Ist Lieb ein Feuer, und kann Eisen schmiegen? – Sibylla Schwarz hat die Erde nur berührt . . .

Man darf um sie wissen! Ihr Schicksal und ihre Zeilen berühren. Nur siebzehn Jahre alt wurde dieses Mädchen  – sie wurde am 14. Februar 1621 geboren und starb am 31. Juli 1638, als sie die Ruhr hinwegraffte. Ihr Todestag war ausgerechnet der Hochzeitstag ihrer Schwester. Durch Pest und Krieg, Vertreibung und Not musste sie gehen. Erstaunlich, dass sie überhaupt dazu kam, so viel zu schreiben. Gewiss huldigen nicht wenige ihrer Gedichte dem Zeitgeschmack; klar, dass sie von den damals geschriebenen Gedichten beeinflusst war. Manche ihrer Zeilen aber weisen auch eine Tiefe auf, die mich berührt hat, wie das bei wenigen ihrer Dichterkollegen der Fall war. So finden sich in ihrer Versdichtung und Schäfererzählung Faunus folgende, die deshalb auch besonders nahegehen, weil diese Frau doch so früh starb und hier schon eine Sicht auf den Tod hat, der fast denken lässt, sie hätte um ihren baldigen eigenen in ihrem Inneren gewusst:

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Nim meinen armen Geist / wenn er den Leib muß lassen /
in deinen zarten Schoß / so wird sich meine Noht /
wo ja nicht anders sonst / doch enden in dem Todt;
Im Tode wirstu mich / mein Leben / ja nicht hassen;
das ist mein höchster Trost / diß Feld / diß edle Feld /
sol meine Grabstadt sein / dazu ichs längst erwählt.

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Erstaunlich auch, wie in einem ganz positiven Sinn sie gebildet war. Immer wieder bezeugen ihre Gedichte, wie sehr sie in der griechischen Mythologie bewandert war und wie gekonnt sie das Handwerk lyrischen Schreibens und das Verfassen von Sonetten beherrschte.

Erstaunlich finde ich auch, dass sie, wie im folgenden Gedicht, das lyrische Ich eine männliche Person sein lässt. Wir kennen das von Rilke und manchem großen ihrer Dichterkollegen, dass sie ihr lyrisches Ich eine Person des anderen Geschlechts einnehmen lassen. Aber von einer Fünfzehn- oder Sechszehnjährigen?

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Ist Lieb ein Feur, und kan das Eisen schmiegen,
bin ich voll Feur, und voller Liebes Pein,
wohrvohn mag doch der Liebsten Hertze seyn?
wans eisern wär, so würd eß mir erliegen,

wans gülden wär, so würd ichs können biegen,
durch meine Gluht; solls aber fleischern seyn,
so schließ ich fort: Eß ist ein fleischern Stein:
doch kan mich nicht ein Stein, wie sie, betriegen.

Ists dan wie Frost, wie kalter Schnee und Eiß,
wie presst sie dann auß mir den Liebesschweiß?
Mich deucht: Ihr Herz ist wie die Loorberblätter,

die nicht berührt ein starcker Donnerkeil,
sie, sie verlacht, Cupido, deine Pfeil;
und ist befreyt für deinem Donnerwetter.

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Mich berühren zwei ihrer Gedichte ganz besonders; obiges gehört nicht einmal dazu, obwohl ich es aus den gerade angesprochenen Gründen bemerkenswert finde und auch aus dem folgenden:

Wie gekonnt geht sie mit dem Alexandriner, einem sechshebigen Jambus, der das Versmaß der Zeit war, in der sie lebte, um!

Manchmal kann ja die äußere Form eine Zeit wirklich widerspiegeln. An Johann Sebastian Bachs Fugenkunst, jener Form, die der Leipziger Thomaskantor zu höchster Blüte brachte, wird das besonders deutlich, eine Form, die sehr festgefügt war und bestimmte Abläufe genau vorschrieb. In dieser festen Form brachte sie genau das mit sich, wonach sich die Menschen der Zeit Bachs sehnten: eine feste Ordnung, eine Hand, die alles fügt und gut lenkt. Nur allzu genau war den Leuten noch jene grausame Zeit in Erinnerung, als die vagabundierenden Heere 30 Jahre lang Deutschland verwüsteten und  marodierende Soldaten die Menschen in Angst und Schrecken versetzten; zudem trieb die Pest ihr grausames Spiel. Wie nach den napoleonischen Befreiungskriegen und der französischen Revolution die Menschen im Biedermeier einfach nur wieder in Ruhe und in familiärer Idylle leben wollten, so war das auf dem Hintergrund des Dreißigjährigen Krieges vergleichbar auch bezüglich der Kunst der Fuge: so viel Ordnung wie möglich! Und wenn diese dann noch mit so hoher musikalischer Intensität und dennoch großem Einfallsreichtum in Verbindung trat: Was wollte man mehr!

Sibylla Schwarz lebte ja in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Als sie das Licht der Welt erblickte, tobte er bereits – und leider hat dieser Krieg sie auch überlebt. Ihr Vater war Bürgermeister von Greifswald, das zuerst von den Truppen Wallensteins, dann von denen Gustav Adolfs von Schweden besetzt wurde. Tragischer noch war der Tod ihrer Mutter, den sie mit neun Jahren erleben musste. Bald darauf begann sie zu schreiben und ihre posthum von ihrem Lehrer veröffentlichten Gedichte umfassen 200 an der Zahl; manche von ihnen haben Eingang in Gesangbücher gefunden. Wenn man sie liest, spürt man, welch große Seele sich in diesem Mädchen befunden haben mag. Gemessen an ihrem Alter ist die Tiefe ihrer Gedichte kaum nachvollziehbar.

Es war damls eine Zeit größten Elends, aber auch größtmöglichen Prunkes. Wer in einer Barockkirche steht, weiß, wie viele kleine Engelchen durch die Luft fliegen, wie vieles golden blitzt, und er weiß auch, dass die Kirchenseiten zum Teil sich spiegelbildlich gegenüberstehen.

Der Alexandriner weist ebenfalls diese Form auf. Metrisch ist er ja, wie gesagt, ein sechshebiger Jambus, beinhaltet also die Abfolge einer unbetonten und betonten Silbe – und das in einem Vers sechsmal. Oft findet sich nach der dritten Silbe eine Zäsur – in der Schreibweise der damaligen Zeit zum Teil sogar mit Schrägstrich markiert – und es kann durchaus sein, dass in einem einzelnen Vers Gegensätze einander gegenübergestellt werden. Wir finden das gern bei dem bekanntesten Barockdichter Andreas Gryphius. Auch bei ihm stehen sich Gegensätze unmittelbar gegenüber wie in der Realität Prunk und Elend.

Sibylla Schwarz setzt den Alexandriner absolut gekonnt ein ebenso wie das Sonett mit seinen zwei Quartetten, zwei vierzeiligen Strophen also, auf die die abschließenden zwei Terzette folgen, und das zumeist in einer bestimmten Reimabfolge; jene, die Sibylla Schwarz oben verwendete – abba  abba  ccd  eed – war durchaus gängig.

Ich möchte ihnen von dieser wunderbaren jungen Frau noch zwei Gedichte vorstellen, die mich besonders berührt haben.

Für das folgende in einem vierhebigen Trochäus verfasste möchte ich Ihnen nahelegen, den ersten vier Zeilen besondere Beachtung zu schenken. Mit welchem klaren sprachlichen Zugriff vermag dieses Mädchen das Wesen der Liebe zu erfassen, mit welcher Kraft der Überzeugung, wenn sie die Bedeutung der Augen für eine Herzensbindung berührt:

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LIebe schont der Götter nicht /
sie kan alles überwinden /
sie kan alle Herzen binden /
durch der Augen klahres Licht.

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Im zweiten Quartett und im folgenden ersten Terzett nimmt sie – offensichtlich bewandert in Ovids Metamorphosen – wie selbstverständlich einen kleinen Exkurs in die griechische Mythologie, um zu vermitteln, wie sehr auch Liebe und das mit ihr verbundene Leid vor den Göttern nicht Halt macht, wenn sie auf Phöbus Apoll verweist, den Cupidos Pfeil traf, als er Daphne sah, von Jupiter/Zeus gar nicht zu reden, dessen Liebesabenteuer einem Don Juan zur Ehre gereicht hätten, und anspielt auf Herakles, dem das von seiner Gattin DeÏaneira mit dem giftigen Blut von Nessos bestrichene Gewand zum tödlichen Verhängnis wurde:

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Selbst des Phebus Hertze bricht /
seine Klahrheit muß verschwinden /
er kan keine Ruhe finden /
weil der Pfeil noch in ihm sticht.

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Jupiter ist selbst gebunden /
Hercules ist überwunden
durch die bittersüsse Pein;

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Im letzten Terzett aber kommt sie  zurück zur Klarheit und Schlichtheit des Beginns, endend mit einer so einfachen wie überzeugenden Frage, wie denn, wenn die Götter schon der Macht der Liebe nicht entkommen können, uns einfachen Menschen das gelingen soll:

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wie dan können doch die Herzen
bloßer Menschen dieser Schmerzen
gantz und gahr entübrigt seyn?

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Wem ihr abschließend noch angeführtes Gedicht, ein im Alexandriner verfasstes Sonett gilt, weiß ich leider nicht genau; ich vermute aber, Dorile ist ihre so früh verstorbene Mutter.

Wer auch immer es sein mag, dem zum Gedächtnis Sibylla Schwarz zu den folgenden Worten greift, um ihr Leid über den Verlust einer geliebten Person zum Ausdruck zu bringen: Es ist bewegend.

Kaum glaublich, dass sie in ihrem Alter von einem ander Ich zu sprechen weiß, einfach wirklich erstaunlich, wie bewusst sie mit Alliterationen (Lust und Leiden) und Metaphern (Zier, Segel) umzugeht und Wortwiederholungen (ist wegk, ist schon vohn hier)  ebenso Anaphern (Ich kann nicht von dir seyn, ich kann …) einsetzt, um ihr Leid inhaltlich aufzuzeigen und sprachlich zu vertiefen. Im ersten Terzett spricht sie gar den Sonnengott selbst an, um zum Ausdruck zu bringen, wie sehr der Tag, ja ihre Tage sich ihr dehnen, im zweiten die Zeit selbst – wie eindrücklich auch hier die Wortdoppelungen im Verein mit Alliterationen (fort, fort … faule), wie ergreifend ihre letzte Zeile – lesen Sie selbst:

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Mein Alles ist dahin, mein Trost in Lust und Leiden
mein ander Ich ist fort, mein Leben, meine Zier
mein Liebstes auff der Welt ist wegk, ist schon vohn hier.
(die Lieb ist bitter zwahr, viel bittrer ist das Scheiden)

Ich kann nicht von dir seyn, ich kann dich gantz nicht meiden,
O liebste Dorile! Ich bin nicht mehr bey mir
Ich bin nicht der ich bin, nun ich nicht bin bey dir.
Ihr Stunden lauft doch fort, wolt ihr mich auch noch neiden?

Ey Phoebus halte doch die schnelle Hengste nicht!
fort, fort, ihr Tage fort, komb bald du Monden Licht!
Ein Tag ist mir ein Jahr, in dem ich nicht kann sehen

mein ander Sonnenlicht! fort, fort, du faule Zeit,
spann doch die Segel auff, und bring mein Lieb noch heut,
und wan sie hier dan ist, so magstu langsam gehen.

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Wem die Worte dieser jungen Frau und großen Seele begegnet sind, vergisst sie, glaube ich, nicht mehr. Mich hat sie sehr berührt.

Vielleicht widmen ihr künftige Zeiten mehr Aufmerksamkeit.

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6 Antworten zu Ist Lieb ein Feuer, und kann Eisen schmiegen? – Sibylla Schwarz hat die Erde nur berührt . . .

  1. Ronja schreibt:

    An wen sich jemand erinnert, der ist nie wirklich gestorben.
    Schöne Worte von dir.

    • Danke, ist ja lieb!

      Freu :-)

      • Ronja schreibt:

        stimmt aber … :-)
        denn solche Stimmen und Gedanken aus dem Einst sind wichtig für heute UND für morgen …

      • Auf jeden Fall! Mir ist selten jemand so nahe gegangen wie diese junge Frau und ihre Gedichte. Sie ist mir unglaublich präsent und dann denke ich manchmal, dass so jemand einem begegnet ist.
        Eigentlich wollte ich den Post heute gar nicht schreiben, aber ich bin dann nicht mehr losgekommen.
        Ich bewundere einfach auch dieses Bewusstsein – sie schrieb ja ihre Gedichte, seitdem sie 10 Jahre alt war.

      • Ronja schreibt:

        Manchmal schreiben sich Texte von selber und „wollen“ an die Öffentlichkeit gebracht werden – entwickeln dadurch fast so etwas wie ein Eigenleben, bis sie gepostet sind.

        Wie bist du über sie gestolpert, wenn ich fragen darf?

      • Ja, so war das.

        Irgendein Germanist, bei dem ich etwas nachlas, hat ihren Namen erwähnt und ich dachte: hoppla, kennst du gar nicht.
        Sie kommt in der verbreitetsten und umfangreichen Gedichtsammlung, der von echtermeyer/von wiese, nicht einmal vor. Ich hab dann gegoogelt, wie üblich, und mehr von ihr gefunden. Sie zieht einen magisch an – mich jedenfalls :-)

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