„Wie Liebe tiefe Kunde gibt“ – Über Hugo von Hofmannsthals „Weltgeheimnis“.



Hugo von Hofmannsthal (1874-1929)
 
 
WELTGEHEIMNIS

Der tiefe Brunnen weiß es wohl,
Einst waren alle tief und stumm,
Und alle wussten drum.

Wie Zauberworte, nachgelallt
Und nicht begriffen in den Grund,
So geht es jetzt von Mund zu Mund.

Der tiefe Brunnen weiß es wohl,
In den gebückt, begriffs ein Mann,
Begriff es und verlor es dann.

Und redet´ irr und sang ein Lied –
Auf dessen dunklen Spiegel bückt
Sich einst ein Kind und wird entrückt.

Und wächst und weiß nichts von sich selbst
Und wird ein Weib, das einer liebt
Und – wunderbar wie Liebe gibt!

Wie Liebe tiefe Kunde gibt! –
Da wird an Dinge, dumpf geahnt,
In ihren Küssen tief gemahnt …

In unsern Worten liegt es drin,
So tritt des Bettlers Fuß den Kies,
Der eines Edelsteins Verließ.

Der tiefe Brunnen weiß es wohl,
Einst aber wussten alle drum,
Nun zuckt im Kreis ein Traum herum.

.
Es gab eine Zeit, weit vor Atlantis, weit vor Lemurien, da gab es – um ein Wort Rilkes zu verwenden – einen göttlichen Weltinnenraum des Miteinander, wir nennen es auch Paradies; damals gab es keine materiellen Worte, weil es keine Buchstaben gab; es gab nur den Geist, den wir heute manchmal vergeblich in Worten suchen, ein Thema, das Goethes Faust ja leitmotivartig durchzieht.
Und es gab keinen Gedanken daran, Worte verbergen zu wollen, denn im Weltinnenraum war jeder Gedanke im Augenblick des Denkens für alle da.
… nein. es gab auch nicht den geringsten Grund, nur einen einzigen Gedanken zu verbergen …
Auch Gott und Menschen waren nicht getrennt. Weshalb auch? Alles war in eins gefaltet, einfältig in jenem Sinn, wie wir ihn auch in Matthias Claudius´ Abendlied finden, in die EINS gefaltet, in Gott.
Dann geschah etwas, nach dessen Warum wir bisher vergeblich suchen, vielleicht, weil es keine Antwort darauf gibt: die Idee der Zwei war geboren – und damit der Zweifel.
Zwei-fel ist das Zwei-Gefaltete; von der etymologischen Ableitung her bedeutet Zweifel das Ungewisse.
Auf einmal war sie da, diese Trennlinie durch den göttlichen Weltinnenraum und deutlich wird das in der Bibel an der Stelle, an der im 1. Buch Mose die Schlange zu Eva spricht. Worte spricht.

Und nun geschieht etwas, was auch in der Beziehung zwischen Gott und seinen Kindern neu ist: Gott muss, um Adam und Eva, seine Kinder, zu erreichen, in Worten sprechen. Er ruft zum ersten Mal:
Adam, wo bist du?
Natürlich weiß Gott, wo Adam ist, aber er möchte, dass Adam durch sein Rufen die neue Beziehungsqualität wahrnimmt, den Abstand, der plötzlich da ist, und er möchte, dass Adam sich der Tragweite seines Tuns bewusst wird …

Ab diesem Zeitpunkt jedenfalls beginnt das Versteckspiel der Menschen vor Gott; viele nennen es Leben.

Davon wissen wir alle, darauf macht Hofmannsthal aufmerksam. Alle Seelen – und Adam und Eva stehen ja nur beispielhaft für Dich und Mich – wissen tief in ihrem Inneren, ihrem innersten Brunnengrund, von diesem Geschehen und dass wir alle einst tief und stumm waren.

Stumm, das ist hier nicht negativ; es war nicht notwendig wie heute, zu lallen.
Rainer Maria Rilke war einer derjenigen, der um dieses tiefinnere Sein wusste, schließlich ist ja auch er der Schöpfer dieses magischen Wortes Weltinnenraum.
In Die Liebende schreibt er nicht von ungefähr:
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… jene Zeiten: O wie war ich Eines,
nichts was rief und nichts was mich verriet;
meine Stille war wie eines Steines,
über den der Bach sein Murmeln zieht.
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Hier ist es nicht der Mensch, eher ist es hier der Bach – nicht von ungefähr personifiziert -, der Laute von sich gibt, murmelt!

Göttliche Worte schaffen Ordnungen der Liebe.
Gottes Worte im biblischen Schöpfungsbericht holen etwas, was bisher wüst und leer war, so heißt es in der Bibel – und das hebräische Wort dafür ist Tohuwabohu – in eine neue Ordung.
Sie trennen nicht, sie sind kein Kennzeichen der Trennung zwischen mir und dir. In der menschlichen Sprache müssen Worte eine Kluft überwinden.
In der göttlichen Sprache sind sie eine Offenbarung.
Sie schaffen Bewusstsein.
Aus dem Chaos, dem Tohuwabohu, entsteht, wenn Gott spricht, der Kosmos, und das griechische Wort kosmos bedeutet Ordnung, Schmuck.
Solange Gott spricht, ist diese Einheit, diese Eine, nicht aufgehoben.
Eher ist es, wie gesagt, so, dass durch Gottes Wort das Bewusstsein der Schöpfung in die Welt tritt.

Gottes Worte schaffen immer eine Ordnung.
Die Worte der Schlange schaffen Unordnung.

Das wissen wir!
Der tiefe Brunnen weiß es wohl … Er ist ja das Tiefunterste unserer Seele, der berühmte Urgrund der Romantiker – wie viel sie wussten!

Die innere Bewegung des Gedichtes ist nun selbst wie ein Lallen von Zauberworten, die ganze Bewegung ist darauf ausgerichtet, dass hier jemand sucht, auf eine Weise sucht, die so nicht erfolgreich sein kann.
Da ist von dem Mann die Rede … begriffs … begriff es und verlor es … redet irr … singt ein Lied …
Weiß der Mann denn, was er sucht?

Das Kind ist erfolgreicher … es findet zur Liebe, und hier ist – zum ersten Mal wieder von Tiefe die Rede, von ´tiefer Kunde`, nicht so tief, dass es ein Wissen  um den Brunnen geben könnte, um das Weltgeheimnis, aber immerhin ein dumpfes Ahnen.

Es gibt eine Stelle in der deutschen Literatur, die Hoffnung macht, die dem Herzen eines Mannes entsprang, der um diesen Brunnen wusste; sein Werk ist aus dessen Tiefe geschöpft, auch die Gestalt seines für viele Leser so liebenswerten Kindes, Momo.

Im gleichnamigen Werk erinnert sich die junge Heldin an ihren Aufenthalt im Nirgend-Haus von Meister Hora:
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Sie brauchte nur die Augen zu schließen, um die nie zuvor geschaute Farbenpracht der Blüten wieder vor sich zu sehen. Und die Stimmen von Sonne, Mond und Sternen klangen ihr noch immer im Ohr, so deutlich sogar, dass sie die Melodien mitsummen konnte.
Und während sich das tat, formten sich Worte in ihr, Worte, die wirklich den Duft der Blüten und deren nie gesehene Farben ausdrückten! Die Stimmen in Momos Erinnerung waren es, die diese Worte sprachen – doch mit dieser Erinnerung war etwas Wunderbares geschehen! Momo fand in ihr nun nicht mehr nur das, was sie gesehen und gehört hatte, sondern mehr und immer noch mehr. Wie aus einem unerschöpflichen Zauberbrunnen stiegen tausend Bilder von Stunden-Blumen auf. Und bei jeder Blume erklangen neue Worte. Momo brauchte nur aufmerksam in sich hineinzulauschen, um diese nachsprechen, ja sogar mitsingen zu können. Von geheimnisvollen und wunderbaren Dingen war da die Rede, aber indem Momo die Worte nachsprach, konnte sie deren Bedeutung verstehen. Das also hatte Meister Hora gemeint, als er gesagt hatte, die Worte müssten erst in ihr wachsen!

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Ist es nicht seltsam, dass es auch hier um Worte geht, um einen Brunnen, um Verstehen, um einen Raum, einen Weltinnenraum, in den eben auch Sonne, Mond und Sterne inbegriffen sind …
Was Michael Ende hier schreibt, ist mehr als ein herumzuckender Traum. Es weist uns auch darauf hin, dass dieser Weltinnenraum in Wahrheit nie verloren ging, dass es ihn immer gab und dass es ihn auch heute gibt. Kinder und Menschen, die mit der Weisheit des Herzens beseelt sind oder auf dem Wege dahin sind, diese zurückzugewinnen, haben in diesem Weltinnenraum freie Fahrt.
Momo ist hier nicht von  ungefähr, als sie all das erlebt, darauf macht sie Meister Hora aufmerksam, in ihrem Herzen.
Im Inneren unseres Herzens da ist unser Weltinnenraum.
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Ich glaube, Hugo von Hofmannsthal hätten die Worte Michael Endes gefreut. Sie  mögen uns Mut machen und Anlass geben zu glauben, dass mehr und mehr Menschen sich dem Geheimnis der Welt, dem Geheimnis ihres Brunnens nähern.
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Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen. Mein Interesse gilt den Mythen und der Literatur, spiegelt sich doch in ihnen die Entwicklung des Menschen: Ohne den Prometheus in uns kommen wir nicht zu einem selbständigen Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen, eher vielleicht ein Bewusstseinsakt als ein Verbrechen, stehen beide doch für eine Weise menschlicher Entwicklung. Manche unter uns mögen mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival unterwegs sein. Philosophen und Dichter früherer Zeiten hatten ein sehr hohes spirituelles Bewusstsein, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante, Goethe, Schiller oder Hölderlin hießen; in neuerer Zeit gilt das u.a. für Nietzsche, Trakl, Hofmannsthal, Rilke und Michael Ende. Viel von deren Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet, sicherlich eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte. Die Auseinandersetzung und Beschäftigung mit den Gedanken der oben Angesprochenen kann uns bereichern und Verschüttetes ins Bewusstsein rufen. Manches kann unseren Lebensweg wesentlich beeinflussen.
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