Zu viele Menschen leben 2019 wie seelenlos! Gegenüber 1933 hat sich so viel nicht geändert. Gertud Kolmar schrieb darüber schonungslos:„ Die hier umhergehn, sind nur Leiber / Und haben keine Seele mehr”

Wie sehr können die Blicke von Menschen getrübt sein, wenn ihre Augen nicht sehen wollen, was nicht sein kann, weil es nicht sein darf. Auch aktuell ist es nicht anders, zu sehen u.a. in der Gesellschaft Amerikas, die zu Teilen einen Narzissten als Präsidenten akzeptiert, ja wählt, der Menschlichkeit öffentlich mit Füßen tritt, zu sehen auch in England, wo ein großer, nie erwachsen gewordener, verlogener Bub ein Land führt, obwohl offensichtlich ist, dass er nur sich selbst liebt, in Syrien, wo vor den Augen der Weltöffentlichkeit seit Jahren Russland, Amerika und andere Nationen ein Volk vollends pulverisieren, in Griechenland, wo bekanntermaßen zum Himmel schreiende Zustände in den Flüchtlinslagern herrschen. – Auch 1933 war es nicht anders. und wir brauchen über einen Herrn C. D. Fraser, der für eine große Gruppe englischer Zeitungen das Konzentrationslager Sonnenburg besichtigen durfte, nicht die Nase zu rümpfen. Er wusste, dass dort Sozialdemokraten, Kommunisten und überhaupt Gegner der Regierung Hitlers interniert waren und weil er es nicht anders wollte, glaubte er die Mär von 1200 „Schutz”-Häftlingen und schrieb (und ich zitiere nach R. Nörtemanns Buch Sand in den Schuhen Kommender. Gertrud Kolmars Werk im Dialog):

In dem großen Hof befanden sich bei meiner Anwesenheit einige hundert Leute, einige davon marschierten mit Gesang, während ein anderer Teil sich mit Spielen unterhielt. Alle waren sie ganz bei der Sache, die sie sehr zu lieben schienen. „Wie ist ihr Name?” fragte ich einen […]. – „von Ossietzky.” Der Kommandannt erklärte mir, dieser Mann war früher der Herausgeber der „Weltbühne”. „Ich bin kein Kommunist”, erklärte mir der Gefangene. „Ich bin Sozialdemokrat und habe meine Meinung nicht geändert.” Viele der anderen Gefangenen jedoch gaben zu, daß ihre frühere kommunistische Idee vollkommen falsch war und dass, wenn sie jetzt frei kommen, sie sich nicht mehr mit Politik befassen werden.

Das Einzige, was Frazer zu bemängeln hatte, war, dass nicht jeder Gefangene Arbeit fand. Weil manche unter den Augen der Wächter ganz offen zugaben, dass sie früher Kommunisten gewesen seien, war das für ihn der beste Beweis, „Dass alles Gerede von Terror in den Konzentrationslagern leeres Gerede ist.”

Scheinbar funktioniert heute Berichterstattung besser, aber offen angesprochen wird nach wie vor nicht, wie es sein kann, dass es auf unserer Erde so vielen Menschen so liederlich geht und warum einige wenige diesen üblen Lauf der Welt zu bestimmen vermögen. Die Menschheit kuscht nach wie vor der „Wahrheit“ einiger weniger.

Die hier umhergehn, sind nur Leiber

Wenige Tage zuvor war Gertrud Kolmars Cousin Georg Benjamin, deutscher Kinderarzt und später in Mauthausen liquidiert, der bereits seit April 1933 wegen illegaler Tätgkeit für die Kommunistische Partei Deutschlands in „Schutzhaft” genommen und in die Strafanstalt Plötzensee verbracht worden war, in das KZ Sonnenburg überführt worden, als sie am 17. September 1933 den oben auszugsweise zitierten Bericht Frasers, der auch im Berliner Tagblatt stand, las. Daraufhin schrieb sie ihr im fünfhebigen Jambus – ungewöhnlich die Reimfolge abaab – verfasstes Gedicht „Im Lager”, und gab damit zu erkennen, dass, wer wissen wollte, wissen konnte, was abläuft und wie es den Menschen geht; man braucht, wie auch heute, eigentlich nur hinzuschauen und kommt zu dem Schluss:

Die hier umhergehn, sind nur Leiber
Und haben keine Seele mehr,
Sind Namen nur im Buch der Schreiber,
Gefangne: Männer. Knaben. Weiber.
Und ihre Augen starren leer (schwer)

Mit bröckelndem, fallnem Schauen
Auf Stunden, da in düstrem Loch
Gewürgt, zertrampelt, blindgehauen
Ihr Qualgeächz, ihr Wahnsinnsgrauen,
Ein Tier, auf Händ und Füßen kroch . . .

Sie tragen Ohren noch und hören
Doch nimmermehr den eignen Schrei.
Die Kerker drücken ein, zerstören:
Kein Herz, kein Herz mehr zum Empören!
Der feine Wecker schrillt entzwei.

Sie mühn sich blöde, grau, entartet,
Von buntem Menschensein getrennt,
Stehn, abgestempelt und zerschartet,
Wie Schlachtvieh auf den Metzger wartet
Und dumpf noch Trog und Hürde kennt.

Nur Angst, nur Schauder in den Mienen,
Wenn nachts ein Schuß das Opfer greift . . .
Und keinem ist der Mann erschienen,
Der schweigend mitten unter ihnen
Ein kahles Kreuz zur Richtstatt schleift. –

Zeilen wie die der zweiten und vierten Strophe findet man in der deutschen Lyrik in ihrer Art und Weise, sprachlich auf die Realität zuzugreifen, selten; da finden sich bisher nie geschriebene Worte wie Qualgeächz (II,4) oder zerschartert (III,4), in der dritten Zeile der zweiten Strophe eine Partizip-Perfekt-Klimax – alles ist so perfekt  und schon geschehen -, mithin eine Steigerung unsäglicher Geschehnisse (Gewürgt, zertrampelt, blindgehaueneinfach bitte vorstellen!), die unmenschlicher kaum sein kann. Und Ohren, die nicht mehr hören, Körper ohne Seelen, die Doppellung von kein Herz und Menschen, die wie Schlachtvieh auf den Metzger warten – das ist kaum in seiner bildhaften Gewalt überbietbar.

Das Üble ist nur, wenn man die Realität unserer Tage anschaut: die Mehrheit der Menschen hat nichts dazugelernt; die offensichtliche Wirklichkeit wird weiterhin nicht ernst genommen; allein die Berichte aus den Lagern von Syrien und Griechenland sind eigentlich unerträglich.

Es gibt aber Gott sei Dank ein paar mehr, die sich wehren, allen voran diese Tapferen – vor allem sind es junge Menschen – in Hongkong, die bereit sind, sich zusammenschlagen zu lassen und zum Dank von den sattgefressenen und selbstgefälligen Politikern dieser Welt nicht unterstützt werden – von den Kirchen ganz zu schweigen, die mit ihrem Vermögen, ihren Hunderten von Milliarden Euro/Dollar, beschäftigt sind, die sie den Flüchtlingen und Armen dieser Welt vorenthalten, um die Gebote ihres Goldenen Kalbes zu erfüllen.

In den letzten Zeilen spielt Gertrud Kolmar auf Jesus an und diese bitteren Zeilen sind wohl ziemlich sicher zurückzuführen auf die Kollaboration der Kirchen mit den Nationalsozialisten – wobei es mutige Ausnahmen unter Priestern und Pfarrern gab, so wie es heute noch Menschen gibt (Angela Merkel, die maximal mal das Gesicht verzieht, nutzt ihre Möglichkeiten nicht im geringsten), die sich gegen die Trumps, Johnsons, Xi Jinpings und Putins dieser Welt stemmen.

 

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5 Antworten zu Zu viele Menschen leben 2019 wie seelenlos! Gegenüber 1933 hat sich so viel nicht geändert. Gertud Kolmar schrieb darüber schonungslos:„ Die hier umhergehn, sind nur Leiber / Und haben keine Seele mehr”

  1. Gisela Seidel schreibt:

    Lieber Johannes,
    danke für Ihren Beitrag. Ich bin erfreut, wieder von Ihnen lesen zu dürfen.
    Ich habe versucht, mehr Gedichte von Gertrud Kolmar im Internet zu finden, aber das erwies sich als schwierig.
    Die Dichterin besitzt, dem damaligen Zeitgeist entsprechend, über eine gewisse Dunkelheit. Wenn alle Hoffnung gestorben ist, wird die Seele dunkel. Aufgrund der Erlebnisse Gertrud Kolmars scheint es so, als hätte sie die geschriebenen Verse hinaus in die herzlose Welt schreien wollen.
    Genauso wenig scheint die heutige Menschheit die Schreie der Gefangenen in den fernen Lagern zu hören. Sie scheint nicht sehen zu wollen, wie die hungernden Kinder elendig sterben und das seit Jahrzehnten. Spenden sind wie Tropfen auf den heißen Stein. Sie verdunsten, ohne dort anzukommen.
    Haben diese Menschen, die in den Lagern unbeschreibliches Leid erdulden mussten und müssen, jemals Glück empfunden? Alles, was sie besaßen, mussten sie hingeben, dem Schicksal mussten sie sich beugen. Aber was ist ein Glück wert, das man stehlen kann? Was ein Besitz? Eine Freiheit?
    Hiob zweifelt auch, aber er hat eine tief in ihm verwurzelte Vorstellung von Gott in sich, die er zu seiner Wahrheit gemacht hat und die ihm niemand mehr stehlen kann.
    Auch nach der schwärzesten Dunkelheit endet alles im Licht.

    Herzliche Grüße
    Gisela

    • Von einem Gottvertrauen habe ich bisher wenig bei Gertrud Kolmar gelesen. Typisch ist eher eine Strophe aus dem Gedicht „Die Fahrende“:
      Nackte, kämpfende Arme pflüg‘ ich durch tiefe Seen, / In mein leuchtendes Auge zieh‘ ich den Himmel ein. / Irgendwann wird es Zeit, still am Weiser zu stehen, / Schmalen Vorrat zu sichten, zögernd heimzugehen, / Nichts als Sand in den Schuhen Kommender zu sein.“

      Bezeichnend, dass sie von schmalem Vorrat spricht, in dem Bewusstsein, dass sie auf ihrer Lebensreise wenig Ballast behindern möge. Immerhin aber spricht sie davon, in ihr leuchtendes Auge den Himmel einzuziehen. Der Blick nach oben ist ihr also durchaus eigen.
      Mich freut Ihr Interesse an dieser bemerkenswerten Frau!
      Liebe Grüße!

      PS Ich werde die hier verlinkten Gedichte – https://bit.ly/2OM6Prz – zwar bei Gelegenheit wahrscheinlich auch auf ´Methusalem´ veröffentlichen, aber vielleicht wollen Sie schon mal ein wenig darin lesen. Sie zeigen die ganze Größe dieser Frau, ihre literarische und ihre persönliche und wie sehr sie sich auch in ihrem Schreiben zunehmend weiterentwickelt hat, denn die Gedichte gehören zum Teil zu ihrem letzten Zyklus, den sie auf Deutsch geschrieben hat. Nach einem tragischen LIebeserleben stellte sie – wenn ich es recht in Erinnerung habe – mit dem Dezember 1937 und dem Ende des Zyklus „Welten“ ihr Schreiben in Deutsch ein, fünfeinhalb Jahre vor ihrem Tod.

  2. Hallo Frau Seidel,

    noch ein Nachtrag, denn mir ist gerade eine Stelle über den Weg gelaufen aus dem letzten Zyklus „Welten“ (fertiggeschrieben Dezember 1937) aus dem Gedicht „Das Opfer“: Eine Frau wird zur Opferstelle geführt und die letzten Zeilen lauten:

    Sie zaudert nicht. Kein Beben zwingt ihre Glieder; sie blickt
    nicht um,
    Kennt weder Glück noch Unglück.
    Sie füllte sich ganz mit brennender Finsternis, mit dumpf
    erglänzender Demut, die dem Gebote des Scheusals
    dienen, dem goldenen Götzen sterben will. –

    Doch in ihrem Herzen ist Gott.
    Auf ihrem ernsten und schönen Antlitz haftet sein Siegel.
    Das aber weiß sie nicht.

    Die Gottesstelle finde ich wunderschön geschrieben – die Summierung dieser Art von Vokabular ist mir bei der Autorin noch nie begegnet -, und auch wenn man die Frau im Gedicht nicht einfach mit Gertrud Kolmar gleichsetzen sollte und darf, so spricht doch die Stelle in ihrer Klarheit für sich.
    Das wollte ich doch noch anmerken. Vielleicht finde ich ja mit der Zeit noch mehr solcher Stellen.

    • Gisela Seidel schreibt:

      Lieber Johannes,
      wenn ich diese Zeilen von Gertrud Kolmar lese, kommen mir jedes Mal die Tränen:

      Doch in ihrem Herzen ist Gott.
      Auf ihrem ernsten und schönen Antlitz haftet sein Siegel.
      Das aber weiß sie nicht.

      Doch ein klein wenig Wahrheit durfte Gertrud Kolmar erahnen, als sie um den ‚glänzenden Edelstein‘ wusste, der ihr Dasein, trotz/wegen aller Leiden und Qualen hervorgebracht hatte.
      Sie schrieb an ihre Peiniger:

      Ich arme, schwimme
      In einer tiefen, beruhigten Pracht,
      Demütige Stimme
      Unter dem Vogelgefieder der Nacht.

      Komm denn und töte!
      Mag ich nur ekles Geziefer dir sein:
      Ich bin die Kröte
      Und trage den Edelstein…

      Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!

      Herzliche Grüße und danke für die ‚Gedankenvielfalt‘
      Gisela

      • Ja, ich halte diese Frau für einen leider vergessenen Edelstein, deshalb widme ich ihr auch einige Posts; ich liebe ihre so tiefen und ehrlichen Worte. Sie sehen das, glaube ich, auch so; das freut mich. Vielen Dank für Ihren Beitrag. Er enthält ja wieder so bezeichnende wahre und aufschlussreiche Zeilen von ihr.

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