„Vom Wasser haben wir´s gelernt“: Deutsche Volkslieder – ihre Weisheit, ihre Wirkung, ihr Wert.

Mythen und ebenso auch Volkslieder schaffen einen Resonanzraum in der Seele, der den Menschen erst zum Menschen werden lässt; deshalb sind sie insbesondere für die kindliche, überhaupt für unsere seelische Bildung so wichtig.

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Frostig raschelt der Gehirnstrohsack …

Hat sich dieser Resonanzraum nicht gebildet, so mag ein Mensch intellektuell brillieren, aber es gilt, was Ricarda Huch in Luthers Glaube schreibt:

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Manche Menschen scheinen allwissend  zur Welt zu kommen und sind mit fünfzig Jahren kaum reifer als mit fünfzehn; sie haben einen vollen Speicher in ihrem Gehirn, aber er belastet sie mehr, als dass sie ihn nützen könnten. Die Bausteine sind da, aber die Melodie der Seele nicht, die sie zusammenzauberte. Je müder das Herz wird, desto frostiger raschelt der Gehirnstrohsack (…).

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Sie erläutert das, um ihre Begrifflichkeit zu verwenden, mit einem photographischen Bild: Bei sehr scharfem Licht wird zwar die Platte des Gehirns von Momentaufnahmen voll, doch diese können kein lebendiges Ganzes werden, da keine Urbilder aus dem Herzen dazukommen.

Diese Urbilder werden in der kindlichen Seele wachgerufen durch Mythen wie Märchen und Sagen und ebenfalls durch Volkslieder, deren Melodien sie ins Unbewusste geleiten. Einen wichtigen Urbild-Aspekt möchte ich weiter unten aufzeigen.

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… aus Angst vor der Grenzenlosigkeit Phantásiens

.Den oben angesprochenen Resonanzraum zuzulassen erfordert Mut, denn es ist kein Raum, den wir abmessen oder eingrenzen können. Michael Ende hat ihn in seiner Unendlichen Geschichte Phantásien genannt. Im Grunde ist er ohne Grenzen und mitten unter uns, und das macht nicht wenigen Menschen Angst, so dass sie ihn ablehnen. Auch wenn er in ihnen nicht entsprechend ausgebildet ist, neigen sie dazu, sich über ihn lustig zu machen oder mit den üblichen Floskeln entwerten zu wollen, dass er eben nicht beweisbar sei etc. … Man kennt entsprechende Aussagen. Intellektuelle geben sich gern volltönend, alles im Griff habend, aber wie Kolumbus von bekannten Grenzen abzulegen und aufs offene Meer zu segeln, das erlaubt ihnen ihr Herz nicht, das in Wirklichkeit feige ist.

Des Kaisers neue Kleider unserer Zeit sind ein Intellekt ohne Herz; mehr und mehr erkennen die Menschen diese Verkleidung.

Zurück zu jenem Resonanzraum, für welchen gilt, was C.G.Jung formulierte: anima naturaliter religiosa.

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Warum sich Menschen dem Religiösen verweigern?

Dieser religiöse, dieser Resonanzraum entzieht sich weitgehend verstandesmäßigem Zugriff, wiewohl es Menschen mit brillanter Intelligenz gibt wie Max Planck oder Einstein, die – man möchte sagen – mit Vergnügen aufs offene Meer segelten und auch die kosmische Dimensionalität des Menschen genossen, wobei es für mich unwichtig ist, ob ich diese kosmisch oder religiös nenne, ob ich sie mit Brahman identifiziere, mit Allah, Wakan Tanka, Gott oder eben mit Kosmos als einem Wort, das die Ordnung unseres Seins bezeichnet und zugleich seine Schönheit, seinen Schmuck, Bedeutungen, die ja der Übersetzung des Wortes aus dem Griechischen gleichkommen. Dass viele Christen darauf beharren, diese geistige Dimensionalität mit ihrem Gott gleichsetzen zu wollen und auf dem religiösen Erstgeburtsrecht bestehen, tut der Bewusstseinsentwicklung der Menschheit leider viel Abbruch und hängt mit menschlichem Machtdenken zusammen, sonst kämen Christen, die von solchen Denkschemen infiziert sind, von selbst auf die Idee, dass Gott ihrer – vor allem in der Vergangenheit – oft todbringender Beweise nicht bedarf. Sicherlich hätte er gern auf die Überbauungen keltischer und germanischer Heiligtümer verzichtet, auf die blutige Missionierung Süd- und Nordamerikas, von den Kreuzzügen ganz zu schweigen oder Kriegen gegen das Böse und seine Achsen.

Der Gott, den Pizarro und andere den Heiden – ein schreckliches, weil diskriminierendes Wort – bringen wollte, war schon längst vorher da in einer Weise, die die Eindringlinge nicht begriffen, weil sie nie wirklich das Erste der Zehn Gebote verstanden hatten, dass man sich nämlich kein Bild von Gott machen solle.

Das vor 2000 Jahren wieder ins Bewusstsein der Menschheit gebrachte Christusbewusstsein ist überzeitlich und war immer schon da, wie Radiowellen, die es auch immer schon gab, die aber erst ins Bewusstsein traten, als Menschen Empfänger dafür bauen konnten. Ein Muslim kann es genauso wie ein Buddhist haben oder ein Hindu, man denke nur an Gandhi und wie sehr er die Begrpredigt schätzte.

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… der Bach hat Sehnsucht nach dem Fluss / der Fluss hat Sehnsucht nach dem Meer …

Georg Danzers unvergessliche Worte aus seinem Lied Mein Leben thematisieren eine der Wahrheiten, wie wir sie auch in Volksliedern finden, und sie sind, wenn sie gesungen werden, vor allem für Kinderseelen wertvoll. Denn Themen, die einmal auf den Tastaturen des Unbewussten angeschlagen sind, finden fast wie von selbst Zugang zum Bewusst-Sein und können ihre archetypischen Kräfte wesentlich leichter entfalten, als wenn sie im Erwachsenenalter mit dem Intellekt erfasst werden müssen – ein Zugang, den jener eben gern verweigert. Psychologen wissen um diese Tatsache:

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Zu den schwierigsten und undankbarsten Patienten gehören nach meiner Erfahrung die sogenannten Intellektuellen; denn bei ihnen weiß eine Hand nie, was die andere tut. Mit einem durch kein Gefühl kontrollierten Intellekt lässt sich alles erledigen … (C.G.Jung in Erinnerungen, Träume, Gedanken)

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Vor allem werden eben diese Resonanzräume gern erledigt. Max Frischs Homo faber ist zu Beginn des gleichnamigen Romans, vor seiner Wandlung also, ein Paradebeispiel dafür („Ich sehe, was ich sehe … wozu mystisch sein … wozu weibisch … wozu hysterisch …“).

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Ein Wunderhorn für jede Küche des einfachen Volkes und für jedes Klavier eines Gelehrten

Natürlich gibt es die unterschiedlichsten Arten von Volksliedern, wie sie von den Romantikern Brentano und von Arnim von 1805 bis 1808 unter dem Titel Des Knaben Wunderhorn – und Goethe empfahl es sehr (siehe Absatzüberschrift) – veröffentlicht worden waren. Es gibt Handwerkerlieder wie Es, es, es und es, / es ist ein harter Schluss, / Weil, weil, weil und weil / weil ich aus Franfurt muss. (es gab dieses Lied auch für Breslau, Weimar, Nürnberg …) / Drum schlag ich Frankfurt aus dem Sinn …

Und wenn der Sänger in einer Folgestrophe über das Essen der Frau Meisterin herzieht, um sich dann von allen Jungfern zu verabschieden, dann sind wir mitten im Leben jener Zeit, als Handwerker unter anderem auch Post- und Nachrichtenboten waren und Europa zu einem Inter-Netz machten, welches eben in Fußgängergeschwindigkeit funktionierte.

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Horch was kommt von draußen rein als Antivirenprogramm

Ich weiß, dass die Musiklehrer unserer Schule Volkslieder in den unteren Klassen immer noch singen, und auch die Diskografien von Hermann Prey, Dietrich Fischer-Diskau oder auch von Gruppen wie ZupfgeigenhanslLiederjan oder Ougenweide lassen sie unvergessen sein. Dennoch schwinden die Kenntnisse der heranwachsenden Generation, die Gethsemane für eine Rockgruppe und Horch was kommt von draußen rein für ein Antivirenprogramm hält, in erschreckendem Ausmaß.

Wenn ich hier den Aspekt, den Georg Danzer unnachahmlich intonierte, auswähle unter vielen möglichen wertvollen, die Volkslieder bieten, dann deshalb, weil er thematisch in der Literatur, in Heiligen Schriften und in der Mystik allenthalben aufklingt.

Eben aber auch in Volksliedern wie Das Wandern ist des Müllers Lust:

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Vom Wasser haben wirs gelernt

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Vom Wasser haben wirs gelernt, vom Wasser.

Das  hat nicht Ruh bei Tag und Nacht,

ist stets auf Wanderschaft bedacht,

ist stets auf Wanderschaft bedacht, das Wasser.

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Wie wenig dieses Wissen verankert ist im Bewusstein der Menschen zeigt sich unter anderem in Aussagen, die Komplimente sein wollen wie Du hast dich ja gar nicht verändert.

Wer (nur) auf das Äußere schaut, kann zu diesem Ergebnis kommen, aber die Seele des Menschen drängt – wie das Wasser – zum Weiterfließen. Geschieht das nicht, dann gilt: Stillstand ist Rückschritt.

Gleiches gilt für einen Wunsch wie Bleib, wie du bist!

Freilich gibt es Menschen, die errichten Staustufen, die geraten in ein Kehrwasser, die schwimmen gegen den Strom den Fluss hinauf, die lassen sich an einer Uferböschung nieder; dort gibt es in der Regel einen Fernseher, einen Computer und ein Zauberland der Illusion, des schönen Scheins und einen Park voll gigantisch wichtiger Themen. Wenn man sich umdreht, sieht man das Wasser fließen und sagt zu sich: Wirklich, alles in Bewegung!

Vielleicht erinnert sich mancher sogar an einen griechischen Philosophen, von dem man in der Schule hörte und dessen Kernsatz gelautet haben soll: panta rhei – alles fließt. Und weiter soll jener Heraklit gesagt haben: Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss.

So wie der Fluss, das Wasser unentwegt auf seiner Reise ist, so kann eigentlich niemand einem anderen ernsthaft wünschen, dass er bleibe, wie er sei. Dann wäre dessen Seele ein Tümpel, ein Brackwasser; es gibt ja auch kaum einen See, der nicht ständig von unten und oben gespeist wird durch Quellen und Regen, von Bächen und Strömen ganz zu schweigen. Wenn ich Sekunden später in einen Fluss steige, ist er nicht mehr derselbe, wenn ich – sagen wir – Stunden später einen Menschen treffe, ist er ein anderer!

Auch des Menschen Seele wird ständig gespeist, und wer sich nicht dessen bewusst ist, der lässt sich speisen – fragt sich nur, mit was. – Das aber genau ist der Punkt!

Wir sollten ernster nehmen, mit was unsere Seele und die unserer Kinder gespeist wird, darauf wies schon Teresa von Avila hin:

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Wie die Bächlein, die einer sehr klaren Quelle entspringen, rein und lauter sind, so ist es auch die Seele, die in der Gnade lebt. Dass ihre Werke den Augen Gottes und der Menschen wohlgefällig sind, hat seine Ursache darin, dass sie jener Quelle des Lebens entspringen, in welcher die Seele wurzelt, eingepflanzt wie ein Baum, der nicht die Frische und Fruchtbarkeit besäße, wenn sie ihm nicht von dorther zuflössen. Dies erhält ihn und macht, dass er nicht verdorrt und gute Frucht bringt. Entfernt sich eine Seele aus eigener Schuld von dieser Quelle und senkt sich in eine andere mit schwarzem Wasser von widerlichem Geruche ein, so ist auch alles, was aus ihr hervorgeht, nichts als Schmutz und Unheil.

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jünger werden – Jünger sein

Für wirklich wertvolle Speisung gilt, was auf den Gral und die Gralsburg zutrifft: Man findet nicht so einfach hin, der Gral und seine Speisung wollen erarbeitet, erobert sein. So heißt die Gralsburg bei Wolfram von Eschenbach nicht von ungefähr Burg Wildenberg; damit ist zum Ausdruck gebracht, dass sie unzugänglich gelegen ist, ein Umstand, den Parzival ja auch leidvoll erlebt.

Dasselbe gilt für das Wasser des Lebens, um das die Märchen und die Offenbarung des Johannes an entscheidender Stelle wissen und von dem es im Volkslied heißt:

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Und in dem Schneegebirge,

da fließt ein Brünnlein kalt;

und wer das Brünnlein trinket

und wer das Brünnlein trinket,

wird jung und nimmer alt.

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Ich hab daraus getrunken,

gar manchen frischen Trunk,

ich bin nicht alt geworden,

ich bin nicht alt geworden,

ich bin noch allzeit jung.

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Weitere Strophen haben eine spätere Zeit hinzugedichtet und damit die Botschaft dieser zwei Strophen verwässert; diese wollen uns aufmerksam machen auf einen Jungbrunnen, ein Wasser des Lebens, das es nur in reiner Umgebung gibt, in dieser leuchtend weißen des ewigen Schnees; manche haben das Interesse, dahin zu gelangen, jünger zu werden, Jünger zu sein.

Frühere Generationen haben mit dem Singen dieser Lieder einen Schatz in die Seelen gerade auch von Kindern gelegt. Nicht, dass hier eine Glorifizierung früherer Zeiten geschehen soll, aber manches sollten wir nicht über Bord gehen lassen. Wer allein vor dem Computer sitzt, singt selten Lieder. Auch kein Kind tut das. Man singt sie in Gemeinschaft.

Unter Menschen. Unter Mit-Menschen.

Vielleicht ist es das, was Menschen in den letzten Jahren zunehmend vermissen: unter Menschen, mit Menschen und mit-menschlich zu sein.

Könnte es sein, dass solche Anlässe wie Stuttgart 21 auch deshalb einen solchen Zuspruch erhalten – von dem, je nach Sichtweise berechtigten Anliegen abgesehen -, weil den Menschen unserer Gesellschaft, unserer Zeit das fehlt: mit Anderen an einem Strang zu ziehen, das Für-ein-Ziel-unterwegs-Sein, ein Gefühl der Gemeinschaft, eines sinnvollen, zielorientierten Miteinander?

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Des Menschen Seele gleicht dem Wasser

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So schrieb Goethe angesichts des Staubbachfalls im wunderschönen Lauterbrunnental.

Dass Menschen sich in den letzten Jahrzehnten so sehr um eine Verbesserung der Wasserqualität bemüht haben, gibt auf diesem Hintergrund Auskunft über ein verändertes seelisches Bewusstsein der Menschheit. In einem ganz positiven Sinn.

Da mag man jener eindringlichen Aufforderung mit großer Gelassenheit, ja Freude zustimmen, dass man trinken solle, Wenn alle Brünnlein fließen.

Wer mag, hier ein Post zu Sah ein Knab ein Röslein stehn

 

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