Wer A sagt, muss nicht B sagen. – Hilfen aus dem Hänsel-und-Gretel-Märchen gegen die Macht des Bösen.

Wer sich mit der Sprache der Grimm-Märchen etwas auskennt, weiß, dass die Stiefmutter in den Märchen dem Erdenbewusstsein entspricht, dem wir als Menschen ausgesetzt sind und im Rahmen dessen wir auch oft handeln und denken. Es ist jenes Bewusstsein, das als Anziehungskraft wirkt und uns zu Boden ziehen will und uns unserer Flügel beraubt, mit denen wir sogar auf der Erde fliegen können, das heißt, ein höheres Bewusstsein gewinnen oder aufrecht erhalten, ein Bewusstsein, von dem in Goethes Faust und in Platons Phaidros die Rede ist (nachzulesen hier). Es ist das Bewusstsein, das Liebe auf die Erde bringen möchte, damit Himmel und Erde zueinander finden – in uns.

Für unbedarfte Menschen und Kinder ist dieses pure Erdenbewusstsein eine große Gefahr, ja, es scheint sogar im Märchen von Hänsel und Gretel den guten Vater übertölpeln zu können. Immerhin irritiert er seine eigenen Kinder durch den Ast, den er an einen Baum bindet, der gegen diesen schlägt und seine Kinder glauben lassen soll, es sei die Axt ihres Vaters, der also in der Nähe sei. Immerhin also unterstützt sogar der gute Vater damit zu Beginn die Mordabsichten der Stiefmutter und wer das Märchen genau liest, merkt in der Tat, dass sich der Vater zu Anfang auf die Stiefmutter und ihre Pläne einlässt.

Und wer mag nicht irritiert sein, dass dem personifizierten Bösen, der Hexe, ein schönes, weißes Vöglein zur Verfügung steht, das die Kinder in höchste Lebensgefahr lockt:

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Als es Mittag war, sahen sie ein schönes schneeweißes Vöglein auf einem Ast sitzen, das sang so schön, dass sie stehen blieben und ihm zuhörten. Und als es fertig war, schwang es seine Flügel und flog vor ihnen her, und sie gingen ihm nach, bis sie zu einem Häuschen gelangten, auf dessen Dach es sich setzte, und als sie ganz nah herankamen (…)

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Wer das Böse unterschätzt, wer denkt, ein Englein kann mich nur zum Himmel führen, der weiß nicht, dass es Menschen gibt, die Engel malen, die diesen keineswegs gleichen, obwohl sie doch wie Engel auszusehen scheinen, sondern das Bewusstsein auf die falsche Spur führen, auf der sich die Malenden selbst bewegen …

In der esoterischen Szene gibt es Menschen, die geführte Meditationen durchführen, also Bilder vorgeben, über die Menschen meditieren, Menschen, die sich ihnen in einer Meditation anvertrauen, haben diese Führenden doch eine zauberhafte Stimme (wie der Wolf im Märchen vom Wolf und den sieben Geißlein, nachdem er Kreide gefressen hatte…), die so ohne Falsch und vertrauenswürdig klingt. Wer käme da darauf, dass die Tiefe, in die man als Meditierender gelangt, nicht die eigene ist, sondern die des versteckten Wolfes, der nur im Sinne hat, eine Seele auf sein Niveau zu ziehen, in seine Untiefen …

Ja, es gibt auch geistig-seelische Speisen der Hexe, die so gut schmecken, dass sie doch nur gut sein können. Doch es sind Leb-Kuchen einer geistigen Macht, die in Wahrheit Tod-Kuchen überbringt. Die Seele kann an ihnen langsam oder schnell zugrunde gehen.

Doch um dies alles zu verstehen, zunächst das Märchen selbst:

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Hänsel und Gretel

aufgeschrieben von Jacob Grimm (1785 – 1863) und Wilhelm Grimm (1786 – 1859)

Vor einem großen Walde wohnte ein armer Holzhacker mit seiner Frau und seinen zwei Kindern; das Bübchen hieß Hänsel und das Mädchen Gretel. Er hatte wenig zu beißen und zu brechen, und einmal, als große Teuerung ins Land kam, konnte er auch das täglich Brot nicht mehr schaffen. Wie er sich nun abends im Bett Gedanken machte und sich vor Sorgen herum- wälzte, seufzte er und sprach zu seiner Frau ‚was soll aus uns werden? wie können wir unsere armen Kinder ernähren, da wir für uns selbst nichts mehr haben?‘ ‚Weißt du was, Mann‘, antwortete die Frau, ‚wir wollen Morgen in aller Frühe die Kinder hinaus in den Wald führen, wo er am dicksten ist: Da machen wir ihnen ein Feuer an und geben jedem noch ein Stückchen Brot, dann gehen wir an unsere Arbeit und lassen sie allein. Sie finden den Weg nicht wieder nach Haus und wir sind sie los.‘ ‚Nein, Frau,‘ sagte der Mann, ‚das tue ich nicht; wie sollt ich´s übers Herz bringen meine Kinder im Walde allein zu lassen, die wilden Tiere würden bald kommen und sie zerreißen.‘ ‚O du Narr‘, sagte sie, ‚dann müssen wir alle viere Hungers sterben, du kannst nur die Bretter für die Särge hobeln‘, und ließ ihm keine Ruhe, bis er einwilligte. ‚Aber die armen Kinder dauern mich doch‘, sagte der Mann.
Die zwei Kinder hatten vor Hunger auch nicht einschlafen können und hatten gehört, was die Stiefmutter zum Vater gesagt hatte. Gretel weinte bittere Tränen und sprach zu Hansel ’nun ist´s um uns geschehen.‘ ‚Still, Gretel‘, sprach Hänsel, ‚gräme dich nicht, ich will uns schon helfen.‘ Und als die Alten eingeschlafen waren, stand er auf, zog sein Röcklein an, machte die Untertüre auf und schlich sich hinaus. Da schien der Mond ganz helle, und die weißen Kieselsteine, die vor dem Haus lagen, glänzten wie lauter Batzen. Hänsel bückte sich und steckte so viel in sein Rocktäschlein, als nur hinein wollten. Dann ging er wieder zurück, sprach zu Gretel ’sei getrost, liebes Schwesterchen und schlaf nur ruhig ein, Gott wird uns nicht verlassen‘, und legte sich wieder in sein Bett.
Als der Tag anbrach, noch ehe die Sonne aufgegangen war, kam schon die Frau und weckte die beiden Kinder, ’steht auf, ihr Faullenzer, wir wollen in den Wald gehen und Holz holen.‘ Dann gab sie jedem ein Stückchen Brot und sprach ‚da habt ihr etwas für den Mittag, aber esst´s nicht vorher auf, weiter kriegt ihr nichts.‘ Gretel nahm das Brot unter die Schürze, weil Hänsel die Steine in der Tasche hatte. Danach machten sie sich alle zusammen auf den Weg nach dem Wald. Als sie ein Weilchen gegangen waren, stand Hänsel still und guckte nach dem Haus zurück und tat das wieder und immer wieder. Der Vater sprach ‚Hänsel, was guckst du da und bleibst zurück, hab Acht und vergiss deine Beine nicht.‘ ‚Ach, Vater‘, sagte Hänsel, ‚ich sehe nach meinem weißen Kätzchen, das sitzt oben auf dem Dach und will mir Ade sagen.‘ Die Frau sprach ‚Narr, das ist dein Kätzchen nicht, das ist die Morgensonne, die auf den Schornstein scheint.‘ Hänsel aber hatte nicht nach dem Kätzchen gesehen, sondern immer einen von den blanken Kieselsteinen aus seiner Tasche auf den Weg geworfen.
Als sie mitten in den Wald gekommen waren, sprach der Vater ’nun sammelt Holz, ihr Kinder, ich will ein Feuer anmachen, damit ihr nicht friert.‘ Hänsel und Gretel trugen Reisig zusammen, einen kleinen Berg hoch. Das Reisig ward angezündet, und als die Flamme recht hoch brannte, sagte die Frau ’nun legt euch ans Feuer, ihr Kinder und ruht euch aus, wir gehen in den Wald und hauen Holz. Wenn wir fertig sind, kommen wir wieder und holen euch ab.‘ Hänsel und Gretel saßen am Feuer, und als der Mittag kam, aß jedes sein Stücklein Brot. Und weil sie die Schläge der Holzaxt, hörten, so glaubten sie, ihr Vater wäre in der Nähe. Es war aber nicht die Holzaxt, es war ein Ast, den er an einen dürren Baum gebunden hatte und den der Wind hin und her schlug. Und als sie so lange gesessen hatten, fielen ihnen die Augen vor Müdigkeit zu, und sie schliefen fest ein. Als sie endlich erwachten, war es schon finstere Nacht. Gretel fing an zu weinen und sprach ‚wie sollen wir nun aus dem Wald kommen!‘ Hänsel aber tröstete sie, ‚wart nur ein Weilchen, bis der Mond aufgegangen ist, dann wollen wir den Weg schon finden.‘ Und als der volle Mond aufgestiegen war, so nahm Hänsel sein Schwesterchen an der Hand und ging den Kieselsteinen nach, die schimmerten wie neu geschlagene Batzen und zeigten ihnen den Weg. Sie gingen die ganze Nacht hindurch und kamen bei anbrechendem Tag wieder zu ihres Vaters Haus. Sie klopften an die Tür, und als die Frau aufmachte und sah, dass es Hänsel und Gretel waren, sprach sie ‚ihr bösen Kinder, was habt ihr so lange im Walde geschlafen, wir haben geglaubt, ihr wolltet gar nicht wieder kommen.‘ Der Vater aber freute sich, denn es war ihm zu Herzen gegangen, dass er sie so allein zurückgelassen hatte.
Nicht lange danach war wieder Not in allen Ecken, und die Kinder hörten, wie die Mutter nachts im Bette zu dem Vater sprach ‚alles ist wieder aufgezehrt, wir haben noch einen halben Laib Brot, hernach hat das Lied ein Ende. Die Kinder müssen fort, wir wollen sie tiefer in den Wald hineinführen, damit sie den Weg nicht wieder herausfinden; es ist sonst keine Rettung für uns.‘ Dem Mann fiels schwer aufs Herz und er dachte ‚es wäre besser, dass du den letzten Bissen mit deinen Kindern teiltest.‘ Aber die Frau hörte auf nichts, was er sagte, schalt ihn und machte ihm Vorwürfe. Wer A sagt, muss auch B sagen, und weil er das erste Mal nachgegeben hatte, so musste er es auch zum zweiten Mal.
Die Kinder waren aber noch wach gewesen und hatten das Gespräch mit angehört. Als die Alten schliefen, stand Hänsel wieder auf, wollte hinaus und Kieselsteine auflesen, wie das vorige Mal, aber die Frau hatte die Tür verschlossen, und Hänsel konnte nicht heraus. Aber er tröstete sein Schwesterchen und sprach ‚weine nicht, Gretel, und schlaf nur ruhig, der liebe Gott wird uns schon helfen.‘ Am frühen Morgen kam die Frau und holte die Kinder aus dem Bette. Sie erhielten ihr Stückchen Brot, das war aber noch kleiner als das vorige Mal. Auf dem Wege nach dem Wald bröckelte es Hänsel in der Tasche, stand oft still und warf ein Bröcklein auf die Erde. ‚Hänsel, was stehst du und guckst dich um‘, sagte der Vater, ‚geh deiner Wege.‘ ‚Ich sehe nach meinem Täubchen, das sitzt auf dem Dache und will mir Ade sagen‘, antwortete Hänsel. ‚Narr‘, sagte die Frau, ‚das ist dein Täubchen nicht, das ist die Morgensonne, die auf den Schornstein oben scheint.‘ Hänsel aber warf nach und nach alle Bröcklein auf den Weg.
Die Frau führte die Kinder noch tiefer in den Wald, wo sie ihr Lebtag noch nicht gewesen waren. Da ward wieder ein großes Feuer angemacht, und die Mutter sagte ‚bleibt nur da sitzen, ihr Kinder, und wenn ihr müde seid, könnt ihr ein wenig schlafen: Wir gehen in den Wald und hauen Holz, und abends, wenn wir fertig sind, kommen wir und holen euch ab.‘ Als es Mittag war, teilte Gretel ihr Brot mit Hänsel, der sein Stück auf den Weg gestreut hatte. Dann schliefen sie ein, und der Abend verging, aber niemand kam zu den armen Kindern. Sie erwachten erst in der finstern Nacht, und Hänsel tröstete sein Schwesterchen und sagte, ‚wart nur, Gretel, bis der Mond aufgeht, dann werden wir die Brotbröcklein sehen, die ich ausgestreut habe, die zeigen uns den Weg nach Haus.‘ Als der Mond kam, machten sie sich auf, aber sie fanden kein Bröcklein mehr, denn die viel tausend Vögel, die im Walde und im Felde umherfliegen, die hatten sie weggepickt. Hänsel sagte zu Gretel ‚wir werden den Weg schon finden‘, aber sie fanden ihn nicht. Sie gingen die ganze Nacht und noch einen Tag von Morgen bis Abend, aber sie kamen aus dem Wald nicht heraus, und waren so hungrig, denn sie hatten nichts als die paar Beeren, die auf der Erde standen. Und weil sie so müde waren, dass die Beine sie nicht mehr tragen wollten, so legten sie sich unter einen Baum und schliefen ein.
Nun war´s schon der dritte Morgen, dass sie ihres Vaters Haus verlassen hatten. Sie fingen wieder an zu gehen, aber sie gerieten immer tiefer in den Wald und wenn nicht bald Hilfe kam, so mussten sie verschmachten. Als es Mittag war, sahen sie ein schönes schneeweißes Vöglein auf einem Ast sitzen, das sang so schön, dass sie stehen blieben und ihm zuhörten. Und als es fertig war, schwang es seine Flügel und flog vor ihnen her, und sie gingen ihm nach, bis sie zu einem Häuschen gelangten, auf dessen Dach es sich setzte, und als sie ganz nah herankamen, so sahen sie, dass das Häuslein aus Brot gebaut war, und mit Kuchen gedeckt; aber die Fenster waren von hellem Zucker. ‚Da wollen wir uns dran machen‘, sprach Hänsel, ‚und eine gesegnete Mahlzeit halten. Ich will ein Stück vom Dach essen, Gretel, du kannst vom Fenster essen, das schmeckt süß.‘ Hänsel reichte in die Höhe und brach sich ein wenig vom Dach ab, um zu versuchen, wie es schmeckte, und Gretel stellte sich an die Scheiben und knuperte daran. Da rief eine feine Stimme aus der Stube heraus

‚knuper, knuper, kneischen,
wer knupert an meinem Häuschen?‘

die Kinder antworteten

‚der Wind, der Wind,
das himmlische Kind,‘

und aßen weiter, ohne sich irre machen zu lassen. Hänsel, dem das Dach sehr gut schmeckte, riss sich ein großes Stück davon herunter, und Gretel stieß eine ganze runde Fensterscheibe heraus, setzte sich nieder und tat sich wohl damit. Da ging auf einmal die Türe aus, und eine steinalte Frau, die sich auf eine Krücke stützte, kam herausgeschlichen. Hänsel und Gretel erschraken so gewaltig, dass sie fallen ließen, was sie in den Händen hielten. Die Alte aber wackelte mit dem Kopfe und sprach ‚ei, ihr lieben Kinder, wer hat euch hierher gebracht?, kommt nur herein und bleibt bei mir, es geschieht euch kein Leid.‘ Sie fasste beide an der Hand und führte sie in ihr Häuschen. Da ward gutes Essen aufgetragen, Milch und Pfannekuchen mit Zucker, Äpfeln und Nüssen. Hernach wurden zwei schöne Bettlein weiß gedeckt, und Hänsel und Gretel legten sich hinein und meinten, sie wären im Himmel.
Die Alte hatte sich nur so freundlich angestellt, sie war aber eine böse Hexe, die den Kindern auflauerte, und hatte das Brothäuslein bloß gebaut, um sie herbeizulocken. Wenn eins in ihre Gewalt kam, so machte sie es tot, kochte es und aß es, und das war ihr ein Festtag. Die Hexen haben rote Augen und können nicht weit sehen, aber sie haben eine feine Witterung, wie die Tiere, und merkens, wenn Menschen herankommen. Als Hänsel und Gretel in ihre Nähe kamen, da lachte sie boshaft und sprach höhnisch ‚die habe ich, die sollen mir nicht wieder entwischen.‘ Frühmorgens, ehe die Kinder erwacht waren, stand sie schon auf, und als sie beide so lieblich ruhen sah, mit den vollen roten Backen, so murmelte sie vor sich hin ‚das wird ein guter Bissen werden.‘ Da packte sie Hänsel mit ihrer dürren Hand und trug ihn in einen kleinen Stall und sperrte ihn mit einer Gittertüre ein; er mochte schreien wie er wollte, es half ihm nichts. Dann ging sie zur Gretel, rüttelte sie wach und rief ’steh auf, Faullenzerin, trag Wasser und koch deinem Bruder etwas Gutes, der sitzt draußen im Stall und soll fett werden. Wenn er fett ist, so will ich ihn essen.‘ Gretel fing an bitterlich zu weinen, aber es war alles vergeblich, sie musste tun was die böse Hexe verlangte.
Nun ward dem armen Hänsel das beste Essen gekocht, aber Gretel bekam nichts als Krebsschalen. Jeden Morgen schlich die Alte zu dem Ställchen und rief ‚Hänsel, streck deine Finger heraus, damit ich fühle ob du bald fett bist.‘ Hänsel streckte ihr aber ein Knöchlein heraus, und die Alte, die trübe Augen hatte, konnte es nicht sehen, und meinte, es wären Hänsels Finger, und verwunderte sich, dass er gar nicht fett werden wollte. Als vier Wochen herum waren und Hänsel immer mager blieb, da übernahm sie die Ungeduld, und sie wollte nicht länger warten. ‚Heda, Gretel,‘ rief sie dem Mädchen zu, ’sei flink und trag Wasser: Hänsel mag fett oder mager sein, morgen will ich ihn schlachten und kochen.‘ Ach, wie jammerte das arme Schwesterchen, als es das Wasser tragen musste, und wie flossen ihm die Tränen über die Backen herunter! ‚Lieber Gott, hilf uns doch,‘ rief sie aus, ‚hätten uns nur die wilden Tiere im Wald gefressen, so wären wir doch zusammen gestorben.‘ ‚Spar nur dein Geblärre,‘ sagte die Alte, ‚es hilft dir alles nichts.‘
Frühmorgens musste Gretel heraus, den Kessel mit Wasser aufhängen und Feuer anzünden. ‚Erst wollen wir backen‘, sagte die Alte, ‚ich habe den Backofen schon eingeheizt und den Teig geknetet.‘ Sie stieß das arme Gretel hinaus zu dem Backofen, aus dem die Feuerflammen schon herausschlugen. ‚Kriech hinein,‘ sagte die Hexe, ‚und sieh zu, ob recht eingeheizt ist, damit wir das Brot hineinschießen können.‘ Und wenn Gretel darin war, wollte sie den Ofen zumachen, und Gretel sollte darin braten, und dann wollte sie´s auch aufessen. Aber Gretel merkte, was sie im Sinn hatte und sprach ‚ich weiß nicht wie ich´s machen soll; wie komm ich da hinein?‘ ‚Dumme Gans,‘ sagte die Alte, ‚die Öffnung ist groß genug, siehst du wohl, ich könnte selbst hinein,‘ trappelte heran und steckte den Kopf in den Backofen. Da gab ihr Gretel einen Stoß, dass sie weit hineinfuhr, machte die eiserne Tür zu und schob den Riegel vor. Hu! da fing sie an zu heulen, ganz grauselich; aber Gretel lief fort, und die gottlose Hexe musste elendiglich verbrennen.
Gretel aber lief schnurstracks zum Hänsel, öffnete sein Ställchen und rief ‚Hänsel, wir sind erlöst, die alte Hexe ist tot.‘ Da sprang Hänsel heraus, wie ein Vogel aus dem Käfig, wenn ihm die Türe aufgemacht wird. Wie haben sie sich gefreut, sind sich um den Hals gefallen, sind herumgesprungen und haben sich geküsst! Und weil sie sich nicht mehr zu fürchten brauchten, so gingen sie in das Haus der Hexe hinein, da standen in allen Ecken Kasten mit Perlen und Edelsteinen. ‚Die sind noch besser als Kieselsteine‘, sagte Hänsel und steckte in seine Taschen, was hinein wollte, und Gretel sagte ‚ich will auch etwas mit nach Haus bringen‘ und füllte sich sein Schürzchen voll. ‚Aber jetzt wollen wir fort,‘ sagte Hänsel, ‚damit wir aus dem Hexenwald herauskommen.‘ Als sie aber ein paar Stunden gegangen waren, gelangten sie an ein großes Wasser. Wir können nicht hinüber,‘ sprach Hänsel, ‚ich sehe keinen Steg und keine Brücke.‘ ‚Hier fährt auch kein Schiffchen,‘ antwortete Gretel, ‚aber da schwimmt eine weiße Ente, wenn ich die bitte, so hilft sie uns hinüber.‘ Da rief sie

‚Entchen, Entchen,
da steht Gretel und Hänsel.
Kein Steg und keine Brücke,
nimm uns auf deinen weißen Rücken.‘

Das Entchen kam auch heran, und Hänsel setzte sich auf und bat sein Schwesterchen, sich zu ihm zu setzen. Nein,‘ antwortete Gretel, ‚es wird dem Entchen zu schwer, es soll uns nacheinander hinüber bringen.‘ Das tat das gute Tierchen, und als sie glücklich drüben waren und ein Weilchen fortgingen, da kam ihnen der Wald immer bekannter und immer bekannter vor, und endlich erblickten sie von weitem ihres Vaters Haus. Da fingen sie an zu laufen, stürzten in die Stube hinein und fielen ihrem Vater um den Hals. Der Mann hatte keine frohe Stunde gehabt, seitdem er die Kinder im Walde gelassen hatte, die Frau aber war gestorben. Gretel schüttete sein Schürzchen aus, dass die Perlen und Edelsteine in der Stube herumsprangen, und Hänsel warf eine Handvoll nach der andern aus seiner Tasche dazu. Da hatten alle Sorgen ein Ende, und sie lebten in lauter Freude zusammen. Mein Märchen ist aus, dort lauft eine Maus, wer sie fängt, darf sich eine große große Pelzkappe daraus machen.

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Wenn Hänsel und Gretel zurückkommen, ist das falsche Bewusstsein tot. Ja, es kann nicht mehr leben; Hänsel und Gretel würden nach ihren Erlebnissen diese Energie mütterlicher Falschheit nicht mehr ertragen wollen, vielleicht auch gar nicht mehr können.

Blicken wir zunächst noch einmal auf den Beginn zurück:

Ein gutes Geschick, wie es Kindern zuteil wird, hatten Hänsel und Gretel hören lassen, was die falsche Mutter im Schilde führt. Und Hänsel war durchaus clever, was sich auch darin zeigte, dass er selbst seinem Vater nicht die Wahrheit sagte, wie er mit seinem Schwesterherz in die Heimat zurückfinden wollte, wusste er doch, dass sein Vater diesem falschen Bewusstsein Vertrauen geschenkt hatte. Seine Versuche, den Heimweg abzusichern, waren ja durchaus erfolgversprechend. Doch wie im Leben, so ist es auch im Märchen: Die Seele scheint dem inkarnierten Bösen begegnen zu müssen.

Oft ist dieses keineswegs als solches zu erkennen. Das ist der Preis, den wir als Menschen der Materie zahlen, wenn wir zu tief uns auf Materielles einlassen. Es ist ja z.B. nicht das Geld an sich schlecht, wie manches Andere auch per se nicht schlecht sein mag. Gefährlich ist die Zugkraft, die Menschen vom Immateriellen, von der geistigen Wahrheit hinwegzieht. Was die Seele wirklich nährt, sehen wir nicht, es ist ja nicht sichtbar. Ja, oft können wir nur glauben, glauben, dass das Wahre eben nicht mit Geld zu bezahlen oder zu kaufen ist. Die Warnung der Bibel, dass es leichter sei, dass ein Kamel durch ein Nadelör geht, als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme, bezieht sich auf die Gefahr, die Geld und äußeres Gold beinhalten, indem sie alles im Menschen absorbieren. Sie bedeutet nicht, dass einer auf dem Weg nach Hause, mithin zu sich selbst, nicht reich sein dürfe; für mich jedenfalls ist das nicht so; er darf nur nicht abhängig vom Geld sein.

Aktuell erleben wir weltweit, wie sehr Geld, Banken und Börsen nicht nur die Nachrichten, sondern auch das Leben der Menschen dominiert. Und die Menschen inclusive der Politiker verstehen nicht, dass man die Probleme der Weltwirtschaft nicht fiskalisch, nicht im Rahmen dieses Bereiches löst, sondern indem man zurückfindet zu einem Weg, der nicht durch Geld bestimmt wird.

Geldprobleme lassen sich in Wahrheit nicht durch Geld lösen, nicht durch Banken, nicht durch Börsen, nicht durch Maßnahmen im Rahmen der Geldpolitik.

Hänsel und Gretel begegnen dem personifizierten Bösen. Und sie erkennen es zunächst nicht, erst als die Hexe sich outet.

Märchen warnen uns, sie sagen: Vorsicht, wenn es mitten im Wald, fern der Heimat sehr gut schmeckt. In der Tat werden Hänsel und Gretel immer gieriger, Hänsel reißt einen Teil vom Dach ab, Gretel stößt gleich eine Fensterscheibe heraus, um sich zu verköstigen.

Wer Homers Odyssee kennt, kennt die Gefahr, die hier lauert. Was gut schmeckt, kann  tödlich sein. Zu Beginn seiner Irrfahrten wird Odysseus durch einen gewaltigen Sturm abgetrieben und mit seinen Gefährten an eine unbekannte Küste verschlagen. Er weiß allerdings nicht, wo er gelandet ist. deshalb schickt er zwei Kameraden los. Als diese nicht zurückkommen, schaut er selbst, was los ist, und findet die beiden unter den Lotophagen sitzen und gemütlich deren Lotosfrüchte essen. Die Heimat hatten sie vollkommen vergessen. Sie wären nie mehr aufgestanden.

Das ist es, was Materie, was der Genuss a la Hexenhäuschen bewirken: Man vergisst die Heimat. Allerdings ist Hänsel und Gretels Imbissbude von ungleich höherer Brisanz als das Land der Lotophagen: Sie sind im Zentrum diabolischer Kochkunst.

Doch gibt uns das Märchen Hinweise, woran wir das Böse erkennen und wie wir es überwinden können, denn so weit sollte es doch nicht kommen, dass sich Menschen vorkommen wie im Himmel, während sie, wie Hänsel und Gretel, in der Wohnung des Bösen im Bett liegen Vergessen wir nicht: Hänsel und Gretel sind Kinder, ja, aber sie repräsentieren menschliches Bewusstsein, das von realem Alter unabhängig ist.

Da ist zunächst die Stimme der Hexe, die unsere beiden Helden gar nicht irritiert, gar nicht beeindruckt. Stimmt alles mit der Stimme?

Stimme gibt uns Aufschluss über den Menschen. Unserem Unbewussten gibt sie sofort Auskunft über ein Wesen. Stimmt es mit ihm, oder stimmt es nicht? Das sagt uns die Stimme.

Vergessen wir nicht, wie gefährlich Stimme sein kann. Auch hier gibt uns die Odyssee Auskunft. Odysseus lässt sich die Ohren verstopfen und am Mast anbinden, um nicht auf die Sirenen hereinzufallen, die so anziehend singen, dass man an ihrem Strand zahlreiche Skelette finden kann von Männern, die auf sie hereinfielen. 

Erinnern wir uns:

Den Schiffer im kleinen Schiffe / Ergreift es mit wildem Weh; / Er schaut nicht die Felsenriffe, / Er schaut nur hinauf in die Höh´. (…) Ich glaube, die Wellen verschlingen / Am Ende Schiffer und Kahn; / Und das hat mit ihrem Singen / Die Loreley getan.

Heine wusste, von was er da 1823 schrieb!

Es gibt ein wunderbares Buch, nämlich Jacques Lusseyrans Das wiedergefundene Licht, aus dem ich an anderer Stelle in diesem Blog Auszüge wiedergegeben habe. In ihm findet sich auch ein Auszug, der die Stimme betrifft und den ich unglaublich aussagekräftig finde. Mancher könnte sich sagen: Das ist ein Blinder, der da schreibt, er ist eine Ausnahme und hat eben bestimmte Fähigkeiten, die nur Blinde haben.

Das stimmt nicht. Die Fähigkeiten, zu denen Jacques Lusseyran fand, kann im Grunde jeder Mensch aktivieren, und ich möchte behaupten, sie sind in mehr Menschen mehr als latent vorhanden, als wir ahnen, in manchen sogar sehr ausgeprägt; nur viele vertrauen ihnen womöglich nicht. Und manche, die Ergebnisse dieses inneren Wissens nach außen geben, müssen sich der Häme und des Spottes anderer wehren, die diese Fähigkeiten nicht haben und daraus messerscharf folgern, dass es sie also nicht geben kann … Leider beugen sich viele solch einem dilettantischen Diktat.

Bedauerlicherweise gibt es diese Realität häufiger, als es uns lieb sein kann.

Hier nun der Auszug von Jacques Lusseyran zum Thema Stimme, die ja in unserem Märchen eine nicht unbedeutende Rolle spielt; ich bringe ihn in dieser Ausführlichkeit, weil ich – und Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, könnte es genauso gehen – viel aus ihm gelernt habe in Bezug auf Stimme, gerade auch im Hinblick auf Kinder, auf Erziehung, auf Schule, im Hinblick auf unsere Sicht anderer:

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Kaum war ich blind geworden, da hatte ich schon das Gesicht meiner Mutter und meines Vaters wie überhaupt all derer, die ich liebte, vergessen. Von Zeit zu Zeit tauchte ein Gesicht in meiner Erinnerung auf, doch immer stammte es von einer Person, die mir gleichgültig war. Warum war das Gedächtnis so angelegt? Man könnte glauben, Zuneigung sei mit ihm unvereinbar.

Sollte uns Zuneigung oder Liebe den Menschen so nahebringen, daß wir nicht mehr in der Lage wären, ihr Bild zu beschwören? Vielleicht haben wir jene infolge unserer Liebe sogar niemals richtig gesehen. Statt ihres Aussehens hatte ich freilich die Stimme meiner Eltern ständig vor mir, und auch nach dem Unfall interessierten mich zwar Gestalt und Gesicht der Menschen noch immer, doch auf eine ganz neue Art. Es war plötzlich gleichgültig geworden, ob sie dunkel oder blond waren, blaue oder grüne Augen hatten. Ich fand sogar, daß die sehenden Menschen viel zu viel Zeit auf diese unnützen Beobachtungen verschwendeten. Die gängigen Redewendungen wie »er flößt Vertrauen ein« oder »er ist gut erzogen« schienen mir alle nur eben die Oberfläche des Menschen zu berühren; das war der Schaum, nicht das Getränk. Ich für meinen Teil hatte eine Idee von den Menschen, ein Bild, doch das stimmte nicht mehr mit dem der Welt überein. Oft sah ich sie gerade umgekehrt: den Jungen, den man verschlossen nannte, sah ich schüchtern, jenen, den man für faul hielt, sah ich den ganzen Tag in seiner Phantasie mit einem Eifer arbeiten, der ganz das Gegenteil von Faulheit war. Meine Ansichten über die Menschen waren tatsächlich von denen anderer Leute so verschieden geworden, daß ich mir angewöhnte, ihnen zu mißtrauen. Zu guter Letzt fand ich mich selbst sonderbar!

Kurz und gut, Haare, Augen, Mund, Krawattenknoten oder die Ringe an den Fingern zählten für mich nicht, ja, ich dachte an all das gar nicht mehr. Die Leute schienen es nicht mehr zu besitzen. Vor meinem geistigen Auge tauchten Bilder von Männern und Frauen ohne Kopf und ohne Finger auf. Jene Dame im Sessel wiederum schrumpfte plötzlich zu ihrem Armband zusammen, sie wurde Armband. Da gab es Leute, deren ganzes Gesicht die Zahne beherrschten, und Leute, die in ihrer Harmonie aus Musik zusammengesetzt schienen. Doch in Wirklichkeit taugen all diese Schauspiele nicht dazu, beschrieben zu werden. Sie sind so beweglich, so lebendig, daß sie den Worten trotzen.

Nein! Die Leute glichen nicht dem, was man mir über sie sagte. Vor allem waren sie keine zwei Minuten dieselben. Es gab wohl einige. Doch das war ein schlechtes Zeichen, ein Zeichen, daß sie nicht verstehen oder nicht leben wollten, daß sie an der Leimrute einer ungehörigen Leidenschaft gefangen waren. Und das sah ich ihnen sofort an, denn da sie ihr Gesicht unbeobachtet glaubten, konnte ich sie überrumpeln. Das sind die Leute nicht gewohnt, sie putzen nur ihr Äußeres heraus!

Ich vernahm die Stimme meiner Eltern an meinem Ohr oder in meinem Herzen – wo, ist ohne Bedeutung -, doch sehr nah. Und all die anderen Stimmen nahmen den gleichen Weg. Es ist verhältnismäßig leicht, sich vor einem mißliebigen Gesicht zu schützen: man braucht es nur fernzuhalten, es in der Außenwelt zu belassen. Dasselbe versuche man einmal bei den Stimmen; da will es nimmer gelingen!

Die menschliche Stimme erzwingt sich ihren Weg in unser Inneres, eben hier vernehmen wir sie. Will man sie richtig hören, muß man sie im Kopf und in der Brust vibrieren, in der Kehle nachklingen lassen, als ob sie für einen Augenblick die eigene wäre. Das ist sicher der Grund, warum Stimmen uns nicht täuschen.

Ich konnte die Gesichter nicht mehr sehen. Wahrscheinlich würde ich sie mein ganzes Leben lang nicht mehr sehen. Mitunter hätte ich sie gern berührt, wenn sie mir schön schienen die Gesellschaft unterbindet sorgfältig solche Gesten. Übrigens untersagt die Gesellschaft überhaupt alle Gesten, die die Menschen einander näherbringen könnten. Sie glaubt zu unserem Besten zu handeln, uns vor den Zugriffen der Schamlosigkeit und der Gewalt zu schützen. Sie hat vielleicht recht: Menschen sind oftmals schmutzige Tiere. Doch kann ein blindes Kind die Gefahr schon erkennen? Es muß solche Tabus unbegreiflich finden.

Ich machte mir indes die Stimmen voll zunutze – ein Gebiet, in das die Gesellschaft nie ihre Nase gesteckt hat. Das ist übrigens recht verwunderlich. Während die Vorschriften der Menschen in Dingen des Körpers so heikel sind, sind sie doch nie auf den Gedanken gekommen, die Blöße der Stimmen zu bedecken, ihre Berührung einzuschränken. Offenbar haben sie nicht bedacht, daß die Stimme im Grad erlaubter und unerlaubter Berührungen weiter gehen kann, als es alle Hände und Augen jemals getan haben.

Überdies weiß ein Mensch nicht, daß er sich beim Sprechen verrät. Wenn sich die Leute an mich, den kleinen Blinden, wandten, waren sie nicht auf der Hut. Sie waren überzeugt, daß ich die Worte vernähme, die sie sagten, daß ich ihren Sinn verstehe. Sie ahnten nie, daß ich in ihrer Stimme wie in einem Buch lesen konnte.

Der Mathematiklehrer betrat das Klassenzimmer, klatschte in die Hände und begann entschlossen mit dem Unterricht. Er sprach an diesem Tag klar wie gewöhnlich, vielleicht etwas fesselnder als sonst, etwas zu fesselnd. Anstatt gegen Ende der Sätze in die Ausgangslage zurückzufallen, wie sie es hätte tun müssen, das heißt, sich um zwei oder drei Töne zu senken, blieb seine Stimme, nach oben gewendet, in der Luft hängen. Es war, als wolle unser Lehrer an diesem Tag etwas verbergen, eine gute Figur machen vor wer weiß was für einem Auditorium, beweisen, daß er sich nicht gehen lasse, daß er durchhalten werde, durchhalten müsse! Und ich, der ich an die Kadenz seiner Stimme gewöhnt war, die so regelmäßig war wie das Schlagen eines Metronoms, spitzte die Ohren, und der Lehrer tat mir leid. Ich hätte ihm gern geholfen, doch das schien mir albern, hatte ich doch keinerlei Grund anzunehmen, er sei unglücklich. Aber er war allen Ernstes unglücklich. Die schreckliche »Kenntnis« böser Zungen überbrachte uns acht Tage später, daß seine Frau ihn gerade verlassen hatte.

Ich konnte schließlich, ohne es zu wollen, ohne daran zu denken, so vieles in den Stimmen lesen, daß sie mich mehr interessierten als die Worte, die sie formulierten. Manchmal hörte ich im Unterricht ganze Minuten lang nichts mehr, weder die Fragen des Lehrers noch die Antworten meiner Kameraden. Ich war viel zu sehr von den Bildern in Anspruch genommen, die ihre Stimmen vor mir vorbeiziehen ließen, und das um so mehr, als diese Bilder oft in auffallendem Widerspruch zum Augenschein standen. Dem Schüler Pacot zum Beispiel war vom Geschichtslehrer eben eine »10 von 10«, die beste Note, erteilt worden. Ich war verdutzt. Die Stimme Pacots hatte mir verraten – ein Zweifel war nicht möglich -, daß Pacot rein gar nichts begriffen hatte. Er hatte seine Lektion nur mit den Lippen vorgeleiert, seine Stimme klang wie eine Schnarre, der Ton war ausdruckslos.

Was die Stimmen mich lehrten, lehrten sie mich fast immer sofort. Zwar wirkten gewisse physische Faktoren störend. Es gab da Jungen, die schlecht atmeten – man hätte ihnen Wucherungen oder die Mandeln entfernen müssen — und deren Stimme wie von einer Wolke bedeckt blieb. Andere konnten nur ein lächerliches Falsett herausbringen, so daß man zunächst dachte, man habe Hasenfüße vor sich. Die Nervösen, Schüchternen gebrauchten ihre Stimme immer im falschen Moment und machten sich hinter ihrem Gestammel so klein wie möglich. Doch wenn ich mich täuschte, dann immer nur für kurze Zeit.

Eine schöne Stimme (und schön bedeutet viel in diesem Zusammenhang, bedeutet, daß der Mensch, dem diese Stimme gehört, schön ist) blieb auch bei Husten und Stottern schön. Eine häßliche Stimme dagegen konnte sich süß stellen, sich parfümieren, behaglich schnurren oder flöten, sie blieb stets häßlich.

Kurz, ich entdeckte die Welt der Stimmen – eine unbekannte Welt. Im Leben des Alltags wurde sie kaum beachtet. Allein die Musiker und einige Dichter schienen sich ihrer Gegenwart bewußt zu sein. Doch sie griffen immer nur die Augenblicke heraus, wo die Stimmen ihren größten Zauber ausstrahlten, dem Irdischen schon fast entglitten; auch sie kannten sie also nicht bis ins Letzte. Die gewöhnliche Stimme, die Stimme, die den Menschen enthüllt – existierte sie wirklich nur für mich?

Wie sollte ich anderen Menschen erklären, daß alle meine Gefühle ihnen gegenüber – Sympathie oder Antipathie – von ihrer Stimme ausgingen? Ich versuchte es wohl einigen zu sagen, ihnen darzulegen, daß weder sie noch ich etwas dafür könnten. Doch bald mußte ich schweigen, da ihnen diese Vorstellung sichtlich Angst machte.

Es gab also eine moralische Musik. Unsere Gelüste, unsere Launen, unsere heimlichen Laster und selbst unsere sorgsamst gehüteten Gedanken übertrugen sich auf den Klang unserer Stimme, wurden offenbar in ihrer Modulation, in ihrem Rhythmus. Lagen drei oder vier Töne zu nah beisammen, dann hieß das Zorn, selbst wenn man dem Sprechenden nichts davon ansah. Auch die Heuchler konnte man auf der Stelle ertappen. Ihre Stimme war gedehnt und wies leichte, aber abrupte Abstände zwischen den Tönen auf, als ob sie beschlossen hätten, ihrer Stimme niemals freie Bahn zu lassen.

Man erzählte mir später von einer Wissenschaft, deren Entfaltung die Entwicklung des Radios und die in der Werbung üblichen Methoden indirekter Beeinflussung wünschenswert erscheinen ließen: die Wissenschaft von den Stimmen oder Phonologie. Ist eine solche Wissenschaft möglich? Zweifellos. Ist sie wünschenswert? Ich fürchte, nein. An dem Tag, an dem gierige, skrupellose Menschen die Kunst, die menschliche Stimme zu durchschauen, ganz beherrschten, sie zu entziffern und nach Belieben zu formen verstünden, wäre es mit dem bißchen Freiheit, das wir haben, vollends zu Ende. Sie hätten ihre Hand an einem Steuer, das den Blicken aufs beste entzogen ist. Ein neuer Orpheus wäre geboren, der wilde Tiere anlocken und Steine bewegen kann. Doch Orpheus – erinnern wir uns – hatte nur so lange einen Anspruch auf sein Geheimnis, als er es nicht mißbrauchte.

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Die Hexe missbraucht ihre Stimme gnadenlos. Und dennoch, so meine ich, hätten Hänsel und Gretel die Möglichkeit gehabt, sie zu enttarnen, nur: ihre Gier machte dies unmöglich; sie beachteten die Stimme der Hexe ja nicht einmal.

Du sprichst von Gier, mag der ein oder andere Leser sagen, ihr Hunger ist verständlich. Stimmt. – Allerdings gibt uns das Märchen schon auch in den Bildern des Verhaltens der beiden zu erkennen, dass sie es übertreiben.

Leider ist es zudem so, dass das Böse  bevorzugt angreift, wenn wir in halbschläfrigen oder stressigen Situationen sind. Im Grunde – und das ist eine Lehre aus dem allem – müssen wir gerade in solchen Situationen besonders wachsam sein.

Als sich die Hexe zeigt, ist es zu spät. Spätestens als sie Hänsel an die Hand nimmt.

An der Hand – gebannt!

Da ist auch Gretel gefangen; ihren Hänsel verlässt sie nicht.

Aber halten wir fest: an Hand der Stimme lässt sich das Böse enttarnen.

Ein Wort zum Bösen:

Es ist ja nicht so, dass es immer in dieser geballten Form wie im Märchen auftritt.

Das Böse, Diabolo, Teufel, Satan, das kollektive Unbewusste, das, was grundsätzlich gegen die Liebe arbeitet – nennen wir es, wie wir wollen – hat im Grunde bei allen Menschen Möglichkeiten, sich einzuhaken und kann sie benutzen, damit sie etwas tun, was sich gegen die Liebe wendet. Wenn es darum geht, dass Menschen einen entscheidenden Entwicklungsschritt nach vorne tun, wenn es darum geht, dass Menschen sich verbinden und Frieden eintritt, dann ist die Gefahr riesengroß, dass das Böse irgendjemanden findet, der das alles verhindert. Selbst Menschen, die auf wirklich gutem Wege sind und sich weit zur Liebe hin entwickelt haben, können zagen oder etwas tun, was sie bitter bereuen. Petrus zieht sein Schwert und haut einem Soldaten ein Ohr ab, er verleugnet Jesus, Judas verrät ihn, die drei Jünger, die Jesus in Gethesemane begleiten, schlafen ein, anstatt ihm hilfreich zur Seite zu stehen; ausgerechnet, wenn jemand zu einem Menschen gehen sollte, der ihm helfen kann, wird dem Betroffenen schlecht, springt das Auto nicht an, lässt sich die Adresse nicht finden …

(Manchmal kann dies auch ein Hinweis sein, dass etwas nicht stimmt, mit der Hilfe, zu der wir gehen wollen; das eben macht unser Leben so schwierig, dass wir lernen aus Erfahrung …  auch unser Gefühl müssen wir justieren)

Es gilt, wachsam zu sein; deshalb rät die Bibel: Betet ohne Unterlass. Gemeint ist, wie ein Buddhist formulieren würde: Seit jeden Moment achtsam.

Unterschätzen wir die Macht des Bösen nicht, aber geben wir ihr dennoch gedanklich keinen Raum. Es gilt, auf der Hut zu sein und die Worte Jesu immer zu verwenden, vielleicht jeden Morgen zu Tagesbeginn und auch ggf. tagsüber: Vater, ich befehle meinen Geist in Deine Hände.

In der Hut der Liebe zu sein, bedeutet, vielleicht einem Programm, das sich wieder in uns einhaken will, nicht nachgeben zu müssen, bedeutet vielleicht, Mut zu haben, um jemandem zur Seite zu springen, der unsere Unterstützung braucht, bedeutet vielleicht, jemanden genau im richtigen Moment anlächeln zu können und dafür Sorge zu tragen, dass mehr Wärme auf unsere Erde kommt … Das alles kann ein Bewusstsein bewirken, das sagt und meint und darum weiß: Vater, ich befehle meinen Geist in Deine Hände!

Zurück zum Bösen im Märchen, zur Hexe. Es heißt von ihr, sie habe rote Augen und könne nicht weit sehen. Dem Märchen zufolge kann man Hexen daran erkennen.

Wenn jemand etwas Böses im Schilde führt oder in seinem Dienst steht, dann gilt, was für die Liebe nicht gilt; diese ist vollkommen, das Böse nicht. Wir können es erkennen.

Wenn wir aufmerksam sind, erkennen wir es an der Stimme, aber es verrät sich auch an seiner Kurzsichtigkeit, die symbolisch für Schwächen des Bösen steht.

Allerdings und leider wollen Menschen den Eigenverrat des Bösen des Öfteren nicht sehen. Dann geschieht auch, was geschehen muss.

So banal das klingt und so platt angesichts mancher Folgen, die geschehen: Wir haben zu lernen, das Böse zu durchschauen; es gehört zu unserem Menschsein. Und das geschieht leider öfter als uns lieb sein kann dadurch, dass es sich ausagiert.

Überhaupt: Der erste Schritt zur Überwindung des Bösen kann sein, dass wir es durchschauen wollen.

Manchmal ist das ein Weg durch viele, viele Leben.

Ein vorletzter Punkt:

Hänsel ist raffiniert. Er gibt der Hexe nicht seinen Finger, er gibt dem kurzsichtigen Weibsbild einen Knochen. Damit täuscht er sie nicht nur über seinen Mast-Zustand hinweg; nein, er meidet auch den Kontakt mit ihr.

Keine Frage, einer Hexe darf man nicht einmal einen Finger reichen; dann will sie die ganze Hand – und mehr. 

Durch Hänsels Trick und Einfallsreichtum gewinnen die Geschwister Zeit, Zeit, in der auch Gretels Mut reifen kann – und ihre mutige Cleverness.

Denn sein Einfall, die Hexe noch einmal zeigen zu lasse, wie man in den Ofen hineinkomme, war eine geniale Idee.

Ihr dann noch den Tritt zu verpassen, damit die Hexe elendig verbrennt, war nicht todesmutig, sondern lebensmutig.

Wer fragt da danach, ob das erlaubt gewesen sei?

Die Macht des Guten besteht auch in entschiedenem Handeln. Und manchmal bedarf es da einer ganz resoluten Handlung von innen heraus.

Gretchen überlegt nicht; es fackelt nicht lange!

Das war für es selbst und seinen Bruder wichtig – es ist noch heute wichtig. Resolutes Handeln ist erwünscht.

Und manchmal ist auch ein lauter Schrei notwendig, um Menschen aufzuwecken.

Seien wir nicht an den falschen Stellen zimperlich.

Manchmal muss man auch am Sonntag einen Ochsen aus dem Brunnen holen und man muss dazu einen Pharisäer anschreien, dass er endlich mit hinlangen soll … :-))

PS und übrigens:

Nicht alles, was köstlich schmeckt, ist Hexenmahlzeit  und stammt vom Hexenhaus …

 

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