Großes Rätsel Tor, Zauber Spiegel Tor, Ohne Schlüssel Tor und die Stimme der Stille: die Prüfungen Atréjus in der „Unendlichen Geschichte“ sind auch unsere Prüfungen. Die Hilfen: Das Reich der Poesie, der Phantasie!

Als Atréju zu den drei Toren gelangt, durch die er kommen muss, um zum Südlichen Orakel zu gelangen, wo er auf entscheidende Hilfe für die kindliche Kaiserin hofft, die es zu retten gilt, damit diese nicht sterben muss und sich das Nichts nicht weiter unaufhaltsam ausbreitet, hat er schon einiges erlebt. Er hatte rasch Abschied nehmen müssen von zu Hause, um dem Auftrag Caírons nachzukommen, er war zum Tiefen Abgrund gelangt, war auf den Entsetzlichsten der Schrecken getroffen, auf Ygramul, und es war ihm gelungen, selbst zu überleben, den Glücksdrachen Fuchur zu befreien und durch seine Hilfe zu dem Gnomenpärchen Urgl und Engywuck zu gelangen, die unweit der drei Tore wohnen, durch die er selbst gelangen muss. Urgl hatte Atréju, der von Ygramul gebissen worden war, heilen können, ebenso Fuchur, und Engywuck hatte Atréju erste Hinweise zu den Toren geben.

Zu diesem Zeitpunkt ist nicht einmal ein Drittel der Unendlichen Geschichte vorbei und was der Leser nur ahnt, ist, dass ein Wesen hinter Atréju her ist, das sich als der Werwolf Gmork herausstellen wird, der Atréju noch großen Kummer bereiten soll.  Atréju wird im Gelichterland das Wesen der Lügen erkennen und erleben müssen, wie sich Wesen ins NICHTS stürzen und in unserer Realität zu Lügen werden, er wird eine erschütternde Information von den Windriesen erhalten, dass nämlich Phantasien grenzenlos ist, wo Atréju doch über Phantásien hinaus muss, um einen Menschen zu finden, der der kindlichen Kaiserin einen neuen Namen geben kann. Das Furchtbarste aber wird bald darauf kommen: Er wird den Glanz, das Amulett der kindlichen Kaiserin verlieren und deshalb dem Werwolf Gmork fast hoffnungslos ausgeliefert sein.

Auf diesem Hintergrund scheinen die drei Prüfungen fast belanglos.

Doch weit gefehlt. Wie wir aus dem Herrn der Ringe wissen, machen Prüfungen stark. Was dort für Frodo gilt, gilt hier für Atréju; ihm wird sozusagen eine Drachenhaut gegeben, die er braucht, um alle zukünftigen Gefahren zu überleben, zu bestehen. Vergessen wir allerdings nicht: Atréju ist kein vorchristlicher Held mehr, ein Held also, der verletzlich bleibt. Helden der Christus-Zeit können unverletzlich bleiben, Sieger sein.

Das wird schon am Großen Rätsel Tor deutlich. Dieses Tor ist immer offen, doch es befinden sich rechts und links zwei Sphinxen; mit ihren Augen sehen sie nichts, dafür senden diese Augen alle Rätsel der Welt aus.  Dennoch können sie einen, der durchkommen will, so anblicken, dass jener erstarrt und sich nicht wieder rühren kann, ehe er nicht alle Rätsel der Welt gelöst hat.

Wie aber soll das in diesem Zustand möglich sein?

Kein Wunder lesen wir:

Vor dem Tor und zwischen den beiden Pfeilern sah Atreju nun unzählige Totenschädel und Gerippe liegen – die Knochenreste der verschiedenartigsten Bewohner Phantásiens, die versucht hatten das Tor zu durchschreiten und durch den Blick der Sphinxen für immer erstarrt waren.

Aber nicht das war es, was Atreju dazu veranlasste, stehen zu bleiben. Was ihn innehalten ließ, das war der Anblick der Sphinxen.

Atréju hatte manches erfahren auf seiner Großen Suche, er hatte Herrliches und Entsetzliches gesehen, aber was er bis zu dieser Stunde noch nicht gewusst hatte, war, dass es beides in einem gibt, dass Schönheit schrecklich sein kann.

Das Mondlicht überflutete die beiden gewaltigen Wesen und während er langsam auf sie zuging, schienen sie ins Unendliche zu wachsen. Ihm war, als ob sie mit den Häuptern bis zum Mond emporreichten und der Ausdruck, mit welchem sie einander anblickten, schien sich mit jedem Schritt, den er näher kam, zu wandeln. Durch die hoch aufgerichteten Leiber, vor allem aber durch die menschenähnlichen Gesichter liefen und zuckten Ströme einer furchtbaren, unbekannten Kraft – so, als wären sie nicht einfach da, wie Marmorstein eben vorhanden ist, sondern so, als wären sie jeden Augenblick im Begriff zu verschwinden und würden gleichzeitig aus sich selbst heraus neu erschaffen. Und es war, als seien sie gerade deshalb viel wirklicher als jeder Fels.

Atréju empfand Furcht.

Es war nicht so sehr die Furcht vor der Gefahr, die ihm drohte, es war eine Furcht, die über ihn selbst hinausging. Er dachte kaum daran, dass er – falls der Blick der Sphinxen ihn treffen würde – für immer festgebannt und erstarrt stehen bleiben müsste. Nein, es war die Furcht vor dem Unbegreiflichen, vor dem über alle Maßen Großartigen, vor der Wirklichkeit des Übermächtigen, die seine Schritte immer schwerer machte, bis er sich fühlte, als sei er aus kaltem, grauem Blei.

Dennoch ging er weiter.

Er blickte nicht mehr empor. Er hielt den Kopf gesenkt und ging sehr langsam, Fuß vor Fuß, auf das Felsentor zu. Und immer gewaltiger wurde die Last der Furcht, die ihn zu Boden drücken wollte. Doch er ging weiter. Er wusste nicht, ob die Sphinxen ihre Augen geschlossen hatten oder nicht. Er hatte keine Zeit zu verlieren. Er müsste es darauf ankommen lassen, ob er Zutritt erhalten wünie oder ob dies das Ende seiner Großen Suche war.

Und gerade in dem Augenblick, als er glaubte, alle Kraft seines Willens reiche nicht mehr aus, um ihn auch nur noch einen einzigen Schritt vorwärts zu tragen, hörte er den Widerhall dieses Schrittes im Inneren des Felsenbogens. Und zugleich fiel alle Furcht von ihm ab, so völlig und ohne Rest, dass er fühlte, er würde von nun an nie wieder Furcht empfinden, was auch geschehen mochte.

.Von Engywuck hatte Atréju zuvor erfahren, dass seltsamerweise gerade die Anständigen und Vernünftigen zumeist nicht durchkommen, die also, die meinen, den Rätseln der Welt auf der Spur zu sein, die sich für ehrenwert halten und von anderen so gesehen werden, sondern eher die Ahnungslosen, die Schwachköpfe, ja, Engywuck spricht sogar von niederträchtigen Halunken.

Interessant, dass es in der Bibel heißt, dass, wer sich selbst erhöhe, erniedrigt werde.

Jedenfalls: Die Selbstüberhöher kommen nicht durch. Nicht einmal durch das erste Tor.

Atréju gelangt hindurch und wir ahnen, dass er nicht zu denen gehört, die sich selbst überschätzen, dass er kein großes Ego hat, keiner falschen Einbildung anheim gefallen ist.

Ja, er hat das Wesen wahrer Furcht kennengelernt. Weil er weiterging, als er die Furcht vor dem Unbeschreibbaren kennenlernte, hat er diese Prüfung bestanden.

Er weiß nun, welche Furcht wirklicher Furcht wert ist. Jede andere Furcht aber hat für ihn ihre Schrecken verlorenl

In der Tat lesen wir in der Folge in der Unendlichen Geschichte immer wieder, dass Atréju keine Furcht in  Situationen hatte, die ihm begegneten; Furcht, dieses Gefühl kennt er ab sofort nicht mehr.

Man muss also gewisse Voraussetzungen mitbringen, um durch dieses Tor kommen zu können und man darf nicht stehenbleiben, sondern weitergehen, seine Furcht überwinden, weil es eine andere Furcht ist, als die, die man beim Anblick der Sphinxen empfand; dort empfand er etwas, was wir als Ehr-Furcht bezeichnen.

Das erste Tor erweist sich als notwendiges Sieb, es werden nämlich die ausgemustert, die im Hinblick auf das zweite nicht die Spur einer Chance hätten, denn hier geschieht viel Umfassenderes, Gewaltigeres: Hier verliert man, hier verliert Atréju seine Identität, seinen Namen.

Muss man beim Großen Rätsel Tor seine Furcht loslassen, so beim zweiten noch viel mehr; und davor darf man sich nicht fürchten; und ein großes Ego darf man schon gar nicht haben. Köstlich übrigens, wie Michael Ende den Gnom Engywuck ein Beispiel für ein ziemlich großes Ego sein lässt … beim Lesen muss man schmunzeln, wie ehrenkäsig der Kleine ist.

Dieser hatte  Atréju bereits vorab über das zweite Tor, das Zauber Spiegel Tor, auf das sich unser Held nun zubewegte, aufgeklärt:.

Dieses zweite Tor ist sowohl offen als auch geschlossen. Hört sich verrückt an, wie? Vielleicht sagt man besser, es ist weder geschlossen noch offen. Obwohl es dadurch nicht weniger verrückt wird. Kurzum: Es handelt sich dabei um einen großen Spiegel oder so was, obwohl die Sache weder aus Glas noch aus Metall besteht. Woraus, hat mir nie jemand sagen können. Jedenfalls, wenn man davor steht, dann sieht man sich selbst – aber eben nicht wie in einem gewöhnlichen Spiegel, versteht sich. Man sieht nicht sein Äußeres, sondern man sieht sein wahres inneres Wesen, so wie es in Wirklichkeit beschaffen ist. Wer da durch will, der muss – um es mal so auszudrücken – in sich selbst hineingehen.«

»Jedenfalls«, meinte Atreju, »scheint mir dieses Zauber Spiegel Tor leichter zu durchschreiten als das erste.«

»Irrtum!«, rief Engywuck und begann wieder aufgeregt hin und her zu laufen. »Ganz gewaltiger Irrtum, mein Freund! Habe erlebt, dass gerade solche Besucher, die sich für besonders untadelig hielten, schreiend vor dem Ungeheuer geflohen sind, das ihnen in dem Spiegel entgegengrinste. Manche mussten wir sogar wochenlang kurieren, ehe sie überhaupt wieder in der Lage waren, die Heimreise anzutreten.«

.Nun ist es soweit, Atréju bewegt sich auf das zweite Tor zu:

.Vor ihm, nur etwa zwanzig Schritte entfernt, stand nun dort, wo zuvor nur die endlose leere Ebene zu sehen gewesen war, das Zauber Spiegel Tor. Es war groß und rund wie eine zweite Mondscheibe (denn die richtige schwebte noch immer hoch droben am Himmel) und glänzte wie blankes Silber. Es war schwer zu glauben, dass man gerade durch diese metallene Fläche sollte hindurchgehen können, doch Atréju zögerte keinen Augenblick.

Er rechnete damit, dass ihm, wie Engywuck es beschrieben hatte, irgendein Entsetzen erregendes Bild seiner selbst in diesem Spiegel entgegentreten würde, doch das erschien ihm nun – da er alle Furcht zurückgelassen hatte – kaum noch der Beachtung wert. Indessen, statt eines Schreckbildes sah er etwas, worauf er ganz und gar nicht gefasst gewesen war und das er auch nicht begreifen konnte. Er sah einen dicken Jungen mit blassem Gesicht – etwa ebenso alt wie er selbst – der mit untergeschlagenen Beinen auf einem Mattenlager saß und in einem Buch las. Er war in graue, zerrissene Decken gewickelt. Die Augen dieses Jungen waren groß und sahen sehr traurig aus. Hinter ihm waren einige reglose Tiere im Dämmerlicht auszumachen, ein Adler, eine Eule und ein Fuchs, und noch weiter entfernt schimmerte etwas, das wie ein weißes Gerippe aussah. Genau war es nicht zu erkennen..

Bastian fuhr zusammen, als er begriff, was er da eben gelesen hatte. Das war ja er! Die Beschreibung stimmte in allen Einzelheiten. Das Buch begann in seinen Händen zu zittern. Jetzt ging die Sache entschieden zu weit! Es war doch überhaupt nicht möglich, dass in einem gedruckten Buch etwas stehen konnte, was nur in diesem Augenblick und nur für ihn zutraf. Jeder andere würde an dieser Stelle dasselbe lesen. Es konnte gar nichts anderes sein als ein verrückter Zufall. Obgleich es ohne Zweifel ein höchst merkwürdiger Zufall war.

.Wer die Unendliche Geschichte noch nicht gelesen hat, bedarf hier der Information, dass es in ihr zwei Erzähl-Ebenen, farblich abgestuft, gibt: In der einen, unserer realen Welt, lebt ein Junge, Bastian Bux, Halbwaise, dicklich, sich selbst nicht gerade als schön empfindend, der ein Buch geklaut hat, das die Unendliche Geschichte enthält. Diese liest er, versteckt auf dem Dachboden seiner Schule, zunehmend faszinierter. Immer wieder aber switcht Michael Ende zischen der Bastian-Realität und der der Unendlichen Geschichte hin und her, in der Atréju die Hauptrolle spielt, im Grunde aber die Kindliche Kaiserin im Mittelpunkt steht. Und immer wieder  trägt es sich zu, dass Bastian erkennen muss, dass sich seine Realität und die Atréjus verschränken. – Wir sind noch in der Bastian-Realität, in der jener gerade mit sich selbst spricht:

.»Bastian«, sagte er laut vor sich hin, »du bist wirklich ein Spinner. Nimm dich gefälligst zusammen!« Er hatte es in möglichst strengem Ton zu sagen versucht, aber seine Stimme zitterte ein wenig, denn so ganz überzeugt war er nicht davon, dass es nur ein Zufall war.

Stell dir vor, dachte er, wenn sie in Phantasien wirklich etwas von dir wüssten. Das wäre fabelhaft.

Aber er traute sich nicht es laut zu sagen.

.Nun wechseln wieder die Ebenen, wir befinden uns wieder in Phantásien und finden Atrréju vor dem Zauber Spiegel Tor:

Nur ein kleines erstauntes Lächeln lag auf Atréjus Lippen, als er in das Spiegelbild hineinging – er war ein wenig verwundert, dass ihm so leicht gelingen sollte, was anderen unüberwindlich schwer geschienen hatte. Doch während er hindurchging, fühlte er ein seltsames, prickelndes Erschauern. Und er ahnte nicht, was in Wahrheit mit ihm geschehen war.

Als er nämlich auf der anderen Seite des Zauber Spiegel Tors stand, da hatte er jede Erinnerung an sich selbst, an sein bisheriges Leben, an seine Ziele und Absichten vergessen. Er wusste nichts mehr von der Großen Suche, die ihn hierher geführt hatte, und kannte nicht einmal mehr seinen eigenen Namen. Er war wie ein neugeborenes Kind.

Vor sich, nur wenige Schritte entfernt, sah er das Ohne Schlüssel Tor, aber Atréju erinnerte sich weder an diese Bezeichnung noch daran, dass er vorgehabt hatte hindurchzugehen, um ins Südliche Orakel zu kommen. Er wusste überhaupt nicht, was er da wollte oder sollte und warum er hier war. Er fühlte sich leicht und sehr heiter und er lachte ohne Grund, nur einfach aus Vergnügen.

.Atréju/Bastian sieht sich selbst. Dieses Motiv, sich selbst zu spiegeln, finden wir immer wieder in der Literatur. Herrmann Hesse bedient  sich ausführlich seiner im Rahmen des Steppenwolf-Romans, als Harry Haller im Magischen Theater diverse Türen öffnet und Teile seiner selbst sieht.

Auch Schiller verwendet dieses Motiv in Das verschleierte Bild zu Sais; dort scheitert der Jüngling an dem Anblick seines wahren Seins. Als allerdings Atréju sich als Bastian sieht, ist er nicht ensetzt, sondern erstaunt, ist nicht zu Tode erschüttert, sondern verwundert.

Wir wissen, welch wichtige Fähigkeiten das Staunen und Sich-wundern-Können beinhalten; auch Einstein war sich dessen bewusst.

Doch ist wichtig zu wissen, dass es nicht um ein abstraktes Motiv geht, von dem ich gesprochen habe, sondern dass es eine Bezeichnung ist für eine reale Schau seiner selbst.

Wir kennen aus Berichten von Menschen, die Nahtoderlebnisse hatten, den sogenannten Lebensfilm, der blitzschnell in ihnen abläuft. Gut, wenn dieser Lebensfilm bzw. eine realistische Schau seiner selbst zu Lebzeiten stattfindet. Sie ermöglicht eine wahre und reale Sicht auf eigenes Verhalten und eigenes Denken, die noch im aktuellen Leben fruchtbar werden kann.

Michael Ende tangiert diesen Aspekt in der Tatsache, dass Atréju Bastian sieht, wobei Letzteren als Alter Ego zu bezeichnen, wie es in der Literatur bisweilen geschieht, zu abstrakt ist. Man darf ohnehin das ganze Geschehen nicht zu psychologisierend sehen. Man würde womöglich übersehen, wie real dies alles im wirklichen Leben in der Seele eines Menschen zu geschehen hat. Was hier in einem Augenblick kompromiert ist, kann über Monate gehen, ja über ein ganzes Leben – sich selbst nämlich wahrhaftig wahrnehmen zu können, so wie man wirklich ist; man kann daran scheitern, wie der Jüngling bei Schiller.

Selbst wenn es über ein ganzes Leben geht, sich also sich selbst zu nähern, hat sich dieses seelische Geschehen gelohnt, denn dieses Bewusstsein nimmt man mit. Es ist in unserem Wesen eingespeichert.

Diese Entwicklung ist so wichtig, dass die Griechen ihr die Überschrift über dem Apollon-Tempel zu Delphi widmeten, sie lautet:

Gnothi seautón – Erkenne Dich selbst!

Dieses spiegelnde Geschehen enthält einen seelischen Entwicklungsschritt. Deutlich spielt Michael Ende auf eine Entwicklung der menschlichen Seele an, wie sie sich in der Bibel findet: Wenn ihr nicht werdet wir die Kinder, werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.

Kinder unterliegen zwar körperlich der Polarität, sie sind Junge oder Mädchen, sie sind womöglich Rechtshänder oder Linkshänder, sie leben im Oben und Unten, doch ihre Seele lebt – wenn sie nicht von Erwachsenen zu früh auf die Verstandesebene geführt worden sind – im mythischen, weitgehend ungeteilten Sein, so wie Adam und Eva im Paradies leben durften – und mit Paradies bezeichnet die Bibel ja einen Bewusstseinszustand, keinen geographischen Ort. Wer hier lebt, schenkt seine ungeteilte Aufmerksamkeit Gott, ja, dieser ist in ihm, Gott und Mensch sind eins. Jesus wird im Neuen Testament wiederholt darauf aufmerksam machen, dass es um das Wiedererringen dieses Zustandes geht: Ich und der Vater sind eins; ihr sollt auch eins sein!

Atréju nun befindet sich vor dem dritten Tor:

Nur ein kleines erstauntes Lächeln lag auf Atrejus Lippen, als er in das Spiegelbild hineinging – er war ein wenig verwundert, dass ihm so leicht gelingen sollte, was anderen unüberwindlich schwer geschienen hatte. Doch während er hindurchging, fühlte er ein seltsames, prickelndes Erschauern. Und er ahnte nicht, was in Wahrheit mit ihm geschehen war.

Als er nämlich auf der anderen Seite des Zauber Spiegel Tors stand, da hatte er jede Erinnerung an sich selbst, an sein bisheriges Leben, an seine Ziele und Absichten vergessen. Er wusste nichts mehr von der Großen Suche, die ihn hierher geführt hatte, und kannte nicht einmal mehr seinen eigenen Namen. Er war wie ein neugeborenes Kind.

Vor sich, nur wenige Schritte entfernt, sah er das Ohne Schlüssel Tor, aber Atreju erinnerte sich weder an diese Bezeichnung noch daran, dass er vorgehabt hatte hindurchzugehen, um ins Südliche Orakel zu kommen. Er wusste überhaupt nicht, was er da wollte oder sollte und warum er hier war. Er fühlte sich leicht und sehr heiter und er lachte ohne Grund, nur einfach aus Vergnügen.

Das Tor, das er vor sich sah, war klein und niedrig wie eine gewöhnliche Pforte, die ganz für sich – ohne umgebende Mauern – auf der öden Fläche stand. Und der Türflügel dieser Pforte war geschlossen.

Atreju betrachtete ihn eine Weile. Er schien aus einem Material zu bestehen, das kupferfarben schimmerte. Das war hübsch, doch verlor Atreju nach einiger Zeit das Interesse daran. Er ging um die Pforte herum und betrachtete sie von der Rückseite, aber der Anblick unterschied sich nicht von dem der Vorderseite. Auch gab es weder eine Klinke noch einen Türknauf, noch ein Schlüsselloch darin. Offensichtlich war die Tür nicht zu öffnen und wozu auch, da sie ja nirgendwohin führte und nur einfach so dastand. Denn hinter der Pforte war nur die weite, glatte und vollkommen leere Ebene.

Atreju hatte Lust wegzugehen. Er wandte sich zurück, ging auf das runde Zauber Spiegel Tor zu und betrachtete dessen Rückseite einige Zeit ohne zu begreifen, was es bedeuten solle. Er beschloss fortzugehen,

»Nein, nein, nicht fortgehen!«, sagte Bastian laut. »Kehr um, Atreju. Du musst durch das Ohne Schlüssel Tor!«

wandte sich dann aber doch wieder dem Ohne Schlüssel Tor zu. Er wollte noch einmal den kupfernen Schimmer betrachten. So stand er wieder vor der Pforte, neigte sich nach links und nach rechts und freute sich. Er strich zärtlich über das seltsame Material. Es fühlte sich warm und sogar lebendig an. Und die Tür öffnete sich einen Spalt.

Atreju steckte den Kopf hindurch und nun sah er etwas, das er vorher, als er um die Pforte herumgegangen war, nicht auf der anderen Seite gesehen hatte. Er zog den Kopf wieder zurück und blickte an der Pforte vorbei: Da war nur die leere Ebene.

Er blickte wieder durch den Türspalt und sah einen langen Gang, den unzählige mächtige Säulen bildeten. Und dahinter waren Stufen und andere Säulen und Terrassen und wieder Treppen und ein ganzer Wald von Säulen. Doch keine von diesen Säulen trug ein Dach. Denn darüber war der Nachthimmel zu sehen.

Atreju trat durch die Pforte und blickte voll Staunen umher. Hinter ihm fiel die Tür ins Schloss.

.Das klingt, als ob dieses Tor hätte überhaupt kein Hindernis sein können. Doch dem ist ganz und gar nicht so.

Auf Atréjus Frage: »Und was hat es mit diesem dritten Tor auf sich?«, antwortet der Gnom:

.»Hier wird die Sache überhaupt erst richtig schwierig! Das Ohne Schlüssel Tor ist nämlich zu. Einfach zu. Punktum! Da gibt’s keine Klinke und keinen Knauf und kein Schlüsselloch, nichts! Nach meiner Theorie besteht der einzige Türflügel, der fugenlos schließt, aus phantasischem Selen. Du weißt vielleicht, dass es nichts gibt, womit man phantasisches Selen zerstören, verbiegen oder auflösen kann. Ist absolut unzerstörbar.«

»Also kann man überhaupt nicht durch dieses Tor?«

»Langsam, langsam, mein Junge! Es sind ja Leute hineingekommen und haben mit der Uyulala gesprochen, nicht wahr? Also kann man die Tür öffnen.«

»Aber wie?«

»Hör zu: Phantasisches Selen reagiert nämlich auf unseren Willen. Gerade unser Wille ist es, der es so unnachgiebig macht. Je mehr einer hineinwill, desto fester schließt die Tür. Aber wenn es einer fertig bringt, jede Absicht zu vergessen und gar nichts zu wollen – vor dem öffnet sich die Tür ganz von selbst.«

Atreju senkte den Blick und sagte leise: »Wenn das wahr ist – wie soll es mir dann möglich sein, hindurchzukommen? Wie könnte ich es nicht wollen?«

Engywuck nickte seufzend.

»Sagte ja schon: Das Ohne Schlüssel Tor ist am schwersten.«

Dass es Atreju nicht schwer fiel, beweist, wie sehr dieser junge Mann, der ja durchaus schon gezeigt hatte, dass er einen sehr starken Willen hatte, zugleich seinen Willen hintanstellen konnte, wenn es darauf ankam, einen anderen Willen anzuerkennen. Wir hören Jesus im Garten Gethsemane sagen:

Vater, willst du, so nehme diesen Kelch von mir, doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe!.

Jesus hat ja mit seinem Leben auch die Stationen einer seelischen Entwicklung vorgelebt. Dazu gehört Gethsemane und die Aufgabe des eigenen Willens.

Der Mensch wird dadurch kein wilenloses Fähnchen im Wind. Nur weiß er, wes Geistes Kind der Wind ist, der um ihn weht und ihm die Richtung weist.

Atreju ist in diesem Sinne willenlos und dies öffnet ihm das Tor zur Stimme der Stille, zur Uyulála.

Sie lehrt ihn, dass er in Reimen sprechen muss, um mit ihr kommunizieren zu können.

Für mich ist das ein phaszinierender Umstand, denn in der Tat: Die Stimme des Göttlichen offenbart sich in Reimen!

Göttliche Worte hinterlassen einen Eindruck in der Seele, der unvergesslich ist.

Michael Ende hat dies gewusst.

Er wusste auch, dass die Stille eine Stimme hat. Davon hat er allenthalben geschrieben, schon in Momo.

Diese Stimme hat niemand je gesehen, sie ist gestaltlos, ist Klang. Sie antwortet nur, wenn man fragt:

»Uyulala ist Antwort. Du musst sie befragen!
Wenn du nicht fragst, so kann sie nichts sagen!«

Und Atréju erfährt aufs Neue, was er bereits weiß:

»Die Kindliche Kaiserin siecht dahin
und mit ihr das phantäsische Reich.
Das Nichts wird verschlingen den Ort, wo ich bin,
und bald schon ergeht es mir gleich.
Wir werden verschwinden ins Nirgends und Nie,
als wären wir niemals gewesen.
Es bedarf eines neuen Namens für sie,
nur durch ihn kann sie wieder genesen.«
 Was ihm aber in diesem Bewusstsein nicht klar sein mag:
Die Adamssöhne, so nennt man mit Recht
die Bewohner des irdischen Ortes,
die Evastöchter, das Menschengeschlecht,
Blutsbrüder des Wirklichen Wortes.
Sie alle haben seit Anbeginn
die Gabe Namen zu geben.
Sie brachten der kindlichen Kaiserin
zu allen Zeiten däsLebcn.
Sie schenkten ihr neue und herrliche Namen,
doch ist es schon lange her,
dass Menschen zu uns nach Phantasien kamen.
Sie wissen den Weg nicht mehr.
Sie haben vergessen, wie wirklich wir sind,
und sie glauben nicht mehr daran.
Ach, käme ein einziges Menschenkind.
dann wäre schon alles getan!
Ach, wäre nur eines zu glauben bereit
und hätte den Ruf nur vernommen!
Für sie ist es nah, doch für uns ist es weit,
zu weit, um zu ihnen zu kommen.
Denn jenseits Phantásiens ist ihre Welt,
und dorthin können wir nicht –
 (…)

In der Tat hat in der Schöpfungsgeschichte der Bibel der Mensch den Tieren Namen gegeben; es war ihm vorbehalten, dem Menschen, in der Bibel als Ebenbild Gottes bezeichnet.
 
Namen geben zu dürfen ist ein heiliger Akt, sicherlich einer der heiligsten, die es gibt.
Er wiederholt sich in der Namensgebung der Eltern für ihre Kinder; auch das ist eine heilige Aufgabe, wie sehr, ist vielen nicht bewusst.
Uyulála klagt, und ihre Klage ist herzzereißend, denn es droht das Ende, das große NICHTS. Sie weiß, wie es um die Menschen bestellt ist, die den Weg nach Phantásien nicht mehr wissen. 
Es ist der Weg zum Herzen, zum eigenen, denn die Kindliche Kaiserin ist niemand anderes als das göttliche Kind unseres Herzens.
 
Mein Wunsch in diesen Tagen: Mögen viele von uns wieder nach Phantásien gelangen.
Eine Voraussetzung nennen Michael Ende und Uyulála ganz deutlich:
Der Mensch, der dies erreichen will, muss glauben können:
.
.Ach, wäre nur eines zu glauben bereit …
.
Glauben-Können ist die Voraussetzung, um den Ruf vernehmen zu können, den Ruf des Herzens …
Wenden wir  uns wieder Atréju zu.
.

Er setzte sich an einer Säule nieder, lehnte den Rücken dagegen, blickte zum Nachthimmel empor und versuchte zu verstehen, was er gehört hatte. Die Stille legte sich um ihn wie ein weicher, schwerer Mantel und er schlief ein.

Als er erwachte, umgab ihn kalte Morgendämmerung. Er lag auf dem Rücken und blickte in den Himmel. Die letzten Sterne verblassten. Die Stimme der Uyulála klang noch in seiner Erinnerung nach. Und zugleich erinnerte er sich wieder an alles, was er bisher erlebt hatte, und an den Zweck seiner Großen Suche.

Nun wusste er also endlich, was zu tun war. Nur ein Menschenkind aus der Welt jenseits der Grenzen Phantásiens konnte der Kindlichen Kaiserin einen neuen Namen geben. Er musste ein Menschenkind finden und zu ihr bringen!

Mit einem Ruck richtete er sich auf.

Vergessen wir nicht:

Dieser Atreju ist ein Teil unseres Inneren. Er geht auf die Reise zu uns und gemahnt uns,  der Kindlichen Kaiserin in uns einen Namen zu geben.

Michael Endes Buch ist unendlich wertvoll.

Es verbindet uns mit Phantásien und damit mit uns.

Nicht nur mit uns!

Die schöpfersche Kraft im Menschen vermehrt, stärkt, steigert sein Sein, mit dem sie in Berührung kommt, ganz gleich, in welchem Beruf. Sie ist die Fähigkeit des Menschen, die Wirklichkeit des Seienden vollkommen zu machen. Deshalb ist die schöpferische Kraft die höchste aller menschlichen Kräfte. Sie lässt sich allerdings weder begründen noch erlernen, aber ich bin davon überzeugt, dass sie in jedem Menschen angelegt ist, dass darin seine wahre Gottähnlichkeit besteht – oder auch seine Identität mit Gott.Die höchste Form dieser schöpferischen Kraft ist die Liebe (…) Es gibt keine Kraft, keinen Willen, keinen Zustand, der über ihr ist. Sie ist der Kether, die Krone des kabbalistischen Lebensbaumes. 

aus dem Nachlass Michael Endes
zitiert nach R. und P Hocke, Das Phantásien-Lexikon

.

Phantásien und die Kindliche Kaiserin verbinden uns mit Gott.

Das ist es, was E.T.A. Hoffmann am Ende des Goldenen Topfes als Leben in der Poesie bezeichnete:

Ist denn überhaupt des Anselmus Seligkeit etwas anders als das Leben in der Poesie, der sich der heilige Einklang aller Wesen als tiefstes Geheimnis der Natur offenbart?

Auch hier ist von Klang die Rede, von Ein-Klang!

Schade, dass man so viele Bücher als Lektüre für Abiturienten auswählt, Michael Kohlhaas, Die Räuber, Der Prozess … alles sind Bücher, die von kaputten bzw. kranken Menschen erzählen.

Nur weil die Unendliche Geschichte knapp über 400 Seiten enthält, wird sie nie ausgewählt?

Nein, sie wird nicht gewählt aus demselben Grund, aus dem sie viele nicht lesen:

Sie ist viel zu konstruktiv für viele Menschen, die Macht durch ihre Destruktivität leben.

Und sie konfrontiert uns mit der Tatsache, dass der Weg zu uns selbst kein Spaß ist, dass wir uns Prüfungen zu stellen haben, an denen wir scheitern können.

Wie ehrenhaft wäre das!

Ich habe höchsten Respekt vor solchen Scheiternden.

Für Gott aber gibt es kein Scheitern, es gibt die Wege, die wir gehen, die wir selbst wählen.

Darunter sind tiefe Abstürze. Atreju kann davon berichten. Ein ganz tiefer wird in der Unendlichen Geschichte sehr rasch folgen.

Eines aber ist sicher: Alle Wege führen nach Rom – oder sagen wir:  Jerusalem.

Das Himmliche Jerusalem ist der geistige Ort unserer Ankunft.

Eine Nahrung, die auf den Wegen zu diesem Ort bereit steht, ist die Unendliche Geschichte.

Das Reich der Poesie, der Phantasie ist viel wichtiger, als wir ahnen!

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