Hochjagd auf Automobile: Im Magischen Theater des Steppenwolfs.

Ein Jammer, dass Hermann Hesse in seinem Roman Steppenwolf seinen Protagonisten Harry Haller mit Hilfe eines weißen Pülverchens, sprich Kokain, Zugang zum Magischen Theater finden lässt, jenem runden, hufeisenförmigen Korridor eines Theaters, dessen beide Bögen viele, viele Türen enthalten, hinter denen der Steppenwolf jeweils Zugang zu den Facetten seiner Seele finden kann, und, wie beispielsweise im folgenden Beispiel, Schatten von sich wahrnehmen kann, jene Persönlichkeitsanteile, die untrennbar mit uns verbunden sind und die z.B. in Afrika von Eingeborenen respektiert werden, indem dort darauf geachtet wird, dass man auf keinen Schatten tritt. Meistens sehen andere den eigenen Schatten besser als man selbst (weil man ihn in der Regel ohnehin nicht gern wahrnimmt).

Ein typischer Schatten ist z.B., wenn jemand, der ein Pazifist oder einer Partei angehört, die Militäraktionen abhold ist, über die Münchener Wiesn oder den Cannstatter Wasen schlendert und auf einmal Lust bekommt, an einem Schießstand 20 Schuss zu kaufen und loszuballern.

Aber – das darf ja nicht sein, das macht man nicht, schon gar nicht als Friedensbewegter … Wenn da nur nicht die unbändige Lust wäre zu schießen.

Man muss das Gewehr nicht gleich als Phallus-Symbol sehen … die Lust auf Schießen bleibt allemal … verdammter Schatten … was ist das bloß in einem, was da will, was nicht sein darf … also weiter zum Kettenkarussell :-).

Schatten zu leugnen, die wahrgenommen sein wollen und an die Oberfläche drängen: Das führt fast zwangsläufig in eine Krankheit.

Hermann Hesse hatte gewiss selbst Zugang zu Drogen, inwieweit er sie – und wie oft und wie viel – benutzt hat, darüber streiten Experten.

Was nur jammerschade ist: Dieses Magische Theater existiert im Grunde in jedem von uns und man braucht keine Drogen, um Zugang zu ihm zu finden; es ist eine Sache des Bewusstseins, der seelischen Achtsamkeit.

Schade ist, was Hermann Hesse da unterlaufen ist, deshalb, weil dieser Roman natürlich keine Chance hat, Sternchenthema in der Oberstufe der Gymnasien zu werden, da – bisher jedenfalls – die zuständigen Oberschulamtsmenschen offensichtlich die Lehrer nicht in der Lage sehen, den Drogengebrauch als das darzustellen, was er ist, als einen, im Nachhinein dümmlichen und höchst unnötigen Missgriff unseres Nobelpreisträgers – nur allemal ist es so: dass Hermann Hesse das getan hat, ist kein Zufall, also eigentlich nicht dümmlich, also eigentlich auch nicht unnötig, sondern eine jener Türen, die auch Hermann Hesse eigen sind und von denen Harry Haller einige öffnen wird.

Begleiten wir Harry Haller, alias den Steppenwolf aus gegebenem Anlass nun zu seiner ersten Tür:

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[…]

Auch Pablo war verschwunden, auch der Spiegel schien verschwunden und mit ihm alle die zahllosen Harryfiguren. Ich spürte, dass ich jetzt mir selber und dem Theater überlassen sei und trat neugierig von Tür zu Tür, und an jeder las ich eine Inschrift, eine Lockung, ein Versprechen.

Die Inschrift

Auf zum fröhlichen Jagen!

Hochjagd auf Automobile

lockte mich an, ich öffnete die schmale Türe und trat ein.

Da riss es mich in eine laute und aufgeregte Welt. Auf den Straßen jagten Automobile, zum Teil gepanzerte, und machten Jagd auf die Fußgänger, überfuhren sie zu Brei, drückten sie an den Mauern der Häuser zuschanden. Ich begriff sofort: es war der Kampf zwischen Menschen und Maschinen, lang vorbereitet, lang erwartet, lang gefürchtet, nun endlich zum Ausbruch gekommen.

Überall lagen Tote und Zerfetzte herum, überall auch zerschmissene, verbogene, halbverbrannte Automobile, über dem wüsten Durcheinander kreisten Flugzeuge, und auch auf sie wurde von vielen Dächern und Fenstern aus mit Büchsen und mit Maschinengewehren geschossen. Wilde, prachtvoll aufreizende Plakate an allen Wänden forderten in Riesenbuchstaben, die wie Fackeln brannten, die Nation auf, endlich sich einzusetzen für die Menschen gegen die Maschinen, endlich die fetten, schön gekleideten, duftenden Reichen, die mit Hilfe der Maschinen das Fett aus den andern pressten, samt ihren großen, hustenden, böse knurrenden, teuflisch schnurrenden Automobilen totzuschlagen, endlich die Fabriken anzuzünden und die geschändete Erde ein wenig auszuräumen und zu entvölkern, damit wieder Gras wachsen, wieder aus der verstaubten Zementwelt etwas wie Wald, Wiese, Heide, Bach und Moor werden könne.

Andre Plakate hingegen, wunderbar gemalt, prachtvoll stilisiert, in zarteren, weniger kindlichen Farben, außerordentlich klug und geistvoll abgefasst, warnten im Gegenteil alle Besitzenden und alle Besonnenen beweglich vor dem drohenden Chaos der Anarchie, schilderten wahrhaft ergreifend den Segen der Ordnung, der Arbeit, des Besitzes, der Kultur, des Rechtes und priesen die Maschinen als höchste und letzte Erfindung der Menschen, mit deren Hilfe sie zu Göttern werden würden.

Nachdenklich und bewundernd las ich die Plakate, die roten und die grünen, fabelhaft wirkte auf mich ihre flammende Beredsamkeit, ihre zwingende Logik, recht hatten sie, und tief überzeugt stand ich bald vor dem einen, bald vor dem andern, immerhin merklich gestört durch die ziemlich saftige Schießerei ringsum. Nun, die Hauptsache war klar: es war Krieg, ein heftiger, rassiger und höchst sympathischer Krieg, worin es sich nicht um Kaiser, Republik, Landesgrenzen, um Fahnen und Farben und dergleichen mehr dekorative und theatralische Sachen handelte, um Lumpereien im Grunde, sondern wo ein jeder, dem die Luft zu eng wurde und dem das Leben nicht recht mehr mundete, seinem Verdruss schlagenden Ausdruck verlieh und die allgemeine Zerstörung der blechernen zivilisierten Welt anzubahnen strebte.

Ich sah, wie allen die Zerstörungs- und Mordlust so hell und aufrichtig aus den Augen lachte, und in mir selbst blühten diese roten wilden Blumen hoch und feist und lachten nicht minder. Freudig schloss ich mich dem Kampfe an.

Das Schönste von allem aber war, dass neben mir plötzlich mein Schulkamerad Gustav auftauchte, der seit Jahrzehnten mir Verschollene, einst der wildeste, kräftigste und lebensdurstigste von den Freunden meiner frühen Kindheit. Mir lachte das Herz, als ich seine hellblauen Augen mir wieder zuzwinkern sah. Er winkte mir, und ich folgte ihm sofort mit Freuden.

»Herrgott, Gustav«, rief ich glücklich, »dass man dich einmal wiedersieht! Was ist denn aus dir geworden?«

Ärgerlich lachte er auf, ganz wie in der Knabenzeit. »Rindvieh, muss denn gleich wieder gefragt und geschwatzt werden? Professor der Theologie bin ich geworden, so. Nun weißt du es, aber jetzt findet zum Glück keine Theologie mehr statt, Junge, sondern Krieg. Na komm!«

Von einem kleinen Kraftwagen, der uns eben schnaubend entgegenkam, schoss er den Führer herunter, sprang flink wie ein Affe auf den Wagen, brachte ihn zum Stehen und ließ mich aufsteigen, dann fuhren wir schnell wie der Teufel zwischen Flintenkugeln und gestürzten Wagen hindurch, davon, zur Stadt und Vorstadt hinaus.

»Stehst du auf Seiten der Fabrikanten?«, fragte ich meinen Freund.

»Ach was, das ist Geschmacksache, wir werden uns das dann draußen überlegen. Aber nein, warte mal, ich bin mehr dafür, dass wir die andere Partei wählen, wenn es auch im Grunde natürlich ganz egal ist. Ich bin Theolog, und mein Vorfahr Luther hat seinerzeit den Fürsten und Reichen gegen die Bauern geholfen, das wollen wir jetzt ein bisschen korrigieren. Schlechter Wagen, hoffentlich hält er’s noch ein paar Kilometer aus!«

Schnell wie der Wind, das himmlische Kind, knatterten wir davon, in eine grüne ruhige Landschaft hinein, viele Meilen weit, durch eine große Ebene und dann langsam steigend in ein gewaltiges Gebirg hinein. Hier machten wir halt auf einer glatten, gleißenden Straße, die führte zwischen steiler Felswand und niedriger Schutzmauer in kühnen Kurven hoch, hoch über einem blauen leuchtenden See dahin.

»Schöne Gegend«, sagte ich.

»Sehr hübsch. Wir können sie Achsenstraße heißen, es sollen hier diverse Achsen zum Krachen kommen, Harrychen, Pass mal auf!«

Eine große Pinie stand am Weg, und oben in der Pinie sahen wir aus Brettern etwas wie eine Hütte gebaut, einen Auslug und Hochstand. Hell lachte Gustav mich an, aus den blauen Augen listig zwinkernd, und eilig stiegen wir beide aus unsrem Wagen und kletterten am Stamm empor, verbargen uns tief atmend im Auslug, der uns sehr gefiel. Wir fanden dort Flinten, Pistolen, Kisten mit Patronen. Und kaum hatten wir uns ein wenig gekühlt und im Jagdstand eingerichtet, da klang schon von der nächsten Kurve her heiser und herrschgierig die Hupe eines großen Luxuswagens, der fuhr schnurrend mit hoher Geschwindigkeit auf der blanken Bergstraße daher. Wir hatten schon die Flinten in der Hand. Es war wunderbar spannend.

»Auf den Chauffeur zielen!«, befahl Gustav schnell, eben rannte der schwere Wagen unter uns vorbei. Und schon zielte ich und drückte los, dem Lenker in die blaue Mütze. Der Mann sank zusammen, der Wagen sauste weiter, stieß gegen die Wand, prallte zurück, stieß schwer und wütend wie eine große dicke Hummel gegen die niedere Mauer, überschlug sich und krachte mit einem kurzen leisen Knall über die Mauer in die Tiefe hinunter.

»Erledigt!«, lachte Gustav. »Den Nächsten nehme ich.«

Schon kam wieder ein Wagen gerannt, klein saßen die drei oder vier Insassen in den Polstern, vom Kopf einer Frau wehte ein Stück Schleier starr und waagrecht hinterher, ein hellblauer Schleier, es tat mir eigentlich leid um ihn, wer weiß, ob nicht das schönste Frauengesicht unter ihm lachte. Herrgott, wenn wir schon Räuber spielten, so wäre es vielleicht richtiger und hübscher gewesen, dem Beispiel großer Vorbilder folgend, unsre brave Mordlust nicht auf hübsche Damen mit auszudehnen. Gustav hatte aber schon geschossen. Der Chauffeur zuckte, sank in sich zusammen, der Wagen sprang am senkrechten Fels in die Höhe, fiel zurück und klatschte, die Räder nach oben, auf die Straße. Wir warteten, nichts regte sich, lautlos lagen, wie in einer Falle gefangen, die Menschen unter ihrem Wagen. Der schnurrte und rasselte noch und drehte die Räder drollig in der Luft, aber plötzlich tat er einen schrecklichen Knall und stand in hellen Flammen.

»Ein Fordwagen«, sagte Gustav. »Wir müssen hinunter und die Straße wieder frei machen.«

Wir stiegen hinab und sahen uns den brennenden Haufen an. Er war sehr rasch ausgebrannt, wir hatten inzwischen aus jungem Holz Hebebäume gemacht und lupften ihn beiseite und über den Straßenrand in den Abgrund, dass es lang in den Gebüschen knackste. Zwei von den Toten waren beim Drehen des Wagens herausgefallen und lagen da, die Kleider zum Teil verbrannt. Einer hatte den Rock noch ziemlich wohlerhalten, ich untersuchte seine Taschen, ob wir fänden, wer er gewesen sei. Eine Ledermappe kam zum Vorschein, darin waren Visitenkarten. Ich nahm eine und las darauf die Worte: »Tat twam asi.«.


>Tat twam asi< bedeutet übersetzt: Das bin ich!

Harry Haller wird noch weitere Seiten von sich kennenlernen, in jenem Sinn, wie er es in dem Tractat vom Steppenwolf, jenem Büchlein, das ihm auf seltsame Weise zu Beginn in die Hände gefallen war, gelesen hatte:

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Es ist ein, wie es scheint, eingeborenes und völlig zwanghaft wirkendes Bedürfnis aller Menschen, dass jeder sein Ich als eine Einheit sich vorstelle […] In Wirklichkeit aber ist kein Ich, auch nicht das naivste, eine Einheit, sondern eine höchst vielfältige Welt, ein kleiner Sternenhimmel, ein Chaos von Formen, von Stufen und Zuständen, von Erbschaften und Möglichkeiten […]

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Ganz gewiss, Hermann Hesse, nur gewiss kein kleiner Sternenhimmel, sondern der Sternenhimmel, wie er existiert, ganz im Sinne des auch von Dir so hoch geschätzten Goethe, den Du ja nicht von ungefähr an bedeutsamer Stelle auch im Steppenwolf auftreten lässt.

Goethe jedenfalls sagt: Im Innern ist ein Universum auch!

Wenn wir sie entdecken: Galaxien von Realitäten, von inneren Wirklichkeiten, die sich immer wieder auch im Äußeren, in unserer materiellen Lebensrealität zeigen …

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Über Johannes G. Klinkmüller

Ich lebe und arbeite am Fuße der Rhön, in Bad Kissingen, und genieße die Saale, die Wiesen, den so vielfältigen Wald und die bemerkenswerten Veränderungen im Jahresverlauf. – Mein Interesse gilt, wie sich in Mythen und der Literatur die Entwicklung des Menschen spiegelt. Ohne den Prometheus in uns kommen wir nun eben mal nicht zu wahrem Bewusstsein und möglich, ja wahrscheinlich ist, dass wir als Kain Abel erschlugen; doch wenn es gutgeht, laufen wir mittlerweile auf dem Gralsweg des Parzival; dazu ist es notwendig, sich zu erlauben, wie jener den eigenen Karfreitag zu erleben. Ich glaube, dass Philosophen und Dichter früherer Zeiten ein höheres spirituelles Bewusstsein hatten, ob sie Platon, Wolfram von Eschenbach, Dante oder Goethe hießen; viel von ihrem Bewusstsein hat die Hochkonjunktur des Rationalen und des Materialismus verschüttet (eine für die Entwicklung des Menschen notwendige Phase, die nun allerdings vorübergehen sollte!). - Vor allem Michael Ende schließt an die Tradition der großen Alten an; seine "Unendliche Geschichte" beleuchtet eine mögliche Reise zu sich selbst durch die Heilung der kindlichen Kaiserin in uns. Sie steht stellvertretend dafür, dass in Menschen unserer Zeit ein entsprechendes Bewusstsein erwacht, wenn auch der Hype vom Wassermannzeitalter einer falsch verstandenen Esoterik viel Unheil angerichtet hat. - Viele der großen Dichter, heißen sie Schiller, Hofmannsthal, Rilke oder Trakl wollen auf dem Hintergrund ihrer Zeit und ihres Lebens verstanden sein und können damit Anregungen geben, uns und unsere Zeit zu verstehen. Gerade gilt mein Interesse Hölderlin und viel von mir finde ich in ihm wieder (was nicht heißt, dass ich glaube, ihm nur annähernd das Wasser reichen zu können). Es dauert noch ein bisschen, bis sich der gute Hölderlin in Posts niederschlägt :-)
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