„Alle Schulden sind abgetragen.“ – Ein neues Bewusstein für die Menschheit: Goethes Märchen von der schönen Lilie und der grünen Schlange.

In Goethes Märchen von der schönen Lilie und der grünen Schlange entsteht ein Tempel, ein neues Bewusstsein, eine österliche Nahrung für unsere Seele, wenn wir wollen.

„Ich mag gern mit dir in das folgende Jahrtausend hinüberleben“, sagt die zu einer schönen Frau gewordene Alte zu ihrem Mann. – Goethe wusste sehr wohl, dass sein Märchen – die letzte Erzählung in seinem Novellenzyklus Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter – erst im diesem neuen Jahrtausend zum Tragen kommt.

„Die Liebe herrscht nicht, aber sie bildet, und das ist mehr.“

Ich möchte Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser empfehlen, das Märchen zunächst zu lesen. Wenn man das in Ruhe tun kann, sind die Bilder im Verein mit den Worten hilfreich und heilend; sie sind in der Lage, in uns eine Brücke zu bauen.

Wenn es Ihr Gefühl ist, dann lesen Sie es, bevor Sie meine Ausführungen lesen, sogar mehrmals für sich. Alles, Bilder und Worte, wollen aufgenommen sein, ohne dass sich unser Verstand zu sehr dazwischenschaltet.

Manches werden Sie intuitiv erfassen; vorab und zum ersten Verständnis nur mag es hilfreich sein zu wissen, dass mit den zwei Ländern, die jeweils an die Ufer des Stromes grenzen, zwei Seinsweisen gemeint sind und mit ihnen verbunden zwei unterschiedliche Bewusstseinsebenen, wobei man, wenn man die der schönen Lilie betritt und sie berührt, sogar zu Tode kommt; ohne Brücke, die die Schlange gegen Ende hin baut, ist, die Lilie zu berühren, tödlich! Dass diese große wertvolle Kraft besitzt, zeigt sich darin, dass sie andererseits Totes zum Leben zu erwecken kann.

Durch den Strom von den anderen Lebewesen getrennt, ist sie jedoch alleine und unglücklich, einen jungen Mann liebend, der verständlicherweise vor ihr geflohen, nun aber ebenfalls alleine und unglücklich ist. Beide hätten wohl nie zueinander finden können, wenn es nicht einen weisen Alten gegeben hätte und eben gäbe, dem es im Verein mit allen anderen Beteiligten gelingt, den edlen Jüngling mit der schönen Lilie zu vereinen zu einem Königspaar, was er allerdings nur deshalb vermag, weil sich die grüne Schlange opfert.

Am Schluss findet eine Auferstehung statt. Ein Tempel, der bis dahin nur im Verborgenen der Erde existiert, kann sichtbar werden und durch das Opfer der Schlange gibt es nun eine breite Brücke, die hüben und drüben verbindet.

Im Grunde hat alles, was vorkommt, eine tiefe Bedeutung, z.B. das Gold, die Alte oder auch die Irrwische gleich zu Beginn, die Menschen gleichen, welche mit dem, was sie Wertvolles besitzen, nicht umzugehen wissen.

Der Sinn des Märchens entfaltet sich wie eine erwachende Blüte.

Unser Inneres versteht die Märchensprache auch dann, wenn man scheinbar auf der bewussten Ebene wie der buchstäbliche Ochs vorm Berg zu stehen scheint, vor allem, wenn man sich mit der Sprache und Symbolik der Märchen noch nicht befasst hat. Denken Sie nur einfach daran, dass alles tatsächlich zwei Seiten hat, dass Gold zum Beispiel zum falschen Zeitpunkt an der falschen Stelle großes Unheil bewirken kann, als Weisheit des goldenen Königs aber den Menschen guten Willens zum Segen gereicht.

Und nun: viel Gewinn bei der Lektüre. .

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Einige Anmerkungen im Folgenden zum tieferen Verständnis:

Die Symbolik der Lilie legt nahe, dass es sich um eine Existenzweise der Reinheit und Schönheit handelt. Doch führt ihr Sein offensichtlich nur zu wahrer Entfaltung und Glück, wenn sie sich mit Wesen der anderen Seite verbinden kann.

Auffällt, dass der junge schöne Mann, der erst im Verlauf des Märchens auftaucht, offensichtlich der Freund der Lilie ist, aber nicht mehr ohne Weiteres zu ihr zurückkommt, denn der Fährmann kann zwar alle in eine Richtung übersetzen, aber zur Lilie zurück kann er niemanden über den Strom bringen. Zwei Möglichkeiten, zu jener zu kommen, gibt es allerdings dennoch, und zwar zum einen zur Mittagszeit, wenn die Sonne am höchsten steht, mit Hilfe der Schlange, die – das gilt auch für die biblische Schöpfungsgeschichte – zu Unrecht negativ gesehen wird. Zum anderen zur Zeit der Dämmerung, wenn selbst Ungetüme wie die Riesen etwas zur Verfügung haben, einen Schatten nämlich (also etwas, was sie selbst nicht sehen, um was sie womöglich selbst nicht wissen), auf dem man ans andere Ufer gelangen kann. Richard Dehmel (Manche Nacht) und Eduard Mörike (An einem Wintermorgen vor Sonnenaufgang) wussten in zwei ihrer Gedichte um diese besondere Tageszeit.

Darauf einzugehen, warum die Lilie tödlich sein kann, würde den Rahmen hier sprengen, doch gibt es eine aufschlussreiche Darstellung in Schillers Das verschleierte Bild zu Sais, einem Gedicht, das thematisiert, was geschieht, wenn man sich unberechtigterweise Zugang zu etwas verschafft; die Märchen Ali Baba und die 40 Räuber und Simeliberg thematisieren genau dieses Thema auch. Manches erträgt der Mensch ganz offensichtlich nicht, wenn er sich vor der Zeit und unberechtigt Zugang verschafft. Das übrigens mag ein Grund sein, warum halluzinierende Drogen für einen Menschen so gefährlich sein können: Sie verschaffen auf seelischer Ebene ihm Zugang zu Bereichen, die seine Seele in Wirklichkeit nicht verkraftet. Wir sehen nach außen hin einen Niedergang durch Abhängigkeit; in Wirklichkeit aber liegen noch ganz andere innere Prozesse vor, weshalb solche Menschen so schwer nur gerettet werden können.

Auch auf diesem Hintergrund versteht man, warum das Es ist an der Zeit, das in Goethes Märchen der weise Alte dreimal wiederholt, eine umfassende Bedeutung hat. Wenn es an der Zeit ist, dann können sich im Menschen Hemisphären verbinden. Das erklärt, warum wir auf manche Menschen einreden können, so viel wir wollen. Dieses An-der-Zeit-Sein ist kein durch den Verstand herbeiführbarer Zustand – im Gegenteil: Die Hand der umtriebigen Alten verdorrt und treibt sie in Panik; doch wenn es an der Zeit ist, heilt sie das Wasser des Flusses, der, wenn, wie wir zu Beginn lesen können, in ihn Goldstücke fallen, Menschen ins Verderben zieht. Gegen Ende des Märchens aber wird er die Alte, auch wenn sie noch immer glaubt, in seiner Schuld zu sein, heilen, denn „Alle Schulden sind abgetragen“, wie  ihr Mann, der weise Alte, weiß. Es sind große und bedeutende Worte, die er spricht.

Womit dem Fluss und dem Fährmann gedient war und ist, sind allein Früchte der Erde! Sie wollen belohnt sein mit dem, was Menschen durch ihrer Hände Arbeit, durch ihr Werk auf Erden bewirken.

Mit dem Gold gehen die Irrlichter ganz und gar unangemessen um. Obwohl es so wertvoll ist und Wertvollstes repräsentiert – nicht umsonst ist der Goldene König jener, der Weisheit repräsentiert – verschleudern sie es; sie gleichen Menschen, die das, was sie besitzen, nicht zu schätzen wissen. Die damit verbundene Energie am falschen Platz kann Katastrophales auslösen. Deshalb muss der Fährmann den Fluss vor diesem Gold noch schützen.

Der Fährmann, der neben dem Alten mit der Lampe und den drei Königen – der vierte ist ein Konglomerat unverbundener Teile – eine bedeutende Rolle spielt, wird doch sein Haus bei der Auferstehung des Tempels zum Altar, wird wissen, warum er das Gold in den Erdklüften verbirgt. Dort allerdings bringt es die Schlange, die es offensichtlich zu schätzen weiß – sie verschleudert es nicht, wie die Irrwische, sondern verleibt es sich ein – zum Leuchten. Damit beginnt ihre Mission, die in ihrer Existenz als Brücke, die beide Hemisphären verbindet, gipfeln wird, auch deshalb, weil sie bereit ist, sich von sich aus aufzuopfern. Auch die Schlange hat zwei Seiten. Der teuflische Mephistopheles bezeichnet sie im Faust nicht von ungefähr zweimal als seine Muhme. Sie kann auf der einen Seite in dessen Händen sein Werkzeug sein. Das gilt für alle Kräfte, wir müssen nur an die Atomkraft denken, die wirkungsmächtiger Energiespender sein und auf der anderen Seite schrecklichstes Unheil anzurichten vermag (Hiroshima, Nagasaki, Fukushima, Tschernobyl).

Ruht die Schlange in sich und bildet sie einen Kreis, wie es auch im Märchen vorkommt, dann ist sie jener Ouroboros, von dem auch Michael Ende wusste, wenn er dieses Symbol dem Buche seiner Unendlichen Geschichte gleichsam als Siegel mitgibt, Symbol autarker Kraft und Weisheit, einer allerdings noch unbefruchteten Weisheit.

„ES ist an der Zeit!“

Der im Märchen geschilderten Handlung muss einiges vorausgegangen sein, u.a., dass der junge Edle zu der Sphäre der Lilie sich hatte Zugang verschaffen können, doch hatte keine wahre Berührung stattgefunden, weshalb er auch, um nicht zu sterben, geflohen war, allerdings hatten es die schönen blauen Augen der Lilie ihm doch so angetan, dass er nur eines im Sinn hatte, nämlich zurückzukehren, weil er sich ohne sie nicht mehr lebensfähig fühlte.

Der schöne Jüngling schloss sich der Alten, die zur Lilie reisen sollte, an, die von ihrem Mann den Auftrag hatte, zum einen den Mops, der gestorben war, weil er Gold verspeist hatte, was eben auf dessen mögliche zerstörerische Kraft hinweist, zur schönen Lilie zu bringen, damit diese das Tier wieder lebendig mache, zum anderen aber jener die Nachricht auszurichten, dass ihre Erlösung nahe sei, es sei an der Zeit.

Die Erlösung der schönen Lilie erinnert übrigens nicht von ungefähr an die Erlösung der kindlichen Kaiserin in Michael Endes Unendlicher Geschichte.

Dreimal muss Erstere es hören, dann, so weiß sie, ist es soweit

Offensichtlich ist sich jedenfalls der Alte schon immer des möglichen Geschehens bewusst und, wer das Märchen mehrfach bzw. sehr aufmerksam gelesen hat, weiß, dass ihm die Schlange etwas ins Ohr flüstert, was ihm klar werden ließ, dass es an der Zeit sei. Das jedenfalls ruft er aus und es schallt im ganzen Tempel wieder, der zu diesem Zeitpunkt noch ringsum von Felsen verschlossen ist. Erbaut ist er, doch als Wirkungsstätte noch nicht offenbar.

Vieles, was geschieht und vorkommt, ergibt sich dem Leser zunehmend aus der Symbolsprache der Märchen. So sind die Riesen offensichtlich eine Macht, die für sich genommen, zerstörend wirken kann. Noch als die Brücke gebaut ist, trampeln sie auf ihr herum und sind brandgefährlich. Doch wenn der Tempel seine Wirkung entfaltet, werden sie zum Segen und können sich als Stundenweiser in das Sein der Wesen segensreich integrieren, indem sie auf Bilder, die die Entwicklung der Menschheit im Rahmen der Zeit aufzeigen, verweisen. Jeder mag für sich entscheiden, welche große Macht die Riesen darstellen, die uns Menschen daran hindern kann, dass sich die Hemisphären verbinden; kann sie aber integriert werden, ist sie ein großer Gewinn.

Bemerkenswert ist auch, dass die Irrlichter zum Erlösungswerk beitragen, ja beitragen müssen. Ohne sie ginge und geht es nicht; der Alte weiß, dass das Heiligtum „außer ihnen niemand aufschließen kann.“ Auch ihre Verwandlung ist Voraussetzung.

Gewiss werden bei diesem großen Erlösungswerk nicht alle Menschen dabei sein können; nicht alle werden ihre große Angst vor dieser Wandlung überwinden können, eine Angst, die sie gern als Ratio oder wie auch immer kaschieren. Aber Goethe weiß: die Brücke wird übervoll von Menschen sein und der Tempel wird der attraktivste, der buchstäblich anziehendste Ort auf der Erde sein.

Es ist ein Tempel, den wir nirgendwo anders als in uns finden.

Und die Losungen der Könige, deren Wahrheit nun wie Posaunenschall verkündet wird, erweisen sich als jene Weisheiten, die die Menschheit schon immer leiteten:

  • Das Schwert an der Linken, die Rechte frei!

Gürte Dein Schwert, heißt es mehrfach in der Bibel. Menschen sind Schwertträger, bisweilen wird es benötigt, zur Abwehr, in der Linken. In erster Linie aber tut die Rechte Gutes.

  • Weide meine Schafe!

Weide meine Lämmer, sagt Jesus zu Petrus und zu all denen, die ihn bisher verleugneten.

  • Erkenne das Höchste

Erkenne Dich selbst, ist die Aufgabe an den Menschen, zu lesen am Apollotempel zu Delphi.

Wenn der Mensch das tut, erkennt er das Höchste in sich, Ursprung seines Seins, seitdem er geschaffen ist.

Wir als Menschen können zudem als Aufgabe und Weg einen der vielen weisen Sätze, die sich in Goethes Märchen finden, mitnehmen:

„ein einzelner hilft nicht, sondern wer sich mit vielen zur rechten Stunde vereinigt.“

Um es mit den Worten Albert Schweitzers zu sagen:

Finden sich Menschen, die sich gegen den Geist der Gedankenlosigkeit auflehnen und als Persönlichkeit lauter und tief genug sind, dass die Ideale ethischen Fortschritts als Kraft von ihnen ausgehen können, so hebt ein Wirken des Geistes an, das vermögend ist, eine neue Gesinnung in der Menschheit hervorzubringen.

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Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen, und genieße die Saale, die Wiesen, den so vielfältigen Wald und die bemerkenswerten Veränderungen im Jahresverlauf. – Mein Interesse gilt, wie sich in Mythen und der Literatur die Entwicklung des Menschen spiegelt. Ohne den Prometheus in uns kommen wir nun eben mal nicht zu wahrem Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen; doch wenn es gutgeht, laufen wir mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival; dazu ist es notwendig, sich zu erlauben, wie jener den eigenen Karfreitag zu erleben. Ich glaube, dass Philosophen und Dichter früherer Zeiten ein höheres spirituelles Bewusstsein hatten, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante oder Goethe hießen; viel von ihrem Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet (eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte!). - Vor allem Michael Ende schließt an die Tradition der großen Alten an; seine "Unendliche Geschichte" beleuchtet eine mögliche Reise zu sich selbst durch die Heilung der kindlichen Kaiserin in uns. Sie steht stellvertretend dafür, dass in Menschen unserer Zeit ein entsprechendes Bewusstsein erwacht, wenn auch der Hype vom Wassermannzeitalter einer falsch verstandenen Esoterik viel Unheil angerichtet hat. - Viele der großen Dichter, heißen sie Schiller, Hofmannsthal, Rilke oder Trakl wollen auf dem Hintergrund ihrer Zeit und ihres Lebens verstanden sein und können damit Anregungen geben, uns und unsere Zeit zu verstehen. Gerade gilt mein Interesse Hölderlin und viel von mir finde ich in ihm wieder (was nicht heißt, dass ich glaube, ihm nur annähernd das Wasser reichen zu können). Es dauert noch ein bisschen, bis sich der gute Hölderlin in Posts niederschlägt :-)
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