Schulbuchwürdig und zugleich verfemt: die ach so unverträglichen Seiten eines Christian Morgenstern.

So wird uns Christian Morgenstern (1871 – 1914) meistens präsentiert: Da gibt es zwar den der Anthroposophie sehr nahestehenden Morgenstern, ein seit 1909 mit Rudolf Steiner befreundeter Verfasser von zu pathetischen Worten greifenden, gekünstelt theologische Fügungen verwendenden Gedichten, die eklektische, also vor allem Gedankengänge anderer aufnehmende, wenig originärer Gedankengänge zeigen – so jedenfalls charakterisiert diese Seite bezeichnenderweise ein Tübinger Germanist im großen Reclam-Dichterlexikon. Auf der anderen Seite gibt es den eigentlich fast ausschließlich beachteten Verfasser der Galgenlieder, der mit ihnen nach seinem Tod Deutschland fast im Sturm eroberte, denn eine vierte Auflage seiner Gedichte mit dann 290-tausend war 1937 schon ziemlich phänomenal.

Wer muss auch nicht innerlich grinsen, wenn er Zeilen wie diese liest:

O Greule, Greule, wüste Greule!
»Du bist verflucht!« so sagt die Eule.
Der Sterne Licht am Mond zerbricht.
Doch dich zerbrachs noch immer nicht.

O Greule, Greule, wüste Greule!
Hört ihr den Huf der Silbergäule?
Es schreit der Kauz: pardauz! pardauz!
da tauts, da grauts, da brauts, da blauts!

 

Da scheint ein Wort nur dazu da, um sich mit einem anderen zu reimen und so kreiert Morgenstern munter ein Wort wie Greule, generiert Silbergäule oder fügt einem Wiesel einen Kiesel bei, damit das arme Tier auf irgendeinem Wort Platz finde.

Als ob nicht auch so das Leben wäre, genauer gesagt, unser Verhalten gegenüber dem Leben – machen wir das nicht auch: Dinge aufeinander zu reimen, die bei Lichte besehen alles andere als aufeinander beziehbar sind? Ununterbrochen reimen wir uns die Welt zurecht, damit sie auch gut und edel sei:

Sophie, mein Henkersmädel,
komm, küsse mir den Schädel!
Zwar ist mein Mund
ein schwarzer Schlund –
doch du bist gut und edel!

Wenn sich e auf ä reimen soll – was es der Reimlehre nach ja durchaus (wenn auch als unrein klassifiziert) tun kann, dann wird auf einmal der Goethesche Gedichtanfang Edel sei der Mensch, hilfreich und gut ganz komisch, um nicht zu sagen fragwürdig und wert, hinterfragt zu werden, nicht als Lebensmaxime selbst, sondern daraufhin überprüfenswert, wie edel der Mensch wirklich sei; die beiden Weltkriege, die Morgenstern ja nicht mehr erleben musste, aber wohl sehr früh schon Anzeichen des Kommenden wahrnahm, lassen solch eine Überprüfung nur allzu berechtigt erscheinen, gerade auf dem Hintergrund, dass sich in unsere Zeit der Meister der Lügen inkarnierte und tatsächlich zum Präsidenten der mächtigsten Macht der Erde wurde – Morgenstern hätte ihn in der Wortwahl eines Rudolf Steiner einen Jünger Ahrimans genannt, jene satanische (nicht luziferische – da differenzierte Steiner sehr deutlich) Energie, die die Menschheit in den absoluten Materialismus drängt und deren Spezialfach – tatsächlich sprach der Begründer der Anthroposophie schon damals sehr deutlich davon – das Lügen ist.

Sophie, mein Henkersmädel,
komm, schau mir in den Schädel!
Die Augen zwar,
sie fraß der Aar –
doch du bist gut und edel!

Man darf davon ausgehen, dass Morgenstern durchaus bewusst den Namen der Dame, die dem lyrischen Ich in den Schädel schauen soll, wählte, denn Sophia, der Weisheit kann es da durchaus ekeln vor so viel gut und edel.

Oder wie wär´s mit einem Gedicht, überschrieben Nein:

Pfeift der Sturm?
Keift ein Wurm?
Heulen
Eulen
hoch vom Turm?

Nein!

Es ist des Galgenstrickes
dickes
Ende, welches ächzte,
gleich als ob
im Galopp
eine müdgehetzte Mähre
nach dem nächsten Brunnen lechzte
(der vielleicht noch ferne wäre).

.

Man sollte nicht übersehen, wie kunstfertig hier der Dichter agiert, wenn er  ein Wort wie dickes in eine einzelne Zelle beordert, damit dem Reime Rechnung tragend, um dann ob auf Galopp zu reimen, ächzte auf lechzte und Mähre auf wäre, Worte, die ja zum Teil wenig bekannt sind und wenig verwendet werden – übrigens durchaus ein Verdienst Morgensterns, der Worte unserer Sprache aktivierte, die in Vergessenheit zu geraten drohten, davon abgesehen, dass er eine Unzahl neuer kreierte, die es jedoch nicht in den Duden schafften, wenigstens eines aber in den Brockhaus: Nasobēm. Jedenfalls treibt Christian Morgenstern auch rhythmisch und metrisch ein buntes Spiel, das in der Nonsens-Poesie eines Lewis Caroll Vergleichbares findet und dann erst Jahrzehnte später in Ringelnatz, Jandl und im Sprach-Slapstick eines Heinz Erhardt:

Die Rehlein beten zur Nacht,
hab acht!
Sie falten die kleinen Zehlein,
die Rehlein.

      (Könnte von Erhardt sein, ist aber von Morgenstern, genauso das nächste:)

Zwei Trichter wandeln durch die Nacht.
Durch ihres Rumpfs verengten Schacht
fließt weißes Mondlicht
still und heiter
auf ihren
Waldweg
u.s.
w.

Da bittet förmlich Sprache: Spiel mit mir und gebrauch mich nicht immer auf dieselbe Weise! Was aber so leicht aussieht, will zum Teil hart erarbeitet sein, obwohl man sich Christian Morgenstern kaum anders vorstellen kann, als dass er immer wieder auch schenkelklopfend und sich köstlich amüsierend am Schreibtisch saß. Wie er im folgenden Die Kugeln überschriebenen Gedicht Worte immer wieder wiederholt, sie variiert, als Substantiv und Adverb auftauchen lassend, den Inhalt stückweise vorwärtstreibend, fugenhaft verfugt: das ist schon hohe Sprachkunst und nicht nur im Inhalt wird es spukhaft, sondern auch die Sprache unterstützt diesen Eindruck:

Palmström nimmt Papier aus seinem Schube
Und verteilt es kunstvoll in der Stube.

Und nachdem er Kugeln draus gemacht.
Und verteilt es kunstvoll, und zur Nacht.

Und verteilt die Kugeln so (zur Nacht),
daß er, wenn er plötzlich nachts erwacht,

daß er, wenn er nachts erwacht, die Kugeln
knistern hört und ihn ein heimlich Grugeln

packt (daß ihn dann nachts ein heimlich Grugeln
packt) beim Spuk der packpapiernen Kugeln …

.

Dieser Morgenstern kam in den zwanziger und dreißiger Jahren phänomenal an und ihm gilt auch der Respekt der alles so genau wissenden journalistischen und germanistischen Zunft. Man könnte sich über diesen einäugigen Blick auf Morgenstern amüsieren – so sind halt nunmal gern die meisten linkshirnigen Schreibenden aller Coleur, wenn nicht zum Beispiel die neben dem echtermeyer/von wiese Deutschlands bekannteste Gedichtanthologie, nämlich Conradys Das große deutsche Gedichtbuch, auf ihren fast tausend Seiten nicht ein einziges Gedicht des anderen, des geistigen Christian Morgenstern gebracht hätte; immerhin ist aber der humorig-schulbuchwürdige  (immer wieder bis zum Erbrechen in ihnen zu fnden: Der Lattenzaun + Das ästhetische Wiesel + Der Werwolf) Conrady ganze 12 Gedichte wert. Echtermeyer/von Wiese drucken gerade mal vier in ihre Sammlung ab – natürlich auch Letztere keines der Gedichte des unterdrückten Morgenstern – eigentlich grenzt das schon an eine pubertäre Verweigerungshaltung: Im Land der Dichter und Denker ist einer, der eine Seite zeigt, die man gut und gern übergehen kann, wo er doch angeblich Besseres (weil Auflagenstarkes) produziert hat, nicht mehr erwünscht; dieser Seite hat man doch mit Goethe, Novalis und einigen anderen genug Rechnung getragen. Solche Geistigkeit, wenn man sie überhaupt ernst nimmt, passt einfach nicht mehr in unsere Zeit und so schreibt, sicherlich, zuallermeist unhinterfragt akzeptiert, unser Tübinger Germanist: „Morgensterns Werk zerfällt, darin keinem anderen deutschen Dichter vergleichbar, in zwei Teile, die parallel entstanden (…)“

Seltsam, dass womöglich niemand – mir ist bis dato jedenfalls niemand begegnet – in den Sinn gekommen ist, dass beide Seiten Morgensterns einander verwandt sein könnten, in gewisser Weise einander bedingen. Da ist gewiss auch die Lust am Spiel, wie Germanisten feststellten, ein Spiel mit freiwillig angenommenen Regeln und ein Bewusstsein des Andersseins als das gewöhnliche Leben, das allein sein Ziel in sich selbst hat, wie es Walter Ulrich in dem genannten Lexikon formuliert.

Letzteres aber genau ist es nicht, es ist keine l´art pour l´art komischer Provenienz, sondern das Aufwirbeln der Sprache und der Buchstaben, das Neusehen durch Verfremden, das Grenzen-Sprengen mit Hilfe von Humor und Phantasie. Wer das tut, sieht Worte auf neue Art, bewusster, und die, die er ernst meint, haben ein ganz anderes Gewicht.

Man denke an Hesses Mozart, wie er im Steppenwolf , Harry Haller erscheinend, lacht, wie sehr Hesse die Bedeutung des Humors betont, ohne den es keinen Aufstieg zu den sogenannten Unsterblichen gibt. – Mozart, so hat man manchmal das Gefühl, lacht in seiner Musik immer wieder. Es verbirgt sich auch dahinter, was die Romantiker in ihren Fragmenten die Transzendentalpoesie nannten, ein Übersteigen der Buchstaben und ein Sich-Entledigen geistiger Fesseln. – Eine Möglichkeit des Transzendierens ist der Humor. Wer ihn leben kann, wirft einen anderen Blick auf seine Existenz und Christian Morgenstern, der doch nur 41 Jahre alt werden durfte und die Hälfte seines Lebens tuberkulosekrank war, was ihn zu zum Teil langen Sanatoriumsaufenthalten in Norwegen, Italien, Österreich und der Schweiz zwang, konnte dies; es war auch eine Möglichkeit, dass er so produktiv sein konnte – er hat ja zusätzlich zum eigenen Schreiben viele Werke anderer Schriftsteller übersetzt -, obwohl er und weil er wusste, dass ihm ein langes Leben nicht vergönnt war. Einfühlend hat er diese Thematik in Bezug auf einen anderen Menschen so formuliert:

Stör‘ nicht den Schlaf der liebsten Frau, mein Licht!
Stör‘ ihren zarten, zarten Schlummer nicht.

Wie ist sie ferne jetzt. Und doch so nah.
Ein Flüstern – und sie wäre wieder da.

Sei still, mein Herz, sei stiller noch, mein Mund,
mit Engeln redet wohl ihr Geist zur Stund.

.

Vorab hatte er ihr schon geschrieben – und ich finde diese Zeilen, gerade die beiden letzten – tief berührend und sie gelten ja gewiss auch für den Früh-Verstorbenen:

Dein Wunsch war immer – fliegen!
Nun naht dir die Erfüllung.

Du wirst den Raum besiegen,
nach jener Weltenthüllung,
die uns zu Freien machte
vom Schlaf der blinden Runden.

Nun hast du, Mit-Erwachte,
dein Schwingenkleid gefunden!

.

Mir ist der verfemte Christian Morgenstern fast wie ein Seelenverwandter und ich treffe mich immer wieder in seinen Gedichten, und daran genau mag es liegen, dass diese Morgenstern-Seite in den zwei auflagenstärksten Gedichtanthologien keiner Zeile würdig ist: die Sammelnden haben sich bei ihm nicht angetroffen; ebenso mag es dem Tübinger Germanisten gegangen sein, der, das wird in seinen Zeilen deutlich, diesen Morgenstern wie jene, auf die er in diesem Zusammenhang verweist, nicht sonderlich schätzt. Ich möchte mit diesen Aussagen niemanden diskriminieren. Dazu sind auch viele Zeilen dieses Morgenstern viel zu schlicht und – möchte ich sagen – man muss sie wohl erlebt haben, um sie wertvoll zu finden. Mir war bei mancher Zeile auch in den wenigen Worten sofort klar, was er meint; und manchem von meinen Lesern mag es  auch so gehen.

Ich möchte dieser Morgenstern-Seite einen in den nächsten Wochen folgenden eigenen Beitrag widmen, nur eines noch, das mich bewegt, zum Abschluss dieses Beitrages zitieren; man kann es nur sehr langsam lesen; es entfaltet sich erst mit der Zeit und ist überschrieben Gebet:

Gib mir den Anblick deines Seins, o Welt ..
Den Sinnenschein laß langsam mich durchdringen ..

So wie ein Haus sich nach und nach erhellt,
bis es des Tages Strahlen ganz durchschwingen –
und so wie wenn dies Haus dem Himmelsglanz
noch Dach und Wand zum Opfer könnte bringen –
daß es zuletzt, von goldner Fülle ganz
durchströmt, als wie ein Geisterbauwerk stände,
gleich einer geistdurchleuchteten Monstranz:

So möchte auch die Starrheit meiner Wände
sich lösen, daß dein volles Sein in mein,
mein volles Sein in dein Sein Einlaß fände –
und so sich rein vereinte Sein mit Sein.

.

 

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