„Was war ich? Kleines Weiberwesen, Unrast und Beschwerde, / Das Zündholz, das sich einer strich.“ – Verse einer großen Unbekannten.

Bittere Worte einer zutiefst verletzten Frau, Gertrud Kolmar, die – kaum mehr als zwanzig Jahre alt – einen Offizier kennenlernte, den sie unendlich liebte und ein Kind von ihm unter dem Herzen trug, das sie auf Druck der Eltern abtreiben lassen musste, ein Trauma, das sie ihr Leben lang nicht überwand. Jener Name, von dem im folgenden Gedicht die Rede ist, war wohl der Name ihres nie geborenen Kindes; sie wusste ihn wohl schon; doch nicht von ungefähr blieben die Vögel fern.

Das Leben dieser für mich großen Dichterin endete in Ausschwitz 1943, und sie gehörte zu jenem Transport, von dem ein Gutteil fast unmittelbar nach der Ankunft vergast wurde.

Wie groß ihre Liebe zu besagtem Offizier war, aber auch, wie sie – die, für mich nicht nachvollziehbar, sehr unbekannt geblieben ist, geboren wurde sie 1894 in Berlin – , so leidenschaftlich lieben und schreiben konnte, wird in Du offensichtlich, ein Gedicht, das wohl ihrem nie geborenen und deutlich am Ende der vorletzten Strophe angesprochen Kind gilt:

.

Du. Ich will dich in den Wassern wecken!
Du. Ich will dich aus den Sternen schweißen!
Du. Ich will dich von dem Irdnen lecken,
Eine Hündin! Dich aus Früchten beißen,
Eine Wilde! Du. Ich will so vieles –
Liebes. Liebstes. Kannst du dich nicht spenden?
Nicht am Ende des Levkojenstieles
Deine weiße Blüte zu mir wenden?

Sieh, ich ging so oft auf harten Wegen,
Auf verpflastert harten, bösen Straßen;
Ich verdarb, verblich an Glut und Regen,
Schluchzend, stammelnd: >>. . . über alle Maßen . . .<<
Und die Pauke und das Blasrohr lärmten,
Und ich kam mit einer goldnen Kette,
Tanzte unter Lichtern, die mich wärmten,
Schönen Lichtern auf der Schädelstätte.

Und ich möchte wohl in Gärten sitzen,
Auch den Wein wohl trinken aus der Kelter,
Doch die Lider klafften, trübe Ritzen,
Und ich ward in Augenblicken älter.
Und auf meinen Leichnam hingekrochen
Ist die Schnecke träger Arbeitstage,
Zog den Schleimpfad dünner grauer Wochen,
Schlaffer Freude und geringer Plage.

In den Wäldern bin ich umgetrieben.
Ich verriet den Vögeln deinen Namen,
Doch die Vögel sind mir ferngeblieben;
Wenn ich weinte, zirpte keiner: Amen.
Und die Scheckenkühe an den Rainen
Grasten fort mit seltnem Häupterheben.
Da entfloh ich wieder zu den Steinen,
Die mir dieses Kind, mein Kind nicht geben.

Einmal muß ich noch im Finstren kauern
Und das Göttliche zu mir versammeln,
Es beschwören durch getünchte Mauern,
Seinem Ausgang meine Tür verrammeln,
Bis zum bunten Morgen mit ihm ringen.
Ach, es wird den Segen nimmer sprechen,
Nur mit seinem Schlag der erznen Schwingen
Diese flehnde Stirn in Stücke brechen…

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Wie sehr das im Schlussvers der vorletzten Strophe erwähnte Kind sie mitnimmt und nie loslassen wird, wird noch in einigen anderen Gedichten deutlich, u.a. in Wahn:

 

Die Nacht steht draußen und die Wiege leer.
Und die sie schaukelt, eine bleiche Frau,
Trägt Strähnenhaare, schwarz und zäh wie Teer.
Vor ihrem Herzen ballt sich Grau zu Grau:

Der Tisch, das Bett, der Schrank und was da ist,
Der Tag, der Wald, die Liebe, was da war,
Das raschelt leicht und trocken wie Genist
Entflognen Spötters vom vergangnen Jahr.

Der Wiegebogen taumelt her und hin;
Sie klammert ihn mit nacktem Fuß und haucht
Ein Schlummerlied, das müde, ohne Sinn
Und ohne Hall in Schattenwasser taucht.

Sie hegt ein Kindlein, das vielleicht schon starb,
Und nickt dem Kindlein, das sie nie gebar;
So lieblich war es, weiß und nelkenfarb,
Mit Silbergrannen dicht im Roggenhaar.

Es hat mit soviel Freundlichkeit und Licht
Ihr einsam armes Leben ganz verwirrt;
Sie schaut es immer an und sieht es nicht
Und zittert, wenn der barsche Frost erklirrt,

Am Fenster rüttelt, wenn der Wächter bellt,
Den gelben Mond ein fernes Käuzchen höhnt,
Beschwichtigt murmelnd ihre kleine Welt
Und rührt die Klapper an, die beinern tönt…

Die Nacht steht drinnen und die Wiege leer.
Und die sie hütet, eine irre Frau,
Löst Seidenhaare, wallend wie das Meer
Und duftend, dunkel hyazinthenblau.

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4 Antworten zu „Was war ich? Kleines Weiberwesen, Unrast und Beschwerde, / Das Zündholz, das sich einer strich.“ – Verse einer großen Unbekannten.

  1. Gisela Seidel schreibt:

    Hallo Johannes,
    Gertrud Kolmar war mir bisher nicht bekannt. In diese beiden Gedichte legte sie ihren ganzen Seelenschmerz. Da heißt es: „Da entfloh ich wieder zu den Steinen, Die mir dieses Kind, mein Kind nicht geben.“ Wen hat sie damit gemeint? Ihre herzlosen Eltern oder die herzlose Gesellschaft?
    Für jede Frau ist es schlimm, ein Kind abzutreiben. Aber sie hat den Vater des Kindes geliebt. Wie schwer mag das erst sein?
    Das Gedicht rührt mich an. Beim Betrachten ihrer weiteren Lebensgeschichte fallen mir jedoch die Worte ein: Gott gibt, indem er nimmt. Wie sehr hätte sie erst gelitten, wenn sie ihr Kind mit ins Gas hätte nehmen müssen.
    Das alles ist unvorstellbar und grausam. Der Erdboden ist gepflastert mit solchen Schicksalen.

    Herzliche Grüße
    Gisela

  2. Hallo Gisela,
    wenn ich allein in die Schicksale von Autoren, über die ich ab und zu schreibe, hineinblicke, kommt mir das Grausen. Spontan fallen mir Trakl mit seinem Suizid nach diesem schrecklichen Erlebnis um die Schlacht von Grodek ein, Ingeborg Bachmann mit ihrem womöglich suizidalen Erstickungstod im Bett, Horvath (vom Baum erschlagen, obwohl er absichtlich zu Fuß ging, weil ihm für den Tag Schlimmes vorausgesagt worden war …) und wenn man den Autopsie-Bericht über Schiller liest, ahnt man, was der Mann gelitten haben muss … so gibt es viele. Vom Kopf her glaube ich zu wissen, warum es Leid – auch dieser Dimensionen – gibt, aber ab und an habe ich doch eine Phase, wo mir das alles zu viel wird.

    Gertrud Kolmar schreibt ja weiter oben: „Sieh, ich ging so oft auf harten Wegen, / Auf verpflastert harten, bösen Straßen“. Die Pflastersteine, die sie anspricht, beziehen sich sicherlich auf ihr problematisches Elternhaus; sie selbst sagt: Es stand „kein wolkenlos blauer Himmel über meiner Kindheit und Jugend.“ Auch ihre zweite große Liebe war ein Debakel, ebenfalls der Umzug 1939 in ein sogenanntes Judenhaus . . . Ich habe gelesen, dass jemand schrieb, dass man sie nie lächelnd gesehen habe. Es ist, als ob sie um ihren Tod gewusst habe und typisch für sie ist eine Strophe wie die erste aus „Wappen von Altenburg“: „Ich geh´ durch Erde, die schon nicht mehr ist; / Denn meine Erde ist nur Teil von mir, / Wie ich mit Schaufel, Haupt und Widerrist / Ein blödes, grauses, ungeschlachtes Tier.“
    Es gibt ein Gedicht von ihr, wo sie sich, die Jüdin, als Kröte sieht und am Schluss ihren Mörder herausfordert. – Es ist so beeindruckend, viellicht bespreche es mal hier.

    Ich werde sicher noch das ein oder andere Gedicht von ihr veröffentlichen, vielleicht auch besprechen. Ihre Gedichte sind so groß, elementar und von einer Bildwucht, wie man sie nur selten findet. Etwas in mir verehrt diese Frau sehr und ich möchte einen kleinen Beitrag leisten, dass der ein oder andere von ihr weiß.

    Dass Sie sie nicht kennen, wundert nicht. In der bekannten Gedichtanthologie von echtermeyer/von wiese (die es zumeist an den Gymnasien gibt) kommt sie nicht mit einem einzigen Gedicht vor. Wenn man sieht, wer da alles mit Gedichten vertreten ist, versteht man die Welt nicht mehr. Ich hoffe nicht, dass es damit zusammenhängt, dass Herr Professor von Wiese eine sehr braune Vergangenheit hatte und für mich etwas sehr obskur ist, wie er sich reingewaschen haben muss und wieder zu beruflichen Ehren kam.

    Schön jedenfalls, wenn Sie Gertrud Kolmar auch ein ehrendes Angedenken widmen könnten.
    Liebe Grüße!

  3. brigwords schreibt:

    danke vielmals für diesen Beitrag Johannes! Ich bin grad aufgewühlt, muss mich jetzt aber sammeln und gehen. Komm dann später drauf zurück
    Brig

  4. Ich hoffe, Du kannst gut gehen und hast ein schönes Wochenende!
    Lass es Dir gutgehen!
    Johannes

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