´Umkreisen´ allein genügt nicht! – Rilke, Gott, Maria, die Mutter und seine überbordende weibliche Seite …

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Gottes Sohn hat Rilke, weiß Gott verachtet, was nicht nur in den Christus-Visionen deutlich wird (https://bit.ly/2WwYPJO), sondern auch in dem Satz eines Briefes aus dem spanischen Ronda, in dem es in Zusammenhang mit Mohammed – Rilke las gerade den Koran – heißt:

wie ein Fluss durch ein Urgebirge, bricht er sich durch zu dem einen Gott, mit dem sich so großartig reden lässt jeden Morgen, ohne das Telefon „Christus“, in das fortwährend hineingerufen wird: Hallo wer dort? – Und niemand antwortet.

Oder wenn er schreibt:

Für junge Menschen (…) ist Christus eine große Gefahr, der allzu Nahe, der Verdecker Gottes.

Und Gott kann auch schon mal etwas schlechter wegkommen, jedenfalls ist auf dem Hintergrund des Eindruckes seiner Russlandreise zu lesen:

Du bist der raunende Verrußte,
auf allen Öfen schläfst Du breit.

In Bezug auf was Rilke allerdings überhaupt nie genug bekommen konnte, war alles im Zusammenhang mit der Gottesmutter – und das hatte er gemeinsam mit der eigenen, mit der ihn durchaus eine gewisse Hassliebe verband (das mag einer der wichtigsten Gründe für die 1134 Briefe an sie gewesen sein …)

Heimo Schwilk schreibt in seinem Buch über Rilke und die Frauen:

Auf seinen zahllosen Reisen besucht Rilke jedes Marienheiligtum, das auf dem Weg liegt. Wenn er hier eine Kerze für seine Mutter anzündet und vor dem Bild der Mutter Gottes niederkniet, dann öffnet sich eine unsichtbare Tür. Er tritt ein und befindet sich wieder in jenem inneren Raum der Anbetung, der ihm seit früher Kindheit vertraut ist. Rilke und seine Mutter glauben an die Kraft des Gebetes und der positiven Gedanken. Eine Kerze in Avignons Kirche Vierge de la Délivrance oder vor der Madonna auf dem Mont Saint Michel oder am Sophientag vor dem Bild der Madonna in Santa Maria Formosa in Venedig angezündet, konnte ein Wunder bewirken. Die Kerze leuchtet daher nicht nur an dem Ort, wo sie entflammt wird, ihr Licht dringt durch unsichtbare innere Räume zur Mutter. In diesen Ritualen sind Raum und Zeit aufgehoben. Der Sohn kniet dann wieder neben der Mutter und die Mutter neben dem Sohn. Jeder erfährt in seinem Alleinsein die Nähe und Geborgenheit im anderen. In seiner Kriegsdichtung Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke (Der Cornet, 1899) wird Rilke die Mutter zur Gottesmutter erhöhen, eine Sakralisierung des Weiblichen, die auch in allen späteren Beziehungen zu Frauen mitschwingt.

Zunächst allerdings wird Rilke nach der Schule der Vorstellung ade sagen, dass Gott Gebete erhöre und er wird auch auf Distanz zur Mutter gehen, die er zum Teil gegenüber anderen ganz ordentlich beschimpft und verantwortlich sieht für zahlreiche Verletzungen. Sein sich wandelndes Verhältnis zu Gott kann hier allerdings nicht ansatzweise angesprochen sein; zu viel gäbe es da zu erwähnen, u.a. dass er für mich zu jenen gehört, die – ich nehme vielleicht die letzten Jahre aus – nicht wirklich näher zu Gott vorgedrungen sind, sondern auf der Engelebene oder der eigenen Gestalt ihres letzten Devachanaufenthaltes kleben geblieben sind – Rudolf Steiner macht auf diesen Tatbestand mehrfach aufmerksam, der auf Millionen von Menschen der Vergangenheit und Gegenwart, so glaube ich, zutrifft (mehr dazu hier: .https://bit.ly/3d5BtsN)

Hinter den vielen Engelgedichten und jenen, in denen Gott angesprochen wird, steht jedenfalls weitaus mehr spirituelles Drama, als jene, die Rilkes Gedichte so gern in Poesiealben schreiben oder in Predigten zitieren, vermuten.

Rilke hat um Gott gerungen, aber meistens wohl hat er mit seinem Engel gerungen.

Ich werde in der Facebook-Gruppe Spirituelles Reifen mittels kosmischer Ebenen und heilsamer Weiblichkeit bei Gelegenheit auf das Dilemma eingehen, das vorliegt, wenn eine weibliche Seite (im Mann) auf Kosten der männlichen überbordet, weil vielleicht der Sohn den Schlüssel unter dem Kopfkissen der Mutter nicht geklaut hat, um den wilden Mann in sich zu befreien, wie das Grimm-Märchen Eisenhans dringend empfehlen will (dazu hier demnächst mehr).

Vor Rilke als einem verzweifelt Suchenden habe ich großen Respekt! Ich wünsche, dass ihm gelinge, was Steiner in seinem Grundsteinspruch (https://bit.ly/3Q666fM) für mich eindrucksvoll formuliert, wenn er davon spricht, das eigene Ich im Gottes-Ich aufgehen zu lassen oder Angelus Silesius zu bedenken gibt, wenn er formuliert:

Halt an wo lauffstu hin / der Himmel ist in dir:
Suchstu GOtt anders wo / du fehlst Jhn für und für.

Mein Respekt vor Rilke gründet sich auch auf seinen letzten Tagebucheintrag, der zeigt, wie tapfer der Mann gelitten hat und fast die Vermutung nahelegt, Rilkes Umgang mit dem Schmerz – bis zuletzt lehnt Rilke jede medizinische Intervention ab, er starb an einer seltenen Form der Leukämie – lasse ihn hoffen, dass hinter seinem Ertragen ein Bewusstsein enthalten sei, dass keine Geheimnisse mehr kenne:

Komm du, du letzter, den ich anerkenne,
heilloser Schmerz im leiblichen Geweb:
wie ich im Geiste brannte, sieh, ich brenne
in dir; das Holz hat lange widerstrebt,
der Flamme, die du loderst, zuzustimmen,
nun aber nähr’ ich dich und brenn in dir.
Mein hiesig Mildsein wird in deinem Grimmen
ein Grimm der Hölle nicht von hier.
Ganz rein, ganz planlos frei von Zukunft stieg
ich auf des Leidens wirren Scheiterhaufen,
so sicher nirgend Künftiges zu kaufen
um dieses Herz, darin der Vorrat schwieg.
Bin ich es noch, der da unkenntlich brennt?
Erinnerungen reiss ich nicht herein.
O Leben, Leben: Draussensein.
Und ich in Lohe. Niemand, der mich kennt.

[Verzicht. Das ist nicht so wie Krankheit war
einst in der Kindheit. Aufschub. Vorwand um
grösser zu werden. Alles rief und raunte.
Misch nicht in dieses was dich früh erstaunte]

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