Wo die Mutter der Dinge, die verschleierte Jungfrau wohnt! Novalis´ Märchen von Hyazinth und Rosenblütchen.

Das Märchen von Hyazinth und Rosenblütchen findet sich in Friedrich von Hardenbergs – besser bekannt unter seinem Künstlernamen Novalis (1772-1801) – Fragment gebliebener Erzählung Die Lehrlinge zu Saïs.
Natürlich enthält sie alle Ingredienzen eines romantischen Werkes: Die ganze Natur lebt, Tiere, Pflanzen, Blumen, Quellen und Steine sind lebendig und können sprechen, und wie es auch in einem Märchen so oft ist: Der Held – ob männlich oder weiblich – muss auf eine Reise, wie es scheint, ohne Not, und doch von einem inneren Zwang getrieben.

Warum ich es in erster Linie abdrucke und warum es mich fasziniert: Hyazinth ist unterwegs zur heiligen Göttin, sie will er finden, es heißt im Märchen: Er fragte überall nach der heiligen Göttin (Isis).
Natürlich ist es wie so oft im Märchen: Der Held steht für uns alle, für uns, die wir, wenn es gutgeht, unterwegs sind, mancher bewusst, mancher ohne es zu wissen, unterwegs auf jener großen Reise zu uns selbst.
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Aber doch nicht zu Isis! Ist das nicht, wie mancher Christ sagen würde, eine heidnische Göttin? – Entsetzlich!
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Wer allerdings verbirgt sich wirklich hinter der ägyptischen Göttin, die ein so trauriges Schicksal erleiden musste, wurde doch ihr Mann Osiris, der zugleich ihr Bruder war, von einem anderen Bruder, von Seth ermordet?

Isis und Osiris sind ein Götterpaar, das im Rahmen der ägyptischen Geschichte zunehmend in den Vordergrund des Bewusstseins der Menschen trat. Noch in Mozarts Oper Zauberflöte haben beide bekanntlich Einzug gehalten.

In den Mythen der Völker kommt es immer wieder vor, dass ein Gott umgebracht wird, dem germanischen Gott Balder zum Beispiel geht es genauso.

Diese Todesfälle sind Geschehnissen in den Märchen vergleichbar, wenn der gute alte König oder die gute alte Königin sterben. In der Sprache der Mythen bedeutet das, dass ein Bewusstsein, das bis dahin unter den Menschen vorhanden war, versinkt, abgelöst wird durch ein anderes. Oft verbindet sich damit ein notwendiger Entwicklungsschritt im Bewusstsein der Menschheit, auch wenn auf den ersten Blick ein Verlust damit verbunden zu sein scheint.

Kein Wunder also, dass nach seinem Tod Osiris absinkt, versinkt und Herrscher der Unterwelt wird, jener Welt also, die nur wenigen Sterblichen während ihres Lebens zugänglich war und ist, von Orpheus wissen wir es, von Odysseus, und auch Jesus war während seines dreitägigen „Todes“ im Reich der Toten. – Für den normal Sterblichen ist dieses Reich, wie angesprochen, versunken. Unterwelt.

Isis lebt jedoch weiter und die Geschichte, die der griechische Schriftsteller Plutarch erzählt, ist etwas zu lang, als dass ich sie ausführlicher hier erzählen könnte, nur eines ist wichtig: Isis bekommt trotz dessen Tod noch ein Kind von Osiris; es ist Horus.

Auffallend nun aber ist, dass die Göttin in der Folge immer wieder in Abbildungen mit dem Knaben zusammen zu sehen ist, einer der berühmtesten Gestaltungen findet sich im Rahmen des hier verlinkten Artikels.

Man kann nicht umhin – jedenfalls geht es mir so -, eine Verwandtschaft zwischen den Darstellungen Marias mit dem Jesuskind und von Iris mit dem Horusknaben zu finden. Es sind nicht nur die zahlreichen Pietàs – die berühmteste ist sicherlich die von Michelangelo -, es ist vor allem auch Raffaels berühmte Sixtinische Madonna, die diesen Gedanken nahelegen.

Gewiss haben sich die weiblichen Züge Marias verändert gegenüber denen von Isis, aber das Motiv, besser gesagt: die geistige Realität ist unverkennbar die gleiche, auch wenn orthodoxe Christen Sturm dagegen laufen, weil es keinen Zusammenhang zwischen Heidnischem und Christlichem geben darf. Dass sie damit selbst die Weisheit der Bibel in Abrede stellen, ist den meisten nicht bewusst, denn den Logos, die Weisheit, das göttliche Wort, wie es in den ersten 14 Versen des Johannes-Evangeliums so unnachahmlich und eindrücklich angesprochen wird, gibt es seit allen Zeiten. Natürlich war Christus und damit der Logos schon zu altpersischen, babylonischen  und altägyptischen Zeiten  existent. Und dass Menschen und ihre Priester und Weisen um diese Zusammenhänge wussten, kann nur jemand in Abrede stellen wollen, der die Seele des Menschen erst mit der Zeugung existent sein lassen will, genauso wie Christus erst mit der Geburt von Jesus. Dahinter verbirgt sich die alte Angst der Menschen, es könne mehr geben, als sie mit ihrem winzigen Verstand zu erfassen in der Lage sind. Die Bibel darf demzufolge dann auch den eigenen Horizont nicht überschreiten und ihr Gott repräsentiert nur das eigene Innere, dessen Gesetze und Normen!

Wenn man manche Darstellung der Isis, auch noch aus römischer Zeit, sieht, ihre ausgesprochene Weiblichkeit, dann ahnt man, dass sich hinter ihr das Ewig-Weibliche verbirgt.

Das Ewig-Weibliche aber ist nicht anderes als die unsterbliche Seele des Menschen. Die Germanen nannten sie Walküre.

Warum aber wird Isis, die bereits im alten Ägypten dafür stand, immer wieder mit ihrem Knaben Horus dargestellt?

Aus demselben Grund, aus dem auch Maria fast ausschließlich mit ihrem Sohn gezeigt wird. Dezidiert legt die christliche Religion – im Gegensatz übrigens zum Islam; Allah verbietet im Koran unter Strafe, ihm einen Sohn unterstellen zu wollen – Wert darauf, dass Sein sich nicht in sich selbst erschöpft; es gehört zu seinem Wesen wie zum Wesen des Ewig-Weiblichen, dass es schöpft, dass es fruchtbar ist: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen, so wird in der Bibel über die Menschen gesagt. Das gilt für deren ewige Seele, das Ewig-Weibliche wie für diese Religion an sich. Sie versteht sich – versinnbildlicht im Sohn – als ewiger Schöpfungsprozess.

Novalis weiß darum, weiß, dass der Mensch sich intuitiv nach dem Ewig-Weiblichen sehnt, nennt Isis, wie es das Christentum mit Maria tut, Jungfrau. Es ist kein Zufall, dass Novalis unter den Dichtern meines Erachtens am eindrücklichsten Maria ihren ihr zustehenden Rang gibt; das beweisen einige Lieder von ihm, die in Gesangbücher Einzug gehalten haben und seine Geistlichen Lieder mit Strophen wie

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Ich sehe dich in tausend Bildern
Maria, lieblich ausgedrückt,
Doch keins von allen kann dich schildern
Wie meine Seele dich erblickt.

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Seinen Lehrling lässt er, noch bevor das Märchen beginnt, über seinen Aufenthalt zu Sais, jenem religiösen Zentrum des alten Ägyptens, sagen:

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Mich führt alles in mich selbst zurück. Was einmal die zweite Stimme sagte, habe ich wohl verstanden. Mich freuen die wunderlichen Haufen und Figuren in den Sälen, allein mir ist, als wären sie nur Bilder, Hüllen, Zierden, versammelt um ein göttliches Wunderbild, und dieses liegt mir immer in Gedanken. Sie such´ ich nicht, in ihnen such´ ich oft. Es ist, als sollten sie den Weg mir zeigen, wo in tiefem Schlaf die Jungfrau steht, nach der mein Geist sich sehnt.

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Es ist jene Suche, die wir auch in Goethes Worten am Ende des Faust II angesprochen finden:

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Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.

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All diese literarischen und mythischen Verweise wollen gerade den Menschen der Jetzt-Zeit, der zum Teil so verloren im Materiellen festklebt, daran erinnern, dass es mehr gibt als unser kleines Menschsein; dass also in uns selbst etwas ist, was höher ist als alle Vernunft, was wir momentan noch nicht erfassen, dessen Erinnerung wir aber unbedingt als Wegnahrung behalten sollten.

Schiller hat übrigens die Wahrheit um Isis eine ganz andere Ausgestaltung verliehen, eine mahnende und sehr ernst zu nehmende, auf die ich im nächsten Post eingehe (und dann hier verlinke).

Hier aber nun die heilsame Binnenerzählung im Rahmen der Lehrlinge zu Saïs, an deren Ende ich noch etwas erklären möchte, was jemandem, der sich nicht mit diesen Themen beschäftigt, nicht so ohne Weiteres verständlich sein könnte:

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Das Märchen von Hyazinth und Rosenblütchen

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Vor langen Zeiten lebte weit gegen Abend ein blutjunger Mensch. Er war sehr gut, aber auch über die Maßen wunderlich. Er grämte sich unaufhörlich um nichts und wieder nichts, ging immer still für sich hin, setzte sich einsam, wenn die andern spielten und fröhlich waren, und hing seltsamen Dingen nach. Höhlen und Wälder waren sein liebster Aufenthalt, und dann sprach er immerfort mit Tieren und Vögeln, mit Bäumen und Felsen, natürlich kein vernünftiges Wort, lauter närrisches Zeus zum Totlachen. Er blieb aber immer mürrisch und ernsthaft, ungeachtet sich das Eichhörnchen, die Meerkatze, der Papagei und der Gimpel alle Mühe gaben ihn zu zerstreuen, und ihn auf den richtigen Weg zu weisen. Die Gans erzählte Märchen, der Bach klimperte eine Ballade dazwischen, ein großer dicker Stein machte lächerliche Bockssprünge, die Rose schlich sich freundlich hinter ihm herum, kroch durch seine Locken, und der Efeu streichelte ihm die sorgenvolle Stirn. Allein der Missmut und Ernst waren hartnäckig.

Seine Eltern waren sehr betrübt, sie wußten nicht was sie anfangen sollten. Er war gesund und aß, nie hatten sie ihn beleidigt, er war auch bis vor wenig Jahren fröhlich und lustig gewesen, wie keiner; bei allen Spielen voran, von allen Mädchen gern gesehn. Er war recht bildschön, sah aus wie gemalt, tanzte wie ein Schatz.

Unter den Mädchen war eine, ein köstliches, bildschönes Kind, sah aus wie Wachs, Haare wie goldne Seide, kirschrote Lippen, wie ein Püppchen gewachsen, brandrabenschwarze Augen. Wer sie sah, hätte mögen vergehn, so lieblich war sie. Damals war Rosenblüte, so hieß sie, dem bildschönen Hyazinth, so hieß er, von Herzen gut, und er hatte sie lieb zum Sterben. Die andern Kinder wußten’s nicht. Ein Veilchen hatte es ihnen zuerst gesagt, die Hauskätzchen hatten es wohl gemerkt, die Häuser ihrer Eltern lagen nahe beisammen.

Wenn nun Hyazinth die Nacht an seinem Fenster stand und Rosenblüte an ihrem, und die Kätzchen auf dem Mäusefang da vorbeiliefen, da sahen sie die beiden stehn und lachten und kicherten oft so laut, dass sie es hörten und böse wurden. Das Veilchen hatte es der Erdbeere im Vertrauen gesagt, die sagte es ihrer Freundin, der Stachelbeere, die ließ nun das Sticheln nicht, wenn Hyazinth gegangen kam; so erfuhr’s denn bald der ganze Garten und der Wald, und wenn Hyazinth ausging, so rief’s von allen Seiten: Rosenblütchen ist mein Schätzchen!

Nun ärgerte sich Hyazinth, und musste doch auch wieder aus Herzensgrunde lachen, wenn das Eidechschen geschlüpft kam, sich auf einen warmen Stein setzte, mit dem Schwänzchen wedelte und sang:

 

Rosenblütchen, das gute Kind,
Ist geworden auf einmal blind
Denkt, die Mutter sei Hyazinth,
Fällt ihm um den Hals geschwind;
Merkt sie aber das fremde Gesicht,
Denkt nur an, da erschrickt sie nicht,
Fährt, als merkte sie kein Wort,
Immer nur mit Küssen fort.

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Ah! wie bald war die Herrlichkeit vorbei. Es kam ein Mann aus fremden Landen gegangen, der war erstaunlich weit gereist, hatte einen langen Bart, tiefe Augen, entsetzliche Augenbrauen, ein wunderliches Kleid mit vielen Falten und seltsame Figuren hineingewebt. Er setzte sich vor das Haus, das Hyazinths Eltern gehörte. Nun war Hyazinth sehr neugierig, und setzte sich zu ihm und holte ihm Brot und Wein. Da tat er seinen weißen Bart voneinander und erzählte bis tief in die Nacht, und Hyazinth wich und wankte nicht, und wurde auch nicht müde zuzuhören. Soviel man nachher vernahm, so hat er viel von fremden Ländern, unbekannten Gegenden, von erstaunlich wunderbaren Sachen erzählt und ist drei Tage dageblieben und mit Hyazinth in tiefe Schachten hinuntergekrochen.

Rosenblütchen hat genug den alten Hexenmeister verwünscht, denn Hyazinth ist ganz versessen auf seine Gespräche gewesen, und hat sich um nichts bekümmert; kaum dass er ein wenig Speise zu sich genommen. Endlich hat jener sich fortgemacht, doch dem Hyazinth ein Büchelchen dagelassen, das kein Mensch lesen konnte. Dieser hat ihm noch Früchte, Brot und Wein mitgegeben, und ihn weit weg begleitet. Und dann ist er tiefsinnig zurückgekommen, und hat einen ganz neuen Lebenswandel begonnen. Rosenblütchen hat recht zum Erbarmen um ihn getan, denn von der Zeit an hat er sich wenig aus ihr gemacht und ist immer für sich geblieben.

Nun begab sich’s, dass er einmal nach Hause kam und war wie neugeboren. Er fiel seinen Eltern um den Hals und weinte. »Ich muß fort in fremde Lande«, sagte er; »die alte wunderliche Frau im Walde hat mir erzählt, wie ich gesund werden müsste, das Buch hat sie ins Feuer geworfen und hat mich getrieben, zu euch zu gehn und euch um euren Segen zu bitten. Vielleicht komme ich bald, vielleicht nie wieder. Grüßt Rosenblütchen. Ich hätte sie gern gesprochen, ich weiß nicht, wie mir ist, es drängt mich fort; wenn ich an die alten Zeiten zurückdenken will, so kommen gleich mächtigere Gedanken dazwischen, die Ruhe ist fort, Herz und Liebe mit, ich muss sie suchen gehn. Ich wollt‘ euch gern sagen, wohin, ich weiß selbst nicht, dahin wo die Mutter der Dinge wohnt, die verschleierte Jungfrau. Nach der ist mein Gemüt entzündet. Lebt wohl.«

Er riß sich los und ging fort. Seine Eltern wehklagten und vergossen Tränen, Rosenblütchen blieb in ihrer Kammer und weinte bitterlich. Hyazinth lief nun was er konnte, durch Täler und Wildnisse, über Berge und Ströme, dem geheimnisvollen Lande zu. Er fragte überall nach der heiligen Göttin (Isis) Menschen und Tiere, Felsen und Bäume. Manche lachten, manche schwiegen, nirgends erhielt er Bescheid. Im Anfange kam er durch rauhes, wildes Land, Nebel und Wolken warfen sich ihm in den Weg, es stürmte immerfort; dann fand er unansehnliche Sandwüsten, glühenden Staub, und wie er wandelte, so veränderte sich auch sein Gemüt, die Zeit wurde ihm lang und die innere Unruhe legte sich, er wurde sanfter und das gewaltige Treiben in ihm allgemach zu einem leisen, aber starken Zuge, in den sein ganzes Gemüt sich auflöste. Es lag wie viele Jahre hinter ihm.

Nun wurde die Gegend auch wieder reicher und mannigfaltiger, die Luft lau und blau, der Weg ebener, grüne Büsche lockten ihn mit anmutigen Schatten, aber er verstand ihre Sprache nicht, sie schienen auch nicht zu sprechen, und doch erfüllten sie sein Herz mit grünen Farben und kühlem, stillem Wesen. Immer höher wuchs jene süße Sehnsucht in ihm, und immer breiter und saftiger wurden die Blätter, immer lauter und lustiger die Vögel und Tiere, balsamischer die Früchte, dunkler der Himmel, wärmer die Luft, und heißer seine Liebe, die Zeit ging immer schneller, als sähe sie sich nahe am Ziele.

Eines Tages begegnete er einem kristallenen Quell und einer Menge Blumen, die kamen in ein Tal herunter zwischen schwarzen himmelhohen Säulen. Sie grüßten ihn freundlich mit bekannten Worten.

»Liebe Landsleute,« sagte er, »wo find‘ ich wohl den geheiligten Wohnsitz der Isis? Hier herum muss er sein, und ihr seid vielleicht hier bekannter als ich.«

»Wir gehn auch nur hier durch«, antworteten die Blumen; »eine Geisterfamilie ist auf der Reise und wir bereiten ihr Weg und Quartier. Indes sind wir vor kurzem durch eine Gegend gekommen, da hörten wir ihren Namen nennen. Gehe nur aufwärts, wo wir herkommen, so wirst du schon mehr erfahren.«

Die Blumen und die Quelle lächelten, wie sie das sagten, boten ihm einen frischen Trunk und gingen weiter.

Hyazinth folgte ihrem Rat, frug und frug und kam endlich zu jener längst gesuchten Wohnung, die unter Palmen und andern köstlichen Gewächsen versteckt lag. Sein Herz klopfte in unendlicher Sehnsucht, und die süßeste Bangigkeit durchdrang ihn in dieser Behausung der ewigen Jahreszeiten. Unter himmlischen Wohlgedüften entschlummerte er, weil ihn nur der Traum in das Allerheiligste führen durfte. Wunderlich führte ihn der Traum durch unendliche Gemächer voll seltsamer Sachen auf lauter reizenden Klängen und in abwechselnden Akkorden. Es dünkte ihm alles so bekannt und doch in nie gesehener Herrlichkeit, da schwand auch der letzte irdische Anflug, wie in Luft verzehrt, und er stand vor der himmlischen Jungfrau. Da hob er den leichten, glänzenden Schleier, und Rosenblütchen sank in seine Arme.

Eine ferne Musik umgab die Geschehnisse des liebenden Wiedersehns, die Ergießungen der Sehnsucht, und schloss alles Fremde von diesem entzückenden Orte aus. Hyazinth lebte nachher noch lange mit Rosenblütchen unter seinen frohen Eltern und Gespielen, und unzählige Enkel dankten der alten wunderlichen Frau für ihren Rat und ihr Feuer; denn damals bekamen die Menschen soviel Kinder, als sie wollten.

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Natürlich ist, wie oben angesprochen, auffallend, dass Novalis von der himmlischen Jungfrau spricht, wo doch eigentlich Isis gemeint ist. Offensichtlich sieht auch er diesen Zusammenhang zwischen der himmlischen Jungfrau Isis und der himmlischen Jungfrau Maria.
In diesem Zusammenhang mag den ein oder anderen interessieren, dass der Anthroposoph Rudolf Steiner in seinem Werk Mysterienwahrheiten und Weihnachtsimpulse darauf verweist, Novalis sei wie der oben angesprochene Raffael eine Inkarnation Johannes des Täufers gewesen. Wenn das stimmt, darf man die Worte von Novalis erst recht auf eine Goldwaage legen.
Novalis spricht also von der himmlischen Jungfrau, von Isis, die der Lehrling sucht.
Wie aber kann es dann sein, dass er den Schleier hebt und Rosenblütchen findet?
Verständlich wird das, wenn wir bedenken, dass, wenn der Mensch jenen Teil seiner Seele findet, der ursprünglich zu ihm gehört und auf den sich mehrere Posts hier auf dem Blog beziehen (unter anderem dieser hier und des Weiteren zu finden unter dem Schlagwort/Tag Dualseele), er eine Ganzheit erreicht, die seinem vollkommenen Wesen entspricht. Nichts anderes aber ist das Ewig-Weibliche, sprich Isis, sprich Maria.
Insofern ist es umso erfreulicher, wenn Hyazinth Rosenblütchen wieder begegnet als Möglichkeit, diese Seinsweise hier auf Erden zu leben.
Das auch mag erklären, warum die Lehre von der Dreifaltigkeit des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes die Mutter vermissen lässt, ein Umstand, den ich nie recht nachvollziehen konnte.
Mittlerweile denke ich, dass die weibliche Seite Gottes, das Ewig-Mütterlich-Weibliche sich in der menschlichen Seele, einer Seele, die weit mehr ist als das, was wir oder die Psychologie darunter verstehen, manifestiert. Begriffe wie Selbst, Ganzheit oder vergleichbare können deren Realität nicht erfassen.
Wer diese ungenügend vorbereitet zu erschauen sucht, dem geht es wie Schillers Jüngling in der Ballade Das Bildnis zu Sais. – Es mag seine Gründe haben, warum die eigentliche Isis einen Schleier trägt.
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Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen, und genieße die Saale, die Wiesen, den so vielfältigen Wald und die bemerkenswerten Veränderungen im Jahresverlauf. – Mein Interesse gilt, wie sich in Mythen und der Literatur die Entwicklung des Menschen spiegelt. Ohne den Prometheus in uns kommen wir nun eben mal nicht zu wahrem Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen; doch wenn es gutgeht, laufen wir mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival; dazu ist es notwendig, sich zu erlauben, wie jener den eigenen Karfreitag zu erleben. Ich glaube, dass Philosophen und Dichter früherer Zeiten ein höheres spirituelles Bewusstsein hatten, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante oder Goethe hießen; viel von ihrem Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet (eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte!). - Vor allem Michael Ende schließt an die Tradition der großen Alten an; seine "Unendliche Geschichte" beleuchtet eine mögliche Reise zu sich selbst durch die Heilung der kindlichen Kaiserin in uns. Sie steht stellvertretend dafür, dass in Menschen unserer Zeit ein entsprechendes Bewusstsein erwacht, wenn auch der Hype vom Wassermannzeitalter einer falsch verstandenen Esoterik viel Unheil angerichtet hat. - Viele der großen Dichter, heißen sie Schiller, Hofmannsthal, Rilke oder Trakl wollen auf dem Hintergrund ihrer Zeit und ihres Lebens verstanden sein und können damit Anregungen geben, uns und unsere Zeit zu verstehen. Gerade gilt mein Interesse Hölderlin und viel von mir finde ich in ihm wieder (was nicht heißt, dass ich glaube, ihm nur annähernd das Wasser reichen zu können). Es dauert noch ein bisschen, bis sich der gute Hölderlin in Posts niederschlägt :-)
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