Wenn Sterne Wellen der Liebe lenken! – Über Friedrich Hebbels „Das Heiligste“.

In den letzten Tagen habe ich mich für einen Blog-Artikel mit der ZDF-Sendung Make Love auseinandergesetzt und den Videos der Moderatorin und Sexologin Ann-Merlene Henning. Unter diesen findet sich einer zum Thema Mein Partner ist immer so leise im Bett! und Frau Hennings empfiehlt, einfach mehr zu stöhnen, zumal in Untersuchungen doch immer wieder rauskomme, dass eben nun einmal die Erregung des Partners am geilsten sei, um dann ihre Botschaft mit dem Satz abzurunden:

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„Also, einfach mal mutiger sein und raus mit der Spr – nicht Sprache, sondern: raus mit dem Stöhner!“

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Je länger ich mich mit dieser Frau beschäftigt habe, desto mehr ist mir über ihr Tätigsein das kalte Grauen gekommen – manche Videos sind noch unerträglicher -, weil sie unter anderem zu der Frage, ob es ohne Liebe keinen Sex geben dürfe, Antworten gibt, die der Tendenz in unserer Gesellschaft, dass körperliche und seelische Liebe immer mehr getrennt werden, absolut Vorschub leistet. Wer Genaueres lesen möchte: hier.

Als ich diesen Artikel schrieb, kam mir ein Gedicht Christian Friedrich Hebbels in den Sinn, das zu meinen Lieblingsgedichten zählt, und ich finde es einfach so zauberhaft, so modern und zugleich unsere tiefsten Wurzeln berührend, weil dieser Mann von einer Liebe erzählt, wie sie in ihrer schönsten Form sein mag, dann nämlich, wenn sie kosmisch ist. Und wenn zwei sich wirklich lieben, ist, so glaube nicht nur ich, Liebe immer kosmisch. Es ist kein Zufall, dass Schriftsteller immer wieder den Himmel und die Sterne in Bewegung setzen, um jene Liebe, um die es ihnen geht, darzustellen.

Max Frisch erfasst es in seinem Tagebucheintrag zum Thema Du sollst Dir kein Bildnis machen, genau so, wie dichterische Realtiät oft ist:

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Man höre bloß die Dichter, wenn sie lieben; sie tappen nach Vergleichen, als wären sie betrunken, sie grei­fen nach allen Dingen im All, nach Blumen und Tieren, nach Wolken, nach Sternen und Meeren. Warum? So wie das All, wie Gottes unerschöpfliche Geräumigkeit, schrankenlos, alles Möglichen voll, aller Geheimnisse voll, unfassbar ist der Mensch, den man liebt –

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Leider ist vielen Menschen nicht bewusst, dass Liebe, die nur oder vor allen Dingen ein körperlicher Akt ist, genauso kosmisch ist, nur in einem ganz und gar negativen Sinn. Es wäre naiv anzunehmen, dass jenen Kräften, die die wahre Liebe kosmisch begleiten und unterstützen, nicht auch solche gegenüberstehen, die sich freuen, wenn Sex rein körperlich, im Grunde auf animalischer Ebene betrieben wird. Diabolische Kräfte, die uns nur meistens nicht bewusst sind, sind leider genauso auf Ebenen wirksam, die über unsere Erde hinausreichen und uns auch beeinflussen. Deshalb hat Sexualität in unserer Gesellschaft in diesem Ausmaß verkommen können.

Nicht, dass ich Menschen, die sexuelle Zweckgymnastik betreiben, verurteile oder diffamiere. Es ist die Realität unserer Erde, dass wir uns auf all diesen Ebenen nun einmal bewegen. Aber zu glauben, dass das für den Einzelnen keine Folgen hat, wenn er so „liebt“, ist genauso ein Irrtum wie anzunehmen, dass es für die seelische Gesamtsituation der Erde nicht folgenreich sei. Immer, wenn wir Körper und Seele trennen, ist das ein krankmachender Vorgang, der nur höchst selten jemandem bewusst ist oder wird. Und leider ist es nun eben einmal so, dass, wenn Menschen krank werden und die Krankheit mit ihrem derzeitigen Leben zusammenhängt, sie das seltenst zurückführen können auf die wahre Ursache.

Genauso ist es aber auch, dass Liebe, auch körperliche Liebe, die in Übereinstimmung mit unserer Seele geschieht, unsere Gesundheit stärkt, auf vielen Ebenen.

Es gibt ja wunderschöne Liebesgedichte, wozu ich die Marienbader Elegie zähle oder C.F. Meyers Stapfen, aber eben auch Das Heiligste:

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Wenn sich zwei ineinander still versenken,
Nicht durch ein schnödes Feuer aufgewiegelt,
Nein, keusch in Liebe, die die Unschuld spiegelt,
Und schamhaft zitternd, während sie sich tränken;

Dann müssen beide Welten sich verschränken,

Dann wird die Tiefe der Natur entriegelt,
Und aus dem Schöpfungsborn, im Ich entsiegelt,
Springt eine Welle, die die Sterne lenken.

Was in dem Geist des Mannes ungestaltet

Und in der Brust des Weibes kaum empfunden
Als Schönstes dämmerte, das muss sich mischen;

Gott aber tut, die eben sich entfaltet,

Die lichten Bilder seiner jüngsten Stunden
Hinzu, die unverkörperten und frischen.

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Ich finde es einfach immer wieder wunderbar, wenn Form und Inhalt sich so ergänzen wie im vorliegenden Sonett. Dessen Form ermöglicht, dass in den Quartetten, in den ersten beiden Strophen also, jeweils zwei inhaltliche Aspekte dargestellt werden, übersichtlich und klar, bedingt durch deren Gefasst-Sein in einer Strophe, hier, im ersten Quartett, zunächst eine Liebe, wie sie sich auf unserer Erde zeigt, dann im folgenden, wie sich diese Liebe im Kosmischen zeigt.

Aus diesen beiden Quartetten heraus nun verändert sich das innere Tempo zu den Folgerungen hin, die sich daraus ergeben, wenn Irdisches und Kosmisches eine Ehe eingehen. Durch die Dreizeiligkeit der beiden Terzette verändert sich die Qualität des Aufnehmens; es wird dringlicher, eindringlicher, geheimnisvoller, geistiger. Hier und immer wieder in den großen Sonetten der Dichter, bei Trakl und Rilke zum Beispiel, ist es so.

In diesem Sonett ist wahrlich nichts zu spüren von der Sexsüchtigkeit unserer Tage, von der geschäftsmäßig aufgeregten und aufgekratzten Sexualisierung, wie wir sie in den meisten Medien finden, die immer mehr eine Tendenz zu einem animalischen Niveau aufweist.

Vielmehr lenken Sterne jene Welle, die durch die Vereinigung zweier Menschen sich aus dem Mittelpunkte des Seins als Leuchtspur dieser Liebe ihren Weg durch den Kosmos bahnt.

In den Terzetten schwingt ein Bewusstsein mit von dem Tatbestand, dass alles, was wir auf der Erde tun, immer kosmische Dimensionen hat. In jedem Moment gleiten zig-tausende von Neutrinos durch uns hindurch, die von weit her aus dem All kommen und von denen die Wissenschaft mangels besseren Wissens annimmt, dass das ohne Bedeutung sei. Wir haben uns an den Gedanken gewöhnt, dass, wenn wir vom Menschen reden, ihn als Wesen der Erde sehen. Vielleicht sollten wir uns wieder mit Gedanken  anfreunden, wie wir sie bei den Griechen fanden, die den Menschen als Gott anthropos, als Gott Mensch sahen, oder den Germanen, die das Wesen des Menschen in der Weltenesche Yggdrasil ( = Ich-Träger) wiederfanden, die weit über alle Himmel hinausreicht, oder auch Paracelsus, der seine Medizin danach ausrichtete, dass die Verhältnisse im menschlichen Körper mit seinen Organen den Konstellationen unseres Planetensystems entsprechen. Wenn wir so wieder zu denken beginnen, werden wir bei aller Liebe zur Erde unserem wahren Wesen näher sein. Vielleicht werden wir uns auch der Verantwortung wieder bewusst, dass ein Liebesakt ein kosmisches Geschehen ist.

Wenn wir Hebbels Zeilen lesen, spüren wir die Heiligkeit der Sexualität, der körperlichen Liebe, die zutiefst sinnlich und lustvoll ist; Hebbel bringt das in dem Bild des gegenseitigen Sich-Tränkens zum Ausdruck, des Sich-Verschränkens von Männlichem und Weiblichem.

In jedem Akt vollzieht sich, wenn er in Liebe geschieht, die Vereinigung von Himmel und Erde, von Uranos und Gaia, von Yin und Yang.

Wie weit ist das alles von einem Liebesbegriff entfernt, wie er sich bei Frau Henning in größerer Lautstärke, in erwünschtem lauterem Stöhnen äußert. Am Schluss meines angesprochenen Artikels habe ich ihrer lauten Liebe das Gedicht Hebbels gegenübergestellt und dem stillen Versenken, von dem er spricht, wobei ich mir leider nicht einmal sicher bin, dass die Sexologin versteht, von welcher Stille Hebbel spricht.

Wie bewundernswert, dass Hebbel auf diese Weise von Liebe spricht, obwohl das Leben – zumindest zunächst – so wenig lieb zu ihm war, stürzte doch der frühe Tod des Vaters die Familie in tiefe Armut und saß er doch, obwohl er eine Gönnerin fand, die ihn unterstützte, oft mit knurrendem Magen in den Vorlesungen.

Liebe und Frieden fand er in der Ehe mit der Burgschauspielerin Christine Enghaus.

Manchmal scheint es so, als ob sich in der Liebe zweier Menschen Adam und Eva gefunden haben; die biblische Schöpfungsgeschichte legt ja nahe, dass es tatsächlich jene Liebe fürs Leben gibt, für ein Leben und eine Liebe über alle Zeiten.

Nicht zuletzt erinnert mich auch das Hohelied Salomos und eben die Liebe von Salomo und Sulamith daran.

Kein Zufall, dass das Wort Sonett sich von lateinisch sonare = klingen ableitet. Schließlich sind ja die Worte Salomos ein Lied, ein wirklich Hohes Lied.

Und für mich auch diese Liebe, die Christian Friedrich Hebbel besingt, weil ich glaube, dass, wenn sie sich ereignet, der Himmel klingt.

 

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