Ohne Demut keine Liebe – Hildegard von Bingen: Die Rede der Liebe.

Cover - Das Buch vom Wirken Gottes H.v.Bingen

Obiges BuchCover, der unten folgende Textauszug und Der Brunnen des Lebens
sind dem leider nicht mehr aufgelegten, im Pattloch-Verlag erschienenen Buch
Hildegard von Bingen. Das Buch vom Wirken Gottes. Liber divinorum operum; Augsburg 1998
entnommen.

Hildegard von Bingen ist einer der größten, wenn nicht der größte Papst der katholischen Kirche. Jeder weiß allerdings, dass die katholische Kirche die Hälfte der Menschheit vom Stuhl Petras ausschließt; das liegt an ihrer geistigen Verstopfung und man würde ihr endlich den Stuhlgang wünschen, der es ihr ermöglicht, alte Zöpfe los- und Zöpfe auf dem Stuhl Petris zuzulassen.

Gewiss hätte sich die katholische Kirche mit einer solchen Päpstin schwer getan, denn die kräuterkundige Ärztin und Wunderheilerin schrieb sehr offen über die sexuellen Beziehungen von Mann und Frau und nahm in ihr Kloster männliche Kranke auf.

Noch Jahrhunderte später brannte Giordano Bruno im Auftrag der Kirche für Aussagen, die ihm eigentlich den – hätte es ihn damals schon gegeben – Nobelpreis hätten einbringen müssen („Es gibt viele Himmel und viele Erden“). Dass Hildegard nicht ein vergleichbares Schicksal ereilte, verdankt sie der geistigen Macht ihrer Visionen, dem betenden Schutz ihrer Mitschwestern und der Macht ihrer Worte, wie sie sich in vielen Briefen an Päpste, Kaiser und u.a. auch an Bernhard von Clairvaux dokumentiert. Seit ihrem 5. Lebensjahr hatte sie bereits die innere Schau; die Öffnung ihres dritten Auges mit 42 Jahren beschreibt sie selbst sehr anschaulich.

Die im Rahmen der 8. Vision zitierten Worte sind meines Erachtens um so bemerkenswerter, wenn man weiß, wie sehr Hildegard zugleich auch im realen Leben stand. Einfach köstlich, wie sie zum Beispiel die Borniertheit des Heiligen Bonifatius aushebelte, der in dem Index der abergläubischen und heidnischen Gebräuche u.a. die Verwendung der zauberkräftigen Pflanzen untersagte, wobei ihm die Nachtschattengewächse ein besonderer Dorn im Auge waren, besonders die Mandragora, die Alraune. Hildegard nun argumentierte, dass diese Pflanze aus derselben Erde wie Adam entstanden sei und deshalb sei sie so mehr der Versuchung des Teufels ausgesetzt als alle übrigen Pflanzen.

Die Äbtissin des Klosters zu Bingen schreibt sodann:

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Kein Bekümmerer und Notleidender solle es daher verschmähen, solche Alraunmännlein (vom Volk aus der Alraune gefertigte Schutzfiguren – Anm. J.G.K), zuvor mit frischem Wasser sorgfältig abgewaschen, in sein Bett zu legen, damit dasselbe, durch den Schweiß erwärmt, ihm von dessen Eigenwärme dann etwas mitteile. Von dieser erfüllt solle er dann sprechen:

„Herr, der Du den Menschen aus Lehm oder Schmerzen gebildet hast, hier lege ich dieselbe Erde, welche jedoch niemals gesündigt hat, zu mir, damit meine sündige Erde jenen Frieden, den dieselbe ursprünglich besaß, wieder erlange.“

zitiert nach W.Bauer/I.Dümotz/S.Golowin: Lexikon der Symbole, Fourier-Verlag, Wiesbaden 1987

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Gewiss ist der Sündenbegriff Hildegards, wie er in ihren gesamten Schriften vorkommt, nicht unproblematisch und ich persönlich übernehme ihn so nicht, doch darf man nicht vergessen, dass Visionen aus dem Göttlichen sich dem bildlichen und sprachlichen Bewusstsein einer Zeit bedienen müssen, sonst hätte auch das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung des Johannes, für uns wesentlich verständlicher formuliert sein können; wie aber hätte Johannes vor 2000 Jahren Atombomben und Umweltverschmutzung in gezeigten Bildern verstehen und in Worte umsetzen sollen?

Vergleichbares gilt für Hildegard.

Im Folgenden nun also im Rahmen der 8. Vision zunächst Worte Hildegards zu dem, was sie sah, und dann die Rede der Liebe, alles unter der Überschrift „Das Wirken der göttlichen Liebe“; besonders beeindruckend eben für mich, welche Bedeutung der Demut zukommt:

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Ich sah auch gleichsam in der Mitte des beschriebenen südlichen Bereiches drei Gestalten. Zwei von ihnen standen in einem ganz klaren Brunnen, der ringsum eingefaßt und oben mit einem runden, durchbohrten Stein geschmückt war, als ob sie in ihm verwurzelt wären, wie Bäume bisweilen im Wasser zu wachsen scheinen. Die eine war von Purpurglanz, die andere von einem strahlend weißen Glanz so umgeben, daß ich sie nicht voll anschauen konnte. Die dritte aber stand außerhalb dieses Brunnens auf dessen Randstein, mit einem leuchtendweißen Gewand bekleidet. Ihr Antlitz leuchtete in solcher Helligkeit, daß diese auf mein Gesicht zurück schlug. Und vor ihnen erschienen die seligen Ordnungen der Heiligen gleich Wolken. Auf sie blickten die Gestalten aufmerksam.

Brunnen und Liebe und Demut und Frieden - HvBDer Brunnen des Lebens

1. Die Rede der Liebe

Die erste Gestalt sprach: Ich, die Liebe, bin die Herrlichkeit des lebendigen Gottes. Die Weisheit hat in mir ihr Werk gewirkt, und die Demut, die im lebendigen Quell verwurzelt ist, ist meine Gehilfin, und mit ihr ist der Friede verbunden. Und durch die Klarheit, die ich bin, leuchtet das lebendige Licht der seligen Engel. Denn wie der Strahl durch das Licht leuchtet, so leuchtet diese Klarheit den seligen Engeln. Sie dürfte nicht sein, ohne zu leuchten, wie es ohne Leuchten kein Licht gibt. Ich habe ja den Menschen entworfen, der in Mir gleich einem Schatten verwurzelt war, wie man den Schatten eines jeden Dinges im Wasser erblickt. Daher bin ich auch der lebende Quell, weil alles, was geschaffen ist, wie ein Schatten in Mir war. Nach diesem Schatten ist der Mensch mit Wasser und Feuer gebildet, wie auch ich Feuer und lebendiges Wasser bin. Deshalb hat der Mensch auch in seiner Seele, alles zu ordnen, wie er will.

Jedes Lebewesen hat einen Schatten, und was an ihm lebendig ist, geht in ihm wie der Schatten hierhin und dorthin. Gedanken sind nur im vernunftbegabten Lebewesen, nicht aber in den unvernünftigen Tieren, weil jene nur leben und Sinne haben, mit denen sie erkennen, was sie meiden oder was sie suchen sollen. Nur die Seele, die von Gott eingehaucht ist, ist vernunftbegabt.

Meine Klarheit hat auch die Propheten überschattet, die durch heilige Eingebung Zukünftiges voraussagten, wie in Gott alles, was Er schaffen wollte, Schatten war, bevor es wurde. Die Vernunft aber spricht mit dem Klang; und der Klang ist gleichsam der Gedanke und das Wort gleichsam das Werk. Aus diesem Schatten ist auch die Schrift „Scivias“ hervorgegangen durch die Gestaltung einer Frau, die gleichsam ein Schatten von Kraft und Gesundheit war, weil diese Kräfte in ihr nicht wirkten.

Die lebendige Quelle ist also der Geist Gottes, den Er selbst in all Seine Werke verteilt. Von Ihm leben sie, von Ihm haben sie das lebendige Leben, wie auch der Schatten von allem im Wasser erscheint. Und doch gibt es nichts, was deutlich sieht, woher es lebt, sondern es spürt nur das, wodurch es bewegt wird. Und wie das Wasser das fließen läßt, was in ihm ist, so ist auch die Seele der lebendige Geisthauch, der immer im Menschen fließt und ihn durch Wissen, Denken, Sprechen und Wirken gleichsam fließen läßt.

Auch in diesem Schatten hat die Weisheit alles im gleichen Maß zugemessen, damit nicht eines das andere an Gewicht übertrifft und auch nicht eines vom anderen in sein Gegenteil gedrängt werden kann; denn sie überwindet und fesselt alle Bosheit teuflischer Künste, weil sie vor dem Anfang aller Anfänge war und nach deren Ende in ihrer stärksten Kraft bestehen wird, und niemand wird ihr widerstehen können. Denn sie hat niemanden zu Hilfe gerufen und keinen gebraucht, weil sie die Erste und die Letzte war. Von niemandem erhielt sie Antwort, da sie als Erste die Ordnung aller Dinge wirkte. In sich und durch sich selbst begründete sie alles gewissenhaft und gütig. Es wird auch von keinem Feind mehr zerstört werden können, weil sie den Beginn und das Ende ihrer Werke in hervorragender Weise sah. Das alles richtete Sie vollständig ein, so daß auch alles von ihr gelenkt wird.

Sie selbst betrachtete auch ihr Werk, das sie im Schatten des lebendigen Wassers zur richtigen Bestimmung ordnete, indem sie auch durch die eben erwähnte ungebildete Frau gewisse natürliche Kräfte verschiedener Dinge und Schriften über die Verdienste des Lebens und ebenso andere tiefe Geheimnisse eröffnete, die diese Frau in wahrer Vision schaute und dadurch sehr geschwächt wurde.

Aber vor all diesen hatte die Weisheit die Worte der Propheten und anderer Weisen und ebenso die der Evangelien aus dem lebendigen Quell geschöpft und sie den Jüngern des Gottessohnes anvertraut, damit durch diese die Ströme des lebendigen Wassers über den gesamten Erdkreis ausgegossen wurden, durch die die Menschen wie Fische in ein Netz geleitet (vgl. Mt 4,18-22; Mk 1,16-22) und zur Rettung zurückge führt werden sollten.

Ein springender Quell des lebendigen Gottes ist besonders die Reinheit. Auch in ihr spiegelt sich Seine Herrlichkeit. In diesem Glanz umfaßt Gott mit großer Liebe alle Dinge, deren Schatten in dem springenden Quell erschienen, bevor Gott ihnen befahl, in ihren Gestalten hervorzugehen.

In mir, der Liebe, hat sich alles gespiegelt. Mein Glanz zeigt die Gestaltung der Dinge, wie der Schatten die Gestalt anzeigt. Und in der Demut, die meine Gehilfin ist, ging auf Anordnung Gottes die Schöpfung hervor. In derselben Demut hat Gott sich zu mir herabgeneigt, um die trockenen Blätter, die abgefallen waren, in der Glückseligkeit emporzuheben, in der Er alles tun kann, was Er will. Weil Er jene aus Erde geformt hatte, hat Er sie daher auch nach dem Fall erlöst.

Denn der Mensch ist vollkommen das Gebilde Gottes. Er blickt auf zum Himmel und tritt auf die Erde, indem er sie beherrscht; er befiehlt allen Geschöpfen, weil er durch die Seele zur Höhe des Himmels schaut. Deshalb ist er durch sie auch himmlisch, aber durch seinen sichtbaren Leib ist er irdisch. Gott hat so den Menschen, der in der Tiefe darniederlag, durch die Demut emporgehoben gegen den, der in Verwirrung vom Himmel hinabgeschleudert wurde. Denn da die alte Schlange durch Hochmut die Eintracht der Engel spalten wollte, hielt Gott sie mit Seiner starken Macht fest, damit sie nicht von deren Wut zerrissen wurde.

Satan nämlich, der in der Höhe großes Ansehen hatte, rechnete bei sich, er könne tun, was er wolle und verliere deshalb den Glanz der Sterne nicht. Aber er wollte alles haben, und deshalb verlor er alles, was er hatte, weil er gierig nach allem trachtete.

2. Das Wirken des Dreieinigen Gottes in Liebe, Demut und Frieden

Wiederum hörte ich vom Himmel eine Stimme, die sprach: Alles, was Gott gewirkt hat, hat Er in Liebe, in Demut und in Frieden vollendet, damit auch der Mensch die Liebe hochschätzt, nach der die Demut strebt und Frieden hält, um nicht mit dem zugrundezugehen, der diese Tugenden sofort bei seinem Entstehen verhöhnte.

Du siehst auch gleichsam in der Mitte des beschriebenen südlichen Bereiches drei Gestalten. Zwei von ihnen stehen in einem ganz klaren Brunnen, der ringsum eingefaßt und oben mit einem runden, durchbohrten Stein geschmückt ist, als ob sie in ihm verwurzelt wären, wie Bäume bisweilen im Wasser zu wachsen scheinen.

Diese sind in der Kraft der glühenden Gerechtigkeit drei Tugenden im Namen der Heiligen Dreifaltigkeit. Von ihnen ist die erste die Liebe, die zweite die Demut, die dritte der Friede. Liebe und Demut stehen in der reinsten Gottheit, aus der Ströme der Seligkeit fließen. Denn diese beiden Tugenden weisen zur Befreiung und Aufrichtung des in der Tiefe der Sünden darniederliegenden Menschen hin auf den einzigen Sohn Gottes, der auf dem ganzen Erdkreis bekannt gemacht wurde. Als sein Leib, der am Kreuz durchbohrt (vgl. Joh 19,34) und begraben worden war, durch die wunderbare Macht der Gottheit auferstand, zeigte Er damit, daß Er der Stein der Stärke und Ehre ist. Denn alle Wunder, die der Sohn Gottes auf der Erde vollbrachte, führte Er auf die Herrlichkeit Seines Vaters zurück. Diese Tugenden sind nicht von der Gottheit getrennt, wie auch eine Wurzel nicht vom Baum getrennt wird. Denn Gott ist in Seinem Wesen die Liebe und hält in all Seinen Werken und Urteilen an der Demut fest. Die Liebe und die Demut nämlich stiegen mit dem Sohn Gottes zur Erde hernieder und führten Ihn, als Er zum Himmel zurückkehrte, dorthin zurück.

Die eine ist von Purpurglanz, die andere von einem strahlend weißen Glanz so umgeben, daß du sie nicht vollkommen anschauen kannst. Das bedeutet: Die Liebe brennt in himmlischer Liebe wie Purpur, die Demut aber schüttelt den Schmutz der Erde im weißen Glanz der Rechtschaffenheit von sich ab. Wenn es auch für den sterblichen Menschen, solange er im Fleisch lebt, schwierig ist, das in allem nachzuahmen, soll er trotzdem wegen des Lohnes in der Ewigkeit nicht nachlassen, Gott über alles zu lieben und sich in allem demütig zu verhalten.

Daß aber die dritte Gestalt außerhalb des Brunnens auf dessen Randstein steht, bedeutet: Der Friede, der im himmlischen Bereich bleibt, verteidigt auch die irdischen Angelegenheiten, die außerhalb des himmlischen Bereiches sind. Denn der Sohn Gottes, der wahre Eckstein (Eph 2,20), hat ihn gebracht, als Er die ganze Welt durch Seine Geburt erleuchtete und als Ihn die Engel in ihrem Lobgesang als Gott und Mensch erkannten.

Hildegard von Bingen, S. 373ff
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