Meine Ansicht darüber geht jedenfalls dahin, dass unter dem Erkennbaren als Letztes und nur mit Mühe die Idee des Guten gesehen wird; hat man sie aber gesehen, so muss man die Überlegung an­stellen, dass sie für alles die Urheberin alles Richtigen und Schönen ist. Denn imSichtbaren bringt sie das Licht und seinen Herrn hervor; im Einsehbaren aber ver­leiht sie selbst als Herrin Wahrheit und Einsicht. Sie muss man erblickt haben, wenn man für sich oder im öffentlichen Leben vernünftig handeln will.

»Ich bin derselben Ansicht«, sagte er, »soweit ich zu folgen vermag.«

Wohlan denn, fuhr ich fort, schließe dich auch im Folgenden meiner Meinung an. Wundere dich nicht: Wer dahin gelangt ist, will vom menschlichen Treiben nichts mehr wissen, sondern seine Seele hat den Drang, für immer hier oben zu verweilen. Das ist auch ganz natürlich, wenn es dem vorhin beschriebenen Gleichnis ent­sprechen soll.

»Ja, freilich«, sagte er.

Glaubst du nun aber, fuhr ich fort, man dürfe sich darüber wundern, dass, wenn einer von der Betrachtung des Göttlichen in das menschliche Elend versetzt wird, er sich dann ungeschickt benimmt und höchst lächerlich erscheint? Denn während sein Auge noch geblendet ist und bevor er sich noch recht an die herrschende Finster­nis gewöhnt hat, muss er vor Gericht oder anderswo über die Schatten des Gerechten streiten oder über die Bildwerke, deren Schatten sie sind, und muss sich mit den Vermutungen herumschlagen, die jene Leute darüber anstellen, welche die Gerechtigkeit selbst nie zu sehen bekommen haben.

»Nein, das ist gar nicht zu verwundern«, sagte er.

Ein Einsichtiger, fuhr ich fort, würde vielmehr bedenken, dass es für die Augen zwei Arten und zwei Ursachen von Störungen gibt: die eine, wenn man aus dem Licht in das Dunkel, die andere, wenn man aus dem Dunkel in das Licht versetzt wird. Erkennt er nun an, dass dasselbe auch mit der Seele vor sich geht, so wird er nicht unüberlegt lachen, wenn er eine Seele sieht, die verwirrt ist und etwas nicht zu erkennen vermag. Sondern er wird prüfen, ob sie aus einem helleren Leben kam und jetzt von der Finsternis, an die sie nicht gewöhnt ist, umhüllt wird, oder ob sie aus größerer Unwissenheit in größere Klarheit gekommen ist und nun vom helleren Glanze geblendet wird. Und so wird er die eine um ihres Zustandes und ihres Lebens willen glücklich preisen und die andere bedauern; und wollte er über diese lachen, so wäre sein Lachen hier weniger lächerlich als das über die andere, die von oben aus dem Licht kommt.

»Was du sagst, ist durchaus am Platze«, erwiderte er.

Wenn das aber wahr ist, fuhr ich fort, so müssen wir darüber zu folgender An­sicht kommen: dass die Bildung nicht das ist, wofür sie einige in ihren Anpreisungen ausgeben. Sie behaupten nämlich, sie pflanzten der Seele ein Wissen ein, das vorher nicht darin war, wie wenn sie blinden Augen Sehkraft geben konnten.

»Ja, das behaupten sie«, sagte er.

Unser Gespräch zeigt nun aber, fuhr ich fort, dass der Seele eines jeden Menschen das Vermögen und das Organ innewohnt, mit dem er lernen kann. Wie aber das Auge nicht imstande ist, sich anders als mit dem ganzen Leibe aus dem Dunkel gegen das Helle zu wenden, so muss auch dieses Organ zugleich mit der ganzen Seele vom Werdenden weggewendet werden, bis diese imstande ist, den Anblick desSeienden und des Hellsten unter den Seienden auszuhallen; dies aber, behaupten wir, ist das Gute; nicht wahr?

»Ja.« Die Bildung, fuhr ich fort, wäre nun also eine Kunst der >Umlenkung<, die Art nämlich, wie dieses Organ am leichtesten und am wirksamsten umgewendet werden kann. Sie ist nicht die Kunst, ihm das Sehen zu verleihen; sondern indem sie voraussetzt, dass es dieses zwar besitzt, aber nicht nach der richtigen Seite gewandt ist und deshalb nicht dorthin schaut, wohin es schauen sollte, will sie ihm behilflich sein.

»Ja, offenbar«, sagte er.

Die anderen sogenannten Tüchtigkeiten der Seele sind nun offenbar mit denen des Leibes nahe verwandt; sie scheinen nämlich am Anfang wirklich nicht vorhan­den zu sein, sondern erst nachträglich durch Gewohnheit und Übung in sie hinein­gebracht zu werden. Die des Denkens aber hat anscheinend mit etwas viel Gött­licherem zu tun. Niemals verliert das seine Kraft; es wird aber durch die Wendung, die man ihm gibt, entweder brauchbar und heilsam oder unbrauchbar und schädlich. Oder hast du noch nicht bemerkt, wie scharf die kleine Seele derer blickt, die man böse, aber klug nennt, und wie genau sie das durchschaut, worauf sie sich richtet? Sie hat keine geringe Sehkraft, muss aber der Schlechtigkeit dienen, so dass sie, je schärfer sie sieht, desto mehr Schlechtes tut.

»Allerdings“, sagte er.

Wenn jedoch, fuhr ich fort, dieses Organ einer solchen Natur gleich von Kindheit an beschnitten worden wäre und man das, was daran mit dem Werden verwandt ist, ringsum abgehauen hätte, das nämlich, was ihr gleichsam wie Bleikugeln an­hängt, die durch allzu reichliches Essen und die Lust daran und Schwelgereien mit ihr verwachsen sind und den Blick der Seele nach unten ziehen – wenn es also davon befreit und dem Wahren zugewendet würde, dann würde eben dieses Organ der­selben Menschen jene höheren Dinge mit ganzer Schärfe sehen, so wie es das sieht, dem es jetzt zugewendet ist.

»Ja, wahrscheinlich«, sagte er.

Ist nun aber, fuhr ich fort, nicht auch das wahrscheinlich und nach dem, was wir bisher gesagt haben, sogar notwendig: dass weder die Ungebildeten und mit der Wahrheit nicht Vertrauten je eine Stadt richtig leiten können, noch auch die, die sich bis zum Ende ihres Lebens ihrer Bildung widmen dürfen? Jene nicht, weil ihnen das eine Ziel in ihrem Leben fehlt, wonach sich alles das richten sollte, was sie für sich und im öffentlichen Leben tun, diese nicht, weil sie sich freiwillig überhaupt nicht praktisch betätigen wollen, da sie glauben, sie wohnten schon hier im Leben fern auf den Inseln der Seligen.

»Das ist wahr«, sagte er.

Wir als die Gründer der Stadt, fuhr ich fort, haben also die Aufgabe, die besten Naturen zu nötigen, zu jenem Lehrstück zu gelangen, das wir vorhin als das höchste bezeichnet haben, nämlich das Gute zu schauen und jenen Weg hinaufzusteigen. Wenn sie es dann dort oben zur Genüge gesehen haben, dürfen wir ihnen das nicht erlauben, was man ihnen heute erlaubt.

»Was denn?“

Dort oben zu bleiben, sagte ich, und nicht wieder zu jenen Gefesselten hinabzusteigen und nicht teilhaben zu wollen an ihren Mühen und an ihren Ehren, seien diese nun mehr oder weniger geringfügig oder bedeutend.

»Dann sollen wir ihnen also Unrecht tun«, erwiderte er, »und sie veranlassen, ein schlechteres Leben zu führen, während sie ein besseres haben könnten?«

Du hast wiederum vergessen, mein Freund, fuhr ich fort, dass ein Gesetz nicht dafür zu sorgen hat, dass es nur einem Stand in der Stadt vorzüglich gut geht. Es muss vielmehr diesen Zustand für die ganze Stadt zu erreichen suchen, indem es die Bürger durch gütliche Überredung und durch Zwang zusammenfügt und sie dazu bringt, dass sie sich gegenseitig an dem Nutzen teilhaben lassen, welchen ein jeder der Gemeinschaft erweisen kann, und indem es selbst solche Männer in der Stadt heranbildet, nicht, um jeden nachher gehen zu lassen, wohin ihn seine Neigung führt, sondern um selbst sich ihrer zum Zusammenschluss der Stadt zu bedienen.

»Ja, das hatte ich freilich vergessen.«

So kannst du also sehen, Glaukon, sagte ich, dass wir denen, die bei uns zu Philosophen werden, kein Unrecht tun, sondern eine gerechte Zumutung an sie richten, wenn wir sie nötigen, für die anderen zu sorgen und über sie zu wachen. Denn wir werden ihnen sagen: Wer in den anderen Städten das wird, was ihr seid, nimmt mit guten Gründen an ihren Sorgen keinen Anteil, entwickelt er sich doch selbständig, ohne Zutun der jeweiligen Staatsverfassung. Es ist denn auch billig, dass das, was von selbst heranwächst und niemandem seine Pflege verdankt, auch niemandem ein Kostgeld zahlen will. Euch dagegen haben wir zu eurem eigenen Vorteil und zu dem der Stadt wie Weise und Könige in einem Bienenstocke herangezogen und euch besser und vollkommener ausgebildet als jene, so dass ihr eher imstande seid, euch auf beiden Gebieten zu betätigen. Darum muss nun auch jeder der Reihe nach in die Behausung der anderen hinabsteigen und sich daran gewöhnen, das Dunkle zu be­trachten. Denn seid ihr einmal daran gewöhnt, so werdet ihr tausendmal besser sehen als die Bewohner dort und werdet erkennen, was alle die Bilder sind und wovon sie die Bilder sind, weil ihr über das Schöne und Gerechte und Gute die Wahrheit geschaut habt. Und so wird von uns und von euch die Stadt im Wachen verwaltet werden und nicht im Traum, wie es heute bei den meisten der Fall ist, die von Leuten gelenkt werden, die Schattenkämpfe miteinander ausfechten und sich um die Herrschaft streiten, als ob sie ein großes Gut wäre. In Wahrheit ist es aber so: Die Stadt, wo die, die dazu berufen sind, am wenigsten nach der Herrschaft trachten, wird notwendig am besten und friedlichsten verwaltet, im Gegensatz zu der, die Regenten mit gegenteiliger Gesinnung hat.

»Ja, gewiss, sagte er.

Glaubst du nun, unsere Zöglinge werden uns nicht gehorchen, wenn sie das hören, und nicht gewillt sein, in der Stadt mitzuarbeiten, ein jeder zu seinem Teil, die meiste Zeit aber miteinander im Reinen zu wohnen?

»Doch, gewiss, sagte er. »Denn wir verlangen ja nur Gerechtes von Gerechten. Wie zu einer unumgänglichen Pflicht wird jeder von ihnen an das Regieren heran­treten, im Gegensatz zu denen, die heute in jeder Stadt regieren.«

Ja, so ist es, mein Freund, sagte ich. Wenn du für die berufenen Regenten eine Lebensweise finden kannst, die besser ist als das Regieren, dann ist es möglich, dass eine wohl verwaltete Stadt entsteht. Denn in ihr allein werden die wahrhaft Reichen regieren, die nicht an Gold reich sind, sondern an dem, woran der Glückliche reich sein muss, an einem guten und vernünftigen Lehen. Machen sich aber Bettler und an eigenen Gütern Arme an die öffentlichen Angelegenheiten, in der Meinung, sie müssten ihr Gut dort holen, dann ist es nichts damit. Dann gibt es Streit um die Herrschaft, und dieser einheimische und innere Krieg reißt sie und die ganze Stadt ins Verderben.

»Das ist vollkommen wahr“, sagte er.

Kennst du nun noch eine andere Lebensweise, fuhr ich fort, welche die politische Macht verachtet, außer der der wahren Philosophie?

»Nein, beim Zeus“, sagte er.

Nun dürfen also nur Leute an die Macht kommen, die keine Liebhaber von ihr sind, sonst werden ihre Nebenbuhler mit ihnen Streit anfangen.

„Zweifellos.“

Doch wen wolltest du sonst dazu nötigen, sich mit der Obhut über die Stadt zu befassen, wenn nicht die, die die größte Einsicht haben, wie eine Stadt am besten verwaltet wird, und die andere Ehren und ein besseres Lehen kennen als das des Staatsmannes?

»Nein, niemand sonst“, sagte er.

( . . . )

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