„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“. Fausts Dilemma und Platons Gleichnis vom Wesen der Seele als eines geflügelten Gespanns.

2000 lange Jahre liegen zwischen dem Leben dieser beiden Menschen, zwischen Platon und Goethe, und doch sind sie sich so seelenverwandt.

Beide sind immerfort Strebende, beiden sind Natur und Geist, Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften zwei Seiten einer Medaille.

Beide erfassen das Wesen des Menschen bevorzugt in Bildern, beiden wird alles zum Gleichnis, zu finden u.a. in Platons Linien-, Sonnen- und Höhlengleichnis, um nur die drei berühmtesten zu nennen, zu finden desgleichen in Goethes Schlussworten im Faust II:

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Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis
[…]

Immer wieder finden wir auch das Motiv der Flügel im Faust. Eine bezeichnende Stelle sei hier zitiert:

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O glücklich, wer noch hoffen kann,

Aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen!

Was man nicht weiß, das eben brauchte man,

Und was man weiß, kann man nicht brauchen.

Doch lass uns dieser Stunde schönes Gut

Durch solchen Trübsinn nicht verkümmern!

Betrachte, wie in Abendsonneglut

Die grünumgebnen Hütten schimmern.

Sie rückt und weicht, der Tag ist überlebt,

Dort eilt sie hin und fördert neues Leben.

O dass kein Flügel mich vom Boden hebt

Ihr nach und immer nach zu streben!

Ich säh im ewigen Abendstrahl

Die stille Welt zu meinen Füßen,

Entzündet alle Höhn, beruhigt jedes Tal,

Den Silberbach in goldne Ströme fließen.

Nicht hemmte dann den göttergleichen Lauf

Der wilde Berg mit allen seinen Schluchten;

Schon tut das Meer sich mit erwärmten Buchten

Vor den erstaunten Augen auf.

Doch scheint die Göttin endlich wegzusinken;

Allein der neue Trieb erwacht,

Ich eile fort, ihr ew’ges Licht zu trinken,

Vor mir den Tag und hinter mir die Nacht,

Den Himmel über mir und unter mir die Wellen.

Ein schöner Traum, indessen sie entweicht.

Ach! zu des Geistes Flügeln wird so leicht

Kein körperlicher Flügel sich gesellen.

Doch ist es jedem eingeboren

Dass sein Gefühl hinauf und vorwärts dringt,

Wenn über uns, im blauen Raum verloren,

Ihr schmetternd Lied die Lerche singt;

Wenn über schroffen Fichtenhöhen

Der Adler ausgebreitet schwebt,

Und über Flächen, über Seen

Der Kranich nach der Heimat strebt.


Um die Heimat geht es auch Platon in seinem Gleichnis von der Seele als einem geflügelten Gespann im Phaidros. Dort macht er eine interessante Aussage über die Voraussetzung, ein Mensch zu sein:

Nur wer die Wahrheit, das Göttliche geschaut hat, kann Mensch werden.

Aus allem, was wir wissen, ergibt sich diese Aussage schlüssig:

Wer die Wahrheit, das Göttliche, seine Heimat nicht kennt, kann sich nicht erinnern. Der verlorene Sohn im gleichnamigen Gleichnis der Bibel kann nur heimkehren, weil er sich angesichts seines Zustandes, der eher dem von Schweinen als von Menschen gleicht, isst er doch schon bezeichnenderweise mit Schweinen deren Fraß, an seinen Vater erinnert.

Und noch etwas ist wichtig, was sich Pädagogen nicht hinter die Ohren, doch in die Seele schreiben sollten:

Dem Menschen wachsen Flügel, mit deren Hilfe er alleine heimkehren kann in sein früheres Bewusstsein, wenn er das Schöne wahrnimmt, das Gute, das Wahre.

Das sollten Lehrer und Erzieher beherzigen, wenn sie ihre Stoffe auswählen:

Liedriges, Niedriges, Verkommenes lässt Kinderseelen abstürzen; was aber dem Guten, Wahren, Schönen ähnelt, lässt ihre Flügel wachsen.

Das sollten auch Eltern wissen, die Kinder schon mit drei Jahren vor den Video setzen und nicht nachschauen, was ihre Kinder nachts im Fernsehen, den sie in deren Zimmer zugelassen haben, sich zu Gemüte führen, zu Herzen nehmen … es ist oft traurig genug, was die Herzen füllt.

Im Folgenden nun ein Auszug aus der Rede des Sokrates aus Platons Phaidros oder vom Schönen:


Jede Seele ist unsterblich. Denn das immer Bewegte ist unsterblich.

[…] jeder Körper, dem die Bewegung nur von außen kommt, heißt unbeseelt, der aber, dem sie von innen, aus sich selbst zuteil wird, beseelt; denn dies macht die Natur der Seele aus. Steht es nun aber so, dass es nichts anderes gibt, was sich von selbst bewegt, als die Seele, so muss die Seele notwendig unentstanden und unsterblich sein. Von ihrer Unsterblichkeit nun genug.

Von ihrem Wesen aber wäre dies zu sagen. Wie es beschaffen ist – diese Frage würde eine durchaus göttliche und breite Darlegung erfordern; womit es aber zu vergleichen – diese Frage eine menschliche und leichtere. In dieser Weise wollen wir nun davon reden. Die Seele gleiche also der vereinten Kraft eines geflügelten Gespanns und seines Führers. Der Götter Rosse und Führer nun sind alle selbst gut und von gutem Stamme, die Art der andern aber ist verschieden. Bei uns lenkt, fürs Erste, der Führer ein Zweigespann, sodann ist von den Rossen das eine gut und edel und von eben solchem Stamme, das andere aber von entgegengesetzter Art und Abstammung. Schwierig und notwendig mühevoll ist daher bei uns das Lenken. Warum nun fernher ein Lebewesen sterblich und unsterblich heißt (so jedenfalls unterscheiden die Menschen), müssen wir erklären. Alles, was Seele ist, waltet über alles Unbeseelte und umwandelt den ganzen Himmel und zeigt sich verschiedentlich in verschiedenen Gestalten. Wenn die Seele vollkommen und geflügelt ist, schwebt sie in der Höhe und durchwebt das ganze Weltall; wenn sie aber flügellos ist, wird sie umhergetrieben, bis sie auf etwas Festes trifft, wo sie nun wohnhaft wird und einen irdischen Leib annimmt, der durch ihre Kraft sich selbst zu bewegen scheint, und dieses Ganze, aus Seele und Leib gefügt, wird dann ein lebendes Wesen genannt und erhält den Beinamen sterblich. […]

Geschaffen ist die Kraft der Flügel, das Schwere hochzuheben und emporzuführen, dorthin, wo das Geschlecht der Götter wohnt. Unter allem, was zum Leib gehört, haben sie am meisten teil am Göttlichen. Göttlich aber ist das Schöne, Weise, Gute, und alles, was dem ähnlich ist. Hiervon nähren sich und wachsen die Flügel der Seele; doch am Missgestalteten und Schlechten und was jenem sonst entgegen ist, welken sie und fallen ab. Zeus nun, der große Herrscher im Himmel, zieht auf seinem Flügelwagen als der Erste aus, anordnend alles und besorgend, und ihm folgt die Schar der Götter und Dämonen, in elf  Zügen geordnet. Denn Hestia bleibt allein in der Götter Hause zurück. Alle andern aber, die zu der Zahl der zwölf als herrschende Götter geordnet sind, führen ihre Züge in der Ordnung, die jedem angewiesen ist. Es gibt viele herrliche Gesichte und Bahnen innerhalb des Himmels, die der seligen Götter Geschlecht durchwandelt, und jeder tut das Seine. Es folgt ihm aber, wer jeweils will und kann; denn Missgunst ist verbannt aus dem göttlichen Chor. Wenn sie aber zum Feste und zum Mahle gehen, dann fahren sie zu äußerst von unten an der Wölbung des Himmels steil empor: Der Götter Wagen fahren im Gleichgewicht mit wohlgezügeltem Gespann mit Leichtigkeit dahin, die andern aber nur mit Mühe. Denn das Ross vom schlechten Stamme beugt sich vor und drückt mit seiner Last das Gespann zur Erde nieder, wenn der Führer es nicht gut erzogen hat. Und da hat nun die Seele Mühe und den schwersten Kampf.

Den überhimmlischen Raum aber hat noch nie einer von den Dichtern hier besungen, und keiner wird ihn je besingen nach Gebühr. Es verhält sich aber so damit – denn wagen muss ich´s, ihn der Wahrheit folgend zu beschreiben, zumal ich von der Wahrheit rede. Diesen Raum hat das farblose und gestaltlose und unantastbare wahrhaft seiende Wesen inne, das nur für den Führer der Seele, den Geist, zu schauen und auf das die wahre Wissenschaft gerichtet ist. Die göttliche Vernunft, mit Erkenntnis und reinem Wissen genährt, und die Vernunft jeder Seele, die bereit ist aufzunehmen, was ihr gebührt – sie sehen hier von Zeit zu Zeit das wahrhaft Seiende und sind dann froh und nähren sich von der Betrachtung des Wahren […]

Die andern Seelen aber – nur einige, die am Rüstigsten dem Gotte folgen und ihm ähnlich wurden, vermögen das Haupt des Führers in den äußeren Raum hinauszustrecken und werden durch den Umschwung mit herumgeführt. Sie werden aber von den Rossen geängstigt und können nur mit Mühe das Seiende erblicken. Andere erheben sich bisweilen und tauchen wieder unter, so dass sie bei dem Ungestüm der Rosse einiges zwar sehen, andres aber nicht. Die andern streben wohl auch empor und suchen zu folgen, aber sie haben keine Kraft, und so werden sie im unteren Raume mit herumgetrieben und treten aufeinander und drängen sich, und jede sucht der anderen zuvorzukommen. Und da entsteht denn nun Verwirrung, Streit und Drangsal. Da lahmen, wo die Führer ungeschickt sind, die Rosse, und viele brechen ihre Flügel. Und trotz vieler Mühe fahren sie allesamt davon, ohne das Seiende geschaut zu haben, und wenn sie weg sind, zehren sie vom Scheine. […]

Nur die Seele, die nie die Wahrheit geschaut, kann nie in menschliche Gestalt gelangen. Denn der Mensch muss um das Allgemeine wissen, um das Eine, das die Vernunft aus den vielen Wahrnehmungen zusammengefasst. Dies aber ist Erinnerung an das, was einstmals unsere Seele gesehen hat, als sie der Gottheit nachwandelte […] Und wer solcher Erinnerungen mächtig ist, immer geweiht mit den vollkommenen Weihen, der allein empfängt die Weihe der Vollendung. Und da er aus den menschlichen Bestrebungen heraustritt und bei dem Göttlichen verweilt, wird er von der Menge wohl als Narr gescholten; dass er aber vom Geiste der Gottheit ergriffen ist, das merkt die Menge nicht. […]

Hier nun setzt die ganze Rede von der vierten Art des Wahnsinns ein. Sooft ein Mensch beim Anblick eines Schönen hier der wahren Schönheit sich erinnert, wachsen ihm die Flügel, und mit dem wachsenden Gefieder verlangt er aufzufliegen und hat doch nicht die Kraft dazu; er schaut nur einem Vogel gleich nach oben und vergisst, was unten um ihn ist, und gilt für einen, der besessen ist. Von allen Arten der Begeisterung erweiset sich eben diese als die beste und von der besten Abkunft, an dem, der ihrer teilhaft ist, wie auch an dem, der in Gemeinschaft mit ihr tritt. Und wer in diesem Wahnsinn die Schönen liebt, der wird ein Liebender genannt. Denn, wie gesagt, muss jede Seele eines Menschen, ihrer Natur gemäß, das Seiende geschaut haben, sonst wäre sie nicht eingetreten in diese Lebensform. Auf Erden aber sich an jenes zu erinnern, das ist nicht leicht für jede – nicht für jene, die das Jenseitige nur kümmerlich geschaut, noch für jene, die hinabgefallen sind und die ein Missgeschick betroffen hat, so dass sie, irgendwie durch ihren Umgang zum Unrechttun verleitet, das Heilige, das sie geschaut, vergessen haben; wenige nur bleiben übrig, in denen die Erinnerung gegenwärtig ist. Diese aber, wenn sie ein Abbild des Jenseits sehen, geraten außer sich und sind ihrer selbst nicht mächtig; was ihnen aber eigentlich geschieht, wissen sie nicht, weil sie es nicht durchschauen […] Damals aber war die Schönheit leicht zu sehen, als wir im seligen Chore dem Zeus und andere einem andern Gotte folgten und des herrlichsten Anblicks und Schauspiels genossen und die Weihe empfingen, die wir mit Fug die seligste nennen – wir feierten sie damals fehllos selbst und unbetroffen von den Übeln, die unser für die Zukunft warteten, mit fehllosen und lauteren und glückseligen Gesichtern geheiligt und geweiht in reinem Glanze, rein und nicht beschwert von dem, was wir als Leib mit uns herumschleppen und worin wir wie die Austern in die Muscheln eingeschlossen sind. […]

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So genau kommt sich Faust im Faust I vor; er spürt förmlich die beiden Rosse, die in ihm ziehen, wenn er sagt:


Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,

Die eine will sich von der andern trennen;

Die eine hält, in derber Liebeslust,

Sich an die Welt mit klammernden Organen;

Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust

Zu den Gefilden hoher Ahnen.


Diese innere Spaltung aufzuheben, zu überwinden, ist die Aufgabe unseres Menschseins, um als Wagenlenker unseres Gespanns eine göttliche Spur der Liebe auf der Erde zu spuren.

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Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen, und genieße die Saale, die Wiesen, den so vielfältigen Wald und die bemerkenswerten Veränderungen im Jahresverlauf. – Mein Interesse gilt, wie sich in Mythen und der Literatur die Entwicklung des Menschen spiegelt. Ohne den Prometheus in uns kommen wir nun eben mal nicht zu wahrem Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen; doch wenn es gutgeht, laufen wir mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival; dazu ist es notwendig, sich zu erlauben, wie jener den eigenen Karfreitag zu erleben. Ich glaube, dass Philosophen und Dichter früherer Zeiten ein höheres spirituelles Bewusstsein hatten, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante oder Goethe hießen; viel von ihrem Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet (eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte!). - Vor allem Michael Ende schließt an die Tradition der großen Alten an; seine "Unendliche Geschichte" beleuchtet eine mögliche Reise zu sich selbst durch die Heilung der kindlichen Kaiserin in uns. Sie steht stellvertretend dafür, dass in Menschen unserer Zeit ein entsprechendes Bewusstsein erwacht, wenn auch der Hype vom Wassermannzeitalter einer falsch verstandenen Esoterik viel Unheil angerichtet hat. - Viele der großen Dichter, heißen sie Schiller, Hofmannsthal, Rilke oder Trakl wollen auf dem Hintergrund ihrer Zeit und ihres Lebens verstanden sein und können damit Anregungen geben, uns und unsere Zeit zu verstehen. Gerade gilt mein Interesse Hölderlin und viel von mir finde ich in ihm wieder (was nicht heißt, dass ich glaube, ihm nur annähernd das Wasser reichen zu können). Es dauert noch ein bisschen, bis sich der gute Hölderlin in Posts niederschlägt :-)
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