Max Frischs Credo in seinem Tagebuch 1946-1949: „Du sollst Dir kein Bildnis machen!“

Ich habe den Beginn von Kafkas Roman Der Prozess als einen der berühmtesten Romananfänge der Weltliteratur bezeichnet. Die erste Seite von Max Frischs Roman Stiller mag dem nur wenig nachstehen – und köstlich zu lesen ist sie ohnehin; zumindest auf den ersten Blick; in Wirklichkeit verbirgt sich eine Dramatik, die mit zunehmender Romandauer zunehmend betroffen macht :

Ich bin nicht Stiller! – Tag für Tag, seit meiner Einlieferung in dieses Gefängnis, das noch zu beschreiben sein wird, sage ich es, schwöre ich es und fordere Whisky, ansonst ich jede weitere Aussage verweigere. Denn ohne Whisky, ich hab’s ja erfahren, bin ich nicht ich selbst, sondern neige dazu, allen möglichen guten Einflüssen zu erliegen und eine Rolle zu spielen, die ihnen so passen möchte, aber nichts mit mir zu tun hat, und da es jetzt in meiner unsinnigen Lage (sie halten mich für einen verschol­lenen Bürger ihres Städtchens!) einzig und allein darum geht, mich nicht beschwatzen zu lassen und auf der Hut zu sein ge­genüber allen ihren freundlichen Versuchen, mich in eine fremde Haut  zu stecken, unbestechlich zu sein bis zur Grobheit, ich sage: da es jetzt einzig und allein darum geht, niemand anders zu sein als der Mensch, der ich in Wahrheit leider bin, so werde ich nicht aufhören, nach Whisky zu schreien, sooft sich jemand meiner Zelle nähert. Übrigens habe ich bereits vor Ta­gen melden lassen, es brauche nicht die allererste Marke zu sein, immerhin eine trinkbare, ansonst ich eben nüchtern bleibe, und dann können sie mich verhören, wie sie wollen, es wird nichts dabei herauskommen, zumindest nichts Wahres. Vergeblich! Heute bringen sie mir dieses Heft voll leerer Blätter: Ich soll mein Leben niederschreiben! wohl um zu beweisen, dass ich eines habe, ein anderes als das Leben ihres verscholle­nen Herrn Stiller. „Sie schreiben einfach die Wahrheit“, sagt mein amtlicher Verteidiger, „nichts als die schlichte und pure Wahrheit. Tinte können Sie jederzeit nachfüllen lassen!“

Heute ist es eine Woche seit der Ohrfeige, die zu meiner Ver­haftung geführt hat. […]

Ja, da wehrt sich einer mit Händen und Füßen, der zu sein, der er seinem Pass nach ist, Stiller. Aber er will ein anderer sein, er nennt sich White – wie ein unbeschriebenes Blatt will er sein, weiß, und leben wie neu geboren.

Extra war dieser Bildhauer abgehauen, nach Mexiko und überall hin, um einer Beziehung mit der schönen Julika zu entfliehen, die beide krank machte. Nun kommt er zurück und muss bemerken, dass er sofort wieder als jener identifiziert wird, der er doch nicht mehr sein möchte.

Nicht festgelegt zu werden auf den, der man zu sein hat; nicht Stiller sein zu müssen, wo doch scheinbar alle Welt weiß, wer dieser Stiller ist und wie er sich verhält; sich nicht verhalten zu müssen wie ein Jude, wenn alle Welt glaubt, dass man einer sei; auch diese Thematik hat Max Frisch (wenn auch nicht sonderlich gelungen, weil zu plakativ und zeigefingerhaft, finde ich) in seinem Theaterstück Andorra gestaltet.

Dem Entwurf zu diesem Schauspiel in seinem Tagebuch 1946-1949 gingen folgende programmatischen und wahrlich bemerkenswerten Sätze voraus:

Du sollst Dir kein Bildnis machen

Es ist bemerkenswert, dass wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen kön­nen, wie er sei. Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, dass sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu fol­gen in allen seinen möglichen Entfaltungen. Wir wissen, dass jeder Mensch, wenn man ihn liebt, sich wie verwandelt fühlt, wie entfaltet, und dass auch dem Liebenden sich alles entfaltet, das Nächste, das lange Bekannte. Vieles sieht er wie zum ersten Male. Die Liebe befreit es aus jeglichem Bildnis. Das ist das Erregende, das Abenteuerliche, das eigentlich Spannende, dass wir mit den Menschen, die wir lieben, nicht fertig ­werden: weil wir sie lieben; solang wir sie lieben. Man höre bloß die Dichter, wenn sie lieben; sie tappen nach Vergleichen, als wären sie betrunken, sie grei­fen nach allen Dingen im All, nach Blumen und Tieren, nach Wolken, nach Sternen und Meeren. Warum? So wie das All, wie Gottes unerschöpfliche Geräumigkeit, schrankenlos, alles Möglichen voll, aller Geheimnisse voll, unfassbar ist der Mensch, den man liebt –

Nur die Liebe erträgt ihn so.

Warum reisen wir?

Auch dies, damit wir Menschen begegnen, die nicht meinen, dass sie uns kennen ein für alle Mal; damit wir noch einmal erfahren, was uns in diesem Leben möglich sei –

Es ist ohnehin schon wenig genug.

Unsere Meinung, dass wir das andere kennen, ist das Ende der Liebe, jedes Mal […]

Wir können nicht mehr! Wir künden ihm die Bereitschaft, auf weitere Verwandlungen einzugehen. Wir verweigern ihm den Anspruch alles Lebendigen, das unfassbar bleibt, und zugleich sind wir verwundert und enttäuscht, dass unser Verhältnis nicht mehr lebendig sei.

„Du bist nicht“, sagt der Enttäuschte oder die Enttäuschte: „wofür ich dich gehalten habe.“

Und wofür hat man sich denn gehalten?

Für ein Geheimnis, das der Mensch ja immerhin ist, ein erregendes Rätsel, das auszuhalten wir müde geworden sind. Man macht sich ein Bildnis. Das ist das Lieblose, der Verrat […]

In gewissem Grad sind wir wirklich das Wesen, das die andern in uns hineinsehen, Freunde wie Feinde. Und umgekehrt! auch wir sind die Verfasser der andern; wir sind auf eine heimliche und unentrinnbare Weise verantwortlich für das Gesicht, das sie uns zeigen, verantwortlich nicht für ihre Anlage, aber für die Ausschöpfung dieser Anlage. Wir sind es, die dem Freunde, dessen Erstarrtsein uns bemüht, im Wege stehen, und zwar dadurch, dass unsere Meinung, er sei erstarrt, ein weiteres Glied in jener Kette ist, die ihn fesselt und langsam erwürgt. Wir wünschen ihm, dass er sich wandle, o ja, wir wünschen es ganzen Völkern! Aber darum sind wir noch lange nicht bereit, unsere Vorstellung von ihnen aufzugeben. Wir selber sind die letzten, die sie verwandeln […]

Am Schluss von Andorra stirbt Andri, der Jude, der in Wahrheit gar keiner ist, gesteinigt von den Judenhassern, die ihn zu einem Juden machten, weil sie einen Juden brauchten.

Und am Schluss des Romans Stiller stirbt Julika, die schwächere und vielleicht sensiblere der beiden Menschen, die sich in ein Bildnis pressten.

Bildnisse können so tödlich sein.

Du sollst Dir kein Bildnis machen.

Nicht von Gott, sonst wird wahr, was Zarathustra in Nietzsches Also sprach Zarathustra der Menge verkündet:

Gott ist tot, und ihr habt ihn getötet.

Und nicht von Dir – wenn Du leben willst. Ansonsten ist das wie Dich selbst in jenem biblischen Gebot Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst nicht möglich.

PS.

Hans Magnus Enzensberger hat ein beeindruckendes Gedicht geschrieben, in dem sich andeutet, wie empfindsam und ergebnisoffen, weil frei von einem Bildnis, einer mit einem Anderen umgehen kann, und Klaus Hoffmann singt ein wunderbares Lied zu diesem Thema:

.

weil du nicht bist wie alle andern
weil man dich niemals kaufen kann
weil mit dir tausend Sterne wandern
weil du auch Wölfin bist und Lamm

weil du noch Mut hast um zu träumen
weil in dir Schmetterlinge sind
und weil du Zeit hast dich an Bäumen
halbtot zu freuen wie ein Kind

weil du das große Abenteuer
wie ein Geheimnis mit dir führst
weil du nicht satt bist und das Feuer
so vieler Leben in dir spürst

weil du nicht bist wie alle andern
weil man dich niemals kaufen kann
weil mit dir tausend Sterne wandern
weil du auch Wölfin bist und Lamm

weil du noch in dir suchst und zweifelst
auch wenn du dich dabei verlierst
und deine Grenzen überschreitest
und weil du recht hast wenn du irrst

weil du Verbote einfach auslässt
weil du Gesetze hasst wie ich
weil du dich täglich etwas loslässt
weil du die Schatten kennst vom Licht

weil du ein Herz hast wie ein Bahnhof
aus dem ein Zug auf Reisen geht
und meine Stimme sagt ´fahr nicht los´
wenn du für immer von mir gehst

weil du nicht bist wie alle andern
auch wenn du ausgehst wie das Licht
und mit dir tausend Sterne wandern
weil es dich gibt liebe ich dich

.

.
.
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