„Du siehst, dass ich ein Sucher bin.“ – Was uns Rilke vermittelt: Wer über Gott spricht, spricht zumeist in Wahrheit über sich!

In den letzten Tagen habe ich mich wieder einmal mit Rilke beschäftigt und mir ist aufgefallen, wie sehr er in der Tat sucht, Gott sucht, und wie unterschiedlich die Blicke sind, die er auf ihn wirft, und die Worte, mit denen er ihn anspricht. Jene in der Überschrift zitierten Worte finden sich übrigens in Rilkes Buch vom mönchischen Leben.
Mit am intensivsten finde ichin diesem Zusammenhang das folgende, ich glaube, 1899 in Berlin geschriebene Gedicht:


Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manches Mal

in langer Nacht mit hartem Klopfen störe, –

so ists, weil ich dich selten atmen höre

und weiß: Du bist allein im Saal.

Und wenn Du etwas brauchst, ist keiner da,

um deinem Tasten einen Trank zu reichen:

ich horche immer. Gib ein kleines Zeichen.

Ich bin ganz nah.

Nur eine schmale Wand ist zwischen uns,

durch Zufall; denn es könnte sein:

ein Rufen deines oder meines Munds –

und sie bricht ein

ganz ohne Lärm und Laut.

Aus deinen Bilder ist sie aufgebaut,

Und deine Bilder stehn vor dir wie Namen.

Und wenn einmal das Licht in mir entbrennt,

mit welchem meine Tiefe dich erkennt,

vergeudet sichs als Licht auf ihrem Rahmen.

Und meine Sinne, welche schnell erlahmen,

sind ohne Heimat und von dir getrennt.

Wenn man Rilkes Gedanken folgt, bemerkt man schnell, wie wenig linear sie sind, wie stellenweise fast widersprüchlich, verwirrend:

Gott allein in einem Saal?

Gott braucht jemanden?

Gott tastet, tastet womöglich umher?

Durch >Zufall< ist eine Wand zwischen dem lyrischen Ich und Gott?

Die Wand besteht aus den Bildern Gottes?

Trotz des erkennenden Lichtes sind die Sinne des lyrischen Ichs – sagen wir ruhig: Rilkes – ohne Heimat und von Gott getrennt?

Schnell bemerkt der Leser, dass alle Aussagen, die Rilke über Gott trifft, im Grunde Aussagen von ihm über sich selbst sind.

Das ist ja ein Kennzeichen menschlichen Suchens und aller Theologie: Die Aussagen, die Menschen über Gott treffen, treffen sie in aller Regel über sich selbst. Am deutlichsten wird das bei Rilke in den Aussagen, dass Gott jemanden brauche.

Nicht Gott braucht jemanden, Rilke braucht Gott. 

Nicht Gott tastet, Rilke tastet und er hätte so gerne einen Trank aus Gottes Hand.

Vor allem aber: Was uns von Gott trennt, sind UNSERE Bilder!

Das wirft einen bezeichnenden Blick auf das Bibelgebot, dass wir uns keine Bilder von Gott machen sollten. Und warum mehr als eine Religion verbietet, Bilder von Gott anzufertigen. Solche Bilder errichten eine Wand.

Zumal Gott nicht unser Nachbar ist.

Gerade in solchen Gedichten empfinde ich Rilke als Suchenden. Als ehrlich Suchenden. Da wohnt Gott schon mal auf derselben Etage wie er.

Indem Rilke nach Gott sucht, sucht er nach sich; indem er nach sich sucht, sucht er nach Gott!

 In seinem Stundenbuch finden wir folgendes Gedicht:

Werkleute sind wir: Knappen, Jünger, Meister,

und bauen Dich, du hohes Mittelschiff.

Und manchmal kommt ein ernster Hergereister,

 geht wie ein Glanz durch unsre hundert Geister

und zeigt uns zitternd einen neuen Griff.

Wir steigen in die wiegenden Gerüste,

in unsern Händen hängt der Hammer schwer,

bis eine Stunde uns die Stirne küsste,

die strahlend und als ob sie Alles wüsste

von dir kommt, wie der Wind vom Meer.

Dann ist ein Hallen von dem vielen Hämmern

und durch die Berge geht es Stoß um Stoß.

Erst wenn es dunkelt lassen wir dich los:

Und deine kommenden Konturen dämmern.

Gott, du bist groß

Insbesondere diese letzte Zeile finde ich umwerfend. Sie ist so spürbar wahr und ehrlich.

Das rührt auch daher, dass sie sich aus den Bildern der vorhergehenden Strophen ergibt.

Wir alle bauen an dem Tempel der Menschheitsseele in dem Maße, wie wir zugleich an unserem eigenen inneren Tempel bauen. Auch Berge sind Kathedralen, vor allem ihr Inneres; und wir wissen aus Märchen und Mythen und der Literatur – ich denke beispielsweise an Novalis´ Blaue Blume, die Heinrich im Bergesinneren findet, dass eben dieses Bergesinnere dem Inneren von uns selbst entspricht, zu dem wir nur Zutritt finden sollten, wenn wir auf redliche Weise das Passwort erhalten, ansonsten uns großes Unheil droht, wie wir aus dem Grimm-Märchen Simeliberg und aus Ali Baba und die 40 Räuber wissen.

 Gott ist groß. Ja, das weiß Rilke. Und er weiß, dass wir vieler Leben bedürfen, um uns dieser Größe würdig zu erweisen.

 Gewiss wurde Rilke die Gnade zuteil, viel reisen und seiner Kunst leben zu dürfen; dennoch dürfen wir nicht übersehen, wie sehr auch seine Verse, oft so mit leichter Hand hingeschrieben scheinend, einem inneren Kampf und einem inneren Prozess, einer inneren Blutbildung entstammen. Deutlich wird das auf dem Hintergrund eines Auszuges aus den Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge:

… Verse sind nicht, wie die Leute meinen, Gefühle (die hat man früh genug) –, es sind Erfahrungen. Um eines Verses willen muss man viele Städte sehen, Menschen und Dinge, man muss die Tiere kennen,  man muss fühlen, wie die Vögel fliegen, und die Gebärden wissen, mit welcher die kleinen Blumen sich auftun am Morgen. Man muss zurückdenken können an Wege in unbekannten Gegenden, an unerwartete Begegnungen und Abschiede, die man lange kommen sah –, an Kindheitstage, die noch unaufgeklärt sind, an die Eltern, die man kränken musste, wenn sie einem eine Freude brachten und man begriff sie nicht (es war eine Freude für einen andern), an Kinderkrankheiten, die so seltsam anheben mit so vielen tiefen und schweren Verwandlungen, am Tage in stillen, verhaltenen Stuben und an Morgen am Meer, an das Meer überhaupt, an Meere, an Reisenächte, die hoch dahinrauschten und mit allen Sternen flogen, – und es ist noch nicht genug, wenn man an alles das denken darf. Man muss Erinnerungen haben an viele Liebesnächte, von denen keine der andern glich, an Schreie von Kreißenden und an leichte, weiße, schlafende Wöchnerinnen, die sich schließen. Aber auch bei Sterbenden muss man gewesen sein, muss bei Toten gesessen haben in der Stube mit dem offenen Fenster und den stoßweisen Geräuschen. Und es genügt auch noch nicht, dass man Erinnerungen hat. Man muss sie vergessen können, wenn es viele sind, und man muss die große Geduld haben, zu warten, dass sie wiederkommen. Denn die Erinnerungen selbst sind es noch nicht. Erst wenn sie Blut werden in uns, Blick und Gebärde, namenlos und nicht mehr zu unterscheiden von uns selbst, erst dann kann es geschehen, dass in einer sehr seltenen Stunde das erste Wort eines Verses aufsteht in ihrer Mitte und aus ihnen ausgeht.

Auf diesem Hintergrund verstehen wir jene überaus ehrlichen Verse, die wir auch im Stundenbuch finden:

 Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,

die sich über die Dinge ziehn.

Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,

aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,

und ich kreise jahrtausendelang;

und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm

oder ein großer Gesang.

Wir wissen dann auch zu schätzen und was es bedeutet, wenn so jemand sagt:

Gott, du bist groß!

.
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9 Antworten zu „Du siehst, dass ich ein Sucher bin.“ – Was uns Rilke vermittelt: Wer über Gott spricht, spricht zumeist in Wahrheit über sich!

  1. Bärbel schreibt:

    Als stille Leserin dieser Seite möchte ich Ihnen ganz herzlich danken, für all die bemerkenswerten Zeilen, die ich hier regelmäßig lesen darf.

    Liebe Grüße und einen guten Start ins neue Jahr

    Bärbel

  2. Liebe Bärbel,
    das sind aber liebe Worte, die mich berühren. Vielen Dank.
    Ich wünsche Ihnen ganz viele glückliche Ereignisse 2012.
    Auch von mir ganz liebe Grüße,
    Johannes

  3. Muriel schreibt:

    In der Tat habe ich vor einer Weile mal gelesen, dass Leute auf die Frage, was ihr Gott wohl von einer Sache hält, dieselben Gehirnareale nutzen, wie man direkt sie selbst fragt.
    Bittet man sie hingegen um die Einschätzung einer (realen) anderen Person, werden andere Areale aktiv.
    Irgendwann muss ich die Studie mal raussuchen und überprüfen, ob ich das richtig verstanden und im Gedächtnis behalten habe.

  4. Hallo Muriel,
    auf keinen Fall vergessen, Johannes die Studie zuzuschicken oder zu schreiben, wo er sie findet !!

    Das finde ich ja mal spannend, was Du schreibst. Vielen Dank.

    Übrigens: Auf Deinem Blog habe ich gelesen, dass Du Atheist bist; dann must Du aber das -el aus Deinem Namen nehmen, das bedeutet nämlich Gott, wie bei Gabri-el, Micha-el, Muri-el.
    Spaß bei Seite: Dir ein erfolgreiches 2012; ich drück Dir gerade für den beruflichen Bereich ganz ganz fest die Daumen!!
    Johannes

    • Muriel schreibt:

      Ach…. Du bist ja wahrscheinlich auch kein Müller und behältst trotzdem deinen Namen.
      Aber falls es dich tröstet: Mein Klarname ist Fabian, also religiös völlig unbelastet.
      Und nach der Studie suche ich jetzt gleich mal. Ist leider eine Weil eher, dass ich davon gehört habe, aber kann ja trotzdem klappen.

    • Muriel schreibt:

      Ich glaube, das hier müsste es gewesen sein, an das ich dachte. Passt zumindest inhaltlich einigermaßen.

  5. Wow, vielen Dank, Fabian!

  6. Gefrorene Zeit schreibt:

    Hallo Johannes,

    vielen Dank für Deine Interpretation, die ich zum gut nachvollziehen kann, auch wenn ich manches dennoch etwas anders auffasse. Das finde ich sehr schön, so machst Du mir meine eigene Interpretation etwas bewusster und bringst mich zum Nachdenken.

    Ein mit seinem Herzen aus einem echten Bedürfnis heraus Gottsuchender kann durch diese Suche, durch diese Hinwendung tatsächlich Gott näher sein, benachbart sein, als jemand der aus Gewohnheit, weil man es halt so macht, in die Kirche geht. Diese Kirchgänger füllen aber nicht die Leere im Saal Gottes und auch nicht die Leere in ihren Herzen, die Leere nur mit dem Mund und nicht mit dem Herzen zu beten und zu glauben.

    Der sich nach Gottsehnende kann diese Leere in den Kirchen durchaus bemerken und beklagen und dabei erkennen, dass auch Gott Menschen, Glaubende braucht. Ohne Glaubende wäre auch Gott in der Tat sehr einsam in seinem Haus, in seinem Saal.

    Die Bilder, die durch Zufall zwischen dem Suchenden und Gott stehen, sind meiner Meinung nach die Bilder der Kirchen, die Regeln der Glaubensorganisation, die Gewohnheiten der Gläubigen. Durch seine Geburt landet ein sich nach Gott Sehnender in einer der zahlreichen christlichen Kirchen, ein anderer in einer ganz anderen Glaubensgemeinschaft. Es gibt viele Religionen, wenige mit nur einem Gott, viele mit vielen Göttern, die alle die Heilversprechende Wahrheit für sich in Anspruch nehmen.

    Wer aber mit dem Herzen sucht, wird vermutlich . wahrscheinlich? – irgendwann diese Wand einreißen, die ihn von Gott trennt, diese von Menschen gemachte Wand der Religion und zur Spiritualität gelangen, die allen Religionen gemeinsam ist.

    Natürlich ist diese Interpretation auch anthropozentrisch, wenn Du so willst. Aber welche Interpretation ist davon schon ganz frei?

    LG, Christian.

  7. Hallo Christian,
    danke für Deinen ehrlichen Kommentar.
    Ja, darum geht es auch, dass wir auf ehrliche – uns selbst gegenüber ehrliche Weise Gott suchen. Jeder sucht ja auf einem, seinem eigenen Weg. Letztendlich ist keiner gleich, aber manche Etappen, manche Stationen, manche Stufen sind vergleichbar: Im Bauch des Wals hockt wahrscheinlich jeder mal, wie Jonas; in der Löwengrube muss sich jeder bewähren, wie Daniel.
    Ich glaube, dass es gut ist, wenn wir von unseren Erfahrungen berichten und darüber schreiben oder erzählen. Wenn auch unsere Erlebnisse anders aussehen; manches, was der andere erlebt, hilft weiter.
    Liebe Grüße,
    Johannes

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